Ratgeber Schlaf · Spoke 5

Melatonin: Wirkung, Dosierung und die häufigsten Mythen

Melatonin ist kein Schlafmittel im klassischen Sinn, sondern in erster Linie ein zeitgebendes Signal. Wer das versteht, dosiert kleiner, timt klüger und erwartet das Richtige. Was die Studien wirklich zeigen, wo Melatonin einen Platz hat, und wovor das BfR 2024 warnt.

Shukri Jarmoukli · Arzt, Integrative Medizin · ViveCura Berlin
Mein Ausgangspunkt

Melatonin wird verkauft wie ein pflanzliches Schlafmittel und erwartet wie ein Knockout-Tropfen. Beides geht an der Biologie vorbei. Melatonin ist das Dunkelheits-Signal des Körpers, eine Uhr, kein Hammer. Die Meta-Analyse von Ferracioli-Oda 2013 in PLoS One zeigt für die Einschlafzeit einen Effekt von etwa 7 Minuten, klein aber real. Die Phase-Response-Kurve von Burgess 2007 im Journal of Physiology zeigt, dass der Zeitpunkt der Einnahme über Wirkung oder Gegenwirkung entscheidet. Forsling 2002 zeigt, dass hohe Dosen anders und teils gegenteilig wirken als niedrige. Das BfR warnt 2024 vor unkritischer Dauereinnahme. Die wichtigste Frage bei Melatonin ist nicht wie viel, sondern wann und wofür. In diesem Spoke trenne ich Marketing von Mechanismus.

Dieser Spoke ist die pharmakologische Werkstatt des Schlaf-Clusters. Wir gehen den Wirkmechanismus durch (was Melatonin im Körper tatsächlich tut), die entscheidende Unterscheidung zwischen zirkadianer und hypnotischer Wirkung, die Frage der sinnvollen versus zu hohen Dosis, das Timing nach der Phase-Response-Kurve, die guten Einsatzgebiete (Jetlag, Schichtarbeit, Spättyp, Menschen ab 55), die typischen Mythen, die Sicherheits- und BfR-Lage, die KPNI-Linsen und drei konkrete Hebel für die Praxis.

Was Melatonin im Körper wirklich tut

Melatonin ist ein Hormon, das die Zirbeldrüse bei Dunkelheit ausschüttet. Es ist das biochemische Signal Es ist Nacht. Der Anstieg beginnt am Abend einige Stunden vor dem Einschlafen, dieser Zeitpunkt heißt Dim Light Melatonin Onset (DLMO) und ist der wichtigste Marker der inneren Uhr. Über die Nacht bleibt der Spiegel hoch und fällt zum Morgen ab. Helles Licht, vor allem mit hohem Blauanteil, unterdrückt die Ausschüttung. Deshalb ist Lichtmanagement die Grundlage jeder Schlaf-Strategie und das Präparat nur die Ergänzung.

Exogenes Melatonin (als Tablette, Spray oder Kapsel) ahmt dieses Signal nach. Es bindet an die Rezeptoren MT1 und MT2, vor allem im suprachiasmatischen Nucleus, der zentralen Uhr im Hypothalamus. Daraus ergeben sich zwei verschiedene Wirkungen, die im Alltag ständig verwechselt werden und die ich im nächsten Abschnitt sauber trenne.

Andere Perspektive

Viele Menschen behandeln Melatonin wie ein stärkeres Baldrian. Treffender ist das Bild einer Uhr, die man stellt. Eine gestellte Uhr macht nicht müde, sie sorgt dafür, dass die Müdigkeit zur richtigen Zeit kommt. Genau deshalb kann die gleiche Tablette je nach Einnahmezeit helfen oder stören.

Zirkadiane versus hypnotische Wirkung

Das ist die zentrale Unterscheidung dieses ganzen Themas. Wer sie verstanden hat, versteht Melatonin.

Hypnotische Wirkung

Der direkte, schwache Müdigkeitseffekt kurz nach der Einnahme. Er senkt leicht die Körperkerntemperatur und dämpft das Wachsignal der inneren Uhr. Dieser Effekt ist klein: in der Meta-Analyse von Ferracioli-Oda 2013 etwa 7 Minuten kürzere Einschlafzeit. Kein Knockout, eher ein sanftes Anstoßen.

