Ratgeber Eisen · Sicherheit

Erhöht eine Eiseninfusion das Infektionsrisiko?

Eisen nährt Bakterien, heißt es, also müsste eine Infusion Infektionen begünstigen. Die Idee klingt logisch. Was die großen Studien dazu wirklich zeigen, und warum eine akute Infektion trotzdem ein guter Grund zum Abwarten ist.

Datenlage beruhigend Eisen und Immunsystem Akute Infektion Evidenzbasiert

Es ist eines der hartnäckigsten Argumente gegen die Eiseninfusion: Eisen sei Nahrung für Bakterien, also müsse zusätzliches Eisen den Boden für Infektionen bereiten. Der Gedanke ist nicht aus der Luft gegriffen. Er beschreibt einen realen biologischen Mechanismus. Die Frage ist nur, ob sich diese Theorie auch in den Zahlen großer Studien wiederfindet oder ob sie an einer Stelle gilt und an einer anderen nicht.

Dieser Beitrag nimmt die Hypothese ernst, statt sie wegzuwischen. Wir schauen zuerst, warum sie überhaupt plausibel ist. Dann legen wir die Daten daneben. Und am Ende landen wir bei einer Unterscheidung, die fast alles erklärt: Es kommt nicht nur darauf an, ob Eisen gegeben wird, sondern wann.

Mein Ausgangspunkt

Die Sorge, Eisen könnte Keime füttern, ist keine esoterische Angst, sondern ein echter Mechanismus aus der Immunbiologie. Genau deshalb verdient sie eine ehrliche Antwort und keine beschwichtigende. Die kurze Fassung: Bei stabilem Zustand ist die Datenlage überwiegend beruhigend. Während einer akuten Infektion gilt Zurückhaltung. Beides zusammen ergibt kein Entweder-oder, sondern eine Frage des richtigen Zeitpunkts.

Warum die Sorge biologisch Sinn ergibt

Viele Menschen, die zum ersten Mal von dieser Hypothese hören, stutzen kurz und denken: Das klingt eigentlich einleuchtend. Dieses Gefühl ist berechtigt. Hinter der Sorge steckt ein Stück gut erforschter Biologie, kein Mythos.

Fast alle Lebewesen brauchen Eisen, auch Krankheitserreger. Bakterien benötigen es für ihren Stoffwechsel und ihre Vermehrung. Der menschliche Körper weiß das gewissermaßen und nutzt es als Verteidigungsstrategie. Sobald eine Infektion beginnt, fährt er das frei verfügbare Eisen im Blut bewusst herunter. Fachleute nennen das nutritive Immunität, also Abwehr durch Nährstoffentzug. Der Körper hungert die Eindringlinge aus.

Mechanismus-Review Eisen und angeborene Abwehr

Wer und was: Eine ausführliche Übersichtsarbeit beschreibt, wie das Immunsystem bei einer Infektion gezielt Eisen umverteilt, um Krankheitserregern den Zugang zu erschweren, ein Prinzip, das als nutritive Immunität bekannt ist.

Was sie beschreibt: Bei einer Infektion mit Bakterien außerhalb der Zellen steigt das Hormon Hepcidin und hält Eisen in den Speichern zurück, sodass weniger Eisen im Blut zirkuliert. So wird Erregern der Nährstoff entzogen.

Was das für dich bedeutet: Der Körper hat einen eingebauten Schutz, der Eisen während einer Infektion knapp hält. Genau dieser Schutz ist der Grund, eine Infusion nicht mitten in einen akuten Infekt zu legen.

Nairz M, Weiss G. Iron and innate antimicrobial immunity: Depriving the pathogen, defending the host. J Trace Elem Med Biol 2018;48:118-133. [Mechanismus-Review] DOI: 10.1016/j.jtemb.2018.03.007

Das zentrale Werkzeug dieser Strategie ist ein Hormon namens Hepcidin. Es steigt bei Entzündungen an und sorgt dafür, dass Eisen in den Speichern bleibt, statt ins Blut zu gelangen. Aus Sicht der Abwehr ist das clever. Aus Sicht von jemandem, der unter Eisenmangel leidet, ist es manchmal lästig, denn derselbe Mechanismus blockiert bei chronischer Entzündung auch die Aufnahme von Eisen aus Tabletten. Wie eng Eisen und Immunsystem verzahnt sind, ist seit Langem bekannt.

