Ratgeber Nahrungsergänzung · Kreatin für Muskel und Gehirn

Kreatin und seine Wirkung: was die Evidenz für Muskel und Gehirn hergibt

Eines der am gründlichsten untersuchten Nahrungsergänzungsmittel überhaupt. Und trotzdem voller Mythen. Hier ist die nüchterne Landkarte, von der Ladephase bis zu dem Laborwert, der viele Menschen unnötig erschreckt.

Monohydrat Ladephase Wasser im Muskel Nierenwerte Gehirn & Schlafmangel Evidenz transparent
SJ Shukri Jarmoukli · Arzt · selbst gewählter Tätigkeitsschwerpunkt: integrative und funktionelle Medizin · ViveCura Berlin
Mein Ausgangspunkt

Kreatin ist der seltene Fall, in dem die Studienlage besser ist als der Ruf. Und trotzdem bleibt es ein Eingriff in einen Regelkreis. Beides gehört in denselben Text, sonst wird aus Aufklärung Werbung.

Du liest im Netz drei Sätze über Kreatin, und sie widersprechen sich alle drei. Der erste sagt, es sei fast so stark wie Doping. Der zweite sagt, es zerstöre die Nieren. Der dritte sagt, es mache aufgeschwemmt und schwammig.

Alle drei Sätze kommen von Menschen, die es gut meinen. Und alle drei sind, so wie sie dastehen, nicht das, was die Datenlage hergibt.

Kreatin gehört zu den am gründlichsten untersuchten Nahrungsergänzungsmitteln, die wir haben. Die Expertengruppe der Internationalen Gesellschaft für Sporternährung spricht von über 500 begutachteten Publikationen zu diesem einen Molekül. Zum Vergleich: Bei den meisten Mitteln im Regal reden wir über eine Handvoll kleiner Studien.

Genau deshalb lohnt sich hier ein ehrlicher Blick. Nicht, um dich zu überzeugen. Sondern damit du weißt, worüber du eigentlich entscheidest.

Was du hier findest

  • Das Phosphokreatin-System als Notstromakku der Zelle
  • Woher Kreatin kommt und warum es heute öfter knapp ist
  • Was die Meta-Analysen für Kraft und Muskelmasse zeigen
  • Monohydrat, teurere Formen und die Ladephase-Frage
  • Wasser im Muskel: die ehrliche Antwort auf die Gewichtsfrage
  • Der Kreatininanstieg im Labor, der oft harmlos erklärbar ist
  • Gehirn, Schlafmangel, vegetarische Ernährung und Stimmung
  • Warum Dauerhochdosis nicht das Ziel ist
So markiere ich die Evidenzstufe in diesem Text: Meta-Analyse, mehrere Studien zusammengefasst Klinische Studie am Menschen Beobachtung, Übersicht am Menschen Übersichtsarbeit, überwiegend Mechanismus- und Tierdaten Tierstudie

Kreatin ist kein Muskelmittel. Es ist ein Notstromakku.

Stell dir einen Sprint über 30 Meter vor. Oder den Moment, in dem du eine schwere Kiste vom Boden hochreißt. Oder die letzte Wiederholung, bei der plötzlich nichts mehr geht.

In diesen Sekunden passiert in deinen Muskelzellen etwas sehr Spezielles. Sie verbrennen ATP, die Energiewährung des Körpers. Und der Vorrat an ATP in der Zelle ist winzig. Er reicht nur für wenige Sekunden maximaler Arbeit.

Warum brichst du dann nicht nach zwei Sekunden zusammen? Weil daneben ein zweiter Speicher liegt.

Ein Teil des Kreatins in deiner Zelle ist an eine Phosphatgruppe gebunden. Das heißt Phosphokreatin. Wenn ATP verbraucht wird, kann Phosphokreatin seine Phosphatgruppe blitzschnell abgeben und daraus wieder ATP herstellen. Kein Umweg über Sauerstoff, kein Umweg über Zucker. Direkt.

Denk an einen Notstromakku hinter der Steckdose. Das Hauptnetz liefert dauerhaft, aber es braucht Anlaufzeit. Der Akku überbrückt genau die Sekunden dazwischen. Genau das ist die Rolle von Phosphokreatin.

Übersichtsarbeit, überwiegend Mechanismus- und Tierdaten Die physiologische Grundlage in einer Übersichtsarbeit

Zwei Forscher haben in den Physiological Reviews zusammengetragen, was über den Kreatin-Stoffwechsel bekannt ist. Die Arbeit ist bis heute eine der ausführlichsten Darstellungen dieses Systems.

Sie beschreiben das Kreatin-Kinase-System als räumlichen und zeitlichen Puffer für die Zellenergie. Räumlich, weil Energie dorthin transportiert werden kann, wo sie gebraucht wird. Zeitlich, weil Spitzenlasten abgefangen werden können, bevor die langsameren Wege anspringen.

Sie beschreiben außerdem, dass Störungen dieses Systems bei Muskel-, Hirn-, Herz- und Nierenerkrankungen beobachtet wurden. Das ist ein Hinweis darauf, wie grundlegend dieser Baustein ist, und keine Aussage darüber, dass Kreatin diese Erkrankungen beeinflussen würde.

Wyss M, Kaddurah-Daouk R. Physiol Rev. 2000. DOI: 10.1152/physrev.2000.80.3.1107
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Kreatin baut keinen Muskel. Kreatin kann dir erlauben, den Reiz zu setzen, der Muskel aufbaut.

Das ist ein feiner, aber entscheidender Unterschied. Wenn du mit demselben Gewicht zwei Wiederholungen mehr schaffst, ist das der Trainingsreiz, nicht das Pulver. Ohne Training bleibt der Akku voll und ungenutzt.

Und jetzt weißt du, warum Kreatin bei Marathonläuferinnen kaum eine Rolle spielt und bei Sprints, Sprüngen und Krafttraining sehr wohl.

Woher Kreatin kommt: Leber, Teller, und was sich verändert hat

Kreatin ist kein Fremdstoff. Dein Körper stellt es selbst her, jeden Tag, ganz ohne dass du etwas dafür tust.

Die Bausteine sind drei Aminosäuren: Glycin, Arginin und Methionin. Leber, Nieren und Bauchspeicheldrüse setzen daraus in der Größenordnung von einem Gramm täglich zusammen. Der Rest kommt über das Essen, vor allem über Fleisch und Fisch. Bei gemischter Kost liegt die Zufuhr grob in derselben Größenordnung.

Rund 95 Prozent des Kreatins im Körper liegen in der Skelettmuskulatur. Ein kleinerer Teil sitzt im Gehirn, im Herzen und in der Netzhaut. Täglich zerfällt ein Teil davon spontan zu Kreatinin und wird über die Niere ausgeschieden. Diese Menge muss nachgeliefert werden, sonst sinken die Speicher.

Damit ist die erste ehrliche Konsequenz klar: Wer regelmäßig gute tierische Lebensmittel isst, hat schon einen relevanten Teil dieser Zufuhr abgedeckt.

Echtes Essen zuerst

Aus natürlichen Lebensmitteln aus guter Herkunft und guter Haltung ist die Versorgung immer die erste Wahl. Ein Lebensmittel liefert einen Nährstoff nie allein, sondern in einer Matrix aus Cofaktoren, Eiweiß und Fett. Eine Kapsel baut diese Matrix nicht nach.

Kein Pulver ersetzt Ernährung, Schlaf, Bewegung, Sonne und Beziehung. Kreatin ist da keine Ausnahme. Wer nicht trainiert, nicht schläft und zu wenig Eiweiß isst, wird von Kreatin wenig bemerken.

Und trotzdem ist die Frage nach dem Auffüllen heute berechtigter als vor fünfzig Jahren. Nicht, weil Nahrungsergänzung modern ist, sondern weil sich die Bedingungen verschoben haben.

