Ratgeber Burnout · Spoke 13

Eltern-Burnout und Mama-Burnout: wenn die Elternrolle leer macht

Eltern-Burnout ist ein eigenständiges Erschöpfungssyndrom, nicht dasselbe wie Job-Burnout oder Depression. Überwältigende Erschöpfung als Elternteil, emotionale Distanz zum Kind, der Verlust der Freude am Elternsein. Was die Forschung von Roskam und Mikolajczak zeigt, woran man es erkennt, wie es entsteht und was helfen kann.

Shukri Jarmoukli · Arzt, Integrative Medizin · ViveCura Berlin
Mein Ausgangspunkt

Viele Eltern, die völlig erschöpft sind, sagen denselben Satz: „Ich liebe mein Kind, aber ich kann nicht mehr, und ich schäme mich dafür." Lange gab es für dieses Gefühl keinen Namen, und genau das machte es so einsam. Die Forschungsgruppe um Isabelle Roskam und Moïra Mikolajczak hat das geändert: Eltern-Burnout ist ein eigenständiges, messbares Syndrom, das sich auf die Elternrolle bezieht und sich von Depression und Job-Burnout unterscheidet. Es entsteht aus einem Ungleichgewicht zwischen dem, was die Elternschaft fordert, und dem, was an Ressourcen da ist. In diesem Spoke ordne ich ein, was die Studien zeigen, woran man Eltern-Burnout erkennt und warum emotionale Distanz und Überforderung kein Versagen sind, sondern Symptome eines erschöpften Systems.

Dieser Spoke gehört zum Burnout-Cluster und nimmt eine besondere Form in den Blick: das Burnout in der Elternrolle. Wir gehen durch, was Eltern-Burnout (englisch parental burnout) überhaupt ist, welche Kernmerkmale die Forschung beschreibt, wie es sich von Depression und Job-Burnout unterscheidet, wie es nach dem Modell aus Risiken und Ressourcen entsteht, welche Risikofaktoren bekannt sind, was die wichtigsten Studien zeigen und was helfen kann. Den allgemeinen Einstieg in die ersten Schritte und die biologische Vertiefung zur Stressregulation behandeln eigene Spokes, die ich am Ende verlinke.

Was Eltern-Burnout ist, und was nicht

Eltern-Burnout beschreibt einen Erschöpfungszustand, der speziell mit dem Elternsein zusammenhängt. Lange wurde das Phänomen aus dem Job-Burnout abgeleitet. Die Forschungsgruppe an der UCLouvain ging einen anderen Weg: Sie rekonstruierte das Konstrukt induktiv, allein aus den Schilderungen betroffener Eltern, und entwickelte daraus ein eigenes Messinstrument, das Parental Burnout Assessment (Roskam 2018 in Frontiers in Psychology). Dabei zeigte sich ein klar identifizierbares Syndrom mit mehreren Dimensionen: eine Erschöpfung in der Elternrolle, ein Kontrast zum früheren elterlichen Selbst, ein Gefühl, als Elternteil „fertig" zu sein, und eine emotionale Distanzierung von den eigenen Kindern.

In den späteren Übersichtsarbeiten fasst die Gruppe die Kernmerkmale oft als drei Säulen zusammen: eine überwältigende Erschöpfung in der Elternrolle, eine emotionale Distanzierung vom Kind und einen Verlust der elterlichen Erfüllung und Wirksamkeit (Mikolajczak 2020 in New Directions for Child and Adolescent Development). Entscheidend ist der Fokus: Eltern-Burnout bezieht sich auf die Elternrolle, nicht auf das ganze Leben. Eine erschöpfte Mutter kann sich in der Elternrolle völlig ausgebrannt fühlen und gleichzeitig im Beruf oder mit Freundinnen noch Lebendigkeit empfinden. Genau das unterscheidet es von einer Depression.

Reframe

Eltern-Burnout ist kein Beweis dafür, dass man sein Kind nicht genug liebt. Es ist das Gegenteil: Oft sind es gerade die besonders engagierten, hoch anspruchsvollen Eltern, deren System irgendwann kippt, weil sie über lange Zeit zu viel tragen und zu wenig auffüllen. Die Erschöpfung ist nicht das Versagen, sondern das Signal.

Die Kernmerkmale: woran man Mama- oder Eltern-Burnout erkennt

Die Forschung beschreibt drei zentrale Merkmale, die zusammen das Bild ausmachen. Sie können unterschiedlich stark ausgeprägt sein.

