Dioxine und PCB: die Spur, die zur Endometriose führt
1993 fand ein Forschungsteam etwas, das niemand gesucht hatte. Seitdem wird gefragt, ob Umweltstoffe bei Endometriose mitspielen. Die Antwort ist bis heute nicht fertig, aber sie ist erzählenswert.
Du sitzt nach dem Termin im Auto und schaust auf einen Zettel. Darauf steht ein Wort, das dein Leben in ein Vorher und ein Nachher teilt. Und im Kopf läuft eine Frage, die kaum jemand ausspricht, weil sie sich anklagend anfühlt: Warum ich?
Ich kann dir diese Frage nicht beantworten. Niemand kann das. Aber ich kann dir erzählen, warum ich bei hormonellen Beschwerden nach Dingen frage, die auf den ersten Blick nichts mit dem Unterbauch zu tun haben. Nach dem Haus, in dem du wohnst. Nach dem Beruf deiner Eltern. Nach der Milch, die du als Kind getrunken hast.
Diese Fragen kommen aus einer Geschichte, die 1993 begann. Sie ist gut belegt, sie ist erstaunlich, und sie hat einen zweiten Teil, den fast niemand erzählt. Ich erzähle dir beide Teile. Auch den, der die schöne Version kaputt macht.
Die Frage, ob Dioxine Endometriose in Gang bringen, ist seit dreißig Jahren offen. Plausibel, teilweise gestützt, nicht bewiesen. Dieser Satz ist unbequem. Er ist aber ehrlicher als jede der beiden Antworten, die im Netz üblich sind.
Was in diesem Artikel steht
- Die Affenstudie von 1993, vollständig erzählt
- Was Dioxine und PCB überhaupt sind
- Der Nachsatz von 2001, der alles verkompliziert
- Der Aryl-Hydrocarbon-Rezeptor als zweiter Schalter
- Seveso und was die Humandaten hergeben
- Zwei Meta-Analysen mit zwei Tönungen
- Warum die Belastung seit den 1980ern stark gesunken ist
- Was daraus praktisch folgt und wo Vermeidung endet
Dieser Artikel handelt von Hintergründen, nicht von Notfällen. Manche Beschwerden gehören zeitnah in ärztliche Hände, unabhängig davon, was du hier liest.
- Blutungen nach den Wechseljahren
- sehr starke oder plötzlich anders gewordene Blutungen
- akuter einseitiger Unterbauchschmerz
- Unterbauchschmerz zusammen mit Fieber
- ungewollter Gewichtsverlust
- Kopfschmerzen oder Sehstörungen zusammen mit Milchfluss
- schnell zunehmende Vermännlichungszeichen
Und weil es bei Endometriose eigene Warnzeichen gibt, die nicht wehtun müssen, hier die wichtigsten dazu:
- Blut im Urin oder im Stuhl, das zeitlich zur Periode passt
- einseitiger Flankenschmerz oder ein im Ultraschall auffälliger Nierenstau
- Stuhlveränderung bis hin zu Krampf und Erbrechen
- Atemnot oder Brustschmerz, die zyklisch wiederkehren
Ein Harnstau durch Endometriose am Harnleiter kann lange ohne Beschwerden verlaufen und trotzdem die Niere schädigen. Genau deshalb steht er hier, obwohl er nicht wehtut. Bitte lass diese Dinge zeitnah abklären. Wenn Atemnot, Brustschmerz oder heftiger Bauchschmerz akut auftreten, wähle den Notruf 112 und warte nicht auf einen Praxistermin.
Und ein zweiter Satz, der genauso wichtig ist: Endometriose ist eine ärztliche Diagnose. Die gynäkologische Abklärung bleibt die Grundlage. Nichts in diesem Text ist ein Grund, eine empfohlene Untersuchung, eine laufende Behandlung oder eine indizierte Operation zu verschieben.
Und wenn du seit längerem ungewollt nicht schwanger wirst, gehört auch das zeitnah abgeklärt. Zeit ist bei diesem Thema ein realer Faktor, und nichts in diesem Artikel ist ein Grund, eine frauenärztliche oder reproduktionsmedizinische Abklärung nach hinten zu schieben.
Eine Affenkolonie und ein Befund, den niemand gesucht hat
Stell dir eine Forschungsgruppe vor, die etwas ganz anderes untersuchen wollte. Nicht die Gebärmutter. Nicht Regelschmerzen. Es ging um die allgemeine Toxikologie eines Stoffes, der damals als das giftigste vom Menschen erzeugte Molekül galt.
Eine Kolonie von Rhesusaffen bekam vier Jahre lang TCDD über das Futter. Zwei Dosisstufen, 5 ppt und 25 ppt, dazu eine Kontrollgruppe. Dann endete die Fütterung. Die Tiere lebten weiter. Zehn Jahre später schaute man mit einer Bauchspiegelung in die Bauchhöhle.
Was dort zu sehen war, hatte niemand erwartet.
Wer hat sie gemacht: Ein Team um Rier, Erstautorin damals an der University of South Florida in Tampa, veröffentlichte 1993 die Auswertung dieser Kolonie.
Was wurde beobachtet: Endometriose trat dosisabhängig häufiger und schwerer auf. Mäßige bis schwere Formen fanden sich bei 3 von 7 Tieren der niedrigen Dosisgruppe, das sind 43 Prozent, und bei 5 von 7 Tieren der höheren Dosisgruppe, das sind 71 Prozent. Die 33 Prozent, die für die Kontrollgruppe genannt werden, beziehen sich auf eine Endometriose jeden Schweregrads, nicht auf die mäßigen bis schweren Formen. Zum Vergleich zog die Arbeit ein Kollektiv von 304 Rhesusaffen des Harlow Primate Center ohne Dioxin-Exposition heran, dort lag die Häufigkeit einer Endometriose jeden Schweregrads bei rund 30 Prozent. Die Dosisabhängigkeit des Schweregrads war statistisch deutlich, mit p kleiner 0,001.
Was das für dich bedeutet: Diese eine Arbeit hat die gesamte Forschungslinie zu Umweltfaktoren bei Endometriose angestoßen. Sie zeigt, dass ein Stoff ohne jede Ähnlichkeit zum Östrogen die Entstehung dieser Erkrankung beeinflussen kann. Bei Affen. Nicht bei Menschen. Der Unterschied ist der ganze Artikel.
Rier SE, Martin DC, Bowman RE, Dmowski WP, Becker JL. Fundam Appl Toxicol. 1993;21(4):433-441. PMID: 8253297 · DOI: 10.1006/faat.1993.1119 [In vivo, Primat, n=7 pro Gruppe]Halte kurz inne bei den Zahlen. Sieben Tiere pro Gruppe. Sieben. Wenn ein einziges Tier anders ausgefallen wäre, hätte sich der Prozentwert um 14 Punkte verschoben. Das ist kein Argument gegen die Beobachtung. Es ist ein Argument dafür, sie mit der richtigen Größe im Kopf zu behalten.
Zwei Jahre später legte dieselbe Gruppe nach und schaute auf die Immunlage der Tiere. Die Idee dahinter: Wenn ein Fremdstoff Gewebe im Bauchraum wachsen lässt, dann vielleicht nicht direkt, sondern über das Immunsystem, das dieses Gewebe sonst wegräumen würde. Zytokine als Bindeglied zwischen Fremdstoff und Gewebe. Diese Denkfigur ist heute noch die tragende Hypothese des Feldes.
Wer hat sie gemacht: Dieselbe Arbeitsgruppe veröffentlichte 1995 eine Auswertung mit Blick auf Zytokine und Immunkompetenz.
Was wurde beobachtet: Die Häufigkeiten blieben dieselben, 43 und 71 Prozent mäßige bis schwere Formen in den belasteten Gruppen, 33 Prozent Endometriose jeden Schweregrads in der Kontrollgruppe, 30 Prozent im Referenzkollektiv mit 304 Tieren. Hier steht ausdrücklich, dass sich mäßige bis schwere Formen in der Kontrollgruppe nicht fanden.
Was das für dich bedeutet: Der Verdacht richtete sich früh auf die Entzündungsseite. Nicht auf einen Hormonschalter. Das ist ungewöhnlich, und genau deshalb wurde die Arbeit so viel diskutiert.
Rier SE, Martin DC, Bowman RE, Becker JL. Environ Health Perspect. 1995;103 Suppl 7:151-156. PMID: 8593863 · DOI: 10.1289/ehp.95103s7151 [In vivo, Primat]Es gibt einen Satz aus einer späteren Übersicht derselben Autorin, der erklärt, warum die Sache Wellen schlug. Die Serumkonzentrationen der belasteten Affen mit Endometriose lagen ähnlich wie oder sogar niedriger als die Blutspiegel in der allgemeinen menschlichen Bevölkerung jener Zeit.
Nicht die Höhe der Belastung machte die Beobachtung beunruhigend. Sondern dass sie so niedrig war.
nach Rier 2002, Ann N Y Acad Sci 955:201-212Damit war die Frage nicht mehr akademisch. Sie lautete plötzlich: Betrifft das uns alle?
Viele Frauen lesen von dieser Studie und hören: Umweltgifte machen Endometriose. Das steht dort nicht. Was dort steht, ist etwas anderes und in gewisser Weise Interessanteres.
Ein Stoff, der nichts mit Östrogen zu tun hat, kann in eine Erkrankung eingreifen, die als Östrogenerkrankung gilt. Das ist die eigentliche Entdeckung. Sie hat den Blick auf Endometriose erweitert, sie hat ihn nicht ersetzt.
Und jetzt weißt du, warum ich nach der Belastungsgeschichte frage. Nicht weil ich eine Ursache vermute. Weil diese Forschungslinie gezeigt hat, dass es einen zweiten Eingang in das System gibt.
Was Dioxine und PCB überhaupt sind
Bevor wir weitergehen, brauchst du ein Bild von diesen Stoffen. Sonst bleibt alles Weitere abstrakt.
Dioxine sind kein Produkt. Niemand wollte sie herstellen. Sie entstehen nebenbei, immer dann, wenn organisches Material zusammen mit Chlor erhitzt wird. Beim Verbrennen von Abfall. In der Metallverarbeitung. Früher als Verunreinigung in der Chlorchemie. Fachlich meint der Begriff zwei Familien, die polychlorierten Dibenzo-p-dioxine und die polychlorierten Dibenzofurane, in Berichten meist als PCDD und PCDF abgekürzt.
Polychlorierte Biphenyle, kurz PCB, sind das Gegenteil. Sie wurden bewusst hergestellt, über Jahrzehnte, in großen Mengen. Als Isolieröl in Transformatoren, als Weichmacher, in Dichtungsmassen, Lacken und Farben. Sie waren nicht brennbar, chemisch träge und billig. Genau die Eigenschaften, die sie damals attraktiv machten, machen sie heute zum Problem. In Deutschland ist ihre Herstellung seit den 1980er Jahren untersagt.
Ein Teil der PCB, die sogenannten dioxinähnlichen PCB, hat eine flache Molekülform und verhält sich im Körper wie ein Dioxin. Der andere Teil, die nicht dioxinähnlichen PCB, geht andere Wege. Diese Unterscheidung klingt nach Detail. Sie entscheidet in den Studien, die gleich kommen, über das Ergebnis.
