Ratgeber Sport · Wenn Training nicht mehr aufbaut, sondern abbaut

Sport bei chronischer Erschöpfung: wann Bewegung helfen kann und wann sie schadet

Bewegung ist eine der stärksten Maßnahmen, die wir haben. Bei einem erschöpften Nervensystem kann dieselbe Bewegung aber genau das kosten, was sie eigentlich aufbauen soll.

Pacing statt Push Ruhepuls, HRV, Erholung 29 Quellen mit DOI Integrative Medizin
SJ Shukri Jarmoukli · Arzt, Integrative Medizin · ViveCura Berlin
Mein Ausgangspunkt

„Beiß dich durch" ist ein guter Rat für einen müden Körper. Für ein erschöpftes System ist er ein Rechenfehler. Training ist ein Reiz. Stärker wirst du nicht im Reiz, sondern in der Erholung danach. Wenn die Erholung fehlt, addiert sich der Reiz zu einer Schuld.

Ich möchte am Anfang etwas klarstellen, weil es sonst schnell falsch ankommt. Ich bin kein Gegner von Sport. Im Gegenteil. Bewegung gehört zu den wenigen Dingen, bei denen die Datenlage über fast alle Körpersysteme hinweg eindeutig gut ist.

Trotzdem sehe ich in der Sprechstunde regelmäßig Menschen, bei denen mehr Sport genau das Falsche war. Nicht weil Bewegung schlecht wäre. Sondern weil sie zu einem Zeitpunkt kam, an dem der Körper nicht in der Lage war, aus dem Reiz eine Anpassung zu machen.

Dieser Artikel versucht, diese beiden Wahrheiten nebeneinander stehen zu lassen. Er erklärt, wann Belastung aufbaut, wann sie abbaut, und woran du den Unterschied im Alltag ablesen kannst. Und er sagt genauso klar, wo die Wissenschaft heute endet.

Was dich in diesem Artikel erwartet

  • Warum Training nur mit Erholung stärker macht
  • Überreichen und Übertraining als Kontinuum
  • Was mit der Stressachse unter Dauerlast passieren kann
  • Belastungsintoleranz: eine eigene Kategorie
  • Was im Muskel nach Belastung messbar wurde
  • Die Debatte um Bewegungstherapie, ehrlich dargestellt
  • Ruhepuls, HRV und Belastungsempfinden als Orientierung
  • Warum die Erholung am Folgetag der beste Test ist
  • Pacing: Energieverwaltung statt Schonhaltung
  • Wie Belastbarkeit langsam wieder aufgebaut werden kann
  • Drei Hebel für die nächsten zwei Wochen
  • Wann eine ärztliche Abklärung sinnvoll ist

Wie ich die Evidenz markiere

Klinische Studie Randomisierte Studien oder Meta-Analysen am Menschen. Die stärkste Aussagekraft.

Beobachtung Mensch Kohorten, Querschnitte, Fall-Kontroll-Studien, Registerdaten. Zeigen Zusammenhänge, nicht Ursachen.

Tiermodell In-vivo-Daten aus Tierstudien. Biologisch plausibel, beim Menschen nicht automatisch übertragbar.

Zellebene In-vitro-Daten. Erklären Mechanismen, beweisen keine klinische Wirkung.

Der Moment, in dem Training aufhört, Training zu sein

Wenn tägliches hartes Training die letzte Energie kostet

Ich kenne dieses Muster sehr gut. Es ist keine einzelne Geschichte, sondern eine Schilderung, die mir in unterschiedlichen Varianten immer wieder begegnet. Sie klingt meistens ungefähr so.

Am Anfang steht Müdigkeit. Nichts Dramatisches, eher ein Gefühl, dass der Motor nicht mehr richtig hochdreht. Die Reaktion darauf ist naheliegend und wird oft von außen bestärkt: mehr Sport. Früher aufstehen, härter fahren, öfter ins Studio, das Wochenende füllen. Disziplin als Gegenmittel.

Eine Weile scheint das aufzugehen. Nach dem Training ist der Kopf klarer, der Stolz trägt. Dann kippt etwas. Die Leistung geht zurück, obwohl der Umfang gleich bleibt oder steigt. Der Schlaf wird flacher, ausgerechnet jetzt. Der Ruhepuls liegt morgens höher als früher. Kleine Infekte häufen sich. Die Stimmung wird dünnhäutig.

Ich habe nicht weniger trainiert, weil ich faul geworden bin. Ich habe irgendwann gemerkt, dass ich nach jeder Einheit weniger zurückbekomme, als ich hineingebe.

Was in diesen Schilderungen fast immer dazugehört: Der Gedanke, das Problem sei zu wenig Training. Also wird noch einmal nachgelegt. Und genau an dieser Stelle beschreiben viele einen deutlichen Abfall, der Wochen bis Monate anhält.

Ich beschreibe hier ausdrücklich nur einen zeitlichen und erlebten Zusammenhang, wie er mir häufig geschildert wird. Ich kann daraus keine Kausalität ableiten, und ich kann daraus auch keine Aussage über dich ableiten. Es ist eine Beobachtung aus Gesprächen, kein Befund und kein Studienergebnis.

Ich schreibe das auch ohne Vorwurf. Der Rat „mehr Bewegung" ist in den allermeisten Fällen fachlich richtig und gut begründet. Was in ihm fehlt, ist eine einzige Zusatzfrage: Kann dieser Körper gerade aus Belastung eine Anpassung machen?

Diese Frage ist keine Spitzfindigkeit. Sie ist der ganze Unterschied. Denn Training macht dich nicht während des Trainings stärker. Der Reiz erzeugt zunächst nur einen Schaden, eine Störung, einen Verbrauch. Stärker wirst du in den Stunden und Tagen danach, wenn der Körper mehr wiederherstellt, als vorher da war.

In der Sportwissenschaft heißt dieses Prinzip Superkompensation. Es hat eine unbequeme Konsequenz: Ohne ausreichende Erholung ist ein Trainingsreiz kein Aufbau. Er ist nur Abbau. Und wenn viele Abbauten aufeinander folgen, entsteht kein Plateau, sondern eine Abwärtsbewegung.

Reframe

Du bist nicht undiszipliniert, wenn dich Training müder statt fitter macht. Du bekommst eine Rückmeldung deines Körpers, die im Moment sehr präzise ist.

Die bessere Frage lautet nicht: „Wie schaffe ich mehr?" Sie lautet: „Was ist gerade meine Regenerationsfähigkeit, und wie viel Reiz verträgt sie?"

Und jetzt weißt du, warum die Antwort auf Erschöpfung nicht automatisch mehr Belastung sein kann.

Überreichen, Übertraining und der Punkt dazwischen

Die Sportmedizin hat für diesen Verlauf eine ziemlich klare Sprache. Sie beschreibt kein Entweder-oder, sondern ein Kontinuum. Das ist wichtig, denn die meisten Menschen befinden sich irgendwo in der Mitte und halten sich für gesund.

1

Akute Ermüdung

Normale Reaktion auf eine harte Einheit. Nach einer Nacht Schlaf oder einem ruhigen Tag ist das Meiste wieder da. Genau so soll es sein.

2

Funktionelles Überreichen

Die Leistung bricht für Tage ein, steigt nach ausreichender Erholung aber über das Ausgangsniveau. Das ist ein geplanter, gewollter Zustand im Training.

