Ratgeber Schilddrüse · Wenn das Labor beruhigt und der Körper nicht

Schilddrüsenwerte normal, trotzdem erschöpft

Warum „im Normbereich" eine statistische Aussage ist und keine Aussage über dich. Über Referenzbereich, individuellen Set-Point, fT3, fT4, reverse T3 und Antikörper.

TSH allein reicht selten Funktionelle Sicht 18 Quellen mit DOI Integrative Medizin
SJ Shukri Jarmoukli · Arzt, Integrative Medizin · ViveCura Berlin
Mein Ausgangspunkt

„Ihre Werte sind in Ordnung" ist ein Satz über eine Tabelle. Es ist kein Satz über dich. Ein Referenzbereich beschreibt, was in einer großen Gruppe häufig vorkommt. Er beschreibt nicht, wo dein eigener Stoffwechsel gut läuft.

Ich möchte dir gleich am Anfang etwas sagen, das viele nie hören: Wenn dein Labor unauffällig ist und du dich trotzdem erschöpft fühlst, bist du kein schwieriger Fall. Du bist ein normaler Fall. Denn zwischen „statistisch unauffällig" und „für diesen Menschen optimal" liegt ein Raum, den ein einzelner Zahlenwert nicht abbilden kann.

Dieser Artikel erklärt, warum das so ist. Er erklärt, was der TSH gut kann und was er nicht kann. Und er benennt genauso klar, wo die Wissenschaft heute endet und wo meine klinische Erfahrung anfängt. Beides zu trennen ist mir wichtiger, als eine glatte Antwort zu geben.

Was dich in diesem Artikel erwartet

  • Wie ein Referenzbereich entsteht und was er nicht ist
  • Der individuelle Set-Point und warum er weitgehend angeboren ist
  • Was der TSH misst und was er nicht misst
  • fT4, fT3 und die Frage nach der Umwandlung
  • Reverse T3: was daran belegt ist und was nicht
  • Antikörper und ihr Zusammenhang mit der Beschwerdelast
  • Eisen, Selen, Jod und Vitamin D als Bausteine des Systems
  • Warum manche unter Hormontherapie symptomatisch bleiben
  • Was außer der Schilddrüse hinter Erschöpfung stecken kann
  • Drei konkrete Hebel für dein nächstes Arztgespräch

Wie ich die Evidenz markiere

Klinische Studie Randomisierte Studien oder Meta-Analysen am Menschen. Die stärkste Aussagekraft.

Beobachtung Mensch Kohorten, Querschnitte, Registerdaten. Zeigen Zusammenhänge, nicht Ursachen.

Tiermodell In-vivo-Daten aus Tierstudien. Biologisch plausibel, beim Menschen nicht automatisch übertragbar.

Zellebene In-vitro-Daten. Erklären Mechanismen, beweisen keine klinische Wirkung.

Drei Mal „alles normal" und du glaubst dir selbst nicht mehr

Der Satz „alles normal" und was er auslösen kann

Ich kenne dieses Muster sehr gut. Es ist keine einzelne Geschichte, sondern eine Schilderung, die mir in unterschiedlichen Varianten immer wieder begegnet. Sie klingt meistens ungefähr so.

Da ist eine Müdigkeit, die seit Monaten da ist. Nicht dramatisch, eher funktionierend. Der Tag lässt sich schaffen, aber der Motor läuft im Standgas. Dazu oft: ein anderes Gefühl in Haaren und Haut, ständig kälter sein als alle anderen im Raum, und ein Kopf, der länger für Sätze braucht, die früher einfach da waren.

Es wird Blut abgenommen. Der Befund kommt: alles normal. Manchmal wiederholt sich das in einer zweiten und dritten Praxis. Und irgendwann verändert sich, was dieser Satz innerlich anstößt. Aus Enttäuschung wird Scham.

Der Satz „alles normal" soll beruhigen. Wenn er mehrfach fällt und sich am Befinden nichts ändert, hört das Nervensystem ihn irgendwann anders. Nämlich als: mit mir stimmt etwas nicht.

Ich beschreibe hier ausdrücklich nur einen zeitlichen und erlebten Zusammenhang, wie er mir häufig geschildert wird. Ich kann daraus keine Kausalität ableiten, und ich kann daraus auch keine Aussage über dich ableiten. Es ist eine Beobachtung aus Gesprächen, kein Befund und kein Studienergebnis.

Ich schreibe das auch ohne Vorwurf an irgendjemanden. Ärztinnen und Ärzte, die nach einem unauffälligen TSH beruhigen, handeln fachlich korrekt. Ein TSH im Referenzbereich ist ein beruhigender Befund, und das Screening mit TSH ist gut begründet. Was in diesem kurzen Satz aber leicht verloren geht, ist eine Unterscheidung, die medizinisch relevant ist: der Unterschied zwischen dem Bereich einer Bevölkerung und dem Punkt eines einzelnen Menschen.

Ich behaupte damit nicht, dass bei dir die Schilddrüse die Erklärung ist. Ich sage nur: „normal" ist eine Auskunft über eine Verteilung und nicht über dein Erleben. Und dein Erleben ist eine Information, die man nicht wegdiskutieren muss.

Was in diesem Moment biologisch passiert, ist übrigens nicht nichts. Wiederholte Erfahrungen von „mir wird nicht geglaubt" belasten das Nervensystem und können den Stressverlauf über Wochen verändern. Wer sich nicht ernst genommen fühlt, geht später wieder hin, beschreibt weniger, fragt weniger nach. Aus einer diagnostischen Lücke wird so eine Beziehungslücke. Und die kann Diagnostik echt behindern.

Reframe

Du bist nicht überempfindlich, weil du dich mit „alles normal" nicht zufrieden gibst. Du hast eine berechtigte Frage gestellt, auf die ein einzelner Laborwert schlicht keine vollständige Antwort geben kann.

Die bessere Frage lautet nicht: „Ist mein Wert normal?" Sie lautet: „Ist mein Wert normal für mich, und was fehlt noch im Bild?"

Und jetzt weißt du, warum sich der Satz so leer anfühlen kann, obwohl er freundlich gemeint ist.

Wie ein Referenzbereich entsteht und was er wirklich sagt

Stell dir eine Sporthalle mit tausend Menschen vor. Allen wird Blut abgenommen. Alle sagen von sich, sie seien gesund. Man ordnet die Ergebnisse der Größe nach. Dann streicht man unten die niedrigsten 2,5 Prozent und oben die höchsten 2,5 Prozent weg. Was übrig bleibt, ist der Referenzbereich. Genau so entsteht er, im Prinzip.

