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Warum ich bei Hormonstörungen nach Umweltfaktoren suche

Die gynäkologische Abklärung ist gelaufen, die Werte sind bekannt, und die Frage ist trotzdem offen geblieben. Dann schaue ich auf ein Signalsystem mit vier Schwachstellen und darauf, was von außen an ihnen rütteln kann.

SJ
Shukri Jarmoukli · Arzt · Tätigkeitsschwerpunkt Integrative Medizin · ViveCura Berlin
Vier-Ebenen-Raster Hormonstörer, Schimmel, Metalle, Entzündung Wann die Suche nichts bringt 29 Quellen mit DOI oder PMID
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Warum ich das schreibe

Ich schicke diesen Text Patientinnen nach der Sprechstunde, weil eine Frage offen bleibt, die im Termin nie ganz hineinpasst. Warum schaue ich bei einem Zyklusproblem auf die Wohnung, den Beruf und die Entzündungslast? Die kurze Antwort steht in diesem Artikel. Die lange Antwort ist, dass ein Hormonwert nur eine von vier Stellen prüft, an denen ein Signal auseinanderlaufen kann.

Du sitzt mit einem Laborzettel da, auf dem alles im Rahmen liegt. Estradiol passend zum Zyklustag. TSH unauffällig. Prolaktin normal. Der Ultraschall war ohne Befund oder mit einem Befund, der schon einen Namen hat.

Und trotzdem stimmt etwas nicht. Der Zyklus ist unruhig geworden. Die Haut reagiert anders als früher. Die zweite Zyklushälfte fühlt sich an wie eine andere Person. Die Erschöpfung sitzt nicht in den Beinen, sondern hinter der Stirn.

Viele Frauen kennen dieses Muster. Die Abklärung war korrekt und vollständig. Sie hat ausgeschlossen, was ausgeschlossen werden musste. Nur beantwortet sie eine andere Frage als die, mit der du gekommen bist. Sie beantwortet: Liegt hier eine Krankheit vor, für die es eine Behandlung gibt. Deine Frage lautet: Warum ist mein System aus dem Takt.

Das sind zwei verschiedene Fragen. Beide sind berechtigt. Für die erste gibt es Leitlinien, für die zweite gibt es ein Raster, ein paar gute Studien und viele offene Stellen. Genau darüber schreibe ich hier.

Was du in diesem Artikel findest

  • Warum ein normaler Blutwert nur eine von vier Ebenen prüft
  • Das Vier-Ebenen-Raster: Bildung, Transport, Rezeptor, Abbau
  • Suchrichtung eins: Hormonstörer aus der Umwelt
  • Suchrichtung zwei: Schimmelpilzgifte und Zearalenon
  • Suchrichtung drei: Cadmium und Blei
  • Suchrichtung vier: die stille Entzündung
  • Wann diese Suche lohnt und wann ausdrücklich nicht
  • Was Tests können und was sie nicht können
Leitlinie Fachgesellschaft oder Behörde Mensch Beobachtung oder Kohorte Tiermodell Ratte, Schaf, Primat Zellkultur im Labor, nicht im Körper Methode Laborvergleich oder Übersichtsarbeit, keine Leitlinie

Diese Etiketten stehen ab hier an jeder Studie. Sie sind in diesem Feld der wichtigste Unterschied überhaupt. Wer sie weglässt, kann aus einer Rattenstudie eine Aussage über deinen Zyklus machen. Das passiert im Netz ständig, und es ist der Grund, warum das Thema einen schlechten Ruf hat.

Wenn die Abklärung stimmt und die Frage bleibt

Stell dir zwei Sprechstunden vor. In der einen geht es darum, eine Diagnose zu sichern oder auszuschließen. Das ist präzise Arbeit mit klaren Regeln. In der anderen geht es darum, einen Verlauf zu verstehen. Das ist unschärfer, langsamer und braucht mehr Zeit, als eine Kassensprechstunde meist hat.

Die gynäkologische Abklärung leistet das Erste, und sie leistet es gut. Sie klärt, ob hinter deinen Beschwerden ein PCOS steht, eine Endometriose, eine Schilddrüsenerkrankung, ein Prolaktinom, eine beginnende Perimenopause. Diese Unterscheidungen sind nicht nebensächlich. Sie entscheiden über Behandlungen, die wirklich etwas verändern können.

Deshalb ist die Reihenfolge in diesem Artikel nicht verhandelbar: Die gynäkologische Abklärung bleibt die Grundlage. Die Umweltperspektive kommt obendrauf und niemals an ihre Stelle.

Erst lesen, bevor du weiterliest

Es gibt Beschwerden, bei denen keine Ursachensuche im Hintergrund läuft, sondern ein zeitnaher Termin ansteht. Dazu gehören:

  • Blutungen nach der Menopause, also nach einem Jahr ohne Regelblutung
  • sehr starke oder plötzlich deutlich veränderte Blutungen
  • Unterbauchschmerzen mit Fieber
  • akuter, einseitiger, starker Unterbauchschmerz
  • ungewollter Gewichtsverlust
  • Sehstörungen oder neue starke Kopfschmerzen, besonders zusammen mit Milchfluss aus der Brust
  • rasch fortschreitende Vermännlichung, also schnell zunehmende Körperbehaarung, tiefere Stimme, ausgeprägter Haarausfall am Kopf
  • die Regelblutung bleibt drei Monate oder länger aus, ohne dass eine Schwangerschaft vorliegt

Das sind keine Umweltfragen. Das sind Gründe, ärztlich vorstellig zu werden, und zwar bald. Bei akutem, starkem Unterbauchschmerz, bei sehr starker Blutung mit Kreislaufschwäche oder bei hohem Fieber gilt das sofort: Notruf 112 statt Termin in einigen Tagen.

Den letzten Punkt möchte ich betonen. Eine Blutung, die über Monate ausbleibt, kann auf eine funktionelle hypothalamische Amenorrhoe hindeuten und ebenso auf eine vorzeitige Erschöpfung der Eierstockfunktion, die prämature Ovarialinsuffizienz. Beides kann nicht nur für den Zyklus eine Rolle spielen, sondern auch für die Knochendichte. Die Endocrine Society nennt Knochenverlust ausdrücklich als mögliche Komplikation der funktionellen hypothalamischen Amenorrhoe. Das gehört ärztlich abgeklärt, bevor irgendjemand über Weichmacher nachdenkt.

Bleiben wir bei der zweiten Sprechstunde. Da sitzt oft jemand, bei dem eine Diagnose steht, die die Beschwerden nur zur Hälfte erklärt. PCOS erklärt den unregelmäßigen Zyklus, nicht die Kopfschmerzen. Endometriose erklärt die Schmerzen, nicht die Erschöpfung seit dem Umzug.

An dieser Stelle taucht regelmäßig ein Satz auf, den ich nicht mag: Man hat nichts gefunden. Er stimmt nicht. Man hat sehr sorgfältig nach bestimmten Dingen gesucht und sie nicht gefunden. Das ist etwas anderes.

Perspektivwechsel

Ein unauffälliger Befund ist kein leeres Blatt. Er ist eine beantwortete Frage.

Die Frage lautete: Steckt hinter deinen Beschwerden eine der bekannten Erkrankungen, für die es eine geprüfte Behandlung gibt. Die Antwort war nein. Das ist eine gute Nachricht und eine wertvolle Information. Sie beendet nur die Suche nicht, sie verschiebt sie.

Der zweite Satz, der oft fällt: Vielleicht ist das ja psychisch. Auch der ist mir zu schnell. Nicht, weil die Psyche keine Rolle spielt. Sondern weil er meist am Ende einer abgearbeiteten Liste steht.

Ich will an dieser Stelle klar sein, warum die Regelversorgung an dieser Grenze anhält. Es ist kein Desinteresse. Eine Leitlinie darf nur empfehlen, wofür es Studien gibt, die eine geprüfte Konsequenz zeigen. Also: Wenn wir das messen und danach handeln, geht es den Menschen messbar besser. Für die Umweltdiagnostik bei hormonellen Beschwerden fehlt genau diese Art von Studie. Nicht die Mechanismen fehlen. Die Interventionsstudien fehlen.

Das ist kein Versäumnis. Das ist die Methode, nach der Leitlinien gebaut werden, und sie hat einen guten Grund. Sie schützt Menschen vor Untersuchungen, deren Nutzen niemand gezeigt hat. Dazu kommen Ausbildungsschwerpunkte und Zeitbudgets: Umwelttoxikologie steht in der gynäkologischen Weiterbildung nicht im Zentrum, und eine ausführliche Expositionsanamnese braucht mehr Zeit, als in einem Regeltermin üblicherweise zur Verfügung steht.

Was ich anders mache, ist deshalb nicht besser. Es ist ein anderer Rahmen. Ich habe in meiner Privatpraxis mehr Zeit für die Vorgeschichte, ich frage regelmäßig nach Wohnung, Beruf und Expositionen, und ich arbeite mit Wahrscheinlichkeiten statt mit Ausschlüssen. Viele Kolleginnen und Kollegen würden dasselbe tun, wenn der Rahmen es hergäbe. Das hat einen Preis: Ich bewege mich häufiger im Bereich der Vermutung. Deshalb steht in diesem Text an jeder Stelle, wie sicher etwas ist.

Und jetzt weißt du, warum ich weiterfrage, wenn die Abklärung sauber war.

Hormone sind ein Signalsystem, und Signalsysteme haben vier Schwachstellen

Denk an einen Funkspruch. Damit eine Nachricht ankommt, braucht es vier Dinge. Einen Sender, der sie aussendet. Einen Übertragungsweg, auf dem sie unterwegs ist. Ein Empfangsgerät, das sie überhaupt aufnehmen kann. Und jemanden, der die alte Nachricht wieder aus dem Speicher löscht, damit die neue Platz hat.

Fällt eines dieser vier Dinge aus, kommt die Nachricht nicht richtig an. Aber der Fehler sieht jedes Mal anders aus. Und, das ist der Punkt: Wenn du nur misst, wie laut der Sender sendet, findest du drei von vier Fehlern nicht.

Das Ordnungsraster dieses Artikels

Vier Stellen, an denen ein Hormonsignal auseinanderlaufen kann

1
Bildung

Eierstock, Nebenniere und Schilddrüse stellen her, was Hypothalamus und Hypophyse bestellen. Hier greifen Enzyme, Bausteine und Steuersignale ineinander.

2
Transport

Der größte Teil der Sexualhormone reist gebunden, vor allem an SHBG und Albumin. Wie viel frei bleibt, entscheidet mit, wie viel überhaupt ankommt.

3
Rezeptor

Am Empfangsgerät entscheidet sich, was das Signal auslöst. Eine fremde Substanz kann den Platz besetzen, das Signal nachahmen oder es blockieren.

4
Abbau

Die Leber baut Hormone in zwei Schritten um, der Darm entscheidet mit, ob sie den Körper verlassen oder zurückkommen. Hier wird die alte Nachricht gelöscht.

