Ratgeber Hormone · PCOS-Diagnostik

PCOS richtig diagnostizieren: die Rotterdam-Kriterien und die vier Phänotypen

Zwei von drei Merkmalen genügen, andere Ursachen müssen vorher raus, und der Ultraschall allein trägt die Diagnose nicht. Vier Frauen mit demselben Etikett haben deshalb oft vier sehr verschiedene Wege vor sich.

SJ
Shukri Jarmoukli · Arzt · Tätigkeitsschwerpunkt Integrative Medizin · ViveCura Berlin
Rotterdam-Kriterien Phänotypen A bis D Leitlinie 2023 Neuer Name PMOS 27 Quellen mit DOI

Du sitzt auf der Liege, der Ultraschallkopf gleitet über deinen Unterbauch, und dann kommt der Satz. Deine Eierstöcke sehen polyzystisch aus. Wahrscheinlich PCOS.

Du gehst raus, tippst das Wort ins Handy und liest binnen fünf Minuten von Unfruchtbarkeit, Diabetes, Bartwuchs und lebenslanger Erkrankung. Zu Hause suchst du deine alten Befunde. Irgendwo stand doch mal, dass dein Testosteron völlig in Ordnung war.

Und genau da fängt die Verwirrung an.

Denn PCOS ist keine Ultraschall-Diagnose. Es ist eine Kombinations- und Ausschlussdiagnose. Ein Bild von deinen Eierstöcken kann ein Baustein sein, aber es kann diese Diagnose weder stellen noch ausschließen. Und je nachdem, welche zwei der drei Merkmale bei dir zutreffen, landest du in einer von vier Gruppen, die sich in Stoffwechselrisiko, Fruchtbarkeit und Behandlungsschwerpunkt deutlich unterscheiden.

Dieser Artikel geht durch die Diagnostik. Nicht durch die Therapie, nicht durch alle Ursachen, sondern durch die Frage: Was muss gemessen, gefragt und ausgeschlossen worden sein, damit diese Diagnose trägt? Und was macht sie unbrauchbar, obwohl alles gemessen wurde?

Mein Ausgangspunkt

Eine Diagnose ist kein Etikett. Sie ist eine Landkarte. Und eine Landkarte, die mit der falschen Methode gezeichnet wurde, führt dich jahrelang in die falsche Richtung, egal wie sicher sie aussieht.

Was du hier findest

  • Warum zwei von drei Kriterien genügen und was der Ausschlussteil damit zu tun hat
  • Die drei Rotterdam-Kriterien im Detail, mit den Zahlen dahinter
  • Was die internationale Leitlinie 2023 verändert hat, inklusive AMH
  • Die vier Phänotypen A bis D und ihre sehr unterschiedlichen Profile
  • Der Ausschlussteil, der in der Eile oft übersprungen wird
  • Warum Androgenwerte unter der Pille nichts beweisen
  • Der neue Name PMOS und was er nicht ändert
  • Welcher Arzt, welche Werte, welcher Zyklustag, was mitbringen
Leitlinie internationaler Konsens mit formalem Bewertungsverfahren Humandaten Studien und Metaanalysen an Menschen Tiermodell hier praktisch nicht verwendet Zellkultur hier praktisch nicht verwendet

Ein Wort vorweg zu diesem Artikel: Er führt fast ausschließlich Humandaten. Das ist bei diesem Thema ein Glücksfall und keine Selbstverständlichkeit. Wo ich am Ende über Umweltfaktoren spreche, wird die Evidenzstufe ausdrücklich benannt, weil sie dort schwächer ist.

PCOS ist eine Kombinationsdiagnose, keine Ultraschall-Diagnose

Der Name ist das Problem. Polyzystisches Ovarsyndrom klingt, als ginge es um Zysten an den Eierstöcken. Als könnte man sie zählen und dann Bescheid wissen.

Es sind keine Zysten. Es sind unreife Eibläschen, sogenannte Antralfollikel, die in einem frühen Stadium stehen geblieben sind. Stell dir eine Bäckerei vor, in der jeden Morgen zwanzig Teiglinge in den Ofen sollen. Bei PCOS liegen sie alle auf dem Blech, aber der Ofen springt nicht an. Die Teiglinge sind nicht krank. Sie warten.

Deshalb hat der internationale Konsensprozess in Rotterdam schon 2003 etwas festgehalten, das bis heute gilt und trotzdem ständig übersehen wird: Kein einzelnes Kriterium reicht für die klinische Diagnose. Weder der Androgenüberschuss noch das Ultraschallbild.

Leitlinie Der Gründungstext

Wer hat sie gemacht: Eine gemeinsame Konsenskonferenz der europäischen und der amerikanischen Fachgesellschaft für Reproduktionsmedizin, ESHRE und ASRM, im Jahr 2003 in Rotterdam.

Was wurde festgelegt: PCOS ist ein Syndrom der ovariellen Funktionsstörung mit den Kardinalmerkmalen Androgenüberschuss und polyzystische Ovarmorphologie. Ausdrücklich festgehalten wurde, dass kein einzelnes diagnostisches Kriterium für sich allein ausreicht. Insulinresistenz und erhöhte LH-Werte sind häufige, aber keine definierenden Merkmale.

Was das für dich bedeutet: Wenn jemand aus einem Ultraschallbild allein die Diagnose ableitet, weicht das vom internationalen Standard ab. Der Satz steht seit über zwanzig Jahren im Gründungsdokument.

Rotterdam ESHRE/ASRM-Sponsored PCOS Consensus Workshop Group, Fertil Steril 2004. PMID: 14711538 · DOI: 10.1016/j.fertnstert.2003.10.004 [Consensus Guideline, Leitlinie]

Wie groß der Unterschied zwischen Bild und Diagnose wirklich ist, zeigt eine Metaanalyse zur Häufigkeit. Und diese Zahl ist der Grund, warum ich diesen Abschnitt an den Anfang stelle.

Humandaten Wie oft polyzystische Eierstöcke wirklich sind

Wer hat sie gemacht: Ein Team um Bozdag hat 2016 systematisch nach Prävalenzstudien gesucht, 55 Berichte gescreent und 24 Arbeiten eingeschlossen, ausgewertet mit einem Random-Effects-Modell.

Was wurde beobachtet: Die Prävalenz polyzystischer Ovarien lag bei 28 Prozent (95-Prozent-Konfidenzintervall 22 bis 35). Die PCOS-Prävalenz nach den Rotterdam-Kriterien lag dagegen bei 10 Prozent (8 bis 13), nach den älteren, strengeren NIH-Kriterien bei 6 Prozent (5 bis 8). Hirsutismus fand sich bei 13 Prozent, eine Hyperandrogenämie im Labor bei 11 Prozent, seltene oder fehlende Eisprünge bei 15 Prozent.

Was das für dich bedeutet: Das Ultraschallbild allein ist fast dreimal so häufig wie die Diagnose. In diesen Studien hatte etwa jede vierte bis dritte Untersuchte diesen Befund. Wie genau sich das auf die Allgemeinbevölkerung übertragen lässt, ist offen, weil die zugrunde liegenden Kohorten unterschiedlich rekrutiert wurden. Er sagt für sich genommen sehr wenig über dich aus.

Bozdag G, Mumusoglu S, Zengin D, Karabulut E, Yildiz BO. Hum Reprod 2016;31(12):2841-2855. PMID: 27664216 · DOI: 10.1093/humrep/dew218 [Systematischer Review und Meta-Analyse, k=24]
28 %polyzystische Ovarien im Ultraschall in Prävalenzstudien
10 %PCOS nach den Rotterdam-Kriterien
6 %PCOS nach den strengeren NIH-Kriterien
Reframe

Du hast nicht PCOS, weil dein Ultraschall so aussieht. Du hast möglicherweise PCOS, wenn zwei von drei Merkmalen zusammenkommen und andere Ursachen ausgeschlossen sind.

Das ist keine Wortklauberei. Es ist der Unterschied zwischen einer Diagnose, die dich die nächsten zwanzig Jahre begleitet, und einem Befund, der in Prävalenzstudien bei etwa jeder vierten Untersuchten vorkam.

Bevor wir tiefer gehen, gehört ein Kasten nach vorne. Es gibt Situationen, in denen die ruhige, schrittweise Abklärung nicht die richtige ist. Sie sind selten. Aber wenn sie zutreffen, zählt Zeit.

Zeitnah ärztlich abklären lassen

Die folgenden Zeichen passen nicht zum typischen, langsamen PCOS-Verlauf. Sie gehören zeitnah angesehen und nicht beobachtet:

  • Schnell fortschreitende Vermännlichung innerhalb von Monaten: die Stimme wird tiefer, deutlicher Muskelzuwachs, Vergrößerung der Klitoris, rasch fortschreitender Haarausfall am Oberkopf. Das ist die klassische Konstellation, bei der ein androgenbildender Tumor an Eierstock oder Nebenniere gesucht wird.
  • Milchfluss aus der Brust zusammen mit Kopfschmerzen oder Sehstörungen. Diese Kombination gehört wegen eines möglichen Prolaktinoms abgeklärt.
  • Blutungen nach der Menopause sowie sehr starke oder plötzlich ganz anders gewordene Blutungen.
  • Akuter, einseitiger Unterbauchschmerz oder Schmerzen zusammen mit Fieber.
  • Ungewollter Gewichtsverlust ohne erklärbaren Grund.

Das ist keine Aufforderung zur Panik, sondern zur Reihenfolge. Diese Zeichen kommen vor die geplante Diagnostik, nicht danach.

Warum PCOS entsteht, was im Hintergrund an Insulin, LH und Fettgewebe zusammenspielt, und welche Symptome dazugehören, ist ein eigenes Thema. Ich habe es an anderer Stelle ausführlich beschrieben, in PCO-Syndrom: Ursachen und Symptome. Hier bleiben wir bei der Frage, wie die Diagnose zustande kommt.

Und jetzt weißt du, warum die erste Frage nach dem Ultraschalltermin nicht lautet, wie viele Follikel es waren, sondern welche zwei Kriterien überhaupt geprüft wurden.

Die drei Rotterdam-Kriterien im Detail

Drei Merkmale, zwei müssen zutreffen. Klingt einfach. Der Teufel steckt in jedem einzelnen davon.

Kriterium 1: seltene oder fehlende Eisprünge

Der Fachbegriff lautet Oligo- oder Anovulation. Übersetzt: Dein Eierstock lässt selten oder gar keine Eizelle springen.

Nach außen zeigt sich das meistens am Zyklus. Sehr lange Abstände zwischen den Blutungen, unregelmäßige Abstände, oder die Blutung bleibt über Monate ganz aus. In der Leitlinie sind Zykluslängen von über 35 Tagen sowie weniger als acht Blutungen im Jahr die üblichen Orientierungspunkte für Erwachsene. Auch sehr kurze Zyklen unter 21 Tagen gelten als auffällig.

Was oft untergeht: Eine regelmäßige Blutung beweist keinen Eisprung. Es gibt Zyklen, die pünktlich bluten und trotzdem ohne Eisprung ablaufen. Deshalb kann bei regelmäßigem Zyklus und trotzdem bestehendem Verdacht ein Progesteronwert in der zweiten Zyklushälfte bestimmt werden, um zu sehen, ob überhaupt ein Gelbkörper gearbeitet hat.

Und umgekehrt: Eine ausbleibende Blutung ist nicht automatisch PCOS. Das ist so wichtig, dass ich ihm weiter unten einen eigenen Abschnitt widme.

Ein Punkt, der oft erst später kommt

Wenn die Blutung über viele Monate ganz ausbleibt, fehlt der Gebärmutterschleimhaut der regelmäßige Abbau. Über Jahre kann sich die Schleimhaut dadurch verdicken, und daraus kann ein Risiko entstehen, das im Blick bleiben sollte.

Deshalb gehört bei langen blutungsfreien Phasen die Frage dazu, wie die Schleimhaut aussieht und ob sie geschützt werden sollte. Das ist keine Panikfrage. Es ist eine, die auf den Zettel für den nächsten Termin gehört.

Kriterium 2: Androgenüberschuss, klinisch oder im Labor

Hier steckt der häufigste Denkfehler. Viele Frauen glauben, dieses Kriterium sei eine Laborfrage. Ist es nicht. Es genügt eines von beidem.

