Hohes LDL ist eine Frage. Nicht automatisch eine Diagnose. Und schon gar nicht automatisch eine Pille.
Warum bei 30-Jährigen, Sportlerinnen und Lifestyle-Bewussten schnell ein Statin im Raum steht, obwohl die Indikation oft unklar bleibt. Und welche Fragen aus meiner Sicht vorher gehören.
Ich sehe dieses Muster regelmäßig. Eine Frau Mitte 30, schlank, sportlich, Nichtraucherin. Ein erhöhter Cholesterinwert im Standardlabor. Empfehlung: Statin, lebenslang. Ohne ein weiteres Gespräch. Ohne weitere Diagnostik. Ohne ein Bild der Gefäße. Und dann die Frage an mich, ob das so normal sei. Meine Antwort: es passiert häufig. Ob es im Einzelfall richtig ist, lässt sich nach drei Werten nicht sagen. Genau darum geht es in diesem Artikel.
Ich habe vor wenigen Wochen einen langen Beitrag über den Mythos Cholesterin geschrieben. Darüber, warum Cholesterin nicht einfach der Täter ist. Und warum es auch ein Reparatur-Trupp sein könnte, der versucht auszugleichen, was Zucker, Stress und andere Belastungen deinem Endothel zusetzen können.
Dieser Artikel ist die nötige Fortsetzung. Weil viele Leserinnen und Leser danach geschrieben haben: "Schön und gut. Aber mein Hausarzt hat mir trotzdem ein Statin verschrieben. Soll ich es nehmen?"
Die Antwort ist nicht ja. Die Antwort ist nicht nein. Die Antwort beginnt mit der Frage, die nicht gestellt wurde.
Du bist Mitte 30. Sportlich. LDL ein bisschen hoch. Statin. Punkt.
Ich kenne dieses Muster sehr gut. Es ist immer dieselbe Geschichte, mit unterschiedlichem Gesicht.
Das Muster, das ich immer wieder sehe
Die Ausgangslage. Eine junge, schlanke, sportliche Frau. Ein Standard-Lipidprofil beim Hausarzt. Ein erhöhter LDL-Wert. Ein kurzer Termin. Ein Rezept. Ohne hsCRP, ohne Apo-B, ohne Nüchterninsulin, ohne Familienanamnese, ohne Bildgebung.
Was aus meiner Sicht vorher gehört. Die Frage, wie das übrige Stoffwechsel- und Entzündungsprofil aussieht. Die Frage nach frühen Herzinfarkten in der Familie. Bei einem LDL über 160 in jungen Jahren gehört außerdem immer die Frage nach einer familiären Hypercholesterinämie auf den Tisch, mit Familienanamnese, strukturiertem Score und gegebenenfalls Gendiagnostik. Und die Frage, ob die Gefäße selbst schon etwas zeigen.
Warum hier keine Verläufe stehen. Ich beschreibe bewusst kein konkretes Behandlungsergebnis und keine einzelnen Laborverläufe aus meiner Praxis. Einzelfälle verleiten dazu, sich wiederzuerkennen und daraus die eigene Entscheidung abzuleiten. Was bei dir richtig ist, lässt sich nur individuell klären, gemeinsam mit deiner ärztlichen Ansprechperson.
Die Lehre. Eine Pille zu verschreiben, bevor die Gefäße und das übrige Risikoprofil angeschaut wurden, ist wie ein Brandschutz-Konzept ohne Brandinspektion.
Jetzt vorweg: ich bin nicht generell gegen Statine. Bei den richtigen Menschen, in der richtigen Konstellation, sind sie sehr wahrscheinlich nützlich. Mehr dazu unten. Aber genau diese Differenzierung passiert in vielen Hausarztpraxen einfach nicht.
Ein hohes LDL ist kein Befund. Es ist eine Frage. Die Antwort darauf hängt von zehn anderen Werten und einer einzigen Bildgebung ab. Wer dir nach drei Werten und sieben Minuten ein lebenslanges Medikament gibt, hat die Frage nicht gestellt.
Und jetzt weißt du, warum dieser Artikel sein muss.
Atorvastatin war von 1996 bis 2012 das umsatzstärkste Medikament der Welt. Bis heute. Insgesamt.
Bevor wir über Indikationen reden, möchte ich dir einen Kontext geben, der in keiner Patientinnen-Aufklärung steht. Statine sind nicht irgendein Medikament. Sie sind das pharmazeutische Phänomen der letzten 30 Jahre.
MarktdatenLipitor (Atorvastatin) als finanzielles Phänomen
Lipitor wurde 1996 von Pfizer auf den Markt gebracht. Bis zum Patentablauf 2011 verkaufte sich allein dieses eine Statin für rund 125 Milliarden US-Dollar. Bis Ende 2022 lagen die kumulierten Verkäufe bei etwa 172 Milliarden US-Dollar. In Spitzenjahren generierte Lipitor über 12 Milliarden Dollar Umsatz pro Jahr und stand für etwa ein Viertel des gesamten Pfizer-Umsatzes.
Es ist das umsatzstärkste verschreibungspflichtige Medikament der pharmazeutischen Geschichte. Damit kein Missverständnis: dass etwas viel verkauft wird, macht es nicht automatisch falsch. Es sagt vor allem, wie gründlich diese Substanzklasse untersucht ist. Es zeigt aber auch, wie präsent ein einzelnes Wirkprinzip über Jahrzehnte in Fortbildung und Fachliteratur war. Wie stark das die Verordnungsgewohnheiten einzelner Praxen geprägt hat, kann ich nicht beziffern, und ich unterstelle es niemandem.
Pfizer. Lipitor (atorvastatin), Geschäftsdaten und Marktanalyse 1996-2022. Statista, 2023. statista.com; vgl. auch Garrett T, "Weekly Dose: Lipitor", The Conversation, 2017. theconversation.com
Ich erzähle dir das nicht, um Verschwörungstheorien zu bedienen. Ich erzähle es dir, damit du verstehst, warum die Reflexverschreibung in vielen Praxen so etabliert ist. Hinzu kommt der Alltag der hausärztlichen Versorgung in Deutschland: durchschnittlich sieben bis zehn Minuten pro Patientin, hohe Bürokratielast, Quartalsbudgets. Wer in dieser Zeit ein Lipidprofil sieht und schnell handeln muss, greift zur am besten erforschten und vom System am stärksten unterstützten Lösung.
Was die deutschen Leitlinien tatsächlich sagen
Hier wird es interessant. Viele Patientinnen denken, die deutschen Leitlinien hätten ihrem Hausarzt vorgegeben, sofort ein Statin zu verschreiben. Das stimmt so nicht.
NVL Chronische KHK 2024 und DEGAM-S3 Hausärztliche Risikoberatung
Die Nationale Versorgungsleitlinie Chronische KHK in der Version 7 (2024) thematisiert die Primärprävention der KHK ausdrücklich nicht. Sie verweist für diese Frage auf die S3-Leitlinie der DEGAM, "Hausärztliche Risikoberatung zur kardiovaskulären Prävention".