Das ist ein kluges Verfahren. Es macht Labore vergleichbar und schützt vor Überdiagnostik. Aber es hat zwei eingebaute Eigenschaften, die man kennen sollte. Erstens: Der Bereich beschreibt die Gruppe, nicht das Individuum. Zweitens: Er ist so breit, wie die Gruppe streut, und die Streuung zwischen Menschen ist bei Schilddrüsenwerten groß.

1,50mittlerer TSH in mIU/l in der schilddrüsengesunden US-Bevölkerung, NHANES III
rund 50 %so schmal ist der Bereich eines einzelnen Menschen im Vergleich zur Gruppe
64 %Anteil der Erblichkeit an der Variation des TSH in einer Zwillingsstudie
Studie

Beobachtung Mensch Eine Forschungsgruppe um Stig Andersen in Dänemark hat 16 gesunden Männern zwölf Monate lang jeden Monat Blut abgenommen und jedes Mal TSH, T4 und T3 bestimmt.

Was sie beobachteten: Jeder Mann pendelte um seinen eigenen, sehr engen Mittelwert. Die individuelle Spanne war etwa halb so breit wie die Spanne der Gruppe. Die Autoren nennen diesen persönlichen Mittelwert den Set-Point.

Was das für dich bedeutet: Ein Ergebnis innerhalb der Laborgrenzen ist nicht automatisch normal für dich. Es kann für deinen eigenen Set-Point deutlich verschoben sein, ohne je eine Grenze zu berühren.

Andersen S, Pedersen KM, Bruun NH, Laurberg P. J Clin Endocrinol Metab. 2002;87(3):1068-72. DOI: 10.1210/jcem.87.3.8165
Studie

Beobachtung Mensch Eine dänische Zwillingsuntersuchung verglich fast 700 Zwillingspaare aus dem nationalen Zwillingsregister und schaute, wie ähnlich sich eineiige und zweieiige Paare in ihren Schilddrüsenwerten sind.

Ergebnis: Etwa 64 Prozent der Streuung des TSH und rund 65 Prozent der Streuung von fT4 und fT3 ließen sich auf genetische Faktoren zurückführen.

Was das für dich bedeutet: Dein persönlicher Set-Point ist zu einem großen Teil angeboren. Er ist eine Eigenschaft von dir, so wie deine Schuhgröße. Und er wird nicht dadurch zu deinem Wert, dass er im Bereich der anderen liegt.

Hansen PS, Brix TH, Sørensen TIA, Kyvik KO, Hegedüs L. J Clin Endocrinol Metab. 2004;89(3):1181-7. DOI: 10.1210/jc.2003-031641

Zwei Menschen können denselben TSH haben. Für den einen ist es sein gewohnter Punkt. Für den anderen ist es eine Verdopplung seines eigenen Ausgangswerts, die trotzdem nie eine Laborgrenze überschreitet.

Dazu kommt eine praktische Ebene, die selten erwähnt wird: Der TSH schwankt tageszeitlich. Eine sehr große Auswertung von über 465.000 Messungen zeigte, dass die obere Grenze des TSH je nach Tageszeit, Alter und Geschlecht wandert, unter anderem wegen des nächtlichen TSH-Anstiegs. Wer morgens früh nüchtern gemessen wird, bekommt tendenziell einen anderen Wert als am späten Vormittag.

Studie

Beobachtung Mensch Joel Ehrenkranz und Kollegen werteten 465.593 TSH-Messungen und knapp 113.000 fT4-Messungen von Menschen ohne bekannte Schilddrüsenerkrankung aus.

Beobachtung: Die untere Grenze des TSH blieb über den Tag stabil, die obere Grenze stieg mit dem Alter von 6,45 auf 7,55 mIU/l, vor allem durch einen zunehmenden nächtlichen TSH-Gipfel. Auch Geschlecht und Herkunft beeinflussten die Werte messbar.

Was das für dich bedeutet: Die Uhrzeit deiner Blutabnahme kann Teil des Bildes sein. Für Verlaufskontrollen kann es sinnvoll sein, immer zur gleichen Tageszeit zu messen.

Ehrenkranz J, Bach PR, Snow GL et al. Thyroid. 2015;25(8):954-61. DOI: 10.1089/thy.2014.0589
Wo ich vorsichtig bleibe

Aus „jeder hat einen Set-Point" folgt nicht „jeder braucht Hormone". Genau das ist der Fehlschluss, vor dem ich warne. Der Set-Point erklärt, warum ein normaler Wert für dich verschoben sein kann. Er beweist nicht, dass er es ist, und er ist bei einem einzelnen Menschen ohne frühere Messungen nicht rekonstruierbar.

Deshalb ist der praktisch wertvollste Satz dieses Abschnitts vielleicht dieser: Ein Wert ist eine Momentaufnahme. Zwei Werte im Abstand von Wochen sind eine Linie. Und eine Linie sagt oft mehr als jede Grenze.

Und jetzt weißt du, warum „normal" ein Gruppenbegriff ist und keine persönliche Auskunft.

Was der TSH gut kann und was er nicht sehen kann

Der TSH ist kein Schilddrüsenhormon. Das überrascht viele. TSH ist das Kommando von oben. Die Hirnanhangsdrüse schaut, wie viel Hormon im Blut ankommt, und ruft entsprechend lauter oder leiser. Wenig Hormon, lauter Ruf, hoher TSH. Viel Hormon, leiser Ruf, niedriger TSH.

Ein Bild dafür: Der TSH ist das Gaspedal, nicht die Geschwindigkeit. Er sagt dir, wie stark der Fuß drückt. Er sagt dir nicht, ob der Wagen tatsächlich fährt, ob Sprit im Tank ist und ob die Räder auf der Straße Kontakt haben.

1

Hypothalamus schickt TRH

Der Hypothalamus im Gehirn gibt das übergeordnete Signal. Bei starkem Energiemangel, langer Krankheit oder Dauerstress kann dieses Signal gedämpft werden.

2

Hirnanhangsdrüse antwortet mit TSH

Sie reagiert extrem empfindlich. Schon kleine Veränderungen der Hormonmenge im Blut führen zu einer logarithmisch verstärkten TSH-Antwort. Das macht TSH zum guten Screening-Wert.

3

Schilddrüse produziert vor allem T4

Rund 80 Prozent der Produktion ist T4, das Speicherhormon. Es braucht Jod als Rohstoff und die Thyreoperoxidase als Werkzeug. Dieses Enzym ist ein Häm-Enzym und braucht Eisen.

4

Gewebe wandelt T4 in T3 um

Erst T3 dockt am Zellkern an und steuert Energieproduktion, Wärme, Herzfrequenz und Stoffwechsel. Die dafür zuständigen Deiodasen sind Selen-Enzyme. Hier entscheidet sich, was tatsächlich ankommt.