Dieses Raster stammt nicht von mir. Es ergibt sich direkt aus der Definition endokrin wirksamer Substanzen der Endocrine Society: Stoffe, die Hormon-Biosynthese, Hormon-Stoffwechsel oder Hormon-Wirkung stören können. DOI: 10.1210/er.2009-0002

Jetzt wird die Frage konkret. Ein Estradiolwert im Blut misst Ebene eins, also das, was gerade zirkuliert. Er sagt wenig darüber, wie viel davon frei verfügbar ist, ob der Rezeptor gerade gut anspricht und ob der Abbau hinterherkommt.

Der wichtigste Satz dieses Artikels

Ein normaler Blutwert prüft eine von vier Ebenen.

Das ist kein Vorwurf an die Labordiagnostik. Das ist eine Beschreibung dessen, was ein Spiegel messen kann und was nicht. Für die häufigsten Fragen reicht die eine Ebene völlig aus. Für die Frage, warum ein System aus dem Takt geraten ist, reicht sie manchmal nicht.

Zur zweiten Ebene gibt es einen Laborwert, den du wahrscheinlich schon einmal auf einem Befund gesehen hast: SHBG. Das ist das Transportprotein für Sexualhormone. Es ist der Bus, in dem sie unterwegs sind, und es entscheidet mit, wie viele an der Haltestelle aussteigen.

Übersicht, Mechanismus, überwiegend Zellkultur Was den Transport steuert

Eine Arbeitsgruppe in Barcelona hat zusammengetragen, was die SHBG-Bildung in der Leber steuert. Lange galt der BMI als wichtigste Größe und ein hoher Insulinspiegel als Erklärung für niedriges SHBG bei Übergewicht, ohne dass je ein Mechanismus beschrieben worden wäre.

Die neueren Befunde zeigen ein anderes Bild: Der Fettgehalt der Leber ist ein starker Bestimmungsfaktor des zirkulierenden SHBG, und proinflammatorische Zytokine können die SHBG-Bildung herunterregulieren. Beschrieben werden die molekularen Wege dieser Regulation, die Arbeit bezeichnet sie ausdrücklich als vermutete Mechanismen.

Für dich heißt das: Ein niedriges SHBG ist selten ein isoliertes Hormonproblem. Es ist häufiger ein Hinweis auf Leber, Blutzucker und Entzündungslast. Damit hängt Ebene zwei an Dingen, die ein Estradiolwert gar nicht abbildet.

Simo R, Saez-Lopez C, Barbosa-Desongles A et al. Novel insights in SHBG regulation and clinical implications. Trends Endocrinol Metab. 2015;26(7):376-83. DOI: 10.1016/j.tem.2015.05.001 · PMID: 26044465 [Übersicht, Mechanismus]

Zur dritten Ebene, dem Rezeptor. Hier passiert etwas, das sich mit dem Bild vom Schlüssel und Schloss gut erklären lässt. Ein körpereigenes Hormon ist der passende Schlüssel. Eine fremde Substanz kann ein Schlüssel sein, der auch ins Schloss geht, es aber nur halb dreht. Oder einer, der im Schloss steckenbleibt.

Die Endocrine Society hat diese Wege in zwei ausführlichen Statements zusammengetragen, 2009 und 2015. Genannt werden östrogenartige und antiandrogene Effekte, Eingriffe in Schilddrüsenwege, in den Fettstoffwechselschalter PPAR-gamma, in Retinoid-Wege, in steroidbildende Enzyme und in Botenstoffsysteme. Das ist keine Außenseiterposition. Das ist die Position einer großen endokrinologischen Fachgesellschaft.

Leitlinie, Fachgesellschafts-Statement Was die Fachgesellschaft sagt und was sie ausdrücklich nicht sagt

Für das zweite Statement, EDC-2, sichtete eine Autorengruppe der Endocrine Society die Literatur von fünf Jahren zu sieben Feldern, darunter die weibliche Reproduktion, die Schilddrüse und der Zuckerstoffwechsel. Eingeschlossen wurde nur, was ausreichende Kontrollen und Fallzahlen hatte und bei Tierstudien in einem für Menschen relevanten Expositionsbereich lag.

Das Ergebnis: Kausale Verbindungen zwischen Exposition und Krankheitsbild sind durch Tiermodelle gestützt und mit den vorhandenen epidemiologischen Daten am Menschen vereinbar. Im selben Atemzug mahnen die Autoren zur Vorsicht beim Rückschluss auf Kausalität beim Menschen, weil die Studiendesigns zu unterschiedlich sind, um breite Schlüsse zu tragen.

Genau dieser doppelte Satz ist die Haltung dieses Artikels. Er legitimiert, in diese Richtung zu schauen. Und er erlaubt ausdrücklich nicht, im Einzelfall eine Ursache zu behaupten.

Gore AC, Chappell VA, Fenton SE et al. EDC-2: The Endocrine Society's Second Scientific Statement on Endocrine-Disrupting Chemicals. Endocr Rev. 2015;36(6):E1-E150. DOI: 10.1210/er.2015-1010 · PMID: 26544531 [Review, Leitlinie]

Zur vierten Ebene, dem Abbau. Östrogene werden in der Leber in zwei Schritten umgebaut und dann über Galle und Darm ausgeschleust. Ist dieser Weg zäh, bleibt mehr im Umlauf, als der Sender bestellt hat. Das ist ein eigenes Kapitel, das ich hier nicht aufmache. Wenn du es genauer wissen willst, steht es unter Östrogen natürlich senken über die Leber.

Warum vier so verschiedene Dinge in ein Kapitel gehören

Ein Weichmacher, ein Schimmelpilzgift, ein Schwermetall und eine stille Entzündung haben auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun. Auf den zweiten schon: Sie greifen an unterschiedlichen Stellen desselben Systems an. Der Weichmacher am Rezeptor. Das Schimmelpilzgift an Rezeptor und Steuerzentrale. Das Schwermetall am Rezeptor und an den bildenden Enzymen. Die Entzündung an der Steuerzentrale und am Transportprotein.

Das erklärt auch, warum Beschwerden in diesem Feld selten sortenrein auftreten. Wenn eine Steuerzentrale leiser wird, betrifft das nicht nur den Zyklus. Sie steuert auch Schilddrüse, Stressachse und Appetit mit. Deshalb sitzt bei diesen Fällen so oft jemand da, bei dem gleichzeitig der Zyklus, der Schlaf, die Haut und die Verdauung unruhig sind.

Ein letzter Punkt zu Ebene eins, damit kein falscher Eindruck entsteht. Es gibt gute Gründe, die Hormonmessung ernst zu nehmen, und es gibt Regeln, wann welcher Wert überhaupt aussagekräftig ist. Progesteron am dritten Zyklustag zu messen ist ungefähr so sinnvoll, wie den Regenmesser im August für den Januar abzulesen. Welcher Test wann etwas zeigt, steht unter Hormone testen: welcher Test wann.

Und jetzt weißt du, warum ich nach dem Laborzettel weiterfrage statt aufzuhören.

Suchrichtung eins: Hormonstörer aus der Umwelt

Der häufigste Einwand kommt schnell und er ist berechtigt: Die Mengen sind doch winzig. Ein bisschen Weichmacher aus einer Verpackung kann doch keinen Zyklus umstellen.

Das Argument stimmt in der klassischen Toxikologie. Dort gilt: mehr Gift, mehr Wirkung. Bei Hormonen funktioniert das anders, und zwar aus einem simplen Grund. Hormone arbeiten selbst in winzigen Mengen. Estradiol liegt im Bereich von Pikogramm pro Milliliter. Ein System, das auf so kleine Signale ausgelegt ist, reagiert nicht nach den Regeln einer Vergiftung.

Übersicht, Zellkultur plus Tiermodell plus Epidemiologie Warum die Dosisfrage hier anders läuft

Eine große Autorengruppe hat zwei Konzepte systematisch aufgearbeitet: Niedrigdosis-Effekte und nicht-monotone Dosis-Wirkungs-Kurven. Nicht-monoton heißt, dass die Kurve innerhalb des untersuchten Bereichs ihre Richtung wechselt.

Das Ergebnis: Solche Kurven sind sowohl bei körpereigenen Hormonen als auch bei endokrin wirksamen Chemikalien häufig. Daraus folgt der zentrale Satz der Arbeit: Wo sie auftreten, lässt sich die Wirkung niedriger Dosen nicht aus der Wirkung hoher Dosen vorhersagen.

Für dich heißt das: Der Satz "die Menge ist zu klein" ist bei Hormonstörern kein Beweis. Er ist eine Annahme, die in diesem Feld nicht automatisch trägt. Umgekehrt folgt daraus nicht, dass jede kleine Menge schadet. Es folgt nur, dass man es nicht ausrechnen kann, sondern messen muss.

Vandenberg LN, Colborn T, Hayes TB et al. Hormones and endocrine-disrupting chemicals: low-dose effects and nonmonotonic dose responses. Endocr Rev. 2012;33(3):378-455. DOI: 10.1210/er.2011-1050 · PMID: 22419778 [Review, Mechanismus]

Jetzt zu den Humandaten. Und hier wird es interessant, weil die ehrlichen Zahlen kleiner sind, als das Thema im Netz klingt.

Humanstudie, prospektive Beobachtung, 706 Zyklen Weichmacher, Bisphenol A und die Zykluslänge

221 Frauen, die die Verhütung abgesetzt hatten und schwanger werden wollten, sammelten bis zu sechs Monate lang täglich Morgenurin und dokumentierten ihre Blutungstage. Ausgewertet wurden 706 Zyklen, gemessen wurden elf Phthalat-Abbauprodukte und Bisphenol A.

Beobachtet wurde: Im mittleren Belastungsdrittel war die Lutealphase bei einem Phthalat-Abbauprodukt um 0,5 Tage kürzer als im niedrigsten Drittel, bei Bisphenol A um 0,8 Tage. Im höchsten Drittel fiel der Effekt kleiner aus, jeweils 0,4 Tage, und das Konfidenzintervall schloss die Null ein. Das ist genau die nicht-monotone Form, von der eben die Rede war, und es heißt zugleich: Eine einfache Je-mehr-desto-schlimmer-Linie zeigt diese Studie nicht. Auf die Länge der Follikelphase, auf die Zeit bis zur Schwangerschaft und auf frühe Schwangerschaftsverluste zeigte sich kein Zusammenhang. Bei einer Phthalat-Gruppe fanden sich sogar weniger frühe Verluste.

Für dich heißt das zweierlei. Der Effekt ist messbar, das System ist also ansprechbar. Und er ist klein, deutlich unter einem Tag. Die Autorinnen und Autoren schreiben selbst, dass die Befunde in weiteren Humanstudien zu bestätigen wären.

Jukic AM, Calafat AM, McConnaughey DR et al. Urinary Concentrations of Phthalate Metabolites and Bisphenol A and Associations with Follicular-Phase Length, Luteal-Phase Length, Fecundability, and Early Pregnancy Loss. Environ Health Perspect. 2016;124(3):321-8. DOI: 10.1289/ehp.1408164 · PMID: 26161573 [Kohorte, prospektiv, Humanstudie]

Das nächste Beispiel ist deshalb lehrreich, weil es zeigt, wie leicht man in diesem Feld einen Pfeil in die falsche Richtung malt.

Humanstudie, Querschnitt, Fall-Kontroll Bisphenol A bei Frauen mit PCOS

Eine Gruppe verglich 71 Frauen mit PCOS und 100 Kontrollen, gematcht nach Alter und Body-Mass-Index. Gemessen wurde Bisphenol A im Blut.

