Ratgeber Ernährung · Genetik, Herkunft und Stoffwechsel

Gene, Herkunft und Stoffwechsel: warum nicht jeder dieselbe Ernährung braucht

Die Evolution hat den Stoffwechsel an sehr verschiedene Speisezettel angepasst. Was davon belegt ist, was daraus für dich folgt und warum die Antwort am Ende nicht im Stammbaum liegt.

SJ
Shukri Jarmoukli · Arzt, Integrative Medizin · ViveCura Berlin
Populationsgenetik statt Bauchgefühl Nutrigenetik eingeordnet 32 Studien mit DOI Lesezeit ca. 15 Minuten
Warum ich das schreibe

Ich sehe in meiner Sprechstunde, dass Menschen sehr unterschiedlich auf dasselbe Essen reagieren. Diese Beobachtung ernst zu nehmen, ohne daraus ein Gesetz zu machen, ist die Gratwanderung dieses Textes. Die Evolutionsgenetik hat echte Anpassungen gefunden. Nur sagen sie etwas über Bevölkerungen und fast nichts über dich.

Zwei Kolleginnen sitzen morgens in derselben Büroküche. Beide essen dasselbe: ein Brötchen mit Marmelade, dazu Kaffee. Die eine arbeitet konzentriert bis mittags durch. Die andere sitzt um halb elf da und fühlt sich, als hätte jemand den Stecker gezogen.

Beide sind gesund. Beide haben ähnlich geschlafen. Beide haben dasselbe gegessen.

Du kennst diese Szene vermutlich. Vielleicht von deinem Partner, der Nudeln essen kann wie ein Marathonläufer, während dich ein Teller Pasta in den Nachmittagsschlaf schickt. Und irgendwann kommt die Frage, die mir in der Praxis oft gestellt wird: Liegt das an meiner Herkunft?

Die Antwort hat zwei Hälften. Erstens: Ja, die Evolution hat den Stoffwechsel an sehr verschiedene Speisezettel angepasst, und wir können das im Genom lesen. Zweitens: Nein, daraus folgt für dich persönlich bisher kein Ernährungsplan. Beide Hälften gehören zusammen.

Was dich hier erwartet

  • Wie groß die Unterschiede zwischen Menschen nach identischen Mahlzeiten gemessen wurden
  • Warum das Speichel-Amylase-Gen AMY1 das schönste Beispiel für Anpassung an den Teller ist
  • Milchverträglichkeit als Ausnahme, nicht als Normalfall
  • CPT1A und TBC1D4: die stärksten arktischen Befunde, ehrlich eingeordnet
  • FADS1 und FADS2: warum manche mehr EPA selbst herstellen können
  • ALDH2, MTHFR und APOE4 im direkten Evidenzvergleich
  • Warum Herkunft eine Hypothese ist und kein Befund
  • Was zwei große Studien zu DNA-Diät-Tests gefunden haben
  • Was stattdessen tatsächlich individuell ist
Klinisch randomisierte Studie oder Meta-Analyse am Menschen Human Kohorte, Populationsgenetik oder Beobachtung am Menschen Tier Tiermodell oder Mechanismus Zellen Zellkultur oder Laborsystem

Dieselbe Mahlzeit, zwei sehr verschiedene Kurven

In der Ernährungsberatung steckt eine stille Annahme: Ein Lebensmittel hat einen Wert, und der gilt für alle. Der glykämische Index steht in Tabellen, als wäre er eine Eigenschaft des Apfels. Er ist aber auch eine Eigenschaft des Menschen, der ihn isst.

Seit es Glukosesensoren gibt, lässt sich das nachmessen. Die Zahlen sind eindrucksvoller, als ich erwartet hätte.

Human 800 Menschen, 46.898 Mahlzeiten

Eine israelische Arbeitsgruppe um David Zeevi ließ 800 Personen eine Woche lang den Blutzucker messen und erfasste dabei fast 47.000 Alltagsmahlzeiten.

Die Antwort auf identische Mahlzeiten schwankte zwischen den Teilnehmenden erheblich. Ein Modell aus Blutwerten, Ernährung, Aktivität und Darmmikrobiom traf die persönliche Kurve besser als der Kohlenhydratgehalt allein. Die randomisierte Phase war klein, eher Machbarkeitsnachweis als klinischer Beleg.

Für dich heißt das: dieselbe Banane ist bei zwei Menschen nicht dieselbe Banane.

Zeevi D et al. Cell. 2015. DOI: 10.1016/j.cell.2015.11.001 · PMID: 26590418 [Kohorte, n=800]
Human PREDICT 1: wie groß die Streuung ist

Ein britisches Team um Sarah Berry untersuchte 1.002 Zwillinge und nicht verwandte Erwachsene, dazu 100 Personen in einer US-Gruppe, jeweils nach standardisierten Testmahlzeiten.

Der Variationskoeffizient zwischen Personen lag bei 103 Prozent für Triglyzeride und 68 Prozent für Glukose. Genetische Varianten trugen zur Vorhersage nur wenig bei: 9,5 Prozent bei der Glukoseantwort, 0,8 Prozent bei den Triglyzeriden.

Für dich heißt das: Der Unterschied zwischen Menschen ist riesig, und die Gene erklären davon einen kleinen Teil.

Berry SE et al. Nat Med. 2020. DOI: 10.1038/s41591-020-0934-0 · PMID: 32528151 [Kohorte, n=1.002]
46.898 im Alltag erfasste Mahlzeiten mit gleichzeitiger Glukosemessung
103 % Variationskoeffizient der Triglyzerid-Antwort zwischen Personen
9,5 % Anteil der genetischen Varianten an der Vorhersage der Glukoseantwort
Klinische Beobachtung, ausdrücklich als Beobachtung

Ich beobachte in meiner Sprechstunde ein Muster: Menschen, deren Familien aus äquatornahen Regionen kommen, scheinen mir mit stärkereicher Kost oft besser zurechtzukommen. Menschen aus polnahen Regionen wirken auf mich häufiger fettorientiert.

