Wie viel Sonne braucht der Körper wirklich?
Sonne ist Naturkraft und Risiko zugleich. Das ist kein Widerspruch, sondern eine Frage der Dosis. Und die Dosis hängt von deinem Hauttyp ab, vom Sonnenstand, von der Jahreszeit und davon, wo du lebst.
Wir haben aus einem Dosisproblem eine Glaubensfrage gemacht. Sonne ist weder Feind noch Wundermittel. Sie ist eine sehr alte biologische Größe, die in der richtigen Menge etwas anderes macht als in der falschen. Genau diese Menge fällt in der öffentlichen Diskussion fast immer unter den Tisch.
Fünfzehn Jahre im Schatten
„Ich habe alles richtig gemacht"
Stell dir eine Frau Anfang fünfzig vor. In der Familie gab es einen Hautkrebsfall, das hat sie geprägt. Seitdem meidet sie die Sonne konsequent. Langarm im Sommer, Hut, Schatten, Lichtschutzfaktor 50 auch im Büro. Urlaub nur mit Sonnensegel.
Sie kommt wegen Erschöpfung. Sie schläft schlecht ein, kommt morgens schwer hoch, fühlt sich im Winter regelmäßig gedrückt. Die Muskulatur schmerzt diffus. Alles beim Hausarzt war unauffällig.
Im Labor liegt der 25-Hydroxy-Vitamin-D-Spiegel im Sommer unter dem Bereich, den man in Deutschland als ausreichend ansieht. Nicht dramatisch tief. Aber niedrig, im August, bei einer Frau, die jeden Tag draußen ist, nur eben komplett bedeckt.
Ihr Schutzverhalten war nicht falsch. Es war nur undifferenziert. Sie hat den Regler nicht auf eine Stufe gestellt, sondern auf Null.
Was danach kam, war kein Wunder. Es war eine langsame Veränderung über Monate, mit mehr Morgenlicht, mit kurzen unbedeckten Phasen im Sommer und mit einer Substitution über den Winter. Ich kann daraus keine Kausalität ableiten, ich dokumentiere nur den zeitlichen Zusammenhang.
Diese Geschichte hat eine Lehre, und sie ist unbequem: Angst ist ein schlechter Dosiermesser.
Sie kennt nur zwei Stellungen, an und aus. Biologie funktioniert aber fast nie so.
Die Frage ist nicht, ob Sonne gut oder schlecht ist. Die Frage ist, wie viel, wann und auf welcher Haut.
Wasser ist lebensnotwendig und kann ertränken. Bewegung ist gesund und kann überlasten. Bei der Sonne akzeptieren wir diese Logik seltsamerweise nicht. Dabei ist sie hier besonders gut messbar, weil wir Sonnenstand, UV-Index und Hauttyp alle beziffern können.
Was in deiner Haut passiert, wenn UVB auftrifft
In deiner Oberhaut steckt ein Molekül, das aussieht wie ein Cholesterin mit einem Konstruktionsfehler. Es heißt 7-Dehydrocholesterol. Dieser Fehler ist Absicht.
Trifft UVB-Licht darauf, bricht ein Ring in diesem Molekül auf. Es ist eine reine Lichtreaktion, kein Enzym beteiligt. Aus dem Vorläufer wird Prävitamin D3.
UVB trifft die Oberhaut
Wellenlängen zwischen etwa 290 und 315 Nanometern. Dieser Bereich erreicht die Erdoberfläche nur bei ausreichend hohem Sonnenstand.
7-Dehydrocholesterol wird zu Prävitamin D3
Eine reine Photoreaktion. Sie braucht kein Enzym, keinen Cofaktor, nur Licht der richtigen Wellenlänge.
Körperwärme macht daraus Vitamin D3
Ein thermischer Schritt, langsam und unabhängig vom Licht. Deshalb geht die Bildung noch Stunden nach der Sonnenexposition weiter.
Leber und Niere schalten frei
In der Leber entsteht 25-Hydroxy-Vitamin D, der Wert, den du im Labor siehst. In der Niere und in vielen Geweben entsteht daraus die aktive Form.
Jetzt kommt der Teil, den fast niemand erzählt. Diese Reaktion begrenzt sich selbst.
Holick und Kollegen haben menschliche Haut simuliertem Sonnenlicht ausgesetzt und beobachtet, was mit dem Vorläufermolekül geschieht. Bei längerer Bestrahlung erreichte die Bildung von Prävitamin D3 ein Plateau bei etwa 10 bis 15 Prozent des ursprünglichen 7-Dehydrocholesterol-Gehalts. Der Überschuss wurde in zwei biologisch inaktive Isomere umgewandelt, Lumisterol und Tachysterol.
Für dich heißt das etwas sehr Praktisches: Du kannst dich nicht in eine Vitamin-D-Überdosierung sonnen. Ab einem bestimmten Punkt entsteht kein zusätzliches Vitamin D mehr, egal wie lange du liegen bleibst. Was ab da noch zunimmt, ist ausschließlich der Schaden.
Die Autoren ordnen die begrenzenden Faktoren in dieser Reihenfolge: erstens die photochemische Selbstregulation, zweitens die Pigmentierung, drittens der Breitengrad.
Holick MF, MacLaughlin JA, Doppelt SH. Regulation of cutaneous previtamin D3 photosynthesis in man. Science. 1981. DOI: 10.1126/science.6256855Die Sonne gibt dir das Vitamin D in den ersten Minuten. Alles danach ist Rechnung ohne Gegenleistung.
Und jetzt weißt du, warum stundenlanges Braten am Strand aus biologischer Sicht keinen Sinn ergibt.
Berlin liegt auf 52,5 Grad Nord. Das hat Konsequenzen.
Es gibt einen Grund, warum Sonnen-Ratgeber aus Kalifornien in Berlin nur begrenzt weiterhelfen können. Der Grund ist Geometrie.
Steht die Sonne tief, muss ihr Licht einen längeren Weg durch die Atmosphäre nehmen. Ozon absorbiert kurzwelliges UVB besonders gut. Bei flachem Einfallswinkel bleibt vom UVB unten fast nichts übrig. UVA kommt weiter durch, UVB nicht.
