Ratgeber Naturkräfte · Waldbaden und Nervensystem

Waldbaden (Shinrin-Yoku): Was im Körper passiert, wenn wir in den Wald gehen

Der Wald verändert messbar dein Cortisol, deinen Herzrhythmus und deine Abwehrzellen. Das ist keine Stimmung. Das ist Physiologie, mit allen Fragezeichen, die dazugehören.

SJ Shukri Jarmoukli · Arzt · Tätigkeitsschwerpunkt Integrative Medizin · ViveCura Berlin
Cortisol Herzratenvariabilität NK-Zellen alpha-Pinen Evidenz ehrlich eingeordnet
Mein Ausgangspunkt

Waldbaden hat ein Imageproblem. Es klingt nach Räucherstäbchen und Bäume umarmen. Dabei ist es eines der am besten vermessenen Naturphänomene der Stressforschung. Man muss nur bereit sein, die Zahlen anzuschauen, statt über den Namen zu lachen.

Ich wette, du kennst diesen Moment. Du gehst in den Wald, eigentlich nur um dich zu bewegen. Nach zehn Minuten merkst du, dass deine Schultern tiefer hängen. Nach zwanzig Minuten atmest du anders. Nicht bewusst, es passiert einfach.

Und dann kommt der Gedanke, der alles kleiner macht: Ist ja nur Einbildung. Frische Luft eben. Ein bisschen Bewegung.

Diesen Gedanken finde ich interessant. Wir akzeptieren sofort, dass Lärm, Bildschirmlicht und offene Bürolandschaften auf den Körper einwirken können. Sobald die Umgebung aber etwas Angenehmes tut, wird sie zur Esoterik erklärt. Das ist keine besonders logische Grenze.

In Japan hat man diese Grenze nie gezogen. Der Begriff Shinrin-Yoku, wörtlich das Baden in der Waldatmosphäre, wurde 1982 vom japanischen Ministerium für Landwirtschaft, Forsten und Fischerei geprägt. Aus dem Begriff wurde ein Forschungsprogramm. Man schickte Menschen in den Wald, maß ihren Speichel, ihren Puls, ihren Blutdruck, ihre Abwehrzellen. Und man verglich sie mit Menschen, die dieselbe Strecke in der Stadt gingen.

Ich möchte dir zeigen, was dabei herauskam. Und genauso ehrlich, wo die Daten dünn werden, wo Erwartungseffekte im Spiel sein können und wo ein Drittel der Teilnehmenden schlicht nicht so reagierte wie erhofft.

Was dich in diesem Artikel erwartet

  • Was im Wald mit Cortisol und Blutdruck geschieht
  • Warum der Vagus mitspielt und wie man ihn misst
  • Terpene: der Duft des Waldes als Molekül
  • Wie Baumöle im Hotelzimmer getestet wurden
  • Natürliche Killerzellen und ihre Abwehrproteine
  • Warum das Grübeln im Wald leiser wird
  • Was große Bevölkerungsdaten zeigen und was nicht
  • Wo die Studienlage ehrlich gesagt schwach ist
  • Drei Hebel, die du diese Woche umsetzen kannst
  • Für wen Vorsicht angebracht ist
Wie ich die Evidenz markiere Klinisch randomisierte Studien und Metaanalysen am Menschen. Human Feldversuche, Beobachtungen und Querschnitte am Menschen. Tiermodell Untersuchungen an Tieren, beim Menschen noch nicht belegt. Zellkultur Versuche an isolierten Zellen im Labor.

Der Wald redet zuerst mit deinem Nervensystem

Darf ich dir eine unbequeme Frage stellen? Wann hast du das letzte Mal gemerkt, dass dein Körper aus dem Alarmmodus herauskommt?

Die meisten Menschen, die zu mir kommen, kennen den umgekehrten Zustand sehr gut. Wach am Morgen, aber nicht ausgeruht. Der Puls etwas zu hoch. Die Schultern hochgezogen, seit Wochen. Der Körper hat vergessen, wie Herunterfahren geht.

Genau diese Umschaltung haben die japanischen Arbeitsgruppen gemessen. Und zwar nicht im Labor, sondern draußen.

StudieFeldversuch, Mensch

Wer: Park und Kolleginnen und Kollegen führten Feldexperimente in 24 Wäldern in ganz Japan durch und veröffentlichten die Ergebnisse 2010 in Environmental Health and Preventive Medicine. Insgesamt 280 junge Erwachsene nahmen teil, je zwölf pro Wald.

Was sie beobachteten: Jede Gruppe ging an einem Tag in den Wald und am anderen Tag in ein Stadtgebiet, als Überkreuz-Vergleich. Gegangen wurde 16 ± 5 Minuten, danach folgte ein Betrachten der Umgebung über 14 ± 2 Minuten. In der Waldumgebung lagen Speichelcortisol, Puls und Blutdruck niedriger als in der Stadt. Die parasympathische Aktivität war höher, die sympathische niedriger.

Was das für dich bedeutet: Zwanzig Minuten. Nicht zwei Wochen Auszeit. Wenn diese Größenordnung stimmt, dann ist der Wald nicht der große Urlaub, sondern eine kurze, wiederholbare Bremsung. Es sind Momentaufnahmen, keine Aussagen über Krankheitsverläufe.

Park BJ, Tsunetsugu Y, Kasetani T, Kagawa T, Miyazaki Y. The physiological effects of Shinrin-yoku. Environ Health Prev Med. 2010;15(1):18-26. DOI: 10.1007/s12199-009-0086-9

Was Herzratenvariabilität eigentlich misst

Dein Herz schlägt nicht wie ein Metronom. Zwischen zwei Schlägen liegen mal 840 Millisekunden, mal 870, mal 810. Diese kleinen Schwankungen heißen Herzratenvariabilität.

Stell es dir vor wie zwei Hände am Lenkrad. Der Sympathikus zieht in die eine Richtung, der Parasympathikus in die andere. Wenn beide fein gegeneinander justieren, entsteht ein lebendiges, unregelmäßiges Muster. Wenn das Stresssystem allein am Lenkrad sitzt, wird der Rhythmus starr. Ein starres Herz ist kein ruhiges Herz. Es ist ein angespanntes.

