Ketamin bei Depression: Wann es eine Option sein kann und wann nicht
Was die Daten hergeben und was nicht. Ansprechraten realistisch, Risiken benannt. Und die ehrliche Frage, was zu tun ist, wenn Standardtherapien nicht reichen.
Ein Punkt, den du kennen solltest, bevor wir weitergehen. Racemisches Ketamin ist in Deutschland als Narkose- und Schmerzmittel zugelassen, nicht als Antidepressivum. Der Einsatz bei Depression ist ein sogenannter Off-Label-Use. Das heißt, er erfolgt außerhalb der arzneimittelrechtlichen Zulassung, auf ärztliche Verantwortung, nach ausführlicher Aufklärung und mit deiner schriftlichen Einwilligung. Zugelassen ist in Deutschland ein Nasenspray mit dem Wirkstoff Esketamin für bestimmte Fälle therapieresistenter Depression. Was du hier liest, ist Information zum Stand der Forschung. Es ist keine Werbung für ein zugelassenes Verfahren und keine Behandlungsempfehlung für deinen Einzelfall. Die Kosten einer solchen Behandlung tragen Patientinnen und Patienten in der Regel selbst, gesetzliche Kassen übernehmen sie üblicherweise nicht.
1. Wann wird eine Depression als therapieresistent bezeichnet?
Wenn du in einer Klinik oder Praxis das Wort therapieresistente Depression hörst, ist es kein Urteil über deine Schuld oder dein Engagement. Es ist eine technische Definition. Eine Depression gilt dann als therapieresistent, wenn mindestens zwei verschiedene Antidepressiva in ausreichender Dosis und über ausreichende Dauer (typischerweise jeweils sechs bis acht Wochen) nicht zu einer wesentlichen Besserung geführt haben.
Therapieresistenz heißt nicht, dass es keine Hoffnung gibt. Sie beschreibt die Gruppe, für die in den letzten 20 Jahren am meisten zu Ketamin geforscht wurde. Wer in diese Kategorie fällt, hat oft jahrelang versucht und sich angestrengt. Es heißt auch: es gibt weitere Wege, und Ketamin ist nur einer davon.
Die Zahl der Menschen, auf die diese Definition zutrifft, ist relevant. Nach der größten Verlaufsstudie zu diesem Thema erreichte unter dem ersten Antidepressivum nur etwa ein Drittel der Behandelten eine vollständige Rückbildung der Beschwerden. Im zweiten Schritt war es noch einmal knapp ein Drittel der Verbliebenen, danach deutlich weniger. Ein großer Teil bleibt also auch nach zwei Versuchen ohne ausreichende Besserung. Diese Gruppe ist gemeint, wenn von Therapieresistenz gesprochen wird.
Quelle: Rush AJ et al., STAR*D-Report, Am J Psychiatry 2006;163(11):1905-1917.
2. Wie wirkt Ketamin im depressiven Gehirn?
Bei schwerer Depression könnte die Dichte synaptischer Verbindungen abnehmen, besonders im präfrontalen Kortex. Hinweise darauf kommen aus Gewebeuntersuchungen und aus Tiermodellen. Beim lebenden Menschen ist das schwer direkt zu messen. Es bleibt also eine gut begründete Annahme und kein gesicherter Befund. Betroffen wäre der Teil des Gehirns, der für Perspektive, Entscheidung und emotionale Regulation zuständig ist. Klassische Antidepressiva greifen über Wochen in den Serotonin-Stoffwechsel ein. Wie genau daraus die antidepressive Wirkung entsteht, ist bis heute nicht abschließend geklärt. Diskutiert werden unter anderem nachgeschaltete neuroplastische Effekte. Ketamin setzt an einer anderen Stelle an.
Li und Kollegen zeigten in Science den Mechanismus erstmals direkt. Ketamin aktiviert über mTOR die Bildung neuer synaptischer Verbindungen im präfrontalen Kortex. Bei depressiven Tiermodellen entstand binnen Stunden nach Ketamin-Gabe ein messbarer Zuwachs an Dendriten und Synapsen.