Das ist eine Beobachtung, kein Befund. Was die Literatur hergibt, ist enger. Sie belegt einzelne Anpassungen in einzelnen Bevölkerungen, keine Himmelsrichtungsregel. Ich erzähle dir beides: was gefunden wurde und wo meine Beobachtung über die Daten hinausschießt.

Erster Reframe

Die verbreitete Frage lautet: Welcher Stoffwechseltyp bin ich? Sie setzt voraus, dass es Typen gibt. Nützlicher finde ich: Wie groß ist meine Antwort auf eine bestimmte Mahlzeit, und was verschiebt sie?

Der erste Weg endet bei einer Kategorie, der zweite bei einer Messkurve, die du beeinflussen kannst. Mehr dazu im Artikel Warum eine Kalorie im Körper keine Kalorie ist.

Bleibt die Frage, woher diese Streuung kommt. Ein Teil davon steckt tatsächlich im Genom.

Stärke: das Amylase-Gen als Anpassung an den Teller

Kaue ein Stück Weißbrot lange genug, ohne zu schlucken. Es wird süß. Das ist Chemie: In deinem Speichel schwimmt Amylase, ein Enzym, das lange Stärkeketten in kurze Zuckerbausteine zerlegt. Die Verdauung beginnt im Mund.

Das Besondere am Gen dafür: Es liegt nicht wie üblich in zwei Kopien vor. Bei manchen Menschen sind es ein oder zwei, bei anderen mehr als zehn. Wie im Supermarkt macht es bei gleichem Andrang einen Unterschied, ob zwei oder zwölf Kassen offen sind.

Human Der Klassiker: AMY1 und der traditionelle Speisezettel

George Perry und Kolleginnen verglichen die AMY1-Kopienzahl in Bevölkerungen mit traditionell stärkereicher und mit traditionell stärkearmer Ernährung.

Die Kopienzahl korrelierte mit dem Amylase-Gehalt im Speichel. Gruppen mit stärkereicher Kost hatten im Mittel mehr Kopien, und die Unterschiede waren stärker ausgeprägt als an vergleichbaren Genorten, ein Hinweis auf positive Selektion.

Für dich heißt das: Wie früh dein Körper Stärke aufschließt, ist teilweise vererbt und hängt mit dem Speisezettel deiner Vorfahren zusammen.

Perry GH et al. Nat Genet. 2007. DOI: 10.1038/ng2123 · PMID: 17828263 [Übersicht]
Klinisch Was das für die Blutzuckerkurve bedeuten könnte

Abigail Mandel und Paul Breslin sortierten gesunde Erwachsene nach ihrer Speichelamylase-Aktivität in zwei Gruppen mit je sieben Personen.

Nach einer Stärkelösung hatte die Gruppe mit hoher Amylase bei 45, 60 und 75 Minuten niedrigere Blutzuckerwerte und einen niedrigeren Gipfel. Nach reiner Glukoselösung gab es keinen Unterschied, was zum Mechanismus passt.

Für dich heißt das: Der Effekt ist plausibel. Mit 14 Personen ist die Studie sehr klein, also ein Hinweis und kein Beweis.

Mandel AL, Breslin PAS. J Nutr. 2012. DOI: 10.3945/jn.111.156984 · PMID: 22492122 [RCT, n=14]

Und jetzt kommt der Teil, den Testanbieter selten erzählen. 2014 erschien eine Arbeit, nach der eine niedrige AMY1-Kopienzahl mit höherem Adipositas-Risiko einhergeht, gerechnet auf einen etwa achtfachen Unterschied zwischen oberstem und unterstem Zehntel. Das war die Geburtsstunde vieler Berichte über den Kohlenhydrat-Typ.

Ein Jahr später vermaß eine andere Gruppe denselben Genort mit besserer Technik neu. Bei ausreichender statistischer Aussagekraft ließ sich der Zusammenhang mit dem Körpergewicht nicht bestätigen. Eine mexikanische Arbeit an 597 Kindern fand das ursprüngliche Muster wiederum, blieb aber eine Assoziationsstudie.

Zweiter Reframe

Ein spektakulärer Gen-Ernährungs-Befund kann innerhalb eines Jahres zerfallen, wenn jemand genauer misst. Das ist kein Versagen der Wissenschaft. Das ist Wissenschaft.

Für einen Test, der dir daraus eine Empfehlung fürs Abendessen macht, ist es trotzdem ein Problem. Der Test bleibt im Umlauf, auch wenn die Studie dahinter nicht mehr steht.

Was bleibt, ist die Anpassungsgeschichte, und die ist stark: Stärkeverdauung beginnt im Mund, und wie kräftig sie dort beginnt, hat eine lange Vorgeschichte.

Milch: eine Anpassung, die mehrfach unabhängig entstand

Die meisten Menschen können als Erwachsene keinen Milchzucker mehr verdauen. Das stellt unser Gefühl von normal auf den Kopf. Bei Säugetieren ist das Abschalten der Laktaseproduktion nach der Stillzeit der Normalfall. Die Ausnahme ist, dieses Enzym ein Leben lang weiter herzustellen.

Stell dir einen Lichtschalter vor, der bei fast allen Säugetieren nach der Stillzeit ausgeht. Bei einem Teil der Menschen ist er blockiert und bleibt an. Nicht weil sie gesünder wären, sondern weil ihre Vorfahren Milch zur Verfügung hatten.

Human Zweimal dieselbe Lösung, unabhängig voneinander

Sarah Tishkoff und ihr Team untersuchten 470 Menschen aus Tansania, Kenia und dem Sudan auf die Fähigkeit, Laktose als Erwachsene zu verdauen.

Sie fanden drei neue Varianten in der Regulationsregion des Laktase-Gens, auf anderen Haplotyp-Hintergründen als die bekannte europäische Variante. Der lange, kaum unterbrochene Haplotyp-Block spricht für eine schnelle Ausbreitung in den letzten etwa 7.000 Jahren. Der Nachweis der gesteigerten Ableseaktivität lief in Zellkultur.

Für dich heißt das: Dieselbe Fähigkeit ist in Europa und in Afrika unabhängig entstanden, jeweils dort, wo Menschen Vieh hielten.

