Shukri Jarmoukli · Arzt und Mentor · Berlin

Heilpflanzen per Infusion: Was die Wissenschaft wirklich zeigt — und was sie nicht zeigt

Pflanzliche Wirkstoffe sind biologisch aktiv und klinisch relevant. Aber es kommt darauf an, welche Substanz, welche Darreichungsform und welche Evidenzlage.

Die Natur hat eine Apotheke. Aber wir müssen ehrlich sein.

Ein großer Teil der modernen Medikamente geht ursprünglich auf Pflanzenstoffe zurück. Aspirin kommt von der Weidenrinde. Morphin aus dem Mohn. Taxol aus der Eibe. Artemisinin gegen Malaria aus Artemisia annua. Diese Substanzen wirken. Stark, messbar, manchmal lebensrettend.

Das bedeutet: Pflanzenmedizin ist keine Esoterik. Biologisch aktive Substanzen aus Pflanzen können auf Zellebene wirken. Studien belegen das. Für manche Anwendungen sehr gut.

Aber es bedeutet auch etwas, das ich dir direkt sagen möchte: Der Wirkstoff, die Darreichungsform und der Applikationsweg entscheiden alles. Eine Studie über oralen Kamillentee ist keine Evidenz für eine Kamille-Infusion ins Blut. Das klingt selbstverständlich. Es ist aber ein Unterschied, der in der Literatur zu pflanzlichen Infusionen regelmäßig verschwimmt.

In diesem Artikel zeige ich dir, was die Studienlage hergibt, bei den Pflanzenstoffen, die wir in der integrativen Medizin einsetzen. Ehrlich. Mit korrekten Studien. Mit klaren Grenzen.

Das Wichtigste vorab Manche pflanzlichen Wirkstoffe haben starke klinische Evidenz für intravenöse Anwendung. Andere haben gute orale Evidenz, aber keine für IV. Wieder andere haben nur schwache oder fehlende Studienlage für beide Wege. Ich werde das unterscheiden, weil es für deine Entscheidung wichtig ist.

Die drei Evidenz-Ebenen in der pflanzlichen Infusionstherapie

Bevor wir einzelne Substanzen besprechen: Es hilft, drei Evidenzebenen zu unterscheiden. Sie sind in der populären Literatur oft vermischt.

Tier 1: starke Evidenz IV-Silibinin bei Knollenblätterpilz-Vergiftung, als anerkannte Notfallbehandlung in der Klinik. Oral: Mariendistel (NAFLD), Artischocke (Leberenzyme), Pfefferminzöl (Reizdarm). Mehrere kontrollierte Studien, reproduzierbare Ergebnisse.
Tier 2: moderate Evidenz Oral: Ginkgo (leichte bis mittelgradige Demenz, schwache Empfehlung in der deutschen S3-Leitlinie), Curcumin (Blutdruck, etwa 2 mmHg), Kamille (Schlafqualität). Effekte real, aber klinisch bescheiden oder methodisch eingeschränkt.
Tier 3: keine IV-Evidenz IV Kamille, IV Melisse, IV Pfefferminze: kein einziger publizierter klinischer Trial. IV Curcumin: nicht zugelassen, Sicherheitsbedenken. IV Glutathion: eine randomisierte Pilotstudie ohne Vorteil gegenüber Placebo. Orale Studien erlauben keine IV-Schlüsse.

1. Mariendistel (Silybum marianum): der Wirkstoff mit der klarsten IV-Indikation

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Silibinin: der Wirkstoff mit einer anerkannten IV-Notfallindikation

IV: anerkannte Notfallindikation Leber, Entgiftung, Zellschutz

Die Mariendistel ist die Pflanze, bei der die intravenöse Gabe am ehesten begründet ist. Der Wirkstoff heißt Silibinin, er ist die Hauptkomponente von Silymarin. Für die intravenöse Form, die als Legalon SIL im Handel ist, gibt es eine klar umrissene, klinisch anerkannte Notfallindikation.