Klinisch heißt: Man sieht es. Vermehrte Körperbehaarung nach männlichem Verteilungsmuster, also an Oberlippe, Kinn, Brust, Bauchmittellinie, Rücken oder Oberschenkelinnenseiten. Dazu hartnäckige Akne, die über das übliche Maß hinausgeht. Und androgenetischer Haarausfall, also die dünner werdende Scheitelregion.

Biochemisch heißt: Man misst es. Erhöhtes freies Testosteron oder ein erhöhter freier Androgen-Index. Manchmal auch Androstendion oder DHEAS, wobei die beiden eher Zusatzinformationen liefern.

Leitlinie Wann Androgene überhaupt gemessen werden

Wer hat sie gemacht: Eine Task Force der Endocrine Society aus sieben Fachleuten plus Methodiker hat 2018 die Leitlinie zur Abklärung des Hirsutismus aktualisiert, nach dem GRADE-System und auf Basis zweier beauftragter systematischer Übersichten.

Was wurde empfohlen: Bei allen Frauen mit auffälligem Hirsutismus-Score sollte auf erhöhte Androgene getestet werden, und ausdrücklich nicht bei Frauen mit regelmäßigem Zyklus und unauffälligem Score. Beides ist im Originaltext als schwache Empfehlung bei niedriger Evidenzqualität formuliert, also als Vorschlag und nicht als starke Vorgabe. Wie ein nicht klassisches adrenogenitales Syndrom über einen morgendlichen 17-Hydroxyprogesteron-Wert nicht übersehen wird, steht weiter unten im Ausschlussteil.

Was das für dich bedeutet: Die sichtbare Behaarung ist der Auslöseknopf für den Laborteil, nicht umgekehrt. Wer ohne klinischen Anlass breit misst, produziert vor allem Zufallsbefunde.

Martin KA, Anderson RR, Chang RJ et al. J Clin Endocrinol Metab 2018;103(4):1233-1257. PMID: 29522147 · DOI: 10.1210/jc.2018-00241 [Consensus Guideline, Leitlinie]

Warum ein normales Testosteron gar nichts ausschließt

Diese Frage bekomme ich oft. Mein Testosteron ist normal, kann es dann trotzdem PCOS sein?

Ja, aus drei Gründen.

Erstens zählt das klinische Bild genauso. Wenn du sichtbaren Hirsutismus hast, ist das Kriterium erfüllt, auch wenn das Labor unauffällig bleibt.

Zweitens genügen zwei von drei. Es gibt einen Phänotyp, bei dem Androgene weder sichtbar noch messbar auffällig sind, Phänotyp D. Dazu gleich mehr.

Drittens misst Gesamt-Testosteron etwas anderes, als du denkst. Der größte Teil des Testosterons im Blut ist an ein Transportprotein gebunden, das Sexualhormon-bindende Globulin, kurz SHBG. Stell dir SHBG als Fahrgemeinschaft vor. Wer im Auto sitzt, kommt an keiner Zelle an. Nur der freie Anteil steigt aus und kann andocken. Sinkt SHBG, steigt der frei verfügbare Anteil, obwohl der Gesamtwert gleich bleibt. Genau das kann bei Insulinresistenz passieren, weil hohe Insulinspiegel die SHBG-Bildung in der Leber dämpfen können.

Deshalb sagen freies Testosteron und der freie Androgen-Index, der Testosteron ins Verhältnis zu SHBG setzt, in aller Regel mehr als der Gesamtwert allein. Wie Hormontests bei Frauen sinnvoll geplant werden, habe ich in Hormone testen bei Frauen beschrieben.

Der Satz, den ich am häufigsten sage

Ein normaler Testosteronwert schließt PCOS nicht aus. Er sagt nur, dass dieses eine Kriterium über diesen einen Weg gerade nicht erfüllt ist.

Kriterium 3: polyzystische Ovarmorphologie

Der Begriff, der den ganzen Namen verdorben hat. Gemeint ist ein Ultraschallbild mit sehr vielen kleinen Antralfollikeln, meist zwischen 2 und 9 Millimetern, und oft einem vergrößerten Eierstockvolumen.

Es sind keine Zysten im medizinischen Sinn. Eine Zyste ist ein flüssigkeitsgefüllter Hohlraum, der behandelt oder beobachtet werden muss. Diese Follikel sind normale Strukturen in ungewöhnlicher Zahl. Sie verursachen in der Regel keine Schmerzen und müssen normalerweise nicht entfernt werden. Wichtig ist die Abgrenzung: Neben diesen Follikeln kann eine Frau zusätzlich eine echte Zyste haben, und die kann sehr wohl Beschwerden machen. Wenn du plötzliche, starke oder einseitige Unterbauchschmerzen hast, ist das unabhängig vom PCOS-Befund ein Grund, das zeitnah ärztlich ansehen zu lassen.

Und die Schwelle hat sich verschoben. Früher galten mindestens 12 Antralfollikel pro Eierstock. Heute gelten mindestens 20, wenn mit moderner Technik geschallt wurde. Das ist die Frage, die viele Frauen mit einem alten und einem neuen Befund in der Hand umtreibt, deshalb kommt sie im nächsten Abschnitt ausführlich.

Wichtig ist noch etwas anderes: Ein transvaginaler Ultraschall ist die Methode, die diese Zählung überhaupt zulässt. Bei jungen Frauen, die noch keinen Geschlechtsverkehr hatten, oder wenn eine transvaginale Untersuchung aus anderen Gründen nicht in Frage kommt, ist die Follikelzählung durch die Bauchdecke nicht zuverlässig genug. Dann rückt der Laborweg über AMH in den Vordergrund, bei Erwachsenen.

Reframe

Der Ultraschall zählt Wartende, keine Kranken. Was du auf dem Bild siehst, ist kein Schaden. Es ist ein Stau.

Und genau deshalb ist die Zahl auf dem Befund weniger wichtig als die Frage, warum der Ofen nicht anspringt.

Und jetzt weißt du, warum in einem sauberen Befund drei Dinge stehen sollten, nicht eines: die Zyklusgeschichte, der Androgenteil klinisch und im Labor, und das Ultraschallbild oder ersatzweise AMH.

Was die internationale Leitlinie 2023 geändert hat

2023 ist die maßgebliche internationale Leitlinie zu PCOS neu erschienen. Sie ist der Anker dieses Artikels, und sie hat vier Dinge verschoben.

Leitlinie Der Anker

Wer hat sie gemacht: Ein internationales Team unter Leitung von Teede hat die Leitlinie nach AGREE-II-Verfahren und GRADE-Framework aktualisiert. Beteiligt waren 39 Fach- und Patientenorganisationen aus 71 Ländern, 58 priorisierte klinische Fragen, 52 systematische und 3 narrative Übersichten, ein technischer Evidenzbericht von rund 6.000 Seiten. Freigegeben durch den australischen NHMRC.

Was dabei herauskam: 254 Empfehlungen und Praxis-Punkte, davon 77 evidenzbasierte und 54 Konsens-Empfehlungen sowie 123 Praxis-Punkte. Kernänderungen laut Abstract: weitere Verfeinerung der Diagnosekriterien, ein vereinfachter Diagnose-Algorithmus, Aufnahme von AMH als Alternative zum Ultraschall ausschließlich bei Erwachsenen, stärkere Betonung metabolischer und kardiovaskulärer Risiken, der Schlafapnoe, der sehr hohen Prävalenz psychischer Merkmale und eines Hochrisikostatus in der Schwangerschaft. Die Autoren schreiben ausdrücklich, dass die Evidenzqualität insgesamt niedrig bis moderat bleibt.

Was das für dich bedeutet: Der Standard, nach dem deine Diagnose gestellt wird, ist international abgestimmt und öffentlich nachlesbar. Und die Leitlinie selbst sagt, wie belastbar ihre Grundlage ist. Diese Ehrlichkeit ist ein Qualitätsmerkmal, kein Makel.

Teede HJ, Tay CT, Laven J et al. Fertil Steril 2023;120(4):767-793. PMID: 37589624 · DOI: 10.1016/j.fertnstert.2023.07.025 [Consensus Guideline, Leitlinie]

Änderung 1: AMH als Alternative zum Ultraschall, bei Erwachsenen

AMH steht für Anti-Müller-Hormon. Es wird von den kleinen, wartenden Follikeln produziert. Viele wartende Follikel bedeuten viel AMH. Insofern misst AMH ungefähr dasselbe wie die Follikelzählung im Ultraschall, nur über das Blut.

Genau deshalb erlaubt die Leitlinie 2023 AMH bei Erwachsenen als Alternative zur Ultraschall-Definition der polyzystischen Ovarmorphologie. Das ist praktisch: keine transvaginale Untersuchung nötig, kein geräteabhängiges Zählen.

Aber die Aufwertung hat Grenzen, und die sind präzise formuliert.

Humandaten Die Metaanalyse hinter der AMH-Empfehlung

Wer hat sie gemacht: Ein Team um van der Ham hat sechs Datenbanken bis Ende Juli 2023 durchsucht, das Verzerrungsrisiko mit QUADAS bewertet und 82 Studien in ein Random-Effects-Modell eingeschlossen.

Was wurde beobachtet: Bei Erwachsenen lag die gepoolte Sensitivität für PCOS bei 0,79 (0,76 bis 0,82) und die Spezifität bei 0,87 (0,84 bis 0,89), bei sehr hoher Heterogenität. Bei Jugendlichen dagegen nur 0,66 (0,58 bis 0,73) und 0,78 (0,71 bis 0,83). Das Fazit der Autoren: AMH allein reicht für die PCOS-Diagnose nicht aus, ist bei Jugendlichen unspezifisch, und es konnte kein internationaler Grenzwert empfohlen werden.

Was das für dich bedeutet: AMH kann bei Erwachsenen ein Kriterium abbilden. Es kann die Diagnose nicht allein tragen. Und wenn dir eine Webseite eine feste AMH-Zahl für PCOS nennt, weißt du jetzt, dass genau diese Zahl von der zuständigen Metaanalyse bewusst nicht genannt wurde.

van der Ham K, Laven JSE, Tay CT, Mousa A, Teede H, Louwers YV. Fertil Steril 2024;122(4):727-739. PMID: 38944177 · DOI: 10.1016/j.fertnstert.2024.05.163 [Systematischer Review und Meta-Analyse, k=82]

Warum konnte kein Grenzwert empfohlen werden? Dafür gibt es zwei sehr konkrete Gründe, und beide sind unabhängig belegt.

Humandaten Grund 1: die Tests messen nicht dasselbe

Wer hat sie gemacht: Ein Team um Bell hat an 168 Frauen zwischen 18 und 39 Jahren, die keine Behandlung suchten, nicht kürzlich schwanger waren und keine systemischen Hormone nahmen, zwei AMH-Testverfahren parallel verglichen, ausgewertet mit Bland-Altman-Plots.

Was wurde beobachtet: Die beiden Tests korrelierten hoch (Spearman 0,982), aber nicht linear. Unter 4 pmol/l lag der eine Test niedriger, oberhalb eines Mittelwerts von 10 pmol/l konsistent höher, mit einer mittleren Differenz von plus 8,2 pmol/l. Mit steigender AMH-Konzentration nahm die Abweichung zu. Das Fazit: Die Ergebnisse sind nicht austauschbar, es braucht testspezifische Referenzgrenzen, und universelle Grenzwerte bleiben eine Herausforderung.

Was das für dich bedeutet: Zwei Labore können bei derselben Blutprobe verschiedene AMH-Zahlen liefern. Das ist kein Fehler, sondern eine Eigenschaft der Methode. Vergleiche AMH-Werte deshalb nur innerhalb desselben Labors.

Bell RJ, Skiba MA, Sikaris K, Liu A, Islam RM, Davis SR. Clin Endocrinol (Oxf) 2021;95(1):169-175. PMID: 33705583 · DOI: 10.1111/cen.14458 [Kohorte, Querschnitt-Methodenvergleich, n=168]
Humandaten Grund 2: die Schwelle sinkt mit dem Alter

Wer hat sie gemacht: Ein Team um Quinn hat an akademischen Zentren in den USA 391 Frauen mit PCOS nach Rotterdam-Kriterien mit 245 Kontrollen aus einer gemeindebasierten Kohorte verglichen und ROC-Analysen mit Altersstratifizierung gerechnet.

