Ratgeber Fasten · Longevity und Lebensspanne

Fasten und Longevity: Was die Forschung über Fasten und Lebensspanne zeigt

Über Autophagie hinaus. mTOR, Insulin, IGF-1, Mitochondrien und Sirtuine, und die ehrliche Trennlinie zwischen Maus und Mensch.

SJ Shukri Jarmoukli · Arzt, Integrative Medizin · ViveCura Berlin
Mein Ausgangspunkt

Kaum ein Thema wird gerade so aufgeladen wie Fasten und Longevity. Ein Wort, drei Silben, und plötzlich geht es um 120 Jahre.

Ich finde das Thema faszinierend. Und ich finde die Art, wie darüber gesprochen wird, oft unredlich. Was an Mäusen gemessen wurde, wird als Versprechen an Menschen weitergereicht. Dazwischen liegt eine Lücke, die keine Fastenmethode schließt.

Dieser Text geht bewusst tiefer als „Autophagie". Und er sagt an jeder Stelle dazu, woher die Daten stammen.

Du hast wahrscheinlich schon einmal gedacht: Wenn ich einfach eine Weile nichts esse, räumt mein Körper auf und ich altere langsamer. Der Gedanke ist schön. Und er ist nicht falsch. Er ist nur unvollständig.

Denn Fasten macht nicht eine Sache. Es verschiebt gleichzeitig mehrere Schalter, die deine Zellen benutzen, um zwischen zwei Betriebsmodi zu wechseln: Wachsen oder Instandhalten. Diese Schalter heißen mTOR, Insulin und IGF-1, AMPK, Sirtuine. Und sie sind der eigentliche Grund, warum Fasten in der Alternsforschung überhaupt eine Rolle spielt.

In diesem Text schauen wir uns jeden dieser Schalter an. Wir schauen uns an, was im Tiermodell gezeigt wurde und was am Menschen. Und wir schauen uns ehrlich an, wo die Datenlage aufhört und die Hoffnung beginnt.

Klinische Studie am Menschen Beobachtung am Menschen Tiermodell Zellen und Mechanismus

Lebensspanne oder Gesundheitsspanne: die Frage hinter der Frage

Stell dir zwei Menschen vor, beide 88 Jahre alt. Der eine liegt seit sieben Jahren im Pflegebett. Der andere fährt mit dem Rad zum Markt.

Beide haben dieselbe Lebensspanne. Sie haben nicht dieselbe Gesundheitsspanne. Und genau hier liegt der Denkfehler, der die halbe Longevity-Debatte unbrauchbar macht.

Lebensspanne ist die Zeit bis zum Tod. Gesundheitsspanne ist die Zeit bis zur ersten dauerhaften Funktionseinbuße. Wenn Forschung sagt „Intervention X verlängert das Leben", ist damit fast immer die Lebensspanne von Labortieren gemeint. Ob diese Tiere ihre zusätzlichen Wochen gut verbracht haben, ist eine eigene Frage.

Und diese Frage ist nicht theoretisch. Eine der aufschlussreichsten Arbeiten der letzten Jahre hat genau das untersucht.

Große Mausstudie In vivo, Maus, n=960

Ein Team um Di Francesco untersuchte 960 genetisch unterschiedliche Mäuse über ihr ganzes Leben. Verglichen wurden 20 und 40 Prozent Kalorienreduktion sowie Intervallfasten mit einem und mit zwei Fastentagen pro Woche.

Beide Strategien verlängerten die Lebensspanne, und zwar umso stärker, je ausgeprägter die Restriktion war. Gleichzeitig hatte die Genetik der Tiere einen größeren Einfluss auf die Lebensdauer als die Diät. 40 Prozent Kalorienreduktion verlängerte das Leben am stärksten, führte aber zu Verlust an Magermasse und zu Veränderungen im Immunrepertoire, die anfälliger für Infektionen machen könnten.

Der für mich wichtigste Satz aus dieser Arbeit: Die metabolischen Verbesserungen, also weniger Körperfett und niedrigerer Nüchternblutzucker, hingen nicht mit der längeren Lebensspanne zusammen. Gesünder aussehen und länger leben sind offenbar nicht dasselbe.

Di Francesco A et al. Nature. 2024;634:684-692. DOI: 10.1038/s41586-024-08026-3
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Die meisten Menschen wollen gar keine 120 Jahre. Sie wollen mit 75 noch selbst die Treppe hochkommen, klar denken und beim Enkel auf dem Boden sitzen können.

Das ist keine kleinere Zielsetzung. Das ist die ehrlichere. Und sie verändert, welche Maßnahmen überhaupt sinnvoll sind.

Und jetzt weißt du, warum ich bei jeder Zahl zuerst frage: Lebensspanne oder Funktion?

mTOR: der Bauleiter, der nie Feierabend macht

Darf ich dir eine Frage stellen? Wann hattest du zuletzt vier Stunden am Stück nichts im Magen, außer im Schlaf?

Für viele ist die Antwort: gestern Nacht, und da auch nur knapp. Genau das ist der Punkt, an dem mTOR interessant wird.

Was mTOR eigentlich tut

mTOR ist ein Eiweißkomplex im Inneren jeder Zelle. Stell ihn dir als Bauleiter auf einer Baustelle vor. Er schaut ständig nach: Ist Material da? Kommen Aminosäuren? Ist Energie vorhanden? Gibt Insulin grünes Licht?

Wenn ja, gibt er den Befehl: bauen. Neue Eiweiße, neue Zellbestandteile, Wachstum. Und gleichzeitig ruft er der Aufräumkolonne zu: Pause. Denn Aufräumen und Bauen gleichzeitig ergibt keinen Sinn.

Wenn kein Material kommt, dreht sich das Bild um. mTOR fährt herunter, und die Aufräumkolonne darf loslegen. Genau diesen Zustand erzeugt eine längere Esspause.

Der Nährstoff-Schalter, vereinfacht

MahlzeitAminosäuren, Glukose, Insulin steigen
›
mTOR aktivEiweißaufbau hoch, Autophagie gebremst
›
EsspauseInsulin fällt, AMPK steigt
›
mTOR gedrosseltInstandhaltung und Recycling bekommen Raum

Dieser Wechsel ist keine Erfindung der Fastenszene. Er ist Grundlagenbiologie und in einer Übersichtsarbeit von Liu und Sabatini im Detail beschrieben. mTOR integriert Wachstumsfaktoren und Nährstoffstatus und steuert darüber Eiweißsynthese und Autophagie. Störungen dieser Steuerung werden mit Stoffwechselerkrankungen, Neurodegeneration, Krebs und Alterung in Verbindung gebracht.