Ich nenne den Namen hier bewusst. Ein Text, der Wirkstoffe verschweigt, schützt niemanden, er nimmt dir nur die Möglichkeit, das Gelesene selbst nachzuprüfen. Wichtig ist der Rahmen drumherum, und der lautet: Legalon SIL ist verschreibungspflichtig, es ist ein Antidot für die Klinik, es wird unter Überwachung gegeben und es hat in einer ambulanten Praxis nichts zu suchen. Weitere Anwendungsgebiete werden in der Fachliteratur diskutiert, dazu äußere ich mich hier öffentlich nicht. Ob so etwas für dich überhaupt eine Rolle spielt, gehört ins ärztliche Gespräch.

Ein Wort zur Klarstellung, weil es lebenswichtig ist: Bei Verdacht auf eine Pilzvergiftung rufst du sofort den Notruf 112 oder den Giftnotruf an und fährst in eine Klinik. Das ist kein Fall für eine Praxis und kein Fall für einen Termin. Jede Stunde zählt. Ich erwähne Silibinin hier nur, weil dieser Notfall zeigt, wie stark ein Pflanzenwirkstoff sein kann.
IV Silibinin bei Knollenblätterpilz-Vergiftung

Bei der Vergiftung mit dem Knollenblätterpilz (Amanita phalloides) wird intravenöses Silibinin (Legalon SIL) klinisch eingesetzt. Die Behandlung gehört ausschließlich in die Notaufnahme. Als Mechanismus wird diskutiert, dass Silibinin Aufnahmetransporter der Leberzelle blockieren kann, darunter OATP1B3, über den α-Amanitin in die Zelle gelangt. Damit könnte der Kreislauf des Gifts zwischen Darm und Leber unterbrochen werden.

Wie belastbar ist das? Kontrollierte Studien gibt es aus ethischen Gründen nicht, bei einer lebensbedrohlichen Vergiftung lässt sich keine Placebo-Gruppe bilden. Eine Auswertung von knapp 1.500 dokumentierten Fällen berichtet unter Silibinin eine Sterblichkeit unter 10 Prozent, gegenüber über 20 Prozent unter Penicillin. Diese Arbeit stammt von Autoren mit Herstellerbezug, das gehört dazugesagt. Eine unabhängige Zehn-Jahres-Auswertung kalifornischer Giftnotrufdaten fand dagegen keinen Vorteil, was die Autoren damit erklären, dass gerade die am schwersten Vergifteten das Mittel bekommen. Anerkannt ist die Anwendung also. Im strengen Sinn bewiesen ist sie nicht.

Mengs U, Pohl RT, Mitchell T. Legalon SIL: the antidote of choice in patients with acute hepatotoxicity from amatoxin poisoning. Curr Pharm Biotechnol. 2012;13(10):1964–1970. DOI: 10.2174/138920112802273353. Albertson TE et al. Clin Toxicol (Phila). 2023;61(11):974–981. DOI: 10.1080/15563650.2023.2276674. Metadaten über PubMed geprüft.
Was zu einem Wirkstoffnamen dazugehört: Legalon SIL ist verschreibungspflichtig und in mehreren Ländern nicht einmal verfügbar. Wie bei jeder Infusion sind Überempfindlichkeitsreaktionen möglich, und Mariendistel gehört zu den Korbblütlern, eine Allergie gegen diese Pflanzenfamilie ist deshalb relevant. Zu Dosierungen äußere ich mich hier bewusst nicht. Die legt im Ernstfall das behandelnde Klinikteam fest, nach Gewicht, Verlauf und Laborwerten.
Was in der populären Literatur oft überzogen wird

Zu intravenösem Silibinin existiert eine kleine, offene Dosisfindungsstudie aus dem Jahr 2008 mit 36 Patienten, die einen antiviralen Effekt bei chronischer Hepatitis C nahelegt. Eine Kontrollgruppe gab es nicht, der stärkste Effekt stammt aus einer Untergruppe von neun Patienten. Diese Untersuchung stammt aus der Zeit vor den heutigen direkt antiviralen Medikamenten, mit denen eine Hepatitis C in aller Regel ausheilen kann. Als Behandlungsoption spielt Silibinin dabei heute keine Rolle mehr. In der bisher größten Untersuchung zu oralem Silymarin bei Hepatitis C (Fried MW et al. 2012, JAMA, n=154) zeigte sich ebenfalls kein Vorteil gegenüber Placebo. Ein endgültiger Beweis der Wirkungslosigkeit ist eine einzelne Studie damit nicht.