Beobachtet wurde: In der PCOS-Gruppe lag der Wert höher, 1,05 gegenüber 0,72 Nanogramm pro Milliliter. Der Unterschied blieb bestehen, wenn man schlanke und übergewichtige Frauen getrennt betrachtete. Bisphenol A korrelierte schwach mit Testosteron, Androstendion und der Insulinresistenz.

Und jetzt der Teil, den viele Ratgeber weglassen: Die Autorinnen und Autoren weisen selbst darauf hin, dass Androgene den Abbau von Bisphenol A beeinflussen. Der höhere Wert kann also Folge des Hormonmusters sein und nicht seine Ursache. Aus dieser Studie lässt sich keine Richtung ablesen.

Kandaraki E, Chatzigeorgiou A, Livadas S et al. Endocrine disruptors and polycystic ovary syndrome (PCOS): elevated serum levels of bisphenol A in women with PCOS. J Clin Endocrinol Metab. 2011;96(3):E480-4. DOI: 10.1210/jc.2010-1658 · PMID: 21193545 [Case-Control, Querschnitt]

Die methodisch sauberste Arbeit in diesem Kapitel kommt aus einer großen Frauenkohorte und betrifft einen Endpunkt, der niemanden kaltlässt: den Zeitpunkt der Wechseljahre.

Humanstudie, prospektive Kohorte, 5466 Personenjahre PFAS und der Zeitpunkt der natürlichen Menopause

1120 Frauen zwischen 45 und 56 Jahren, die noch nicht in den Wechseljahren waren, wurden von 1999 bis 2017 begleitet. PFAS wurden im Blut per Massenspektrometrie bestimmt. Das prospektive Design wurde bewusst gewählt, weil PFAS-Werte nach der Menopause steigen und Querschnittsstudien deshalb eine falsche Richtung erzeugen können.

Beobachtet wurde: 578 Frauen erreichten in dieser Zeit die natürliche Menopause. Beim Vergleich des höchsten mit dem niedrigsten Drittel lagen die Hazard Ratios zwischen 1,26 und 1,31. Im Cluster mit der höchsten Gesamtbelastung gegenüber dem niedrigsten lag sie bei 1,63, was einer im Median zwei Jahre früheren Menopause entsprach.

Für dich heißt das: Hier ist ein Umweltfaktor mit einem klinisch bedeutsamen Endpunkt verbunden, und zwar in einem Design, das die naheliegenden Fallstricke berücksichtigt. Es zeigt zugleich, wie viel Aufwand nötig ist, damit so ein Zusammenhang überhaupt glaubhaft wird.

Ding N, Harlow SD, Randolph JF et al. Associations of Perfluoroalkyl Substances with Incident Natural Menopause: The Study of Women's Health Across the Nation. J Clin Endocrinol Metab. 2020;105(9):e3169-82. DOI: 10.1210/clinem/dgaa303 · PMID: 32491182 [Kohorte, prospektiv]

Und dann gibt es noch die historische Beobachtung, die dieses Feld überhaupt in Bewegung gebracht hat. Sie stammt aus dem Tierversuch und aus dem Jahr 1993.

Tiermodell, Primaten, sehr kleine Gruppen Dioxin und Endometriose bei Rhesusaffen

Eine Kolonie von Rhesusaffen war vier Jahre lang chronisch Dioxin ausgesetzt. Zehn Jahre nach Expositionsende wurde per Bauchspiegelung nach Endometriose gesucht.

Beobachtet wurde: In der niedrigeren Dosisgruppe hatten 3 von 7 Tieren eine mittelschwere bis schwere Endometriose, in der höheren 5 von 7. In der Kontrollgruppe waren es 33 Prozent, und unter 304 nicht exponierten Tieren derselben Einrichtung lag die Häufigkeit bei 30 Prozent. Häufigkeit und Schweregrad stiegen mit der Dosis.

Für dich heißt das: Das ist eine wichtige historische Beobachtung und gleichzeitig eine sehr kleine Studie. Sieben Tiere pro Gruppe, eine Kontrollgruppe, die selbst schon bei einem Drittel lag, und ein Tiermodell. Sie begründet eine Frage. Sie begründet keine Diagnose.

Ein Nachtrag gehört dazu, weil er selten erzählt wird. Dieselbe Erstautorin zeigte 2001, dass die belasteten Tiere auch erhöhte Blutwerte dioxinähnlicher PCB aufwiesen und dass die Schwere der Endometriose mit der Konzentration eines dieser PCB zusammenhing. Die Wirkung lässt sich damit nicht dem Dioxin allein zuordnen. Rier SE, Turner WE, Martin DC et al. Toxicol Sci. 2001;59(1):147-59. DOI: 10.1093/toxsci/59.1.147 · PMID: 11134554

Rier SE, Martin DC, Bowman RE et al. Endometriosis in rhesus monkeys (Macaca mulatta) following chronic exposure to 2,3,7,8-tetrachlorodibenzo-p-dioxin. Fundam Appl Toxicol. 1993;21(4):433-41. DOI: 10.1006/faat.1993.1119 · PMID: 8253297 [In vivo, Primatenmodell]

Bleibt die Frage, wie die Behörden das sehen. Und hier liegt die ehrlichste Nachricht dieses ganzen Kapitels: Sie sehen es unterschiedlich.

Gegenhalt und Einordnung

Wenn zwei Behörden dieselben Daten unterschiedlich gewichten

Die europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit hat Bisphenol A im April 2023 neu bewertet und eine tolerierbare tägliche Aufnahmemenge von 0,2 Nanogramm pro Kilogramm Körpergewicht abgeleitet. Das ist eine Absenkung um den Faktor 20.000 gegenüber dem vorläufigen Wert von 2015. Ausschlaggebend waren immunologische Endpunkte.

Das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung trägt diese Ableitung nicht mit. Es nennt methodische und wissenschaftliche Inkonsistenzen der Neubewertung und kommt auf einen eigenen Richtwert von 0,2 Mikrogramm pro Kilogramm und Tag, also einen um den Faktor 1000 höheren Wert. Zwischen den beteiligten europäischen Institutionen wurde ein Divergenzverfahren geführt.

Wer nur die eine Zahl nennt, erzeugt ein falsches Bild von Einigkeit. In diesem Feld spricht nicht "die Wissenschaft" mit einer Stimme. Mehrere Institutionen gewichten dieselben Daten verschieden, und das gehört dazu.

Was folgt daraus für den Alltag? Sehr wenig Dramatik und ein paar risikoarme Richtungen. Weniger heiße Speisen in Kunststoff, weniger Bonpapier in der Hand, Lüften nach dem Renovieren, Duft sparsam. Körperlich sind diese Schritte risikoarm, ihr Nutzen im Einzelfall lässt sich nicht beweisen, und sie haben eine Nebenwirkung, über die selten gesprochen wird: Sie können in eine Vermeidungsspirale führen. Wie ich damit umgehe, steht weiter unten im Absatz gegen den Kontrollzwang. Die konkrete Liste steht unter Xenoöstrogene im Alltag, dort mit den Quellen und ohne Panik.

Und jetzt weißt du, warum ich nach Verpackungen, Beruf und Renovierungen frage.

Suchrichtung zwei: Schimmelpilzgifte und das Mykoöstrogen Zearalenon

Diese Frage stelle ich fast immer, und sie überrascht fast immer: Gab es bei dir einen Wasserschaden? Eine feuchte Ecke? Einen Umzug, nach dem etwas anders wurde?

Der Grund für die Frage ist ein Wort, das in der Toxikologie einen festen Platz hat: Mykoöstrogen. Es gibt tatsächlich Schimmelpilzgifte, deren Hauptwirkung östrogenartig ist. Das ist keine Randmeinung. Das steht in einer behördlichen Risikobewertung.

Behördendokument, Risikobewertung Warum Zearalenon als östrogen bewertet wird

Das zuständige Panel der europäischen Lebensmittelbehörde hat Zearalenon bewertet, ein Stoffwechselprodukt von Fusarium-Pilzen, das vor allem über Getreide und Getreideerzeugnisse in die Nahrung gelangt.

Bewertet wurde es ausdrücklich anhand seiner östrogenen Wirkung als kritischem Endpunkt. Das heißt: Der Grenzwert wurde nicht aus einer Organschädigung abgeleitet, sondern aus der Hormonwirkung selbst.

Für dich heißt das: Der Satz "es gibt Schimmelpilzgifte mit östrogener Wirkung" ist behördlich bewertete Toxikologie. Bewertet wurde dabei die Substanz und ihre Aufnahme über Nahrung. Nicht bewertet wurde der Wohnungsschimmel als Ursache eines Hormonproblems. Das sind zwei verschiedene Dinge.

EFSA Panel on Contaminants in the Food Chain (CONTAM). Scientific Opinion on the risks for public health related to the presence of zearalenone in food. EFSA Journal. 2011;9(6):2197. DOI: 10.2903/j.efsa.2011.2197 [Behördendokument, Leitlinie]

Wie eine solche Substanz in die Steuerzentrale eingreift, zeigt eine Rattenstudie besonders anschaulich. Sie erklärt den Mechanismus. Und sie arbeitet mit Dosen, die weit über dem liegen, was in einer Wohnung vorkommt.

Mechanismus im Tiermodell

Wie Zearalenon im Rattenversuch an der Steuerzentrale ansetzt

  1. Unreife weibliche Ratten bekamen fünf Tage lang Zearalenon in drei Dosierungen. Als Positivkontrolle diente Estradiol, als Kontrolle Maisöl.
  2. In der höchsten Dosisgruppe und in der Estradiol-Gruppe zeigten sich die typischen Zeichen einer vorzeitigen Pubertät: frühere Scheidenöffnung, schwererer Uterus, deutlich höhere Werte von FSH, LH und Estradiol im Blut.
  3. Im Hypothalamus waren GnRH sowie die Signalgeber Kiss1 und GPR54 erhöht, und zwar sowohl auf mRNA- als auch auf Proteinebene. Damit ist der Weg beschrieben: Das Mykoöstrogen greift an der Steuerzentrale an, nicht erst am Eierstock.
  4. Die meisten Veränderungen fanden sich noch bei der mittleren Dosis, keine bei der niedrigsten. Daraus leiteten die Autoren für diesen Versuch einen NOAEL von 0,2 und einen LOAEL von 1 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht und Tag ab.

Das ist ein Tiermodell mit hohen Dosen über Schlundsonde. Es zeigt, dass der Weg existiert. Es zeigt nicht, dass er bei den Mengen greift, denen ein Mensch im Alltag begegnet. Yang R, Wang YM, Zhang L et al. Mol Cell Endocrinol. 2016;437:62-74. DOI: 10.1016/j.mce.2016.08.012 · PMID: 27519634 [In vivo, Rattenmodell]

Beim Menschen gibt es genau eine verwertbare Beobachtung, und ich zeige sie dir mit allen Einschränkungen, weil sie im Netz gern größer gemacht wird, als sie ist.

Humanstudie, sehr klein, Fall-Kontroll Zearalenon im Blut von Mädchen mit vorzeitiger Pubertät

An der Universität Pisa wurden Mykoöstrogene im Blut von 32 Mädchen mit zentraler vorzeitiger Pubertät und 31 gesunden Kontrollen gemessen.

