Ratgeber Gewicht · Spoke

Abnehmspritze absetzen: Jojo-Effekt vermeiden

Nach dem Absetzen von Ozempic, Wegovy oder Mounjaro kehrt der Appetit oft zurück, und ein großer Teil des Gewichts kann ohne Begleitmaßnahmen wieder aufgebaut werden. Das ist Physiologie, keine Willensschwäche. Was die RCT-Daten zeigen, warum dein Körper ein Gewicht verteidigt, und welche Grundlagen den Jojo-Effekt abfedern können.

Shukri Jarmoukli · Arzt, Integrative Medizin · ViveCura Berlin
Mein Ausgangspunkt

Viele Menschen erleben mit der Abnehmspritze zum ersten Mal, wie sich Ruhe im Kopf anfühlt, wenn der ständige Hunger nachlässt. Und dann kommt die Angst vor der Frage: Was passiert, wenn ich sie absetze? Die ehrliche Antwort aus den Studien lautet: Ohne einen Plan kommt ein großer Teil des Gewichts oft zurück. Aber nicht das Medikament ist das Problem, sondern das Fehlen einer Strategie. Der Körper verteidigt sein früheres Gewicht mit Hunger, Sättigung und Energieverbrauch. Wer das versteht, hört auf, sich für den Jojo-Effekt zu schämen, und fängt an, die Grundlagen aufzubauen: Muskel, Sättigung aus echtem Essen, Schlaf, ärztliche Begleitung. Genau darum geht es in diesem Text.

Dieser Spoke geht durch, was beim Absetzen von GLP-1-Medikamenten wie Semaglutid (Ozempic, Wegovy) und Tirzepatid (Mounjaro) physiologisch passiert. Wir schauen auf die Daten aus den großen Studien, verstehen, warum der Hunger zurückkehrt und der Körper ein Gewicht verteidigt, und ordnen ein, welche Grundlagen den Wiederanstieg abfedern können. Den Wirkmechanismus der Spritze behandelt ein eigener Spoke, ebenso die Nebenwirkungen und der Muskelabbau. Wichtig vorab: Diese Medikamente sind verschreibungspflichtig. Dieser Text erklärt Zusammenhänge, er ist kein Beschaffungs- oder Dosis-Ratgeber und ersetzt keine ärztliche Beratung.

Der Moment, in dem die Ruhe endet

Stell dir vor, du hast monatelang zum ersten Mal seit Jahren keinen Dauerhunger gespürt. Essen war kein Kampf mehr. Dann endet die Behandlung, aus welchem Grund auch immer, und Woche für Woche meldet sich der Appetit zurück. Viele Menschen beschreiben genau das, und viele geben sich dann selbst die Schuld. Sie denken, sie hätten es einfach nicht durchgehalten.

Diese Selbstanklage ist verständlich, aber sie trifft die falsche Stelle. Der zurückkehrende Hunger ist kein Charakterproblem. Er ist eine biologische Antwort. Der Wirkstoff hat eine körpereigene Sättigung verstärkt. Fällt er weg, fällt auch diese Verstärkung weg. Und darunter liegt eine zweite Schicht: Nach jeder Gewichtsabnahme verschieben sich die Hormone, die Hunger und Sättigung steuern.

Reframe

Der Jojo-Effekt nach dem Absetzen ist kein Beweis, dass du versagt hast. Er ist der Beweis, dass dein Körper funktioniert, nur eben in eine Richtung, die du gerade nicht willst. Er verteidigt ein Gewicht, das er als normal abgespeichert hat. Die Aufgabe ist nicht, mehr Disziplin aufzubringen, sondern diese Verteidigung klug zu begleiten.

Was die Studien zum Absetzen wirklich zeigen

Belegt durch RCTs, das ist hier die wichtige Vorbemerkung. Die Frage, was nach dem Absetzen passiert, ist gut untersucht, und die Ergebnisse sind erstaunlich einheitlich. Fangen wir mit Semaglutid an, dem Wirkstoff hinter Ozempic und Wegovy.

Studie · STEP 1 Extension

Ein Jahr nach dem Absetzen von Semaglutid

RCT-Extension, n=327 John Wilding und Kollegen verfolgten 2022 in Diabetes, Obesity and Metabolism eine Teilgruppe der STEP-1-Studie ein Jahr über das Behandlungsende hinaus. Nach 68 Wochen hatten die Semaglutid-Teilnehmenden im Mittel 17,3 Prozent Gewicht verloren. Als Medikament und begleitendes Lebensstilprogramm gemeinsam endeten, bauten sie bis Woche 120 rund zwei Drittel wieder auf, im Mittel 11,6 Prozentpunkte, sodass ein Netto-Verlust von 5,6 Prozent blieb. Auch die verbesserten kardiometabolischen Werte bewegten sich Richtung Ausgangswert. Die Autoren schlossen: Adipositas ist chronisch, und eine dauerhafte Behandlung ist meist nötig, um die Verbesserungen zu halten.