Überwältigende Erschöpfung als Elternteil

Eine tiefe Müdigkeit, die speziell mit dem Elternsein verbunden ist. Schon der Gedanke an den Tag mit den Kindern kann leer und schwer machen. Es ist mehr als normale Eltern-Müdigkeit, es fühlt sich an wie ein Akku, der sich nicht mehr auflädt.

Emotionale Distanz zum Kind

Man funktioniert im Alltag noch (Essen, Anziehen, Bringen), aber die emotionale Zuwendung schwindet. Man ist innerlich abwesend, reagiert mechanisch statt warmherzig. In der Netzwerkanalyse von Blanchard 2021 war dieses Merkmal besonders zentral.

Verlust der elterlichen Erfüllung

Die Freude und der Stolz am Elternsein gehen verloren. Es bleibt ein Kontrast zu der Mutter oder dem Vater, die oder der man einmal sein wollte. Statt Erfüllung bleibt das Gefühl, nicht mehr zu genügen.

Begleiterscheinungen

Häufig kommen Reizbarkeit, Schuldgefühle und Scham hinzu, dazu Schlafprobleme. Viele Betroffene verstecken den Zustand aus Angst vor Verurteilung, was die Einsamkeit verstärkt.

Studie · Konzept und Messung

Wie das Konstrukt Eltern-Burnout entstand

Validierungsstudie Isabelle Roskam, Maria-Elena Brianda und Moïra Mikolajczak entwickelten 2018 in Frontiers in Psychology das Parental Burnout Assessment (PBA). Statt das Konstrukt aus dem Job-Burnout abzuleiten, rekonstruierten sie es induktiv aus den Aussagen betroffener Eltern. In einer Stichprobe von 901 französisch- und englischsprachigen Eltern fanden sie ein identifizierbares Syndrom mit vier Dimensionen: Erschöpfung in der Elternrolle, Kontrast zum früheren elterlichen Selbst, ein Gefühl des „Genug-Habens" in der Elternrolle und emotionale Distanzierung von den Kindern. Das Instrument zeigte gute Validität und war über Geschlecht und Sprache hinweg vergleichbar. Bemerkenswert: psychologische Eigenschaften der Eltern, Erziehungsfaktoren und Familienfunktion erklärten mehr Varianz als soziodemografische Merkmale.

Roskam I, Brianda ME, Mikolajczak M. Front Psychol. 2018;9:758. doi:10.3389/fpsyg.2018.00758 · PMID: 29928239

Wichtig: Distanz ist kein Versagen

Wenn du dich deinem Kind gegenüber emotional distanziert oder überfordert fühlst, ist das ein Symptom der Erschöpfung, kein Charakterfehler und kein Beweis, dass du eine schlechte Mutter oder ein schlechter Vater bist. Die emotionale Distanzierung ist nach dem Forschungsstand ein Schutzmechanismus eines überlasteten Systems. Sich das einzugestehen ist kein Scheitern, sondern der erste Schritt heraus.

Eltern-Burnout, Job-Burnout und Depression: drei verschiedene Dinge

Eine der wichtigsten Erkenntnisse der Forschung ist, dass Eltern-Burnout ein eigenständiges Konstrukt ist. Es trägt zwar das Wort Burnout, ist aber nur schwach mit dem klassischen Job-Burnout verknüpft, und es ist nicht dasselbe wie eine Depression.

Studie · Übersicht, Trends in Cognitive Sciences

Eltern-Burnout als eigenes Syndrom

Übersichtsarbeit Moïra Mikolajczak, James Gross und Isabelle Roskam beschrieben 2021 in Trends in Cognitive Sciences Eltern-Burnout als ein lange tabuisiertes, aber reales Phänomen: ein Erschöpfungssyndrom, das sich auf die Elternrolle bezieht. Es entsteht nach ihrem Modell durch eine wahrgenommene Lücke zwischen den Ressourcen und den Anforderungen der Elternschaft und hat eine Reihe ernster Folgen für Eltern und Kinder. Die Autoren betonen, dass Eltern-Burnout sich vom Job-Burnout unterscheidet, mit dem es nur schwach zusammenhängt.

