Ratgeber Burnout · Spoke 12

Boreout: wenn nicht zu viel, sondern zu wenig krank macht

Boreout beschreibt chronische Unterforderung, Desinteresse und das stille Verstecken davor. Es klingt wie das harmlose Gegenteil von Burnout, kann aber ähnlich belasten. Was Boreout ist, wie es sich vom Burnout unterscheidet, woran man es erkennt, was die Forschung zur Arbeitslangeweile zeigt und was helfen kann.

Shukri Jarmoukli · Arzt, Integrative Medizin · ViveCura Berlin
Mein Ausgangspunkt

In der Sprechstunde sitzen nicht nur Menschen, die zu viel gearbeitet haben. Manche sind erschöpft, ohne viel geleistet zu haben. Sie sitzen die Tage ab, tun beschäftigt, fühlen sich leer. Für dieses Erleben gibt es ein Schlagwort: Boreout. Es klingt wie ein ironisches Gegenstück zum Burnout, und genau deshalb wird es oft nicht ernst genommen. Dabei zeigt die Forschung zur Arbeitslangeweile, dass chronische Unterforderung mit messbar schlechterem psychischem Befinden einhergehen kann. Boreout ist keine offizielle Diagnose, und ich werde hier nichts versprechen, was die Daten nicht hergeben. Aber ich nehme das Leiden ernst, das hinter dem etwas flapsigen Begriff steht, und ordne es so seriös ein, wie es die Studienlage erlaubt.

Dieser Spoke erklärt Boreout als eigenständiges Phänomen, sauber abgegrenzt vom Burnout. Wir klären, woher der Begriff kommt, was die Wissenschaft zur Arbeitslangeweile weiß, welche Symptome typisch sind, wie sich Boreout und Burnout unterscheiden und überschneiden, welche Ursachen dahinterstecken, was sich messen lässt, welche KPNI-Linsen helfen, was nachweislich nicht hilft und welche Hebel realistisch etwas verändern. Wo aus chronischer Unterforderung eine behandlungsbedürftige Depression wird, weise ich klar auf ärztliche und psychotherapeutische Hilfe hin.

Woher der Begriff Boreout kommt

Der Begriff Boreout (vom englischen to bore, langweilen) wurde 2007 von den Schweizer Unternehmensberatern Philippe Rothlin und Peter Werder in einem Sachbuch geprägt. Sie beschrieben damit einen Zustand, der ihnen in Unternehmen begegnete: Beschäftigte, die nicht unter Stress litten, sondern unter dem Gegenteil, nämlich unter chronischer Langeweile und Unterforderung. Wichtig zur Einordnung: Das ist zunächst ein populärwissenschaftliches Konzept aus der Arbeitswelt, keine medizinische Diagnose. Boreout findet sich weder in der ICD-11 noch im DSM-5 als eigener Eintrag.

Rothlin und Werder benannten drei Kernelemente: chronische Unterforderung, Desinteresse und Langeweile. Sie ergänzten ein viertes, das Boreout besonders kennzeichnet: das aktive Verstecken der Unterforderung. Wer im Boreout steckt, gibt sich oft Mühe, beschäftigt zu wirken, zieht Aufgaben in die Länge oder simuliert Auslastung, um die eigene Lage nicht offenzulegen. Genau dieses Verstecken unterscheidet Boreout vom bloßen entspannten Leerlauf und trägt zur Belastung bei: Es kostet Energie, eine Fassade aufrechtzuerhalten.

Reframe

Langeweile gilt als Bagatelle, als Luxusproblem. Boreout ist aber kein „zu wenig zu tun haben und sich darüber freuen". Es ist die zermürbende Kombination aus Sinnverlust, innerer Distanz und dem stillen Druck, das alles zu verbergen. Nicht die freie Zeit ist das Problem, sondern das Fehlen von Sinn und Wirksamkeit.

Was die Wissenschaft zur Arbeitslangeweile sagt

Den Begriff Boreout selbst wird man in medizinischen Datenbanken kaum finden. Das zugrunde liegende Phänomen wird in der Arbeits- und Gesundheitsforschung aber sehr wohl untersucht, unter Begriffen wie Arbeitslangeweile (englisch job boredom oder boredom at work). Und hier zeigt sich: Langeweile am Arbeitsplatz ist kein harmloses Randthema, sondern mit dem Befinden verknüpft.