Wilding JPH, Batterham RL, Davies M, et al. Diabetes Obes Metab. 2022;24(8):1553-1564. doi:10.1111/dom.14725 · PMID: 35441470

Die STEP-1-Extension hat eine Einschränkung: Hier wurden Medikament und Lebensstilprogramm gleichzeitig beendet. Sauberer trennt das ein sogenanntes Entzugs-Design, bei dem alle erst behandelt werden und dann per Zufall entweder weiter behandelt werden oder auf Placebo wechseln. Genau das ist STEP 4.

Studie · STEP 4, JAMA

Weiter behandeln oder absetzen: der direkte Vergleich

RCT, n=803 Domenica Rubino und Kollegen randomisierten 2021 in JAMA nach einem 20-wöchigen Semaglutid-Run-in. Eine Gruppe bekam weiter Semaglutid, die andere wechselte auf Placebo, beide mit Lebensstilbegleitung. Von Woche 20 bis 68 verlor die Semaglutid-Gruppe weitere 7,9 Prozent Gewicht. Die Placebo-Gruppe nahm 6,9 Prozent zu. Die Differenz betrug 14,8 Prozentpunkte. Der einzige Unterschied zwischen den Gruppen war das Fortsetzen oder Absetzen. Das macht diese Studie zum starken Beleg dafür, dass das Absetzen die Richtung umkehrt.

Rubino D, Abrahamsson N, Davies M, et al. JAMA. 2021;325(14):1414-1425. doi:10.1001/jama.2021.3224 · PMID: 33755728

Und Tirzepatid, der Wirkstoff hinter Mounjaro? Dasselbe Muster, in der entsprechenden Studie sogar noch deutlicher.

Studie · SURMOUNT-4, JAMA

Tirzepatid absetzen: 14 Prozent wieder zugenommen

RCT, n=670 Louis Aronne und Kollegen berichteten 2024 in JAMA über SURMOUNT-4. Nach 36 Wochen offener Tirzepatid-Behandlung mit im Mittel 20,9 Prozent Gewichtsverlust wurden die Teilnehmenden randomisiert. Von Woche 36 bis 88 verlor die Tirzepatid-Gruppe nochmals 5,5 Prozent, die auf Placebo Gewechselten nahmen dagegen 14,0 Prozent wieder zu. Die Differenz betrug 19,4 Prozentpunkte. 89,5 Prozent der Weiterbehandelten hielten mindestens 80 Prozent ihres Verlusts, gegenüber nur 16,6 Prozent unter Placebo. Auch bei Tirzepatid führt ein Absetzen also zu einem substanziellen Wiederanstieg.

Aronne LJ, Sattar N, Horn DB, et al. JAMA. 2024;331(1):38-48. doi:10.1001/jama.2023.24945 · PMID: 38078870

~⅔des Verlusts wieder aufgebaut, 1 Jahr nach Semaglutid-Absetzen (STEP 1 Extension)
+6,9 %Gewichtszunahme nach Wechsel auf Placebo in STEP 4
+14,0 %Gewichtszunahme nach Tirzepatid-Absetzen in SURMOUNT-4

Und jetzt weißt du, warum die Fachwelt Adipositas zunehmend als chronische Erkrankung einordnet. Nicht, um dir Angst zu machen, sondern um den Blick zu verschieben: weg von der Frage „Wie oft muss ich das noch schaffen?", hin zu „Wie baue ich eine tragfähige Grundlage?".

Warum dein Körper ein Gewicht verteidigt

Um den Jojo-Effekt zu verstehen, muss man kurz unter die Haube schauen. Warum verteidigt der Körper überhaupt ein höheres Gewicht? Und warum reicht Willenskraft dagegen so oft nicht?

Belegt durch Humandaten ist der erste Baustein: die Hormone. Priya Sumithran und Kollegen zeigten 2011 im New England Journal of Medicine, dass nach einer Diät die appetitregulierenden Hormone verschoben bleiben. Ghrelin, das Hungerhormon, war erhöht. Leptin und PYY, die Sättigung signalisieren, waren erniedrigt. Und der subjektive Hunger war messbar erhöht. Das Entscheidende: Diese Verschiebung war noch ein Jahr später da. Der Körper macht also nicht kurz Alarm und beruhigt sich dann. Er hält den Alarm.