Li N et al. mTOR-dependent synapse formation underlies the rapid antidepressant effects of NMDA antagonists. Science. 2010;329(5994):959-964. DOI: 10.1126/science.1190287 [In vivo, Ratte, mechanistisch]Krystal und Kollegen fassten 2024 in Neuropsychopharmacology den Stand zusammen. Die antidepressive Wirkung von Ketamin könnte auf einer schnellen Reorganisation glutamaterger Synapsen beruhen, die ein Zeitfenster erhöhter neuronaler Plastizität öffnen kann. Ob sich in diesem Fenster psychotherapeutische Arbeit tiefer verankern lässt, ist eine naheliegende Überlegung. In der Arbeit selbst steht diese Schlussfolgerung so nicht, belegt ist sie nicht.
Krystal JH et al. Ketamine and rapid antidepressant action: new treatments and novel synaptic signaling mechanisms. Neuropsychopharmacology. 2024;49(1):41-50. DOI: 10.1038/s41386-023-01629-w [Mechanismus-Review]3. Ansprechraten realistisch eingeordnet
Es lohnt, die Zahlen klar zu nennen. Sie schwanken je nachdem, wo man hinschaut.
In kontrollierten Studien liegen die Ansprechraten höher, in der Versorgungsrealität niedriger. Die größte Auswertung realer Behandlungsdaten, Alnefeesi und Kollegen 2022 mit 2.665 Patientinnen und Patienten aus 79 Studien, fand rund 45 Prozent Ansprechen und rund 30 Prozent Remission, mit erheblicher Streuung zwischen den Einzelnen. Das ist die Zahl, mit der ich arbeite, wenn ich mit dir realistisch bleiben will. Umgekehrt heißt das: Mehr als die Hälfte spricht nicht oder nicht ausreichend an. Diese Realität gehört in jedes ehrliche Erstgespräch.
Rodolico und Kollegen werteten 2024 in Frontiers in Psychiatry 26 systematische Reviews mit 44 randomisierten Studien und 3.316 Personen aus, zu Ketamin und Esketamin bei uni- und bipolarer Depression. Die Autoren bezeichnen die Behandlung als wirksam und in den ausgewerteten Studien als tolerabel. Im selben Atemzug halten sie fest, dass die methodische Qualität der eingeschlossenen Arbeiten gering ist und die Sicherheit der Schlussfolgerungen entsprechend niedrig. Auch eine Unterscheidung zwischen Ketamin und Esketamin ließen die Daten nicht zu. Das heißt nicht, dass Ketamin nicht wirken kann. Es heißt, dass die Effektgrößen mit Vorsicht zu lesen sind.
Rodolico A et al. Efficacy and safety of ketamine and esketamine for unipolar and bipolar depression. Front Psychiatry. 2024;15:1325399. DOI: 10.3389/fpsyt.2024.1325399 [Übersicht von Meta-Analysen]4. Wirkungsdauer und kumulativer Effekt
Wie lange eine einzelne Infusion nachwirkt, ist von Mensch zu Mensch sehr verschieden. In Studien lag die Zeit bis zum Rückfall bei denen, die überhaupt ansprachen, im Median bei etwa zwei Wochen. Bei manchen ist es deutlich kürzer. Für eine nachhaltige Stabilisierung reicht eine einzelne Gabe deshalb meist nicht. Die üblichen Protokolle arbeiten daher mit einer Serie aus vier bis sechs Sitzungen über zwei bis drei Wochen, gefolgt von einer individuellen Erhaltungsphase.
Shiroma und Kollegen verglichen 2020 in Translational Psychiatry sechs wiederholte Ketamin-Infusionen mit einer einzelnen, gegen Midazolam als aktives Placebo. Im Hauptergebnis fand sich kein signifikanter Vorteil der sechs Gaben gegenüber der einzelnen Gabe. Die Zeit bis zum Rückfall lag bei denen, die ansprachen, im Median bei 6 gegenüber 2 Wochen, dieser Unterschied war statistisch nicht abgesichert. Was du daraus mitnehmen kannst: Eine Serie könnte länger tragen als eine Einzelgabe, bewiesen ist das nicht. Wer dir mehrere stabile Monate in Aussicht stellt, geht über die Daten hinaus.