Vier Eigenschaften, die zusammen ein Problem ergeben
- Fettlöslich. Sie lösen sich nicht in Wasser, sondern in Fett. Deshalb landen sie im Fettgewebe und nicht im Urin.
- Chemisch stabil. Der Körper hat keine schnelle Abbaustraße für sie. Was hineingeht, geht nur langsam wieder heraus.
- Anreicherung in der Nahrungskette. Ein Grashalm trägt wenig. Eine Kuh frisst viele Grashalme. Ein Mensch isst über Jahre viele Produkte dieser Kuh. Auf jeder Stufe wird die Konzentration höher.
- Vererbte Vergangenheit. Die Menge in deinem Körper stammt nicht aus dieser Woche. Sie ist über Jahrzehnte entstanden, ein Teil davon vor deiner Geburt.
- Halbwertszeit ohne feste Zahl. Eine Auswertung von mehr als 30 Studien zeigte, dass sich die scheinbare Halbwertszeit über eine lineare Beziehung zum Lebensalter beschreiben lässt, unter Berücksichtigung von Körperfettanteil, Rauchen und Stillen. Es gibt also keine einzelne Zahl, die für alle gilt.
Quelle zur Halbwertszeit: Milbrath MO, Wenger Y, Chang CW et al. Environ Health Perspect. 2009;117(3):417-425. PMID: 19337517 · DOI: 10.1289/ehp.11781 [Systematischer Review]. Die ehrliche Größenordnung lautet Jahre bis Jahrzehnte, je nach Kongener. Wer eine einzelne Jahreszahl liest, liest eine Vereinfachung.
Noch ein Begriff, der dir in jedem Bericht begegnen wird: TEQ, das Toxizitätsäquivalent. Es gibt Hunderte einzelner Verbindungen in diesen Familien, und sie sind unterschiedlich stark. Damit man sie zusammenzählen kann, bekommt jede einen Faktor im Verhältnis zur stärksten Verbindung. Diese stärkste Verbindung ist TCDD, ausgeschrieben 2,3,7,8-Tetrachlordibenzo-p-dioxin, mit dem Faktor 1. Eine Angabe in Pikogramm TEQ ist also eine Umrechnung in eine gemeinsame Währung.
Und weil ich weiß, dass jemand die Zahlen aus verschiedenen Berichten vergleichen möchte: Tu es nicht ungeprüft. Es gibt TEQ-Faktoren aus dem Jahr 1998 und aus dem Jahr 2005, dazu Werte aus einem Bioassay namens CALUX. Das sind drei verschiedene Maßstäbe. Und Pikogramm pro Kilogramm und Tag ist etwas anderes als Pikogramm pro Kilogramm und Woche.
Dioxine sind keine klassischen Xenoöstrogene
Der Begriff Xenoöstrogen beschreibt Fremdstoffe, die am Östrogenrezeptor andocken und dort etwas nachahmen. Bisphenol A gehört dazu. Zearalenon, ein Schimmelpilzgift, gehört sehr deutlich dazu, es dockt direkt am Östrogenrezeptor an. Mehr dazu steht in unserem Artikel zu Zearalenon als Mykoöstrogen.
Dioxine gehören nicht dazu. Sie nehmen einen anderen Eingang, dazu gleich mehr. Wenn du dich für die klassischen Hormonstörer im Alltag interessierst, also für Kunststoffe, Kassenbons, Kosmetik und Staub, findest du sie in Xenoöstrogene im Alltag. Dieser Artikel hier handelt von einer anderen Stoffgruppe mit einem anderen Mechanismus.
Und jetzt weißt du, warum diese Stoffe in einem Artikel über Hormone auftauchen, obwohl sie mit Hormonen chemisch nichts zu tun haben.
Die Panne in der Geschichte, die man erzählen muss
Hier wird es unangenehm. Und hier trennt sich ein ehrlicher Text von einem, der nur überzeugen will.
Acht Jahre nach der ersten Veröffentlichung schaute dieselbe Arbeitsgruppe noch einmal genauer hin. Diesmal nicht in den Bauchraum, sondern ins Blut. Was war eigentlich in diesen Tieren, dreizehn Jahre nachdem die Fütterung geendet hatte?
Wer hat sie gemacht: Rier und Kollegen, die Erstautorin inzwischen an der Dartmouth Medical School in Lebanon, New Hampshire, untersuchten das Serum von 9 belasteten und 6 unbelasteten weiblichen Tieren auf TCDD und 19 weitere dioxinähnliche Verbindungen.
Was wurde beobachtet: Im Serum der belasteten Tiere fand sich nicht nur TCDD. Es fanden sich außerdem erhöhte Spiegel von 1,2,3,6,7,8-Hexachlordibenzofuran, von 3,3',4,4'-Tetrachlorbiphenyl, kurz PCB 77, und von 3,3',4,4',5-Pentachlorbiphenyl, kurz PCB 126. Tiere mit erhöhtem PCB 77, PCB 126 und erhöhtem Gesamt-TEQ hatten eine hohe Endometriose-Häufigkeit. Und der Schweregrad der Erkrankung korrelierte mit der Serumkonzentration von PCB 77.
Was das für dich bedeutet: Das Futter der Kolonie war offenbar zusätzlich mit PCB belastet. Damit war das Experiment kein reines TCDD-Experiment mehr. Es bleibt ein Signal. Aber es ist kein sauberer Beweis, dass TCDD allein für den Befund verantwortlich war.
Rier SE, Turner WE, Martin DC, Morris R, Lucier GW, Clark GC. Toxicol Sci. 2001;59(1):147-159. PMID: 11134554 · DOI: 10.1093/toxsci/59.1.147 [In vivo, Primat]Ich finde diesen Teil der Geschichte wichtiger als den ersten. Nicht weil er die Ursprungsbeobachtung entwertet. Sondern weil er zeigt, wie Wissenschaft tatsächlich läuft. Ein aufsehenerregender Befund, ein Jahrzehnt Nachdenken, dann die Erkenntnis, dass die Ausgangslage komplizierter war als gedacht.
Eine dritte Arbeit aus demselben Jahr schaute auf die Abwehrzellen. Dreizehn Jahre nach dem Ende der Fütterung produzierten die weißen Blutzellen der belasteten Tiere nach Stimulation mehr TNF-alpha, ein Signalstoff der Entzündung, und ihre zerstörende Aktivität gegen bestimmte Zielzellen war vermindert. Andere Botenstoffe blieben unverändert. Rier SE, Coe CL, Lemieux AM et al. Toxicol Sci. 2001;60(2):327-337. PMID: 11248145 · DOI: 10.1093/toxsci/60.2.327 [In vivo, Primat]
Dreizehn Jahre. Das ist der Punkt, an dem ich in der Sprechstunde ins Grübeln komme. Nicht weil ich daraus etwas ableite, was die Daten nicht hergeben. Sondern weil es die Vorstellung erschüttert, eine Belastung sei vorbei, wenn die Belastung vorbei ist.
Guo 2004: eine kritische Neubewertung
Zehn Jahre nach der ersten Veröffentlichung legte Sun-Wei Guo, damals am Medical College of Wisconsin in Milwaukee, eine kritische Durchsicht aller verfügbaren Primaten- und Humandaten vor. Er nennt die Ursprungsbeobachtung ausdrücklich einen Zufallsbefund, der eine Schockwelle durch die Forschungsgemeinschaft schickte.
Sein Fazit fällt deutlich aus. Die Primatendaten seien weiterhin zweideutig, die Humandaten spärlich und widersprüchlich. Es gebe Hinweise darauf, dass eine Dioxin-Belastung das kurzfristige Überleben verpflanzter Gebärmutterschleimhaut bei nichtmenschlichen Primaten begünstigen könnte. Für die Entstehung einer spontanen Endometriose sah er zu diesem Zeitpunkt keine soliden, glaubwürdigen Daten, die die Hypothese stützen.
Diese Einschätzung stammt von 2004. Seither sind Meta-Analysen dazugekommen, die ein moderates Signal für PCB zeigen. Aber der Kern der Kritik ist nicht widerlegt, und deshalb steht sie hier im Text und nicht in einer Fußnote.
Guo SW. Gynecol Obstet Invest. 2004;57(3):157-173. PMID: 14739528 · DOI: 10.1159/000076374 [Review, kritische Neubewertung]
Es gibt noch eine zweite naheliegende Erklärung, die geprüft und nicht bestätigt wurde. Sie lautet: Manche Menschen bauen diese Stoffe schlechter ab, und deshalb erkranken sie. Derselbe Autor hat 2006 zehn Studien zu Genvarianten der Fremdstoffentgiftung systematisch durchgesehen, darunter CYP1A1, CYP2E1, EPHX1, AHR, ARNT, AHRR, NAT1 und NAT2. Nahezu keine der untersuchten Varianten zeigte eine Verbindung zur Endometriose. Für eine Variante des CYP1A1-Gens fand sich ein etwa 40 Prozent erhöhtes Risiko, ohne konsistente Bestätigung in anderen Arbeiten.
Im Netz kursiert die Erzählung, manche Frauen bekämen Endometriose, weil ihre Entgiftung genetisch schwach sei. Diese Idee ist naheliegend, sie ist untersucht worden, und sie hat sich nicht bestätigt.
Wenn dir jemand einen Gentest verkauft, der deine Endometriose über die Entgiftung erklärt, kannst du diese Arbeit dagegenhalten. Wer den Zusammenhang von Umwelt und Hormonen ernst nimmt, muss auch die Stellen benennen, an denen die einfache Erklärung nicht trägt.
Und jetzt weißt du, warum ich in diesem Feld vorsichtig bin. Die schöne Geschichte hat einen Nachsatz. Wer sie ohne den Nachsatz erzählt, erzählt sie falsch.
Der Aryl-Hydrocarbon-Rezeptor, ein zweiter Schalter
Wenn du bis hierher gelesen hast, hast du dich vermutlich schon gefragt: Wie soll das überhaupt gehen? Ein Stoff, der nichts mit Östrogen zu tun hat, greift in eine hormonabhängige Erkrankung ein. Wo ist der Hebel?
Er heißt Aryl-Hydrocarbon-Rezeptor, in der Literatur meist AhR. Stell ihn dir als Rauchmelder der Zelle vor. Er hängt im Zellinneren und wartet. Kommt ein fremdes Molekül mit der passenden flachen Form vorbei, dockt es an. Der Rauchmelder geht in den Zellkern und schaltet dort Gene ein, vor allem solche für Enzyme, die Fremdstoffe umbauen sollen.
Das ist zunächst eine sinnvolle Einrichtung. Der Körper erkennt etwas Fremdes und bereitet den Abbau vor. Das Problem entsteht, wenn der Rauchmelder nicht mehr ausgeht, weil der Stoff bleibt. Dann läuft ein Programm dauerhaft, das für kurze Einsätze gedacht war.
Wer hat sie gemacht: Eine Gruppe am Key Lab of Urban Environment and Health der Chinesischen Akademie der Wissenschaften in Xiamen verglich zwei PCB miteinander: das dioxinähnliche CB126 und das nicht dioxinähnliche CB153, an primär kultivierten Gebärmutterschleimhautzellen und in einem Endometriose-Mausmodell.