Der stärkste Hinweis kommt aus der Pharmakologie

Wenn mTOR wirklich etwas mit Alterung zu tun hat, dann müsste das Bremsen von mTOR bei Tieren das Leben verlängern. Genau das wurde geprüft.

Rapamycin im Mausmodell In vivo, Maus

Ein Konsortium um Harrison gab genetisch gemischten Mäusen den mTOR-Hemmer Rapamycin über das Futter. Nicht ab der Jugend, sondern erst ab dem 600. Lebenstag, was beim Menschen grob dem mittleren bis höheren Erwachsenenalter entspricht.

Gemessen am Alter, bei dem 90 Prozent der Tiere gestorben waren, lebten die behandelten Weibchen 14 Prozent und die Männchen 9 Prozent länger. Der Effekt zeigte sich an drei unabhängigen Prüfzentren.

Für dich heißt das: Der Nährstoffsensor mTOR ist bei Säugetieren nachweislich mit Lebensdauer verknüpft. Es heißt nicht, dass Fasten dasselbe tut wie ein Medikament, das mTOR gezielt hemmt.

Harrison DE et al. Nature. 2009;460:392-395. DOI: 10.1038/nature08221
Wichtige Abgrenzung

Rapamycin ist ein verschreibungspflichtiges Immunsuppressivum mit relevanten Nebenwirkungen, darunter Störungen des Zuckerstoffwechsels. In Mausstudien wurde genau das beobachtet und in einer Folgearbeit untersucht. Diese Substanz ist kein Longevity-Lifestyle-Produkt und gehört nicht in Selbstversuche.

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Viele denken: mTOR ist der Feind, also je niedriger desto besser. Das stimmt nicht. Ohne mTOR-Aktivität baust du keine Muskeln auf, reparierst keine Verletzungen und hältst kein Immunsystem am Laufen.

Der gesuchte Zustand ist nicht Dauerbremse. Es ist Rhythmus. Phasen mit klarem Bauimpuls, Phasen mit klarem Aufräumimpuls. Was der modernen Ernährungsweise fehlt, ist nicht das Bauen. Es ist die Pause.

Und jetzt weißt du, warum der Satz „Fasten schaltet mTOR aus" zu kurz greift.

Insulin und IGF-1: das Wachstumssignal, das im Alter teuer wird

Es gibt eine Familie in Ecuador, die die Alternsforschung nachhaltig beschäftigt hat. Ihre Mitglieder sind ungewöhnlich klein, weil ihr Rezeptor für Wachstumshormon durch eine Mutation nicht funktioniert.

Was daraus folgt, ist bemerkenswert.

22 Jahre Beobachtung am Menschen Kohorte, Mensch

Eine Gruppe um Guevara-Aguirre begleitete diese Menschen 22 Jahre lang. Durch den defekten Wachstumshormon-Rezeptor ist bei ihnen auch IGF-1 dauerhaft niedrig, jener Botenstoff, über den Wachstumshormon in den Geweben wirksam wird.

In der Gruppe trat in dieser Zeit eine einzige, nicht tödliche Krebserkrankung auf und kein einziger Fall von Diabetes. In der Vergleichsgruppe der Verwandten lagen die Häufigkeiten bei 17 Prozent für Krebs und 5 Prozent für Diabetes. Das Nüchterninsulin lag bei 1,4 gegenüber 4,4 Mikroeinheiten pro Milliliter, der Insulinresistenz-Index HOMA-IR bei 0,34 gegenüber 0,96.

Im Zellversuch mit dem Serum dieser Menschen zeigten sich weniger DNA-Brüche und eine geringere Aktivität der Signalwege RAS, PKA und TOR. Ob diese Menschen dadurch insgesamt länger leben, beantwortet die Arbeit nicht. Sie zeigt aber: Der Insulin- und IGF-1-Pfad ist auch beim Menschen eng mit Krankheitslast verknüpft.

Guevara-Aguirre J et al. Sci Transl Med. 2011;3:70ra13. DOI: 10.1126/scitranslmed.3001845

Warum das mit Fasten zu tun hat

Insulin ist das Signal „Nahrung ist da, lagere ein und baue auf". IGF-1 ist das Signal „wachse". Beide Signale sind im Kindes- und Jugendalter überlebenswichtig. Im höheren Alter kippt ihre Bilanz. Was Wachstum antreibt, treibt auch Zellteilung an. Und Zellteilung ist mit Fehlerrisiko verbunden.

Eine längere Esspause senkt Insulin. Das ist trivial und messbar. Ob eine Esspause auch IGF-1 relevant senkt, ist deutlich weniger klar, weil IGF-1 stark von der Eiweißzufuhr und von der Gesamtenergie abhängt und nicht allein vom Zeitfenster.

Gut belegt

Eine verlängerte Nahrungskarenz senkt Insulin und verbessert kurzfristig Glukoseverläufe. Das ist in Humanstudien reproduzierbar gemessen worden.

Plausibel, aber offen

Dass eine dauerhaft gesenkte IGF-1-Achse beim gesunden Erwachsenen die Lebensspanne verlängert, ist aus Tiermodellen abgeleitet und beim Menschen nicht mit Endpunkten belegt.

Häufig übersehen

Ein zu niedriger IGF-1-Spiegel ist im Alter mit Muskelabbau und Gebrechlichkeit verknüpft. Weniger ist hier nicht linear besser.

Die KPNI-Linse

Insulin ist nicht nur Stoffwechsel. Es beeinflusst das Hormonsystem, die Immunbalance und über die Blutzuckerstabilität auch die Reizschwelle des Nervensystems.

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„Wachstumssignale runter" klingt nach einem einfachen Rezept. Die Datenlage spricht eher für eine U-Kurve. Zu viel Wachstumssignal über Jahrzehnte könnte Tumor- und Stoffwechselrisiken begünstigen. Zu wenig könnte Muskeln, Knochen und Immunabwehr kosten.

Deswegen frage ich in der Praxis nie „wie stark fastest du", sondern „in welcher Lebensphase und in welchem Zustand bist du gerade".

Und jetzt weißt du, warum dieselbe Maßnahme bei zwei Menschen unterschiedlich sinnvoll sein kann.

Mitochondrien: nicht mehr davon, sondern besser vernetzt

Kennst du das Gefühl, dass deine Energie nicht am Schlaf hängt, sondern irgendwo tiefer? Dass du geschlafen hast und trotzdem im Leerlauf bist?

Dann warst du vermutlich schon einmal bei dem Wort Mitochondrien. Und vermutlich bei der Vorstellung, man müsse einfach mehr davon haben.