Die DEGAM-Leitlinie von 2018, deren Gültigkeit inzwischen abgelaufen ist, legt Wert auf eine partizipative Entscheidungsfindung auf Basis des absoluten Zehn-Jahres-Risikos. Alter, Geschlecht, Blutdruck, Rauchstatus, Diabetes, Familienanamnese und Lebensstil gehören dort in die Abwägung, nicht nur ein einzelner LDL-Wert. Die Empfehlung lautet, gemeinsam mit der Patientin die individuellen Behandlungspräferenzen zu klären.
Daneben steht die europäische ESC/EAS-Leitlinie von 2019. Sie setzt stärker auf LDL-Zielwerte und wertet ein hohes Lp(a) ausdrücklich als Risikoverstärker. Bei einem LDL über 190 mg/dl sieht sie sehr wohl eine Statin-Indikation vor. Beide Leitlinien sind legitime Bezugsrahmen, und sie kommen im Einzelfall zu unterschiedlichen Empfehlungen.
Heißt im Klartext: Wenn dir jemand ein Statin verordnet, darfst du fragen, auf welche der beiden Logiken er sich stützt und wie hoch dein absolutes Risiko geschätzt wird. Es gibt hier nicht die eine richtige Antwort. Es gibt aber ein Recht auf die Begründung.
Bundesärztekammer, KBV, AWMF. Nationale VersorgungsLeitlinie Chronische KHK, Version 7, 2024. AWMF-Register Nr. nvl-004. register.awmf.org/nvl-004; DEGAM. S3-Leitlinie Hausärztliche Risikoberatung zur kardiovaskulären Prävention, Reg.-Nr. 053-024, 2018.
Das schreibe ich nicht, um Kolleginnen und Kollegen anzugreifen. Hausärztinnen und Hausärzte leisten unter hohem Zeitdruck sehr viel, und ich kenne viele, die genau diese differenzierte Beratung machen. Was ich beschreibe, ist kein Vorwurf an Personen, sondern eine Beobachtung über Rahmenbedingungen: In sieben bis zehn Minuten ist ein vollständiges Risikogespräch kaum zu leisten. Dieser Artikel soll dir helfen, dieses Gespräch selbst anzustoßen.
Ein Rezept nach drei Werten und sieben Minuten ist noch keine vollständige Risikoabwägung. Die Leitlinien sehen mehr vor als eine einzelne Zahl. Du hast ein Recht auf die volle Diskussion.
Und jetzt weißt du, warum die Pille so leicht in der Hand landet, ohne dass die Frage gestellt wurde.
Ist Cholesterin der Maler? Oder der, der die Wand kaputt macht?
Falls du den Mythos-Cholesterin-Artikel gelesen hast, kannst du diesen Abschnitt überfliegen. Falls nicht, hier das Wesentliche in drei Absätzen.
Cholesterin baut deine Zellmembranen, deine Steroidhormone, deine Gallensäuren, deine Vitamin-D-Vorstufe. Etwa 75 bis 80 Prozent davon baut deine Leber selbst, völlig unabhängig davon, wie viele Eier du isst. Wer Cholesterin pauschal senkt, ohne zu wissen, warum es hoch ist, behandelt einen Sensor, kein Problem.
LDL ist nicht gleich LDL. Es gibt einen Phänotyp A: groß, fluffig, wenig atherogen. Es gibt einen Phänotyp B: klein, dicht, oxidationsanfällig, stark atherogen. Was Phänotyp B treibt, ist nicht Butter. Es ist Zucker, Insulin-Resistenz, Stress und industrielle Saatöle.
LDL findet sich im Plaque. Ob es dort primär Täter ist oder auch Teil einer Reparatur, wird bis heute diskutiert. Gut belegt ist beides: LDL trägt als Stoffklasse kausal zur Atherosklerose bei, das zeigen Mendelsche Randomisierungsstudien deutlich. Und ein geschädigtes Endothel bringt den Prozess erst in Gang. Was das Endothel schädigen kann: dauerhaft hoher Blutzucker, Bluthochdruck, Rauchen, Schlafmangel, Bewegungsmangel und chronischer Stress. Für oxidierte Linolsäure, Schwermetalle und Mykotoxine ist die Datenlage beim Menschen dünn. Ich nenne sie als Hypothese, nicht als Befund.
Statine blockieren ein einziges Enzym. Was sie dabei alles mitnehmen, steht selten auf dem Beipackzettel.
Statine hemmen ein Enzym in deiner Leber, das HMG-CoA-Reduktase heißt. Dieses Enzym ist der Engpass-Schritt der Cholesterin-Synthese. Wenn man es blockiert, sinkt die hepatische Cholesterin-Produktion, die Leber zieht mehr LDL aus dem Blut, der Wert sinkt. So weit, so funktional.
Was selten besprochen wird: derselbe Stoffwechselweg, der Cholesterin produziert, produziert auch andere Moleküle. Wenn man oben das Wasser abdreht, fehlen unten mehrere Dinge gleichzeitig.
Was zusätzlich gehemmt wird, wenn die HMG-CoA-Reduktase blockiert ist
- Coenzym Q10 (Ubiquinon). Essenziell für die Atmungskette in deinen Mitochondrien. Wenig CoQ10, weniger ATP. Müdigkeit, Belastungsintoleranz, Muskelschmerzen werden plausibel.
- Dolichol. Wichtig für die Glykosylierung von Proteinen, also dafür, dass Proteine in deinen Zellen ihre Adresse finden.
- Vitamin K2 (Menachinon). Lenkt Calcium aus den Arterien in die Knochen. Reduziert das Gegenteil von dem, was Statine bewirken sollen.
- Selenoproteine. Darunter Glutathion-Peroxidase, einer deiner zentralen Antioxidans-Schutzschilde gegen oxidativen Stress.
- Steroidhormone-Vorstufen. Cholesterin ist die Mutter von Testosteron, Östrogen, Progesteron, Cortisol. Statine senken im Schnitt leicht das Testosteron, statistisch signifikant.
Perspektive, MeinungsbeitragOkuyama et al., 2015. Statine als mitochondriale und vaskuläre Off-Target-Substanzen
Die Autoren haben in diesem Beitrag im Expert Review of Clinical Pharmacology mechanistisch zusammengetragen, warum Statine bei manchen Menschen mehr Schaden als Nutzen anrichten könnten. Sie argumentieren, dass eine Zunahme von Herzinsuffizienz und Arterienverkalkung trotz LDL-Senkung auch durch genau diese Off-Target-Effekte mitbedingt sein könnte.
Wichtig zur Einordnung: Das ist eine Position, keine systematische Übersicht und keine Beweisführung. Die Autoren gehören zu den bekannten Statin-Kritikern, ihre Thesen sind fachlich umstritten und mehrfach erwidert worden. Ich führe sie hier als Gegenstimme auf, nicht als belegten Befund.
