Ratgeber Hormone · Spoke 12

Hormonfreie Verhütung: die Methoden im ehrlichen Vergleich

Verhütung ohne Hormone klingt erst einmal einfach. Doch wie sicher sind symptothermale Methode, Kupferspirale und Barriere wirklich? Dieser Artikel ordnet den Pearl Index ehrlich ein und zeigt, für wen welche Methode passen kann.

Shukri Jarmoukli · Arzt, Integrative Medizin · ViveCura Berlin
Mein Ausgangspunkt

Wenn Frauen die Pille hinter sich lassen wollen, höre ich oft denselben Satz: „Ich will einfach wieder meinen eigenen Zyklus spüren." Das ist ein guter Wunsch. Doch danach kommt fast immer die nächste Frage, und sie ist berechtigt: Wie sicher ist das ohne Hormone überhaupt? Auf diese Frage gibt es keine Werbeantwort. Es gibt einen ehrlichen Vergleich, mit Zahlen, mit Stärken und mit Grenzen. Genau den findest du hier.

Vielleicht stehst du gerade an diesem Punkt. Die Pille fühlt sich nicht mehr richtig an, oder du hattest Beschwerden, die du mit ihr in Verbindung bringst. Du willst etwas ohne Hormone, aber du willst auch nicht ungewollt schwanger werden. Und im Internet überschlagen sich die Versprechen. Die eine App wirbt mit Traumzahlen, das nächste Forum erzählt Horrorgeschichten über die Kupferspirale. Was stimmt nun?

Dieser Artikel sortiert das Feld. Wir schauen darauf, was hormonfreie Verhütung überhaupt umfasst, wie man Sicherheit ehrlich misst, und wie symptothermale Methode, Kupferspirale und Barrieremethoden im direkten Vergleich abschneiden. Vor allem aber klären wir die Frage, die in den meisten Tabellen untergeht: für wen passt eigentlich was? Denn die beste Methode ist nicht die mit der schönsten Zahl. Es ist die, die zu deinem Leben passt.

Was hormonfreie Verhütung wirklich umfasst

Hormonfreie Verhütung ist ein Sammelbegriff. Gemeint sind alle Methoden, die ohne künstliche Sexualhormone auskommen, also ohne Östrogen und ohne Gestagen. Anders als bei der Pille, dem Hormonring oder der Hormonspirale läuft dein Zyklus dabei unverändert weiter. Der Eisprung bleibt erhalten. Genau das ist für viele Frauen der Kern des Wunsches.

Grob lassen sich drei Familien unterscheiden. Erstens die Methoden der natürlichen Familienplanung, allen voran die symptothermale Methode, die fruchtbare und unfruchtbare Tage durch Körperbeobachtung bestimmt. Zweitens die Kupfermethoden, also Kupferspirale und Kupferkette, die über das Kupfer in der Gebärmutter wirken. Drittens die Barrieremethoden wie Kondom, Diaphragma und Portiokappe, die das Zusammentreffen von Spermien und Eizelle mechanisch verhindern.

Diese drei Familien unterscheiden sich grundlegend, und nicht nur in der Sicherheit. Sie unterscheiden sich darin, ob ihre Wirkung von deinem täglichen Verhalten abhängt, ob sie in den Körper eingreifen, ob sie vor Infektionen schützen und wie sie sich im Alltag anfühlen. Und jetzt weißt du, warum „hormonfrei" allein noch keine Aussage über Sicherheit ist.

Reframe

Hormonfrei bedeutet nicht automatisch sanft oder nebenwirkungsfrei. Die Kupferspirale ist hormonfrei, kann aber die Blutung verändern. Die symptothermale Methode ist sehr körperfreundlich, verlangt dafür Wissen und Konsequenz. „Ohne Hormone" beschreibt also nur, was eine Methode nicht tut. Worauf es ankommt, ist, was sie für dich leistet und was sie von dir verlangt.

Der Pearl Index, ehrlich erklärt

Um Verhütungsmethoden zu vergleichen, brauchst du ein Maß. Dieses Maß ist der Pearl Index. Er sagt, wie viele von 100 Frauen pro Jahr trotz der Methode schwanger werden. Ein Pearl Index von 1 heißt: Eine von 100 Frauen wurde in einem Jahr trotz der Methode schwanger. Je kleiner die Zahl, desto sicherer die Methode. So weit, so einfach. Der entscheidende Haken steckt im Unterschied zwischen zwei Anwendungen.