Warum Anzahl der falsche Fokus ist

Mitochondrien sind keine einzelnen Kügelchen, die in der Zelle herumliegen. Sie bilden ein Netzwerk, das permanent verschmilzt und sich wieder teilt. Verschmelzen bedeutet: Inhalte teilen, Schäden ausgleichen. Teilen bedeutet: beschädigte Anteile abtrennen und zum Recycling geben.

Diese Beweglichkeit ist der eigentliche Qualitätsfaktor. Und genau daran hängt in Modellorganismen der Effekt von Nahrungsrestriktion.

Mechanismus im Fadenwurm In vivo, C. elegans

Eine Gruppe um Weir untersuchte am Fadenwurm Caenorhabditis elegans, worüber Nahrungsrestriktion und der Energiesensor AMPK die Lebensspanne verlängern. Das Ergebnis: über den Erhalt der Netzwerk-Homöostase der Mitochondrien und über ihre Zusammenarbeit mit den Peroxisomen bei der Fettsäureverbrennung.

Wurde gezielt das Verschmelzen oder das Teilen der Mitochondrien blockiert, verschwand die lebensverlängernde Wirkung der Nahrungsrestriktion. Für die durch Intervallfasten vermittelte Lebensverlängerung war sogar das aktive Umbauen des Netzwerks nötig.

Das ist ein sehr sauberer Mechanismus. Er stammt aus einem Wurm mit rund tausend Zellen. Beim Menschen ist er in dieser Form nicht gezeigt.

Weir HJ et al. Cell Metab. 2017;26:884-896. DOI: 10.1016/j.cmet.2017.09.024

Der Ketonkörper als Signalmolekül

Wenn die Leber während einer längeren Esspause Fett verbrennt, entstehen Ketonkörper. Der wichtigste heißt Beta-Hydroxybutyrat. Lange galt er als reiner Ersatzbrennstoff fürs Gehirn. Das ist er auch. Er ist aber zusätzlich ein Signal.

Ketonkörper als Genschalter In vivo, Maus In vitro

Ein Team um Shimazu zeigte, dass Beta-Hydroxybutyrat ein körpereigener Hemmstoff bestimmter Histon-Deacetylasen ist, also von Enzymen, die mitbestimmen, wie stark ein Gen abgelesen wird.

Fasten und Kalorienrestriktion erhöhten bei Mäusen die Histon-Acetylierung im Gewebe. Dabei wurden unter anderem die Gene FOXO3A und MT2 verstärkt abgelesen, die zur Abwehr von oxidativem Stress gehören. Mäuse, die Beta-Hydroxybutyrat erhielten, waren gegen oxidativen Stress deutlich besser geschützt.

Für dich bedeutet das: Der Wechsel in die Fettverbrennung ist nicht nur ein Brennstoffwechsel. Er könnte auch ein Schaltvorgang im Zellkern sein. Gezeigt ist das an Mäusen und Zellen.

Shimazu T et al. Science. 2013;339:211-214. DOI: 10.1126/science.1227166
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Wenn dir jemand sagt, Fasten „baut neue Mitochondrien", dann ist das eine Verkürzung. Sinnvoller ist dieses Bild: Fasten könnte deinen Zellen erlauben, zwischen zwei Brennstoffen flexibel zu wechseln und dabei beschädigte Kraftwerksteile auszusortieren.

Diese Flexibilität heißt metabolische Flexibilität. Sie ist möglicherweise der praktisch wichtigste Effekt von Esspausen, weit vor allem Longevity-Vokabular.

Und jetzt weißt du, warum Qualität hier mehr zählt als Menge.

Sirtuine und NAD+: das Schlagwort mit der dünnsten Basis

Kaum ein Begriff hat so viele Supplement-Kampagnen getragen wie Sirtuine. Und kaum ein Begriff wird so selten mit seiner eigenen Forschungsgeschichte zusammen erzählt.

Was Sirtuine tun

Sirtuine sind Enzyme, die Acetylgruppen von Eiweißen entfernen. Dafür brauchen sie zwingend das Molekül NAD+. Weil der NAD+-Spiegel vom Energiezustand der Zelle abhängt, gelten Sirtuine als Sensoren dafür, ob gerade Überfluss oder Knappheit herrscht.

Sie greifen in DNA-Reparatur, Telomerpflege, Stressantwort und Stoffwechselsteuerung ein und sind mit dem Insulin- und IGF-1-Signalweg, mit AMPK und mit der FOXO-Familie verknüpft. So weit die Biologie.

Was die Übersichtsarbeiten sagen Mechanismus-Review

Eine Übersichtsarbeit von Lee und Kollegen fasst den Stand nüchtern zusammen. Sirtuine verzögern in Modellsystemen die Zellalterung, unter anderem durch langsameren Telomerverlust, bessere Genomstabilität und geförderte DNA-Reparatur.

Gleichzeitig steht dort ausdrücklich, dass die lebensverlängernde Wirkung umstritten bleibt und davon abzuhängen scheint, welches Sirtuin in welcher Menge und in welchem Gewebe vorliegt. Der Aktivator Resveratrol wurde intensiv untersucht, ohne dass daraus ein belastbares Longevity-Ergebnis am Menschen geworden wäre.

Für dich heißt das: Sirtuine sind ein reales biologisches System. Sie sind kein Beleg dafür, dass ein Präparat dein Leben verlängert.

Lee SH, Lee JH, Lee HY, Min KJ. BMB Rep. 2019;52:24-34. DOI: 10.5483/BMBRep.2019.52.1.290
Wo Wissenschaft endet und Marketing beginnt

NAD+-Vorstufen sind in den letzten Jahren stark beworben worden. Es gibt Studien, die zeigen, dass sich der NAD+-Spiegel im Blut anheben lässt. Von einem gemessenen Blutspiegel bis zu einem verlängerten Leben ist es allerdings ein sehr weiter Weg, und dieser Weg ist am Menschen bisher nicht gegangen worden.

Ich halte diese Substanzen für interessant und für nicht ausreichend geprüft. Beides gleichzeitig.

Und jetzt weißt du, warum ich bei Sirtuinen zurückhaltender bin als beim Rest dieses Textes.

Autophagie: richtig eingeordnet statt als Zauberwort

Jetzt zu dem Wort, das fast jeder Fastenartikel an den Anfang stellt. Ich stelle es bewusst hierhin, in die Mitte.

Was Autophagie ist

Autophagie bedeutet wörtlich Selbstverzehr. Die Zelle packt beschädigte Eiweiße, kaputte Organellen und Zellmüll in eine Membranhülle, transportiert das Paket zum Lysosom und zerlegt es dort in Bausteine, die wiederverwendet werden.

