Ferritin über 100 als Ziel: sinnvoll oder zu hoch?
Manche halten einen Zielwert über 100 für überfällig, andere für überzogen. Beide haben Argumente. Hier wird die Debatte sachlich eingeordnet, mit klarer Trennung von Erfahrung und Evidenz.
Rund um den Ferritin-Zielwert über 100 gibt es eine echte Debatte. Die eine Seite sagt: Die übliche Untergrenze ist zu tief, viele Menschen brauchen mehr im Speicher, um sich wohlzufühlen. Die andere Seite warnt vor Übertherapie und fehlenden harten Belegen. Dieser Text nimmt beide Seiten ernst und trennt dabei, was Studien zeigen und was klinische Erfahrung ist.
Ich vertrete die Position, dass ein Zielwert über 100 bei passenden Beschwerden oft sinnvoll sein kann. Aber ich halte es für falsch, das als bewiesene Tatsache zu verkaufen. Es ist eine begründete Haltung, kein Naturgesetz. Genau diesen Unterschied will ich offenlegen.
Wenn du nach Grundlagen suchst, also was Ferritin überhaupt misst und woher die Referenzwerte kommen, lies zuerst Ferritin-Wert: was ist wirklich normal?. Dort geht es um die Zahlen allgemein. Hier geht es nur um eine Frage: Ist ausgerechnet die Marke über 100 ein guter Zielwert oder zu hoch gegriffen?
Warum es diese Debatte überhaupt gibt
Viele Menschen kennen das: Zwei Fachleute schauen auf denselben Ferritin-Wert und ziehen unterschiedliche Schlüsse. Der eine sagt normal, der andere sagt zu niedrig. Das ist kein Zeichen von Willkür, sondern Ausdruck eines echten Problems. Es werden nämlich zwei verschiedene Fragen vermischt.
Die erste Frage lautet: Ab wann liegt sicher ein Mangel vor? Darauf antwortet die Laboruntergrenze. Sie ist eine statistische Größe und eher konservativ gesetzt. Die zweite Frage lautet: Ab welchem Wert geht es den meisten Menschen mit Beschwerden wieder gut? Das ist eine andere Frage, und sie ist deutlich schwerer zu beantworten. Genau in dieser Lücke entsteht die Debatte um die 100.
Die Streitfrage ist nicht, ob ein sehr niedriger Wert behandelt gehört. Da sind sich fast alle einig. Die Streitfrage ist, was im Graubereich zwischen 30 und 100 passieren soll, wenn jemand erschöpft ist und das Laborblatt trotzdem grün leuchtet.
Die Argumente dafür und dagegen, nebeneinander
Bevor wir in die einzelnen Punkte gehen, lohnt sich der Überblick. Beide Seiten haben sachliche Argumente, und es lohnt sich, sie nicht gegeneinander auszuspielen, sondern nebeneinanderzulegen.
Warum über 100 sinnvoll sein kann
- Die Laboruntergrenze ist statistisch, nicht am Wohlbefinden orientiert
- Bei manchen Beschwerden gibt es leitliniennahe Schwellen nahe 100, etwa beim Restless-Legs-Syndrom
- Einzelne Studien zeigen bei niedrigem Ferritin eine Besserung der Erschöpfung
- Viele Betroffene berichten erst über mehr Energie, wenn der Speicher deutlich gefüllt ist
Warum Kritik berechtigt ist
- Für die meisten Beschwerden fehlen harte Endpunkte aus großen Studien zu genau diesem Zielwert
- Ferritin ist ein Akute-Phase-Protein und kann bei Entzündung steigen, ohne mehr Eisen anzuzeigen
- Der klare Effekt von Eisen scheint vor allem bei sehr niedrigen Werten zu liegen
- Es besteht die Sorge vor Übertherapie und unnötiger Behandlung
Wer ehrlich ist, erkennt seine eigenen Argumente auch in der jeweils anderen Spalte wieder. Genau das macht eine gute Debatte aus. Schauen wir uns die wichtigsten Punkte nun einzeln an.
Die Argumente dafür im Detail
Symptomschwellen liegen oft höher als die Untergrenze
Der stärkste Punkt für einen höheren Zielwert kommt nicht aus der Statistik, sondern aus der Beobachtung von Symptomen. Es gibt Hinweise darauf, dass der Körper schon dann mit Beschwerden reagieren kann, wenn der Speicher zwar nicht leer, aber knapp ist. Ein Teil der Fachwelt argumentiert deshalb, dass die übliche Untergrenze zu tief liegt.