Bei der perfekten Anwendung wird eine Methode immer fehlerfrei genutzt. Bei der typischen Anwendung sind echte Anwendungsfehler eingerechnet, also das vergessene Kondom, der falsch gedeutete Zyklustag, der Wäschekorb voller guter Vorsätze. Bei manchen Methoden liegen diese beiden Werte nah beieinander. Bei anderen klaffen sie weit auseinander. Genau diese Lücke ist der wichtigste Teil jedes ehrlichen Vergleichs.

Studie · große prospektive Kohorte am Menschen

Symptothermale Methode: perfekte und typische Anwendung im Abstand

Prospektive Kohorte, n=900 Petra Frank-Herrmann und Kollegen begleiteten 2007 in Human Reproduction über Jahre 900 Frauen, die die symptothermale Methode anwendeten, und werteten über 17000 Zyklen aus. Nach 13 Zyklen lag die Rate ungeplanter Schwangerschaften bei 1,8 pro 100 Frauen, wenn man Anwendungsfehler mit einbezieht. Wurde an den fruchtbaren Tagen konsequent auf ungeschützten Verkehr verzichtet, lag sie nur bei 0,6 pro 100 Frauen. Die Methode kann also sehr sicher sein, der Unterschied zwischen konsequenter und nachlässiger Anwendung ist aber groß.

Frank-Herrmann P, Heil J, Gnoth C, et al. Hum Reprod. 2007;22(5):1310-1319. doi:10.1093/humrep/dem003 · PMID: 17314078

Der Pearl Index ist also hilfreich, aber kein in Stein gemeißeltes Versprechen. Studien rechnen unterschiedlich, Studienteilnehmerinnen sind oft besonders motiviert, und die typische Anwendung im echten Leben sieht oft anders aus als im Studienprotokoll. Wer eine Zahl liest, sollte deshalb immer fragen: perfekte oder typische Anwendung? Und jetzt weißt du, warum eine einzelne werbewirksame Zahl wenig aussagt, solange dieser Kontext fehlt.

Häufiger Irrtum

„Diese App hat einen Pearl Index von unter 1, also ist sie so sicher wie die Spirale." Dieser Vergleich hinkt. Solche niedrigen Werte stammen meist aus der perfekten Anwendung. In der typischen Anwendung liegt der Pearl Index oft mehrere Punkte höher. Ein fairer Vergleich stellt typische Anwendung gegen typische Anwendung. Sonst vergleichst du Idealbedingungen mit dem echten Leben.

Wie die drei Methodenfamilien auf Zellebene wirken

Bevor wir vergleichen, lohnt der Blick darauf, was im Körper passiert. Denn die drei Familien greifen an ganz verschiedenen Stellen an. Das erklärt, warum sie sich so unterschiedlich anfühlen und so unterschiedlich sicher sind. Hier sind vier Mechanismen, die das Feld ordnen.

Kupfer und das Spermienmilieu

Die Kupferspirale gibt kontinuierlich Kupferionen in die Gebärmutterhöhle ab. Diese Ionen verändern das Milieu so, dass Spermien in ihrer Beweglichkeit gehemmt und geschädigt werden. Gleichzeitig entsteht eine leichte lokale Entzündungsreaktion in der Gebärmutterschleimhaut, die eine Einnistung zusätzlich unwahrscheinlich macht. Der Effekt ist rein örtlich und greift nicht in den Hormonhaushalt ein. Genau deshalb bleibt der Eisprung erhalten.

Temperatur und Gelbkörperhormon

Die symptothermale Methode nutzt ein körpereigenes Signal. Nach dem Eisprung steigt das Progesteron, und mit ihm steigt die Aufwachtemperatur leicht an. Diese Verschiebung zeigt, dass der Eisprung bereits stattgefunden hat. Zusammen mit der Beobachtung des Zervixschleims, der sich rund um den Eisprung verändert, lässt sich so das fruchtbare Fenster eingrenzen. Die Methode verändert nichts im Körper. Sie liest nur, was er ohnehin tut.

Zervixschleim als Spermienpforte

Der Schleim am Gebärmutterhals ist kein Zufall. Um den Eisprung herum wird er unter Östrogeneinfluss klar, dehnbar und durchlässig, damit Spermien passieren können. In den unfruchtbaren Phasen wird er zäh und bildet eine Barriere. Die symptothermale Methode liest dieses Signal, das Diaphragma und die Portiokappe verstärken die natürliche Barriere mechanisch. Zwei verschiedene Methoden, dieselbe körperliche Schaltstelle.