Okuyama H, Langsjoen PH, Hamazaki T, et al. Statins Stimulate Atherosclerosis and Heart Failure: Pharmacological Mechanisms. Expert Rev Clin Pharmacol. 2015;8(2):189-199. doi.org/10.1586/17512433.2015.1011125
Schooling et al., 2013. Statine senken Testosteron leicht, aber signifikant
Diese Meta-Analyse fasst placebo-kontrollierte Studien zusammen, die Testosteron unter Statin-Therapie gemessen haben. Im Mittel sank Testosteron um etwa 0,44 nmol/l. Bei Männern war der Effekt etwas größer, bei Frauen mit PCOS war er auch nachweisbar.
Die klinische Relevanz dieser kleinen Verschiebung ist umstritten. Bei einem 25-Jährigen mit ohnehin grenzwertigem Testosteron könnte sie aber Schlaf, Stimmung, Libido und Trainingsfortschritt spürbar beeinflussen. Bei einem 65-Jährigen mit klarem kardiovaskulärem Schaden ist sie nachrangig.
Schooling CM, Au Yeung SL, Freeman G, et al. The effect of statins on testosterone in men and women. BMC Med. 2013;11:57. doi.org/10.1186/1741-7015-11-57
Statine senken nicht nur Cholesterin. Sie greifen mit demselben Hebel in Energieproduktion, Hormone, Antioxidans-System und Calcium-Steuerung deiner Arterien ein. Bei einer 34-jährigen Sportlerin ist diese Off-Target-Last anders zu gewichten als bei einer 70-jährigen mit stenosierter Koronarie.
Wann Statine wirklich helfen. Und wann sie ein Schritt zu früh sind.
Damit niemand mich falsch versteht: es gibt klare Konstellationen, in denen Statine sehr wahrscheinlich Leben verlängern. Und es gibt Konstellationen, in denen sie kaum etwas verändern, aber dafür Nebenwirkungen produzieren.
Es gibt also nicht "Statin gut" oder "Statin schlecht". Es gibt nur "Statin in welcher Situation, mit welchem Ziel, mit welcher Alternative geprüft, mit welchem Verlauf nachverfolgt".
Cai et al., 2021, BMJ. Statine in der Primärprävention, Nutzen und Risiken
Diese sehr große Übersicht fand reale, aber moderate Vorteile in der Primärprävention. Gleichzeitig zeigte sie ein leicht erhöhtes Risiko für selbst berichtete Muskelbeschwerden, Leberfunktionsstörungen, Niereninsuffizienz und Augenprobleme. Für klinisch gesicherte Muskelerkrankungen und für Diabetes fand sie in dieser Analyse gar keinen Zusammenhang.
Die Autoren selbst kommen zu dem Schluss, dass diese Risiken absolut klein sind und den Nutzen in der Primärprävention nicht aufwiegen. Ich nenne dir die Nebenwirkungen trotzdem vollständig, weil sie in deine Abwägung gehören, nicht weil sie die Bilanz umdrehen. Die Frage ist nicht "Statin ja oder nein", sondern wie absoluter Nutzen und absolute Schäden bei deinem konkreten Risikoprofil aussehen.
Cai T, Abel L, Langford O, et al. Associations between statins and adverse events in primary prevention of cardiovascular disease. BMJ. 2021;374:n1537. doi.org/10.1136/bmj.n1537
Kohortenanalyse, n=45.750, 5 LeitlinienMortensen et al., 2019, JAMA Cardiology. NNT in Abhängigkeit vom Ausgangsrisiko
Diese Analyse hat anhand der Copenhagen General Population Study mit 45.750 Teilnehmenden im Alter von 40 bis 75 Jahren die Empfehlungen der fünf großen Leitlinien gegeneinander gerechnet. Ergebnis: Die Number Needed to Treat über zehn Jahre lag je nach Leitlinie und Statin-Intensität zwischen 18 und 32, um ein einziges kardiovaskuläres Ereignis zu verhindern.
Wichtig zur Einordnung: Die Number Needed to Treat hängt stark vom Ausgangsrisiko ab, und dieses Kollektiv war 40 bis 75 Jahre alt. Für eine gesunde 34-Jährige mit isoliert hohem LDL liegt das absolute Zehn-Jahres-Risiko deutlich darunter, die NNT entsprechend deutlich darüber. Eine belastbare Zahl für genau diese Gruppe gibt es aus randomisierten Studien bisher nicht, weil sie kaum eingeschlossen wurde. Genau das ist der Punkt: Der Nutzen ist bei ihr nicht gemessen, sondern geschätzt.
Mortensen MB, Nordestgaard BG. Statin Use in Primary Prevention of Atherosclerotic Cardiovascular Disease According to 5 Major Guidelines for Sensitivity, Specificity, and Number Needed to Treat. JAMA Cardiol. 2019;4(11):1131-1138. doi.org/10.1001/jamacardio.2019.3665
Je niedriger dein absolutes Risiko, desto größer die Number Needed to Treat und desto kleiner dein möglicher Gewinn. Bei jungen, gesunden Menschen mit isoliert hohem LDL ist dieser Gewinn bisher nicht gemessen, sondern hochgerechnet. Das macht eine Behandlung nicht falsch. Es macht das Gespräch darüber unverzichtbar.
Es ist nie ein einzelner Wert. Es ist immer das ganze System.
Die wahrscheinlich wichtigste Studie der modernen Kardiologie zur Frage "wie entsteht eigentlich ein Herzinfarkt?" ist nicht eine LDL-Studie. Es ist eine Studie über das, was zusammen passiert.
Fall-Kontroll, n=29.972, 52 LänderYusuf et al., 2004, Lancet. INTERHEART
Salim Yusuf und sein internationales Team haben fast 30.000 Menschen in 52 Ländern untersucht, davon 15.152 mit erstem Herzinfarkt und 14.820 als Kontrollgruppe. Sie haben gefragt: welche modifizierbaren Faktoren erklären zusammen das Herzinfarkt-Risiko?
Das Ergebnis hat das Feld bewegt. Neun Faktoren erklären zusammen rund 90 Prozent des Herzinfarkt-Risikos bei Männern und rund 94 Prozent bei Frauen, über Regionen und Altersgruppen hinweg.
Yusuf S, Hawken S, Ounpuu S, et al. Effect of potentially modifiable risk factors associated with myocardial infarction in 52 countries (the INTERHEART study). Lancet. 2004;364(9438):937-952. doi.org/10.1016/S0140-6736(04)17018-9
Was sind diese neun Faktoren, gewichtet nach ihrem Anteil am Bevölkerungsrisiko?