Mechanismus-Review Eisen in der angeborenen Immunität

Wer und was: Eine viel zitierte Übersicht fasst zusammen, wie der Körper bei einer Infektion Eisen zurückhält, um Eindringlinge auszuhungern, und beschreibt Hepcidin als zentralen Schalter dieser Antwort.

Was das für dich bedeutet: Dass der Körper Eisen während einer Infektion herunterregelt, ist gut belegte Grundlagenbiologie. Die berechtigte Frage ist, ob eine kontrollierte Infusion bei stabilem Zustand diesen Schutz wirklich untergräbt.

Ganz T. Iron in innate immunity: starve the invaders. Curr Opin Immunol. 2009;21(1):63-67. [Mechanismus-Review] DOI: 10.1016/j.coi.2009.01.011

Bis hierher steht die Hypothese also auf festem Boden. Wenn Erreger Eisen brauchen und der Körper es ihnen vorenthält, dann könnte zusätzliches Eisen diesen Schutz theoretisch unterlaufen. Theoretisch. Ob das in der Realität passiert, lässt sich nicht am Schreibtisch entscheiden, sondern nur an den Daten von Menschen, die intravenöses Eisen bekommen haben.

Was die großen Studien tatsächlich zeigen

Wenn eine plausible Theorie auf reale Daten trifft, wird es spannend. Genau hier wird das Bild nämlich ruhiger, als die Theorie befürchten lässt, ohne ganz glatt zu werden. Es lohnt sich, drei große Auswertungen nebeneinanderzulegen, denn sie zeichnen zusammen ein differenziertes Bild.

Die umfassendste Übersicht ist gleichzeitig die wichtigste, weil sie als einzige ein leichtes Signal findet. Sie fasste 154 randomisierte Studien mit fast 33.000 Teilnehmenden zusammen und schaute gezielt auf Infektionen.

Metaanalyse · 154 RCT · n=32.920 Infektionsrisiko i.v.-Eisen

Wer und was: Eine systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse wertete 154 randomisierte Studien mit rund 32.920 Teilnehmenden aus und verglich intravenöses Eisen mit oralem Eisen oder keiner Eisengabe, mit dem Fokus auf Infektionen.

Was sie beobachtet haben: Unter intravenösem Eisen zeigte sich ein leicht erhöhtes relatives Infektionsrisiko von rund 1,17, also etwa 17 Prozent über der Vergleichsgruppe, bei moderater Sicherheit der Evidenz. Auf die Sterblichkeit und die Dauer des Krankenhausaufenthalts hatte das keinen erkennbaren Einfluss. Gleichzeitig stieg der Hämoglobinwert und der Bedarf an Bluttransfusionen sank.

Was das für dich bedeutet: Es gibt ein kleines, reales Signal für etwas mehr Infektionen, aber keinen Hinweis darauf, dass dadurch mehr Menschen sterben oder länger im Krankenhaus liegen. Das relativiert die Größenordnung der Sorge, ohne sie ganz aufzulösen.

Shah AA, Donovan K, Seeley C, et al. Risk of infection associated with administration of intravenous iron: a systematic review and meta-analysis. JAMA Netw Open. 2021;4(11):e2133935. [Meta-Analyse, 154 RCT, n=32.920] DOI: 10.1001/jamanetworkopen.2021.33935

Dieses Ergebnis ist die ehrlichste Stelle des ganzen Themas, deshalb steht es bewusst nicht versteckt am Rand. Ja, es gibt ein Signal. Nein, es ist nicht groß, und es schlägt sich nicht in härteren Endpunkten wie der Sterblichkeit nieder. Genau so sollte man es lesen: als Hinweis, vorsichtig und situationsabhängig zu sein, nicht als Beweis, dass die Infusion gefährlich ist.