Für die tägliche Praxis: Eine Metaanalyse mit 55 randomisierten Studien und 3.545 Patienten fand für orales Silymarin eine Senkung von AST und ALT, am ehesten bei Fettleber und viraler Hepatitis. Bei medikamenten- und alkoholbedingtem Leberschaden zeigte sich dagegen kein signifikanter Effekt, ebenso wenig bei einem BMI ab 30. Ein Cochrane-Review von 2025 mit 17 randomisierten Studien und 2.069 Teilnehmern kommt zurückhaltender zu dem Schluss, dass Nutzen und Schaden bislang unklar bleiben, bei niedriger bis sehr niedriger Vertrauenswürdigkeit der Evidenz. Beides gehört nebeneinander gestellt.

2. Artischocke (Cynara scolymus): gut für Leber und Fettstoffwechsel, aber kein IV-Kandidat

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Artischockenextrakt: orale Evidenz, kein IV-Nutzen belegt

Oral: Moderate Evidenz IV: Keine Studien

Artischockenextrakt ist eine der am besten untersuchten Leberpflanzen in der Phytotherapie. Ihre Bitterstoffe, vor allem Cynarin und Luteolin, können die Gallensekretion anregen, den Fettstoffwechsel der Leber günstig beeinflussen und Leberzellen vor oxidativem Stress schützen. Genau deshalb ist Vorsicht geboten, wenn Gallensteine bekannt sind oder die Gallenwege verengt sind. Eine gesteigerte Gallensekretion kann dann eine Kolik auslösen. In dem Fall gehört Artischocke nicht in die Selbstmedikation. Bei einer Allergie gegen Korbblütler ist sie ebenfalls nicht geeignet.

Netzwerk-Metaanalyse Leberenzyme 2024

Liu und Kollegen analysierten 2024 37 RCTs mit 2.509 Patienten zu natürlichen Substanzen und Leberenzymen bei NAFLD. Artischockenextrakt belegte Platz 1 für die AST-Reduktion (SUCRA 99,1 %) unter sieben verglichenen Naturstoffen.

Liu H et al. Effects of different natural products in patients with non-alcoholic fatty liver disease. A network meta-analysis of randomized controlled trials. Phytother Res. 2024;38(7):3801–3824. DOI: 10.1002/ptr.8182
Cholesterin-Metaanalyse 9 RCTs

Sahebkar et al. analysierten 9 RCTs mit 702 Patienten. Gesamtcholesterin sank um etwa 17,6 mg/dL (ca. 6 bis 7 %), LDL um etwa 14,9 mg/dL (ca. 8 bis 11 %). Moderate, statistisch signifikante Effekte, aber keine dramatischen Reduktionen.

Sahebkar A et al. Lipid-lowering activity of artichoke extracts: A systematic review and meta-analysis. Crit Rev Food Sci Nutr. 2018;58(15):2549–2556. DOI: 10.1080/10408398.2017.1332572
Eine Anmerkung zur Sorgfalt: Die Arbeit von Saller und Kollegen aus dem Jahr 2002 wird oft für Artischocke zitiert. Sie behandelt aber Iberogast (STW 5), ein Neun-Kräuter-Kombinationspräparat ohne Artischocke. Solche Verwechslungen sind in der Phytoliteratur häufig.
Die Reihenfolge, die vor allem anderen steht: Erhöhte Leberwerte sind keine Diagnose, sondern ein Abklärungsauftrag. Virushepatitis, Autoimmunprozesse, Eisenspeicherkrankheit, Alkohol und Medikamente müssen zuerst vom Tisch. Erst danach ist die Frage sinnvoll, ob Artischocke oder Mariendistel begleitend etwas beitragen können. Ein Pflanzenextrakt ist keine Antwort auf einen unabgeklärten Laborbefund.

Für die Praxis: Oraler Artischockenextrakt wird in der Phytotherapie traditionell bei Völlegefühl und Verdauungsbeschwerden eingesetzt. Studien deuten darauf hin, dass er Leberwerte günstig beeinflussen kann. Das ersetzt keine Diagnose und ist kein Arzneimittel gegen eine Lebererkrankung. Intravenöse Artischocke wurde in keiner kontrollierten Studie untersucht.