Die neun INTERHEART-Faktoren in absteigender Reihenfolge
- Apo-B/Apo-A1-Verhältnis im obersten Quintil. Population Attributable Risk (PAR) etwa 49 Prozent. Heißt: knapp die Hälfte aller Herzinfarkte hängt mit diesem Lipidverhältnis zusammen, nicht mit isoliertem LDL.
- Rauchen. Odds Ratio 2,87. PAR etwa 36 Prozent.
- Psychosoziale Faktoren. Stress, Depression, finanzielle Sorgen. PAR etwa 33 Prozent.
- Bauchumfang (abdominelle Adipositas). PAR etwa 20 Prozent.
- Hypertonie. PAR etwa 18 Prozent.
- Wenig Obst und Gemüse. PAR etwa 14 Prozent.
- Bewegungsmangel. PAR etwa 12 Prozent.
- Diabetes mellitus. PAR etwa 10 Prozent.
- Geringer regelmäßiger Alkoholkonsum als protektiver Faktor. Hier mit Vorsicht zu interpretieren, methodisch schwächer.
Wichtig zu sehen: Der stärkste Lipid-Marker in dieser Arbeit ist nicht das reine LDL-Cholesterin, sondern das Apo-B-zu-Apo-A1-Verhältnis. Also die Anzahl atherogener Partikel im Verhältnis zur Anzahl protektiver. Fairerweise gehört dazu: Apo-B bildet im Kern die Zahl der atherogenen Partikel ab, zu denen LDL gehört. Dieser Befund spricht also nicht gegen die Bedeutung atherogener Lipoproteine, im Gegenteil. Er sagt, dass die Partikelzahl mehr aussagt als der reine Cholesterinwert.
Hinzu kommen Faktoren, die in INTERHEART nicht erfasst wurden und die in der funktionellen Medizin zusätzlich diskutiert werden: chronische niedriggradige Inflammation (gemessen über hsCRP), Insulinresistenz und ihre Vorboten, schlechter Schlaf und niedrige HRV. Für diese ist die Datenlage solide. Für Schwermetall- und Mykotoxin-Belastung als Treiber der Atherosklerose ist sie beim Menschen dünn, ich nenne sie als Hypothese, nicht als Befund.
Bluthochdruck, Insulinresistenz, abdominelles Fett, Stress, Toxine, Bewegung, Schlaf, Apo-B-Verhältnis. Das ist deine echte Risiko-Karte. Eine Pille, die nur einen Punkt auf dieser Karte berührt, kann nicht die ganze Karte verändern.
Hohes Lp(a) plus Statin? Das löst genau das Problem nicht, das es lösen soll.
Das ist der Teil, der mich am meisten beschäftigt. Lp(a), gesprochen "Lipoprotein klein a", ist ein genetisch bestimmtes Partikel, dessen Höhe sich über das Leben kaum ändert. Wer hohes Lp(a) hat, hat ein erhöhtes Risiko für frühe Herzinfarkte und Aortenklappenstenose, unabhängig von allem anderen. So weit ist die Evidenz robust.
Was in der Sprechstunde oft untergeht: Statine senken Lp(a) nicht. Sie erhöhen es im Mittel leicht. Die große subjekt-basierte Meta-Analyse von Tsimikas und Kollegen aus dem European Heart Journal zeigt das sehr deutlich.
Tsimikas et al., 2020, European Heart Journal. Statine erhöhen Lp(a)
Sotirios Tsimikas und Kollegen haben sechs randomisierte placebo-kontrollierte Studien auf Subjekt-Ebene zusammengeführt. 5.256 Patientinnen und Patienten, davon 1.371 in der Placebo-Gruppe und 3.885 in der Statin-Gruppe. Atorvastatin, Pravastatin, Rosuvastatin, Pitavastatin in unterschiedlichen Dosierungen.
Ergebnis: unter Statin stieg Lp(a) im Mittel um 11 Prozent. In einzelnen Subgruppen waren es bis zu 19,6 Prozent. Unter Placebo sank Lp(a) leicht. Der Effekt war statistisch hochsignifikant und in praktisch allen Subgruppen reproduzierbar.
Konsequenz für dich: Wer wegen hohem Lp(a) ein Statin bekommt, sollte wissen, dass das Statin genau dieses Partikel nicht senkt, sondern es im Mittel leicht anhebt. Sinnvoll sein kann es trotzdem, weil man bei hohem Lp(a) versucht, das übrige atherogene Risiko so weit wie möglich zu senken. Genau so sehen es auch die europäischen Leitlinien. Was aus meiner Sicht nicht sinnvoll ist, ist die Verordnung ohne dieses Gespräch, weil sonst eine Erwartung entsteht, die das Medikament nicht erfüllen kann.
Tsimikas S, Gordts PLSM, Nora C, Yeang C, Witztum JL. Statin therapy increases lipoprotein(a) levels. Eur Heart J. 2020;41(24):2275-2284. doi.org/10.1093/eurheartj/ehz310
Was tut man stattdessen bei hohem Lp(a)? Aktuell gibt es keine zugelassene spezifische Lp(a)-Senkung in der breiten Verschreibung. Es gibt vielversprechende Antisense-Oligonukleotide in Phase-3-Studien, etwa Pelacarsen. Die sind aber nicht für Hausarzt-Praxis-Routine. Was man tun kann, ist: das gesamte restliche Risiko so weit wie möglich runterfahren. Insulin-Sensitivität optimieren, Endothel pflegen, Inflammation senken, Blutdruck normhalten, Plaque per Bildgebung beobachten.
Hohes Lp(a) ist ein Hinweis, dass dein Gesamtrisikoprofil sehr sorgfältig betrachtet werden sollte. Ein Statin senkt dieses Partikel nicht. Es kann trotzdem Teil einer Strategie sein, die das übrige atherogene Risiko senkt. Wichtig ist, dass du weißt, wofür du es nimmst.
Auch wenn LDL als Spezies kausal beiträgt, sagt eine LDL-Zahl ohne Subklassen-Differenzierung wenig über dich aus.
Hier muss ich kurz fair sein. Es gibt sehr starke Evidenz, vor allem aus Mendelschen Randomisierungs-Studien, dass LDL als Stoffklasse kausal zur Atherosklerose beiträgt. Das ist die Position des EAS-Konsensus-Statements von 2017. Die ist real, sie ist solide, sie verschwindet nicht, weil ich sie unbequem finde.
Aber: dieselbe Forschung sagt, dass nicht jedes LDL gleich gefährlich ist. Es gibt mindestens zwei Phänotypen.
LDL-Subklassen, vereinfacht
- Phänotyp A (large, fluffy LDL). Groß, leicht, gibt sein Cholesterin sauber an Zellen ab. Wenig atherogen. Steigt unter Bewegung, Olivenöl, gesättigten Fetten.
- Phänotyp B (small, dense LDL). Klein, dicht, oxidationsanfällig, dringt leicht in die Gefäßwand ein. Stark atherogen. Steigt unter Zucker, Insulinresistenz, industriellen Saatölen, Stress.