Stell dir eine Werkstatt vor, in der ständig gearbeitet wird. Autophagie ist nicht der Großputz einmal im Jahr. Autophagie ist die Person, die während des Betriebs durchgängig Späne wegkehrt und stumpfe Werkzeuge aussortiert. Wenn sehr viel Material hereinkommt, kommt sie kaum hinterher. Wenn nichts hereinkommt, hat sie Raum.

Warum die Stundenangaben im Netz unseriös sind

Du findest überall Zahlen: ab 12 Stunden, ab 16, ab 18. Diese Zahlen klingen präzise und sind es nicht. Autophagie ist gewebespezifisch, sie läuft in Leber, Muskel und Nervenzellen unterschiedlich schnell hoch, und sie lässt sich beim lebenden Menschen nicht einfach im Blut ablesen.

Was am Menschen tatsächlich gemessen wurde RCT, Crossover, n=11

Eine Gruppe um Jamshed ließ elf übergewichtige Erwachsene in einem Crossover-Design vier Tage lang entweder zwischen 8 und 14 Uhr oder zwischen 8 und 20 Uhr essen. Gemessen wurden Glukoseverlauf, Hormone und Genexpression im Blut.

Das frühe Essensfenster senkte den mittleren 24-Stunden-Blutzucker um 4 Milligramm pro Deziliter und die Blutzuckerschwankungen um 12 Milligramm pro Deziliter. Am Morgen stiegen Ketone sowie die Expression eines Stressantwort- und Alterungsgens und eines Autophagie-Gens. Am Abend war die Expression eines zentralen nährstoffsensitiven Wachstumsgens erhöht.

Das ist ein echter Hinweis, dass Esspausen beim Menschen an genau diesen Schaltern etwas verändern. Es sind elf Personen über vier Tage und es sind Genexpressionsdaten aus Blutzellen, keine gemessene Aufräumleistung im Gewebe.

Jamshed H et al. Nutrients. 2019;11:1234. DOI: 10.3390/nu11061234
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Die verbreitete Vorstellung lautet: Ab Stunde 16 beginnt die Reinigung, vorher passiert nichts. Diese Vorstellung erzeugt vor allem Druck und ein schlechtes Gewissen bei Stunde 14.

Realistischer ist dieses Bild: Jede Stunde ohne Nahrungszufuhr verschiebt die Balance ein Stück in Richtung Instandhaltung. Es ist ein Regler, kein Schalter. Wer mit 13 Stunden anfängt, ist nicht knapp gescheitert. Er hat den Regler ein Stück gedreht.

Wie tief dieses Thema geht, liest du im eigenen Artikel zur Autophagie und ihrem realistischen Zeitverlauf.

Und jetzt weißt du, warum ich Stundenzahlen nur noch als grobe Orientierung verwende.

Was am Menschen bisher tatsächlich gemessen wurde

Hier kommt der Teil, den die meisten Longevity-Texte auslassen. Nicht weil er unwichtig wäre, sondern weil er ernüchtert.

Die einzige große Kalorienrestriktionsstudie am Menschen

CALERIE, zwei Jahre RCT, n=218

Ein Konsortium um Ravussin randomisierte 218 gesunde, nicht adipöse Erwachsene zwischen 21 und 51 Jahren auf zwei Jahre mit 25 Prozent Kalorienreduktion oder auf freie Kost. Geplant waren 25 Prozent, tatsächlich erreicht wurden im Mittel 11,7 Prozent.

Die Fastengruppe hielt eine Gewichtsreduktion von rund 10 Prozent. Das Schilddrüsenhormon T3 sank nach 12 und 24 Monaten stärker als in der Kontrollgruppe, der Entzündungsmarker TNF-alpha nach 24 Monaten. Kardiometabolische Risikofaktoren verbesserten sich deutlicher, ohne dass die Lebensqualität litt.

Das ist die belastbarste Humanstudie, die es zu diesem Thema gibt. Sie misst Risikomarker über zwei Jahre. Sie misst keine Lebensdauer.

Ravussin E et al. J Gerontol A Biol Sci Med Sci. 2015;70:1097-1104. DOI: 10.1093/gerona/glv057
CALERIE, epigenetische Nachauswertung RCT, Post-hoc, n=220

Eine Gruppe um Waziry untersuchte später Blutproben aus derselben Studie mit DNA-Methylierungsuhren, also mit Laborverfahren, die das biologische Alter schätzen.

Das Ergebnis: Die Kalorienrestriktion verlangsamte das Alterungstempo im Maß DunedinPACE. Die Uhren PhenoAge und GrimAge veränderten sich dagegen nicht signifikant. Die Autorinnen und Autoren beschreiben die Effektstärken ausdrücklich als klein und weisen darauf hin, dass ein abschließender Test erst über Langzeitstudien mit echten Krankheits- und Sterblichkeitsendpunkten möglich wäre.

Für dich heißt das: Es gibt ein erstes, vorsichtiges Signal, dass sich das Alterungstempo beim Menschen beeinflussen lässt. Mehr als ein Signal ist es noch nicht.

Waziry R et al. Nat Aging. 2023;3:248-257. DOI: 10.1038/s43587-022-00357-y

Die Affenstudien und ihr Widerspruch

Zwischen Maus und Mensch stehen die Primaten. Und dort wurde es kompliziert.

Zwei Langzeitstudien, zwei Ergebnisse In vivo, Rhesusaffe

In der Studie der University of Wisconsin verbesserte eine etwa 30-prozentige Kalorienreduktion ab dem jungen Erwachsenenalter das altersbezogene und das Gesamtüberleben der Rhesusaffen signifikant. In der parallelen Studie des National Institute on Aging zeigte sich kein Überlebensunterschied.

Eine gemeinsame Auswertung beider Datensätze durch ein Team um Mattison arbeitete die Unterschiede heraus: anderes Alter bei Beginn, andere Futterzusammensetzung, und Kontrolltiere in der NIA-Studie, die im Vergleich zu einer großen Primatendatenbank faktisch selbst schon restriktiv gefüttert wurden.

Die Schlussfolgerung beider Gruppen: Die gesundheitlichen Vorteile der Kalorienrestriktion bleiben bei Primaten erhalten, aber Zeitpunkt und Zusammensetzung entscheiden mit.

Colman RJ et al. Nat Commun. 2014;5:3557. DOI: 10.1038/ncomms4557 · Mattison JA et al. Nat Commun. 2017;8:14063. DOI: 10.1038/ncomms14063

Und was ist mit Intervallfasten konkret?

Hier wird es für den Alltag interessant. Denn 25 Prozent weniger essen, jeden Tag, über Jahre, macht kaum jemand. Ein Zeitfenster dagegen schon.

