Ratgeber Hormone · Weichmacher und Androgene

Phthalate: die Weichmacher, die eher Testosteron als Östrogen betreffen

In vielen deutschsprachigen Texten stehen Phthalate unter Xenoöstrogene. Die Literatur trägt das so nicht. Ihre am besten belegte Wirkrichtung ist antiandrogen, und sie läuft über die Testosteronbildung, nicht über den Rezeptor.

SJ
Shukri Jarmoukli · Arzt · Privatpraxis ViveCura Berlin
Antiandrogen statt östrogen Ratte gegen Mensch Fett, Duft, Staub 30 wissenschaftliche Quellen
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Warum ich das schreibe

Ich schicke diesen Text Patientinnen und Patienten nach der Sprechstunde, weil im Netz eine Verwechslung steht, die ich sonst jedes Mal von Hand auseinandernehmen muss. Phthalate sind keine klassischen Xenoöstrogene. Ihre bestbelegte Wirkrichtung ist antiandrogen, und das verschiebt alles: wer betroffen ist, wann es zählt und wo im Alltag es sich lohnt, genauer hinzuschauen.

Du gibst abends drei Wörter ein. Weichmacher, Hormone, Plastik. Die erste Seite sagt dir, Phthalate ahmen Östrogen nach. Die zweite sagt dasselbe. Die dritte auch.

Danach schaust du in dein Badezimmer und rechnest zusammen, was du in den letzten Jahren so benutzt hast. Am nächsten Morgen fühlt sich die Frischhaltefolie anders an.

Viele Menschen kennen dieses Muster. Nicht die Sorge ist das Problem, sondern dass sie in die falsche Richtung zeigt.

Denn die Einordnung, die dort steht, hält der Literatur nicht stand. Und das ist keine Kleinigkeit. Sie entscheidet darüber, wer sich zu Recht angesprochen fühlt, in welcher Lebensphase es zählt und welche vier oder fünf Handgriffe im Alltag überhaupt etwas bewegen können.

Deshalb fange ich nicht mit einer Warnung an. Ich fange mit einer Unterscheidung an.

Was dich hier erwartet

  • Warum Phthalate keine klassischen Östrogen-Nachahmer sind
  • Kurzkettig gegen langkettig: DEHP, DBP, BBP, DINP, DIDP
  • Das Phthalat-Syndrom der Ratte und wo seine Grenze liegt
  • Der anogenitale Abstand und die Kontroverse dazu
  • Warum menschliches fetales Hodengewebe anders reagierte
  • Was am Menschen beobachtet wurde, Studie für Studie
  • Der Fett-Pfad, der auf kaum einer Seite steht
  • Hausstaub und Haut als unterschätzter Weg
  • EFSA, REACH und warum Behörden so vorsichtig formulieren
  • Drei Ernährungsversuche mit drei verschiedenen Ergebnissen
  • Die deutsche Zeitreihe und was an die Stelle getreten ist
  • Vier Hebel, und ein Absatz gegen den Kontrollzwang
Intervention am Menschen, mit oder ohne Randomisierung Beobachtung Kohorte, Querschnitt, Biomonitoring Tiermodell Ratte, Maus, Transplantat Gewebe und Zelle Organkultur, Zelllinie
Was nicht in einen Umweltartikel gehört, sondern zeitnah ärztlich abgeklärt wird

Umweltfaktoren sind ein Thema für die Suche nach Ursachen. Sie sind kein Thema für Situationen, die schnell gehören:

  • Hodenhochstand oder eine Fehlanlage der Harnröhrenmündung beim Neugeborenen
  • Eine Pubertät, die deutlich zu früh beginnt oder ausbleibt
  • Ein unerfüllter Kinderwunsch über zwölf Monate, bei Frauen über 35 Jahren früher
  • Blutungen nach der Menopause, sehr starke oder plötzlich veränderte Blutungen
  • Akuter einseitiger Unterbauchschmerz, Schmerzen mit Fieber
  • Ungewollter Gewichtsverlust, Sehstörungen, Kopfschmerzen mit Milchfluss
  • Vermännlichungszeichen mit schnellem Verlauf, etwa Stimmbruch oder starker Haarwuchs

Das gehört in gynäkologische, andrologische oder kinderärztliche Hände, und zwar bevor irgendjemand über Verpackungen nachdenkt.

Der häufigste Denkfehler: Phthalate sind keine klassischen Xenoöstrogene

Stell dir zwei Arten vor, ein Hormonsystem durcheinanderzubringen.

Die erste Art ist eine Fälschung. Ein Molekül sieht dem Östrogen ähnlich genug, um an dessen Rezeptor anzudocken. Es ist ein Nachschlüssel im Schloss. Das Schloss geht auf, obwohl der richtige Schlüssel gar nicht da war. Genau das tun die klassischen Xenoöstrogene.

Die zweite Art ist ein Eingriff in die Fabrik. Kein Nachschlüssel, kein Schloss. Stattdessen wird die Produktion gedrosselt. Der Rezeptor bleibt unangetastet, aber es kommt weniger Hormon bei ihm an. Genau das beschreibt die Literatur für Phthalate, und zwar für Testosteron.

Tiermodell, Ratte, in utero Die Arbeit, die den Mechanismus festgelegt hat

Ein Team der US-Umweltbehörde um Parks gab trächtigen Ratten DEHP in einer hohen Dosis und schaute den männlichen Nachkommen bei der Geschlechtsentwicklung zu.

Die Testosteronproduktion sank, der anogenitale Abstand war bei den männlichen Nachkommen um 36 Prozent reduziert, bei den weiblichen nicht. Und der entscheidende Nebenbefund: weder DEHP noch sein Metabolit MEHP zeigten bis 10 Mikromol eine Bindung an den menschlichen Androgenrezeptor.

Für dich heißt das: hier blockiert nichts einen Rezeptor. Hier wird die Hormonbildung selbst heruntergefahren. Das ist ein anderer Mechanismus als beim Östrogen-Nachahmer, und deshalb ist die verbreitete Einsortierung ungenau.

Parks LG, Ostby JS, Lambright CR et al. Toxicol Sci. 2000;58(2):339-349. PMID: 11099646 · DOI: 10.1093/toxsci/58.2.339 [In vivo, Ratte, in utero]

Warum hält sich die Verwechslung dann so hartnäckig?

Weil Hormonstörer ein Sammelbegriff ist und kein Mechanismus. Unter endokrine Disruptoren fällt alles, was irgendwo in die Hormonachsen eingreift. Die Angriffspunkte sind völlig verschieden. Manche Stoffe binden an Rezeptoren. Manche verändern den Abbau in der Leber. Manche greifen in die Synthese ein. Wenn ein Ratgebertext die Gruppe als Ganzes beschreibt und dabei das bekannteste Beispiel vor Augen hat, wird aus dem Sonderfall aus Versehen die Regel.

Es gibt einen zweiten Grund. Bisphenol A ist der Prototyp des Östrogen-Nachahmers und wird in denselben Zusammenhängen genannt, weil beide Substanzen aus Kunststoff kommen. Aus Nachbarschaft in der Verpackung wird dann Nachbarschaft im Mechanismus. Chemisch ist das nicht haltbar.

Und es gibt einen dritten Grund, der ehrlicherweise dazugehört: ein Körnchen Laborbefund, aus dem im Netz eine Substanzklasse gemacht wurde.

Zellstudie, Hefe-Screen und Zelllinie Der Kern, der stimmt, und wie klein er ist

Eine Gruppe um Harris an der Brunel University prüfte eine größere Zahl von Phthalaten in einem rekombinanten Hefe-Testsystem auf östrogene Aktivität und zusätzlich an östrogenempfindlichen menschlichen Brustkrebszellen.

Einige Phthalate zeigten dabei tatsächlich eine sehr schwache östrogene Aktivität, in der Reihenfolge BBP vor DBP vor DIBP vor DEP vor DINP. Die Wirkstärke lag etwa eine Million bis fünfzig Millionen Mal unter der von Estradiol. DEHP zeigte in diesen Tests gar keine östrogene Aktivität. Und die geprüften Monoester-Metaboliten, also genau die Formen, die im menschlichen Körper zirkulieren, waren durchweg inaktiv.

Für dich heißt das: die Behauptung ist nicht frei erfunden, aber sie ist aus dem Maßstab gerissen. Ein Zellversuch mit millionenfach schwächerer Wirkung als das körpereigene Hormon trägt keine Aussage über deinen Hormonhaushalt. Die Autoren schreiben im selben Abstract, dass zum damaligen Zeitpunkt keine Daten dazu vorlagen, ob sich das im lebenden Organismus überhaupt zeigt.

Harris CA, Henttu P, Parker MG, Sumpter JP. Environ Health Perspect. 1997;105(8):802-811. PMID: 9347895 · DOI: 10.1289/ehp.97105802 [In vitro, Hefe-Screen und Zelllinie]

Wenn du den großen Überblick über die Stoffe suchst, die tatsächlich am Östrogenrezeptor ansetzen, findest du ihn im Beitrag über Xenoöstrogene im Alltag. Für Männer gibt es dazu eine eigene Variante unter Xenoöstrogene beim Mann. Hier bleibe ich bei der Substanzgruppe, die dort systematisch falsch einsortiert wird.

Reframe

Die Frage lautet nicht: sind Phthalate gefährlich oder nicht. Die Frage lautet: in welche Richtung greifen sie ein, und wann ist das System dafür empfindlich?

Für Phthalate gibt die Literatur darauf eine ziemlich klare Antwort. Die Richtung ist antiandrogen. Und die empfindlichste Phase ist nicht der Zyklus einer erwachsenen Frau, sondern ein kurzes Fenster in der Schwangerschaft, in dem sich die männliche Anlage ausbildet.

Das ist der Grund, warum ich bei einer Frau mit Zyklusbeschwerden nicht als Erstes an Weichmacher denke, und warum ich bei einem Kinderwunschpaar sehr wohl danach frage.

Und jetzt weißt du, warum dieser Artikel überhaupt nötig ist. Nicht weil das Thema unterschätzt würde. Sondern weil es an der falschen Stelle überschätzt und an der richtigen Stelle übersehen wird.

Was Phthalate sind, und warum es die eine Substanz nicht gibt

Nimm einen Duschvorhang in die Hand, der zehn Jahre alt ist. Er ist steif geworden, an den Kanten brüchig, und er riecht nicht mehr.

Das ist keine Alterung im übertragenen Sinn. Das ist Physik. Der Weichmacher ist weg.

Reines PVC ist ein harter, spröder Kunststoff. Damit daraus ein Duschvorhang, ein Bodenbelag oder ein Infusionsschlauch werden kann, mischt man Moleküle dazwischen, die sich zwischen die Polymerketten schieben und sie gegeneinander gleiten lassen. Diese Moleküle sind nicht chemisch angebunden. Sie liegen im Kunststoff wie Wasser in einem Schwamm.

Genau das ist der Grund, warum sie den Kunststoff verlassen. Sie gasen in die Raumluft aus. Sie wandern in Fett. Sie sammeln sich im Hausstaub. Und sie kommen über die Haut, über die Atemluft und über das Essen in den Körper.

Der zweite Einsatzbereich hat mit PVC gar nichts zu tun. In Kosmetik dienen kurzkettige Phthalate als Lösungsmittel und als Duftfixierer. Sie halten den Duft länger auf der Haut. Deshalb kommt in einem Artikel über Weichmacher plötzlich Parfüm vor, was auf den ersten Blick unlogisch wirken kann.

Kurzkettig, mittelkettig, langkettig

Die Stoffgruppe heißt Phthalsäureester. Chemisch unterscheiden sich die einzelnen Vertreter durch die Länge der angehängten Alkoholketten. Diese Kettenlänge entscheidet über fast alles: über die Verwendung, über die Aufnahmewege und über die toxikologische Bewertung.