Die entscheidende Stelle liegt also unten, im Gewebe. Und genau dort schaut der TSH nicht hin. Er ist ein hervorragender Sensor für die Regelschleife zwischen Gehirn und Drüse. Er ist kein Sensor für die Umwandlung in der Muskelzelle, in der Leber oder im Nervensystem.

Was der TSH gut kann

  • Sehr empfindlich für Über- und Unterfunktion der Drüse
  • Bewährter erster Screening-Wert, breit standardisiert
  • Gute Steuergröße für die Dosisfindung unter Hormontherapie
  • Preiswert, überall verfügbar, gut vergleichbar

Was der TSH nicht zeigt

  • Wie viel T4 tatsächlich in aktives T3 umgewandelt wird
  • Ob eine Autoimmunreaktion gegen die Schilddrüse läuft
  • Ob Jod, Eisen und Selen als Bausteine vorhanden sind
  • Ob dein persönlicher Set-Point verschoben ist
  • Ob eine Störung oberhalb der Drüse vorliegt, also zentral
Reframe

Der TSH ist nicht schlecht. Er ist präzise für genau eine Frage. Das Problem entsteht erst, wenn man aus der Antwort auf eine Frage eine Antwort auf alle Fragen macht.

Anders gesagt: Ein normaler TSH schließt eine relevante Schilddrüsenunterfunktion sehr zuverlässig aus. Er schließt nicht aus, dass in deinem Stoffwechsel etwas anderes klemmt.

Und jetzt weißt du, warum ein einzelner Wert oben nicht sagen kann, was unten ankommt.

fT4, fT3 und reverse T3: das Bild wird größer

Wenn Beschwerden bleiben, lohnt sich der Blick auf die Hormone selbst. fT4 ist das freie Speicherhormon. fT3 ist das freie aktive Hormon. Und dann gibt es noch eine dritte Variante, über die viel gestritten wird: reverse T3.

Der Körper hat bei T4 eine Weiche. Er kann daraus das aktive T3 machen. Oder er kann daraus rT3 machen, eine Art Spiegelbild, das an denselben Rezeptor passt, ihn aber nicht anschaltet. Bildlich: ein Schlüssel, der ins Schloss geht und sich nicht dreht. Diese Weiche ist keine Panne. Sie ist ein Sparmodus.

Studie

Beobachtung Mensch Greet Van den Berghe aus Leuven hat die Datenlage zum Non-Thyroidal-Illness-Syndrom zusammengefasst, also zu den Schilddrüsenwerten schwer kranker Menschen auf Intensivstationen.

Beobachtung: Typisch sind niedriges T3, niedriges bis niedrig-normales T4 und erhöhtes reverse T3, ohne dass der TSH ansteigt. Verantwortlich sind unter anderem verschobene Aktivitäten der Deiodasen vom Typ 1 und Typ 3. Ein Teil dieser Umstellung wird ausdrücklich als sinnvolle Anpassung an Nahrungskarenz gedeutet, nicht als Defekt.

Was das für dich bedeutet: Ein niedriges T3 mit hohem rT3 kann eine Sparschaltung des Körpers sein und nicht die Ursache deiner Beschwerden. Die richtige Frage ist dann: Wovor spart der Körper gerade?

Van den Berghe G. Thyroid. 2014;24(10):1456-65. DOI: 10.1089/thy.2014.0201
Hier bin ich bewusst zurückhaltend

Ich sehe reverse T3 in der ambulanten Praxis als Puzzleteil, nicht als Beweis. Die gute Evidenz dazu stammt überwiegend aus der Intensivmedizin und aus Situationen mit schwerer Erkrankung oder ausgeprägtem Energiemangel. Für den Alltag mit leichter Erschöpfung gibt es keine belastbaren Studien, die zeigen, dass ein rT3-gesteuertes Vorgehen bessere Ergebnisse bringt. Die Fachgesellschaften empfehlen rT3 dementsprechend nicht als Routinewert.

Das schreibe ich ausdrücklich, weil ich lieber ehrlich als beeindruckend sein möchte. Wenn ich rT3 anschaue, dann als eine von mehreren Beobachtungen, im Zusammenhang mit Ernährung, Schlaf, Entzündung und Belastung. Nicht als Schalter, an dem man dreht.

Warum fT3 überhaupt eine eigene Frage ist

Die Umwandlung von T4 in T3 ist offenbar nicht bei allen Menschen gleich effektiv. Am deutlichsten sieht man das bei Menschen, die keine eigene Schilddrüse mehr haben und deshalb ausschließlich T4 als Tablette bekommen.

Studie

Beobachtung Mensch Damiano Gullo und Kollegen aus Catania verglichen 1.811 Menschen ohne eigene Schilddrüse unter reiner T4-Therapie mit normalem TSH gegen 3.875 Vergleichspersonen mit eigener Schilddrüse.

Beobachtung: Trotz normalem TSH lagen die fT4-Werte der Behandelten im Schnitt signifikant höher und die fT3-Werte signifikant niedriger. Über 20 Prozent lagen mit fT3 oder fT4 außerhalb des Bereichs der Vergleichsgruppe. Das Verhältnis fT3 zu fT4 streute stark zwischen den Personen.

Was das für dich bedeutet: Die Fähigkeit, aus T4 das aktive T3 zu machen, ist individuell sehr unterschiedlich. Ein normaler TSH beweist nicht, dass die Versorgung im Gewebe genauso aussieht wie bei jemandem mit gesunder Drüse.

Gullo D, Latina A, Frasca F, Le Moli R, Pellegriti G, Vigneri R. PLoS One. 2011;6(8):e22552. DOI: 10.1371/journal.pone.0022552
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Viele denken bei Schilddrüse an die Drüse. Der spannendere Ort ist aber die Zelle. Die Drüse produziert vor allem einen Rohstoff. Was daraus wird, entscheidet sich in Leber, Muskel, Fettgewebe und Gehirn.

Deshalb ist Schilddrüse in meiner Sicht keine Organfrage, sondern eine Stoffwechselfrage. Und Stoffwechsel hängt an Bausteinen, Schlaf, Entzündungslage und Energiebilanz.

Und jetzt weißt du, warum ein zweiter und dritter Wert manchmal mehr Kontur ins Bild bringt.

Antikörper: wenn das Immunsystem längst beteiligt ist

TPO-Antikörper richten sich gegen die Thyreoperoxidase, also gegen genau das Enzym, das dein Körper zur Hormonbildung braucht. Ihr Nachweis bedeutet nicht automatisch Krankheit. Er bedeutet: Das Immunsystem ist mit diesem Organ beschäftigt.

Studie

Beobachtung Mensch Die US-Bevölkerungsuntersuchung NHANES III bestimmte bei 17.353 Menschen ab 12 Jahren TSH, T4 und Schilddrüsen-Antikörper.