Beobachtet wurde: Bei 6 der 32 Mädchen, alle aus einem begrenzten Gebiet der Toskana, waren Zearalenon und alpha-Zearalenol nachweisbar. Zearalenon korrelierte bei Diagnosestellung mit Körpergröße und Gewicht, nicht mit dem Knochenalter. Unter zwölfmonatiger Behandlung wuchsen die mykotoxinpositiven Mädchen schneller. Die Autoren formulieren vorsichtig, dass Zearalenon als auslösender Faktor vermutet werde.

Für dich heißt das: sechs betroffene Mädchen aus einer geografisch begrenzten Region. Das ist ein Hinweis, kein Beleg. Genau so gehört es zitiert.

Massart F, Meucci V, Saggese G, Soldani G. High growth rate of girls with precocious puberty exposed to estrogenic mycotoxins. J Pediatr. 2008;152(5):690-5. DOI: 10.1016/j.jpeds.2007.10.020 · PMID: 18410776 [Case-Control, Humanstudie]

Und jetzt kommt der Absatz, den ich für den ehrlichsten des ganzen Artikels halte.

Wo die Datenlage aufhört

104 Studien, und keine einzige davon am Menschen

Eine systematische Übersicht nach PRISMA-Standard, vorab registriert, durchsuchte die Literatur von 2000 bis 2020 in drei Datenbanken nach Arbeiten zu Fusarium-Mykoöstrogenen und weiblicher Fortpflanzung.

Eingeschlossen wurden 104 Studien aus Zellkultur und Tiermodell. Sie stützen durchgängig unerwünschte Effekte: verändertes Follikelprofil im Eierstock, gestörter Zyklus, dickeres Myometrium, in der Trächtigkeit Plazentablutungen und beeinträchtigtes fetales Wachstum. Und dann der Satz, der zählt: Es wurde keine einzige epidemiologische Studie gefunden, die die Einschlusskriterien erfüllte.

Diese Endpunkte stammen ausnahmslos aus Zell- und Tierversuchen. Es folgt daraus keine Aussage über den Verlauf einer Schwangerschaft beim Menschen, und es folgt daraus erst recht kein Angebot, so etwas abzuklären.

Mechanistisch gut belegt, Humanstudien fehlen bislang. Das ist der Stand. Wer beim Thema Schimmel und Hormone mehr behauptet, geht über die Daten hinaus. Kinkade CW, Rivera-Nunez Z, Gorcyzca L et al. Toxins (Basel). 2021;13(6):373. DOI: 10.3390/toxins13060373 · PMID: 34073731 [Systematischer Review]

Dazu kommt eine Unterscheidung, die im Netz fast immer verschwimmt. Zearalenon ist ein Nahrungsmykotoxin. Es kommt über Getreide, nicht über die Zimmerwand. Wohnungsschimmel ist ein anderes Thema mit anderen Substanzen und einer anderen Datenlage.

Leitlinie, Behördendokument Was die WHO zu Feuchtigkeit und Schimmel in Innenräumen sagt

Die WHO-Leitlinie zur Innenraumluft, 248 Seiten, hat die Evidenz zu Feuchtigkeit und Schimmelwachstum zusammengetragen.

Als wichtigste Effekte werden benannt: mehr Atemwegssymptome, mehr Allergien, mehr Asthma und eine Beeinflussung des Immunsystems. Die zentrale Empfehlung lautet, dauerhafte Feuchtigkeit und mikrobielles Wachstum auf Innenoberflächen und in Bauteilen zu vermeiden oder zu minimieren.

Für dich heißt das: Die Leitlinie nennt Atemwege und Immunsystem. Sie nennt nicht den Hormonhaushalt. Wer Wohnungsschimmel und Hormonstörung verbindet, argumentiert über Zwischenschritte und nicht über eine Leitlinienaussage. Ich tue das auch, und ich sage dazu, dass ich es tue.

World Health Organization Regional Office for Europe. WHO guidelines for indoor air quality: dampness and mould. Kopenhagen: WHO; 2009. 248 Seiten. [Leitlinie]

Wie groß ist der belegte Effekt von Wohnungsfeuchte überhaupt? Eine Meta-Analyse gibt eine brauchbare Größenordnung, um die Erwartungen zu kalibrieren.

Meta-Analyse von Beobachtungsstudien Wohnungsfeuchte und Atemwege

Eine Arbeitsgruppe fasste die publizierten Studien zu Feuchtigkeit oder Schimmel in Wohnungen und Atemwegsinfekten beziehungsweise Bronchitis zusammen, mit Fixed- und Random-Effects-Modellen.

Beobachtet wurde: Die zusammengefassten Odds Ratios lagen zwischen 1,38 und 1,50, die Konfidenzintervalle schlossen die Eins jeweils aus. In den adjustierten Analysen lag Bronchitis bei 1,45 und Atemwegsinfekte bei 1,44. Die geschätzten attributablen Risikoanteile lagen bei 8 bis 20 Prozent.

Für dich heißt das: Wohnungsschimmel ist beim Menschen belegt relevant, aber in moderater Größenordnung, und zwar für die Atemwege. Das ist ein gutes Maß dafür, wie stark man diese Karte spielen darf.

Fisk WJ, Eliseeva EA, Mendell MJ. Association of residential dampness and mold with respiratory tract infections and bronchitis: a meta-analysis. Environ Health. 2010;9:72. DOI: 10.1186/1476-069X-9-72 · PMID: 21078183 [Meta-Analyse, Beobachtungsstudien]
Wie ich das zusammensetze

Was ich hier sage, ist eine Ableitung, keine Leitlinienaussage.

Belegt ist: Es gibt östrogen wirksame Schimmelpilzgifte, und feuchte Wohnungen können das Immunsystem beschäftigen. Mechanistisch plausibel ist: Eine dauerhaft beschäftigte Immunabwehr kann die Steuerzentrale des Zyklus beeinflussen. Nicht belegt ist der direkte Schritt vom Wandschimmel zur Hormonstörung. Deshalb frage ich nach dem Wasserschaden, und deshalb sage ich nach einem positiven Befund nicht, dass die Ursache gefunden sei.

Wenn du beim Thema Schimmel tiefer einsteigen willst: Was Mykotoxine überhaupt sind, steht unter Mykotoxine: die Grundlagen. Zearalenon im Detail findest du unter Zearalenon als Mykoöstrogen, und welche Beschwerden überhaupt zu einer Schimmelbelastung passen, steht unter Schimmel-Symptome im Überblick. Was bei sichtbarem Befall in der Wohnung zu tun ist, steht unter Schimmel in der Wohnung.

Und jetzt weißt du, warum ich nach der Wohnung frage, ohne daraus eine Diagnose zu machen.

Suchrichtung drei: Schwermetalle, vor allem Cadmium und Blei

Schwermetalle sind das Thema, bei dem im Netz am meisten übertrieben wird und in der Sprechstunde am wenigsten gefragt. Beides finde ich schade, weil es dazwischen einen belastbaren Kern gibt.

Der Kern heißt Metalloöstrogen. Gemeint sind Metalle, die am Östrogenrezeptor andocken und dort ein Signal auslösen können. Für Cadmium ist das im lebenden Tier gezeigt worden, und das Versuchsdesign ist elegant genug, dass ich es dir gern erkläre.

Tiermodell, Ratte, plus Exposition im Mutterleib Cadmium ahmt im Tier eine Östrogenwirkung nach

Cadmium wurde Ratten gegeben, denen die Eierstöcke entfernt worden waren. Diese Tiere stellen kein eigenes Östrogen mehr her. Was immer sich zeigt, kann also nicht vom körpereigenen Hormon kommen.

Beobachtet wurde: Das Gewicht der Gebärmutter stieg, die Schleimhaut wuchs, Progesteronrezeptor und Komplementfaktor C3 wurden hochgefahren. In der Milchdrüse nahmen Seitenverzweigungen und Alveolarknospen zu. Weibliche Nachkommen, die im Mutterleib exponiert waren, kamen früher in die Pubertät und zeigten eine größere Drüsenfläche.

Für dich heißt das: Der Begriff Metalloöstrogen ist verdient. Er ist im Tiermodell belegt, sauber gezeigt und im Mechanismus verständlich. Er ist damit nicht auf deinen Zyklus übertragen.

Johnson MD, Kenney N, Stoica A et al. Cadmium mimics the in vivo effects of estrogen in the uterus and mammary gland. Nat Med. 2003;9(8):1081-4. DOI: 10.1038/nm902 · PMID: 12858169 [In vivo, Rattenmodell]

Beim Menschen sieht es anders aus, dünner und unschärfer. Die beste Brücke, die es gibt, kommt aus einer großen bevölkerungsrepräsentativen Erhebung in den USA.

Humanstudie, Querschnitt, bevölkerungsrepräsentativ Schwermetalle im Urin und Sexualhormone im Blut

Ausgewertet wurden Daten von 2728 Erwachsenen aus der US-Erhebung NHANES 2013 bis 2016. Vierzehn Schwermetalle im Urin wurden gegen Gesamttestosteron, Estradiol und SHBG im Blut gerechnet, einzeln und in einem Modell für die kombinierte Belastung.

Beobachtet wurde: Bei Frauen war der Belastungsindex der Industrieschadstoffe mit einem um 20,6 Prozent niedrigeren Estradiol verbunden. Cadmium, Zinn und Blei dominierten diesen Zusammenhang. Bei Frauen nach der Menopause blieb er bestehen, dort fielen Cadmium und eine Arsenverbindung auf. Bei Männern zeigte sich ein anderer Index mit einem um 5,35 Prozent niedrigeren SHBG.

Für dich heißt das: Im Tiermodell ist die Sache klar, beim Menschen gibt es bislang nur Zusammenhänge ohne Richtung. Ein Querschnitt misst alles zur selben Zeit. Er kann nicht sagen, was zuerst da war. Die Autoren schreiben selbst, dass es weitere Erhebungen braucht.

Tao C, Li Z, Fan Y et al. Independent and combined associations of urinary heavy metals exposure and serum sex hormones among adults in NHANES 2013-2016. Environ Pollut. 2021;281:117097. DOI: 10.1016/j.envpol.2021.117097 · PMID: 33878511 [Querschnitt, bevölkerungsrepräsentativ]

Und jetzt der Befund, den ich für unverzichtbar halte, weil er in die andere Richtung zeigt. Blei gilt gemeinhin als der Klassiker unter den Fruchtbarkeitsgiften. In einer arbeitsmedizinischen Untersuchung war davon im niedrigen Belastungsbereich nichts zu sehen.

Humanstudie, retrospektive Beobachtung, Null-Befund Blei und die Zeit bis zur Schwangerschaft

Am finnischen Institut für Arbeitsmedizin in Helsinki wurde untersucht, wie lange es bei Frauen bis zu einer Schwangerschaft dauerte, die beruflich auf Bleibelastung überwacht wurden. Eingeteilt wurde nach Fragebogen und individuellen Blutbleiwerten.