Zirkadiane Wirkung

Die Verschiebung der inneren Uhr selbst. Sie folgt der Phase-Response-Kurve (Burgess 2007): Melatonin am frühen Abend schiebt die Uhr nach vorne, Melatonin am Morgen schiebt sie nach hinten. Dieser Effekt ist der eigentliche Hebel bei verschobenem Schlafrhythmus und kann unabhängig vom direkten Müdigkeitseffekt greifen.

Warum das wichtig ist

Eine große Dosis zur Schlafenszeit nutzt fast nur den schwachen hypnotischen Effekt und liegt in der Totzone der Phase-Response-Kurve, in der kaum Verschiebung stattfindet. Wer ein Rhythmusproblem hat, verschenkt damit die eigentliche Wirkung.

Die praktische Konsequenz

Bei reiner Einschlafstörung ohne Rhythmusverschiebung kann eine kleine Dosis kurz vor dem Zubettgehen einen bescheidenen Effekt haben. Bei verschobener Uhr (Spättyp) ist die früh abendliche, kleine Dosis der Schlüssel, getimt nach der inneren Uhr, nicht nach der Wunschuhrzeit.

Studie · Phase-Response-Kurve

Dreipuls-Phase-Response-Kurve zu 3 mg Melatonin beim Menschen

Humanstudie Helen Burgess, Victoria Revell und Charmane Eastman veröffentlichten 2007 im Journal of Physiology eine Phase-Response-Kurve zu exogenem Melatonin. 27 gesunde junge Probanden nahmen über drei Tage je 3 mg Melatonin oder Placebo zur gleichen Uhrzeit, in einem kontrollierten Schwachlicht-Setting, mit Speichel-Messung des körpereigenen Melatonin-Beginns. Ergebnis: Der Vorschub-Anteil der Kurve hatte seinen Gipfel etwa 5 Stunden vor dem Dim Light Melatonin Onset, also am Nachmittag bis frühen Abend. Der Verzögerungs-Anteil gipfelte etwa 11 Stunden nach dem DLMO, kurz nach der üblichen Aufwachzeit. Mitten in der ersten Nachthälfte lag eine Totzone mit minimaler Verschiebung. Die maximalen Verschiebungen betrugen 1,8 Stunden (Vorschub) und 1,3 Stunden (Verzögerung). Die Autoren schlossen daraus ausdrücklich, dass Melatonin als reine nächtliche Einschlafhilfe nur minimale zeitverschiebende Wirkung hat.

Burgess HJ, Revell VL, Eastman CI. J Physiol. 2007;586(2):639-47. DOI: 10.1113/jphysiol.2007.143180 · PMID: 18006583

Wie stark Melatonin aufs Einschlafen wirken kann

Hier nützt eine nüchterne Zahl mehr als jedes Werbeversprechen. Die größte solide Zusammenfassung kommt von Ferracioli-Oda 2013.

Studie · Meta-Analyse

Melatonin bei primären Schlafstörungen, 19 Studien

Meta-Analyse Eduardo Ferracioli-Oda und Kollegen analysierten 2013 in PLoS One 19 randomisierte placebokontrollierte Studien mit insgesamt 1683 Probanden. Melatonin verkürzte die Einschlafzeit signifikant um im Mittel 7,06 Minuten (95-Prozent-Konfidenzintervall 4,37 bis 9,75), verlängerte die Gesamtschlafzeit um 8,25 Minuten und verbesserte die Schlafqualität moderat (standardisierte Mittelwertdifferenz 0,22). Die Meta-Regression zeigte: längere Anwendung und höhere Dosen waren mit etwas größeren Effekten auf Einschlafzeit und Gesamtschlafzeit verbunden, auf die Schlafqualität jedoch nicht. Entscheidende Aussage der Autoren: Der absolute Effekt ist kleiner als bei klassischen Schlafmitteln, aber er verschwindet nicht bei fortgesetzter Einnahme, und das Nebenwirkungsprofil ist vergleichsweise günstig.

