Post-Exertional Malaise und Pacing: wenn Belastung den Absturz auslöst
Eine Verschlechterung nach körperlicher, geistiger oder emotionaler Belastung, die oft erst Stunden bis Tage später einsetzt und lange anhalten kann. Warum der Rat, sich durchzubeißen, bei PEM im Rahmen von ME/CFS oder Long COVID schaden kann, und was Pacing nach heutigem Stand leisten kann.
Wann Erschöpfung nicht warten darf
Sofort den Notruf 112 wählen oder in die Notaufnahme bei Brustschmerz, Atemnot in Ruhe, Ohnmacht, neu aufgetretenen Lähmungen, Sprach- oder Sehstörungen, hohem Fieber mit deutlicher Verschlechterung oder rasch zunehmender Schwäche.
Zeitnah ärztlich abklären lassen, wenn Erschöpfung nach Belastung neu ist oder zunimmt. Bevor von PEM die Rede sein kann, gehören andere Ursachen geprüft: Herz und Lunge, Blutarmut und Eisenstatus, Schilddrüse, Schlafapnoe, entzündliche Erkrankungen und auch eine Depression.
Wenn es seelisch zu viel wird. Eine lange, schwere Erkrankung, Rückzug aus dem sozialen Leben und das Gefühl, nicht ernst genommen zu werden, können an die Grenze bringen. Wenn Gedanken auftauchen, nicht mehr leben zu wollen, hol dir bitte sofort Hilfe.
Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr und kostenfrei erreichbar: 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222. In akuter Gefahr wähle 112 oder wende dich an die nächste psychiatrische Klinik oder Notaufnahme.
Und zu Medikamenten: Nichts in diesem Artikel ist ein Grund, ein verordnetes Medikament abzusetzen, zu reduzieren oder zu ersetzen. Das gilt etwa für Mittel gegen Herzrasen, für Antidepressiva und für Schlafmittel. Gerade bei Schlaf- und Beruhigungsmitteln kann ein abruptes Absetzen nach längerer Einnahme gefährlich sein. Jede Änderung gehört in die Hand der verordnenden Ärztin oder des verordnenden Arztes.
Für die meisten erschöpften Menschen ist behutsame Bewegung ein guter Rat. Für Menschen mit Post-Exertional Malaise kann derselbe Rat, sich durchzubeißen und die Belastung Woche für Woche zu steigern, schaden. Wer beides nicht auseinanderhält, riskiert, gut gemeinte Ratschläge den falschen Menschen zu geben.
Samstag war ein guter Tag. Ein Kaffee mit einer Freundin, kurz einkaufen, abends sogar gekocht. Am Montagmorgen kommst du kaum aus dem Bett. Die Beine sind schwer wie nasser Sand, der Kopf ist in Watte gepackt, und das bleibt nicht einen Tag, sondern eine Woche.
Viele Menschen mit ME/CFS oder Long COVID kennen dieses Muster: der gute Tag, der zwei schlechte kostet. Und dann kommen gut gemeinte Sätze. Du musst wieder in Bewegung kommen. Beiß dich durch.
Für viele erschöpfte Menschen stimmen diese Sätze. Für Menschen mit Post-Exertional Malaise, kurz PEM, können genau sie den nächsten Absturz vorbereiten. Um diesen Unterschied geht es hier, mit allen Unsicherheiten, die dazugehören.
Bei Post-Exertional Malaise kann das Prinzip, sich durchzubeißen oder die Belastung nach festem Plan stufenweise zu steigern, schaden. Die britische Leitlinie NICE rät deshalb seit 2021 davon ab, Menschen mit ME/CFS Programme mit festen Steigerungsschritten anzubieten, ausdrücklich auch keine gestufte Aktivierungstherapie.
Das ist kein Satz gegen Bewegung. Es ist ein Satz gegen den falschen Plan für die falsche Erkrankung. Wer keine PEM hat, findet hier keinen Grund, Bewegung zu meiden.
