Ratgeber Naturkräfte · Atmung und Nervensystem

Atemtechniken für das Nervensystem: Wie der Atem den Vagusnerv steuert

Dein Atem ist die Funktion des vegetativen Nervensystems, die du am direktesten bewusst übernehmen kannst. Und die Ausatmung ist dabei die Bremse.

SJ Shukri Jarmoukli · Arzt · Tätigkeitsschwerpunkt Integrative Medizin (keine Facharzt- oder Zusatzbezeichnung) · ViveCura Berlin
Vagusnerv Herzratenvariabilität Parasympathikus Resonanzatmung KPNI
Mein Ausgangspunkt

Wir suchen die Beruhigung meistens außen. In der App, im Präparat, im nächsten freien Wochenende. Dabei trägst du seit deinem ersten Lebenstag einen Zugang mit dir herum, der sofort verfügbar, kostenlos und physiologisch überprüfbar ist. Der Haken: Fast niemand hat dir je erklärt, warum er funktioniert.

Du kennst diesen Moment

Es ist Dienstagnachmittag. Nichts Schlimmes ist passiert. Trotzdem sitzt da etwas in deiner Brust. Ein feines Vibrieren, als würde der Motor im Leerlauf zu hoch drehen.

Du atmest flach. Oben in der Brust, kurz, ohne dass du es merkst. Die Schultern sind ein Stück höher, als sie sein müssten. Und wenn dich jemand fragt, wie es dir geht, sagst du: gut, viel zu tun.

Abends legst du dich hin. Der Körper ist müde, das System nicht. Die Gedanken laufen weiter, als hätte niemand ihnen gesagt, dass der Tag vorbei ist. Beim Arzt war alles unauffällig. Blutbild in Ordnung, Schilddrüse in Ordnung, EKG in Ordnung.

Unauffällig heißt nicht ruhig. Es heißt nur, dass das, was gemessen wurde, im Referenzbereich liegt. Der Zustand deines autonomen Nervensystems steht in keinem dieser Befunde.

Genau hier setzt dieser Text an. Nicht mit einer Liste von Atemübungen, die du in jedem zweiten Reel findest. Sondern mit der Frage, warum eine bestimmte Art zu atmen im Körper überhaupt etwas verändern kann. Denn wenn du den Mechanismus verstehst, machst du die Übung anders. Und du machst sie eher weiter.

Warum der Atem der direkteste Zugang ins autonome Nervensystem ist

Dein Körper hat zwei Betriebsarten. Der Sympathikus ist das Gaspedal: Herzfrequenz hoch, Muskeln bereit, Aufmerksamkeit nach außen. Der Parasympathikus ist die Bremse: Verdauung, Regeneration, Reparatur, Aufmerksamkeit nach innen.

Beide laufen automatisch. Du kannst deinen Blutdruck nicht per Willensentscheidung senken. Du kannst deine Darmperistaltik nicht anschalten. Du kannst deine Pupillen nicht bewusst weiten.

Eine Funktion dieses Systems kannst du dagegen direkt übernehmen: die Atmung. Sie läuft automatisch weiter, wenn du schläfst. Und sie gehorcht dir sofort, wenn du sie übernimmst. Das ist anatomisch bemerkenswert und der Grund, warum Atemarbeit in praktisch jeder Körpertradition der Welt auftaucht, lange bevor jemand ein EKG hatte.

Reframe: Atmen ist kein Entspannungstrick

Die meisten Menschen denken bei Atemübungen an Wellness. An eine nette Sache, die man macht, wenn Zeit dazu ist. Aus physiologischer Sicht ist es etwas anderes.

Die Atmung ist eine Schnittstelle. Sie ist die Stelle, an der dein bewusster Wille und dein vegetatives Nervensystem denselben Nerv benutzen. Jeder Atemzug ist ein Signal an den Hirnstamm. Du kannst dieses Signal nicht abstellen, aber du kannst seinen Inhalt verändern.

Und jetzt weißt du, warum sich das Gespräch über Atmung lohnt, bevor wir über eine einzige Übung sprechen.

Der Vagusnerv: die Bremsleitung deines Körpers

Der Nervus vagus ist der zehnte Hirnnerv. Sein Name kommt vom lateinischen Wort für umherschweifend, und das beschreibt ihn gut. Er verlässt den Hirnstamm, zieht am Hals nach unten und verzweigt sich zu Herz, Lunge, Magen, Darm, Leber und Milz.

Ein wichtiges Detail wird oft übersehen: Der Vagus ist keine Einbahnstraße nach unten. Der größere Teil seiner Fasern läuft in die Gegenrichtung, von den Organen zum Gehirn. Dein Kopf bekommt über diesen Nerv fortlaufend Meldungen darüber, wie es im Rest von dir aussieht. Das könnte eine anatomische Grundlage dessen sein, was wir Bauchgefühl nennen. Belegt ist die Verbindung von Organ zu Gehirn. Die Zuordnung zum Bauchgefühl ist eine Deutung, keine Messung.

Am Herzen arbeitet der Vagus als Bremse. Er gibt Acetylcholin an den Sinusknoten ab, den körpereigenen Taktgeber. Das verlangsamt den Takt. Nimmt der vagale Einfluss ab, beschleunigt das Herz. Diese Bremse ist schnell. Sie greift innerhalb eines einzigen Herzschlags, während das sympathische Gaspedal über Adrenalin Sekunden braucht.

1

Die Lunge meldet nach oben

Dehnungsrezeptoren in den Atemwegen und Barorezeptoren in Aorta und Halsschlagader senden ihre Signale über vagale Fasern in den Nucleus tractus solitarii im Hirnstamm.

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Der Hirnstamm rechnet

Der Nucleus tractus solitarii verschaltet diese Information weiter, unter anderem zum Nucleus ambiguus, dem Ursprungsort der herzbremsenden Vagusfasern.