Die Leitsubstanzen und ihre Urinmarker. Die Einstufung der Evidenz stammt aus der systematischen Übersicht von Radke und Kolleginnen und Kollegen zu männlichen reproduktiven Endpunkten (Radke 2018), die Gruppenbildung aus der EFSA-Bewertung 2019.
SubstanzTypische VerwendungUrinmarkerEvidenz antiandrogen
DEP
Diethylphthalat
Duftfixierer, Lösungsmittel in KosmetikMEPschwach
DBP
Dibutylphthalat
Lacke, Klebstoffe, Nagellack, BeschichtungenMBP, MnBProbust
DIBP
Diisobutylphthalat
Ersatz für DBP in ähnlichen AnwendungenMiBPschwach
BBP
Butylbenzylphthalat
Bodenbeläge, Kunstleder, DichtmassenMBzPmoderat
DEHP
Di-2-ethylhexylphthalat
Weich-PVC aller Art, Medizinprodukte, FolienMEHP, MEHHP, MEOHP, MECPProbust
DINP
Diisononylphthalat
Häufigster DEHP-Ersatz in Weich-PVCMHINP, MCIOPmoderat
DIDP
Diisodecylphthalat
Kabelummantelung, hitzebeständiges Weich-PVCMCINPgetrennt bewertet, Lebereffekte

Warum man Metaboliten misst und nicht die Substanz

Phthalate bleiben nicht lange. Der Körper spaltet sie schnell zu Monoestern auf, oxidiert sie weiter und scheidet sie über den Urin aus. Die Halbwertszeiten liegen im Bereich von Stunden bis wenigen Tagen.

Das ist eine gute und eine unbequeme Nachricht zugleich.

Gut ist: es gibt kein Depot. Anders als bei Schwermetallen oder bei den langlebigen PFAS füllt sich kein Speicher über Jahrzehnte. Wenn die Zufuhr aufhört, sinken die Werte innerhalb von Tagen.

Unbequem ist: eine einzelne Urinprobe sagt dir im Wesentlichen etwas über die letzten ein bis zwei Tage. Sie ist eine Momentaufnahme, keine Lebensbilanz. Genau deshalb arbeiten die guten Studien mit wiederholten Proben, und genau deshalb bin ich bei einer einzelnen kommerziellen Phthalatmessung zurückhaltend. Was bei Hormondiagnostik überhaupt aussagekräftig ist und was nicht, habe ich im Beitrag über Hormontests bei Frauen ausführlicher aufgeschrieben.

Reframe

Die verbreitete Vorstellung lautet: Gift sammelt sich an, und irgendwann ist das Fass voll.

Bei Phthalaten trifft dieses Bild nicht zu. Hier gibt es kein Fass. Es gibt einen Wasserhahn, der jeden Tag ein bisschen laufen lässt. Was zählt, ist nicht die Summe der letzten Jahre, sondern die tägliche Nachlieferung in einer empfindlichen Phase.

Das entlastet und schärft zugleich. Es entlastet, weil vergangene Jahre sich nicht als Altlast fortschreiben. Es schärft, weil es die Aufmerksamkeit dorthin lenkt, wo sie hingehört: auf Schwangerschaft, Stillzeit und die ersten Lebensjahre.

Und jetzt weißt du, warum ein Artikel über Phthalate nie über einen einzigen Stoff sprechen kann. DEP im Parfüm und DEHP in der Fettleitung einer Molkerei haben denselben Nachnamen und ein sehr unterschiedliches Risikoprofil.

Das Phthalat-Syndrom: was die Rattenversuche zeigen und wo ihre Grenze liegt

Es gibt in der Toxikologie einen Begriff, der in Ratgebertexten fast immer ohne Fußnote auftaucht: das Phthalat-Syndrom.

Er klingt nach einer Diagnose. Er ist keine. Er ist die Beschreibung eines Befundmusters bei männlichen Rattennachkommen.

Tiermodell, Übersicht der Nagerdaten Woher der Begriff kommt

Foster fasste am US-amerikanischen Institut für Umweltgesundheitswissenschaften zusammen, was DBP, DEHP und BBP bei Ratten anrichten, wenn die Muttertiere sie während der Trächtigkeit bekommen.

Das Muster umfasst Fehlbildungen an Nebenhoden, Samenleiter, Samenblasen und Prostata, dazu Hypospadie, Hodenhochstand, Hodenschäden, zurückbleibende Brustwarzenanlagen und einen verkürzten anogenitalen Abstand. Ursache ist eine deutliche Senkung der fetalen Testosteronproduktion im kritischen Entwicklungsfenster, dazu eine Herunterregulation von Insl3, was den Hodenhochstand erklären kann.

Für dich heißt das: das Muster ist real und gut reproduziert. Foster schreibt aber selbst, dass Parallelen zum menschlichen testikulären Dysgenesie-Syndrom bestehen, ohne dass für den Menschen eine Ursache-Wirkungs-Beziehung belegt wäre.

Foster PMD. Int J Androl. 2006;29(1):140-147. PMID: 16102138 · DOI: 10.1111/j.1365-2605.2005.00563.x [Übersichtsarbeit, Nagerdaten]
Mechanismus

Warum ein kurzes Zeitfenster in der Schwangerschaft alles entscheidet

  1. In einem eng begrenzten Abschnitt der Schwangerschaft beginnt der fetale Hoden, selbst Testosteron zu produzieren. Die Fachliteratur nennt diesen Abschnitt das androgene Programmierfenster.
  2. Wie viel Testosteron in diesem Fenster da ist, prägt maßgeblich, wie sich Genitale, Nebenhoden, Samenleiter und Prostata anlegen. Es ist eine Bauanleitung, die nur einmal vorgelesen wird.
  3. Phthalate greifen im Rattenmodell genau dort ein. Sie senken die Enzyme und Transportproteine der Steroidsynthese in der Leydig-Zelle, also die Werkzeuge der Fabrik.
  4. Der Androgenrezeptor bleibt dabei unberührt. In der Bindungsuntersuchung zeigte sich bis 10 Mikromol keine Affinität von DEHP oder MEHP zum menschlichen Androgenrezeptor.
  5. Weil die Bauanleitung nur einmal vorgelesen wird, hinterlässt ein Defizit in diesem Fenster im Tiermodell bleibende Strukturmerkmale. Dieselbe Dosis beim ausgewachsenen Tier hat nicht dieselbe Bedeutung.

Wichtig zur Einordnung: die Dosis in der Parks-Arbeit betrug 750 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht und Tag. Die geschätzte Nahrungsaufnahme des Menschen liegt nach EFSA im Mittel bei 0,9 bis 7,2 Mikrogramm pro Kilogramm und Tag. Das sind mehrere Größenordnungen Unterschied, und das gehört in jeden Satz, der diese Studie zitiert.

Ich schreibe das so ausdrücklich, weil in Ratgebertexten regelmäßig der Sprung passiert, der hier nicht erlaubt ist. Aus dem Nagerbefund wird eine Aussage über Jungen. Aus einer Hochdosis wird eine Aussage über Duschvorhänge.

Beides ist eine Überdehnung, und beides schadet dem Thema. Wer übertreibt, macht die berechtigte Sorge unglaubwürdig.

Reframe

Ein Tierversuch beantwortet nicht die Frage, ob ein Stoff dir schadet. Er beantwortet die Frage, ob ein Stoff überhaupt in der Lage ist, in ein bestimmtes System einzugreifen, und wo dieser Eingriff ansetzt.

Diese Information ist wertvoll. Sie sagt dir, wo du beim Menschen suchen musst. Sie sagt dir nicht, was du dort finden wirst.

Genau deshalb geht es im nächsten Abschnitt weiter, und genau deshalb wird es dort unbequem.

Und jetzt weißt du, warum das Wort Phthalat-Syndrom in einem Text über Menschen immer eine Fußnote braucht. Ohne sie wird aus einer sauberen Beobachtung an der Ratte eine unsaubere Behauptung über dein Kind.

Der anogenitale Abstand beim Neugeborenen und die ehrliche Kontroverse

Wenn du bis hierher gelesen hast, wartest du auf die Stelle, an der es um Menschen geht. Hier ist sie. Und sie ist widersprüchlicher, als beide Lager im Netz zugeben.

Der anogenitale Abstand ist ein Maß zwischen After und Genitale. In der Tierforschung ist er seit Jahrzehnten ein Spiegel dafür, wie viel Androgenwirkung im Mutterleib angekommen ist. Er ist bei männlichen Tieren im Mittel etwa doppelt so groß wie bei weiblichen. Deshalb liegt es nahe, ihn auch beim Menschen zu messen.

Beobachtung, Kohorte, n=85 mit Urinprobe Die Arbeit, die das Thema weltweit gestartet hat

Ein Team um Swan maß bei 134 Jungen zwischen 2 und 36 Monaten den anogenitalen Abstand und verknüpfte ihn mit neun Phthalat-Metaboliten aus vorgeburtlichen Urinproben der Mütter.

Vier Metaboliten waren invers mit dem gewichtsadjustierten Index verbunden. Für das oberste gegen das unterste MBP-Quartil lag die Odds Ratio für einen kürzer als erwarteten Index bei 10,2, mit einem Konfidenzintervall von 2,5 bis 42,2.

Für dich heißt das: das Signal ist stark, die Präzision ist es nicht. Ein Konfidenzintervall, das von 2,5 bis über 42 reicht, ist ein Hinweis und kein Maß. Fünfundachtzig Kinder mit vorgeburtlicher Urinprobe sind wenig, und gemessen wurde einmal.

Swan SH, Main KM, Liu F et al. Environ Health Perspect. 2005;113(8):1056-1061. PMID: 16079079 · DOI: 10.1289/ehp.8100 [Kohorte, Neugeborene und Kleinkinder]
Beobachtung, prospektive Multizenter-Kohorte Die größere und sauberere Nachfolge-Untersuchung

In der TIDES-Kohorte wurden Phthalat-Metaboliten im Urin des ersten Schwangerschaftsdrittels bestimmt und mit genitalen Maßen bei Geburt verknüpft, bei 366 Jungen und 373 Mädchen.

Drei DEHP-Metaboliten waren bei den Jungen signifikant invers mit beiden Abstandsmaßen verbunden. Für den anoskrotalen Abstand lagen die Schätzer bei minus 1,12 für MEHP, minus 1,43 für MEOHP und minus 1,28 für MEHHP. Bei den Mädchen fand sich kein Zusammenhang mit irgendeinem Metaboliten.

Für dich heißt das: der Effekt lässt sich in einer großen Kohorte reproduzieren, und er ist klein. Gut ein Millimeter im Mittel, über Hunderte Kinder gerechnet. Die Autorinnen und Autoren nennen selbst als Grenzen, dass nur eine Urinprobe vorlag und dass sich die Zentren deutlich unterschieden.

Swan SH, Sathyanarayana S, Barrett ES et al. Hum Reprod. 2015;30(4):963-972. PMID: 25697839 · DOI: 10.1093/humrep/deu363 [Kohorte, prospektiv, n=753]
Gegenevidenz

Die Richtung stimmt nicht überall

Eine prospektive Kohorte aus South Carolina untersuchte Urin aus dem zweiten Schwangerschaftsdrittel von 380 Müttern und maß danach bei 171 Jungen und 128 Mädchen.

MEHP war invers mit dem anopenilen Abstand verbunden, mit minus 1,57 Millimetern bei einem p-Wert von 0,02. Für die Summe der DBP-Metaboliten war der anoskrotale Abstand dagegen länger, mit plus 0,99 Millimetern bei einem p-Wert von 0,04.

Das ist unbequem, und es gehört genau deshalb hierher. Wenn ein Endpunkt bei einer Substanz in die eine und bei einer anderen in die andere Richtung zeigt, ist das Bild nicht so geschlossen, wie es in Zusammenfassungen klingt.

Wenzel AG, Bloom MS, Butts CD et al. Environ Int. 2018;110:61-70. PMID: 29097052 · DOI: 10.1016/j.envint.2017.10.007 [Kohorte, prospektiv]

Der Punkt, an dem es wirklich unbequem wird

Jetzt kommt der Befund, der in den deutschsprachigen Übersichten, die ich für diesen Text gelesen habe, nicht vorkam. Er ist der wichtigste dieses Abschnitts.

Zwei unabhängige Arbeitsgruppen haben menschliches fetales Hodengewebe in Nagetiere transplantiert und dann Phthalat gegeben. Der Aufbau ist elegant, weil er das menschliche Gewebe in eine lebende Umgebung stellt, statt es in eine Petrischale zu legen.

