Shukri Jarmoukli · Arzt und Mentor · Berlin

Testosteronmangel: Was wirklich dahintersteckt, wenn der Antrieb leiser wird

Ursachen, integrative Medizin und ganzheitliche Wege für Männer zwischen 30 und 55.

Es gibt ein Problem, über das kaum jemand spricht.

Nicht, weil es selten ist. Sondern weil es so normal geworden ist, dass wir es übersehen.

Ich meine nicht die Männer, die erschöpft in meine Praxis kommen und sagen: "Ich glaube, ich habe Testosteronmangel." Ich meine die Männer, die gar nicht kommen. Die denken, es sei einfach der Alltag. Der Stress. Das Alter. Das Leben.

Der Körper funktioniert. Aber ohne Druck. Der Kopf denkt. Aber ohne Feuer. Der Alltag läuft. Aber trägt nicht mehr.

Über diesen Zusammenhang wird selten gesprochen, obwohl er gut untersucht ist. Dass dahinter auch das Hormonsystem stecken kann, kommt vielen gar nicht in den Sinn.

Nicht, weil Ärzte etwas falsch machen. Sondern weil unser System darauf trainiert ist, Krankheit zu erkennen. Nicht den Verlust von Lebendigkeit.

Wenn du direkt loslegen willst Am Ende des Artikels findest du sieben konkrete Hebel und einen Selbst-Check.

1. Ein Rückgang, der ganze Generationen betrifft

Jetzt kommt der Teil, der wirklich sitzt. Nicht als Alarmismus. Sondern als Faktum.

Testosteron sinkt nicht nur mit dem Alter. Es sinkt offenbar auch von Geburtsjahrgang zu Geburtsjahrgang. Das heißt: In den untersuchten Gruppen lagen die Werte bei später geborenen Männern niedriger als bei gleich alten Männern früherer Jahrgänge.

Schlüsselstudie, peer-reviewed

Travison und Kollegen veröffentlichten 2007 im Journal of Clinical Endocrinology & Metabolism eine der wichtigsten Studien zu diesem Thema. Sie analysierten drei Erhebungswellen der Massachusetts Male Aging Study über fast zwei Jahrzehnte. Das Ergebnis: Bei Männern gleichen Alters lagen die Testosteronwerte in den späteren Erhebungswellen niedriger, in einer Größenordnung von etwa 1 % pro Jahr und unabhängig vom Lebensalter. Berichtet wird ein Rückgang des mittleren Werts von 501 auf 391 ng/dL. Auch nach Adjustierung für BMI, Rauchen und Erkrankungen blieb der Rückgang bestehen. Zur Einordnung: untersucht wurden Männer zwischen 45 und 79 Jahren im Raum Boston. Für jüngere Männer lässt sich daraus nichts direkt ableiten.

Travison TG et al. A population-level decline in serum testosterone levels in American men. J Clin Endocrinol Metab. 2007;92(1):196–202. DOI: 10.1210/jc.2006-1375

Ähnliche Beobachtungen gibt es aus Dänemark und Finnland. Perheentupa und Kollegen fanden in einer finnischen Kohortenstudie bei Männern zwischen 60 und 69 Jahren einen Unterschied von 21,9 auf 13,8 nmol/l zwischen den Geburtsjahrgängen 1913 bis 1922 und 1942 bis 1951, also rund 37 %. Dieser Wert gilt ausdrücklich für diese Altersgruppe und nicht für jüngere Männer. Auffällig war, dass die Gonadotropine (LH/FSH) dabei nicht anstiegen. Das kann darauf hindeuten, dass die Regulation auf hypothalamisch-hypophysärer Ebene mitbeteiligt ist und nicht nur die Hoden selbst.

Rechne das greifbar, ohne Drama, aber ehrlich:

Wenn die Werte je Kalenderjahr um etwa 1 % niedriger liegen, dann wären das über 30 Jahre rechnerisch fast ein Drittel gegenüber der Referenzgeneration. Das ist eine Hochrechnung, keine Messung. Ob sich der Trend so fortsetzt und ob er auch für Männer unter 45 gilt, ist offen.

Wichtige Einschränkung, ehrlich bleiben

Eine dänische Studie zeigte, dass nach Adjustierung für BMI der Rückgang weniger deutlich ausfiel. Adipositas ist ein wesentlicher Mediator. Der Rückgang ist real, aber seine Ursachen sind komplex: endokrine Disruptoren aus der Umwelt, Schlafmangel, Bewegungsarmut, verarbeitete Lebensmittel, chronischer Stress. Es gibt keine einzige Ursache und keine einzige Lösung.

Zur Häufigkeit: Je nach Diagnosekriterium hat zwischen 2 und 38 % der Männer über 45 einen Testosteronmangel. Der riesige Unterschied erklärt sich durch die Messgrenze. Wenn man ausschließlich biochemische Grenzwerte anlegt, findet man viele. Wenn man biochemische Kriterien mit echten Symptomen kombiniert, sind es weniger. Die Realität liegt dazwischen: Viele Männer haben funktionell relevante Werte, die formal im "Normbereich" liegen.

2. Testosteron ist kein Muskelhormon. Es ist ein Lebenshormon.

Darf ich dir eine Frage stellen, bevor ich erkläre, was Testosteron im Körper tut?

Was verbindest du damit? Aggressivität? Gym? Potenz?

Das sind Klischees, die den eigentlichen Punkt völlig verfehlen.

Testosteron ist wie der Brennwert eines Ofens. Nicht das Holz. Nicht die Flamme. Sondern die Frage: Wieviel Wärme entsteht aus dem, was da ist?

Niedrige Testosteronwerte sind in der wissenschaftlichen Literatur konsistent assoziiert mit Insulinresistenz, metabolischem Syndrom, viszeralem Fettaufbau, Verlust von Muskel- und Knochenmasse, reduzierter Stressresilienz, Erschöpfung, Schlafstörungen, depressiven Episoden und verringerter Kognition. Das ist kein Moralurteil. Das ist Biochemie.

Systematische Übersicht

Bianchi und Locatelli veröffentlichten 2018 in Obesity Reviews eine systematische Übersicht zum Zusammenhang zwischen Testosteron und metabolischem Syndrom. Die Kernaussage: Niedriges Testosteron und Insulinresistenz bilden einen bidirektionalen Kreislauf. Die Autoren merken selbst an, dass die Evidenz primär korrelativer Natur ist. Die Stärke der Assoziation ist trotzdem klinisch relevant.