Studie · Längsschnitt, BMC Public Health

Arbeitslangeweile sagt spätere psychische Belastung voraus

Längsschnitt [Kohorte] Jie Li, Janne Kaltiainen und Jari Hakanen untersuchten 2024 in BMC Public Health, wie sich Arbeitslangeweile auf die psychische Gesundheit auswirkt. Sie werteten eine Zwei-Wellen-Befragung von 513 jungen Beschäftigten (23 bis 34 Jahre) aus der finnischen Erwerbsbevölkerung aus, erhoben zwischen 2021 und 2022, und nutzten ein Latent-Change-Score-Modell. Ergebnis: Frühere Arbeitslangeweile war mit späteren Abnahmen der Lebenszufriedenheit und des positiven Funktionierens sowie mit Zunahmen von Angst- und Depressionssymptomen verbunden. Am stärksten zeigte sich der Zusammenhang mit dem positiven Funktionieren und den Angstsymptomen. Die Autoren ordnen Arbeitslangeweile als motivationalen Zustand des Unwohlseins ein, der in die allgemeine psychische Gesundheit überschwappen kann. Wichtig: Dies ist eine Beobachtungsstudie, sie zeigt zeitliche Zusammenhänge, keinen Beweis für eine einfache Ursache-Wirkung-Kette.

Li J, Kaltiainen J, Hakanen JJ. BMC Public Health. 2024;24(1):907. doi:10.1186/s12889-024-18430-z · PMID: 38539113

Studie · Messinstrument

Wie man Arbeitslangeweile sauber misst

Validierungsstudie [Kohorte] Michiko Kawada und Kollegen, darunter Wilmar Schaufeli, validierten 2022 in Journal of Occupational Health die japanische Version der Dutch Boredom Scale (DUBS). Dieser Fragebogen erfasst die emotionalen, kognitiven und verhaltensbezogenen Reaktionen von Beschäftigten auf reizarme Arbeitssituationen. In einer Befragung von 1358 japanischen Beschäftigten aus verschiedenen Berufen bestätigte sich die erwartete Ein-Faktor-Struktur, die interne Konsistenz war gut (Cronbachs Alpha 0,88), und die Skala ließ sich klar von verwandten Konstrukten wie Arbeitsengagement, Arbeitssucht und Arbeitszufriedenheit abgrenzen. Das zeigt: Arbeitslangeweile ist ein eigenständig messbares Konstrukt, nicht einfach das Fehlen von Engagement.

Kawada M, Shimazu A, Tokita M, Miyanaka D, Schaufeli WB. J Occup Health. 2022;64(1):e12354. doi:10.1002/1348-9585.12354 · PMID: 36017566

Auch ältere und kleinere Arbeiten weisen in dieselbe Richtung. Jegaden 2019 fand bei Seeleuten einen signifikanten Zusammenhang zwischen Langeweileneigung und depressiven Symptomen, besonders ausgeprägt bei Offizieren. Milea 2020 untersuchte die kognitiven Muster hinter der Langeweile und fand Zusammenhänge mit Angst und depressiven Symptomen. Diese Studien sind klein und meist querschnittlich, sie beweisen keine Kausalität, aber sie zeichnen ein konsistentes Bild: Chronische Langeweile ist mit schlechterem psychischem Befinden assoziiert.

Boreout und Burnout: der entscheidende Unterschied

Beide Begriffe klingen wie Gegenpole, und in gewisser Weise sind sie das auch. Der Kernunterschied liegt in der Richtung der Fehlbeanspruchung: Burnout entsteht aus zu viel, Boreout aus zu wenig. Die Weltgesundheitsorganisation definiert Burnout in der ICD-11 als ein Syndrom, das aus chronischem, nicht erfolgreich bewältigtem Arbeitsstress resultiert. Wichtig dabei: Auch Burnout ist in der ICD-11 keine Krankheit, sondern als arbeitsbezogenes Phänomen eingeordnet, ein Faktor, der den Gesundheitszustand beeinflusst.

Quelle · WHO ICD-11

Wie die WHO Burnout einordnet

[Behördendokument] · Klassifikation Die Weltgesundheitsorganisation klassifiziert Burnout in der 11. Revision der Internationalen Klassifikation der Krankheiten (ICD-11) als arbeitsbezogenes Phänomen, nicht als medizinische Erkrankung. Burnout wird als Syndrom beschrieben, das aus chronischem, nicht erfolgreich bewältigtem Arbeitsstress entsteht, mit drei Dimensionen: Energieverlust und Erschöpfung, zunehmende mentale Distanz zur Arbeit (Negativismus, Zynismus) und reduzierte berufliche Leistungsfähigkeit. Die WHO betont, dass sich der Begriff ausdrücklich auf den beruflichen Kontext bezieht und nicht auf andere Lebensbereiche übertragen werden soll. Boreout dagegen ist gar nicht in der ICD-11 enthalten.