Ferracioli-Oda E, Qawasmi A, Bloch MH. PLoS One. 2013;8(5):e63773. DOI: 10.1371/journal.pone.0063773 · PMID: 23691095

Zur Einordnung im Vergleich: Im großen Netzwerk-Meta-Analyse-Vergleich von Insomnie-Medikamenten (Yue 2023 in Sleep Medicine Reviews, 69 Studien) und in der Übersicht über 153 Studien von Pan 2023 in Drugs schnitten Orexin-Antagonisten und Z-Substanzen bei der reinen Symptomstärke besser ab als Melatonin-Rezeptor-Agonisten. Melatonin-Rezeptor-Agonisten zeigten dabei vor allem einen Effekt auf die Einschlaf-Insomnie bei gutem Sicherheitsprofil. Das passt zum Gesamtbild: Melatonin ist die sanfte, schwache, aber sichere Option, nicht die stärkste.

Sinnvolle versus zu hohe Dosis

Der häufigste Fehler ist nicht zu wenig, sondern zu viel. Frei verkäufliche Produkte enthalten oft 3, 5 oder sogar 10 mg. Physiologisch erreicht der Körper nachts Spitzen, die schon mit Bruchteilen eines Milligramms nachgeahmt werden. Höhere Dosen erzeugen unphysiologisch hohe Spiegel, die bis in den Vormittag reichen können und dann Tagesmüdigkeit verursachen.

Studie · Dosisabhängigkeit

Niedrige und hohe Dosen wirken unterschiedlich

Humanstudie Mary Forsling und Kollegen zeigten 2002 in Clinical Endocrinology in einer doppelblinden, randomisierten Cross-over-Studie an 24 jungen Männern, dass Melatonin dosisabhängige und teils gegensätzliche Effekte hat. Auf stimulierte hormonelle Antworten (Vasopressin, Oxytocin) wirkte eine niedrige Dosis von 0,5 mg verstärkend, eine hohe Dosis von 5 mg dagegen abschwächend. Die Autoren folgern, dass niedrige, physiologienahe Dosen ein anderes pharmakologisches Verhalten zeigen als hohe Dosen. Übertragen auf die Praxis bedeutet das: Mehr Melatonin ist nicht einfach mehr vom Gleichen, sondern kann qualitativ anders wirken.

Forsling ML, Williams AJ. Clin Endocrinol (Oxf). 2002;57(5):615-20. DOI: 10.1046/j.1365-2265.2002.01644.x · PMID: 12390335

Eine sinnvolle Orientierung aus der Studienlage: Für die zirkadiane Steuerung reichen meist 0,5 bis 1 mg, präzise getimt. Für Jetlag waren laut Cochrane-Review Tagesdosen zwischen 0,5 und 5 mg ähnlich wirksam, Dosen über 5 mg brachten keinen zusätzlichen Nutzen. In Deutschland sind Melatonin-Arzneimittel ärztlich dosiert. Bei Nahrungsergänzungsmitteln gilt die BfR-Warnung. Die Faustregel lautet: so wenig wie möglich, so präzise getimt wie nötig.

Was nicht funktioniert

Mythos 1: Mehr nützt mehr. Falsch. Höhere Dosen verbessern die Schlafqualität nicht zuverlässig und können Tagesmüdigkeit auslösen. Mythos 2: Melatonin ist ein starkes Schlafmittel. Falsch. Der mittlere Effekt auf die Einschlafzeit liegt bei etwa 7 Minuten (Ferracioli-Oda 2013), das ist sanft, nicht stark. Mythos 3: Egal wann man es nimmt. Falsch. Das Timing entscheidet über Wirkung oder Gegenwirkung (Burgess 2007). Mythos 4: Es ist harmlos, weil es körpereigen ist. Unvollständig. Das BfR warnt 2024 ausdrücklich vor unkritischer Dauereinnahme, besonders bei Risikogruppen.

Timing in der Praxis

Weil das Timing der eigentliche Hebel ist, hier die wichtigsten Konstellationen, jeweils ohne starre Zahlenvorgabe, da die individuelle innere Uhr variiert.

Timing nach Anwendungsziel

  1. Reine Einschlafhilfe: kleine Dosis etwa 30 bis 60 Minuten vor dem gewünschten Zubettgehen. Erwartung: bescheidener Effekt, vor allem auf die Einschlafzeit.
  2. Spättyp (verzögerte Schlafphase): kleine Dosis am frühen Abend, einige Stunden vor der gewohnten eigenen Müdigkeit, um die Uhr nach vorne zu schieben. Kombiniert mit hellem Licht am Morgen.
  3. Jetlag ostwärts: Einnahme nahe der Ziel-Schlafenszeit (22 bis 24 Uhr Ortszeit) am Zielort, beginnend am Ankunftstag (Herxheimer und Petrie 2002).
  4. Schichtarbeit: komplexer Sonderfall, Einnahme vor dem geplanten Tagesschlaf nach der Nachtschicht, immer kombiniert mit konsequentem Abdunkeln. Hier ist individuelle Begleitung sinnvoll.