Der Anteil der schnellen Schwankungen, in der Fachsprache das Hochfrequenzband, gilt als recht guter Marker für die Aktivität des Vagusnervs. Der Vagus ist die Hauptleitung des Parasympathikus, also des Ruhe- und Verdauungsmodus.

StudieFeldstudie, n=485

Wer: Kobayashi und Kolleginnen und Kollegen werteten 2018 in Frontiers in Public Health die Herzratenvariabilität von 485 Männern aus, gemessen bei etwa 15-minütigen Spaziergängen in 57 Wäldern und 57 Stadtgebieten in Japan.

Was sie beobachteten: Im Mittel unterschieden sich die Werte zwischen Wald und Stadt deutlich. Wichtiger finde ich aber die Aufteilung: 65,2 Prozent der Teilnehmer zeigten den erwarteten Anstieg des parasympathischen Markers, 67,0 Prozent den erwarteten Rückgang des sympathischen Verhältnisses.

Was das für dich bedeutet: Etwa jeder Dritte reagierte nicht in die erwartete Richtung. Das ist keine Schwäche der Studie, das ist Biologie. Ein Mittelwert beschreibt eine Gruppe, nicht dich. Wenn dir der Wald wenig gibt, ist mit dir nichts falsch.

Kobayashi H, Song C, Ikei H, Park BJ, Lee J, Kagawa T, Miyazaki Y. Forest Walking Affects Autonomic Nervous Activity: A Population-Based Study. Front Public Health. 2018;6:278. DOI: 10.3389/fpubh.2018.00278
1

Der Reiz kommt herein

Weiche, unregelmäßige Formen, gedämpftes Licht, breitbandige Geräusche ohne plötzliche Spitzen, Duftmoleküle über den Riechnerv. Alles Reize, die keine Wachsamkeit erzwingen.

2

Die Amygdala meldet Entwarnung

Das Alarmzentrum bewertet die Umgebung als ungefährlich. Der Dauerimpuls an den Hypothalamus wird schwächer. Physiologisch plausibel, beim Menschen im Wald nicht direkt vermessen.

3

Die Stressachse drosselt

Über Hypothalamus, Hypophyse und Nebennierenrinde, kurz die HPA-Achse, fällt die Cortisolausschüttung. Genau das ist im Speichel messbar und wurde vielfach beschrieben.

4

Der Vagus bekommt Raum

Parasympathische Aktivität steigt, Puls und Blutdruck sinken, die Herzratenvariabilität nimmt zu. Adrenalin und Noradrenalin im Urin lagen in mehreren Studien niedriger.

Reframe

Waldbaden ist keine Entspannungstechnik, die du lernen musst. Es ist eher das Gegenteil: das Wegnehmen von Reizen, die dein Nervensystem dauerhaft auf Empfang halten.

Du machst nichts. Du hörst auf, etwas zu machen. Und der Körper übernimmt eine Regulation, die er ohnehin kann.

Und jetzt weißt du, warum die Schultern schon nach zehn Minuten tiefer hängen: Der Reiz, der sie oben gehalten hat, ist weg.

Der Duft des Waldes ist ein Molekül

Riech das nächste Mal bewusst hin, wenn du an einer Fichte vorbeikommst. Dieser harzige, leicht zitronige Geruch ist nicht Stimmung. Er ist Chemie in der Luft.

Bäume geben flüchtige Verbindungen ab, vor allem Terpene. Ein Teil davon kann antimikrobiell wirken und schützt den Baum vor Keimen und Fraßfeinden. Für diesen Anteil hat sich der Begriff Phytonzide eingebürgert.

In der Waldluft der japanischen Untersuchungen wurden vor allem alpha-Pinen, beta-Pinen und Isopren gemessen. In der Stadtluft waren dieselben Stoffe praktisch nicht nachweisbar. Das ist ein wichtiger Punkt: Der Unterschied zwischen Wald und Stadt ist nicht nur ein Unterschied in der Optik. Er ist auch ein Unterschied in dem, was du einatmest.

Einordnung

Wie man den Wald aus dem Waldbaden herausrechnet

Wenn jemand im Wald entspannter ist, kann das an vielem liegen. An der Bewegung, am Urlaubsgefühl, an der fehlenden Arbeit, an der besseren Luft, an der Erwartung. Die spannende Frage lautet also: Lässt sich der Beitrag der Duftmoleküle allein prüfen?

Genau das wurde versucht. Zwölf gesunde Männer im Alter von 37 bis 60 Jahren übernachteten drei Nächte in einem Stadthotel. Kein Wald, keine Wanderung, kein Urlaubsgefühl. Im Zimmer wurde über einen Luftbefeuchter Stammöl der Hinoki-Scheinzypresse verdampft. In der Zimmerluft ließen sich anschließend alpha-Pinen und beta-Pinen nachweisen.

Wenn die Moleküle allein etwas verändern, dann muss man nicht in den Wald fahren, um es zu sehen. Man kann den Wald ins Zimmer holen.

Das Ergebnis: Die Aktivität der natürlichen Killerzellen stieg, ebenso ihr Anteil und die Menge an Perforin, Granulysin und Granzym in den Zellen. Der Anteil der T-Zellen sank, ebenso Adrenalin und Noradrenalin im Urin. Die Autoren schließen daraus vorsichtig, dass Phytonzid-Exposition und gesunkene Stresshormone teilweise zum Effekt beitragen könnten.

Zwölf Teilnehmer sind wenige. Eine Kontrollgruppe im Sinne einer verblindeten Studie gab es nicht. Aber als Hinweis, dass an der Terpen-Hypothese etwas dran sein könnte, ist dieses Experiment elegant.

StudieTiermodell

Wer: Yang und Kolleginnen und Kollegen untersuchten 2016 in Molecular Pharmacology, wie alpha-Pinen auf den Schlaf von Mäusen einwirkt. Kombiniert wurden Schlafmessungen im lebenden Tier, elektrophysiologische Ableitungen an Hirnschnitten und molekulare Modellierung.

Was sie beobachteten: (-)-alpha-Pinen verlängerte die Dauer des Tiefschlafs und verkürzte die Einschlafzeit. Der Effekt ließ sich durch Flumazenil aufheben, einen Gegenspieler an der Benzodiazepin-Bindungsstelle des GABA-A-Rezeptors. Das spricht dafür, dass alpha-Pinen genau dort andockt, als teilweiser Modulator.