World Health Organization. Burn-out an occupational phenomenon: International Classification of Diseases (ICD-11). 2019. who.int (ICD-11, Burnout)

Spannend ist, dass sich die beiden Zustände an der Oberfläche ähneln können. Sowohl beim Burnout als auch beim Boreout finden sich innere Distanz zur Arbeit, ein Gefühl von Sinnlosigkeit und eine Art Erschöpfung. Wer nur das Symptom Erschöpfung sieht, kann beides verwechseln. Der Unterschied liegt im Auslöser: War zu viel los oder zu wenig? Genau diese Frage entscheidet, was helfen kann. Bei Burnout geht es um Entlastung und Erholung, bei Boreout eher um mehr Sinn, Herausforderung und Sichtbarkeit.

Burnout: zu viel

Auslöser ist chronische Überlastung und nicht bewältigter Arbeitsstress. Typisch sind Erschöpfung nach hoher Beanspruchung, das Gefühl, ausgebrannt zu sein, und Rückzug als Schutz. Die WHO nennt Energieverlust, mentale Distanz und reduzierte Leistungsfähigkeit.

Boreout: zu wenig

Auslöser ist chronische Unterforderung und Sinnverlust. Typisch sind Langeweile, das Absitzen der Zeit, das Verstecken der Unterforderung und eine paradoxe Erschöpfung trotz geringer Belastung.

Was sie teilen

Beide sind ein Missverhältnis zwischen Mensch und Arbeit. Beide gehen mit innerer Distanz, Sinnverlust und dem Risiko einher, in eine depressive Symptomatik überzugehen. Keiner von beiden ist eine offizielle ICD-Krankheit.

Warum die Unterscheidung zählt

Die Therapierichtung ist verschieden. Wer im Boreout mehr Erholung verordnet bekommt, dem wird es oft nicht besser. Hier geht es um mehr Anregung, Sinn und Wirksamkeit, nicht um weniger Last.

Typische Symptome von Boreout

Da Boreout keine Diagnose ist, gibt es keine offiziellen Kriterien. Aus dem Konzept und aus der Forschung zur Arbeitslangeweile lassen sich aber wiederkehrende Merkmale beschreiben. Sie ersetzen keine Diagnose und keine ärztliche Untersuchung, sie können aber ein erster Anhaltspunkt zur Selbstreflexion sein.

  • Anhaltende Langeweile und das Gefühl, die Zeit absitzen zu müssen, ohne dass die Stunden vergehen.
  • Innere Distanz und Desinteresse an der Arbeit, ein wachsendes „mir ist alles egal".
  • Aufgaben strecken, also wenige Tätigkeiten künstlich über den ganzen Tag verteilen.
  • Verstellen, also beschäftigt wirken, obwohl man es nicht ist, oft aus Angst, die Unterforderung könnte auffallen.
  • Sinnverlust, das Gefühl, dass die eigene Arbeit nichts bewirkt und niemandem fehlen würde.
  • Paradoxe Erschöpfung, müde und ausgelaugt zu sein, ohne viel geleistet zu haben.
  • Gereiztheit, Lustlosigkeit, sinkendes Selbstwertgefühl bis hin zu depressiven Verstimmungen.
Häufiger Irrtum

„Wer sich auf der Arbeit langweilt, soll sich nicht so anstellen, andere wären froh, weniger zu tun zu haben." Dieser Reflex übersieht, dass es beim Boreout nicht um die Menge der Arbeit geht, sondern um Sinn, Wirksamkeit und die zermürbende Fassade des Beschäftigtseins. Die Forschung zur Arbeitslangeweile zeigt, dass dieser Zustand mit realem psychischem Leid verknüpft sein kann.

Wie Boreout entsteht: Ursachen und Risikofaktoren

Boreout entsteht selten aus Faulheit, sondern fast immer aus einem Missverhältnis zwischen dem, was jemand kann und braucht, und dem, was die Stelle bietet. Die Arbeitspsychologie hat dafür ein einflussreiches Modell, das hilft, die Mechanik zu verstehen.

Studie · Systematischer Review

Das Anforderungs-Kontroll-Modell der Arbeit

[Systematischer Review] Das von Robert Karasek entwickelte Anforderungs-Kontroll-Modell (demand-control model) ist eines der meistgenutzten Modelle der Arbeitsstressforschung. Es beschreibt, dass nicht die Anforderungen allein, sondern ihr Zusammenspiel mit dem eigenen Entscheidungs- und Handlungsspielraum das Befinden prägen. Alves und Kollegen werteten 2013 in Revista Brasileira de Epidemiologia systematisch die empirische Nutzung dieses Modells aus und identifizierten unter 877 gesichteten Arbeiten 496, die die Kriterien erfüllten. Die meisten Studien untersuchten Herz-Kreislauf- und psychische Gesundheits-Endpunkte. Im Modell gilt die Kombination aus niedrigen Anforderungen und geringem Spielraum als passive, ungünstige Konstellation, die Rückzug und Langeweile begünstigen kann. Genau hier ist das Boreout theoretisch einzuordnen.