Eine ältere, ebenfalls große Auswertung weist in eine ähnliche Richtung und macht die Bandbreite sichtbar. Sie war ursprünglich auf die Vermeidung von Bluttransfusionen ausgerichtet.

Metaanalyse · 72 RCT · n=10.605 Nutzen und Infektionssignal

Wer und was: Eine Metaanalyse aus 72 randomisierten Studien mit über 10.600 Teilnehmenden untersuchte, ob intravenöses Eisen den Bedarf an Bluttransfusionen senkt, und erfasste dabei auch Infektionen.

Was sie beobachtet haben: Intravenöses Eisen senkte den Transfusionsbedarf deutlich und hob den Hämoglobinwert an. Zugleich fand sich ein erhöhtes relatives Infektionsrisiko von rund 1,33. Die Autoren beschrieben den Nutzen daher als von einem möglichen Infektionsrisiko begleitet.

Was das für dich bedeutet: Auch hier steht ein klarer Nutzen einem Infektionssignal gegenüber. Die Abwägung hängt davon ab, in welcher Situation und mit welchem Ziel das Eisen gegeben wird.

Litton E, Xiao J, Ho KM. Safety and efficacy of intravenous iron therapy in reducing requirement for allogeneic blood transfusion: systematic review and meta-analysis of randomised clinical trials. BMJ. 2013;347:f4822. [Meta-Analyse, 72 RCT, n=10.605] DOI: 10.1136/bmj.f4822

Wer jetzt denkt, das Signal sei doch ziemlich eindeutig, dem kann eine dritte, sehr große Auswertung beim Einordnen helfen. Sie stammt aus der Sicherheitsforschung zu Eisenpräparaten allgemein und kommt zu einem beruhigenderen Schluss.

Metaanalyse · 103 RCT · n=10.390 Sicherheit i.v.-Eisen

Wer und was: Eine systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse fasste 103 randomisierte Studien mit rund 10.400 Empfängerinnen und Empfängern intravenösen Eisens zusammen und prüfte die Sicherheit insgesamt.

Was sie beobachtet haben: Es zeigte sich kein erhöhtes Risiko für schwere unerwünschte Ereignisse gegenüber den Vergleichsgruppen. Auch Infektionen traten in dieser Auswertung nicht häufiger auf.

Was das für dich bedeutet: Die Auswertungen stimmen nicht in jedem Detail überein. Das ist normal, wenn unterschiedliche Studien, Situationen und Definitionen von Infektion zusammenkommen. Genau diese Streuung spricht gegen einen großen, durchgreifenden Effekt.

Avni T, Bieber A, Grossman A, et al. The safety of intravenous iron preparations: systematic review and meta-analysis. Mayo Clin Proc. 2015;90(1):12-23. [Meta-Analyse, 103 RCT, n=10.390] DOI: 10.1016/j.mayocp.2014.10.007

Warum widersprechen sich diese Arbeiten scheinbar? Ein wichtiger Grund ist, dass Infektion in Studien sehr unterschiedlich definiert wird, von einer leichten Atemwegsinfektion bis zur schweren Blutvergiftung. Wo die Latte liegt, beeinflusst das Ergebnis. Die Übersicht mit dem leichten Signal weist selbst darauf hin, dass es gut konzipierte Studien mit einheitlicher Definition von Infektion braucht, um die Balance zwischen Risiko und Nutzen genauer zu verstehen. Diese Demut gehört zum Thema dazu.

Der Reframe

Die Frage füttert Eisen die Keime hat keine schlichte Ja-Nein-Antwort, weil sie eine Bedingung auslässt: in welchem Zustand der Körper ist. Bei einem stabilen Menschen mit echtem Mangel zeigen die Daten höchstens ein kleines Infektionssignal und keinen Effekt auf die Sterblichkeit. Mitten in einer akuten Infektion ist die Lage eine andere. Die richtige Übersetzung der Hypothese lautet daher nicht Eisen ist gefährlich, sondern Eisen zur falschen Zeit ist ungünstig.

