Ratgeber Ernährung · Mikronährstoffe und Energiestoffwechsel

Von der Kalorie zur Energie: die Cofaktoren, ohne die nichts läuft

Kalorien sind das Benzin. Mikronährstoffe sind Zündkerze, Zündschloss und Getriebe. Ein voll getanktes Auto ohne Zündung steht in der Garage, und genau so kann sich ein Körper anfühlen.

SJ
Shukri Jarmoukli · Arzt, Integrative Medizin · ViveCura Berlin
Biochemie verständlich Mitochondrien und ATP Evidenz sauber getrennt 38 Quellen mit DOI oder PMID
Warum ich das schreibe

Die Ernährungsdebatte streitet seit Jahrzehnten über die Menge der Kalorien. Dabei läuft ein zweiter Strom mit, über den kaum jemand spricht: die Cofaktoren. Ohne Thiamin, Riboflavin, Niacin, Pantothensäure, Biotin, Magnesium, Eisen und Kupfer wird aus einer Kalorie kein ATP, sondern Wärme, Laktat und Frust.

Du hast gegessen. Richtig gegessen, nicht nur Kaffee im Stehen. Du hast geschlafen. Beim letzten Check waren die Werte in Ordnung. Und trotzdem sitzt du um vier Uhr nachmittags da und fühlst dich, als hätte jemand den Stecker gezogen.

In meiner Sprechstunde höre ich dazu fast jede Woche denselben Satz: Ich verstehe das nicht, ich esse doch genug.

Ich glaube dir. Nur rechnet dein Körper gar nicht in Kalorien. Er rechnet in ATP. Zwischen beidem liegen fünf Stationen, und an jeder sitzt ein Mikronährstoff.

Was dich hier erwartet

  • Warum eine Kalorie eine Rechengröße ist, ATP aber eine Leistung
  • Der Weg vom Bissen zum ATP in fünf Stationen
  • Thiamin: warum der Bedarf pro Megajoule angegeben wird
  • B2, B3, B5 und Biotin im Hintergrund
  • Magnesium: warum freies ATP das falsche Substrat ist
  • Eisen und Kupfer in der Atmungskette
  • Coenzym Q10 und Carnitin, ehrlich eingeordnet
  • Refeeding-Syndrom und hoch verarbeitete Kost
  • Was in die ärztliche Abklärung gehört
Klinisch RCT und Meta-Analyse Human Beobachtung Tier Maus und Ratte Labor Mechanismus

Die Kalorie ist eine Rechnung. Energie ist eine Leistung.

Kennst du das Gefühl, dass dein Körper das Essen nicht in Antrieb übersetzt? Eine Kalorie ist keine Substanz. Sie ist eine Messgröße aus einem Gerät, in dem Lebensmittel verbrannt und die Wärme gemessen wurde. Sie beschreibt nur nicht, was in deinen Zellen passiert.

Deine Zellen verbrennen nicht. Sie bauen ab, kontrolliert, über Dutzende Enzymreaktionen. Am Ende steht ATP. Das ist die Energieform, die eine Muskelfaser unmittelbar ausgeben kann. Und jedes Enzym auf diesem Weg braucht ein Hilfsteil, einen Cofaktor.

Kalorien sind das Benzin. Die Cofaktoren sind Zündkerze, Zündschloss und Getriebe. Ein voll getanktes Auto ohne Zündung bewegt sich keinen Meter.

Das Bild, mit dem ich das in der Sprechstunde erkläre

Das ist keine Randmeinung. Die EFSA hat 2010 festgehalten, dass ein Ursache-Wirkungs-Zusammenhang zwischen Thiaminzufuhr und einem normalen energieliefernden Stoffwechsel als etabliert gilt [Behördendokument].

Der Perspektivwechsel

Die klassische Ernährungsmedizin rechnet mit der Energiebilanz, und sie hat damit recht. Ohne Substrat läuft nichts. Was eine integrative Sicht ergänzen kann: Die Cofaktoren entscheiden mit, wie viel davon in nutzbare Energie übersetzt wird. Nicht der Tank ist in solchen Fällen leer. Die Zündung stottert.

Und jetzt verstehst du, warum die Kalorienmenge in manchen Situationen an der Sache vorbeigeht.

Vom Bissen zum ATP: der Weg in fünf Stationen

Stell dir ein Fließband vor. Am Anfang ein Stück Brot, am Ende das ATP. Dazwischen fünf Arbeitsstationen, jede mit eigenem Werkzeugkasten. Fehlt an einer Station das Werkzeug, staut sich das Band.

Der Weg von der Nahrung zum ATP
1

Glykolyse: Zucker wird halbiert

Glukose wird im Zellsaft zu zwei Molekülen Pyruvat abgebaut. Fast jeder Schritt läuft über eine Kinase, und die braucht Magnesium.

MagnesiumNiacin als NAD
2

Pyruvat-Dehydrogenase: das Tor ins Mitochondrium

Pyruvat wird zu Acetyl-CoA. Ein Cofaktor-Monster: Thiamindiphosphat, Liponsäure, Coenzym A, FAD und NAD in einem Zug. Fehlt Thiamin, kann Pyruvat vermehrt zu Laktat werden.

Thiamin B1LiponsäurePantothensäure B5Riboflavin B2Niacin B3
3

Citratzyklus: Elektronen einsammeln

Acetyl-CoA wird weiter zerlegt, der Zyklus lädt NADH und FADH2 auf. Die Alpha-Ketoglutarat-Dehydrogenase braucht denselben Cofaktor-Satz wie Station zwei.

Thiamin B1Riboflavin B2Niacin B3Eisen in der Aconitase
4

Atmungskette: die Elektronen wandern

Vier Enzymkomplexe reichen die Elektronen weiter, bis sie auf Sauerstoff treffen, und pumpen dabei Protonen. Komplex I und II arbeiten mit Flavinen und Eisen-Schwefel-Clustern, III und IV mit Häm-Eisen und Kupfer.