Ein vielbeachteter Beitrag aus dem Fortbildungsprogramm der amerikanischen Hämatologie-Fachgesellschaft argumentiert, dass die üblichen Ferritin-Referenzbereiche zu einer Unterdiagnose des Eisenmangels bei Frauen führen. Zur Begründung: 30 bis 50 Prozent gesunder Frauen hätten kein Knochenmark-Eisen mehr, und mehrere Hinweise sprächen für eine physiologische Schwelle um 50 statt für die sehr tiefen Laborgrenzen.
Für die Debatte heißt das: Selbst dieser deutliche Vorstoß nennt als physiologische Schwelle eher 50 als 100. Der Artikel stützt also klar die Richtung höher, ist aber kein direkter Beleg für genau den Wert 100.
Martens K, DeLoughery TG. Hematology Am Soc Hematol Educ Program. 2023. DOI: 10.1182/hematology.2023000494Beim Restless-Legs-Syndrom ist eine Schwelle nahe 100 leitliniennah
Es gibt einen Bereich, in dem eine Schwelle in der Größenordnung von 100 nicht nur Erfahrung, sondern in einer internationalen Behandlungsleitlinie verankert ist: das Restless-Legs-Syndrom, die unruhigen Beine. Hier ist der Zusammenhang zwischen Eisen im Gehirn und Beschwerden besonders gut untersucht.
Die internationale Studiengruppe zum Restless-Legs-Syndrom beschreibt in ihrer Behandlungsleitlinie konkrete Schwellen. Eine orale Eisengabe wird bei einem Ferritin von 75 oder darunter als möglicherweise wirksam beschrieben. Eine Eisengabe über die Vene mit einem modernen Präparat wird bei moderaten bis schweren Beschwerden und einem Ferritin unter 300 als Option und bei Werten unter 100 als naheliegend dargestellt.
Das ist bemerkenswert: Ein Wert von 80 oder 90, der auf jedem Laborblatt grün wäre, gilt bei diesen Beschwerden als potenziell behandlungswürdig. Hier ist die Idee eines höheren Zielwerts also leitliniennah.
Allen RP et al. Sleep Med. 2018;41:27-44. DOI: 10.1016/j.sleep.2017.11.1126Wichtig zur Einordnung: Diese Schwellen gelten für das Restless-Legs-Syndrom. Sie lassen sich nicht ungeprüft auf jede Form von Müdigkeit übertragen. Aber sie zeigen, dass die Idee Ferritin im Normbereich reicht nicht immer aus in der Fachwelt angekommen ist. Mehr dazu im Artikel Restless-Legs-Syndrom und Eisen.
Bei Erschöpfung gibt es Studien, aber mit Einschränkungen
Auch jenseits der unruhigen Beine gibt es Studien, die einen Nutzen von Eisen bei nicht-anämischen Menschen mit niedrigem Ferritin zeigen. Sie sind ein echtes Argument für die Pro-Seite. Gleichzeitig gehört ihre Einschränkung ehrlich dazu, deshalb stehen sie auch im nächsten Kapitel noch einmal.
In einer randomisierten Studie an menstruierenden, nicht-anämischen Frauen mit Ferritin unter 50 und normalem Hämoglobin ging die Erschöpfung unter Eisentabletten stärker zurück als unter Scheinpräparat. Die Autoren schlugen vor, bei unerklärter Müdigkeit und Ferritin unter 50 an Eisen zu denken.
Wichtig fürs Ganze: Die Studie nennt als Schwelle 50, nicht 100. Und sie fand keine messbare Verbesserung bei Lebensqualität, Stimmung oder Angst. Sie stützt also die Richtung, nicht die genaue Zahl.
Vaucher P et al. CMAJ. 2012;184(11):1247-1254. DOI: 10.1503/cmaj.110950Die Studien zeigen vor allem eines: Eisen kann helfen, wenn der Speicher knapp ist. Über die genaue Zielzahl sagen sie weniger, als viele glauben.
Die Argumente dagegen im Detail
Jetzt die andere Seite, und zwar fair. Die Kritik an einem festen Zielwert über 100 kommt nicht aus Sturheit, sondern aus guten methodischen Gründen. Wer die Pro-Seite ernst nimmt, muss diese Einwände genauso ernst nehmen.