Bianchi VE, Locatelli V. Testosterone a key factor in gender related metabolic syndrome. Obesity Reviews. 2018;19(4):557–575. DOI: 10.1111/obr.12633

Und trotzdem: Testosteron wird nicht routinemäßig bestimmt. Wenn doch, oft einmal, ohne Kontext, ohne Blick auf freie Anteile, ohne Berücksichtigung der Tageszeit der Messung. Viele Männer laufen jahrelang mit einem echten Mangel herum, ohne dass jemand den Rauchmelder ernst nimmt.

3. Das Orchester: Wie Testosteron überhaupt entsteht

Testosteron fällt nicht einfach vom Himmel. Es wird produziert. Und zwar von einem System, das nur dann liefert, wenn die Rahmenbedingungen stimmen.

Stell dir dieses System wie ein Orchester vor.

Das Gehirn gibt den Takt vor. Die Hoden spielen. Der Stoffwechsel liefert Energie. Das Immunsystem entscheidet, ob Ruhe oder Alarm herrscht. Wenn einer dieser Musiker dauerhaft daneben liegt, wird die Musik leiser.

Die HPG-Achse, das präzise Hormonsystem

Im Normalzustand läuft es so: Der Hypothalamus, eine kleine Region im Gehirn, gibt pulsatil GnRH frei. Das stimuliert die Hypophyse zur Ausschüttung von LH und FSH. LH aktiviert die Leydig-Zellen im Hoden zur Testosteronproduktion. Testosteron hemmt dann über negative Rückkopplung sowohl den Hypothalamus als auch die Hypophyse. Ein präzises, wunderbares System.

Eine häufige Annahme lautet: "Meine Hoden produzieren zu wenig Testosteron." In meiner Sprechstunde sehe ich häufiger ein Regulationsproblem als einen Schaden am Hoden selbst. Das ist eine Beobachtung aus der Praxis, keine Statistik. Organische Ursachen kommen vor und müssen ausgeschlossen werden, zum Beispiel eine Erkrankung der Hypophyse, eine Eisenspeicherkrankheit oder ein Klinefelter-Syndrom. Bei einem Regulationsproblem sendet das Gehirn nicht mehr klar das Signal: Produziere. Es ist sicher. Es ist genug Energie da.

Warum das so ist, erklärt der nächste Abschnitt.

4. Anthroposophisch betrachtet: Wenn der Wille den Körper nicht mehr erreicht

Ich möchte hier kurz den Rahmen wechseln. Nicht von der Wissenschaft weg, sondern um eine andere Linse hinzuzufügen.

Anthroposophisch betrachtet ist Testosteron kein isoliertes Molekül. Es ist Ausdruck davon, wie stark der Mensch im eigenen Körper anwesend ist.

Testosteron steht für Verkörperung des Willens. Innere Aufrichtung. Gestaltungs- und Entscheidungskraft. Wärme im Stoffwechsel. Durchsetzung nach außen, ohne Härte.

Viele Männer mit niedrigem Testosteron leben dauerhaft im Nerven-Sinnes-Pol: Denken, Planen, Kontrollieren, Bildschirm, Druck, Verantwortung. Wenig Erdung, wenig Wärme, wenig Rhythmus. Der Gegenpol, der Stoffwechsel-Gliedmaßen-Pol, kommt zu kurz: regelmäßige nährende Mahlzeiten, Bewegung mit Last, Schlafrhythmus, Wärme, Verkörperung statt Dauerdenken.

Der Wille bleibt "im Kopf hängen". Biologisch zeigt sich das als leiser Stoffwechsel. Hormonell als niedrigeres Testosteron.

Reframe

Das ist keine Schuldfrage. Es ist eine Zeitdiagnose. Chronische Kognitionsbelastung, digitale Omnipräsenz, Schlafmangel und Bewegungsarmut sind strukturelle Bedingungen moderner Arbeit. Testosteronmangel ist kein persönliches Scheitern. Er ist ein physiologisches Signal auf einen Lebensstil, der zu weit weg geht von dem, was der Körper braucht.

Physiologisch parallel dazu existiert solides Wissen über den zirkadianen Rhythmus als hormonelle Grundbedingung. Testosteron folgt einem robusten Tagesrhythmus mit Spitzenwerten um 6–8 Uhr morgens und einem Abfall um 50–63 % bis abends. Eine Störung dieses Rhythmus, wie bei Schichtarbeit, Jetlag oder chronischem Schlafmangel, kann die Hormonhomöostase durcheinanderbringen. Rhythmus ist keine Wellness-Empfehlung. Er ist die Sprache, die der Körper versteht.

Ich kenne dieses Muster sehr gut. Denk an einen Mann Anfang vierzig, der nicht wegen Testosteron kommt, sondern wegen Erschöpfung und Konzentrationsproblemen. Er sagt sinngemäß: Ich funktioniere noch, aber ich hatte früher mehr Energie für Dinge, die mir wichtig waren. Im Hintergrund steht oft dasselbe Bild: zu wenig Schlaf, unregelmäßige Zeiten, Bildschirm bis spät, dauerhafter Termindruck. Kein klassischer Hypogonadismus im engsten Sinne. Aber ein Hormonsystem, das unter dem Regulationsdruck des Alltags leiser geworden sein kann.

Alle Angaben hier sind zusammengesetzt und beschreiben keinen einzelnen Patienten. Ich nenne bewusst keine Laborwerte und keinen Verlauf. Wie ein Mensch auf Veränderungen reagiert, lässt sich nicht vorhersagen, und aus einem Einzelfall lässt sich keine Ursache ableiten.

5. Dauerstress: der Faktor, der am leisesten wirkt

Wenn ich Patienten frage, ob sie gestresst sind, sagen viele: "Nö, eigentlich nicht." Und dann erzählen sie mir von 55-Stunden-Wochen, Kindern, die morgens fertig gemacht werden müssen, Schlaf unter sieben Stunden und einem inneren Monolog, der auch um 23 Uhr noch läuft.

Das ist Stress. Auch wenn du ihn nicht als solchen erlebst.