Riboflavin als FMN und FADEisenKupferCoenzym Q10
5

ATP-Synthase: der Gradient wird Geld

Die zurückströmenden Protonen treiben eine Turbine an, die ADP und Phosphat zu ATP verbindet. Und selbst hier ist erst der Komplex aus ATP und Magnesium das brauchbare Substrat.

MagnesiumPhosphat

Eine Arbeitsgruppe um Depeint hat 2006 genau diese Zuordnung systematisch aufgeschrieben [Mechanismus-Review].

Labor Ein Cofaktor im Blut ist noch kein Cofaktor am Enzym

Eine italienische Arbeitsgruppe um Ferdinando Palmieri hat 2022 zusammengetragen, wie Cofaktoren aus B-Vitaminen in die Mitochondrien gelangen [Mechanismus-Review].

Die innere Mitochondrienmembran ist nahezu undurchlässig. Thiaminpyrophosphat, Coenzym A, FAD und NAD müssen über eigene Transportproteine der SLC25-Familie hineingeschleust werden. Ist ein Carrier gestört, kann die Aktivität der Enzyme abfallen, die diesen Cofaktor brauchen.

Ein normaler Blutwert beschreibt also den Vorratsraum, nicht den Arbeitsplatz.

Palmieri F et al. IUBMB Life. 2022;74(7):592-617. DOI: 10.1002/iub.2612
Reframe: Kette oder Netzwerk

Wir stellen uns den Stoffwechsel gern als Kette vor, bei der ein schwaches Glied alles stoppt. Er ist eher ein Verkehrsnetz. Fällt eine Verbindung aus, gibt es Umwege, und die kosten Zeit und Material. Die häufigste Folge eines knappen Cofaktors ist deshalb kein Zusammenbruch, sondern schleichende Ineffizienz.

Und jetzt weißt du, warum wir über einzelne Nährstoffe reden, ohne sie gegeneinander auszuspielen.

Thiamin: das kleinste Nadelöhr im Stoffwechsel

Wenn ich einen Cofaktor auswählen müsste, an dem das Prinzip sichtbar wird, wäre es Thiamin. Vitamin B1, im Körper zu Thiamindiphosphat umgebaut. Dieses Molekül sitzt an drei Schlüsselenzymen: an der Pyruvat-Dehydrogenase, an der Alpha-Ketoglutarat-Dehydrogenase und an der Transketolase. Fehlt Thiamin, kann Pyruvat vermehrt zu Laktat werden. Der Zucker ist da, das Tor klemmt.

Tier Wo die biochemische Läsion sitzt

In der Ratte sank bei Thiaminmangel früh und selektiv die Alpha-Ketoglutarat-Dehydrogenase, während der Pyruvat-Dehydrogenase-Komplex zunächst unverändert blieb [In vivo, Ratte]. Das sind Tierdaten. Sie präzisieren die verbreitete Kurzformel: Im Gehirn der Ratte traf es zuerst den Citratzyklus.

Butterworth RF. Alcohol Alcohol. 1989;24(4):271-279. DOI: 10.1093/oxfordjournals.alcalc.a044913

Beim Menschen kennen wir die Extremform seit über hundert Jahren: Beriberi und die Wernicke-Enzephalopathie. Eine klinische Übersicht von 2021 hält fest [Systematischer Review], dass ein Thiaminmangel Stoffwechsel, Nerven, Herz-Kreislauf und Verdauung gleichzeitig betrifft und deshalb häufig übersehen wird. Es gibt keinen spezifischen Test, der ihn sicher ausschließt. Und dort steht ein Satz, der mir jedes Mal unter die Haut geht: Selbst in schweren Fällen kann eine klinische Besserung innerhalb von Stunden bis Tagen eintreten.

Der Satz, der die These trägt

Nicht die Kalorien haben in solchen Fällen gefehlt. Gefehlt hat ein Molekül in Milligramm-Größe. Ein Verdacht darauf ist immer eine ärztliche Angelegenheit, nie eine Sache für Eigenversuche.

Warum dein Thiaminbedarf mit dem Essen wächst

Jetzt kommt der Punkt, der die Kalorienlogik umdreht. Die EFSA gibt den Thiaminbedarf nicht pro Kilogramm Körpergewicht an, sondern pro Megajoule Energiezufuhr [Behördendokument]: 0,072 Milligramm pro Megajoule im Durchschnitt, 0,1 als Referenzzufuhr. Also etwa 0,3 beziehungsweise 0,4 Milligramm pro 1000 Kilokalorien. Wer mehr isst, braucht mehr Thiamin, allein um das Gegessene verwerten zu können.

Klinisch Wie schnell aus knapp zu wenig wird

In den Depletionsstudien der EFSA bekamen acht gesunde junge Männer 30 Tage lang nur 0,110 bis 0,180 Milligramm Thiamin pro Tag.

Fünf von acht entwickelten Unwohlsein, Kopfschmerz und Übelkeit, drei eine Ruhetachykardie, zwei verloren Muskelkraft. Die Transketolase-Aktivität fiel auf etwa 75 Prozent und kehrte nach einer Woche Repletion zurück.

Was das für dich bedeutet: Bis erste Beschwerden auftreten, vergehen Wochen, nicht Jahre. Und die subjektiven Beschwerden hielten länger an als die messbaren.

EFSA NDA Panel. EFSA Journal. 2016;14(12):4653. DOI: 10.2903/j.efsa.2016.4653

Jetzt könnte man Thiaminmangel überall vermuten. Genau da wird es unredlich. An der Mayo Clinic lag die Prävalenz bei ambulanter Herzschwäche unter 11,6 Prozent [Kohorte, n=30], obwohl frühere Arbeiten bis 50 Prozent berichtet hatten. Eine kanadische Arbeit fand bei Betroffenen und Kontrollen dieselbe Rate von 6 Prozent [Kohorte, n=150].