Humanes fetales Gewebe im Tiermodell Edinburgh, 2012

Eine Gruppe um Mitchell am Zentrum für Reproduktionsmedizin der Universität Edinburgh transplantierte menschliches fetales Hodengewebe aus der 14. bis 20. Schwangerschaftswoche in kastrierte Nacktmäuse und gab den Wirtstieren DBP oder Monobutylphthalat.

Das Serumtestosteron lag bei 0,56 gegen 0,64 Nanogramm pro Milliliter, das Samenblasengewicht bei 67,2 gegen 81,9 Milligramm, in beiden Fällen ohne statistische Signifikanz. Rattengewebe im selben Modell zeigte dagegen eine deutliche Reduktion von Testosteron, Samenblasengewicht und der Expression von Cyp11a1 und StAR.

Für dich heißt das: die Positivkontrolle funktionierte. Das menschliche Gewebe reagierte trotzdem nicht.

Mitchell RT, Childs AJ, Anderson RA et al. J Clin Endocrinol Metab. 2012;97(3):E341-E348. PMID: 22238399 · DOI: 10.1210/jc.2011-2411 [In vivo, Xenotransplantat, n=12]
Humanes fetales Gewebe im Tiermodell Providence, 2012

Eine Gruppe um Heger an der Brown University transplantierte fetales Hodengewebe von Ratte, Maus und Mensch in immundefiziente Nager und gab Phthalat in mehreren Dosisstufen.

In Ratten- und Mausgewebe entstanden mehrkernige Keimzellen, aber nur die Ratte zeigte eine unterdrückte Steroidogenese. Im menschlichen Gewebe entstanden ebenfalls mehrkernige Keimzellen, über den gesamten Dosisbereich fand sich aber keine verminderte Expression der Gene, die die fetale Testosteronbiosynthese steuern.

Für dich heißt das: zweite Arbeitsgruppe, gleiches Ergebnis. Und ein Detail, das keine Seite mitzitiert: die Keimzellen des menschlichen Gewebes veränderten sich sehr wohl. Nicht reagiert hat allein die Hormonachse.

Heger NE, Hall SJ, Sandrof MA et al. Environ Health Perspect. 2012;120(8):1137-1143. PMID: 22511013 · DOI: 10.1289/ehp.1104711 [In vivo, Xenotransplantat]

Wäre das alles, würde ich hier schreiben: das Rattenmodell überträgt sich nicht, Thema erledigt.

Es ist aber nicht alles.

Humanes Gewebe, Organkultur, Erwachsene Rennes, 2012

Eine Gruppe um Desdoits-Lethimonier am französischen Forschungsinstitut INSERM in Rennes kultivierte Explantate erwachsener menschlicher Hoden zusammen mit DEHP oder MEHP, dazu eine menschliche Nebennierenrinden-Zelllinie.

In beiden Modellen sank die Testosteronproduktion signifikant. Der Effekt war spezifisch für die Steroidsynthese: die INSL3-Produktion der Leydig-Zellen, die Inhibin-B-Produktion der Sertoli-Zellen und die Apoptose der Keimzellen blieben unverändert. Die Autorinnen und Autoren ordnen die verwendeten Konzentrationen in einer Größenordnung ein, die den in der Literatur berichteten Expositionen bei Männern entspricht.

Für dich heißt das: der erwachsene menschliche Hoden reagiert im Labor sehr wohl. Das Bild wird dadurch nicht einfacher, sondern differenzierter.

Desdoits-Lethimonier C, Albert O, Le Bizec B et al. Hum Reprod. 2012;27(5):1451-1459. PMID: 22402212 · DOI: 10.1093/humrep/des069 [In vitro, Organkultur und Zelllinie]
Wo die Evidenz gerade steht

Drei Ebenen, drei Antworten

Fetaler Rattenhoden
Deutliche Senkung der Testosteronproduktion, reproduziert über viele Arbeiten. Hohe Dosen.
Fetaler Menschenhoden im Transplantat
Keine Senkung der Steroidogenese in zwei unabhängigen Arbeiten, obwohl die Rattenkontrolle im selben Modell reagierte. Veränderungen an den Keimzellen aber schon.
Erwachsener Menschenhoden in Organkultur
Signifikante Hemmung der Testosteronproduktion, spezifisch für die Steroidsynthese.

Ehrliche Zusammenfassung: die Speziesfrage ist offen. Das Signal in den Kohortendaten lässt sich nicht wegerklären, und die Übertragung des Rattenbefunds auf die menschliche Schwangerschaft lässt sich nicht beweisen. Wer eine dieser beiden Seiten weglässt, macht daraus eine Geschichte statt einer Einordnung.

Bitte nicht nachmessen

Ich schreibe das ausdrücklich, weil ich weiß, wie dieser Abschnitt bei frisch gewordenen Eltern ankommt.

Der anogenitale Abstand ist ein Forschungsmaß für Gruppenvergleiche. Die Unterschiede in den Studien liegen bei etwa einem Millimeter im Mittel über Hunderte von Kindern. Bei einem einzelnen Kind lässt sich daraus nichts ablesen, und die Streuung zwischen gesunden Kindern ist um ein Vielfaches größer als der beschriebene Effekt. Selbst zwischen den Studienzentren der TIDES-Kohorte gab es deutliche Unterschiede in der Messung.

Und der Einwand, der in diesem Feld am meisten wiegt: der anogenitale Abstand ist ein Ersatzmaß. Ob ein Gruppenunterschied von etwa einem Millimeter für ein einzelnes Kind später irgendeine gesundheitliche Bedeutung hat, ist nicht geklärt. Es gibt dafür keine Schwelle, ab der ein Wert als auffällig gilt, und keine Studie, die von diesem Maß aus eine spätere Erkrankung vorhersagt. Deshalb ist der Endpunkt in der Fachwelt umstritten, und deshalb steht er hier mit dieser Einschränkung.

Was tatsächlich zum Kinderarzt gehört, sind sichtbare Befunde: ein nicht getasteter Hoden, eine Fehlanlage der Harnröhrenmündung, eine auffällige Genitalentwicklung. Dafür sind die Vorsorgeuntersuchungen da. Verlass dich aber bitte nicht allein darauf. Ein Hoden kann auch nach einem unauffälligen Erstbefund wieder hochsteigen, und ein Hodenhochstand sollte nach den geltenden Empfehlungen bis zum ersten Geburtstag behandelt sein. Wenn dir zwischen zwei Terminen etwas auffällt, geh damit hin und warte nicht auf die nächste U.

Eine Sache duldet keinen Aufschub. Wenn das Genitale eines Neugeborenen nicht eindeutig zuzuordnen ist, gehört das noch am selben Tag ärztlich abgeklärt. Dahinter kann unter anderem ein adrenogenitales Syndrom stecken, das in den ersten Lebenswochen eine Salzverlustkrise auslösen kann. Kommen bei einem Neugeborenen Trinkschwäche, Erbrechen, Gewichtsverlust oder Teilnahmslosigkeit dazu, ist das ein Notfall. Dann gilt die 112 und nicht der nächste Praxistermin.

Reframe

Ein offener Widerspruch in der Literatur ist kein Zeichen dafür, dass Wissenschaft versagt. Er ist ein Zeichen dafür, dass mehrere Gruppen unabhängig voneinander hingeschaut haben.

Meine Haltung dazu ist unbequem für beide Lager. Ich behandle Phthalate nicht als bewiesene Ursache und nicht als erledigtes Thema. Ich behandle sie als eine plausible, in ihrer Größenordnung begrenzte Einflussgröße, die in bestimmten Lebensphasen mehr Aufmerksamkeit verdient als in anderen.

Das ist weniger griffig als eine Schlagzeile. Es ist aber das, was die Daten hergeben.

Und jetzt weißt du, warum ich in der Sprechstunde bei diesem Thema langsamer spreche als bei anderen. Weil beide Übertreibungen, die Verharmlosung und die Dramatisierung, an derselben Stelle scheitern: an der Speziesfrage.

Was am Menschen beobachtet wurde, Studie für Studie

Bis hierher ging es um Mechanismen. Jetzt geht es um Menschen, und zwar mit dem Design daneben, weil das Design in diesem Feld die halbe Aussage ist.

Es gibt eine Arbeit, die als Dach über allem steht. Sie kommt nicht aus dem Aktivismus und nicht aus der Industrie, sondern aus dem wissenschaftlichen Umfeld der US-Umweltbehörde: zwei der vier Autorinnen und Autoren arbeiten dort, die beiden anderen an den Universitäten Brown und Michigan. Wichtig zur Einordnung: Es ist eine Publikation dieser Fachleute und keine amtliche Stellungnahme der Behörde. Das schreiben sie selbst in die Arbeit hinein.

Systematische Übersicht der Humandaten Die beste verfügbare Gesamteinordnung

Ein Team um Radke durchsuchte systematisch PubMed, Web of Science und Toxline zu sechs Phthalaten und ließ zwei unabhängige Bewertende Verzerrungsrisiko und Sensitivität jeder Einzelstudie beurteilen.

Das Ergebnis ist eine Abstufung statt einer Pauschale: robuste Evidenz für DEHP und DBP, moderate für DINP und BBP, schwache für DIBP und DEP. Für DIBP führen die Autorinnen und Autoren die schwächere Einstufung ausdrücklich auf weniger Studien und niedrigere Expositionen zurück, für DEP dagegen auf die tatsächlich geringere antiandrogene Wirkung im Tierversuch.

Für dich heißt das: nicht alle Phthalate sind gleich, und die Unterschiede haben zwei ganz verschiedene Gründe. Manchmal fehlen Daten, manchmal fehlt der Effekt. Das ist nicht dasselbe.

Radke EG, Braun JM, Meeker JD, Cooper GS. Environ Int. 2018;121(Pt 1):764-793. PMID: 30336412 · DOI: 10.1016/j.envint.2018.07.029 [Systematischer Review, Humandaten]

Testosteron

Hier kursiert im Netz eine einzige Zahl. Zweiundzwanzig Prozent weniger Testosteron, angeblich aus Rochester im Jahr 2007. Ich habe versucht, sie einer konkreten Publikation zuzuordnen, und es ist mir nicht gelungen. Ohne Bezugsgröße und ohne Studiendesign zitiere ich sie nicht. Stattdessen zwei Arbeiten, die ihre eigenen Zahlen mitbringen.

Beobachtung, Querschnitt, bevölkerungsrepräsentativ Der US-Gesundheitssurvey

Meeker und Ferguson werteten den US-Gesundheitssurvey NHANES 2011 bis 2012 aus, 13 Phthalat-Metaboliten im Urin gegen Gesamt-Testosteron im Serum, getrennt nach Geschlecht und Altersgruppe.

Bei Jungen zwischen 6 und 12 Jahren war ein Anstieg der DEHP-Metaboliten um einen Interquartilsabstand mit einer Reduktion des Testosterons um 29 Prozent verbunden, Konfidenzintervall 6 bis 47. Bei erwachsenen Männern fanden sich signifikante oder hinweisende inverse Zusammenhänge nur in der Gruppe zwischen 40 und 60 Jahren.

Für dich heißt das: ein Querschnitt kann keine Richtung beweisen. Niedriges Testosteron und hohe Phthalatwerte können beide aus demselben Lebensstil folgen. Auffällig bleibt trotzdem, dass ausgerechnet die jüngste Altersgruppe den deutlichsten Zusammenhang zeigte.

Meeker JD, Ferguson KK. J Clin Endocrinol Metab. 2014;99(11):4346-4352. PMID: 25121464 · DOI: 10.1210/jc.2014-2555 [Kohorte, Querschnitt NHANES]
Beobachtung, berufliche Hochexposition Die Größenordnung, die im Netz fehlt

Ein Team um Pan verglich 74 Beschäftigte einer Fabrik für PVC-Bodenbelag mit 63 Beschäftigten einer Baufirma, gematcht nach Alter und Rauchstatus.

Die Belastung war extrem: MEHP lag bei 565,7 gegen 5,7 Mikrogramm pro Gramm Kreatinin, also etwa hundertfach. Das freie Testosteron lag bei 8,4 gegen 9,7, mit einem p-Wert von 0,019. Mit steigendem Gesamt-Phthalat-Score sank das freie Testosteron signifikant.