Was das für dich bedeutet: Es macht biologisch plausibel, warum ein Duft beruhigend sein kann, nämlich über einen ganz konkreten Rezeptor. Aber das ist eine Mausstudie mit oraler Gabe. Ob die Konzentrationen, die du im Wald einatmest, beim Menschen ähnliches bewirken könnten, ist damit nicht gezeigt.

Yang H, Woo J, Pae AN et al. α-Pinene, a Major Constituent of Pine Tree Oils, Enhances Non-Rapid Eye Movement Sleep in Mice through GABAA-benzodiazepine Receptors. Mol Pharmacol. 2016;90(5):530-539. DOI: 10.1124/mol.116.105080
Wichtige Zwischenbemerkung

Bevor jetzt der Eindruck entsteht, jedes Baumöl gehe in dieselbe Richtung: In einer kleinen Untersuchung an 16 gesunden Erwachsenen wurden zwei Zypressenöle über je fünf Minuten eingeatmet. Beim einen Öl sank die sympathische und stieg die parasympathische Aktivität. Beim anderen Öl war es genau umgekehrt, obwohl beide die Stimmung angenehm beeinflussten.

Das ist ein gutes Gegengift gegen zu glatte Erzählungen. Duft ist nicht gleich Duft. Und ein Aromaöl aus dem Regal ist nicht dasselbe wie die Mischung, die in einem lebendigen Bestand in der Luft liegt.

Und jetzt weißt du, warum ich beim Waldbaden ungern von Wellness spreche. Es geht um Moleküle mit Namen und Rezeptoren mit Adresse.

Warum das Immunsystem mithört

Hier wird es aus Sicht der klinischen Psychoneuroimmunologie richtig interessant. Denn Nervensystem und Immunsystem sind keine getrennten Abteilungen. Sie sprechen dieselbe Sprache.

Natürliche Killerzellen, kurz NK-Zellen, sind eine Art Streifenpolizei der angeborenen Abwehr. Sie brauchen keinen Steckbrief. Sie erkennen an Oberflächenmerkmalen, ob eine Zelle verändert ist, etwa durch einen Virus. Dann setzen sie Werkzeuge ein: Perforin bohrt Poren in die Zielzelle, Granzyme dringen ein und leiten den kontrollierten Zelltod ein, Granulysin greift zusätzlich Mikroben an.

Und diese Streifenpolizei hat Rezeptoren für Stresshormone. Adrenalin und Cortisol können ihre Aktivität dämpfen. Wenn Stresshormone sinken, wäre also plausibel, dass die NK-Aktivität steigt.

StudieÜberkreuz-Vergleich, Mensch

Wer: Li und Kolleginnen und Kollegen veröffentlichten 2008 im International Journal of Immunopathology and Pharmacology einen Vergleich, bei dem zwölf gesunde Männer zwischen 35 und 56 Jahren sowohl eine dreitägige Waldreise als auch eine Städtereise mit gleicher Aktivität unternahmen.

Was sie beobachteten: Nach der Waldreise stiegen NK-Aktivität, NK-Zellzahl und die Zahl der Zellen mit Perforin, Granulysin und Granzym A und B. Adrenalin im Urin sank. Der erhöhte Wert war nach mehr als sieben Tagen noch messbar. Nach der Städtereise blieb all das aus. Alpha-Pinen und beta-Pinen fanden sich in der Waldluft, in der Stadtluft fast nicht.

Was das für dich bedeutet: Der Vergleichsarm ist das Entscheidende. Es war nicht das Reisen und nicht das Gehen, sonst hätte die Stadt dasselbe Ergebnis gebracht. Zwölf Personen bleiben trotzdem zwölf Personen. Und Laborwerte sind keine Aussage über Infekte oder Krebs.

Li Q, Morimoto K, Kobayashi M et al. Visiting a forest, but not a city, increases human natural killer activity and expression of anti-cancer proteins. Int J Immunopathol Pharmacol. 2008;21(1):117-127. DOI: 10.1177/039463200802100113

Ein Jahr später wurde dasselbe Muster bei dreizehn Krankenschwestern im Alter von 25 bis 43 Jahren beschrieben. Auch dort hielt der Anstieg mehr als sieben Tage an. Und in einer weiteren Untersuchung genügte bereits ein einzelner Tagesausflug in einen Waldpark mit zwei Spaziergängen von je zwei Stunden, um NK-Aktivität und Abwehrproteine zu erhöhen. Cortisol im Blut und Adrenalin im Urin lagen danach niedriger.

StudieZellkultur

Wer: Li und Kolleginnen und Kollegen prüften 2006 in Immunopharmacology and Immunotoxicology, ob Phytonzide auch außerhalb des Körpers auf NK-Zellen einwirken. Verwendet wurde eine menschliche NK-Zelllinie im Reagenzglas.

Was sie beobachteten: Die Phytonzide steigerten die zellauflösende Aktivität dosisabhängig und erhöhten Perforin, Granzym A und Granulysin in den Zellen. Zusätzlich konnten sie eine durch ein Insektizid gedämpfte NK-Aktivität teilweise wiederherstellen.

Was das für dich bedeutet: Das ist Zellkultur, kein Mensch. Es beweist nichts über deinen Waldspaziergang. Es zeigt aber, dass ein direkter Angriffspunkt an der Zelle denkbar ist und nicht nur der Umweg über gesunkene Stresshormone.

Li Q, Nakadai A, Matsushima H et al. Phytoncides (wood essential oils) induce human natural killer cell activity. Immunopharmacol Immunotoxicol. 2006;28(2):319-333. DOI: 10.1080/08923970600809439
A

Weg eins: über die Hormone

Weniger Reizdruck, weniger Adrenalin und Cortisol. Da NK-Zellen Rezeptoren für diese Hormone tragen, könnte eine Dämpfung wegfallen. Dieser Weg ist beim Menschen am besten beschrieben.

B

Weg zwei: über die Moleküle

Terpene aus der Waldluft gelangen über Lunge und Blut in den Körper und könnten direkt auf Abwehrzellen einwirken. Belegt bisher überwiegend in Zellkultur und im Hotelzimmer-Experiment.

C

Weg drei: über den Lebensstil

Mehr Bewegung, mehr Tageslicht, oft besserer Schlaf in der Folgenacht. Alles Faktoren mit eigener, guter Evidenz. In den Waldstudien lassen sie sich nie vollständig herausrechnen.