Reframe: Mechanismus ist nicht Häufigkeit

Ein zwingender Mechanismus sagt nichts darüber aus, wie verbreitet ein Mangel ist. Beide Sätze stimmen gleichzeitig: Thiamin ist unverzichtbar. Und ein klassischer Thiaminmangel ist bei uns nicht die Regel. Wer Beriberi als Argument anführt, muss die Gegenprobe mitliefern.

Und jetzt weißt du, warum ich bei diesem Thema gleichzeitig begeistert und vorsichtig bin.

B2, B3, B5 und Biotin: die Träger ohne Schlagzeile

Wenn über B-Vitamine gesprochen wird, geht es fast immer um B12. Der Rest der Familie arbeitet im Hintergrund. Dabei sind es genau diese vier, die den Weg von der Kalorie zum ATP tragen.

Der Elektronenträger

Riboflavin, Vitamin B2

Wird zu FAD und FMN. FMN sitzt im Eingang von Komplex I, FAD in Komplex II und in der Fettsäureoxidation.

Die Währung der Elektronen

Niacin, Vitamin B3

Liefert NAD. Als NADH ist es der wichtigste Elektronenspender der Atmungskette und steuert zusätzlich Glykolyse und Citratzyklus.

Der Griff am Molekül

Pantothensäure, Vitamin B5

Baustein von Coenzym A. Ohne Coenzym A kein Acetyl-CoA, also kein Eintritt in den Citratzyklus und keine Fettsäureoxidation.

Der Kohlenstoff-Anbauer

Biotin, Vitamin B7

Cofaktor von fünf Carboxylasen. Sie bauen Fettsäuren auf, zerlegen Leucin und ermöglichen die Neubildung von Glukose.

Eine Übersichtsarbeit von 2021 berichtet, dass eine vererbte Einschränkung von Aufnahme und Verwertung von Riboflavin bei etwa 10 bis 15 Prozent der Weltbevölkerung vorliegen soll [Übersicht]. Das ist eine Angabe aus einer narrativen Übersicht, keine gesicherte Populationszahl. Sie öffnet aber eine Tür: Nicht jeder macht aus derselben Menge Riboflavin dieselbe Menge FAD.

Klinisch Der Cofaktor, den niemand gesucht hatte

Eine dänische Arbeitsgruppe untersuchte Plasmaproben bei ruhender chronisch-entzündlicher Darmerkrankung, 40 davon mit schwerer Erschöpfung, 20 ohne [RCT-Substudie, n=60].

Flavinmononukleotid, das aktive Vitamer von Riboflavin, lag bei den Erschöpften signifikant niedriger (p=0,02). Die übrigen B-Vitamine unterschieden sich nicht.

Cofaktoren arbeiten also nicht allein, sie verschieben sich gegenseitig. Eine Beobachtung an einer kleinen Gruppe, kein Kausalitätsbeweis.

Bager P et al. Mol Med. 2023;29(1):143. DOI: 10.1186/s10020-023-00741-3

Bei Niacin lohnt ein zweiter Blick. NAD ist kein Vorrat, der liegen bleibt. Es wird ständig verbraucht, unter anderem bei der DNA-Reparatur [Mechanismus-Review]. Ein vermindertes Verhältnis von NAD zu NADH ist mit Alterungsprozessen assoziiert. Assoziiert bedeutet ausdrücklich nicht: verursacht.

Praktischer Hinweis ohne Panik

Hoch dosiertes Biotin kann Laborverfahren stören, die auf der Bindung an Streptavidin beruhen. Die amerikanische Arzneimittelbehörde hat dazu eine Warnung veröffentlicht. Sag es also vor einer Blutabnahme.

Reframe: Biotin ist kein Beauty-Vitamin

Im Marketing ist Biotin das Vitamin für Haare und Nägel. Biochemisch ist es der Cofaktor von fünf Carboxylasen. Der Nährstoff arbeitet im Maschinenraum, nicht im Schaufenster.

Und jetzt weißt du, warum die Frage nach dem einen wichtigsten Vitamin für Energie eine Frage ist, die der Stoffwechsel nicht beantwortet.

Magnesium: ATP ohne Magnesium ist kein ATP

Vielleicht hast du Magnesium schon einmal genommen, wegen Wadenkrämpfen oder Schlaf. Und dich gefragt, warum ausgerechnet dieser Stoff überall auftaucht.

Wenn Lehrbücher ATP zeichnen, steht da ein einzelnes Molekül. In der Zelle tragen die drei Phosphatgruppen negative Ladung, und diese Ladung wird von einem Magnesiumion abgeschirmt. Für die meisten Enzyme ist deshalb nicht freies ATP das Substrat, sondern der Komplex aus ATP und Magnesium. Ohne Magnesium liegt die Energiewährung vor, passt aber nicht ins Schloss.

Eine große physiologische Übersichtsarbeit von 2015 ordnet Magnesium über 600 enzymatischen Reaktionen zu [Mechanismus-Review]. Die populäre Zahl 300, die durch Ratgeber und Etiketten geistert, ist damit überholt.

Klinisch Dieselbe Arbeit, mehr Sauerstoff

Henry Lukaski und Forrest Nielsen ließen zehn postmenopausale Frauen unter streng kontrollierter Kost leben [In vivo, Mensch, Depletionsstudie, n=10]: 35 Tage Kontrollphase, 93 Tage eingeschränkte Magnesiumzufuhr, 49 Tage Wiederauffüllung.

Unter Restriktion sank Magnesium in roten Blutkörperchen und Skelettmuskel signifikant. Und dann der entscheidende Befund: Bei identischer submaximaler Arbeit stiegen Sauerstoffaufnahme und Spitzenherzfrequenz signifikant an. Dieselbe Leistung kostete plötzlich mehr. Genau das fühlt sich im Alltag an wie: Ich schleppe mich.

Lukaski HC, Nielsen FH. J Nutr. 2002;132(5):930-935. DOI: 10.1093/jn/132.5.930

Das ist für mich die sauberste menschliche Demonstration der These. Kein Extremfall. Nur ein Cofaktor, der knapper wurde, und ein teurerer Stoffwechsel.