Was wurde beobachtet: Der optimale AMH-Schwellenwert zur Unterscheidung lag insgesamt bei 55,36 pmol/l, mit einer Sensitivität von 0,82 und einer Spezifität von 0,78. Bei Aufteilung nach Altersgruppen sank der optimale Schwellenwert mit steigendem Alter. Altersstratifizierte Schwellen sagten PCOS genauer voraus als ein einziger populationsbasierter Wert.

Was das für dich bedeutet: Die Frage, ab welchem AMH-Wert PCOS vorliegt, hat keine Antwort, die für eine Zwanzigjährige und eine Achtunddreißigjährige gleichzeitig stimmt.

Quinn MM, Kao CN, Ahmad AK et al. Clin Endocrinol (Oxf) 2017;87(6):733-740. PMID: 28681949 · DOI: 10.1111/cen.13415 [Kohorte, Querschnittstudie]

Änderung 2: aus 12 Follikeln wurden 20

Diese Änderung verunsichert viele Frauen, weil sie klingt, als sei die Krankheit strenger geworden. Das Gegenteil ist der Fall.

Die Schwelle wurde angehoben, weil die Geräte besser geworden sind. Ein modernes endovaginales Schallgerät mit einem Frequenzband, das 8 MHz einschließt, stellt einfach mehr Follikel dar als ein Gerät aus den frühen 2000er Jahren. Mit derselben alten Schwelle hätte man deshalb immer mehr gesunde Frauen als auffällig eingestuft. Die Anhebung ist eine Schutzmaßnahme gegen Überdiagnosen.

Humandaten Warum die Zahl am Gerät hängt

Wer hat sie gemacht: Ein Team um Lie Fong hat 297 regelmäßig zyklierende Frauen und 700 Frauen mit PCOS aus Kohorten der Jahre 1998 bis 2010 retrospektiv ausgewertet, mit Cluster-Analyse und anschließenden ROC-Kurven für Follikelzahl pro Eierstock und AMH.

Was wurde beobachtet: Die wichtigste klassifizierende Variable war das Alter. Bei jungen Frauen war die diagnostische Leistung von AMH mit einer Fläche unter der Kurve von 0,903 vergleichbar mit der Follikelzahl (0,915). Bei älteren Frauen schnitt AMH besser ab (0,948 gegenüber 0,874). Die Autoren halten ausdrücklich fest, dass der Ultraschall mit einer 6,5-bis-8-MHz-Sonde erfolgte und die genannten Schwellen für solche Frequenzen gelten, weil neuere Scanner mit höherer Frequenz mehr Follikel darstellen.

Was das für dich bedeutet: Die Zahl auf deinem Befund hängt am Gerät. Zwei Praxen können bei dir an einem Tag verschiedene Zahlen schreiben, ohne dass eine davon falsch gemessen hat.

Lie Fong S, Laven JSE, Duhamel A, Dewailly D. Hum Reprod 2017;32(8):1723-1731. PMID: 28854584 · DOI: 10.1093/humrep/dex226 [Kohorte, retrospektiv, n=997]

Die aktuelle Schwelle steht so auch in der Hintergrunddarstellung einer chinesischen Arbeitsgruppe, die Frauen nach den neuen Kriterien untersucht hat: Die traditionelle Rotterdam-Definition mit mindestens 12 Antralfollikeln pro Eierstock wurde wegen empfindlicherer Geräte und der daraus folgenden Überdiagnose-Gefahr diskutiert, und die neuen internationalen Leitlinien setzen die Schwelle bei mindestens 20 Antralfollikeln pro Eierstock an, wenn endovaginale Schallköpfe mit einem Frequenzband einschließlich 8 MHz verwendet werden (Wang Y et al., Hum Reprod 2023;38(Suppl 2):ii69-ii79. PMID: 37982419 · DOI: 10.1093/humrep/dead191). Die eigentlichen Ergebnisse dieser Arbeit betreffen DNA-Methylierung an 70 Frauen aus einem Zentrum. Das ist Grundlagenforschung und kein diagnostisches Werkzeug, und ich zitiere hier ausschließlich ihre Einordnung der Schwellenfrage.

Änderung 3: bei Jugendlichen gelten strengere Regeln

Das ist mir der wichtigste Punkt des ganzen Abschnitts, und er wird selten laut gesagt.

In den ersten Jahren nach der ersten Regelblutung sind unregelmäßige Zyklen häufig und oft völlig normal. Die Achse zwischen Gehirn und Eierstock muss sich einspielen. Auch polyzystisch aussehende Eierstöcke sind in diesem Alter häufig, ohne dass eine Erkrankung dahintersteht.

Leitlinie Die Regeln für Jugendliche

Wer hat sie gemacht: Ein internationales Team um Peña hat die jugendspezifischen Empfehlungen aus der Leitlinie 2023 ausgekoppelt, nach AGREE-II-Kriterien, mit Datenbanksuche bis August 2022 und GRADE-Framework über 55 priorisierte klinische Fragen.

Was wurde festgelegt: Bei Jugendlichen müssen BEIDE Merkmale vorliegen, unregelmäßige Zyklen definiert nach dem zeitlichen Abstand zur ersten Blutung UND klinischer oder biochemischer Hyperandrogenismus, nach Ausschluss anderer Erkrankungen. Wer nur eines von beidem zeigt, gilt als gefährdet und bekommt Symptombehandlung und Verlaufskontrolle statt einer Diagnose. Polyzystische Ovarmorphologie und AMH sollen im Jugendalter ausdrücklich NICHT zur Diagnose herangezogen werden.

Was das für dich bedeutet: Wenn eine Ärztin bei deiner Tochter zwei Jahre nach der ersten Blutung zögert, das Etikett zu vergeben, ist das kein Ausweichen. Es ist genau das, was die Leitlinie verlangt.

Peña AS, Witchel SF, Boivin J et al. BMC Med 2025;23(1):151. PMID: 40069730 · DOI: 10.1186/s12916-025-03901-w [Consensus Guideline, Leitlinie]
Reframe

Zurückhaltung bei Jugendlichen ist kein Mangel an Aufmerksamkeit. Sie ist der Schutz vor einem Etikett, das eine junge Frau ein Leben lang begleitet und ihre Sicht auf den eigenen Körper prägt.

Und die Symptome dürfen trotzdem behandelt werden. Man braucht die Diagnose nicht, um Akne, Zyklusbeschwerden oder Stoffwechselthemen ernst zu nehmen.

Änderung 4: Begleitrisiken sind aufgewertet

Die vierte Verschiebung betrifft nicht die Diagnosekriterien, sondern das, was danach passiert. Die Leitlinie 2023 betont metabolische Risikofaktoren, kardiovaskuläre Erkrankung, Schlafapnoe und die sehr hohe Prävalenz psychischer Begleitmerkmale deutlich stärker als die Vorgängerversion von 2018.

Das ist der Grund, warum eine gute PCOS-Abklärung nicht mit dem Befund endet. Sie öffnet die Frage nach Blutzucker, Blutdruck, Blutfetten, Schlaf und Stimmung. Der Zusammenhang mit dem Blutzuckerstoffwechsel ist ein Thema für sich, ich habe ihn in Insulinresistenz und weibliche Hormone ausgeführt.

Und jetzt weißt du, warum ein Befund von 2019 und einer von 2026 unterschiedlich klingen können, obwohl sich an deinem Körper nichts geändert hat.

Die vier Phänotypen A bis D und warum sie sich unterscheiden

Drei Kriterien, von denen zwei genügen. Rechnerisch ergibt das vier mögliche Kombinationen. Genau die sind die Phänotypen A bis D, so wie sie 2012 auf einer NIH-Konferenz benannt wurden.

Und das ist der Punkt, an dem eine Diagnose aufhört, ein Etikett zu sein, und anfängt, eine Landkarte zu werden.

A
der vollständige Phänotyp
Androgenüberschuss Zyklusstörung polyzystische Morphologie

Alle drei Kriterien. In Übersichtsarbeiten der Phänotyp mit dem ungünstigsten Stoffwechselprofil.

B
der klassische Phänotyp
Androgenüberschuss Zyklusstörung Ultraschall unauffällig

Der Phänotyp, der zusammen mit A schon nach den alten NIH-Kriterien von 1990 als PCOS galt. Ebenfalls hohes Stoffwechselrisiko.

C
der ovulatorische Phänotyp
Androgenüberschuss Zyklus regelmäßig polyzystische Morphologie

Eisprünge finden statt. Wegen des Androgenüberschusses trotzdem Stoffwechselauffälligkeiten möglich.

D
der normoandrogene Phänotyp
keine Androgenzeichen Zyklusstörung polyzystische Morphologie

Der Phänotyp, den die Rotterdam-Kriterien 2003 neu dazugenommen haben. Generell das mildeste Profil.

Warum das mehr ist als eine Sortierung von Buchstaben, zeigen zwei unabhängige Übersichtsarbeiten.

Humandaten Die Phänotypen tragen verschiedene Risiken

Wer hat sie gemacht: Ein Team um Ma hat 2025 eine Übersichtsarbeit zur phänotypischen Heterogenität von PCOS auf Basis der NIH-Klassifikation von 2012 vorgelegt.

Was wurde beobachtet: Die Phänotypen A und B, beide hyperandrogen und anovulatorisch, sind konsistent mit dem höchsten Stoffwechselrisiko assoziiert, einschließlich Insulinresistenz, Fettstoffwechselstörung und erhöhter Prävalenz des metabolischen Syndroms. Phänotyp C ist zwar ovulatorisch, zeigt aber wegen des Androgenüberschusses weiterhin Stoffwechselauffälligkeiten. Phänotyp D ohne Hyperandrogenismus zeigt generell das mildeste hormonelle und metabolische Profil. Genetische Studien haben mehr als 19 Suszeptibilitätsloci in der Gonadotropin-Regulation, der Steroidbildung und dem Insulin-Signalweg identifiziert.

Was das für dich bedeutet: Der Buchstabe hinter der Diagnose sagt mehr über deinen weiteren Weg als das Wort PCOS. Wenn er in deinem Befund fehlt, ist das eine gute Frage für den nächsten Termin.

Ma YC, Law KS, Wang WS, Chang HM. J Endocrinol 2025;267(1):e250226. PMID: 40970375 · DOI: 10.1530/JOE-25-0226 [Review, narrativ]
Humandaten Die systematische Bestätigung

Wer hat sie gemacht: Krentowska und Kowalska haben systematisch alle Arbeiten gesichtet, die metabolische Merkmale zwischen den PCOS-Phänotypen vergleichen, und Ergebnisse aus 60 zwischen 2004 und 2020 publizierten Studien ausgewertet.

Was wurde beobachtet: Ein ungünstigeres metabolisches Profil bei den hyperandrogenen Phänotypen im Vergleich zu den normoandrogenen und bei den klassischen NIH-Phänotypen im Vergleich zu den durch Rotterdam neu hinzugekommenen. In der Mehrzahl der Beobachtungen unterschieden sich normoandrogene Patientinnen metabolisch nicht signifikant von Kontrollen, wobei einzelne ostasiatische Studien auch dort ein ungünstigeres Profil berichteten. Die Schlussfolgerung: Die metabolischen Auffälligkeiten scheinen aus dem gemeinsamen Effekt von Androgenüberschuss, Insulinresistenz und viszeralem Fett zu entstehen.

Was das für dich bedeutet: Wenn du Phänotyp D hast, sind die Stoffwechselzahlen aus allgemeinen PCOS-Artikeln für dich womöglich zu hoch gegriffen. Das ist eine gute Nachricht und ein guter Grund, den eigenen Phänotyp zu kennen.

Krentowska A, Kowalska I. Diabetes Metab Res Rev 2022;38(1):e3464. PMID: 33988288 · DOI: 10.1002/dmrr.3464 [Systematischer Review, k=60]
Humandaten Eine Illustration mit Vorbehalt

Wer hat sie gemacht: Ein Team um Szkodziak hat von 2018 bis 2022 an einem einzigen Zentrum 200 kaukasische Frauen zwischen 18 und 36 Jahren mit PCOS nach Rotterdam-Kriterien retrospektiv ausgewertet und die Insulinresistenz per HOMA-IR nach Phänotyp aufgeschlüsselt.