3

Nicht funktionelles Überreichen

Der Einbruch hält Wochen an. Die Erholung braucht deutlich länger als erwartet. Die Verbesserung danach bleibt aus.

4

Übertrainingssyndrom

Anhaltende Fehlanpassung über Monate, mit Leistungsverlust, Erschöpfung und Stimmungsveränderungen. Andere Ursachen müssen ausgeschlossen sein.

Was die Fachgesellschaften sagen

Konsens Der Europäische und der Amerikanische Sportmedizin-Verband haben 2013 ein gemeinsames Positionspapier zu Übertraining veröffentlicht. Sie beschreiben genau dieses Kontinuum und betonen einen Punkt, der oft untergeht.

Die Unterscheidung zwischen nicht funktionellem Überreichen und Übertrainingssyndrom sei in der Praxis sehr schwierig und gelinge vor allem über den Verlauf und den Ausschluss anderer Ursachen. Ein Schlüsselbegriff sei „verlängerte Fehlanpassung", und zwar nicht nur der Person, sondern mehrerer biologischer und hormoneller Regelkreise.

Für dich heißt das: Es gibt keinen Laborwert, der dir das sagt. Es gibt ein Muster über Zeit. Das Papier nennt außerdem ausdrücklich Auslöser, die nichts mit Sport zu tun haben: zu wenig Kalorien, zu wenig Kohlenhydrate oder Eiweiß, Eisenmangel, Magnesiummangel, Infektionen, Allergien.

Meeusen R et al., Med Sci Sports Exerc 2013. DOI: 10.1249/MSS.0b013e318279a10a

Dieser letzte Satz ist mir wichtig. Übertraining entsteht nicht nur durch zu viel Training. Es entsteht durch ein Missverhältnis zwischen Gesamtbelastung und Erholung. Und die Gesamtbelastung enthält deinen Job, deinen Schlaf, deine Sorgen, deine Nährstoffversorgung und stille Entzündungen.

Dein Körper führt keine getrennten Konten für Sport, Arbeit und Kummer. Er hat ein einziges Energiebudget. Das Training bucht davon ab, genau wie alles andere.

Was dabei mit der Stressachse passieren kann

Hier wird es aus meiner Sicht am spannendsten, weil es erklärt, warum eine normale Blutabnahme oft nichts zeigt. Die Steuerung läuft über die HPA-Achse, also über Hypothalamus, Hirnanhangsdrüse und Nebenniere. Stell dir eine Kette aus drei Stationen vor, die einander Signale zurufen.

Studie 1

Beobachtung Mensch Eine Arbeitsgruppe der Universität des Saarlandes begleitete 17 männliche Ausdauersportler über durchschnittlich 19 Monate und untersuchte sie fünfmal unter standardisierten Bedingungen, im Ruhezustand und unter einem erschöpfenden Belastungstest.

Im Zustand des Übertrainings war die Zeit bis zur Erschöpfung um durchschnittlich 27 Prozent kürzer. Die Ruhewerte für Testosteron, Cortisol, ACTH, Wachstumshormon und Insulin unterschieden sich dabei nicht von den normalen Trainingsphasen. Deutlich anders war nur die Antwort auf die Belastung: ACTH und Wachstumshormon stiegen signifikant schwächer an.

Für dich bedeutet das: Ein normaler Cortisolwert am Morgen sagt wenig darüber aus, ob dein System unter Last noch antworten kann. Die Autoren sprechen von einer Fehlregulation zwischen Hypothalamus und Hirnanhangsdrüse.

Urhausen A, Gabriel HH, Kindermann W, Med Sci Sports Exerc 1998. DOI: 10.1097/00005768-199803000-00011
Studie 2

Beobachtung Mensch Eine brasilianische Arbeitsgruppe untersuchte in der EROS-Studie 51 Personen: 14 Sportlerinnen und Sportler mit Übertrainingssyndrom, 25 gesunde aktive und 12 nicht aktive Vergleichspersonen. Getestet wurde mit belastungsunabhängigen Stimulationstests.

Im Insulintoleranztest stieg Cortisol bei den gesunden Sportlern im Mittel um 9,2 Mikrogramm pro Deziliter, bei der Übertrainingsgruppe nur um 6,3. Die ACTH-Antwort lag bei 45,1 gegenüber 9,7 Pikogramm pro Milliliter. Auch der Cortisolwert 30 Minuten nach dem Aufwachen war in der Übertrainingsgruppe deutlich niedriger.

Bemerkenswert daran ist die Richtung: Gesunde Sportler zeigten eine stärkere Hormonantwort als Untrainierte. Diese erworbene Antwortfähigkeit war bei Übertraining teilweise verloren gegangen. Training baut also auch Stressantwort auf, und Überlastung kann sie wieder abbauen.

Cadegiani FA, Kater CE, Sports Med Open 2017. DOI: 10.1186/s40798-017-0113-0

Eine Nachauswertung derselben Studiengruppe bei Menschen mit hochintensivem Funktionstraining fand ein ähnliches Bild: Bei den gesunden Trainierenden waren Hormonantwort, Schlafqualität, Grundumsatz und Fettverbrennung besser als bei Nichtsportlern. Unter Übertraining waren über 90 Prozent dieser Vorteile nicht mehr nachweisbar. Der häufigste Auslöser war dabei eine langfristig zu geringe Kohlenhydrat- und Kalorienzufuhr.

Nervensystem

Unter Dauerlast verschiebt sich das Gleichgewicht in Richtung Sympathikus. Der Bremsanteil über den Vagusnerv wird leiser. Das zeigt sich in schlechterem Einschlafen, flacherem Schlaf und einer veränderten Herzfrequenzregulation.

Hormonsystem

Nicht die Ruhewerte kippen zuerst, sondern die Antwortfähigkeit auf Reize. ACTH und Wachstumshormon steigen unter Belastung schwächer an. Der Körper spart an der Reaktion.

Immunsystem

Nach harter Belastung gibt es ein Zeitfenster erhöhter Infektanfälligkeit. Häufen sich diese Fenster ohne Erholung dazwischen, häufen sich in der Schilderung auch die Infekte. Gleichzeitig kann stille Entzündung selbst Erschöpfung verstärken.

Stoffwechsel

Zu wenig Energie und zu wenig Kohlenhydrate über längere Zeit sind eigenständige Auslöser. Ohne Baumaterial gibt es keine Anpassung, sondern nur Verbrauch. Auch Eisen- und Magnesiummangel gehören in diese Rechnung.

Und jetzt weißt du, warum ein unauffälliges Blutbild dein Erleben nicht widerlegt.

Belastungsintoleranz: die Kategorie, die alles verändert

Bis hierhin ging es um ein Zuviel bei grundsätzlich funktionierender Regeneration. Jetzt kommt eine Gruppe, bei der die Regeln anders sind. Und diese Unterscheidung ist aus meiner Sicht die wichtigste des ganzen Artikels.

Es gibt Menschen, bei denen sich Beschwerden nach körperlicher oder geistiger Anstrengung verzögert und deutlich verschlechtern. Nicht müde. Verschlechtert. Fachlich heißt das Post-Exertional Malaise, kurz PEM, oder auf Deutsch Belastungsintoleranz.