Tishkoff SA et al. Nat Genet. 2007. DOI: 10.1038/ng1946 · PMID: 17159977 [Übersicht] mit [In vitro]-Anteil

Wie stark dieses Signal ist, zeigt eine Arbeit von Tal Bersaglieri. In nordeuropäisch stämmigen Stichproben markieren die zugehörigen Allele einen Haplotyp bei etwa 77 Prozent, der über mehr als eine Million Basen fast ununterbrochen erhalten ist. Die Autoren nennen es eines der stärksten Selektionssignale im menschlichen Genom, entstanden in den letzten 5.000 bis 10.000 Jahren.

Ernährung kann Gene in wenigen tausend Jahren umformen. Die spannende Frage ist, ob das für dein Frühstück morgen etwas bedeutet.

Der rote Faden dieses Artikels

Und dann wurde die schöne Geschichte kompliziert. 2022 werteten Richard Evershed und ein großes Team rund 7.000 Fettreste aus Keramik von über 550 Fundstellen aus, um die Milchnutzung über 9.000 Jahre zu kartieren.

Das Ergebnis passte nicht zur Erwartung. Ein Selektionsmodell, das der Intensität der Milchnutzung folgt, erklärte die Allelfrequenzen nicht besser als ein Modell mit gleichmäßiger Selektion. In der UK Biobank war der Genotyp nur schwach mit dem Milchkonsum verknüpft. Als Hypothese schlagen die Autoren Hungerperioden und Krankheitslast vor. Ein Übersichtsartikel von Laure Ségurel und Céline Bon nennt weitere offene Widersprüche, etwa niedrige Frequenzen bei zentralasiatischen Hirtenvölkern.

Dritter Reframe

Selbst das Lehrbuchbeispiel für Gen-Kultur-Koevolution ist nicht abschließend erklärt. Wer sagt, die Genetik der Ernährung sei geklärt, vereinfacht.

Für den Alltag ist die Konsequenz angenehm einfach: Milchunverträglichkeit in diesem Sinn ist keine Krankheit und kein Makel. Sie ist die häufigere Variante des Menschseins.

Damit ist klar, warum Verträglichkeit hier die Ausnahme ist und nicht die Regel.

Arktis: wenn Kohlenhydrate metabolisch teuer werden

Wenn es einen belegten Fall gibt, in dem eine Bevölkerung genetisch auf sehr fettreiche Ernährung eingestellt ist, dann in der Arktis. Ausgerechnet dieser Fall zeigt am deutlichsten, warum daraus keine Empfehlung wird.

Human CPT1A: ein Selektionssignal mit Schattenseite

Florian Clemente und Kollegen lösten einen auffälligen Bereich auf Chromosom 11 bei nordostsibirischen Bevölkerungen mit hoch abgedeckten Ganzgenomdaten auf.

Die wahrscheinlichste Variante liegt im Gen CPT1A, dem Türsteher für den Eintritt langkettiger Fettsäuren in die Mitochondrien. Sie erreicht in der nordostsibirischen Stichprobe 68 Prozent und ist auch bei kanadischen und grönländischen Inuit häufig. Gleichzeitig ist sie mit Unterzuckerungen ohne Ketonbildung und erhöhter Säuglingssterblichkeit assoziiert.

Für dich heißt das: Eine Variante kann sich durchsetzen und trotzdem Nachteile haben. Häufig ist nicht gleich gut.

Clemente FJ et al. Am J Hum Genet. 2014. DOI: 10.1016/j.ajhg.2014.09.016 · PMID: 25449608 [Übersicht]
Human TBC1D4: der stärkste Einzelbefund dieses Artikels

Ida Moltke und ein dänisch-grönländisches Team untersuchten bis zu 2.575 Personen in Grönland, ergänzt durch Muskelbiopsien.

Sie fanden eine Variante im Gen TBC1D4 mit einer Allelfrequenz von 17 Prozent. Homozygote hatten zwei Stunden nach Glukosebelastung um 3,8 mmol/l höhere Blutzuckerwerte, das Odds Ratio für Typ-2-Diabetes lag bei 10,3. In der Muskulatur fand sich weniger GLUT4, also weniger Türen für den Zuckertransport.

Für dich heißt das: Es gibt Gruppen, für die eine kohlenhydratreiche Kost metabolisch teurer ist, in einer Größenordnung, die keine Diät-Genkombination je erreicht hat.

Moltke I et al. Nature. 2014. DOI: 10.1038/nature13425 · PMID: 25043022 [Kohorte, n=2.575]

Dazu passt ein dritter Befund. Matteo Fumagalli und Kollegen durchsuchten die Genome grönländischer Inuit nach Selektionssignalen. Das stärkste lag bei den Fettsäure-Desaturasen, also bei den Enzymen für mehrfach ungesättigte Fettsäuren. Die selektierten Allele hingen mit Gewicht und Körpergröße zusammen.

Wichtige Ehrlichkeit an dieser Stelle

Aus diesen Befunden folgt nicht, dass Menschen mit arktischer Abstammung heute von fettreicherer Ernährung profitieren. Diese Brücke gibt die Datenlage nicht her. Die CPT1A-Variante ist isoliert betrachtet nachteilig, die TBC1D4-Variante beschreibt ein Risiko.

Auch die berühmte Erzählung, die Grönland-Inuit hätten wegen ihrer fettreichen Kost kaum Herzinfarkte, hat der Überprüfung nicht standgehalten. George Fodor und Kollegen zeigten, dass die Ursprungsarbeiten der 1970er Jahre die koronare Herzkrankheit gar nicht untersucht hatten.

Vierter Reframe

Populationsgenetik erzählt keine Heldengeschichten, sondern Kompromisse. Eine Variante setzt sich durch, weil sie in einer bestimmten Umgebung mehr nützt als schadet. Ändert sich die Umgebung, ändert sich die Rechnung.

Deshalb formuliere ich hier über Genvarianten und ihre Häufigkeiten, nicht über Menschengruppen. Eine Häufigkeit von 68 Prozent bedeutet auch, dass 32 Prozent die Variante nicht tragen.