Für dich heißt das: bei einer hundertfachen Belastung war der Unterschied im Testosteron moderat. Diese Relation gehört in jeden Text über Weichmacher, sonst entsteht Panik über die Duschvorhang-Dosis.

Pan G, Hanaoka T, Yoshimura M et al. Environ Health Perspect. 2006;114(11):1643-1648. PMID: 17107847 · DOI: 10.1289/ehp.9016 [Kohorte, Querschnitt, berufliche Exposition]

Ein praktischer Hinweis dazu: Wenn du beruflich mit Weich-PVC, Kunststoffverarbeitung, Lacken oder Klebstoffen zu tun hast, führt der Weg nicht über eine Privatpraxis, sondern über die arbeitsmedizinische Vorsorge. Die Betriebsärztin oder der Betriebsarzt kann die Gefährdungsbeurteilung deines Arbeitsplatzes einsehen, und ein arbeitsmedizinisches Biomonitoring läuft über die zuständige Berufsgenossenschaft. Das ist auch der Weg, auf dem eine berufliche Belastung rechtlich erfasst wird.

Wenn dein Testosteronwert bereits niedrig gemessen wurde, ist Weichmacher nicht die erste Frage. Die häufigeren Gründe stehen im Beitrag über Testosteronmangel beim Mann, und wenn dich der langfristige Bevölkerungstrend interessiert, findest du ihn unter Testosteron sinkt weltweit.

Samenqualität

Hier wird es interessant, weil ausgerechnet die Substanz mit den stärksten Tierdaten nicht auffiel.

Beobachtung, Klinik-Kohorte, n=463 Der Nullbefund, den keiner mitzitiert

Ein Team um Hauser an der Harvard School of Public Health untersuchte 463 männliche Partner subfertiler Paare und verknüpfte Samenparameter mit Phthalat-Metaboliten aus einer Spontanurinprobe.

Für MBP zeigte sich eine Dosis-Wirkungs-Beziehung mit niedriger Spermienkonzentration, Odds Ratios über die Quartile 1,00 zu 3,1 zu 2,5 zu 3,3 mit einem p-Wert für den Trend von 0,04. Für die drei DEHP-Metaboliten fand sich dagegen kein Zusammenhang, ebenso wenig für Monoethyl- und Monomethylphthalat.

Für dich heißt das: wer Phthalate als eine einzige Gruppe behandelt, verliert genau diese Information. DBP fiel auf, DEHP nicht.

Hauser R, Meeker JD, Duty S, Silva MJ, Calafat AM. Epidemiology. 2006;17(6):682-691. PMID: 17003688 · DOI: 10.1097/01.ede.0000235996.89953.d7 [Kohorte, Klinik, subfertile Paare]

Alles Weitere zu Samenqualität, von Hitze über Mikronährstoffe bis zu Untersuchungsintervallen, steht im eigenen Beitrag über Spermienqualität und Fruchtbarkeit. Ich wiederhole es hier nicht.

Schwangerschaftsverlauf

Beobachtung, gepoolte Analyse aus 16 Kohorten Große Fallzahl, kleine Effekte

Ein Team um Welch am US-amerikanischen Institut für Umweltgesundheitswissenschaften poolte Individualdaten aus 16 US-Kohorten mit Geburten zwischen 1983 und 2018.

Bei 6.045 Teilnehmerinnen und 539 Frühgeburten lagen die Odds Ratios pro Interquartilsabstand zwischen 1,12 und 1,16, mit Konfidenzintervallen, die mehrfach die Eins berühren. Eine Modellrechnung schätzte, dass eine hypothetische Senkung der Mischungskonzentration um 50 Prozent bei rund 90 Frühgeburten je 1.000 Lebendgeburten etwa 11,1 Frühgeburten vermeiden könnte.

Für dich heißt das: die zweite Zahl stammt aus einer Modellrechnung mit kausalen Annahmen, und die Autorinnen und Autoren sagen das selbst. Sie ist eine Hochrechnung, kein Messergebnis.

Welch BM, Keil AP, Buckley JP et al. JAMA Pediatr. 2022;176(9):895-905. PMID: 35816333 · DOI: 10.1001/jamapediatrics.2022.2252 [Kohorte, gepoolt, n=6.045]

Kindliche Entwicklung und Stoffwechsel

Zwei Beobachtungslinien laufen neben der Androgenachse her. Ich führe sie als Hinweis, nicht als etablierten Befund.

Beobachtung, Längsschnitt-Kohorte, n=328 Neuroentwicklung

Ein Team um Factor-Litvak an der Columbia University in New York begleitete 328 Mutter-Kind-Paare und testete die Kinder mit sieben Jahren.

Der Gesamt-IQ war invers mit DnBP und DiBP verbunden, mit minus 2,69 Punkten je Log-Einheit für beide Substanzen. Im obersten gegen das unterste Quartil lag der Wert um 6,7 beziehungsweise 7,6 Punkte niedriger.

Für dich heißt das: eine einzelne Kohorte an einem Standort mit starker sozialer Konfundierung. Als Hinweis stark, als Beweis nicht ausreichend.

Factor-Litvak P, Insel B, Calafat AM et al. PLoS One. 2014;9(12):e114003. PMID: 25493564 · DOI: 10.1371/journal.pone.0114003 [Kohorte, Längsschnitt]
Beobachtung, Querschnitt NHANES Bauchumfang und Insulinresistenz

Ein Team um Stahlhut an der Universität Rochester untersuchte erwachsene US-Männer aus NHANES 1999 bis 2002.

Vier Metaboliten waren mit größerem Taillenumfang verbunden und drei mit höherem HOMA-Index. Nach zusätzlicher Adjustierung für Nieren- und Leberfunktion sanken die Schätzer, blieben aber bis auf eine Ausnahme signifikant.

Für dich heißt das: die Richtung ist offen. Übergewicht verändert Ernährung und damit Exposition. Der Zusammenhang kann in beide Richtungen laufen, und deshalb zitiere ich ihn als Hypothese und nicht als Wirkkette.

Stahlhut RW, van Wijngaarden E, Dye TD, Cook S, Swan SH. Environ Health Perspect. 2007;115(6):876-882. PMID: 17589594 · DOI: 10.1289/ehp.9882 [Kohorte, Querschnitt NHANES]

Und was ist mit Frauen?

Diese Frage stellen mir Patientinnen zu Recht, weil der ganze Artikel bis hierher sehr männlich klingt.

Die ehrliche Antwort: für Zyklus, PMS und Östrogendominanz gibt es in diesem Quellenset keine belastbaren Daten zu Phthalaten. Es gibt zwei Linien, und beide sind vorsichtig zu lesen.

Beobachtung, prospektive Klinik-Kohorte, n=215 Ovarielle Reserve

Ein Team um Messerlian an der Harvard T.H. Chan School of Public Health untersuchte 215 Frauen in einem Kinderwunschzentrum und verknüpfte Phthalat-Metaboliten mit dem antralen Follikelcount an Zyklustag drei.

Verglichen mit dem untersten DEHP-Summen-Quartil lag der mittlere Follikelcount im zweiten Quartil um 24 Prozent niedriger, im dritten um 19 und im vierten um 14 Prozent. Absolut: 14,2 Follikel im ersten gegen 10,7 im zweiten Quartil.

Für dich heißt das zweierlei. Erstens ist die Dosis-Wirkungs-Beziehung nicht ansteigend, der stärkste Zusammenhang lag im zweiten Quartil. Zweitens betonen die Autorinnen und Autoren selbst, dass sich das nicht auf Frauen ohne Fertilitätsprobleme übertragen lässt.

Messerlian C, Souter I, Gaskins AJ et al. Hum Reprod. 2016;31(1):75-83. PMID: 26573529 · DOI: 10.1093/humrep/dev292 [Kohorte, prospektiv, Kinderwunschzentrum]

Die zweite Linie ist eine narrative Übersicht zur ovariellen Alterung durch Umweltschadstoffe. Sie beschreibt für persistente und nicht persistente Substanzen ein insgesamt erhöhtes Risiko für eine geringere ovarielle Reserve, unregelmäßige Zyklen und ein früheres Menopausenalter, benennt aber im selben Atemzug inkonsistente Ergebnisse und Unterschiede zwischen Human- und Tierstudien. Ich zitiere sie als Rahmen, nie für eine einzelne Zahl.

Reframe für Frauen

Wenn du als Frau nach Umweltfaktoren hinter Zyklusbeschwerden suchst, sind Phthalate nicht die naheliegendste Spur. Sie greifen in eine Achse ein, die bei dir nicht im Zentrum steht.

Näher liegen zwei andere Richtungen. Die erste sind Substanzen, die tatsächlich am Östrogenrezeptor ansetzen, dazu gehört das Schimmelpilzgift Zearalenon, ein gut belegtes Mykoöstrogen. Wie das zusammenhängt, steht im Beitrag über Zearalenon und Hormone. Die zweite ist die Frage, wie gut dein Körper Östrogen wieder abbaut, dazu findest du mehr unter Östrogen natürlich senken über die Leber.

Und ein Satz, der in jedem Umweltartikel stehen muss: aus alldem folgt nicht, dass jede hormonelle Störung eine Umweltursache hat.

Und jetzt weißt du, warum ich in der Anamnese unterschiedlich frage, je nachdem, wer vor mir sitzt. Nicht weil Männer und Frauen verschieden viel Plastik im Alltag haben, sondern weil die Achse, in die Phthalate eingreifen, bei beiden eine andere Rolle spielt.

Woher es kommt: Fett, Duft, Boden, Staub, Klinik

Die meisten Ratgeber fangen hier an. Ich fange hier erst an, weil die Frage nach der Quelle erst dann sinnvoll ist, wenn klar ist, welche Substanz überhaupt zählt.

Und es gibt einen Pfad, der in deutschen Texten fast nie vorkommt, obwohl er der wichtigste ist.

Fett ist der Träger

Phthalate sind fettliebend. Sie wandern dorthin, wo Fett ist. Und weil in der Lebensmittelverarbeitung an vielen Stellen Fett durch Schläuche, über Dichtungen und durch Förderbänder aus Weich-PVC geht, entsteht die Belastung häufig nicht erst in der Verkaufsverpackung, sondern lange davor.

Übersicht, Lebensmittelmonitoring und Epidemiologie Der Fett-Pfad in Zahlen

Ein Team um Serrano sichtete 17 Studien mit Phthalat-Messungen in Lebensmitteln, drei epidemiologische Assoziationsstudien und drei Interventionen.

Konsistent hohe DEHP-Konzentrationen ab 300 Mikrogramm pro Kilogramm fanden sich in Geflügel, Speiseölen und sahnehaltigen Milchprodukten. DEP lag in allen Lebensmittelgruppen unter 50 Mikrogramm pro Kilogramm. Die geschätzte DEHP-Aufnahme bei typischer Ernährung lag bei 5,7 Mikrogramm pro Kilogramm und Tag bei Frauen im gebärfähigen Alter, bei 8,1 bei Jugendlichen und bei 42,1 bei Säuglingen. Eine Ernährung mit viel Fleisch und Milchprodukten verdoppelte die Aufnahme, Milchprodukte waren der größte Einzelbeitrag.

Für dich heißt das: der entscheidende Hebel ist nicht Plastik allgemein, sondern die Kombination aus Fett und Weich-PVC. Genau deshalb bringt es wenig, eine trockene Nudelpackung zu ersetzen, und mehr, heißes Fett nicht in Plastik zu füllen.

Serrano SE, Braun J, Trasande L, Dills R, Sathyanarayana S. Environ Health. 2014;13(1):43. PMID: 24894065 · DOI: 10.1186/1476-069X-13-43 [Übersichtsarbeit, Lebensmittelmonitoring]

Duft ist der zweite Hebel

Beobachtung, Querschnitt mit Fragebogen, n=406 Was Duftprodukte im Urin verändern

Ein Team um Duty an der Harvard School of Public Health befragte 406 Männer zur Nutzung von Kölnisch Wasser, Rasierwasser, Lotionen, Haarprodukten und Deodorants und maß gleichzeitig Phthalat-Monoester im Urin.