Der zentrale Mechanismus: CRH hemmt GnRH

Chronischer Stress kann die HPG-Achse auf zentralnervöser Ebene hemmen. CRH (Corticotropin-Releasing-Hormon) kann die GnRH-Pulsatilität im Hypothalamus dämpfen. Das kann weniger LH bedeuten, und weniger LH kann weniger Testosteron aus den Leydig-Zellen bedeuten. Hinzu kommt, dass Kisspeptin-Neurone, die Hauptaktivatoren von GnRH, durch chronisch erhöhte Glukokortikoide gehemmt werden können. Der Grundgedanke dahinter: das Gehirn priorisiert Überleben vor Fortpflanzung. Ein großer Teil dieser Mechanismen ist im Tiermodell beschrieben worden. Beim Menschen ist die Richtung plausibel, aber nicht in gleicher Tiefe belegt.

Grundlagenstudie

Rivier und Rivest beschrieben bereits 1991 in einer Übersichtsarbeit, dass Stress die HPG-Achse auf mehreren Ebenen beeinflussen kann: CRH kann GnRH-Neurone direkt hemmen, Glukokortikoide können die hypophysäre GnRH-Empfindlichkeit senken, und Cortisol kann die Leydig-Zell-Responsivität beeinträchtigen. Diese Übersicht stützt sich ganz überwiegend auf Nagerdaten. Im Tiermodell wurde außerdem GnIH/RFRP-3 als weiterer stressabhängiger Hemmstoff der GnRH-Neurone beschrieben, bei Kirby und Kollegen 2009 an männlichen Ratten. Beim Menschen ist das noch nicht in gleicher Weise belegt. Ich führe es hier als Hypothese auf, nicht als gesicherten Befund.

Rivier C, Rivest S. Effect of stress on the activity of the hypothalamic-pituitary-gonadal axis: peripheral and central mechanisms. Biol Reprod. 1991;45(4):523–532. DOI: 10.1095/biolreprod45.4.523
Wichtige Korrektur: Pregnenolon-Steal ist kein belegter Mechanismus

Du hast vielleicht irgendwo gelesen, dass Stress das "Pregnenolon stiehlt", das für Testosteron benötigt wird. Das klingt plausibel. Es ist aber nach aktuellem Wissensstand nicht korrekt. Die drei Zonen der Nebennierenrinde produzieren Pregnenolon in getrennten Zellpopulationen mit eigenen Enzymen. Es gibt keinen bekannten interzellulären Transfer. Gonadales Testosteron wird vollständig getrennt von der Nebennierenrinde unter LH-Kontrolle produziert. Der besser belegte Mechanismus läuft zentralnervös: CRH kann GnRH hemmen. Von einem gestohlenen Pregnenolon auszugehen, passt nicht zu dem, was wir über diese Zellen wissen.

Der Säbelzahntiger damals. Die Präsentation morgen früh. Die 57 unbeantworteten Mails. Für dein Nervensystem ist Alarm gleich Alarm. Es schüttet Cortisol aus, ohne Fragen zu stellen. Das war brillant, weil der Säbelzahntiger nach ein paar Minuten weg war. Das Problem heute: Der Alarm läuft nicht für Minuten. Er läuft für Monate. Für Jahre. Und irgendwann fängt der Körper an zu sparen. Zuerst an Dingen, die nicht ums Überleben gehen.

6. Schlaf: Der Hebel, den niemand ernst genug nimmt

Wenn es einen einzigen Faktor gibt, der für das Testosteron nicht verhandelbar ist, dann ist es Schlaf.

Nicht "gut schlafen wäre schön". Sondern: Zu wenig Schlaf kann die nächtliche Testosteronproduktion empfindlich stören.

Testosteron wird nicht gleichmäßig über den Tag produziert. Der Großteil entsteht nachts, gekoppelt an den ersten Tiefschlaf und REM-Phasen. Axelsson und Kollegen dokumentierten einen Anstieg, der mit dem Schlafbeginn einsetzt und mit dem Aufwachen seinen Tageshöchstwert erreicht. Schlaf ist der Produktionszeitraum, keine Erholungspause.

JAMA-Studie, kleine Fallzahl

Leproult und Van Cauter führten 2011 eine Crossover-Studie mit 10 gesunden jungen Männern durch. Nach 3 Nächten mit 10 Stunden Bettzeit folgten 8 Nächte mit nur 5 Stunden Schlaf. Das Ergebnis: Das tagesaktive Testosteron sank um 10–15 % (von ~18,4 auf ~16,5 nmol/L). Die Autoren verglichen diesen Effekt mit dem von 10–15 Jahren Alterung. Cortisol blieb unbeeinflusst, was zeigt: Der Mechanismus ist nicht über die Stressachse vermittelt, sondern über den Schlaf-Wach-Rhythmus selbst.

Leproult R, Van Cauter E. Effect of 1 week of sleep restriction on testosterone levels in young healthy men. JAMA. 2011;305(21):2173–2174. DOI: 10.1001/jama.2011.710

Schlafapnoe: schlechter Schlaf trotz genug Stunden

Viele Männer mit niedrigem Testosteron haben nicht zu wenig Schlaf, sondern schlechten Schlaf. Schlafapnoe bedeutet wiederholte Atemaussetzer, Sauerstoffabfälle, Stressreaktionen im Gehirn, Alarmmodus die ganze Nacht.

Kleine Studie zur Schlafapnoe

Luboshitzky und Kollegen fanden 2002 bei Männern mit obstruktiver Schlafapnoe niedrigere nächtliche LH- und Testosteronwerte als bei Kontrollen (67,2 vs. 113,3 nmol/L·h, p<0,003), auch nach Adjustierung für den BMI. Die Studie ist klein: 10 Patienten gegen 5 Kontrollen. Sie zeigt einen Zusammenhang, keine Ursache.

Luboshitzky R et al. Decreased pituitary-gonadal secretion in men with obstructive sleep apnea. J Clin Endocrinol Metab. 2002;87(7):3394–3398. DOI: 10.1210/jcem.87.7.8663
Wichtige Nuance: Neuere Metaanalysen zeigen, dass eine CPAP-Therapie bei Schlafapnoe das Testosteron in der Regel nicht wieder anhebt. Das kann darauf hindeuten, dass häufig die Adipositas der eigentliche Mediator ist und nicht die Schlafapnoe allein. Die Abklärung einer OSA bleibt trotzdem sinnvoll, weil sie unabhängig davon gesundheitliche Relevanz hat.