3. Ginkgo biloba (EGb 761): starke Mechanismen, gemischte Studienlage

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EGb 761: in der deutschen Leitlinie verankert, IV-Form kaum verfügbar

Oral: Moderate Evidenz IV: Historisch, nicht mehr Standard

Ginkgo biloba ist der meistuntersuchte pflanzliche Wirkstoff in der Neurologie. Für das standardisierte Extrakt EGb 761 wird beschrieben, dass es die zerebrale Mikrozirkulation verbessern, den Blutplättchenaktivierungsfaktor (PAF) hemmen und neuroprotektiv wirken kann. Das sind überwiegend Befunde aus Labor- und Tiermodellen.

Ein Wort zum Namen, weil dir Umschreibungen hier nichts nützen. EGb 761 ist keine Marke, sondern die Kennung eines genau definierten Trockenextrakts mit festgelegtem Gehalt an Flavonoiden und Terpenlactonen. In Deutschland ist er vor allem als Tebonin im Handel, dazu kommen Generika mit demselben Extrakt. Ich schreibe das hin, weil „Ginkgo“ im Regal fast alles bedeuten kann, vom beliebigen Nahrungsergänzungsmittel bis zum zugelassenen Arzneimittel, und weil sich die Studien, um die es gleich geht, ausschließlich auf diesen einen standardisierten Extrakt beziehen. Übertrage die Ergebnisse also nicht auf irgendein Ginkgo-Produkt.

Zum Status: Diese Präparate sind zugelassene Arzneimittel und apothekenpflichtig, aber nicht verschreibungspflichtig. Weil sie rezeptfrei sind, übernimmt die gesetzliche Krankenkasse die Kosten bei Erwachsenen in aller Regel nicht. Rezeptfrei heißt allerdings nicht harmlos, dazu gleich der Kasten weiter unten.

Deutsche S3-Leitlinie Demenzen 2023, Empfehlung zu EGb 761

Die aktuelle S3-Leitlinie Demenzen von DGPPN und DGN schlägt vor, EGb 761 in einer Dosis von 240 mg täglich zur Behandlung von Kognition und Alltagsfunktionen bei leichter bis mittelgradiger Alzheimer-Demenz oder vaskulärer Demenz mit nicht psychotischen Verhaltenssymptomen einzusetzen. Der Empfehlungsgrad lautet „schwach dafür", die Vertrauenswürdigkeit der Evidenz wird als moderat eingestuft. Eine schwache Empfehlung heißt: es ist eine Option, kein Standard, und der Effekt ist begrenzt.

S3-Leitlinie Demenzen. DGPPN und DGN. Version 4.0, Stand 28.11.2023. AWMF-Register Nr. 038-013, Empfehlung 65.
Cochrane Review Tinnitus 2022

Ein Cochrane-Review von 2022 schloss 12 Studien mit 1.915 Teilnehmern zu Ginkgo biloba ein, in verschiedenen Zubereitungen, nicht speziell zu EGb 761. Für das Kernergebnis zur Tinnitus-Belastung ließen sich nur zwei Studien mit 85 Teilnehmern zusammenfassen. Ein Vorteil gegenüber Placebo zeigte sich dort nicht, die Autorinnen und Autoren stufen die Aussagekraft aber als sehr unsicher ein.