Studie · NEJM

Der Hunger nach Gewichtsverlust bleibt biologisch verankert

Klinische Studie, n=50 Sumithran und Kollegen begleiteten 50 übergewichtige Personen durch ein 10-wöchiges Programm mit starker Kalorienreduktion und maßen die appetitregulierenden Hormone vor, direkt nach und ein Jahr nach dem Gewichtsverlust. Ein Jahr später waren Ghrelin weiterhin erhöht und Leptin, PYY und weitere Sättigungssignale weiterhin erniedrigt, begleitet von anhaltend gesteigertem Hunger. Ihre Schlussfolgerung: Die hormonellen Veränderungen, die zum Wiederanstieg drängen, kehren nach diätinduziertem Verlust nicht von selbst zum Ausgangszustand zurück.

Sumithran P, Prendergast LA, Delbridge E, et al. N Engl J Med. 2011;365(17):1597-1604. doi:10.1056/NEJMoa1105816 · PMID: 22029981

Der zweite Baustein ist der Energieverbrauch. Nach starkem Gewichtsverlust kann der Ruheumsatz stärker sinken, als es das neue, niedrigere Gewicht allein erklären würde. Diesen Effekt nennt man metabolische Adaptation. Eine oft zitierte Nachuntersuchung von Teilnehmern einer bekannten TV-Abnehmshow machte das eindrücklich sichtbar.

Studie · Follow-up über 6 Jahre

Der Grundumsatz kann dauerhaft niedriger bleiben

Follow-up-Studie, n=14 Erin Fothergill und Kollegen maßen 2016 in Obesity Ruheumsatz und Körperzusammensetzung von Teilnehmern sechs Jahre nach einem intensiven Abnehm-Wettbewerb. Im Mittel hatten sie 41 kg des verlorenen Gewichts wieder zugenommen. Trotzdem lag ihr Ruheumsatz rund 704 kcal pro Tag unter dem Ausgangswert, und die metabolische Adaptation betrug etwa minus 499 kcal pro Tag. Der Körper verbrauchte also deutlich weniger Energie, als es nach Körperzusammensetzung und Alter zu erwarten gewesen wäre. Diese Daten stammen aus einer extremen Gewichtsverlust-Situation und lassen sich nicht eins zu eins übertragen, sie zeigen aber, wie hartnäckig die Gegenregulation sein kann.

Fothergill E, Guo J, Howard L, et al. Obesity (Silver Spring). 2016;24(8):1612-1619. doi:10.1002/oby.21538 · PMID: 27136388

Mechanistisch plausibel und in einem aktuellen Fachreview zusammengefasst ist der dritte Baustein: das Konzept des Sollwerts. Jonathan Purnell und Carel Le Roux beschrieben 2025 im Journal of Internal Medicine, wie der Körper seine Fettmasse um einen bestimmten Sollwert reguliert, ähnlich wie ein Thermostat eine Temperatur hält. Bei Adipositas kann dieser Sollwert höher liegen, unter anderem durch eine Leptinresistenz. Wirksame Therapien können den Sollwert senken. Wird die Therapie beendet, kehren die alten Regulationsmuster zurück, und der Körper steuert wieder auf sein höheres Ziel zu.

Nervensystem

Sättigungssignale aus dem Darm erreichen das Gehirn. GLP-1-Medikamente verstärken diesen Weg. Fällt der Wirkstoff weg, meldet das System wieder mehr Hunger, weil die Verstärkung fehlt.

Hormonsystem

Ghrelin hoch, Leptin und PYY runter: nach Gewichtsverlust bleibt diese appetit-fördernde Konstellation lange bestehen (Sumithran 2011). Der Körper drängt hormonell zurück zum alten Gewicht.

Stoffwechsel

Der Ruheumsatz kann stärker sinken, als das neue Gewicht erklärt (metabolische Adaptation). Weniger Muskel senkt ihn zusätzlich. Beides erleichtert einen Wiederanstieg.

Sollwert-Regulation

Der Körper verteidigt eine Fettmasse wie ein Thermostat (Purnell und Le Roux 2025). Therapie senkt den Sollwert, Absetzen lässt die alten Muster zurückkehren.