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Der Vagus bremst das Herz

Acetylcholin am Sinusknoten verlängert den Abstand zwischen zwei Schlägen. Sichtbar wird das als Anstieg der Herzratenvariabilität, besonders während der Ausatmung.

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Die Meldung geht ans Gehirn zurück

Aufsteigende Bahnen erreichen Areale, die an Aufmerksamkeit, Bewertung und Emotionsregulation beteiligt sind. Der Körper informiert den Kopf darüber, dass gerade keine Gefahr besteht.

Mechanismus Übersichtsarbeit, Mensch

Drei australische Schmerzmediziner haben 2017 in der Fachzeitschrift Breathe die gesamte verfügbare Physiologie des langsamen Atmens beim gesunden Menschen zusammengetragen. Sie beschreiben, wie langsames Atmen Zwerchfellaktivität, Beatmungseffizienz, Chemoreflex, Barorezeptorsensitivität, Herzratenvariabilität und die Kopplung zwischen Herz und Atmung beeinflussen kann.

Ihr Fazit ist zurückhaltend und deshalb glaubwürdig: Es gibt eine plausible physiologische Grundlage, und es gibt dringenden Bedarf an weiterer Forschung. Für dich heißt das, dass hier kein Wundermechanismus behauptet wird, sondern ein gut beschreibbarer Regelkreis.

Russo, Santarelli, O'Rourke. The physiological effects of slow breathing in the healthy human. Breathe. 2017. DOI: 10.1183/20734735.009817

Warum ausgerechnet die Ausatmung die Bremse ist

Lege zwei Finger an dein Handgelenk und atme langsam ein. Wenn du fein genug hinspürst, wird der Puls in dieser Phase etwas schneller. Atme aus, und er wird langsamer. Dieses Phänomen heißt respiratorische Sinusarrhythmie. Es ist kein Fehler, sondern ein Zeichen von Gesundheit.

Der Grund liegt im Hirnstamm. Während der Einatmung wird der vagale Ausgang zum Herzen kurz gedämpft, das Herz darf beschleunigen. Während der Ausatmung fällt diese Dämpfung weg, der Vagus greift wieder durch, das Herz wird langsamer. Deine Atmung moduliert also im Sekundentakt, wie stark die Bremse gerade angezogen ist.

Zwei Atemmuster im Vergleich

Einatmung: vagale Bremse gelockert
Ausatmung: vagale Bremse aktiv
Stressatmung
ca. 16 pro Min.
Ruhige Atmung
ca. 10 pro Min.
Übungsatmung
ca. 6 pro Min.

Vereinfachte Darstellung des Verhältnisses von Ein- und Ausatmung. Entscheidend ist nicht die exakte Sekundenzahl, sondern dass die Ausatmung den größeren Anteil des Atemzyklus einnimmt.

Zwei amerikanische Physiologen haben 2019 eine ausführliche Hypothese dazu formuliert, was während der beiden Phasen im Detail passiert. Ihr Modell ist mechanistisch, es beruht auf Tier- und Humandaten aus der Atemphysiologie, und es ist die derzeit klarste Erklärung, die ich kenne.

Mechanismus Mechanismus-Review, Hypothese

Noble und Hochman von der Emory University beschreiben in Frontiers in Physiology, dass bei langer Einatmung bevorzugt langsam adaptierende Dehnungsrezeptoren der Lunge aktiviert werden, die im Hirnstamm hemmende Wirkungen anstoßen. Bei tiefer Ausatmung endet diese Rezeptoraktivität, gleichzeitig steigt der Blutdruck kurz an und stimuliert die Barorezeptoren.

Beide Signale treffen im Nucleus tractus solitarii zusammen. Das Ergebnis ist ein verstärkter parasympathischer Ausgang zum Herzen während der Ausatmung. Die Autoren betonen ausdrücklich, dass es sich um eine Hypothese handelt, die im Modell weiter geprüft werden muss.

Noble, Hochman. Hypothesis: Pulmonary Afferent Activity Patterns During Slow, Deep Breathing Contribute to the Neural Induction of Physiological Relaxation. Front Physiol. 2019;10:1176. DOI: 10.3389/fphys.2019.01176

Wenn das stimmt, ergibt sich daraus eine sehr praktische Konsequenz. Eine tiefe Einatmung allein reicht nicht. Erst die verlängerte Ausatmung nutzt das Zeitfenster, in dem die vagale Bremse greifen kann.

Klinische Studie RCT, n=114

Eine Arbeitsgruppe der Stanford University verglich in einer randomisierten, kontrollierten Studie über einen Monat drei Atemformen mit Achtsamkeitsmeditation. Jede Gruppe übte täglich fünf Minuten. Die Formen waren zyklisches Seufzen mit betonter Ausatmung, Box Breathing mit gleich langen Phasen und zyklische Hyperventilation mit kurzer Ausatmung.

Die exhalationsbetonte Variante schnitt bei der Stimmungsverbesserung am besten ab und senkte die Atemfrequenz am deutlichsten, jeweils im Vergleich zur Meditationsgruppe. Für dich bedeutet das: Nicht jede Atemtechnik ist gleich. Die Betonung der Ausatmung scheint der wirksamste Hebel unter den getesteten zu sein.

Balban, Neri, Kogon et al. Brief structured respiration practices enhance mood and reduce physiological arousal. Cell Rep Med. 2023;4(1):100895. DOI: 10.1016/j.xcrm.2022.100895
Klinische Studie RCT, n=40

Eine indische Arbeitsgruppe ließ 20 Menschen mit Adipositas metronomgesteuert mit einem niedrigen Verhältnis von Ein- zu Ausatmung atmen, bei 12 Atemzügen pro Minute. Die Ausatmung nahm dabei rund 56 Prozent der gesamten Atemdauer ein. Die Kontrollgruppe saß ruhig und schaute auf dasselbe Metronom, ohne die Atmung zu verändern.