Mikolajczak M, Gross JJ, Roskam I. Trends Cogn Sci. 2021;25(5):333-336. doi:10.1016/j.tics.2021.01.012 · PMID: 33714668

Der Unterschied zur Depression liegt vor allem im Fokus. Eine Depression färbt typischerweise das ganze Leben ein, mit anhaltend gedrückter Stimmung, Interessenverlust und körperlichen Symptomen über alle Bereiche hinweg. Eltern-Burnout ist rollenspezifisch: Die Erschöpfung und die Distanz beziehen sich auf das Elternsein, andere Lebensbereiche können noch Freude bringen. Das schließt nicht aus, dass beides zusammen auftritt, und die Abgrenzung kann im Einzelfall schwierig sein. Genau deshalb gehört die Einordnung in fachliche Hände. Die ausführliche Abgrenzung von Burnout und Depression behandelt ein eigener Spoke des Clusters.

Häufiger Irrtum

„Wenn ich als Elternteil ausgebrannt bin, dann bin ich eben depressiv." Nicht zwangsläufig. Eltern-Burnout kann ohne Depression bestehen und ist ein eigenes Phänomen. Die Verwechslung ist nicht harmlos: Sie kann dazu führen, dass die rollenspezifische Überlastung übersehen wird. Eine fachliche Abklärung trennt das auf.

Die Folgen: warum die Abgrenzung wichtig ist

Dass Eltern-Burnout ein eigenes Syndrom ist, ist nicht nur eine akademische Frage. Es hat eigene, spezifische Folgen, die über das hinausgehen, was Job-Burnout erklärt.

Studie · Multicenter, Child Abuse & Neglect

Die spezifischen Folgen von Eltern-Burnout

Querschnittsstudie · 1551 Eltern Moïra Mikolajczak, Maria Elena Brianda, Hervé Avalosse und Isabelle Roskam untersuchten 2018 in Child Abuse & Neglect bei 1551 Eltern den Zusammenhang zwischen Eltern-Burnout und sieben möglichen Folgen. Das Ergebnis: Eltern-Burnout hatte einen ähnlichen Effekt wie Job-Burnout auf Suchtverhalten und Schlafprobleme, einen stärkeren Effekt auf Paarkonflikte und den Wunsch nach Distanz zum Partner und einen spezifischen Effekt auf kindbezogene Folgen (Vernachlässigung und Gewalt gegenüber dem Kind) sowie auf Flucht- und Suizidgedanken. Die Autoren betonen, wie wichtig eine genaue Diagnose dieses Syndroms ist. Diese Befunde zeigen den Ernst des Zustands, ohne Eltern zu beschuldigen: Sie unterstreichen, dass rechtzeitige Hilfe schützt.

Mikolajczak M, Brianda ME, Avalosse H, Roskam I. Child Abuse Negl. 2018;80:134-145. doi:10.1016/j.chiabu.2018.03.025 · PMID: 29604504

Studie · Netzwerkanalyse, Child Abuse & Neglect

Emotionale Distanz als Schlüsselmechanismus

Netzwerkanalyse M. Annelise Blanchard, Isabelle Roskam, Moïra Mikolajczak und Alexandre Heeren analysierten 2021 in Child Abuse & Neglect die Daten von 1551 Eltern mit Netzwerkmethoden. Sie untersuchten, wie die Kernmerkmale des Eltern-Burnout (Erschöpfung, emotionale Distanz, Gefühl der Unwirksamkeit) untereinander und mit Verhalten gegenüber Partner und Kind zusammenhängen. Beide Netzwerkmodelle wiesen auf die emotionale Distanz als besonders einflussreichen Knoten hin, der die anderen Komponenten mit aktiviert. Die Autoren sehen darin einen möglichen Ansatzpunkt für künftige Hilfen.

Blanchard MA, Roskam I, Mikolajczak M, Heeren A. Child Abuse Negl. 2020;111:104826. doi:10.1016/j.chiabu.2020.104826 · PMID: 33310372

Wie Eltern-Burnout entsteht: das Modell aus Risiken und Ressourcen

Das von der Forschungsgruppe vorgeschlagene Modell (in Mikolajczak 2021 in Trends in Cognitive Sciences zusammengefasst) sieht Eltern-Burnout nicht als Folge einer einzelnen Ursache, sondern als Ergebnis eines dauerhaften Ungleichgewichts. Es geht um die Bilanz: Wenn die Belastungen und Anforderungen der Elternschaft über längere Zeit die verfügbaren Ressourcen übersteigen, kann sich Eltern-Burnout entwickeln. Man kann sich das wie eine Waage vorstellen, die kippt, wenn auf der Belastungsseite immer mehr liegt und die Ressourcenseite nicht mitwächst.