Alves MGM, Hökerberg YHM, Faerstein E. Rev Bras Epidemiol. 2013;16(1):125-136. doi:10.1590/s1415-790x2013000100012 · PMID: 23681329

Aus Modell und Praxis ergeben sich typische Risikofaktoren für Boreout: Aufgaben deutlich unter dem eigenen Können, Überqualifikation für die Stelle, monotone oder stark standardisierte Tätigkeiten, geringer Entscheidungsspielraum, fehlende Sichtbarkeit und Sinnhaftigkeit der Arbeit, unklare oder zu schmale Rollen und ein Arbeitsumfeld, in dem das Ansprechen von Unterforderung als Schwäche gilt. Häufig kommt ein struktureller Aspekt hinzu: In manchen Organisationen ist es leichter, beschäftigt zu wirken, als ehrlich zu sagen, dass man unterfordert ist.

Lässt sich Boreout messen? Über Tests und Selbsteinschätzung

Im Internet kursieren zahlreiche Boreout-Tests. Die meisten sind nicht wissenschaftlich validiert und liefern bestenfalls einen ersten Eindruck. Sie können ein Anstoß sein, genauer hinzuschauen, aber sie ersetzen keine fachliche Einschätzung. In der Forschung dagegen gibt es validierte Fragebögen wie die bereits genannte Dutch Boredom Scale (Kawada 2022), die Arbeitslangeweile als eigenständiges Konstrukt zuverlässig erfassen.

Sinnvoller als ein anonymes Quiz sind oft ein paar ehrliche Leitfragen an sich selbst: Langweile ich mich strukturell, also fast jeden Tag, oder nur in Phasen? Verstecke ich, wie wenig ich zu tun habe? Habe ich das Gefühl, dass meine Arbeit etwas bewirkt? Fühle ich mich erschöpft, obwohl ich wenig leiste? Und vor allem: Leide ich darunter? Wenn die Antworten in Richtung anhaltendes Leid, Niedergeschlagenheit oder Sinnverlust gehen, ist ein Gespräch mit Hausärztin, Hausarzt oder einer psychotherapeutischen Fachperson der bessere Weg als ein Online-Test.

Was bei Boreout helfen kann

Weil Boreout keine Diagnose ist, gibt es keine spezifische Therapie und keine Studie, die eine bestimmte Behandlung gegen Boreout prüft. Was die Forschung zur Arbeitslangeweile und zum Wohlbefinden nahelegt, sind Ansätze, die das Missverhältnis zwischen Mensch und Arbeit verkleinern. Die folgenden Schritte können helfen, garantieren aber keinen Erfolg, und sie ersetzen bei depressiver Symptomatik keine Behandlung.

Studie · Review

Verantwortung bei Beschäftigten und Arbeitgebern

[Übersichtsarbeit] Michelle Cleary und Kollegen diskutierten 2016 in Issues in Mental Health Nursing das Thema Langeweile am Arbeitsplatz, ihre Ursachen, Folgen und Lösungsansätze. Sie beschreiben, dass Langeweile zu Fehlern, sinkender Produktivität und Rückzug führen kann und dass gelangweilte Beschäftigte sich seltener mit ihrer Arbeit identifizieren. Ihr Lösungsansatz ist zweiseitig: Sowohl Beschäftigte als auch Arbeitgeber können beitragen, etwa durch abwechslungsreichere Aufgaben, Einbindung und das aktive Ansprechen des Problems, um nachhaltige, engagierende Arbeitsplätze zu schaffen. Das unterstreicht, dass Boreout selten allein durch individuelle Willenskraft zu lösen ist, sondern auch ein Gestaltungsthema des Arbeitsumfelds bleibt.

Cleary M, Sayers J, Lopez V, Hungerford C. Issues Ment Health Nurs. 2016;37(2):83-89. doi:10.3109/01612840.2015.1084554 · PMID: 26864838

Ansatzpunkte, die das Missverhältnis verkleinern

  1. Das ehrliche Gespräch suchen. Mit Führungskräften über anspruchsvollere, sinnvollere oder sichtbarere Aufgaben sprechen, statt die Unterforderung weiter zu verstecken.
  2. Job crafting. Die eigene Tätigkeit aktiv umgestalten: Aufgaben tauschen, neue Verantwortungsbereiche übernehmen, Routinen sinnvoller verknüpfen.
  3. Weiterbildung und Wachstum. Neue Kompetenzen aufbauen, die wieder eine passende Herausforderung schaffen.
  4. Sinn und Kontakt stärken. Den Bezug der eigenen Arbeit zum größeren Ganzen sichtbar machen, soziale Verbindungen im Team pflegen.
  5. Den Wechsel prüfen. Wenn die Stelle dauerhaft keine Passung bietet, kann ein Aufgaben-, Stellen- oder Berufswechsel der ehrlichere Weg sein.
Studie · Wohlbefinden

