Ratgeber Ketamin · Spoke

Ketamin bei PTBS und Trauma: Was die Forschung wirklich zeigt

Eine ehrliche Einordnung der Evidenz, der Mechanismen und der klinischen Realität für Menschen, bei denen klassische Traumatherapien an Grenzen kommen.

SJ
Shukri Jarmoukli · Arzt, ViveCura Berlin

1. Wenn das Trauma im Nervensystem weiterlebt

Eine posttraumatische Belastungsstörung entsteht nach extremen Erfahrungen. Gewalt, Verlust, Unfälle, frühe emotionale Vernachlässigung, langjährige Bindungsbrüche. Die Symptome sind zermürbend: Flashbacks, Alpträume, Dissoziation, ständige Übererregung, das Gefühl, von sich selbst oder der Welt abgekoppelt zu sein. Klassische Traumatherapien wirken bei vielen, aber nicht bei allen.

Ich sehe in der Trauma-Sprechstunde immer wieder Menschen, die ihre Geschichte gut erzählen können und im Körper trotzdem in Daueralarm leben. Oft mit mehrjähriger Vorbehandlung: EMDR, kognitive Verhaltenstherapie, körperorientierte Verfahren. Die Einsicht ist da. Das Nervensystem folgt ihr nicht.

In solchen Konstellationen prüfe ich gemeinsam mit der Person, die die Trauma-Therapie führt, ob eine Ketamin-Serie als Ergänzung zum laufenden Verfahren infrage kommen könnte. Ketamin ersetzt die Therapie nicht. Wie einzelne Menschen darauf reagieren, ist sehr unterschiedlich. Einzelne Verläufe aus meiner Praxis schildere ich hier bewusst nicht. Sie sagen nichts darüber aus, was bei dir passieren würde.

Mein Standpunkt

Ketamin bei PTBS ist keine Wunderlösung und keine Alternative zur Trauma-Therapie. Es kann ein Werkzeug sein, das festgefahrene Punkte lösen könnte, wenn klassische Verfahren an Grenzen kommen. Voraussetzung sind eine stabile therapeutische Beziehung, ein trauma-informiertes Setting und die Bereitschaft, das mögliche Zeitfenster erhöhter Formbarkeit aktiv für die Verarbeitung zu nutzen.

Wichtig und ehrlich: Ketamin ist bei PTBS nicht zugelassen

  • Ketamin hat in Deutschland keine arzneimittelrechtliche Zulassung für die Behandlung einer posttraumatischen Belastungsstörung. Esketamin als Nasenspray ist nur für die therapieresistente Depression zugelassen.
  • Jede Anwendung bei PTBS ist damit ein sogenannter Off-Label-Gebrauch. Sie erfolgt außerhalb der offiziellen Zulassung, in ärztlicher Verantwortung, nach ausführlicher Aufklärung und in aller Regel auf eigene Kosten.
  • Die Leitlinien empfehlen weiterhin die traumafokussierte Psychotherapie als erste Wahl. Die VA/DoD-Leitlinie von 2023 stellt sie ausdrücklich vor medikamentöse Verfahren.
  • Dieser Artikel beschreibt den Stand der Forschung. Er ist keine Empfehlung für dich persönlich und ersetzt keine ärztliche Untersuchung, Diagnose oder Behandlung.

2. Was Trauma im Gehirn verändert

Trauma ist nicht nur eine Erinnerung. Es verändert offenbar auch, wie das Nervensystem arbeitet. Drei Hirnareale stehen dabei besonders im Fokus der Forschung. Wichtig vorweg: Die Bildgebungsbefunde bei PTBS sind uneinheitlich. Vieles davon ist Beschreibung, nicht bewiesene Ursache.

Amygdala: das überaktive Alarmsystem

In Bildgebungsstudien findet sich bei PTBS häufig ein überaktives Alarmsystem in der Amygdala. Reize, die für die meisten Menschen neutral sind, können dann eine Bedrohungsreaktion auslösen. Das könnte einen Teil der Übererregbarkeit, der Schreckreaktionen und der Daueranspannung erklären.

Hippocampus: die Kontextualisierungs-Schwäche

Beim Hippocampus zeigen viele Studien ein kleineres Volumen. Ob das eine Folge des Traumas ist oder schon vorher bestand, wird bis heute diskutiert. Diskutiert wird auch, ob eine schwächere Einordnung von Erinnerungen in Zeit und Kontext dazu beitragen kann, dass Trauma-Erinnerungen sich anfühlen, als geschähen sie jetzt.