Zwei Menschen können denselben LDL-Wert haben und ein völlig anderes Risiko mitbringen. Was diese beiden unterscheidet, ist die Anzahl atherogener Partikel. Genau die misst Apo-B. Eine LDL-Zahl allein misst sie nicht.
Sniderman, 2013. Apo-B ist Cholesterin-Markern überlegen
Allan Sniderman hat in einer großen Diskordanz-Analyse gezeigt, dass Apo-B sowohl Non-HDL-Cholesterin als auch LDL-Cholesterin als Risikoprädiktor überlegen ist. Wenn Apo-B und LDL-C nicht zusammenpassen, ist Apo-B die bessere Vorhersage. Sein Punkt: "Epidemiologie ohne Berücksichtigung der Physiologie ist wie schießen, ohne zu zielen."
Sniderman A, Kwiterovich PO. Update on the detection and treatment of atherogenic low-density lipoproteins. Curr Opin Endocrinol Diabetes Obes. 2013;20(2):140-147. doi.org/10.1097/MED.0b013e32835ed9cb
Konsequenz: LDL-Senkung um jeden Preis ist nicht automatisch "gut". Wer LDL über eine pflanzenbetonte Ernährung deutlich senkt, dabei aber den sd-LDL-Anteil erhöht, weil mehr Brot, mehr Saatöle, mehr Triglyceride im Spiel sind, hat unter Umständen das Risiko nicht gesenkt, sondern verschoben. Das ist eine physiologische Überlegung, die in einer Standardlabor-Untersuchung schlicht nicht sichtbar wird.
Was die Datenlage zu pflanzlich versus tierisch tatsächlich sagt
Die Diskussion ist emotional, ich bemühe mich, sachlich zu bleiben. Folgende Punkte sind gut belegt.
Termannsen et al., 2022, Obes Rev. Vegane Ernährung und kardiometabolische Marker
Termannsen und Kollegen haben elf randomisierte Studien mit 796 Personen mit Übergewicht oder Typ-2-Diabetes zusammengefasst. Unter veganer Kost sanken Körpergewicht, BMI, HbA1c, Gesamtcholesterin und LDL-Cholesterin moderat. Auf Blutdruck, HDL und Triglyceride zeigte sich kein Effekt.
Wichtig: Harte kardiovaskuläre Endpunkte hat diese Analyse nicht untersucht. Für die Frage, ob vegane Ernährung Herzinfarkte verhindert, gibt es bis heute keine randomisierte Studie, sondern nur Beobachtungsdaten. Beobachtungsdaten korrelieren, sie beweisen nicht.
Termannsen AD, Clemmensen KKB, Thomsen JM, et al. Effects of vegan diets on cardiometabolic health: A systematic review and meta-analysis of randomized controlled trials. Obes Rev. 2022;23(9):e13462. doi.org/10.1111/obr.13462
Anders gesagt: dass eine vegane Ernährung LDL senkt, ist gut belegt. Dass sie Herzinfarkte verhindert, ist nicht im selben Maße belegt. Das ist ein wichtiger Unterschied, der in der Beratung selten gemacht wird.
Und was sehe ich in der Praxis bei Low-Carb und Carnivore?
Hier wird es spannend, weil die Evidenz dem öffentlichen Bild widerspricht.
RCT, n=40, 12 WochenVolek et al., 2009. Kohlenhydrat-Restriktion und das atherogene Lipidprofil
Jeff Volek und Kollegen haben 40 Personen mit atherogener Dyslipidämie in einen 12-wöchigen RCT randomisiert: kohlenhydrat-arme versus fettarme Kost, beide Arme kalorienreduziert auf etwa 1.500 kcal. Beide Gruppen haben Gewicht verloren. Unter der kohlenhydrat-armen Kost verbesserten sich mehrere Marker stärker: Triglyceride minus 51 Prozent, HDL plus 13 Prozent, Nüchterninsulin minus 50 Prozent, dazu eine günstigere LDL-Partikelverteilung und ein besseres Apo-B-zu-Apo-A1-Verhältnis.
Zur Einordnung: Das ist eine kleine Studie über zwölf Wochen mit Laborwerten als Endpunkt. Harte kardiovaskuläre Endpunkte hat sie nicht untersucht.
Volek JS, Phinney SD, Forsythe CE, et al. Carbohydrate restriction has a more favorable impact on the metabolic syndrome than a low fat diet. Lipids. 2009;44(4):297-309. doi.org/10.1007/s11745-008-3274-2
In meiner Sprechstunde sehe ich oft, dass sich bei metabolisch nicht ganz gesunden Menschen unter einer kohlenhydrat-reduzierten Ernährung genau die Werte bewegen, die in der Risikodiskussion eine Rolle spielen: Triglyceride, sd-LDL-Anteil, hsCRP, Insulin, HOMA-IR. Das ist eine Beobachtung aus meiner Praxis, keine Erfolgsquote. Bei einer Untergruppe schlanker, sportlicher Menschen, den sogenannten Lean-Mass-Hyper-Respondern, kann LDL-C unter Low-Carb deutlich steigen. Was das für die Gefäße bedeutet, ist offen. Die einzige Studie, die diese Gruppe per CT über ein Jahr verfolgt hat, ist inzwischen zurückgezogen worden und trägt daher keine Aussage mehr. Ich behandle diese Konstellation deshalb als ungeklärt und kontrolliere die Gefäße per Bildgebung, statt mich auf eine Entwarnung zu verlassen, die es noch nicht gibt.
Ein gesenkter LDL-Wert auf einem Laborzettel ist für sich genommen noch kein Beleg für ein längeres Leben. Eine vegane Ernährung senkt LDL, ob sie dein Risiko senkt, ist randomisiert nicht geprüft. Eine kohlenhydrat-reduzierte Ernährung kann LDL bei manchen senken, bei anderen heben, dabei aber Triglyceride und sd-LDL-Anteil günstig verändern. Das Ziel ist nicht allein "LDL niedrig". Das Ziel ist ein Gesamtbild: Endothel intakt, wenige atherogene Partikel, niedrige Entzündung. Dass LDL dabei mitzählt, bestreite ich nicht.
Viele Statin-Patientinnen wissen nicht, dass diese Effekte mit der Pille zusammenhängen könnten.
Statine sind nicht ein Bonbon. Sie sind ein potentes Pharmakon. Bei Hochrisiko-Patienten überwiegt der absolute Nutzen klar. Bei niedrigerem Risiko verschiebt sich diese Bilanz spürbar.
Muskelbeschwerden
Zusätzliche Fälle in randomisierten Studien: rund 15 pro 10.000 Behandlungsjahre (Cai 2021, BMJ). In unkontrollierten Kohorten berichten 10 bis 25 Prozent Beschwerden, der dem Statin zurechenbare Anteil ist also viel kleiner. Deine Beschwerden sind trotzdem real und gehören abgeklärt.