Sereda M et al. Ginkgo biloba for tinnitus. Cochrane Database Syst Rev. 2022;11(11):CD013514. DOI: 10.1002/14651858.CD013514.pub2
Wichtig, bevor du Ginkgo auf eigene Faust nimmst: Ginkgo kann die Blutgerinnung beeinflussen. Wenn du Blutverdünner oder ASS nimmst, eine Operation ansteht oder du zu Blutungen neigst, gehört das vorher besprochen. In einer im Leitlinien-Kontext ausgewerteten Metaanalyse zu Gerinnungsparametern fand sich zwar kein Hinweis auf ein erhöhtes Blutungsrisiko, in Fachinformationen und Einzelfallberichten wird dennoch zur Vorsicht gemahnt. Eine Übersichtsarbeit, die kontrollierte Studien und Fallberichte nebeneinander gestellt hat, kam zu dem Schluss, dass EGb 761 die Gerinnung in den kontrollierten Untersuchungen nicht messbar beeinflusst hat, ein seltenes Einzelfall-Ereignis sich damit aber nicht ausschließen lässt. Berichtet werden außerdem Kopfschmerzen, Magen-Darm-Beschwerden, Schwindel und allergische Hautreaktionen. In der zusammengefassten Auswertung der Zulassungsstudien unterschieden sich Nebenwirkungen und Abbruchraten nicht auffällig von Placebo, an dieser Analyse war allerdings der Hersteller beteiligt. Bei einer nicht abgeklärten Gedächtnisstörung gilt außerdem: erst Diagnostik, dann Therapie. Und ob ein Ginkgo-Präparat für dich passt, gehört ins ärztliche Gespräch und nicht ins Regal.

Zur IV-Form: Die frühere deutsche Injektionsformulierung ist nicht mehr im regulären Handel. In China werden Ginkgo-Injektionen bei Schlaganfall eingesetzt, aber die Studienqualität ist insgesamt schwach.

4. Curcumin (Kurkuma): Entzündungshemmer mit wichtigen Einschränkungen

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Curcumin: bescheidene, aber reale Effekte oral, kritische IV-Sicherheitsfragen

Oral: Moderate Evidenz IV: Nur investigational, Sicherheitsbedenken

Curcumin ist als Entzündungshemmer biologisch aktiv. Das zeigen In-vitro-Daten und präklinische Studien konsistent. Im Labor kann es NF-κB hemmen, Zytokine modulieren und antioxidativ wirken. Das sind Laborbefunde, keine Aussagen darüber, was in deinem Körper passiert.

Dosis-Wirkungs-Metaanalyse Blutdruck und Gefäßfunktion 2024

Dehzad und Kollegen analysierten 35 RCTs. Systolischer Blutdruck sank um −2,02 mmHg (95%-KI −2,85 bis −1,18), diastolisch um −0,82 mmHg. Statistisch signifikant, aber klinisch bescheiden. Eine 5-mmHg-Reduktion gilt als klinische Schwelle. Die Autoren selbst formulieren im Titel, dass Curcumin Blutdruck und Gefäßfunktion verbessern könnte.

Dehzad MJ et al. Curcumin/turmeric supplementation could improve blood pressure and endothelial function: A grade-assessed systematic review and dose-response meta-analysis of randomized controlled trials. Clin Nutr ESPEN. 2024;59:194–207. DOI: 10.1016/j.clnesp.2023.12.009
IV Curcumin: ein Todesfall und Sicherheitsbedenken. Die FDA untersuchte 2017 einen Todesfall nach IV-Curcumin-Infusion bei einer 30-jährigen Patientin, vermutlich durch den Emulgator PEG 40 Castor Oil. Für intravenöses Curcumin gibt es bislang keine Zulassung. Ich verwende es deshalb nicht. Wer es anders bewertet, muss das für sich begründen. Ich beschreibe hier nur meinen eigenen Maßstab.

Was funktioniert bei Curcumin? Orale hochbiodisponible Formulierungen (liposomal, mizellar, mit Piperin) erzielen höhere Plasmaspiegel. Für entzündliche Zustände und metabolisches Syndrom kann orales Curcumin eine sinnvolle Ergänzung sein.

Ein Hinweis, der oft fehlt: Gerade die hochbioverfügbaren Curcumin-Präparate stehen in Einzelfallberichten im Verdacht, die Leberwerte zu belasten. Piperin kann außerdem den Abbau anderer Medikamente über CYP3A4 und P-Glykoprotein hemmen, deren Spiegel können dann steigen. Bei bekannten Gallensteinen oder einem Verschluss der Gallenwege ist Curcumin nicht geeignet. Wenn du regelmäßig Medikamente nimmst, gehört das vorher besprochen.