Der klare Effekt liegt oft bei sehr niedrigen Werten
Ein zentrales Gegenargument: Wo Studien einen deutlichen Nutzen von Eisen finden, betrifft das häufig die wirklich niedrigen Speicher, nicht den Bereich knapp unter 100. Das schwächt die Idee, ausgerechnet die Marke 100 sei der entscheidende Zielwert.
In einer placebokontrollierten Studie erhielten nicht-anämische Frauen mit Ferritin bis 50 und Erschöpfung eine Eiseninfusion oder ein Scheinpräparat. Insgesamt war der Unterschied nach sechs Wochen knapp nicht statistisch sicher. Erst in der Untergruppe mit einem Ferritin von 15 oder darunter wurde der Effekt deutlich, dort berichteten 82 Prozent der Eisen-Gruppe über weniger Müdigkeit gegenüber 47 Prozent unter Scheinpräparat.
Das ist ein ehrlicher Befund: Der klare Nutzen zeigte sich bei sehr leeren Speichern. Das spricht eher gegen einen pauschalen Zielwert von 100 für alle und für eine genaue Einordnung im Einzelfall.
Krayenbuehl PA et al. Blood. 2011;118(12):3222-3227. DOI: 10.1182/blood-2011-04-346304Und es gibt Konstellationen, in denen ein Nutzen weniger eindeutig ausfiel. Untersuchungen an Blutspenderinnen mit niedrig-normalem Ferritin sind ein Beispiel dafür, dass eine Eisengabe nicht in jeder Gruppe denselben klaren Effekt zeigt. Der Nutzen hängt stark davon ab, wen man auswählt.
Eine kontrollierte Studie untersuchte gezielt Eisengabe bei nicht-anämischen Blutspenderinnen mit einem Ferritin von 30 oder darunter. Genau in solchen Gruppen mit nur leicht niedrigen Werten fällt der Nutzen unterschiedlich aus. Das ist ein wichtiger Hinweis darauf, dass nicht jeder grenzwertige Wert automatisch ein gut behandelbares Symptomproblem bedeutet.
Pedrazzini B et al. Trials. 2009;10:4. DOI: 10.1186/1745-6215-10-4Hierzu passt ein nüchterner Blick auf die Forschung zu den Schwellen selbst. Große Bevölkerungsauswertungen, die den Mangel nicht mehr nur statistisch, sondern physiologisch herleiten, kommen auf Schwellen um die 25 für nicht schwangere Frauen, nicht auf 100. Sie verschieben die Untergrenze also nach oben, aber deutlich weniger weit, als die 100-Marke nahelegt.
Eine Auswertung großer US-Gesundheitsdaten leitete physiologisch begründete Ferritin-Schwellen für einen beginnenden Eisenmangel ab. Für nicht schwangere Frauen lag die Schwelle bei rund 25, für Kinder bei rund 20. Eine spätere multinationale Untersuchung bestätigte eine Schwelle um 25 für Frauen über mehrere Länder hinweg.
Das ist ein wichtiges Gegengewicht: Die Forschung stützt die Richtung höher als die alte Grenze, liefert aber selbst keinen Beleg für genau 100 als Zielwert. Wer 100 mit diesen Daten begründet, überdehnt sie.
Mei Z et al. Lancet Haematol. 2021;8(8):e572-e582. DOI: 10.1016/S2352-3026(21)00168-XFerritin ist auch ein Akute-Phase-Protein
Ein weiteres starkes Gegenargument betrifft die Messgröße selbst. Ferritin ist nicht nur ein Speichermarker. Es steigt bei Entzündungen, Infekten und manchen chronischen Erkrankungen an, ganz unabhängig vom Eisenvorrat. Ein hoher Wert kann also nicht nur einen vollen Speicher bedeuten, sondern auch eine stille Entzündung.
Eine viel zitierte Fachübersicht ordnet Ferritin ausdrücklich als Akute-Phase-Protein ein, das bei Entzündung steigt. Daraus folgt: Ein einzelner Ferritin-Wert ohne Begleitparameter ist nur begrenzt aussagekräftig, sowohl nach unten als auch nach oben.
Für die Debatte heißt das: Wer einen hohen Zielwert anstrebt, muss sicher sein, dass die Zahl wirklich den Speicher abbildet und nicht eine Entzündung. Sonst behandelt man womöglich eine Zahl statt eines Mangels.