Mechanische Trennung von Ei und Spermium

Barrieremethoden setzen am simpelsten Punkt an. Kondom, Diaphragma und Portiokappe verhindern rein mechanisch, dass Spermien zur Eizelle gelangen. Kein Eingriff in Hormone, kein Eingriff in den Zyklus. Der Preis dieser Einfachheit ist die Abhängigkeit von der korrekten Anwendung bei jedem einzelnen Mal. Das Kondom ist dabei die einzige Methode, die zusätzlich vor sexuell übertragbaren Infektionen schützen kann.

Diese vier Mechanismen erklären die spätere Sicherheitstabelle besser als jede Zahl. Eine Methode, deren Wirkung dauerhaft im Körper sitzt, lässt kaum Raum für Anwendungsfehler. Eine Methode, die du bei jedem Mal richtig anwenden musst, lebt von deiner Konsequenz. Und jetzt weißt du, warum die Frage nach der Sicherheit immer auch eine Frage nach der Anwendung ist.

Symptothermale Methode gegen Kupfer gegen Barriere

Jetzt zum direkten Vergleich. Die symptothermale Methode kann, wie die deutsche Studie zeigt, bei perfekter Anwendung sehr niedrige Schwangerschaftsraten erreichen. Ihre Stärke ist, dass sie völlig körperfreundlich ist und dir nebenbei viel über deinen Zyklus beibringt. Ihre Schwäche ist die Abhängigkeit von Wissen, Konsequenz und einem beobachtbaren Zyklus. In der typischen Anwendung ist sie deutlich unsicherer als in der perfekten.

Viele Frauen versuchen heute, diese Beobachtung an eine App auszulagern. Das kann den Alltag erleichtern, ist aber kein Sicherheitsgarant. Die Datenlage zu Zyklus-Apps ist gemischt, und die Lücke zwischen perfekter und typischer Anwendung bleibt bestehen.

Studie · prospektive App-Kohorte am Menschen

Verhütungs-App: typische Anwendung deutlich schlechter als perfekte

Prospektive Kohorte, n=22785 Elina Berglund Scherwitzl und Kollegen, darunter der Statistiker James Trussell, werteten 2017 in Contraception die Daten von 22785 Nutzerinnen einer temperaturbasierten Verhütungs-App über 18548 Frauenjahre aus. Der Pearl Index lag bei typischer Anwendung bei 6,9 pro 100 Frauenjahre, bei perfekter Anwendung dagegen bei 1,0. Auffällig war außerdem, dass über zwölf Monate rund die Hälfte der Nutzerinnen die App wieder absetzte. Das zeigt, wie groß der Abstand zwischen Idealbedingungen und Alltag sein kann.

Berglund Scherwitzl E, Lundberg O, Kopp Kallner H, et al. Contraception. 2017;96(6):420-425. doi:10.1016/j.contraception.2017.08.014 · PMID: 28882680

Die Kupferspirale spielt in einer anderen Liga, was die Anwendung angeht. Sie wird einmal eingesetzt und wirkt dann über Jahre, ganz ohne tägliches Zutun. Dadurch entfällt das Risiko von Anwendungsfehlern fast vollständig, und der Pearl Index liegt entsprechend niedrig. Der Preis ist eine mögliche Veränderung der Regelblutung. Sie kann stärker, länger und schmerzhafter werden, vor allem in den ersten Monaten.

Studie · prospektive Kohorte am Menschen

Kupferspirale: Blutungsmuster und vorzeitiges Entfernen

Prospektive Kohorte, n=918 James Hobby und Kollegen werteten 2018 im American Journal of Obstetrics and Gynecology Daten aus der großen Contraceptive-CHOICE-Studie aus, hier 918 Frauen mit Kupferspirale. Untersucht wurde, ob ein starkes Ausgangs-Blutungsmuster ein früheres Entfernen vorhersagt. Die Fortführungsraten nach zwölf Monaten waren in beiden Gruppen ähnlich hoch, rund 80 bis 85 Prozent. Die Autoren ordnen die Kupferspirale als sichere und sehr wirksame Methode ein und sehen starke Regelblutung allein nicht als Grund, davon abzuraten. Stärkere Blutungen bleiben aber ein realer Mitgrund für ein vorzeitiges Entfernen.