Beobachtung: TPO-Antikörper waren bei etwa 11,3 Prozent nachweisbar, Thyreoglobulin-Antikörper bei 10,4 Prozent. Beide waren bei Frauen häufiger und nahmen mit dem Alter zu. Eine milde Unterfunktion fand sich bei 4,3 Prozent der Bevölkerung, eine manifeste bei 0,3 Prozent.

Was das für dich bedeutet: Positive Antikörper sind häufig und für sich genommen kein Urteil. Sie sind aber ein Hinweis darauf, dass sich der Verlauf über Jahre verändern kann und dass Kontrollen sinnvoll sein können.

Hollowell JG, Staehling NW, Flanders WD et al. J Clin Endocrinol Metab. 2002;87(2):489-99. DOI: 10.1210/jcem.87.2.8182
Studie

Beobachtung Mensch Johannes Ott und Kollegen aus Wien untersuchten 426 Frauen mit normaler Schilddrüsenfunktion vor einer Schilddrüsenoperation und verglichen Antikörperspiegel mit Beschwerdefragebogen und Lebensqualität.

Beobachtung: Frauen mit TPO-Antikörpern über dem berechneten Schwellenwert gaben im Mittel 6,7 Beschwerden an, die Vergleichsgruppe 4,1. Der TSH unterschied sich zwischen den Gruppen praktisch nicht. Häufiger genannt wurden anhaltende Müdigkeit, trockenes Haar, innere Unruhe und Reizbarkeit.

Was das für dich bedeutet: Beschwerdelast und Hormonspiegel scheinen nicht dasselbe zu messen. Die Autoren schlussfolgern, dass eine Unterfunktion nur ein Teilfaktor der Beschwerden ist. Das ist eine Beobachtung und kein Ursachennachweis, aber sie deckt sich mit vielem, was ich höre.

Ott J, Promberger R, Kober F et al. Thyroid. 2011;21(2):161-7. DOI: 10.1089/thy.2010.0191
Studie

Klinische Studie Tim Korevaar und Kollegen werteten drei niederländische Geburtskohorten mit insgesamt 11.212 Schwangeren gemeinsam aus und untersuchten, ab welcher Antikörperhöhe Effekte messbar werden.

Beobachtung: Es zeigte sich ein dosisabhängiger Zusammenhang zwischen TPO-Antikörperhöhe, TSH, fT4 und Frühgeburtsrisiko. Auch Frauen mit Antikörperwerten unterhalb der Herstellergrenze hatten bereits ein erhöhtes Risiko. Die Autoren halten die üblichen Grenzwerte für zu hoch angesetzt.

Was das für dich bedeutet: Auch bei Antikörpern ist die Grenze ein statistisches Konstrukt. Ein Ergebnis knapp unter der Grenze heißt nicht zwingend „kein Thema", vor allem nicht bei Kinderwunsch oder in der Schwangerschaft.

Korevaar TIM, Pop VJ, Chaker L et al. J Clin Endocrinol Metab. 2018;103(2):778-789. DOI: 10.1210/jc.2017-01560

„Ein Grenzwert ist eine Verabredung, keine Naturkonstante. Er kann uns bei Entscheidungen helfen. Er beschreibt nicht die Biologie eines einzelnen Menschen."

Shukri Jarmoukli, ViveCura Berlin

Und jetzt weißt du, warum ich bei anhaltenden Beschwerden gerne wissen möchte, ob das Immunsystem mitspielt.

Die Bausteine hinter den Werten: Eisen, Selen, Jod, Vitamin D

Jetzt kommt der Teil, der mich klinisch am meisten interessiert. Denn die Schilddrüse ist eine kleine Fabrik. Und eine Fabrik ohne Rohstoffe und ohne Werkzeug produziert weniger, egal wie laut die Chefetage ruft.

Linse Stoffwechsel

Jod ist der Rohstoff. Eisen ist das Werkzeug: die Thyreoperoxidase ist ein Häm-Enzym und braucht Eisen, um überhaupt zu arbeiten. Fehlt Eisen, kann die Hormonbildung auf Zellebene gebremst sein, lange bevor eine Blutarmut sichtbar wird.

Linse Immunsystem

Bei der Hormonbildung entsteht Wasserstoffperoxid, ein aggressives Molekül. Selen-abhängige Glutathionperoxidasen entschärfen es. Fehlt Selen, kann oxidativer Stress im Gewebe steigen, was in der Diskussion um Autoimmunität eine Rolle spielt.

Linse Hormonsystem

Die Deiodasen, die T4 in T3 umwandeln, sind ebenfalls Selen-Enzyme. Damit hängt die Umwandlung an demselben Spurenelement wie der Schutz vor oxidativem Stress. Zwei Aufgaben, eine Ressource.

Linse Nervensystem

T3 steuert die Energieproduktion in den Mitochondrien, auch im Gehirn. Chronischer Stress kann über die übergeordneten Signale die Schilddrüsenachse dämpfen. Erschöpfung und Schilddrüse sind deshalb selten sauber zu trennen.

Studie

Beobachtung Mensch Margaret Rayman von der University of Surrey hat die Datenlage zu Jod, Eisen und Selen bei Autoimmunerkrankungen der Schilddrüse zusammengefasst.

Beobachtung: Eisenmangel kann den Schilddrüsenstoffwechsel beeinträchtigen, weil die Thyreoperoxidase erst nach Bindung von Häm aktiv wird. Menschen mit Autoimmunthyreoiditis haben häufiger Eisenmangel, unter anderem durch autoimmune Gastritis und Zöliakie als Begleiterkrankungen. Beschrieben wird zudem, dass bei zwei Dritteln von Frauen mit anhaltenden Beschwerden trotz passender Hormondosis eine Anhebung des Ferritins über 100 Mikrogramm pro Liter mit einer Besserung der Beschwerden einherging.

Was das für dich bedeutet: Wenn du müde bist und deine Werte in Ordnung sind, kann der Ferritinwert ein sehr lohnender zweiter Blick sein. Das ist ein Wert, den man einfach messen kann.

Rayman MP. Proc Nutr Soc. 2019;78(1):34-44. DOI: 10.1017/S0029665118001192
Studie

Tiermodell Eine chinesische Arbeitsgruppe untersuchte an trächtigen Ratten, was passiert, wenn Eisenmangel vorliegt, ohne dass eine Blutarmut besteht.

Beobachtung: Beide Formen des Eisenmangels führten von der Mitte der Trächtigkeit an zu erniedrigten Schilddrüsenhormonspiegeln. Die Aktivität der Thyreoperoxidase sank messbar, und zwar bereits bevor das Eisen in der Leber abfiel.