NICE NG206, Myalgic encephalomyelitis (or encephalopathy)/chronic fatigue syndrome: diagnosis and management, 2021, Empfehlungen 1.11.9 und 1.11.14. PMID: 35438859 [Leitlinie]Was dich hier erwartet
- Was PEM ausmacht und warum sie in den IOM-Kriterien von 2015 Pflichtkriterium ist
- Warum der Absturz oft erst nach Stunden oder Tagen kommt
- Wie sich PEM von Müdigkeit, fehlender Kondition und Depression unterscheidet
- Was der Zwei-Tages-Belastungstest zeigt und warum er umstritten ist
- Muskelbiopsien und kleine Gefäße bei Long COVID
- Die offene Debatte um die sogenannte Anstrengungspräferenz
- PACE, Cochrane, NICE 2021 und IQWiG 2023, mit beiden Seiten
- Pacing als Energiemanagement und seine dünne Studienlage
- Pulsuhr und Schwelle, und warum hier keine Formel steht
- Was die großen Long-COVID-Kohorten zur Häufigkeit zeigen
- Versorgung in Deutschland nach der Long-COVID-Richtlinie
- 13 Fragen, die immer wieder gestellt werden
Der Absturz, der erst am nächsten Tag kommt: was Post-Exertional Malaise ist
Stell dir einen Akku vor, der dich täuscht. Während du ihn belastest, zeigt er grün. Erst am nächsten oder übernächsten Tag springt die Anzeige in den roten Bereich. Die Rechnung kommt nicht an der Kasse, sondern Tage später mit der Post.
Post-Exertional Malaise heißt wörtlich Unwohlsein nach Anstrengung. Im Deutschen hörst du auch Belastungsintoleranz oder Crash. Gemeint ist eine Verschlechterung vieler Beschwerden nach einer Belastung, die für Gesunde kaum der Rede wert wäre.
Drei Merkmale, die zusammengehören
Die britische Leitlinie NICE beschreibt PEM über drei Eigenschaften: häufig um Stunden oder Tage verzögert, unverhältnismäßig zur Aktivität und mit einer Erholung, die Stunden, Tage, Wochen oder länger dauern kann.
Verzögert
Der Einbruch kommt oft nicht während der Belastung, sondern Stunden bis Tage danach.
Unverhältnismäßig
Schon eine kleine Belastung kann einen großen Rückschlag nach sich ziehen.
Lange Erholung
Der Weg zurück zum vorherigen Zustand kann Tage, Wochen oder länger dauern.
Der D-A-CH-Konsens, ein Konsensus-Statement von Fachleuten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, nennt eine Verzögerung von oft 12 bis 72 Stunden, wobei die Verschlechterung auch unmittelbar kommen kann. Schon geringe Belastung kann reichen: körperlich, kognitiv, mental, orthostatisch, also durch aufrechtes Stehen oder Sitzen, oder sensorisch durch Licht und Lärm.
Ein Komitee der National Academies in den USA, damals Institute of Medicine, schlug 2015 nach Sichtung der Evidenz neue Diagnosekriterien für ME/CFS vor.
Nach diesen Kriterien braucht die Diagnose drei Pflichtsymptome: eine deutliche Einschränkung früherer Aktivitäten über mehr als sechs Monate mit Erschöpfung, die sich durch Ruhe nicht wesentlich bessert, dazu PEM und nicht erholsamen Schlaf. Hinzu kommen kognitive Einschränkungen oder orthostatische Intoleranz, und das Komitee schlug sogar den Namen systemic exertion intolerance disease vor.
Für dich heißt das: PEM ist seit 2015 kein Randsymptom mehr, sondern ein Kernmerkmal der Diagnose.
Committee on the Diagnostic Criteria for Myalgic Encephalomyelitis/Chronic Fatigue Syndrome; Institute of Medicine. National Academies Press; 2015. PMID: 25695122 · DOI: 10.17226/19012 [Leitlinie, Diagnosekriterien der National Academies]Nicht nur nach dem Sport
Ein Team um Chu befragte 150 Menschen mit chronischem Fatigue-Syndrom zu Auslösern, Beginn und Dauer ihrer PEM.
129 Befragte, laut Studie 90 Prozent der Antwortenden, erlebten PEM nach körperlicher und geistiger Anstrengung und nach emotionaler Belastung. Nur 11 Prozent berichteten eine feste Verzögerung von mindestens 24 Stunden, und 84 Prozent erlebten PEM für 24 Stunden oder länger.