Camaschella C. N Engl J Med. 2015;372(19):1832-1843. DOI: 10.1056/NEJMra1401038Bei Haarausfall ist die Datenlage uneinheitlich
Haarausfall wird oft als Argument für einen hohen Ferritin-Zielwert genannt. Hier ist Vorsicht geboten, denn die Studienlage ist gerade nicht eindeutig. Ein Zusammenhang ist plausibel und klinisch bekannt, aber die Belege sind durchwachsen.
Eine Übersichtsarbeit zu Vitaminen und Mineralstoffen bei Haarausfall beschreibt Eisen als plausibel beteiligten Faktor im Haarzyklus, betont aber zugleich die widersprüchliche Studienlage. Die Autoren fordern ausdrücklich große, placebokontrollierte Studien, um den Effekt einer gezielten Eisengabe bei Haarausfall sauber zu klären.
Ehrlich eingeordnet: Haarausfall ist deshalb eher ein Grund, genau hinzuschauen, als ein harter Beleg für einen festen Zielwert über 100. Mehr zur Abwägung im Artikel Eisenmangel und Haarausfall.
Almohanna HM et al. Dermatol Ther (Heidelb). 2018;9(1):51-70. DOI: 10.1007/s13555-018-0278-6Wo Wissenschaft und Erfahrung auseinandergehen
Jetzt kommt der ehrlichste Teil. Ich halte es für wichtig, klar zu sagen, was durch Studien gestützt ist und was meine klinische Beobachtung ist. Beides hat seinen Platz, aber es darf nicht verwechselt werden.
Bei niedrigem Ferritin kann Eisen die Erschöpfung bessern, je leerer der Speicher, desto klarer der Effekt. Für das Restless-Legs-Syndrom gibt es leitliniennahe Schwellen nahe 100. Ein fester, durch große Studien gesicherter Zielwert von über 100 für alle Beschwerden fehlt.
Viele Menschen berichten erst über deutlich mehr Energie, wenn das Ferritin spürbar über die tiefen Normwerte steigt. Ein Zielkorridor über 100 kann dann sinnvoll sein. Das ist Erfahrung aus der Praxis und eine begründete Position, kein durch große Studien bewiesener Grenzwert.
Genau diese Spannung gehört auf den Tisch. Es wäre unredlich, dir einen sicheren Nutzen eines bestimmten Zielwerts zu versprechen. Und es wäre genauso unredlich, deine Beschwerden mit dem Verweis auf ein grünes Laborblatt abzutun. Für viele Menschen liegt die Antwort dazwischen: Ihre Werte sind formal normal, und ihr Eisen kann für sie persönlich trotzdem knapp sein. Wie sich das anfühlt, vertieft der Artikel Funktioneller Eisenmangel trotz normalem Ferritin.
Die ehrlichste Antwort auf die Frage über 100 oder zu hoch lautet: Es kommt darauf an. Auf deine Beschwerden, deinen Ausgangswert, deine Begleitwerte und deine Lebensphase. Ein Zielwert ist kein Selbstzweck, sondern ein Orientierungspunkt für ein Gespräch.
Wofür ein Zielwert gut ist und wofür nicht
Ein Zielwert hat einen Nutzen: Er gibt einem Gespräch eine Richtung. Ohne Orientierung bleibt man leicht bei der reinen Frage normal oder nicht stehen, und die ist bei Beschwerden oft zu grob. Mit einem Zielkorridor lässt sich genauer fragen, ob ein Wert für diesen Menschen ausreicht.
Ein Zielwert hat aber auch Grenzen. Er ersetzt keine Diagnostik. Er darf nicht dazu führen, Eisen auf eigene Faust hochzudosieren oder eine einzelne Zahl zu behandeln statt eines Menschen. Und er muss immer im Kontext gelesen werden, also gemeinsam mit Beschwerden, CRP und Transferrinsättigung.