6,0 %Gewichtsverlust nach 12 Monaten unter Alternate-Day-Fasting
5,3 %Gewichtsverlust unter täglicher Kalorienreduktion, kein signifikanter Unterschied
38 %Abbrecherquote in der Fastengruppe, höher als in beiden Vergleichsgruppen
Alternate-Day-Fasting über ein Jahr RCT, n=100

Ein Team um Trepanowski verglich über zwölf Monate drei Gruppen: Alternate-Day-Fasting, tägliche Kalorienreduktion und eine Kontrollgruppe ohne Intervention.

Der Gewichtsverlust war in beiden Interventionsgruppen praktisch gleich. Bei Blutdruck, Herzfrequenz, Triglyzeriden, Nüchternglukose, Nüchterninsulin, Insulinresistenz, CRP und Homocystein fanden sich keine signifikanten Unterschiede zwischen den Interventionsgruppen. Das LDL-Cholesterin lag nach zwölf Monaten in der Fastengruppe sogar um 11,5 Milligramm pro Deziliter höher als unter täglicher Kalorienreduktion.

Auffällig war zudem das Verhalten: An Fastentagen wurde mehr gegessen als vorgesehen, an Schlemmertagen weniger. Der Körper reguliert gegen.

Trepanowski JF et al. JAMA Intern Med. 2017;177:930-938. DOI: 10.1001/jamainternmed.2017.0936
Zeitfenster plus Kalorienreduktion RCT, n=139

Eine Arbeitsgruppe um Liu randomisierte 139 Menschen mit Adipositas über zwölf Monate auf Kalorienreduktion mit Essensfenster von 8 bis 16 Uhr oder auf Kalorienreduktion allein.

Die Zeitfenster-Gruppe verlor 8,0 Kilogramm, die Vergleichsgruppe 6,3 Kilogramm. Der Unterschied von 1,8 Kilogramm war statistisch nicht signifikant. Auch bei Taillenumfang, Körperfett, Magermasse, Blutdruck und metabolischen Risikofaktoren zeigte sich kein Vorteil des Zeitfensters.

In einer weiteren Studie um Lowe mit 116 Personen über zwölf Wochen brachte ein 16:8-Fenster ohne Kalorienvorgabe ebenfalls keinen signifikanten Gewichtsvorteil. Auffällig war dort ein stärkerer Verlust an Magermasse an den Extremitäten in der Fastengruppe.

Liu D et al. N Engl J Med. 2022;386:1495-1504. DOI: 10.1056/NEJMoa2114833 · Lowe DA et al. JAMA Intern Med. 2020;180:1491-1499. DOI: 10.1001/jamainternmed.2020.4153

Die Studienlage sagt nicht, dass Fasten nichts bringt. Sie sagt, dass Fasten beim Menschen bisher vor allem eine gute Verpackung für weniger Kalorien ist, und dass der behauptete Zusatznutzen noch nicht sauber gezeigt wurde.

Es gibt allerdings eine Untergruppe, bei der die Daten freundlicher aussehen: Menschen mit metabolischem Syndrom, die ihr Essensfenster stark verlängert hatten.

Zehn-Stunden-Fenster bei metabolischem Syndrom Klinische Studie, einarmig, n=19

Eine Gruppe um Wilkinson begleitete 19 Menschen mit metabolischem Syndrom, die vorher über 14 Stunden am Tag gegessen hatten. Die meisten nahmen bereits Statine oder Blutdrucksenker.

Über zwölf Wochen aßen sie innerhalb eines selbst gewählten Zehn-Stunden-Fensters. Gewicht, Blutdruck und atherogene Blutfette verbesserten sich, zusätzlich zur laufenden Standardtherapie.

Diese Studie hatte keine Kontrollgruppe. Sie zeigt aber, wo der Hebel wahrscheinlich am größten ist: nicht bei jemandem, der ohnehin geordnet isst, sondern bei jemandem, dessen Essensfenster bisher fast den ganzen Tag umfasst.

Wilkinson MJ et al. Cell Metab. 2020;31:92-104. DOI: 10.1016/j.cmet.2019.11.004

Und jetzt weißt du, warum ich bei Fasten immer zuerst frage, wie dein Tag heute aussieht.

Der übersehene Faktor: nicht nur wie wenig, sondern wann

Es gibt einen Befund aus der Grundlagenforschung, der die ganze Debatte verschiebt. Er ist im Tiermodell entstanden und für den Menschen bisher nicht bestätigt. Trotzdem halte ich ihn für den spannendsten Punkt dieses Textes.

Zeitpunkt schlägt Menge In vivo, Maus

Eine Gruppe um Acosta-Rodríguez fiel auf, dass Mäuse unter klassischer Kalorienrestriktion ihr Futter in etwa zwei Stunden verschlingen und danach 22 Stunden fasten. Die Forschenden trennten deshalb sauber zwischen drei Faktoren: Kalorienmenge, Länge der Fastenphase und Tageszeit der Fütterung.

30 Prozent Kalorienreduktion allein verlängerte die Lebensspanne um 10 Prozent. Kam eine tägliche Fastenphase hinzu und lag die Fütterung in der aktiven Nachtphase der Tiere, waren es 35 Prozent. Und zwar unabhängig vom Körpergewicht.

Für dich heißt das: Es könnte weniger auf die Kalorienmenge ankommen als darauf, ob es überhaupt eine echte Nachtruhe für den Stoffwechsel gibt und ob das Essen zur inneren Uhr passt.

Acosta-Rodríguez V et al. Science. 2022;376:1192-1202. DOI: 10.1126/science.abk0297
Eine Mahlzeit reicht In vivo, Maus

Ein Team um Mitchell verglich bei Mäusen freie Fütterung, 30 Prozent Kalorienrestriktion und eine einzige Tagesmahlzeit ohne Kalorienreduktion. Getestet wurden zusätzlich zwei unterschiedliche Futterzusammensetzungen.

Sowohl die Kalorienrestriktion als auch die Einmalmahlzeit verlängerten die Lebensspanne, und zwar unabhängig davon, wie das Futter zusammengesetzt war. Die Tiere mit Einmalmahlzeit fasteten von selbst lange Phasen und hatten weniger Krankheitslast.

Auch das ist ein Mausbefund. Er passt aber sehr gut zu der Idee, dass die Länge der Esspause ein eigener Faktor sein könnte und nicht nur ein Nebeneffekt geringerer Kalorien.

Mitchell SJ et al. Cell Metab. 2019;29:221-228. DOI: 10.1016/j.cmet.2018.08.011
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Die meisten Menschen optimieren das Ende des Fensters: Wie lange halte ich morgens durch? Die Tierdaten deuten in eine andere Richtung. Der interessantere Hebel könnte der Anfang sein, also wie früh die letzte Mahlzeit liegt.