Präfrontaler Kortex: die geschwächte Top-down-Regulation

Der präfrontale Kortex scheint bei PTBS in seiner regulierenden Funktion geschwächt zu sein. Ein Bild dazu: Die Bremse ist da, sie greift nur schlechter.

3. Wie Ketamin in diese Konstellation eingreifen könnte

Ketamin könnte über mehrere Mechanismen auf die PTBS-typische Hirnkonstellation wirken. Diese Mechanismen sind teilweise gut belegt, teilweise noch in der Erforschung.

Mechanismus, Yale 2010

Li und Kollegen zeigten in Science an Ratten, dass Ketamin über einen Signalweg namens mTOR die Bildung neuer synaptischer Verbindungen im präfrontalen Kortex anstößt. Bei PTBS scheint genau dieser Bereich in seiner Funktion geschwächt zu sein. Eine bessere präfrontale Vernetzung könnte die Kontrolle über das Alarmsystem stärken. Das ist eine Übertragung aus dem Tierversuch und beim Menschen mit PTBS nicht gezeigt.

Li N et al. mTOR-dependent synapse formation underlies the rapid antidepressant effects of NMDA antagonists. Science. 2010;329(5994):959-964. DOI: 10.1126/science.1190287 [In vivo, Ratte, mechanistisch]
Mechanismus aus dem Tiermodell, Wang 2019

Wang und Kollegen untersuchten 2019 in Behavioural Brain Research Mäuse mit chronischem sozialem Stress. Das ist ein Depressionsmodell, kein PTBS-Modell. Eine einzelne Ketamin-Gabe konnte dort die Stressachse und die Glucocorticoid-Rezeptoren im Hippocampus wieder in Richtung Ausgangszustand bewegen. Die Autoren selbst formulieren vorsichtig, Ketamin könne so wirken. Ob dieser Mechanismus beim Menschen und speziell bei PTBS eine Rolle spielt, ist damit nicht gezeigt. Es ist eine Hypothese, die man prüfen müsste.

Wang W et al. Ketamine improved depressive-like behaviors via hippocampal glucocorticoid receptor in chronic stress induced-susceptible mice. Behav Brain Res. 2019;364:75-84. DOI: 10.1016/j.bbr.2019.01.057 [In vivo, Maus, Depressionsmodell]

4. Was die klinischen Studien zeigen und wo sie an Grenzen kommen

Die klinische Evidenz für Ketamin bei PTBS ist begrenzt und uneinheitlich. Sie ist deutlich schwächer als die Evidenz bei Depression. Hier sind die wichtigsten Arbeiten, mit dem, was sie zeigen, und mit dem, was sie nicht zeigen.

Erste RCT zu Ketamin bei chronischer PTBS, 2014

Feder und Kollegen veröffentlichten 2014 im JAMA Psychiatry den ersten randomisierten kontrollierten Crossover-Trial. Im Vergleich zum aktiven Placebo Midazolam, einem Beruhigungsmittel, zeigte eine einzelne Ketamin-Infusion 24 Stunden nach Gabe eine stärkere Reduktion der Trauma-Symptome. Das war ein Proof of Concept mit 41 Teilnehmenden, also eine kleine Studie und kein Wirksamkeitsnachweis für den Alltag.

Feder A et al. Efficacy of intravenous ketamine for treatment of chronic posttraumatic stress disorder. JAMA Psychiatry. 2014;71(6):681-688. DOI: 10.1001/jamapsychiatry.2014.62 [RCT, Crossover, aktiv-Placebo, n=41]
Wiederholte Gabe bei chronischer PTBS, 2021

Feder und Kollegen erweiterten 2021 im American Journal of Psychiatry die Befunde auf wiederholte Gabe. In dieser kleinen Studie mit 30 Teilnehmenden sprachen über sechs Infusionen 67 Prozent der Ketamin-Gruppe klinisch bedeutsam an. In der Vergleichsgruppe, die das Beruhigungsmittel Midazolam bekam, waren es 20 Prozent. Bei denen, die ansprachen, lag die Zeit bis zum Wirkverlust im Median bei 27,5 Tagen, also knapp vier Wochen nach dem Ende der Serie. Danach kam die Symptomatik bei vielen zurück. Ein wichtiges Ergebnis und zugleich eine sehr kleine Studie.