5. Polyphenole, Resveratrol und EGCG: interessante Grundlagenforschung, schwache Klinik

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Resveratrol und EGCG: biochemisch faszinierend, klinisch wenig robust

Oral: Schwache Evidenz IV: Keine Studien

Resveratrol kann im Labor Sirtuine beeinflussen, also Enzyme, die im Zellstoffwechsel eine Rolle spielen. Ob das beim Menschen etwas bewirkt, ist offen und wird kontrovers diskutiert. EGCG aus grünem Tee kann in Zellversuchen Entzündungswege dämpfen. Beides sind Laborbefunde, keine Aussagen über deinen Körper. Am Menschen sind die Effekte deutlich bescheidener.

Wichtiger Befund: EGCG ist möglicherweise nicht der aktive Gefäßwirkstoff im Tee

Lorenz und Kollegen untersuchten 50 gesunde Männer in einer randomisierten Crossover-Studie: Grüner Tee verbesserte die flussvermittelte Vasodilatation signifikant, isoliertes EGCG in gleicher Dosis von 200 mg dagegen nicht. Hoch dosiertes EGCG aus Extrakten wird zudem mit Leberschäden in Verbindung gebracht.

Lorenz M et al. Tea-induced improvement of endothelial function in humans: No role for epigallocatechin gallate (EGCG). Sci Rep. 2017;7(1):2279. DOI: 10.1038/s41598-017-02384-x

Keine klinische Studie hat IV-Polyphenole für kardiovaskuläre Endpunkte untersucht. Polyphenolreiche Ernährung hat konsistente epidemiologische Assoziationen mit Gefäßgesundheit. Die Mechanismen sind aber wahrscheinlich komplexer als der isolierte Einzelwirkstoff per Infusion.

6. Kamille, Melisse, Pfefferminze: wirkungsvolle Pflanzen, oft falsch eingeordnet

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Beruhigende Kräuter: oral gut belegt, aber niemals als IV untersucht

Oral/Tee: Moderate Evidenz IV: Nicht existent

Hier ist Klarheit besonders wichtig: Das Wort „Infusion" bedeutet im Deutschen sowohl „Kräutertee" als auch „intravenöse Infusion". Das sind zwei vollständig verschiedene medizinische Realitäten.

Zentrales Missverständnis aufgelöst

Alle klinischen Studien zu Kamille, Melisse und Pfefferminze verwenden orale Applikation. Es existiert keine einzige publizierte klinische Studie zur intravenösen Gabe dieser Kräuter beim Menschen. Für Pfefferminzöl gibt es einen Fallbericht über akuten Lungenschaden nach intravenöser Injektion. Orale Evidenz darf nicht auf IV-Therapie extrapoliert werden.

Orale Evidenz: was Studien zeigen

  • Pfefferminzöl (magensaftresistente Kapseln, oral): In dieser Gruppe die beste Datenlage. In einer Metaanalyse mit 9 Studien und 726 Patienten verbesserte sich in der Auswertung von 5 Studien mit 392 Patienten die Gesamtsymptomatik deutlich häufiger als unter Placebo (RR 2,23; 95%-KI 1,78 bis 2,81). Unerwünschte Ereignisse traten dabei häufiger auf als unter Placebo, am häufigsten Sodbrennen. Für Säuglinge und Kleinkinder ist Pfefferminzöl im Gesichts- und Nasenbereich wegen der Gefahr eines Stimmritzenkrampfs nicht geeignet.
  • Kamille (oral): In einer Metaanalyse von 12 RCTs zeigte sich für die Schlafqualität eine standardisierte Mittelwertdifferenz von −0,73 (95%-KI −1,23 bis −0,23). Auf die Schwere einer Insomnie zeigte sich in der einzigen dazu ausgewerteten Studie kein signifikanter Effekt.
  • Melisse (oral): Für Melisse ist die Studienlage beim Menschen zu dünn, als dass ich hier belastbare Zahlen nennen könnte. Ich lasse sie deshalb weg.
  • Spearmint und Pfefferminze sind nicht dasselbe: Anti-androgene Effekte werden für Spearmint (Mentha spicata) beschrieben, nicht für Pfefferminze (Mentha piperita). Die Daten dazu stammen aus kleinen Studien.