Was wurde beobachtet: CB126 steigerte die Bildung von Estradiol dosisabhängig, CB153 nicht. Von den Genen des Östrogenstoffwechsels stieg vor allem die 17-beta-Hydroxysteroid-Dehydrogenase 7 an, die Methylierung ihres Promotors nahm ab. Eine erhöhte Aktivität dieses Gens fand sich auch in der Gebärmutterschleimhaut von Frauen mit Endometriose. Im Mausmodell stiegen Estradiol und Entzündungsmarker in der Bauchflüssigkeit, die Herde wuchsen stärker. Ein Blocker des Aryl-Hydrocarbon-Rezeptors hob diese Effekte auf.
Was das für dich bedeutet: Nicht die Stoffklasse PCB entscheidet, sondern die Molekülform. Und der Weg läuft über den Aryl-Hydrocarbon-Rezeptor. Das ist Zellkultur und Maus. Für Menschen ist damit nichts bewiesen.
Huang Q, Chen Y, Chen Q, Zhang H, Lin Y, Zhu M, Dong S. Arch Toxicol. 2017;91(4):1915-1924. PMID: 27663891 · DOI: 10.1007/s00204-016-1854-0 [In vitro, In vivo]Was passiert also, wenn der Rauchmelder dauerhaft an ist? Eine zweite Arbeit an menschlichen Gebärmutterschleimhautzellen aus Winnipeg in Kanada hat genau das untersucht. Dioxinähnliche Verbindungen aktivierten den Aryl-Hydrocarbon-Rezeptor zeit-, konzentrations- und stoffabhängig. Bemerkenswert war, was nicht passierte: Die östrogenen Abläufe in diesen Zellen wurden dadurch nicht gestört. Unabhängig von der Bindung an den Rezeptor stieg die Wanderungsfähigkeit der Zellen.
Das ist der eigentliche Beleg für den Satz, dass Dioxine keine klassischen Xenoöstrogene sind. Sie brauchen den Östrogenrezeptor nicht.
Wie der Weg in der Theorie aussieht
- Andocken. Ein flaches, chlorreiches Molekül bindet an den Aryl-Hydrocarbon-Rezeptor in der Zelle.
- Genprogramm. Der Rezeptor wandert in den Zellkern und schaltet Gene an, unter anderem für Enzyme der Fremdstoffumwandlung wie CYP1A1.
- Entzündung. In Zellkultur mit Hexachlorbenzol, einem dioxinähnlichen Stoff und schwachen Liganden desselben Rezeptors, stiegen COX-2 und die Ausschüttung von Prostaglandin E2, dazu die Aktivität der Matrix-Metalloproteinasen MMP-2 und MMP-9, also der Werkzeuge, mit denen Zellen sich Wege durch Gewebe bahnen.
- Lokale Östrogenproduktion. Im Rattenmodell, ebenfalls mit Hexachlorbenzol, stieg die Aromatase in den Herden, außerdem der Östrogenrezeptor alpha, während der Progesteronrezeptor niedriger lag.
- Gewebe wächst. In beiden Tiermodellen, dem Maus-Modell mit PCB 126 und dem Ratten-Modell mit Hexachlorbenzol, nahmen Größe und Gefäßversorgung der Herde zu.
Belege: Willing C, Peich M, Danescu A et al. Mol Hum Reprod. 2011;17(2):115-126. PMID: 20876610 · DOI: 10.1093/molehr/gaq081 [In vitro]. Die beiden folgenden Arbeiten untersuchten Hexachlorbenzol, nicht Dioxin oder PCB. Chiappini F, Baston JI, Vaccarezza A et al. Biochem Pharmacol. 2016;109:91-104. PMID: 27038655 · DOI: 10.1016/j.bcp.2016.03.024 [In vitro]. Chiappini F, Sanchez M, Miret N et al. Food Chem Toxicol. 2019;123:151-161. PMID: 30393115 · DOI: 10.1016/j.fct.2018.10.056 [In vivo, Ratte]. Wichtig: Kein einziger dieser Marker wurde beim Menschen als Antwort auf eine veränderte Belastung gemessen.
Aromatase und Progesteronrezeptor sind genau die Stellschrauben, die bei Endometriose ohnehin verstellt sind. Das macht die Beobachtung interessant. Es macht sie nicht zum Beweis. In der Rattenstudie kamen teilweise sehr hohe Dosen zum Einsatz, es ging dort um Hexachlorbenzol und nicht um Dioxin selbst, und Ratten sind keine Frauen.
Eine Arbeit, die Expositionsmodellierung, Meta-Analyse und Genanalyse verband, fand fünf Gene, die von PCB, Bisphenolen und Phthalaten gemeinsam beeinflusst wurden: CYP19A1, EGFR, ESR2, FOS und IGF1. CYP19A1 ist das Gen der Aromatase, also des Enzyms, das im Gewebe selbst Östrogen herstellt. Das ist die direkteste molekulare Brücke zwischen einem Umweltstoff und der lokalen Östrogenproduktion in einem Herd. Sie ist bioinformatisch, nicht klinisch. Roy D, Morgan M, Yoo C et al. Int J Mol Sci. 2015;16(10):25285-25322. PMID: 26512648 · DOI: 10.3390/ijms161025285 [Bioinformatik, Meta-Analyse]
Viele Frauen kennen die Vorstellung, Endometriose sei eine Krankheit des Zuviel an Östrogen. Das greift zu kurz. Ein großer Teil des Östrogens in einem Herd wird dort vor Ort hergestellt, unabhängig vom Eierstock.
Der interessante Hebel ist deshalb nicht der Blutspiegel, sondern die Regulation im Gewebe selbst. Genau dort greifen die beschriebenen Mechanismen an. Und genau deshalb steht die Entzündung im Zentrum und nicht der Hormonwert. Was sinnvoll messbar ist und was nicht, steht in Hormone testen bei Frauen.
Und jetzt weißt du, warum ich nicht sage, dass Dioxine wie Östrogene arbeiten. Sie nehmen einen anderen Eingang, und dieser Eingang führt über die Entzündung.
Was die Humandaten hergeben und was nicht
Jetzt kommt der Teil, der wirklich zählt. Alles bisher waren Affen, Mäuse, Ratten und Zellen. Menschen sind keine davon.
Die Frage lautet: Gibt es eine Bevölkerung, an der man das prüfen kann? Man kann Frauen ja nicht Dioxin verabreichen. Also braucht es einen traurigen Zufall. Und den gab es.
Am 10. Juli 1976 explodierte in einer Chemiefabrik bei Seveso in Norditalien ein Reaktor. Eine Wolke mit großen Mengen TCDD legte sich über die Umgebung. Aus dieser Katastrophe entstand Jahre später die Seveso Women's Health Study, die am besten dokumentierte Kohorte mit hoher TCDD-Belastung, die es gibt.
Vor der eigentlichen Studie stellte sich eine Frage, die jemand rechnen musste: Waren die Frauen in Seveso überhaupt vergleichbar stark belastet wie die Affen von 1993? Eine toxikokinetische Analyse aus Berkeley kam zu dem Ergebnis, dass die kumulative Belastung der am stärksten betroffenen Anwohnerinnen in allen Fällen über der Belastung beider Affengruppen lag. Damit war Seveso die entscheidende Testkohorte.
Wer hat sie gemacht: Eine Gruppe um Brenda Eskenazi veröffentlichte 2002 die Auswertung von 601 Frauen aus dem Seveso-Gebiet, die 1976 höchstens 30 Jahre alt waren und von denen eingelagertes Serum aus der Zeit direkt nach dem Unfall vorlag.
Was wurde beobachtet: 19 Frauen hatten eine Endometriose, 277 wurden als nicht erkrankt eingestuft. Verglichen mit TCDD-Spiegeln bis 20 ppt lag das relative Risikoverhältnis bei 1,2 für Werte zwischen 20,1 und 100 ppt, mit einem 90-Prozent-Konfidenzintervall von 0,3 bis 4,5. Für Werte über 100 ppt lag es bei 2,1, mit einem 90-Prozent-Konfidenzintervall von 0,5 bis 8,0. Die Trendtests waren nicht signifikant. Die Autorinnen und Autoren beschreiben ein verdoppeltes, nicht signifikantes Risiko ohne klare Dosis-Wirkungs-Beziehung und weisen darauf hin, dass eine unvermeidbare Fehleinordnung das wahre Risiko unterschätzt haben könnte.
Was das für dich bedeutet: Die am stärksten belastete bekannte Bevölkerung liefert einen Trend und keinen Beweis. Ein Konfidenzintervall von 0,5 bis 8,0 ist mit fast jedem Ergebnis vereinbar. Neunzehn Fälle sind schlicht zu wenig.
Eskenazi B, Mocarelli P, Warner M et al. Environ Health Perspect. 2002;110(7):629-634. PMID: 12117638 · DOI: 10.1289/ehp.02110629 [Kohorte, n=601]Damit niemand den falschen Schluss zieht: Diese Kohorte hat sehr wohl klare Ergebnisse geliefert, nur an anderer Stelle. In der Nachbeobachtung bis 2008 hatten 66 von 833 Frauen eine Krebsdiagnose. Pro zehnfachem Anstieg des Serum-TCDD lag die adjustierte Hazard Ratio für alle Krebsarten zusammen bei 1,80, mit einem 95-Prozent-Konfidenzintervall von 1,29 bis 2,52. Für Brustkrebs lag sie bei 1,44 und war nicht signifikant.
Das ist wichtig für die Einordnung. TCDD ist toxikologisch nicht harmlos. Die offene Frage ist nur, ob ausgerechnet die Endometriose sein Zielorgan ist.
Damit diese Zahl nicht falsch verstanden wird, ein klarer Satz dazu: Sie steht hier ausschließlich zur Einordnung der Stoffgruppe und nicht, um dir Sorge zu machen. Sie stammt aus der Kohorte mit der höchsten je dokumentierten TCDD-Belastung und lässt sich nicht auf die heutige Alltagsbelastung übertragen. Aus ihr folgt weder eine Untersuchung, die ich dir hier anbieten würde, noch ein Handlungsbedarf für dich. Warner M, Mocarelli P, Samuels S, Needham L, Brambilla P, Eskenazi B. Environ Health Perspect. 2011;119(12):1700-1705. PMID: 21810551 · DOI: 10.1289/ehp.1103720 [Kohorte, n=833]
| Untersuchung | Was gemessen wurde | Ergebnis |
|---|---|---|
| Seveso, Italien 601 Frauen, 19 Fälle | Serum-TCDD aus dem Jahr des Unfalls | Risikoverhältnis 2,1 über 100 ppt, 90-Prozent-Intervall 0,5 bis 8,0, kein Trend |
| Rom, Italien 80 Fälle, 78 Kontrollen | einzelne PCB-Kongenere, DDE, Hexachlorbenzol, dazu Gesamt-TEQ | deutlich erhöhte Odds Ratios für mehrere PCB, aber kein Signal für das Gesamt-TEQ |
| Washington, USA 251 Fälle, 538 Kontrollen | 20 nicht dioxinähnliche PCB-Kongenere im Serum | kein konsistentes Muster, Summenwert Odds Ratio 1,3 mit 95-Prozent-Intervall 0,8 bis 2,2 |
Die römische Arbeit von Maria Grazia Porpora und Kolleginnen an der Sapienza-Universität ist die stärkste positive Humanstudie, die es gibt. Für das dioxinähnliche PCB 118 lag die Odds Ratio bei 3,79 mit einem 95-Prozent-Konfidenzintervall von 1,61 bis 8,91, für PCB 153 bei 4,88 mit einem Intervall von 2,01 bis 11,0, für die Summe aus dioxinähnlichen und nicht dioxinähnlichen PCB bei 5,63 mit einem Intervall von 2,25 bis 14,10.