Feder A et al. A randomized controlled trial of repeated ketamine administration for chronic posttraumatic stress disorder. Am J Psychiatry. 2021;178(2):193-202. DOI: 10.1176/appi.ajp.2020.20050596 [RCT, wiederholte Dosierung, n=30]
Ehrliche Einordnung

Ein wichtiger Befund, der nicht verschwiegen werden sollte: Abdallah und Kollegen testeten 2022 in einem der bisher größten RCTs wiederholte Ketamin-Infusionen bei 158 Veteraninnen, Veteranen und aktivem Militärpersonal. Sie fanden eine deutliche Besserung der begleitenden Depression, aber keinen belegbaren Effekt auf die Kernsymptome der PTBS. Gemessen wurde mit zwei etablierten Instrumenten: einem Fragebogen, den die Betroffenen selbst ausfüllen, und einem strukturierten Interview, das eine geschulte Fachperson führt. Dieselbe Arbeit berichtet außerdem dosisabhängige dissoziative und wahrnehmungsverändernde Effekte, die sich innerhalb von zwei Stunden zurückbildeten. Kurz gesagt: Die Evidenz für Ketamin bei PTBS ist nicht konsistent.

Meta-Analyse PTBS 2024

Borgogna und Kollegen werteten 2024 im European Journal of Psychotraumatology sechs RCTs mit insgesamt 221 Personen aus. Zunächst zeigte sich ein kleiner Vorteil von Ketamin gegenüber den Kontrollbedingungen. Nach Korrektur für Publikationsbias war dieser Vorteil statistisch nicht mehr belegbar. Gegenüber aktiven Kontrollen ließ sich kein Vorteil zeigen, nach einer Woche und nach zwei Wochen ebenfalls nicht. Die Autoren halten es für wahrscheinlich, dass ein großer Teil der berichteten Wirkung ein Placeboeffekt ist, weil die Verblindung bei einer so spürbaren Substanz kaum funktioniert. Das ist ein Einwand, den ich ernst nehme und den du kennen solltest.

Borgogna NC et al. So how special is 'special K'? A systematic review and meta-analysis of ketamine for PTSD RCTs. Eur J Psychotraumatol. 2024;15(1):2299124. DOI: 10.1080/20008066.2023.2299124 [Systematischer Review plus Meta-Analyse, sechs RCTs, N=221]
Meta-Analyse Effektivität PTBS, 2024

Almeida und Kollegen werteten 2024 in Clinical Neuropsychiatry zehn Studien aus, davon fünf RCTs. Ein statistisch signifikanter Vorteil für Ketamin ließ sich nur am Ende des Behandlungszeitraums zeigen, nicht bereits 24 Stunden nach der ersten Infusion. Die Effektstärke war klein, sie lag bei 0,25. Die Heterogenität zwischen den Studien war in allen Analysen hoch. Die Autoren halten Ketamin für einen aussichtsreichen Kandidaten und fordern größere Studien.

Almeida TM et al. Effectiveness of ketamine for the treatment of post-traumatic stress disorder: a systematic review and meta-analysis. Clin Neuropsychiatry. 2024;21(1):22-31. DOI: 10.36131/cnfioritieditore20240102 [Systematischer Review plus Meta-Analyse, k=10 Studien]

5. Warum ich Ketamin nur mit trauma-informierter Begleitung einsetze

Hier komme ich an einen Punkt, an dem ich sauber trennen muss. Ob Ketamin zusammen mit traumafokussierter Psychotherapie besser wirkt als allein, ist bisher nicht belegt. Es gibt gute theoretische Gründe für diese Annahme, vor allem aus tierexperimentellen Arbeiten zum Verlernen von Angstreaktionen. Eine erste Studie dazu läuft gerade, Ergebnisse liegen noch nicht vor. Ich arbeite aus Überzeugung so. Aber ich sage dir offen: Das ist meine klinische Haltung, kein Studienergebnis.

Ketamin und Prolonged Exposure, RCT-Protokoll 2024

Shiroma und Kollegen publizierten 2024 in Contemporary Clinical Trials das Protokoll einer RCT bei Veteraninnen und Veteranen mit PTBS. Die Studie kombiniert Ketamin mit Prolonged Exposure Therapy, einem etablierten traumafokussierten Verfahren. Hintergrund ist eine Hypothese aus Tierversuchen: Ketamin könnte dort das Verlernen von Angstreaktionen erleichtern und das Wiederauftauchen der Angst dämpfen. Ob sich das beim Menschen bestätigt und ob es die Wirkung einer Konfrontationstherapie verstärkt, soll diese Studie erst herausfinden. Ergebnisse gibt es noch nicht. Dieselbe Arbeit verweist auf die VA/DoD-Leitlinie von 2023, die die traumafokussierte Psychotherapie gegenüber Medikamenten bevorzugt.