Webb, Kline und Holick haben genau das quantifiziert. Sie haben menschliche Haut und den Vorläuferstoff an wolkenlosen Tagen an verschiedenen Orten dem Sonnenlicht ausgesetzt und geprüft, ob Prävitamin D3 entsteht.
Das Ergebnis: In Boston auf 42,2 Grad Nord entstand von November bis Februar kein Prävitamin D3. In Edmonton auf 52 Grad Nord dehnte sich diese unwirksame Periode von Oktober bis März aus. Weiter südlich, auf 34 und auf 18 Grad Nord, funktionierte die Umwandlung auch mitten im Winter.
Berlin liegt bei rund 52,5 Grad Nord. Wir sind damit in derselben Kategorie wie Edmonton. Ungefähr sechs Monate im Jahr kann deine Haut hier kein Vitamin D bilden, egal wie viel Zeit du draußen verbringst.
Webb AR, Kline L, Holick MF. Influence of season and latitude on the cutaneous synthesis of vitamin D3. J Clin Endocrinol Metab. 1988. DOI: 10.1210/jcem-67-2-373Das gehört klar gesagt, auch wenn es unbequem ist. Wer im Januar in Berlin drei Stunden spazieren geht, tut viel für Kreislauf, Stimmung und innere Uhr. Für den Vitamin-D-Spiegel tut er nichts.
Wie sich das in echten Zahlen niederschlägt, hat das Robert Koch-Institut erhoben.
In der bundesweiten Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland wurden bei 6.995 Personen die 25-Hydroxy-Vitamin-D-Spiegel bestimmt. Der Mittelwert lag bei 45,6 Nanomol pro Liter.
61,6 Prozent lagen unter der häufig verwendeten Schwelle von 50 Nanomol pro Liter, 30,2 Prozent sogar unter 30 Nanomol pro Liter. Im Winter hatte ein Viertel der Teilnehmenden Werte unter 30. Ein Gefälle nach Breitengrad war ebenfalls nachweisbar.
Als unabhängige Faktoren für niedrigere Spiegel fanden die Autoren: Untersuchung im Winter, nördlicher Wohnort, keine Supplementierung, wenig Sport, hoher Body-Mass-Index und hoher Medienkonsum. Der letzte Punkt ist im Grunde ein Maß dafür, wie viel Zeit jemand drinnen verbringt.
Rabenberg M et al. Vitamin D status among adults in Germany. BMC Public Health. 2015. DOI: 10.1186/s12889-015-2016-7Die Sonne ist in Berlin ein Sommerinstrument, kein Ganzjahresinstrument.
Das ist keine schlechte Nachricht, sondern eine Planungsgrundlage. Wer weiß, dass ein halbes Jahr lang ein Weg geschlossen ist, kann sich früh um den anderen kümmern. Wer es nicht weiß, wartet den ganzen Winter auf etwas, das nicht kommt.
Sonne kann mehr als Vitamin D
Hier ist eine Frage, die mich seit Jahren beschäftigt. Wenn Vitamin D alles erklärt, warum haben dann so viele große Studien mit Vitamin-D-Kapseln enttäuscht?
Eine mögliche Antwort ist unbequem für die Supplement-Industrie: Vitamin D ist vielleicht gar nicht der einzige Bote der Sonne. Vielleicht ist es teilweise nur ein Marker dafür, wie viel Licht jemand abbekommen hat.
Der Blutdruck-Weg über Stickstoffmonoxid
In deiner Haut liegen Vorräte an Stickstoffmonoxid, gespeichert als Nitrit und als S-Nitrosothiole. Stickstoffmonoxid ist der wichtigste körpereigene Gefäßerweiterer.
Diese Speicher lassen sich durch Licht öffnen. Ganz ohne Enzym.
Eine Aachener Arbeitsgruppe hat gesunde Freiwillige am ganzen Körper mit UVA bestrahlt. Der systolische und der diastolische Blutdruck fielen um 11 Prozent, gemessen 30 Minuten nach der Bestrahlung, und der Effekt hielt bis zu einer Stunde an.
Parallel dazu stieg die Durchblutung im Unterarm um 26 Prozent und die flussvermittelte Gefäßerweiterung der Armarterie deutlich an. Der Blutdruckabfall korrelierte eng mit der Zunahme nitrosierter Verbindungen im Blutplasma.
Wichtig für die Einordnung: Das ist eine kleine mechanistische Studie an Gesunden, keine Therapiestudie bei Bluthochdruck. Sie zeigt, dass der Weg existiert, nicht dass er als Behandlung taugt.
Opländer C et al. Whole body UVA irradiation lowers systemic blood pressure by release of nitric oxide from intracutaneous photolabile nitric oxide derivates. Circ Res. 2009. DOI: 10.1161/CIRCRESAHA.109.207019Eine Edinburgher Gruppe um Richard Weller und Martin Feelisch hat den Mechanismus weiter aufgetrennt. 24 gesunde Freiwillige erhielten zwei Standard-Erythemdosen UVA auf die Haut. Der Blutdruck fiel, das zirkulierende Nitrat sank, das Nitrit stieg.
Der entscheidende Kontrollversuch: Eine gezielte Ernährungsintervention, die den Nitratspiegel im Blut verändern sollte, hatte keinen Einfluss auf die Kreislaufreaktion. Die UVA-bedingte Mehrdurchblutung des Unterarms trat auch dann auf, wenn die NO-Synthase blockiert war. Unter dem Fluoreszenzmikroskop zeigte sich, dass der lichtempfindliche NO-Vorrat vor allem in der oberen Epidermis liegt.
Kurz: Der Effekt kommt aus einem Speicher in der Haut, nicht aus einem Enzym und nicht aus Vitamin D.
Liu D et al. UVA irradiation of human skin vasodilates arterial vasculature and lowers blood pressure independently of nitric oxide synthase. J Invest Dermatol. 2014. DOI: 10.1038/jid.2014.27Bleibt die Frage, ob das im echten Leben eine Rolle spielt oder nur im Labor. Dazu gibt es eine sehr große Auswertung.
Weller und Kollegen haben den Blutdruck von 342.457 Dialysepatientinnen und Dialysepatienten in 2.178 US-Zentren über drei Jahre ausgewertet. Bei diesen Menschen wird der Blutdruck ohnehin regelmäßig und standardisiert gemessen. Die Strahlungs- und Temperaturdaten kamen von der US-Wetterbehörde.