Was wurde beobachtet: Insulinresistenz lag bei 57,5 Prozent der Teilnehmerinnen vor. HOMA-IR korrelierte nicht mit der Erkrankungsdauer, unterschied sich aber signifikant zwischen den Phänotypen. Die mittleren Werte lagen in allen Phänotypen über den Referenzschwellen: A 3,59, B 2,59, C 2,05, D 2,73. Es gab moderate bis starke positive Korrelationen zwischen HOMA-IR und mittlerem arteriellem Druck, Pulsfrequenz und Taille-Hüft-Verhältnis.

Was das für dich bedeutet: Auch die vermeintlich milderen Phänotypen zeigten hier im Mittel erhöhte Werte. Wichtiger Vorbehalt: retrospektive Auswertung, ein Zentrum, 200 Frauen. Das ist eine Illustration, kein Referenzbereich, und es ist ausdrücklich keine Bevölkerungsstichprobe.

Szkodziak P, Szkodziak F, Trzeciak K et al. Sci Rep 2025;15(1):42649. PMID: 41315368 · DOI: 10.1038/s41598-025-26718-2 [Kohorte, retrospektiv, n=200]
Gegenevidenz, die dazugehört

Nicht jede Studie findet Phänotyp-Unterschiede

In einer japanischen Arbeit an 118 Frauen fanden die Autoren gerade keine Unterschiede der Insulinresistenz zwischen den Phänotypen (Baba T et al., J Obstet Gynaecol Can 2024;46(1):102217. PMID: 37709141 · DOI: 10.1016/j.jogc.2023.102217). Die Verteilung der Phänotypen unterscheidet sich zwischen Weltregionen, und europäische Zahlen gelten nicht automatisch überall.

Ich nenne das, weil es die Aussage nicht zerstört, sondern schärft. Die Richtung ist in Übersichtsarbeiten konsistent. Die genaue Größe des Unterschieds ist es nicht.

Ein Detail aus einer österreichischen Auswertung gehört hier noch dazu, weil es erklärt, warum der Androgenteil die Diagnostik so stark lenkt: An 750 Frauen mit und ohne PCOS an der Medizinischen Universität Graz zeigte sich, dass hyperandrogenämische Frauen per se ein höheres Risiko für Insulinresistenz hatten als Frauen mit Phänotypen ohne Androgenüberschuss und als gesunde Kontrollen. Der Zusammenhang bestand auch dann, wenn kein weiteres Rotterdam-Kriterium erfüllt war (Borzan V et al., J Clin Med 2021;10(4):829. PMID: 33670546 · DOI: 10.3390/jcm10040829). Die Autoren empfehlen deshalb, auch Frauen mit isolierter Hyperandrogenämie auf Insulinresistenz zu untersuchen. [Kohorte, retrospektiv, n=750]

Der praktische Kern

Vier Frauen mit derselben Diagnose brauchen nicht dieselbe Begleitung. Frag nach deinem Phänotyp. Er steht selten im Befund, lässt sich aber aus den vorhandenen Daten meistens sofort bestimmen.

Und jetzt weißt du, warum die Frage nach dem Buchstaben nicht akademisch ist. Sie entscheidet, ob im Vordergrund der Stoffwechsel steht, der Zyklus oder die Haut.

Der Ausschlussteil, der oft übersprungen wird

PCOS ist auch eine Ausschlussdiagnose. Das steht in jedem Konsensdokument und ist trotzdem der Teil, der in einem vollen Sprechzimmer am ehesten unter die Räder kommt.

Der Grund ist verständlich: Die drei Kriterien sind sichtbar und schnell geprüft. Der Ausschlussteil kostet zusätzliche Werte, zusätzliche Zeit und manchmal einen zweiten Termin. Und trotzdem entscheidet genau er darüber, ob die Diagnose stimmt.

Denn eine falsche Zuordnung ist nicht neutral. Sie schickt eine Frau jahrelang in eine Behandlung, die für ihre eigentliche Ursache gar nicht gedacht ist.

Was üblicherweise ausgeschlossen wird

Die fünf Gegenspieler, ein oft übersehener sechster und ein zeitkritischer siebter

1
Schilddrüse

Eine Über- oder Unterfunktion kann den Zyklus verändern und Symptome erzeugen, die wie PCOS aussehen. Deshalb gehört TSH in die Basisdiagnostik, oft ergänzt um freie Werte und Antikörper. Wie eng Schilddrüse und weibliche Hormone verwoben sind, steht in Schilddrüse und weibliche Hormone.

TSHfT4, fT3TPO-Antikörper
2
Prolaktin

Erhöhtes Prolaktin kann den Eisprung unterdrücken und zu ausbleibenden Blutungen führen. Die Ursachen reichen von Stress und Medikamenten bis zu einem gutartigen Hypophysentumor. Milchfluss zusammen mit Kopfschmerzen oder Sehstörungen ist das Alarmzeichen von weiter oben.

Prolaktinbei Auffälligkeit: Kontrolle und weitere Abklärung
3
Nicht klassisches adrenogenitales Syndrom

Ein angeborener Enzymmangel in der Nebenniere, meist der 21-Hydroxylase. Er macht ein Bild, das klinisch von PCOS kaum zu unterscheiden ist. Der Standardweg ist ein morgendlicher Wert für 17-Hydroxyprogesteron.

17-OH-Progesteron morgensbei Verdacht: ACTH-Test
4
Cushing-Syndrom

Ein Cortisolüberschuss. Wird nicht routinemäßig gesucht, sondern bei entsprechendem Bild: schnelle Gewichtszunahme am Rumpf, rote breite Dehnungsstreifen, dünne Haut, Muskelschwäche, Bluthochdruck.

nur bei passendem klinischem Bild
5
Androgenbildende Tumoren

Sehr selten, aber die Konstellation ist eindeutig: rasch fortschreitende Vermännlichung innerhalb von Monaten, sehr stark erhöhte Androgenwerte. Diese Situation gehört zeitnah abgeklärt.

bei schnellem Verlauf sofort
6
Funktionelle hypothalamische Amenorrhoe

Der am häufigsten übersehene Gegenspieler. Der Zyklus stoppt, weil das Gehirn ein Energiedefizit registriert, durch zu wenig Essen, zu viel Bewegung, zu viel Belastung oder eine Kombination daraus. Im Ultraschall kann das PCOS täuschend ähnlich sehen.

Energie- und TrainingsanamneseLH, FSH, EstradiolGewichtsverlauf
7
Vorzeitige Ovarialinsuffizienz

Die Eierstöcke stellen ihre Arbeit vor dem 40. Lebensjahr ein. Am Anfang kann sich das genauso zeigen wie PCOS: lange Abstände, ausbleibende Blutungen. Der Unterschied kann im Labor sichtbar werden. Bei PCOS ist FSH meist normal oder niedrig-normal, bei einer vorzeitigen Ovarialinsuffizienz kann es deutlich erhöht sein, üblicherweise zweimal im Abstand von einigen Wochen gemessen, und AMH liegt dann sehr niedrig statt hoch. Das gehört früh geprüft, weil davon die Beratung zu Kinderwunsch, Knochen und Herz-Kreislauf abhängen kann.

FSH zweimal im AbstandEstradiolAMH

Diese Liste beschreibt, was in einer sorgfältigen Abklärung erwogen wird. Sie ist kein Bestellzettel fürs Labor. Was bei dir sinnvoll ist, hängt an deinem Bild und gehört ärztlich entschieden.

Humandaten Warum der 17-OHP-Wert wirklich zählt

Wer hat sie gemacht: Falhammar und Nordenström vom Karolinska-Universitätsklinikum in Stockholm haben eine Übersichtsarbeit zum nicht klassischen adrenogenitalen Syndrom bei 21-Hydroxylase-Mangel vorgelegt.

Was wurde beobachtet: Die Erkrankung ist eine der häufigsten autosomal-rezessiven Erkrankungen des Menschen, mit einer Prävalenz von 0,1 Prozent bei Kaukasiern und bis zu einigen Prozent in bestimmten ethnischen Gruppen. Die meisten Fälle werden nie diagnostiziert, weil die Symptome sehr mild sind, weil sie als PCOS fehlgedeutet werden oder aus Unkenntnis. Unerkannt kann sie zu Unfruchtbarkeit, Fehlgeburten, seltenen Blutungen, Hirsutismus, Akne, vorzeitiger Schambehaarung und Nebennierentumoren führen. Eine Basalmessung von 17-Hydroxyprogesteron kann zur Diagnose verwendet werden, als Referenzverfahren gilt der ACTH-Stimulationstest, bestätigt wird per Genanalyse.

Was das für dich bedeutet: Ein einziger Morgenwert kann verhindern, dass du jahrelang mit der falschen Diagnose lebst. Die Behandlung des nicht klassischen AGS erfolgt mit verschreibungspflichtigen Glukokortikoiden, ausschließlich ärztlich und niemals in Eigenregie.

Falhammar H, Nordenström A. Endocrine 2015;50(1):32-50. PMID: 26082286 · DOI: 10.1007/s12020-015-0656-0 [Review]
Humandaten Die Verwechslung, die am meisten kostet

Wer hat sie gemacht: Ein Team um Phylactou an der Sektion Endokrinologie des Hammersmith Hospital, Imperial College London, hat zusammengetragen, welche Merkmale die funktionelle hypothalamische Amenorrhoe von PCOS unterscheiden.

Was wurde beobachtet: Eine sekundäre Oligo- oder Amenorrhoe betrifft 3 bis 5 Prozent der Frauen im reproduktiven Alter. Die beiden häufigsten Ursachen sind PCOS mit 2 bis 13 Prozent und die funktionelle hypothalamische Amenorrhoe mit 1 bis 2 Prozent. Letztere ist bei einem BMI über 24 selten, beide können bei niedrigerem BMI auftreten. AMH ist bei PCOS deutlich erhöht, kann aber auch bei der hypothalamischen Form mild erhöht sein, und polyzystische Ovarmorphologie kommt dort häufiger vor als bei gesunden Frauen. Unterscheidend verändert sind LH, Androgene, Insulin, AMH und SHBG sowie die Dicke der Gebärmutterschleimhaut und die Cortisol-Antwort auf CRH.

Was das für dich bedeutet: Ausbleibende Blutung plus polyzystisch aussehende Eierstöcke ergibt nicht automatisch PCOS. Die Gegen-Diagnose braucht eine völlig andere Begleitung, häufig mehr Energiezufuhr statt weniger und weniger Training statt mehr.

Phylactou M, Clarke SA, Patel B et al. Clin Endocrinol (Oxf) 2021;95(2):239-252. PMID: 33354766 · DOI: 10.1111/cen.14402 [Review]
Reframe

Das ist die Stelle, an der eine falsche Diagnose richtig teuer wird. Bei PCOS ist der häufigste Ratschlag Gewichtsreduktion und mehr Bewegung. Bei einer funktionellen hypothalamischen Amenorrhoe wäre genau das der falsche Weg.

Zwei Frauen, dasselbe Ultraschallbild, dieselbe ausbleibende Blutung, gegensätzliche Empfehlungen. Deshalb ist der Ausschlussteil kein bürokratischer Anhang.

Zur Schilddrüse noch eine Zahl, weil sie zeigt, dass es nicht nur um Ausschluss geht: In einer Metaanalyse aus 40 Beobachtungsstudien mit 6.045 Frauen mit PCOS und 4.527 Kontrollen lag das Odds Ratio für die Häufigkeit von TPO-Antikörpern bei 2,03 (1,35 bis 3,04), für Thyreoglobulin-Antikörper bei 1,92 (1,23 bis 3,01). In den nach TSH und BMI gematchten Untergruppen waren die Prävalenzunterschiede nicht mehr signifikant, die anti-TPO-Spiegel blieben aber erhöht, bei anti-TG war der Unterschied in der TSH-gematchten Untergruppe grenzwertig signifikant (Kwiatkowski J et al., Int J Mol Sci 2025;26(15):7525. PMID: 40806651 · DOI: 10.3390/ijms26157525). Das sind Beobachtungsdaten, keine Kausalität. Aber sie erklären, warum die Schilddrüse bei PCOS-Verdacht nicht nur einmal abgehakt, sondern mitgedacht wird. [Systematischer Review und Meta-Analyse, k=40]

Und jetzt weißt du, warum ich bei einem mitgebrachten Befund als Erstes schaue, ob TSH, Prolaktin und 17-OH-Progesteron irgendwo stehen. Nicht aus Misstrauen. Weil dort die Weichen liegen.