Wer in den 48 Stunden davor Kölnisch Wasser oder Rasierwasser benutzt hatte, hatte MEP-Medianwerte von 265 beziehungsweise 266 Nanogramm pro Milliliter gegenüber 108 beziehungsweise 133 bei Nichtnutzern. Je zusätzlich genutztem Produkttyp stieg MEP um 33 Prozent. Lotion-Nutzung war umgekehrt mit niedrigeren Werten von MBP, MBzP und MEHP verbunden.

Für dich heißt das: Duftprodukte sind der klarste Einzelhebel für DEP. Aus derselben Untersuchung folgt aber auch, dass sich daraus keine Regel für alle Kosmetik ableiten lässt, denn bei Lotionen zeigte sich die Gegenrichtung.

Duty SM, Ackerman RM, Calafat AM, Hauser R. Environ Health Perspect. 2005;113(11):1530-1535. PMID: 16263507 · DOI: 10.1289/ehp.8083 [Kohorte, Querschnitt mit Fragebogen]

Zur Einordnung gehört dazu: gerade DEP, das Duft-Phthalat, ist in dieser systematischen Übersicht in der antiandrogenen Wirkrichtung die am schwächsten belegte Substanz. Der Marker steigt deutlich, die zugeordnete Evidenz ist die dünnste im ganzen Set. Beides gleichzeitig zu sagen, ist unbequem und trotzdem richtig.

Die Wohnung, der Staub und die Haut

Dieser Weg ist der am meisten unterschätzte, und er verändert die Prioritätenliste.

Beobachtung, Expositionsmodellierung mit Biomonitoring, n=431 Was Innenraumluft wirklich beiträgt

Ein Team um Bekö an der Technischen Universität Dänemark maß bei 431 Kindern zwischen 3 und 6 Jahren Phthalat-Metaboliten im Urin und verglich die daraus berechnete Gesamtaufnahme mit der geschätzten Aufnahme über Staub, Atemluft und Haut in Wohnung und Kita.

Innenraumluft und Staub erklärten bei DEP rund 100 Prozent, bei DiBP rund 50 Prozent und bei DnBP rund 15 Prozent der Gesamtaufnahme, wobei die Aufnahme über die Haut aus der Gasphase der Hauptweg war. Bei BBzP und DEHP kamen dagegen über 90 Prozent aus anderen Quellen. Die höchste Gesamtaufnahme hatte DEHP mit einem Median von 4,42 Mikrogramm pro Kilogramm und Tag.

Für dich heißt das: bei den kurzkettigen Phthalaten kommt der größte Teil aus der Raumluft, und zwar über die Haut. Nicht über den Mund. Das ist der Grund, warum feucht wischen und lüften in einem Raum mit altem Weich-PVC mehr bringen können als Perfektionismus beim Einkauf.

Bekö G, Weschler CJ, Langer S et al. PLoS One. 2013;8(4):e62442. PMID: 23626820 · DOI: 10.1371/journal.pone.0062442 [Kohorte, Biomonitoring und Modellierung]

Weich-PVC im Wohnraum heißt vor allem: alte Bodenbeläge, Kunstleder, Duschvorhänge, beschichtete Tapeten, manche Kabelummantelungen. Und hier ist die europäische Regulierung eine gute Nachricht mit einer Lücke. Sie gilt für neu in Verkehr gebrachte Erzeugnisse. Der Bodenbelag, der seit 1998 in der Wohnung liegt, war nie davon erfasst.

Medizinprodukte

Weich-PVC ist in der Klinik weit verbreitet, in Schläuchen, Beuteln und Kathetern. Das lässt sich messen.

Methodenentwicklung mit Biomonitoring am Menschen Neugeborenen-Intensivstation

Ein Team um Pinguet am Universitätsklinikum Clermont-Ferrand entwickelte eine Messmethode für DEHP und 17 weitere Weichmacher-Metaboliten und wandte sie bei Patientinnen und Patienten einer neonatologischen Intensivstation an.

Die Metaboliten fanden sich mit einer medianen Nachweishäufigkeit von 95,2 Prozent, bei einer Spannweite von 12,5 bis 100 Prozent.

Für dich heißt das: die Exposition ist real und belegt. Daraus folgt aber ausdrücklich keine Handlungsempfehlung für Eltern. Ob ein Zugang gelegt wird und mit welchem Material, ist eine Abwägung zwischen Nutzen und Belastung, und sie gehört in die Hände der behandelnden Ärztinnen und Ärzte. Eine notwendige Behandlung wegen dieser Frage in Zweifel zu ziehen, wäre der falsche Schluss.

Pinguet J, Kerckhove N, Eljezi T et al. Talanta. 2019;198:377-389. PMID: 30876575 · DOI: 10.1016/j.talanta.2019.01.115 [Kohorte, Biomonitoring, Neonatologie]
Reframe

Die verbreitete Vorstellung lautet: Plastik ist das Problem, also weg mit dem Plastik.

Die Daten sagen etwas Genaueres. Das Problem ist nicht Plastik, sondern die Begegnung von Fett und Weich-PVC, und die Raumluft in einer Wohnung mit weichem Kunststoff.

Das ist eine gute Nachricht, weil es die Aufgabe verkleinert. Du musst nicht dein ganzes Leben umbauen. Du kannst an zwei oder drei Stellen ansetzen, an denen es tatsächlich um etwas geht.

Und jetzt weißt du, warum die Frage nach dem Beruf, nach dem Bodenbelag und nach dem Alter der Wohnung in meiner Anamnese auftaucht. Nicht aus Neugier, sondern weil sie mehr über die tägliche Nachlieferung sagt als der Blick in den Kühlschrank.

Was die Behörden sagen, und warum sie es so sagen

An dieser Stelle brechen viele Gespräche auseinander. Die eine Seite sagt: die Behörden haben es doch geprüft, also ist alles in Ordnung. Die andere Seite sagt: die Behörden verharmlosen.

Beides greift zu kurz, und wenn du einmal liest, was tatsächlich in den Bewertungen steht, verstehst du warum.

Behördenbewertung EU Warum vier Phthalate einen gemeinsamen Grenzwert haben

Das zuständige Panel der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit aktualisierte 2019 die Risikobewertung von DBP, BBP, DEHP, DINP und DIDP für Lebensmittelkontaktmaterialien.

Für DBP, BBP, DEHP und DINP wurde ein vorläufiger Gruppen-Grenzwert von 50 Mikrogramm pro Kilogramm Körpergewicht und Tag festgelegt, ausgedrückt als DEHP-Äquivalent. Die Begründung steht ausdrücklich im Dokument: diese vier teilen denselben Wirkmechanismus, nämlich die Senkung des fetalen Testosterons. DIDP wurde getrennt geführt mit einem eigenen Wert von 150, begründet mit Lebereffekten statt Reproduktionstoxizität.

Für dich heißt das: die Gruppenbildung der Behörde ist der stärkste amtliche Beleg dafür, dass die antiandrogene Richtung der gemeinsame Nenner ist. Und sie ist die Antwort auf die Frage, warum DIDP anders behandelt wird als die anderen.

EFSA Panel on Food Contact Materials, Enzymes and Processing Aids (CEP). EFSA Journal. 2019;17(12):e05838. DOI: 10.2903/j.efsa.2019.5838 [Behördendokument, EFSA] [Leitlinie]

Im selben Dokument steht die Größenordnung, die in Ratgebertexten fast nie auftaucht. Die geschätzte aggregierte Nahrungsexposition für die Gruppe lag bei 0,9 bis 7,2 Mikrogramm pro Kilogramm und Tag bei mittlerem Verzehr und bei 1,6 bis 11,7 bei hohem Verzehr. Das entspricht etwa 1,8 bis 23 Prozent des Gruppen-Grenzwerts.

Der Durchschnitt liegt also deutlich darunter. Das gehört genauso in den Text wie alles andere. Und im selben Atemzug gehört dazu, dass Durchschnitt nicht jeder ist. Die dänische Untersuchung fand bei 22 beziehungsweise 23 von 431 Kindern eine Tagesaufnahme über dem damaligen Grenzwert, kumulativ über drei Substanzen sogar bei 30 Prozent der Kinder.

EU-Rechtsakt Was in Europa tatsächlich verboten ist

Anhang XVII der europäischen Chemikalienverordnung REACH regelt in Eintrag 51, dass Erzeugnisse mit DEHP, DBP, BBP oder DIBP in einer Konzentration von 0,1 Prozent oder mehr des weichgemachten Materials nicht in Verkehr gebracht werden dürfen.

Die Regelung erweiterte den Anwendungsbereich über Spielzeug und Babyartikel hinaus auf weichgemachte Erzeugnisse allgemein und nahm DIBP neu auf. Für Spielzeug und Babyartikel als Stoff oder Gemisch gilt sie seit dem 7. Januar 2019, für das Inverkehrbringen der Erzeugnisse seit dem 7. Juli 2020. Eintrag 52 begrenzt zusätzlich DINP, DIDP und DNOP in Spielzeug und Babyartikeln, die in den Mund genommen werden können.

Für dich heißt das: neue Ware im europäischen Handel ist für diese Substanzen reguliert. Alte Bodenbeläge, alte Duschvorhänge und Importware außerhalb des EU-Handels sind es nicht. Genau deshalb ist die Wohnung oft der relevantere Ort als der Supermarkt.

Verordnung (EU) 2018/2005 der Kommission vom 17. Dezember 2018 zur Änderung von Anhang XVII der Verordnung (EG) Nr. 1907/2006 (REACH), Eintrag 51. Amtsblatt der Europäischen Union. [Behördendokument, EU-Rechtsakt] [Leitlinie]
Wissenschaftliches Statement einer Fachgesellschaft Was die größte endokrinologische Fachgesellschaft sagt

Die Endocrine Society legte 2015 ihr zweites wissenschaftliches Statement zu endokrinen Disruptoren vor, ein Dokument von über hundert Seiten zu sieben Themenfeldern.

Es beschreibt nicht ansteigende Dosis-Wirkungs-Kurven, Effekte im niedrigen Dosisbereich und die besondere Verletzlichkeit in Entwicklungsfenstern als endokrinologische Grundprinzipien. Kausale Verbindungen zwischen Exposition und Krankheit werden durch Tiermodelle gestützt und sind mit korrelativen Humandaten vereinbar. Im selben Dokument mahnt die Fachgesellschaft ausdrücklich weiter zur Vorsicht beim Rückschluss auf Kausalität beim Menschen.

Für dich heißt das: die größte endokrinologische Fachgesellschaft der Welt hält endokrine Disruptoren für klinisch relevant und sagt im selben Absatz, dass Kausalität beim Menschen nicht bewiesen ist. Genau diese Doppelaussage trägt dieser Artikel.

Gore AC, Chappell VA, Fenton SE et al. Endocr Rev. 2015;36(6):E1-E150. PMID: 26544531 · DOI: 10.1210/er.2015-1010 [Consensus Guideline, Endocrine Society] [Leitlinie]

Behörden bewerten Stoffe. Klinikerinnen und Kliniker bewerten Menschen. Die einen brauchen Kausalität, die anderen arbeiten mit Wahrscheinlichkeiten. Beides ist legitim, und keines ersetzt das andere.

Wie ich mir die Zurückhaltung der Zulassungsbehörden erkläre

Ich schreibe das ohne Groll. Eine Zulassungsbehörde, die auf Verdacht verbietet, verliert ihre Grundlage. Ein Arzt, der erst handelt, wenn Kausalität bewiesen ist, wartet bei den meisten chronischen Beschwerden ein Leben lang.

Dasselbe gilt für die frauenärztliche und andrologische Regelversorgung. Eine ausführliche Expositionsanamnese braucht Zeit, und die ist in einer Sprechstunde mit engem Zeitrahmen oft nicht da. Das ist keine Nachlässigkeit, sondern eine Frage von Schwerpunkten und Zeitbudgets. Die gynäkologische und andrologische Abklärung bleibt die Grundlage. Die Umweltperspektive kommt dazu, nicht an ihre Stelle.

Reframe

Ein Grenzwert ist keine Grenze zwischen gesund und krank. Er ist eine Verwaltungsentscheidung unter Unsicherheit, mit Sicherheitsfaktoren, mit Annahmen und mit dem Stand des Wissens von damals.

Deshalb ist der Satz, dass ein Wert unter dem Grenzwert liegt, beruhigend und begrenzt zugleich. Er sagt: nach heutiger Bewertung ist das vertretbar. Er sagt nicht: hier passiert nichts.