Shiroma P et al. Ketamine-enhanced prolonged exposure therapy in veterans with PTSD: a randomized controlled trial protocol. Contemp Clin Trials. 2024;143:107569. DOI: 10.1016/j.cct.2024.107569 [Studienprotokoll ohne Ergebnisse, zugrundeliegende Hypothese aus präklinischen Studien]
Reframe

Wer Ketamin bei PTBS als alleinige Behandlung versteht, wird nach der bisherigen Studienlage eher enttäuscht. Ich verstehe es als mögliches Werkzeug innerhalb einer trauma-informierten Psychotherapie. Ob diese Kombination nachweislich mehr bringt als die Psychotherapie allein, ist offen und wird gerade untersucht. Die Tür allein bringt niemandem etwas. Was danach passiert, in begleiteter Form, ist aus meiner Sicht der entscheidende Teil. Das ist meine Haltung, kein belegter Befund.

6. KPNI-Linsen bei PTBS und Ketamin

Nervensystem: Bedrohungsregulation

Ein Erklärungsmodell, das ich in der Trauma-Arbeit hilfreich finde, ist die Polyvagal-Theorie. Sie beschreibt ein Schwanken zwischen Übererregung, also Kampf und Flucht, und einem Zustand der Erstarrung mit Dissoziation. Wichtig zur Einordnung: Dieses Modell ist in der Fachwelt umstritten und nicht als gesichert anzusehen. Ich nutze es als Bild, nicht als Beweis. Ob Ketamin über die Modulation präfrontaler Kontrolle die Bedrohungsregulation beeinflussen kann, ist eine Hypothese und beim Menschen mit PTBS nicht belegt.

Immunsystem: Trauma-bezogene Inflammation

Bei chronischem Trauma finden sich in Studien häufiger erhöhte Entzündungsmarker. Es wird diskutiert, ob diese Entzündung depressive und kognitive Beschwerden mit unterhalten kann. Für Ketamin sind entzündungshemmende Effekte beschrieben. Ob sie für die Behandlung einer PTBS eine Rolle spielen, ist offen.

Stoffwechsel: Energieverfügbarkeit

Bei chronischem Stress und PTBS werden auch Veränderungen im Energiestoffwechsel der Zellen diskutiert. Ob sie die anhaltende Erschöpfung erklären, ist offen, die Datenlage beim Menschen ist dünn. Ob eine Verbesserung der Stoffwechsel-Grundlage das Ansprechen auf Ketamin beeinflusst, ist bisher nicht untersucht. Ich sage das ausdrücklich, weil ich in meiner Praxis so arbeite und du wissen sollst, wo hier meine Überzeugung steht und nicht die Studienlage.

Hormonsystem: die Stressachse

Bei PTBS wird eine dysregulierte Stressachse beschrieben, teils mit niedrigen Cortisolwerten und veränderter Empfindlichkeit der Rezeptoren. Ob Ketamin diese Regulation beim Menschen beeinflusst, ist nicht geklärt. Eine Untersuchung an 42 Menschen mit therapieresistenter Depression fand keinen Zusammenhang zwischen den Hormonen der Stressachse und der Ketamin-Wirkung. Auch das gehört zum ehrlichen Bild.

7. Wann Ketamin bei PTBS überhaupt in Frage kommen könnte

Ob Ketamin bei einer PTBS in Frage kommt, lässt sich nicht über eine Checkliste im Internet klären. Das hängt von Diagnose, Vorbehandlung, Begleiterkrankungen, Medikation und der aktuellen Stabilität ab. Diese Abwägung kann dir kein Artikel abnehmen. Sie ist eine ärztliche Einzelfallentscheidung nach persönlicher Untersuchung, gemeinsam mit der Person, die deine Trauma-Therapie macht.

Sprich deshalb zuerst mit ihr. Lass dich danach ärztlich untersuchen und beraten, mit deiner vollständigen Medikationsliste und deiner Vorgeschichte. Ich beschreibe hier den Stand der Forschung, keine Empfehlung für dich persönlich.