Und im selben Datensatz war ausgerechnet der Gesamt-TEQ aus Dioxinen, Furanen und dioxinähnlichen PCB nicht mit Endometriose verbunden. Also genau das Maß, das die eigentliche Dioxinbelastung ausdrückt. Diese Nuance fehlt im Netz durchgängig, und sie gehört dazu.
Die Gegenprobe kommt aus dem US-Bundesstaat Washington. Britton Trabert und Kolleginnen untersuchten 20 PCB-Kongenere bei 251 operativ gesicherten Fällen und 538 nach Alter gematchten Kontrollen. Einzelne Kongenere lagen sogar unter dem Nullwert, etwa PCB 196 mit einer Odds Ratio von 0,4. Das Fazit der Autorinnen und Autoren: Nicht koplanare PCB tragen im dort beobachteten Belastungsbereich nicht bedeutsam zum Endometriose-Risiko bei.
Warum rückwärts gemessene Belastung ein Problem ist
In fast allen Fall-Kontroll-Studien wird das Blut nach der Diagnose abgenommen. Bei Stoffen, die sich im Fettgewebe sammeln, ist das heikel. Eine Gewichtsabnahme setzt gespeicherte Stoffe frei und hebt den Blutwert. Eine Gewichtszunahme verdünnt ihn. Stillzeiten senken ihn. Und eine chronische Erkrankung verändert den Fettstoffwechsel.
Es ist deshalb möglich, dass ein Teil des gefundenen Zusammenhangs nicht bedeutet, dass die Belastung zur Erkrankung geführt hat, sondern dass die Erkrankung und ihr Verlauf die Messwerte beeinflusst haben. Diesen Einwand kann bislang keine Studie im Feld ausräumen.
Eine kleinere römische Arbeit hat den Bogen zur Immunlage geschlossen. Bei Frauen mit Endometriose war die Aktivität der natürlichen Killerzellen vermindert, ebenso IL-1-beta und IL-12. Die Gesamt-PCB-Konzentration lag bei 330 gegenüber 160 Nanogramm pro Gramm Fett bei den Kontrollen, DDE bei 770 gegenüber 310. Im Reagenzglas senkten PCB und DDE die Aktivität dieser Zellen. Quaranta MG, Porpora MG, Mattioli B et al. Life Sci. 2006;79(5):491-498. PMID: 16499933 · DOI: 10.1016/j.lfs.2006.01.026 [Case-Control, kleine Fallzahl, plus In vitro]
Das ist eine kleine Studie, es ist eine Assoziation, und der Vorbehalt von eben gilt auch hier. Interessant ist sie trotzdem, weil sie dieselbe Denkfigur trägt wie die Affenkolonie von 1995. Immunlage als Bindeglied. Wenn du wissen möchtest, wie Entzündung und Stoffwechsel bei Frauen ineinandergreifen, findest du das in Insulinresistenz und weibliche Hormone.
Und jetzt weißt du, warum ich auf die Frage nach dem Beweis keine kurze Antwort gebe. Es gibt keine.
Zwei Meta-Analysen, zwei Tönungen
Wenn Einzelstudien sich widersprechen, rechnet man sie zusammen. Das ist der Sinn einer Meta-Analyse. Sie ist kein Zauberstab, aber sie ordnet.
Zu Umweltstoffen und Endometriose gibt es zwei größere Arbeiten dieser Art. Sie kommen zu ähnlichen Richtungen und zu unterschiedlich starken Zahlen. Warum, sage ich dir gleich.
Wer hat sie gemacht: Eine Gruppe am Zentrum für Reproduktionsmedizin des Zhongnan-Krankenhauses der Universität Wuhan durchsuchte PubMed, EMBASE und Web of Science bis Januar 2018 und schloss 20 Publikationen mit 30 Einzelstudien ein.
Was wurde beobachtet: Über alle Belastungen zusammen lag die Odds Ratio bei 1,41 mit einem 95-Prozent-Konfidenzintervall von 1,23 bis 1,60. Für PCB lag sie bei 1,58 mit einem Intervall von 1,18 bis 2,12, für Organochlorpestizide bei 1,40 mit einem Intervall von 1,02 bis 1,92 und für Phthalatester bei 1,27 mit einem Intervall von 1,00 bis 1,60. Diese beiden letzten Werte sind grenzwertig, bei den Phthalatestern liegt die untere Grenze genau auf 1,00. Bisphenol A zeigte keine signifikante Verbindung.
Was das für dich bedeutet: Ein reproduzierbares, moderates Signal für PCB. Und eine Überraschung: Ausgerechnet Bisphenol A, über das im Netz am meisten geschrieben wird, fällt hier durch.
Wen X, Xiong Y, Qu X, Jin L, Zhou C, Zhang M, Zhang Y. Gynecol Endocrinol. 2019;35(8):645-650. PMID: 30907174 · DOI: 10.1080/09513590.2019.1590546 [Meta-Analyse, k=30]Wer hat sie gemacht: Eine Gruppe der Babol University of Medical Sciences im Iran durchsuchte fünf Datenbanken nach Arbeiten von 2000 bis Ende 2020, ohne Sprach- oder Länderbeschränkung, und rechnete mit einem Zufallseffektmodell.
Was wurde beobachtet: Die gepoolte Odds Ratio für PCB lag bei 1,96 mit einem 95-Prozent-Konfidenzintervall von 1,31 bis 2,93, bei moderater Heterogenität mit I hoch 2 gleich 63 Prozent. In der europäischen Untergruppe lag sie bei 3,66, in Studien mit laparoskopisch gesicherten Fällen bei 2,32, in Studien mit operativ überprüften Kontrollen bei 1,39 und in Studien mit Matched-Pairs-Design bei 1,51, wo die Heterogenität auf 30,4 Prozent sank.
Was das für dich bedeutet: Das ist die entscheidende Beobachtung des ganzen Abschnitts. Je sauberer das Studiendesign, desto kleiner der Effekt. Das Signal ist wahrscheinlich real und wahrscheinlich kleiner, als die auffälligsten Zahlen nahelegen.
Shirafkan H, Abolghasemi M, Esmaeilzadeh S, Golsorkhtabaramiri M, Mirabi P. J Gynecol Obstet Hum Reprod. 2023;52(5):102574. PMID: 36918125 · DOI: 10.1016/j.jogoh.2023.102574 [Meta-Analyse, k=14]Ein Wort zur Heterogenität, weil dieser Begriff sonst nichts sagt. I hoch 2 beschreibt, wie stark sich die Einzelergebnisse voneinander unterscheiden, über den Zufall hinaus. 63 Prozent bedeutet: Die Studien erzählen nicht dieselbe Geschichte. In der Untergruppe mit dem strengsten Design fiel dieser Wert auf 30 Prozent, und dort lag der Effekt bei 1,51 statt bei 1,96.
Drei Fragen, die aus jeder Schlagzeile eine Einordnung machen
- Wie sicher war die Diagnose?
- Wurde die Endometriose bei einer Bauchspiegelung gesehen oder aus einem Fragebogen abgeleitet? Und wie wurde geprüft, dass die Kontrollgruppe wirklich keine hat? Beides verschiebt das Ergebnis erheblich.
- Was genau wurde gemessen?
- Einzelne Kongenere, ein Summenwert oder das Gesamt-TEQ. Diese drei Maße sind nicht austauschbar, und eine Studie kann bei einem davon ein Signal zeigen und bei einem anderen nicht.
- Wann wurde gemessen?
- Vor der Erkrankung oder danach. Nur die Seveso-Kohorte hat Serum aus der Zeit vor der Diagnose. Das ist der Grund, warum ihr schwaches Ergebnis so schwer wiegt.
Diese drei Fragen erklären den größten Teil der Widersprüche im Feld. Nicht Schlamperei, sondern unterschiedliche Studienanlagen.
Es gibt noch zwei Übersichtsarbeiten, die das Bild abrunden. Eine systematische Sichtung von 27 Arbeiten zu endokrinen Disruptoren, microRNA und Endometriose ordnete Dioxine, Organochlorpestizide und PCB als die besser belegte Gruppe ein, während Bisphenol A und Phthalate widersprüchliche Ergebnisse lieferten. Beteiligte Signalwege waren NF-kappa-B, MAPK und Wnt/beta-Catenin. Diese Arbeit rechnet nicht zusammen, sie sortiert, und ist damit schwächer als die beiden Meta-Analysen. Chandrakanth A, Firdous S, Vasantharekha R et al. Reprod Sci. 2024;31(4):932-941. PMID: 38036864 · DOI: 10.1007/s43032-023-01412-8 [Systematischer Review, k=27]
Die höchste verfügbare Ebene ist ein Dachreview aus dem Jahr 2024, das 52 systematische Reviews mit insgesamt 759 Meta-Analysen zu kunststoffassoziierten Chemikalien zusammenfasste. Dort sind PCB in der Allgemeinbevölkerung unter anderem mit Endometriose verbunden, außerdem mit Typ-2-Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Brustkrebs. Der Nachsatz gehört dazu: 78 Prozent der eingeschlossenen Meta-Analysen stammten aus Reviews von lediglich moderater methodischer Qualität. Symeonides C, Aromataris E, Mulders Y et al. Ann Glob Health. 2024;90(1):52. PMID: 39183960 · DOI: 10.5334/aogh.4459 [Umbrella Review]
Es gibt eine Verbindung zwischen PCB und Endometriose, und sie ist mehrfach gefunden worden. Sie ist moderat, methodenabhängig und nicht als Ursache bewiesen. Und sie erklärt die Endometriose ganz sicher nicht allein.
Eine Odds Ratio von 1,5 klingt nach viel. Sie bedeutet aber nicht, dass die Hälfte der Erkrankungen von PCB kommt. Sie beschreibt einen statistischen Unterschied zwischen Gruppen, nicht dein persönliches Schicksal.
Und wichtiger noch: Daraus folgt nicht, dass jede hormonelle Störung eine Umweltursache hat. Umwelt ist eine Ebene von mehreren. Genetik, Immunsystem, Entzündungslage, Stoffwechsel und Lebensgeschichte spielen mit. Warum ich Endometriose als vernetztes Geschehen betrachte, steht in Endometriose: ein integrativer Blick.
Und jetzt weißt du, warum zwei seriöse Arbeiten zum selben Thema unterschiedliche Zahlen liefern. Sie haben unterschiedlich streng ausgewählt.
Die gute Nachricht, die selten erzählt wird
Wenn du bis hierher gelesen hast, ist dir vielleicht mulmig geworden. Deshalb kommt jetzt der Teil, den Umweltartikel gern weglassen, weil er die Dramatik nimmt.