Normale Trainingsmüdigkeit

  • Beginnt während oder direkt nach der Belastung
  • Betrifft vor allem Muskeln und Kreislauf
  • Nach einer Nacht Schlaf deutlich besser
  • Steht in Verhältnis zur Belastung
  • Bewegung am Folgetag fühlt sich gut an

Belastungsintoleranz (PEM)

  • Beginnt oft erst nach Stunden oder am Folgetag
  • Betrifft auch Kopf, Schlaf, Kreislauf, Immunsystem
  • Hält Tage bis Wochen an
  • Kann durch kleinste Anlässe ausgelöst werden
  • Bewegung am Folgetag verschlechtert das Bild
Zur Einordnung In deutschsprachigen Übersichtsarbeiten wird Belastungsintoleranz beschrieben als eine Verschlechterung nach bereits milder Alltagsbelastung, die typischerweise erst nach Stunden oder am Folgetag beginnt, mindestens 14 Stunden nach der Anstrengung noch spürbar ist und oft mehrere Tage anhält. Diese zeitliche Verzögerung ist der praktisch wichtigste Unterschied zu normaler Erschöpfung.

Warum ist das so entscheidend? Weil bei dieser Gruppe die übliche Logik nicht greift. Bei normaler Dekonditionierung baut jede Belastung ein Stück Kapazität auf. Bei Belastungsintoleranz kann dieselbe Belastung Kapazität kosten.

Studie 3

Beobachtung Mensch Eine niederländische Arbeitsgruppe der Vrije Universiteit Amsterdam untersuchte Menschen mit Long COVID und Vergleichspersonen. Beide Gruppen absolvierten eine Belastung, und es wurden Muskelproben vor und nach der Belastung entnommen.

Bei den Betroffenen fanden sich nach der Belastung mehr Muskelschäden, eine Verschiebung zu weniger ausdauerfähigen Muskelfasern, Störungen im Energiestoffwechsel, eine Einwanderung von Immunzellen und Ablagerungen im Gewebe. Diese Befunde verschlechterten sich nach der Auslösung der Belastungsintoleranz.

Für dich bedeutet das: Was du nach Anstrengung erlebst, ist in dieser Gruppe nicht nur ein Gefühl. Es hat eine Entsprechung im Gewebe. Ob dieser Befund auf alle Formen chronischer Erschöpfung übertragbar ist, ist damit allerdings nicht gesagt.

Appelman B et al., Nat Commun 2024. DOI: 10.1038/s41467-023-44432-3

Eine Übersichtsarbeit derselben Gruppe ordnet die möglichen Mechanismen ein: eine gestörte Funktion der Mitochondrien, also der Kraftwerke der Zelle, Veränderungen an den kleinsten Blutgefäßen und eine Verschiebung des Muskelprofils in Richtung eines Stoffwechsels, der schneller in die Übersäuerung geht. Die Autoren schreiben aber ausdrücklich, dass der Auslösemechanismus für die verzögerte Verschlechterung noch nicht geklärt ist.

Studie 4

Beobachtung Mensch Ein zweiter Zugang zu diesem Phänomen ist der wiederholte Belastungstest an zwei aufeinanderfolgenden Tagen. Bei Gesunden sind die Werte am zweiten Tag gut reproduzierbar. Bei Menschen mit Belastungsintoleranz nicht.

In einer Untersuchung an 29 Betroffenen sanken am zweiten Tag sowohl die maximale Sauerstoffaufnahme als auch der Wert an der ventilatorischen Schwelle statistisch deutlich, ebenso die Gehstrecke im 6-Minuten-Test. In einer Fallbeschreibung eines eineiigen Zwillingspaares, bei dem nur ein Zwilling betroffen war, fiel die Schwelle beim betroffenen Zwilling am zweiten Tag um 13 Prozent, beim gesunden gar nicht.

Für dich heißt das: Es gibt inzwischen objektive Verfahren, die zeigen, dass hier etwas anderes passiert als Untrainiertheit. Diese Tests sind allerdings belastend und werden nicht routinemäßig eingesetzt, gerade weil sie eine Verschlechterung auslösen können.

Leem JH et al., Environ Anal Health Toxicol 2022. DOI: 10.5620/eaht.2022033

Wie häufig das ist, zeigen Erhebungen aus der Zeit nach der Pandemie. In einer Befragung von 213 Menschen mit Long COVID erfüllten 58,7 Prozent die Schwellenwerte für Belastungsintoleranz, die auch bei ME/CFS verwendet werden, und 71,4 Prozent hatten eine chronische Erschöpfung im klinisch relevanten Bereich. In einer Vergleichsbefragung von 80 Menschen mit Long COVID und 151 Menschen mit ME/CFS berichteten bis auf eine Person alle Long-COVID-Betroffenen von Belastungsintoleranz.

Reframe

Wenn dir nach dem Sport am nächsten Tag schlechter geht als vorher, ist das keine Schwäche und kein Trainingsrückstand, den du aufholen musst. Es ist eine Information, und zwar eine sehr wertvolle.

Die entscheidende Frage vor jedem Bewegungsplan lautet deshalb nicht: „Wie fit bin ich?" Sie lautet: „Wie geht es mir 24 Stunden nach Belastung?"

Und jetzt weißt du, warum diese eine Frage die gesamte Richtung einer Empfehlung verändern kann.

Die Debatte um Bewegungstherapie, so ehrlich ich kann

An dieser Stelle wird es in der Fachwelt laut, und ich möchte dir nicht ersparen, dass es diesen Streit gibt. Es geht um die Frage, ob eine schrittweise gesteigerte Bewegungstherapie bei ME/CFS sinnvoll oder schädlich ist.

Ich halte es für unredlich, hier nur eine Seite zu zitieren. Also beide.

Position A

Klinische Studie Eine Meta-Analyse fasste die Sicherheitsdaten aus zehn Studien zur gestuften Bewegungstherapie mit insgesamt 1.279 Teilnehmenden zusammen. Untersucht wurden Selbsteinschätzungen einer deutlichen Verschlechterung, Therapieabbrüche und Abbrüche der Nachbeobachtung.

Eine deutliche Verschlechterung gaben 4 Prozent nach Bewegungstherapie an, gegenüber 8 Prozent in den Kontrollgruppen. Therapieabbrüche lagen bei 12 gegenüber 10 Prozent. Nur bei den Abbrüchen der Nachbeobachtung war die Bewegungsgruppe häufiger betroffen, 11 gegenüber 7 Prozent. Die Autoren stufen die Sicherheit dieser Aussage selbst als niedrig ein, wegen der geringen Fallzahlen.

Für dich heißt das: In kontrollierten Studien ließ sich kein Übermaß an Schaden nachweisen. Das ist ein ernstzunehmendes Argument.

White PD, Etherington J, J Psychosom Res 2021. DOI: 10.1016/j.jpsychores.2021.110533
Position B

Beobachtung Mensch Die britische Leitlinienbehörde NICE hat 2021 in ihrer überarbeiteten Leitlinie von gestufter Bewegungstherapie abgeraten und die Rolle der Verhaltenstherapie auf Symptombewältigung begrenzt. Gestützt wurde das unter anderem auf Befragungen und qualitative Studien von Betroffenen.

Eine große Gruppe internationaler Fachleute hat diesem Schritt anschließend in einer Fachzeitschrift methodisch widersprochen und acht konkrete Kritikpunkte am Bewertungsverfahren benannt, unter anderem eine veränderte Falldefinition und die Gewichtung von Befragungen gegenüber Studiendaten.