Beobachtet wurde: Die adjustierten Verhältniszahlen lagen bei 0,93, 0,84 und 0,80 über die drei Belastungsstufen, alle Konfidenzintervalle schlossen die Eins ein. Das Fazit der Autoren: Bei den damals üblichen niedrigen Belastungen war Blei nicht mit der Fruchtbarkeit assoziiert. Nur bei den acht am stärksten belasteten Frauen lag der Schätzer bei 0,53, was die Autoren als Hinweis bezeichnen, der in einer größeren Studie zu prüfen wäre.

Für dich heißt das: Bei den untersuchten niedrigen Belastungen zeigte sich kein Zusammenhang. Die Dosis zählt. "Blei stört die Fruchtbarkeit" ist in dieser Pauschalität nicht belegt.

Sallmen M, Anttila A, Lindbohm ML et al. Time to pregnancy among women occupationally exposed to lead. J Occup Environ Med. 1995;37(8):931-4. DOI: 10.1097/00043764-199508000-00007 · PMID: 8520955 [Kohorte, retrospektiv]
Perspektivwechsel

Ein Null-Befund ist kein langweiliger Befund. Er ist ein Maßstab.

Ohne die Bleistudie wäre dieses Kapitel einseitig. Sie zeigt, wo die Grenze verläuft: Für relevante Effekte braucht es relevante Belastungen. Und sie ist der Grund, warum ich bei Schwermetallen zuerst nach einer plausiblen Quelle frage und nicht zuerst nach einem Test.

Plausible Quellen sind zum Beispiel Rauchen als Hauptquelle für Cadmium, bestimmte Berufe, Altbausanierung, Trinkwasserleitungen in sehr alten Häusern. Was Blut- und Urinmessungen jeweils zeigen und was nicht, steht ausführlich unter Schwermetalle im Blut oder Urin messen. Warum ich von der Haarmineralanalyse für individuelle Fragen abrate, liest du unter Haarmineralanalyse: sinnvoll oder nicht.

Und jetzt weißt du, warum ich bei Metallen erst nach der Quelle und dann nach dem Labor frage.

Suchrichtung vier: die stille Entzündung

Diese vierte Richtung ist die unspektakulärste und in der Praxis die häufigste. Sie hat keinen Namen, den man googeln kann, keine Wohnung, die man sanieren könnte, und keine Substanz, die man vermeiden kann.

Gemeint ist eine dauerhaft leicht aktivierte Immunlage. Sie entsteht nicht aus einem Infekt, sondern aus Bauchfett, aus Schlafmangel, aus Darmthemen, aus Zahnherden, aus Dauerstress, manchmal auch aus einer der drei anderen Suchrichtungen. Und sie hat zwei Angriffspunkte auf dein Hormonsystem, die beide gut beschrieben sind.

Der erste Angriffspunkt liegt oben, in der Steuerzentrale. Dafür gibt es ein Tiermodell, das den Mechanismus sauber auseinandernimmt.

Tiermodell, Schaf, akute Endotoxin-Gabe Wie eine Immunbelastung die Zykluszentrale leiser stellt

An der University of Michigan in Ann Arbor wurde in einer Versuchsreihe an Schafen untersucht, über welche Wege Endotoxin den Zyklus stört. Endotoxin ist ein gängiges Modell für eine Immun- und Entzündungsbelastung.

Beobachtet wurde: Bei Schafen ohne Eierstöcke hemmte Endotoxin die pulsatile LH-Ausschüttung gleich doppelt. Erstens wurde weniger GnRH in Schüben freigesetzt. Zweitens sprach die Hypophyse schlechter auf GnRH an. In weiteren Versuchen zeigte sich zusätzlich, dass die Eierstockfollikel schlechter auf Gonadotropine ansprachen und dass der von Estradiol ausgelöste LH-Anstieg vor dem Eisprung gehemmt wurde.

Für dich heißt das: Das Bild "die Entzündung stellt die Zentrale leiser" ist im Tiermodell mechanistisch begründet. Es ist ein akuter Versuch mit Endotoxin, nicht ein Modell chronischer stiller Entzündung. Diese Übertragung ist eine Übertragung, und ich benenne sie als solche.

Karsch FJ, Battaglia DF. Mechanisms for endotoxin-induced disruption of ovarian cyclicity: observations in sheep. Reprod Suppl. 2002;59:101-13. PMID: 12698976 [In vivo, Schafmodell]

Beim Menschen gibt es dazu eine prospektive Kohorte mit einer klaren Zahl und einer eingebauten Bescheidenheit.

Humanstudie, prospektive Kohorte, 1409 Zyklen Entzündungswert und Zykluslänge

In einer Kohorte von Frauen zwischen 30 und 44 Jahren, die seit weniger als drei Monaten schwanger werden wollten, wurde CRP am zweiten bis vierten Zyklustag gemessen. Der Zyklus wurde bis zu vier Monate lang täglich dokumentiert. Ausgewertet wurden 1409 Zyklen von 414 Frauen.

Beobachtet wurde: Einen linearen Zusammenhang zwischen CRP und Zykluslänge gab es nicht. Aber verglichen mit einem CRP unter 1 Milligramm pro Liter war ein CRP über 10 mit mehr als der dreifachen Chance auf einen langen Zyklus ab 35 Tagen verbunden, adjustierte Odds Ratio 3,7. Die Follikelphase war dann im Mittel 1,7 Tage länger.

Für dich heißt das zweierlei. Erstens die Schwelle: Der Effekt zeigte sich erst über 10 Milligramm pro Liter, also nicht im Bereich leicht erhöhter hochsensitiver CRP-Werte. Zweitens die Richtung: Die Autorinnen und Autoren schreiben ausdrücklich, dass offen bleibt, ob Entzündung den Zyklus verändert oder ob lange Zyklen ein Marker für mehr Entzündung sind.

Harris BS, Steiner AZ, Faurot KR, Long A, Jukic AM. Systemic inflammation and menstrual cycle length in a prospective cohort study. Am J Obstet Gynecol. 2023;228(2):215.e1-215.e17. DOI: 10.1016/j.ajog.2022.10.008 · PMID: 36244407 [Kohorte, prospektiv]
Der Gegenhalt, ohne den die Zahl irreführt

CRP schwankt selbst mit dem Zyklus

In einer prospektiven Studie wurden 259 Frauen zwischen 18 und 44 Jahren über bis zu zwei Zyklen begleitet, mit bis zu acht Messungen von CRP, Estradiol, Progesteron, LH und FSH pro Zyklus, zeitlich gesteuert über einen Fertilitätsmonitor.

Beobachtet wurde: CRP schwankte deutlich über den Zyklus. Während der Blutung wurden mehr Frauen als kardiovaskulär erhöht eingestuft, 12,3 gegenüber 7,4 Prozent in anderen Phasen. Ein zehnfacher Anstieg des Estradiols ging mit einem um 24,3 Prozent niedrigeren CRP einher, ein zehnfacher Anstieg des Progesterons in der zweiten Zyklushälfte mit einem um 19,4 Prozent höheren CRP.

Damit zeigt der Pfeil auch in die andere Richtung: Hormone beeinflussen den Entzündungsmarker. Ein einzelner CRP-Wert ohne Angabe der Zyklusphase ist deshalb schwer zu deuten. Gaskins AJ, Wilchesky M, Mumford SL et al. Am J Epidemiol. 2012;175(5):423-31. DOI: 10.1093/aje/kwr343 · PMID: 22306563 [Kohorte, prospektiv]

Der zweite Angriffspunkt der Entzündung ist der, den ich im Alltag am häufigsten verwende, weil er auf jedem größeren Laborzettel steht: SHBG. Du erinnerst dich an Ebene zwei, den Transport. Proinflammatorische Botenstoffe können die SHBG-Bildung in der Leber herunterregeln, und der Leberfettgehalt scheint dabei wichtiger zu sein als der reine BMI.

Warum ich Entzündung zuerst anschaue

Von den vier Suchrichtungen ist diese die häufigste, die am besten messbare und die, bei der sich am ehesten etwas bewegen lässt. Schlaf, Bauchfett, Blutzucker und Darm sind keine spektakulären Themen. Sie sind die, bei denen sich Arbeit am ehesten auszahlt. Umweltfaktoren kommen danach, nicht davor.

Wie Blutzucker und Insulin in dieses Bild gehören, steht unter Insulinresistenz und Hormone bei der Frau. Warum Dauerstress dabei fast immer mitspielt, liest du unter Cortisol, Stress und weibliche Hormone.

Und jetzt weißt du, warum ich nach Schlaf, Bauch und Zahnstatus frage, bevor ich über Weichmacher rede.

Wann diese Suche lohnt und wann sie ausdrücklich nicht lohnt

Das ist der Abschnitt, an dem sich entscheidet, ob dieser Artikel etwas taugt. Alles bisher war Mechanismus und Datenlage. Jetzt kommt die Frage, die du wirklich hast: Betrifft mich das?

Ich fange mit dem Satz an, der über allem steht. Aus der Tatsache, dass Umweltfaktoren hormonell wirken können, folgt nicht, dass jede hormonelle Störung eine Umweltursache hat. Die häufigsten Gründe für hormonelle Beschwerden sind und bleiben Schlaf, Stress, Blutzucker, Gewicht, Schilddrüse und Nährstoffe.

Das ist keine Bescheidenheitsfloskel. Das steht so, in anderen Worten, in einer Leitlinie der Endocrine Society zur funktionellen hypothalamischen Amenorrhoe: eine chronische Anovulation ohne fassbare organische Ursache, häufig verbunden mit Stress, Gewichtsverlust, sehr viel Sport oder einer Kombination daraus. Ausdrücklich eine Ausschlussdiagnose, und die Abklärung soll systemische und endokrinologische Ursachen umfassen.

Die ehrliche Gegenüberstellung

Wann eine Umweltsuche sinnvoll wird und wann nicht

Spricht dafür
  • Die Beschwerden passen zu keinem einfachen Bild, und die Abklärung ist trotzdem vollständig gelaufen.
  • Mehrere Systeme sind gleichzeitig betroffen: Zyklus, Haut, Schlaf, Verdauung, Stimmung, Konzentration.
  • Es gibt eine klare zeitliche Verbindung zu einem Umzug, einem Wasserschaden oder einer Renovierung.
  • Der Beruf bringt eine Exposition mit sich, etwa Werkstatt, Labor, Friseur, Bau, Reinigung, Landwirtschaft.
  • Der Verlauf deckt sich nicht mit den bekannten Erklärungen, etwa weil er zu abrupt begann.
  • Die Beschwerden werden im Urlaub oder bei längerer Abwesenheit von zu Hause spürbar besser.
Spricht dagegen
  • Schlaf, Stress, Blutzucker, Gewicht, Schilddrüse und Nährstoffe sind noch nicht geordnet.
  • Die Beschwerden passen gut zu einer bereits gestellten Diagnose, und deren Behandlung ist noch nicht ausgeschöpft.
  • Es gibt keine plausible Exposition, weder im Wohnraum noch im Beruf noch in der Vorgeschichte.
  • Die Suche würde eine indizierte Abklärung, eine notwendige Operation oder eine Kinderwunschbehandlung verzögern.
  • Die Belastung durch das Suchen selbst wäre größer als der mögliche Gewinn.
  • Der Wunsch dahinter ist eher, endlich eine Ursache zu haben, als eine Frage zu klären.