Temperatur, UVA und UVB waren jeweils linear und gegenläufig mit dem systolischen Blutdruck verbunden. Entscheidend: Der Zusammenhang mit der UV-Strahlung blieb statistisch signifikant, auch nachdem die Umgebungstemperatur herausgerechnet war.
Die Autoren formulieren es als Frage, nicht als Feststellung: Möglicherweise ist unzureichendes Sonnenlicht ein bislang übersehener Risikofaktor für Bluthochdruck. Eine Beobachtungsstudie kann das nicht beweisen. Sie kann aber zeigen, dass die Spur konsistent bleibt, wenn man das naheliegendste Störsignal entfernt.
Weller RB et al. Does Incident Solar Ultraviolet Radiation Lower Blood Pressure? J Am Heart Assoc. 2020. DOI: 10.1161/JAHA.119.013837Der Uhr-Weg über das Auge
Der zweite Weg hat mit UV überhaupt nichts zu tun. Er läuft über deine Augen und braucht kein UVB.
In deiner Netzhaut sitzt eine Gruppe von Ganglienzellen, die selbst lichtempfindlich sind. Sie tragen das Pigment Melanopsin und reagieren vor allem auf Helligkeit und auf kurzwelliges blaues Licht. Sie sind nicht fürs Sehen zuständig. Sie melden dem Hauptzeitgeber im Hypothalamus, ob gerade Tag ist.
Stell dir eine Standleitung vor, die nur eine einzige Information überträgt: hell oder dunkel. Danach stellt dein Körper Melatonin, Cortisol, Körpertemperatur und Wachheit ein.
Eine Übersichtsarbeit aus Basel und Oxford fasst den Stand zusammen. Der Hauptzeitgeber, die suprachiasmatischen Kerne im Hypothalamus, wird über eine direkte Bahn von der Netzhaut auf den 24-Stunden-Tag synchronisiert. Künstliches Licht am Abend kann diese Synchronisation verschieben.
Umgekehrt lässt sich Licht als nebenwirkungsarme Intervention einsetzen, um Schlaf, Stimmung und allgemeines Befinden zu beeinflussen. Der praktisch wichtigste Punkt: Es geht nicht nur um zu viel Licht nachts, sondern mindestens ebenso um zu wenig Licht am Tag.
Blume C, Garbazza C, Spitschan M. Effects of light on human circadian rhythms, sleep and mood. Somnologie. 2019. DOI: 10.1007/s11818-019-00215-xEine Auswertung der UK Biobank hat untersucht, wie viel Zeit Menschen im Tageslicht verbringen und wie das mit Stimmung, Schlaf und innerer Uhr zusammenhängt. Der Median lag bei 2,5 Stunden Tageslicht pro Tag.
Jede zusätzliche Stunde draußen war verbunden mit einer geringeren Wahrscheinlichkeit für eine depressive Episode im Lebensverlauf, seltenerem Antidepressiva-Gebrauch, seltener gedrückter Stimmung, mehr berichtetem Glücksempfinden, leichterem Aufstehen, weniger Müdigkeit, weniger Einschlafproblemen und einem früheren Chronotyp.
Die Längsschnitt-Analysen zeigten in dieselbe Richtung, mit kleineren Effekten. Das ist eine Beobachtungsstudie. Menschen, die viel draußen sind, bewegen sich mehr und sind sozial aktiver. Die Autoren nennen ihren Befund deshalb einen Hinweis auf einen Umweltrisikofaktor, keinen Beweis.
Burns AC et al. Time spent in outdoor light is associated with mood, sleep, and circadian rhythm-related outcomes. J Affect Disord. 2021. DOI: 10.1016/j.jad.2021.08.056Morgenlicht ist keine Vitamin-D-Maßnahme. Es ist eine Uhrzeit-Maßnahme.
Deshalb gilt sie das ganze Jahr, auch im Berliner Januar, auch bei dichten Wolken. Draußen liegt die Helligkeit an einem trüben Tag um ein Vielfaches über der eines gut beleuchteten Büros. Deine Netzhaut merkt den Unterschied, auch wenn dein Auge ihn nicht bewusst wahrnimmt.
Und die Stimmung?
Hier will ich besonders vorsichtig sein, weil die Datenlage feiner ist, als es die Ratgeberliteratur nahelegt.
Dieselbe deutsche Bevölkerungsstudie hat den Zusammenhang zwischen Vitamin-D-Spiegel und depressiven Symptomen bei 6.331 Personen untersucht, getrennt nach Sommer und Winter.
Ein Zusammenhang zeigte sich nur im Sommer: Im obersten Vitamin-D-Quartil lag der Wert im Depressionsfragebogen um 0,73 Punkte niedriger als im untersten. Im Winter fand sich kein Zusammenhang.
Die Autoren ziehen daraus eine bemerkenswerte Schlussfolgerung: Gerade weil der Zusammenhang im Sommer stärker ist, könnte ein niedriger Vitamin-D-Spiegel eher Folge als Ursache der Depression sein. Wer depressiv ist, geht weniger raus. Das ist eine ehrliche Lesart der eigenen Daten, und sie steht quer zu vielen Marketingversprechen.
Rabenberg M et al. Association between vitamin D and depressive symptoms varies by season. J Affect Disord. 2016. DOI: 10.1016/j.jad.2016.06.034Eine systematische Übersicht mit Meta-Analyse hat sieben randomisierte Studien mit insgesamt 397 Personen ausgewertet, die Lichttherapie direkt mit Antidepressiva verglichen haben, bei mittelschweren bis schweren depressiven Episoden.
Lichttherapie allein unterschied sich statistisch nicht von der medikamentösen Behandlung. Die Kombination aus beidem war der alleinigen Medikation überlegen, auch in der Untergruppe der nicht-saisonalen Depression.
Das ist ein starkes Argument dafür, Licht als eigenständige biologische Größe ernst zu nehmen. Und es zeigt zugleich, dass wir hier über Licht sprechen, nicht über UV und nicht über Vitamin D.