Für dich heißt das: Zwei Gruppen von seriösen Fachleuten lesen dieselbe Datenlage unterschiedlich. Das ist unbefriedigend, aber es ist der ehrliche Stand.

White P et al., J Neurol Neurosurg Psychiatry 2023. DOI: 10.1136/jnnp-2022-330463

Dazu kommt eine dritte Ebene, die in Zahlen schlecht abbildbar ist. Eine Übersichtsarbeit zur Patientenperspektive beschreibt sieben Wege, auf denen Betroffene im medizinischen Kontakt Belastung erleben: verzögerte Diagnose, Fehldiagnosen, Schwierigkeiten beim Zugang zu Unterstützung, Unzufriedenheit mit der Versorgung, negative Erfahrungen mit umstrittenen Therapien, Infragestellung der eigenen Schilderung und daraus folgende seelische Belastung.

Meine Position, klar als Position gekennzeichnet

Ich halte die wissenschaftliche Frage für offen und werde sie hier nicht entscheiden. Was ich aus dieser Gemengelage praktisch ableite, ist etwas anderes: Der Streit dreht sich um Gruppenmittelwerte. Vor mir sitzt aber nie ein Gruppenmittelwert.

Deshalb frage ich zuerst nach der verzögerten Verschlechterung. Wenn sie da ist, gehe ich vorsichtig vor und lasse den Körper das Tempo bestimmen. Wenn sie nicht da ist, ist Bewegung fast immer ein Gewinn. Kolleginnen und Kollegen, die das anders gewichten, haben dafür gute Argumente.

Und jetzt weißt du, warum ich dir hier kein Rezept gebe, sondern ein Unterscheidungskriterium.

Woran du deine Belastbarkeit ablesen kannst

Wenn es keinen Laborwert gibt, der Belastbarkeit misst, brauchst du etwas anderes: einfache Beobachtungen, die du selbst über Zeit erheben kannst. Vier davon halte ich für besonders brauchbar.

Der Ruhepuls am Morgen

Der einfachste Wert überhaupt, und er kostet nichts. Entscheidend ist nicht der absolute Wert, sondern die Abweichung von deiner eigenen Norm. Ein Ruhepuls, der mehrere Tage in Folge deutlich über deinem Durchschnitt liegt, ohne dass es dafür einen Grund wie Fieber, Alkohol oder Hitze gibt, ist ein ernstzunehmendes Signal.

Die Herzratenvariabilität

Die HRV misst die feinen Abstände zwischen zwei Herzschlägen. Ein Herz, das gleichmäßig wie ein Metronom schlägt, ist nicht entspannt, sondern angespannt. Variabilität bedeutet, dass der Vagusnerv, also die Bremse deines Nervensystems, aktiv mitreguliert.

Studie 5

Klinische Studie Eine finnische Arbeitsgruppe teilte 26 gesunde, moderat trainierte Männer in drei Gruppen: festes Trainingsprogramm, HRV-gesteuertes Training und Kontrolle. Im HRV-Arm entschied die morgendliche Messung darüber, ob an diesem Tag hart oder locker trainiert wurde.

Nach vier Wochen stieg die maximale Sauerstoffaufnahme in der HRV-Gruppe von 56 auf 60 Milliliter pro Kilogramm und Minute. In der Gruppe mit festem Plan blieb sie statistisch unverändert. Auch die maximale Laufgeschwindigkeit verbesserte sich in der HRV-Gruppe stärker.

Für dich heißt das: Nicht die Menge der harten Einheiten entscheidet, sondern ihr Zeitpunkt. Ein harter Reiz auf einen erholten Körper kann aufbauen. Derselbe Reiz auf einen unerholten Körper kann das Gegenteil bewirken.

Kiviniemi AM et al., Eur J Appl Physiol 2007. DOI: 10.1007/s00421-007-0552-2
Studie 6

Klinische Studie Eine zweite finnische Arbeitsgruppe untersuchte 40 Freizeitläuferinnen und Freizeitläufer über acht Wochen intensiven Trainings, ebenfalls randomisiert.

Die HRV-gesteuerte Gruppe absolvierte deutlich weniger harte Einheiten, 13,2 gegenüber 17,7. Trotzdem verbesserte sich nur in dieser Gruppe die 3000-Meter-Zeit statistisch signifikant, um 2,1 Prozent. Die maximale Sauerstoffaufnahme stieg in beiden Gruppen.

Für dich heißt das: Weniger harte Einheiten führten zu einem besseren Ergebnis, wenn sie an den richtigen Tagen lagen. Das ist die praktische Kernaussage.

Vesterinen V et al., Med Sci Sports Exerc 2016. DOI: 10.1249/MSS.0000000000000910
Ehrlich bleiben: die Grenzen der HRV

Ich möchte hier nicht mehr behaupten, als belegt ist. Zwei Meta-Analysen relativieren das Bild deutlich. Über acht Studien mit 198 Teilnehmenden zeigte HRV-gesteuertes Training zwar einen mittleren Effekt auf Werte im submaximalen Bereich, aber nur einen kleinen, statistisch nicht gesicherten Effekt auf Leistung und maximale Sauerstoffaufnahme.

Der stabilste Befund ist ein anderer: Es gab weniger Menschen, die auf das Training gar nicht ansprachen. Für unser Thema ist das sogar der interessantere Punkt. Es geht hier nicht um Bestzeiten, sondern darum, niemanden zu verlieren.

Und noch eine Einschränkung: Eine Meta-Analyse über 24 Studien zeigte, dass sich manche Kennzahlen der Herzfrequenzregulation sowohl bei guter Anpassung als auch bei Überlastung erhöhen. Ein einzelner Wert kann also in beide Richtungen gedeutet werden. Deshalb gilt immer: Zahl plus Befinden.

Das Belastungsempfinden

Die vielleicht unterschätzteste Größe. Gemeint ist die subjektive Anstrengung bei gleicher äußerer Leistung, klassisch auf einer Skala von 0 bis 10. Wenn dieselbe Runde plötzlich als deutlich anstrengender empfunden wird, ist das ein Frühwarnzeichen, oft bevor die Zahlen kippen.

Interessant ist, dass eine Studie an 36 Läufern das direkt geprüft hat. Eine Steuerung des Trainings über einen Fragebogen zum subjektiven Stressempfinden führte dort zu größeren Verbesserungen über 5 Kilometer als die HRV-Steuerung oder ein fester Plan. Das ist eine einzelne Studie und kein Beweis. Aber es passt zu einer Erfahrung, die viele machen: Der Körper meldet sich, bevor das Gerät es anzeigt.

Die Erholung am Folgetag

Für mich der wichtigste einzelne Punkt bei chronischer Erschöpfung. Nicht wie du dich während der Belastung fühlst, sondern wie du dich 24 und 48 Stunden danach fühlst.

27 % kürzere Zeit bis zur Erschöpfung im Übertraining, bei unauffälligen Ruhewerten
13,2 harte Einheiten statt 17,7, und trotzdem das bessere Ergebnis
14 h Mindestdauer, ab der eine Verschlechterung als Belastungsintoleranz beschrieben wird

Beobachtungsliste für zwei Wochen

  • Ruhepuls direkt nach dem Aufwachen, vor dem Aufstehen, jeden Tag zur gleichen Zeit
  • Wenn du ein Gerät hast: HRV am Morgen, immer in derselben Position gemessen
  • Belastungsempfinden nach jeder Einheit auf einer Skala von 0 bis 10
  • Schlafqualität in einem Wort, nicht in Stunden
  • Befinden am Folgetag, in einer einzigen Zahl von 0 bis 10
  • Ein Freitextfeld für alles, was sonst auffällt: Infekte, Stimmung, Appetit, Zyklus

Nach zwei Wochen hast du etwas, das kein Labor liefert: dein eigenes Muster. Und Muster sind bei diesem Thema aussagekräftiger als Einzelwerte.