In allen Fällen gilt: Helles Licht zur falschen Zeit (Bildschirm am Abend, kein Tageslicht am Morgen) kann jeden Melatonin-Effekt überlagern. Das Licht-Verhalten ist der stärkere Zeitgeber. Mehr dazu im Zirkadian-Spoke (Spoke 18).

Wo Melatonin einen guten Platz hat

Drei Einsatzgebiete sind am besten belegt, ein viertes ist eher enttäuschend.

Studie · Cochrane-Review Jetlag

Melatonin zur Vorbeugung und Behandlung von Jetlag

Systematischer Review Andrew Herxheimer und Keith Petrie werteten 2002 im Cochrane-Review 10 randomisierte Studien aus. Neun von zehn zeigten, dass Melatonin, nahe der Ziel-Schlafenszeit genommen, den Jetlag bei Flügen über fünf oder mehr Zeitzonen verringert. Die Number Needed to Treat lag bei 2. Tagesdosen von 0,5 bis 5 mg waren ähnlich wirksam, wobei Menschen nach 5 mg etwas schneller einschliefen als nach 0,5 mg. Dosen über 5 mg brachten keinen Zusatznutzen. Der Effekt ist größer bei mehr überquerten Zeitzonen und bei Ostflügen. Die Autoren warnen: Zu früh am Tag eingenommen, kann Melatonin schläfrig machen und die Anpassung verzögern. Sie nennen außerdem Vorsicht bei Epilepsie und einen möglichen Bezug zu Warfarin.

Herxheimer A, Petrie KJ. Cochrane Database Syst Rev. 2002;(2):CD001520. DOI: 10.1002/14651858.CD001520 · PMID: 12076414

Studie · Langzeit bei über 55-Jährigen

Retardiertes Melatonin über 6 Monate, Alter als Prädiktor

RCT Alan Wade und Kollegen untersuchten 2010 in BMC Medicine bei 791 Erwachsenen mit primärer Insomnie retardiertes Melatonin gegen Placebo, doppelblind, über bis zu 6 Monate. Bei älteren Patienten verkürzte retardiertes Melatonin die Einschlafzeit deutlich (minus 19,1 gegenüber minus 1,7 Minuten unter Placebo, P gleich 0,002), unabhängig vom gemessenen körpereigenen Melatonin-Spiegel. Interessant: Ein niedriger eigener Melatonin-Spiegel allein sagte den Erfolg nicht voraus, das Alter tat es besser. Die Effekte hielten über 6 Monate ohne Toleranzentwicklung an, ohne klinisch relevante Sicherheitsprobleme. Bereits Wade 2007 in Current Medical Research and Opinion hatte bei 55- bis 80-Jährigen signifikante Verbesserungen von Schlafqualität, Morgen-Wachheit und Einschlafzeit gezeigt.

Wade AG, Ford I, Crawford G, et al. BMC Med. 2010;8:51. DOI: 10.1186/1741-7015-8-51 · PMID: 20712869

Das vierte, eher enttäuschende Gebiet: Schlafstörungen bei Demenz. Der Cochrane-Review von McCleery und Sharpley 2020 fand für Melatonin bis 10 mg keinen überzeugenden Nutzen auf relevante Schlafparameter, während Orexin-Antagonisten und in kleinen Studien Trazodon eher Effekte zeigten. Melatonin ist also kein Allzweckmittel, sondern hat klar umrissene Indikationen.

Gut belegt: Zirkadiane Rhythmusstörung

Spättyp und verzögerte Schlafphase, kleine Dosis früh abends getimt nach der Phase-Response-Kurve (Burgess 2007).

Gut belegt: Jetlag

Über fünf oder mehr Zeitzonen, vor allem ostwärts, nahe der Ziel-Schlafenszeit (Herxheimer und Petrie 2002, NNT 2).