Hinweise auf Schlafapnoe: lautes Schnarchen, Tagesmüdigkeit trotz langer Schlafdauer, morgendliche Kopfschmerzen, Bauchfett, Bluthochdruck. Bei Verdacht lohnt die Diagnostik.

Zielsetzung für den Schlaf: konstante Aufstehzeit auch am Wochenende, Morgenlicht zur Taktung des inneren Rhythmus, abendliche Reizreduktion ab 21 Uhr. Das ist keine Wellness-Empfehlung. Das ist aus meiner Sicht die Basis, bevor man an alles andere denkt.

7. Bauchfett und Aromatase: ein Kreislauf, der sich selbst verstärken kann

Jetzt wird es biochemisch konkret. Und wichtig.

Viszerales Fett ist kein passiver Energiespeicher. Es ist ein hormonell aktives Organ. Und eines seiner Lieblingsenzyme heißt Aromatase.

Aromatase (CYP19A1) wandelt Testosteron in Östradiol um. Das ist eine normale physiologische Funktion. Ahmed und Kollegen fanden 2025 im Journal of Clinical Endocrinology & Metabolism bei Männern mit Adipositas eine höhere Aromatase-Expression im Unterhautfettgewebe als bei schlanken Männern, und das hing mit Insulinresistenz und höheren Blutzuckerwerten zusammen. Ein Zusammenhang mit dem gemessenen Östradiol im Blut fand sich in dieser Arbeit allerdings nicht. Die Vorstellung, mehr Bauchfett bedeute automatisch mehr Umwandlung und damit weniger Testosteron, ist plausibel. So einfach belegt ist sie aber noch nicht.

Und dann beginnt der Kreislauf:

Mehr Bauchfett kann mehr Aromatase bedeuten, das kann weniger freies Testosteron bedeuten, das kann den Muskelaufbau erschweren, das kann die Insulinsensitivität verschlechtern, und das kann wieder mehr Bauchfett bedeuten. Jede Runde kann den nächsten Ausweg schwerer machen. Das ist kein Charakterproblem. Das ist Stoffwechsel.

Interventionsstudie

Dhindsa und Kollegen beschrieben, dass etwa ein Drittel der Männer mit Typ-2-Diabetes einen hypogonadotropen Hypogonadismus aufweist. In einem randomisierten kontrollierten Trial mit 44 Männern über 24 Wochen verbesserte sich unter intramuskulärem Testosteron die Insulinsensitivität um 32 % gegenüber Placebo (p=0,03). Das spricht dafür, dass der Kreislauf in beide Richtungen laufen kann.

Dhindsa S et al. Insulin resistance and inflammation in hypogonadotropic hypogonadism. Diabetes Care. 2016;39(1):82–91. DOI: 10.2337/dc15-1518

SHBG ist ein weiterer Mediator: Hyperinsulinämie supprimiert die hepatische SHBG-Produktion. Niedrigeres SHBG bedeutet, dass zwar mehr "freies" Testosteron rechnerisch vorhanden ist, aber gleichzeitig sinkt das Gesamttestosteron, und das Bild wird unübersichtlich. Deshalb ist die alleinige Messung des Gesamttestosterons nicht ausreichend.

8. Nervensystem, HRV und Atemarbeit: Das Gaspedal vom Gas nehmen

Viele Männer mit niedrigem Testosteron leben dauerhaft mit dem Fuß auf dem Gaspedal. Nicht körperlich. Sondern nervlich.

Das autonome Nervensystem hat zwei Hauptmodi: Sympathikus (Aktivierung, Leistung, Stress) und Parasympathikus (Regeneration, Hormonproduktion, Aufbau). Chronischer Stress bedeutet: Der Sympathikus bleibt an. Der Parasympathikus kommt nicht richtig zum Zug.

Vieles spricht dafür, dass der Aufbau-Stoffwechsel parasympathische Phasen braucht. Das ist kein Mentaltraining. Das ist eine physiologische Überlegung. Eine Interventionsstudie, die genau das für Testosteron geprüft hätte, gibt es nicht.

Was ist HRV und warum ist sie relevant?

Herzratenvariabilität (HRV) beschreibt, wie flexibel das Herz auf Belastung und Erholung reagiert. Hohe HRV signalisiert gutes Gleichgewicht zwischen Sympathikus und Parasympathikus. Niedrige HRV kann auf Dauerstress und geringe Resilienz hindeuten. Es gibt Hinweise darauf, dass sich die HRV unter Testosterontherapie bei hypogonadalen Männern verbessern kann. Ein belastbarer Beleg für eine Verbindung zwischen Testosteronstatus und autonomer Regulation ist das noch nicht.

Langsames Atmen verbessert HRV messbar

Die Evidenz für langsames Atmen (~6 Atemzüge/Minute) und HRV-Verbesserung ist stark. Laborde und Kollegen analysierten 2022 in einer Metaanalyse 223 Studien und bestätigten Anstiege vagal-vermittelter HRV sowohl akut als auch nach mehrwöchigen Übungsprogrammen.

Metaanalyse HRV-Biofeedback

Laborde et al. (2022) analysierten 223 Studien zu Herzratenvariabilitäts-Biofeedback und zeigten konsistente Anstiege vagal-vermittelter HRV nach kurzen Übungseinheiten (5–10 Minuten täglich) sowohl akut als auch nach Interventionsteilung.

Laborde S et al. Heart Rate Variability Biofeedback in Sport and Performance. Neurosci Biobehav Rev. 2022;138:104711. DOI: 10.1016/j.neubiorev.2022.104711
Ehrliche Einordnung: Eine direkte Kausalität von Atemtraining zu besserem Testosteron wurde noch nie in einer kontrollierten Studie untersucht. Die Kausalkette ist biologisch plausibel (jedes einzelne Glied ist belegt), aber als Gesamtkette nicht direkt gemessen. Atemarbeit empfehle ich als Teil eines systemischen Ansatzes, nicht als Einzelhebel für Testosteron.

Vier Sekunden einatmen. Sechs bis sieben Sekunden ausatmen. Zweimal täglich fünf Minuten. Das ist die biochemische Bremse. Kostenlos. Überall verfügbar. Mit gut belegter Wirkung auf die Stressregulation.

9. Ernährung: Mehrere Wege, kein Dogma

Darf ich dir eine unbequeme Frage stellen?

Was hast du heute Morgen gefrühstückt?