Diabetes-Risiko
Erhöhtes relatives Risiko für neu aufgetretenen Typ-2-Diabetes. Absolut: Nehmen 255 Menschen vier Jahre lang ein Statin, kommt ein zusätzlicher Fall dazu (Sattar 2010, Lancet). Die Autoren halten das für gering im Vergleich zu den verhinderten Herzereignissen.
CoQ10-Senkung
Plasma-CoQ10 kann unter Statin um etwa 40 Prozent sinken. Mitochondriale Energieproduktion könnte spürbar leiden, vor allem unter sportlicher Belastung.
Testosteron
nmol/l Absenkung im Mittel (Schooling 2013). Bei manchen Männern mit ohnehin niedrigem T spürbar in Energie, Stimmung, Libido.
Lp(a)-Anstieg
Im Mittel über Studien hinweg, in Subgruppen bis 19,6 Prozent (Tsimikas 2020). Genau gegenteilig zu dem, was viele Verschreibungen unterstellen.
Kognitive Effekte
Diffuser Brain Fog, Wortfindungsstörungen. In RCTs umstritten, in der Praxis berichtet. Bei Verdacht bitte nicht selbst absetzen, sondern zeitnah mit der verschreibenden Ärztin oder dem Arzt sprechen.
Die SAMSON-Studie (Howard 2021, JACC) hat gezeigt, dass ein erheblicher Teil der berichteten Statin-Nebenwirkungen auch unter Placebo-Tabletten auftritt, ist also nocebo-vermittelt. Das ist wichtig zu wissen, ändert aber nichts an der Tatsache, dass auch echte Off-Target-Effekte existieren. Die Frage ist nicht "echt oder nocebo", sondern "wie viel Risiko nehme ich für wie viel absoluten Nutzen".
Die einzelnen Nebenwirkungen, in Mechanismus und Praxis
Damit du nicht mit pauschalen Sätzen abgespeist wirst, will ich dir die wichtigsten möglichen Nebenwirkungen detaillierter aufschlüsseln. So bekommst du hier die Aufklärung, die in einem siebenminütigen Hausarzt-Termin systematisch nicht stattfindet.
1. Muskelbeschwerden und Mitochondrien
Statine senken nicht nur Cholesterin, sondern auch die körpereigene Produktion von Coenzym Q10 und Häm A. Beides ist essenziell für die ATP-Bildung in deinen Mitochondrien. Plasma-CoQ10 kann unter Statin um bis zu 40 Prozent sinken. Das ist nicht nichts. Wer trainiert, regelmäßig Sport macht, oder ohnehin eine grenzwertige Energie-Reserve hat, kann das spürbar erleben: schwere Beine, schlechtere Erholung, Belastungsintoleranz. In schweren Fällen, sehr selten aber real, kann eine immunvermittelte nekrotisierende Myopathie auftreten, die HMG-CoA-Reduktase-Antikörper-positiv ist und nach dem Absetzen weiterläuft. Häufiger sind diffuse Muskelbeschwerden, die in der Versorgung als SAMS bezeichnet werden. In unkontrollierten Kohorten berichten 10 bis 25 Prozent der Behandelten davon. In randomisierten Studien ist der dem Statin zurechenbare Anteil viel kleiner, in der großen BMJ-Analyse von 2021 rund 15 zusätzliche Fälle pro 10.000 Behandlungsjahre, und für klinisch gesicherte Muskelerkrankungen fand sie gar keinen Zusammenhang. Beides ist wahr: Viele Menschen spüren etwas, und nur ein kleiner Teil davon kommt nachweislich vom Statin. Deine Beschwerden sind trotzdem real und gehören abgeklärt.
Plötzliche starke Muskelschwäche, heftige Muskelschmerzen, dunkler oder cola-farbener Urin, Fieber oder deutlich weniger Urin: Das können Zeichen einer Rhabdomyolyse sein, einer seltenen, aber gefährlichen Muskelschädigung. Dann gehst du bitte sofort in ärztliche Behandlung oder in eine Notaufnahme, im Notfall über die 112. Nicht abwarten und nicht bis zum nächsten regulären Termin aufschieben.
2. Diabetes-Risiko
Die Sattar-Meta-Analyse (Lancet 2010, 13 Studien, 91.140 Teilnehmende) zeigt ein um etwa 9 Prozent erhöhtes relatives Risiko für neu aufgetretenen Typ-2-Diabetes unter Statin-Therapie. Absolut heißt das: Wenn 255 Menschen vier Jahre lang ein Statin nehmen, kommt ein zusätzlicher Diabetes-Fall dazu. Die Autoren selbst halten dieses Risiko für gering im Vergleich zur Zahl der verhinderten Herzereignisse und empfehlen ausdrücklich, die Praxis bei mittlerem und hohem Risiko nicht zu ändern. Bei niedrigem absoluten Risiko verschiebt sich diese Bilanz, weil dann der Nutzen kleiner wird, nicht weil der Schaden größer würde. Die große BMJ-Analyse von 2021 fand für Diabetes übrigens gar keinen Zusammenhang. Der Mechanismus ist nicht abschließend geklärt, diskutiert werden Effekte auf Insulin-Sekretion und Insulin-Sensitivität sowie eine mögliche Beeinträchtigung der GLUT-4-Translokation in den Muskelzellen.
3. Hormonsystem und Testosteron
Cholesterin ist die Mutter aller Steroidhormone. Wenn du oben am Wasserhahn drehst, fehlt unten Material. Die Schooling-Meta-Analyse (BMC Med 2013) zeigt eine Absenkung des Testosterons im Mittel um 0,44 nmol/l. Das wirkt klein. Bei einem 30-Jährigen mit ohnehin grenzwertigem Wert kann das aber in Schlaf, Stimmung, Libido, Trainingsfortschritt und Knochengesundheit spürbar werden. Bei einem 65-Jährigen mit klarer Plaque ist es nachrangig. Genau diese Differenzierung gehört in das Aufklärungsgespräch.
4. Vitamin K2 und arterielle Verkalkung
Hier wird es paradox. Statine hemmen über den Mevalonat-Stoffwechsel auch die Synthese von Vitamin K2 (Menachinon). Vitamin K2 ist das Vitamin, das Calcium aus den Arterien herauszieht und in die Knochen lenkt. Eine Senkung von Vitamin K2 könnte zu mehr arterieller Verkalkung führen, also genau zu dem, was Statine eigentlich verhindern sollen. Das ist Hypothese, nicht abschließender Beweis. Aber sie passt zum Befund einiger Beobachtungsstudien, dass die koronare Verkalkung unter Statinen tendenziell schneller voranschreitet, auch wenn die Plaque-Stabilität sich verbessert. Die Bewertung ist umstritten, die Frage ist offen.