In der Interventionsgruppe stiegen zwei Marker der vagal vermittelten Herzratenvariabilität an, RMSSD und die Hochfrequenzkomponente. Gleichzeitig verbesserte sich die Stimmung und die berichtete Anspannung ging zurück. Interessant ist, dass hier keine besonders langsame Frequenz nötig war, sondern nur ein verschobenes Verhältnis.

Telles, Gupta, Sharma, Balkrishna. Volitionally Regulated Breathing with Prolonged Expiration Influences Food Craving and Impulsivity. Complement Med Res. 2024;31(4):376-389. DOI: 10.1159/000539618

Und jetzt weißt du, warum die alte Anweisung, einmal tief durchzuatmen, so oft ins Leere läuft. Sie betont die falsche Hälfte.

Herzratenvariabilität: der Messwert, an dem du es sehen kannst

Ein gesundes Herz schlägt nicht wie ein Metronom. Zwischen zwei Schlägen liegen mal 880 Millisekunden, mal 910, mal 865. Diese Schwankung heißt Herzratenvariabilität, kurz HRV. Sie entsteht zu einem großen Teil über den Vagusnerv.

Der Denkfehler, den ich am häufigsten sehe: Menschen halten eine gleichmäßige Herzfrequenz für ein Zeichen von Stabilität. Physiologisch ist eher das Gegenteil der Fall. Ein System, das flexibel zwischen Anspannung und Entspannung wechseln kann, produziert mehr Variabilität. Ein starr getakteter Puls in Ruhe deutet eher darauf hin, dass das Gaspedal dauerhaft leicht gedrückt bleibt.

Reframe: Nicht Ruhe ist das Ziel, sondern Beweglichkeit

Wir reden über Entspannung oft so, als wäre sie ein Zustand, den man erreicht und dann hält. Das ist nicht, wie Physiologie funktioniert.

Gesund ist die Fähigkeit zu wechseln. Hochfahren, wenn es nötig ist. Und wieder herunterkommen, wenn es vorbei ist. Chronischer Stress zeigt sich weniger daran, dass jemand angespannt ist, sondern daran, dass die Rückkehr nicht mehr stattfindet. Atemarbeit trainiert genau diesen Rückweg.

Die Forschung hat eine bestimmte Atemfrequenz besonders im Blick: etwa sechs Atemzüge pro Minute, das entspricht ungefähr 0,1 Hertz. In diesem Bereich schwingen Atmung, Blutdruckwellen und Herzfrequenz in einem gemeinsamen Rhythmus. Man nennt das Resonanz.

Kontrollierte Humanstudie Fall-Kontroll-Design, n=46

Eine italienische Gruppe um Bernardi untersuchte 20 Menschen mit essenzieller Hypertonie und 26 Kontrollpersonen im Sitzen. Gemessen wurde während spontaner Atmung sowie während kontrollierter Atmung mit 6 und mit 15 Atemzügen pro Minute.

Bei sechs Atemzügen pro Minute sank der systolische Druck der Hypertoniegruppe von 149,7 auf 141,1 Millimeter Quecksilbersäule, der diastolische von 82,7 auf 77,8. Die Barorezeptorsensitivität stieg von 5,8 auf 10,3 Millisekunden pro Millimeter Quecksilbersäule. Das war eine akute Messung während der Übung. Es ist kein Beleg für eine Blutdrucktherapie, aber ein sehr klarer Beleg dafür, dass die Atemfrequenz den Kreislauf messbar erreicht.

Joseph, Porta, Casucci et al. Slow breathing improves arterial baroreflex sensitivity and decreases blood pressure in essential hypertension. Hypertension. 2005;46(4):714-718. DOI: 10.1161/01.HYP.0000179581.68566.7d

Dieselbe Arbeitsgruppe hatte einige Jahre zuvor etwas beobachtet, das mich bis heute berührt. Sie untersuchten, was beim Rezitieren des Rosenkranzes auf Latein und beim Sprechen eines Yoga-Mantras im Kreislauf passiert.

Vergleichsstudie Mensch, n=23

Beide Rezitationsformen führten bei 23 gesunden Erwachsenen fast automatisch zu einer Atemfrequenz von etwa sechs Atemzügen pro Minute. Damit verstärkten sich die vorhandenen Kreislaufrhythmen deutlich und synchron. Die Barorezeptorsensitivität stieg von 9,5 auf 11,5 Millisekunden pro Millimeter Quecksilbersäule.

Zwei Praxisformen aus sehr verschiedenen Kulturen landen bei derselben Atemfrequenz. Die Autoren halten sogar für möglich, dass der Rosenkranz historisch aus der indischen Tradition nach Europa kam. So oder so bleibt bemerkenswert, dass beide bei etwa sechs Atemzügen pro Minute ankommen. Für mich ist das ein Hinweis darauf, dass alte Praxis und moderne Physiologie sich nicht widersprechen müssen.

Bernardi, Sleight, Bandinelli et al. Effect of rosary prayer and yoga mantras on autonomic cardiovascular rhythms. BMJ. 2001;323(7327):1446-1449. DOI: 10.1136/bmj.323.7327.1446

Die naheliegende Frage lautet: Muss ich diese sechs Atemzüge exakt treffen? Zwei Untersuchungen aus Köln und Caen geben darauf eine entlastende Antwort.