Und jetzt siehst du, warum ausgerechnet der stärkste Befund dieses Artikels kein Rezept ergibt.

Omega-3: warum manche mehr EPA selbst herstellen können

Vielleicht hast du gehört, Leinöl reiche als Omega-3-Quelle nicht aus, weil der Körper die pflanzliche Vorstufe nur schlecht in EPA und DHA umbaut. Das stimmt im Grundsatz. Selten dazugesagt wird: Wie schlecht dieser Umbau läuft, ist von Mensch zu Mensch verschieden.

Zuständig sind zwei benachbarte Gene, FADS1 und FADS2. Sie kodieren die Enzyme, die den Flaschenhals dieser Umbaukette bilden. Stell dir eine Werkstatt vor: Zahl und Tempo der Maschinen entscheiden über den Ausstoß.

Human Zwei Haplotypen, zwei Umbaugeschwindigkeiten

Adam Ameur und ein europäisches Konsortium untersuchten die FADS-Region in fünf Kohorten mit 5.652 genotypisierten Personen.

Sie fanden zwei häufige Haplotypen, die sich stark darin unterscheiden, wie effizient sie langkettige mehrfach ungesättigte Fettsäuren herstellen. Der effizientere entstand nach der Trennung von moderner Menschenlinie und Neandertaler und zeigt Hinweise auf positive Selektion.

Für dich heißt das: Wie viel EPA du selbst aus pflanzlichen Vorstufen bauen kannst, hängt an einer Variante, die nicht jeder trägt.

Ameur A et al. Am J Hum Genet. 2012. DOI: 10.1016/j.ajhg.2012.03.014 · PMID: 22503634 [Kohorte, n=5.652]

Wie unterschiedlich die Häufigkeiten sind, hat Kumar Kothapalli untersucht. Ein regulatorischer Polymorphismus in FADS2, der den Eigenumbau begünstigt, lag in einer überwiegend vegetarisch lebenden indischen Stichprobe bei 68 Prozent gegenüber 18 Prozent in einer US-Stichprobe. Global gerechnet: rund 70 Prozent bei südasiatischen, 53 bei afrikanischen, 29 bei ostasiatischen und 17 Prozent bei europäischen Stichproben.

Und die Selektionsrichtung war nicht überall dieselbe. Michael Buckley verglich FADS-Daten heutiger und bronzezeitlicher Europäer: In Europa wurden andere Allele selektiert als in Südasien oder Grönland, mit dem entgegengesetzten Effekt auf das Fettsäureprofil. Eine Arbeit von Iain Mathieson an alter DNA von 230 Westeurasiern zeigt allgemein, dass ernährungsbezogene Genorte zu den auffälligsten Selektionszielen gehören.

Der Satz, den ich hier mitgeben möchte

Es gibt nicht den einen richtigen Fettsäurestoffwechsel. Die Evolution hat ihn in verschiedenen Weltregionen in verschiedene Richtungen geschoben, je nachdem, was auf dem Teller lag.

Praktisch folgt daraus etwas Bescheidenes, aber Nützliches. Wer vegetarisch oder vegan isst, sollte sich nicht darauf verlassen, dass der Eigenumbau reicht. Ob er reicht, sieht man nicht am Stammbaum, sondern am Omega-3-Index im Blut. Die Physiologie steht im Artikel ALA, EPA und DHA, die Quellenfrage im Artikel Omega-3 aus Pflanze und Tier.

Und damit weißt du, warum zwei Menschen mit derselben Zufuhr nicht denselben Blutwert haben müssen.

Alkohol, Folat, Cholesterin: drei Varianten, drei Evidenzstufen

Bis hierher ging es um Anpassung über Jahrtausende. Jetzt wird es konkreter. Manche Genvarianten spielen im Alltag eine Rolle, aber die Datenlage ist bei ihnen sehr unterschiedlich stark.

1

ALDH2 und die Gesichtsröte nach einem Glas Wein

Alkohol wird zuerst zu Acetaldehyd abgebaut. Arbeitet das Enzym Aldehyddehydrogenase 2 langsamer, kann sich dieses Zwischenprodukt anstauen, die Gefäße können sich weiten, das Gesicht wird rot. Eine Übersichtsarbeit von Philip Brooks ordnet diese Flush-Reaktion als sichtbaren Marker für ein deutlich erhöhtes Risiko für Speiseröhrenkrebs bei Alkoholkonsum ein. Die Konsequenz ist hier vergleichsweise klar, und sie betrifft Alkohol, nicht die Makronährstoffe.

2

MTHFR und der Folatstoffwechsel

Kaum eine Genvariante hat im Internet eine solche Karriere gemacht. Die amerikanische Fachgesellschaft für medizinische Genetik veröffentlichte 2013 eine Leitlinie: Im Rahmen der Thrombophilie-Abklärung soll die MTHFR-Testung nicht routinemäßig erfolgen, weil neuere Meta-Analysen die angenommenen Zusammenhänge nicht bestätigten. Das gilt für Gerinnungsfragen und nicht für Ernährung allgemein, zeigt aber, wie weit populäre Erzählung und Fachbewertung auseinanderliegen können.

3

APOE4 und der Fettstoffwechsel

Hier gibt es eine echte Gen-Diät-Interaktion, und sie ist klein. In einer Sekundäranalyse der britischen RISCK-Studie mit 389 ausgewerteten Personen sanken bei Trägern der E4-Variante Gesamtcholesterin und Apolipoprotein B stärker, wenn gesättigte Fette durch Kohlenhydrate mit niedrigem glykämischem Index ersetzt wurden, um 0,28 mmol/l über 24 Wochen. Der Genotyp wurde nachträglich bestimmt, die Endpunkte sind Laborwerte. Mehr dazu im Artikel Cholesterin und was die Wissenschaft zeigt.