Hobby JH, Zhao Q, Peipert JF. Am J Obstet Gynecol. 2018;219(5):465.e1-465.e5. doi:10.1016/j.ajog.2018.08.028 · PMID: 30170037

Die Barrieremethoden schließlich, allen voran das Kondom, sind in der typischen Anwendung deutlich unsicherer als Kupferspirale oder konsequente symptothermale Methode. Dafür haben sie einen einzigartigen Vorteil: Das Kondom ist die einzige hormonfreie Methode, die auch vor sexuell übertragbaren Infektionen schützen kann. Diaphragma und Portiokappe gehören ebenfalls hierher, verlangen aber sorgfältige Anpassung und konsequente Anwendung, um ihre eher mittlere Sicherheit zu erreichen.

Eine Übersicht zu nicht-hormonellen Methoden ordnet dieses Bild gut ein. Geoffroy Robin und Brigitte Letombe beschrieben 2008 in der Revue du Praticien die Kupferspirale als sehr wirksame und weltweit häufig genutzte Methode und die örtlichen Barrieremethoden wie Spermizide, Diaphragma und Portiokappe als weniger sicher, deren Wirksamkeit stark von der korrekten Anwendung abhängt (Übersicht, PMID: 18326359). Und jetzt weißt du, warum eine ehrliche Tabelle nie nur eine Spalte hat.

Zyklus-Apps: das Werkzeug ist nur so gut wie die Anwendung

Zyklus-Apps haben die natürliche Verhütung populär gemacht. Sie versprechen, die mühsame Auswertung von Temperatur und Schleim zu übernehmen. Manche sind sogar als Medizinprodukt zertifiziert. Das ist verlockend, weil es nach Sicherheit auf Knopfdruck klingt. Doch hier ist Augenmaß gefragt, denn die Sicherheit hängt weiter von dir ab.

In Hersteller-Kohorten zeigen sich passable Werte bei perfekter Anwendung, in der typischen Anwendung aber ein deutlich höherer Pearl Index. Eine US-Kohorte berichtete für eine solche App eine typische Pearl-Zahl um 6 und eine perfekte um 2 (Pearson 2020, Journal of Women's Health, doi:10.1089/jwh.2020.8547, PMID: 33370220). Wichtig ist außerdem: Unabhängige Fachleute haben einzelne Hersteller-Auswertungen scharf kritisiert.

Fachkommentar · methodische Kritik

Warum manche App-Sicherheitszahlen mit Vorsicht zu lesen sind

Fachkommentar, Editorial Chelsea Polis vom Guttmacher Institute kritisierte 2018 in Reproductive Health eine veröffentlichte Wirksamkeitsanalyse eines Zyklustrackers als methodisch fehlerhaft. Ihr Hauptkritikpunkt: Frauen mit weniger als 13 dokumentierten Zyklen wurden aus der Berechnung ausgeschlossen, was die Sicherheitszahl künstlich verbessern kann und in der Standardberechnung keine Grundlage hat. Solche zu optimistischen Zahlen könnten, so Polis, in der Werbung das Vertrauen unangemessen aufblähen und Nutzerinnen einem höheren Risiko aussetzen, als ihnen bewusst ist. Eine wichtige Mahnung, Werbeversprechen kritisch zu lesen.

Polis CB. Reprod Health. 2018;15(1):113. doi:10.1186/s12978-018-0560-1 · PMID: 29940983

Das heißt nicht, dass Apps wertlos sind. Sie können die Zyklusbeobachtung erleichtern und das Körperwissen vertiefen. Aber sie ersetzen nicht das Verständnis der Methode. Eine App ist ein Werkzeug, kein Schutzschild. Und jetzt weißt du, warum die wichtigste Variable bei der natürlichen Verhütung nicht der Algorithmus ist, sondern die Konsequenz der Anwenderin.

Für wen passt was? Die ehrliche Einordnung

Jetzt zur eigentlichen Frage. Nicht „welche Methode ist die beste", sondern „welche passt zu mir". Hier sind drei Hebel, die dir bei dieser Entscheidung helfen können. Sie sind ein Denkanstoß, kein Rezept. Den individuellen Weg findest du in einem ärztlichen Gespräch, das deine Lebenssituation einbezieht.

1

Frage dich, wie viel Anwendungsfehler du dir leisten kannst

Wenn eine Schwangerschaft für dich gerade sehr ungelegen käme, ist eine anwendungsunabhängige Methode wie die Kupferspirale oft die nüchternere Wahl, weil sie kaum Raum für Fehler lässt. Wenn du eine natürliche Methode bewusst und konsequent leben willst und einen beobachtbaren Zyklus hast, kann die symptothermale Methode sehr sicher sein. Sei dabei ehrlich mit dir, wie verlässlich dein Alltag wirklich ist.