Der entscheidende Unterschied: stabil oder akut infiziert

Jetzt kommen die beiden Stränge zusammen. Die Biologie sagt, dass der Körper bei einer Infektion Eisen zurückhält. Die großen Studien sagen, dass eine geplante Infusion bei stabilen Menschen im Schnitt kein großes Infektionsrisiko trägt. Beides passt zusammen, sobald man den Zeitpunkt mitdenkt.

Während einer akuten, behandlungsbedürftigen Infektion läuft das körpereigene Programm der Eisensperre auf Hochtouren. In dieser Phase zusätzlich Eisen über die Vene zuzuführen, arbeitet gegen diesen Schutz. Das ist der nachvollziehbare Kern hinter der Empfehlung, eine akute Infektion erst abklingen zu lassen. Es geht nicht darum, dass Eisen grundsätzlich schade, sondern darum, dass der Zeitpunkt mitten im Infekt der ungünstigste denkbare ist.

Akute Infektion als Grund zur Zurückhaltung Eine akute, fieberhafte oder behandlungsbedürftige Infektion gilt als Grund, eine geplante Eiseninfusion zu verschieben. Dafür gibt es zwei Gründe. Erstens hält der Körper in dieser Phase ohnehin Eisen zurück, eine Gabe liefe diesem Schutz entgegen. Zweitens sind die Eisenwerte im Blut während eines Infekts verändert und schwer zu deuten, eine Indikation lässt sich kaum sauber stellen. Nach Abklingen lässt sich beides zuverlässiger beurteilen.

Diese Zurückhaltung ist kein Misstrauen gegen die Behandlung. Sie ist Teil dessen, was eine korrekt durchgeführte Infusion ausmacht. Eine sorgfältige Einschätzung vor der Gabe fragt nicht nur nach dem Eisenwert, sondern auch danach, ob gerade ein Infekt vorliegt. Wer so vorgeht, nimmt der Eisen-füttert-Keime-Hypothese genau dort den Wind aus den Segeln, wo sie am ehesten greifen könnte.

Eine Patientengruppe ist hier besonders aufschlussreich, weil sie über Jahre regelmäßig Eisen über die Vene bekommt: Menschen an der Dialyse. Wenn häufige intravenöse Eisengaben Infektionen stark begünstigen würden, müsste man es hier am ehesten sehen.

Übersicht · RCT und Beobachtung · n>130.000 Dialyse und Infektion

Wer und was: Eine systematische Übersicht fasste randomisierte und Beobachtungsstudien bei Dialysepatienten zusammen, insgesamt über 130.000 Personen, und verglich höher mit niedriger dosiertem intravenösem Eisen.

Was sie beobachtet haben: Höher dosiertes intravenöses Eisen war nicht eindeutig mit einem höheren Infektionsrisiko verbunden. In den randomisierten Studien lag das relative Risiko nahe eins, in den Beobachtungsdaten zeigte sich kein klar erhöhtes Risiko. Auch Sterblichkeit, Herz-Kreislauf-Ereignisse und Krankenhausaufenthalte waren nicht erhöht.

Was das für dich bedeutet: Selbst bei regelmäßiger, langfristiger Gabe bleibt das Infektionssignal begrenzt, solange Indikation und Dosis stimmen. Das stützt die Lesart, dass der Zeitpunkt wichtiger ist als das Eisen an sich.

Hougen I, Collister D, Bourrier M, et al. Safety of intravenous iron in dialysis: a systematic review and meta-analysis. Clin J Am Soc Nephrol. 2018;13(3):457-467. [Übersicht, RCT und Beobachtung, n>130.000] DOI: 10.2215/CJN.05390517

Auch eine besonders empfindliche Gruppe wurde untersucht: schwer kranke Menschen auf der Intensivstation, bei denen Infektionen ohnehin ein zentrales Thema sind. Wenn intravenöses Eisen Infektionen klar begünstigen würde, sollte sich das gerade hier zeigen.

Metaanalyse · 8 RCT · n=1.198 Intensivpatienten und Infektion

Wer und was: Eine systematische Übersicht mit Metaanalyse wertete acht randomisierte Studien mit rund 1.200 schwer kranken Erwachsenen aus und prüfte Wirksamkeit und Sicherheit von intravenösem Eisen, darunter Infektionen und Sterblichkeit.