VarianteWas gut belegt istWas daraus für dich folgt
ALDH2Flush-Reaktion als Marker für verlangsamten Acetaldehyd-Abbau, Risikoerhöhung für Speiseröhrenkrebs bei AlkoholkonsumEine klare, praktisch nutzbare Information. Sichtbar ohne Test.
MTHFRFachgesellschaft rät von Routinetestung in der Thrombophilie-Abklärung abEin Testergebnis allein rechtfertigt keine hochdosierte Supplementierung.
APOE4Sekundäranalyse mit Diät-Genotyp-Interaktion an Lipidwerten über 24 WochenReal, aber klein. Keine individuelle Empfehlung ableitbar.
AMY1Kopienzahl korreliert mit Speichelamylase und traditionellem SpeisezettelInteressant für das Verständnis, ohne praktische Testkonsequenz.
Fünfter Reframe

Nicht die Frage, ob eine Genvariante existiert, entscheidet. Sondern die Frage, wie groß ihr Effekt ist und ob sich daraus eine Handlung ergibt.

Eine Variante mit klarer Konsequenz erkennst du daran, dass Fachgesellschaften darüber sprechen. Bei den meisten Ernährungs-SNPs tun sie das aus gutem Grund nicht.

Und damit hast du ein Raster für jede künftige Genvarianten-Schlagzeile.

Warum Herkunft trotzdem keine Ernährungsanleitung ist

Jetzt kommt der Abschnitt, den ich für den wichtigsten halte. Hier rutscht die Diskussion regelmäßig ab, entweder ins Deterministische oder ins völlige Achselzucken.

Der erste Grund ist statistisch. Noah Rosenberg und Kollegen untersuchten 1.056 Personen aus 52 Bevölkerungen an 377 Genorten. 93 bis 95 Prozent der genetischen Variation liegen zwischen Individuen innerhalb einer Bevölkerung, nur 3 bis 5 Prozent zwischen den großen geografischen Gruppen. Zwei Menschen aus derselben Region können genetisch weiter auseinanderliegen als zwei Menschen von verschiedenen Kontinenten.

Der zweite Grund hat mich selbst am meisten gebremst. Das bekannteste Herkunft-und-Stoffwechsel-Muster ist das erhöhte Diabetesrisiko bei südasiatischen Migrantinnen und Migranten: Erkrankung typischerweise fünf bis zehn Jahre früher und bei niedrigerem BMI.

Human Wenn die naheliegende Erklärung nicht trägt

Naveed Sattar und Jason Gill fassten in einer großen Übersichtsarbeit zusammen, was hinter diesem Muster steckt.

Beitragende Faktoren sind ein höherer Körperfettanteil mit mehr viszeralem Fett, weniger Magermasse und geringere kardiorespiratorische Fitness. Ausdrücklich halten die Autoren fest, dass es keine klare Evidenz für einen wesentlichen genetischen Beitrag gibt.

Für dich heißt das: Ausgerechnet beim bekanntesten Muster liegt die Erklärung nicht in den Genen, sondern in Körperzusammensetzung, Fitness und Lebensverlauf.

Sattar N, Gill JMR. Lancet Diabetes Endocrinol. 2015. DOI: 10.1016/S2213-8587(15)00326-5 · PMID: 26489808 [Systematischer Review]

Die WHO hat 2004 deshalb eine bemerkenswert vorsichtige Entscheidung getroffen. Eine Expertenkonsultation prüfte eigene BMI-Grenzwerte für asiatische Bevölkerungen. Der Schwellenwert für beobachtetes erhöhtes Risiko lag je nach Bevölkerung zwischen 22 und 25. Statt einer neuen Zahl für alle wurden zusätzliche Handlungspunkte bei 23,0, 27,5, 32,5 und 37,5 vorgeschlagen.

Dazu passt eine Meta-Analyse von Keiichi Kodama über 74 Kohorten mit 3.813 Personen: Insulinsensitivität und Insulinantwort liegen in verschiedenen Gruppen an unterschiedlichen Punkten derselben Kurve. Die Autoren vermuten einen genetischen Hintergrund, haben aber keine genetischen Marker gemessen.

Und schließlich der Teil des Stoffwechsels, der am direktesten mit Essen zu tun hat. Daphna Rothschild wertete Daten von 1.046 Personen mit sehr unterschiedlichen Abstammungslinien in gemeinsamer Umwelt aus. Das Darmmikrobiom war nicht signifikant mit der Abstammung verknüpft. Dagegen ähnelten sich die Mikrobiome nicht verwandter Menschen, die einen Haushalt teilen.

Hier korrigiere ich meine eigene Beobachtung nach unten

Es gibt kein sauberes Nord-Süd-Gefälle im Kohlenhydratstoffwechsel. Die belegten Beispiele betreffen einzelne Bevölkerungen und einzelne Genorte, nicht Himmelsrichtungen. Die FADS-Selektion lief in Europa sogar entgegengesetzt zu der bei den Inuit.

Was von meiner Beobachtung bleibt, ist eine Hypothese, die im Gespräch nützlich sein kann. Sie erlaubt es, überhaupt zu fragen, statt allen dieselbe Standardernährung zu empfehlen. Als Begründung für einen Ernährungsplan taugt sie nicht.

Sechster Reframe

Herkunft ist eine Hypothese, kein Befund. Sie kann eine Frage öffnen. Sie kann keine Frage beantworten.

Und noch etwas ist mir wichtig: Es geht um Genvarianten und ihre Häufigkeiten, nicht um Menschen und ihr Aussehen. Von einem Gesicht auf einen Stoffwechsel zu schließen, ist medizinisch nicht haltbar und menschlich daneben.

Und deshalb ist die nächste Frage die richtige: Wenn schon Herkunft nichts verrät, kann es dann wenigstens ein Gentest?

Was DNA-Diät-Tests versprechen und was geprüft wurde

Auf den Websites der Anbieter klingt es überzeugend. Du spuckst in ein Röhrchen und bekommst nach einigen Wochen eine Einteilung: Fettverwerter, Kohlenhydratverwerter oder Mischtyp, dazu eine Nährstoffverteilung in Prozent. Der Preis liegt meist zwischen 150 und 300 Euro.