Kein einzelnes Kriterium entscheidet. Es geht um die Häufung. Wenn links vier Punkte stehen und rechts keiner, wird die Frage sinnvoll. Umgekehrt genauso.

Zum vierten Punkt auf der rechten Seite werde ich deutlich, weil er der wichtigste ist. Zeit ist bei manchen Themen ein realer Faktor. Bei Kinderwunsch. Bei einer Endometriose mit Organbeteiligung. Bei einer unklaren Blutung. Wer in solchen Situationen eine Umweltsuche vorschaltet, gewinnt keine Erkenntnis, sondern verliert Monate. Eine Ursachensuche läuft parallel zur ärztlichen Versorgung, nie an ihrer Stelle und nie davor.

Was ich ausdrücklich nicht sage

In diesem Artikel steht an keiner Stelle, dass du eine laufende Behandlung verändern sollst. Das gilt für die Pille, für eine Hormonersatztherapie, für Metformin, für Antiandrogene, für GnRH-Analoga und für Schilddrüsenhormone. Alle diese Mittel sind verschreibungspflichtig. Metformin und Antiandrogene werden beim PCOS häufig off label eingesetzt, also außerhalb der zugelassenen Anwendung, worüber ärztlich aufzuklären ist und was auch die Frage der Kostenübernahme betrifft. Umso mehr gilt: Ob eine Verordnung noch passt, ist eine gute Frage, und sie gehört in ein Gespräch mit der Ärztin oder dem Arzt, der sie ausgestellt hat. Jede Anpassung gehört ärztlich begleitet.

Ebenso: PCOS und Endometriose sind ärztliche Diagnosen. Sie werden ärztlich gestellt und ärztlich behandelt. Eine Umweltfrage daneben ist eine Ergänzung. Sie ist kein Grund, eine empfohlene Abklärung oder eine indizierte Operation zu verschieben.

Warum das so wichtig ist, zeigt ein Blick in die Leitlinien selbst. Die internationale PCOS-Leitlinie von 2023 umfasst 254 Empfehlungen und Praxispunkte, GRADE-basiert, getragen von 39 Organisationen aus 71 Ländern. Umweltfaktoren, Schimmel oder Schwermetalle stehen dort nicht in der empfohlenen Basisdiagnostik. Die ESHRE-Leitlinie zur Endometriose von 2022 mit 109 Empfehlungen hält ausdrücklich fest, dass sich zu den meisten Behandlungsoptionen auf Basis der vorhandenen Evidenz keine festen Empfehlungen formulieren ließen. In Deutschland kommt die S2k-Leitlinie zur Endometriose dazu, AWMF-Registernummer 015-045, aktuelle Fassung von 2025.

Wie ich diese Zurückhaltung lese

Die Leitlinien schweigen zur Umweltdiagnostik nicht aus Ignoranz. Sie schweigen, weil die entscheidende Studie fehlt.

Es fehlt nicht der Mechanismus. Der steht in den Statements der Endocrine Society. Es fehlt die Interventionsstudie: die Arbeit, die zeigt, dass es Frauen messbar besser geht, wenn man diese Diagnostik macht und danach handelt. Solange sie fehlt, kann keine Leitlinie sie empfehlen. Das ist sauber gearbeitet, und ich halte es für richtig. Es bedeutet nur nicht, dass die Frage falsch ist. Es bedeutet, dass sie noch nicht beantwortet ist.

In meiner Praxis heißt das: Ich stelle die Frage, wenn die Häufung dafür spricht. Ich stelle sie nicht als Erstes. Und ich behandle sie als Frage und nicht als Erklärung, solange ich nur einen Zusammenhang und keine Ursache habe. Das ist klinische Beobachtung und Vorgehensweise, kein Studienergebnis.

Und jetzt weißt du, wann diese Suche etwas beiträgt und wann sie im Weg steht.

Was Tests können und was sie ausdrücklich nicht können

Wenn Menschen dieses Thema entdecken, ist der erste Impuls fast immer derselbe: Dann lass mich das doch einfach testen. Ich verstehe den Impuls gut. Und ich muss ihn dämpfen, weil er in diesem Feld selten zu einer Antwort führt.

Der Grundsatz vorweg, und er gilt ohne Ausnahme: Kein verfügbarer Test beweist eine Ursache. Er zeigt bestenfalls eine Belastung. Von der Belastung zur Erklärung deiner Beschwerden ist es ein weiter Weg, und diesen Weg legt kein Laborwert allein zurück.

Methodenprüfung, Laborvergleich, kein Leitliniendokument Die Haarmineralanalyse im Test

Eine Haarprobe einer gesunden Freiwilligen wurde geteilt und an sechs kommerzielle Labore geschickt, die zusammen rund 90 Prozent der Mineralanalysen in den USA bearbeiteten. Dieselbe Probe, sechs Befunde.

Beobachtet wurde: Bei zwölf Mineralien lag zwischen dem höchsten und dem niedrigsten gemeldeten Wert mehr als der Faktor 10. Bei 14 von 31 Mineralien, die mindestens drei Labore untersucht hatten, fanden sich statistisch auffällige Extremwerte. Auch die Referenzbereiche unterschieden sich so stark, dass fast jedes Mineral je nach Labor als hoch, normal oder niedrig eingestuft wurde. Die Empfehlung der Autoren: solche Analysen nicht zur Beurteilung des individuellen Nährstoffstatus oder vermuteter Umweltbelastungen zu verwenden.

Für dich heißt das: Als Werkzeug für deine individuelle Frage ist dieser Test nicht brauchbar. Das ist kein Verdacht, das ist gemessen.

Seidel S, Kreutzer R, Smith D, McNeel S, Gilliss D. Assessment of commercial laboratories performing hair mineral analysis. JAMA. 2001;285(1):67-72. DOI: 10.1001/jama.285.1.67 · PMID: 11150111 [Methodenprüfung, Laborvergleich]

Beim Mykotoxin-Urintest liegt das Problem woanders. Er misst durchaus etwas. Nur ist ein positiver Befund so häufig, dass er für sich genommen wenig aussagt.

Humanstudie, Biomonitoring, Querschnitt Wie oft Mykotoxine im Urin nachweisbar sind

447 Morgenurinproben von 439 schwangeren Frauen im ländlichen Bangladesch wurden per Massenspektrometrie auf 35 Mykotoxine untersucht.

Beobachtet wurde: Nur in 17 von 447 Proben, also 4 Prozent, war keines der untersuchten Mykotoxine nachweisbar. Ochratoxin A fand sich in 95 Prozent, Citrinin in 61 Prozent der Proben. In 63 Prozent traten mehrere Mykotoxine gleichzeitig auf.

Für dich heißt das: Wenn in einer untersuchten Bevölkerung fast jede Probe positiv ist, dann erklärt ein positiver Befund allein keine Beschwerden. Die Zahlen stammen aus Bangladesch und sind nicht eins zu eins auf Deutschland übertragbar. Die Logik dahinter schon.

Kyei NNA, Cramer B, Humpf HU et al. Assessment of multiple mycotoxin exposure and its association with food consumption: a human biomonitoring study in a pregnant cohort in rural Bangladesh. Arch Toxicol. 2022;96(7):2123-2138. DOI: 10.1007/s00204-022-03288-0 · PMID: 35441239 [Querschnitt, Biomonitoring]

Was in meiner Sprechstunde mehr zählt als ein Testergebnis

  • Der Zeitverlauf. Wann hat es angefangen, und was war in den drei Monaten davor anders.
  • Die Expositionsgeschichte. Wohnungen, Berufe, Renovierungen, Hobbys, Wasserschäden, auch die aus der Kindheit.
  • Das Muster über die Systeme hinweg. Betrifft es nur den Zyklus oder gleichzeitig Haut, Schlaf, Darm und Kopf.
  • Die Abwesenheitsprobe. Verändert sich etwas, wenn du zwei Wochen woanders bist.
  • Die Frage nach dem Risiko. Ist eine mögliche Maßnahme risikoarm, bezahlbar und im Alltag durchhaltbar.

Bei den Entzündungswerten kommt eine Besonderheit dazu, die im Alltag oft übersehen wird: Ein CRP-Wert ohne Angabe der Zyklusphase ist schwer einzuordnen, weil er selbst mit dem Zyklus schwankt. Wer misst, sollte notieren, an welchem Zyklustag.

Und zur Hormonmessung selbst: Sie ist sinnvoll, wenn Zeitpunkt und Fragestellung stimmen. Welcher Wert wann etwas zeigt, steht ausführlich unter Hormone testen: welcher Test wann.

Der Absatz gegen den Kontrollzwang

Jetzt kommt etwas, das mir wichtiger ist als alle Zahlen davor. Umweltthemen haben eine Eigenschaft, die sie gefährlich machen kann: Sie sind nie fertig.

Es gibt immer noch eine Verpackung, die man ersetzen könnte. Noch ein Möbelstück, das ausdünsten könnte. Noch einen Test, den man machen könnte. Wer einmal anfängt, alles zu prüfen, findet immer etwas. Und je mehr man findet, desto größer wird die Angst statt der Klarheit.

Ich sehe das regelmäßig, und ich beschreibe es als Beobachtung, nicht als Studienergebnis. Wer mit einer guten Frage startet, isst ein halbes Jahr später manchmal nur noch fünf Lebensmittel und schläft schlechter als vorher. Dann hat die Suche mehr gekostet, als sie gebracht hat.

Meine Leitplanken

Wie ich verhindere, dass aus einer Frage eine Falle wird

Erstens: Maßnahmen dürfen risikoarm, bezahlbar und dauerhaft machbar sein. Alles andere fällt raus, egal wie gut es klingt. Zweitens: Es gibt eine Obergrenze für gleichzeitige Veränderungen. Drei Dinge, nicht dreißig. Drittens: Es gibt einen Zeitpunkt, an dem wir gemeinsam schauen, ob sich etwas bewegt hat, und wenn nicht, hören wir damit auf.

Und viertens, der wichtigste Punkt: Wenn das Vermeiden anfängt, den Alltag, das Essen oder die Beziehungen zu bestimmen, ist das kein Zeichen von Konsequenz. Es ist ein Zeichen, das ernst genommen gehört. Wenn du merkst, dass dabei vor allem das Essen eng wird, findest du unter Essstörungen verstehen: Körper und Psyche einen Text, der genau davon handelt.

Energie und ein ruhiger Zyklus sind kein Luxus. Sie sind ein großer Teil davon, wie frei sich ein Leben anfühlt. Genau deshalb darf die Suche danach nicht selbst zum Gefängnis werden.

Und jetzt weißt du, warum ich beim Testen sparsam bin und beim Zuhören großzügig.

Häufige Fragen

Warum bleiben meine Beschwerden, obwohl alle Hormonwerte normal sind?

Ein Blutwert misst vor allem, wie viel von einem Hormon gerade unterwegs ist. Ein Signalsystem hat aber vier Stellen: die Bildung, den Transport im Blut, den Empfang am Rezeptor und den Abbau. Ein normaler Spiegel schließt eine Störung an den anderen drei Stellen nicht aus. Das erklärt keine Beschwerden, es öffnet nur weitere Fragen: Wie ist das Verhältnis der Hormone zueinander, wie hoch ist das Transportprotein SHBG, wie steht es um Schlaf, Blutzucker, Schilddrüse und Entzündungslast. Erst wenn diese Fragen geordnet sind, lohnt der Blick nach außen.