Dein Immunsystem ist kein abgeschlossenes System im Inneren. Es liest die Umgebung mit, in der du dich befindest. Der Wald ist für diese Lesung nur ein besonders gut untersuchtes Beispiel.

Und jetzt weißt du, warum Nerven- und Immunsystem in der KPNI nie getrennt betrachtet werden.

Warum der Kopf im Wald leiser wird

Es gibt einen Zustand, den fast jeder kennt und kaum jemand benennt. Du liegst wach und derselbe Gedanke dreht seine Runde. Zum vierten Mal. Zum zwölften Mal. Nichts Neues kommt dazu, aber aufhören geht auch nicht.

Die Psychologie nennt das Grübeln oder Rumination. Es gilt als Risikofaktor für depressive Entwicklungen. Und es hat eine ziemlich klare Adresse im Gehirn.

StudieKontrolliert, mit Bildgebung

Wer: Bratman und Kolleginnen und Kollegen veröffentlichten 2015 in den Proceedings of the National Academy of Sciences eine Untersuchung an gesunden Teilnehmenden mit funktioneller Magnetresonanztomografie.

Was sie beobachteten: Ein 90-minütiger Spaziergang in einer natürlichen Umgebung senkte sowohl das selbstberichtete Grübeln als auch die Aktivität im subgenualen präfrontalen Cortex. Ein gleich langer Spaziergang in städtischer Umgebung veränderte weder das eine noch das andere.

Was das für dich bedeutet: Der subgenuale präfrontale Cortex wird mit selbstbezogenem Rückzug und Grübeln in Verbindung gebracht. Dass eine Umgebung diese Aktivität verändern kann, macht die Alltagserfahrung greifbar. Es ist eine einzelne Studie an gesunden Menschen, keine Therapiestudie bei Depression.

Bratman GN, Hamilton JP, Hahn KS, Daily GC, Gross JJ. Nature experience reduces rumination and subgenual prefrontal cortex activation. Proc Natl Acad Sci U S A. 2015;112(28):8567-8572. DOI: 10.1073/pnas.1510459112

Zwei Erklärungen, die sich nicht ausschließen

Modell 1

Aufmerksamkeit erholt sich

  • Die Attention Restoration Theory nimmt an, dass gerichtete Aufmerksamkeit ermüdet
  • Stadt fordert sie ständig: Ampeln, Schilder, Menschen, Entscheidungen
  • Natur bindet Aufmerksamkeit sanft und ohne Anstrengung
  • Die willentliche Steuerung bekommt dadurch Pause
  • Vorhersage: bessere Konzentration nach dem Aufenthalt
Modell 2

Stress klingt schneller ab

  • Die Stress Recovery Theory setzt tiefer an, beim vegetativen Nervensystem
  • Bestimmte Umgebungsmerkmale gelten als evolutionär vertraut
  • Die Alarmbewertung fällt schneller ab als in gebauter Umgebung
  • Der Effekt kommt vor der bewussten Bewertung
  • Vorhersage: schnellere Erholung von Puls, Blutdruck, Hautleitwert

Der historische Ausgangspunkt dieser zweiten Denkrichtung ist eine erstaunlich einfache Beobachtung aus einem amerikanischen Krankenhaus. Krankenakten von Gallenblasenoperationen aus den Jahren 1972 bis 1981 wurden verglichen. 23 Patientinnen und Patienten mit Fensterblick auf eine natürliche Szene lagen kürzer im Krankenhaus, erhielten weniger starke Schmerzmittel und wurden in den Pflegenotizen seltener negativ beschrieben als 23 vergleichbare Personen mit Blick auf eine Ziegelwand.

Ehrlich bleiben

Diese Fensterstudie wird sehr oft zitiert, und sie hat die Forschung angestoßen. Sie umfasst aber 46 Personen und ist eine rückblickende Aktenauswertung. Sie beweist nichts, sie legte eine Fährte.

Und für die Aufmerksamkeitstheorie gilt Ähnliches: Eine systematische Übersicht mit 31 Studien fand in den zusammengefassten Auswertungen nur bei drei Testverfahren einen deutlichen Vorteil der Natur. Bei zehn weiteren Auswertungen zeigte sich kein ausgeprägter Nutzen. Die Autorinnen und Autoren sprechen selbst von Unsicherheit darüber, welche Anteile der Aufmerksamkeit überhaupt betroffen sind.

Reframe

Die interessante Frage ist nicht, ob der Wald dich glücklich macht. Sie lautet: Wovon erholst du dich eigentlich?

Dein Nervensystem ist nicht für ununterbrochene Bewertung gebaut. Es braucht Zeiten, in denen nichts von dir will. Der Wald ist ein Ort, an dem das ohne Disziplin funktioniert. Genau das macht ihn alltagstauglich.

Und jetzt weißt du, warum du im Wald besser denken kannst, obwohl du gar nicht nachgedacht hast.

Was die großen Zahlen aus der Bevölkerung sagen

Bisher haben wir über kleine Feldversuche gesprochen. Ein paar Dutzend Menschen, wenige Stunden, Laborwerte. Berechtigte Frage: Bleibt davon etwas übrig, wenn man Millionen Menschen über Jahre betrachtet?

0,96 Verhältnis der Gesamtsterblichkeit je 0,1 mehr Begrünung im 500-Meter-Umkreis
120 Minuten Naturkontakt pro Woche, ab denen sich der Zusammenhang mit guter Gesundheit zeigte
4,82 mmHg weniger systolischer Blutdruck bei empfohlenen Naturaufenthalten gegenüber Kontrollen
StudieMetaanalyse von Kohorten

Wer: Rojas-Rueda und Kolleginnen und Kollegen fassten 2019 in The Lancet Planetary Health neun Kohortenstudien mit insgesamt 8.324.652 Personen aus sieben Ländern zusammen.

Was sie beobachteten: Je 0,1 mehr Begrünung im Umkreis von 500 Metern um den Wohnort lag das zusammengefasste Verhältnis für die Gesamtsterblichkeit bei 0,96 mit einem Bereich von 0,94 bis 0,97. Sieben der neun Studien fanden einen solchen Zusammenhang, zwei fanden keinen. Die Streuung zwischen den Studien war mit einem Wert von 95 Prozent sehr hoch.