Was das für dich bedeutet: Der Mechanismus ist im Tiermodell gut belegt. Beim Menschen ist er biologisch plausibel und durch Beobachtungen gestützt, aber nicht mit derselben Sicherheit bewiesen. Ich formuliere ihn deshalb bewusst als Hypothese mit guter Grundlage.

Hu X, Teng X, Zheng H et al. Nutr Res. 2014;34(7):604-12. DOI: 10.1016/j.nutres.2014.06.007
Studie

Klinische Studie Eine dänische Arbeitsgruppe um Johanna Wichman fasste 16 kontrollierte Studien zur Selengabe bei chronischer Autoimmunthyreoiditis in einer Meta-Analyse zusammen.

Beobachtung: Bei Menschen unter Hormontherapie sanken die TPO-Antikörper nach drei Monaten deutlich und blieben nach sechs und zwölf Monaten niedriger. Bei neu diagnostizierten, unbehandelten Personen zeigte sich der Effekt nach drei Monaten, danach nicht mehr durchgehend. Die Qualität der Evidenz wurde insgesamt als niedrig bewertet, und Nebenwirkungen traten in der Selengruppe häufiger auf.

Was das für dich bedeutet: Selen kann Antikörpertiter senken. Ob sich das in besserem Befinden niederschlägt, ist ausdrücklich noch offen. Und mehr ist nicht besser: Selen hat ein enges therapeutisches Fenster.

Wichman J, Winther KH, Bonnema SJ, Hegedüs L. Thyroid. 2016;26(12):1681-1692. DOI: 10.1089/thy.2016.0256
Studie

Klinische Studie Hui Jiang und Kollegen fassten sechs randomisierte Studien mit insgesamt 258 Menschen mit Hashimoto-Thyreoiditis zur Vitamin-D-Gabe zusammen.

Beobachtung: Die TPO-Antikörper sanken in der Vitamin-D-Gruppe signifikant. TSH, fT3 und fT4 veränderten sich dagegen nicht messbar.

Was das für dich bedeutet: Vitamin D scheint eher auf der immunologischen Ebene eine Rolle zu spielen als auf der Hormonebene. Aus einem gesenkten Antikörperwert folgt nicht automatisch, dass es dir besser geht. Das ist ein Unterschied, den ich für wichtig halte.

Jiang H, Chen X, Qian X, Shao S. J Clin Pharm Ther. 2022;47(6):767-775. DOI: 10.1111/jcpt.13605
Wichtige Sicherheitsnotiz Bitte nimm Jod und Selen nicht auf Verdacht ein. Zu viel Jod kann eine Autoimmunthyreoiditis anstoßen, insbesondere weil stark jodiertes Thyreoglobulin für das Immunsystem auffälliger ist. Selen hat ein enges Fenster zwischen zu wenig und zu viel. Bei beiden gilt: erst messen, dann entscheiden, und zwar gemeinsam mit einer Ärztin oder einem Arzt.

Und jetzt weißt du, warum ich bei „normalen Werten" gerne noch auf die Rohstoffe schaue.

Wenn behandelt wird und die Symptome bleiben

Es gibt eine Gruppe, die es besonders schwer hat: Menschen mit gesicherter Unterfunktion, gut eingestelltem TSH und trotzdem anhaltenden Beschwerden. Das ist keine Randerscheinung. Es ist ein anerkanntes Thema in der Fachliteratur.

Studie

Klinische Studie Eine amerikanische Gruppe um Mohamed Shakir führte eine randomisierte, doppelblinde Cross-over-Studie mit 75 Menschen mit Unterfunktion durch. Jeder durchlief nacheinander T4 allein, T4 plus T3 und Schilddrüsenextrakt, jeweils 22 Wochen.

Beobachtung: Über die ganze Gruppe betrachtet gab es keine Unterschiede bei Beschwerden, Lebensqualität, Gedächtnistests und Stimmung. In der Untergruppe des am stärksten belasteten Drittels zeigte sich dagegen eine deutliche Präferenz für die Kombinationen mit T3, mit besseren Werten in mehreren Fragebögen.

Was das für dich bedeutet: Für die meisten Menschen ist T4 allein völlig ausreichend. Für eine Untergruppe könnte das anders sein. Diese Frage gehört in ein sorgfältiges ärztliches Gespräch, nicht in eine Selbstmedikation.

Shakir MKM, Brooks DI, McAninch EA et al. J Clin Endocrinol Metab. 2021;106(11):e4400-e4413. DOI: 10.1210/clinem/dgab478
Studie

Beobachtung Mensch Heleen Jansen und Kollegen aus Amsterdam haben in einer Übersichtsarbeit zusammengetragen, wie schwer sich Beschwerden bei Schilddrüsenerkrankungen zuordnen lassen.

Beobachtung: In einer großen Bevölkerungsuntersuchung berichteten Menschen mit leicht erhöhtem TSH ähnlich viele schilddrüsentypische Beschwerden wie schilddrüsengesunde Menschen, und die TSH-Höhe hatte keinen Einfluss auf den Beschwerdescore. Zugleich beschreiben die Autoren, dass bei etwa einem Drittel behandelter Personen ein Absetzversuch gelang, ohne dass eine Unterfunktion auftrat.

Was das für dich bedeutet: Ein leicht erhöhter TSH erklärt Beschwerden statistisch nicht zuverlässig. Und eine einmal begonnene Therapie ist nicht in jedem Fall lebenslang notwendig. Beides spricht für Sorgfalt in beide Richtungen.

Jansen HI, Boelen A, Heijboer AC, Bruinstroop E, Fliers E. Front Endocrinol. 2023;14:1130661. DOI: 10.3389/fendo.2023.1130661
Studie

Beobachtung Mensch Bernadette Biondi, Anne Cappola und David Cooper fassten im JAMA den Stand zur milden Unterfunktion zusammen.

Beobachtung: Bis zu 10 Prozent der Erwachsenen sind betroffen. Der TSH steigt mit dem Alter auch ohne Schilddrüsenerkrankung an, was die Häufigkeit bei über 70-Jährigen überschätzen lässt. Eine Behandlung kann bei TSH ab 10 mIU/l sinnvoll sein sowie bei jüngeren und mittelalten Menschen mit passenden Beschwerden. Für Menschen ab 65 gibt es keinen belegten Nutzen.

Was das für dich bedeutet: Alter verändert die Deutung desselben Werts. Was mit 35 auffällig ist, kann mit 75 altersgemäß sein.

Biondi B, Cappola AR, Cooper DS. JAMA. 2019;322(2):153-160. DOI: 10.1001/jama.2019.9052
Reframe

Die funktionelle Sicht führt nicht dazu, dass man mehr behandelt. Sie führt dazu, dass man genauer hinschaut, bevor man behandelt. Und dazu, dass man auch die Möglichkeit zulässt, dass die Schilddrüse nicht die Erklärung ist.