Auf der Belastungsseite

Hoher Selbstanspruch und Perfektionismus, fehlende Unterstützung, finanzielle oder berufliche Anspannung, schwierige Umstände, besonders fordernde Phasen oder Kindmerkmale, Mehrfachbelastung und das Gefühl, ständig verfügbar sein zu müssen.

Auf der Ressourcenseite

Unterstützung durch Partner, Familie und Umfeld, verlässliche Betreuung, Erholungsinseln und Schlaf, eine gute Emotions- und Stressregulation, realistische Erwartungen an sich selbst und die Möglichkeit, auch mal nicht perfekt zu sein.

Studie · Theoretisches Modell, Frontiers in Psychology

Warum manche Eltern ausbrennen und andere nicht

Längsschnittstudie · 923 Eltern Moïra Mikolajczak und Isabelle Roskam stellten 2018 in Frontiers in Psychology den Rahmen „Balance between Risks and Resources" (BR2) vor und prüften ihn in einer Längsschnittstudie mit 923 Eltern über zwei Erhebungswellen. Die Befunde stützen das Modell: Es besteht ein starker linearer Zusammenhang zwischen der Risiko-Ressourcen-Bilanz und dem Eltern-Burnout, das aus einem chronischen Übergewicht der Risiken über die Ressourcen entsteht. Interessant ist die Differenzierung: Allgemeine, nicht elternspezifische Faktoren wie geringe Stressbewältigung oder Perfektionismus sagen sowohl Eltern- als auch Job-Burnout voraus, während elternspezifische Faktoren wie Erziehungspraktiken und Co-Elternschaft speziell das Eltern-Burnout vorhersagen.

Mikolajczak M, Roskam I. Front Psychol. 2018;9:886. doi:10.3389/fpsyg.2018.00886 · PMID: 29946278

Studie · 42-Länder-Studie, Affective Science

Warum Kultur eine Rolle spielt

Querschnittsstudie · 17.409 Eltern Isabelle Roskam, Moïra Mikolajczak und ein großes internationales Team untersuchten 2021 in Affective Science die Häufigkeit von Eltern-Burnout in 42 Ländern (17.409 Eltern, 71 Prozent Mütter). Die Häufigkeit unterschied sich stark zwischen den Ländern. Besonders individualistische Kulturen, vor allem in westlichen Ländern, zeigten eine deutlich höhere Häufigkeit und höhere mittlere Werte von Eltern-Burnout. Der Individualismus spielte dabei eine größere Rolle als wirtschaftliche Ungleichheit oder als die Zahl und das Alter der Kinder. Die Autoren schließen, dass kulturelle Werte in westlichen Ländern Eltern unter erhöhten Stress setzen können.

Roskam I, Aguiar J, Akgun E, et al. Affect Sci. 2021;2(1):58-79. doi:10.1007/s42761-020-00028-4 · PMID: 33758826

Der biologische Fußabdruck: Eltern-Burnout ist messbar

Eltern-Burnout ist nicht nur ein subjektives Gefühl, es hat einen messbaren körperlichen Korrelat. Das macht deutlich, dass es sich um eine ernstzunehmende chronische Stressbelastung handelt, nicht um „Sich-Anstellen".

Studie · Biomarker, Psychoneuroendocrinology

Erhöhtes Haar-Cortisol bei Eltern-Burnout

Fall-Kontroll-Studie Maria Elena Brianda, Isabelle Roskam und Moïra Mikolajczak verglichen 2020 in Psychoneuroendocrinology das Haar-Cortisol von Eltern mit Eltern-Burnout (119 Personen) mit dem von Kontroll-Eltern (59 Personen). Das Haar-Cortisol, ein Marker für chronischen Stress über Wochen, lag bei den Eltern mit Eltern-Burnout im Mittel deutlich höher (rund 100 pg/mg gegenüber rund 47 pg/mg bei den Kontrollen), und es hing mit den Eltern-Burnout-Werten zusammen, auch wenn man Job-Burnout berücksichtigte. Die Autoren werten Haar-Cortisol als möglichen Biomarker, mahnen aber zur Vorsicht, da ein Teil der betroffenen Eltern Werte im Bereich der Kontrollen hatte. Der Befund stützt die Sicht, dass Eltern-Burnout ein chronischer Stresszustand mit biologischen Spuren ist.