Ich habe gezielt nach der Primärliteratur gesucht, die diese Dreiteilung definiert und überprüft. Ich habe sie nicht gefunden. Die Kategorien stammen, soweit ich das nachvollziehen kann, aus der Vermarktung und nicht aus der Fachliteratur. Das heißt nicht automatisch, dass sie falsch sind. Es heißt, dass niemand sie bisher belastbar geprüft hat.

Was dagegen geprüft wurde, ist die Kernbehauptung dahinter: dass der Genotyp vorhersagt, welche Diät bei dir besser funktioniert.

Klinisch DIETFITS: die Studie, die genau diese Frage gestellt hat

Christopher Gardner und sein Team randomisierten 609 Erwachsene mit einem BMI zwischen 28 und 40 über zwölf Monate auf eine gesunde fettarme oder eine gesunde kohlenhydratarme Ernährung. Drei Genotyp-Muster waren vorab definiert.

Nach zwölf Monaten lag die Gewichtsveränderung bei minus 5,3 kg gegenüber minus 6,0 kg, ein Unterschied von 0,7 kg. Weder Genotyp-Muster noch Insulinsekretion sagten den Erfolg vorher, die Interaktion lag bei p=0,20.

Für dich heißt das: Genau die Kernbehauptung solcher Tests wurde hier sauber geprüft und ließ sich nicht bestätigen.

Gardner CD et al. JAMA. 2018. DOI: 10.1001/jama.2018.0245 · PMID: 29466592 [RCT, n=609]
Klinisch Food4Me: Personalisierung ja, Genotyp nein

Carlos Celis-Morales und ein europäisches Konsortium randomisierten Erwachsene aus sieben Ländern auf konventionelle oder auf personalisierte Beratung, gestuft nach Ernährung, nach Ernährung plus Phänotyp oder zusätzlich nach fünf Genvarianten.

Nach sechs Monaten aßen die personalisiert Beratenen weniger rotes Fleisch, weniger Salz und weniger gesättigtes Fett. Das zusätzliche Einbeziehen von Phänotyp oder Genotyp brachte darüber hinaus keinen erkennbaren Zusatznutzen.

Für dich heißt das: Persönliche Beratung kann einen Unterschied machen. Der Genotyp war dabei nicht der wirksame Bestandteil.

Celis-Morales C et al. Int J Epidemiol. 2017. DOI: 10.1093/ije/dyw186 · PMID: 27524815 [RCT, n=1.269]

Diese Kritik kommt nicht von außen. Eine Autorengruppe aus der Nutrigenetik selbst hielt 2017 fest, dass das Feld unreguliert ist und jenseits kommerzieller Praxiskodizes keine definierten Standards existieren. Ein Übersichtsartikel von Dong Wang und Frank Hu nennt fehlende Reproduzierbarkeit und den ausstehenden Nachweis eines Zusatznutzens gegenüber klassischer Ernährungsintervention.

Siebter Reframe

Ich sage nicht, dass Nutrigenetik Unsinn ist. Ich halte sie für eines der spannendsten Felder der nächsten Jahre. Sie ist aus meiner Sicht nur noch nicht so weit, dass sich daraus eine verlässliche Ernährungsempfehlung kaufen ließe.

Der Unterschied zwischen einem vielversprechenden Forschungsfeld und einem verkaufsfertigen Produkt ist genau der Punkt, an dem viele Anbieter zu früh abbiegen.

Bleibt die Frage, was stattdessen geht.

Messen statt raten: der Weg, der tatsächlich individuell ist

Wenn du bis hierher gelesen hast, könnte sich ein leicht frustrierendes Gefühl eingestellt haben. Die Unterschiede sind real, die Gene erklären sie kaum, der Stammbaum erst recht nicht. Was bleibt?

Ziemlich viel. Nur eben nicht aus dem Labor der Vergangenheit, sondern aus deinem eigenen Körper.

Klinisch Eine Genvariante ist eine Wahrscheinlichkeit, kein Urteil

Tuomas Kilpeläinen und Kollegen poolten 45 Erwachsenen- und 9 Kinderstudien mit zusammen 218.166 Erwachsenen, um den Effekt der bekanntesten Adipositas-Genvariante FTO zu prüfen.

Bei körperlich aktiven Erwachsenen war der Zusammenhang zwischen Variante und Adipositasrisiko um 27 Prozent abgeschwächt, die Interaktion war statistisch deutlich. Bei Kindern und Jugendlichen fand sich das nicht.

Für dich heißt das: Ein Genotyp beschreibt eine Neigung. Lebensstil kann diese Neigung messbar verschieben.

Kilpeläinen TO et al. PLoS Med. 2011. DOI: 10.1371/journal.pmed.1001116 · PMID: 22069379 [Meta-Analyse, k=54, n=218.166]

Und dann die Zahl, die für mich den Artikel zusammenfasst. In PREDICT 1 trugen genetische Varianten 9,5 Prozent zur Vorhersage der Glukoseantwort bei, bei den Blutfetten 0,8 Prozent. Personenbezogene Faktoren wie das Darmmikrobiom erklärten dort mehr Varianz als die Makronährstoffe der Mahlzeit selbst.

Anders gesagt: Der Sensor an deinem Arm kann dir nach zwei Wochen mehr über deinen Stoffwechsel zeigen als ein Speicheltest.

Drei Hebel, die tatsächlich individuell sind

  • Zwei Wochen Glukosesensor mit ehrlichem Protokoll. Nicht um Lebensmittel zu verbieten, sondern um zu sehen, welche Kombinationen bei dir flache Kurven ergeben. Wie das abläuft, steht im Artikel 14 Tage Glukosesensor.
  • Die immer gleiche Testmahlzeit variieren. Dasselbe Frühstück einmal allein, einmal mit Protein, einmal nach zehn Minuten Gehen. Die Unterschiede sind dein persönlicher Datensatz. Grundlagen im Artikel Blutzuckerspitzen vermeiden.
  • Wenige gezielte Laborwerte statt vieler Genmarker. Nüchternwerte, HbA1c, Blutfette, Ferritin, Vitamin D, Omega-3-Index. Diese Werte verändern sich mit dem, was du tust. Ein Genotyp tut das nicht.