7. Was das für die Praxis bedeutet: mein Ansatz bei ViveCura

Meine Arbeit in der integrativen Medizin verbindet Phytotherapie mit Orthomolekularer Medizin, also biologisch aktive Pflanzenwirkstoffe kombiniert mit Mikronährstoffen wie Vitamin C, Glutathion, Magnesium oder gezielten Aminosäuren.

Ein Muster, das ich häufig sehe

Anhaltende Erschöpfung nach einem durchgemachten Infekt, dazu leicht erhöhte Leberwerte. Bevor irgendetwas gegeben wird, steht die Abklärung. Erst wenn klar ist, woher die Werte kommen, ergibt eine gezielte Begleitung überhaupt Sinn. Über Verläufe einzelner Patientinnen und Patienten schreibe ich hier bewusst nicht.

"Nicht jede Pflanze gehört in eine Infusion. Aber manche tun es, und dann mit klarer Begründung, nicht aus Tradition."

Intravenös setze ich nur wenig ein, und ich sage offen, wie dünn die Datenlage teilweise ist. Für IV-Vitamin C und IV-Glutathion gibt es bislang keine belastbaren klinischen Studien, die einen Nutzen bei den Beschwerden belegen, um die es hier geht. Ich verwende sie deshalb zurückhaltend, im Einzelfall und nach Abwägung, nicht als Standard und nicht als Kur. Auch diese Infusionen sind nicht risikofrei: bei hoch dosiertem Vitamin C sind unter anderem eine Hämolyse bei G6PD-Mangel, Oxalat-Belastung der Niere und verfälschte Blutzuckermessungen beschrieben, IV-Glutathion ist ein Rezepturarzneimittel ohne Zulassung und ohne Sicherheitsdaten für eine Dauergabe. Die klassischen Kräuter, also Mariendistel, Artischocke und Ginkgo, wende ich überwiegend oral an, wo die Evidenz am stärksten ist.

8. Übersicht: Was die Evidenz wirklich zeigt

Wirkstoff Beste Evidenz IV-Status Klinische Relevanz
Silibinin (Mariendistel) Oral (Leberwerte bei Fettleber), IV (Knollenblätterpilz-Vergiftung) IV: anerkannte Notfallindikation in der Klinik (Legalon SIL, verschreibungspflichtig) Oral moderat, IV nur im Notfall
Artischockenextrakt Oral (Leberwerte, Cholesterin, Verdauungsbeschwerden) IV: Keine Studien Gut oral, kein IV-Weg
Ginkgo EGb 761 Oral (leichte bis mittelgradige Demenz, schwache Leitlinien-Empfehlung), Extrakt EGb 761, z. B. Tebonin, apothekenpflichtig, nicht verschreibungspflichtig IV: Historisch, kaum verfügbar Moderat für Kognition oral
Curcumin Oral (Blutdruck −2 mmHg, Entzündung) IV: Investigational, Todesfall bekannt Gering-moderat oral
Resveratrol Humandaten dünn, keine belastbaren Zahlen IV: Keine Studien Unklar
EGCG (Grüner Tee) Oral (fraglich, ob EGCG der aktive Stoff ist) IV: Keine Studien Unklar, hoch dosiert Leberrisiko
Pfefferminzöl Oral (Reizdarm, Metaanalyse aus 9 RCTs) IV: Fallbericht akute Lungenschädigung Hoch oral, nie IV
Kamille Oral (Schlaf: moderate Evidenz) IV: Keine Studien Gering-moderat oral
Melisse Humandaten dünn IV: Keine Studien Unklar

9. Ein ehrliches Schlusswort zur Pflanzenmedizin

Pflanzen wirken. Das ist keine Frage. Aspirin, Morphin, Digitalis, Chinin: die Geschichte der Medizin ist auch die Geschichte von Substanzen, die zuerst in Pflanzen gefunden und dann verstanden wurden.

Aber nicht jede Pflanze gehört in eine Vene. Und wenn das Wort Infusion für einen Kräutertee verwendet wird, beschreibt es etwas anderes als eine Infusion in die Vene. Diese Unterscheidung schützt Patientinnen und Patienten. Sie stärkt langfristig auch das Vertrauen in die Möglichkeiten integrativer Medizin.