Der Cofaktor-Blick endet dabei nicht am Teller. Eine Übersicht von 2016 nennt Protonenpumpenhemmer und Diuretika ausdrücklich als Ursachen einer Hypomagnesiämie [Übersicht]. Eine Übersicht zu Sport beschreibt erhöhte Verluste über Urin und Schweiß bei intensiver Belastung und schätzt den Mehrbedarf auf 10 bis 20 Prozent [Übersicht].

Reframe: Cofaktoren sind kein Doping

Dieselbe Übersicht enthält den wichtigsten Satz des Abschnitts: Eine Magnesiumgabe bei bereits ausreichendem Status verbesserte die Leistung nicht. Das ist die ehrliche Regel, die sich bei Cofaktoren immer wieder zeigt: Sie können etwas bewegen, wenn sie knapp sind. Wenn sie reichen, ist ein Zusatzeffekt meist nicht zu erwarten.

Welche Form sinnvoll ist, steht in Welches Magnesium ist das beste. Und jetzt weißt du, warum ein einzelner Serumwert hier nur ein Teil der Geschichte ist.

Eisen und Kupfer: die Metalle in der Atmungskette

Eisen kennst du als den Stoff, der Blut rot macht. Nur ist das nicht die Rolle, um die es hier geht.

In der Atmungskette sitzt Eisen in zwei Bauformen. Zum einen in Eisen-Schwefel-Clustern: winzige Metallgitter, die Elektronen weiterreichen wie eine Kette von Händen. Komplex I trägt davon besonders viele. Zum anderen als Häm-Eisen in den Cytochromen von Komplex III und IV. Übersichtsarbeiten beschreiben, wie aufwendig der Zusammenbau dieser Cluster ist [Mechanismus-Review]. Zwischen Eisen im Blut und Eisen an seinem Platz liegen viele Schritte.

Ganz am Ende wartet Kupfer. Die Cytochrom-c-Oxidase arbeitet mit Häm a, Häm a3 und zwei Kupferzentren. Wie dieses Zentrum zusammengebaut wird, ist trotz 70 Jahren Forschung nicht vollständig geklärt [Mechanismus-Review].

Kurz gesagt

Die letzte Station der Atmungskette, dort wo der Sauerstoff verbraucht wird, den du gerade einatmest, funktioniert nur mit Kupfer. Kein Kupfer, kein Protonengradient, kein ATP.

Warum Eisenmangel schon vor der Anämie Energie kosten kann

Tier Das mechanistische Bindeglied

Eine französische Arbeitsgruppe erzeugte bei Mäusen einen Eisenmangel ohne Anämie [In vivo, Maus].

Die Tiere hatten geleerte Speicher, aber keine Anämie. Ihre Ausdauer war signifikant reduziert, und die normierte Aktivität von Komplex I war im Musculus soleus, dem oxidativen Muskel, signifikant vermindert. Komplex IV war unverändert.

Genau der Komplex mit den meisten Eisen-Schwefel-Clustern arbeitete schlechter. Eine Mausstudie, kein Beleg am Menschen, aber die Brücke zu den Humandaten.

Rineau E et al. Nutrients. 2021;13(4):1056. DOI: 10.3390/nu13041056
Klinisch Erschöpfung ohne Blutarmut, dreimal untersucht

In 44 französischen Hausarztpraxen wurden 198 Frauen mit unerklärter Erschöpfung, Ferritin unter 50 Mikrogramm pro Liter und normalem Hämoglobin randomisiert [RCT, n=198]. Zwölf Wochen lang bekam die eine Gruppe täglich 80 Milligramm elementares Eisen, die andere Placebo.

Der Fatigue-Score sank in der Eisengruppe um 47,7 Prozent, unter Placebo um 28,8 Prozent (Differenz 18,9 Prozentpunkte; 95-%-KI 3,2 bis 34,5; p=0,02). Auf Lebensqualität, Depression und Angst zeigte sich kein Effekt. Eine Schweizer Studie an 144 Frauen fand dasselbe Muster [RCT, n=144], eine Studie aus Lahore reproduzierte den Befund [RCT, n=164].

Ein unauffälliges Blutbild schließt also nicht aus, dass dem Energiestoffwechsel ein Cofaktor knapp wird. Und zugleich zeigt sich die Grenze: Die Erschöpfung besserte sich, Stimmung nicht.

Vaucher P et al. CMAJ. 2012;184(11):1247-1254. DOI: 10.1503/cmaj.110950 · Verdon F et al. BMJ. 2003;326(7399):1124. DOI: 10.1136/bmj.326.7399.1124

Und die Gegenprobe: Eine Zürcher Studie gab 90 Frauen mit Ferritin bis 50 Nanogramm pro Milliliter intravenöses Eisen oder Placebo [RCT, n=90]. In der Gesamtgruppe verfehlte der Unterschied knapp die Signifikanz (p=0,07), erst bei Ausgangsferritin bis 15 wurde er deutlich (p=0,005). Je leerer der Speicher, desto klarer der Effekt.

Der übersehene Metall-Mangel

Kupfermangel ist selten, aber folgenreich. Eine retrospektive Auswertung der Mayo Clinic über 35 Jahre fand 40 Fälle mit hämatologischen Auffälligkeiten [Case Series, n=40]. Ein Viertel hatte eine bariatrische Operation hinter sich, weitere 35 Prozent einen anderen Eingriff am Magen-Darm-Trakt. Häufigste Befunde waren Anämie und Neutropenie, meist mit neurologischen Auffälligkeiten. Weil das Knochenmarksbild einem myelodysplastischen Syndrom ähneln kann, wird dieser Mangel häufig fehlgedeutet.

Reframe: Der Referenzbereich ist keine biologische Grenze

Referenzbereiche beschreiben, wo die mittleren 95 Prozent einer Vergleichsgruppe liegen. Sie sagen nicht, ab wann ein Enzym anfängt zu stottern. Kein Freibrief für Selbstbehandlung, aber ein Argument dafür, den Wert zusammen mit dem Menschen zu lesen.