Ein Essensfenster, das um 20 Uhr endet, gibt der Nacht ihre Stoffwechselruhe zurück. Ein Fenster, das erst um Mitternacht endet, tut das nicht, auch wenn die reine Stundenzahl gleich ist.

Wie stark die innere Uhr mitspielt, vertieft der Artikel zur Chronobiologie und zum Morgenlicht.

Und jetzt weißt du, warum ich lieber über das Abendessen spreche als über das Frühstück.

Fasten ehrlich eingeordnet: ein Hebel unter mehreren

Wenn du bis hierhin gelesen hast, hast du vermutlich schon gemerkt, worauf das hinausläuft.

Fasten ist ein realer biologischer Eingriff. Es verschiebt messbar Insulin, Ketonkörper und Genexpression. Es ist gleichzeitig nicht der Hauptfaktor für ein langes, funktionsfähiges Leben. Und es ist nicht risikofrei.

Sicherheitsauswertung der CALERIE-Studie RCT, Sicherheitsanalyse

Ein Team um Romashkan wertete die unerwünschten Ereignisse der zweijährigen Kalorienrestriktion aus. Insgesamt war die Intervention sicher und gut verträglich, es gab keine Todesfälle.

Drei Teilnehmende mussten allerdings aus Sicherheitsgründen aus der Intervention genommen werden. Innerhalb der Fastengruppe traten bei den normalgewichtigen Teilnehmenden häufiger Beschwerden des Nervensystems, des Bewegungsapparats und des Reproduktionssystems auf als bei den übergewichtigen. Nach 12 und nach 24 Monaten lag die Knochendichte an Lendenwirbelsäule, Hüfte und Schenkelhals unter der der Kontrollgruppe.

Die Autorinnen und Autoren empfehlen ausdrücklich, auf Knochenverlust und Blutarmut zu achten. Das ist kein Argument gegen Fasten. Es ist ein Argument für Begleitung.

Romashkan SV et al. Oncotarget. 2016;7:19124-19133. DOI: 10.18632/oncotarget.8093
Wann Fasten nicht das Richtige ist

Bei Untergewicht, in Schwangerschaft und Stillzeit, bei aktiver oder früherer Essstörung, bei Kindern und Jugendlichen, bei Gebrechlichkeit im höheren Alter und bei Diabetes mit blutzuckersenkender Medikation ist Zurückhaltung angebracht. Bei Erkrankungen der Schilddrüse und der Nebennieren, bei starker Erschöpfung und bei Kinderwunsch gehört die Entscheidung in ein ärztliches Gespräch.

Und ein ganz praktischer Punkt: Wer unter einem Essensfenster automatisch weniger Eiweiß isst und weniger trainiert, tauscht ein bisschen Stoffwechselverbesserung gegen Muskelverlust ein. Das ist für die Gesundheitsspanne ein schlechtes Geschäft.

Was in der Alternsforschung sonst noch auf dem Tisch liegt

Eine der interessantesten Beobachtungen zur Kalorienrestriktion betrifft nicht Gewicht oder Blutzucker, sondern das Epigenom.

Epigenetische Drift In vivo, Maus und Rhesusaffe

Eine Gruppe um Maegawa zeigte, dass die altersbedingte Verschiebung von DNA-Methylierungsmustern, die sogenannte epigenetische Drift, bei Mäusen, Rhesusaffen und Menschen artübergreifend auftritt und dass ihr Tempo mit der Lebenserwartung der Art zusammenhängt.

Rhesusaffen im Alter von 22 bis 30 Jahren, die seit ihrem 7. bis 14. Lebensjahr 30 Prozent weniger Kalorien bekamen, zeigten eine abgeschwächte Drift. Ihr Methylierungsalter im Blut erschien rund sieben Jahre jünger als ihr tatsächliches Alter. Bei Mäusen unter 40 Prozent Restriktion war der Effekt noch ausgeprägter.

Das passt zu dem vorsichtigen Signal aus der CALERIE-Nachauswertung beim Menschen. Es ersetzt es nicht.

Maegawa S et al. Nat Commun. 2017;8:539. DOI: 10.1038/s41467-017-00607-3
Der Moment, in dem es größer wird als Fasten

Am Ende geht es nicht um Stunden ohne Essen. Es geht darum, ob dein Körper noch zwischen Zuständen wechseln kann. Zwischen Aufbau und Abbau, zwischen Anspannung und Ruhe, zwischen Zucker und Fett als Brennstoff.

Diese Fähigkeit zu wechseln ist vielleicht das, was Jugend biologisch ausmacht. Und sie ist der eigentliche Grund, warum Esspausen, Krafttraining, Kälte, Hitze und Schlaf in dieselbe Familie gehören. Alle fünf fordern einen Wechsel ein.

Freiheit im Alter heißt nicht, ewig zu leben. Sie heißt, dass dein System noch antwortet, wenn du etwas von ihm verlangst.

Drei Hebel, die du diese Woche anfassen kannst

Kein Protokoll, keine Zahlenmagie. Drei Richtungen, die sich aus der Datenlage ableiten lassen.

Hebel 1 · Das Abendessen vorziehen

Die Tierdaten deuten darauf hin, dass die Lage der Esspause eine eigene Rolle spielt. Die praktisch einfachste Veränderung ist deshalb nicht das ausgelassene Frühstück, sondern ein früheres Ende des Essenstages.

Hebel 2 · Snacks zwischen den Mahlzeiten streichen

Drei Mahlzeiten mit echten Pausen dazwischen erzeugen mehr Wechsel zwischen den Stoffwechselzuständen als sechs kleine Portionen über den Tag. Jede Zwischenmahlzeit ist ein neues Insulinsignal.

Hebel 3 · Muskeln schützen, nicht nur Kalorien senken

In mehreren Studien verlor die Fastengruppe Magermasse. Wer Esspausen nutzt, sollte Krafttraining und ausreichend Eiweiß bewusst danebenstellen, sonst geht Gesundheitsspanne verloren.

Und was du nicht tun musst

Du musst keine 72 Stunden fasten, um „richtig" zu fasten. Für die allermeisten Menschen bringt ein konsistenter Alltagsrhythmus mehr als ein spektakuläres Einzelereignis alle paar Monate.

Wenn du mit dem Thema neu anfängst, ist die Einsteiger-Anleitung von 12 auf 16 Stunden der ruhigere Weg als jeder Longevity-Hype.

Und jetzt weißt du, warum ich Fasten für ein gutes Werkzeug halte und trotzdem nicht für die Antwort auf das Altern.

Häufige Fragen zu Fasten und Longevity

Verlängert Fasten beim Menschen die Lebensspanne?