Was ich in meiner Sprechstunde beobachte: Pflanzenwirkstoffe, orthomolekulare Mikronährstoffe und ein individualisierter diagnostischer Ansatz können etwas bewegen, wenn sie begründet, kombiniert und begleitet werden. Eine Erfolgsquote ist das nicht, es ist eine Beobachtung. Das ist das Handwerk integrativer Medizin.

Wenn du nicht nur lesen, sondern deine eigene Situation einordnen lassen willst: In einem Gespräch schauen wir gemeinsam, ob und welcher Weg für dich überhaupt sinnvoll ist, auf Basis von Diagnostik, nicht von Routine. Unterhalb dieses Artikels findest du die Möglichkeit, einen Termin zu buchen.

Wichtige Sicherheitshinweise Alle hier besprochenen Pflanzenstoffe sind pharmakologisch aktiv. Für Schwangerschaft und Stillzeit, für Kinder und Jugendliche und bei eingeschränkter Nieren- oder Leberfunktion fehlen für die meisten dieser Substanzen belastbare Sicherheitsdaten. Nimm sie in diesen Situationen nicht auf eigene Faust. Wenn du regelmäßig Medikamente einnimmst, sind Wechselwirkungen möglich, das gehört vorher besprochen. Bei Verdacht auf eine Vergiftung oder bei Zeichen einer Leberschädigung wie Gelbfärbung von Haut oder Augen, dunklem Urin oder starken Oberbauchschmerzen wählst du den Notruf 112 oder fährst umgehend in eine Notaufnahme.

Quellen

  1. Ferenci P et al. Silibinin is a potent antiviral agent in patients with chronic hepatitis C not responding to pegylated interferon/ribavirin therapy. Gastroenterology. 2008;135(5):1561–1567. Offene Dosisfindungsstudie ohne Kontrollgruppe. DOI: 10.1053/j.gastro.2008.07.072
  2. Fried MW et al. Effect of silymarin (milk thistle) on liver disease in patients with chronic hepatitis C unsuccessfully treated with interferon therapy. JAMA. 2012;308(3):274–282. DOI: 10.1001/jama.2012.8265
  3. Shahsavari K et al. Are alterations needed in Silybum marianum (Silymarin) administration practices? A novel outlook and meta-analysis on randomized trials targeting liver injury. BMC Complement Med Ther. 2025;25(1):134. DOI: 10.1186/s12906-025-04886-y
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  7. Sereda M et al. Ginkgo biloba for tinnitus. Cochrane Database Syst Rev. 2022;11(11):CD013514. DOI: 10.1002/14651858.CD013514.pub2
  8. Mengs U, Pohl RT, Mitchell T. Legalon SIL: the antidote of choice in patients with acute hepatotoxicity from amatoxin poisoning. Curr Pharm Biotechnol. 2012;13(10):1964–1970. Autoren mit Herstellerbezug. DOI: 10.2174/138920112802273353
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  10. Gauthier S, Schlaefke S. Efficacy and tolerability of Ginkgo biloba extract EGb 761 in dementia: a systematic review and meta-analysis of randomized placebo-controlled trials. Clin Interv Aging. 2014;9:2065–2077. Co-Autorin beim Hersteller. DOI: 10.2147/CIA.S72728
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  12. Dehzad MJ et al. Curcumin/turmeric supplementation could improve blood pressure and endothelial function: A grade-assessed systematic review and dose-response meta-analysis of randomized controlled trials. Clin Nutr ESPEN. 2024;59:194–207. DOI: 10.1016/j.clnesp.2023.12.009
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  17. Hauser RA et al. Randomized, double-blind, pilot evaluation of intravenous glutathione in Parkinson's disease. Mov Disord. 2009;24(7):979–983. DOI: 10.1002/mds.22401
  18. S3-Leitlinie Demenzen. DGPPN und DGN. Version 4.0, Stand 28.11.2023. AWMF-Register Nr. 038-013.

Shukri Jarmoukli | Arzt und Mentor | Berlin
Alle Angaben dienen der Information und ersetzen keine ärztliche Untersuchung, keine Diagnose und keine individuelle Behandlungsempfehlung. Medizinische Entscheidungen über intravenöse Therapien bedürfen immer einer individuellen ärztlichen Beurteilung. In einem Notfall wählst du den Notruf 112.

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