Was sie beobachtet haben: Bei den Infektionen zeigte sich kein Effekt in die eine oder andere Richtung, allerdings auf Basis einer eher unsicheren Datenlage. Auch die Sterblichkeit war im direkten Vergleich nicht erhöht.

Was das für dich bedeutet: Selbst in einer Hochrisikogruppe trat kein klares Infektionssignal hervor. Die Autoren betonen zugleich, dass es größere, sauber geplante Studien braucht, um die Frage abschließend zu beantworten.

Geneen LJ, Brunskill SJ, Doree C, et al. Efficacy and safety of intravenous iron therapy for treating anaemia in critically ill adults: a rapid systematic review with meta-analysis. Transfus Med Rev. 2022;36(2):97-106. [Meta-Analyse, 8 RCT, n=1.198] DOI: 10.1016/j.tmrv.2021.12.002

Die andere Hälfte der Wahrheit: Mangel ist auch nicht harmlos

Bei all dem gerät leicht aus dem Blick, dass die Gleichung weniger Eisen gleich besserer Schutz nicht aufgeht. Das Immunsystem braucht Eisen selbst. Viele Abwehrzellen sind auf eine ausreichende Versorgung angewiesen, um zu reifen und zu arbeiten.

Ein ausgeprägter Eisenmangel kann deshalb seinerseits die Immunfunktion beeinträchtigen, neben den bekannteren Folgen wie Müdigkeit und verminderter Leistungsfähigkeit. Das Ziel ist also kein Extrem, sondern eine Balance. Der Körper möchte Eisen weder im Überfluss frei im Blut schwimmen sehen, wo Erreger es nutzen könnten, noch dauerhaft an allen Ecken knausern müssen.

Übersichtsarbeit Eisenmangel als eigenes Risiko

Wer und was: Eine umfassende Übersichtsarbeit zum Eisenmangel beschreibt die vielfältigen Folgen eines Mangels und die Rolle des Hepcidins bei der Steuerung des Eisenhaushalts, auch unter Entzündungsbedingungen.

Was das für dich bedeutet: Eisen ist kein reines Risiko, das man am besten meidet. Es ist ein notwendiger Baustein, dessen Mangel eigene Probleme schafft. Die Aufgabe ist, den Status bedarfsgerecht einzustellen, nicht ihn pauschal niedrig zu halten.

Pasricha SR, Tye-Din J, Muckenthaler MU, Swinkels DW. Iron deficiency. Lancet. 2021;397(10270):233-248. [Übersichtsarbeit] DOI: 10.1016/S0140-6736(20)32594-0

Hier hilft auch ein Blick auf die Präparate. Ein Teil des theoretischen Risikos hängt an freiem Eisen, also ungebundenem Eisen, das kurzzeitig im Blut zirkulieren kann und genau das wäre, was Erreger nutzen könnten. Moderne intravenöse Präparate sind so gebaut, dass sie das Eisen stabiler binden und langsamer abgeben. Dadurch entsteht weniger freies Eisen als bei den alten, hochmolekularen Präparaten. Ein Teil der historischen Sorge stammt also aus einer Zeit, in der die Präparate anders waren. Diese Entwicklung haben wir im Beitrag zu Nebenwirkungen alter und moderner Präparate ausführlicher beschrieben.

Wo Vorsicht angebracht ist

Ungünstiger Zeitpunkt und Kontext

  • Akute, fieberhafte oder behandlungsbedürftige Infektion
  • Gabe ohne nachgewiesenen Mangel
  • Eisenwerte mitten im Infekt nicht beurteilbar
  • Veraltetes Präparat mit mehr freiem Eisen
  • Wiederholtes Nachlegen ohne Verlaufskontrolle
Wo das Signal klein bleibt

Stabiler Zustand, korrekt gemacht

  • Kein akuter Infekt zum Zeitpunkt der Gabe
  • Echter Mangel als Voraussetzung belegt
  • Modernes Präparat mit stabiler Bindung
  • Dosis an die gemessene Lücke angepasst
  • Überwachung und spätere Verlaufskontrolle