Der Fleischanteil in der Ernährung sinkt in vielen Haushalten, aus guten Gründen. Vegetarische und vegane Ernährungsformen sind deutlich verbreiteter. Beides ist eine legitime Entscheidung, es verändert aber die Kreatinzufuhr, weil Pflanzen praktisch kein Kreatin enthalten.

Dazu kommt, dass stark verarbeitete Lebensmittel viel Energie und wenig Nährstoffdichte liefern. Diskutiert wird außerdem, ob chronischer Stress, Umweltbelastungen und manche Medikamente den Verbrauch an Schutz- und Baustoffen erhöhen können. Das gilt nicht speziell für Kreatin, es gilt für das gesamte Feld. Die Datenlage dazu ist heterogen und teils methodisch umstritten, und ich benenne das lieber, als es zu übergehen.

Beobachtung, Übersicht am Menschen Warum Vegetarierinnen und Vegetarier hier eine Sonderrolle haben

Eine kanadische Arbeitsgruppe hat neun Studien zu Kreatin bei vegetarischer Ernährung systematisch ausgewertet.

Ihr Befund: Bei Vegetarierinnen und Vegetariern stiegen unter Kreatin die Konzentrationen in Muskel, Plasma und roten Blutkörperchen an, teilweise sogar über das Niveau von Fleischessenden hinaus. Beschrieben wurden außerdem Zunahmen von fettfreier Masse, Kraft und Ausdauerleistung sowie bei Gedächtnis- und Intelligenztests.

Ein Detail ist wichtig für die Einordnung: Auf das Phosphokreatin im Gehirn hatte die Zufuhr in diesen Studien keinen Effekt. Das Gehirn folgt hier offenbar einer anderen Logik als der Muskel. Die Autoren bewerten das Verzerrungsrisiko der eingeschlossenen Studien selbst als mittel bis hoch.

Kaviani M, Shaw K, Chilibeck PD. Int J Environ Res Public Health. 2020. DOI: 10.3390/ijerph17093041

Und jetzt weißt du, warum die sinnvollste erste Frage nicht lautet „wie viel nehme ich", sondern „wie sieht mein Teller eigentlich aus".

Muskel und Kraft: was die Meta-Analysen zeigen und was nicht

Jetzt zu dem Teil, um den es den meisten Menschen geht. Und hier bin ich lieber genau als begeistert.

Kreatin gehört zu den wenigen Nahrungsergänzungsmitteln, bei denen mehrere unabhängige Meta-Analysen in dieselbe Richtung zeigen. Nur ist die Richtung differenzierter, als Werbetexte es darstellen.

Meta-Analyse, mehrere Studien zusammengefasst Kraft: deutlich beim Drücken, nicht überall

Eine amerikanische Arbeitsgruppe hat 16 kontrollierte Studien zu Kreatin und Maximalkraft bei gesunden Erwachsenen zusammengefasst.

Im Bankdrücken lag die Differenz zugunsten von Kreatin bei 6,85 Kilogramm, in der Kniebeuge bei 9,76 Kilogramm. Beim Armcurl, auf dem Fahrradergometer und am isokinetischen Dynamometer fand sich dagegen kein Unterschied zu Placebo. In sieben von zehn Studien zur Maximalkraft waren die Teilnehmer junge Männer im Krafttraining.

Was das für dich bedeutet: Der Effekt ist real, aber er ist an Belastungsform, Trainingsreiz und Personengruppe gebunden. Die Autoren schränkten damals ausdrücklich ein, dass die Sicherheit zu diesem Zeitpunkt nicht abschließend geklärt sei. Zu dieser Frage gibt es inzwischen deutlich mehr Daten, dazu weiter unten mehr.

Dempsey RL, Mazzone MF, Meurer LN. J Fam Pract. 2002. PMID: 12485548

Besonders interessant wird es bei Menschen, die nicht 25 sind. Denn ab etwa der Lebensmitte verlieren wir kontinuierlich Muskelmasse, und das ist keine Kosmetikfrage. Muskelmasse hängt mit Sturzrisiko, Stoffwechsel und Selbstständigkeit zusammen.

Meta-Analyse, mehrere Studien zusammengefasst Ältere Erwachsene: der interessanteste Effekt

Eine kanadische Gruppe hat 22 randomisierte Studien mit insgesamt 721 Teilnehmenden ausgewertet. Das mittlere Alter lag je nach Studie zwischen 57 und 70 Jahren, trainiert wurde zwei bis drei Mal pro Woche über 7 bis 52 Wochen.

Unter Kreatin plus Krafttraining stieg die fettfreie Masse im Mittel um 1,37 Kilogramm mehr als unter Placebo plus Krafttraining. Auch die Kraft im Brustdrücken und im Beinpressen nahm stärker zu, wenn auch mit kleineren Effektstärken.

Was das für dich bedeutet: Der Zusatznutzen entsteht in Kombination mit Training, nicht anstelle davon. In einer weiteren Meta-Analyse derselben Forschungsrichtung zeigte sich, dass eine Einnahme ausschließlich an Trainingstagen ebenfalls mit Zuwächsen bei Masse und Kraft einherging.

Chilibeck PD et al. Open Access J Sports Med. 2017. DOI: 10.2147/OAJSM.S123529 · Forbes SC et al. Nutrients. 2021. DOI: 10.3390/nu13061912

Ein Zuwachs von etwa 1,4 Kilogramm fettfreier Masse klingt unspektakulär. Gemessen wurden in dieser Arbeit Masse und Kraft, nicht Stürze und nicht Selbstständigkeit. Warum mich die Zahl trotzdem interessiert: Muskelmasse und Kraft gehören zu den Faktoren, die in der Altersmedizin mit Beweglichkeit und Selbstständigkeit in Verbindung gebracht werden. Ob sich der Zuwachs im Alltag bemerkbar macht, ist damit noch nicht bewiesen.

Der Freiheits-Gedanke

Hier geht es nicht um Bizeps. Es geht darum, ob du mit siebzig noch deinen Koffer selbst ins Gepäckfach hebst. Ob du dich nach einem Sturz wieder aufrichten kannst. Ob du deine Enkel hochheben kannst.

Muskulatur ist gelebte Selbstständigkeit. Alles, was diesen Erhalt unterstützen kann, verdient eine ernsthafte Prüfung. Und alles, was ihn ersetzen soll, verdient Misstrauen.

Und jetzt weißt du, warum ich Kreatin nicht bei Zwanzigjährigen am spannendsten finde, sondern bei Menschen ab der Lebensmitte, die anfangen, ihre Muskeln ernst zu nehmen.

Monohydrat, teure Formen und die Frage nach der Ladephase

Im Regal stehen inzwischen Kreatin-Hydrochlorid, gepuffertes Kreatin, Kreatin-Ethylester, Kreatin-Malat und ein Dutzend weiterer Varianten. Sie kosten das Zwei- bis Vierfache. Und sie versprechen bessere Aufnahme.

Der nüchterne Blick auf die Literatur ergibt ein anderes Bild.

Die allermeisten Studien, die es zu Kreatin gibt, wurden mit Kreatinmonohydrat gemacht. In der großen Meta-Analyse zur Kognition mit 16 randomisierten Studien war Monohydrat sogar die einzige verwendete Form. Wer eine andere Verbindung kauft, verlässt damit den Bereich, in dem die Daten liegen.

Die Expertengruppe der Internationalen Gesellschaft für Sporternährung hat genau diese Frage in ihrem Übersichtsartikel zu den häufigsten Missverständnissen aufgegriffen und ordnet sie ein: Für eine Überlegenheit anderer Formen gegenüber Monohydrat fehlt bislang die belastbare Datengrundlage.

Die Ladephase: schneller ja, notwendig nein

Die Ladephase ist der Klassiker unter den Kreatin-Ritualen. Fünf bis sieben Tage lang 20 Gramm täglich, aufgeteilt auf vier Portionen. Sie kommt aus einer bestimmten Untersuchung, und die lohnt sich anzuschauen.