Kreative Beschäftigung und Langeweile

Querschnitt [Cohort] Nicholaus Brosowsky und Kollegen untersuchten 2022 in Behavioral Sciences den Zusammenhang zwischen kreativen Alltagstätigkeiten, Langeweileneigung und Wohlbefinden, erhoben in der frühen Phase der Pandemie. Menschen, die mehr alltägliche kreative Aktivitäten ausübten, berichteten über höheres Selbstwertgefühl, mehr Optimismus und mehr positiven Affekt. Wer wenigen kreativen Beschäftigungen nachging, zeigte höhere Werte für Depression und Angst, eine stärkere Langeweileneigung und mehr negativen Affekt. Das legt nahe, dass nicht professionelle Kreativität, sondern schon alltägliches kreatives Tun mit besserem Befinden einhergehen kann. Es ist ein Querschnittsbefund, also kein Beweis für Ursache und Wirkung, aber ein Hinweis, dass aktives, anregendes Tun einer Langeweile entgegenwirken kann.

Brosowsky NP, Barr N, Mugon J, Scholer AA, Seli P, Danckert J. Behav Sci (Basel). 2022;12(3):68. doi:10.3390/bs12030068 · PMID: 35323387

Die KPNI-Linsen auf Boreout

Aus Sicht der klinischen Psychoneuroimmunologie lohnt es sich, hinter das Etikett Boreout zu schauen. Chronische Unterforderung ist selten ein rein psychologisches Phänomen, sie hat Wechselwirkungen mit Körper, Rhythmus und Lebensumfeld. Vier Linsen helfen, das Bild zu vervollständigen, ohne das Phänomen zu überbiologisieren.

Sinn, Motivation und Belohnung

Anhaltende Unterforderung entzieht dem Belohnungssystem seine natürliche Nahrung: das Erleben von Wirksamkeit. Fehlt das Gefühl, etwas zu bewegen, leidet die Motivation. Sinnvolle, passend fordernde Aufgaben sind kein Wohlfühl-Extra, sondern ein realer Faktor für das psychische Befinden.

Rhythmus und Aktivität

Ein strukturloser, reizarmer Tag kann den Tag-Nacht-Rhythmus, den Schlaf und die Stimmung untergraben. Bewegung, Tageslicht und ein klarer Tagesablauf wirken der Trägheit entgegen, die sich im Boreout oft einschleicht, und stützen Energie und Antrieb.

Abgrenzung zur Depression

Sinnverlust, Antriebslosigkeit und Freudlosigkeit sind auch Kernzeichen einer Depression. Boreout und Depression können sich überlappen und gegenseitig verstärken. Hält die Niedergeschlagenheit über zwei Wochen an oder schwinden Freude und Interesse umfassend, gehört das ärztlich abgeklärt.

Lebenskontext jenseits der Arbeit

Wenn die Arbeit keinen Sinn liefert, wird der Rest des Lebens wichtiger: Beziehungen, Hobbys, Engagement, Lernen. Ein erfülltes Leben außerhalb der Arbeit kann ein Boreout abfedern, ersetzt aber auf Dauer keine passende berufliche Situation.

Was nicht funktioniert (und warum es trotzdem überall steht)

Auch beim Boreout kursieren Ratschläge, die mehr versprechen, als sie halten. Ein ehrlicher Blick darauf gehört dazu.

  • „Sei einfach dankbar für die ruhige Zeit." Das verkennt, dass Boreout nicht angenehme Muße ist, sondern ein Zustand mit Sinnverlust und Belastung. Dankbarkeitsappelle lösen das Missverhältnis nicht auf.
  • Mehr Erholung und Urlaub. Was beim Burnout sinnvoll ist, geht beim Boreout oft am Problem vorbei. Wer ohnehin unterfordert ist, braucht eher Anregung und Sinn als noch mehr Ruhe.
  • Die Lücke nur mit dem Smartphone füllen. Studien zur Langeweileneigung zeigen Zusammenhänge mit problematischer Smartphone-Nutzung. Das passive Wegscrollen der Langeweile kann sie eher verfestigen als auflösen.
  • Stillhalten und aussitzen. Das Verstecken der Unterforderung kostet Energie und verlängert den Zustand. Ohne Veränderung im Gespräch, in den Aufgaben oder in der Stelle bleibt das Missverhältnis meist bestehen.
Der Kern

Nicht jede Erschöpfung kommt von zu viel

Boreout erinnert daran, dass der Mensch nicht nur Entlastung braucht, sondern auch Sinn, Wirksamkeit und eine passende Herausforderung. Die Lösung liegt selten in mehr Ruhe, sondern in mehr Bedeutung. Wer das ernst nimmt, nimmt sich selbst ernst.