Geoffroy PA et al. Efficacy of light therapy versus antidepressant drugs, and of the combination versus monotherapy, in major depressive episodes. Sleep Med Rev. 2019. DOI: 10.1016/j.smrv.2019.101213Und jetzt weißt du, warum eine Kapsel und ein Spaziergang nicht dasselbe sind. Sie treffen unterschiedliche Systeme.
Die vier Linsen: warum Licht so tief reicht
In der klinischen Psychoneuroimmunologie schauen wir mit vier Linsen auf ein Thema. Bei der Sonne sind alle vier relevant, und das erklärt, warum sie sich nicht auf einen Laborwert reduzieren lässt.
Nervensystem
Melanopsin-haltige Ganglienzellen der Netzhaut synchronisieren den Hauptzeitgeber im Hypothalamus. Daran hängen Melatoninprofil, Cortisol-Aufwachreaktion, Körpertemperatur und Aufmerksamkeit. Zu wenig Tageslicht kann dieses Signal verwaschen.
Immunsystem
Das aktive Vitamin D bindet an Rezeptoren in vielen Immunzellen und beeinflusst dort die Genablesung. UV-Strahlung selbst hat zusätzlich lokal dämpfende Effekte in der Haut. Beides zusammen ergibt ein komplexes Bild, das mit einem Blutwert allein nicht abzubilden ist.
Stoffwechsel
Vitamin D greift in die Kalzium- und Phosphathomöostase ein, damit in Knochenaufbau und Muskelfunktion. Die photochemische Selbstbegrenzung in der Haut ist ein eleganter Schutzmechanismus, den kein Präparat mitbringt.
Hormonsystem
Licht am Morgen kann die Melatonin-Abschaltung nach vorne verlagern und damit indirekt den ganzen Tagesrhythmus. Über die Stickstoffmonoxid-Freisetzung greift UVA zusätzlich in die Gefäßregulation ein, ein Weg, der ganz ohne Hormon auskommt.
Jetzt das Risiko, ehrlich und differenziert
Ich habe bis hierhin viel über Nutzen geschrieben. Jetzt kommt der Teil, den ich nicht relativieren möchte, weil er stimmt.
UV-Strahlung kann die DNA in Hautzellen schädigen. Hautkrebs ist real, er nimmt zu, und Sonnenbrand ist keine Bagatelle. Wer das kleinredet, redet Unsinn.
Aber: Nicht jede Sonnenexposition trägt gleich zum Risiko bei. Die Epidemiologie ist hier viel feiner, als die öffentliche Kommunikation vermuten lässt.
Eine systematische Meta-Analyse hat die relativen Risiken für das maligne Melanom aus 57 Beobachtungsstudien zusammengeführt.
Zwei Faktoren traten deutlich hervor: intermittierende Sonnenexposition und eine Vorgeschichte von Sonnenbränden. Hohe berufliche Sonnenexposition, also chronische, tägliche Exposition, war dagegen sogar umgekehrt mit dem Melanomrisiko verbunden.
Die Autoren betonen, dass gerade die methodisch besser gemachten Studien die Hypothese der intermittierenden Exposition stützten. Das Risiko für Sonnenbrand stieg zudem in Studien aus höheren Breitengraden. Also dort, wo Menschen im Sommer plötzlich viel Sonne abbekommen, an Haut, die daran nicht gewöhnt ist.
Gandini S et al. Meta-analysis of risk factors for cutaneous melanoma: II. Sun exposure. Eur J Cancer. 2005. DOI: 10.1016/j.ejca.2004.10.016Das ist der Punkt, an dem die pauschale Warnung biologisch ungenau wird. Die drei häufigen Hautkrebsarten folgen nicht demselben Muster.
Malignes Melanom
Eher verbunden mit nicht-beruflicher, freizeitbezogener Exposition und mit Sonnenbrand-Vorgeschichte. Also mit dem Muster: viel Sonne auf einmal, auf ungewohnte Haut.
Muster: intermittierendPlattenepithelkarzinom
Eher verbunden mit der Gesamtdosis über das Leben und mit beruflicher Exposition. Typische Orte sind Gesicht, Ohren, Handrücken, Unterlippe.
Muster: kumulativBasalzellkarzinom
Eher verbunden mit nicht-beruflicher, freizeitbezogener Exposition, damit näher am Melanom-Muster als am Plattenepithelkarzinom.
Muster: gemischtGemeinsamer Nenner
Bei allen drei gilt: helle, sonnenempfindliche Haut trägt ein höheres Risiko als dunkle. Und bei allen drei ist Sonnenbrand ein Marker für zu viel auf einmal.
Muster: Hauttyp und RötungArmstrong und Kricker haben die epidemiologische Evidenz für alle drei Hautkrebsarten zusammengefasst. Ihre Bilanz: Die Inzidenz ist bei hellhäutigen, sonnenempfindlichen Menschen höher, sie steigt mit der ortsüblichen Sonneneinstrahlung, und die höchsten Dichten finden sich an den am stärksten sonnenexponierten Körperstellen.
Die Zuordnung: Plattenepithelkarzinom vor allem zur Gesamt- und Berufsexposition, Melanom und Basalzellkarzinom vor allem zur nicht-beruflichen Freizeitexposition.
Ihre praktische Schlussfolgerung ist bemerkenswert, weil sie nicht lautet: weniger Sonne generell. Sie lautet: Beim Sonnenschutz sollte eine Zunahme der Intermittenz vermieden werden, und der Schutz sollte so früh wie möglich im Leben ansetzen.
Armstrong BK, Kricker A. The epidemiology of UV induced skin cancer. J Photochem Photobiol B. 2001. DOI: 10.1016/s1011-1344(01)00198-1Die norwegische Frauen-und-Krebs-Studie hat 169.768 Teilnehmerinnen zu ihrer Sonnenbrand-Häufigkeit in Kindheit, Jugend und Erwachsenenalter befragt und über bis zu 19,5 Jahre nachverfolgt.
Die Gruppe mit durchgehend hoher Sonnenbrand-Häufigkeit hatte gegenüber der Gruppe mit durchgehend niedriger ein deutlich erhöhtes Risiko, sowohl für das Melanom als auch für das Plattenepithelkarzinom. Auch die Gruppe, die früher viele Sonnenbrände hatte und später wenige, blieb erhöht.