Wann Ketamin nicht oder noch nicht in Frage kommt

Gegenanzeigen und Punkte, die vorher geklärt werden müssen

  • Aktive Psychose oder ausgeprägte Dissoziationsneigung ohne therapeutischen Halt
  • Akute Manie
  • Komplexes Trauma ohne stabile therapeutische Beziehung
  • Aktive Suizidalität ohne stationäre Begleitung
  • Unkontrollierter Bluthochdruck, schwere Herzerkrankung, bekanntes Aneurysma
  • Erhöhter Hirndruck, Glaukom
  • Unbehandelte Schilddrüsenüberfunktion
  • Schwere Leber- oder Blasenerkrankung
  • Aktive Suchterkrankung ohne suchtmedizinische Begleittherapie
  • Schwangerschaft und Stillzeit
  • Minderjährigkeit
Wenn du gerade in einer akuten Krise bist: Bei akuter Suizidalität oder wenn du dich oder andere gefährdest, ist ein Blogartikel der falsche Ort und ein Praxistermin der falsche Weg. Wähle den Notruf 112 oder wende dich an die nächste psychiatrische Klinik oder Institutsambulanz. Die Telefonseelsorge erreichst du kostenfrei und rund um die Uhr unter 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222.

8. Ehrlich zu den Risiken

Ketamin ist ein Narkosemedikament mit relevanten Nebenwirkungen. Wer darüber nicht spricht, macht Werbung und keine Aufklärung. Deshalb hier die Punkte, die du kennen solltest, bevor du überhaupt darüber nachdenkst.

Während und kurz nach einer Infusion möglich

  • Dissoziation, also ein Gefühl von Losgelöstheit vom eigenen Körper oder von der Umgebung
  • Wahrnehmungsverändernde und psychotomimetische Effekte
  • Anstieg von Blutdruck und Herzfrequenz
  • Übelkeit und Erbrechen, Schwindel, Kopfschmerz
  • Angst oder Unruhe während der Sitzung
  • Vorübergehende Einschränkung von Aufmerksamkeit und Gedächtnis

Bei wiederholter Anwendung und bei Serien

  • Schädigungen der Blase bis hin zur ulzerativen Zystitis sind beschrieben, vor allem bei häufiger und hochdosierter Anwendung. Das ist gerade dann relevant, wenn über längere Serien gesprochen wird.
  • Veränderungen der Leberwerte sind beschrieben. Kontrollen gehören deshalb dazu.
  • Ketamin hat ein Missbrauchs- und Abhängigkeitspotenzial. Mehr dazu im Artikel Macht Ketamin abhängig.
  • Wechselwirkungen sind möglich, unter anderem mit Benzodiazepinen, Lamotrigin, Opioiden, Blutdruckmedikamenten und MAO-Hemmern. Deine vollständige Medikationsliste gehört deshalb vor die erste Infusion.
Rund um die Sitzung: Am Behandlungstag darfst du kein Fahrzeug führen und keine Maschinen bedienen. Rechne mit mindestens 24 Stunden ohne aktive Teilnahme am Straßenverkehr und plane eine Begleitperson für den Heimweg ein. Setze außerdem keine laufende Medikation eigenmächtig ab oder herunter. Jede Änderung gehört vorher ärztlich besprochen.
Zur Frage der Retraumatisierung

Während einer Sitzung können Trauma-Inhalte auftauchen. Wie oft dabei eine Retraumatisierung vorkommt, ist wissenschaftlich nicht sauber untersucht. Ich kann dir dazu keine Häufigkeit nennen, und niemand sollte das tun. Planbar sind dagegen Vorbereitung, durchgehende Begleitung während der Sitzung, ein sicherer Rahmen und Zeit für die Nachbesprechung. Ohne professionellen Rahmen und ohne Trauma-Erfahrung der Behandelnden ist eine belastende Erfahrung wahrscheinlicher.

9. Wahre Freiheit, wenn das Nervensystem zur Ruhe kommt

Wahre Freiheit

Trauma kann die Freiheit nehmen, im eigenen Körper zu Hause zu sein. Es kann alles zur potenziellen Bedrohung machen, sogar Stille und Nähe. Darum kann es in der Trauma-Arbeit gehen: nicht darum, die Geschichte auszulöschen, sondern darum, wieder im eigenen Körper ankommen zu können, in der Gegenwart zu sein, Beziehung zuzulassen, ohne dass das Alarmsystem dauernd dazwischenfunkt. Ob und wie weit das gelingt, ist von Mensch zu Mensch verschieden.