Und die Umkehrung gilt genauso. Eine Überschreitung ist kein Schaden, sondern ein Anlass hinzuschauen.

Und jetzt weißt du, warum ich beim Thema Hormonstörer keine Behörden-Schelte betreibe. Die EFSA-Bewertung von 2019 ist das stärkste Argument, das dieser Artikel hat. Sie hat die vier Substanzen zusammengefasst, weil sie in dieselbe Richtung greifen.

Was messbar etwas verändert hat, und was nicht

Jetzt die Frage, auf die es dir wahrscheinlich am meisten ankommt. Bringt es überhaupt etwas, wenn du etwas änderst?

Es gibt dazu drei Interventionsstudien am Menschen. Sie haben drei verschiedene Ergebnisse. Ich zeige dir alle drei, weil der Praxisteil sonst unehrlich wäre.

Intervention, nicht randomisiert, Vorher-Nachher Der positive Befund

Ein Team am Silent Spring Institute um Rudel begleitete 20 Personen aus fünf Familien, die nach eigenen Angaben häufig Dosen- und verpackte Lebensmittel aßen. Drei Tage lang gab es ausschließlich frische Kost ohne Konserven und ohne Plastikverpackung, davor und danach die gewohnte Ernährung.

Die geometrischen Mittel der DEHP-Metaboliten sanken um 53 bis 56 Prozent, die Maximalwerte um 93 bis 96 Prozent. MEHHP fiel im Mittel von 57 auf 25 Nanogramm pro Milliliter.

Für dich heißt das: der Hebel kann sehr wirksam sein. Bemerkenswert ist die Verteilung. Die Spitzenwerte fielen viel stärker als die Mittelwerte. Die Intervention nahm also vor allem die Ausreißer weg, und Ausreißer entstehen an einzelnen Stellen, nicht überall.

Rudel RA, Gray JM, Engel CL et al. Environ Health Perspect. 2011;119(7):914-920. PMID: 21450549 · DOI: 10.1289/ehp.1003170 [Intervention, n=20, ohne Kontrollarm]
Die Demutslektion

Dieselbe Idee, das Gegenteil als Ergebnis

Ein Team um Sathyanarayana an der University of Washington randomisierte zehn Familien. Ein Arm bekam fünf Tage lang eine vollständig gestellte Ersatzernährung, der andere nur schriftliche Empfehlungen.

Im Interventionsarm stiegen die DEHP-Metaboliten von einem Median von 283,7 auf 7.027,5 Nanomol pro Gramm, mit einem p-Wert unter 0,0001. Die Analyse der Studienzutaten ergab DEHP-Konzentrationen von 21.400 Nanogramm pro Gramm in gemahlenem Koriander und 673 Nanogramm pro Gramm in der Milch. Die geschätzte Tagesaufnahme der Kinder in diesem Arm lag über den Referenzwerten von US-Umweltbehörde und EFSA.

Diese Studie muss in jeden ehrlichen Text über Weichmacher. Frisch und unverpackt bedeutet nicht automatisch weniger, wenn die Belastung schon in der Verarbeitungskette entstanden ist. Und sie zeigt, wie wenig eine Konsumentin darüber entscheiden kann.

Sathyanarayana S, Alcedo G, Saelens BE et al. J Expo Sci Environ Epidemiol. 2013;23(4):378-384. PMID: 23443238 · DOI: 10.1038/jes.2013.9 [RCT, n=10 Familien]
Intervention, Pilotstudie, Schwangere Der Nullbefund

Ein Team um Barrett an der University of Rochester gab zehn Schwangeren mit niedrigem Einkommen drei Tage lang eine gestellte Ernährung aus überwiegend frischen, biologisch erzeugten Lebensmitteln.

Die Metabolit-Konzentrationen veränderten sich nicht nennenswert. Für die DEHP-Summe fand sich kein signifikanter Unterschied über die drei Zeiträume und keine Reduktion gegenüber dem Ausgangswert. In den Interviews gaben die Teilnehmerinnen an, außerhalb der Studie nicht motiviert zu sein, ihre Ernährung wegen chemischer Belastungen umzustellen.

Für dich heißt das: die Autorinnen und Autoren ziehen selbst den Schluss, dass Ernährungsappelle als Bevölkerungsmaßnahme wenig taugen und Regulierung in Verarbeitung und Verpackung der stärkere Hebel ist. Das ist ein entlastender Satz, und er darf so stehen bleiben.

Barrett ES, Velez M, Qiu X, Chen SR. Matern Child Health J. 2015;19(9):1936-1942. PMID: 25652062 · DOI: 10.1007/s10995-015-1707-0 [Intervention, Pilotstudie, n=10]
Die Lehre aus drei Studien

Nicht die Verpackung im Regal entscheidet, sondern die Stelle, an der Fett auf Weich-PVC trifft. Der Hebel greift dort, wo die Quelle wirklich die Verpackung ist, und er greift nicht, wenn die Belastung schon in der Verarbeitung entstanden ist. Das ist der ehrlichste Satz, den die Datenlage hergibt.

Die deutsche Zeitreihe, und was an die Stelle getreten ist

Jetzt kommt der ruhigste Befund des ganzen Themas, und er kam in den deutschsprachigen Ratgebern, die ich für diesen Text gelesen habe, nicht vor.

Biomonitoring am Menschen, Zeitreihe 1988 bis 2015 Die deutsche Umweltprobenbank

Ein Team um Koch am Institut für Prävention und Arbeitsmedizin der DGUV in Bochum untersuchte gemeinsam mit dem Umweltbundesamt insgesamt 1.162 Vierundzwanzig-Stunden-Urinproben aus den Jahren 1988 bis 2015 auf 21 Phthalat-Metaboliten.

Für die Metaboliten von DEHP, DnBP und BBzP zeigte sich ein rund zehnfacher Rückgang der Medianwerte von den Höchstwerten Ende der Achtziger und Anfang der Neunziger bis 2015. Vor 2002 wurden gesundheitsbezogene Richtwerte bei DnBP in 27,2 Prozent und bei DEHP in 2,3 Prozent der Proben überschritten, in jüngeren Proben bei DEHP noch in 1,0 Prozent. Bei DiBP setzte der Rückgang später ein, möglicherweise wegen der späteren Einstufung als fortpflanzungsgefährdend im Jahr 2009.

Für dich heißt das: die europäische Regulierung hat in Deutschland messbar etwas verändert. Das ist keine Kleinigkeit, sondern ein seltener Fall, in dem sich eine politische Entscheidung im Urin einer Bevölkerung nachvollziehen lässt.

Koch HM, Rüther M, Schütze A et al. Int J Hyg Environ Health. 2017;220(2 Pt A):130-141. PMID: 27863804 · DOI: 10.1016/j.ijheh.2016.11.003 [Kohorte, Biomonitoring-Zeitreihe, n=1.162]
Die Kehrseite

Die Substitute machen dasselbe

Das Umweltbundesamt hat 2021 gemeinsam mit dem Bochumer Institut das deutsche Human-Biomonitoring-System am Beispiel der Weichmacher beschrieben.

Das Ergebnis in einem Satz: die Belastung mit DEHP, DiBP, DnBP und BBzP ist erheblich gesunken, während die Belastung mit den Substituten DPHP, DEHTP und DINCH signifikant gestiegen ist. Die jüngsten Kinder zeigten die höchsten Belastungen der meisten untersuchten Weichmacher, teils mit DiBP- und DnBP-Werten weiterhin über den Richtwerten. Eine kumulative Risikobewertung über vier endokrin aktive Phthalate zeigt eine weiterhin relevante Summenbelastung bei vielen Kleinkindern.

Zwei Botschaften stecken darin. Erstens: Kleinkinder sind im deutschen Biomonitoring die am stärksten belastete Gruppe. Deshalb sind die folgenden Hinweise für Familien geschrieben. Zweitens: phthalatfrei ist eine Aussage über eine Stoffgruppe, keine Sicherheitsaussage.

Lemke N, Murawski A, Lange R et al. Int J Hyg Environ Health. 2021;236:113780. PMID: 34126298 · DOI: 10.1016/j.ijheh.2021.113780 [Behördendokument, Umweltbundesamt]
Reframe

Es gibt in diesem Feld eine merkwürdige Asymmetrie. Die schlechte Nachricht wird überall geteilt, die gute fast nie.

Die Belastung mit den klassischen Phthalaten ist in Deutschland um etwa das Zehnfache gesunken. Das ist eine der besten Nachrichten, die die Umweltmedizin in den letzten dreißig Jahren zu bieten hat.

Sie ist kein Grund, das Thema zuzuklappen, denn die Substitute steigen und sind schlechter untersucht. Sie ist aber ein sehr guter Grund, ohne Panik darüber zu sprechen.

Und jetzt weißt du, warum ich bei diesem Thema nicht zum Ausmisten der ganzen Wohnung rate. Der größte Teil der Arbeit wurde bereits an einer Stelle erledigt, an der du sie gar nicht machen konntest.

Was ich in der Praxis daraus mache, ohne dass es in Kontrolle kippt

Wenn Menschen bei mir das erste Mal über Umweltfaktoren sprechen, passiert oft dasselbe. Zuerst kommt Erleichterung, weil endlich jemand zuhört. Und dann, ein paar Wochen später, kommt manchmal etwas anderes zurück.

Eine Liste. Dreißig Dinge, die weg sollen. Ein Einkauf, der eine Stunde länger dauert. Ein Abend, an dem beim Essen bei Freunden die Frage im Kopf steht, in welchem Behälter das gestanden hat.

Das ist kein Fortschritt. Das ist eine Verschiebung des Problems.

Vier Hebel mit der besten Datenlage

Wo Aufwand und Wirksamkeit zusammenpassen

Erstens: Fett und Weich-PVC trennen. Heißes Fett gehört nicht in weichen Kunststoff. Nicht in Plastik erhitzen, warme fettige Speisen nicht in Folie oder weiche Behälter füllen, für Öl und Fett Glas oder Metall bevorzugen. In der Interventionsstudie mit frischer, unverpackter Kost fielen die Spitzenwerte der DEHP-Metaboliten um über 90 Prozent. Welcher Teil der Umstellung das bewirkt hat, lässt sich aus der Studie nicht herauslesen. Nach den Messdaten zu Fett und Weich-PVC ist diese Kombination der plausibelste Anteil daran, bewiesen ist es nicht.

Zweitens: Duftprodukte reduzieren statt austauschen. Der Marker für Diethylphthalat reagiert deutlich auf Parfüm und Rasierwasser, und zwar innerhalb von 48 Stunden. Weniger Produkttypen zählt dabei mehr als ein Wechsel der Marke, denn jeder zusätzliche Produkttyp war in der Untersuchung mit plus 33 Prozent verbunden. Zur Einordnung gehört ehrlicherweise, dass genau dieses Phthalat die schwächste Evidenz in der antiandrogenen Richtung hat.

Drittens: feucht wischen und lüften. In einer Wohnung mit altem Weich-PVC kommt ein großer Teil der kurzkettigen Phthalate aus der Raumluft, überwiegend über die Haut. Trockenes Kehren wirbelt Staub auf, feuchtes Wischen kann ihn stattdessen binden, und regelmäßiges Lüften kann die Konzentration in der Gasphase senken. Ehrlich dazugesagt: Diese beiden Handgriffe sind aus den Aufnahmewegen abgeleitet. Eine Studie, die gemessen hätte, ob Wischen und Lüften die Werte im Urin senken, kenne ich nicht.

Viertens: in Schwangerschaft und Kinderwunschzeit konsequenter als sonst. Nicht weil dann alles schlimmer wäre, sondern weil die Datenlage die empfindlichste Phase dort verortet. Das gilt genauso für die ersten Lebensjahre, denn im deutschen Biomonitoring sind Kleinkinder die am höchsten belastete Gruppe.