Klinische Studie am Menschen Woher die Ladephase kommt, und was sie zeigt

Eine schwedisch-britische Arbeitsgruppe untersuchte an 31 Männern, wie sich Kreatin im Muskel anreichert. Gemessen wurde direkt im Muskelgewebe, nicht im Blut.

Nach sechs Tagen mit 20 Gramm täglich stieg das Gesamtkreatin im Muskel um etwa 20 Prozent. Dieses Niveau blieb erhalten, wenn danach 2 Gramm täglich weiter eingenommen wurden. Ohne diese Erhaltungsmenge sank es ab und war 30 Tage nach dem Absetzen nicht mehr vom Ausgangswert zu unterscheiden.

Und jetzt der Teil, den die Ladephase-Anhänger gern überlesen: Mit 3 Gramm täglich über 28 Tage wurde ein vergleichbarer Anstieg von rund 20 Prozent erreicht. Langsamer, aber genauso hoch.

Hultman E, Söderlund K, Timmons JA et al. J Appl Physiol. 1996. DOI: 10.1152/jappl.1996.81.1.232

Eine zweite Arbeitsgruppe in Westaustralien hat das an 18 Männern weiter untersucht. Nach fünf Ladetagen ließen sich die erhöhten Speicher über sechs Wochen mit 2 bis 5 Gramm täglich halten. Ohne Erhaltungsmenge sanken sie, brauchten aber länger als erwartet, um wieder auf den Ausgangswert zu kommen.

VorgehenWas in Studien beobachtet wurdeWas die Studienlage dazu sagt
Ladephase, hohe Tagesmenge über 5 bis 7 TageAnstieg des Muskelkreatins um etwa 20 Prozent innerhalb weniger TageIn den Studien der schnellste Anstieg, mit häufigeren Magen-Darm-Beschwerden
Kleinere Tagesmenge ohne LadephaseVergleichbarer Anstieg, erreicht über etwa vier WochenLangsamer, meist besser verträglich, gleiches Endniveau
Erhaltung nach dem AufsättigenKleine Tagesmengen hielten die Speicher über sechs Wochen stabilMehr dürfte an dieser Stelle wenig ändern, der Speicher ist gesättigt
AbsetzenRückkehr zum Ausgangswert über Wochen, Kreatininausscheidung im Urin steigt entsprechendKein Absturz, kein Entzug, sondern ein langsames Auslaufen

Ein Hinweis zur Einordnung, der in vielen Texten fehlt: Für Nahrungsergänzungsmittel in Deutschland nennt das Bundesinstitut für Risikobewertung eine Tageshöchstmenge von 3 Gramm Kreatin, das entspricht etwa 3,41 Gramm Kreatinmonohydrat. Die Fundstelle dazu steht im Quellenverzeichnis am Ende dieses Textes. Die höheren Mengen aus den Studien sind Forschungsprotokolle, keine Verzehrempfehlung.

Reframe

Die Ladephase ist kein Wirkprinzip. Sie ist eine Abkürzung.

Wer es eilig hat, kann sie nutzen. Wer einen empfindlichen Magen hat, braucht sie nicht. Der Endpunkt ist derselbe. Das ist eine gute Nachricht für alle, die das Gefühl hatten, etwas falsch zu machen.

Und jetzt weißt du, warum sich der Aufpreis für eine exotische Verbindung nach heutiger Datenlage nicht begründen lässt. Vielleicht ändert sich das noch, bisher fehlen die Vergleichsstudien.

Wasser im Muskel: die ehrliche Antwort auf die Gewichtsfrage

Diesen Gedanken kenne ich gut, er kommt in Gesprächen immer wieder vor: zwei Wochen Kreatin, ein Kilo mehr auf der Waage, sofort abgesetzt. Und die Beobachtung stimmt sogar.

Kreatin ist osmotisch aktiv. Es kann Wasser mit sich ziehen. Wenn du deine Muskelspeicher auffüllst, kommt daher vermutlich Wasser mit in die Zelle. Das ist keine Nebenwirkung im eigentlichen Sinn, sondern eine physiologisch erwartbare Begleiterscheinung.

Die entscheidende Frage ist nicht, ob Wasser eingelagert wird. Sie lautet: wo.

Klinische Studie am Menschen Wo das Wasser landet

Eine amerikanische Arbeitsgruppe untersuchte an 35 Personen über zwei Wochen, wie sich Kreatin auf die Verteilung des Körperwassers auswirken kann. Gemessen wurde mit Bioimpedanz, getrennt nach Wasser innerhalb und außerhalb der Zellen.

Das Körpergewicht stieg in den Kreatingruppen um etwa 0,4 bis 0,75 Kilogramm, wobei nur der größere der beiden Anstiege statistisch gesichert war. In einer der Gruppen nahm das Wasser innerhalb der Zellen deutlich zu, von 26,29 auf 28,01 Liter, während das Wasser außerhalb der Zellen zurückging, von 15,75 auf 14,88 Liter. In derselben Gruppe stieg auch das maximale Drehmoment bei der Kniestreckung.

Zur Einordnung: In dieser Studie wurde Kreatin zusammen mit Magnesium gegeben, die Übertragbarkeit auf reines Kreatinmonohydrat ist damit begrenzt. Die Richtung des Befundes passt aber zu dem, was physiologisch zu erwarten wäre.

Brilla LR, Giroux MS, Taylor A, Knutzen KM. Metabolism. 2003. DOI: 10.1016/s0026-0495(03)00188-4
Der Unterschied, um den es geht

Aufgeschwemmt sein heißt: Wasser sitzt zwischen den Zellen, im Gewebe, unter der Haut. Das ist das Bild, das viele im Kopf haben, wenn sie an Wassereinlagerung denken.

Was bei Kreatin beschrieben wird, geht eher in die andere Richtung: Wasser wandert in die Muskelzelle hinein. Die Zelle wird praller, nicht das Gewebe drumherum. Auf der Waage sieht beides gleich aus. Belegt ist das allerdings nur über eine kleine, zwei Wochen kurze Untersuchung, in der Kreatin zusammen mit Magnesium gegeben wurde.

Trotzdem bleibt eine praktische Konsequenz, und die gehört ehrlich benannt. Wenn du in einer Sportart mit Gewichtsklassen antrittst, ist ein Kilogramm mehr ein echtes Thema. Und wenn dein Ziel eine Zahl auf der Waage ist, wird dich Kreatin in den ersten Wochen frustrieren.

Die Expertengruppe der Sporternährungsgesellschaft hat die Frage nach Wassereinlagerung und Fettzunahme in ihrer Übersicht zu den häufigsten Missverständnissen ausdrücklich aufgegriffen, gemeinsam mit den Fragen nach Haarausfall, Krämpfen und Dehydrierung. Es lohnt sich, diese Liste zu kennen, weil sie zeigt: Die meisten Sorgen rund um Kreatin sind alt, oft wiederholt und selten geprüft worden.

Und jetzt weißt du, warum die Waage bei diesem Thema der schlechteste Ratgeber ist.

Der Laborwert, der dich erschreckt und oft harmlos erklärbar ist

Das hier ist der praktisch wichtigste Abschnitt dieses Artikels. Wenn du nur einen Teil mitnimmst, dann diesen.

Stell dir vor, du nimmst seit drei Monaten Kreatin. Du gehst zur Routinekontrolle. Und der Befund kommt zurück: Kreatinin erhöht. Auf dem Ausdruck steht ein Pfeil nach oben. Vielleicht steht daneben ein Kommentar zur Nierenfunktion.

Dein Puls geht hoch. Verständlich.

Nur: Kreatinin ist nichts anderes als das normale Abbauprodukt von Kreatin. Jeden Tag zerfällt ein Teil deines Kreatinvorrats spontan zu Kreatinin, und die Niere scheidet es aus. Wenn du mehr Kreatin im Körper hast, entsteht rechnerisch mehr Kreatinin. Das kann schlichte Arithmetik sein und muss kein Nierenschaden sein. Ausschließen lässt sich ein Nierenproblem allein damit aber nicht. Diese Einordnung gehört in ärztliche Hände.