Und jetzt weißt du, warum die Frage nach dem Folgetag mehr wert ist als jede Wattzahl.

Pacing: Energie verwalten statt Energie verbrennen

Pacing ist ein Begriff, der oft missverstanden wird. Er klingt nach Aufgeben. Er bedeutet etwas anderes: Aktivität so einzuteilen, dass du innerhalb deiner Grenzen bleibst und deshalb dauerhaft mehr schaffst als mit dem Wechsel aus Überziehen und Zusammenbruch.

Pacing ist nicht die Entscheidung, weniger zu leben. Es ist die Entscheidung, nicht mehr auf Kredit zu leben.

Shukri Jarmoukli

Das Konsensdokument einer internationalen Autorengruppe beschreibt Pacing als Anpassung von Aktivität an die individuelle Kapazität, mit dem ausdrücklichen Ziel, Belastungsintoleranz zu vermeiden, und mit der Möglichkeit, den Zustand dadurch zu stabilisieren. Wichtig ist der Zusatz, den ich oft zitiere: Es geht nicht um Vermeidung, sondern um Verteilung.

Studie 7

Beobachtung Mensch Ein britisches Rehabilitationsteam begleitete 31 Menschen mit Post-COVID-Syndrom über sechs Wochen mit einem strukturierten Pacing-Protokoll und wöchentlichen Telefonkontakten. Die Betroffenen litten im Schnitt bereits seit 17 Monaten an Beschwerden.

Die Zahl der Zusammenbrüche nach Belastung sank von durchschnittlich 3,4 in Woche 1 auf 1,1 in Woche 6, also um etwa 16 Prozent pro Woche. Die selbst eingeschätzte Gesundheit stieg von 51,4 auf 60,6 Punkte. Auch die körperliche Aktivität nahm moderat zu, nicht ab.

Für dich heißt das: Weniger Zusammenbrüche gingen hier mit mehr Aktivität einher, nicht mit weniger. Zur Einordnung: Es gab keine Kontrollgruppe, und 31 Menschen sind eine kleine Zahl. Das ist ein Hinweis, kein Beweis.

Parker M et al., J Med Virol 2023. DOI: 10.1002/jmv.28373
Wo die Evidenz dünn ist

Ich will das nicht schönreden. Ein systematischer Überblick über 17 Arbeiten zu Pacing bei ME/CFS fand sehr unterschiedliche Studiendesigns und eine insgesamt schwache methodische Qualität. Elf Studien berichteten einen Nutzen, vier keinen Effekt und zwei einen ungünstigen Verlauf gegenüber der Kontrolle.

Eine anschließende Meta-Analyse fand für körperliche Funktion und Schmerz nur sehr kleine Effekte. Für Erschöpfung war der Effekt groß, verfehlte aber die statistische Signifikanz. Die Autoren formulieren vorsichtig, dass Pacing wahrscheinlich einen gewissen Nutzen hat, und fordern bessere Studien.

Mein ehrlicher Stand: Pacing ist derzeit die am breitesten empfohlene Strategie, aber sie ist schwächer belegt, als ihre Verbreitung vermuten lässt. Ich nutze sie, weil das Schadensrisiko gering ist und die klinische Erfahrung dafür spricht. Das ist eine Abwägung, keine Gewissheit.

Wie Belastbarkeit langsam wieder aufgebaut werden kann

Wenn keine Belastungsintoleranz vorliegt, sondern eine erschöpfte, aber grundsätzlich reagible Regeneration, dann geht es um Wiederaufbau. Und hier ist die gute Nachricht: Der größte Teil der Wirkung entsteht nicht in der Härte.

Studie 8

Klinische Studie Eine Netzwerk-Meta-Analyse individueller Daten von 348 Ausdauersportlerinnen und Ausdauersportlern aus 13 Studien verglich verschiedene Verteilungen der Trainingsintensität, darunter das polarisierte und das pyramidale Modell.

Zwischen den Modellen fanden sich keine durchgehenden Unterschiede bei maximaler Sauerstoffaufnahme oder Wettkampfleistung. Ein Unterschied zeigte sich erst nach Leistungsniveau: Wettkampfsportler profitierten eher vom polarisierten, Freizeitsportler eher vom pyramidalen Modell. Eine zweite Meta-Analyse über 17 Studien fand einen kleinen Vorteil für das polarisierte Modell, aber nur bei kurzen Interventionen und hochtrainierten Athleten.

Für dich heißt das: Alle erfolgreichen Modelle haben eines gemeinsam. Der weitaus größte Teil des Umfangs liegt im niedrigen Intensitätsbereich, in dem ein Gespräch noch möglich ist. Der Streit dreht sich nur um die Verteilung der restlichen Prozente.

Rosenblat MA et al., Sports Med 2025. DOI: 10.1007/s40279-024-02149-3

Das ist für erschöpfte Menschen eine entlastende Information. Der Bereich, in dem die meisten Anpassungen der Mitochondrien und der kleinsten Blutgefäße stattfinden, ist genau der Bereich, der die Stressachse am wenigsten belastet. Ruhig, gleichmäßig, unterhalb der Schwelle, an der die Atmung schwer wird.

Studie 9

Klinische Studie Eine spanische Arbeitsgruppe untersuchte in der RECOVE-Studie 80 nicht hospitalisierte Erwachsene mit Post-COVID-Beschwerden. Verglichen wurden über acht Wochen ein betreutes Programm aus Kraft und moderater Ausdauer, ein Atemmuskeltraining, eine Kombination beider und die WHO-Selbstmanagement-Empfehlungen.

In den Gruppen mit betreutem Kombinationstraining verbesserte sich die Beinkraft um 14,5 bis 32,6 Prozent, gegenüber bis zu 11,3 Prozent in den anderen Gruppen. Auch Atemnot, Erschöpfung, Gesundheitszustand und Stimmung verbesserten sich stärker. Die Intervention wurde als sicher beschrieben.

Für dich heißt das: Betreut und individuell abgestuft kann Bewegung auch nach einer Infektion ein Gewinn sein. Wichtig zur Einordnung: Es ging um ambulante Betroffene nach mildem Verlauf, nicht um schwer betroffene Menschen mit ausgeprägter Belastungsintoleranz.

Jimeno-Almazán A et al., J Appl Physiol 2023. DOI: 10.1152/japplphysiol.00489.2022
1

Erst stabilisieren, dann steigern

Bevor irgendetwas gesteigert wird, sollte ein Niveau gefunden sein, das über zwei bis drei Wochen keine Verschlechterung am Folgetag auslöst. Diese Basis ist der wichtigste Schritt und wird am häufigsten übersprungen.

2

Die Grundlagen zuerst

Schlaf, Ernährung mit ausreichend Energie und Eiweiß, Eisen- und Vitamin-D-Status, Schilddrüse, Stressbelastung. Ein Körper ohne Baumaterial und ohne Schlaf kann aus keinem Trainingsreiz eine Anpassung machen. Welche Untersuchungen bei dir sinnvoll sind, gehört in ein ärztliches Gespräch.