Ich frage nicht, um zu urteilen. Ich frage, weil ich in meiner Praxis immer wieder dieselbe Überraschung erlebe: Ein Mann, der sich für gesund ernährt hält, trägt drei Tage einen Blutzuckersensor. Und die Kurve sieht aus wie ein Achterbahn-Ticket.

Die Grundbedingung: Energie und Fett als Baustoff

Testosteron ist ein Steroidhormon. Es wird aus Cholesterin synthetisiert. Für die Produktion braucht der Körper drei Basics: ausreichend Gesamtenergie, ausreichend Nahrungsfett als Baustoff, ausreichend Protein für Enzyme und Transportproteine. Chronisches Kaloriendefizit, aggressive Diäten oder dauerhaftes "clean eating" ohne Kalorien sind testosteronfeindlich. Nicht moralisch. Physiologisch.

Metaanalyse Low-Fat und Testosteron

Whittaker und Wu publizierten 2021 in Journal of Steroid Biochemistry and Molecular Biology eine Metaanalyse von 6 Crossover-Studien (206 Teilnehmer). Low-Fat-Diäten senkten das Gesamttestosteron (SMD −0,38, p=0,04) und das freie Testosteron (SMD −0,37, p=0,005) im Vergleich zu fettreicheren Diäten. Die Effektstärke ist statistisch signifikant und klinisch moderat. Bei SHBG und LH änderte sich nichts. Die Autoren schreiben selbst, dass weitere randomisierte Studien nötig sind, um den Effekt zu bestätigen.

Whittaker J, Wu K. Low-fat diets and testosterone in men: Systematic review and meta-analysis of intervention studies. J Steroid Biochem Mol Biol. 2021;210:105878. DOI: 10.1016/j.jsbmb.2021.105878

Ketogen: Starkes Werkzeug, aber mit einer wichtigen Einschränkung

Mehrere Studien beschreiben Testosteronanstiege unter sehr kalorienarmer ketogener Diät (VLCKD) bei adipösen Männern. Der Effekt dürfte aber eher am Gewichtsverlust und an der besseren Insulinlage liegen als an der Ketose selbst.

Das SHBG-Paradox

Ketogene Ernährung kann SHBG (Sexualhormon-bindendes Globulin) erhöhen. In einer kleinen Crossover-Studie mit 11 Teilnehmenden, davon fünf Männer, blieb das Gesamttestosteron bei den Männern unverändert, während SHBG stieg und der freie Androgenindex sank. Das heißt: der frei verfügbare Anteil kann sinken, auch wenn der Gesamtwert gleich aussieht. Die Fallzahl ist klein, die klinische Bedeutung ist offen. Ketogen ist aus meiner Sicht kein Dauerzustand, sondern ein befristetes Werkzeug mit klarer Indikation und sauberem Exit.

Paleo: Die stabilste Basis für viele Männer

Für viele Männer ist eine paleo-ähnliche Ernährung der physiologisch ruhigste Weg: unverarbeitete Lebensmittel, ausreichend Protein und Fett, moderate Kohlenhydrate, hohe Mikronährstoffdichte, geringe Entzündungslast. Jönsson und Lindeberg fanden 2009 in einer kleinen randomisierten Crossover-Pilotstudie mit 13 Menschen mit Typ-2-Diabetes unter einer Paleo-Kost bessere HbA1c-Werte, niedrigere Triglyzeride und ein niedrigeres Gewicht als unter einer Diabeteskost. Ein Zusammenhang mit Testosteron wäre allenfalls indirekt, über weniger viszerales Fett und damit möglicherweise weniger Aromatase. Direkt gemessen wurde das dort nicht.

Blutzuckerstabilität: Unterschätzt, extrem wirksam

Für viele Männer ist nicht Low Carb die Lösung, sondern stabile Glukose. Starke Blutzuckerschwankungen können Cortisol, Entzündung und mitochondriale Belastung erhöhen. Die Strategie: Protein zuerst. Dann Fett. Dann Kohlenhydrate gezielt. Das kann den Blutzuckeranstieg puffern und die Cortisol-Gegenregulation dämpfen.

Carnivore: Ehrlich einordnen

Es existieren keine kontrollierten Studien zu Carnivore und Testosteron. Keine randomisierten Trials, keine Vergleichsgruppen, keine Hormonmessungen. Nur Fallberichte und eine Survey-Studie ohne Endpunktmessungen. Theoretische Mechanismen sind vorhanden (hohe Zink- und Cholesterinzufuhr), aber unbewiesen. Wer das ausprobieren möchte: In ärztlicher Begleitung, zeitlich begrenzt, mit klarer Indikation.

Die wichtigste Botschaft: Es gibt nicht die eine Ernährung. Entscheidend ist die Passung. Kein Dogma, sondern testen, messen, anpassen.

10. Bewegung: Testosteron braucht Last, nicht Dauerstress

Muskel ist kein Deko-Gewebe. Muskel ist ein endokrines Organ.

Aktive Skelettmuskulatur setzt Myokine frei, Signalmoleküle wie IL-6, Irisin und FSTL-1, die mit Fettgewebe, Leber, Pankreas und Gehirn kommunizieren und die Insulinsensitivität verbessern können. Das ist indirekt relevant für Testosteron, über den bekannten Kreislauf: bessere Insulinsensitivität → weniger viszerales Fett → weniger Aromatase.

Krafttraining und Testosteron

Kraemer und Kollegen maßen 1998 bei 8 jüngeren und 9 älteren Männern nach schweren Grundübungen mit großen Muskelgruppen (zum Beispiel 4×10RM Kniebeugen) signifikante Anstiege von Gesamt- und freiem Testosteron, gemessen über 30 Minuten nach der Belastung. Eine Aussage über den Ruhespiegel enthält die Arbeit nicht. Ob sich aus der akuten Antwort ein höherer Ruhewert ergibt, ist offen. Krafttraining lohnt sich trotzdem, vor allem über Muskelmasse und Insulinempfindlichkeit.

Kraemer WJ et al. Acute hormonal responses to heavy resistance exercise in younger and older men. Eur J Appl Physiol. 1998;77(3):206–211. DOI: 10.1007/s004210050323

Die andere Seite: Zu viel Ausdauertraining

Hackney prägte den Begriff "Exercise-Hypogonadal Male Condition" (EHMC): Chronisch trainierte Ausdauersportler zeigen basale Testosteronwerte von 50–85 % des Levels vergleichbarer sesshafter Männer. Der Mechanismus wird zentral, also hypothalamisch, vermutet. Assoziiert ist das Phänomen mit jahrelangem hochvolumigem Training und möglicherweise relativem Energiedefizit.