5. Antioxidans-Schutz und oxidativer Stress
Selenoproteine wie die Glutathion-Peroxidase brauchen denselben Mevalonat-Stoffwechselweg wie Cholesterin. Werden Statine gegeben, kann auch dieser Schutzschild leiden. Bei jungen Menschen, die ohnehin in einem oxidativ belasteten Lebensstil stehen (Stress, viel Bildschirmzeit, mäßiger Schlaf), könnte das relevant sein. Belegt ist dieser Zusammenhang beim Menschen nicht, ich beschreibe eine physiologische Überlegung.
6. Kognitive Symptome
Diffuser Brain Fog, Wortfindungsstörungen, langsameres Denken. In RCTs uneinheitlich, in der Praxis und in Erfahrungsberichten breit beschrieben. Die FDA hat 2012 einen entsprechenden Hinweis in die Produktinformation aufgenommen. Wer das spürt, sollte zeitnah mit der verschreibenden Ärztin oder dem Arzt sprechen. Eine ärztlich begleitete Pause mit anschließender Neubewertung ist ein etabliertes Vorgehen. Bitte setze das Statin nicht eigenmächtig ab. Wenn du bereits einen Herzinfarkt, Schlaganfall, Stent oder Bypass hattest, kann ein eigenmächtiges Absetzen gefährlich werden.
7. Leber- und Nierenwerte
Erhöhungen der Transaminasen (ALT, AST) treten bei einem niedrigen einstelligen Prozentsatz auf, sind meist mild und bilden sich in der Regel zurück. Niereninsuffizienz und Augenprobleme wurden in der Cai-Meta-Analyse 2021 als zusätzliche Risiken benannt. Das gehört in die regelmäßige Kontrolle. Wenn du bereits eine Leber- oder Nierenerkrankung hast, beeinflusst das die Wahl der Substanz und die Dosis. Das gehört vor das erste Rezept, nicht erst in die Verlaufskontrolle.
8. Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten
Die meisten Statine werden über das Leberenzym CYP3A4 abgebaut. Alles, was dieses Enzym hemmt, kann den Statin-Spiegel im Blut erhöhen und damit auch das Risiko für Muskelprobleme. Dazu gehören unter anderem bestimmte Antibiotika aus der Makrolid-Gruppe, Azol-Antimykotika, Amiodaron und Ciclosporin, außerdem Grapefruit und Grapefruitsaft in relevanter Menge. Auch die Kombination mit Fibraten erhöht das Myopathie-Risiko. Sag deiner Ärztin, deinem Arzt und deiner Apotheke deshalb immer, dass du ein Statin nimmst, bevor ein neues Medikament dazukommt.
9. Schwangerschaft, Kinderwunsch und Stillzeit
Das ist für dieses Thema besonders wichtig, weil viele Menschen, die diesen Artikel lesen, jung sind. Statine sind in Schwangerschaft und Stillzeit nicht angezeigt und in den Fachinformationen als kontraindiziert geführt. Wenn du schwanger bist, schwanger werden möchtest oder stillst, gehört das vor jeder Entscheidung über ein Statin besprochen. Bitte setze auch hier nichts eigenmächtig ab, sondern sprich zeitnah mit deiner Ärztin oder deinem Arzt, damit gemeinsam entschieden werden kann, wie es weitergeht.
10. Lp(a)-Anstieg
Bereits ausführlich in Schritt 7 besprochen. Im Mittel +11 Prozent unter Statin (Tsimikas 2020). Wenn deine Indikation explizit auf hohem Lp(a) basiert, ist das Off-Target-Effekt mit Vorzeichen-Wechsel.
Diese Liste ist nicht ein Argument gegen Statine. Sie ist ein Argument für ein Aufklärungsgespräch. Wenn dein absolutes Risiko hoch ist, überwiegt der Nutzen diese Risiken klar. Wenn dein absolutes Risiko niedrig ist, sind diese Risiken die andere Seite der Medaille. Genau diese Wägung ist die ärztliche Aufgabe, die in sieben Minuten nicht zu leisten ist.
Und jetzt weißt du, warum die Frage nicht ist, ob Statine Nebenwirkungen haben. Die Frage ist, ob deine Indikation diese Nebenwirkungen rechtfertigt.
Bevor irgendjemand "Statin" sagt, gehören diese Schritte ins Gespräch.
Stell dir vor, du gehst zu einem Architekten und sagst: "Ich glaube, mein Haus ist nicht stabil." Er antwortet: "Lass uns die tragende Wand abbrechen und neu mauern." Bevor er das Fundament gesehen hat. Bevor er die Risse vermessen hat. Bevor er weiß, ob es überhaupt eine tragende Wand ist. Du würdest ihn nicht beauftragen.
Genau diese Reihenfolge passiert aber unter Zeitdruck immer wieder. Hoher LDL-Wert, dann Pille. Lp(a) erhöht, dann Pille. Triglyceride hoch, dann Pille. Bevor das Fundament untersucht wurde.
ÜbersichtsarbeitGreenland et al., 2018. Calcium-Score als Risiko-Differenzierer
Die MESA-Studie und folgende Analysen zeigen, dass ein Calcium-Score von null bei statistisch "moderatem" Risiko die wahre Wahrscheinlichkeit eines kardiovaskulären Ereignisses in den nächsten zehn Jahren auf häufig unter zwei Prozent senkt. Umgekehrt verschiebt ein hoher Score eine "niedrige" Schätzung in den Hochrisiko-Bereich.
Konsequenz: Der CAC-Score kann die Einschätzung in beide Richtungen verschieben, oft präziser als eine Risiko-Formel allein. Er kann deshalb bei unklarer Indikation in die Diagnostik gehören.
Wichtig zur Einordnung: Diese Arbeit ist eine Übersichtsarbeit und bezieht sich auf Erwachsene im typischen Primärpräventionsalter. Die Leitlinien-Empfehlungen zum CAC beginnen bei etwa 40 Jahren. Bei deutlich jüngeren Menschen ist ein Score von null der Regelfall und deshalb kein Freibrief. Außerdem bildet ein CAC-Score nur verkalkte Plaque ab, nicht die weiche, noch nicht verkalkte.
Greenland P, Blaha MJ, Budoff MJ, Erbel R, Watson KE. Coronary Calcium Score and Cardiovascular Risk. J Am Coll Cardiol. 2018;72(4):434-447. doi.org/10.1016/j.jacc.2018.05.027
Eine erweiterte Lipid- und Stoffwechsel-Diagnostik plus ein Calcium-Score sind Selbstzahlerleistungen und kosten je nach Umfang mehrere hundert Euro. Ein generisches Statin kostet weniger. Der Punkt ist also nicht der Preis. Der Punkt ist die Frage: Möchtest du eine lebenslange Medikamenten-Entscheidung auf drei Werten treffen oder auf einem vollständigeren Bild? Diese Abwägung gehört dir, nicht mir.
Bevor die Pille kommt, kommt das, was die Pille eigentlich nachahmt.