Tiefer: Eisen und Entzündung erklärt die Hepcidin-Bremse, Eisenaufnahme verbessern die Seite des Essens, Funktioneller Eisenmangel die normalen Werte trotz Erschöpfung. Und jetzt weißt du, warum Eisen hier als Metall in einem Enzym auftaucht.

Coenzym Q10 und Carnitin: Shuttle und Fähre, ehrlich eingeordnet

Jetzt kommen die zwei Substanzen, über die am meisten geschrieben und am wenigsten differenziert wird.

Coenzym Q, oft als Q10 verkauft, ist ein fettliebendes, redoxaktives Lipid und pendelt Elektronen zwischen den Komplexen I und II und dem Komplex III. Eine Übersicht von 2023 beschreibt es treffender: Coenzym Q ist die Sammelstelle, an der Elektronen aus vielen Stoffwechselwegen einspeisen [Mechanismus-Review]. Dieselben Autoren halten fest, dass zu Biosynthese und Transport wichtige Fragen offen sind.

Zwei Meta-Analysen, eine FrageTsai 2022Magalhães 2026
Eingeschlossene Studien13 RCTs, 1126 Teilnehmende5 RCTs, 474 Teilnehmende
Populationgesunde und erkrankte GruppenMenschen mit Depression
Ergebnis für Erschöpfungsignifikante Reduktion, Hedges g minus 0,398 (95-%-KI minus 0,641 bis minus 0,155; p=0,001)kein signifikanter Vorteil, SMD minus 0,33 (95-%-KI minus 1,38 bis 0,72; p=0,54), nur 2 Studien
Besonderheithöhere Dosis und längere Dauer gingen mit stärkerem Effekt einherdepressive Symptome besserten sich dagegen signifikant
Reframe: Widerspruch ist kein Makel

Wenn zwei gute Meta-Analysen zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen, ist das kein Zeichen dafür, dass Wissenschaft nicht funktioniert, sondern dafür, dass ein Feld noch nicht entschieden ist. Coenzym Q10 kann bei Erschöpfung einen kleinen Effekt haben, muss aber nicht. Wenn dir jemand mehr verspricht, lohnt die Rückfrage nach der zweiten Meta-Analyse.

Carnitin: die Fähre für die Fettsäuren

Fett kann nicht selbst durch die innere Mitochondrienmembran. Es braucht eine Fähre, und diese Fähre heißt Carnitin. Die Carnitin-Palmitoyltransferase 1 wandelt außen einen Acyl-CoA-Ester in einen Acyl-Carnitin-Ester um, eine Translokase bringt ihn hinein, und die Carnitin-Palmitoyltransferase 2 wandelt ihn zurück, damit die Beta-Oxidation beginnen kann [Mechanismus-Review].

Damit aus Fettsäuren Energie werden kann, sind mehr als zwei Dutzend Enzyme und Transportproteine nötig [Mechanismus-Review]. Eine Fettkalorie ist damit kein Guthaben, sondern ein Versprechen, das erst durch zwei Dutzend Proteine eingelöst wird.

Klinisch Wenn der primäre Endpunkt verfehlt wird

Eine koreanische Arbeitsgruppe gab 60 Menschen mit Hypothyreose, die trotz Levothyroxin erschöpft waren, zwölf Wochen lang L-Carnitin oder Placebo [RCT, n=60].

Der primäre Endpunkt, der Gesamtscore der Fatigue Severity Scale, veränderte sich nicht signifikant. Signifikant besserte sich allein der mentale Score (p<0,01).

Ein sauberer Mechanismus ist also kein Garant für einen klinischen Effekt. Eine ältere Studie bei Fibromyalgie fand Gruppenunterschiede zugunsten von Acetyl-L-Carnitin [RCT, n=102], aber Fibromyalgie ist nicht Erschöpfung. Eine flankierende Beobachtung, kein Beleg.

An JH et al. Endocr J. 2016;63(10):885-895. DOI: 10.1507/endocrj.EJ16-0109 · Rossini M et al. Clin Exp Rheumatol. 2007;25(2):182-188. PMID: 17543140

Zum Schluss eine Grenzmarkierung, weil Mitochondrien zu einem Marketingwort geworden sind. Wenn Komplex I durch einen Gendefekt ausfällt, entsteht kein diffuses Müdigkeitsgefühl, sondern das Leigh-Syndrom, eine oft tödliche Enzephalopathie [Mechanismus-Review]. Alltagsmüdigkeit ist keine milde Form davon.

Und jetzt weißt du, warum ich hier gerne über Mechanismen spreche und ungern über Versprechen.

Wenn Kalorien ohne Cofaktoren gefährlich werden

Es gibt eine Situation, in der die Kernthese dieses Artikels nicht als Theorie auftaucht, sondern als Notfall.

Denk an einen Menschen, der lange zu wenig gegessen hat. Die Zellspeicher für Phosphat, Magnesium und Thiamin sind knapp, auch wenn die Blutwerte unauffällig aussehen. Und jetzt kommt Essen, vor allem Kohlenhydrate. Insulin steigt, der Stoffwechsel springt an, und die Zellen ziehen genau das in sich hinein, was ohnehin knapp ist. Das ist das Refeeding-Syndrom.

Human Sieben Fälle, ein Muster

Eine Schweizer und britische Arbeitsgruppe beschrieb sieben Fälle und leitete daraus ein Vorbeugungsprotokoll ab [Case Series, n=7].

Jeder Fall entwickelte eines oder mehrere der Kernmerkmale: niedrige Plasmaspiegel von Kalium, Phosphat, Magnesium und Thiamin, kombiniert mit Salz- und Wasserretention. Die Autoren betonen, dass zu schnelles Zuführen von Nahrung die Auslösung begünstigt und die Störungen meist vorhersehbar gewesen wären.

Eine Fallserie beweist nichts. Deutlicher lässt sich diese These in der Medizin aber kaum zeigen: Kalorien ohne Cofaktoren sind nicht automatisch sichere Energie.