Häufiger Irrtum

„Wenn ich abgenommen habe, sollte mein Körper das neue Gewicht doch einfach halten." Das entspricht nicht dem, was die Physiologie zeigt. Der Körper behandelt Gewichtsverlust eher wie einen Mangel, den es auszugleichen gilt, nicht wie einen erreichten Zielzustand. Deshalb braucht das Halten aktive Grundlagen, es passiert nicht von allein.

Muskel, der oft übersehene Faktor

Ein Punkt wird beim Thema Abnehmspritze oft zu wenig beachtet: Ein Teil des Gewichtsverlusts betrifft nicht nur Fett, sondern auch die fettfreie Masse, zu der die Muskulatur gehört. Das ist für den Jojo-Effekt direkt relevant, denn Muskel ist stoffwechselaktiv. Weniger Muskel bedeutet tendenziell einen niedrigeren Energieverbrauch, und das kann einen Wiederanstieg nach dem Absetzen begünstigen.

Übersichtsarbeit · Metabolism

Über ein Viertel des Verlusts ist fettfreie Masse

Übersichtsarbeit Konstantinos Stefanakis, Christos Mantzoros und Kollegen fassten 2024 in Metabolism zusammen, dass unter Adipositastherapie, ähnlich wie nach bariatrischer Operation, typischerweise über 25 Prozent des Gewichtsverlusts aus fettfreier Masse stammen, einschließlich Skelettmuskel. Sie betonen, dass der Verlust an Muskel den Ruheumsatz senken und langfristig die Anfälligkeit für eine sarkopene Adipositas erhöhen kann. Der Erhalt der Muskulatur, etwa durch ausreichend Protein und Krafttraining, sei deshalb ein wichtiger Baustein, besonders bei älteren Menschen.

Stefanakis K, Kokkorakis M, Mantzoros CS. Metabolism. 2024;161:156057. doi:10.1016/j.metabol.2024.156057 · PMID: 39481534

Und jetzt weißt du, warum „einfach weniger essen" nach dem Absetzen so oft nach hinten losgeht. Wer während der Behandlung keinen Muskel aufgebaut oder erhalten hat, startet mit einem niedrigeren Umsatz in eine Phase, in der der Appetit gerade zurückkehrt. Die Details zum Muskelabbau behandelt ein eigener Spoke.

Nicht das Medikament, die fehlende Strategie

An dieser Stelle ist mir eine Klarstellung wichtig, weil das Thema oft in zwei Lager zerfällt. Die einen bejubeln die Abnehmspritze als Wundermittel, die anderen verteufeln sie als unnatürlich. Beides greift zu kurz.

Die Wirksamkeit ist klar belegt. In STEP 1 (Wilding 2021, New England Journal of Medicine) führte Semaglutid zu im Mittel 14,9 Prozent Gewichtsverlust gegenüber 2,4 Prozent unter Placebo. In SURMOUNT-1 (Jastreboff 2022, ebenfalls NEJM) erreichte Tirzepatid je nach Dosis bis zu 20,9 Prozent. Diese Medikamente sind ein echtes, wirksames Werkzeug. Und ihr Wirkprinzip ist nicht unnatürlich: Sie verstärken ein körpereigenes Sättigungssignal, das GLP-1, das dein Darm ohnehin ausschüttet.

Der eigentliche Punkt

Der Jojo-Effekt ist kein Argument gegen die Abnehmspritze. Er ist ein Argument gegen das Absetzen ohne Plan. Das Medikament kann eine Tür öffnen, indem es den Dauerhunger senkt und damit Raum schafft, neue Gewohnheiten aufzubauen. Ob dieser Raum genutzt wird, entscheidet mit darüber, was nach dem Absetzen bleibt. Die Spritze ersetzt die Grundlagen nicht, sie kann sie ermöglichen.

Aus meiner Sicht als Arzt für Integrative Medizin ist die spannende Frage deshalb nicht „Spritze ja oder nein", sondern „Für wen, in welchem Rahmen, mit welcher Begleitung". Ein wirksames Werkzeug, eingebettet in Ernährung, Muskelaufbau, Schlaf und Ursachenarbeit, ist etwas anderes als eine Spritze ohne Kontext. Die klassische Medizin liefert das Werkzeug und die Evidenz, das ist wichtig und gut. Was eine integrative Sicht ergänzen kann, ist die Arbeit an den Grundlagen, die den Erfolg tragen sollen.