Drei Hebel, die du diese Woche umsetzen kannst

1

Hör auf, die Unterforderung zu verstecken

Das Verstellen kostet Energie und hält den Zustand am Leben. Such ein ehrliches, lösungsorientiertes Gespräch mit deiner Führungskraft über anspruchsvollere oder sinnvollere Aufgaben. Formuliere es als Wunsch nach mehr Beitrag, nicht als Beschwerde.

2

Gestalte eine Aufgabe aktiv um

Wähle eine Tätigkeit und mach sie sinnvoller oder anspruchsvoller, oder übernimm bewusst eine kleine neue Verantwortung. Schon ein einziger Bereich, in dem du Wirksamkeit erlebst, kann die innere Distanz spürbar verringern.

3

Bring Struktur und Anregung in den Tag

Sorge für Bewegung, Tageslicht und einen klaren Tagesablauf, und füll Leerlauf mit aktivem, anregendem Tun statt mit passivem Scrollen. Das kann der Trägheit entgegenwirken und Stimmung und Antrieb stützen.

Wann zur Ärztin oder zum Arzt

Boreout ist keine Krankheit, aber daraus kann eine behandlungsbedürftige psychische Belastung werden. Wenn du dich über mehr als zwei Wochen durchgehend niedergeschlagen, antriebslos oder freudlos fühlst, wenn der Sinnverlust auf dein ganzes Leben übergreift, der Schlaf leidet oder du Gedanken an den Tod oder Suizid bemerkst, such bitte zeitnah ärztliche oder psychotherapeutische Hilfe. Bei akuter Suizidalität wende dich sofort an den ärztlichen Notdienst (112) oder die Telefonseelsorge (0800 111 0 111). Eine depressive Erkrankung ist gut behandelbar, und sie ernst zu nehmen ist ein Zeichen von Stärke, nicht von Schwäche.

Häufige Fragen zu Boreout und Unterforderung

Was ist Boreout genau?

Boreout ist ein populärer Begriff für einen Zustand chronischer beruflicher Unterforderung. Philippe Rothlin und Peter Werder prägten ihn 2007. Sie beschrieben drei Kernelemente: chronische Unterforderung, Desinteresse und Langeweile, plus ein viertes: das aktive Verstecken der Unterforderung, also so zu tun, als sei man beschäftigt. Boreout ist keine offizielle medizinische Diagnose. Die Forschung untersucht das zugrunde liegende Phänomen unter dem Begriff der Arbeitslangeweile (job boredom). Diese ist mit messbar schlechterem Befinden verbunden. Li 2024 zeigte in BMC Public Health, dass sie mit späteren Zunahmen von Angst- und Depressionssymptomen einhergeht.

Was ist der Unterschied zwischen Boreout und Burnout?

Der Hauptunterschied liegt in der Richtung der Fehlbeanspruchung. Burnout entsteht nach der WHO (ICD-11) aus chronischem, nicht erfolgreich bewältigtem Arbeitsstress, also aus zu viel Beanspruchung. Boreout entsteht aus dem Gegenteil: zu wenig sinnvoller Beanspruchung, Unterforderung und Langeweile. Beide können sich an der Oberfläche ähnlich anfühlen: Erschöpfung, innere Distanz, Sinnlosigkeit. Die WHO nennt für Burnout drei Dimensionen: Energieverlust, mentale Distanz und reduzierte Leistungsfähigkeit. Wichtig: Burnout ist in der ICD-11 als arbeitsbezogenes Phänomen klassifiziert, nicht als Krankheit, und Boreout ist gar keine offizielle Diagnose.

Welche Symptome sind typisch für Boreout?

Typisch sind: anhaltende Langeweile und das Gefühl, die Zeit absitzen zu müssen, innere Distanz und Desinteresse, das Strecken weniger Aufgaben über den ganzen Tag, das Verstellen (beschäftigt wirken, obwohl man es nicht ist), und ein wachsendes Gefühl von Sinnlosigkeit. Häufig kommen paradoxe Erschöpfung trotz geringer Belastung, Lustlosigkeit, Gereiztheit und ein sinkendes Selbstwertgefühl hinzu. Auf Dauer kann Arbeitslangeweile auf die allgemeine psychische Gesundheit übergreifen. Li 2024 fand, dass sie mit späteren Abnahmen der Lebenszufriedenheit und Zunahmen von Angst- und Depressionssymptomen verbunden war. Diese Merkmale ersetzen keine ärztliche Abklärung.

Ist Boreout eine anerkannte Krankheit oder Diagnose?