Reframe

Nicht mehr trainieren. Richtiger trainieren. Last plus Erholung ist die Gleichung. Täglich maximale Belastung ohne Regeneration kann Cortisol chronisch erhöhen und Testosteron langfristig senken. Drei bis vier Einheiten Krafttraining pro Woche mit schweren Grundübungen, kombiniert mit ausreichender Schlaf- und Regenerationsphase, ist aus meiner Sicht die sinnvollste Basis.

Hormesis: dosierter Reiz kann stärken

Der Körper braucht Reize, aber dosierte. Hormesis bedeutet: Ein kurzer Stressreiz, der langfristig adaptiv wirkt.

Wärme kann die Durchblutung fördern und dem Nervensystem Sicherheit signalisieren. Sauna kombiniert einen akuten Reiz mit parasympathischer Erholung danach. Das dürfte der entscheidende Mechanismus sein. Kälte kann ein wirksames Werkzeug sein, aber nur adaptiv, kurz und freiwillig. Kälte als Dauerstress kann gegen dich arbeiten. Die Hoden liegen aus gutem Grund außerhalb des Körpers: die Spermienbildung braucht es kühler als die Körperkerntemperatur. Für die Testosteronbildung ist der Effekt weniger klar. Lange Sitzphasen ohne Bewegungspause sind trotzdem aus anderen Gründen ungünstig.

Bitte vorher abklären: Sauna und Kälteanwendungen sind nicht für jeden geeignet. Bei Herzschwäche, Herzrhythmusstörungen, schlecht eingestelltem Blutdruck, nach einem Herzinfarkt oder in der Schwangerschaft gehört das vorher ins ärztliche Gespräch. Gleiches gilt für schweres Krafttraining bei Herz-Kreislauf-Vorerkrankung, Bluthochdruck oder Bandscheibenproblemen.

11. Supplemente: Unterstützend, nie ersetzend

Supplemente ersetzen keinen Schlaf, keine Bewegung, keinen Sinn. Sie können aber einen limitierenden Faktor ausgleichen, wenn wirklich einer vorliegt. Und das ist der einzige sinnvolle Rahmen, in dem man über sie sprechen sollte.

Hier ist eine Übersicht der Studienlage. Sie ist eine wissenschaftliche Einordnung, keine Kauf- und keine Einnahmeempfehlung.

SupplementBehauptungEvidenzEinschränkung
Zink Mangel kann T senken; ein Ausgleich bei Mangel könnte helfen Hinweise aus sehr kleinen Untersuchungen bei Mangel (Prasad 1996) Sehr kleine Fallzahlen (4 bzw. 9 Männer). Bei normalem Zinkstatus ist kein Effekt gezeigt. Hohe Dosen über längere Zeit können Kupfer verdrängen.
Vitamin D Könnte T bei Mangel erhöhen (~25 % im Innergruppenvergleich) Schwach (Pilz 2011, n=54) Sekundärauswertung eines Gewichtsreduktionsprogramms, signifikant war der Vergleich innerhalb der Gruppe. Die Autoren selbst schreiben nur „might increase“ und fordern bestätigende Studien. Überdosierung kann den Kalziumspiegel treiben.
Magnesium Könnte freies Testosteron erhöhen Schwach (Cinar 2011, bei Sportlern) Kein echtes RCT, kleine Stichprobe; bei Magnesiumstatus-Normwert unklar
Ashwagandha Cortisol ↓ und Testosteron ↑ (beides zusammen nicht belegt) Teilweise, widersprüchlich Kein einzelnes Paper zeigt beides gleichzeitig signifikant. Lopresti, Medicine 2019: Cortisol ↓ signifikant, Testosteron nicht (p=0,158). Lopresti, Am J Mens Health 2019: Testosteron im Speichel +14,7 % (p=0,010), Cortisol nicht signifikant. Risiken: In Einzelfällen sind Leberschädigungen beschrieben, eine Wirkung auf die Schilddrüse ist möglich, in der Schwangerschaft ist es tabu.
Bor Könnte SHBG senken und freies Testosteron erhöhen Schwach (Naghii 2011) n=8, keine Placebogruppe, keine Verblindung, nicht repliziert. Ich nenne hier bewusst keine Dosis: die tolerierbare Gesamtzufuhr an Bor ist eng begrenzt.
Shilajit Könnte die Leydig-Zell-Funktion beeinflussen und T erhöhen Schwach (Pandit 2016) Testosteronanstieg im RCT vorhanden. Die Leydig-Zell-Funktion wird in der Studie nicht direkt gemessen, diese Behauptung kommt aus In-vitro-Daten. Risiko: Shilajit-Präparate können mit Schwermetallen belastet sein. Ohne Analysezertifikat lasse ich davon die Finger.
Omega-3 Kann Entzündung senken, ein Testosteroneffekt ist nicht gezeigt Anti-Entzündung gut belegt (Calder 2015) Calder 2015 behandelt Testosteron nicht. Der Zusammenhang ist indirekt: weniger Entzündung → bessere HPG-Funktion. Kein direkter Testosteroneffekt in der Studie belegt.
Was rechtlich als Gesundheitsaussage zulässig ist

Zu Zink gibt es einen behördlich zugelassenen Hinweis: Zink kann zur Erhaltung eines normalen Testosteronspiegels im Blut beitragen. Für alle anderen Stoffe in dieser Übersicht gibt es keinen zugelassenen Gesundheitsbezug zu Testosteron. Ich stelle die Studienlage hier nur als wissenschaftliche Diskussion dar, nicht als Wirkversprechen und nicht als Kaufempfehlung.