5 bis 7 Atemzüge pro Minute erhöhten bei 75 Sportlerinnen und Sportlern die kardiale Vagusaktivität gegenüber Spontanatmung, alle getesteten Frequenzen
5 Min. reichten bei 59 Teilnehmenden, um RMSSD anzuheben. Zehn, fünfzehn und zwanzig Minuten brachten bei diesem Messwert keinen zusätzlichen Anstieg
g = 0,83 Effektstärke gegenüber Kontrollbedingungen für die Reduktion von selbstberichtetem Stress und Angst durch HRV-Biofeedback, aus einer Meta-Analyse von 24 Studien mit 484 Personen
Dosis-Wirkung Within-Subject, n=59

Eine deutsch-französische Gruppe ließ 59 Personen an fünf Terminen mit sechs Zyklen pro Minute atmen, jeweils 5, 10, 15 oder 20 Minuten lang, dazu eine Kontrollbedingung ohne Übung. Die vagal vermittelte Herzratenvariabilität stieg in allen Übungsbedingungen gegenüber der Kontrolle an.

Zwischen den Dauern fand sich bei diesem Messwert kein Unterschied. Die Dauer beeinflusste allerdings die spontane Atemfrequenz danach: Sie sank mit längerer Übungszeit. Für dich heißt das, dass kurze Einheiten bereits etwas anstoßen, längere aber eventuell länger nachwirken.

You, Laborde, Zammit et al. Single Slow-Paced Breathing Session at Six Cycles per Minute. Int J Environ Res Public Health. 2021;18(23):12478. DOI: 10.3390/ijerph182312478

Und jetzt weißt du, warum du keine Zehntelsekunde treffen musst. Der Korridor ist breiter, als viele denken. Eine App kann beim Rhythmus helfen, nötig ist sie für den Effekt nach der bisherigen Datenlage nicht.

Was dein Gehirn davon mitbekommt

Bis hierhin ging es um Herz und Kreislauf. Aber die eigentlich spannende Frage ist eine andere: Warum verändert sich beim Atmen auch das, was du denkst und fühlst?

Hier wird die Sache für die KPNI interessant, weil alle vier Linsen zusammenlaufen. Das Nervensystem stellt die Verbindung her. Das Hormonsystem reagiert über die Stressachse. Der Stoffwechsel folgt, weil ein dauerhaft aktivierter Sympathikus die Energieverwertung verschiebt. Und das Immunsystem hängt mit dran, weil vagale Signale an der Regulation von Entzündungsprozessen beteiligt sind.

Nervensystem

Der Atemrhythmus taktet Hirnstamm, limbische Areale und Kortex. Über aufsteigende vagale Bahnen erreicht die Information Regionen, die an Bewertung und Emotionsregulation beteiligt sind.

Hormonsystem

Anhaltende sympathische Aktivierung hält die Stressachse in Bewegung. Wenn die parasympathische Gegenbewegung häufiger stattfindet, kann sich der hormonelle Grundton mit verschieben.

Stoffwechsel

Unter Daueraktivierung stellt der Körper auf schnelle Verfügbarkeit von Energie um. Regenerative Prozesse wie Verdauung und Reparatur können im parasympathischen Modus besser laufen.

Immunsystem

Vagale Bahnen sind an der Dämpfung entzündlicher Signale beteiligt. Das ist ein aktives Forschungsfeld, und für Atemtechniken bleibt es bisher eher plausibel als belegt.

Am direktesten belegt ist der Zusammenhang beim Gehirn selbst. Und zwar mit einer Methode, die man Menschen normalerweise nicht zumuten kann.

Intrakranielle Ableitung Mensch, invasive EEG-Messung

Eine Gruppe der Northwestern University konnte bei Patientinnen und Patienten mit schwer behandelbarer Epilepsie direkt im Gehirn messen, während diese normal atmeten. Die Elektroden lagen ohnehin dort, aus therapeutischen Gründen.

Das Ergebnis: Die natürliche Atmung synchronisierte elektrische Aktivität im Riechhirn, in der Amygdala und im Hippocampus. Die Aktivität war während der Einatmung am stärksten. Sobald die Atmung vom Mund statt von der Nase kam, wurde die Kopplung deutlich schwächer. In begleitenden Verhaltensversuchen erkannten Gesunde ängstliche Gesichter schneller, wenn sie gerade einatmeten.

Zelano, Jiang, Zhou et al. Nasal Respiration Entrains Human Limbic Oscillations and Modulates Cognitive Function. J Neurosci. 2016;36(49):12448-12467. DOI: 10.1523/JNEUROSCI.2586-16.2016

Der Atem ist also kein reiner Kreislaufeffekt. Er ist ein Taktgeber für Hirnareale, die mit Angst und Erinnerung zu tun haben. Das erklärt einiges darüber, warum Atemarbeit sich anders anfühlt als eine Kreislaufübung.

Wie eng Atmung und Wachheit verschaltet sind, zeigte 2017 eine Arbeit aus Stanford und der UCLA, allerdings an Mäusen. Ich nenne sie hier ausdrücklich als Tierstudie, weil ihr Befund oft unsauber auf den Menschen übertragen wird.

Grundlagenforschung In vivo, Maus

Im präBötzinger-Komplex der Maus, dem Taktgeber der Atmung im Hirnstamm, fand die Gruppe eine kleine Untergruppe von rund 175 Nervenzellen. Wurden diese Zellen gezielt ausgeschaltet, blieb die Atmung völlig normal. Was sich änderte, war das Verhalten: Die Tiere verbrachten mehr Zeit in ruhigen Zuständen und weniger in erregten.

Diese Zellen projizieren direkt zum Locus coeruleus, dem Noradrenalin-Zentrum für Wachheit und Alarmbereitschaft. Im Tiermodell gibt es also eine direkte anatomische Leitung vom Atemtaktgeber zum Erregungsniveau. Beim Menschen ist eine entsprechende Verschaltung bisher nicht in dieser Form gezeigt worden.

Yackle, Schwarz, Kam et al. Breathing control center neurons that promote arousal in mice. Science. 2017;355(6332):1411-1415. DOI: 10.1126/science.aai7984

Und jetzt weißt du, warum die Grenze zwischen Körperübung und Kopfsache beim Atem so schlecht zu ziehen ist. Sie existiert anatomisch nicht.