Nein. Boreout ist kein eigener Eintrag in der ICD-11 oder im DSM-5. Es ist ein populärwissenschaftlicher Sammelbegriff. Selbst Burnout ist in der ICD-11 nicht als Krankheit, sondern als arbeitsbezogenes Phänomen eingeordnet. Das bedeutet aber nicht, dass das Erleben harmlos ist. Die Forschung zur Arbeitslangeweile zeigt klare Zusammenhänge mit dem psychischen Befinden. Wenn aus chronischer Unterforderung eine behandlungsbedürftige Depression oder Angststörung entsteht, sind diese sehr wohl Diagnosen mit eigenem Krankheitswert. Deshalb sollte man Boreout-Erleben ernst nehmen und bei anhaltender Niedergeschlagenheit ärztliche oder psychotherapeutische Hilfe suchen.

Wie kann man Arbeitslangeweile messen, gibt es einen Boreout-Test?

Selbsttests im Internet, die mit dem Schlagwort Boreout-Test werben, sind meist nicht wissenschaftlich validiert und liefern höchstens einen ersten Anhaltspunkt. In der Forschung gibt es validierte Fragebögen. Kawada 2022 validierte in Journal of Occupational Health die japanische Version der Dutch Boredom Scale, eines etablierten Instruments, das emotionale, kognitive und verhaltensbezogene Reaktionen auf reizarme Arbeitssituationen erfasst. Die Skala zeigte gute interne Konsistenz und ließ sich klar von Arbeitsengagement und Arbeitssucht abgrenzen. Ein echter validierter Fragebogen misst also etwas anderes als ein kurzes Online-Quiz. Für eine ernsthafte Einordnung ist das Gespräch mit einer fachlich qualifizierten Person sinnvoller.

Was sind die häufigsten Ursachen von Boreout?

Boreout entsteht meist aus einem Missverhältnis zwischen Fähigkeiten und Anforderungen. Typische Ursachen sind: Aufgaben deutlich unter dem eigenen Können, fehlende Sinn- und Sichtbarkeit der Arbeit, monotone oder hochstandardisierte Tätigkeiten, geringer Entscheidungsspielraum, Überqualifikation und unklare Rollen. Das Anforderungs-Kontroll-Modell von Karasek beschreibt, dass nicht nur hohe Anforderungen, sondern auch das Zusammenspiel von Beanspruchung und Handlungsspielraum das Befinden bestimmt. Eine systematische Übersicht von Alves 2013 zeigt die breite Anwendung dieses Modells. Niedrige Anforderungen bei geringem Spielraum (passive Tätigkeit) gelten als ungünstige Konstellation, die Langeweile und Rückzug begünstigen kann.

Was kann gegen Boreout helfen?

Es gibt keine spezifische Boreout-Therapie, weil es keine offizielle Diagnose ist. Hilfreich sind Schritte, die das Missverhältnis zwischen Mensch und Arbeit verkleinern: das Gespräch mit Führungskräften über anspruchsvollere Aufgaben, das aktive Umgestalten der eigenen Tätigkeit (job crafting), Weiterbildung, mehr Verantwortung, der Aufbau von Sinn und Kontakt und, wenn nötig, ein Stellen- oder Berufswechsel. Cleary 2016 beschreibt, dass sowohl Beschäftigte als auch Arbeitgeber zur Lösung beitragen können. Brosowsky 2022 fand, dass kreative Beschäftigung mit besserem Wohlbefinden und geringerer Langeweileneigung einherging. Wenn aus dem Boreout eine depressive Symptomatik geworden ist, gehört diese ärztlich oder psychotherapeutisch behandelt.

Kann Boreout krank machen?

Boreout selbst ist keine Krankheit, aber die zugrunde liegende chronische Arbeitslangeweile ist mit schlechterem psychischem Befinden verbunden. Li 2024 untersuchte in BMC Public Health in einer Zwei-Wellen-Befragung von 513 jungen Beschäftigten, ob Arbeitslangeweile spätere Veränderungen der psychischen Gesundheit vorhersagt. Ergebnis: Sie ging mit späteren Abnahmen von Lebenszufriedenheit und positivem Funktionieren und mit Zunahmen von Angst- und Depressionssymptomen einher. Auch ältere Forschung zeigt Zusammenhänge zwischen Langeweileneigung und depressiven Symptomen (Jegaden 2019, Milea 2020). Chronische Unterforderung ist also kein Luxusproblem, sondern kann ein Risikofaktor für die psychische Gesundheit sein. Bei anhaltender Niedergeschlagenheit sollte eine ärztliche Abklärung erfolgen.