Was die Pille mit der Diagnostik macht

Das ist der Abschnitt, nach dem in meiner Sprechstunde am häufigsten gefragt wird. Und einer, zu dem ich im Netz wenig Ausführliches finde.

Viele Frauen nehmen die Pille seit ihrer Jugend. Sie wurde oft genau deswegen verschrieben: wegen unregelmäßiger Zyklen, wegen Akne, wegen Haarwuchs. Also wegen der Symptome, die später die Diagnosekriterien wären.

Und dann wird unter laufender Einnahme Blut abgenommen und Testosteron gemessen. Der Wert ist normal. Alle atmen auf.

Nur beweist dieser Wert nichts.

Mechanismus

Warum die Pille genau den Wert erzeugt, den man messen möchte

  1. Das Ethinylestradiol in der Pille regt die Leber an, mehr SHBG zu bilden, also mehr von dem Transportprotein, das Testosteron bindet.
  2. Mehr Transportprotein bedeutet: Ein größerer Anteil des vorhandenen Testosterons sitzt gebunden im Blut und kommt an keiner Zelle an.
  3. Gleichzeitig unterdrückt die Pille die Ausschüttung von LH und FSH aus der Hirnanhangsdrüse. Damit wird auch die Androgenproduktion im Eierstock gedrosselt.
  4. Ergebnis im Labor: Gesamt-Testosteron sinkt, freies Testosteron sinkt deutlich, SHBG steigt kräftig. Der freie Androgen-Index fällt entsprechend.
  5. Und die Blutung, die du bekommst, ist keine Regelblutung, sondern eine Abbruchblutung im einnahmefreien Intervall. Sie sagt nichts über deinen eigenen Zyklus aus.

Das ist keine Nebenwirkung im engeren Sinn. Es ist ein Teil der erwünschten Wirkung, gerade bei hormoneller Akne. Nur macht es die Messung für diagnostische Zwecke unbrauchbar.

Humandaten Die Zahlen dazu

Wer hat sie gemacht: Ein Team um Zimmerman hat MEDLINE, EMBASE und Cochrane Central bis Juli 2012 durchsucht, 151 Datensätze identifiziert und 42 Studien mit insgesamt 1.495 gesunden jungen Frauen zwischen 18 und 40 Jahren in eine Metaanalyse eingeschlossen, mit Subgruppenanalysen nach Estrogendosis, Gestagentyp und Messverfahren.

Was wurde beobachtet: Gesamt-Testosteron sank unter kombinierten oralen Kontrazeptiva mit einer mittleren Differenz von minus 0,49 nmol/l. Freies Testosteron sank auf eine relative Veränderung von 0,39, was einer mittleren Abnahme von 61 Prozent entspricht. SHBG stieg unter allen Präparatetypen mit einer mittleren Differenz von 99,08 nmol/l (86,43 bis 111,73). Präparate mit 20 bis 25 Mikrogramm Ethinylestradiol hatten vergleichbare Effekte auf Testosteron wie solche mit 30 bis 35 Mikrogramm. Estrogendosis und Gestagentyp beeinflussten den Testosteron-Abfall nicht, wohl aber die SHBG-Veränderung.

Was das für dich bedeutet: Ein normaler Androgenwert unter der Pille schließt einen Hyperandrogenismus nicht aus. Die Pille erzeugt genau den Laborwert, den die Diagnostik eigentlich prüfen soll.

Zimmerman Y, Eijkemans MJC, Coelingh Bennink HJT, Blankenstein MA, Fauser BCJM. Hum Reprod Update 2014;20(1):76-105. PMID: 24082040 · DOI: 10.1093/humupd/dmt038 [Systematischer Review und Meta-Analyse, k=42, n=1.495]
Wichtig, bitte genau lesen

Aus diesem Abschnitt folgt nicht, dass du die Pille absetzen sollst, um endlich einen brauchbaren Wert zu bekommen.

Das Absetzen einer hormonellen Verhütung ist eine ärztliche Entscheidung. Es betrifft die Verhütung selbst, den Zyklus, die Haut, oft auch die Stimmung, und bei manchen Frauen eine Begleitdiagnose, wegen der die Pille verordnet wurde. Der Zeitpunkt, die Dauer einer Pause und die Frage, wie in der Zwischenzeit verhütet wird, gehören besprochen und geplant.

Was du aus diesem Abschnitt mitnehmen kannst, ist eine Frage für den nächsten Termin: Sind meine Androgenwerte unter der Pille entstanden, und wie ordnen wir sie ein?

Was praktisch trotzdem geht, auch während der Einnahme: Die klinischen Zeichen bleiben sichtbar und zählen. Die Zyklusgeschichte vor Beginn der Pille zählt ebenfalls, deshalb lohnt sich der Blick in alte Unterlagen oder das Gespräch mit deiner Mutter über die Jahre nach deiner ersten Blutung. Der Ultraschall zeigt unter der Pille meist ruhigere Eierstöcke und trägt dann wenig bei. Und AMH ist unter hormoneller Verhütung tendenziell etwas niedriger, was seine Aussagekraft ebenfalls einschränkt.

Wenn ein Absetzen ohnehin ärztlich geplant ist, etwa bei Kinderwunsch oder aus eigenem Wunsch, dann ist das der natürliche Moment, die Diagnostik zu terminieren. Was dabei körperlich passieren kann, habe ich in Pille absetzen: was danach passiert beschrieben, und welche Alternativen es gibt, in Hormonfreie Verhütung im Vergleich. Beide Texte ersetzen kein Gespräch, sie bereiten es vor.

Der häufigste praktische Fehler

Androgene und SHBG unter laufender hormoneller Verhütung zu messen und das Ergebnis so zu behandeln, als wäre es ein Ausschlussbefund.

Und jetzt weißt du, warum ein alter Laborzettel manchmal mehr wert ist als ein neuer.

Vom neuen Namen bis zur Umwelt: warum PCOS mehr ist als ein Eierstockproblem

Vielleicht ist dir der Begriff PMOS schon begegnet. In einem Befund, in einem Fachartikel, in einer Selbsthilfegruppe. Und du hast dich gefragt, ob du jetzt etwas anderes hast als vorher.

Hast du nicht. Aber die Geschichte dahinter erklärt ziemlich genau, warum dieser ganze Artikel nötig ist.

Der neue Name: polyendokrines metabolisches Ovarsyndrom

Leitlinie Der globale Konsens

Wer hat ihn gemacht: Ein mehrstufiger globaler Konsensprozess unter Beteiligung von 56 führenden akademischen, klinischen und Patientenorganisationen, mit iterativen globalen Umfragen, modifizierten Delphi-Verfahren, Nominal-Group-Technique-Workshops sowie Marketing- und Implementierungsanalysen. Publiziert am 12. Mai 2026 im Lancet.

Was dabei herauskam: Rückmeldungen von 14.360 Menschen mit PCOS und multidisziplinären Fachpersonen aus allen Weltregionen. Priorisiert wurden wissenschaftliche Genauigkeit, Klarheit, Stigma-Vermeidung, kulturelle Angemessenheit und Umsetzbarkeit. Ein genauer neuer Name wurde einem Beibehalten des Akronyms vorgezogen. Konsens-Name: polyendocrine metabolic ovarian syndrome, auf Deutsch polyendokrines metabolisches Ovarsyndrom, kurz PMOS. Die Begründung: Der Begriff PCOS ist ungenau, unterstellt krankhafte Zysten, verdeckt die vielfältigen endokrinen und metabolischen Merkmale und trägt zu verzögerter Diagnose, fragmentierter Versorgung und Stigma bei. Eine gemeinsam entwickelte Implementierungsstrategie mit Übergangsphase, Bildungsarbeit und Anpassung der Krankheitsklassifikation läuft.

Was das für dich bedeutet: Der Name hat sich geändert, deine Diagnose nicht. Die Kriterien sind dieselben geblieben. In Befunden werden dir für eine Weile beide Begriffe begegnen.

Teede HJ, Bahri Khomami M, Morman R et al. Lancet 2026;407(10545):2329-2339. PMID: 42119588 · DOI: 10.1016/S0140-6736(26)00717-8 [Consensus Guideline, internationaler Konsens]

Interessant ist, woher der Druck kam. Nicht aus dem Elfenbeinturm.

Humandaten Die Betroffenen wollten es

Wer hat sie gemacht: Ein Team um Teede hat zwischen 2015 und 2023 internationale anonyme Online-Befragungen und Präsenz-Workshops mit Betroffenen und Fachpersonen über sechs Kontinente durchgeführt.

Was wurde beobachtet: 7.708 Befragte in den Erhebungen 2015 und 2023. Nach Publikation der internationalen Leitlinien verbesserte sich die Kenntnis der reproduktiven, kardiometabolischen, hormonellen und psychischen Merkmale signifikant. Trotzdem erkannten weiterhin mindestens 20 Prozent der Patientinnen und/oder Fachpersonen die Zusammenhänge zu Fettleber, Schwangerschaftskomplikationen, kardiovaskulären Risikofaktoren und Gebärmutterschleimhautkrebs nicht. In der Erhebung 2023 stimmten 85,6 Prozent der Patientinnen und 76,1 Prozent der Fachpersonen zu, dass der Name geändert werden sollte. Die Begriffe endocrine und metabolic erhielten die höchste Zustimmung, 2023 bei 86,2 Prozent der Patientinnen.

Was das für dich bedeutet: Wenn dich der alte Name je in die Irre geführt hat, warst du damit nicht allein. Die Mehrheit der Betroffenen empfand genauso.

Teede HJ, Moran LJ, Morman R et al. EClinicalMedicine 2025;84:103287. PMID: 40687737 · DOI: 10.1016/j.eclinm.2025.103287 [Kohorte, longitudinale internationale Befragung, n=7.708]

Für die Betreuung von Jugendlichen wurde die Bedeutung der Umbenennung eigens aufgearbeitet. Dort wird die weltweite Häufigkeit bei Jugendlichen mit etwa 6,3 Prozent angegeben, der Konsensprozess mit 56 Organisationen und über 22.000 Umfrage-Antworten beschrieben, und festgehalten, dass der alte Name von Jugendlichen, Eltern und Fachpersonen als verwirrend und stigmatisierend erlebt wurde (Ng NBH et al., J Pediatr Adolesc Gynecol 2026, Epub 29.06.2026. PMID: 42372905 · DOI: 10.1016/j.jpag.2026.06.018). Die Prozentzahl stammt aus einer Fach-Übersicht, nicht aus einer eigenen Erhebung, und ist als Größenordnung zu lesen. [Übersicht, Fachartikel]

Ein Editorial zieht die Parallele, die mir am besten gefällt: Es vergleicht die Umbenennung mit dem Weg von der nicht-alkoholischen Fettlebererkrankung zur metabolisch assoziierten steatotischen Lebererkrankung. Auch dort hatte ein irreführender Name jahrzehntelang den Blick auf den Stoffwechsel verstellt (Dalamaga M, Metabol Open 2026;30:100479. PMID: 42327014 · DOI: 10.1016/j.metop.2026.100479). Dasselbe Editorial nennt als Einordnung des Autors, dass die auf die Eierstöcke verengte Benennung zu einer verzögerten Diagnose bei bis zu 70 Prozent der Betroffenen beigetragen habe. Das ist keine Primärdatenerhebung, sondern die Einschätzung eines Autors, und ich zitiere sie ausdrücklich nur so. [Editorial, keine Primärdaten]

Wie lange es bis zur Diagnose dauert, ist übrigens gut untersucht, und die Zahlen sind ernüchternd: In einer Online-Befragung von 1.385 Frauen mit berichteter PCOS-Diagnose aus Nordamerika, Europa und anderen Weltregionen berichteten 33,6 Prozent von mehr als zwei Jahren bis zur Diagnose und 47,1 Prozent davon, mindestens drei Fachpersonen konsultiert zu haben. Mit dem Diagnose-Erlebnis zufrieden waren 35,2 Prozent, mit den erhaltenen Informationen nur 15,6 Prozent (Gibson-Helm M, Teede H, Dunaif A, Dokras A. J Clin Endocrinol Metab 2017;102(2):604-612. PMID: 27906550 · DOI: 10.1210/jc.2016-2963). Vorbehalt: Die Rekrutierung lief über Selbsthilfe-Webseiten, und das begünstigt Frauen mit schwierigem Verlauf. [Kohorte, Querschnitt-Befragung, n=1.385]

Warum ich zusätzlich nach der Umgebung frage

Jetzt kommt der Teil, wegen dem viele Patientinnen diesen Link von mir bekommen.