3

Niedrige Intensität als Hauptarbeit

Gehen, ruhiges Radfahren, lockeres Schwimmen. Die Faustregel ist alt und immer noch gut: Du solltest dich dabei unterhalten können. Diese Zone kostet die Stressachse am wenigsten und liefert trotzdem Anpassung.

4

Kraft in kurzen Reizen

Wenige Wiederholungen, lange Pausen, kein Ausbelasten. Kraftreize verteilen die Kreislaufbelastung anders als Dauerbelastung und können Muskelmasse erhalten, ohne das System zu überziehen.

5

Steigern in sehr kleinen Schritten

Und zwar erst dann, wenn die aktuelle Stufe über mehrere Wochen stabil vertragen wird. Nicht nach Kalender, sondern nach Rückmeldung des Körpers. Bei einem Rückschlag geht es nicht auf null, sondern eine Stufe zurück.

Reframe

Langsam ist hier nicht das Gegenteil von wirksam. Langsam ist die Bedingung dafür, dass überhaupt etwas wirksam werden kann.

Wer sechs Monate lang jede Woche ein bisschen mehr verträgt, ist nach einem Jahr weiter als jemand, der alle drei Wochen einen Zusammenbruch produziert und wieder bei null anfängt.

Und jetzt weißt du, warum Geduld hier keine Charakterfrage ist, sondern eine physiologische.

Warum das größer ist als eine Trainingsfrage

Ich möchte an dieser Stelle kurz herauszoomen, weil es mir wichtig ist. Bei diesem Thema geht es nicht um Bestzeiten und nicht um Kalorien. Es geht um die Fähigkeit, dein Leben zu gestalten.

Energie ist kein Luxus. Energie ist die Voraussetzung dafür, dass du arbeiten, lieben, spielen, streiten und träumen kannst. Wer chronisch erschöpft ist, verliert nicht ein Symptom. Er verliert Handlungsspielraum.

Belastbarkeit ist nicht die Fähigkeit, viel auszuhalten. Belastbarkeit ist die Fähigkeit, sich zu erholen. Und genau die kann sich oft wieder aufbauen, wenn du aufhörst, sie zu überziehen.

Gleichzeitig möchte ich nicht das Gegenteil des alten Fehlers machen. Bewegung kann für die allermeisten Menschen ein großer Gewinn sein, und die Datenlage dazu ist außergewöhnlich gut.

Studie 10

Klinische Studie Eine Meta-Analyse aus Cambridge wertete 15 prospektive Kohortenstudien mit 191.130 Erwachsenen und über zwei Millionen Personenjahren aus. Untersucht wurde der Zusammenhang zwischen körperlicher Aktivität und dem Neuauftreten einer Depression.

Der Zusammenhang war umgekehrt und gekrümmt, mit dem steilsten Gewinn im unteren Bereich: Wer die Hälfte der empfohlenen Bewegungsmenge erreichte, hatte ein um 18 Prozent niedrigeres Risiko, wer die volle Empfehlung erreichte, ein um 25 Prozent niedrigeres. Oberhalb davon flachte der Zusatznutzen ab.

Für dich heißt das: Der größte Gewinn liegt am Anfang, nicht am Ende der Skala. Von null auf ein bisschen bringt mehr als von viel auf sehr viel. Das ist genau die Botschaft, die zu einem erschöpften System passt.

Pearce M et al., JAMA Psychiatry 2022. DOI: 10.1001/jamapsychiatry.2022.0609

Drei Hebel für die nächsten zwei Wochen

Konkret, klein, sofort umsetzbar

  • Hebel 1: Miss deinen Folgetag. Notiere zwei Wochen lang jeden Abend eine Zahl von 0 bis 10 für dein Befinden, und daneben, was du an diesem Tag getan hast. Danach siehst du dein Muster. Es ist der wichtigste Befund, den du selbst erheben kannst.
  • Hebel 2: Halbiere eine Einheit. Nimm die Bewegungsform, die dir am meisten Freude macht, und mache sie zwei Wochen lang in halber Dosis und halber Intensität. Nicht weglassen. Halbieren. Und beobachte, was mit deiner Energie zwischen den Einheiten passiert.
  • Hebel 3: Schütze eine Nacht pro Woche. Eine Nacht, in der du bewusst früher ins Bett gehst, ohne Bildschirm, ohne Alkohol. Schlaf ist der Ort, an dem Regeneration stattfindet. Ohne ihn ist jede Trainingsdiskussion theoretisch.
Wenn du Belastungsintoleranz an dir bemerkst Dann gilt Hebel 2 in einer anderen Version: nicht halbieren, sondern zunächst gar nicht steigern und ein Niveau suchen, das auch am Folgetag keine Verschlechterung auslöst. Und bitte nicht allein. Diese Situation gehört in eine ärztliche Begleitung, die die verzögerte Verschlechterung ernst nimmt und danach fragt.

Und jetzt weißt du, warum der wichtigste Trainingsplan bei chronischer Erschöpfung mit einem Notizbuch anfängt und nicht mit einer Uhr.

Wann eine ärztliche Abklärung sinnvoll ist

Erschöpfung ist ein unspezifisches Symptom. Genau deshalb verdient sie eine breite Abklärung und keine schnelle Zuordnung. Bevor über Training gesprochen wird, sollte das Bild einigermaßen klar sein.

Gründe für eine Abklärung

  • Erschöpfung, die länger als einige Wochen anhält
  • Beginn nach einer Infektion
  • Verzögerte Verschlechterung nach Anstrengung
  • Herzrasen oder Schwindel beim Aufstehen
  • Nicht erholsamer Schlaf trotz ausreichender Dauer
  • Gewichtsverlust, Fieber, Nachtschweiß, Luftnot

Was häufig dahinterstecken kann

  • Eisenmangel, auch ohne Blutarmut
  • Schilddrüsenfunktion und Autoimmunbeteiligung
  • Vitamin-D-Mangel und andere Nährstofflücken
  • Schlafapnoe und nicht erholsamer Schlaf
  • Stille Entzündung oder anhaltende Infektion
  • Depressive Episoden, die eigene Behandlung brauchen

Die deutschsprachigen Fachgesellschaften haben 2024 ein gemeinsames Konsenspapier zu ME/CFS veröffentlicht, das ich in diesem Punkt für sehr hilfreich halte. Es empfiehlt, gezielt nach der verzögerten Verschlechterung nach Belastung zu fragen und sie als Leitsymptom zu behandeln, bevor ein Bewegungsprogramm geplant wird.

Das ist keine große Diagnostik. Das ist eine Frage. Und sie ändert die gesamte Richtung der Empfehlung.

Letzter Reframe

Wenn dir jemand rät, dich einfach mehr zu bewegen, ist das in den meisten Fällen ein guter Rat. Er wird erst dann zum Problem, wenn er ohne diese eine Rückfrage kommt.

Du darfst diese Rückfrage stellen. Sie lautet: „Wie geht es mir am Tag danach?" Alles Weitere baut darauf auf.

Häufige Fragen zu Sport bei Erschöpfung

Ist Sport bei chronischer Erschöpfung sinnvoll oder schädlich?