Was sind Hormonstörer oder endokrine Disruptoren überhaupt?

Die Endocrine Society definiert sie als Substanzen aus Umwelt, Nahrung und Konsumgütern, die die Bildung, den Stoffwechsel oder die Wirkung körpereigener Hormone stören können. Genannt werden östrogenartige und antiandrogene Effekte, Eingriffe in Schilddrüsenwege, in steroidbildende Enzyme und in Botenstoffsysteme. Das steht in zwei ausführlichen Fachgesellschafts-Statements, 2009 und 2015 veröffentlicht. DOI: 10.1210/er.2009-0002 und DOI: 10.1210/er.2015-1010. Wichtig ist der Zusatz der Autoren selbst: Die Mechanismen sind gut beschrieben, der Rückschluss auf eine Erkrankung im Einzelfall bleibt vorsichtig zu behandeln.

An welchen vier Stellen kann ein Hormonsignal gestört werden?

Erstens bei der Bildung, also in Eierstock, Nebenniere und Schilddrüse, gesteuert von Hypothalamus und Hypophyse. Zweitens beim Transport, denn der größte Teil der Sexualhormone reist gebunden an SHBG und Albumin. Drittens am Rezeptor, wo eine fremde Substanz den Platz besetzen oder das Signal verstärken kann. Viertens beim Abbau, überwiegend in der Leber und über den Darm. Dieses Raster ist der Grund, warum ein Weichmacher, ein Schimmelpilzgift, ein Schwermetall und eine stille Entzündung im selben Kapitel stehen können. Sie greifen an unterschiedlichen Stellen desselben Systems an.

Kann Schimmel in der Wohnung meinen Zyklus beeinflussen?

Für diesen Schritt gibt es bislang keine belastbaren Humandaten. Die WHO-Leitlinie zu Feuchtigkeit und Schimmel in Innenräumen nennt Atemwegssymptome, Allergien, Asthma und eine Beeinflussung des Immunsystems, nicht den Hormonhaushalt. Eine Meta-Analyse zu Wohnungsfeuchte fand für Bronchitis eine Odds Ratio von 1,45 und für Atemwegsinfekte 1,44. DOI: 10.1186/1476-069X-9-72. Was sich begründen lässt, ist ein Umweg: Eine dauerhafte Immunbelastung kann die Steuerzentrale des Zyklus beeinflussen. Das ist eine Ableitung über Zwischenschritte und keine Leitlinienaussage.

Was ist Zearalenon und warum wird es Mykoöstrogen genannt?

Zearalenon ist ein Stoffwechselprodukt von Fusarium-Pilzen und gelangt vor allem über Getreide in die Nahrung. Die EFSA bewertete es 2011 ausdrücklich anhand seiner östrogenen Wirkung als kritischem Endpunkt. DOI: 10.2903/j.efsa.2011.2197. Im Rattenmodell löste es über den Kisspeptin-Weg eine vorzeitige Pubertät aus, mit einem NOAEL von 0,2 und einem LOAEL von 1 Milligramm pro Kilogramm und Tag. DOI: 10.1016/j.mce.2016.08.012. Beim Menschen ist die Lage anders: Eine systematische Übersicht über 104 Zell- und Tierstudien fand keine einzige epidemiologische Studie, die die Einschlusskriterien erfüllte. DOI: 10.3390/toxins13060373.

Sind Schwermetalle wirklich hormonell wirksam oder ist das übertrieben?

Für Cadmium ist die Bezeichnung Metalloöstrogen belegt, allerdings im Tiermodell. Bei Ratten ohne Eierstöcke löste Cadmium östrogentypische Veränderungen an Gebärmutter und Milchdrüse aus, also dort, wo kein körpereigenes Östrogen mehr im Spiel war. DOI: 10.1038/nm902. Beim Menschen gibt es bisher Querschnittsdaten: In der US-Erhebung NHANES war ein Belastungsindex bei Frauen mit einem um 20,6 Prozent niedrigeren Estradiol verbunden, Cadmium, Zinn und Blei dominierten diesen Zusammenhang. DOI: 10.1016/j.envpol.2021.117097. Querschnitt heißt: gemessen zur selben Zeit, Richtung offen.

Was hat eine stille Entzündung mit meinem Zyklus zu tun?

Zwei Angriffspunkte sind beschrieben. Im Schafmodell dämpfte Endotoxin die pulsatile LH-Ausschüttung gleich doppelt, über weniger GnRH und über eine schlechter ansprechbare Hypophyse. PMID: 12698976. Beim Menschen war in einer prospektiven Kohorte ein CRP über 10 Milligramm pro Liter mit mehr als der dreifachen Chance auf einen Zyklus ab 35 Tagen verbunden, adjustierte Odds Ratio 3,7. DOI: 10.1016/j.ajog.2022.10.008. Die Autorinnen und Autoren schreiben selbst, dass offen bleibt, ob die Entzündung den Zyklus verändert oder lange Zyklen ein Marker für mehr Entzündung sind.

Was bedeutet ein niedriges SHBG in meinem Laborbefund?

SHBG ist das Transportprotein der Sexualhormone. Es entscheidet mit, wie viel freies Hormon überhaupt am Rezeptor ankommt. Eine Übersichtsarbeit beschreibt, dass der Leberfettgehalt ein starker Bestimmungsfaktor des zirkulierenden SHBG ist und dass proinflammatorische Zytokine die SHBG-Bildung in der Leber herunterregulieren können. DOI: 10.1016/j.tem.2015.05.001. Ein niedriges SHBG ist deshalb kein isolierter Zahlenwert, sondern ein Hinweis, die Leber, den Blutzucker und die Entzündungslast anzuschauen. Was daraus folgt, gehört in ein ärztliches Gespräch und nicht in eine Selbstdeutung.

Woran erkenne ich, dass sich eine Umweltsuche in meinem Fall lohnt?

Es gibt kein Kriterium, das für sich entscheidet, aber es gibt eine Häufung, die aufhorchen lässt: Die Beschwerden passen zu keinem einfachen Bild. Mehrere Systeme sind gleichzeitig betroffen, also Zyklus, Haut, Schlaf, Verdauung und Stimmung. Es gibt eine zeitliche Verbindung zu einem Umzug, einem Wasserschaden oder einer Renovierung. Der Beruf bringt eine Exposition mit sich. Der Verlauf deckt sich nicht mit den bekannten Erklärungen. Und die Beschwerden werden im Urlaub oder in längerer Abwesenheit von zu Hause spürbar besser. Je mehr davon zusammenkommt, desto sinnvoller wird die Frage.

Wann sollte ich diese Suche ausdrücklich sein lassen?

Wenn Schlaf, Stress, Blutzucker, Gewicht, Schilddrüse und Nährstoffe noch nicht geordnet sind. Wenn die Beschwerden gut zu einer bereits gestellten Diagnose passen und die dafür vorgesehene Behandlung noch nicht ausgeschöpft ist. Wenn keine plausible Exposition erkennbar ist. Wenn die Suche eine indizierte Abklärung, eine Operation oder eine Kinderwunschbehandlung verzögern würde, denn Zeit ist dort ein realer Faktor. Und wenn die Belastung durch das Suchen selbst größer wäre als der mögliche Gewinn. Aus der Tatsache, dass Umweltfaktoren hormonell wirken können, folgt nicht, dass jede hormonelle Störung eine Umweltursache hat.

Welche Tests gibt es und was können sie wirklich zeigen?

Kein verfügbarer Test beweist eine Ursache. Bei der Haarmineralanalyse wurde eine geteilte Haarprobe an sechs Labore geschickt: Bei zwölf Mineralien lag zwischen höchstem und niedrigstem Wert mehr als der Faktor 10, und fast jedes Mineral wurde je nach Labor als hoch, normal oder niedrig eingestuft. DOI: 10.1001/jama.285.1.67. Mykotoxine im Urin sind in Biomonitoring-Kollektiven sehr häufig nachweisbar, in einer Kohorte in Bangladesch waren nur 4 Prozent der Proben komplett negativ. DOI: 10.1007/s00204-022-03288-0. Ein positiver Befund allein erklärt deshalb keine Beschwerden.

Warum hat meine Frauenärztin oder mein Frauenarzt danach nicht gesucht?

Weil Leitlinien nur empfehlen, wofür es Studien mit geprüften Konsequenzen gibt. Für eine Umweltdiagnostik bei hormonellen Beschwerden fehlt genau das: Es gibt keine Interventionsstudie, die zeigt, dass eine solche Diagnostik den Verlauf verändert. Die internationale PCOS-Leitlinie von 2023 mit 254 Empfehlungen führt Umweltfaktoren deshalb nicht in der Basisdiagnostik. DOI: 10.1093/humrep/dead156. Das ist kein Versäumnis, sondern die Methode, nach der Leitlinien gebaut werden. Dazu kommen Ausbildungsschwerpunkte und knappe Zeitbudgets in der Regelversorgung. Die gynäkologische Abklärung bleibt die Grundlage, die Umweltperspektive kommt obendrauf.

Sind sich die Behörden bei Bisphenol A einig?

Nein, und das ist die ehrlichste Nachricht dieses Themas. Die EFSA leitete im April 2023 eine neue tolerierbare tägliche Aufnahmemenge von 0,2 Nanogramm pro Kilogramm Körpergewicht ab, eine Absenkung um den Faktor 20.000 gegenüber dem vorläufigen Wert von 2015, ausschlaggebend waren immunologische Endpunkte. DOI: 10.2903/j.efsa.2023.6857. Das Bundesinstitut für Risikobewertung trägt diese Ableitung nicht mit, nennt methodische und wissenschaftliche Inkonsistenzen und kommt auf einen um den Faktor 1000 höheren Richtwert. Zwischen den beteiligten Behörden wurde ein Divergenzverfahren geführt.

Was mache ich, wenn mich das Thema in einen Kontrollzwang zieht?

Dann ist das ein Signal, das ernst genommen gehört. Umweltthemen haben eine Eigenschaft, die sie gefährlich machen kann: Sie sind nie fertig. Es gibt immer noch eine Verpackung, noch ein Möbelstück, noch einen Test. Wenn das Vermeiden anfängt, den Alltag, das Essen oder die Beziehungen zu bestimmen, ist der Preis höher als der mögliche Nutzen. Sinnvoll ist dann, die Maßnahmen auf wenige, risikoarme und dauerhaft machbare Punkte zu begrenzen und die Aufmerksamkeit zurück auf Schlaf, Bewegung und Ernährung zu holen. Wer merkt, dass das Essen selbst eng wird, findet unter Essstörungen verstehen: Körper und Psyche einen Text dazu.

Wo dieser Artikel an den Rest des Clusters andockt

Dieser Text ist die Landkarte. Die einzelnen Länder darauf haben eigene Artikel, weil sie eigene Datenlagen und eigene Praxisfragen haben. Je nachdem, wo du gerade stehst, führt einer dieser Wege weiter.

Du willst zuerst den Überblick
Hormonelle Dysbalance bei der Frau

Der große Zusammenhang, aus dem dieser Artikel ein einzelnes Kapitel vertieft.