Wie sich das alles für dich zusammenfügt

Wenn ein roter Faden durch dieses Thema läuft, dann dieser: Die Eisen-füttert-Keime-Hypothese ist nicht falsch, aber sie ist unvollständig. Sie beschreibt sehr gut, was während einer aktiven Infektion passiert, und genau dort führt sie zur richtigen Konsequenz, nämlich der Zurückhaltung. Sie überschätzt aber, was eine geplante, kontrollierte Gabe bei einem stabilen Menschen mit echtem Mangel bewirkt.

Die Datenlage ist überwiegend beruhigend, ohne makellos zu sein. Es gibt ein kleines Infektionssignal in der größten Auswertung, es gibt aber keinen Hinweis auf mehr Sterblichkeit oder längere Krankenhausaufenthalte, und andere große Arbeiten finden gar kein erhöhtes Risiko. Diese Spannbreite ehrlich stehen zu lassen, ist seriöser, als eine Seite zu glätten.

Wissenschaft und Erfahrung getrennt

Was die Studienlage stützt: Bei nachgewiesenem Mangel und stabilem Zustand ist intravenöses Eisen nicht mit einem durchgreifend erhöhten Infektionsrisiko verbunden, ein leichtes relatives Signal in einer großen Auswertung schlägt sich nicht in Sterblichkeit oder Krankenhausdauer nieder.

Was ich in der Praxis ergänze: Aus integrativer Sicht achte ich darauf, eine Infusion nicht in eine akute Infektion hineinzulegen, sondern den Infekt erst abklingen zu lassen, schon weil sich der Eisenstatus dann zuverlässiger beurteilen lässt. Das ist klinische Sorgfalt, die zur vorhandenen Evidenz passt, und wir benennen sie bewusst als Erfahrungswert.

Was du selbst tun kannst, ist überschaubar. Du musst keine Metaanalyse lesen, um gut versorgt zu sein. Es reicht, ein paar Fragen zu stellen, die eine sorgfältige Behandlung ohnehin beantwortet.

Vier Fragen rund um Eisen und Infektion

  • Liegt gerade ein Infekt vor? Wenn ja, lässt sich die Infusion meist verschieben, bis er abgeklungen ist.
  • Ist mein Mangel belegt? Eisen ohne nachgewiesene Lücke ist nicht das Mittel der Wahl.
  • Welches Präparat wird verwendet? Moderne Präparate setzen weniger freies Eisen frei.
  • Wann wird kontrolliert? Eine spätere Nachmessung kann helfen, den Status im Blick zu behalten.

Die ehrlichste Antwort auf die Frage, ob Eisen Keime füttert, lautet: nicht das Eisen ist das Problem, sondern der falsche Zeitpunkt. Mitten in einer Infektion wartet man, danach ist die Lage eine andere.

Bei ViveCura in Berlin sehen wir den Eisenhaushalt als Teil eines größeren Bildes. Unsere drei Schwerpunkte, die hormonelle Balance, die mentale Gesundheit und die Stoffwechselgesundheit, hängen enger zusammen, als es zunächst scheint. Ein übersehener Eisenmangel kann sich in allen drei Bereichen zeigen, von der Erschöpfung über die Stimmung bis zur Energie im Alltag. Und jetzt weißt du, warum die Frage nach Eisen und Infektion nie nur eine Frage über das Eisen ist, sondern immer auch eine über den richtigen Moment, es zu geben.

Häufige Fragen

Erhöht eine Eiseninfusion das Infektionsrisiko?

Nach der vorliegenden Studienlage ist die Antwort überwiegend beruhigend. Die größten Metaanalysen finden kein erhöhtes Risiko für schwere Komplikationen oder für die Sterblichkeit. Eine sehr große Auswertung von 154 randomisierten Studien fand allerdings ein leicht erhöhtes relatives Risiko für Infektionen unter intravenösem Eisen, ohne dass sich daraus ein Effekt auf Sterblichkeit oder Krankenhausaufenthalt ergab. Das Signal ist also klein, real und kontextabhängig. Bei nachgewiesenem Mangel, modernem Präparat und korrekter Durchführung überwiegt in der Regel der Nutzen.