Was das für dich bedeutet: Das ist eine Beobachtung, kein Experiment. Wer im Grünen wohnt, ist oft wohlhabender, atmet sauberere Luft und bewegt sich mehr. Die Autoren haben dafür gerechnet, ausschließen lässt es sich nie. Der Zusammenhang ist stabil, die Ursache bleibt offen.

Rojas-Rueda D, Nieuwenhuijsen MJ, Gascon M, Perez-Leon D, Mudu P. Green spaces and mortality: a systematic review and meta-analysis of cohort studies. Lancet Planet Health. 2019;3(11):e469-e477. DOI: 10.1016/S2542-5196(19)30215-3

Eine zweite große Zusammenfassung wertete 103 Beobachtungsstudien und 40 Interventionsstudien mit rund 100 Zielgrößen aus. Mehr Grünkontakt ging dort mit niedrigerem Speichelcortisol, niedrigerer Herzfrequenz, niedrigerem diastolischem Blutdruck und höherer Aktivität im schnellen Frequenzband der Herzratenvariabilität einher. Für Gesamtsterblichkeit, Herz-Kreislauf-Sterblichkeit und Typ-2-Diabetes fanden sich niedrigere Risikoverhältnisse. Die Autorinnen und Autoren schränken selbst deutlich ein: Mehrere dieser Auswertungen sind durch schwache Studienqualität und hohe Heterogenität begrenzt.

StudieMetaanalyse, Interventionen

Wer: Nguyen und Kolleginnen und Kollegen prüften 2023 in The Lancet Planetary Health, was passiert, wenn Naturaufenthalte gezielt von Fachpersonen empfohlen und begleitet werden. 92 Studien wurden eingeschlossen, 28 davon gingen in die zusammenfassenden Berechnungen ein.

Was sie beobachteten: Gegenüber Kontrollbedingungen lag der systolische Blutdruck im Mittel um 4,82 mmHg und der diastolische um 3,82 mmHg niedriger. Depressionswerte und Angstwerte sanken moderat bis deutlich. Die tägliche Schrittzahl stieg um etwa 900 Schritte. Bei der wöchentlichen Zeit moderater Bewegung ergab sich kein sicherer Unterschied. Die meisten Studien hatten ein mittleres bis hohes Verzerrungsrisiko.

Was das für dich bedeutet: Der Blutdruckwert liegt in einer Größenordnung, die klinisch relevant sein kann. Er ersetzt keine Behandlung und keine Medikation. Bemerkenswert ist eher, dass hier nicht der Wald verordnet wurde, sondern schlicht Zeit draußen, organisiert und begleitet.

Nguyen PY, Astell-Burt T, Rahimi-Ardabili H, Feng X. Effect of nature prescriptions on cardiometabolic and mental health, and physical activity: a systematic review. Lancet Planet Health. 2023;7(4):e313-e328. DOI: 10.1016/S2542-5196(23)00025-6

Und wie viel Zeit braucht es? Die derzeit meistzitierte Orientierung stammt aus einer englischen Befragung mit 19.806 Teilnehmenden. Ab etwa 120 Minuten Naturkontakt pro Woche war die Wahrscheinlichkeit für gute selbstberichtete Gesundheit und hohes Wohlbefinden deutlich höher als ohne Naturkontakt. Das Maximum lag zwischen 200 und 300 Minuten, danach kam nichts mehr dazu. Und es machte keinen Unterschied, ob die Zeit an einem Stück oder über mehrere Besuche zusammenkam.

Bitte richtig lesen Die 120-Minuten-Zahl ist eine Momentaufnahme aus einer Befragung, kein Experiment. Menschen, denen es gut geht, gehen vermutlich auch häufiger raus. Die Autorinnen und Autoren schreiben selbst, dass prospektive Studien und Interventionsstudien der nächste notwendige Schritt sind. Als Orientierung finde ich die Zahl trotzdem brauchbar, weil sie greifbar ist: rund zwanzig Minuten am Tag.

Und jetzt weißt du, warum ich beim Waldbaden nicht über Kuren rede, sondern über eine Gewohnheit.

Wo die Studienlage ehrlich gesagt dünn wird

Jetzt kommt der Teil, den Waldbaden-Artikel meistens weglassen. Ich halte ihn für den wichtigsten.

Wenn ich dir oben zehn Studien mit passenden Ergebnissen zeige, entsteht ein Eindruck von Sicherheit, den die Datenlage nicht trägt. Also sortieren wir.

Fünf Einschränkungen, die du kennen solltest

  • Kleine Stichproben. Viele der eindrucksvollen Immunbefunde beruhen auf zwölf oder dreizehn Personen. Das genügt für eine Hypothese, nicht für eine Empfehlung.
  • Enge Auswahl. Überwiegend junge oder mittelalte Männer, überwiegend in Japan, überwiegend aus wenigen Arbeitsgruppen. Ob sich das auf eine 68-jährige Frau in Berlin übertragen lässt, ist offen.
  • Keine Verblindung möglich. Niemand kann übersehen, ob er im Wald oder an einer Hauptstraße steht. Erwartungen fließen also immer mit ein.
  • Vermischte Einflüsse. Bewegung, Tageslicht, Feinstaub, Lärm, Urlaubsgefühl. In einer Waldstudie ändern sich all diese Dinge gleichzeitig.
  • Hohe Streuung. In den großen Zusammenfassungen ist die Heterogenität zwischen den Studien teils sehr hoch. Ein gemeinsamer Mittelwert wird dadurch weniger aussagekräftig.
StudieSystematische Übersicht

Wer: Wen und Kolleginnen und Kollegen sichteten 2019 in Environmental Health and Preventive Medicine 210 Arbeiten aus den Jahren 2015 bis 2019 und schlossen 28 davon ein. Bewertet wurde die methodische Qualität mit einer etablierten Prüfliste.

Was sie beobachteten: Über die Studien hinweg zeigten sich Verbesserungen bei Kreislauf-, Stoffwechsel-, Immun- und Stimmungsgrößen. Gleichzeitig stellten sie fest, dass randomisierte Untersuchungen methodisch signifikant besser abschnitten als nicht randomisierte, und fordern ausdrücklich eine höhere methodische Qualität bei geringerem Verzerrungsrisiko.