Für dich heißt das: Ein anstrengendes Gespräch kann zählen wie ein Spaziergang, und ein wechselnder Zeitpunkt spricht nicht gegen PEM.
Chu L et al. PLoS One. 2018;13(6):e0197811. PMID: 29856774 · DOI: 10.1371/journal.pone.0197811 [Querschnitt, Umfrage, n=150]Eine Arbeitsgruppe um Stussman führte am US-amerikanischen NIH neun Fokusgruppen mit 43 Menschen mit ME/CFS durch.
Von 18 Teilnehmenden, die nach einem Belastungstest befragt wurden, berichteten 17, dass die Beschwerden innerhalb von 24 Stunden begannen und innerhalb von 72 Stunden ihren Höhepunkt erreichten. Als Kernsymptome zeigten sich Erschöpfung, kognitive Schwierigkeiten und neuromuskuläre Beschwerden.
Für dich heißt das: Wenn der schlimmste Tag erst der dritte ist, gerät der Auslöser leicht aus dem Blick.
Stussman B et al. Front Neurol. 2020;11:1025. PMID: 33071931 · DOI: 10.3389/fneur.2020.01025 [Qualitative Studie, Fokusgruppen, n=43]Eine Perspektivarbeit von Vøllestad und Mengshoel ergänzt: Im Labor ausgelöste PEM setzt meist unmittelbarer ein als im Alltag, schwankt in ihrer Dauer aber ebenfalls stark. Wenn Labor und Alltag nicht exakt übereinstimmen, liegt das also nicht an deiner Wahrnehmung.
Was über die Ursache bekannt ist
Eine deutsche Übersichtsarbeit von Renz-Polster und Scheibenbogen beschreibt ME/CFS als neuroimmunologische, meist nach einer Infektion beginnende Erkrankung und grenzt sie von chronischer Erschöpfung als Symptom vieler anderer Erkrankungen ab. Eine ursächliche Therapie ist danach nicht etabliert, im Mittelpunkt stehen Symptomlinderung und vorausschauendes Energiemanagement. Den größeren Rahmen findest du im Artikel Chronische Fatigue: wenn dein Körper den Stecker zieht. Hier bleibt der Blick bei dem Symptom, an dem sich die Diagnose entscheidet.
Ein Absturz nach Belastung ist kein Zeichen von Schwäche und kein Mangel an Disziplin. Bei PEM ist er Teil eines Musters aus Auslöser, Verzögerung und verlängerter Erholung. Die bessere Frage beim nächsten Crash lautet deshalb nicht nur, was heute war, sondern: Was war gestern, und was war vorgestern?
Und jetzt weißt du, warum der Satz, gestern sei doch gar nichts gewesen, so oft in die falsche Richtung führt.
Müde, untrainiert, depressiv oder PEM? Warum die Verwechslung falsche Ratschläge erzeugt
Der Satz ich bin ständig erschöpft kann nach einer Woche mit zu wenig Schlaf stimmen, nach Monaten ohne Bewegung, bei einer Depression oder bei PEM. Von außen sehen diese Zustände ähnlich aus. Von innen folgen sie verschiedenen Regeln, und diese Regeln entscheiden darüber, welcher Rat passt.
Gewöhnliche Müdigkeit und fehlende Kondition
Gewöhnliche Müdigkeit steht in einem nachvollziehbaren Verhältnis zur Belastung und bessert sich meist durch Ruhe. Nach den IOM-Kriterien bessert sich die Erschöpfung bei ME/CFS dagegen durch Ruhe nicht wesentlich. Wer lange krank war, verliert außerdem Kraft und Ausdauer. Diese Dekonditionierung ist real und kann bei ME/CFS dazukommen. Die Frage ist, ob sie PEM erklärt.
Ein Team um Snell ließ 51 Frauen mit chronischem Fatigue-Syndrom und 10 sitzend lebende Kontrollfrauen zweimal im Abstand von 24 Stunden einen maximalen Belastungstest absolvieren.