Was den Jojo-Effekt abfedern kann

Kommen wir zum Handeln. Vorweg die ehrliche Einordnung: Ob strukturierte Begleitprogramme den Wiederanstieg nach dem Absetzen klinisch bedeutsam verringern, ist noch nicht in großen randomisierten Studien bewiesen. Aktuelle Übersichtsarbeiten beschreiben das eher als sinnvolle, physiologisch begründete Richtung. Ich gebe dir hier deshalb Richtungen, keine Rezepte. Die konkrete Umsetzung gehört in eine individuelle, ärztlich begleitete Beratung.

Übersichtsarbeit · Int J Mol Sci

Von medikamentöser zu getragener Sättigung

Narrative Übersichtsarbeit Lidia Lasik und Natalia Ukleja-Sokołowska beschrieben 2026 im International Journal of Molecular Sciences Mechanismen des Wiederanstiegs nach Absetzen von GLP-1- und GLP-1/GIP-Medikamenten und mögliche Stabilisierungs-Strategien. Als Treiber nennen sie adaptive Thermogenese, die Verschiebung der Hunger-Sättigungs-Achse (Ghrelin hoch, Leptin runter) und den Verlust fettfreier Masse. Als klinische Prioritäten benennen sie den Erhalt der Muskelmasse (ausreichend Protein, Krafttraining), eine hohe Nährstoffdichte der Ernährung, eine stabile Blutzuckerreaktion nach den Mahlzeiten und ausreichend fermentierbare Ballaststoffe. Ihr Leitgedanke: der Übergang von einer medikamentös erzeugten Sättigung zu einer Sättigung, die durch Ernährungsqualität und erhaltene Muskelmasse getragen wird. Die Autorinnen betonen selbst, dass dies ein Konzept ist, das noch in prospektiven Studien bestätigt werden muss.

Lasik L, Ukleja-Sokołowska N. Int J Mol Sci. 2026;27(11):4658. doi:10.3390/ijms27114658 · PMID: 42278190

1

Grundlagen früh aufbauen, nicht erst beim Absetzen

Die Zeit unter Behandlung, in der der Hunger ruhiger ist, kann genutzt werden, um Muskel aufzubauen, eine sättigende Ernährung einzuüben und den Schlaf zu stabilisieren. Wer diese Grundlagen erst beim Absetzen sucht, startet spät. Protein und Krafttraining schützen die Muskulatur und damit den Energieverbrauch.

2

Auf Sättigung aus echtem Essen setzen

Eiweiß, Ballaststoffe und unverarbeitete Lebensmittel machen satt und halten den Blutzucker stabiler. Das ist die Sättigung, die bleiben kann, wenn die medikamentöse Sättigung wegfällt. Es geht um Qualität und hormonelle Wirkung des Essens, nicht nur um weniger Menge.

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Das Absetzen ärztlich begleiten lassen

Ob, wann und wie ein Absetzen sinnvoll ist, gehört in die Sprechstunde. Ein begleiteter Übergang mit einem Plan für Muskel, Ernährung und gegebenenfalls eine langfristige Perspektive ist etwas anderes als ein abruptes Ende. Diese Medikamente sind verschreibungspflichtig.

Der größere Rahmen

Es geht nicht um eine Zahl auf der Waage

Es geht darum, einen Körper aufzubauen, der Sättigung wieder selbst tragen kann. Die Spritze kann ein Werkzeug auf diesem Weg sein. Der Weg selbst führt über Muskel, echtes Essen, Schlaf und Ruhe im Nervensystem. Das ist Arbeit, aber es ist die Art von Arbeit, die bleibt.

Wichtiger Sicherheitshinweis

Semaglutid (Ozempic, Wegovy) und Tirzepatid (Mounjaro) sind verschreibungspflichtige Medikamente. Sie gehören in eine ärztliche Behandlung, ebenso die Entscheidung über ein Absetzen. Setze diese Medikamente nicht eigenmächtig oder abrupt ab, ohne das mit deiner Ärztin oder deinem Arzt zu besprechen. Dieser Text dient der Information über Zusammenhänge und ersetzt keine ärztliche Untersuchung, Diagnose oder Beratung. Er ist kein Beschaffungs- und kein Dosierungshinweis. Bei Fragen zu deiner Therapie, zu Nebenwirkungen oder zu einem geplanten Absetzen wende dich bitte an deine behandelnde Praxis.

Häufige Fragen zum Absetzen der Abnehmspritze

Nehme ich nach dem Absetzen der Abnehmspritze automatisch wieder zu?