Brianda ME, Roskam I, Mikolajczak M. Psychoneuroendocrinology. 2020;117:104681. doi:10.1016/j.psyneuen.2020.104681 · PMID: 32417622

Die HPA-Achse und die Cortisol-Dynamik sind auch beim allgemeinen Burnout ein zentrales Thema. Wie das Stresssystem bei chronischer Überlastung reagiert und wie sich das beruhigen lässt, vertiefen die Spokes zur Cortisol-Achse und zum Vagusnerv.

Was bei Eltern-Burnout helfen kann

Weil Eltern-Burnout aus einem Ungleichgewicht zwischen Anforderungen und Ressourcen entsteht, setzt Hilfe logischerweise an beiden Seiten der Waage an: Belastungen verringern und Ressourcen auffüllen. Das ist kein schneller Trick, sondern ein Prozess, der oft fachliche Begleitung braucht.

Ansatzpunkte an beiden Seiten der Waage

  1. Den Anspruch senken. Die Vorstellung von der perfekten Mutter oder dem perfekten Vater ist ein zentraler Belastungsfaktor. „Gut genug" zu sein ist für das Kind oft mehr wert als perfekt und erschöpft.
  2. Unterstützung organisieren und annehmen. Partner, Familie, Freundeskreis, Betreuung. Hilfe anzunehmen ist keine Schwäche, sondern Ressourcenaufbau. Fehlende Unterstützung ist ein bekannter Risikofaktor.
  3. Erholung und Schlaf schützen. Auch kleine, verlässliche Erholungsinseln zählen. Schlafprobleme gehören zu den Folgen und sollten ernst genommen werden.
  4. Stress- und Emotionsregulation stärken. Methoden, die das überaktive Stresssystem beruhigen, können die Ressourcenseite stützen. Der Vagusnerv-Spoke vertieft das.
  5. Fachliche Begleitung suchen. Eine psychotherapeutische oder ärztliche Begleitung kann die Lage einordnen, eine Depression ausschließen oder mitbehandeln und individuell passende Schritte finden.
Ein wichtiger Hinweis zur Forschung

Das wissenschaftliche Wissen über die Behandlung von Eltern-Burnout ist jünger als das über die Beschreibung des Phänomens. Es gibt vielversprechende Ansätze, aber das Feld ist noch in Bewegung. Was sich aus dem Modell ableiten lässt, ist klar: An den Ressourcen und den Belastungen anzusetzen, ist der sinnvolle Weg. Die konkrete Ausgestaltung gehört in eine individuelle, fachlich begleitete Planung.

Wer besonders gefährdet ist

Eltern-Burnout kann grundsätzlich jeden treffen, aber bestimmte Konstellationen erhöhen das Risiko. Sie ergeben sich aus dem Modell aus Risiken und Ressourcen.

Hoher Selbstanspruch

Perfektionismus und der Wunsch, alles richtig zu machen, sind ein bekannter Risikofaktor. Gerade besonders engagierte Eltern sind betroffen, nicht die gleichgültigen.

Fehlende Unterstützung

Wer die Last weitgehend allein trägt, etwa als alleinerziehender Elternteil oder ohne entlastendes Umfeld, hat eine schmalere Ressourcenseite.

Mehrfachbelastung

Beruf, Haushalt, Care-Arbeit und eigene Bedürfnisse gleichzeitig: Wenn zu viel zusammenkommt, kippt die Bilanz leichter. Das betrifft sehr häufig Mütter.

Besonders fordernde Phasen

Erkrankung oder besondere Bedürfnisse eines Kindes, sehr kleine Kinder, schwierige Lebensumstände oder Krisen erhöhen die Anforderungsseite deutlich.

Der Kern

Die Erschöpfung ist das Signal, nicht der Vorwurf

Eltern-Burnout entsteht nicht, weil jemand ein schlechter Elternteil ist, sondern weil über zu lange Zeit zu viel auf der einen und zu wenig auf der anderen Seite der Waage lag. Die gute Nachricht: Eine Waage lässt sich wieder ins Gleichgewicht bringen, an beiden Seiten.

Drei Schritte, die du diese Woche gehen kannst

1

Gib dem Zustand einen Namen, ohne dich zu verurteilen

Sich einzugestehen „Ich bin als Elternteil erschöpft, und das ist ein bekannter, ernstzunehmender Zustand" nimmt der Scham die Kraft. Es ist kein Versagen, sondern ein Signal, das Hilfe verdient.