Die Belastung ist stark gesunken. Nicht ein bisschen. Stark. Und das ist keine Behauptung, sondern über mehrere unabhängige Messreihen belegt.
Wer hat sie gemacht: Eine Gruppe der Universität Stockholm analysierte Muttermilchproben aus Stockholm von 1972 bis 2011 mit hochauflösender Massenspektrometrie und wertete die Trends statistisch aus.
Was wurde beobachtet: Die Summe der PCDD, die Summe der PCDF, die Summe der dioxinähnlichen PCB und das Gesamt-TEQ sanken zwischen 1972 und 2011 statistisch signifikant um 5,8 bis 6,8 Prozent pro Jahr. In den letzten zehn Jahren dieses Zeitraums lag der jährliche Rückgang für die Summe der PCDD, die Summe der dioxinähnlichen PCB und das Gesamt-TEQ bei 9,2 bis 11 Prozent, für die Summe der PCDF bei 5,4 Prozent.
Was das für dich bedeutet: Die Belastung ist nicht nur gesunken. Der Rückgang hatte sich zuletzt sogar beschleunigt. Regulierung kann etwas bewegen, und hier lässt sich das nachrechnen.
Fång J, Nyberg E, Bignert A, Bergman Å. Environ Int. 2013;60:224-231. PMID: 24080458 · DOI: 10.1016/j.envint.2013.08.019 [Umwelt-Biomonitoring, Zeitreihe 1972 bis 2011]Die französische Zahl stammt aus der zweiten nationalen Total Diet Study. 583 verzehrfertig zubereitete Lebensmittelproben wurden analysiert und mit den nationalen Verzehrsdaten verrechnet. Gegenüber der vorherigen Bewertung sank die Belastung um den Faktor 3,2 für PCDD, PCDF und dioxinähnliche PCB zusammen. Weniger als 4 Prozent der Bevölkerung überschritten den gesundheitsbezogenen Richtwert.
Aus Irland kommt eine zweite unabhängige Bestätigung. Dort lag die mittlere Aufnahme des Gesamt-TEQ bei 0,3 Pikogramm pro Kilogramm Körpergewicht und Tag, im 95. Perzentil bei 1 Pikogramm. Alle Werte lagen unter den damals geltenden gesundheitsbezogenen Richtwerten. Tlustos C, Anderson W, Flynn A, Pratt I. Food Addit Contam Part A. 2014;31(6):1100-1113. PMID: 24645880 · DOI: 10.1080/19440049.2014.905713 [Expositionsschätzung]
Die deutsche Zahl stammt vom Bayerischen Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit, das seit 1989 über 1.000 Proben Molkereisammelmilch untersucht hat. Der durchschnittliche Dioxingehalt ist um rund 94 Prozent zurückgegangen. Wichtig ist der zweite Teil dieser Angabe: Seit etwa zehn Jahren stagniert die Belastung auf diesem niedrigen Niveau. Der leichte Weg ist gegangen.
Warum die EFSA den Grenzwert trotzdem verschärft hat
2018 senkte die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit die tolerierbare wöchentliche Aufnahmemenge auf 2 Pikogramm TEQ pro Kilogramm Körpergewicht und Woche, ausgedrückt in den WHO-Faktoren von 2005. Das ist rund sieben Mal niedriger als der zuvor gültige Wert.
Der Leitendpunkt dieser Berechnung war nicht die Endometriose. Er war die Spermienkonzentration, abgeleitet aus einer Kohorte von Jungen und jungen Männern. [Behördliche Risikobewertung] Die Kernaussage der Bewertung lautet, dass eine Belastung in frühen Lebensphasen die männliche Fortpflanzungsfähigkeit beeinträchtigen kann.
Ich finde das aufschlussreich. Die Behörde nimmt diese Stoffe sehr ernst. Sie tut es nur an einer anderen Stelle des Körpers als die Endometriose-Forschung. Beides gleichzeitig zu wissen, ist die ehrlichste Position.
EFSA CONTAM Panel. EFSA Journal. 2018;16(11):5333. DOI: 10.2903/j.efsa.2018.5333 [Behördliche Risikobewertung]
Gerechnet wurde gegen einen älteren Maßstab
Die irische und die französische Bewertung sind vor 2018 entstanden. Sie wurden gegen den damals gültigen Richtwert von 14 Pikogramm pro Kilogramm Körpergewicht und Woche gerechnet. Rechnet man die irische Durchschnittsaufnahme von 0,3 Pikogramm pro Tag auf die Woche hoch, kommt man auf rund 2,1 Pikogramm und liegt damit knapp über dem heute geltenden Wert von 2 Pikogramm. Das 95. Perzentil von 1 Pikogramm pro Tag entspricht rund 7 Pikogramm pro Woche.
Auch die flämische Untersuchung gehört vollständig erzählt. Dort überschritten 59,8 Prozent der Jugendlichen, 53,7 Prozent der Mütter und 36,2 Prozent der Erwachsenen den damaligen Richtwert von 14 Pikogramm pro Woche, und Jugendliche lagen pro Kilogramm Körpergewicht am höchsten. Weil diese Werte mit dem CALUX-Bioassay erhoben wurden, sind sie mit massenspektrometrischen Zahlen nicht direkt vergleichbar, und weil sie von 2007 stammen, lassen sie sich nicht eins zu eins auf heute übertragen. Bilau M, Matthys C, Baeyens W et al. Chemosphere. 2007;70(4):584-592. PMID: 17720214 · DOI: 10.1016/j.chemosphere.2007.07.008 [Expositionsschätzung, Verzehrserhebung, n=4.408]
Der Rückgang ist echt und er ist groß. Am heutigen Maßstab gemessen ist er trotzdem noch nicht am Ziel. Beides gehört in denselben Absatz, sonst wird aus einer guten Nachricht eine schöngerechnete.
Woher kommt die Belastung heute konkret? Die beste Aufschlüsselung stammt aus derselben flämischen Untersuchung mit mehreren tausend Teilnehmenden. Fisch und Meeresfrüchte trugen 25 bis 43 Prozent der Gesamtaufnahme bei, zugesetzte Fette 22 bis 25 Prozent, Milchprodukte 17 bis 20 Prozent.
Zwei Einschränkungen dazu, weil ich Zahlen nicht schöner machen möchte, als sie sind. Die Daten stammen aus dem Jahr 2007 und wurden mit einem Bioassay erhoben, der andere Zahlen liefert als die Massenspektrometrie. Sie zeigen die Verteilung der Quellen, nicht das heutige Belastungsniveau. Die Verteilung selbst ist plausibel geblieben, weil sich die Physik nicht ändert: Diese Stoffe sitzen im Fett.
Wenn ich in der Sprechstunde über Umweltstoffe spreche, höre ich oft den Satz: Da kann man ja sowieso nichts machen. Diese Zahlen sagen etwas anderes.
Zwischen 1972 und heute hat sich in Europa an genau dieser Stelle sehr viel bewegt, ohne dass eine einzelne Person etwas dafür tun musste. Das ist kein Grund, sorglos zu sein. Es ist ein Grund, die Sache mit ruhigem Puls zu betrachten.
Und jetzt weißt du, warum ich diesen Abschnitt nicht weglasse, obwohl er die Dramatik nimmt. Ein Text über Umwelt, der nur nach unten zeigt, ist kein guter Text.
Was daraus praktisch folgt, und wo Vermeidung an Grenzen stößt
Kommen wir zu der Frage, die du vermutlich von Anfang an hattest. Was mache ich jetzt damit?
Die ehrliche Antwort beginnt mit einer Einschränkung. Der größte Teil dessen, was in deinem Körper ist, ist über Jahrzehnte dorthin gelangt. Ein Teil davon vor deiner Geburt. Was du ab morgen anders machst, verändert diesen Bestand nur langsam.
Das ist kein Grund, nichts zu tun. Es ist ein Grund, die Erwartung an die eigene Handlung realistisch zu halten.
Drei Hebel, die aus den Daten folgen
- Fett tierischer Herkunft ist der Träger. Diese Stoffe sitzen im Fett, nicht im Muskel und nicht im Gemüse. Wer den Anteil sehr fetter tierischer Produkte im Alltag etwas zurücknimmt, kann den Eintrag verringern. Das ist Arithmetik, keine Verheißung.
- Herkunft schlägt Menge. Wo ein Tier gelebt hat und was es gefressen hat, entscheidet über seinen Gehalt. Deshalb ist die Frage nach der Herkunft eines Lebensmittels sinnvoller als die Frage, wie viel Gramm davon erlaubt sind.
- Was du nicht mehr einbringst, muss der Körper nicht mehr loswerden. Bei Stoffen mit einer Verweildauer von Jahren ist die Vermeidung der Ansatz, für den die beste Begründung vorliegt. Für Verfahren, die diese Stoffe aus dem Körper holen sollen, gibt es keine belastbaren Daten bei Endometriose.
Wenn ein Kinderwunsch im Raum steht
Für viele Frauen gehören Endometriose und Kinderwunsch zusammen, und dieser Abschnitt ist mir besonders wichtig. Hier spielt ein Faktor mit, den keine Umweltmaßnahme beeinflusst: die Zeit.
Wenn du seit längerem ungewollt nicht schwanger wirst, gehört das in eine frauenärztliche und je nach Situation reproduktionsmedizinische Abklärung, und zwar zeitnah. Nichts in diesem Artikel ist ein Grund, damit zu warten, bis du deine Umgebung sortiert hast. Beides läuft nebeneinander, nicht nacheinander.
Und ich möchte an dieser Stelle sehr deutlich sein: Ich kann dir nicht sagen, dass sich an deiner Fruchtbarkeit etwas ändert, wenn du deinen Alltag umstellst, und ich werde dir das auch nicht in Aussicht stellen. Es gibt zu dieser Frage keine Interventionsstudie. Was ich sagen kann, ist bescheidener. Die Fragen nach Wohnsituation, Beruf und Belastungsgeschichte kosten wenig Zeit, sie stehen einer Abklärung nicht im Weg, und manchmal fördern sie etwas zutage, das sich angehen lässt. Sie ersetzen die Abklärung nicht.
Und was ist mit einer laufenden Behandlung?
Ein großer Teil der Endometriose-Behandlung läuft über verschreibungspflichtige Arzneimittel. Dazu gehören kombinierte hormonelle Verhütungsmittel, umgangssprachlich die Pille, außerdem reine Gestagenpräparate, in Deutschland bei Endometriose vor allem der Wirkstoff Dienogest, in bestimmten Situationen GnRH-Analoga, dazu Schmerztherapie und, wenn es indiziert ist, eine Operation. Alle diese Mittel sind verschreibungspflichtig. Sie setzen eine ärztliche Untersuchung, eine Indikation und eine Verordnung voraus.
Jedes davon hat eine eigene Risikoseite, und die gehört neben den Namen. Unter kombinierten hormonellen Verhütungsmitteln kann das Risiko für Thrombosen und Embolien erhöht sein, deutlicher bei Rauchen, bei höherem Alter, bei Übergewicht und bei bestimmten Gerinnungsstörungen. Unter Gestagenen können Zwischenblutungen, Stimmungsveränderungen und ein Rückgang der Libido auftreten. Unter GnRH-Analoga kann die Knochendichte abnehmen, deshalb werden sie meist zeitlich begrenzt und häufig zusammen mit einer sogenannten Add-back-Therapie eingesetzt.