2

Berücksichtige deine Lebensphase und deinen Zyklus

Direkt nach dem Absetzen der Pille, in der Stillzeit, in der Perimenopause oder bei unregelmäßigem Eisprung wie bei PCOS sind Zyklusbeobachtungen schwerer zu deuten. In solchen Phasen kann eine Barriere- oder Kupfermethode die Zeit überbrücken, bis sich ein verlässlicher Rhythmus zeigt. Eine Methode, die zu deinem Körper passt, richtet sich nach deiner aktuellen Lebensphase, nicht nach einem Ideal.

3

Trenne Verhütung von Infektionsschutz

Wenn ein Risiko für sexuell übertragbare Infektionen besteht, etwa bei neuen oder wechselnden Partnerschaften, schützt nur das Kondom zusätzlich. Es lässt sich gut mit einer anderen Methode kombinieren. Verhütung und Infektionsschutz sind zwei verschiedene Ziele. Eine ehrliche Beratung fragt nach beiden, statt eine einzige Methode als Antwort auf alles auszugeben.

Bei der Sicherheit gilt eine nüchterne Reihung: Kupferspirale und Kupferkette stehen vorn, weil ihre Wirkung nicht von der täglichen Anwendung abhängt. Die symptothermale Methode kann bei konsequenter Anwendung sehr nah herankommen, fällt aber in der typischen Anwendung ab. Barrieremethoden liegen in der typischen Anwendung dahinter, bringen aber den Infektionsschutz mit. Diese Reihung ist keine Wertung deines Wunsches. Sie ist eine Landkarte, auf der du deinen eigenen Weg suchst.

Der Kern

Die beste Methode ist die, die zu deinem Leben passt

Es gibt keine hormonfreie Methode, die für alle gleich gut ist. Es gibt nur die, die zu deinem Körper, deiner Lebensphase und deiner Konsequenz passt. Wer ehrlich auf Sicherheit, Verträglichkeit und Alltag schaut, trifft eine Entscheidung, die trägt. Dein Körper ist kein Problem, das verwaltet werden muss. Er ist ein System, das du verstehen darfst.

Häufige Fragen zur hormonfreien Verhütung

Was bedeutet hormonfreie Verhütung?

Hormonfreie Verhütung umfasst alle Methoden, die ohne künstliche Sexualhormone wie Östrogen oder Gestagen auskommen. Dazu gehören die symptothermale Methode und andere Formen der natürlichen Familienplanung, die Kupferspirale und die Kupferkette, sowie Barrieremethoden wie Kondom, Diaphragma und Portiokappe. Anders als die Pille greifen diese Methoden nicht in den Hormonhaushalt und in den Eisprung ein. Der Zyklus läuft weiter wie zuvor. Das ist für viele Frauen ein wichtiger Grund, sich nach Alternativen umzusehen, etwa nach dem Absetzen der Pille oder bei Beschwerden unter hormoneller Verhütung. Wichtig ist eine nüchterne Einordnung der Sicherheit, denn die Methoden unterscheiden sich stark.

Was ist der Pearl Index und wie sicher sagt er etwas aus?

Der Pearl Index gibt an, wie viele von 100 Frauen pro Jahr trotz einer Methode schwanger werden. Ein Pearl Index von 1 bedeutet, dass eine von 100 Frauen in einem Jahr schwanger wurde. Je niedriger der Wert, desto sicherer die Methode. Entscheidend ist die Unterscheidung zwischen perfekter Anwendung, also fehlerfreier Nutzung, und typischer Anwendung, die reale Anwendungsfehler einschließt. Bei manchen Methoden klafft zwischen beiden Werten eine große Lücke. Der Pearl Index ist hilfreich, hat aber Grenzen, weil Studien unterschiedlich gerechnet sind und sich Studienpopulationen unterscheiden. Er ist daher eine Orientierung, kein absolutes Versprechen.

Wie sicher ist die symptothermale Methode?

Bei korrekter und konsequenter Anwendung kann die symptothermale Methode sehr sicher sein. In einer großen prospektiven deutschen Studie an 900 Frauen mit über 17000 Zyklen lag die Rate ungeplanter Schwangerschaften bei perfekter Anwendung bei 0,6 pro 100 Frauen in 13 Zyklen. Bezieht man Anwendungsfehler mit ein, lag sie bei 1,8 pro 100 Frauen. Die Methode kombiniert die Messung der Aufwachtemperatur mit der Beobachtung des Zervixschleims, um die fruchtbaren Tage zu bestimmen. Sie verlangt aber Wissen, Konsequenz und an den fruchtbaren Tagen entweder Verzicht oder eine Barrieremethode. Sie ist nicht für jede Lebenssituation gleich gut geeignet.