Wenn du das nicht allein machen möchtest: Unterhalb dieses Artikels gibt es die Möglichkeit, einen Termin zu vereinbaren.

Der Kern in einem Satz

Deine Vorfahren haben deinen Stoffwechsel mitgeprägt. Aber sie sind nicht die Quelle, die du befragen kannst. Die Quelle bist du selbst, und zwar messbar.

Und jetzt weißt du, warum die ehrlichste Antwort auf die Frage nach der richtigen Ernährung nicht im Stammbaum steht, sondern in einer Kurve, die du selbst erzeugen kannst.

Häufige Fragen zu Genen, Herkunft und Ernährung

Gibt es wirklich Kohlenhydrattypen und Fetttypen?

Als saubere Kategorien nicht. Die Dreiteilung in Fettverwerter, Kohlenhydratverwerter und Mischtyp stammt aus dem Marketing von Testanbietern, nicht aus der Fachliteratur. Eine peer-reviewte Primärquelle, die diese drei Gruppen definiert und validiert, gibt es nach meiner Recherche nicht. Belegt ist etwas anderes und Feineres: einzelne Genvarianten verändern einzelne Schritte im Stoffwechsel, etwa die Stärkespaltung im Speichel oder die Fettsäureoxidation in den Mitochondrien. Diese Varianten addieren sich aber nicht zu zwei oder drei Menschentypen.

Sagt mein Gentest, welche Diät zu mir passt?

Nach heutiger Datenlage nicht. Genau diese Frage wurde in der DIETFITS-Studie geprüft: 609 Erwachsene wurden zwölf Monate lang auf eine fettarme oder eine kohlenhydratarme Ernährung randomisiert, vorab wurden drei Genotyp-Muster definiert. Die Muster sagten den Erfolg nicht vorher, die Interaktion zwischen Diät und Genotyp war statistisch unauffällig. In der europäischen Food4Me-Studie mit 1.269 Personen brachte das Hinzufügen des Genotyps zur personalisierten Beratung ebenfalls keinen Zusatznutzen.

Warum vertragen so viele Menschen keine Milch?

Weil das Abschalten der Laktaseproduktion nach der Stillzeit der biologische Normalfall bei Säugetieren ist. Die Ausnahme ist die Fähigkeit, Milchzucker auch als Erwachsener zu spalten. Diese Fähigkeit beruht auf Varianten in der Regulationsregion des Laktase-Gens, die in Europa und in Afrika unabhängig voneinander entstanden sind. Sie sind dort häufig, wo Menschen über lange Zeit Vieh hielten, und selten, wo das nicht der Fall war. Milchunverträglichkeit in diesem Sinn ist also keine Krankheit, sondern die weltweit häufigere Variante. Beschwerden nach Milchprodukten können trotzdem belastend sein und auch andere Ursachen haben, deshalb kann sich eine ärztliche Einordnung lohnen.

Stimmt es, dass Menschen aus dem Norden besser Fett verbrennen?

Als allgemeine Nord-Süd-Regel gibt es dafür keine Belege. Was es gibt, sind einzelne, sehr gut untersuchte Varianten in einzelnen Bevölkerungen. In zirkumarktischen Gruppen ist eine Variante im Fettsäureoxidations-Regler CPT1A extrem häufig geworden. Sie ist aber nicht einfach ein Vorteil, sondern isoliert betrachtet mit Unterzuckerungen ohne Ketonbildung und erhöhter Säuglingssterblichkeit verbunden. Und die Selektion an den Fettsäure-Desaturasen lief in Europa sogar in die entgegengesetzte Richtung wie bei den Inuit. Eine Himmelsrichtungsregel ergibt sich daraus nicht.

Warum erkranken Menschen mit südasiatischer Herkunft früher an Typ-2-Diabetes, auch wenn sie schlank sind?

Das Muster ist gut dokumentiert: Erkrankung fünf bis zehn Jahre früher und bei niedrigerem BMI. Die naheliegende Erklärung über die Gene trägt aber nicht. Ein großer Übersichtsartikel im Lancet Diabetes and Endocrinology hält ausdrücklich fest, dass es keine klare Evidenz für einen wesentlichen genetischen Beitrag gibt. Diskutiert werden stattdessen Körperzusammensetzung mit mehr viszeralem Fett und weniger Magermasse, geringere kardiorespiratorische Fitness und epigenetische Prägung. Die WHO hat deshalb 2004 keine neue feste BMI-Grenze für asiatische Bevölkerungen festgelegt, sondern zusätzliche Handlungspunkte vorgeschlagen.

Was ist das AMY1-Gen und kann ich meine Kopienzahl testen lassen?

AMY1 ist das Gen für die Speichelamylase, das Enzym, das Stärke schon im Mund zu spalten beginnt. Anders als die meisten Gene liegt es in sehr unterschiedlicher Kopienzahl vor, von etwa einer bis zu über zehn Kopien. Bevölkerungen mit traditionell stärkereicher Ernährung haben im Mittel mehr Kopien. Eine Messung ist technisch möglich, praktisch aber wenig sinnvoll: die Verbindung zwischen Kopienzahl und Körpergewicht hat der Nachprüfung mit besserer Messtechnik nicht standgehalten, und eine Ernährungsempfehlung lässt sich daraus nicht ableiten.

Warum werde ich nach einem Glas Wein rot im Gesicht?

Sehr wahrscheinlich, weil das Enzym Aldehyddehydrogenase 2 bei dir langsamer arbeitet. Alkohol wird zuerst zu Acetaldehyd abgebaut, und dieses Zwischenprodukt wird dann weiter verarbeitet. Ist dieser zweite Schritt gebremst, kann sich Acetaldehyd anstauen, die Gefäße können sich weiten, das Gesicht wird rot. Das ist kein kosmetisches Detail. Die Flush-Reaktion gilt als sichtbarer Marker für ein deutlich erhöhtes Risiko für Speiseröhrenkrebs bei regelmäßigem Alkoholkonsum. Hier ist die praktische Konsequenz ausnahmsweise klar.

Ist eine MTHFR-Variante ein Grund für hochdosierte Folsäure?