Sicherheitsanker: Keine Supplementierung bei schweren Vorerkrankungen, relevanter Medikation (besonders blutverdünnende Mittel) oder Kinderwunsch ohne ärztliche Begleitung und Laborcheck vorher. Zu den Risiken, die hier hingehören: Ashwagandha kann in Einzelfällen die Leber schädigen und die Schilddrüse beeinflussen, in der Schwangerschaft ist es tabu. Shilajit-Präparate können mit Schwermetallen belastet sein, ohne Analysezertifikat lasse ich davon die Finger. Zink über längere Zeit hoch dosiert kann Kupfer verdrängen. Vitamin D kann bei Überdosierung den Kalziumspiegel treiben. Bor hat eine eng begrenzte tolerierbare Gesamtzufuhr. Kein Stoff aus dieser Übersicht gehört ohne Laborwert und ärztliche Begleitung in den Dauergebrauch, und keiner gehört unbefristet eingenommen.

12. Soziale Biologie und Sinn: Was Testosteron noch braucht

Der Mensch ist ein soziales Wesen. Auch hormonell.

Chronische Isolation kann Cortisol und Entzündungsmarker erhöhen und parasympathische Netzwerke dämpfen. Soziale Verbundenheit, Freundschaft, körperliche Nähe und echte Gespräche können direkt auf die Stressregulation wirken. Das ist kein Soft-Faktor.

Und dann gibt es noch etwas, das schwerer zu messen ist, aber in der Praxis immer wieder relevant wird:

Testosteron folgt nicht nur Kalorien. Es folgt auch Bedeutung. Ein Körper investiert Energie nur dann in Muskelaufbau, Antrieb und Fortpflanzungsbereitschaft, wenn es ein inneres "Warum" gibt. Chronische Sinnleere, Daueranpassung und fehlende Perspektive können die Motivation dämpfen, den Stress erhöhen und darauf das Testosteron indirekt senken. Direkte Studien dazu kenne ich nicht, ich beschreibe eine Überlegung und eine Beobachtung. Der Wille braucht Richtung, sonst bleibt er im Kopf stecken.

13. Wann ist Testosterontherapie wirklich sinnvoll?

Ich urteile nicht. Ich informiere. Denn das Aufklärungsgespräch bei der Frage nach TRT ist oft erschreckend kurz, in beide Richtungen: entweder sofort verschrieben oder kategorisch abgelehnt.

Testosterontherapie ist kein Lifestyle-Tool. Aber sie ist auch kein Tabu.

Wann TRT sinnvoll sein kann

Laut aktuellen Leitlinien der Endocrine Society und der European Association of Urology braucht es für eine TRT-Indikation: klinische Symptome eines Mangels und konsistent niedrige Testosteronwerte, bestätigt durch mindestens zwei Morgenmessungen (7 bis 11 Uhr) mit validiertem Assay. Die Endocrine Society orientiert sich an der unteren Normgrenze des harmonisierten Referenzbereichs. In der Leitlinie von 2018 sind das 264 ng/dL. In der Praxis wird häufig mit 300 ng/dL gearbeitet, was die Diskussion um den richtigen Schwellenwert gut zeigt. Die EAU-Leitlinien 2025 sehen den verlässlichsten Grenzwert bei <12 nmol/L, mit dem größten Therapienutzen bei <8 nmol/L.

Wichtig: Lebensstil, Gewicht und Begleiterkrankungen kommen zuerst, TRT danach.

Kontraindikationen

TRT ist kontraindiziert bei Mamma- oder Prostatakarzinom, PSA >4 ng/mL ohne urologische Abklärung, Hämatokrit >50 %, unbehandelter schwerer Schlafapnoe, schweren Miktionsbeschwerden (IPSS >19), unkontrollierter Herzinsuffizienz und aktivem Kinderwunsch. TRT unterdrückt die Spermatogenese in aller Regel, meist reversibel.

Wer eine TRT bekommt, braucht regelmäßige Kontrollen. Dazu gehören Hämatokrit und Hämoglobin, weil Testosteron die Zahl der roten Blutkörperchen erhöhen kann, außerdem PSA und Prostatabefund sowie die Symptome selbst. Ohne dieses Monitoring gehört eine TRT aus meiner Sicht nicht begonnen.

Kardiovaskuläre Sicherheit, TRAVERSE-Studie 2023

Lincoff und Kollegen publizierten 2023 im New England Journal of Medicine das bislang größte RCT zur TRT-Sicherheit. Eingeschlossen waren 5.246 Männer zwischen 45 und 80 Jahren mit Hypogonadismus und bestehendem oder hohem kardiovaskulärem Risiko. Für die Hauptfrage, schwere Herz-Kreislauf-Ereignisse, war Testosteron dem Placebo nicht unterlegen (MACE: 7,0 % vs. 7,3 %, HR 0,96). In der Testosterongruppe traten aber häufiger Vorhofflimmern, akutes Nierenversagen und Lungenembolien auf als unter Placebo. Beides gehört zusammen ins Aufklärungsgespräch. Die Studie wurde vom Hersteller mitfinanziert.

Lincoff AM et al. Cardiovascular safety of testosterone-replacement therapy. N Engl J Med. 2023;389(2):107–117. DOI: 10.1056/NEJMoa2215025
Die entscheidende Frage

Die Frage ist nicht: "Brauche ich Testosteron?" Die Frage ist: "Warum produziert mein Körper es nicht mehr ausreichend selbst? Was hat ihn gebremst?" Wenn man das versteht, kann man häufig intervenieren, bevor TRT notwendig wird. Und wenn TRT dennoch indiziert ist, dann als Ersatz für eine ausgefallene Funktion, nicht als Lifestyle-Upgrade. Kontrolliert. Begleitet. Verantwortungsvoll.

14. Die sieben Hebel. Heute. Nicht nächsten Montag.

Ich weiß, wie es ist. Du liest etwas, nickst innerlich, und einen Monat später passiert nichts. Weil alles irgendwie machbar klingt, aber nichts wirklich verankert ist.

Deshalb bitte ich dich: Wähle jetzt, beim Lesen, zwei Hebel aus. Nur zwei. Und fang morgen früh an.

01 Schlafroutine vor allem anderen

Konstante Aufstehzeit, auch am Wochenende. Morgenlicht in den ersten 30 Minuten nach dem Aufstehen. Bildschirme ab 21 Uhr dimmen. Das kann den zirkadianen Takt setzen und die nächtliche Testosteronproduktion schützen. Für den Schlaf gibt es aus meiner Sicht die überzeugendste Datenlage unter den Lebensstilfaktoren. Deshalb fange ich bei den meisten Männern hier an.