Was das für dich bedeutet: Die Fachwelt selbst sagt, dass das Feld methodisch noch jung ist. Das ist kein Grund, Waldbaden abzutun. Es ist ein Grund, keine Heilsversprechen daraus zu bauen.

Wen Y, Yan Q, Pan Y, Gu X, Liu Y. Medical empirical research on forest bathing (Shinrin-yoku): a systematic review. Environ Health Prev Med. 2019;24(1):70. DOI: 10.1186/s12199-019-0822-8

Besonders lehrreich finde ich einen Nebenbefund aus der Cortisol-Metaanalyse. Dort waren die Speichelcortisolwerte der Waldgruppen nicht nur nach dem Aufenthalt niedriger als in den Stadtgruppen, sondern bereits davor. Die Autoren benennen als Erklärung ausdrücklich vorweggenommene Erwartungseffekte.

Einordnung

Was ein Erwartungseffekt bedeutet und was nicht

In der öffentlichen Debatte ist Placebo ein Schimpfwort. Wenn etwas nur Placebo ist, gilt es als wertlos. Ich sehe das anders, und die Physiologie auch.

Wenn allein die Aussicht, gleich in den Wald zu gehen, dein Cortisol senkt, dann ist das keine Täuschung. Es ist ein Beleg dafür, wie stark Erwartung in die Stressachse hineinreicht. Der Körper reagiert auf eine Vorhersage, nicht erst auf das Ereignis.

Ein Effekt, der über die Erwartung läuft, ist ein echter Effekt. Er ist nur nicht das, was auf dem Etikett steht.

Für dich im Alltag ändert das wenig. Für die Frage, welchen Anteil die Terpene, die Bewegung oder die Vorfreude haben, ändert es alles. Und genau deshalb nenne ich beim Thema Waldbaden gerne Ross und Reiter.

Auch das gehört dazu

In einer randomisierten Untersuchung mit 24 älteren Menschen mit Bluthochdruck verbrachte eine Hälfte sieben Tage in einem immergrünen Laubwald, die andere in der Stadt. In der Waldgruppe sanken Blutdruck sowie mehrere Entzündungs- und Kreislaufmarker, darunter Interleukin-6 und TNF-alpha. Klingt eindrucksvoll.

Im selben Papier steht aber auch, dass die Luftqualität am Waldort deutlich besser war, gemessen an Feinstaub. Zwölf Personen pro Gruppe, unterschiedliche Luft, unterschiedlicher Ort, unterschiedlicher Alltag. Ich zitiere die Studie, weil sie zur Hypothese passt. Beweisen kann sie nicht, was der Wald als solcher beiträgt.

Und jetzt weißt du, warum ich sage: Die Richtung der Befunde ist konsistent, die Beweiskraft der Einzelstudie ist es nicht.

Was du daraus für deine Woche machen kannst

Bleibt die Frage, die am Ende immer kommt: Und jetzt?

Ich mag hier keine Anleitung mit Atemzähler und Achtsamkeitsübung geben. Der Reiz dieser Sache liegt gerade darin, dass sie ohne Technik auskommt. Drei Hebel genügen.

Hebel 1: Zwanzig Minuten, nicht zwei Stunden

Die vermessenen Veränderungen an Cortisol und Herzratenvariabilität traten in den japanischen Feldversuchen nach 15 bis 20 Minuten auf. Das ist eine Mittagspause. Wenn du dir stattdessen vornimmst, am Wochenende drei Stunden zu wandern, passiert es meistens nicht. Klein und regelmäßig schlägt groß und selten.

Hebel 2: Langsam gehen und dann stehen bleiben

In den Studien bestand Waldbaden aus zwei Teilen: einem kurzen, langsamen Gang und einer anschließenden Phase ruhigen Betrachtens. Der zweite Teil fällt im Alltag als Erstes weg. Dabei ist er wahrscheinlich der wirksamere Anteil, weil er die letzte Anforderung wegnimmt, nämlich das Vorankommen.

Hebel 3: Nase auf, Kopfhörer aus

Wenn an der Terpen-Hypothese etwas dran ist, dann läuft ein Teil des Effekts über die Atemluft. Durch die Nase atmen, an einer harzig riechenden Stelle stehen bleiben, ruhig ein paar Züge nehmen. Und der Klang eines Waldes gehört zu den Reizen, die keine Aufmerksamkeit einfordern. Ein Podcast tut genau das Gegenteil.

Kleiner Selbstversuch für zwei Wochen

  • Feste Uhrzeit wählen, am besten dieselbe wie ein bestehender Termin
  • Nächstgelegenen Bestand mit Bäumen suchen, Park genügt zum Anfangen
  • Zwölf Minuten langsam gehen, danach acht Minuten stehen oder sitzen
  • Telefon in der Tasche lassen, ohne Musik und ohne Sprache im Ohr
  • Danach eine Zeile notieren: Wie fühlt sich der Nacken an, wie der Atem
  • Nach zwei Wochen die Notizen lesen und selbst entscheiden

Was ich davon erwarte

Etwas ruhigere Abende, ein leichteres Einschlafen, weniger Gedankenkarussell nach der Arbeit. Bei einem Teil der Menschen deutlich, bei einem anderen Teil kaum. Beides ist normal.

Was ich davon nicht erwarte

Dass Waldbaden die Behandlung von Bluthochdruck, Depression, Autoimmunerkrankungen oder chronischer Erschöpfung ersetzen könnte. Es ist ein Baustein, kein Fundament und kein Ersatz.

Der Wald verlangt nichts von dir. Das ist keine Nebensächlichkeit. Es ist vermutlich der Wirkstoff.

Shukri Jarmoukli

Wann Vorsicht angebracht ist

Bei Pollenallergie oder allergischem Asthma kann ein blühender Bestand in der falschen Woche eine echte Belastung sein. In Teilen Deutschlands, vor allem im Süden und Südosten, sind Zecken ein reales Thema: bedeckte Kleidung, hinterher absuchen, und die Frage nach der FSME-Impfung mit deiner Ärztin oder deinem Arzt klären. Bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen gilt für Steigung und Strecke dasselbe wie für jede andere Belastung. Und bei einer akuten seelischen Krise ist der Wald kein Ersatz für Hilfe, sondern höchstens eine Ergänzung dazu.