Nicht automatisch, aber ohne Begleitmaßnahmen ist ein deutlicher Wiederanstieg wahrscheinlich. In der STEP-1-Extension (Wilding 2022) bauten Teilnehmende ein Jahr nach dem Absetzen von Semaglutid rund zwei Drittel ihres verlorenen Gewichts wieder auf, im Mittel 11,6 von 17,3 Prozentpunkten. In dieser Extension wurden Medikament und begleitendes Lebensstilprogramm gleichzeitig beendet. Der Grund liegt in der Physiologie: Der Appetit kehrt zurück, und der Körper verteidigt sein früheres Gewicht. Das ist keine Willensschwäche. Wer das Absetzen ärztlich begleiten lässt und Grundlagen wie Muskel, Sättigung und Schlaf vorher aufbaut, kann den Wiederanstieg günstiger beeinflussen.

Warum kommt der Hunger nach dem Absetzen so stark zurück?

GLP-1-Medikamente wie Semaglutid oder Tirzepatid wirken über einen körpereigenen Sättigungsmechanismus. Fällt der Wirkstoff weg, verschwindet auch diese Sättigungsverstärkung. Zusätzlich sind nach jeder Gewichtsabnahme die appetitregulierenden Hormone verschoben. Sumithran 2011 im New England Journal of Medicine zeigte, dass nach diätinduziertem Gewichtsverlust Ghrelin erhöht und Leptin sowie PYY erniedrigt bleiben, und zwar noch ein Jahr später, begleitet von messbar mehr subjektivem Hunger. Der Hunger ist also biologisch getrieben, nicht Kopfsache.

Was sagen die Studien zum Absetzen von Ozempic und Wegovy (Semaglutid)?

Zwei zentrale Studien. Die STEP-1-Extension (Wilding 2022) folgte 327 Teilnehmenden ein Jahr über das Behandlungsende hinaus und fand einen Wiederanstieg von rund zwei Dritteln des Verlusts. STEP 4 (Rubino 2021 in JAMA) nutzte ein sauberes Entzugs-Design: Nach 20 Wochen Semaglutid wurden die Teilnehmenden randomisiert. Wer weiter Semaglutid bekam, verlor weitere 7,9 Prozent Gewicht. Wer auf Placebo wechselte, nahm 6,9 Prozent zu. Die Differenz von 14,8 Prozentpunkten zeigt klar, dass das Absetzen die Richtung umkehrt.

Gilt das auch für Mounjaro (Tirzepatid)?

Ja, das Muster ist dasselbe, in SURMOUNT-4 (Aronne 2024 in JAMA) sogar noch ausgeprägter. Nach 36 Wochen Tirzepatid mit im Mittel 20,9 Prozent Gewichtsverlust wurden die Teilnehmenden randomisiert. Wer auf Placebo wechselte, nahm über die folgenden 52 Wochen 14,0 Prozent wieder zu. Wer weiter behandelt wurde, verlor nochmals 5,5 Prozent. 89,5 Prozent der Weiterbehandelten hielten mindestens 80 Prozent ihres Verlusts, gegenüber nur 16,6 Prozent in der Placebo-Gruppe. Auch bei Tirzepatid ist ein unbegleitetes Absetzen ein Risiko für den Jojo-Effekt.

Ist der Jojo-Effekt meine Schuld oder Willensschwäche?

Nein. Der Wiederanstieg nach Absetzen ist zu einem großen Teil physiologisch getrieben. Purnell und Le Roux 2025 im Journal of Internal Medicine beschreiben es über den Sollwert der Fettmasse: Der Körper verteidigt ein bestimmtes Fettmassen-Niveau über Hunger, Sättigung und Energieverbrauch. Wirksame Adipositastherapien senken diesen Sollwert, das Absetzen lässt die alten Regulationsmuster zurückkehren. Fothergill 2016 zeigte zudem, dass der Ruheumsatz nach starkem Gewichtsverlust dauerhaft niedriger bleiben kann. Das alles hat nichts mit Disziplin zu tun, sondern mit Biologie.

Kann ich die Abnehmspritze überhaupt jemals absetzen?

Diese Entscheidung gehört in die ärztliche Sprechstunde, nicht in einen Blog. Adipositas wird in den Studien als chronische Erkrankung eingeordnet, bei der eine dauerhafte Behandlung für viele Menschen sinnvoll sein kann. Ob und wie ein Absetzen für dich in Frage kommt, hängt von deinem Verlauf, deinen Zielen, deiner Körperzusammensetzung und deinen Begleiterkrankungen ab. Diese Medikamente sind verschreibungspflichtig und gehören in eine ärztliche Begleitung. Ein eigenmächtiges Absetzen ohne Plan erhöht das Risiko für einen schnellen Wiederanstieg.