Füttert eine Eiseninfusion Bakterien?

Die Sorge hat einen wahren Kern. Viele Krankheitserreger brauchen Eisen zum Wachsen, und der Körper hält ihnen bei einer Infektion gezielt Eisen vor, ein Mechanismus, der als nutritive Immunität bezeichnet wird. Theoretisch könnte zusätzliches Eisen diesen Schutz unterlaufen. In der Praxis greift dieser Mechanismus aber vor allem, wenn eine Infektion bereits aktiv ist. Bei stabilem Zustand ohne akute Infektion zeigen die großen Studien kein durchgreifend erhöhtes Risiko. Genau deshalb ist eine akute Infektion ein guter Grund, mit der Gabe zu warten.

Warum sollte man bei einer akuten Infektion keine Eiseninfusion bekommen?

Während einer akuten Infektion fährt der Körper das verfügbare Eisen im Blut bewusst herunter, um Erregern den Nährstoff zu entziehen. Über das Hormon Hepcidin wird Eisen in den Speichern zurückgehalten. In dieser Phase zusätzlich Eisen über die Vene zuzuführen, läuft dem körpereigenen Schutz entgegen. Deshalb gilt eine akute, behandlungsbedürftige Infektion als Grund, die Infusion zu verschieben, bis der Infekt abgeklungen ist. Das ist keine Schwäche der Behandlung, sondern Teil dessen, was eine korrekt durchgeführte Infusion ausmacht.

Wie groß ist das Infektionsrisiko durch intravenöses Eisen wirklich?

Es geht um ein leicht erhöhtes relatives Risiko, nicht um eine häufige Komplikation. In der größten Übersicht lag das relative Risiko bei etwa 1,17, also rund 17 Prozent über der Vergleichsgruppe, bei moderater Sicherheit der Evidenz. Andere große Auswertungen fanden gar kein erhöhtes Risiko. Wichtig ist, dass weder Sterblichkeit noch Krankenhausdauer betroffen waren. Das spricht für ein kleines, klinisch meist beherrschbares Signal, das von der Situation abhängt, in der das Eisen gegeben wird.

Schwächt Eisenmangel selbst das Immunsystem?

Auch ein Mangel ist nicht harmlos. Eisen wird für viele Immunzellen und für eine normale Abwehrfunktion gebraucht. Ein ausgeprägter Eisenmangel kann mit Müdigkeit, verminderter Leistungsfähigkeit und einer beeinträchtigten Immunfunktion einhergehen. Das Bild ist also nicht so einfach wie weniger Eisen gleich besserer Schutz. Sowohl ein Zuviel zur falschen Zeit als auch ein dauerhaftes Zuwenig können das Gleichgewicht stören. Ziel ist ein bedarfsgerechter Eisenstatus, nicht möglichst wenig und nicht möglichst viel.

Gilt das Infektionsrisiko auch für moderne Eisenpräparate?

Ein Teil der Sorge stammt aus älteren Untersuchungen und älteren Präparaten. Moderne intravenöse Eisenpräparate setzen das Eisen langsamer und stabiler frei, sodass weniger freies, ungebundenes Eisen im Blut zirkuliert. Freies Eisen ist genau das, was Erreger nutzen könnten. Eine pauschale Garantie lässt sich daraus nicht ableiten, aber moderne Präparate sind in dieser Hinsicht günstiger einzuordnen. Entscheidend bleibt der Zeitpunkt der Gabe und der Ausschluss einer akuten Infektion.

Bekommen Dialysepatienten häufiger Infektionen durch Eiseninfusionen?

Dialysepatienten erhalten oft regelmäßig intravenöses Eisen, weshalb diese Gruppe besonders gut untersucht ist. Eine Übersicht über randomisierte und Beobachtungsstudien mit insgesamt über 130.000 Patientinnen und Patienten fand für höher dosiertes intravenöses Eisen kein eindeutig erhöhtes Infektionsrisiko gegenüber niedrigerer Dosierung. Auch Sterblichkeit und Krankenhausaufenthalte waren nicht erhöht. Diese Daten sprechen dafür, dass das Infektionssignal selbst bei häufiger Gabe begrenzt bleibt, solange Indikation und Dosis stimmen.