Und ein Punkt, der selten erwähnt wird: Die kombinierte Pille wird bei Endometriose in Deutschland überwiegend außerhalb ihrer Zulassung verordnet, also off label. Das bedeutet eine gesonderte Aufklärung, eine besondere ärztliche Begründungspflicht und in aller Regel keine Kostenübernahme durch die Kasse. Dienogest ist für diese Indikation dagegen zugelassen.
Was davon für dich in Frage kommt, welche Gegenanzeigen bei dir gelten und wie hoch dosiert wird, klärt die Ärztin oder der Arzt, die dich behandeln. Dosierungen stehen deshalb bewusst nicht in diesem Text.
Deshalb ein klarer Satz dazu: Aus diesem Artikel folgt an keiner Stelle, dass du eines dieser Mittel absetzen, niedriger dosieren oder pausieren solltest. Jede Anpassung einer Medikation gehört ärztlich besprochen und begleitet, auch wenn sie dir klein vorkommt. Wenn du mit dem, was du nimmst, unzufrieden bist, ist das ein guter Grund für ein Gespräch und kein Grund für einen Alleingang. Dasselbe gilt für Schilddrüsenhormone, für Metformin und für eine Hormonersatztherapie, falls du eines davon parallel bekommst.
Und noch eine Klarstellung, weil das Thema im Netz oft schief dargestellt wird: Auch bioidentische Hormone sind verschreibungspflichtige Arzneimittel. Sie sind keine sanfte Selbsthilfe, sie brauchen eine Indikation, eine ärztliche Verordnung und eine Verlaufskontrolle. Dosierungen gehören deshalb nicht in einen Artikel, sondern in eine Behandlung.
Fisch: warum ich hier unterscheide
Fisch taucht in den Belastungsdaten als größte einzelne Quelle für dioxinähnliche Verbindungen auf, mit 25 bis 43 Prozent der Gesamtaufnahme in der flämischen Untersuchung. Das ist der Grund, warum er in diesem Abschnitt vorkommt.
Dazu kommt bei großen Raubfischen ein zweiter Punkt, der mit Dioxinen nichts zu tun hat: der Quecksilbergehalt. Er betrifft vor allem langlebige Räuber am Ende der Nahrungskette, also Hai, Schwertfisch, Marlin, Hecht und große Thunfische. Von diesen rate ich ab. Kleine, kurzlebige Fische wie Sardine, Sardelle oder Hering stehen weiter unten in der Kette und sind mit Quecksilber deutlich weniger belastet. Warum ich bei Metallen so genau hinschaue, steht in Schwermetalle in Schwangerschaft und Kindheit.
Und jetzt die Gegenrede, die hierher gehört, weil meine Zurückhaltung nicht die offizielle Empfehlung ist. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung rät weiterhin zu regelmäßigem Seefisch, in der Größenordnung von etwa einer Portion pro Woche. Das Bundesinstitut für Risikobewertung empfiehlt in der Schwangerschaft den Verzicht auf große Raubfische, nicht den Verzicht auf Fisch überhaupt. Der Grund dafür wiegt schwer. Seefisch ist einer der wichtigsten Jodträger in der deutschen Ernährung, und Jod ist in der Schwangerschaft für die Entwicklung des kindlichen Gehirns wichtig. Dazu kommen die langkettigen Omega-3-Fettsäuren.
Wenn du Fisch weglässt, sollten Jod und diese Fettsäuren also anders gedeckt werden. Bitte entscheide das nicht anhand dieses Artikels, und schon gar nicht, wenn du schwanger bist oder es werden möchtest. Diese Frage gehört zu deiner Frauenärztin oder zu deiner Hebamme.
Stillen: bitte lies diesen Absatz zu Ende
Über die Muttermilch gehen fettlösliche Schadstoffe auf das Kind über. Das ist unstrittig, und für die Mutter ist Stillen tatsächlich ein Ausscheidungsweg. Genau deshalb taucht das Stillen in der Halbwertszeit-Formel überhaupt auf.
Und trotzdem raten die Nationale Stillkommission am Bundesinstitut für Risikobewertung und die gynäkologischen und pädiatrischen Fachgesellschaften weiterhin zum Stillen, ausdrücklich auch angesichts dieser Schadstoffbelastung. Bitte behalte diesen Satz, wenn du den Rest wieder vergisst.
Eine Übersichtsarbeit aus dem Vorläuferinstitut des heutigen Bundesinstituts für Risikobewertung in Berlin ordnet das so ein: Die Beschränkungen von Herstellung, Verwendung und Freisetzung waren erfolgreich, sichtbar an einem Abwärtstrend in Muttermilch und Blutfetten. Die Übertragung vor der Geburt wird für die körperliche Entwicklung und die kognitive Funktion des Kindes als bedeutsamer eingeschätzt als die Belastung nach der Geburt über die Muttermilch. Und die Stillzeit macht nur etwa 0,6 Prozent der erwarteten Lebensspanne aus. Przyrembel H, Heinrich-Hirsch B, Vieth B. Adv Exp Med Biol. 2000;478:307-325. PMID: 11065082 · DOI: 10.1007/0-306-46830-1_27 [Übersicht]
Der Ehrlichkeit halber gehört der Satz dazu, den dieselbe Arbeit im selben Atemzug schreibt: Die Aufnahme über die Muttermilch liegt in Industrieländern zehn- bis hundertfach über der tolerierbaren Tagesdosis, die die WHO 1998 abgeleitet hatte. Die Arbeit stammt aus dem Jahr 2000, seither ist die Belastung deutlich gesunken. Die Abwägung fällt trotzdem zugunsten des Stillens aus, weil die Übertragung vor der Geburt als bedeutsamer eingeschätzt wird und weil die Stillzeit nur diesen sehr kleinen Teil der Lebensspanne ausmacht. Die Autorinnen und Autoren schließen ausdrücklich damit, dass sorgfältige Langzeitkohorten die endgültige Antwort erst noch liefern müssen.
Diese Abwägung gehört nicht in einen Artikel und schon gar nicht in eine Nacht mit dem Handy in der Hand. Sie gehört in ein Gespräch mit deiner Hebamme, deiner Kinderärztin oder deiner Frauenärztin.
Warum ich Dioxin-Bluttests in der Regel nicht veranlasse
Technisch sind sie möglich. Sinnvoll sind sie im Alltag selten. Die Analyse braucht hochauflösende Massenspektrometrie und viel Probenmaterial, sie ist aufwendig und außerhalb spezialisierter Labore kaum verfügbar.
Der wichtigere Grund ist ein anderer. Ein Messwert ist dann nützlich, wenn er eine Entscheidung verändert. Hier verändert er keine. Es gibt keine Behandlung, deren Einsatz von diesem Wert abhängt, und keine Studie, die zeigt, dass eine Senkung des Wertes den Verlauf einer Endometriose beeinflusst. Was übrig bleibt, ist eine Zahl, die beunruhigt und nichts eröffnet.
Bei anderen Stoffgruppen sieht das anders aus, und die Unterscheidung ist wichtig. Was bei Schwermetallen sinnvoll messbar ist und was nicht, steht in Schwermetalle im Blut oder Urin messen.
Ich sehe in der Sprechstunde regelmäßig, was ein Artikel wie dieser anrichten kann, wenn er falsch landet. Aus einer Information wird eine Liste. Aus der Liste wird ein Verbot. Aus dem Verbot wird Angst vor dem Essen. Und irgendwann ist der Alltag ein Minenfeld, in dem jede Mahlzeit eine Prüfung ist.
Das ist kein Gewinn an Gesundheit. Es ist ein Verlust an Leben, und es kann in eine Essstörung führen. Wenn du merkst, dass Gedanken über Reinheit, Herkunft und Belastung anfangen, deinen Tag zu bestimmen, hol dir bitte Unterstützung. Das Beratungstelefon der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zu Essstörungen erreichst du unter 0221 892031. Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr und kostenfrei erreichbar unter 0800 111 0 111 und unter 0800 111 0 222. Wenn es akut ist und du an Selbstverletzung oder Suizid denkst, wähle bitte den Notruf 112. Wir haben zu diesem Thema außerdem einen eigenen Text: Essstörungen verstehen: Körper und Psyche.
Und noch etwas: Kein Satz in diesem Artikel bedeutet, dass du an deiner Erkrankung schuld bist. Endometriose entsteht nicht durch falsches Essen. Die Frage nach der Umwelt ist eine Frage nach Umständen, in denen du gelebt hast, nicht nach Entscheidungen, die du falsch getroffen hast.
Was in den Leitlinien steht, und warum so wenig
Ich werde in der Sprechstunde gelegentlich gefragt, warum davon in der Frauenarztpraxis selten die Rede ist. Die Antwort ist unspektakulärer, als viele erwarten, und sie ist kein Vorwurf an irgendjemanden.
Die aktuelle deutschsprachige S2k-Leitlinie zur Endometriose hält zu Lebensstilfaktoren fest, dass weiterhin keine eindeutigen oder belastbaren Erkenntnisse vorliegen, und das gilt dort gleichermaßen für Körpergewicht, Rauchen, Koffein, Alkohol, Ernährung und körperliche Aktivität. Danach folgt der Satz, dass es vereinzelt Hinweise auf risikobehaftete Umwelteinflüsse gibt, und dass Chemikalien wie polychlorierte Biphenyle, Bisphenol A und Phthalate mit Genveränderungen und entzündlichen Prozessen in Verbindung gebracht wurden. Das Wort Dioxin habe ich im Abschnitt zu den Risikofaktoren der Langfassung nicht gefunden. [Leitlinie] S2k-Leitlinie Endometriose, AWMF-Registernummer 015/045, Langfassung mit Stand April 2025. Die englischsprachige Journalfassung derselben Leitlinie ist unter PMID: 41684533 zugänglich.
Die europäische ESHRE-Leitlinie gibt zu Umweltfaktoren gar keine Empfehlung. Ihre einzige Aussage zur Vorbeugung lautet sinngemäß, dass Frauen zu einem gesunden Lebensstil geraten werden kann, obwohl es keinen direkten Beleg für einen vorbeugenden Nutzen gibt. Der Empfehlungsgrad dafür ist schwach. [Leitlinie] ESHRE-Leitlinie Endometriose 2022. PMID: 35350465
Es fehlt nicht das Interesse. Es fehlt die Interventionsstudie.
Leitlinien empfehlen Handlungen, die geprüft wurden. Für die Frage, ob eine geringere Belastung mit Dioxinen oder PCB den Verlauf oder das Auftreten einer Endometriose verändert, gibt es keine einzige Interventionsstudie. Bei Stoffen mit einer Verweildauer von Jahren ist eine solche Studie kaum durchführbar. Man müsste Menschen über Jahrzehnte begleiten und ihre Belastung gezielt verändern.