Stanga Z et al. Eur J Clin Nutr. 2008;62(6):687-694. DOI: 10.1038/sj.ejcn.1602854

Eine deutschsprachige Übersichtsarbeit von 2018 nennt als zentrale Maßnahmen die initiale Bestimmung von Thiamin und Elektrolyten und eine langsame Steigerung der Nahrungszufuhr [Übersicht]. Die Cofaktor-Perspektive ist in der klinischen Ernährungsmedizin also seit Jahrzehnten Standard. Sie ist in der öffentlichen Kalorien-Debatte nur kaum angekommen.

Das leise Ende derselben Frage

Zwischen Intensivstation und Nachmittagstief liegen Welten. Es ist dieselbe Achse, nur am anderen Ende.

Human Mehr Energie, weniger Cofaktoren

Eine portugiesische Arbeitsgruppe wertete den nationalen Ernährungssurvey 2015/2016 aus, klassifiziert nach dem NOVA-System [Kohorte, national repräsentativ].

Der ultraverarbeitete Anteil der Kost enthielt von allen untersuchten Vitaminen signifikant weniger als der unverarbeitete Anteil, mit einer einzigen Ausnahme: Vitamin B2. Im höchsten gegenüber dem niedrigsten Fünftel des Energieanteils war eine inadäquate Zufuhr häufiger für Vitamin B6 (PR 1,51), Folat (PR 1,14), Magnesium (PR 1,21), Zink (PR 1,33) und Kalium (PR 1,19).

Wer seine Energie überwiegend aus hoch verarbeiteten Produkten holt, bekommt die Kalorien und statistisch weniger von dem, was die Zündung braucht. Eine Beobachtungsstudie: Zusammenhang, nicht Ursache.

Antoniazzi L et al. Eur J Nutr. 2023;62(3):1131-1141. DOI: 10.1007/s00394-022-03057-w
Der praktische Kern

Die sinnvollste Konsequenz aus diesem Text ist kein Präparat. Es ist die Frage, woher der größte Teil deiner Kalorien kommt. Lebensmittel bringen ihre Cofaktoren mit. Produkte oft nicht.

Eine offene Frage, die ich spannend finde

In einer Substudie derselben dänischen Kohorte war Faecalibacterium prausnitzii bei denen, die auf hochdosiertes Thiamin ansprachen, häufiger als bei den Non-Respondern (p=0,019) [RCT-Substudie, n=60]. Eine Korrelation in einer kleinen Stichprobe, ausdrücklich keine Erklärung. Aber die Frage dahinter ist faszinierend: Ob ein Cofaktor ankommt, könnte auch davon abhängen, wer im Darm mitisst.

Mehr dazu in Unverarbeitetes Essen und Sättigung und in Kalorien-Mythos: Qualität statt Menge. Und jetzt weißt du, warum ein Notfallprotokoll aus der Klinik und die Frage nach deinem Frühstück zur selben Geschichte gehören.

Wie du das merkst, und was in die ärztliche Abklärung gehört

Bleibt die Frage, die dich vermutlich am meisten interessiert: Woran soll man so etwas merken?

Ehrliche Antwort zuerst: An einem einzelnen Symptom nicht. Erschöpfung ist eines der unspezifischsten Zeichen der Medizin. Sie kann von Schlafmangel kommen, von der Schilddrüse, von einer Depression, von Medikamenten, von einer Anämie oder von zu wenig Bewegung. Deshalb ist der erste Schritt nie ein Präparat, sondern eine ordentliche Abklärung.

Was in eine Basis-Abklärung gehört

  • Die Vorgeschichte zuerst. Wie lange geht das schon, was macht es besser oder schlechter. Das sortiert oft mehr als jedes Labor.
  • Blutbild, Ferritin und Transferrinsättigung. Nicht nur Hämoglobin. Der Speicher ist die interessantere Größe.
  • Schilddrüse, Vitamin D, B12 und Folat. Häufige, gut behandelbare Ursachen. Sie gehören vor jede exotische Überlegung.
  • Entzündungsmarker. Entzündung kann die Eisenverwertung über Hepcidin bremsen und verändert die Ferritin-Deutung.
  • Medikamentenliste. Protonenpumpenhemmer und Diuretika sind dokumentierte Verlustwege für Magnesium.
  • Ernährungsmuster grob erfassen. Nicht als Bewertung, sondern als Information über die Cofaktor-Dichte.
  • Operationen am Magen-Darm-Trakt erwähnen. Der am häufigsten dokumentierte Risikofaktor für einen übersehenen Kupfermangel.

Bei mehreren Cofaktoren stößt die Labordiagnostik dabei an eine Grenze, und das gehört offen gesagt. Für Thiamin gibt es laut klinischer Übersichtsarbeit keinen spezifischen Test. Bei Magnesium spiegelt der Serumwert den Gewebespeicher nur eingeschränkt. Das ist kein Argument gegen Labordiagnostik, sondern eines dafür, Werte als Baustein zu behandeln und nicht als Urteil.

Reframe: Reihenfolge statt Regal

Die verlockendste Reaktion auf diesen Artikel wäre, sich acht Präparate zu kaufen. Ich halte das für den schwächsten möglichen Schluss. Sinnvoller ist eine Reihenfolge: Schlaf, Bewegung, echte Lebensmittel, dann eine ordentliche Abklärung, dann gezielt das, was tatsächlich knapp ist.

Was ich in meiner Sprechstunde beobachte, sage ich als Beobachtung und nicht als Beweis: Wessen Erschöpfung sich nach sorgfältiger Basisabklärung nicht erklärt, hat häufig mehrere kleine Baustellen gleichzeitig und keine einzelne große. Eine Erfahrung, keine Datenlage.

Wenn du nicht nur lesen, sondern das für deine Situation sortieren möchtest: Unterhalb dieses Artikels findest du die Möglichkeit, einen Termin zu buchen.

Und jetzt weißt du, warum die spannendste Frage nicht lautet, welches Präparat, sondern an welcher Station dein Fließband hakt.