Beides ist möglich, und genau das macht die Frage so heikel. Für die große Mehrheit der Menschen ist Bewegung eine der am besten belegten Maßnahmen überhaupt. Eine Meta-Analyse über 15 Kohorten mit mehr als 191.000 Menschen fand bereits bei der Hälfte der empfohlenen Bewegungsmenge ein um 18 Prozent niedrigeres Risiko für eine Depression.

Es gibt aber eine Gruppe, bei der das anders liegt: Menschen mit echter Belastungsintoleranz, bei denen sich Beschwerden Stunden bis Tage nach einer Anstrengung deutlich verschlechtern. Für diese Gruppe kann eine schematische Steigerung der Belastung nach heutigem Kenntnisstand ungünstig sein.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht ob, sondern welche Art von Bewegung und in welcher Dosis. Diese Unterscheidung gehört in ein ärztliches Gespräch.

Was ist Post-Exertional Malaise und wie unterscheidet sie sich von normaler Erschöpfung nach dem Sport?

Normale Trainingsmüdigkeit kommt unmittelbar, fühlt sich nach Muskelarbeit an und ist nach einer Nacht Schlaf meist deutlich besser. Post-Exertional Malaise, kurz PEM, verhält sich anders.

Sie beginnt oft erst Stunden später oder am Folgetag, betrifft nicht nur die Muskeln, sondern auch Konzentration, Schlaf, Kreislauf und Immunsystem, und kann Tage bis Wochen anhalten. In der Fachliteratur wird eine Verschlechterung beschrieben, die mindestens 14 Stunden nach der Belastung noch spürbar ist. Auslöser können erstaunlich kleine Dinge sein: ein Einkauf, ein langes Gespräch, geistige Arbeit.

Diese Verzögerung ist der wichtigste Unterschied und der Grund, warum Betroffene den Zusammenhang oft lange nicht erkennen. Wer am Montag Sport macht und am Mittwoch zusammenbricht, verbindet beides nicht automatisch.

Was passiert im Körper bei Übertraining?

Das gemeinsame Konsenspapier des Europäischen und des Amerikanischen Sportmedizin-Verbands beschreibt ein Kontinuum: funktionelles Überreichen, bei dem die Leistung kurz einbricht und nach Erholung besser wird, nicht funktionelles Überreichen und schließlich das Übertrainingssyndrom mit anhaltender Fehlanpassung.

Auffällig ist vor allem die Steuerung von oben. In einer Längsschnittuntersuchung an 17 Ausdauersportlern war unter Übertraining die Zeit bis zur Erschöpfung um durchschnittlich 27 Prozent kürzer, und die Hormonantwort von Hirnanhangsdrüse und Nebenniere auf die Belastung fiel deutlich schwächer aus.

Die Ruhewerte waren dabei weitgehend unauffällig. Der Körper spart also an der Antwort, nicht am Grundzustand. Das erklärt, warum eine normale Blutabnahme hier oft nichts zeigt.

Warum sind meine Cortisolwerte normal, obwohl ich völlig ausgelaugt bin?

Weil ein einzelner Ruhewert die Stressachse nur schlecht abbildet. In einer brasilianischen Untersuchung an 51 Personen zeigte sich der Unterschied erst unter Provokation: Bei gesunden Sportlern stieg Cortisol im Stimulationstest um durchschnittlich 9,2 Mikrogramm pro Deziliter, bei Sportlern mit Übertrainingssyndrom nur um 6,3. Auch die ACTH-Antwort war deutlich schwächer.

Eine systematische Übersicht über 38 Studien kam zum selben Bild: Basalwerte sind kein guter Vorhersagewert, abgeflachte Antworten auf Stimulation dagegen schon.

Vereinfacht gesagt ist nicht der Füllstand des Tanks das Problem, sondern die Gaspedalantwort. Solche Stimulationstests sind allerdings aufwendig und gehören nicht in die Routinediagnostik.

Welche Rolle spielt die Herzratenvariabilität beim Training?

Die Herzratenvariabilität, kurz HRV, beschreibt die feinen Schwankungen zwischen zwei Herzschlägen und gilt als grobes Maß für den Zustand des vegetativen Nervensystems. In einer randomisierten Studie an 26 Männern verbesserte sich die maximale Sauerstoffaufnahme in der HRV-gesteuerten Gruppe von 56 auf 60 Milliliter pro Kilogramm und Minute, während sie in der Gruppe mit festem Plan statistisch unverändert blieb.

Eine zweite randomisierte Studie an 40 Läuferinnen und Läufern fand: Die HRV-Gruppe absolvierte deutlich weniger harte Einheiten, 13,2 statt 17,7, und verbesserte trotzdem ihre 3000-Meter-Zeit.

Meta-Analysen relativieren das allerdings. Über alle Studien hinweg ist der Vorteil auf die reine Leistung klein und nicht sicher belegt. Deutlicher ist der Befund, dass es weniger Menschen gibt, die gar nicht ansprechen. Für erschöpfte Systeme ist genau das die interessantere Zahl.

Woran erkenne ich, dass ich zu hart trainiere?

Ein einzelner Wert reicht nie. Sinnvoll ist ein Muster aus mehreren Beobachtungen über mehrere Tage: ein Ruhepuls, der morgens ohne erkennbaren Grund über deiner persönlichen Norm liegt, eine HRV, die mehrere Tage in Folge unter deinem üblichen Bereich bleibt, ein Belastungsempfinden, das bei gleicher Leistung höher ausfällt als sonst, Schlaf, der trotz Müdigkeit schlechter wird, und eine Erholung am Folgetag, die ausbleibt.

Dazu kommen oft weiche Zeichen: gereizte Stimmung, Infektanfälligkeit, Lust auf Süßes, nachlassende Freude am Training.

Eine Meta-Analyse über 24 Studien zeigt allerdings auch die Grenze dieser Messwerte: Manche Veränderungen der Herzfrequenzregulation treten sowohl bei guter Anpassung als auch bei Überlastung auf. Deshalb zählt immer die Kombination aus Zahl und Befinden, nie die Zahl allein.

Was bedeutet Pacing und wie unterscheidet es sich von Schonung?

Pacing bedeutet, Aktivität so einzuteilen, dass die persönliche Belastungsgrenze möglichst nicht überschritten wird. Es ist ausdrücklich kein Dauerliegen und kein Rückzug aus dem Leben. Es ist Energieverwaltung: Belastung in kleine Portionen aufteilen, Pausen einplanen bevor die Erschöpfung kommt, körperliche, geistige und emotionale Anstrengung zusammen betrachten.

In einer prospektiven Untersuchung an 31 Menschen mit Post-COVID-Syndrom sank die Zahl der Zusammenbrüche über sechs Wochen von durchschnittlich 3,4 auf 1,1 pro Woche, und die selbst eingeschätzte Gesundheit stieg von 51,4 auf 60,6 Punkte. Bemerkenswert ist, dass die Aktivität dabei zunahm und nicht abnahm.

Das ist eine kleine, unkontrollierte Studie und damit kein Beweis. Ein systematischer Überblick über 17 Arbeiten zeigt ein gemischtes Bild: elf Studien berichteten Nutzen, vier keinen Effekt, zwei einen ungünstigen Verlauf. Die Datenlage ist dünner, als viele Ratgeber suggerieren.

Warum ist die Debatte um Bewegungstherapie bei ME/CFS so umstritten?