Der größere Rahmen

Hier geht es nicht um einen weiteren Punkt auf deiner Optimierungsliste. Es geht um etwas, das wir in Städten fast verlernt haben: einen Ort zu haben, an dem niemand etwas von dir will.

Regulationsfähigkeit ist kein Luxus. Sie ist die Grundlage dafür, dass Belastung dich nicht dauerhaft verändert. Der Wald ist einer der wenigen Orte, an denen sie kostenlos und ohne Anleitung zu haben ist.

Und jetzt weißt du, warum ich Waldbaden ernst nehme, obwohl der Name so klingt, als müsste man es nicht.

Häufige Fragen zu Waldbaden und Shinrin-Yoku

Was ist Waldbaden (Shinrin-Yoku) genau?

Shinrin-Yoku heißt übersetzt etwa Baden in der Waldatmosphäre. Der Begriff wurde 1982 vom japanischen Ministerium für Landwirtschaft, Forsten und Fischerei geprägt und beschreibt schlicht den bewussten Aufenthalt im Wald mit allen Sinnen.

Es geht nicht um sportliches Wandern und nicht um eine Technik mit festem Ablauf. In den Feldversuchen von Park und Kolleginnen bedeutete Waldbaden meist zwei Dinge: langsames Gehen über etwa 15 bis 20 Minuten und danach ruhiges Sitzen mit Blick in den Bestand.

Genau diese unspektakuläre Kombination wurde vermessen. Alles, was heute als Kurs oder Zertifikat angeboten wird, ist eine Auslegung davon, nicht das, was in den Studien stattfand.

Was passiert im Körper beim Waldbaden?

In Feldversuchen in 24 japanischen Wäldern mit insgesamt 280 Teilnehmenden lagen im Wald der Speichelcortisolspiegel, der Puls und der Blutdruck niedriger als in der Stadt. Gleichzeitig war die parasympathische Aktivität höher und die sympathische niedriger.

In den Untersuchungen von Li und Kolleginnen sank zusätzlich die Ausscheidung von Adrenalin und Noradrenalin im Urin. Übersetzt heißt das: Das Stresssystem drosselt ein Stück weit, der Ruhe-Nerv bekommt mehr Anteil.

Das sind Momentaufnahmen kurzer Aufenthalte. Sie sagen nichts darüber aus, wie sich Krankheiten über Jahre entwickeln.

Wie lange muss man im Wald bleiben, damit sich etwas verändert?

Die vermessenen Effekte auf Cortisol und Herzratenvariabilität traten in den japanischen Feldversuchen schon nach 15 bis 20 Minuten auf.

Für das allgemeine Wohlbefinden gibt es eine größere Zahl aus England: In einer Befragung von 19.806 Menschen war ab etwa 120 Minuten Naturkontakt pro Woche die Wahrscheinlichkeit für gute selbstberichtete Gesundheit deutlich höher, mit einem Maximum zwischen 200 und 300 Minuten. Dabei war es egal, ob die Zeit an einem Stück oder verteilt zustande kam.

Diese Studie ist ein Querschnitt und kann keine Ursache beweisen. Als Orientierung finde ich sie trotzdem brauchbar: rund zwanzig Minuten am Tag.

Was sind Terpene und Phytonzide?

Terpene sind flüchtige Duftmoleküle, die Bäume abgeben. Als Phytonzide bezeichnet man den Anteil davon, der antimikrobiell wirken kann und den Baum vor Keimen und Fraßfeinden schützen soll.

In der Waldluft der japanischen Studien wurden vor allem alpha-Pinen, beta-Pinen und Isopren gemessen. In der Stadtluft waren sie praktisch nicht nachweisbar.

Wenn du Nadelwald riechst, atmest du diese Moleküle tatsächlich ein. Sie sind kein Bild und keine Metapher, sie sind Chemie mit messbarer Konzentration in der Luft.

Kann Waldbaden das Immunsystem stärken?

Es gibt Hinweise darauf, allerdings aus kleinen Studien. Bei zwölf Männern stieg nach einem dreitägigen Waldaufenthalt die Aktivität der natürlichen Killerzellen, ebenso ihre Zahl und die Menge der Abwehrproteine Perforin, Granulysin und Granzym. Nach einer vergleichbaren Städtereise blieb dieser Anstieg aus.

Der Effekt war nach sieben Tagen noch messbar. In einer zweiten Untersuchung an dreizehn Krankenschwestern zeigte sich dasselbe Muster, und bei einem Experiment mit verdampftem Zypressenöl im Hotelzimmer ebenfalls.

Das sind Laborwerte. Sie sagen nichts über Infektionen, Krebs oder Lebensdauer aus. Wer daraus ein Versprechen macht, geht weit über die Daten hinaus.

Kann Waldbaden den Blutdruck senken?

Eine systematische Übersichtsarbeit mit Metaanalyse fasste 20 Untersuchungen mit 732 Teilnehmenden zusammen. Der systolische und der diastolische Blutdruck lagen in der Waldumgebung signifikant niedriger als in der Vergleichsumgebung.

Eine neuere Metaanalyse zu ärztlich oder sozial empfohlenen Naturaufenthalten fand gegenüber Kontrollbedingungen im Mittel 4,82 mmHg weniger systolisch und 3,82 mmHg weniger diastolisch.

Das kann ein sinnvoller Baustein sein, gerade weil er nebenwirkungsarm ist. Es ersetzt keine Blutdruckbehandlung und keine Medikation, über die deine Ärztin oder dein Arzt entscheidet.

Ist Waldbaden dasselbe wie Spazierengehen?

Nicht ganz, und genau hier liegt der methodisch spannendste Punkt. In den Vergleichsstudien wurde die körperliche Belastung zwischen Wald und Stadt bewusst gleich gehalten. Trotzdem unterschieden sich Cortisol, Puls und Herzratenvariabilität.

Das spricht dafür, dass ein Teil des Effekts von der Umgebung kommt und nicht nur von der Bewegung. Endgültig beweisen lässt sich das nicht, weil Luftqualität, Licht, Geräusch und Erwartungshaltung nie sauber zu trennen sind.

Bewegung bleibt ohnehin ein eigener, sehr gut belegter Faktor. Die beiden Dinge stehen nicht in Konkurrenz, sie addieren sich vermutlich.

Wie gut ist die Studienlage zum Waldbaden?