Ein Muster, das mir in der Praxis oft begegnet

Aus der Praxis, ohne Einzelfall

Ich beschreibe hier bewusst keine einzelne Geschichte, sondern ein Muster: Menschen mit anhaltender innerer Unruhe, deren Vorbefunde unauffällig sind. Das ist ein sinnvolles und wichtiges Ergebnis, denn es schließt die gefährlichen Ursachen aus. Was eine Labor- und EKG-Diagnostik naturgemäß nicht abbildet, ist der autonome Zustand. Diese Frage stellt sich erst, wenn das Wichtigere ausgeschlossen ist.

Für viele Menschen ist der entscheidende Schritt dann nicht die Technik, sondern die einmalige körperliche Erfahrung, dass sich beim Ausatmen überhaupt etwas verlangsamt. Nicht als Idee, sondern als Wahrnehmung.

Ob daraus eine dauerhafte Veränderung wird, kann ich nicht vorhersagen. Das hängt bei jedem Menschen an anderen Faktoren, und meistens verändert sich parallel mehr als nur die Atmung.

Ruhe ist kein Luxus und keine Belohnung für erledigte Arbeit. Ruhe ist die Voraussetzung dafür, dass du wieder wählen kannst, statt nur zu reagieren. Das ist die eigentliche Freiheit, um die es hier geht.

Wie belastbar ist die Evidenz

Ich halte es für wichtig, an dieser Stelle ehrlich zu bleiben. Atemarbeit wird gerade sehr laut vermarktet, und die Datenlage ist besser als vor zehn Jahren, aber sie ist nicht spektakulär.

Meta-Analyse Meta-Analyse, k=12, n=785

Eine britische Gruppe um Fincham hat in Scientific Reports randomisierte, kontrollierte Studien zu Atemarbeit zusammengefasst. Für selbstberichteten Stress lag die Effektstärke bei g gleich minus 0,35, berechnet aus 12 Studien mit 785 Erwachsenen. Für Angst kamen 20 Studien auf minus 0,32, für depressive Symptome 18 Studien auf minus 0,40. Alle drei Werte waren statistisch signifikant.

Das sind kleine bis mittlere Effekte. Die Autorinnen und Autoren weisen selbst darauf hin, dass die meisten eingeschlossenen Studien ein mittleres Verzerrungsrisiko hatten, und sie warnen ausdrücklich vor einer Diskrepanz zwischen Hype und Evidenz. Diese Zurückhaltung teile ich.

Fincham, Strauss, Montero-Marin, Cavanagh. Effect of breathwork on stress and mental health: A meta-analysis of randomised-controlled trials. Sci Rep. 2023;13(1):432. DOI: 10.1038/s41598-022-27247-y
Meta-Analyse Meta-Analyse, k=24, n=484

Für HRV-Biofeedback, also langsames Atmen mit gleichzeitiger Rückmeldung der Herzdaten, fällt die Bilanz deutlicher aus. Eine Gruppe der Boston University fand eine gepoolte Vorher-Nachher-Effektstärke von g gleich 0,81 und im Vergleich zu Kontrollbedingungen g gleich 0,83 für die Reduktion von selbstberichtetem Stress und Angst.

Die Wirksamkeit wurde weder durch das Publikationsjahr noch durch die Sitzungszahl oder das Vorliegen einer Angststörung moderiert. Die Autoren fordern trotzdem weitere gut kontrollierte Studien. Das Verfahren ist gut untersucht, aber nicht abschließend geklärt.

Goessl, Curtiss, Hofmann. The effect of heart rate variability biofeedback training on stress and anxiety: a meta-analysis. Psychol Med. 2017;47(15):2578-2586. DOI: 10.1017/S0033291717001003

Ein systematischer Review aus Pisa hat 2018 die psychophysiologischen Korrelate langsamen Atmens gesichtet. Von 2.461 Abstracts erfüllten am Ende 15 Arbeiten die Einschlusskriterien. Das ist eine dünne Basis, und die Autoren sagen das auch so. Was sie fanden, war konsistent: mehr Herzratenvariabilität, mehr respiratorische Sinusarrhythmie, mehr Alpha-Aktivität im EEG, weniger Theta-Aktivität, und subjektiv mehr Behagen und weniger Anspannung.

Was das für die Einordnung heißt

Die physiologische Seite ist gut beschrieben. Dass langsames Atmen die vagal vermittelte Herzratenvariabilität und die Barorezeptorsensitivität akut erhöhen kann, ist mehrfach unabhängig gemessen worden.

Die klinische Seite ist schwächer. Ob sich daraus über Monate stabile Veränderungen bei Angst, Depression oder Blutdruck ergeben, ist nicht abschließend geklärt. Große, langfristige und gut verblindete Studien fehlen, und Verblindung ist bei Atemübungen methodisch schwierig.

Meine Position dazu: Für die meisten Menschen ist langsames Atmen eine Maßnahme mit geringem Risiko, ohne Kosten und mit einer plausiblen physiologischen Grundlage. Für wen das nicht gilt, steht im nächsten Abschnitt. Das rechtfertigt aus meiner Sicht den Versuch, nicht aber ein Versprechen.

Drei Hebel, die du heute anlegen kannst

Ich halte es bewusst kurz. Drei Dinge, nicht zehn. Wer zehn Übungen mitnimmt, macht am Ende keine.

1

Verlängere die Ausatmung, nicht die Einatmung

Ein einfaches Verhältnis: etwa vier Sekunden ein durch die Nase, etwa sechs Sekunden aus. Ohne Pressen, ohne Anhalten. Wenn sechs Sekunden zu lang sind, nimm fünf. Der Punkt ist das Verhältnis, nicht die Zahl.