Wie sicher ist die Kupferspirale?

Die Kupferspirale gehört zu den sichersten hormonfreien Methoden, weil ihre Wirkung nicht von der täglichen Anwendung abhängt. Sie wird einmal eingesetzt und wirkt über mehrere Jahre. Kupferionen verändern das Milieu in der Gebärmutter so, dass Spermien geschädigt und in ihrer Beweglichkeit gehemmt werden und eine Befruchtung sehr unwahrscheinlich wird. Der Pearl Index liegt sehr niedrig. Eine mögliche Kehrseite sind stärkere und längere Regelblutungen sowie Schmerzen, besonders in den ersten Monaten. Studien zeigen, dass dies ein häufiger Grund für ein vorzeitiges Entfernen sein kann. Die Entscheidung sollte daher individuell und ärztlich begleitet getroffen werden.

Welche hormonfreie Methode ist die sicherste?

Bei der reinen Verhütungssicherheit liegen Kupferspirale und Kupferkette vorn, weil ihre Wirkung nicht von der täglichen Anwendung abhängt und kein Raum für Anwendungsfehler bleibt. Die symptothermale Methode kann bei perfekter Anwendung ähnlich sicher sein, ist aber stärker von Wissen und Konsequenz abhängig, weshalb die typische Anwendung schlechter abschneidet. Barrieremethoden wie das Kondom sind in der typischen Anwendung deutlich unsicherer, schützen aber als einzige vor sexuell übertragbaren Infektionen. Die sicherste Methode ist daher die, die zu deiner Lebenssituation, deinem Körper und deiner Konsequenz passt. Diese Abwägung gehört in ein ärztliches Gespräch.

Was ist der Unterschied zwischen natürlicher Verhütung und Verhütungs-Apps?

Die klassische natürliche Familienplanung, etwa die symptothermale Methode, beruht auf der eigenständigen Beobachtung von Temperatur und Zervixschleim nach erlernten Regeln. Zyklus-Apps und Zyklustracker übernehmen einen Teil dieser Auswertung per Algorithmus. Manche Apps sind als Medizinprodukt geprüft und stützen sich auf Temperaturmessung. Die Datenlage ist gemischt: Einige Hersteller-Studien berichten gute Werte bei perfekter Anwendung, doch in der typischen Anwendung liegt der Pearl Index deutlich höher, und unabhängige Fachleute haben methodische Schwächen einzelner Auswertungen kritisiert. Eine App ersetzt also nicht das Verständnis der Methode. Sie ist ein Werkzeug, dessen Sicherheit von korrekter Nutzung abhängt.

Ist hormonfreie Verhütung gut nach dem Absetzen der Pille?

Viele Frauen suchen nach dem Absetzen der Pille bewusst eine hormonfreie Methode, um ihren natürlichen Zyklus wieder kennenzulernen. Das kann sinnvoll sein. Wichtig ist Geduld: Nach dem Absetzen kann es einige Zyklen dauern, bis sich ein regelmäßiger Rhythmus mit Eisprung einstellt. In dieser Phase sind Zyklusbeobachtungen oft noch schwer zu deuten, weil die Zyklen unregelmäßig sein können. Eine Barrieremethode oder die Kupferspirale kann diese Übergangszeit überbrücken. Wer die symptothermale Methode nutzen möchte, sollte sie idealerweise mit Anleitung erlernen. So lässt sich die Methode sicher anwenden, sobald der Zyklus wieder verlässlicher geworden ist.

Für wen ist die symptothermale Methode nicht geeignet?

Die symptothermale Methode setzt einen einigermaßen beobachtbaren Zyklus und die Bereitschaft voraus, täglich zu messen und zu dokumentieren. In Lebensphasen mit stark schwankenden oder fehlenden Zyklen ist sie schwerer anzuwenden, etwa kurz nach dem Absetzen der Pille, in der Stillzeit, in der Perimenopause oder bei Erkrankungen wie PCOS mit unregelmäßigem Eisprung. Auch unregelmäßiger Schlaf, Schichtarbeit, häufige Reisen, Fieber und Alkohol können die Temperaturmessung verfälschen. Wer eine sehr niedrige Schwangerschaftswahrscheinlichkeit braucht und Anwendungsfehler schwer ausschließen kann, ist mit einer anwendungsunabhängigen Methode oft besser beraten. Das gehört individuell besprochen.