Klinische Studie am Menschen Zwei Jahre Kreatin, Kreatinin steigt, Niere unauffällig

Eine Münchner Arbeitsgruppe hat 60 ältere Menschen mit Parkinson randomisiert. 40 erhielten zwei Jahre lang 4 Gramm Kreatin täglich, 20 erhielten Placebo. Blut und Urin wurden bei sechs Kontrollterminen umfassend untersucht.

Das Ergebnis, wörtlich sinngemäß: Der Kreatininwert im Serum stieg in der Kreatingruppe an, was die Autoren auf den Abbau des zugeführten Kreatins zurückführen. Alle anderen Marker der Nierenfunktion, sowohl der Tubuli als auch der Glomeruli, blieben unauffällig, insbesondere Cystatin C. Die Autoren werten das als Hinweis auf eine unveränderte Nierenfunktion.

Die häufigsten Nebenwirkungen waren Magen-Darm-Beschwerden. In dieser Studie wurde Kreatin insgesamt gut vertragen. Für Menschen mit bereits eingeschränkter Nierenfunktion sagt sie nichts aus, solche Teilnehmenden waren nicht eingeschlossen.

Bender A, Samtleben W, Elstner M, Klopstock T. Nutr Res. 2008. DOI: 10.1016/j.nutres.2008.01.001

Eine brasilianische Gruppe kam bei jüngeren, gesunden Männern zu einem ähnlichen Bild. 18 Teilnehmer erhielten randomisiert und doppelblind etwa 10 Gramm Kreatin täglich oder Placebo über drei Monate, begleitet von moderatem Ausdauertraining. Cystatin C sank in beiden Gruppen, was eher für eine bessere als für eine schlechtere Filtrationsleistung spricht. Andere Nierenparameter zeigten keine bedeutsamen Unterschiede.

Eine Übersichtsarbeit zur Nierensicherheit von Aminosäurepräparaten bei Sporttreibenden fasst es so zusammen: Für Kreatin in einem Bereich von etwa 5 bis 30 Gramm täglich fanden sich bei Menschen ohne vorbestehende Nierenerkrankung keine schädlichen Effekte auf die Nierenfunktion. Die Autoren fordern gleichzeitig mehr klinische Daten zur optimalen Dauer und Menge.

Was du praktisch tun kannst

Sag es vorher. Wenn deine Ärztin oder dein Arzt weiß, dass du Kreatin nimmst, wird der erhöhte Kreatininwert richtig eingeordnet und löst keine unnötige Diagnostikkette aus.

Wenn Unsicherheit bleibt, kann Cystatin C als zusätzlicher Marker weiterhelfen. Er stammt nicht aus dem Kreatinstoffwechsel und wird von der Kreatinzufuhr nicht in gleicher Weise beeinflusst. Genau dieser Marker wurde in beiden oben genannten Studien verwendet. Perfekt ist er nicht: Schilddrüsenfunktion, Kortisonpräparate, starkes Übergewicht und Rauchen können auch ihn verschieben. Auch diesen Wert liest man deshalb im Zusammenhang und nicht allein.

Wichtiger Sicherheitshinweis

Diese Entwarnung gilt für Menschen mit gesunden Nieren. Bei bekannter Nierenerkrankung, bei nur einer Niere, nach Transplantation, bei Diabetes mit Nierenbeteiligung oder unter nierenbelastenden Medikamenten ist die Lage eine andere. Hier gehört die Frage vorher in ärztliche Hände, nicht in ein Forum.

Auch in Schwangerschaft und Stillzeit sowie bei Kindern und Jugendlichen fehlen belastbare Daten für eine eigenständige Einnahme. Dieser Text ersetzt keine ärztliche Untersuchung und keine individuelle Beratung.

Zur Ehrlichkeit gehört auch die andere Richtung. Ein erhöhter Kreatininwert kann viele Ursachen haben: zu wenig getrunken, ein sehr hartes Training kurz vorher, viel Muskelmasse, Schmerzmittel aus der Ibuprofen-Gruppe, bestimmte Blutdruckmedikamente. Und manchmal ist es tatsächlich die Niere. Deshalb ist Kreatin eine mögliche Erklärung und niemals der Schlusspunkt.

Und jetzt weißt du, warum du bei einem Pfeil nach oben zuerst erzählen solltest, was du nimmst, und danach gemeinsam weiterschaust.

Gehirn, Schlafmangel und Stimmung: der spannendste, dünnste Teil

Hier wird es interessant, und hier wird es gleichzeitig unsicher. Beides gehört zusammen.

Ein Hinweis vorab, weil er rechtlich und inhaltlich zählt: Zugelassen sind für Kreatin in der EU nur Aussagen zur körperlichen Leistung. Alles, was jetzt zum Gehirn und zur Stimmung kommt, ist Studienreferat und Forschungsstand. Es ist keine Wirkaussage und kein Versprechen für dich.

Dein Gehirn ist ein energiehungriges Organ. Es macht etwa zwei Prozent deines Körpergewichts aus und verbraucht einen unverhältnismäßig großen Anteil deiner Energie. Und auch dort liegt Kreatin, auch dort puffert das Kreatin-Kinase-System.

Die naheliegende Frage: Wenn ich den Muskel-Akku auffüllen kann, kann ich das dann auch im Kopf?

Die Antwort ist ein vorsichtiges „unter bestimmten Bedingungen vielleicht".

Meta-Analyse, mehrere Studien zusammengefasst Gedächtnis: kleiner Effekt, sehr ungleich verteilt

Eine britisch-kanadische Gruppe hat acht randomisierte Studien zu Kreatin und Gedächtnis bei gesunden Menschen zusammengefasst.

Insgesamt zeigte sich eine Verbesserung der Gedächtnisleistung gegenüber Placebo mit einer standardisierten Effektstärke von 0,29. Das ist ein kleiner Effekt. Interessanter ist die Aufteilung: Bei Menschen zwischen 66 und 76 Jahren lag die Effektstärke bei 0,88, bei jüngeren Teilnehmenden zwischen 11 und 31 Jahren praktisch bei null. Dosis, Dauer, Geschlecht und Herkunftsland veränderten das Bild nicht. Zur Einordnung gehört auch: Die Streuung zwischen den eingeschlossenen Studien war hoch, und das Konfidenzintervall des Gesamteffekts reicht bis dicht an die Nullgrenze heran.

Was das für dich bedeutet: Wer jung, ausgeschlafen und gut ernährt ist, sollte von Kreatin im Kopf wenig erwarten. Die Signale liegen dort, wo das System unter Druck steht.

Prokopidis K et al. Nutr Rev. 2023. DOI: 10.1093/nutrit/nuac064

Eine zweite, neuere Meta-Analyse mit 16 randomisierten Studien und 492 Teilnehmenden kommt zu einem ähnlich differenzierten Bild. Gedächtnis, Aufmerksamkeitszeit und Verarbeitungsgeschwindigkeit verbesserten sich, die Gesamtkognition und die Exekutivfunktionen nicht. In allen eingeschlossenen Studien wurde Kreatinmonohydrat verwendet. Die Sicherheit der Evidenz stufen die Autoren beim Gedächtnis als moderat ein, bei allen anderen Bereichen als niedrig.

Ein Punkt gehört zur Ehrlichkeit dazu: In den Untergruppen widersprechen sich die beiden Meta-Analysen. Die erste fand die deutlichsten Effekte bei den Ältesten, die zweite bei Erwachsenen zwischen 18 und 60 Jahren, bei Frauen und bei Menschen mit Erkrankungen. Das ist ein weiterer Hinweis darauf, wie unfertig dieses Feld noch ist.