Statine senken Cholesterin. Aber das ist nicht das Ziel. Das Ziel ist ein intaktes Endothel. Lebensstil-Hebel können daran an sehr vielen Stellen gleichzeitig ansetzen, an denen ein Statin gar nicht ansetzt. Ob sie ein Statin ersetzen können, ist nie randomisiert geprüft worden, und ich behaupte das ausdrücklich nicht. Was sie können: das Risiko-Bild so verändern, dass die Indikationsfrage nach drei bis sechs Monaten neu und ehrlicher gestellt werden kann.
Was Endothel-Pflege wirklich bedeutet
- Stark verarbeitete Öle reduzieren. Ein Teil der Forschung diskutiert, ob oxidierte Linolsäure aus hoch erhitzten und mehrfach verwendeten Industrieölen das LDL-Profil ungünstig verschieben kann. Diese Hypothese ist mechanistisch interessant und in Beobachtungsdaten umstritten, große Meta-Analysen finden für Linolsäure eher keinen Schaden. Kaltgepresstes Olivenöl ist eine gut untersuchte Alternative.
- Insulin-Sensitivität optimieren. Schnelle Kohlenhydrate raus, vor allem nach 18 Uhr. Bewegung in den Alltag. HbA1c im unteren Normbereich und ein Triglycerid-zu-HDL-Verhältnis unter 1,5 sind gängige Orientierungswerte, keine Zielvorgabe für jeden.
- Schlaf zwischen 22 und 6 Uhr. Tiefschlaf in der ersten Nachthälfte regeneriert Endothel und HRV. Wenig Schlaf, schlechtes HRV, gestresstes Endothel.
- Stress-Hygiene am Abend. HPA-Beruhigung. Atemübung, Spaziergang, kein Doomscrolling. Cortisol runter, Cholesterin-Synthese beruhigt sich, Endothel atmet auf.
- Omega-3-Index anheben. Kleine Fische wie Sardine und Hering oder Algenöl. EPA und DHA tragen zu einer normalen Herzfunktion bei. Ob sie darüber hinaus die Lipid-Peroxidation günstig beeinflussen können, wird diskutiert und ist beim Menschen nicht abschließend belegt.
- Mikronährstoff-Lücken schließen. Vitamin D, B12, Folat, Magnesium, Selen gehören zu den Bausteinen, die dein Gefäßsystem für Reparaturvorgänge braucht. Sinnvoll ist, sie zu messen, statt sie pauschal zu nehmen. Selen hat ein enges therapeutisches Fenster.
- Bewegung. Die NO-Produktion in den Gefäßen reagiert sehr direkt auf Bewegung. Drei bis fünf Mal pro Woche zügig spazieren ist nicht symbolisch, das ist messbare Physiologie.
Wenn du diese Hebel über drei bis sechs Monate konsequent ziehst und die passenden Werte nachverfolgst, kann sich die Ausgangslage für die Therapie-Entscheidung verändern. Versprechen kann ich das nicht, und bei einem Teil der Menschen bleibt die Indikation für ein Statin bestehen. Dann ist sie aber begründet und besprochen.
Du bist nicht ein Wert auf einem Zettel. Du bist ein System.
Die Frage, die mich an dieser ganzen Diskussion am meisten umtreibt, ist nicht medizinisch. Sie ist menschlich. Sie lautet: Was tun wir Menschen an, wenn wir ihnen mit 30 sagen, sie hätten ein chronisches Risiko und müssten lebenslang ein Medikament nehmen?
Wir entkoppeln sie von der Erfahrung, dass ihr Körper auf Lebensstil reagiert. Wir trainieren ihnen ab, dass Schlaf, Ernährung, Bewegung, Stress wirklich Werkzeuge sind, mit denen sie ihre Physiologie beeinflussen können. Wir machen sie zu Patientinnen, bevor sie wirklich krank sind.
Das ist nicht klein. Das ist eine identitätsverändernde Aussage über einen jungen Menschen.
Drei Sachen, die du diese Woche tun kannst, wenn dein Hausarzt dir reflexartig ein Statin verschrieben hat.
Erstens, frage nach den Zahlen, die dein Bild vervollständigen. Apo-B. Lp(a) einmalig. HOMA-IR oder Nüchterninsulin. hsCRP. HbA1c. Triglycerid-zu-HDL-Verhältnis. Wenn dir diese Werte neu sind, frag danach. Viele Hausärztinnen und Hausärzte kennen sie gut, andere halten sie mit guten Gründen für nicht entscheidungsrelevant, weil sie in den deutschen Leitlinien zur Primärprävention nicht vorgesehen sind. Beides ist vertretbar. Wichtig ist nur, dass die Frage gestellt und die Antwort begründet wird.
Zweitens, sprich über Bildgebung. Ein CAC-Score per niedrigdosiertem CT kann bei unklarer Indikation viel Klarheit bringen, weil er zeigt, ob dein Risiko eine Schätzung ist oder ein sichtbarer Befund. Dazu gehört die andere Seite: Es ist eine Röntgenuntersuchung. Sie braucht eine rechtfertigende Indikation nach dem Strahlenschutzrecht, sie bedeutet eine, wenn auch geringe, Strahlenbelastung, und es können Zufallsbefunde auftreten, die weitere Diagnostik nach sich ziehen. Die Leitlinien sehen den CAC-Score ab etwa 40 Jahren vor. Darunter ist seine Aussagekraft begrenzt, weil Verkalkung in jungen Jahren fast immer fehlt. Ein Score von null ist dort der Regelfall und keine Entwarnung. Ob er bei dir sinnvoll ist, entscheidet sich im ärztlichen Gespräch, nicht auf einer Webseite. Als Selbstzahlerleistung liegt er meist zwischen 100 und 200 Euro.
Drittens, fokussiere auf Insulin-Sensitivität und die Qualität deiner Fette. Schau in deinen Schrank. Was ich für unstrittig halte: hoch erhitzte, mehrfach verwendete Industrieöle sind kein Lebensmittel, an dem etwas gewonnen ist. Kaltgepresstes Olivenöl extra vergine ist eine gut untersuchte Alternative. Ob du zusätzlich auf Butter oder Ghee umsteigst, gehört ins individuelle Gespräch, pauschal empfehle ich es nicht. Iss eiweiß- und gemüselastig, reduziere schnelle Kohlenhydrate, bewege dich nach den Mahlzeiten zehn Minuten. Drei bis sechs Monate konsequent, dann die Werte erneut messen. Häufig sieht das Profil danach anders aus. Ein Versprechen ist das nicht.
Wenn du nicht nur lesen, sondern gemeinsam durch deine Werte gehen willst, findest du unterhalb dieses Artikels die Möglichkeit, einen Termin zu buchen. Eine Entscheidung über ein verschriebenes Medikament triffst du bitte immer zusammen mit der Ärztin oder dem Arzt, die es verordnet haben.
Quellen
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