Genau das ist die entscheidende Botschaft: Sonnenbrände in der Kindheit zählen besonders, und sie lassen sich später nicht wegoptimieren.
Lergenmuller S et al. Lifetime Sunburn Trajectories and Associated Risks of Cutaneous Melanoma and Squamous Cell Carcinoma. JAMA Dermatol. 2022. DOI: 10.1001/jamadermatol.2022.4053Nicht die Sonne ist die Grenze. Die Rötung ist die Grenze.
Und jetzt weißt du, warum ich lieber von einer Dosis-Logik spreche als von Vermeidung. Vermeidung kennt keinen Unterschied zwischen zwanzig Minuten im Mai und vier Stunden ohne Schutz am ersten Urlaubstag. Die Biologie kennt ihn sehr wohl.
Die Gegenrechnung: was komplettes Meiden kostet
Es gibt eine Studie, die in Fachkreisen kontrovers diskutiert wird und die ich trotzdem nennen möchte, weil sie eine wichtige Frage stellt.
In der schwedischen Melanoma-in-Southern-Sweden-Kohorte wurden 29.518 Frauen zwischen 25 und 64 Jahren über 20 Jahre begleitet. Erfasst wurden Sonnengewohnheiten und zahlreiche mögliche Störfaktoren.
Frauen mit aktiven Sonnengewohnheiten hatten eine niedrigere Sterblichkeit an Herz-Kreislauf-Erkrankungen und an nicht-onkologischen, nicht-kardiovaskulären Ursachen. Weil sie länger lebten, stieg bei ihnen der relative Anteil der Krebssterblichkeit. Die Lebenserwartung der Sonnenmeiderinnen lag 0,6 bis 2,1 Jahre unter der Gruppe mit der höchsten Sonnenexposition.
Der oft zitierte Satz der Autoren: Nichtraucherinnen, die die Sonne mieden, hatten eine Lebenserwartung ähnlich wie Raucherinnen in der Gruppe mit der höchsten Sonnenexposition. Das ist zugespitzt formuliert und mit Vorsicht zu lesen.
Lindqvist PG et al. Avoidance of sun exposure as a risk factor for major causes of death. J Intern Med. 2016. DOI: 10.1111/joim.12496Das ist eine Beobachtungsstudie, keine randomisierte Interventionsstudie. Menschen, die viel Sonne suchen, unterscheiden sich in vielem von Menschen, die sie meiden: in Beweglichkeit, in Einkommen, in sozialer Aktivität, in Grunderkrankungen. Wer wegen einer chronischen Krankheit kaum vor die Tür kommt, erscheint in solchen Daten als Sonnenmeider.
Die Autoren haben für viele dieser Faktoren statistisch adjustiert, aber Restkonfundierung bleibt möglich. Ich zitiere die Studie deshalb nicht als Beweis, sondern als ernstzunehmende Gegenfrage zu der Annahme, komplette Vermeidung sei die risikofreie Standardoption.
Dein Hauttyp ist deine Dosiseinheit
Hier wird es konkret. Es gibt keine Minutenzahl, die für alle gilt, weil Menschen unterschiedliche Filter mitbringen.
Melanin ist genau das: ein eingebauter Filter, der UV-Photonen abfängt, bevor sie die DNA erreichen. Er schützt gut vor Sonnenbrand. Und er bremst gleichzeitig die Vitamin-D-Bildung ab.
Typ I
Sehr helle Haut, oft rötliches Haar und Sommersprossen. Verbrennt fast immer, bräunt praktisch nie. Sehr kurze Zeiten, konsequenter Schutz.
Typ II
Helle Haut, blondes bis hellbraunes Haar. Verbrennt leicht, bräunt kaum und langsam. Kurze Zeiten, Schutz ab dem ersten Kribbeln.
Typ III
Mittlere Haut, dunkelblondes bis braunes Haar. Verbrennt manchmal, bräunt langsam. Der häufigste Typ in Mitteleuropa.
Typ IV
Olivfarbene Haut, dunkles Haar. Verbrennt selten, bräunt gut. Deutlich mehr Spielraum, aber Sonnenbrand bleibt die Grenze.
Typ V
Braune Haut. Verbrennt sehr selten. Braucht in nördlichen Breiten deutlich mehr Exposition für dieselbe Vitamin-D-Ausbeute.
Typ VI
Dunkelbraune bis schwarze Haut. Verbrennt kaum. In Berlin die Gruppe mit dem höchsten Risiko für eine niedrige Vitamin-D-Versorgung.
Die klassische Arbeit dazu stammt von Clemens und Kollegen aus dem Jahr 1982. Sie bestrahlten zwei hell pigmentierte und drei stark pigmentierte Freiwillige mit einer minimalen Erythemdosis UV.
Bei den hellhäutigen Teilnehmern stieg der Vitamin-D-Spiegel im Blut innerhalb von 24 bis 48 Stunden um bis zum Sechzigfachen. Bei den stark pigmentierten Teilnehmern veränderte dieselbe Dosis den Spiegel nicht signifikant. Erst die sechsfache Dosis führte dort zu einem vergleichbaren Anstieg.
Die Stichprobe ist winzig, das muss man dazusagen. Die Richtung des Befunds ist aber seither vielfach reproduziert worden.
Clemens TL, Adams JS, Henderson SL, Holick MF. Increased skin pigment reduces the capacity of skin to synthesise vitamin D3. Lancet. 1982. DOI: 10.1016/s0140-6736(82)90214-8Eine Londoner Gruppe hat den Effekt an 102 gesunden Freiwilligen der Hauttypen II bis VI nachgemessen. Alle erhielten dieselbe unterschwellige UV-Dosis auf 85 Prozent der Körperoberfläche, fünfmal im Abstand von drei bis vier Tagen.
Ergebnis: Der Anstieg des 25-Hydroxy-Vitamin-D-Spiegels war in allen Gruppen linear und hochsignifikant. Nur Hauttyp II hatte eine signifikant steilere Steigung als die übrigen. Zwischen den Extremen, Hauttyp II und Hauttyp VI, lag der Hemmfaktor durch Melanin bei etwa 1,3 bis 1,4.