Wenn du merkst, dass die Ausatmung zu Ende geht, bevor die Zeit um ist, atme vorher einfach etwas weniger tief ein. Volle Lungen sind hier nicht das Ziel.

2

Fünf Minuten, täglich, an einem festen Anker

Die vorhandenen Daten legen nahe, dass eine kurze Einheit von fünf Minuten die vagal vermittelte Herzratenvariabilität bereits anheben kann. Ob tägliches Üben mehr bringt als seltenes langes Üben, ist nicht direkt untersucht. Aus meiner Erfahrung ist die Regelmäßigkeit der Teil, an dem es im Alltag scheitert, deshalb empfehle ich lieber kurz und täglich.

Häng die Übung an etwas, das ohnehin passiert. Nach dem Zähneputzen. Vor dem Losfahren. Beim Warten auf den Kaffee. Ein fester Anker schlägt den guten Vorsatz.

3

Nase statt Mund, Bauch statt Brust

Die intrakraniellen Messungen zeigen, dass die Nasenströmung selbst die Kopplung zwischen Atmung und limbischen Arealen trägt. Was sie nicht zeigen, ist ein beruhigender Effekt, gemessen wurde eine Taktung, keine Entspannung. Ich empfehle die Nasenatmung trotzdem, weil sie den Atem von selbst langsamer und gleichmäßiger macht. Das ist der Teil, der hier zählt.

Lege eine Hand auf den Bauch. Wenn sich beim Einatmen die Hand hebt und die Schultern ruhig bleiben, arbeitet das Zwerchfell. Das ist der Muskel, der beim Atmen eigentlich zuständig ist.

Reframe: Du übst nicht für den Notfall

Viele Menschen holen die Atemübung erst heraus, wenn die Anspannung schon oben ist. Das kann funktionieren, ist aber die schwerste Variante.

Sinnvoller ist das Gegenteil. Du übst in der Ruhe, damit der Weg gebahnt ist, wenn es eng wird. Wie beim Sport: Du trainierst nicht während des Wettkampfs. Du trainierst davor, damit der Körper im Wettkampf weiß, was zu tun ist.

Wo der Atem an Grenzen kommt

Es wäre unredlich, diesen Text ohne diesen Abschnitt zu beenden. Atemarbeit ist nicht für alle und nicht in jeder Form geeignet.

Situationen, in denen Zurückhaltung angebracht ist

  • Panikstörung mit Hyperventilationsneigung: Die Aufmerksamkeit auf den Atem kann Angst zunächst verstärken. Besser mit Begleitung beginnen.
  • Schlecht eingestelltes Asthma oder COPD: Veränderte Atemmuster gehören hier zuerst mit der behandelnden Praxis besprochen.
  • Akute kardiale Beschwerden: Brustschmerz, neu aufgetretene Luftnot oder Herzrasen gehören abgeklärt, bevor an der Atmung gearbeitet wird.
  • Schwangerschaft: Übungen mit Luftanhalten oder Hyperventilation sind hier nicht angebracht.
  • Schwere Traumafolgestörung: Die Innenwahrnehmung kann selbst belastend sein. Der Einstieg gehört in therapeutische Begleitung.
  • Hyperventilations- und Kälteatemtechniken: Sie gehören nicht in die unbegleitete Selbstanwendung, besonders nicht im Wasser.
  • Bekannte Epilepsie oder ein früherer Krampfanfall: Hier gilt das besonders, weil Hyperventilation Anfälle auslösen kann und in der Neurologie genau dafür als Provokationsmethode eingesetzt wird.
Wenn beim Üben etwas kippt

Schwindel, Kribbeln in Händen oder um den Mund und ein Gefühl von Enge können Zeichen dafür sein, dass du zu viel oder zu schnell atmest. Brich die Übung ab und atme normal weiter. Meist legt sich das innerhalb weniger Minuten. Wenn es nicht aufhört, wenn dir schwarz vor Augen wird oder wenn die Enge in der Brust bleibt, ist das kein Übungsthema mehr, dann lass es ärztlich abklären. Bei starkem Brustschmerz, schwerer Luftnot oder Bewusstlosigkeit wähle die 112.

Und der wichtigste Satz: Wenn hinter der inneren Unruhe eine Schilddrüsenstörung, ein Eisenmangel, eine Herzrhythmusstörung, eine Angststörung, eine Depression oder eine schlafbezogene Atmungsstörung wie eine Schlafapnoe steckt, dann braucht es die passende Diagnostik. Gerade bei Schnarchen, beobachteten Atemaussetzern oder Tagesschläfrigkeit gehört die Schlafapnoe abgeklärt, bevor du an der Atmung arbeitest. Der Atem verändert die Regulation. Er ersetzt keine Abklärung der Ursache.

Ein Hinweis, der hier hingehört: Wenn du dich in einer akuten Krise befindest oder Gedanken hast, dir das Leben zu nehmen, ist Atemarbeit nicht der richtige Ort. Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr kostenlos erreichbar unter 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222. Im Notfall wähle die 112.

Die schulmedizinische Abklärung hat hier ihren festen Platz und ist der erste Schritt. Was eine integrative Sicht ergänzen kann, ist die zusätzliche Frage nach dem autonomen Zustand. Sie gehört nicht zum Standardprogramm einer Abklärung und braucht Zeit. Beides zusammen ergibt aus meiner Erfahrung das vollständigere Bild.

Häufige Fragen zu Atmung und Nervensystem

Wie kann ich mein Nervensystem mit Atmung beruhigen?

Der wichtigste Hebel ist eine Ausatmung, die länger dauert als die Einatmung. Beim Ausatmen steigt der Einfluss des Vagusnervs auf den Herzschrittmacher, das Herz wird für einen Moment langsamer. Beim Einatmen passiert das Gegenteil.