Belegt: Insomnie ab etwa 55 Jahren

Retardiertes Melatonin, da die eigene Produktion mit dem Alter nachlässt (Wade 2007, Wade 2010).

Eher schwach: Demenz, junge klassische Insomnie

Bei Demenz kein überzeugender Nutzen (McCleery 2020). Bei jungen Menschen ohne Rhythmusproblem nur kleiner Effekt.

Die KPNI-Linsen auf Melatonin

In der Klinischen Psychoneuroimmunologie steht Melatonin nicht isoliert, sondern eingebettet in Lichtbiologie, Stoffwechsel und Entzündungsregulation. Vier Linsen.

Licht und innere Uhr

Melatonin ist nachgeschaltet. Der primäre Hebel ist Licht: morgens hell, abends gedimmt. Wer das Lichtverhalten nicht ändert, kann mit Melatonin nur gegen den eigenen Zeitgeber arbeiten. Das Präparat ergänzt, ersetzt aber das Licht nicht.

Tryptophan und Serotonin

Melatonin entsteht über Tryptophan und Serotonin. Eine ausreichende Eiweißversorgung und ein funktionierender Tag-Nacht-Kontrast in der Serotonin-Melatonin-Achse sind die Grundlage. Ohne Tagesaktivität und Licht fehlt das Substrat-Timing.

Entzündung und Schlaf

Niedriggradige Entzündung und Stress können den Schlaf stören und werden durch eine einzelne Pille nicht behoben. Melatonin kann ein Baustein sein, die Ursachenarbeit (Stress, Stoffwechsel, Bewegung) bleibt der Kern.

Individuelle Chronobiologie

Früh- und Spättypen reagieren unterschiedlich. Eine pauschale Empfehlung gibt es nicht. Die Anamnese der eigenen inneren Uhr (wann werde ich von selbst müde) entscheidet über Dosis-Timing mehr als jede Standardangabe.

Sicherheit, Risikogruppen und die BfR-Position

Melatonin ist in üblichen Mengen nicht akut toxisch, das ist die gute Nachricht. Die differenzierte Nachricht liefert das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung.

Behörde · BfR-Stellungnahme

BfR warnt vor unkritischer Einnahme melatoninhaltiger Nahrungsergänzungsmittel

Behördendokument Das Bundesinstitut für Risikobewertung stellte in seiner Stellungnahme 42/2024 (17. September 2024) klar: Die verfügbaren Daten sprechen gegen eine unkritische, unkontrollierte Einnahme melatoninhaltiger Nahrungsergänzungsmittel, vor allem über längere Zeit. Mögliche unerwünschte Wirkungen sind unter anderem Tagesschläfrigkeit, Kopfschmerzen, verlängerte Reaktionszeit, Blutdruckabfall und lebhafte Träume oder Alpträume. Einige Studien an Erwachsenen weisen auf eine mögliche Beeinflussung körpereigener Hormone mit entwicklungs- oder reproduktionsbiologischer Bedeutung hin. Das BfR rät besonders Schwangeren, Stillenden, Kindern, Jugendlichen und Personen mit bestimmten Vorerkrankungen von eigenständiger, unkontrollierter Anwendung ab. Anders als Arzneimittel unterliegen Nahrungsergänzungsmittel keiner Zulassungsprüfung auf Wirksamkeit, Sicherheit und Verträglichkeit.

Bundesinstitut für Risikobewertung. Melatoninhaltige Nahrungsergänzungsmittel: BfR weist auf mögliche Gesundheitsrisiken hin. Stellungnahme Nr. 42/2024. bfr.bund.de

Praktisch heißt das: kein Autofahren oder Bedienen von Maschinen kurz nach der Einnahme (Reaktionsvermögen kann beeinträchtigt sein), Vorsicht bei Wechselwirkungen mit blutverdünnenden Medikamenten und bei Epilepsie, keine Eigenanwendung bei Kindern oder in Schwangerschaft und Stillzeit ohne ärztliche Begleitung. Wer Melatonin länger als kurzfristig anwenden will, sollte das ärztlich abklären, nicht zuletzt um die eigentliche Ursache der Schlafstörung nicht zu übersehen.