Shiroma PR et al. Repeated vs single subanesthetic ketamine for treatment-resistant depression. Transl Psychiatry. 2020;10:206. DOI: 10.1038/s41398-020-00897-0 [RCT, doppelblind, aktives Placebo Midazolam, n=54]Ob sich der Effekt mit jeder weiteren Sitzung verlängert, ist offen. Die vorliegenden Daten zeigen vor allem, dass die Wirkung bei Wiederholung nicht nachlässt. Einen sicheren Nachweis, dass mehr Sitzungen automatisch längere Stabilität bedeuten, gibt es nicht. Wie lange die Wirkung nach einer Serie trägt, lässt sich nicht vorhersagen, belastbare Zahlen dazu fehlen. Deshalb entscheiden wir nach jeder Serie neu, gemeinsam und anhand deines Verlaufs, statt einen festen Plan abzuarbeiten.
5. Ketamin bei akuter Suizidalität
Eine besondere Rolle könnte Ketamin in der Akutbehandlung suizidaler Krisen spielen. Hier könnte die Schnelligkeit der Wirkung einen klinischen Wert haben, den klassische Antidepressiva so nicht erreichen. Die Daten dazu sind allerdings differenzierter, als die großen Schlagzeilen vermuten lassen.
Abbar und Kollegen veröffentlichten 2022 im BMJ eine doppelblinde, placebokontrollierte Studie mit 156 Menschen in akuter suizidaler Krise. Am Tag 3 waren 63 Prozent der Ketamin-Gruppe frei von Suizidgedanken, gegenüber 31,6 Prozent unter Placebo. Wichtig ist der zweite Blick. Der Effekt verteilte sich sehr ungleich. Bei bipolarer Erkrankung war er stark, mit einer Odds Ratio von 14,1. In der Gruppe mit depressiver Störung war er statistisch nicht abgesichert, Odds Ratio 1,3 bei einem Konfidenzintervall von 0,3 bis 5,2. Nach sechs Wochen war der Unterschied zu Placebo nicht mehr signifikant. Ketamin könnte also in der akuten Krise schnell entlasten. Eine tragende Dauerlösung ist es nach dieser Studie nicht.
Abbar M et al. Ketamine for the acute treatment of severe suicidal ideation: double blind, randomised placebo controlled trial. BMJ. 2022;376:e067194. DOI: 10.1136/bmj-2021-067194, PMID: 35110300 [RCT, doppelblind, n=156]Shen und Kollegen analysierten 2024 in Translational Psychiatry 14 Arbeiten mit insgesamt 1.380 Patientinnen und Patienten, davon 10 randomisiert kontrolliert und 4 einarmig ohne Kontrollgruppe. Ketamin zeigte eine signifikante und schnelle Reduktion suizidaler Gedanken bereits am ersten Tag nach der Behandlung. Bei wiederholter Gabe war die Rückbildung am Ende der Behandlung deutlicher als nach der ersten Dosis. Die vier unkontrollierten Studien schwächen die Aussagekraft der Gesamtauswertung.
Shen Z, Gao D, Lv X, Wang H, Yue W. A meta-analysis of the effects of ketamine on suicidal ideation in depression patients. Transl Psychiatry. 2024;14(1):248. DOI: 10.1038/s41398-024-02973-1 (Korrektur: Transl Psychiatry. 2024;14(1):302) [Netzwerk-Meta-Analyse, 14 Arbeiten, davon 10 RCT und 4 einarmig, n=1.380]6. Ketamin bei bipolarer Depression, Vorsicht ist Pflicht
Bei bipolarer Erkrankung könnte Ketamin wirksam sein, aber nur unter spezifischen Bedingungen. Das Risiko eines Umschlags in eine manische Phase ist real. Die Kombination mit einer stimmungsstabilisierenden Behandlung ist Voraussetzung, und die psychiatrische Begleitung muss eng sein.
Bahji und Kollegen fassten 2021 im International Journal of Neuropsychopharmacology sechs Studien mit zusammen 135 Teilnehmenden zusammen. Alle bekamen Ketamin zusätzlich zu einem Stimmungsstabilisierer. Die Autoren sprechen ausdrücklich von vorläufiger Evidenz und halten fest, dass die Wirksamkeit bei bipolarer Depression weniger klar ist als bei unipolarer Depression. Manische Symptome traten selten auf, ausgeprägte dissoziative Symptome zeigten sich in zwei Studien. Für dich heißt das: Es könnte eine Option sein, die Datenbasis ist aber klein.