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SJ
Geschrieben von

Shukri Jarmoukli

Arzt, Integrative Medizin, Klinische Psychoneuroimmunologie · ViveCura Berlin, Skalitzer Straße 137 · Schwerpunkte: Boreout als eigenständiges Phänomen chronischer Unterforderung, sauber abgegrenzt vom Burnout, das die WHO in der ICD-11 als arbeitsbezogenes Phänomen einordnet. Die Evidenz zur Arbeitslangeweile stammt unter anderem aus Li 2024 in BMC Public Health (Längsschnitt zu Job-Boredom und psychischer Gesundheit), der Validierung der Dutch Boredom Scale durch Kawada 2022, der Übersichtsarbeit von Cleary 2016, dem Anforderungs-Kontroll-Modell nach Karasek in der systematischen Auswertung von Alves 2013 sowie Befunden zu Langeweile und Wohlbefinden von Brosowsky 2022, Jegaden 2019 und Milea 2020. Mein Anspruch ist, das Leiden hinter dem flapsigen Begriff ernst zu nehmen, ohne mehr zu versprechen, als die Daten hergeben, und bei depressiver Symptomatik klar auf ärztliche und psychotherapeutische Hilfe zu verweisen.

Quellen und weiterführende Literatur

  1. Li J, Kaltiainen J, Hakanen JJ. Job boredom as an antecedent of four states of mental health: life satisfaction, positive functioning, anxiety, and depression symptoms among young employees - a latent change score approach. BMC Public Health. 2024;24(1):907. doi:10.1186/s12889-024-18430-z · PMID: 38539113 [Kohorte]
  2. Kawada M, Shimazu A, Tokita M, Miyanaka D, Schaufeli WB. Validation of the Japanese version of the Dutch Boredom Scale. J Occup Health. 2022;64(1):e12354. doi:10.1002/1348-9585.12354 · PMID: 36017566 [Validierung]
  3. Cleary M, Sayers J, Lopez V, Hungerford C. Boredom in the Workplace: Reasons, Impact, and Solutions. Issues Ment Health Nurs. 2016;37(2):83-89. doi:10.3109/01612840.2015.1084554 · PMID: 26864838 [Übersichtsarbeit]
  4. Alves MGM, Hökerberg YHM, Faerstein E. Trends and diversity in the empirical use of Karasek's demand-control model (job strain): a systematic review. Rev Bras Epidemiol. 2013;16(1):125-136. doi:10.1590/s1415-790x2013000100012 · PMID: 23681329 [Systematischer Review]
  5. Brosowsky NP, Barr N, Mugon J, Scholer AA, Seli P, Danckert J. Creativity, Boredom Proneness and Well-Being in the Pandemic. Behav Sci (Basel). 2022;12(3):68. doi:10.3390/bs12030068 · PMID: 35323387 [Human]
  6. Jegaden D, Menaheze M, Lucas D, Loddé B, Dewitte JD. Don't forget about seafarer's boredom. Int Marit Health. 2019;70(2):82-87. doi:10.5603/IMH.2019.0013 · PMID: 31237666 [Kohorte]
  7. Milea I, Cardoş RAI, David D. The map of cognitive processes in boredom: multiple mediation models. Behav Cogn Psychother. 2020;49(3):1-13. doi:10.1017/S1352465820000867 · PMID: 33323160 [Human]
  8. World Health Organization. Burn-out an occupational phenomenon: International Classification of Diseases (ICD-11). Genf: WHO; 2019. who.int [Behördendokument]
Hinweis zur Evidenzlage: Boreout ist ein populärwissenschaftlicher Begriff (Rothlin und Werder, 2007) und keine offizielle Diagnose in ICD-11 oder DSM-5. Die wissenschaftliche Evidenz bezieht sich auf das zugrunde liegende Phänomen der Arbeitslangeweile (job boredom). Li 2024 zeigte in einem Längsschnitt zeitliche Zusammenhänge zwischen Arbeitslangeweile und späterer Zunahme von Angst- und Depressionssymptomen sowie Abnahme von Lebenszufriedenheit; es handelt sich um eine Beobachtungsstudie, die keine einfache Kausalität beweist. Kawada 2022 belegt, dass Arbeitslangeweile mit der Dutch Boredom Scale valide messbar ist. Cleary 2016 fasst Ursachen und Lösungsansätze zusammen, Alves 2013 das arbeitspsychologische Anforderungs-Kontroll-Modell, Brosowsky 2022 den Zusammenhang von Kreativität, Langeweile und Wohlbefinden. Jegaden 2019 und Milea 2020 sind kleine Studien mit Hinweisen auf Zusammenhänge zwischen Langeweileneigung und depressiven Symptomen. Die WHO ordnet Burnout in der ICD-11 als arbeitsbezogenes Phänomen ein. Dieser Text dient der Information und ersetzt keine ärztliche Untersuchung, Diagnose oder Behandlung. Bei anhaltender Niedergeschlagenheit, Antriebs- oder Freudlosigkeit über mehr als zwei Wochen, ausgeprägtem Sinnverlust oder Gedanken an Suizid sollte zeitnah ärztliche oder psychotherapeutische Hilfe in Anspruch genommen werden. Bei akuter Suizidalität: ärztlicher Notdienst 112 oder Telefonseelsorge 0800 111 0 111.

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