10. Drei konkrete Hebel, wenn du das Thema angehen willst

Hebel 1: Bring deine Trauma-Therapeutin mit ins Boot

Bevor du Ketamin erwägst, sprich mit der Person, mit der du deine Trauma-Arbeit machst. Eine ideale Konstellation ist die Abstimmung zwischen KAP-Behandler und Trauma-Therapeutin. Falls keine laufende Therapie existiert, finde sie zuerst.

Hebel 2: Frag überall nach Trauma-Erfahrung, auch bei mir

Ketamin bei PTBS braucht Trauma-Erfahrung, nicht nur die Bereitschaft, eine Infusion zu legen. Frag deshalb in jeder Praxis nach, in meiner genauso: Welche Erfahrung gibt es mit PTBS? Wie wird mit Dissoziation, Flashbacks oder Erstarrung während der Sitzung umgegangen? Wie ist die Nachbesprechung organisiert? Wie wird über Off-Label-Status, Risiken und Kosten aufgeklärt? Nimm dir die Zeit, mehrere Antworten zu vergleichen, bevor du dich entscheidest.

Hebel 3: Plane die Nachbereitung von Anfang an mit ein

Plane für jede Ketamin-Sitzung Zeit mit deiner Trauma-Therapeutin oder deinem Trauma-Therapeuten in den folgenden Tagen ein. Aus meiner Sicht ist diese Phase mindestens so wichtig wie die Sitzung selbst. Ein Studienbeleg dafür fehlt. Das ist meine klinische Haltung, keine Studienaussage.

Häufige Fragen zu Ketamin bei PTBS und Trauma

Die Fragen, die mir am häufigsten zu Ketamin bei PTBS gestellt werden, ehrlich beantwortet.

Wirkt Ketamin bei PTBS?

Die Studienlage ist gemischt und schwächer, als oft dargestellt wird. Eine erste kleine RCT von 2014 zeigte 24 Stunden nach einer Infusion eine stärkere Symptomreduktion als aktives Placebo. Eine Meta-Analyse von 2024 fand nach Korrektur für Publikationsbias keinen statistisch belegbaren Vorteil mehr und hält einen Placeboeffekt für wahrscheinlich. Eine zweite Meta-Analyse von 2024 fand einen kleinen Vorteil erst am Ende des Behandlungszeitraums. Ketamin ist in Deutschland für PTBS nicht zugelassen, jede Anwendung ist Off-Label.

Wie ist die Evidenz im Vergleich zur Depression?

Vielversprechend, aber nicht so robust wie bei Depression. Mehrere kleinere RCTs zeigen positive Effekte. Eine Studie an 158 Veteranen 2022 fand Besserung der begleitenden Depression, aber keinen klaren Effekt auf PTBS-Kernsymptome. Aktuelle Meta-Analysen weisen auf Heterogenität hin.

Warum gerade bei Trauma?

Traumatische Erinnerungen sitzen tief im Nervensystem und sind über reines Sprechen oft schwer erreichbar. Diskutiert wird, dass Ketamin die kognitive Kontrolle kurzfristig senken und ein Zeitfenster erhöhter Formbarkeit im Gehirn öffnen könnte. Das ist ein Erklärungsmodell, überwiegend aus Tierversuchen abgeleitet. Beim Menschen mit PTBS ist es nicht belegt.

Wirkt es auch bei komplexem Trauma?

Zur komplexen PTBS gibt es bisher keine belastbaren Studien zu Ketamin. Ich kann dir deshalb nicht sagen, ob und wie gut es dort wirkt. Was in dieser Situation aus meiner Sicht zuerst zählt, ist eine tragfähige therapeutische Beziehung und Stabilisierung. Alles Weitere erst danach.

Kann es retraumatisierend wirken?

Während einer Sitzung können Trauma-Inhalte auftauchen. Wie oft dabei eine Retraumatisierung vorkommt, ist wissenschaftlich nicht sauber untersucht. Eine Häufigkeit kann ich dir deshalb nicht nennen. Planbar sind Vorbereitung, durchgehende Begleitung, ein sicherer Rahmen und Zeit für die Nachbesprechung. Ohne professionellen Rahmen und ohne Trauma-Erfahrung der Behandelnden ist eine belastende Erfahrung wahrscheinlicher.

Welche Psychotherapie passt bei PTBS?