2

Such eine konkrete Entlastung in dieser Woche

Eine einzige verlässliche Auszeit, ein Gespräch mit dem Partner über die Lastenverteilung, eine angenommene Hilfe. Kleine Schritte auf der Ressourcenseite zählen.

3

Hol dir fachliche Einordnung

Sprich mit einer Ärztin, einem Arzt oder einer psychotherapeutischen Stelle. Das kann helfen, Eltern-Burnout von einer Depression zu unterscheiden und passende Schritte zu finden. Bei akuter Belastung gilt der Sicherheitshinweis unten.

Sicherheitshinweis · Wann sofort Hilfe

Wenn Gedanken auftauchen, dir selbst oder deinem Kind etwas anzutun, wenn du das Gefühl hast, die Kontrolle zu verlieren, oder wenn das Wohl deines Kindes gefährdet sein könnte, ist das ein Notfall, der sofortige Hilfe braucht. In Deutschland erreichst du die TelefonSeelsorge rund um die Uhr und kostenlos unter 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222. Bei akuter Gefahr wähle den Notruf 112. Sich Hilfe zu holen ist ein Zeichen von Verantwortung und Fürsorge, nicht von Versagen.

Häufige Fragen zu Eltern- und Mama-Burnout

Was ist Eltern-Burnout (parental burnout)?

Eltern-Burnout ist ein eigenständiges Erschöpfungssyndrom, das aus anhaltendem chronischem Stress in der Elternrolle entsteht. Die Forschungsgruppe um Isabelle Roskam und Moïra Mikolajczak an der UCLouvain hat das Konstrukt induktiv aus den Schilderungen betroffener Eltern (re)konstruiert (Roskam 2018 in Frontiers in Psychology). Es umfasst eine überwältigende Erschöpfung in der Elternrolle, ein emotionales Distanzieren von den Kindern, einen Kontrast zum früheren elterlichen Selbst und einen Verlust der elterlichen Erfüllung. Wichtig: Es bezieht sich speziell auf die Elternrolle und unterscheidet sich darin von einer Depression und vom Job-Burnout.

Was sind die Symptome von Mama-Burnout?

Die Kernmerkmale sind: erstens eine tiefe, überwältigende Erschöpfung, die speziell mit dem Elternsein zusammenhängt. Zweitens eine emotionale Distanzierung vom Kind, bei der man im Alltag noch funktioniert, aber innerlich abwesend ist. Drittens ein Kontrast zum früheren Elternteil und der Verlust der Freude und Erfüllung. Hinzu kommen oft Reizbarkeit, Schuldgefühle, Scham und Schlafprobleme. In der Netzwerkanalyse von Blanchard 2021 in Child Abuse & Neglect zeigte sich die emotionale Distanz als besonders zentraler Mechanismus.

Ist Eltern-Burnout dasselbe wie eine Depression?

Nein, nach dem Forschungsstand ist es nicht dasselbe, auch wenn es Überschneidungen gibt. Der entscheidende Unterschied ist der Fokus: Eltern-Burnout ist rollenspezifisch und bezieht sich auf das Elternsein. Eine betroffene Person kann sich in der Elternrolle ausgelaugt fühlen und in anderen Bereichen noch Freude empfinden. Eine Depression dagegen färbt typischerweise alle Lebensbereiche ein. Beides kann zusammen auftreten, deshalb ist eine fachliche Abklärung wichtig. Dieser Text ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Untersuchung.

Was unterscheidet Eltern-Burnout vom Job-Burnout?

Obwohl beide das Wort Burnout tragen, sind sie nur schwach miteinander verknüpft. Mikolajczak, Gross und Roskam beschreiben 2021 in Trends in Cognitive Sciences Eltern-Burnout als eigenes Syndrom, das durch eine wahrgenommene Lücke zwischen Anforderungen und Ressourcen der Elternschaft entsteht. Die Folgen unterscheiden sich: Mikolajczak 2018 in Child Abuse & Neglect fand einen spezifischen Zusammenhang mit kindbezogenen Folgen sowie mit Flucht- und Suizidgedanken, der über Job-Burnout hinausgeht. Auch biologisch zeigt sich ein Unterschied: Brianda 2020 fand bei Eltern mit Eltern-Burnout deutlich erhöhte Haar-Cortisol-Werte.