Du fragst dich, was im Alltag zu ändern wäre
Xenoöstrogene im Alltag

Die praktische Seite der Hormonstörer, mit konkreten Quellen und ohne Dramatik.

Dich interessiert das bestbelegte Mykoöstrogen
Zearalenon und Hormone

Zearalenon im Detail, mit der Datenlage und den Grenzen der Übertragung.

Du weißt nicht, was Mykotoxine überhaupt sind
Mykotoxine: die Grundlagen

Die Basis, ohne die der Rest dieses Themas schwer einzuordnen ist.

Bei dir gab es einen Wasserschaden
Schimmel-Symptome im Überblick

Welche Beschwerden überhaupt zu einer Schimmelbelastung passen und welche nicht.

Du siehst Schimmel an der Wand
Schimmel in der Wohnung

Was bei sichtbarem Befall der Reihe nach zu tun ist, bevor du an Labore denkst.

Du überlegst, auf Metalle zu testen
Schwermetalle im Blut oder Urin

Was Blut und Urin jeweils zeigen, was sie nicht zeigen und wann sich das lohnt.

Dir wurde eine Haarmineralanalyse angeboten
Haarmineralanalyse: sinnvoll?

Warum dieser Test für individuelle Fragen nach heutigem Stand nicht taugt.

Du willst wissen, welcher Test wann passt
Hormone testen: welcher Test wann

Zeitpunkt und Aussagekraft der Standardwerte, verständlich sortiert.

Bei dir steht Dauerstress im Vordergrund
Cortisol, Stress und weibliche Hormone

Der häufigste nicht umweltbedingte Grund für einen entgleisten Zyklus.

Du willst den Abbau verstehen
Östrogenabbau über die Leber

Die vierte Ebene des Rasters, ausführlich und mit den Grenzen der Belege.

Dein Blutzucker ist ein Thema
Insulinresistenz und Hormone

Warum SHBG, Blutzucker und Zyklus näher beieinanderliegen, als es aussieht.

Wenn du beim Stoff selbst nachlesen willst
Bisphenol A und deine Hormone

Der Stoff aus Dose und Kassenbon, die Neubewertung der EFSA von 2023 und was BPA-frei bedeutet und was nicht.

Wenn es um Weichmacher geht
Phthalate: die Weichmacher

Warum Phthalate eher das Testosteron betreffen als das Östrogen, und wo sie im Alltag herkommen.

Wenn du Trinkwasser und Pfanne einordnen willst
PFAS: die Ewigkeitschemikalien

Warum die Ewigkeitschemikalien jahrelang im Körper bleiben und wo individuelle Vermeidung an ihre Grenze kommt.

Wenn du morgens ins Badezimmerregal schaust
Hormonstörer in der Kosmetik

Parabene, UV-Filter und Duftstoffe, sortiert nach dem, was belegt ist und was nur laut ist.

Wenn dich die Endometriose-Spur interessiert
Dioxine, PCB und Endometriose

Die Affenstudie von 1993, die Seveso-Kohorte und was daraus für heute folgt und was nicht.

Wenn Metalle im Raum stehen
Schwermetalle und weibliche Hormone

Cadmium als Metalloöstrogen, Blei und der Knochenspeicher, und was Blut, Urin und Haaranalyse jeweils zeigen.

SJ

Shukri Jarmoukli

Arzt · Tätigkeitsschwerpunkt Integrative Medizin · ViveCura Berlin

Ich arbeite in meiner Privatpraxis an der Schnittstelle von klassischer Medizin, funktioneller Medizin und Klinischer Psychoneuroimmunologie. Bei hormonellen Beschwerden interessiert mich weniger, welcher Wert im Referenzbereich liegt, sondern welche Frage nach der Abklärung offen geblieben ist.

Bei Umweltthemen bin ich absichtlich zurückhaltender, als man es von einer integrativen Praxis erwarten würde. Die Mechanismen sind stark, die Humandaten sind es oft nicht, und kein Test beweist im Einzelfall eine Ursache. Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Beratung und keine gynäkologische Abklärung. Er soll dir helfen, beim nächsten Termin bessere Fragen zu stellen.

ViveCura, Privatpraxis Shukri Jarmoukli, Skalitzer Straße 137, 10999 Berlin

Wissenschaftliche Quellen

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  2. Diamanti-Kandarakis E, Bourguignon JP, Giudice LC et al. Endocrine-disrupting chemicals: an Endocrine Society scientific statement. Endocr Rev. 2009;30(4):293-342. PMID: 19502515 · DOI: 10.1210/er.2009-0002 [Review, Leitlinie]
  3. Vandenberg LN, Colborn T, Hayes TB et al. Hormones and endocrine-disrupting chemicals: low-dose effects and nonmonotonic dose responses. Endocr Rev. 2012;33(3):378-455. PMID: 22419778 · DOI: 10.1210/er.2011-1050 [Review, Zellkultur und Tiermodell und Epidemiologie]
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  8. Rier SE, Turner WE, Martin DC, Morris R, Lucier GW, Clark GC. Serum levels of TCDD and dioxin-like chemicals in Rhesus monkeys chronically exposed to dioxin: correlation of increased serum PCB levels with endometriosis. Toxicol Sci. 2001;59(1):147-59. PMID: 11134554 · DOI: 10.1093/toxsci/59.1.147 [In vivo, Primatenmodell]
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  10. Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR). Stellungnahme Nr. 018/2023 vom 19. April 2023: Bisphenol A. BfR, Berlin. bfr.bund.de [Behördendokument, Gegenposition]
  11. EFSA Panel on Contaminants in the Food Chain (CONTAM). Scientific Opinion on the risks for public health related to the presence of zearalenone in food. EFSA Journal. 2011;9(6):2197. DOI: 10.2903/j.efsa.2011.2197 [Behördendokument, Leitlinie]
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  28. Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften. S2k-Leitlinie Diagnostik und Therapie der Endometriose. AWMF-Registernummer 015-045, Langfassung Version 5.1, Stand 01.04.2025, gültig bis 31.03.2030. AWMF-Register [Leitlinie]
  29. Gordon CM, Ackerman KE, Berga SL et al. Functional Hypothalamic Amenorrhea: An Endocrine Society Clinical Practice Guideline. J Clin Endocrinol Metab. 2017;102(5):1413-1439. PMID: 28368518 · DOI: 10.1210/jc.2017-00131 [Consensus Guideline, Leitlinie]
Transparenz zur Evidenz: was belegt ist, was plausibel ist und was offen bleibt
  1. Belegt durch Fachgesellschafts-Statements und Behördenbewertungen. Dass endokrin wirksame Substanzen über Rezeptoren, steroidbildende Enzyme und weitere Wege eingreifen können, ist von der Endocrine Society zweimal ausführlich zusammengetragen worden. Dass Zearalenon östrogen wirksam ist, ist von der EFSA als kritischer Endpunkt bewertet worden. Das ist der belastbarste Teil dieses Artikels.
  2. Belegt am Menschen, aber mit kleinen Effekten. Die Zusammenhänge zwischen Bisphenol A beziehungsweise einem Phthalat-Abbauprodukt und der Lutealphase lagen unter einem Tag. Wer daraus eine Erklärung für starke Beschwerden macht, überdehnt die Daten.
  3. Methodisch am besten abgesichert ist die PFAS-Kohorte. Sie ist prospektiv und berücksichtigt, dass PFAS-Werte nach der Menopause steigen. Auch sie zeigt einen Zusammenhang und keine bewiesene Ursache im Einzelfall.
  4. Beim Thema Schimmel endet die Humanevidenz früh. Die systematische Übersicht zu Fusarium-Mykoöstrogenen fand 104 Zell- und Tierstudien und keine einzige epidemiologische Studie, die die Einschlusskriterien erfüllte. Mechanistisch gut belegt, Humanstudien fehlen bislang.
  5. Wohnungsschimmel und Hormonstörung ist eine Ableitung. Die WHO-Leitlinie nennt Atemwege und Immunsystem, nicht den Hormonhaushalt. Der Schritt von der Immunbelastung zur Zykluszentrale ist mechanistisch plausibel und beim Menschen für diesen Weg nicht direkt gezeigt.
  6. Bei Cadmium ist die Lage ungleich. Im Tiermodell klar, beim Menschen bislang nur Zusammenhänge ohne Richtung, weil die verfügbaren Humandaten Querschnitte sind.
  7. Bei Blei zeigte sich im niedrigen Belastungsbereich kein Zusammenhang mit der Zeit bis zur Schwangerschaft. Dieser Null-Befund steht bewusst hier, weil das Kapitel sonst einseitig wäre.
  8. Beim Entzündungsthema ist die Richtung offen. Der Zusammenhang zwischen CRP über 10 Milligramm pro Liter und langen Zyklen ist am Menschen gezeigt. Gleichzeitig schwankt CRP selbst mit dem Zyklus und fällt mit steigendem Estradiol. Ein Zusammenhang, dessen Richtung offen ist.
  9. Das Schafmodell ist eine Übertragung. Es arbeitet mit akuter Endotoxin-Gabe, nicht mit chronischer stiller Entzündung. Die Übertragung auf den menschlichen Alltag ist eine Annahme, keine Messung.
  10. Die Dioxin-Beobachtung bei Rhesusaffen ist historisch wichtig und sehr klein. Sieben Tiere pro Gruppe, eine Kontrollgruppe bereits bei 33 Prozent, ein Tiermodell. Dazu kommt, dass dieselbe Arbeitsgruppe 2001 erhöhte PCB-Werte bei den belasteten Tieren zeigte, die Wirkung lässt sich also nicht dem Dioxin allein zuordnen. Sie begründet eine Frage.
  11. Die Tests sind der schwächste Teil des Feldes. Die Haarmineralanalyse ist als Werkzeug für individuelle Fragen nicht brauchbar. Ein positiver Mykotoxin-Urinbefund allein erklärt keine Beschwerden, weil er in Biomonitoring-Kollektiven sehr häufig vorkommt. Die Zahlen aus Bangladesch sind nicht eins zu eins auf Deutschland übertragbar.
  12. Die Leitlinien führen Umweltdiagnostik nicht als Routine. Das liegt daran, dass die entscheidende Interventionsstudie fehlt, und nicht daran, dass die Mechanismen bestritten würden. Diese Zurückhaltung wird hier erklärt und nicht bestritten.
  13. Was ich aus meiner Sprechstunde beschreibe, ist als Beobachtung gekennzeichnet und kein Studienergebnis. Das betrifft die Reihenfolge meines Vorgehens und meine Erfahrung mit Vermeidungsspiralen.
  14. Was hier bewusst nicht steht. Keine Dosierungsempfehlung, kein Ausleitungsprotokoll, keine Produkt- oder Laborempfehlung, keine Preise und kein Rat, eine bestehende Medikation zu verändern, zu reduzieren oder abzusetzen. Das gilt ausdrücklich für die Pille, Hormonersatztherapie, Metformin, Antiandrogene, GnRH-Analoga und Schilddrüsenhormone. Jede Anpassung gehört ärztlich begleitet. Aus keinem Abschnitt folgt, dass eine empfohlene Abklärung, eine indizierte Operation oder eine Kinderwunschbehandlung ausgelassen oder verschoben werden sollte.

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