Ein systematischer Review aus sechs randomisierten Studien mit 281 Personen beschreibt Hinweise auf ein besseres Kurzzeitgedächtnis und bessere Schlussfolgerungsleistungen. Bei anderen kognitiven Bereichen widersprachen sich die Ergebnisse. Bei jungen Erwachsenen blieb die Leistung unverändert. Vegetarierinnen und Vegetarier profitierten in Gedächtnisaufgaben deutlicher als Fleischessende.

Klinische Studie am Menschen Der Klassiker bei vegetarischer Ernährung

Eine australische Arbeitsgruppe untersuchte 45 junge vegetarisch lebende Erwachsene doppelblind, placebokontrolliert und im Cross-over-Design. Sechs Wochen lang gab es 5 Gramm Kreatinmonohydrat täglich oder Placebo.

Unter Kreatin verbesserten sich sowohl das Arbeitsgedächtnis, gemessen über die rückwärts wiederzugebende Zahlenspanne, als auch ein Intelligenztest mit Matrizenaufgaben. Beide Verbesserungen waren statistisch deutlich. Beide Aufgaben haben eines gemeinsam: Sie brauchen Verarbeitungsgeschwindigkeit.

Was das für dich bedeutet: Wenn deine Ausgangsversorgung niedrig ist, weil du wenig oder kein Fleisch isst, ist die Chance auf einen spürbaren Unterschied größer als bei jemandem mit vollen Speichern.

Rae C, Digney AL, McEwan SR, Bates TC. Proc Biol Sci. 2003. DOI: 10.1098/rspb.2003.2492

Schlafmangel: der Zustand, in dem sich am meisten zeigt

Wenn du zu wenig schläfst, sinken die Energiereserven im Gehirn. Genau hier setzt eine Forschungsrichtung an, die ich spannend finde, ohne sie überzubewerten.

Klinische Studie am Menschen Eine hohe Einzelgabe während der durchwachten Nacht

Eine Arbeitsgruppe aus Jülich und Aachen hat untersucht, was eine einzelne hohe Kreatingabe während eines Schlafentzugs von etwa 21 Stunden im Gehirn macht. Gemessen wurde direkt am Gehirn mit Magnetresonanzspektroskopie, parallel dazu liefen kognitive Tests.

Unter Kreatin veränderten sich die energiereichen Phosphate im Gehirn, der Abfall des pH-Wertes fiel geringer aus, und die kognitive Leistung sowie die Verarbeitungsgeschwindigkeit waren besser als unter Placebo. Die Autoren interpretieren das als teilweise Umkehr der ermüdungsbedingten Veränderungen.

Zur Einordnung: Das ist eine kleine, sehr spezielle Untersuchung mit einer Dosis, die weit über dem üblichen Bereich liegt. Sie beschreibt einen Ausnahmezustand, nicht den Alltag. Als Beleg für tägliche Einnahme taugt sie nicht.

Gordji-Nejad A et al. Sci Rep. 2024. DOI: 10.1038/s41598-024-54249-9

Eine ältere doppelblinde Untersuchung an 19 Personen passt dazu. Nach sieben Tagen mit Kreatin und anschließend 24 Stunden Schlafentzug mit leichter Bewegung verschlechterten sich mehrere Leistungen weniger stark als unter Placebo: die Fähigkeit zur zufälligen Bewegungserzeugung, die Wahlreaktionszeit, das statische Gleichgewicht und die Stimmungslage. Die Konzentrationen von Katecholaminen und Cortisol im Blut unterschieden sich dagegen nicht zwischen den Gruppen.

Tierstudie

Im Tierversuch zeigt sich eine verwandte Beobachtung. Nach vier Wochen Kreatingabe schliefen Ratten in der Ruhephase weniger, und der homöostatische Schlafdruck nach Schlafentzug fiel geringer aus. Das ist ein Tiermodell. Beim Menschen ist daraus nichts abzuleiten, außer der Frage, ob wir hier noch etwas übersehen.

Stimmung: Signale, keine Antworten

Die Verbindung zwischen Kreatin und Psyche wird derzeit viel diskutiert. Ich halte es für ein ehrliches Beispiel dafür, wie ein Feld aussieht, in dem noch nichts entschieden ist.

In einer Auswertung von Daten aus einer großen US-amerikanischen Gesundheitsbefragung mit 22.692 Erwachsenen lag die Häufigkeit depressiver Symptome im untersten Viertel der Kreatinzufuhr über die Nahrung bei 10,23 pro 100 Personen, im obersten Viertel bei 5,98 pro 100. Nach Anpassung an zahlreiche Einflussfaktoren blieb ein Zusammenhang bestehen. Am deutlichsten war er bei Frauen, bei Menschen zwischen 20 und 39 Jahren und bei Personen ohne antidepressive Medikation.

Wichtig ist, was das nicht ist: Eine Querschnittsbeobachtung kann keine Ursache belegen. Menschen mit höherer Kreatinzufuhr essen mehr Fleisch und Fisch, und sie unterscheiden sich vermutlich in vielen weiteren Punkten von Menschen mit niedriger Zufuhr.

Aus dem klinischen Bereich gibt es eine kleine randomisierte Studie: 18 Menschen in einer bipolaren Depression erhielten sechs Wochen lang zusätzlich zur bestehenden Therapie 6 Gramm Kreatinmonohydrat täglich oder Placebo. In einem Test zur Wortflüssigkeit zeigte sich ein Vorteil für die Kreatingruppe, in den übrigen neuropsychologischen Tests nicht. Die Autoren benennen die kleine Fallzahl selbst als wesentliche Einschränkung.

Und jetzt der Teil, der in den meisten Texten fehlt. In der größeren Auswertung derselben Arbeitsgruppe mit 35 Teilnehmenden wechselten zwei Menschen unter Kreatin früh im Studienverlauf in eine Hypomanie oder Manie. In einer älteren offenen Untersuchung mit zehn Personen passierte dasselbe bei beiden eingeschlossenen bipolaren Patienten.

Wichtiger Sicherheitshinweis bei bipolarer Störung

Wenn du eine bipolare Störung hast, nimm Kreatin bitte nicht auf eigene Faust. Sprich vorher mit deiner Psychiaterin oder deinem Psychiater. Das gilt auch dann, wenn du es nur wegen des Trainings nehmen willst.

Die beschriebenen Wechsel in eine Hypomanie oder Manie stammen aus sehr kleinen Studien. Wie häufig so etwas ist, lässt sich daraus nicht ableiten. Genau deshalb gehört diese Entscheidung in ärztliche Hände und nicht in ein Forum.

Beim Muskel ist Kreatin gut belegt. Beim Gehirn ist es eine begründete Hypothese mit ersten Daten. Diese beiden Sätze im selben Text zu lassen, ist keine Schwäche. Es ist der Punkt.

Und jetzt weißt du, warum ich bei „Kreatin für die Psyche" weder abwinke noch mitjubele.

Die vier Linsen und die Frage, die am wichtigsten ist

In der klinischen Psychoneuroimmunologie schauen wir mit vier Linsen auf ein Thema. Bei Kreatin zeigt das schön, warum ein einzelner Baustein nie nur an einer Stelle mitspielt.

Nervensystem

Auch Nervenzellen puffern ihre Energie über das Kreatin-Kinase-System. Unter Schlafentzug verändern sich die energiereichen Phosphate im Gehirn messbar. Genau in diesem Zustand zeigten sich in Studien die deutlichsten kognitiven Unterschiede, während bei ausgeschlafenen jungen Menschen kaum etwas messbar war.

Stoffwechsel

Phosphokreatin kann ATP in Sekundenbruchteilen zurückbilden, ohne Umweg über Sauerstoff. Das passt dazu, dass der Effekt bei kurzen, sehr intensiven Belastungen sichtbar wird und für lange Ausdauerbelastungen nicht in derselben Weise belegt ist.