Mehr Diagnostik ist nicht automatisch bessere Medizin. Aber gezieltere Diagnostik kann verhindern, dass jemand jahrelang mit „alles normal" nach Hause geht, obwohl die entscheidende Frage nie gestellt wurde.

Und jetzt weißt du, warum ich bei diesem Thema so oft „es kommt darauf an" sage.

Was außer der Schilddrüse noch dahinterstecken kann

Jetzt kommt der ehrlichste Abschnitt des Artikels. Denn es wäre bequem, alles auf die Schilddrüse zu schieben. Bequem, aber falsch. Erschöpfung ist ein unspezifisches Signal. Sie hat viele mögliche Absender.

Was ich bei anhaltender Erschöpfung immer mitdenke

  • Eisenmangel ohne Blutarmut, erkennbar erst über Ferritin und Transferrinsättigung, nicht über das Blutbild
  • Vitamin-D-Mangel, in unseren Breiten von Oktober bis März besonders häufig
  • Schlafqualität, insbesondere nicht erholsamer Schlaf und Schlafapnoe, die oft jahrelang unbemerkt bleibt
  • Cortisolverlauf über den Tag, der bei anhaltender Belastung abflachen kann
  • Blutzuckerschwankungen und eine beginnende Insulinresistenz
  • Stille Entzündung, etwa bei Darmthemen, Zahnherden oder chronischen Infekten
  • Depressive Episoden und Angststörungen, die sich zuerst körperlich zeigen können
  • Zöliakie und andere Autoimmunerkrankungen, die überzufällig oft gemeinsam auftreten
  • Belastungen aus der Umwelt, etwa Schimmelpilzexposition oder Schwermetalle
  • Medikamente, die Aufnahme oder Umwandlung von Schilddrüsenhormonen beeinflussen können

Und es gibt noch eine Richtung, die selten mitgedacht wird: Auch am oberen Ende kann ein Wert Bedeutung haben. In der Rotterdam-Studie zeigte sich, dass höhere fT4-Werte selbst innerhalb des Normbereichs mit einem höheren Herz-Kreislauf-Risiko einhergingen.

Studie

Beobachtung Mensch Layal Chaker und Kollegen begleiteten 9.233 Teilnehmende der Rotterdam-Studie über median 8,8 Jahre und berechneten das Zehn-Jahres-Risiko für Herz-Kreislauf-Sterblichkeit entlang der Perzentile von TSH und fT4.

Beobachtung: fT4-Werte oberhalb des 90. Perzentils gingen mit einem berechneten Zehn-Jahres-Risiko über 7,5 Prozent einher. Bei Männern über dem 97. Perzentil lag es bei 10,8 Prozent. Die Autoren schlagen vor, optimale Bereiche künftig nach Krankheitsrisiko und nicht nur nach Verteilung zu definieren.

Was das für dich bedeutet: Die Idee, dass „irgendwo im Bereich" gleich gut ist, lässt sich nicht halten. Innerhalb desselben Referenzbereichs kann es günstigere und weniger günstige Zonen geben. Die Autoren betonen ausdrücklich, dass die Ergebnisse repliziert werden müssen.

Chaker L, Korevaar TIM, Rizopoulos D et al. J Clin Endocrinol Metab. 2017;102(8):2853-2861. DOI: 10.1210/jc.2017-00410

Energie ist kein Luxus. Energie ist der Stoff, aus dem Beziehungen, Arbeit und Freude gemacht sind. Wer keine Energie hat, verliert nicht ein Symptom. Er verliert Spielraum im eigenen Leben.

Deshalb finde ich es falsch, chronische Müdigkeit als Befindlichkeit abzutun. Und genauso falsch finde ich es, ihr eine einzige Ursache zuzuschreiben, nur damit endlich eine da ist. Beide Wege verkürzen dieselbe Person.

Und jetzt weißt du, warum ich lieber breit denke als schnell zuordne.

Drei Hebel, die du ab morgen nutzen kannst

Ich gebe dir hier keine Rezepte. Therapie entsteht nach einer Anamnese und nicht nach einem Blogartikel. Was ich dir geben kann, sind drei Werkzeuge, die dein nächstes Arztgespräch verändern können.

1

Fordere deine Zahlen an, nicht nur die Bewertung

Du hast ein Recht auf deine Befunde. Bitte um die konkreten Werte mit Einheiten und den zugehörigen Referenzbereichen des Labors, nicht nur um den Satz „war in Ordnung". Lege sie in einer einfachen Tabelle ab, mit Datum und Uhrzeit der Blutabnahme. Nach zwei bis drei Messungen siehst du eine Linie statt eines Punktes. Diese Linie ist das Nächste, was du an deinen persönlichen Set-Point herankommst.

2

Führe zwei Wochen ein einfaches Symptomprotokoll

Notiere täglich in dreißig Sekunden: Energie von 1 bis 10, Kältegefühl ja oder nein, Verdauung, Schlafqualität, Stimmung. Das klingt banal und ist es nicht. Es macht aus einem diffusen „mir geht es schlecht" ein Muster, das man besprechen kann. Ärztinnen und Ärzte können mit Mustern deutlich mehr anfangen als mit Momentaufnahmen, und du bekommst deine eigene Wahrnehmung als Datenpunkt zurück.

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Stelle eine präzisere Frage

Statt „Ist meine Schilddrüse in Ordnung?" kannst du fragen: „Mein TSH ist normal. Wären in meiner Situation zusätzlich fT4, fT3, TPO-Antikörper und Ferritin sinnvoll, und wenn nein, warum nicht?" Diese Frage ist respektvoll, konkret und beantwortbar. Sie öffnet ein Gespräch, statt es zu beenden. Und sie zeigt, dass du nicht nach einer Diagnose suchst, sondern nach einer Erklärung.

Der Freiheits-Moment

Der wichtigste Schritt ist nicht der nächste Laborwert. Es ist der Moment, in dem du aufhörst, dir selbst zu misstrauen. Dein Körper meldet etwas. Diese Meldung ist eine Information, kein Charakterfehler.

Es kann sein, dass am Ende die Schilddrüse gar nicht die Antwort ist. Auch dann hast du nichts verloren. Du hast dann eine Ursache sorgfältig ausgeschlossen und stehst am Anfang der nächsten Frage, statt im Nebel.

Wenn du nicht nur lesen, sondern gemeinsam weiterschauen möchtest: Unterhalb dieses Artikels findest du die Möglichkeit, einen Termin zu vereinbaren.

Und jetzt weißt du, warum ich glaube, dass gute Diagnostik mit einer besseren Frage anfängt und nicht mit mehr Blutröhrchen.

Häufige Fragen

Was bedeutet es, wenn mein TSH normal ist, ich mich aber trotzdem erschöpft fühle?