Bahji A, Zarate CA, Vazquez GH. Ketamine for bipolar depression: a systematic review. Int J Neuropsychopharmacol. 2021;24(7):535-541. DOI: 10.1093/ijnp/pyab023 [Systematischer Review, 6 Studien, n=135, vorläufige Evidenz]7. Was tun, wenn Ketamin bei dir keinen ausreichenden Effekt zeigt?
Die ehrliche Antwort: Bei einem erheblichen Teil reicht das Standardprotokoll nicht. Bevor wir hier weitergehen, das Wichtigste zuerst. Wenn Ketamin nicht ausreicht, gibt es gut untersuchte nächste Schritte. Dazu gehören die Anpassung oder Kombination der Medikation, eine Lithium-Augmentation, eine intensivierte Psychotherapie und die Elektrokonvulsionstherapie. Diese Wege gehören zuerst besprochen, bevor über Zusätzliches nachgedacht wird.
Anand und Kollegen verglichen 2023 im New England Journal of Medicine beide Verfahren direkt, bei 403 Menschen mit therapieresistenter Depression ohne psychotische Symptome. 55,4 Prozent sprachen unter Ketamin an, 41,2 Prozent unter Elektrokonvulsionstherapie. Ketamin war der Elektrokonvulsionstherapie damit nicht unterlegen. Die Belastungen unterschieden sich: unter Elektrokonvulsionstherapie zeigte sich eine vorübergehende Verschlechterung der Gedächtnisleistung, die sich im Verlauf zurückbildete, unter Ketamin traten dissoziative Zustände auf. Für dich heißt das: Die Elektrokonvulsionstherapie ist eine etablierte Option und gehört ins Gespräch, nicht ans Ende der Liste.
Anand A et al. Ketamine versus ECT for nonpsychotic treatment-resistant major depression. N Engl J Med. 2023;388(25):2315-2325. DOI: 10.1056/NEJMoa2302399 [RCT, offen, Non-Inferiority, n=403]Woran es außerdem liegen könnte, und was davon belegt ist
Zusätzlich schaue ich auf körperliche Mitspieler, die eine depressive Symptomatik unterhalten können. Ich prüfe sie, weil sie für sich genommen behandelbar sind. Dass diese Faktoren speziell das Ansprechen auf Ketamin bestimmen, ist nicht belegt.
- →Unbehandelte Schilddrüsenunterfunktion, vor allem funktionell, mit grenzwertigem fT3
- →Schwerer Vitamin-D- oder Eisenmangel
- →Cortisol-Achsen-Dysregulation, dauerhaft erhöht oder abgeflacht
- →Chronische niedriggradige Entzündung, gemessen über hsCRP
- →Schlafapnoe und chronische Insomnie
- →Mykotoxin-Belastung oder Schwermetalle bei entsprechender Anamnese
- →Veränderungen der Darmflora, diskutiert über die Mikrobiota-Gut-Brain-Axis
Zu den letzten beiden Punkten gehört Offenheit dazu. Für Belastungen durch Schimmelpilzgifte oder Schwermetalle gibt es in diesem Zusammenhang keine Studienlage. Dasselbe gilt für die Darmflora. Ich prüfe das nur bei entsprechender Vorgeschichte und sage dir dann offen, dass wir uns dabei außerhalb gesicherter Evidenz bewegen.
Georgiou und Kollegen untersuchten 2024 im Journal of Affective Disorders bei 42 Menschen mit therapieresistenter Depression, ob sich am Cortisol-System vorhersagen lässt, wer auf Ketamin anspricht. Das Ergebnis war negativ: Die Hormonwerte im Blut sagten das Ansprechen nicht vorher. Gefunden wurde nur ein Zusammenhang zwischen ACTH und CRF und der Dauer der bisherigen depressiven Episoden. Ich nenne diese Studie hier bewusst, weil sie zeigt, wo die Grenze liegt. Eine Cortisol-Messung kann ein Baustein im Gesamtbild sein, ein Vorhersagetest für Ketamin ist sie nach dieser Datenlage nicht.