Verliere ich mit der Abnehmspritze auch Muskeln?

Ein Teil des Gewichtsverlusts betrifft die fettfreie Masse, dazu gehört auch Muskel. Stefanakis 2024 in Metabolism fasst zusammen, dass typischerweise über 25 Prozent des Gewichtsverlusts unter Adipositastherapie aus fettfreier Masse stammen, ähnlich wie nach bariatrischer Operation. Das ist relevant für den Jojo-Effekt: Weniger Muskel bedeutet einen niedrigeren Energieverbrauch, was einen Wiederanstieg nach dem Absetzen begünstigen kann. Deshalb ist der Erhalt der Muskulatur durch ausreichend Protein und Krafttraining ein zentraler Hebel. Mehr dazu im Spoke zum Muskelabbau.

Was kann ich tun, um den Jojo-Effekt abzufedern?

Die Richtung geben mehrere Übersichtsarbeiten vor, etwa Lasik 2026 im International Journal of Molecular Sciences. Kernidee: der Übergang von einer medikamentös erzeugten Sättigung zu einer Sättigung, die durch Ernährung und Muskel getragen wird. Konkrete Richtungen, keine Rezepte: früh Muskel aufbauen und erhalten (Protein, Krafttraining), auf Ernährungsqualität und Sättigung setzen (Eiweiß, Ballaststoffe, unverarbeitete Lebensmittel), den Blutzucker stabil halten, ausreichend schlafen. Und: das Absetzen ärztlich begleiten lassen, statt es allein zu versuchen. Die genaue Umsetzung gehört in eine individuelle Beratung.

Ist die Abnehmspritze deshalb schlecht?

Nein. Die Wirksamkeit auf Gewicht und Stoffwechsel ist in großen RCTs klar belegt, etwa in STEP 1 (Wilding 2021) und SURMOUNT-1 (Jastreboff 2022). GLP-1-Medikamente sind ein echtes, wirksames Werkzeug, kein Wundermittel und kein Feindbild. Das Problem beim Jojo-Effekt ist nicht das Medikament selbst, sondern das Fehlen einer Strategie beim Absetzen. Sinnvoll eingebettet in Ernährung, Muskelaufbau, Schlaf und Ursachenarbeit kann es für die richtigen Menschen sehr hilfreich sein. Die Frage ist immer, für wen und in welchem Rahmen.

Wie schnell kommt das Gewicht nach dem Absetzen zurück?

Das ist individuell und die Studienzahlen sind Mittelwerte. In STEP 4 zeigte sich die Zunahme in der Placebo-Gruppe über die 48 Wochen nach der Randomisierung, in SURMOUNT-4 über 52 Wochen. Tendenziell setzt der Wiederanstieg mit der Rückkehr des Appetits ein, also wenn die Sättigungsverstärkung des Wirkstoffs nachlässt. Wie stark und wie schnell es bei dir wäre, lässt sich nicht pauschal sagen. Deshalb ist ein individueller, ärztlich begleiteter Plan sinnvoller als ein abruptes Ende.

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SJ
Geschrieben von

Shukri Jarmoukli

Arzt, Integrative Medizin und Klinische Psychoneuroimmunologie · ViveCura Berlin, Skalitzer Straße 137 · Schwerpunkte: Gewicht als hormonelles und metabolisches Signal statt reiner Rechenaufgabe, GLP-1- und GLP-1/GIP-Medikamente (Semaglutid, Tirzepatid) als wirksames Werkzeug mit klarer Evidenz aus STEP 1 (Wilding 2021) und SURMOUNT-1 (Jastreboff 2022), Gewichtswiederanstieg nach Absetzen nach der STEP-1-Extension (Wilding 2022), STEP 4 (Rubino 2021) und SURMOUNT-4 (Aronne 2024), die Physiologie der Appetit-Rückkehr und der metabolischen Adaptation nach Sumithran 2011, Fothergill 2016 und dem Sollwert-Konzept von Purnell und Le Roux 2025, Erhalt der Muskulatur und der Übergang von medikamentöser zu ernährungsgetragener Sättigung. Mein Anspruch ist eine ausgewogene Einordnung: die Abnehmspritze ist weder Wundermittel noch Feindbild, sondern ein Werkzeug, das seine volle Wirkung erst in einer Strategie aus Muskel, Ernährung, Schlaf und ärztlicher Begleitung entfaltet.