Sollte ich nach einer überstandenen Infektion mit der Eiseninfusion warten?

In der Regel ist es sinnvoll, eine akute Infektion erst abklingen zu lassen, bevor eine geplante Eiseninfusion gegeben wird. Während des Infekts sind die Eisenwerte im Blut ohnehin verändert und schwer zu beurteilen, und der Körper hält Eisen bewusst zurück. Nach Abklingen lässt sich der Eisenstatus zuverlässiger einschätzen und die Gabe besser steuern. Wie lange genau gewartet wird, hängt von der Art und Schwere des Infekts ab und gehört ins ärztliche Gespräch.

Weiterlesen im Eisen-Ratgeber

SJ
Shukri Jarmoukli
Arzt, Integrative Medizin · ViveCura Berlin
Skalitzer Straße 137, 10999 Berlin

Quellen

  1. Shah AA, Donovan K, Seeley C, Dickson EA, Palmer AJR, Doree C, et al. Risk of infection associated with administration of intravenous iron: a systematic review and meta-analysis. JAMA Netw Open. 2021;4(11):e2133935. DOI: 10.1001/jamanetworkopen.2021.33935 [Meta-Analyse, 154 RCT, n=32.920]
  2. Litton E, Xiao J, Ho KM. Safety and efficacy of intravenous iron therapy in reducing requirement for allogeneic blood transfusion: systematic review and meta-analysis of randomised clinical trials. BMJ. 2013;347:f4822. DOI: 10.1136/bmj.f4822 [Meta-Analyse, 72 RCT, n=10.605]
  3. Avni T, Bieber A, Grossman A, Green H, Leibovici L, Gafter-Gvili A. The safety of intravenous iron preparations: systematic review and meta-analysis. Mayo Clin Proc. 2015;90(1):12-23. DOI: 10.1016/j.mayocp.2014.10.007 [Meta-Analyse, 103 RCT, n=10.390]
  4. Hougen I, Collister D, Bourrier M, Ferguson T, Hochheim L, Komenda P, et al. Safety of intravenous iron in dialysis: a systematic review and meta-analysis. Clin J Am Soc Nephrol. 2018;13(3):457-467. DOI: 10.2215/CJN.05390517 [Übersicht, RCT und Beobachtung, n>130.000]
  5. Geneen LJ, Brunskill SJ, Doree C, Estcourt LJ, Roberts DJ. Efficacy and safety of intravenous iron therapy for treating anaemia in critically ill adults: a rapid systematic review with meta-analysis. Transfus Med Rev. 2022;36(2):97-106. DOI: 10.1016/j.tmrv.2021.12.002 [Meta-Analyse, 8 RCT, n=1.198]
  6. Nairz M, Weiss G. Iron and innate antimicrobial immunity: Depriving the pathogen, defending the host. J Trace Elem Med Biol 2018;48:118-133. DOI: 10.1016/j.jtemb.2018.03.007 [Mechanismus-Review]
  7. Ganz T. Iron in innate immunity: starve the invaders. Curr Opin Immunol. 2009;21(1):63-67. DOI: 10.1016/j.coi.2009.01.011 [Mechanismus-Review]
  8. Pasricha SR, Tye-Din J, Muckenthaler MU, Swinkels DW. Iron deficiency. Lancet. 2021;397(10270):233-248. DOI: 10.1016/S0140-6736(20)32594-0 [Übersichtsarbeit]

Dieser Beitrag fasst die wissenschaftliche Literatur (recherchiert über PubMed) zusammen und dient der allgemeinen Information. Er ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Ob eine Eiseninfusion für dich sinnvoll und sicher ist, welcher Zeitpunkt passt und ob eine akute Infektion oder andere Gegenanzeigen vorliegen, lässt sich nur individuell und im ärztlichen Gespräch klären.

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