Hormonsystem

In der systematischen Übersicht zu vegetarischer Ernährung stieg unter Kreatin auch der Wachstumsfaktor IGF-1 an, neben fettfreier Masse und Faserquerschnitt. Was das langfristig bedeutet, ist offen. Es zeigt aber, dass ein Eingriff an einer Stelle nicht an dieser Stelle stehen bleibt.

Immunsystem

Ob Kreatin entzündungsmodulierend eingreifen kann, ist eine offene Frage. Die Expertengruppe der Sporternährungsgesellschaft hat sie in ihrer aktuellen Übersicht ausdrücklich als eine der noch nicht abschließend beantworteten Fragen aufgeführt. Solange das so ist, gehört sie nicht in einen Werbetext.

Homöostase: der Körper regelt in Kreisläufen

Und hier kommt der Punkt, der mir bei jedem Nahrungsergänzungsmittel am wichtigsten ist.

Dein Körper stellt Kreatin selbst her. Er verbraucht dafür Glycin, Arginin und Methionin. Und er tut das nicht blind, sondern reguliert. Die physiologische Übersichtsarbeit beschreibt einen Stoffwechsel, der auf Zufuhr reagiert. Wer von außen zuführt, greift in einen laufenden Regelkreis ein.

Das ist kein Argument gegen Kreatin. Es ist ein Argument gegen die Vorstellung, ein Nährstoff sei ein Schalter, den man einfach umlegt. Ein Nährstoff ist ein Mitspieler in einem Netzwerk. Wer an einer Schraube dreht, bewegt andere mit.

Bei Kreatin ist die gute Nachricht: Nach dem Absetzen kehrten die Muskelspeicher in den Untersuchungen über Wochen auf den Ausgangswert zurück. Ein dauerhafter Ausfall der körpereigenen Bildung ist in diesen Arbeiten nicht beschrieben. Der Körper scheint diesen Regelkreis also wieder aufzunehmen.

Trotzdem gilt für Kreatin, was für alles gilt: Ewiges Hochdosieren ist nicht das Ziel. Sobald der Speicher gesättigt ist, dürfte mehr Zufuhr wenig ändern, der Überschuss wird ausgeschieden. Die Aufsättigungsstudien deuten genau darauf hin.

Bedarfsdeckung ist nicht Therapie

Zwischen dem, was du online kaufst, und dem, was orthomolekulare Medizin macht, liegen Welten. Beides heißt umgangssprachlich „Nahrungsergänzung", und das ist der Grund für die meisten Missverständnisse.

Bedarfsdeckung meint niedrige Mengen, die eine Lücke auffüllen. Von ihnen ist keine therapeutische Wirkung zu erwarten, und das ist auch nicht ihre Aufgabe.

Orthomolekulare Therapie meint deutlich höhere Mengen, gezielt eingesetzt, zeitlich befristet, unter ärztlicher Kontrolle mit Ausgangslabor und Verlaufskontrolle. Erst hier kann ein Nährstoff überhaupt in die Nähe einer arzneilichen Wirkung kommen.

Das anschaulichste Beispiel für dieses Prinzip ist nicht Kreatin, sondern Vitamin D. Zur Bedarfsdeckung sind die Größenordnungen klein. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung nennt als Schätzwert 800 Internationale Einheiten pro Tag, wenn der Körper selbst kein Vitamin D bildet. Es gibt daneben experimentelle Ansätze, die ein Vielfaches davon einsetzen und dabei Kalzium, Parathormon und Nierenwerte engmaschig kontrollieren. Konkrete Mengen und Protokollnamen nenne ich hier bewusst nicht.

Ich schreibe das ausdrücklich nicht als Empfehlung. Solche Ansätze stehen in keiner Leitlinie, ihr Nutzen ist nicht belegt, und ohne ärztliche Überwachung können sie ernsthaft schaden, bis hin zu einer Hyperkalzämie, einer Nierenschädigung und Herzrhythmusstörungen. Ich biete sie nicht an. Wer eine chronische Erkrankung hat, darf eine verordnete Therapie deswegen auf keinen Fall absetzen oder hinauszögern. Ich nenne das Prinzip nur, weil es zeigt: dieselbe Substanz, zwei völlig verschiedene Anwendungen, getrennt allein durch Dosis, Ziel und Kontrolle.

Bei Kreatin sieht dasselbe Prinzip so aus: In den zitierten Erhaltungsstudien lagen die Tagesmengen im niedrigen einstelligen Grammbereich. Das liegt eher im Bereich einer Bedarfsdeckung. Die 4 Gramm täglich über zwei Jahre in der Parkinson-Studie waren dagegen ein therapeutischer Forschungsansatz mit engmaschiger Laborbegleitung an sechs Kontrollterminen. Die Menge sieht ähnlich aus. Der Rahmen ist ein völlig anderer.

Messen statt raten

Für Kreatin gibt es keinen praktikablen Routinetest, der dir deinen Speicher zeigt. Das ist ehrlich gesagt eine Schwäche dieses Themas. Was du aber messen kannst, ist der Rahmen: Nierenwerte einschließlich Cystatin C, Blutdruck, Eiweißversorgung, Blutbild.

Und du kannst dir einen Zeitrahmen geben. Ein Ziel, das du benennen kannst. Einen Kontrolltermin. Und danach die Frage, ob es noch gebraucht wird. Ein Supplement ist in aller Regel eine befristete Intervention, kein Abo fürs Leben.

Und jetzt weißt du, warum ich bei Kreatin nicht frage „ja oder nein", sondern „wofür, wie lange, und woran erkennst du, dass es sich gelohnt hat".

Drei Hebel, die du heute umsetzen kannst

Kein Protokoll, keine Marken, keine Wochenpläne. Nur drei Dinge, die in deiner Hand liegen.

Hebel 1: Kläre erst die Basis, dann das Pulver

  • Trainierst du regelmäßig gegen Widerstand? Ohne diesen Reiz bleibt der aufgefüllte Speicher in den Studien weitgehend ungenutzt.
  • Isst du genug Eiweiß und schläfst du ausreichend? Beides schlägt in seiner Wirkung jedes Nahrungsergänzungsmittel, das ich kenne.
  • Wie viel Fleisch und Fisch landet auf deinem Teller? Wenn die Antwort „kaum" lautet, ist deine Ausgangslage eine andere als bei jemandem mit voller Zufuhr.

Hebel 2: Lies das Etikett wie ein Chemiker, nicht wie ein Käufer

  • Steht dort schlicht Kreatinmonohydrat? Das ist die Form, mit der praktisch die gesamte Studienlage erzeugt wurde.
  • Steht dort eine exotische Verbindung mit einem Versprechen zur besseren Aufnahme? Dann verlässt du den Bereich, in dem die Daten liegen.
  • Steht dort ein Mischprodukt mit Koffein, Aminosäuren und Aromen? Dann weißt du am Ende nicht, worauf du reagierst, im Guten wie im Unangenehmen.

Hebel 3: Sag es vor der nächsten Blutabnahme

  • Nenne Kreatin aktiv, bevor Blut abgenommen wird. Der erhöhte Kreatininwert kann sonst eine unnötige Diagnostikkette auslösen.
  • Wenn Unsicherheit über die Nierenfunktion besteht, kann Cystatin C als zusätzlicher Marker sinnvoll sein. Das ist genau der Weg, den beide oben genannten Studien gegangen sind.
  • Notiere Startdatum, Menge und Ziel. Und setze dir einen Termin, an dem du prüfst, ob sich etwas verändert hat. Ohne diesen Termin wird aus jeder Intervention ein Dauerzustand.
Sicherheit, Wechselwirkungen und Grenzen

Bei eingeschränkter Nierenfunktion, bei nur einer Niere, nach Nierentransplantation, bei diabetischer Nierenerkrankung und unter nierenbelastenden Medikamenten gehört die Frage vorher ärztlich geklärt. Zu diesen Medikamenten zählen zum Beispiel entzündungshemmende Schmerzmittel aus der Ibuprofen- und Diclofenac-Gruppe, also die klassischen NSAR, und bestimmte Blutdruckmedikamente. Gerade im Kraftsport ist die Kombination aus Schmerzmittel und Nahrungsergänzung häufig. Dasselbe gilt bei Lebererkrankungen und bei laufender Dauermedikation. Bei einer bipolaren Störung gehört die Frage vorher zur behandelnden Psychiaterin oder zum behandelnden Psychiater.