Wenn du die Ausatmung verlängerst, verschiebst du das Verhältnis Richtung Parasympathikus. Ein einfacher Einstieg sind rund sechs Atemzüge pro Minute, also etwa vier Sekunden ein und sechs Sekunden aus. Studien zeigen, dass die vagal vermittelte Herzratenvariabilität dabei ansteigt. Wichtig ist die Regelmäßigkeit, nicht die Perfektion.

Warum beruhigt die lange Ausatmung und nicht das tiefe Einatmen?

Ein- und Ausatmung sind für das autonome Nervensystem zwei verschiedene Zustände. Während der Einatmung wird die vagale Bremse auf das Herz kurz zurückgenommen, die Herzfrequenz steigt. Während der Ausatmung kehrt der vagale Einfluss zurück, die Herzfrequenz sinkt. Diesen Wechsel nennt man respiratorische Sinusarrhythmie.

Eine Übersichtsarbeit in Frontiers in Physiology beschreibt zusätzlich, dass die Ausatmung über den Blutdruckanstieg die Barorezeptoren stimuliert, was den parasympathischen Ausgang zum Herzen verstärken kann. Tiefes Einatmen allein, ohne dass die Ausatmung länger wird, nutzt dieses Zeitfenster nicht. In der Stanford-Studie schnitt die Variante mit betonter Ausatmung besser ab als die mit betonter Einatmung. Dass tiefes Einatmen die Anspannung erhöht, ist damit nicht gezeigt, es scheint nur weniger zu bringen.

Was ist die Herzratenvariabilität und was sagt sie über meinen Stress?

Die Herzratenvariabilität, kurz HRV, beschreibt die kleinen Schwankungen der Abstände zwischen zwei Herzschlägen. Ein gesundes Herz schlägt nicht wie ein Metronom. Diese Schwankung entsteht zu einem großen Teil über den Vagusnerv.

Eine hohe vagal vermittelte HRV gilt als Zeichen dafür, dass dein System flexibel zwischen Anspannung und Entspannung wechseln kann. Eine Meta-Analyse von Thayer und Kollegen verband die HRV mit der Aktivität in Amygdala und ventromedialem präfrontalem Kortex. Wichtig: Die HRV ist kein Diagnosewert und schwankt stark mit Alter, Schlaf, Alkohol und Tagesform. Vergleiche sie mit dir selbst, nicht mit anderen.

Wie viele Atemzüge pro Minute sind zum Beruhigen ideal?

Die Forschung kreist um etwa sechs Atemzüge pro Minute, das entspricht ungefähr 0,1 Hertz. In dieser Frequenz schwingen Atmung, Blutdruckwellen und Herzschlag in einem gemeinsamen Rhythmus, was als Resonanz bezeichnet wird.

Eine Untersuchung an 75 Sportlerinnen und Sportlern fand allerdings, dass alle getesteten Frequenzen von fünf bis sieben Atemzügen pro Minute die kardiale Vagusaktivität gegenüber der Spontanatmung erhöhten. Du musst also keine exakte Zahl treffen. Langsamer als dein Alltagsatem ist bereits der entscheidende Schritt.

Wie lange muss ich atmen, bis sich etwas ändert?

Akut sehr schnell, langfristig braucht es Wiederholung. In einer Studie mit 59 Teilnehmenden stieg die vagal vermittelte Herzratenvariabilität bereits während einer fünfminütigen Einheit an. Längere Einheiten von zehn, fünfzehn oder zwanzig Minuten brachten bei diesem Messwert keinen zusätzlichen Effekt.

Für die psychische Wirkung sieht die Datenlage anders aus. In einer randomisierten Stanford-Studie über einen Monat verbesserte sich die Stimmung bei täglich fünf Minuten Übung schrittweise über die Wochen. Der Effekt scheint also weniger von der Dauer einer Einheit abzuhängen als von der Häufigkeit.

Was ist der Unterschied zwischen Box Breathing und einer Atmung mit langer Ausatmung?

Box Breathing arbeitet mit gleich langen Phasen aus Einatmen, Halten, Ausatmen und Halten. Die exhalationsbetonte Atmung verlängert dagegen gezielt die Ausatmung, oft mit einer kurzen zweiten Einatmung davor.

In der randomisierten Stanford-Studie von 2023 wurden beide Formen mit Achtsamkeitsmeditation verglichen. Die exhalationsbetonte Variante zeigte die deutlichste Verbesserung der Stimmung und die stärkste Senkung der Atemfrequenz. Das heißt nicht, dass Box Breathing nutzlos ist. Es deutet darauf hin, dass die Betonung der Ausatmung physiologisch den direkteren Weg ins parasympathische System nimmt.

Ist Nasenatmung besser als Mundatmung?

Für das Nervensystem spricht einiges dafür. Eine Arbeit aus dem Journal of Neuroscience zeigte mit intrakraniellen Ableitungen bei Epilepsiepatientinnen und Epilepsiepatienten, dass die natürliche Atmung elektrische Aktivität im Riechhirn, in der Amygdala und im Hippocampus synchronisiert.

Diese Kopplung wurde deutlich schwächer, wenn die Atmung vom Mund statt von der Nase kam. Der Effekt hing an der Nasenströmung selbst. Gemessen wurde dabei eine Taktung der Hirnaktivität, kein beruhigender Effekt. Ich empfehle die Nasenatmung trotzdem, weil sie den Atem von selbst langsamer und gleichmäßiger macht. Bei einer verstopften Nase ist Mundatmung natürlich in Ordnung, dann bleibt der Rest des Mechanismus ja erhalten.

Wie gut ist die Studienlage zu Atemübungen wirklich?

Ordentlich, aber nicht spektakulär, und genau das ist eine ehrliche Antwort. Eine Meta-Analyse randomisierter Studien in Scientific Reports fasste 12 Studien mit 785 Erwachsenen zusammen und fand für selbstberichteten Stress eine kleine bis mittlere Effektstärke von g gleich minus 0,35. Für Angst lag sie bei minus 0,32, für depressive Symptome bei minus 0,40.