Dafür gibt es bisher keinen direkten Beweis. Es existiert keine randomisierte Studie, die Menschen über ein ganzes Leben begleitet und am Ende die Sterblichkeit vergleicht.

Was es gibt, sind Ersatzgrößen. In der CALERIE-Studie mit 218 nicht adipösen Erwachsenen verbesserten sich unter im Mittel 11,7 Prozent Kalorienreduktion über zwei Jahre mehrere Risikomarker. Eine Nachauswertung von 220 Teilnehmenden zeigte ein leicht verlangsamtes Alterungstempo im DNA-Methylierungsmaß DunedinPACE, während sich die Uhren PhenoAge und GrimAge nicht signifikant veränderten.

Verlängerte Lebensspanne ist bisher an Hefe, Würmern, Fliegen, Mäusen und Rhesusaffen gemessen worden. Nicht am Menschen. Diese Trennlinie sollte jeder Text ziehen, der das Thema ernst nimmt.

Ab wann beginnt die Autophagie beim Fasten?

Eine exakte Stundenzahl lässt sich seriös nicht angeben. Autophagie ist kein Schalter, der nach einer bestimmten Zeit umspringt, sondern ein Grundprozess, der in jeder Zelle permanent läuft und je nach Nährstofflage hoch- oder heruntergeregelt wird.

Sie verläuft in verschiedenen Geweben unterschiedlich schnell und lässt sich beim lebenden Menschen nicht einfach im Blut ablesen. In einer kleinen Crossover-Studie mit elf Teilnehmenden stieg die Expression eines Autophagie-Gens am Morgen nach einer verlängerten Essenspause an.

Das ist ein Hinweis auf Genebene, kein Beleg für eine bestimmte Menge an zellulärem Aufräumen. Praktisch sinnvoller als eine Zielstundenzahl ist der Gedanke: Jede Stunde ohne Nahrung verschiebt die Balance ein Stück.

Was ist mTOR und warum spielt es für Longevity eine Rolle?

mTOR ist ein Eiweißkomplex in der Zelle, der Nährstoffsignale bündelt und daraus die Entscheidung Wachstum oder Instandhaltung ableitet.

Sind Aminosäuren, Insulin und Energie reichlich vorhanden, treibt mTOR den Aufbau neuer Eiweiße an und bremst gleichzeitig die Autophagie. Bei Nahrungskarenz sinkt die mTOR-Aktivität und der Aufräummodus bekommt Raum.

Dass dieser Schalter mit Alterung zu tun hat, zeigt die Pharmakologie am deutlichsten: Der mTOR-Hemmer Rapamycin verlängerte bei genetisch gemischten Mäusen die Lebensspanne auch dann noch, wenn er erst ab dem 600. Lebenstag gegeben wurde, um 14 Prozent bei Weibchen und 9 Prozent bei Männchen. Das ist ein Mausbefund mit einem Medikament, nicht ein Befund zum Fasten beim Menschen.

Ist Fasten besser als einfach weniger essen?

In den bisherigen Humanstudien überzeugend belegt ist das nicht.

Eine einjährige randomisierte Studie mit 100 Personen verglich Alternate-Day-Fasting mit täglicher Kalorienreduktion und fand nach zwölf Monaten keinen Vorteil beim Gewicht und keine Unterschiede bei Blutzucker, Insulin oder Entzündungsmarkern. Eine Studie mit 139 Personen über zwölf Monate verglich Kalorienreduktion mit und ohne Acht-Stunden-Essensfenster und fand ebenfalls keinen signifikanten Unterschied.

Im Tiermodell sieht es anders aus. Dort scheint das Zeitfenster eine eigene Rolle zu spielen, unabhängig von der Kalorienmenge. Diese Lücke zwischen Maus und Mensch ehrlich zu benennen, ist der redlichste Umgang mit dem Thema. Der praktische Wert von Fasten liegt für viele Menschen ohnehin woanders: Ein Zeitfenster ist im Alltag oft leichter durchzuhalten als tägliches Kalorienzählen.

Welche Rolle spielen Sirtuine und NAD+ wirklich?

Sirtuine sind Enzyme, die für ihre Arbeit das Molekül NAD+ brauchen und deshalb als Sensoren für den Energiezustand der Zelle gelten. Sie greifen in DNA-Reparatur, Telomerpflege, Stressantwort und Stoffwechselsteuerung ein.

Die Vorstellung, Sirtuine seien der eine Longevity-Schalter, hat die Forschung nicht gehalten. Übersichtsarbeiten beschreiben die lebensverlängernde Wirkung als abhängig von Sirtuin-Typ, Expressionshöhe und Gewebe und ausdrücklich als umstritten.

Für den Menschen fehlen Endpunktstudien vollständig. Dass sich NAD+-Spiegel im Blut durch Vorstufen anheben lassen, ist gezeigt. Dass daraus ein längeres Leben folgt, ist es nicht.

Kann Fasten die Mitochondrien verbessern?

Mechanistisch ist das plausibel, die harten Daten stammen aber überwiegend aus einfachen Modellorganismen.

In Versuchen am Fadenwurm Caenorhabditis elegans hing die lebensverlängernde Wirkung von Nahrungsrestriktion daran, dass das Mitochondriennetzwerk seine Fähigkeit zum Teilen und Verschmelzen behielt und dass Fettsäuren gemeinsam mit den Peroxisomen verbrannt wurden. Wurde eine dieser Fähigkeiten blockiert, verschwand der Effekt.

Beim Menschen ist das in dieser Form nicht gezeigt. Die passende Formulierung lautet also: Fasten könnte die Qualität und die Flexibilität der Mitochondrien beeinflussen. Der praktisch spürbarste Teil davon ist wahrscheinlich die metabolische Flexibilität, also die Fähigkeit, ohne Leistungseinbruch zwischen Zucker und Fett als Brennstoff zu wechseln.

Was hat die CALERIE-Studie über biologisches Altern gezeigt?

CALERIE ist bisher die einzige größere randomisierte Kalorienrestriktionsstudie an gesunden, nicht adipösen Menschen. 218 Personen wurden auf 25 Prozent Kalorienreduktion oder freie Kost randomisiert, tatsächlich erreicht wurden im Mittel 11,7 Prozent über zwei Jahre.

Kardiometabolische Risikofaktoren sanken stärker als in der Kontrollgruppe, das Schilddrüsenhormon T3 und der Entzündungsmarker TNF-alpha gingen zurück, die Lebensqualität litt nicht.