Worum es eigentlich geht

Eine Uhr stellen, keinen Hammer schwingen

Melatonin kann helfen, wenn die innere Uhr verschoben ist oder mit dem Alter schwächer wird. Es kann wirken, wenn Timing und Dosis stimmen. Es bleibt ein Baustein neben Licht, Rhythmus und Ursachenarbeit, kein Ersatz dafür.

Drei Hebel für die Praxis

1

Erst das Timing klären, dann die Dosis

Frage dich: Habe ich ein Rhythmusproblem (werde zu spät müde) oder eine reine Einschlafstörung? Bei Rhythmusproblem kleine Dosis früh abends, bei reiner Einschlafhilfe kurz vor dem Schlafen. Die Dosis ist nachrangig, das Timing entscheidet.

2

Klein anfangen, nicht groß

0,5 bis 1 mg ist oft genug. Höhere Dosen verbessern die Qualität nicht zuverlässig und können tagsüber müde machen (Forsling 2002, Ferracioli-Oda 2013). Mehr ist hier kein Vorteil.

3

Licht zuerst, Pille danach

Morgens raus ins Tageslicht, abends Bildschirme und helles Licht reduzieren. Das ist der stärkere Zeitgeber. Melatonin kann am besten als Ergänzung eines guten Lichtverhaltens greifen, nicht als Ersatz dafür (siehe Spoke 18).

Häufige Fragen zu Melatonin

Wie stark kann Melatonin wirklich aufs Einschlafen wirken?

Schwach, aber messbar. Die Meta-Analyse von Ferracioli-Oda 2013 in PLoS One (19 Studien, 1683 Probanden) zeigte eine im Mittel um etwa 7 Minuten verkürzte Einschlafzeit und eine um etwa 8 Minuten verlängerte Gesamtschlafzeit. Die Schlafqualität verbesserte sich moderat. Das ist deutlich weniger als bei klassischen Schlafmitteln, hält aber bei fortgesetzter Einnahme an und geht mit einem günstigen Nebenwirkungsprofil einher. Melatonin ist primär ein zeitgebendes Signal, kein starkes Schlafmittel.

Was ist der Unterschied zwischen zirkadianer und hypnotischer Wirkung?

Die hypnotische Wirkung ist der schwache, direkte Müdigkeitseffekt kurz nach der Einnahme. Die zirkadiane Wirkung verschiebt die innere Uhr und folgt der Phase-Response-Kurve. Burgess 2007 im Journal of Physiology zeigte: Melatonin am frühen Abend (etwa 5 Stunden vor dem körpereigenen Anstieg) schiebt die Uhr nach vorne, am Morgen nach hinten, mitten in der Nacht kaum. Wer wegen verschobener Uhr nicht einschlafen kann, braucht eine kleine Dosis am frühen Abend, nicht eine große zur Schlafenszeit.

Wie viel Melatonin ist sinnvoll und ab wann ist es zu viel?

Für die zirkadiane Steuerung reichen meist 0,5 bis 1 mg zum richtigen Zeitpunkt. Höhere Dosen von 3 bis 10 mg erzeugen unphysiologisch hohe Spiegel, die eher übersteuern. Forsling 2002 zeigte, dass niedrige und hohe Dosen sogar gegensätzliche Effekte haben können. Der häufigste Fehler ist eine zu hohe Dosis zur falschen Zeit. In Deutschland werden Melatonin-Arzneimittel ärztlich dosiert, bei Nahrungsergänzungsmitteln warnt das BfR (Stellungnahme 42/2024) vor unkritischer Einnahme. Niemals nach dem Prinzip viel nützt viel dosieren.

Wann nehme ich Melatonin am besten ein?

Das hängt vom Ziel ab. Als reine Einschlafhilfe meist 30 bis 60 Minuten vor dem Zubettgehen. Zur Verschiebung einer verschobenen Uhr folgt das Timing der Phase-Response-Kurve (Burgess 2007): Spättypen profitieren von einer kleinen Dosis am frühen Abend. Bei Jetlag empfiehlt der Cochrane-Review von Herxheimer und Petrie 2002 die Einnahme nahe der Ziel-Schlafenszeit am Zielort. Falsches Timing kann die Anpassung verzögern und tagsüber müde machen. Lichtmanagement ist dabei mindestens so wichtig wie das Präparat.

Hilft Melatonin bei Jetlag?