Wenn die gynäkologische Abklärung steht, wenn die Kriterien geprüft und die Gegenspieler ausgeschlossen sind, dann bleibt bei vielen Frauen eine Frage offen: Warum ich? Und warum jetzt?

Auf diese Frage gibt es keine vollständige Antwort. Es gibt eine genetische Komponente, es gibt Einflüsse aus der Zeit vor der Geburt, es gibt Stoffwechsel, Gewicht, Schlaf, Bewegung und Stress. Und es gibt eine Gruppe von Faktoren, die in der Regelversorgung selten zur Sprache kommt: Stoffe aus der Umgebung, die an Hormonrezeptoren andocken oder den Hormonstoffwechsel verändern können.

Bevor ich zu den Daten komme, will ich zwei Dinge klarstellen, weil dieses Feld sonst schnell entgleist.

Erstens: Dass Umweltfaktoren in einer gynäkologischen Sprechstunde selten vorkommen, hat nachvollziehbare Gründe. Ausbildungsschwerpunkte sind unterschiedlich gesetzt, und das Zeitbudget in der Regelversorgung ist eng. Die Leitlinie 2023 nennt Umweltexposition nicht unter ihren diagnostischen Empfehlungen, und das ist methodisch begründet: Es fehlen Interventionsstudien, die zeigen, dass eine Reduktion der Belastung klinische Endpunkte verbessert. Ohne solche Daten kann ein GRADE-Verfahren keine Empfehlung aussprechen. Das ist Zurückhaltung mit Grund, kein Übersehen.

Zweitens: Ich schaue trotzdem hin, weil Beobachtungsdaten am Menschen existieren und weil ich mit einer offenen Frage besser leben kann als mit einer übersehenen. Aber ich sage dazu, welche Art von Daten das sind.

Humandaten, Beobachtung Bisphenole und PCOS

Wer hat sie gemacht: Ein Team um Gui hat Beobachtungsstudien aus PubMed und Web of Science bis Dezember 2024 nach PRISMA ausgewertet, 17 Studien mit 3.010 Frauen eingeschlossen, die Qualität mit der Newcastle-Ottawa-Skala bewertet und wegen hoher Heterogenität Random-Effects-Modelle gerechnet. Registriert unter PROSPERO CRD42024578174.

Was wurde beobachtet: Signifikante positive Assoziationen zwischen PCOS-Risiko und Bisphenol A im Serum (standardisierte Mittelwertdifferenz 1,32; 0,83 bis 1,82), Bisphenol A im Urin (2,69; 1,41 bis 3,97) und Bisphenol S im Serum (0,26; 0,07 bis 0,46). Die Heterogenität für BPA war sehr hoch, mit I-Quadrat zwischen 95 und 99 Prozent, für BPS nicht vorhanden. Sensitivitätsanalysen ohne Studien geringerer Qualität bestätigten die Robustheit, Subgruppenanalysen mit Rotterdam-Kriterien schwächten die BPA-Assoziationen leicht ab.

Was das für dich bedeutet: Das ist ein belegter Zusammenhang, keine bewiesene Ursache. Beobachtungsdaten können nicht sagen, ob das Bisphenol zum PCOS beigetragen hat oder ob Frauen mit PCOS aus anderen Gründen andere Werte zeigen. Die sehr hohe Heterogenität gehört mit erwähnt.

Gui Z, Lin H, Wang C, Yao Y. Front Endocrinol (Lausanne) 2026;17:1859611. PMID: 42369063 · DOI: 10.3389/fendo.2026.1859611 [Systematischer Review und Meta-Analyse, k=17, n=3.010]
Humandaten, Beobachtung Und was dort NICHT steht

Wer hat sie gemacht: Ein Team um Chitakwa hat in PubMed, Web of Science und der Cochrane Library bis April 2023 gesucht und 22 Arbeiten mit insgesamt 83.641 weiblichen Teilnehmerinnen im Alter von 18 bis 83 Jahren ausgewertet. Untersucht wurden Bisphenol A, Phthalate, Cadmium und Blei in Bezug auf PCOS, Endometriose und Gebärmutterschleimhautkrebs.

Was wurde beobachtet: Für BPA und PCOS-Risiko eine Effektstärke von 1,61 (1,39 bis 1,85). Für Cadmium und Blei liegen in dieser Arbeit belastbare Zahlen nur zu Endometriose vor, nämlich 2,54 (1,71 bis 3,77) für Cadmium und 1,74 (1,13 bis 2,69) für Blei. Für Cadmium und Gebärmutterschleimhautkrebs war der Zusammenhang mit 1,14 (0,92 bis 1,41) nicht signifikant.

Was das für dich bedeutet: Auch hier gilt Zusammenhang statt Beweis. Und ein Punkt, der oft verwechselt wird: Die Schwermetalldaten dieser Arbeit beziehen sich nicht auf PCOS. Wer daraus ableitet, Schwermetalle würden PCOS verursachen, überdehnt die Quelle. Für PCOS ist hier nur Bisphenol A belegt.

Chitakwa N, Alqudaimi M, Sultan M, Wu D. Environ Res 2024;252(Pt 2):118966. PMID: 38640992 · DOI: 10.1016/j.envres.2024.118966 [Meta-Analyse, k=22, n=83.641]
Sauber getrennt

Was in diesem Feld belegt ist und was nicht

Belegt durch Beobachtungsstudien am Menschen
Frauen mit PCOS zeigen in Metaanalysen im Mittel höhere Bisphenol-Werte als Vergleichsgruppen. Die Heterogenität zwischen den Studien ist sehr hoch.
Mechanistisch plausibel, Humandaten dünn
Xenoöstrogene können an Hormonrezeptoren andocken und den Hormonstoffwechsel verändern. Was das im Einzelfall für eine konkrete Frau bedeutet, lässt sich daraus nicht ableiten. Die Grundlagen habe ich in Xenoöstrogene im Alltag beschrieben.
Nicht belegt
Es gibt keine Interventionsstudie, die zeigt, dass eine Reduktion der Bisphenol-Belastung PCOS-relevante klinische Endpunkte verbessert. Für Zearalenon, das Mykoöstrogen aus Schimmelpilzen, habe ich in dieser Recherche keine direkten Humandaten zur PCOS-Diagnostik gefunden. Was über Zearalenon bekannt ist, steht in Zearalenon und Hormone.
Nicht auf PCOS übertragbar
Die verfügbaren Schwermetall-Effektstärken betreffen Endometriose und Gebärmutterschleimhautkrebs, nicht PCOS. Wann eine Schwermetallmessung überhaupt sinnvoll ist und was sie kann, steht in Schwermetalle im Blut oder Urin messen.

Daraus folgt nicht, dass jede hormonelle Störung eine Umweltursache hat. Die meisten Wege ins PCOS laufen über Genetik, Stoffwechsel und Lebensumstände. Die Umgebung ist eine zusätzliche Frage, kein Ersatz für die anderen.

Wo Dauerstress hineinspielt, ist ein eigenes Kapitel. Die Achse zwischen Gehirn, Nebenniere und Eierstock reagiert empfindlich auf anhaltende Belastung, und das kann Zyklusmuster verändern, die dann in die Diagnostik hineinspielen. Ausführlich steht das in Cortisol, Stress und weibliche Hormone.

Reframe, und ein Schutz

Es gibt einen Punkt, an dem Umweltbewusstsein kippt. Wenn du anfängst, jede Verpackung zu prüfen, jede Mahlzeit zu bewerten und jeden Raum zu misstrauen, dann bezahlst du für ein bisschen weniger Exposition mit sehr viel mehr Anspannung. Und Anspannung ist keine hormonneutrale Größe.

Ich sage in der Sprechstunde oft: Nimm dir die zwei oder drei Dinge vor, die den größten Anteil ausmachen, und lass den Rest los. Wenn das Kontrollieren anfängt, dein Essen und deinen Alltag zu bestimmen, ist das ein eigenes Thema, das ernst genommen gehört und Begleitung verdient. Erste Anlaufstellen sind die hausärztliche oder die gynäkologische Praxis und das kostenlose Beratungstelefon der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zu Essstörungen unter 0221 892031. Wenn es dir seelisch sehr schlecht geht, ist die Telefonseelsorge rund um die Uhr unter 0800 111 0 111 erreichbar, im Notfall gilt die 112. Zum Verständnis passt Essstörungen verstehen.

Und jetzt weißt du, warum ich nach Wohnsituation, Feuchtigkeit, Beruf und Belastung frage, obwohl das nicht in der Leitlinie steht. Nicht weil ich mehr wüsste. Sondern weil ich lieber eine Frage zu viel stelle und die Antwort ehrlich einordne.

Welcher Arzt, welche Werte, welcher Zyklustag, was mitbringen

Zum Schluss der praktische Teil. Denn die beste Diagnostik ist die, die beim ersten Anlauf vollständig ist.

Wer stellt die Diagnose

Die gynäkologische Praxis ist die erste Adresse. Dort gehört die Zyklusanamnese hin, die körperliche Untersuchung, der Ultraschall und das Basislabor. Diese Kombination ist der Kern, und sie ist durch nichts zu ersetzen.

Eine endokrinologische Mitbeurteilung ist sinnvoll, wenn ein Ausschlusswert auffällig ist, wenn die Androgene sehr deutlich erhöht sind, wenn ein Cushing-Verdacht besteht oder wenn das Bild schlicht nicht zusammenpasst. Bei Kinderwunsch kommt die Reproduktionsmedizin dazu, und dort zählt Zeit, weshalb ein früher Termin sinnvoll ist und nicht aufgeschoben gehört.

Was ich in meiner Praxis mache, kommt danach und daneben, nicht davor. Ich schaue auf Stoffwechsel, Entzündungszeichen, Mikronährstoffe, Schlaf, Belastung und Umgebung. Das ergänzt die gynäkologische Abklärung, es ersetzt sie nicht.

Welche Werte üblicherweise bestimmt werden

BereichTypischerweise bestimmtWofür
AndrogeneGesamt-Testosteron, SHBG, daraus der freie Androgen-Index, oft Androstendion und DHEASKriterium 2 im Labor, Hinweis auf die Herkunft aus Eierstock oder Nebenniere
ZyklusachseLH, FSH, EstradiolEinordnung der Zyklusstörung, Abgrenzung zur hypothalamischen Form und zur vorzeitigen Ovarialinsuffizienz
EisprungProgesteron in der zweiten Zyklushälftehat ein Gelbkörper gearbeitet
Reserve und MorphologieAMH, bei Erwachsenen als Alternative zum UltraschallKriterium 3 ohne Schallgerät, Referenzbereich des jeweiligen Labors beachten
AusschlussTSH, Prolaktin, 17-OH-Progesteron morgensSchilddrüse, Prolaktinüberschuss, nicht klassisches AGS
StoffwechselNüchternglukose und Insulin oder HbA1c, oft ein Zuckerbelastungstest, Blutfette, BlutdruckBegleitrisiken, die die Leitlinie 2023 ausdrücklich betont
Diese Übersicht beschreibt, was in einer sorgfältigen Abklärung üblich ist. Sie ist kein Bestellzettel und keine Empfehlung für dich persönlich. Was sinnvoll ist, entscheidet die behandelnde Ärztin nach deinem Bild.

Welcher Zyklustag

Für die meisten Werte gilt die frühe Follikelphase, also Zyklustag 3 bis 5, gezählt ab dem ersten Tag der Blutung. Dort sind LH, FSH, Estradiol und die Androgene am besten vergleichbar, weil die Achse noch nicht durch einen heranreifenden Follikel überprägt ist.