Ein normaler TSH bedeutet zunächst nur: dein Wert liegt innerhalb der Spanne, die bei 95 Prozent einer Referenzbevölkerung gemessen wurde. Das ist eine statistische Aussage, keine Aussage über dein Wohlbefinden.

Untersuchungen zur Streuung von Schilddrüsenwerten zeigen, dass jeder Mensch einen sehr engen eigenen Bereich hat, den sogenannten Set-Point. Der Bereich einer einzelnen Person ist etwa halb so breit wie der Bereich der Gruppe. Ein Ergebnis kann also innerhalb der Laborgrenzen liegen und für diesen einen Menschen trotzdem verschoben sein.

Gleichzeitig gilt: Erschöpfung ist unspezifisch und kann viele andere Ursachen haben. Beides ernst zu nehmen ist sinnvoller, als sich vorschnell für eine Erklärung zu entscheiden.

Reicht der TSH allein zur Beurteilung der Schilddrüse aus?

Für ein erstes Screening ist der TSH ein sehr guter und sehr empfindlicher Wert. Die Hirnanhangsdrüse reagiert schon auf kleine Veränderungen der Hormonmenge mit einer verstärkten Antwort.

Als alleiniger Wert hat er aber Grenzen. Er beschreibt die Steuerung von oben, nicht die Versorgung im Gewebe. Er sagt nichts darüber, wie viel T4 tatsächlich in das aktive T3 umgewandelt wird, ob eine Autoimmunreaktion läuft oder ob die Bausteine für die Hormonbildung vorhanden sind.

Bei anhaltenden Beschwerden kann es deshalb sinnvoll sein, zusätzlich fT4, fT3 und die Antikörper anzuschauen. Ob das in deinem Fall angezeigt ist, entscheidet sich im ärztlichen Gespräch.

Was ist der Unterschied zwischen Referenzbereich und individuellem Optimum?

Der Referenzbereich ist ein statistisches Konstrukt. Man misst eine große Gruppe scheinbar gesunder Menschen und schneidet oben und unten jeweils 2,5 Prozent ab. Was übrig bleibt, heißt normal.

Das individuelle Optimum ist etwas anderes: der Punkt, an dem dein eigener Stoffwechsel gut läuft. Zwillingsstudien zeigen, dass die Regulation der Schilddrüsenachse zu etwa zwei Dritteln genetisch bestimmt ist. Dein Optimum ist also weitgehend angeboren und liegt irgendwo in dieser breiten Gruppenspanne.

Deshalb kann derselbe Zahlenwert für den einen Menschen völlig entspannt und für den anderen bereits eine deutliche Verschiebung sein. Aus einer einzelnen Messung lässt sich der persönliche Set-Point allerdings nicht rekonstruieren. Dafür braucht es einen Verlauf.

Welche Schilddrüsenwerte sind sinnvoll, wenn der TSH normal ist?

Wenn Beschwerden bleiben, kann ein erweitertes Bild helfen: fT4 als Speicherhormon, fT3 als aktives Hormon, TPO-Antikörper und Thyreoglobulin-Antikörper als Hinweis auf eine Autoimmunbeteiligung, und je nach Situation reverse T3.

Dazu gehören aus meiner Sicht die Bausteine des Systems: Ferritin, Selen, Zink, Vitamin D und der Jodstatus. Eine Ultraschalluntersuchung kann strukturelle Veränderungen zeigen, die im Blut nicht auftauchen.

Welche dieser Untersuchungen im Einzelfall sinnvoll sind, gehört in ein ärztliches Gespräch und nicht in eine pauschale Liste. Mehr Diagnostik ist nicht automatisch bessere Diagnostik.

Was sagt reverse T3 aus?

Reverse T3 ist eine inaktive Variante des Schilddrüsenhormons. Der Körper kann T4 entweder in das aktive T3 umwandeln oder in dieses inaktive rT3. Bildlich gesprochen ist rT3 ein Schlüssel, der ins Schloss passt und sich nicht dreht.

Bei schwerer Krankheit, in der Intensivmedizin und unter starkem Energiemangel verschiebt sich das Verhältnis messbar in Richtung rT3, bei gleichzeitig niedrigem T3. Fachlich heißt das Non-Thyroidal-Illness-Syndrom. Ein Teil dieser Umstellung wird heute als sinnvolle Sparschaltung des Körpers verstanden, nicht als Defekt.

Bei ambulanten Beschwerden ist die Aussagekraft von rT3 umstritten und wird von den Fachgesellschaften nicht als Routinewert empfohlen. Ich sehe es als ein Puzzleteil unter vielen, nicht als Beweis und nicht als Schalter, an dem man dreht.

Was bedeuten TPO-Antikörper, wenn die Schilddrüsenwerte normal sind?

TPO-Antikörper zeigen an, dass das Immunsystem mit der Schilddrüse beschäftigt ist. Sie richten sich gegen genau das Enzym, das der Körper zur Hormonbildung braucht.

In der großen US-Bevölkerungsuntersuchung NHANES III waren sie bei etwa 11 Prozent der Untersuchten nachweisbar, deutlich häufiger bei Frauen und mit dem Alter zunehmend. Sie sind also häufig und für sich genommen kein Urteil.

Eine österreichische Untersuchung an über 400 Frauen fand: Frauen mit hohen TPO-Antikörpern berichteten im Schnitt deutlich mehr Beschwerden und eine geringere Lebensqualität, bei praktisch gleichem TSH wie die Vergleichsgruppe. Das ist eine Beobachtung und kein Beweis für eine Ursache. Sie kann aber begründen, warum sich Kontrollen im Verlauf lohnen können.

Welche Nährstoffe braucht die Schilddrüse?

Drei Bausteine sind besonders gut untersucht. Jod ist der Rohstoff des Hormons. Eisen wird gebraucht, weil das Schlüsselenzym der Hormonbildung, die Thyreoperoxidase, ein Häm-Enzym ist und ohne Eisen nicht arbeiten kann. Selen ist Bestandteil der Enzyme, die T4 in T3 umwandeln und die das bei der Hormonbildung entstehende Wasserstoffperoxid entschärfen.

In einer Übersichtsarbeit zu Ernährung und Schilddrüse wird beschrieben, dass bei zwei Dritteln von Frauen mit anhaltenden Beschwerden trotz passender Hormondosis eine Anhebung des Ferritins über 100 Mikrogramm pro Liter mit einer Besserung der Beschwerden einherging.

Eine Eigentherapie auf Verdacht kann schaden, besonders bei Jod und Selen. Zu viel Jod kann eine Autoimmunreaktion anstoßen, Selen hat ein enges therapeutisches Fenster. Messen vor Nehmen ist die bessere Reihenfolge.