Wie entsteht Eltern-Burnout? Das Modell aus Risiken und Ressourcen

Das in Mikolajczak 2021 (Trends in Cognitive Sciences) beschriebene Modell sieht Eltern-Burnout als Ergebnis eines dauerhaften Ungleichgewichts: Wenn die Anforderungen der Elternschaft die verfügbaren Ressourcen über längere Zeit übersteigen, kann sich Eltern-Burnout entwickeln. Auf der Risikoseite stehen unter anderem hoher Perfektionismus, fehlende Unterstützung und belastende Umstände. Auf der Ressourcenseite stehen Unterstützung, Erholung, Emotionsregulation und realistische Erwartungen. Roskam 2021 zeigte in einer 42-Länder-Studie zudem, dass individualistische westliche Kulturen mit höheren Raten einhergehen.

Bedeutet emotionale Distanz zum Kind, dass ich versage?

Nein. Emotionale Distanz und Überforderung sind nach dem Forschungsstand Symptome eines Erschöpfungszustands, kein Zeichen von Versagen oder fehlender Liebe. Eltern-Burnout entsteht aus einem Ungleichgewicht zwischen Belastung und Ressourcen, das jeden treffen kann, der über lange Zeit zu viel trägt. Gerade engagierte und perfektionistische Eltern sind betroffen. Die emotionale Distanzierung ist ein Schutzmechanismus des erschöpften Systems, kein Charakterfehler. Wenn jedoch Gedanken auftauchen, dem Kind oder sich selbst etwas anzutun, ist das ein Notfall, der sofortige Hilfe braucht (0800 111 0 111, im Notfall 112).

Was kann bei Eltern-Burnout helfen?

Da Eltern-Burnout aus einem Ungleichgewicht zwischen Anforderungen und Ressourcen entsteht (Mikolajczak 2021), setzt Hilfe an beiden Seiten an: Belastungen verringern und Ressourcen auffüllen. Konkret kann das bedeuten: den Anspruch an die perfekte Mutter oder den perfekten Vater senken, Unterstützung organisieren und annehmen, Erholung und Schlaf schützen, die Stress- und Emotionsregulation stärken und sich fachliche Begleitung suchen. Eine psychotherapeutische oder ärztliche Begleitung kann die Lage einordnen, eine Depression ausschließen oder mitbehandeln und passende Schritte finden.

Wann sollte ich mir dringend Hilfe holen?

Hol dir Hilfe, wenn die Erschöpfung länger anhält, der Alltag mit den Kindern dauerhaft als Überlastung erlebt wird, du dich emotional weit von deinem Kind entfernt fühlst oder körperliche Beschwerden, Schlafstörungen und Niedergeschlagenheit hinzukommen. Sofortige Hilfe ist nötig, wenn Gedanken auftauchen, dir selbst oder dem Kind etwas anzutun. In Deutschland erreichst du die TelefonSeelsorge rund um die Uhr und kostenlos unter 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222, bei akuter Gefahr den Notruf 112. Sich Hilfe zu holen ist ein Zeichen von Verantwortung, nicht von Versagen.

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SJ
Geschrieben von

Shukri Jarmoukli

Arzt, Integrative Medizin, Klinische Psychoneuroimmunologie · ViveCura Berlin, Skalitzer Straße 137 · Schwerpunkte: Eltern-Burnout als eigenständiges Erschöpfungssyndrom nach der Forschung von Isabelle Roskam und Moïra Mikolajczak (Roskam 2018 in Frontiers in Psychology, Parental Burnout Assessment), die drei Kernmerkmale überwältigende Erschöpfung, emotionale Distanz zum Kind und Verlust der elterlichen Erfüllung, die spezifischen Folgen nach Mikolajczak 2018 in Child Abuse & Neglect, die zentrale Rolle der emotionalen Distanz nach Blanchard 2021, das Modell aus Risiken und Ressourcen und die Abgrenzung zum Job-Burnout nach Mikolajczak 2021 in Trends in Cognitive Sciences, der biologische Korrelat über Haar-Cortisol nach Brianda 2020 in Psychoneuroendocrinology und die kulturelle Dimension nach der 42-Länder-Studie Roskam 2021 in Affective Science. Mein Anliegen ist eine entlastende, evidenzbasierte Einordnung: Erschöpfung und emotionale Distanz sind Symptome eines Ungleichgewichts, kein Versagen, und sie verdienen rechtzeitige, fachlich begleitete Hilfe.