| Situation | Wie ein höherer Zielwert einzuordnen ist |
|---|---|
| Sehr niedriges Ferritin mit Beschwerden | Hier ist eine Behandlung meist unstrittig. Der genaue Zielwert ist weniger das Thema als das Auffüllen selbst. |
| Graubereich 30 bis 100 mit passenden Symptomen | Hier liegt die eigentliche Debatte. Sinnvoll ist eine individuelle Abwägung statt einer starren Zahl. |
| Restless-Legs-Syndrom | Eine Schwelle nahe 100 ist hier leitliniennah verankert und nicht nur Erfahrung. |
| Hoher Wert bei möglicher Entzündung | Vorsicht. Ein hohes Ferritin kann hier täuschen. Begleitwerte sind entscheidend. |
| Mann oder Frau nach den Wechseljahren | Niedrige Werte sind seltener. Ein niedriger Wert gehört nach der Ursache durchsucht statt einfach aufgefüllt. |
Eine faire Schlussabwägung
Wenn ich beide Seiten zusammenfasse, ergibt sich kein einfaches Urteil, aber eine klare Haltung. Die Kritik an einem starren Zielwert über 100 für alle ist berechtigt, denn die großen, harten Belege für genau diese Zahl fehlen. Wer das anders darstellt, übertreibt.
Gleichzeitig spricht vieles dafür, dass die reine Laboruntergrenze für Menschen mit Beschwerden oft zu tief liegt. Symptomschwellen, einzelne Studien und nicht zuletzt die Erfahrung vieler Behandelnder deuten in dieselbe Richtung: höher als die Untergrenze, oft in den Bereich über 100, ohne dass diese Zahl ein magischer Schwellenwert wäre.
Meine Position bleibt: Ein Zielwert über 100 kann bei passenden Beschwerden sinnvoll sein. Aber er ist eine begründete Orientierung, keine bewiesene Grenze. Wer beides ehrlich auseinanderhält, wird der Sache am ehesten gerecht.
In meiner Praxis arbeite ich an der Schnittstelle dreier Bereiche: Eisenmangel und Eiseninfusionen, Schlafmedizin sowie integrative, ganzheitliche Medizin. Gerade beim Thema Ferritin kommt das zusammen, weil ein knapper Speicher Energie, Schlaf und Stimmung gleichzeitig betreffen kann. Den großen Überblick gibt der Artikel Eisenmangel und Eiseninfusionen.
Und jetzt weißt du, warum über 100 oder zu hoch die falsche Frage ist, wenn man nur eine einzige Antwort für alle erwartet. Die ehrliche Antwort ist eine Abwägung, kein Dogma. Dein Wert bekommt seine Bedeutung erst, wenn jemand ihn für dich liest.
Häufige Fragen zum Ferritin-Zielwert über 100
Ist ein Ferritin-Zielwert über 100 wissenschaftlich bewiesen?
Ein fester, durch große Studien bewiesener Zielwert von über 100 für alle Beschwerden gibt es nicht. Für einzelne Situationen wie das Restless-Legs-Syndrom gibt es leitliniennahe Schwellen in dieser Größenordnung. Für allgemeine Erschöpfung ist über 100 eher eine begründete Position aus Erfahrung und Teilstudien als ein gesicherter Grenzwert. Das gehört ehrlich getrennt.
Warum halten manche Fachleute einen Zielwert über 100 für zu hoch?
Kritik gibt es aus mehreren Richtungen. Erstens fehlen für viele Beschwerden harte Endpunkte aus großen Studien, die genau diesen Zielwert stützen. Zweitens ist Ferritin auch ein Akute-Phase-Protein und kann bei Entzündung steigen, ein hoher Wert sagt also nicht immer viel aus. Drittens besteht die Sorge vor Übertherapie. Diese Einwände sind sachlich und gehören in die Abwägung.
Welcher Ferritin-Wert gilt beim Restless-Legs-Syndrom als Schwelle?
Die internationale Studiengruppe zum Restless-Legs-Syndrom nennt in ihrer Behandlungsleitlinie konkrete Schwellen. Eine orale Eisengabe wird bei einem Ferritin von 75 oder darunter als möglich sinnvoll beschrieben, eine Eisengabe über die Vene unter anderem bei einem Ferritin unter 100. Das ist eine der wenigen Stellen, an der eine Schwelle nahe 100 leitliniennah verankert ist. Mehr dazu im Artikel zum Restless-Legs-Syndrom.
Bringt Eisen bei Erschöpfung etwas, wenn keine Anämie vorliegt?
Die Studienlage ist gemischt. Einzelne randomisierte Studien zeigen bei nicht-anämischen Frauen mit niedrigem Ferritin eine Besserung der Erschöpfung. Der Effekt scheint umso klarer, je leerer die Speicher sind, und ist bei höheren Ausgangswerten weniger eindeutig. Es wäre unredlich, daraus einen sicheren Nutzen für jeden Einzelfall abzuleiten.