Was ich ausdrücklich nicht empfehle

  • Eine einzelne Phthalatmessung im Urin als Diagnostik. Der Wert bildet ein bis zwei Tage ab. Er sagt dir etwas über vorgestern, nicht über die letzten Jahre.
  • Ausleitungsprogramme gegen Weichmacher. Nach allem, was die Halbwertszeiten hergeben, gibt es hier kein Depot, das ausgeleitet werden müsste. Der Körper scheidet diese Stoffe nach den vorliegenden Daten innerhalb von Tagen aus, sobald die Zufuhr sinkt.
  • Das Nachmessen des anogenitalen Abstands beim eigenen Kind. Ein Forschungsmaß für Gruppenvergleiche, das an einem einzelnen Kind nichts aussagt.
  • Produkte, die mit phthalatfrei werben, als sichere Wahl zu behandeln. Ersatzstoffe sind schlechter untersucht, und ihre Werte im deutschen Biomonitoring steigen.
  • Eine laufende Medikation wegen dieses Themas zu verändern. Die Pille, eine Hormonersatztherapie, Antiandrogene oder Schilddrüsenhormone werden nicht eigenmächtig angepasst, abgesetzt oder reduziert. Wenn dich eine Verordnung beschäftigt, gehört das in ein Gespräch mit der Ärztin oder dem Arzt, die sie ausgestellt haben.

Der Absatz, der mir am wichtigsten ist

Wenn Vorsicht in Kontrolle kippt, ist nichts gewonnen.

Ich sehe das häufiger, als mir lieb ist. Aus einer sinnvollen Umstellung wird eine Regel, aus der Regel eine Liste, aus der Liste ein Prüfsystem. Am Ende steht ein Alltag, in dem Essen nicht mehr Essen ist, sondern eine Risikoentscheidung. Bei Menschen mit einer Vorgeschichte von gestörtem Essverhalten kann genau das eine alte Dynamik wieder in Gang bringen. Wenn du merkst, dass die Sorge um Inhaltsstoffe mehr Raum einnimmt als das Essen selbst, lohnt sich ein Blick in den Beitrag über Essstörungen und das Verhältnis von Körper und Psyche, und ein Gespräch mit einem Menschen deines Vertrauens.

Wenn du dafür Hilfe brauchst

Es gibt dafür kostenlose und vertrauliche Anlaufstellen, unabhängig von jeder Praxis. Das Beratungstelefon der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zu Essstörungen erreichst du unter 0221 892031. In einer seelischen Krise ist die Telefonseelsorge rund um die Uhr erreichbar, unter 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222. Wenn akute Gefahr für dich oder jemand anderen besteht, wähle die 112.

Es gibt dafür auch ein sachliches Argument, nicht nur ein psychologisches. Die drei Interventionsstudien zeigen, dass individuelle Anstrengung in diesem Feld begrenzt steuerbar ist. In einer davon stieg die Belastung trotz maximaler Sorgfalt, weil das Studienessen selbst belastet war. Die Autorinnen und Autoren der dritten Studie ziehen daraus ausdrücklich den Schluss, dass Regulierung in Verarbeitung und Verpackung der stärkere Hebel ist als der Appell an Einzelne.

Perfektion ist hier nicht nur anstrengend. Sie ist auch nicht erreichbar. Zwei oder drei ruhige Gewohnheiten schlagen dreißig nervöse Regeln, und sie halten länger.

Reframe

Der übliche Satz zu Umweltthemen lautet: vermeiden. Vermeiden ist ein Ja-oder-Nein-Wort, und es lädt zum Scheitern ein, weil vollständige Vermeidung nicht möglich ist.

Ich denke lieber in Häufigkeit. Nicht nie, sondern seltener. Nicht alles, sondern die zwei Stellen, an denen es zählt.

Das ist nicht nur freundlicher, es passt auch besser zur Biologie. Weil es kein Depot gibt, zählt die tägliche Nachlieferung. Und Nachlieferung ist eine Frage von Gewohnheiten, nicht von Perfektion.

Was ich in der Sprechstunde tatsächlich frage

Ich frage nach dem Beruf und danach, ob mit Kunststoffen, Lacken oder Klebstoffen gearbeitet wird. Ich frage nach dem Alter der Wohnung und nach dem Bodenbelag. Ich frage, wie oft Duftprodukte benutzt werden. Und ich frage, wie das Essen zubereitet und aufbewahrt wird, mit Fokus auf warme und fettige Speisen.

Das ist keine Diagnostik. Das ist Anamnese. Und wenn ich diese Fragen stelle, geht es nie darum, eine Ursache zu benennen. Es geht darum, das Bild zu vervollständigen, bevor irgendjemand von Ursachen spricht.

Klinisch beobachte ich dabei, dass viele Menschen die Fragen zur Wohnung nie zuvor gehört haben. Was daraus folgt, ist offen. Studien zu diesem Vorgehen gibt es nicht, und ich beschreibe hier ausdrücklich nur eine Beobachtung, keine belegte Methode.

Wenn dabei zusätzlich der Verdacht auf eine Belastung mit Metallen im Raum steht, ist das eine eigene Frage mit eigener Diagnostik, dazu findest du mehr unter Schwermetalle im Blut oder Urin messen. Für Schwangerschaft und Kinder gibt es dazu einen eigenen Beitrag über Schwermetalle in Schwangerschaft und Kindheit.

Der Satz, mit dem ich das Gespräch schließe

Aus alldem folgt nicht, dass jede hormonelle Störung eine Umweltursache hat. Die gynäkologische und andrologische Abklärung bleibt die Grundlage. Die Umweltperspektive kommt dazu, nicht an ihre Stelle. Sie ist ein weiteres Fenster in denselben Raum, und manchmal fällt durch dieses Fenster Licht auf etwas, das vorher im Schatten lag.

Und jetzt weißt du, warum ich bei hormonellen Beschwerden nach Verpackung, Duft und Wohnung frage. Nicht weil ich glaube, dort die Antwort zu finden. Sondern weil diese Frage in der knappen Zeit einer Regelsprechstunde oft keinen Platz findet, und weil die Kosten des Nachfragens niedrig sind.

Häufige Fragen zu Phthalaten

Was sind Phthalate eigentlich, in einem Satz erklärt?

Phthalate sind Ester der Phthalsäure, die hartem PVC seine Biegsamkeit geben und in Kosmetik als Lösungsmittel und Duftfixierer dienen. Sie sind nicht chemisch an den Kunststoff gebunden, sondern liegen darin wie Wasser in einem Schwamm. Deshalb wandern sie mit der Zeit heraus, in Luft, Staub, Fett und Haut.

Sind Phthalate Xenoöstrogene oder nicht?

Nach der vorliegenden Literatur nicht im klassischen Sinn. Ein Xenoöstrogen dockt an den Östrogenrezeptor an und ahmt Östrogen nach. Phthalate tun etwas anderes: sie senken im Tiermodell die Testosteronbildung in der Leydig-Zelle des fetalen Hodens. Weder DEHP noch sein Metabolit MEHP zeigten bis 10 Mikromol eine Bindung an den menschlichen Androgenrezeptor. Die bestbelegte Wirkrichtung ist also antiandrogen und läuft über die Hormonproduktion, nicht über den Rezeptor. Ganz ohne östrogenes Signal ist die Stoffgruppe nicht: in Zellversuchen zeigten BBP, DBP, DIBP, DEP und DINP eine sehr schwache östrogene Aktivität, etwa eine Million bis fünfzig Millionen Mal schwächer als Estradiol, während DEHP gar keine zeigte und die im Körper zirkulierenden Monoester-Metaboliten inaktiv waren. Diese Größenordnung trägt keine Aussage über den Hormonhaushalt eines Menschen.

Warum heißt es dann überall, sie stören den Östrogenhaushalt?

Weil Hormonstörer ein Sammelbegriff ist und kein Mechanismus. Unter endokrine Disruptoren fallen Substanzen mit sehr unterschiedlichen Angriffspunkten. Wenn ein Text alle in einen Topf wirft, wird aus dem bekanntesten Beispiel, dem Östrogen-Nachahmer, versehentlich die Regel. Für Phthalate ist das ungenau und führt in die falsche Richtung, denn die empfindlichste Phase ist die männliche Entwicklung im Mutterleib und nicht der Zyklus einer erwachsenen Frau.

Was ist der Unterschied zwischen DEHP, DBP, BBP, DINP und DIDP?

Es ist eine Frage der Kettenlänge. DBP, DIBP und BBP sind kurz- bis mittelkettig, DEHP liegt im Übergang, DINP und DIDP sind langkettig. Die EFSA hat 2019 DBP, BBP, DEHP und DINP zu einer Gruppe zusammengefasst und mit einem gemeinsamen Grenzwert von 50 Mikrogramm pro Kilogramm Körpergewicht und Tag belegt, ausdrücklich weil sie denselben Wirkmechanismus teilen. DIDP wurde davon getrennt und bekam einen eigenen Wert von 150, weil dort Lebereffekte und nicht die Reproduktion maßgeblich waren.

Sind Phthalate in Parfüm enthalten, und welches?

Das klassische Duft-Phthalat ist Diethylphthalat, kurz DEP. Es hält den Duft länger auf der Haut. In einer Untersuchung an 406 Männern lag der Urinmarker MEP bei Personen, die in den 48 Stunden davor Kölnisch Wasser oder Rasierwasser benutzt hatten, im Median bei 265 beziehungsweise 266 Nanogramm pro Milliliter, bei Nichtnutzern bei 108 beziehungsweise 133. Je zusätzlich benutztem Produkttyp stieg MEP um 33 Prozent. Wichtig zur Einordnung: gerade DEP stuft die systematische Übersicht von Radke und Kolleginnen und Kollegen in der antiandrogenen Wirkrichtung als schwach ein.

Ist in Sonnencreme Weichmacher drin?

Möglich ist es, verlässlich sagen lässt es sich nur über die Deklaration. Phthalate tauchen in Kosmetik vor allem als Lösungsmittel und Duftfixierer auf und verstecken sich häufig im Sammelbegriff Parfum oder Fragrance auf der Zutatenliste. In der Fragebogen-Untersuchung, auf die ich mich hier stütze, war die Nutzung von Lotionen sogar mit niedrigeren Werten von MBP, MBzP und MEHP verbunden. Aus einer Produktkategorie eine Regel zu machen, trägt die Datenlage also nicht.

Was bedeutet die Angabe phthalatfrei auf einer Verpackung?

Sie sagt etwas über eine Stoffgruppe aus, nicht über Sicherheit. Seit die klassischen Phthalate reguliert sind, treten Ersatzweichmacher an ihre Stelle. Das deutsche Human-Biomonitoring zeigt genau das: die Belastung mit DEHP, DiBP, DnBP und BBzP ist deutlich gesunken, während DPHP, DEHTP und DINCH signifikant gestiegen sind. Diese Substitute sind toxikologisch schlechter untersucht. Phthalatfrei heißt also: dieser eine Stoffkreis ist raus. Es heißt nicht: hier ist nichts drin.

Hat Mikroplastik dieselbe Hormonwirkung wie Weichmacher?

Das sind zwei verschiedene Themen, die oft vermischt werden. Mikroplastik besteht aus Partikeln. Phthalate sind Zusatzstoffe, die als Einzelmoleküle aus Kunststoff auswandern. Es gibt Überschneidungen, weil Partikel Additive mit sich tragen können. Eine gleichgesetzte Hormonwirkung ist in den hier ausgewerteten Quellen aber nicht belegt, und ich würde sie deshalb auch nicht behaupten.

Was ist der anogenitale Abstand, und muss ich mir bei meinem Baby Sorgen machen?

Der anogenitale Abstand ist ein Maß zwischen After und Genitale, das in der Forschung als Spiegel der Androgenwirkung im Mutterleib benutzt wird. In der TIDES-Kohorte mit 366 Jungen lagen die Zusammenhänge mit drei DEHP-Metaboliten bei etwa minus 1,1 bis minus 1,4 Millimetern. Das ist ein Populationssignal über Hunderte Kinder hinweg und kein Befund, den sich an einem einzelnen Kind ablesen ließe. Eine andere Kohorte fand für die DBP-Summe sogar einen längeren Abstand. Nachmessen zu Hause ergibt keinen Sinn und würde nur Sorge erzeugen.

Kann ich Phthalate im Urin messen lassen, und was bringt das?