Progesteron ist die Ausnahme. Es wird in der zweiten Zyklushälfte bestimmt, ungefähr eine Woche vor der erwarteten Blutung, weil es dort seinen Gipfel hat.

AMH schwankt im Zyklus nur wenig und kann deshalb in der Regel an jedem Zyklustag gemessen werden. Unter hormoneller Verhütung liegt der Wert tendenziell niedriger, was ihn dann schlechter einzuordnen macht.

Und wenn die Blutung ausbleibt? Dann wird nach ärztlicher Absprache zu einem beliebigen Zeitpunkt gemessen und das Ergebnis entsprechend eingeordnet. Ein Schwangerschaftstest gehört in dieser Situation dazu, bevor weitergedacht wird. In Schwangerschaft und Stillzeit sind diese Werte ohnehin anders zu bewerten, die PCOS-Diagnostik wird dann in der Regel verschoben.

Was du zum Termin mitbringen kannst

Vorbereitung, die den Unterschied macht

  • Ein Zyklusprotokoll über mehrere Monate. Erster Tag der Blutung, Dauer, Stärke, Zwischenblutungen. Eine App reicht, ein Kalender auch. Das ist die wichtigste einzelne Information und die, die am häufigsten fehlt.
  • Eine vollständige Medikamentenliste, ausdrücklich inklusive Verhütung. Welches Präparat, seit wann, und wann du es gegebenenfalls abgesetzt hast. Ohne diese Angabe sind Androgenwerte nicht einzuordnen.
  • Alle alten Befunde, auch die alten. Laborzettel von vor der Pille sind oft wertvoller als aktuelle. Ultraschallbefunde mit Datum und, wenn möglich, mit der Angabe des Geräts oder der Sondenfrequenz.
  • Fotos, wenn sich Haut oder Haare verändert haben. Verlauf über Monate ist aussagekräftiger als ein Blick am Untersuchungstag. Bei Haarwuchs ist die Frage nach dem Muster und der Geschwindigkeit entscheidend.
  • Die Familienanamnese. Zyklusstörungen, unerfüllter Kinderwunsch, früher Typ-2-Diabetes, ausgeprägte Behaarung bei Mutter oder Schwestern. Auch die Herkunftsregion der Familie kann relevant sein, weil manche Formen des adrenogenitalen Syndroms in bestimmten Gruppen häufiger sind.
  • Deine Geschichte seit der ersten Blutung. Wann kam sie, wie war der Zyklus in den ersten Jahren, wann und warum wurde eine Verhütung begonnen.
  • Drei Fragen, die du stellen möchtest. Zum Beispiel: Welchen Phänotyp habe ich? Sind die Ausschlusswerte bestimmt worden? Sind meine Androgenwerte unter hormoneller Verhütung entstanden?
Wie ich das in der Praxis mache

Erst die Landkarte, dann die Route

Wenn eine Frau mit dem Verdacht zu mir kommt, schaue ich zuerst, ob die gynäkologische Grundlage vollständig ist. Sind alle drei Kriterien geprüft, mit welcher Methode, und ist der Ausschlussteil gemacht worden. Wenn dort etwas fehlt, gehört das zuerst ergänzt, und zwar dort, wo es hingehört.

Erst wenn diese Grundlage steht, schaue ich weiter. Auf den Stoffwechsel, weil er den Phänotyp mitbestimmt. Auf Entzündungszeichen, weil sie viele Beschwerden mitprägen. Auf Schlaf und Belastung, weil sie den Zyklus mit steuern. Und auf die Umgebung, mit den Vorbehalten, die ich oben genannt habe.

Das ist keine zweite Diagnostik, die die erste ersetzt. Es ist eine zweite Ebene über derselben Frage. Klinisch beobachte ich, dass Frauen mit derselben Diagnose sehr unterschiedliche Muster mitbringen. Das ist eine Beobachtung, kein Studienergebnis, und ich benenne es genau so.

Eine Diagnose ist erst dann fertig, wenn du sie deiner besten Freundin in drei Sätzen erklären kannst.

Shukri Jarmoukli

Und jetzt weißt du, was auf deinem Zettel stehen sollte, bevor du das nächste Mal in ein Sprechzimmer gehst.

Häufige Fragen zur PCOS-Diagnose

Was sind die Rotterdam-Kriterien genau, und warum reichen zwei von drei?

Es sind drei Merkmale: seltene oder ausbleibende Eisprünge, Zeichen eines Androgenüberschusses klinisch oder im Labor, und eine polyzystische Ovarmorphologie im Ultraschall, bei Erwachsenen ersatzweise ein erhöhtes AMH. Zwei von drei genügen, und andere Ursachen müssen vorher ausgeschlossen sein. Der Grund liegt in der Sache: Es ist ein Syndrom mit mehreren Wegen hinein. Der Rotterdam-Konsens von 2003 hält ausdrücklich fest, dass kein einzelnes Kriterium für sich allein die klinische Diagnose trägt.

Welcher Arzt stellt die PCOS-Diagnose, und wann brauche ich zusätzlich Endokrinologie?

Die erste Anlaufstelle ist die gynäkologische Praxis: Zyklusanamnese, körperliche Untersuchung, Ultraschall und Basislabor gehören dorthin. Eine endokrinologische Mitbeurteilung ist sinnvoll, wenn ein Ausschlusswert auffällig ist, etwa 17-Hydroxyprogesteron, Prolaktin oder ein Cortisol-Test, wenn die Androgene sehr deutlich erhöht sind oder wenn sich das Bild schnell verändert. Bei Kinderwunsch kommt die Reproduktionsmedizin dazu. Diese Wege ersetzen einander nicht, sie ergänzen sich.

Kann ich PCOS haben, obwohl mein Testosteron normal ist?

Ja. Der Hyperandrogenismus darf klinisch definiert sein, also über vermehrte Körperbehaarung nach männlichem Muster, hartnäckige Akne oder androgenetischen Haarausfall. Ein Laborwert muss dafür nicht erhöht sein. Dazu kommt, dass zwei von drei Kriterien genügen: Phänotyp D ist genau der, bei dem Androgene weder klinisch noch im Labor auffallen. Und Gesamt-Testosteron allein ist ein grobes Maß, weil das Bindungsprotein SHBG darüber entscheidet, wie viel davon frei verfügbar ist.

Wie hoch muss der AMH-Wert bei PCOS sein, und warum nennt mir niemand eine Zahl?

Weil es keine international empfohlene Zahl gibt. Die Metaanalyse aus 82 Studien, die zur Leitlinie 2023 gehört, konnte ausdrücklich keinen internationalen Grenzwert empfehlen. Dafür gibt es zwei nachvollziehbare Gründe: Zwei kommerziell verfügbare AMH-Tests messen bei derselben Frau nicht austauschbar, und der optimale Schwellenwert sinkt mit steigendem Alter. Deshalb gilt der Referenzbereich des Labors, das gemessen hat, und Werte aus verschiedenen Laboren sind nur eingeschränkt vergleichbar.

Ersetzt AMH den Ultraschall jetzt vollständig?

Nein. Die Leitlinie 2023 erlaubt AMH bei Erwachsenen als Alternative zur Ultraschall-Definition der polyzystischen Ovarmorphologie. Bei Jugendlichen ist es dafür ausdrücklich nicht vorgesehen. Und AMH allein trägt die Diagnose nicht: Die gepoolte Sensitivität lag bei Erwachsenen bei 0,79 und die Spezifität bei 0,87. Der Ultraschall bleibt außerdem für andere Fragen wichtig, etwa für die Beurteilung der Gebärmutterschleimhaut und den Ausschluss anderer Befunde.

Warum sind aus 12 Follikeln plötzlich 20 geworden?

Weil die Geräte besser geworden sind. Die alte Schwelle von mindestens 12 Antralfollikeln pro Eierstock stammt aus einer Zeit mit weniger auflösenden Sonden. Endovaginale Schallköpfe mit einem Frequenzband, das 8 MHz einschließt, stellen mehr Follikel dar. Die internationale Leitlinie setzt die Schwelle deshalb bei mindestens 20 pro Eierstock an, wenn solche Technik verwendet wird. An den Eierstöcken hat sich nichts geändert, an der Optik schon. Die Anhebung soll Überdiagnosen vermeiden.

Kann PCOS diagnostiziert werden, während ich die Pille nehme?

Nur eingeschränkt. Klinische Zeichen bleiben sichtbar, und die Zyklusgeschichte vor der Pille zählt weiter. Die Androgenwerte und SHBG sind unter kombinierter hormoneller Verhütung dagegen nicht verwertbar. In einer Metaanalyse aus 42 Studien mit 1.495 gesunden Frauen sank freies Testosteron im Mittel um 61 Prozent, und SHBG stieg im Mittel um 99,08 nmol/l. Wichtig: Daraus folgt nicht, dass du die Pille absetzen sollst. Ob, wann und wie das sinnvoll ist, gehört ärztlich besprochen, auch weil die Verhütung geregelt bleiben muss.

Wie lange muss ich die Pille pausieren, bevor Hormonwerte aussagekräftig sind?

Dafür gibt es keine international festgelegte Zahl, und dieser Text nennt bewusst keine. In der Praxis wird ein Abstand zur letzten Einnahme abgewartet, bis sich Zyklus und SHBG wieder eingependelt haben, und das ist von Frau zu Frau verschieden. Der Zeitpunkt, die Dauer und die Frage, wie in dieser Zeit verhütet wird, gehören in ein ärztliches Gespräch. Ein Artikel kann diese Entscheidung nicht abnehmen und soll es auch nicht.

An welchem Zyklustag wird Blut abgenommen, und was gilt, wenn meine Periode ausbleibt?

Üblich ist die frühe Follikelphase, also Zyklustag 3 bis 5, gezählt ab dem ersten Tag der Blutung. Dort sind FSH, LH, Estradiol und die Androgene am besten vergleichbar. Progesteron wird dagegen in der zweiten Zyklushälfte bestimmt, etwa eine Woche vor der erwarteten Blutung, weil es dort seinen Gipfel hat. Wenn die Blutung ausbleibt, wird nach ärztlicher Absprache zu einem beliebigen Zeitpunkt gemessen und der Befund entsprechend eingeordnet. Ein Schwangerschaftstest gehört in dieser Situation dazu.

Meine Periode bleibt aus: ist das automatisch PCOS?

Nein. Eine sekundäre Oligo- oder Amenorrhoe betrifft 3 bis 5 Prozent der Frauen im reproduktiven Alter. PCOS ist die häufigste Ursache, aber nicht die einzige. Die wichtigste Verwechslung ist die funktionelle hypothalamische Amenorrhoe, also der Zyklusstopp bei Energiedefizit, niedrigem Körpergewicht, sehr viel Sport oder starker seelischer Belastung. Sie kann im Ultraschall ähnlich aussehen und braucht eine völlig andere Begleitung. Auch Schilddrüse, Prolaktin, Schwangerschaft und Medikamente gehören geprüft. Und es gibt eine Ursache, die zeitkritisch sein kann: die vorzeitige Ovarialinsuffizienz, also ein Nachlassen der Eierstockfunktion vor dem 40. Lebensjahr. Ein deutlich erhöhtes FSH bei sehr niedrigem AMH kann darauf hindeuten, und das gehört früh geklärt.

Warum heißt PCOS jetzt PMOS, und ändert sich dadurch meine Diagnose?

Am 12. Mai 2026 hat ein globaler Konsensprozess im Lancet den neuen Namen festgelegt: polyendokrines metabolisches Ovarsyndrom, kurz PMOS. Beteiligt waren 56 Fach- und Patientenorganisationen, Rückmeldungen kamen von 14.360 Menschen. Die Begründung: Der alte Name legt Zysten nahe, die keine sind, und verdeckt die hormonellen und metabolischen Anteile. An deiner Diagnose ändert sich dadurch nichts, die Kriterien bleiben dieselben. In Befunden werden dir für eine Übergangszeit beide Begriffe begegnen.

Was ist der Unterschied zwischen den Phänotypen A, B, C und D?