Hier ist die Evidenz vergleichsweise gut. Der Cochrane-Review von Herxheimer und Petrie 2002 schloss 10 Studien ein, neun fanden eine Verringerung des Jetlags bei Flügen über fünf oder mehr Zeitzonen, wenn nahe der Ziel-Schlafenszeit genommen. Die Number Needed to Treat lag bei 2. Tagesdosen von 0,5 bis 5 mg waren ähnlich wirksam. Der Effekt ist größer bei mehr Zeitzonen und bei Ostflügen. Falsch getimt kann Melatonin die Anpassung verzögern. Es kann bei Jetlag helfen, ersetzt aber kein durchdachtes Licht- und Schlafmanagement.

Macht Melatonin abhängig oder hat es Absetzeffekte?

Melatonin gilt nach derzeitiger Datenlage nicht als klassisch abhängigkeitserzeugend, anders als Benzodiazepine oder Z-Substanzen. In der Meta-Analyse von Ferracioli-Oda 2013 ließ die Wirkung bei fortgesetzter Einnahme nicht nach, und die 6-Monats-Studie von Wade 2010 zeigte keine Toleranz und keine Entzugssymptome. Das heißt nicht, dass eine unbegrenzte Daueranwendung unbedenklich ist. Das BfR betont 2024, dass Langzeitdaten zu Nahrungsergänzungsmitteln fehlen. Eine zeitlich begrenzte, gezielte Anwendung ist die seriöse Variante.

Ist Melatonin gefährlich? Welche Nebenwirkungen gibt es?

In kontrollierten Studien war Melatonin vergleichsweise gut verträglich. Das BfR listet 2024 dennoch mögliche unerwünschte Wirkungen auf: Tagesschläfrigkeit, Kopfschmerzen, verlängerte Reaktionszeit, Blutdruckabfall, lebhafte Träume. Besonders Schwangere, Stillende, Kinder, Jugendliche und Menschen mit Vorerkrankungen sollten nicht eigenständig anwenden. Relevant sind Wechselwirkungen mit blutverdünnenden Medikamenten und Vorsicht bei Epilepsie. Kein Autofahren kurz nach der Einnahme. Akut toxisch ist Melatonin in üblichen Mengen nicht, problematisch ist eher die unkritische Daueranwendung.

Für wen ist Melatonin am ehesten geeignet?

Am besten belegt: bei zirkadianen Rhythmusstörungen wie dem verzögerten Schlafphasensyndrom (kleine Dosis früh abends, Burgess 2007), bei Jetlag über mehrere Zeitzonen vor allem ostwärts (Herxheimer und Petrie 2002) und bei Ein- und Durchschlafstörungen ab etwa 55 Jahren, wo die eigene Produktion nachlässt (Wade 2007 und 2010 mit retardiertem Melatonin). In Wade 2010 sagte das Alter den Erfolg besser voraus als der Melatonin-Spiegel. Bei jungen Menschen mit klassischer Insomnie ohne Rhythmusproblem ist der Effekt klein, bei Demenz-bedingten Schlafstörungen fand McCleery 2020 keinen überzeugenden Nutzen.

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SJ
Geschrieben von

Shukri Jarmoukli

Arzt, Integrative Medizin, Klinische Psychoneuroimmunologie · ViveCura Berlin, Skalitzer Straße 137 · Schwerpunkte: Melatonin als zirkadianes Signal und schwaches Schlafmittel, klare Trennung von zirkadianer und hypnotischer Wirkung nach der Phase-Response-Kurve von Burgess 2007 im Journal of Physiology, realistische Effektgrößen nach der Meta-Analyse von Ferracioli-Oda 2013 in PLoS One, Dosis-Augenmaß auf Basis der dosisabhängigen Effekte (Forsling 2002), Jetlag-Anwendung nach dem Cochrane-Review von Herxheimer und Petrie 2002, retardiertes Melatonin bei über 55-Jährigen nach Wade 2007 und 2010, kritische Einordnung der BfR-Stellungnahme 42/2024 zur Sicherheit von Nahrungsergänzungsmitteln. Mein Anspruch: Melatonin so erklären, dass Menschen kleiner dosieren, klüger timen und das Richtige erwarten, statt einer Pille die Arbeit von Licht und Rhythmus zuzuschreiben.