Messen lässt sich das, gemessen werden dabei Abbauprodukte im Urin. Der Haken liegt in der Halbwertszeit: sie beträgt Stunden bis wenige Tage. Ein Einzelwert bildet also im Wesentlichen die letzten ein bis zwei Tage ab und nicht eine Belastung über Jahre. Für Forschung mit wiederholten Proben ist das wertvoll, für eine individuelle Einzelmessung ist der Erkenntnisgewinn begrenzt. Was sich sinnvoll ableiten lässt und was nicht, steht ausführlicher im Beitrag über Hormontests.

Wie schnell verlassen Phthalate den Körper wieder?

Sehr schnell im Vergleich zu Schwermetallen oder PFAS. Phthalate werden rasch verstoffwechselt und über den Urin ausgeschieden, die Halbwertszeiten liegen im Bereich von Stunden bis wenigen Tagen. Es gibt also kein Depot im Fettgewebe, das über Jahre gefüllt wird. Was zu hohen Werten führt, ist nicht Speicherung, sondern tägliche Nachlieferung.

Bringt es etwas, auf frische unverpackte Lebensmittel umzustellen?

Manchmal deutlich, manchmal gar nicht. In einer Untersuchung mit fünf Familien sanken die geometrischen Mittel der DEHP-Metaboliten nach drei Tagen frischer Kost um 53 bis 56 Prozent, die Spitzenwerte um 93 bis 96 Prozent. In einer randomisierten Studie mit zehn Familien stiegen dieselben Werte dagegen stark an, weil das gestellte Studienessen selbst belastet war, unter anderem gemahlener Koriander mit 21.400 Nanogramm pro Gramm. In einer Pilotstudie mit zehn Schwangeren änderte sich nichts. Die ehrliche Antwort lautet also: der Hebel greift dort, wo die Quelle wirklich die Verpackung ist.

Sind Phthalate in Deutschland weniger geworden?

Ja, und das ist der ruhigste Befund des ganzen Themas. Die deutsche Umweltprobenbank hat 1.162 Vierundzwanzig-Stunden-Urinproben aus den Jahren 1988 bis 2015 ausgewertet. Für die Metaboliten von DEHP, DnBP und BBzP zeigte sich ein rund zehnfacher Rückgang der Medianwerte von den Höchstwerten Ende der Achtziger bis 2015. Vor 2002 wurden gesundheitsbezogene Richtwerte bei DnBP in 27,2 Prozent der Proben überschritten, in jüngeren Proben bei DEHP noch in 1,0 Prozent.

Sind die Ersatzstoffe wie DINCH und DEHTP sicherer?

Sie sind vor allem weniger gut untersucht. Die Übersicht des Umweltbundesamtes über das deutsche Human-Biomonitoring beschreibt, dass die Substitute das Expositionsverhalten der regulierten Phthalate nachahmen: sie steigen genau dann, wenn die alten sinken. Die Datenlage zu ihrer Toxikologie ist dünner. Ein Ersatzstoff ist deshalb erst einmal ein Ersatzstoff und keine Entwarnung.

Was ist beim Kinderwunsch und in der Schwangerschaft besonders wichtig?

Die Datenlage deutet darauf hin, dass die empfindlichste Phase die Entwicklung im Mutterleib ist und nicht das Erwachsenenleben. Genau deshalb ist es sinnvoll, in dieser Zeit bei Fett und Weich-PVC etwas konsequenter zu sein und Duftprodukte zu reduzieren. Genauso wichtig ist der zweite Satz: Schuld ist hier fehl am Platz. Niemand kann eine Umgebung kontrollieren, die zu großen Teilen von Verarbeitung, Verpackung und Bausubstanz bestimmt wird. Und die frauenärztliche oder andrologische Betreuung bleibt die Grundlage, die Umweltperspektive kommt dazu.

Wo dieses Thema an den Rest andockt

Phthalate sind ein einzelner Stoffkreis in einem größeren Bild. Je nachdem, was dich hierher geführt hat, geht es an einer anderen Stelle weiter.

Wenn du den Überblick willst
Xenoöstrogene im Alltag

Die Stoffe, die tatsächlich am Östrogenrezeptor ansetzen, und wie sie sich von Phthalaten unterscheiden.

Wenn es dich als Mann betrifft
Xenoöstrogene beim Mann

Warum die männliche Hormonachse auf Umweltstoffe anders reagiert, und welche Marker dort zählen.

Wenn es um Kinderwunsch geht
Spermienqualität und Fruchtbarkeit

Der Beitrag, in dem die Samenparameter ausführlich stehen. Hier im Text kamen sie nur in zwei Sätzen vor.

Wenn der Wert schon niedrig ist
Testosteronmangel beim Mann

Was vor der Umweltfrage geklärt gehört, wenn ein Laborwert bereits unter der Norm liegt.

Wenn dich der Trend interessiert
Testosteron sinkt weltweit

Der Bevölkerungstrend über Generationen, und welche Erklärungen dafür überhaupt diskutiert werden.

Wenn Schimmel im Raum steht
Zearalenon und Hormone

Das Mykoöstrogen, das tatsächlich am Östrogenrezeptor ansetzt. Für Frauen oft die nähere Spur.

Wenn du beim Abbau ansetzen willst
Östrogen und die Leber

Wie der Körper Östrogen abbaut und warum die Entgiftungswege bei hormonellen Beschwerden mitzählen.

Wenn du wissen willst, was messbar ist
Hormone testen bei Frauen

Welcher Test wann etwas aussagt, und warum Momentaufnahmen bei manchen Parametern täuschen können.

Wenn du an Messung denkst
Schwermetalle messen

Blut oder Urin, Momentaufnahme oder Speicher. Der Vergleich macht deutlich, warum Phthalate anders liegen.

Wenn du schwanger bist
Schwermetalle in Schwangerschaft und Kindheit

Dieselbe Logik der empfindlichen Fenster, angewendet auf eine ganz andere Stoffgruppe.

Wenn Vorsicht zu Zwang wird
Essstörungen verstehen

Für den Punkt, an dem eine sinnvolle Umstellung anfängt, den Alltag zu bestimmen statt ihn zu entlasten.

Wenn du das große Bild suchst
Hormonelle Dysbalance bei Frauen

Der Überblicksartikel, aus dem dieser Spoke ein einzelnes Thema herausgreift und vertieft.

Wenn du beim Stoff selbst nachlesen willst
Bisphenol A und deine Hormone

Der Stoff aus Dose und Kassenbon, die Neubewertung der EFSA von 2023 und was BPA-frei bedeutet und was nicht.

Wenn du Trinkwasser und Pfanne einordnen willst
PFAS: die Ewigkeitschemikalien

Warum die Ewigkeitschemikalien jahrelang im Körper bleiben und wo individuelle Vermeidung an ihre Grenze kommt.

Wenn du morgens ins Badezimmerregal schaust
Hormonstörer in der Kosmetik

Parabene, UV-Filter und Duftstoffe, sortiert nach dem, was belegt ist und was nur laut ist.

Wenn du das Gesamtbild willst
Warum ich nach Umweltfaktoren suche

Warum ich bei hormonellen Beschwerden nach Umweltfaktoren suche, nach welchem Raster, und wann sich diese Suche nicht lohnt.

SJ

Shukri Jarmoukli

Arzt · Privatpraxis ViveCura Berlin · Schwerpunkt meiner Arbeit: integrative und funktionelle Medizin

Ich arbeite in meiner Privatpraxis an der Schnittstelle von klassischer Medizin, funktioneller Medizin und Klinischer Psychoneuroimmunologie. Bei hormonellen Beschwerden interessiert mich neben dem Laborwert die Frage, in welcher Umgebung dieser Wert entstanden ist.

Bei Phthalaten bin ich zurückhaltender, als eine integrative Praxis vielleicht erwarten lässt. Die Speziesfrage ist offen, die Effektgrößen in den Humandaten sind klein, und die deutsche Belastung ist über dreißig Jahre deutlich gesunken. Trotzdem gehört die Frage nach Verpackung, Duft und Wohnung für mich in die Anamnese, weil sie in der knappen Zeit einer Regelsprechstunde oft keinen Platz findet und weil sie nichts kostet. Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Beratung. Er soll dir helfen, beim nächsten Termin bessere Fragen zu stellen.

ViveCura, Privatpraxis Shukri Jarmoukli, Skalitzer Straße 137, 10999 Berlin

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  30. Lemke N, Murawski A, Lange R, Weber T, Apel P, Debiak M, Koch HM, Kolossa-Gehring M. Substitutes mimic the exposure behaviour of REACH regulated phthalates. A review of the German HBM system on the example of plasticizers. Int J Hyg Environ Health. 2021;236:113780. PMID: 34126298 · DOI: 10.1016/j.ijheh.2021.113780 [Behördendokument, Umweltbundesamt]
Transparenz zur Evidenz
  1. Der Mechanismus stammt aus dem Tiermodell. Die Senkung der fetalen Testosteronbildung ist bei der Ratte gut belegt, bei Dosen von 750 Milligramm pro Kilogramm und Tag. Die geschätzte Nahrungsaufnahme des Menschen liegt nach EFSA um mehrere Größenordnungen darunter.
  2. Die Übertragung auf den Menschen ist offen. Zwei unabhängige Arbeiten fanden an humanem fetalem Hodengewebe im Transplantat keine Unterdrückung der Steroidogenese, obwohl Rattengewebe im selben Modell reagierte. Am erwachsenen humanen Hodenexplantat zeigte sich dagegen eine Hemmung. Der Text formuliert das als offene Speziesfrage, weil es keine geschlossene Antwort gibt.
  3. Die Humandaten sind Beobachtungsdaten. Kohorten und Querschnitte können Zusammenhänge zeigen, keine Ursachen. Die Effektgrößen sind klein, mehrere Konfidenzintervalle berühren die Eins, und die Schätzung vermiedener Frühgeburten stammt aus einer Modellrechnung mit kausalen Annahmen.
  4. Die Richtung ist nicht überall gleich. Für die DBP-Summe fand eine Kohorte einen längeren anoskrotalen Abstand, nicht einen kürzeren. Für die drei DEHP-Metaboliten fand die größte Samenqualitäts-Kohorte keinen Zusammenhang, obwohl DEHP insgesamt als robust eingestuft wird.
  5. Dosis-Wirkungs-Beziehungen sind nicht immer ansteigend. In der Untersuchung zur ovariellen Reserve lag der stärkste Zusammenhang im zweiten Quartil, nicht im höchsten. Das Statement der Endocrine Society beschreibt nicht ansteigende Kurven ausdrücklich als Prinzip endokriner Disruptoren.
  6. Die Interventionsdaten widersprechen sich. Eine Studie zeigte eine deutliche Senkung, eine randomisierte Studie einen starken Anstieg wegen belasteter Studienkost, eine Pilotstudie an Schwangeren gar keine Veränderung. Der Praxisteil ist entsprechend vorsichtig formuliert.
  7. Was ich klinisch beobachte, ist als Beobachtung gekennzeichnet. Die Umwelt-Anamnese bei hormonellen Beschwerden ist meine Arbeitsweise. Studien, die dieses Vorgehen prüfen, gibt es nicht.
  8. Zum Rechtsakt. Anhang XVII der REACH-Verordnung wird fortlaufend geändert. Die hier genannten Grenzwerte und Fristen beziehen sich auf Eintrag 51 in der Fassung der Verordnung (EU) 2018/2005. Für eine rechtsverbindliche Auskunft gilt die jeweils aktuelle konsolidierte Fassung.
  9. Nicht verwendet. Die im Netz kursierende Zahl von 22 Prozent weniger Testosteron ließ sich keiner Publikation mit PMID zuordnen und wird deshalb nicht zitiert. Die Behauptung, Phthalate wirkten am Östrogenrezeptor, wird nicht weggelassen, sondern eingeordnet: sie geht auf Zellversuche zurück, in denen einzelne Phthalate eine etwa millionenfach schwächere östrogene Aktivität als Estradiol zeigten, während DEHP gar keine zeigte und die im Menschen zirkulierenden Monoester-Metaboliten inaktiv waren (Harris 1997). Als Beschreibung einer relevanten Wirkrichtung beim Menschen trägt dieser Befund nicht.
  10. Stand. Recherche und Cross-Verifikation der 30 Quellen am 25. August 2026 über PubMed und Crossref. Dieser Beitrag ist Information und keine individuelle medizinische Beratung.

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