Die Autoren schließen daraus: Der bremsende Effekt des Melanins auf die Vitamin-D-Bildung ist klein, verglichen mit seinem Schutzeffekt gegen Sonnenbrand. Klein genug, um in einer Woche Urlaub kaum aufzufallen. Groß genug, um über ein ganzes Leben in Nordeuropa die epidemiologischen Unterschiede zu erklären.
Young AR et al. Melanin has a Small Inhibitory Effect on Cutaneous Vitamin D Synthesis: A Comparison of Extreme Phenotypes. J Invest Dermatol. 2020. DOI: 10.1016/j.jid.2019.11.019Dunkle Haut in Berlin ist keine Schwäche. Sie ist eine Anpassung an einen anderen Breitengrad.
Ein Hauttyp V oder VI ist evolutionär für einen Ort optimiert, an dem die Sonne das ganze Jahr hoch steht. In Berlin trifft dieser hervorragende Sonnenschutz auf ein halbes Jahr ohne nutzbares UVB. Das ist kein persönliches Defizit, sondern eine geografische Kollision. Sie gehört in jede ernsthafte Beratung.
Wie viel Zeit, konkret
Jetzt die Frage, wegen der du wahrscheinlich hier bist. Ich kann sie nicht mit einer Zahl beantworten, aber ich kann dir die Größenordnung zeigen.
Matsuoka und Kollegen haben 32 ungebräunten hellhäutigen Personen mit Hauttyp III abgestufte, unterschwellige UVB-Dosen zwischen 3 und 27 Millijoule pro Quadratzentimeter verabreicht und danach das Vitamin D3 im Serum gemessen.
Der Anstieg folgte der Dosis in einem exponentiellen Zusammenhang. Die niedrigste Dosis, die den Vitamin-D3-Spiegel signifikant anhob, lag bei 18 Millijoule pro Quadratzentimeter. Das entspricht ungefähr der Schwelle, ab der im Reagenzglas aus dem Vorläufermolekül Prävitamin D3 entsteht.
Wichtig: Das waren unterschwellige Dosen. Also unterhalb der Menge, die Rötung erzeugt. Die Autoren folgern daraus, dass in nördlichen Breiten im Winter die Strahlung diese Schwelle gar nicht erreicht.
Matsuoka LY, Wortsman J, Haddad JG, Hollis BW. In vivo threshold for cutaneous synthesis of vitamin D3. J Lab Clin Med. 1989. PMID: 2549141Übersetzt in Alltagssprache: Es geht um Minuten, nicht um Stunden. Und um Fläche, nicht um Ausdauer.
Die vier Stellschrauben, in dieser Reihenfolge
- Sonnenstand. Die Schattenregel ist die einfachste Prüfung, die es gibt. Ist dein Schatten kürzer als du selbst, steht die Sonne hoch genug für UVB. Ist er länger, kommt praktisch kein UVB an. In Berlin gilt das den ganzen Winter über.
- Fläche. Unterarme und Gesicht sind ungefähr 10 Prozent der Körperoberfläche. Arme, Beine und Rumpf zusammen ein Vielfaches davon. Mehr Fläche in kürzerer Zeit ist günstiger als wenig Fläche über lange Zeit.
- Hauttyp. Zwischen Typ I und Typ VI liegen bei der Rötungsschwelle Faktoren, nicht Prozente. Dieselbe Uhrzeit bedeutet für zwei Menschen etwas völlig Verschiedenes.
- Gewöhnung. Ungebräunte Haut im Mai ist etwas anderes als vorgebräunte Haut im August. Der erste sonnige Tag des Jahres ist statistisch der gefährlichste.
Diese Frage wurde in einer sehr gut gemachten Studie untersucht. Polnische Freiwillige verbrachten eine Urlaubswoche auf Teneriffa bei sehr hohem UV-Index. Zwei Gruppen bekamen Sonnenschutzmittel mit Lichtschutzfaktor 15 und eine Anleitung zum korrekten Auftragen, eine Gruppe cremte nach eigenem Ermessen, eine Kontrollgruppe blieb auf 51,8 Grad Nord zu Hause.
Beide angeleiteten Gruppen bekamen keinen Sonnenbrand, die Gruppe mit freiem Ermessen schon. Trotzdem stieg der 25-Hydroxy-Vitamin-D-Spiegel in den angeleiteten Gruppen hochsignifikant an, um 13,0 und 19,0 Nanomol pro Liter. Die Zuhausegebliebenen verloren im selben Zeitraum 2,5 Nanomol pro Liter.
Ein spannender Nebenbefund: Das Produkt mit hohem UVA-Schutz erlaubte mehr Vitamin-D-Bildung als das mit niedrigem, weil es im Verhältnis mehr UVB durchlässt. Die Entscheidung zwischen Schutz und Vitamin D ist also weniger scharf, als viele annehmen.
Young AR et al. Optimal sunscreen use, during a sun holiday with a very high ultraviolet index, allows vitamin D synthesis without sunburn. Br J Dermatol. 2019. DOI: 10.1111/bjd.17888Drei Hebel, die du ab morgen nutzen kannst
Ich gebe hier bewusst keine Protokolle und keine Dosierungspläne. Die gehören in ein Gespräch, in dem ich dich, deine Haut und deine Vorgeschichte kenne. Was ich geben kann, sind Richtungen.
Was ich für sinnvoll halte
- Morgenlicht als Erstes am Tag. Zehn bis zwanzig Minuten draußen, ohne Sonnenbrille, möglichst innerhalb der ersten Stunde nach dem Aufstehen. Das ganze Jahr, auch bei Wolken. Dieser Hebel läuft über das Auge und hat mit UV und Vitamin D nichts zu tun.
- Im Sommerhalbjahr kurz und großflächig, nie bis zur Rötung. Lieber täglich ein paar Minuten mit freien Armen und Beinen als einmal in der Woche zwei Stunden. Der Unterschied zwischen diesen beiden Mustern ist genau der Unterschied, den die Melanom-Epidemiologie beschreibt.
- Den Winter planen statt hoffen. Wenn ein halbes Jahr lang kein UVB ankommt, ist das keine Frage der Anstrengung, sondern der Geografie. Ob und in welcher Form eine Substitution für dich sinnvoll ist, klärt eine Messung des 25-Hydroxy-Vitamin-D-Spiegels zusammen mit einer ärztlichen Einschätzung.