In den bisherigen Studien und Studienprotokollen werden vor allem traumafokussierte Verfahren mit Ketamin kombiniert, etwa Prolonged Exposure, Cognitive Processing Therapy oder EMDR. Ob diese Kombination besser wirkt als die Psychotherapie allein, ist bisher nicht belegt. Eine erste Studie dazu läuft. Die Leitlinien empfehlen die traumafokussierte Psychotherapie weiterhin als erste Wahl.

Wie viele Sitzungen brauche ich bei PTBS?

Die bisherigen PTBS-Studien arbeiten meist mit sechs Infusionen über zwei bis drei Wochen. Für längere Serien bei PTBS gibt es keine belastbare Studienbasis. Wie viele Sitzungen im Einzelfall vertretbar sind, ist eine ärztliche Entscheidung und hängt auch von Verträglichkeit und Kontrollwerten ab.

Für wen ist Ketamin bei PTBS nicht geeignet?

Nicht angezeigt bei aktiver Psychose, ausgeprägter Dissoziationsneigung ohne therapeutischen Halt, akuter Manie, unkontrolliertem Bluthochdruck, schwerer Herzerkrankung, bekanntem Aneurysma, erhöhtem Hirndruck, Glaukom, unbehandelter Schilddrüsenüberfunktion, schwerer Leber- oder Blasenerkrankung sowie bei aktiver Suchterkrankung ohne suchtmedizinische Begleitung. Ebenso in Schwangerschaft und Stillzeit und bei Minderjährigen. Bei komplexem Trauma ohne stabile therapeutische Beziehung sollte zuerst die psychotherapeutische Grundlage gefestigt werden.

Welche Nebenwirkungen hat Ketamin?

Während und kurz nach einer Infusion sind Dissoziation, wahrnehmungsverändernde Effekte, ein Anstieg von Blutdruck und Herzfrequenz, Übelkeit, Schwindel, Kopfschmerz sowie Angst und Unruhe möglich. Bei wiederholter Anwendung sind Blasenschädigungen bis hin zur ulzerativen Zystitis und Veränderungen der Leberwerte beschrieben. Ketamin hat ein Missbrauchs- und Abhängigkeitspotenzial. Wechselwirkungen sind unter anderem mit Benzodiazepinen, Lamotrigin, Opioiden, Blutdruckmedikamenten und MAO-Hemmern möglich. Am Behandlungstag darfst du nicht Auto fahren, plane eine Begleitperson ein.

Ist Ketamin bei PTBS in Deutschland zugelassen?

Nein. Ketamin hat in Deutschland keine Zulassung für die Behandlung einer posttraumatischen Belastungsstörung. Esketamin als Nasenspray ist nur für die therapieresistente Depression zugelassen. Jede Anwendung bei PTBS ist ein Off-Label-Gebrauch, also außerhalb der Zulassung, in ärztlicher Verantwortung, nach ausführlicher Aufklärung und in aller Regel auf eigene Kosten. Die Leitlinien empfehlen weiterhin die traumafokussierte Psychotherapie als erste Wahl.

Weitere Artikel im Ratgeber Ketamin

Vertiefe spezifische Themen rund um Ketamin und seine therapeutische Anwendung.

Verwandte Themen im ViveCura Ratgeber

SJ

Shukri Jarmoukli

Arzt · Tätigkeitsschwerpunkt Integrative Medizin · ViveCura Berlin

Bei PTBS arbeite ich eng mit den behandelnden Trauma-Therapeutinnen und Therapeuten zusammen. Ketamin verstehe ich dabei als möglichen Baustein innerhalb eines größeren therapeutischen Rahmens, nicht als eigenständige Lösung. Die Anwendung bei PTBS ist Off-Label und setzt eine ärztliche Einzelfallprüfung mit ausführlicher Aufklärung voraus. Dieser Artikel gibt den Stand der Forschung wieder und ersetzt keine ärztliche Untersuchung, Diagnose oder Behandlung.