Die Autorinnen und Autoren mahnten selbst zur Vorsicht und wiesen auf das mittlere Verzerrungsrisiko der eingeschlossenen Studien hin. Für HRV-Biofeedback, also langsames Atmen mit Rückmeldung der Herzdaten, sind die Effektstärken größer. Atemarbeit ist damit ein sinnvoller, gut zugänglicher Baustein, aber kein Ersatz für eine Behandlung.

Kann langsames Atmen den Blutdruck beeinflussen?

Es gibt dazu Daten. In einer kontrollierten Untersuchung in Hypertension aus dem Jahr 2005 senkte kontrollierte Atmung mit sechs Atemzügen pro Minute bei 20 Menschen mit essenzieller Hypertonie den systolischen Druck von 149,7 auf 141,1 Millimeter Quecksilbersäule und den diastolischen von 82,7 auf 77,8. Gleichzeitig stieg die Barorezeptorsensitivität an.

Das war eine Messung im Sitzen während der Übung, keine Langzeittherapie. Blutdruckmedikamente sollten deshalb nie eigenmächtig verändert werden. Sprich das immer mit der Ärztin oder dem Arzt ab, die deine Werte kennen.

Für wen sind langsame Atemübungen nicht geeignet?

Vorsicht ist geboten bei Panikstörung mit Hyperventilationsneigung, bei schlecht eingestelltem Asthma, bei akuten kardialen Beschwerden, in der Schwangerschaft bei Atemanhalte-Übungen und bei schwerer Traumafolgestörung, wo die Innenwahrnehmung selbst belastend sein kann. Bei bekannter Epilepsie oder einem früheren Krampfanfall gehören Hyperventilations- und Atemanhalte-Techniken nicht in die Selbstanwendung, weil Hyperventilation Anfälle auslösen kann.

Übungen mit Hyperventilation oder langem Luftanhalten gehören ohnehin nicht in die Selbstanwendung ohne Begleitung. Wenn beim Üben Schwindel, Kribbeln in den Händen oder Angst auftreten, brich ab und atme normal weiter. Bei Herzrasen, Brustschmerz oder Luftnot ohne erkennbaren Auslöser gehört das ärztlich abgeklärt, bevor du an der Atmung arbeitest.

Ersetzt Atemarbeit eine Therapie oder Medikamente?

Nein. Atemarbeit ist ein Regulationswerkzeug, keine Behandlung einer Erkrankung. Sie kann eine Psychotherapie, eine ärztliche Abklärung oder eine medikamentöse Behandlung sinnvoll begleiten, aber nicht ersetzen.

Wenn hinter der inneren Unruhe eine Schilddrüsenstörung, ein Eisenmangel, eine Herzrhythmusstörung, eine Angststörung, eine Depression oder eine schlafbezogene Atmungsstörung wie eine Schlafapnoe steckt, braucht es die passende Diagnostik. Der Atem verändert die Regulation, nicht die Ursache. Beides zusammen ist meist der bessere Weg als eines von beidem allein.

Warum spüre ich beim Üben manchmal mehr Unruhe statt weniger?

Das ist häufiger, als viele denken, und es ist kein Zeichen dafür, dass du es falsch machst. Wenn dein System lange unter Dauerstrom stand, ist Stille zunächst ungewohnt. Sobald die äußere Ablenkung wegfällt, wird die innere Anspannung spürbar.

Bei manchen Menschen richtet sich die Aufmerksamkeit außerdem stark auf den eigenen Körper, und dieses Hineinspüren kann Angst verstärken. Sinnvoll ist dann ein sehr kurzer Einstieg von ein bis zwei Minuten, offene Augen, und lieber im Gehen als im Liegen. Wenn die Unruhe bleibt oder zunimmt, ist das ein Grund, es gemeinsam mit jemandem anzuschauen.

Wo dieses Thema mit anderen zusammenhängt

Der autonome Zustand ist kein isoliertes Thema. Er taucht in fast jedem anderen Bereich wieder auf, den ich in der Praxis sehe. Hier sind die Verbindungen, die mir am wichtigsten sind.

SJ
Über den Autor

Shukri Jarmoukli

Arzt · Tätigkeitsschwerpunkt Integrative Medizin (keine Facharzt- oder Zusatzbezeichnung) · ViveCura Berlin

Ich arbeite in Berlin als Arzt mit Schwerpunkt auf integrativer und funktioneller Medizin. Meine Perspektive kommt aus der Klinischen Psychoneuroimmunologie: Ich schaue auf Nervensystem, Immunsystem, Stoffwechsel und Hormonsystem als ein zusammenhängendes Regelwerk, nicht als vier getrennte Fachgebiete.

Was ich in Texten wie diesem versuche, ist nicht, die Schulmedizin zu ersetzen. Sie hat ihren festen Platz und ist oft der erste und wichtigste Schritt. Ich möchte eine zusätzliche Ebene sichtbar machen, die im normalen Praxisalltag selten Zeit bekommt, und dabei klar benennen, wo belegtes Wissen endet und Hypothese beginnt.

ViveCura · Skalitzer Straße 137, Berlin

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Einordnung der Evidenz Die physiologischen Aussagen dieses Artikels stützen sich auf kontrollierte Humanstudien und mechanistische Übersichtsarbeiten. Die Aussagen zur Wirkung auf Stimmung, Stress und Angst stammen aus Meta-Analysen randomisierter Studien mit kleinen bis mittleren Effektstärken und teils mittlerem Verzerrungsrisiko. Der beschriebene Zusammenhang zwischen Atemtaktgeber und Erregungsniveau ist bisher im Tiermodell gezeigt und beim Menschen nicht in dieser Form belegt. Dieser Text dient der Information und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnostik oder Behandlung.

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