Deshalb steht in den Leitlinien wenig. Nicht weil jemand etwas übersieht, sondern weil dieselben Maßstäbe konsequent angelegt werden, die auch für Alkohol, Kaffee und Sport gelten. Diese Zurückhaltung ist nachvollziehbar, und ich teile ihren Maßstab.
Was ich zusätzlich mache, ist etwas anderes und ersetzt nichts davon. Ich frage nach Wohnsituation, Beruf, Schimmel, Belastungsgeschichte und Entzündungslage. Das ist meine klinische Beobachtung und kein Studienergebnis: Manchmal kommt dabei etwas heraus, das sich angehen lässt, oft auch nicht. Ob sich dadurch der Verlauf einer Endometriose ändert, ist nicht untersucht. Die gynäkologische Abklärung bleibt die Grundlage. Die Umweltperspektive kommt obendrauf, nicht an ihre Stelle. Und die Fachgesellschaft für Endokrinologie mahnt in ihrem großen Statement zu endokrinen Disruptoren selbst zur Vorsicht, wenn es darum geht, aus Tierdaten Ursachen für Menschen abzuleiten.
Diese Forschungslinie hat mir nicht beigebracht, dass Dioxine Endometriose machen. Sie hat mir etwas anderes beigebracht, das im Alltag mehr trägt.
Ein Stoff kann über einen zweiten Rezeptorweg in Hormon- und Entzündungsbiologie eingreifen, ohne einem Hormon zu ähneln. Wenn das für Dioxine gilt, gilt es vermutlich auch für andere Stoffe, über die wir weniger wissen. Deshalb frage ich nach der Umgebung, in der ein Mensch lebt. Nicht weil ich dort die Ursache vermute, sondern weil dort eine Ebene liegt, die sonst niemand anschaut.
Und der Pflichtsatz, den ich schon einmal geschrieben habe und der es wert ist, zweimal zu stehen: Daraus folgt nicht, dass jede hormonelle Störung eine Umweltursache hat. Für viele Beschwerdebilder liegt die Antwort woanders, etwa bei Stress und der Nebennierenachse, wie in Cortisol, Stress und weibliche Hormone beschrieben.
Und jetzt weißt du, warum ich beim Thema Umwelt und Hormone weder beruhige noch alarmiere. Beides wäre einfacher. Beides wäre falsch.
Häufige Fragen
Was sind Dioxine eigentlich, und wo entstehen sie?
Dioxine sind keine Ware, die jemand herstellen wollte. Sie entstehen als Nebenprodukt, überall dort, wo organisches Material zusammen mit Chlor erhitzt wird: bei Verbrennungsprozessen, in der Metallverarbeitung, früher auch in der Chlorchemie. Fachlich meint der Begriff zwei Stoffgruppen, die polychlorierten Dibenzo-p-dioxine und die polychlorierten Dibenzofurane. Sie sind fettlöslich und sehr stabil, deshalb reichern sie sich in der Nahrungskette an. In den Körper gelangen sie heute vor allem über Lebensmittel tierischer Herkunft.
Was ist der Unterschied zwischen Dioxinen, Furanen und PCB?
Dioxine und Furane sind Nebenprodukte. Polychlorierte Biphenyle dagegen wurden bewusst hergestellt, jahrzehntelang, als Isolieröl in Transformatoren, als Weichmacher, in Dichtungsmassen und Farben. In Deutschland ist ihre Herstellung seit den 1980er Jahren untersagt. Chemisch sind die drei Gruppen verwandt, und ein Teil der PCB, die sogenannten dioxinähnlichen PCB, verhält sich im Körper wie Dioxin. Genau diese Untergruppe steht in den Endometriose-Studien im Vordergrund.
Welche Lebensmittel enthalten am meisten Dioxine und PCB?
In einer flämischen Untersuchung verteilte sich die tägliche Aufnahme dioxinähnlicher Verbindungen so: Fisch und Meeresfrüchte trugen 25 bis 43 Prozent bei, zugesetzte Fette 22 bis 25 Prozent, Milchprodukte 17 bis 20 Prozent (PMID: 17720214). Das Muster ist stabil, auch wenn die absoluten Mengen seither gesunken sind. Der gemeinsame Nenner ist Fett tierischer Herkunft. Pflanzliche Lebensmittel spielen dabei kaum eine Rolle.
Wie lange bleiben Dioxine im Körper?
Lange, und nicht bei jedem Menschen gleich lang. Eine Auswertung von mehr als 30 Studien zeigte, dass sich die scheinbare Halbwertszeit nicht als eine einzige feste Zahl angeben lässt. Sie hängt vom Lebensalter ab, vom Körperfettanteil, vom Rauchen und vom Stillen (PMID: 19337517). Die ehrliche Größenordnung lautet: Jahre bis Jahrzehnte, je nach Kongener. Wer im Netz eine einzelne Jahreszahl liest, liest eine Vereinfachung.
Wurde in der Affen-Studie wirklich nur Dioxin gegeben?
Nein, und das ist der wichtigste Nachsatz zu dieser Geschichte. 2001 wurde im Serum derselben Tiere, 13 Jahre nach Ende der Fütterung, nicht nur TCDD gemessen, sondern auch 1,2,3,6,7,8-Hexachlordibenzofuran sowie PCB 77 und PCB 126. Die Schwere der Erkrankung korrelierte mit der Serumkonzentration von PCB 77 (PMID: 11134554). Das Futter war offenbar zusätzlich mit PCB belastet. Die Beobachtung bleibt ein Signal, ein sauberes Experiment mit nur einem Stoff war sie nicht.
Was ist TCDD, und warum gilt es als das giftigste Dioxin?
TCDD steht für 2,3,7,8-Tetrachlordibenzo-p-dioxin. Es ist das am besten untersuchte Dioxin und dient als Bezugspunkt für das Toxizitätsäquivalent, kurz TEQ. Alle anderen Kongenere bekommen einen Faktor, der ihre Stärke im Verhältnis zu TCDD ausdrückt. TCDD selbst hat den Faktor 1. Wenn du in einem Bericht eine Zahl in Pikogramm TEQ liest, ist sie in dieser Währung angegeben.
Was ist der Aryl-Hydrocarbon-Rezeptor, und warum ist er kein Östrogenrezeptor?
Der Aryl-Hydrocarbon-Rezeptor ist ein Sensor für Fremdstoffe. Er sitzt in der Zelle, bindet bestimmte Moleküle und schaltet danach Gene an, unter anderem für Enzyme des Fremdstoffabbaus. Er ist ein eigener Schalter und kein Ableger des Östrogensystems. In humanen Endometriumzellen aktivierten dioxinähnliche Verbindungen den Aryl-Hydrocarbon-Rezeptor, ohne die östrogenen Abläufe in diesen Zellen zu stören (PMID: 20876610). Deshalb ist der Begriff Xenoöstrogen für Dioxine ungenau.
Was hat der Chemieunfall von Seveso 1976 für die Endometriose-Forschung gebracht?
Bei Seveso in Norditalien setzte 1976 eine Explosion in einer Chemiefabrik große Mengen TCDD frei. Daraus entstand die Seveso Women's Health Study, die Kohorte mit der höchsten dokumentierten TCDD-Belastung einer Bevölkerung. Bei 601 Frauen fanden sich 19 Fälle von Endometriose. Für Serumwerte über 100 ppt lag das relative Risikoverhältnis bei 2,1, das 90-Prozent-Konfidenzintervall reichte von 0,5 bis 8,0, ein Dosis-Trend zeigte sich nicht (PMID: 12117638). Ein verdoppeltes, statistisch nicht gesichertes Risiko. Mehr geben diese Daten nicht her.
Warum kommen Studien zu Dioxinen und Endometriose zu unterschiedlichen Ergebnissen?
Weil sie unterschiedliche Dinge messen. Manche Arbeiten betrachten einzelne PCB-Kongenere, andere Summenwerte, wieder andere das Gesamt-TEQ. Manche Kontrollgruppen wurden operativ überprüft, andere nicht. Und weil das Serum meist erst nach der Diagnose abgenommen wird, können Gewichtsveränderungen, Stillzeiten und die Erkrankung selbst die Messwerte beeinflussen. In Rom fanden sich deutlich erhöhte Odds Ratios (PMID: 19654915), im US-Bundesstaat Washington mit 251 operativ gesicherten Fällen kein konsistentes Muster (PMID: 20423815). Beide Arbeiten sind sorgfältig gemacht.
Ist die Dioxin-Belastung in Deutschland heute noch ein Problem?
Sie ist deutlich kleiner geworden. In schwedischer Muttermilch sanken die Summe der PCDD, die Summe der dioxinähnlichen PCB und das Gesamt-TEQ zwischen 1972 und 2011 um 5,8 bis 6,8 Prozent pro Jahr, im letzten Jahrzehnt sogar um 9,2 bis 11 Prozent pro Jahr (PMID: 24080458). In Frankreich sank die Aufnahme über die Nahrung um den Faktor 3,2 (PMID: 22487562). Das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit gibt für Molkereisammelmilch seit 1989 einen Rückgang um rund 94 Prozent an. Verschwunden ist die Belastung nicht, und seit etwa zehn Jahren stagniert sie auf diesem niedrigen Niveau.
Was sagen die Grenzwerte, und wer legt sie fest?
In Europa bewertet die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit. 2018 senkte sie die tolerierbare wöchentliche Aufnahmemenge auf 2 Pikogramm TEQ pro Kilogramm Körpergewicht und Woche, rund sieben Mal niedriger als der zuvor gültige Wert (DOI: 10.2903/j.efsa.2018.5333). Bemerkenswert ist die Begründung: Leitendpunkt der Berechnung war die Spermienkonzentration, nicht die Endometriose. Die Behörde nimmt diese Stoffe also sehr ernst, sie tut es nur an einer anderen Stelle des Körpers.
Kann ich meine Dioxin-Belastung messen lassen?
Technisch ja, im Alltag ist es selten sinnvoll. Die Analyse braucht hochauflösende Massenspektrometrie und viel Probenmaterial, sie ist aufwendig und außerhalb von Forschungslaboren kaum verfügbar. Vor allem aber ändert das Ergebnis wenig an dem, was danach zu tun wäre. Es gibt keine Behandlung, deren Einsatz von diesem Wert abhängt, und keine Studie, die zeigt, dass eine Senkung des Wertes den Verlauf einer Endometriose verändert. Was sinnvoll messbar ist, gehört ins ärztliche Gespräch.
Gebe ich Dioxine beim Stillen an mein Kind weiter, und soll ich deshalb weniger stillen?
Über die Muttermilch gehen fettlösliche Schadstoffe auf das Kind über, das ist unstrittig. Die Nationale Stillkommission am Bundesinstitut für Risikobewertung und die Fachgesellschaften raten weiterhin zum Stillen, auch angesichts dieser Schadstoffbelastung. Eine Übersichtsarbeit aus dem Vorläuferinstitut des Bundesinstituts für Risikobewertung hält fest, dass die Belastung über die Jahrzehnte gesunken ist, dass die vorgeburtliche Übertragung für die Entwicklung des Kindes als bedeutsamer eingeschätzt wird als die Zeit an der Brust, und dass die Stillzeit nur etwa 0,6 Prozent der erwarteten Lebensspanne ausmacht. Dieselbe Arbeit beziffert die Aufnahme über Muttermilch in Industrieländern allerdings als zehn- bis hundertfach über der 1998 abgeleiteten tolerierbaren Tagesdosis (PMID: 11065082). Bitte triff diese Entscheidung nicht anhand eines Artikels, sondern im Gespräch mit deiner Hebamme oder deiner Ärztin.