Häufige Fragen zu Mikronährstoffen und Energiestoffwechsel

Wie wird aus Essen eigentlich Energie im Körper?

In fünf Stationen. Zuerst zerlegt die Glykolyse Glukose zu Pyruvat. Dann schleust der Pyruvat-Dehydrogenase-Komplex das Pyruvat als Acetyl-CoA in die Mitochondrien. Im Citratzyklus werden Elektronen eingesammelt und auf die Trägermoleküle NADH und FADH2 geladen. Die Atmungskette gibt diese Elektronen über vier Enzymkomplexe an Sauerstoff weiter und pumpt dabei Protonen. Der so entstandene Gradient treibt die ATP-Synthase an. ATP ist die Energieform, die deine Zellen tatsächlich ausgeben können. Eine Kalorie ist bis dahin nur eine Rechengröße.

Was sind Cofaktoren, und wozu braucht der Körper sie?

Cofaktoren sind kleine Hilfsmoleküle oder Metallionen, ohne die ein Enzym seine Reaktion nicht ausführen kann. Das Enzym ist die Maschine, der Cofaktor ist das Teil, das die Maschine überhaupt erst funktionsfähig macht. Im Energiestoffwechsel stammen die meisten Cofaktoren aus Mikronährstoffen: Thiamindiphosphat aus Vitamin B1, FAD und FMN aus B2, NAD aus B3, Coenzym A aus B5, dazu Biotin, Magnesium, Eisen und Kupfer. Fehlt ein Cofaktor, kann die zugehörige Reaktion nicht mehr richtig laufen, egal wie viel Substrat da ist.

Kann ich müde sein, obwohl ich genug Kalorien esse?

Ja, das ist biochemisch gut nachvollziehbar. Kalorien liefern das Substrat, die Cofaktoren ermöglichen seine Umwandlung. Das radikalste Beispiel dafür ist das Refeeding-Syndrom: Nach einer längeren Hungerphase können Kalorien sogar gefährlich werden, weil der wieder anspringende Stoffwechsel Phosphat, Magnesium und Thiamin in die Zellen zieht. Im Alltag ist der Zusammenhang natürlich viel leiser. Müdigkeit hat außerdem viele andere Ursachen, von Schlaf über Schilddrüse bis Psyche, und die gehören zuerst geprüft.

Warum bin ich ständig müde, obwohl meine Blutwerte normal sind?

Dafür gibt es mehrere seriöse Erklärungen. Erstens sind Referenzbereiche statistische Grenzen einer Bevölkerung, keine biologischen Schwellen. Bei Eisen etwa fanden randomisierte Studien Effekte auf Erschöpfung schon bei Ferritin unter 50 Mikrogramm pro Liter, also ohne Anämie. Zweitens ist ein Cofaktor im Blut noch kein Cofaktor am Enzym: Thiaminpyrophosphat, Coenzym A, FAD und NAD müssen über eigene Carrier in die Mitochondrien transportiert werden. Drittens erklärt ein normaler Wert nie allein ein Symptom. Ein normaler Befund ist ein Baustein, keine Antwort.

Welche Vitamine braucht der Energiestoffwechsel wirklich?

Vor allem die B-Gruppe, und zwar arbeitsteilig. Thiamin B1 wird als Thiamindiphosphat für die Pyruvat-Dehydrogenase, die Alpha-Ketoglutarat-Dehydrogenase und die Transketolase gebraucht. Riboflavin B2 liefert FAD und FMN für die Flavoenzyme der Atmungskette. Niacin B3 liefert NAD, den Elektronenträger schlechthin. Pantothensäure B5 ist der Baustein von Coenzym A. Biotin ist Cofaktor von fünf Carboxylasen. Dazu kommen Mineralien: Magnesium, Eisen und Kupfer. Keiner dieser Stoffe arbeitet allein, deshalb bringt die Frage nach dem einen wichtigsten Vitamin wenig.

Was macht Vitamin B1 (Thiamin) im Körper, und was passiert bei Mangel?

Thiamin wird im Körper zu Thiamindiphosphat und ist damit Cofaktor von drei Schlüsselenzymen des Energiestoffwechsels. Fehlt es, kommt Pyruvat nicht mehr sauber in den Citratzyklus und wird stattdessen vermehrt zu Laktat. Bei schwerem Mangel entstehen die klassischen Bilder Beriberi und Wernicke-Enzephalopathie, die neurologisch bedrohlich sein können. Bemerkenswert ist die Zeitachse: In den von der EFSA ausgewerteten Depletionsstudien traten erste Beschwerden bereits nach Wochen auf, nicht nach Jahren. Ein Verdacht auf Thiaminmangel gehört immer ärztlich abgeklärt.

Warum ist Magnesium für ATP so wichtig?

Weil freies ATP für die meisten Enzyme gar nicht das richtige Substrat ist. Sie erkennen den Komplex aus ATP und Magnesium. Ohne Magnesium liegt die Energiewährung zwar vor, passt aber nicht ins Schloss. Eine große physiologische Übersichtsarbeit ordnet Magnesium über 600 enzymatischen Reaktionen zu, die populäre Zahl 300 ist überholt. In einer kontrollierten Depletionsstudie an zehn postmenopausalen Frauen stieg der Sauerstoffverbrauch bei identischer submaximaler Arbeit, als die Magnesiumzufuhr eingeschränkt wurde. Dieselbe Leistung kostete also mehr.

Kann Eisenmangel müde machen, auch ohne Blutarmut?

Die Daten sprechen dafür. Eisen sitzt nicht nur im Hämoglobin, sondern auch in den Eisen-Schwefel-Clustern von Komplex I und II und im Häm der Cytochrome. In einer randomisierten Studie an 198 nicht anämischen Frauen mit Ferritin unter 50 Mikrogramm pro Liter sank der Erschöpfungswert unter Eisen um 47,7 Prozent, unter Placebo um 28,8 Prozent. Eine ältere Schweizer Studie an 144 Frauen fand dasselbe Muster. Eine dritte Studie zeigte den Effekt vor allem bei sehr niedrigem Ferritin. Cofaktor-Denken heißt also nicht, dass jede Person Eisen braucht.