Quellen und weiterführende Literatur

  1. Roskam I, Brianda ME, Mikolajczak M. A Step Forward in the Conceptualization and Measurement of Parental Burnout: The Parental Burnout Assessment (PBA). Front Psychol. 2018;9:758. doi:10.3389/fpsyg.2018.00758 · PMID: 29928239 [Kohorte]
  2. Mikolajczak M, Brianda ME, Avalosse H, Roskam I. Consequences of parental burnout: Its specific effect on child neglect and violence. Child Abuse Negl. 2018;80:134-145. doi:10.1016/j.chiabu.2018.03.025 · PMID: 29604504 [Kohorte]
  3. Mikolajczak M, Gross JJ, Roskam I. Beyond Job Burnout: Parental Burnout! Trends Cogn Sci. 2021;25(5):333-336. doi:10.1016/j.tics.2021.01.012 · PMID: 33714668 [Übersichtsarbeit]
  4. Roskam I, Aguiar J, Akgun E, et al. Parental Burnout Around the Globe: a 42-Country Study. Affect Sci. 2021;2(1):58-79. doi:10.1007/s42761-020-00028-4 · PMID: 33758826 [Kohorte]
  5. Brianda ME, Roskam I, Mikolajczak M. Hair cortisol concentration as a biomarker of parental burnout. Psychoneuroendocrinology. 2020;117:104681. doi:10.1016/j.psyneuen.2020.104681 · PMID: 32417622 [Pathophysiologie]
  6. Blanchard MA, Roskam I, Mikolajczak M, Heeren A. A network approach to parental burnout. Child Abuse Negl. 2020;111:104826. doi:10.1016/j.chiabu.2020.104826 · PMID: 33310372 [Kohorte]
  7. Mikolajczak M, Roskam I. Parental burnout: Moving the focus from children to parents. New Dir Child Adolesc Dev. 2020;2020(174):7-13. doi:10.1002/cad.20376 · PMID: 33084244 [Übersichtsarbeit]
  8. Aunola K, Sorkkila M, Tolvanen A, Tassoul A, Mikolajczak M, Roskam I. Development and validation of the Brief Parental Burnout Scale (BPBs). Psychol Assess. 2021;33(11):1125-1137. doi:10.1037/pas0001064 · PMID: 34516161 [Kohorte]
  9. Evans TR, Roskam I, Stinglhamber F, Mikolajczak M. Burnout across boundaries: Can parental burnout directly or indirectly influence work outcomes? Curr Psychol. 2022. doi:10.1007/s12144-021-02687-3 · PMID: 35095247 [Kohorte]
  10. Mikolajczak M, Roskam I. A Theoretical and Clinical Framework for Parental Burnout: The Balance Between Risks and Resources (BR2). Front Psychol. 2018;9:886. doi:10.3389/fpsyg.2018.00886 · PMID: 29946278 [Kohorte]
Hinweis zur Evidenzlage: Eltern-Burnout (parental burnout) ist als eigenständiges Konstrukt durch die Arbeiten der Forschungsgruppe um Isabelle Roskam und Moïra Mikolajczak gut beschrieben: Roskam 2018 (Konzeptualisierung und Messung, PBA), Mikolajczak 2018 (spezifische Folgen), Blanchard 2021 (Netzwerkanalyse), Brianda 2020 (Haar-Cortisol als biologischer Korrelat), Mikolajczak 2021 (Abgrenzung zum Job-Burnout), Mikolajczak 2018 (theoretisches BR2-Modell aus Risiken und Ressourcen) und Roskam 2021 (42-Länder-Studie, kulturelle Dimension). Limitationen: Ein Großteil der Befunde stammt aus Querschnitts- und Fall-Kontroll-Studien, die Zusammenhänge, aber nicht zwangsläufig Ursache und Wirkung belegen. Die Forschung zur Behandlung von Eltern-Burnout ist jünger und noch in Entwicklung. Der biologische Marker Haar-Cortisol war im Mittel erhöht, aber nicht bei allen Betroffenen, und eignet sich nicht als alleiniges Diagnosekriterium. Die Abgrenzung von Eltern-Burnout zu einer Depression kann im Einzelfall schwierig sein und gehört in fachliche Hände. Dieser Text dient der Information und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Untersuchung, Diagnose oder Behandlung. Bei anhaltender Erschöpfung, ausgeprägter Niedergeschlagenheit oder Gedanken, sich selbst oder dem Kind etwas anzutun, sollte umgehend Hilfe in Anspruch genommen werden (TelefonSeelsorge 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222, im Notfall 112).

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