Georgiou P et al. Associations between HPA axis hormone levels, major depression features and antidepressant effects of ketamine. J Affect Disord. 2024;373:126-132. DOI: 10.1016/j.jad.2024.12.036, PMID: 39674325 [RCT, Crossover, n=42, TRD]8. Negative Erfahrungen, ehrlich benannt
Wer online Ketamintherapie negative Erfahrungen sucht, will eine ehrliche Antwort. Hier ist meine.
Drei typische Quellen negativer Erfahrungen
Erstens, enttäuschende Wirkung. Ein erheblicher Teil spricht nicht ausreichend an, in der Versorgungsrealität mehr als die Hälfte. Diese Realität sollte vor jeder Therapie klar benannt werden, sonst ist die Enttäuschung doppelt: keine Besserung plus das Gefühl, etwas falsch gemacht zu haben.
Zweitens, die körperliche und seelische Belastung der Sitzung selbst. Ketamin kann während der Infusion Blutdruck und Herzfrequenz ansteigen lassen. Es kann dissoziative Zustände auslösen, also ein Gefühl, neben sich zu stehen. Übelkeit, Erbrechen, Schwindel und Kopfschmerz können auftreten. Die Sitzung kann intensive Emotionen oder beunruhigende innere Bilder freisetzen. Ohne ausreichende Vorbereitung und einen sicheren Rahmen erleben das einige als überfordernd. Bei wiederholter oder hoch dosierter Anwendung sind Schädigungen der Harnblase und der Leber beschrieben. Und Ketamin hat ein Missbrauchs- und Abhängigkeitspotenzial.
Drittens, fehlende Nachhaltigkeit. Wer nach den ersten Sitzungen einen schnellen Effekt spürt, erlebt manchmal, dass er wieder nachlässt. Nach der Studienlage hält die Wirkung einer Serie nicht zuverlässig an. Ob eine psychotherapeutische Begleitung das abfedert, ist nicht bewiesen. Ich halte sie trotzdem für richtig.
Frag aktiv beim Erstgespräch nach diesen drei Punkten. Wie wird mit Non-Response umgegangen? Wie ist das Setting konkret gestaltet? Wie wird Integration sichergestellt? Eine seriöse Praxis hat klare Antworten und nimmt diese Fragen nicht persönlich.
9. Psychotherapeutische Begleitung, was sie leisten könnte
Drozdz und Kollegen sichteten 2022 im Journal of Pain Research 17 Arbeiten mit 603 Teilnehmenden zur ketamin-assistierten Psychotherapie. Ihr Fazit ist vorsichtig: Unter bestimmten Bedingungen könnte eine psychotherapeutische Begleitung vor, während und nach der Sitzung den Nutzen verlängern. Beobachtet wurde das bei depressiven Beschwerden, bei Angst und bei chronischem Schmerz. Ein direkter Vergleich gegen Ketamin ohne Begleitung wurde nicht durchgeführt, die Studien sind methodisch sehr unterschiedlich, große kontrollierte Untersuchungen fehlen. Ich halte die Begleitung trotzdem für richtig, sage aber dazu: Das ist meine klinische Überzeugung, kein bewiesener Vorteil.
Drozdz SJ et al. Ketamine assisted psychotherapy: a systematic narrative review of the literature. J Pain Res. 2022;15:1691-1706. DOI: 10.2147/JPR.S360733 [Systematischer Narrative Review]Das neuroplastische Fenster könnte die biologische Voraussetzung sein, die therapeutische Begleitung der Hebel, der daraus etwas macht. Belegt ist dieser Zusammenhang nicht. Ich halte ihn für plausibel und arbeite danach.
Häufige Fragen zu Ketamin bei Depression
Die Fragen, die mir am häufigsten gestellt werden, wenn Patientinnen und Patienten Ketamin als Option gegen ihre Depression in Betracht ziehen.
Wann wirkt Ketamin am besten gegen Depression?