In Schwangerschaft und Stillzeit sowie bei Kindern und Jugendlichen fehlen belastbare Daten für eine eigenständige Einnahme. Häufigste unerwünschte Beobachtung in den Studien waren Magen-Darm-Beschwerden, vor allem bei hohen Einzelmengen. Wer zu Reizdarmbeschwerden neigt, spürt das meist zuerst.

Ein Punkt für alle, die im Wettkampf starten: Nahrungsergänzungsmittel können mit dopingrelevanten Substanzen verunreinigt sein, ohne dass das auf dem Etikett steht. Wer einer Dopingkontrolle unterliegt, sollte deshalb nur Produkte verwenden, die von einem anerkannten Programm auf solche Verunreinigungen geprüft wurden.

Die Angaben zu Mengen in diesem Text stammen ausschließlich aus den zitierten Studien und sind keine persönliche Empfehlung. Dieser Text ersetzt keine ärztliche Untersuchung, keine Diagnose und keine individuelle Beratung.

Und jetzt weißt du, warum die ehrlichste Antwort auf „soll ich Kreatin nehmen" nicht ja oder nein lautet, sondern mit einer Rückfrage nach deinem Ziel beginnt.

Häufige Fragen zur Wirkung von Kreatin

Was ist die Wirkung von Kreatin im Körper?

Kreatin ist kein Muskelaufbaumittel im klassischen Sinn, sondern ein Energiepuffer.

Ein Teil davon liegt in der Zelle als Phosphokreatin vor. Wenn die Zelle sehr schnell Energie braucht, kann Phosphokreatin seine Phosphatgruppe an ADP abgeben und daraus wieder ATP machen, die eigentliche Energiewährung. Physiologische Übersichtsarbeiten beschreiben dieses Kreatin-Kinase-System als räumlichen und zeitlichen Puffer für die Zellenergie.

Praktisch heißt das: Kreatin kann vor allem dort etwas beitragen, wo es um kurze, sehr intensive Belastungen und um schnelle Wiederholungen geht. Für lange Ausdauerbelastungen ist ein entsprechender Vorteil dagegen nicht in derselben Weise belegt. Das passt zu dem, was das Phosphokreatin-System physiologisch leisten kann.

Wie lange dauert es, bis Kreatin wirken kann?

Das hängt vom Weg ab, den du wählst.

In einer klassischen Untersuchung an 31 Männern stieg das Gesamtkreatin im Muskel nach sechs Tagen mit 20 Gramm täglich um etwa 20 Prozent. Mit 3 Gramm täglich wurde ein ähnlicher Anstieg erreicht, nur langsamer, nämlich über 28 Tage. Der Endpunkt ist also vergleichbar, der Zeitpunkt nicht.

Bis sich das in Kraftwerten zeigt, braucht es zusätzlich Training über Wochen. Beim Gehirn sind die Zeitfenster deutlich weniger klar, weil die Aufnahme dort träger abläuft. In einer systematischen Übersicht zu vegetarischer Ernährung veränderte sich das Phosphokreatin im Gehirn unter Zufuhr sogar gar nicht.

Brauche ich eine Ladephase?

Nötig ist sie nicht, schneller ist sie schon.

In der Untersuchung an 31 Männern führten 20 Gramm täglich über sechs Tage zu einem Anstieg von etwa 20 Prozent, und dieser Wert ließ sich anschließend mit 2 Gramm täglich halten. Eine niedrigere Menge über vier Wochen kam auf ein ähnliches Niveau.

Eine Arbeitsgruppe in Westaustralien zeigte an 18 Männern, dass die Speicher nach fünf Ladetagen mit 2 bis 5 Gramm täglich über sechs Wochen gehalten werden konnten. Die Fachgesellschaft für Sporternährung ordnet die Ladephase entsprechend als Option ein, nicht als Pflicht.

Ein praktischer Punkt: Höhere Einzelmengen können Magen-Darm-Beschwerden auslösen. Wer einen empfindlichen Darm hat, hat mit dem langsamen Weg den ruhigeren Start.

Ist Kreatinmonohydrat besser als teurere Formen?

Monohydrat ist die Form, mit der fast alle Studien gemacht wurden.

In der Meta-Analyse zur Kognition mit 16 randomisierten Studien war Kreatinmonohydrat die einzige eingesetzte Form. Auch die großen Kraft- und Muskelmasse-Analysen beruhen ganz überwiegend darauf.

Die Expertengruppe der Internationalen Gesellschaft für Sporternährung hat die Frage nach anderen Verbindungen ausdrücklich aufgegriffen und kommt zu einer nüchternen Einordnung: Für eine Überlegenheit gegenüber Monohydrat fehlt bislang die belastbare Datengrundlage.

Wer eine teurere Form kauft, zahlt also vor allem für ein Versprechen, das durch vergleichbare Studien bisher nicht gedeckt ist.

Macht Kreatin Wasser im Muskel und wie viel Gewicht?

Ein Teil des Gewichts ist tatsächlich Wasser. Das ist physiologisch gut erklärbar.

Kreatin ist osmotisch aktiv und kann Wasser mit sich in die Zelle ziehen. In einer randomisierten Studie mit 35 Personen über zwei Wochen stieg das Körpergewicht in den Kreatingruppen um etwa 0,4 bis 0,75 Kilogramm, wobei nur der größere der beiden Anstiege statistisch gesichert war. In einer der Gruppen nahm das Wasser innerhalb der Zellen zu, von 26,29 auf 28,01 Liter, während das Wasser außerhalb der Zellen von 15,75 auf 14,88 Liter zurückging.

Vieles spricht dafür, dass das Wasser vor allem in die Muskelzelle wandert und nicht ins Gewebe unter der Haut. Sicher belegt ist das nicht: Die Untersuchung dazu war klein, lief nur zwei Wochen und gab Kreatin zusammen mit Magnesium. Die Richtung passt zu dem, was physiologisch zu erwarten wäre, mehr lässt sich daraus nicht machen. Die Waage zeigt trotzdem mehr an, und in Sportarten mit Gewichtsklassen ist das ein echtes Thema.

Schadet Kreatin den Nieren?

Bei gesunden Nieren spricht die vorliegende Datenlage dagegen.

In einer randomisierten Studie erhielten 60 ältere Menschen mit Parkinson zwei Jahre lang 4 Gramm Kreatin täglich oder Placebo. Der Kreatininwert im Serum stieg, alle anderen Marker der Nierenfunktion einschließlich Cystatin C blieben unauffällig.

In einer zweiten randomisierten Studie mit 18 gesunden Männern und etwa 10 Gramm täglich über drei Monate sank Cystatin C in beiden Gruppen, auch unter Placebo. Die Autoren vermuten dahinter das begleitende Ausdauertraining. Eine Verschlechterung der Nierenfunktion unter Kreatin fand sich nicht. Eine Übersichtsarbeit zur Nierensicherheit kommt für Menschen ohne vorbestehende Nierenerkrankung zum selben Bild.

Bei bekannter Nierenerkrankung, nach Transplantation oder unter nierenbelastenden Medikamenten gilt das nicht. Dort gehört die Frage vorher in ärztliche Hände.

Warum ist mein Kreatininwert unter Kreatin erhöht?

Weil Kreatinin das normale Abbauprodukt von Kreatin ist.