Die Fachgesellschaft für medizinische Genetik in den USA hat 2013 eine Leitlinie veröffentlicht, die von der routinemäßigen MTHFR-Testung im Rahmen der Thrombophilie-Abklärung abrät. Begründung: neuere Meta-Analysen fanden weder den Zusammenhang zwischen erhöhtem Homocystein und koronarer Herzkrankheit noch den zwischen MTHFR-Status und venöser Thrombose bestätigt. Diese Leitlinie bezieht sich auf Gerinnungsfragen, nicht auf Ernährung allgemein. Sie ist aber ein gutes Beispiel dafür, wie eine Genvariante im Netz eine Karriere macht, die die Fachgesellschaften nicht mittragen.

Sollte ich als APOE4-Trägerin weniger Fett essen?

Aus der vorhandenen Datenlage lässt sich keine persönliche Empfehlung ableiten. Es gibt eine Sekundäranalyse der britischen RISCK-Studie mit 389 ausgewerteten Personen, in der der APOE-Genotyp nachträglich bestimmt wurde. Dort sanken bei E4-Trägern Gesamtcholesterin und Apolipoprotein B stärker, wenn gesättigte Fette durch Kohlenhydrate mit niedrigem glykämischem Index ersetzt wurden. Der Unterschied lag bei 0,28 mmol/l über 24 Wochen. Das ist eine echte, aber kleine Gen-Diät-Interaktion an einem Laborwert, nicht an einem Krankheitsverlauf.

Kann ich als Vegetarier genug EPA und DHA aus Leinöl herstellen?

Die Umbaurate von pflanzlicher Alpha-Linolensäure zu EPA und DHA ist bei allen Menschen begrenzt, und sie unterscheidet sich zusätzlich je nach Variante in den FADS-Genen. Ein regulatorischer Insertions-Polymorphismus in FADS2, der den Eigenumbau begünstigt, liegt in südasiatischen Stichproben bei rund 70 Prozent und in europäischen bei etwa 17 Prozent. Das erklärt einen Teil der Unterschiede, ersetzt aber keine Messung. Belastbarer als eine Schätzung über die Herkunft ist der Omega-3-Index im Blut.

Was bringt ein DNA-Ernährungstest für 150 bis 300 Euro?

Ich gebe hier bewusst keine Empfehlung für oder gegen einzelne Anbieter ab, sondern nur die Evidenzlage. Eine Autorengruppe aus dem Feld der Nutrigenetik selbst hat 2017 festgehalten, dass der Bereich unreguliert ist und dass es jenseits einzelner kommerzieller Praxiskodizes keine definierten Standards gibt. Ein Übersichtsartikel zur Präzisionsernährung nennt fehlende Reproduzierbarkeit, methodische Probleme und den ausstehenden Nachweis eines Zusatznutzens gegenüber klassischer Ernährungsberatung. Was solche Tests liefern, ist meist eine Liste von Varianten mit sehr kleinen Effektstärken.

Wenn Gene nicht weiterhelfen, wie finde ich heraus, was zu mir passt?

Über Messung am eigenen Körper statt über den Stammbaum. In der PREDICT-1-Untersuchung mit 1.002 Personen trugen genetische Varianten nur 9,5 Prozent zur Vorhersage der Blutzuckerantwort bei, bei den Blutfetten noch deutlich weniger. Gleichzeitig war die Streuung zwischen Menschen nach identischen Mahlzeiten riesig. Zwei Wochen mit einem Glukosesensor, ein ehrliches Ernährungsprotokoll und ein paar gezielte Laborwerte können deshalb mehr persönlich brauchbare Information liefern als ein Speicheltest.

Wo dieses Thema andocken kann

Die Frage nach der individuellen Stoffwechselantwort taucht in mehreren Bereichen wieder auf: bei der Insulinwirkung, beim Blutzucker, bei den Fettsäuren und beim Training. Von hier aus führen mehrere Wege weiter.

SJ

Shukri Jarmoukli

Arzt, Integrative Medizin · ViveCura Berlin

Ich arbeite in meiner Privatpraxis an der Schnittstelle von klassischer Medizin, funktioneller Medizin und Klinischer Psychoneuroimmunologie. Genetik ist für mich eine von mehreren Linsen, neben Lebensstil, Hormonsystem, Immunsystem und Mitochondrien. Am meisten interessiert mich, wo eine Linse trägt und wo sie überdehnt wird.

Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Beratung. Er soll dir helfen, bessere Fragen zu stellen, bevor du einen Test kaufst oder deine Ernährung umbaust.

ViveCura, Privatpraxis Shukri Jarmoukli, Skalitzer Straße 137, 10999 Berlin

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Transparenz zur Evidenz Gut belegt sind in diesem Artikel die populationsgenetischen Befunde selbst: die AMY1-Kopienzahlvariation, die konvergente Entstehung der Laktasepersistenz, der Selektionssweep an CPT1A, die TBC1D4-Variante mit ihrem sehr großen Effekt und die unterschiedliche Selektionsrichtung an den FADS-Genen. Ebenfalls solide sind die beiden randomisierten Studien zu genotypbasierter Ernährungsberatung, die keinen Zusatznutzen des Genotyps gefunden haben. Deutlich dünner ist die Datenlage bei der Verbindung von AMY1-Kopienzahl und Blutzuckerkurve, die auf einer Studie mit 14 Personen beruht, und bei der Frage, warum sich die Laktasepersistenz durchgesetzt hat, wo Hunger und Krankheitslast bislang nur ein Erklärungsvorschlag sind. Die Interpretation ethnischer Unterschiede in der Insulinantwort als genetisch bedingt ist eine Vermutung der Autoren, die keine genetischen Marker gemessen haben. Meine eigene Beobachtung zu Herkunft und Kohlenhydrattoleranz ist ausdrücklich eine klinische Beobachtung. Ein generelles Nord-Süd-Gefälle im Kohlenhydratstoffwechsel ist nicht belegt, und ich habe versucht, an jeder Stelle sichtbar zu machen, wo die Daten enden und wo meine Einordnung beginnt.

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