Quellen und weiterführende Literatur

  1. Wilding JPH, Batterham RL, Davies M, et al. Weight regain and cardiometabolic effects after withdrawal of semaglutide: The STEP 1 trial extension. Diabetes Obes Metab. 2022;24(8):1553-1564. doi:10.1111/dom.14725 · PMID: 35441470 [RCT-Extension]
  2. Rubino D, Abrahamsson N, Davies M, et al. Effect of Continued Weekly Subcutaneous Semaglutide vs Placebo on Weight Loss Maintenance in Adults With Overweight or Obesity: The STEP 4 Randomized Clinical Trial. JAMA. 2021;325(14):1414-1425. doi:10.1001/jama.2021.3224 · PMID: 33755728 [RCT]
  3. Aronne LJ, Sattar N, Horn DB, et al. Continued Treatment With Tirzepatide for Maintenance of Weight Reduction in Adults With Obesity: The SURMOUNT-4 Randomized Clinical Trial. JAMA. 2024;331(1):38-48. doi:10.1001/jama.2023.24945 · PMID: 38078870 [RCT]
  4. Sumithran P, Prendergast LA, Delbridge E, et al. Long-term persistence of hormonal adaptations to weight loss. N Engl J Med. 2011;365(17):1597-1604. doi:10.1056/NEJMoa1105816 · PMID: 22029981 [RCT]
  5. Fothergill E, Guo J, Howard L, et al. Persistent metabolic adaptation 6 years after "The Biggest Loser" competition. Obesity (Silver Spring). 2016;24(8):1612-1619. doi:10.1002/oby.21538 · PMID: 27136388 [Kohorte]
  6. Purnell JQ, Le Roux CW. Metabolic and appetitive regulation of adipocyte mass during treatment of obesity. J Intern Med. 2025;299(1):66-78. doi:10.1111/joim.70045 · PMID: 41268722 [Mechanismus-Review]
  7. Wilding JPH, Batterham RL, Calanna S, et al. Once-Weekly Semaglutide in Adults with Overweight or Obesity. N Engl J Med. 2021;384(11):989-1002. doi:10.1056/NEJMoa2032183 · PMID: 33567185 [RCT]
  8. Jastreboff AM, Aronne LJ, Ahmad NN, et al. Tirzepatide Once Weekly for the Treatment of Obesity. N Engl J Med. 2022;387(3):205-216. doi:10.1056/NEJMoa2206038 · PMID: 35658024 [RCT]
  9. Stefanakis K, Kokkorakis M, Mantzoros CS. The impact of weight loss on fat-free mass, muscle, bone and hematopoiesis health. Metabolism. 2024;161:156057. doi:10.1016/j.metabol.2024.156057 · PMID: 39481534 [Review]
  10. Lasik L, Ukleja-Sokołowska N. Restoring Satiety After GLP-1/GIP Pharmacotherapy: Metabolic Stability, Diet Quality, and the Gut Microbiota. Int J Mol Sci. 2026;27(11):4658. doi:10.3390/ijms27114658 · PMID: 42278190 [Review]
Hinweis zur Evidenzlage: Dass nach dem Absetzen von GLP-1- und GLP-1/GIP-Medikamenten ein großer Teil des Gewichts wieder aufgebaut wird, ist durch mehrere randomisierte Studien gut belegt: die STEP-1-Extension (Wilding 2022), das Entzugs-Design STEP 4 (Rubino 2021) und SURMOUNT-4 (Aronne 2024). Die zugrunde liegende Physiologie (Appetit-Rückkehr, metabolische Adaptation, Sollwert-Verteidigung) stützt sich auf Sumithran 2011, Fothergill 2016 und den Review von Purnell und Le Roux 2025. Die Wirksamkeit der Medikamente unter Behandlung ist in STEP 1 (Wilding 2021) und SURMOUNT-1 (Jastreboff 2022) belegt. Die vorgeschlagenen Richtungen zur Abfederung des Wiederanstiegs (Muskelerhalt, Ernährungsqualität, Blutzucker-Stabilität) beruhen auf Übersichtsarbeiten (Stefanakis 2024, Lasik 2026) und sind physiologisch plausibel, aber noch nicht in großen randomisierten Studien als wirksame Absetz-Strategie bewiesen. Diese Medikamente sind verschreibungspflichtig, das Absetzen gehört in eine ärztliche Begleitung. Dieser Text dient der Information und ersetzt keine ärztliche Untersuchung, Diagnose oder Behandlung.

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