Warum bleiben manche Menschen unter Levothyroxin symptomatisch, obwohl der TSH stimmt?

Eine große italienische Auswertung an über 1.800 Menschen ohne eigene Schilddrüse zeigte: Unter reiner T4-Gabe und bei normalem TSH lagen die fT4-Werte im Schnitt höher und die fT3-Werte niedriger als bei Vergleichspersonen mit eigener Schilddrüse. Mehr als 20 Prozent lagen mit fT3 oder fT4 außerhalb des Bereichs der Vergleichsgruppe.

Die Fähigkeit, T4 in T3 umzuwandeln, ist offenbar sehr unterschiedlich verteilt. In einer randomisierten Vergleichsstudie zeigte sich für die Gesamtgruppe kein Unterschied zwischen T4 allein, T4 plus T3 und Schilddrüsenextrakt. Bei dem am stärksten belasteten Drittel gab es allerdings eine klare Präferenz für die Kombination.

Für die meisten Menschen ist T4 allein also völlig ausreichend. Für eine Untergruppe könnte das anders sein. Das ist ein Gespräch, das in die behandelnde Hand gehört, keine Frage für die Selbstmedikation.

Ab wann gilt ein erhöhter TSH als behandlungsbedürftig?

Die aktuelle Fachliteratur ist hier relativ klar: Bei einem TSH ab 10 mIU/l überwiegt nach heutiger Datenlage der Nutzen einer Behandlung.

Zwischen dem oberen Referenzwert und 10 wird individuell entschieden, unter anderem nach Alter, Antikörperstatus, Kinderwunsch, Herz-Kreislauf-Risiko und Beschwerden. Bei Menschen über 65 ist Zurückhaltung angezeigt, weil der TSH mit dem Alter physiologisch ansteigt und eine Übertherapie eigene Risiken hat.

Bei milden Formen wird häufig zunächst abgewartet und kontrolliert, weil sich ein Teil der Werte von selbst wieder einpendelt. Diese Einordnung ersetzt keine ärztliche Entscheidung, sie beschreibt nur den Rahmen.

Kann die Uhrzeit der Blutabnahme meinen TSH beeinflussen?

Ja, und das wird selten erwähnt. Der TSH folgt einem Tagesrhythmus mit einem nächtlichen Gipfel und niedrigeren Werten im Verlauf des Vormittags.

In einer Auswertung von über 465.000 Messungen blieb die untere Grenze des Referenzbereichs über den Tag stabil, während die obere Grenze je nach Alter zwischen 6,45 und 7,55 mIU/l wanderte. Verantwortlich war vor allem der zunehmende nächtliche TSH-Anstieg mit dem Alter.

Praktisch heißt das: Für Verlaufskontrollen kann es sinnvoll sein, immer ungefähr zur gleichen Tageszeit zu messen. Sonst vergleicht man unter Umständen Äpfel mit Birnen.

Was kann außer der Schilddrüse hinter der Erschöpfung stecken?

Sehr vieles, und das gehört zur Ehrlichkeit dazu. Eisenmangel ohne Blutarmut, Vitamin-D-Mangel, ein dysregulierter Cortisolverlauf, Schlafapnoe, nicht erholsamer Schlaf, chronische Entzündung, Blutzuckerschwankungen, depressive Episoden, Long COVID, stille Infektionen und Belastungen aus der Umwelt.

Eine Übersichtsarbeit zur Zuordnung von Symptomen bei Schilddrüsenerkrankungen betont ausdrücklich, dass die Beschwerden bei leicht erhöhtem TSH statistisch kaum von denen schilddrüsengesunder Menschen zu unterscheiden sind.

Die Schilddrüse ist ein möglicher Faktor. Sie ist selten der einzige. Eine gute Abklärung schaut deshalb breit und nicht nur auf ein Organ.

Ist die funktionelle Sicht ein Widerspruch zur normalen Endokrinologie?

Nein, und ich möchte das ausdrücklich betonen. Die endokrinologischen Leitlinien und Grenzwerte sind sorgfältig erarbeitet und schützen viele Menschen vor unnötiger Behandlung. Das TSH-Screening ist eine der effizientesten Untersuchungen, die wir haben.

Was eine funktionelle oder integrative Sicht ergänzt, ist die Frage nach den Bedingungen dahinter: Bausteine, Umwandlung, Immunsystem, Schlaf, Belastung. Das ersetzt die klassische Diagnostik nicht, es erweitert sie um weitere Blickwinkel.

Ich halte es für wichtig, hier keine Fronten aufzubauen. Kolleginnen und Kollegen, die nach Leitlinie arbeiten, handeln richtig. Meine Aufgabe sehe ich darin, zusätzlich zu fragen, wenn die Leitlinie die Beschwerden nicht erklärt.

Wo dieses Thema andere Bereiche berührt

Die Schilddrüse steht nie allein. Wenn du dich in diesem Artikel wiedererkannt hast, lohnt sich oft auch ein Blick auf die benachbarten Systeme.

SJ

Shukri Jarmoukli

Arzt, Integrative Medizin · ViveCura Berlin

Ich arbeite in meiner Privatpraxis in Berlin an der Schnittstelle von klassischer Medizin, Klinischer Psychoneuroimmunologie und Lebensstilmedizin. Meine Schwerpunkte sind Erschöpfung und Hormonthemen, Eisen- und Nährstoffversorgung, Darmgesundheit und Belastungen aus der Umwelt.

Was ich hier schreibe, ist eine Sicht von mehreren möglichen. Ich versuche konsequent zu trennen, was durch Studien gut belegt ist, was mechanistisch plausibel ist und was ich klinisch beobachte, ohne dass es dafür eine starke Studienbasis gibt. Dieser Text ersetzt keine ärztliche Beratung und keine individuelle Diagnostik.

ViveCura, Skalitzer Straße 137, Berlin

Quellen

Alle Angaben wurden über PubMed geprüft und mit DOI verlinkt. Der Studientyp steht in eckigen Klammern, damit du die Aussagekraft selbst einordnen kannst.

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Zur Einordnung: Die Aussagen zum individuellen Set-Point, zur Umwandlung von T4 in T3 und zur Rolle von Eisen und Selen stützen sich teilweise auf Beobachtungsstudien, Mechanismen und Tiermodelle. Das ist biologisch plausibel und gut begründet, aber nicht mit derselben Sicherheit belegt wie durch große randomisierte Studien am Menschen. Zur Aussagekraft von reverse T3 in der ambulanten Praxis gibt es bisher keine belastbare Evidenz, ich habe das im Text entsprechend gekennzeichnet. Dieser Artikel bildet eine Perspektive ab und ersetzt weder eine ärztliche Untersuchung noch eine individuelle Beratung.

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