Quellen

  1. Feder A et al. Efficacy of intravenous ketamine for treatment of chronic posttraumatic stress disorder: a randomized clinical trial. JAMA Psychiatry. 2014;71(6):681-688. DOI: 10.1001/jamapsychiatry.2014.62 [RCT, Crossover, n=41]
  2. Feder A et al. A randomized controlled trial of repeated ketamine administration for chronic posttraumatic stress disorder. Am J Psychiatry. 2021;178(2):193-202. DOI: 10.1176/appi.ajp.2020.20050596 [RCT, wiederholte Dosierung, n=30, Kontrollgruppe Midazolam]
  3. Abdallah CG et al. Dose-related effects of ketamine for antidepressant-resistant symptoms of PTSD in veterans and active duty military. Neuropsychopharmacology. 2022;47(8):1574-1581. DOI: 10.1038/s41386-022-01266-9 [RCT, n=158, kein signifikanter Effekt auf PTBS-Kernsymptome, dosisabhängige dissoziative Effekte]
  4. Borgogna NC et al. So how special is 'special K'? A systematic review and meta-analysis of ketamine for PTSD RCTs. Eur J Psychotraumatol. 2024;15(1):2299124. DOI: 10.1080/20008066.2023.2299124 [Meta-Analyse, sechs RCTs, N=221, nach Bias-Korrektur kein signifikanter Vorteil]
  5. Almeida TM et al. Effectiveness of ketamine for the treatment of post-traumatic stress disorder: a systematic review and meta-analysis. Clin Neuropsychiatry. 2024;21(1):22-31. DOI: 10.36131/cnfioritieditore20240102 [Meta-Analyse, k=10 Studien, signifikanter Effekt nur am Behandlungsende, hohe Heterogenität]
  6. Shiroma P et al. Ketamine-enhanced prolonged exposure therapy in veterans with PTSD: a randomized controlled trial protocol. Contemp Clin Trials. 2024;143:107569. DOI: 10.1016/j.cct.2024.107569 [Studienprotokoll ohne Ergebnisse]
  7. Li N, Lee B, Liu RJ et al. mTOR-dependent synapse formation underlies the rapid antidepressant effects of NMDA antagonists. Science. 2010;329(5994):959-964. DOI: 10.1126/science.1190287 [In vivo, Ratte, mechanistisch]
  8. Wang W et al. Ketamine improved depressive-like behaviors via hippocampal glucocorticoid receptor in chronic stress induced-susceptible mice. Behav Brain Res. 2019;364:75-84. DOI: 10.1016/j.bbr.2019.01.057 [In vivo, Maus, Depressionsmodell, nicht PTBS]
  9. Drozdz SJ et al. Ketamine assisted psychotherapy: a systematic narrative review of the literature. J Pain Res. 2022;15:1691-1706. DOI: 10.2147/JPR.S360733 [Systematischer Narrative Review]
  10. Sakopoulos S, Todman M. The effects of psychotherapy on single and repeated ketamine infusion(s) therapy for TRD. Int J Mol Sci. 2025;26(14):6673. DOI: 10.3390/ijms26146673 [Mechanismus-Review]
  11. Krystal JH et al. Ketamine and rapid antidepressant action. Neuropsychopharmacology. 2024;49(1):41-50. DOI: 10.1038/s41386-023-01629-w [Mechanismus-Review]
  12. Georgiou P et al. Associations between HPA axis hormone levels and antidepressant effects of ketamine. J Affect Disord. 2024;373:126-132. DOI: 10.1016/j.jad.2024.12.036, PMID: 39674325 [RCT, Crossover, n=42, therapieresistente Depression, negativer Befund: die Hormone der Stressachse moderierten den Ketamin-Effekt nicht]

Transparenz-Hinweis: Die Evidenz für Ketamin bei PTBS ist begrenzt und uneinheitlich, deutlich schwächer als bei Depression. Aktuelle Meta-Analysen weisen auf relevanten Publikationsbias und hohe Heterogenität hin, eine von ihnen hält einen Placeboeffekt für den wahrscheinlichen Mechanismus. Alle Aussagen zur Wirkung sind als Wahrscheinlichkeiten zu verstehen, nicht als Zusage eines Behandlungserfolgs. Ketamin ist in Deutschland für PTBS nicht zugelassen, jede Anwendung bei dieser Diagnose ist Off-Label und erfolgt in ärztlicher Verantwortung nach ausführlicher Aufklärung. Die Leitlinien empfehlen weiterhin die traumafokussierte Psychotherapie als erste Wahl.

Wichtiger Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Untersuchung, Diagnose oder Behandlung. Setze keine laufende Medikation eigenmächtig ab. Bei akuter Suizidalität oder akuter Gefährdung wähle den Notruf 112 oder wende dich an die nächste psychiatrische Klinik. Die Telefonseelsorge ist kostenfrei und rund um die Uhr unter 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222 erreichbar.

Haben Sie Fragen oder möchten einen Termin?

Wir beraten Sie gerne persönlich in unserer Praxis.

Termin vereinbaren