Jeden Tag zerfällt ein Teil deines Kreatinvorrats spontan zu Kreatinin, das über die Niere ausgeschieden wird. Wer mehr Kreatin im Körper hat, produziert rechnerisch mehr Kreatinin. Das kann den erhöhten Wert vollständig erklären, ohne dass die Niere Schaden genommen hat. Ausschließen lässt sich ein Nierenproblem allein damit aber nicht, deshalb gehört ein erhöhter Kreatininwert immer ärztlich eingeordnet und nicht selbst weggedeutet.

Genau das wurde in der zweijährigen Studie an Parkinson-Patienten beobachtet: Kreatinin stieg, die feineren Marker der Nierenfunktion blieben normal. In der Aufsättigungsstudie an 31 Männern stieg nach dem Absetzen von Kreatin die Kreatininausscheidung im Urin entsprechend an.

Praktisch heißt das zweierlei. Sag deiner Ärztin oder deinem Arzt vor der Blutabnahme, dass du Kreatin nimmst. Und wenn Unsicherheit bleibt, kann Cystatin C als zusätzlicher Marker weiterhelfen, weil er von der Kreatinzufuhr nicht in gleicher Weise beeinflusst wird. Ein erhöhter Kreatininwert kann außerdem andere Ursachen haben: zu wenig getrunken, ein sehr hartes Training kurz vorher, viel Muskelmasse, Schmerzmittel aus der Ibuprofen-Gruppe, bestimmte Blutdruckmedikamente. Und manchmal ist es tatsächlich die Niere. Kreatin ist deshalb eine mögliche Erklärung und nie der Schlusspunkt.

Kreatin und Wirkung auf das Gehirn: was ist belegt?

Etwas, aber deutlich weniger, als der Hype verspricht.

Eine Meta-Analyse aus acht randomisierten Studien fand einen kleinen Vorteil beim Gedächtnis mit einer Effektstärke von 0,29. Bei älteren Menschen zwischen 66 und 76 Jahren lag sie bei 0,88, bei jüngeren Teilnehmenden praktisch bei null.

Eine zweite Meta-Analyse mit 16 Studien und 492 Personen fand Effekte auf Gedächtnis, Aufmerksamkeitszeit und Verarbeitungsgeschwindigkeit, aber nicht auf die Gesamtkognition oder die Exekutivfunktionen. Die Sicherheit der Evidenz stufen die Autoren beim Gedächtnis als moderat ein, bei allem anderen als niedrig.

Am deutlichsten sind die Signale dort, wo das System unter Druck steht: im Alter, bei niedriger Ausgangszufuhr und unter Schlafentzug. In den Untergruppen widersprechen sich die beiden Meta-Analysen allerdings. Die zweite fand die deutlicheren Effekte bei jüngeren Erwachsenen und bei Menschen mit Erkrankungen. Auch das gehört zum Bild.

Was ist über Kreatin und die Stimmungslage bekannt?

Vorweg, damit hier nichts falsch ankommt: Kreatin ist kein Mittel gegen Depressionen und wird von mir auch nicht dafür eingesetzt. Was es gibt, sind Beobachtungsdaten und einzelne kleine Studien, und die ordne ich hier nur ein.

In einer Auswertung von Daten aus einer US-Gesundheitsbefragung mit 22.692 Erwachsenen war eine höhere Kreatinzufuhr über die Nahrung mit einer geringeren Häufigkeit depressiver Symptome verbunden, von 10,23 auf 5,98 pro 100 Personen zwischen unterstem und oberstem Zufuhrviertel. Das ist eine Querschnittsbeobachtung und erlaubt keine Kausalaussage.

In einer kleinen randomisierten Studie mit 18 Menschen in einer bipolaren Depression verbesserte sich unter 6 Gramm Kreatin täglich über sechs Wochen ein Wortflüssigkeitstest, andere Tests blieben unverändert. In der größeren Auswertung derselben Arbeitsgruppe wechselten allerdings zwei Teilnehmende unter Kreatin früh in eine Hypomanie oder Manie, und in einer älteren offenen Untersuchung passierte dasselbe bei beiden eingeschlossenen bipolaren Patienten. Wer eine bipolare Störung hat, sollte Kreatin deshalb nicht auf eigene Faust nehmen, sondern vorher mit der behandelnden Psychiaterin oder dem behandelnden Psychiater sprechen.

Nach 24 Stunden Schlafentzug zeigte eine doppelblinde Untersuchung an 19 Personen unter Kreatin eine geringere Verschlechterung der Stimmungslage. Das sind Hinweise, keine Therapieempfehlung. Bei anhaltender depressiver Verstimmung gehört die Abklärung in ärztliche oder psychotherapeutische Hände.

Muss man Kreatin dauerhaft nehmen oder gibt es Pausen?

Kreatin ist kein Dauerabo, sondern eine Intervention mit Ziel und Zeitfenster.

In der Untersuchung an 31 Männern waren die Muskelspeicher 30 Tage nach dem Absetzen wieder auf dem Ausgangswert. Eine andere Arbeitsgruppe beobachtete, dass die Rückkehr auch länger dauern kann als lange angenommen. Ein dauerhafter Ausfall der körpereigenen Kreatinbildung ist in diesen Arbeiten nicht beschrieben.

Sobald der Speicher gesättigt ist, dürfte mehr Zufuhr wenig ändern. Der Überschuss wird ausgeschieden. Das spricht gegen die Vorstellung, dass mehr automatisch mehr bringt.

Sinnvoll ist ein klarer Rahmen: Startwerte, ein benanntes Ziel, ein Kontrolltermin und danach die ehrliche Frage, ob es noch gebraucht wird.

Wie dieses Thema mit den anderen zusammenhängt

Kreatin steht selten allein. Wenn du merkst, dass ein Baustein die Frage nicht beantwortet, führen diese Wege weiter.

SJ

Shukri Jarmoukli

Arzt · selbst gewählter Tätigkeitsschwerpunkt: integrative und funktionelle Medizin · ViveCura Berlin

Ich arbeite an der Schnittstelle von Schulmedizin, klinischer Psychoneuroimmunologie und Lebensstilmedizin. Mich interessiert weniger die Frage, welches Präparat gerade Konjunktur hat, als die Frage, was ein Symptom über das ganze System erzählt.

Meine Texte trennen bewusst zwischen dem, was Studien belegen, und dem, was ich klinisch beobachte. Beides hat seinen Platz, aber nicht denselben.

Privatpraxis ViveCura · Skalitzer Straße 137, Berlin

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Transparenz zur Evidenz Kreatin gehört zu den am besten untersuchten Nahrungsergänzungsmitteln, aber die Evidenz ist ungleich verteilt. Für Kraft, Muskelmasse und Nierensicherheit bei gesunden Menschen liegen mehrere Meta-Analysen und randomisierte Studien vor. Für die Effekte auf Gehirn, Kognition und Stimmung stützt sich der Text auf kleinere Studien, Meta-Analysen mit heterogenen Ergebnissen, eine Querschnittsauswertung ohne Kausalaussage und ein Tiermodell. Diese Befunde sind biologisch plausibel, aber nicht mit derselben Sicherheit belegt wie die Ergebnisse zum Muskel. Alle Mengenangaben in diesem Text stammen aus den zitierten Studien und sind keine persönliche Empfehlung. Bei bipolarer Störung ist in kleinen Studien ein Wechsel in eine Hypomanie oder Manie unter Kreatin beschrieben worden, deshalb gehört diese Konstellation vorher in psychiatrische Hände. Dieser Text ersetzt keine ärztliche Untersuchung, keine Diagnose und keine individuelle Beratung. Und noch etwas, weil dieser Text Stimmung und Antrieb berührt: Wenn dich Niedergeschlagenheit nicht mehr loslässt oder du Gedanken hast, nicht mehr leben zu wollen, hol dir bitte zeitnah ärztliche oder psychotherapeutische Hilfe. Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr, kostenlos und anonym erreichbar unter 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222. Im Notfall wähl die 112.

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