Gemischt, und das gehört ehrlich gesagt. Eine systematische Übersicht von Wen und Kolleginnen prüfte 28 Arbeiten aus den Jahren 2015 bis 2019 und stellte fest, dass randomisierte Studien methodisch deutlich besser abschnitten als nicht randomisierte.

Viele Untersuchungen haben zweistellige Teilnehmerzahlen, überwiegend junge Männer, und stammen aus wenigen Forschungsgruppen. Verblinden lässt sich ein Wald nicht. Die Autoren der Cortisol-Metaanalyse weisen selbst darauf hin, dass vorweggenommene Erwartungseffekte eine Rolle spielen können.

Die Richtung der Befunde ist über viele Arbeiten hinweg konsistent. Die Beweiskraft der einzelnen Studie ist begrenzt. Beides gleichzeitig zu sagen ist keine Schwäche, sondern der ehrliche Stand.

Reagiert jeder Mensch gleich auf den Wald?

Nein, und das ist eine der ehrlichsten Zahlen der ganzen Forschung. In einer Feldstudie mit 485 Männern in 57 Wäldern und 57 Stadtgebieten zeigten 65,2 Prozent den erwarteten Anstieg des parasympathischen Markers und 67,0 Prozent den erwarteten Rückgang des sympathischen Verhältnisses.

Umgekehrt heißt das: Rund ein Drittel reagierte nicht in die erwartete Richtung. Ein Mittelwert beschreibt eine Gruppe, nicht dich.

Wenn dir der Wald nichts gibt, ist mit dir nichts falsch. Für manche Menschen ist Wasser der bessere Ort, für andere ein Berg, für andere ein Garten. Die Umgebung, die dein System herunterfahren lässt, ist individuell.

Kann Waldbaden bei Stress und Erschöpfung eine Rolle spielen?

Es kann ein Baustein sein. In einer Metaanalyse zu empfohlenen Naturaufenthalten sanken Depressions- und Angstwerte moderat bis deutlich, und die Schrittzahl stieg im Mittel um etwa 900 Schritte pro Tag.

In einer kontrollierten Untersuchung mit funktioneller Bildgebung ging nach einem 90-minütigen Spaziergang in der Natur das Grübeln zurück, ebenso die Aktivität im subgenualen präfrontalen Cortex. Diese Region wird mit selbstbezogenem Kreisen in Verbindung gebracht. Nach einem gleich langen Stadtspaziergang blieb beides unverändert.

Bei ausgeprägter Erschöpfung oder Depression ersetzt das keine Behandlung. Es kann sie begleiten. Und es ist eine der wenigen Empfehlungen, die niemanden Geld kosten.

Reicht ein Stadtpark oder muss es ein echter Wald sein?

Für die Terpen-Hypothese ist der Unterschied relevant, denn alpha-Pinen und beta-Pinen wurden in Waldluft gemessen und in Stadtluft praktisch nicht.

Für die Nerven- und Aufmerksamkeitsebene sprechen die Daten dagegen eher für ein Kontinuum. Große Auswertungen zu Grünflächen arbeiten mit Satellitendaten zur Begrünung rund um den Wohnort, nicht mit Waldbesuchen. Dort lag die Gesamtsterblichkeit je 0,1 mehr Begrünung im Umkreis von 500 Metern statistisch niedriger.

Der Park um die Ecke ist also nicht wertlos. Er ist etwas anderes als ein Fichtenbestand. Und er hat den großen Vorteil, dass du tatsächlich hingehst.

Für wen ist Waldbaden nicht geeignet oder nur mit Vorsicht?

Bei Pollenallergie oder allergischem Asthma kann ein blühender Bestand zur falschen Jahreszeit eine Belastung sein. Dann lieber die Jahreszeit und den Baumbestand anpassen.

In Teilen Deutschlands, vor allem im Süden und Südosten, sind Zecken ein reales Thema. Bedeckte Kleidung, hinterher absuchen und die Frage nach der FSME-Impfung mit deiner Ärztin oder deinem Arzt klären.

Bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen gilt für Gehstrecke und Gelände dasselbe wie für jede andere körperliche Belastung. Und bei akuter psychischer Krise ist der Wald kein Ersatz für Hilfe, sondern höchstens eine Ergänzung dazu.

Passend dazu aus anderen Bereichen

SJ

Shukri Jarmoukli

Arzt · Tätigkeitsschwerpunkt Integrative Medizin · ViveCura Berlin

Ich arbeite in Berlin mit Menschen, die zwischen Laborbefund und Lebensgefühl eine Lücke spüren. Meine Perspektive kommt aus der klinischen Psychoneuroimmunologie: Nervensystem, Immunsystem, Stoffwechsel und Hormonsystem lassen sich nicht getrennt betrachten. Ich verstehe diesen Blick nicht als Gegenentwurf zur klassischen Medizin, sondern als Erweiterung. Beim Thema Waldbaden heißt das für mich vor allem: die Physiologie ernst nehmen, ohne aus schönen Befunden Versprechen zu machen.

ViveCura · Skalitzer Straße 137, Berlin
Dieser Text ersetzt keine ärztliche Beratung und keine Diagnose. Er beschreibt allgemeine Zusammenhänge, keine individuellen Empfehlungen.

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Transparenz zur Evidenzlage Die kurzfristigen Veränderungen von Cortisol, Blutdruck und Herzratenvariabilität im Wald sind über viele Feldversuche hinweg konsistent beschrieben. Die immunologischen Befunde zu natürlichen Killerzellen beruhen dagegen überwiegend auf sehr kleinen Stichproben ohne Verblindung, teils ergänzt durch Zellkultur- und Tierversuche. Die großen Zahlen zu Grünflächen und Sterblichkeit stammen aus Beobachtungsstudien und erlauben keinen Ursachenschluss. Verblinden lässt sich eine Umgebung nicht, weshalb Erwartungseffekte immer mitlaufen. Ich habe versucht, an jeder Stelle kenntlich zu machen, woher eine Aussage kommt und wie belastbar sie ist. Und noch etwas, weil dieser Text Stimmung und Antrieb berührt: Wenn dich Niedergeschlagenheit nicht mehr loslässt oder du Gedanken hast, nicht mehr leben zu wollen, hol dir bitte zeitnah ärztliche oder psychotherapeutische Hilfe. Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr, kostenlos und anonym erreichbar unter 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222. Im Notfall wähl die 112.

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