Schützt hormonfreie Verhütung vor sexuell übertragbaren Infektionen?

Nein, mit einer wichtigen Ausnahme. Die symptothermale Methode, die Kupferspirale und das Diaphragma schützen nicht vor sexuell übertragbaren Infektionen wie HIV, Chlamydien oder Gonorrhö. Nur das Kondom, sowohl das männliche als auch das weibliche, bietet einen relevanten Schutz vor Infektionen. Deshalb wird in vielen Leitlinien empfohlen, auch bei Nutzung einer anderen Verhütungsmethode zusätzlich ein Kondom zu verwenden, wenn ein Infektionsrisiko besteht, etwa bei wechselnden oder neuen Partnerschaften. Verhütung und Infektionsschutz sind zwei verschiedene Ziele, die nicht immer dieselbe Methode erfüllt.

Wann sollte ich zur Verhütung ärztlich beraten lassen?

Eine ärztliche Beratung ist sinnvoll, bevor du eine neue Methode beginnst, besonders vor dem Einsetzen einer Kupferspirale, beim Wechsel von hormoneller zu hormonfreier Verhütung und wenn du Vorerkrankungen hast. Dringend abklären lassen solltest du sehr starke oder sehr lange Blutungen, starke Unterbauchschmerzen, Fieber nach dem Einsetzen einer Spirale, sowie jeden Verdacht auf eine Schwangerschaft trotz Verhütung. Auch wenn deine Zyklen sehr unregelmäßig sind oder du dir bei der Zyklusbeobachtung unsicher bist, kann eine fachkundige Anleitung den Unterschied machen. Eine gute Beratung wägt Sicherheit, Verträglichkeit und deine Lebenssituation gemeinsam mit dir ab, statt eine Methode pauschal zu empfehlen.

Verbindungen zu anderen Themen

Wenn die Spirale Beschwerden machtKupferspirale: warum sich Frauen schlecht fühlen

Eine ehrliche Betrachtung, warum manche Frauen mit der Kupferspirale Beschwerden entwickeln und was dahinterstecken kann.

Wenn das Östrogen überwiegtÖstrogendominanz verstehen

Warum das Verhältnis von Östrogen und Progesteron zählt und wie es nach dem Wechsel der Verhütung ins Wanken geraten kann.

Wenn Stress mitspieltCortisol und die HPA-Achse bei Burnout

Anhaltender Stress kann den Eisprung verschieben und damit auch die Zyklusbeobachtung bei der natürlichen Verhütung erschweren.

Wenn die Energie fehltEisenmangel und Eiseninfusionen

Stärkere Regelblutungen, etwa unter der Kupferspirale, können Eisen kosten und Erschöpfung mit verstärken.

SJ
Geschrieben von

Shukri Jarmoukli

Arzt, Integrative Medizin, Klinische Psychoneuroimmunologie · ViveCura Berlin, Skalitzer Straße 137 · Schwerpunkt: weibliche Hormone als vernetztes System. Bei der Verhütung berate ich ohne Dogma. Mir geht es nicht darum, eine Methode zu verkaufen, sondern Sicherheit, Verträglichkeit und Lebenssituation gemeinsam abzuwägen. Dieser Artikel stützt sich auf die große prospektive deutsche Studie zur symptothermalen Methode (Frank-Herrmann 2007, Human Reproduction), auf Pearl-Index-Daten zu temperaturbasierten Verhütungs-Apps (Berglund Scherwitzl 2017, Contraception; Pearson 2020, Journal of Women's Health), auf die methodische Kritik an überoptimistischen App-Zahlen (Polis 2018, Reproductive Health) und auf Daten zur Kupferspirale und ihren Blutungsmustern (Hobby 2018, American Journal of Obstetrics and Gynecology). Mein Anspruch ist eine Verhütungsberatung, die ehrlich rechnet und dich entscheiden lässt.