02 Protein zuerst. Jeden Morgen.

Dein Frühstück setzt die Blutzucker- und Cortisol-Kurve für den ganzen Vormittag. Protein kann den Glukoseanstieg puffern. Eier, Skyr, Hüttenkäse, Nüsse. Erst Protein. Dann der Rest. Haferflocken mit Obst ohne Protein davor: ein Achterbahn-Ticket für deine Stressachse.

03 Dreimal pro Woche Krafttraining mit schweren Grundübungen

Kniebeugen, Kreuzheben, Bankdrücken, Rudern. Große Muskelgruppen. Ausreichende Last. Ausreichende Erholung. Nicht täglich maximal. Richtiger, nicht mehr. Kurz nach schweren Grundübungen steigen Testosteron und freies Testosteron messbar an. Ob daraus ein höherer Ruhewert wird, ist offen. Bei Herz-Kreislauf-Vorerkrankung, Bluthochdruck oder Bandscheibenproblemen bitte vorher ärztlich abklären.

04 Bauchfett adressieren, nicht über Nacht, aber konsequent

Mehr viszerales Fett kann mehr Aromatase bedeuten und damit weniger freies Testosteron. Jedes Kilo weniger viszerales Fett kann die Aromataselast senken. Keine Crash-Diät, das kann den Körper in den Sparmodus setzen. Ein moderates Defizit von etwa 10 bis 15 Prozent kann funktionieren, wenn Protein und Schlaf stimmen. Das ist nichts für dich, wenn du bereits schlank bist oder eine Essstörung in der Vorgeschichte hast. Lass es begleiten. Geduld ist der Wirkstoff.

05 Zwei Minuten Atemarbeit, dreimal täglich

4 Sekunden einatmen. 6 bis 7 Sekunden ausatmen. Langsames Atmen kann die Herzratenvariabilität messbar verbessern. Ob sich das auf dein Testosteron auswirkt, wurde nie direkt untersucht. Ich empfehle es wegen der Stressregulation, nicht als Testosteron-Hebel. Kostenlos. Überall verfügbar.

06 Labor, vollständig und zum richtigen Zeitpunkt

Morgens nüchtern zwischen 7 und 11 Uhr. Zwei Messungen an verschiedenen Tagen. Sinnvoll sind Gesamttestosteron, freies Testosteron, SHBG, LH, FSH, Prolaktin, Ferritin und Transferrinsättigung, Vitamin D, Zink, fT3/fT4 (nicht nur TSH), hsCRP und Nüchterninsulin. Ins Labor gehören ausdrücklich auch Prolaktin und die Transferrinsättigung. Ein niedriges Testosteron bei niedrigem oder normalem LH kann eine Ursache im Gehirn haben, zum Beispiel ein gutartiges Adenom der Hypophyse, oder eine Eisenspeicherkrankheit. Das ist selten, aber es muss ausgeschlossen sein, bevor jemand über Lebensstil spricht. Diese Abklärung gehört in ärztliche Hand und nicht in Eigenregie.

07 Nach dem zeitlichen Zusammenhang fragen

Hat es nach einer starken Gewichtszunahme begonnen? Nach einem besonders stressreichen Jahr? Nach chronischem Schlafmangel? Nach dem Absetzen von Medikamenten? Diese Fragen sind keine Esoterik. Sie zeigen, wo zu suchen ist, und machen den Unterschied zwischen Symptombehandlung und Ursachenarbeit.

Bereit, den nächsten Schritt zu machen? In meiner Praxis nehme ich mir für die Anamnese Zeit: Schlaf, Stress, Ernährung, Vorgeschichte. Erst danach entscheiden wir gemeinsam, welche Diagnostik wirklich neue Information bringt.

15. Dein Selbst-Check: Wer bist du in dieser Geschichte?

Bevor du zum Arzt gehst, bevor du bestellst, bevor du irgendwas änderst: Stell dir diese Fragen.

Nicht für mich. Sondern damit du anfängst, deinen eigenen Körper als System zu verstehen.

Block 1: Deine Symptome

  • Hast du das Gefühl, dass deine Energie über die letzten Jahre leiser geworden ist, nicht plötzlich, sondern schleichend?
  • Fällt es dir schwerer als früher, Muskeln aufzubauen oder Fett zu verlieren, trotz ähnlicher Anstrengung?
  • Merkst du Veränderungen in Antrieb, Libido, Fokus oder Erholungsfähigkeit?
  • Schläfst du regelmäßig unter 7 Stunden, mit unregelmäßigen Zeiten oder mit Schnarchen/Aussetzer-Phasen?

Block 2: Dein Alltag

  • Wie viele Stunden pro Tag sitzt du, und wie viel davon ist echter Stress im Kopf?
  • Isst du morgens als erstes Kohlenhydrate ohne Protein? (Mögliches Zeichen für ungünstige Glukosekurve)
  • Hast du regelmäßige Erholungsphasen, oder läuft der Sympathikus auch abends weiter?
  • Trinkst du regelmäßig Alkohol, auch wenn "nur" 2–3 Gläser pro Tag? (Regelmäßiger Alkoholkonsum kann die Testosteronproduktion beeinträchtigen, vor allem in höheren Mengen und über längere Zeit.)

Block 3: Deine Geschichte

  • Wann fühlte sich dein Körper zuletzt richtig wach, leistungsfähig und präsent an?
  • Hat sich etwas Wesentliches verändert seitdem: Gewicht, Schlaf, Stresslevel, Medikamente?
  • Gibt es Männer in deiner Familie, die ähnliche Symptome hatten und als "einfach alternd" abgetan wurden?

Bitte zeitnah ärztliche Abklärung suchen bei:

  • Starken Symptomen, die den Alltag einschränken (Erschöpfung, Depression, Libidoverlust)
  • Verdacht auf Schlafapnoe (Schnarchen, Aussetzer, Tagesmüdigkeit)
  • Ausgeprägtem Bauchfett in Kombination mit Symptomen
  • Kinderwunsch und Fertilitätsfragen (TRT schließt das aus)
  • Bekannten Vorerkrankungen wie Herzerkrankung, Prostataprobleme, Polyzythämie
Wenn es akut wird: Wenn deine Stimmung so tief ist, dass du an Selbsttötung denkst, warte nicht auf einen Laborwert. Ruf die Telefonseelsorge an, 0800 111 0 111, rund um die Uhr und kostenfrei, oder wende dich an die nächste psychiatrische Ambulanz. Bei akuter Gefahr: Notruf 112.

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