Untersucht ist Ketamin vor allem bei therapieresistenter Depression, wenn mindestens zwei Antidepressiva nicht ausreichten. Die größte Auswertung realer Behandlungsdaten fand rund 45 Prozent Ansprechen und rund 30 Prozent Remission, mit großer Streuung. Racemisches Ketamin ist in Deutschland nicht als Antidepressivum zugelassen, der Einsatz bei Depression ist ein Off-Label-Use. Bei leichter Depression sind klassische Optionen meist ausreichend.
Wie schnell wirkt Ketamin?
Ketamin kann innerhalb von 24 Stunden nach der ersten Infusion antidepressiv wirken, während SSRIs vier bis sechs Wochen brauchen. Diese Geschwindigkeit könnte auf einem anderen Wirkmechanismus über das Glutamat-System und einer schnellen Phase erhöhter Neuroplastizität beruhen.
Wie lange hält die Wirkung an?
Das ist sehr verschieden. In Studien lag die Zeit bis zum Rückfall bei denen, die überhaupt ansprachen, im Median bei etwa zwei Wochen. Ob sich der Effekt nach einer Serie verlängert, lässt sich nicht vorhersagen, ein sicherer Nachweis dafür fehlt.
Was tun, wenn Ketamin bei mir keinen Effekt zeigt?
Ein erheblicher Teil spricht nicht ausreichend an. Dann gehören zuerst die gut untersuchten nächsten Schritte besprochen: Anpassung oder Kombination der Medikation, Lithium-Augmentation, intensivierte Psychotherapie und die Elektrokonvulsionstherapie. Zusätzlich kann eine körperliche Bestandsaufnahme sinnvoll sein, etwa Schilddrüse, Vitamin D, Eisen und Entzündungswerte. Dass diese Faktoren speziell das Ansprechen auf Ketamin bestimmen, ist nicht belegt.
Wirkt Ketamin auch bei bipolarer Depression?
Möglicherweise, die Datenlage ist dünn. Der vorliegende Review stützt sich auf sechs Studien mit zusammen 135 Teilnehmenden und spricht von vorläufiger Evidenz. Wenn, dann nur in Kombination mit einem Stimmungsstabilisierer und unter enger psychiatrischer Begleitung. Das Risiko eines Umschlags in eine manische Phase ist real.
Hilft Ketamin bei akuter Suizidalität?
Bei akuter Suizidalität gilt zuerst: Notruf 112, Telefonseelsorge 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222, oder die nächste psychiatrische Notaufnahme. Eine BMJ-Studie 2022 zeigte am Tag 3 höhere Remissionsraten suizidaler Gedanken als unter Placebo. In der Untergruppe mit depressiver Störung war der Effekt statistisch nicht abgesichert, nach sechs Wochen war der Unterschied nicht mehr signifikant. Ketamin ersetzt die Akutversorgung nicht.
Welche negativen Erfahrungen sind möglich?
Enttäuschende Wirkung bei Non-Response, belastende akute Erfahrung, fehlende Nachhaltigkeit. Dazu körperliche Nebenwirkungen: Anstieg von Blutdruck und Herzfrequenz, dissoziative Zustände, Übelkeit, Schwindel, Kopfschmerz. Bei wiederholter oder hoch dosierter Anwendung sind Schädigungen der Harnblase und der Leber beschrieben, Ketamin hat ein Missbrauchs- und Abhängigkeitspotenzial. Ob sich diese Risiken senken lassen, hängt von Vorbereitung, Rahmen und Begleitung ab. Belastbare Studien, die das beziffern, gibt es nicht.
Welche Voraussetzungen sollte mein Arzt mitbringen?
Ausführliche Anamnese, körperliche Untersuchung mit Blutdruck und EKG bei Risikopatienten, Aufklärung über den Off-Label-Status mit schriftlicher Einwilligung, klare Indikationsprüfung mit Ausschluss von Kontraindikationen, Prüfung von Wechselwirkungen, kontinuierliches Monitoring, durchdachtes Setting und ein Gespräch nach jeder Sitzung.