Eine spätere Auswertung von 220 Blutproben fand ein leicht verlangsamtes Alterungstempo im Maß DunedinPACE, während die Alterungsuhren PhenoAge und GrimAge sich nicht signifikant änderten. Die Autorinnen und Autoren bezeichnen die Effektstärken selbst als klein und betonen, dass ein abschließender Test nur über Langzeitstudien mit Krankheits- und Sterblichkeitsendpunkten möglich wäre.

Warum lebten die Affen in einer Studie länger und in der anderen nicht?

Zwei parallele Langzeitstudien an Rhesusaffen kamen zu unterschiedlichen Ergebnissen. In der Studie der University of Wisconsin verbesserte eine etwa 30-prozentige Kalorienreduktion ab dem jungen Erwachsenenalter das altersbezogene und das Gesamtüberleben signifikant. In der Studie des National Institute on Aging zeigte sich kein Überlebensunterschied.

Eine gemeinsame Auswertung beider Datensätze beschrieb die Gründe: unterschiedliches Alter bei Beginn, unterschiedliche Futterzusammensetzung und Kontrolltiere, die im Vergleich mit einer großen Primatendatenbank faktisch selbst schon restriktiv gefüttert wurden.

Die Schlussfolgerung war, dass die gesundheitlichen Vorteile bei Primaten erhalten bleiben, dass aber Zeitpunkt und Zusammensetzung mitentscheiden. Genau deshalb sind einfache Übertragungen auf den Menschen problematisch.

Wer sollte nicht fasten?

Fasten ist keine harmlose Wellnessmaßnahme für jeden. Zurückhaltung ist angebracht bei Untergewicht, in Schwangerschaft und Stillzeit, bei aktiver oder früherer Essstörung, bei Kindern und Jugendlichen, bei fortgeschrittener Gebrechlichkeit im Alter und bei Diabetes mit blutzuckersenkender Medikation, weil dort Unterzuckerungen drohen.

Auch bei Erkrankungen der Schilddrüse oder der Nebennieren, bei starker Erschöpfung und bei Kinderwunsch gehört die Entscheidung in ein ärztliches Gespräch.

Selbst in der gut kontrollierten CALERIE-Studie lag die Knochendichte an Lendenwirbelsäule, Hüfte und Schenkelhals nach zwölf und nach 24 Monaten unter der Kontrollgruppe, und normalgewichtige Teilnehmende berichteten häufiger Beschwerden als übergewichtige. Das ist kein Argument gegen Fasten, sondern eines für Begleitung und für die Frage, ob du zur passenden Gruppe gehörst.

Wie viel bringt Fasten im Vergleich zu Sport und Schlaf?

Fasten ist ein Hebel unter mehreren, nicht der zentrale.

In einer großen Mausstudie mit 960 genetisch unterschiedlichen Tieren verlängerten Kalorienrestriktion und Intervallfasten zwar die Lebensspanne, die Genetik hatte jedoch einen größeren Einfluss als die Diät. Bemerkenswert war außerdem, dass die metabolischen Verbesserungen wie weniger Körperfett und niedrigerer Nüchternblutzucker nicht mit der längeren Lebensspanne zusammenhingen.

Beim Menschen sind Muskelmasse, kardiorespiratorische Fitness, Schlaf, Nichtrauchen und soziale Einbindung die Faktoren mit der breitesten Datenbasis. Fasten kann sich sinnvoll dazustellen, gerade wenn dein Essensfenster bisher fast den ganzen Tag umfasst. Es ersetzt die anderen Faktoren nicht.

Sind längere Fastenperioden wirksamer als tägliche Esspausen?

Für die Lebensspanne beim Menschen gibt es dazu keine Daten, weder für die eine noch für die andere Variante.

Aus den Tiermodellen lässt sich eher ableiten, dass Regelmäßigkeit und die Lage der Fastenphase eine Rolle spielen als die Dauer eines einzelnen Ereignisses. In der Mausarbeit, in der eine einzige Tagesmahlzeit ohne Kalorienreduktion die Lebensspanne verlängerte, war es die täglich wiederkehrende lange Pause, nicht ein seltenes langes Fasten.

Längere Fastenperioden über mehrere Tage haben ein eigenes Risikoprofil, unter anderem Elektrolytverschiebungen, Kreislaufprobleme und Verlust an Muskelmasse. Sie gehören aus meiner Sicht nicht in den Selbstversuch, sondern in eine begleitete Situation.

Kann ich beim Fasten Muskelmasse verlieren?

Ja, das ist ein realer und häufig unterschätzter Punkt.

In der TREAT-Studie mit 116 Teilnehmenden verlor die Gruppe mit 16:8-Essensfenster signifikant mehr Magermasse an den Extremitäten als die Vergleichsgruppe. In der großen Mausstudie führten 40 Prozent Kalorienreduktion, also die Variante mit der stärksten Lebensverlängerung, ebenfalls zu einem Verlust an Magermasse.

Für die Gesundheitsspanne ist das relevant, denn Muskelmasse und Kraft gehören zu den besten Prädiktoren für Selbstständigkeit im Alter. Wer Esspausen nutzt, sollte Krafttraining und eine ausreichende Eiweißzufuhr bewusst danebenstellen. Mehr dazu im Artikel zum Muskelerhalt beim Fasten.

Wo dieses Thema weiterführt

Longevity hängt nicht an einer Maßnahme. Diese Artikel greifen benachbarte Stellschrauben auf.

SJ
Shukri Jarmoukli
Arzt, Integrative Medizin · ViveCura Berlin

Ich arbeite in Berlin-Kreuzberg mit einem Blick, der die Schulmedizin nicht ersetzt, sondern um weitere Ebenen ergänzt: klinische Psychoneuroimmunologie, funktionelle Diagnostik, Lebensstil und Umweltbelastungen. Schwerpunkte sind Stoffwechsel und Erschöpfung, Hormone, Darm sowie Belastungen durch Schwermetalle und Schimmel.

Bei Longevity-Themen ist mir die Trennlinie wichtig: Was ist am Menschen belegt, was stammt aus dem Tiermodell, und wo hört die Evidenz auf. Ich halte Fasten für ein sinnvolles Werkzeug und für kein Versprechen.

Privatpraxis ViveCura · Skalitzer Straße 137, Berlin

Quellen

Alle Angaben stammen aus den unten verlinkten Originalarbeiten. Die Marker in eckigen Klammern kennzeichnen die Evidenzstufe. Für die Frage, ob Fasten die menschliche Lebensspanne verlängert, existieren bisher keine Endpunktstudien. Die Aussagen zur Lebensverlängerung stützen sich auf Tiermodelle, die Aussagen zum Menschen auf randomisierte Studien mit Risikomarkern und Surrogatparametern über maximal zwei Jahre. Diese Trennung wird im Text an jeder Stelle mitgeführt.

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