Was steht in der Endometriose-Leitlinie zu Umweltgiften?
Wenig, und das mit Begründung. Die aktuelle deutschsprachige S2k-Leitlinie nennt polychlorierte Biphenyle, Bisphenol A und Phthalate als vereinzelt vorliegende Hinweise auf risikobehaftete Umwelteinflüsse, das Wort Dioxin habe ich in der Langfassung mit Stand April 2025 nicht gefunden (englischsprachige Journalfassung: PMID: 41684533). Die europäische ESHRE-Leitlinie gibt zu Umweltfaktoren gar keine Empfehlung (PMID: 35350465). Der Grund ist nicht Desinteresse. Leitlinien empfehlen Handlungen, die geprüft wurden, und eine Interventionsstudie zu einer geringeren Belastung existiert nicht.
Ich habe einen Kinderwunsch. Soll ich erst meine Belastung senken?
Nein, bitte nicht in dieser Reihenfolge. Wenn du seit längerem ungewollt nicht schwanger wirst, gehört das zeitnah frauenärztlich und je nach Situation reproduktionsmedizinisch abgeklärt. Zeit ist bei dieser Frage ein realer Faktor, und dieser Artikel ist kein Grund, eine Abklärung nach hinten zu schieben. Ob sich an deiner Fruchtbarkeit etwas ändert, wenn du deinen Alltag umstellst, kann ich dir nicht sagen, und ich möchte es dir auch nicht in Aussicht stellen, denn eine Interventionsstudie dazu gibt es nicht. Beides nebeneinander laufen zu lassen ist der ehrlichere Weg.
Sollte ich wegen dieses Artikels meine Hormonbehandlung ändern?
Nein. Aus diesem Artikel folgt an keiner Stelle, dass du die Pille, ein Gestagenpräparat, ein GnRH-Analogon, Schilddrüsenhormone, Metformin oder eine Hormonersatztherapie absetzen, niedriger dosieren oder pausieren solltest. Jede Anpassung einer Medikation gehört ärztlich besprochen und begleitet, auch wenn sie dir klein vorkommt. Auch bioidentische Hormone sind verschreibungspflichtige Arzneimittel und keine sanfte Selbsthilfe. Alle diese Mittel haben eine eigene Risikoseite, etwa ein erhöhtes Thromboserisiko unter kombinierten hormonellen Verhütungsmitteln oder eine Abnahme der Knochendichte unter GnRH-Analoga. Wenn du mit deiner Behandlung unzufrieden bist, ist das ein guter Grund für ein Gespräch und kein Grund für einen Alleingang.
Wenn ich alles richtig mache, verschwindet dann die Endometriose?
Nein, und diese Frage möchte ich nicht mit einer Hoffnung beantworten, die die Daten nicht tragen. Endometriose ist eine ärztliche Diagnose mit einer etablierten Behandlung, und die gynäkologische Begleitung bleibt die Grundlage. Was du an deiner Umgebung veränderst, ersetzt keine Abklärung und keine indizierte Operation. Es kann eine zweite Ebene sein, auf der du etwas tun kannst, nicht mehr und nicht weniger. Und aus allem, was hier steht, folgt nicht, dass jede hormonelle Störung eine Umweltursache hat.
Wo dieses Thema an den Rest deines Körpers andockt
Dioxine und PCB sind ein Ausschnitt. Sie stehen neben anderen Stoffgruppen, neben der Entzündungslage, neben dem Stoffwechsel und neben der Frage, was sich sinnvoll messen lässt. Hier findest du die Anschlussstellen.
Endometriose: ein integrativer Blick
Dieser Artikel hier erklärt die Erkrankung bewusst nicht. Dort findest du Entstehung, Diagnostik und die verschiedenen Ebenen im Zusammenhang.
Wenn du wissen willst, was im Alltag noch mitspieltXenoöstrogene im Alltag
Die klassischen Hormonstörer arbeiten über den Östrogenrezeptor, Dioxine nicht. Dort steht die andere Hälfte der Geschichte, von Kunststoff bis Hausstaub.
Wenn dich der Vergleich interessiertZearalenon als Mykoöstrogen
Ein Schimmelpilzgift, das anders als Dioxin direkt am Östrogenrezeptor andockt. Der beste Kontrast, um den Unterschied der beiden Wege zu begreifen.
Wenn Schimmel im Raum stehtMykotoxine: die Grundlagen
Die zweite große Gruppe persistenter Stoffe, nach der ich bei hormonellen Beschwerden frage. Was sie sind, wo sie herkommen, was belegt ist.
Wenn du eine Belastung messen lassen willstSchwermetalle im Blut oder Urin messen
Warum manche Belastungen sinnvoll messbar sind und andere nicht, und welche Frage vor jeder Laboranforderung stehen sollte.
Wenn du schwanger bist oder es werden möchtestSchwermetalle in Schwangerschaft und Kindheit
Dort steht ausführlich, warum ich beim Thema Fisch zurückhaltend bin, und was in dieser Lebensphase besonders zählt.
Wenn dich die Abbauwege interessierenÖstrogenabbau über die Leber
CYP1A1 taucht in diesem Artikel als Zielgen des Aryl-Hydrocarbon-Rezeptors auf. Dort steht, welche Rolle dieselben Enzyme im Östrogenstoffwechsel spielen.
Wenn du deine Werte bestimmen lassen willstHormone testen bei Frauen
Welcher Test, welcher Zeitpunkt, welche Aussagekraft. Die Grundlage für alles, was danach besprochen wird.
Wenn dein Muster nach Östrogenüberhang aussiehtÖstrogendominanz verstehen
Das Symptommuster, unter dem viele Frauen diesen Artikel finden. Dort geht es um Verhältnisse statt um einzelne Werte.
Wenn der Gegenspieler fehltProgesteronmangel erkennen
Progesteron ist die andere Hälfte des Verhältnisses. Bei Endometriose ist die Antwort des Gewebes auf Progesteron oft verändert.
Wenn Entzündung und Stoffwechsel zusammenhängenInsulinresistenz und weibliche Hormone
Die Entzündungsachse, über die in diesem Artikel viel steht, hängt eng am Stoffwechsel. Dort wird dieser Zusammenhang ausgeführt.
Wenn eine andere Diagnose im Raum stehtPCOS verstehen
Die zweite große gynäkologische Diagnose, bei der Umwelt, Entzündung und Stoffwechsel gemeinsam diskutiert werden.
Wenn du das Gesamtbild willstWarum ich nach Umweltfaktoren suche
Warum ich bei hormonellen Beschwerden nach Umweltfaktoren suche, nach welchem Raster, und wann sich diese Suche nicht lohnt.
Wenn Metalle im Raum stehenSchwermetalle und weibliche Hormone
Cadmium als Metalloöstrogen, Blei und der Knochenspeicher, und was Blut, Urin und Haaranalyse jeweils zeigen.
Wenn die Diagnose auf sich warten lässtEndometriose: warum die Diagnose spät kommt
Warum zwischen den ersten Beschwerden und der Diagnose oft Jahre liegen, und was Ultraschall und MRT heute können.
Wenn du Trinkwasser und Pfanne einordnen willstPFAS: die Ewigkeitschemikalien
Warum die Ewigkeitschemikalien jahrelang im Körper bleiben und wo individuelle Vermeidung an ihre Grenze kommt.
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- Die Ursprungsstudie hatte sieben Tiere pro Gruppe. Jede Prozentzahl daraus ist fragil. Ein einzelnes Tier hätte das Ergebnis um 14 Prozentpunkte verschoben.
- Die Belastung dieser Tiere war nicht rein. PCB 77 und PCB 126 waren im Serum nachweisbar. Welcher Stoff genau für den Befund verantwortlich war, ist bis heute nicht entschieden.
- Seveso hatte 19 Fälle. Ein 90-Prozent-Konfidenzintervall von 0,5 bis 8,0 ist mit fast jedem Ergebnis vereinbar. Das ist kein Beleg, weder dafür noch dagegen.
- Die beiden großen Fall-Kontroll-Studien widersprechen sich. Rom positiv, Washington negativ. Beide sind ordentlich gemacht. Sie haben unterschiedliche Kongenere bei unterschiedlichen Belastungsniveaus und mit unterschiedlichen Kontrollgruppen untersucht.
- Die Meta-Analysen zeigen moderate Heterogenität. Bei der Arbeit von 2023 lag I hoch 2 bei 63 Prozent. Im strengsten Design schrumpfte der Effekt auf eine Odds Ratio von 1,51.
- Rückwärts gemessene Belastung ist der wichtigste methodische Vorbehalt. In Fall-Kontroll-Studien wird das Serum nach der Diagnose abgenommen. Gewichtsveränderungen, Stillzeiten und die Erkrankung selbst können die Werte beeinflussen.
- Es gibt keine Interventionsstudie. Niemand hat je gezeigt, dass eine Senkung der Dioxin- oder PCB-Belastung den Verlauf oder das Auftreten einer Endometriose verändert. Das ist der Grund, warum keine Leitlinie eine Empfehlung geben kann.
- Genetische Entgiftungsvarianten erklären nichts. Die naheliegende Idee, manche Frauen entgifteten schlechter und erkrankten deshalb, wurde systematisch untersucht und nicht bestätigt.
- Aromatase, HSD17B7, COX-2, MMP-2 und MMP-9 stammen aus Zellkultur und Tiermodell. Kein einziger dieser Marker wurde beim Menschen als Reaktion auf eine veränderte Belastung gemessen.
- Die Herkunftszahlen für Fisch, Fette und Milchprodukte stammen aus Flandern 2007 und wurden mit einem Bioassay erhoben. Sie zeigen die Verteilung der Quellen, nicht das heutige Belastungsniveau.
- Bezugsgrößen dürfen nicht vermischt werden. Die WHO-Faktoren von 1998 und von 2005 sind nicht dasselbe, ein CALUX-Bioassay-Wert ist mit beiden nicht direkt vergleichbar, und Pikogramm pro Kilogramm und Tag ist etwas anderes als Pikogramm pro Kilogramm und Woche. Dazu kommt der Maßstab selbst: Die irische, die französische und die flämische Bewertung wurden gegen den alten Richtwert von 14 Pikogramm pro Woche gerechnet, seit 2018 gilt in Europa ein Wert von 2 Pikogramm.
- Was hier bewusst nicht steht. Keine Dosierungsempfehlung, kein Ausleitungsprotokoll, keine Produkt- oder Testempfehlung und kein Rat, eine bestehende Behandlung zu verändern, zu reduzieren oder zu beenden. Jede Anpassung einer Medikation gehört ärztlich begleitet. Aus diesem Artikel folgt an keiner Stelle, dass eine gynäkologische Abklärung oder eine indizierte Operation aufgeschoben werden sollte. Was ich aus meiner Sprechstunde beschreibe, ist als Beobachtung gekennzeichnet und kein Studienergebnis.