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Quellen
- Li N, Lee B, Liu RJ et al. mTOR-dependent synapse formation underlies the rapid antidepressant effects of NMDA antagonists. Science. 2010;329(5994):959-964. DOI: 10.1126/science.1190287 [In vivo, Ratte, mechanistisch]
- Krystal JH, Kavalali ET, Monteggia LM. Ketamine and rapid antidepressant action. Neuropsychopharmacology. 2024;49(1):41-50. DOI: 10.1038/s41386-023-01629-w [Mechanismus-Review]
- Rodolico A et al. Efficacy and safety of ketamine and esketamine for unipolar and bipolar depression. Front Psychiatry. 2024;15:1325399. DOI: 10.3389/fpsyt.2024.1325399 [Übersicht von Meta-Analysen, Humanstudien]
- Shiroma PR et al. Repeated vs single subanesthetic ketamine for treatment-resistant depression. Transl Psychiatry. 2020;10:206. DOI: 10.1038/s41398-020-00897-0 [RCT, doppelblind, aktives Placebo Midazolam, n=54]
- Bahji A, Zarate CA, Vazquez GH. Ketamine for bipolar depression: a systematic review. Int J Neuropsychopharmacol. 2021;24(7):535-541. DOI: 10.1093/ijnp/pyab023 [Systematischer Review, 6 Studien, n=135, bipolare Depression]
- Abbar M et al. Ketamine for the acute treatment of severe suicidal ideation: double blind, randomised placebo controlled trial. BMJ. 2022;376:e067194. DOI: 10.1136/bmj-2021-067194, PMID: 35110300 [RCT, doppelblind, n=156, Suizidalität]
- Shen Z, Gao D, Lv X, Wang H, Yue W. A meta-analysis of the effects of ketamine on suicidal ideation in depression patients. Transl Psychiatry. 2024;14(1):248. DOI: 10.1038/s41398-024-02973-1 (siehe auch Korrektur: Transl Psychiatry. 2024;14(1):302, DOI: 10.1038/s41398-024-02979-9) [Netzwerk-Meta-Analyse, 14 Arbeiten, davon 10 randomisiert kontrolliert und 4 einarmig, n=1.380]
- Drozdz SJ et al. Ketamine assisted psychotherapy: a systematic narrative review. J Pain Res. 2022;15:1691-1706. DOI: 10.2147/JPR.S360733 [Systematischer Narrative Review]
- Georgiou P et al. Associations between HPA axis hormone levels, major depression features and antidepressant effects of ketamine. J Affect Disord. 2024;373:126-132. DOI: 10.1016/j.jad.2024.12.036, PMID: 39674325 [RCT, Crossover, n=42, TRD, Nullbefund für die Vorhersage des Ketamin-Ansprechens]
- Anand A et al. Ketamine versus ECT for nonpsychotic treatment-resistant major depression. N Engl J Med. 2023;388(25):2315-2325. DOI: 10.1056/NEJMoa2302399 [RCT, Non-Inferiority, n=403]
- Alnefeesi Y et al. Real-world effectiveness of ketamine in treatment-resistant depression: a systematic review and meta-analysis. J Psychiatr Res. 2022;151:693-709. DOI: 10.1016/j.jpsychires.2022.04.037 [Real-World-Meta-Analyse, n=2.665, k=79]
- Rush AJ, Trivedi MH, Wisniewski SR et al. Acute and longer-term outcomes in depressed outpatients requiring one or several treatment steps: a STAR*D report. Am J Psychiatry. 2006;163(11):1905-1917. DOI: 10.1176/ajp.2006.163.11.1905 [Verlaufsstudie, mehrstufig, n=3.671]
Transparenz-Hinweis: Es gibt zu Ketamin bei therapieresistenter Depression zahlreiche randomisierte Studien und Meta-Analysen. Die methodische Qualität dieser Arbeiten wird von den Übersichtsautoren allerdings als überwiegend gering eingestuft, die Sicherheit der Schlussfolgerungen entsprechend als niedrig (Rodolico 2024). Das heißt nicht, dass Ketamin nicht wirken kann. Es heißt, dass die Effektgrößen mit Vorsicht zu lesen sind. Racemisches Ketamin ist bei Depression in Deutschland nicht zugelassen, der Einsatz erfolgt off label. Alle Aussagen hier sind Wahrscheinlichkeiten, keine Zusagen. Dieser Text ersetzt keine ärztliche Untersuchung. Vor jeder Therapieentscheidung ist ein individuelles ärztliches Gespräch nötig.