Quellen und weiterführende Literatur

  1. Ferracioli-Oda E, Qawasmi A, Bloch MH. Meta-analysis: melatonin for the treatment of primary sleep disorders. PLoS One. 2013;8(5):e63773. DOI: 10.1371/journal.pone.0063773 · PMID: 23691095 [Meta-Analyse]
  2. Burgess HJ, Revell VL, Eastman CI. A three pulse phase response curve to three milligrams of melatonin in humans. J Physiol. 2007;586(2):639-47. DOI: 10.1113/jphysiol.2007.143180 · PMID: 18006583 [RCT]
  3. Forsling ML, Williams AJ. The effect of exogenous melatonin on stimulated neurohypophysial hormone release in man. Clin Endocrinol (Oxf). 2002;57(5):615-20. DOI: 10.1046/j.1365-2265.2002.01644.x · PMID: 12390335 [RCT]
  4. Herxheimer A, Petrie KJ. Melatonin for the prevention and treatment of jet lag. Cochrane Database Syst Rev. 2002;(2):CD001520. DOI: 10.1002/14651858.CD001520 · PMID: 12076414 [Systematischer Review]
  5. Wade AG, Ford I, Crawford G, et al. Nightly treatment of primary insomnia with prolonged release melatonin for 6 months. BMC Med. 2010;8:51. DOI: 10.1186/1741-7015-8-51 · PMID: 20712869 [RCT]
  6. Wade AG, Ford I, Crawford G, et al. Efficacy of prolonged release melatonin in insomnia patients aged 55-80 years. Curr Med Res Opin. 2007;23(10):2597-605. DOI: 10.1185/030079907X233098 · PMID: 17875243 [RCT]
  7. Yue JL, Chang XW, Zheng JW, et al. Efficacy and tolerability of pharmacological treatments for insomnia in adults: a systematic review and network meta-analysis. Sleep Med Rev. 2023;68:101746. DOI: 10.1016/j.smrv.2023.101746 · PMID: 36701954 [Meta-Analyse]
  8. Pan B, Ge L, Lai H, et al. The comparative effectiveness and safety of insomnia drugs: a systematic review and network meta-analysis of 153 randomized trials. Drugs. 2023;83(7):587-619. DOI: 10.1007/s40265-023-01859-8 · PMID: 36947394 [Meta-Analyse]
  9. McCleery J, Sharpley AL. Pharmacotherapies for sleep disturbances in dementia. Cochrane Database Syst Rev. 2020;11(11):CD009178. DOI: 10.1002/14651858.CD009178.pub4 · PMID: 33189083 [Meta-Analyse]
  10. Bundesinstitut für Risikobewertung. Melatoninhaltige Nahrungsergänzungsmittel: BfR weist auf mögliche Gesundheitsrisiken hin. Stellungnahme Nr. 42/2024 vom 17. September 2024. bfr.bund.de [Behördendokument]
Hinweis zur Evidenzlage: Die realistische Effektgröße von Melatonin auf die Einschlafzeit stammt aus der Meta-Analyse von Ferracioli-Oda 2013 in PLoS One (19 randomisierte Studien, 1683 Probanden, etwa 7 Minuten kürzere Einschlafzeit). Die zirkadiane Wirkung und das Timing basieren auf der Phase-Response-Kurve von Burgess 2007 im Journal of Physiology. Die Jetlag-Evidenz beruht auf dem Cochrane-Review von Herxheimer und Petrie 2002 (10 Studien, NNT 2). Der Nutzen bei über 55-Jährigen ist durch Wade 2007 und Wade 2010 belegt. Vergleichende Wirksamkeit gegenüber anderen Insomnie-Medikamenten zeigen Yue 2023 und Pan 2023. Dosisabhängige, teils gegensätzliche Effekte beschreibt Forsling 2002. Bei Demenz fand McCleery 2020 keinen überzeugenden Nutzen. Die Sicherheitsbewertung folgt der BfR-Stellungnahme 42/2024. Limitationen: Viele frei verkäufliche Produkte sind höher dosiert als physiologisch sinnvoll, Langzeitdaten zu Nahrungsergänzungsmitteln sind begrenzt. Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine ärztliche Untersuchung. Melatonin sollte nicht in Schwangerschaft und Stillzeit, bei Kindern oder bei relevanten Vorerkrankungen ohne ärztliche Begleitung eingenommen werden, und nicht kurz vor dem Führen von Fahrzeugen.

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