Kann ein hoher Ferritin-Wert auch täuschen?
Ja. Ferritin ist nicht nur ein Speichermarker, sondern auch ein Akute-Phase-Protein. Bei Entzündungen, Infekten und manchen chronischen Erkrankungen kann es steigen, unabhängig vom tatsächlichen Eisenspeicher. Deshalb ist ein einzelner hoher Wert ohne Begleitwerte wie CRP und Transferrinsättigung nur begrenzt aussagekräftig.
Ist ein Ferritin über 100 gefährlich?
Ein gezielt im Rahmen einer begleiteten Therapie angestrebter Wert über 100 ist etwas anderes als eine unkontrollierte Eisenüberladung. Dauerhaft stark erhöhte Werte gehören abgeklärt, unter anderem um eine Eisenüberladung oder eine Entzündung auszuschließen. Eigenmächtiges Hochdosieren ohne ärztliche Begleitung ist nicht sinnvoll.
Warum gibt es überhaupt eine Debatte um den Zielwert?
Weil zwei Fragen vermischt werden. Die Laboruntergrenze beantwortet, ab wann ein Mangel statistisch sicher ist. Die Frage nach einem Zielwert für Beschwerdefreiheit ist eine andere und schwerer zu beantworten. Beide Lager haben sachliche Argumente. Die Debatte ist deshalb keine Frage von richtig oder falsch, sondern von Abwägung im Einzelfall.
Wie sollte ich mit einem Wert zwischen 30 und 100 umgehen?
Ein Wert in diesem Bereich ist auf den meisten Laborblättern grün und schließt einen funktionellen Engpass trotzdem nicht aus, vor allem bei passenden Beschwerden. Sinnvoll ist, den Wert gemeinsam mit Beschwerden, CRP und Transferrinsättigung ärztlich einzuordnen statt allein auf die Zahl zu schauen.
Gilt der Zielwert über 100 für alle Menschen gleich?
Nein. Geschlecht, Lebensphase, Beschwerden und Begleiterkrankungen spielen eine Rolle. Ein Wert, der für einen Mann nach den Wechseljahren reichlich ist, kann für eine Frau mit starker Regelblutung und Erschöpfung knapp sein. Ein pauschaler Zielwert für alle wäre eine Vereinfachung.
Weiterlesen im Eisen-Ratgeber
Quellen und weiterführende Literatur
- Martens K, DeLoughery TG. Sex, lies, and iron deficiency: a call to change ferritin reference ranges. Hematology Am Soc Hematol Educ Program. 2023;2023(1):617-621. DOI: 10.1182/hematology.2023000494 [Review, Expertenkonsens]
- Allen RP, Picchietti DL, Auerbach M, et al. Evidence-based and consensus clinical practice guidelines for the iron treatment of restless legs syndrome/Willis-Ekbom disease in adults and children: an IRLSSG task force report. Sleep Med. 2018;41:27-44. DOI: 10.1016/j.sleep.2017.11.1126 [Consensus Guideline]
- Vaucher P, Druais PL, Waldvogel S, Favrat B. Effect of iron supplementation on fatigue in nonanemic menstruating women with low ferritin: a randomized controlled trial. CMAJ. 2012;184(11):1247-1254. DOI: 10.1503/cmaj.110950 [RCT, n=198]
- Krayenbuehl PA, Battegay E, Breymann C, et al. Intravenous iron for the treatment of fatigue in nonanemic, premenopausal women with low serum ferritin concentration. Blood. 2011;118(12):3222-3227. DOI: 10.1182/blood-2011-04-346304 [RCT, n=90]
- Pedrazzini B, Waldvogel S, Cornuz J, et al. The impact of iron supplementation efficiency in female blood donors with a decreased ferritin level and no anaemia. Trials. 2009;10:4. DOI: 10.1186/1745-6215-10-4 [RCT, Studienprotokoll]
- Camaschella C. Iron-deficiency anemia. N Engl J Med. 2015;372(19):1832-1843. DOI: 10.1056/NEJMra1401038 [Review]
- Almohanna HM, Ahmed AA, Tsatalis JP, Tosti A. The role of vitamins and minerals in hair loss: a review. Dermatol Ther (Heidelb). 2018;9(1):51-70. DOI: 10.1007/s13555-018-0278-6 [Review]
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