Phänotyp A erfüllt alle drei Kriterien. Phänotyp B hat Androgenüberschuss und Zyklusstörung, aber keine polyzystische Morphologie. Phänotyp C hat Androgenüberschuss und polyzystische Morphologie bei erhaltenem Eisprung. Phänotyp D hat Zyklusstörung und polyzystische Morphologie ohne Androgenüberschuss. In Übersichtsarbeiten tragen A und B konsistent das höchste Stoffwechselrisiko, C liegt dazwischen und D zeigt generell das mildeste hormonelle und metabolische Profil. Der Buchstabe sagt deshalb oft mehr über den weiteren Weg als die Diagnose selbst.

Warum wird bei mir Schilddrüse, Prolaktin und 17-OH-Progesteron mitbestimmt?

Weil jedes dieser Dinge ein PCOS-ähnliches Bild machen kann und eine andere Behandlung nach sich zieht. Eine Schilddrüsenfunktionsstörung kann den Zyklus verändern. Ein erhöhtes Prolaktin kann den Eisprung unterdrücken. Und ein nicht klassisches adrenogenitales Syndrom sieht klinisch aus wie PCOS, hat aber seinen Ursprung in der Nebenniere. Ein morgendlicher 17-Hydroxyprogesteron-Wert ist der Standardweg, es nicht zu übersehen. Dieser Ausschlussteil ist der Teil, der über die Richtigkeit der Diagnose entscheidet.

Warum wird in dieser Praxis zusätzlich nach Schimmel, Schadstoffen und Entzündung gefragt?

Weil es dazu Beobachtungsdaten am Menschen gibt und weil ich lieber einmal zu viel frage als einmal zu wenig. Für Bisphenole liegt eine Metaanalyse aus 17 Beobachtungsstudien mit 3.010 Frauen vor, die positive Zusammenhänge mit dem PCOS-Risiko fand, bei sehr hoher Heterogenität. Das sind Zusammenhänge, keine bewiesenen Ursachen, und Interventionsdaten fehlen. Daraus folgt ausdrücklich nicht, dass jede hormonelle Störung eine Umweltursache hat. Diese Fragen kommen zur gynäkologischen Abklärung dazu, nicht an ihre Stelle.

Wo die PCOS-Diagnostik an den Rest andockt

Eine Diagnose steht nie für sich. Sie hängt am Stoffwechsel, an der Schilddrüse, an der Verhütung, an der Haut und an der Frage, in welcher Umgebung ein Körper lebt. Hier sind die Wege, die von diesem Artikel weiterführen.

Wenn du zuerst das große Bild brauchst
PCO-Syndrom: Ursachen und Symptome

Was im Hintergrund passiert, von Insulin über LH bis Fettgewebe, und welche Beschwerden dazugehören.

Wenn du wissen willst, welcher Test wann sinnvoll ist
Hormone testen bei Frauen

Welcher Wert an welchem Zyklustag etwas aussagt und welche Tests wenig beitragen.

Wenn der Blutzucker im Vordergrund steht
Insulinresistenz und weibliche Hormone

Der Stoffwechselteil, der bei den Phänotypen A und B am stärksten mitspielt.

Wenn die Schilddrüse mitspielt
Schilddrüse und weibliche Hormone

Warum TSH zum Ausschlussteil gehört und warum die Verbindung darüber hinausgeht.

Wenn ein Absetzen der Pille im Raum steht
Pille absetzen: was danach passiert

Was sich in den Monaten danach verändern kann, damit du das Gespräch vorbereitet führst.

Wenn du ohne Hormone verhüten möchtest
Hormonfreie Verhütung im Vergleich

Die Methoden mit ihren echten Sicherheitszahlen, ohne Beschönigung in eine Richtung.

Wenn Haut und Haare das größte Thema sind
Hormonelle Akne von innen

Der Teil des Androgenkriteriums, der im Spiegel sichtbar ist und emotional am meisten kostet.

Wenn Dauerstress den Zyklus kapert
Cortisol, Stress und weibliche Hormone

Warum anhaltende Belastung Zyklusmuster verändern kann, die dann in die Diagnostik hineinspielen.

Wenn du wissen willst, was Hormonstörer im Alltag sind
Xenoöstrogene im Alltag

Wo sie vorkommen, was belegt ist und wo die Datenlage endet, ohne Alarmton.

Wenn Schimmel im Raum steht
Zearalenon und Hormone

Das am besten untersuchte Mykoöstrogen, mit klarer Trennung zwischen Beleg und Vermutung.

Wenn Schwermetalle abgeklärt werden sollen
Schwermetalle im Blut oder Urin messen

Was welche Messung kann und wo die häufigsten Fehlschlüsse liegen.

Wenn das Kontrollieren zum Zwang zu werden droht
Essstörungen verstehen

Der Schutzabsatz zum ganzen Umweltthema, weil Anspannung selbst ein hormoneller Faktor ist.

Wenn du den Motor dahinter verstehen willst
PCOS und Insulinresistenz

Wie Insulin die Androgene oben und das SHBG unten hält, und welche Messung was zeigt.

Wenn du schlank bist und trotzdem betroffen
Lean PCOS: schlank und betroffen

Warum ein normaler Körperbau die Diagnose verzögert, und die wichtigste Verwechslung mit der hypothalamischen Amenorrhoe.

Wenn Haut und Haare das Belastendste sind
PCOS an Haut und Haaren

Hirsutismus, Akne an Kinn und Kieferlinie und Haarausfall, mit realistischen Zeitachsen.

Wenn ein Kinderwunsch dazukommt
PCOS und Kinderwunsch

Die Stufen der Leitlinie 2023, die Studienlage zu den verschreibungspflichtigen Wirkstoffen Letrozol und Metformin, die bei PCOS in Deutschland off label eingesetzt werden, und warum das Spermiogramm an den Anfang gehört.

Hinweis zu den genannten Arzneimitteln

Warum hier Namen stehen und trotzdem keine Empfehlung

Letrozol und Metformin sind verschreibungspflichtig und nur auf ärztliche Verordnung erhältlich. Beide werden bei PCOS in Deutschland off label eingesetzt, also außerhalb ihrer Zulassung. Das bedeutet eine gesonderte Aufklärung, eine besondere ärztliche Begründungspflicht und in aller Regel keine Kostenübernahme durch die Kasse.

Beide können Nebenwirkungen haben. Für Metformin sind vor allem Magen-Darm-Beschwerden beschrieben, außerdem eine mögliche Beeinträchtigung der Vitamin-B12-Aufnahme und, sehr selten, eine Laktatazidose. Zu den Gegenanzeigen zählen unter anderem eine eingeschränkte Nierenfunktion und schwere Erkrankungen von Leber, Herz oder Kreislauf. Für Letrozol sind unter anderem Hitzewallungen, Kopfschmerzen, Müdigkeit, Gelenkbeschwerden und Auswirkungen auf den Knochenstoffwechsel beschrieben. In der Schwangerschaft darf es nicht angewendet werden.

Ich nenne die Wirkstoffe, weil ihre Kenntnis für ein informiertes Gespräch nützlich sein kann. Ich nenne bewusst keine Dosierung und spreche hier keine Empfehlung aus. Ob eines davon für dich in Frage kommt, gehört in die ärztliche Untersuchung und in das Gespräch mit der Praxis, die dich behandelt.

SJ

Shukri Jarmoukli

Arzt · Tätigkeitsschwerpunkt Integrative Medizin · ViveCura Berlin

Ich arbeite in meiner Privatpraxis an der Schnittstelle von klassischer Medizin, funktioneller Medizin und Klinischer Psychoneuroimmunologie. Bei hormonellen Themen interessiert mich weniger, welches Etikett am Ende auf dem Befund steht, sondern ob die Fragen davor sauber gestellt wurden.

Bei PCOS bin ich in einem Punkt sehr konservativ: Die gynäkologische Abklärung nach den Rotterdam-Kriterien ist die Grundlage, und ein sauber gemachter Ausschlussteil ist mehr wert als jede Zusatzdiagnostik. Erst wenn diese Grundlage steht, schaue ich zusätzlich auf Stoffwechsel, Entzündung und Umgebung. Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Beratung. Er soll dir helfen, beim nächsten Termin bessere Fragen zu stellen.

ViveCura, Privatpraxis Shukri Jarmoukli, Skalitzer Straße 137, 10999 Berlin

Wissenschaftliche Quellen

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Transparenz zur Evidenz: wo die Datenlage dünn ist
  1. Die Leitlinie sagt es selbst. Die Autoren der internationalen Leitlinie 2023 halten fest, dass die Evidenzqualität insgesamt niedrig bis moderat bleibt. Das gilt für viele der 254 Empfehlungen und Praxis-Punkte. Der Standard ist der beste verfügbare, nicht der endgültige.
  2. AMH hat keinen empfohlenen Grenzwert. Die zugehörige Metaanalyse aus 82 Studien konnte ausdrücklich keinen internationalen Cut-off nennen, und die Heterogenität zwischen den Studien war sehr hoch. Einzelne Zahlen aus Labor- oder Klinikwebseiten sind testabhängige Hauszahlen und keine allgemeingültige Schwelle.
  3. Die HOMA-IR-Werte pro Phänotyp stammen aus einem einzigen Zentrum. 200 Frauen, retrospektiv ausgewertet, keine Bevölkerungsstichprobe. Sie illustrieren eine Richtung, sie sind kein Referenzbereich für dich.
  4. Nicht jede Studie findet Phänotyp-Unterschiede. Eine japanische Arbeit an 118 Frauen fand keine Unterschiede der Insulinresistenz zwischen den Phänotypen. Die Verteilung der Phänotypen unterscheidet sich zwischen Weltregionen, und europäische Zahlen gelten nicht überall.
  5. Die Umweltdaten sind Beobachtungsdaten. Für Bisphenole liegen Metaanalysen von Beobachtungsstudien vor, mit sehr hoher Heterogenität und ohne Interventionsevidenz. Es gibt keine Studie, die zeigt, dass eine Reduktion der Belastung PCOS-relevante klinische Endpunkte verbessert. Daraus folgt nicht, dass jede hormonelle Störung eine Umweltursache hat.
  6. Schwermetalle und PCOS sind nicht dasselbe wie Schwermetalle und Endometriose. In der ausgewerteten Arbeit betreffen die belastbaren Cadmium- und Bleizahlen Endometriose und Gebärmutterschleimhautkrebs. Für PCOS ist dort nur Bisphenol A belegt.
  7. Zu Zearalenon und der PCOS-Diagnostik habe ich in dieser Recherche keine direkten Humandaten gefunden. Der Artikel behauptet dort deshalb nichts, sondern verlinkt auf den Schimmel-Cluster.
  8. Die Zahl zur Diagnoseverzögerung von bis zu 70 Prozent stammt aus einem Editorial und ist die Einordnung eines Autors ohne eigene Primärdaten. Die belastbaren Zahlen dazu stammen aus einer Befragung, deren Teilnehmerinnen über Selbsthilfe-Webseiten rekrutiert wurden, was Frauen mit schwierigem Verlauf begünstigt.
  9. Die Prävalenzangabe von 6,3 Prozent bei Jugendlichen stammt aus einer Fach-Übersicht und nicht aus einer eigenen Erhebung. Sie ist als Größenordnung zu lesen.
  10. Die Methylom-Arbeit ist Grundlagenforschung. Sie wird hier ausschließlich für ihre Darstellung der Follikelschwelle zitiert, nicht für ihre eigenen Ergebnisse, die auf 70 Frauen aus einem Zentrum beruhen.
  11. Was hier bewusst nicht steht. Keine Dosierung, kein Behandlungsprotokoll und kein Rat, eine bestehende Medikation oder eine hormonelle Verhütung zu verändern, zu reduzieren oder zu beenden. Metformin, Antiandrogene, Inositol und andere Therapien werden hier höchstens benannt, nie empfohlen und nie dosiert. Jede Anpassung gehört ärztlich begleitet. Aus keinem Abschnitt folgt, dass eine empfohlene gynäkologische Abklärung oder eine indizierte Behandlung ausgelassen oder verschoben werden sollte. Bei Kinderwunsch ist Zeit ein realer Faktor, und eine reproduktionsmedizinische Abklärung gehört früh und nicht spät. Was ich aus meiner Sprechstunde beschreibe, ist als Beobachtung gekennzeichnet und kein Studienergebnis.

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