- Sonnenbrand als rote Linie behandeln, besonders bei Kindern. Die norwegischen Daten zeigen, dass frühe Sonnenbrände sich später nicht ausgleichen lassen. Das ist kein Grund für Angst, aber ein sehr guter Grund für Hut, Schatten und einen Schutz, der auch wirklich aufgetragen wird.
- Auffälligkeiten der Haut regelmäßig kontrollieren lassen. Ein neuer, wachsender oder ungleichmäßiger Fleck gehört zur Hautärztin, unabhängig davon, wie viel oder wenig Sonne du bekommst.
Sonne ist keine Frage von Erlaubnis oder Verbot. Sie ist eine Frage von Dosis, Zeitpunkt und Haut. Wer das trennt, muss sich zwischen Schutz und Versorgung nicht entscheiden.
Wo die Wissenschaft endet und meine Einschätzung beginnt
Ich halte diese Trennung für wichtig, gerade bei einem Thema, das so aufgeladen ist.
Gut belegt
- Die Photochemie der Vitamin-D-Bildung, ihre Selbstbegrenzung und ihre Abhängigkeit von Sonnenstand und Breitengrad.
- Der Vitamin-D-Winter auf 52 Grad Nord und die Versorgungslage in Deutschland.
- Sonnenbrand und intermittierende Exposition als Risikofaktoren für das Melanom, kumulative Exposition als Risikofaktor für das Plattenepithelkarzinom.
- Die Freisetzung von Stickstoffmonoxid aus Hautspeichern durch UVA, mit messbarem Blutdruckeffekt in kontrollierten Versuchen.
Plausibel, aber noch nicht abschließend geklärt
- Wie groß der Anteil der nicht-Vitamin-D-abhängigen Sonnenwirkungen an der beobachteten Herz-Kreislauf-Sterblichkeit tatsächlich ist.
- Ob und in welchem Ausmaß gezielte Sonnenexposition als eigenständige Maßnahme bei Bluthochdruck einen Platz hat.
- Ob niedrige Vitamin-D-Spiegel bei depressiven Beschwerden eher Ursache oder eher Folge sind. Die deutschen Daten sprechen eher für Folge.
Menschen mit sehr niedriger Sonnenexposition schildern mir häufiger diffuse Muskel- und Gelenkbeschwerden, schwierige Wintermonate und einen unruhigen Schlaf-Wach-Rhythmus. Ob das kausal an der Sonne hängt, kann ich nicht sagen. Es sind Beobachtungen, die mich aufmerksam machen, keine Belege.
Die dermatologische Vorsorge und der konsequente Schutz vor Sonnenbrand sind sinnvoll und wichtig. Was eine integrative Sicht ergänzen kann, ist die Frage nach der unteren Grenze: Ab wann wird aus Schutz eine Unterversorgung? Beide Fragen gehören zusammen, und beide verdienen eine Antwort.
Häufige Fragen zu Sonne, Vitamin D und Risiko
Wie viel Sonne ist gesund?
Es gibt keine Minutenzahl, die für alle stimmt. Die sinnvolle Dosis hängt von deinem Hauttyp ab, vom Sonnenstand, von der Jahreszeit und davon, wie viel Haut unbedeckt ist. Als Orientierung gilt: regelmäßig, kurz, ohne Rötung. Die Grenze nach oben ist gut definiert, sie heißt Sonnenbrand. Alles, was darunter bleibt und regelmäßig stattfindet, entspricht eher dem Muster, das in Beobachtungsstudien mit günstigeren Verläufen verbunden war. Alles, was zu Rötung führt, gehört in die Risikozone. Wer sehr helle Haut, viele Muttermale oder eine Hautkrebs-Vorgeschichte hat, sollte die Dosis individuell mit einer Hautärztin oder einem Hautarzt abstimmen.
Kann ich im Winter in Berlin über die Haut Vitamin D bilden?
Praktisch nicht. Für die Vitamin-D-Bildung braucht die Haut UVB im Bereich von etwa 290 bis 315 Nanometern. Dieser Anteil erreicht die Erdoberfläche nur bei ausreichend hohem Sonnenstand. In der klassischen Untersuchung von Webb, Kline und Holick wurde in Edmonton auf rund 52 Grad Nord von Oktober bis März kein Prävitamin D3 gebildet, in Boston auf 42 Grad Nord von November bis Februar. Berlin liegt bei rund 52,5 Grad Nord. Für das halbe Jahr zwischen Herbst und Frühjahr ist der Weg über die Haut hier also weitgehend geschlossen, unabhängig davon, wie lange du draußen bist.
Wie lange muss ich in die Sonne, um Vitamin D zu bilden?
Deutlich kürzer, als die meisten denken. In einer Dosis-Wirkungs-Untersuchung an 32 hellhäutigen Personen mit Hauttyp III reichte bereits eine Ganzkörperbestrahlung von 18 Millijoule pro Quadratzentimeter UVB aus, um den Vitamin-D3-Spiegel im Blut messbar anzuheben. Das ist eine Menge unterhalb der Rötungsschwelle. Für den Alltag heißt das: Es geht nicht um Stunden in der Mittagssonne, sondern um kurze, regelmäßige Exposition mit möglichst viel unbedeckter Hautfläche, im Sommerhalbjahr, ohne Rötung. Große Hautfläche in kurzer Zeit ist günstiger als kleine Hautfläche über lange Zeit.
Ab welchem UV-Index bildet die Haut überhaupt Vitamin D?
Als Faustregel gilt ein UV-Index von etwa 3 als untere Schwelle, weil erst dann genug UVB durch die Atmosphäre kommt. Der Grund ist geometrisch: Steht die Sonne tief, legt das Licht einen längeren Weg durch die Ozonschicht zurück, und der kurzwellige UVB-Anteil wird fast vollständig herausgefiltert. Es gibt eine sehr einfache Alltagsprüfung dafür, die Schattenregel: Ist dein Schatten kürzer als du selbst, steht die Sonne hoch genug, dass UVB die Haut erreicht. Ist dein Schatten länger als du, findet praktisch keine Vitamin-D-Bildung statt. In Berlin gilt das im Winter den ganzen Tag.