Wofür ist Coenzym Q10 gut, und ist die Einnahme sinnvoll?

Mechanistisch ist Coenzym Q der Elektronen-Pendler zwischen den Komplexen I und II und dem Komplex III und zugleich die Sammelstelle, an der Elektronen aus vielen Stoffwechselwegen in die Atmungskette einspeisen. Klinisch ist das Bild uneinheitlich. Eine Meta-Analyse von 2022 über 13 randomisierte Studien mit 1126 Teilnehmenden fand eine kleine bis moderate Reduktion von Erschöpfung. Eine Meta-Analyse von 2026 fand für Fatigue keinen signifikanten Vorteil, allerdings nur auf Basis von zwei Studien. Zwei gute Übersichten, zwei Antworten: Das Feld ist nicht entschieden.

Was bringt L-Carnitin bei Erschöpfung?

Carnitin ist die Fähre, die langkettige Fettsäuren durch die innere Mitochondrienmembran bringt. Der Mechanismus ist gut beschrieben und unstrittig. Die klinischen Daten bei Erschöpfung sind dünner, als die Werbung nahelegt. In einer randomisierten Studie an 60 Menschen mit Hypothyreose unter Levothyroxin verfehlte L-Carnitin den primären Endpunkt, nur der mentale Fatigue-Score besserte sich signifikant. Eine ältere Studie bei Fibromyalgie zeigte in der zweiten Behandlungshälfte Gruppenunterschiede. Das reicht für Neugier, nicht für ein Versprechen.

Machen Mitochondrien wirklich müde, oder ist das ein Marketingbegriff?

Beides trifft ein Stück weit zu. Mitochondrien sind real und ihre Biochemie ist gut untersucht. Gleichzeitig wird der Begriff im Marketing sehr weit gedehnt. Ein hilfreicher Realitätscheck: Wenn Komplex I der Atmungskette durch einen Gendefekt wirklich ausfällt, entsteht kein diffuses Müdigkeitsgefühl, sondern ein schweres neurologisches Krankheitsbild wie das Leigh-Syndrom. Alltagsmüdigkeit ist damit nicht erklärt. Was die Literatur dagegen hergibt, ist der schmalere Satz: Fehlt ein Cofaktor, kann der Energiestoffwechsel messbar weniger effizient arbeiten.

Welche Blutwerte zeigen, ob mein Energiestoffwechsel gut versorgt ist?

Einen einzelnen Wert dafür gibt es nicht. In der Praxis geht es zuerst um die Basis: Blutbild, Ferritin, Transferrinsättigung, Schilddrüse, Vitamin D, Vitamin B12 und Folat, dazu Entzündungsmarker. Für Thiamin gilt laut klinischer Übersichtsarbeit ausdrücklich, dass es keinen spezifischen Test gibt, der einen Mangel sicher ausschließt. Magnesium im Serum spiegelt den Gewebespeicher nur eingeschränkt. Ein weiterer praktischer Hinweis: Hoch dosiertes Biotin kann Laborergebnisse verfälschen. Welche Werte sinnvoll sind, hängt von deiner Vorgeschichte ab und gehört ins ärztliche Gespräch.

Cofaktoren im größeren Zusammenhang

Die Frage, ob aus Nahrung nutzbare Energie wird, taucht in vielen Bereichen wieder auf: beim Training, bei der Erschöpfung, bei einzelnen Mineralstoffen. Von hier aus führen mehrere Wege weiter.

Und weil sich Themen berühren, ohne dasselbe zu sein: Mikronährstoffe im Zusammenspiel mit Adaptogenen und der Stressachse stehen in Mikronährstoffe und Adaptogene bei Burnout. Redox und Entgiftung in Glutathion als Master-Antioxidans. Und wenn dich Erschöpfung mit Eisenbezug beschäftigt: Eisenmangel, Müdigkeit und Erschöpfung.

SJ

Shukri Jarmoukli

Arzt, Integrative Medizin · ViveCura Berlin

Ich arbeite in meiner Privatpraxis an der Schnittstelle von klassischer Medizin, funktioneller Medizin und Klinischer Psychoneuroimmunologie. Mich interessiert weniger, welcher Nährstoff gerade beliebt ist, als die Frage, an welcher Stelle im Stoffwechsel er tatsächlich gebraucht wird und ob er dort ankommt.

Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Beratung. Er soll dir helfen, bessere Fragen zu stellen, bevor du etwas kaufst oder einnimmst.

ViveCura, Privatpraxis Shukri Jarmoukli, Skalitzer Straße 137, 10999 Berlin

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Transparenz zur Evidenz Die biochemische Zuordnung von Cofaktor und Reaktionsschritt ist gut gesichert und stammt aus Mechanismus-Übersichten und aus Behördendokumenten der EFSA. Gut belegt sind außerdem die klinischen Extremfälle: Thiaminmangel, Refeeding-Syndrom und Kupfermangel. Die randomisierten Daten zu Eisen bei Erschöpfung ohne Anämie stammen aus drei unabhängigen Studien, zeigen aber unterschiedlich starke Effekte je nach Ferritin-Ausgangswert. Die Magnesium-Depletionsstudie ist methodisch sauber, umfasst jedoch nur zehn Frauen. Die Thiamin-Studie bei chronisch-entzündlicher Darmerkrankung ist monozentrisch, klein und bislang nicht repliziert. Bei Coenzym Q10 widersprechen sich zwei Meta-Analysen, bei Carnitin verfehlte die größte relevante Studie ihren primären Endpunkt. Die Aussage zur Komplex-I-Aktivität bei Eisenmangel ohne Anämie stammt aus einem Mausmodell, die Verbindung zwischen Darmbakterien und Thiamin-Ansprechen aus einer kleinen Korrelationsanalyse. Ich habe versucht, an jeder Stelle sichtbar zu machen, wo gesicherte Daten enden und wo Einordnung beginnt.

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