Weil beide Seiten ernstzunehmende Argumente haben und ich das offen sagen möchte. Eine Meta-Analyse über zehn Studien mit 1.279 Teilnehmenden fand keinen Hinweis auf einen Schaden durch gestufte Bewegungstherapie: 4 Prozent berichteten danach eine deutliche Verschlechterung gegenüber 8 Prozent in den Kontrollgruppen.

Auf der anderen Seite hat die britische Leitlinienbehörde NICE 2021 von dieser Therapieform abgeraten, unter anderem gestützt auf Befragungen von Betroffenen. Eine große Gruppe von Fachleuten hat diesem Schritt anschließend methodisch widersprochen. Eine Übersichtsarbeit zur Patientenperspektive beschreibt wiederum eine lange Geschichte von Nichtgehörtwerden im medizinischen Kontakt.

Mein Umgang damit: Ich halte die Frage für offen und behandle die einzelne Person, nicht die Debatte. Kolleginnen und Kollegen, die hier anders gewichten, handeln nach bestem Wissen.

Was passiert im Muskel bei Belastungsintoleranz nach einer Infektion?

Hier gibt es einen der interessantesten Befunde der letzten Jahre. In einer niederländischen Fall-Kontroll-Studie wurden bei Menschen mit Long COVID vor und nach einer Belastung Muskelproben entnommen.

Nach der Belastung fanden sich mehr Muskelschäden, eine Verschiebung der Muskelfasern hin zu einem weniger ausdauerfähigen Typ, Störungen im Energiestoffwechsel und Ablagerungen im Gewebe. Die Veränderungen verschlechterten sich nach der Auslösung von Post-Exertional Malaise. Das ist keine Frage von Willen oder Motivation, das ist ein messbarer Gewebebefund.

Eine Übersichtsarbeit derselben Gruppe ordnet als mögliche Mechanismen eine gestörte Funktion der Kraftwerke der Zelle, Veränderungen an den kleinsten Blutgefäßen und Einwanderung von Immunzellen ein. Vieles davon ist noch nicht abschließend geklärt, und die Übertragbarkeit auf andere Formen chronischer Erschöpfung ist offen.

Kann Krafttraining bei Erschöpfung besser sein als Ausdauertraining?

Das kann sein, weil kurze Kraftreize mit langen Pausen die Kreislaufbelastung anders verteilen als eine Dauerbelastung.

In einer randomisierten Studie an 80 Menschen mit Post-COVID-Beschwerden verbesserte ein achtwöchiges betreutes Programm aus Kraft und moderater Ausdauer die Beinkraft um 14,5 bis 32,6 Prozent, dazu Atemnot, Erschöpfung und Lebensqualität, und zwar deutlicher als die reinen Selbstmanagement-Empfehlungen.

Wichtig zur Einordnung: Es handelte sich um ambulante Patientinnen und Patienten nach mildem Verlauf, nicht um schwer betroffene Menschen mit ausgeprägter Belastungsintoleranz. Was für die eine Gruppe passt, passt deshalb nicht automatisch für die andere.

Was bedeutet Zone-2-Training und warum ist es bei Erschöpfung interessant?

Zone 2 meint eine niedrige, gleichmäßige Intensität, bei der ein Gespräch noch gut möglich ist. In dieser Zone arbeitet der Stoffwechsel überwiegend aerob, die Belastung für die Stressachse bleibt gering, und trotzdem entstehen Anpassungen in den Kraftwerken der Zelle und den kleinsten Blutgefäßen.

Interessant ist, dass auch gut trainierte Ausdauersportlerinnen und Ausdauersportler den größten Teil ihres Umfangs in diesem Bereich absolvieren. Eine Netzwerk-Meta-Analyse individueller Daten von 348 Athletinnen und Athleten aus 13 Studien fand zwischen den gängigen Verteilungsmodellen keine durchgehenden Unterschiede, sondern eine Abhängigkeit vom Leistungsniveau.

Für Menschen mit erschöpftem System ist die Botschaft dahinter praktisch: Der überwiegende Teil der Wirkung entsteht nicht in der Härte, sondern in der Wiederholung über Zeit.

Wann sollte ich meine Erschöpfung ärztlich abklären lassen, bevor ich mit Sport anfange?

Aus meiner Sicht immer dann, wenn die Erschöpfung länger als einige Wochen anhält, wenn sie nach einer Infektion neu aufgetreten ist, wenn sie sich nach Anstrengung verzögert verschlechtert, wenn Herzrasen oder Schwindel beim Aufstehen dazukommen, wenn du trotz ausreichend Schlaf nicht erholt aufwachst, oder wenn Gewicht, Fieber, Nachtschweiß oder Luftnot mit im Spiel sind.

Sinnvoll ist eine breite Abklärung, die Schilddrüse, Eisenstatus, Blutbild, Entzündungswerte, Blutzucker, Vitamin D und Herz-Kreislauf-Funktion einschließt. Welche Untersuchungen im Einzelfall angezeigt sind, entscheidet sich im Gespräch und nicht über eine Liste.

Die deutschsprachigen Fachgesellschaften empfehlen außerdem, gezielt nach verzögerter Verschlechterung nach Belastung zu fragen, bevor ein Bewegungsprogramm beginnt. Diese eine Frage ändert die gesamte Richtung der Empfehlung.

Wo dieses Thema andere Bereiche berührt

Belastbarkeit entsteht nicht im Muskel allein. Wenn du dich in diesem Artikel wiedererkannt hast, lohnt sich fast immer ein Blick auf die benachbarten Systeme.

SJ

Shukri Jarmoukli

Arzt, Integrative Medizin · ViveCura Berlin

Ich arbeite in meiner Privatpraxis in Berlin an der Schnittstelle von klassischer Medizin, Klinischer Psychoneuroimmunologie und Lebensstilmedizin. Meine Schwerpunkte sind Erschöpfung und Hormonthemen, Eisen- und Nährstoffversorgung, Darmgesundheit und Belastungen aus der Umwelt.

Was ich hier schreibe, ist eine Sicht von mehreren möglichen. Ich versuche konsequent zu trennen, was durch Studien gut belegt ist, was mechanistisch plausibel ist und was ich klinisch beobachte, ohne dass es dafür eine starke Studienbasis gibt. Dieser Text ersetzt keine ärztliche Beratung und keine individuelle Diagnostik.

ViveCura, Skalitzer Straße 137, Berlin

Quellen

Alle Angaben wurden über PubMed geprüft und mit DOI verlinkt. Der Studientyp steht in eckigen Klammern, damit du die Aussagekraft selbst einordnen kannst.

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Zur Einordnung: Die Aussagen zur Stressachse unter Übertraining stützen sich auf kleine Beobachtungs- und Fall-Kontroll-Studien, nicht auf große randomisierte Untersuchungen. Die Datenlage zu Pacing ist nach Angaben der Autorinnen und Autoren selbst methodisch schwach und heterogen. Die Frage, ob und für wen eine gestufte Bewegungstherapie bei ME/CFS sinnvoll ist, wird in der Fachwelt aktuell unterschiedlich beantwortet, und ich habe beide Positionen im Text mit Quellen dargestellt. Die Muskelbefunde bei Long COVID sind gut dokumentiert, ihre Übertragbarkeit auf andere Formen chronischer Erschöpfung ist aber offen. Dieser Artikel bildet eine Perspektive ab und ersetzt weder eine ärztliche Untersuchung noch eine individuelle Beratung.

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