Verhindert Sonnencreme die Vitamin-D-Bildung?
Nach der besten verfügbaren Studie eher nicht in dem Ausmaß, das oft befürchtet wird. In einer randomisierten Untersuchung während einer Urlaubswoche auf Teneriffa bei sehr hohem UV-Index verhinderten korrekt aufgetragene Sonnenschutzmittel mit Lichtschutzfaktor 15 den Sonnenbrand zuverlässig. Trotzdem stieg der 25-Hydroxy-Vitamin-D-Spiegel in beiden Sonnenschutz-Gruppen hochsignifikant an, um 13,0 beziehungsweise 19,0 Nanomol pro Liter. Die Gruppe ohne Vorgabe kam auf 28,0 Nanomol pro Liter, hatte dafür aber Sonnenbrand. Interessant ist der Nebenbefund: Ein Produkt mit hohem UVA-Schutz erlaubte mehr Vitamin-D-Bildung als eines mit niedrigem UVA-Schutz, weil es im Verhältnis mehr UVB durchlässt.
Was ist riskanter: täglich draußen sein oder zweimal im Jahr Sonnenbrand?
Für das maligne Melanom deuten die Daten klar auf das zweite Muster. Eine Meta-Analyse von 57 Beobachtungsstudien fand intermittierende Sonnenexposition und eine Sonnenbrand-Vorgeschichte als deutliche Risikofaktoren, während hohe berufliche, also kontinuierliche Exposition sogar umgekehrt mit dem Melanomrisiko verbunden war. Anders ist es beim Plattenepithelkarzinom: Dort hängt das Risiko eher an der kumulativen Lebensdosis. Basalzellkarzinom und Melanom folgen stärker dem Muster der Freizeit- und Urlaubsexposition. Beide Risiken sind real, sie entstehen aber nicht auf demselben Weg. Deshalb ist die pauschale Warnung vor Sonne biologisch ungenau.
Warum muss ich bei dunkler Haut anders dosieren?
Melanin ist ein eingebauter Lichtfilter. In einer frühen Untersuchung an fünf Personen führte eine minimale Erythemdosis bei heller Haut zu einem bis zu sechzigfachen Anstieg des Vitamin-D-Spiegels, bei stark pigmentierter Haut zu keiner signifikanten Veränderung. Erst die sechsfache Dosis erzeugte dort einen vergleichbaren Anstieg. Neuere Daten an 102 Personen der Hauttypen II bis VI relativieren das Ausmaß: Bei gleicher unterschwelliger UV-Dosis lag der Hemmfaktor durch Melanin nur bei etwa 1,3 bis 1,4. Beide Befunde zusammen ergeben ein plausibles Bild: Dunkle Haut ist besser vor Sonnenbrand geschützt und braucht in nördlichen Breiten mehr Exposition oder eine andere Quelle für Vitamin D.
Kann Sonne den Blutdruck beeinflussen, ganz ohne Vitamin D?
Danach sieht es aus. In der Haut liegen Stickstoffmonoxid-Speicher in Form von Nitrit und S-Nitrosothiolen. UVA-Licht kann sie freisetzen, ganz ohne Enzymbeteiligung. In einer Untersuchung an gesunden Freiwilligen fiel der Blutdruck nach Ganzkörper-UVA um etwa 11 Prozent, mit gleichzeitig erhöhter Durchblutung im Unterarm. Eine zweite Arbeit an 24 Freiwilligen bestätigte den Effekt und zeigte, dass er unabhängig von der NO-Synthase auftritt. In einer großen Auswertung an über 342.000 Dialysepatienten blieb der Zusammenhang zwischen einfallender UV-Strahlung und niedrigerem systolischem Blutdruck auch nach Herausrechnen der Temperatur bestehen. Das ist ein Mechanismus, den kein Vitamin-D-Präparat abbildet.
Warum ist Morgenlicht wichtig, obwohl es kaum UVB enthält?
Weil dieser Effekt nicht über die Haut läuft, sondern über das Auge. In der Netzhaut sitzen spezielle Ganglienzellen mit dem Pigment Melanopsin. Sie melden dem Hauptzeitgeber im Hypothalamus, wann Tag ist. Diese Zellen reagieren auf Helligkeit und auf den Blauanteil, nicht auf UVB. Draußen erreichst du an einem trüben Morgen ein Vielfaches der Helligkeit eines gut beleuchteten Büros. In einer Auswertung von über 400.000 Teilnehmenden der UK Biobank war jede zusätzliche Stunde im Tageslicht mit geringerer Wahrscheinlichkeit für depressive Episoden, weniger Müdigkeit, leichterem Aufstehen und einem früheren Chronotyp verbunden. Das ist eine Beobachtung, kein Beweis für Ursache und Wirkung, aber die Richtung ist bemerkenswert konsistent.
Ist Sonnenmeiden wirklich ein eigenes Risiko?
Es gibt dazu eine sehr diskutierte Kohorte. In der Melanoma-in-Southern-Sweden-Studie wurden 29.518 Frauen über 20 Jahre begleitet. Frauen, die die Sonne aktiv mieden, hatten eine um 0,6 bis 2,1 Jahre kürzere Lebenserwartung als die Gruppe mit der höchsten Sonnenexposition, vor allem durch mehr Herz-Kreislauf-Sterblichkeit. Die Autoren formulieren es zugespitzt: Nichtraucherinnen, die Sonne mieden, hatten eine Lebenserwartung ähnlich wie Raucherinnen in der Gruppe mit der höchsten Sonnenexposition. Wichtig zur Einordnung: Das ist eine Beobachtungsstudie. Menschen, die viel draußen sind, unterscheiden sich in vielem. Ein Kausalitätsbeweis ist das nicht. Ein Hinweis darauf, dass komplette Vermeidung keine neutrale Option ist, aber schon.
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EntgiftungQuellen
Alle Angaben wurden über PubMed geprüft. Die zentralen Aussagen zum Vitamin-D-Winter, zum Sonnenbrand-Risiko, zum Stickstoffmonoxid-Weg und zum Einfluss des Hauttyps sind jeweils über mindestens zwei unabhängige Arbeiten abgesichert.
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