Quellen und weiterführende Literatur

  1. Frank-Herrmann P, Heil J, Gnoth C, et al. The effectiveness of a fertility awareness based method to avoid pregnancy in relation to a couple's sexual behaviour during the fertile time: a prospective longitudinal study. Hum Reprod. 2007;22(5):1310-1319. doi:10.1093/humrep/dem003 · PMID: 17314078 [Kohorte, prospektiv, n=900]
  2. Berglund Scherwitzl E, Lundberg O, Kopp Kallner H, Gemzell Danielsson K, Trussell J, Scherwitzl R. Perfect-use and typical-use Pearl Index of a contraceptive mobile app. Contraception. 2017;96(6):420-425. doi:10.1016/j.contraception.2017.08.014 · PMID: 28882680 [Kohorte, prospektiv, n=22785]
  3. Pearson JT, Chelstowska M, Rowland SP, et al. Contraceptive Effectiveness of an FDA-Cleared Birth Control App: Results from the Natural Cycles U.S. Cohort. J Womens Health (Larchmt). 2020;30(6):782-788. doi:10.1089/jwh.2020.8547 · PMID: 33370220 [Kohorte, prospektiv, n=5879]
  4. Berglund Scherwitzl E, Gemzell Danielsson K, Sellberg JA, Scherwitzl R. Fertility awareness-based mobile application for contraception. Eur J Contracept Reprod Health Care. 2016;21(3):234-241. doi:10.3109/13625187.2016.1154143 · PMID: 27003381 [Kohorte, n=4054]
  5. Polis CB. Published analysis of contraceptive effectiveness of Daysy and DaysyView app is fatally flawed. Reprod Health. 2018;15(1):113. doi:10.1186/s12978-018-0560-1 · PMID: 29940983 [Editorial]
  6. Redmond JJ, Jensen ET, Stanford JB, et al. Effectiveness of fertility awareness-based methods for pregnancy prevention during the postpartum period. Contraception. 2022;114:32-40. doi:10.1016/j.contraception.2022.06.007 · PMID: 35716805 [Systematic Review]
  7. Hobby JH, Zhao Q, Peipert JF. Effect of baseline menstrual bleeding pattern on copper intrauterine device continuation. Am J Obstet Gynecol. 2018;219(5):465.e1-465.e5. doi:10.1016/j.ajog.2018.08.028 · PMID: 30170037 [Kohorte, n=918]
  8. Margaritis K, Margioula-Siarkou G, Margioula-Siarkou C, Petousis S, Galli-Tsinopoulou A. Contraceptive methods in adolescence: a narrative review of guidelines. Eur J Contracept Reprod Health Care. 2023;28(1):51-57. doi:10.1080/13625187.2022.2162336 · PMID: 36637987 [Review]
  9. Robin G, Letombe B. Non hormonal contraception. Rev Prat. 2008;58(1):29-40. PMID: 18326359 · PMID: 18326359 [Review]
  10. Bounds W. Female condoms. Eur J Contracept Reprod Health Care. 1997;2(2):113-116. doi:10.3109/13625189709167464 · PMID: 9678099 [Review]
  11. Shen Y, Liu X, Xu L, et al. Whole-exome sequencing reveals novel variants associated with abnormal uterine bleeding caused by copper intrauterine device. Per Med. 2022;19(6):523-534. doi:10.2217/pme-2022-0060 · PMID: 36250535 [In vivo, genetisch]
Hinweis zur Evidenzlage: Dieser Artikel verbindet gut belegte Daten mit Bereichen, in denen die Forschung uneinheitlich ist. Solide belegt ist der große Abstand zwischen perfekter und typischer Anwendung bei der symptothermalen Methode und bei Verhütungs-Apps (Frank-Herrmann 2007, Berglund Scherwitzl 2017). Die Sicherheit der Kupferspirale und ihr Einfluss auf das Blutungsmuster sind in prospektiven Kohorten beschrieben (Hobby 2018). Zu Zyklus-Apps ist die Datenlage gemischt, und einzelne Hersteller-Auswertungen wurden methodisch kritisiert (Polis 2018). Dieser Text dient der Information und ersetzt keine ärztliche Beratung, Untersuchung oder Behandlung. Die Wahl einer Verhütungsmethode sollte individuell und ärztlich begleitet erfolgen, besonders vor dem Einsetzen einer Kupferspirale, beim Wechsel von hormoneller zu hormonfreier Verhütung und bei Vorerkrankungen. Bei sehr starken oder sehr langen Blutungen, starken Unterbauchschmerzen, Fieber nach dem Einsetzen einer Spirale oder bei Verdacht auf eine Schwangerschaft trotz Verhütung sollte eine ärztliche Abklärung erfolgen.

Haben Sie Fragen oder möchten einen Termin?

Wir beraten Sie gerne persönlich in unserer Praxis.

Termin vereinbaren