Am ersten Tag fanden sich keine signifikanten Unterschiede, am zweiten erreichten die Frauen mit CFS deutlich niedrigere Werte für Sauerstoffaufnahme und Leistung. Das Studienteam schreibt selbst, der erste Test allein hätte eher für eine Dekonditionierung gesprochen.
Für dich heißt das: An einem einzelnen Testtag kannst du aussehen wie jemand, der nur untrainiert ist. Der Unterschied zeigt sich in der Erholung, bei allerdings sehr kleiner Kontrollgruppe.
Snell CR et al. Phys Ther. 2013;93(11):1484-92. PMID: 23813081 · DOI: 10.2522/ptj.20110368 [Kohorte, prospektiv, Zwei-Tages-Test]Eine Arbeitsgruppe um Charlton verglich gesunde Menschen nach 60 Tagen strikter Bettruhe mit Menschen mit Long COVID und ME/CFS sowie mit gesunden Kontrollen.
Bettruhe führte zu Muskelschwund, ohne die Fasertypen zu verändern, während beide Patientengruppen mehr schnell ermüdende glykolytische Fasern hatten. Das Team folgert, dass körperliche Inaktivität die geringere Belastbarkeit und die Muskelveränderungen nicht allein erklären kann.
Für dich heißt das: Der Satz du bist nur aus der Form greift nach diesen Daten zu kurz.
Charlton BT et al. Nat Commun. 2026;17(1):9125. PMID: 42649155 · DOI: 10.1038/s41467-026-75725-y [Fall-Kontroll-Studie, Bettruhe-Vergleich]Erschöpfung bei Depression
Eine Depression ist eine ernste Erkrankung, die zutiefst erschöpfen kann. Sie verdient eine Behandlung, die ihr gerecht wird, mit Psychotherapie und, wenn angezeigt, mit Medikamenten. Trotzdem unterscheiden sich die Muster. Der D-A-CH-Konsens beschreibt bei Depression oder Burnout eine ausgeprägte Störung von Motivation und Antrieb, bei ME/CFS dagegen unverminderten Antrieb. Zugespitzt: wollen, aber nicht können. Das ist ein Unterscheidungsmerkmal, keine Rangfolge des Leidens.
Ein Team um Hawk verglich je 15 Menschen mit chronischem Fatigue-Syndrom, mit Major Depression und ohne Erkrankung.
Die besten Unterscheidungsmerkmale waren PEM, nicht erholsamer Schlaf und Probleme mit Gedächtnis und Konzentration. Mit der Schwere der Symptome wurden 91,1 Prozent der Fälle richtig zugeordnet.
Für dich heißt das: Wie stark PEM ausgeprägt ist, kann bei der Unterscheidung helfen. Die Studie ist aber sehr klein, und beide Erkrankungen können gleichzeitig bestehen.
Hawk C et al. Int J Behav Med. 2006;13(3):244-51. PMID: 17078775 · DOI: 10.1207/s15327558ijbm1303_8 [Fall-Kontroll-Studie, n=45]Bei einer Depression gehört behutsame Aktivierung in vielen Behandlungsplänen dazu, bei PEM kann ein fest gesteigerter Plan den nächsten Crash auslösen. Mehr zur Abgrenzung findest du unter Burnout, Depression und Erschöpfungsdepression. Burnout als Erschöpfung im Zusammenhang mit chronischer Arbeitsbelastung beschreibt der Artikel Burnout: Neurobiologie, Diagnostik und integrativer Weg zurück. Wer nach Dauerstress erschöpft ist, hat nicht automatisch PEM.
| Merkmal | Gewöhnliche Müdigkeit | Fehlende Kondition | Erschöpfung bei Depression | PEM |
|---|---|---|---|---|
| Zeitpunkt | während oder direkt nach der Belastung | während der Belastung, Muskelkater am Folgetag möglich | oft ganztägig, wenig an einzelne Belastungen gebunden | oft um Stunden bis Tage verzögert |
| Verhältnis zur Belastung | nachvollziehbar | nachvollziehbar | schwer zuzuordnen | unverhältnismäßig, schon nach geringer Belastung |
| Auslöser | körperlich, geistig | vor allem körperlich | Stimmung und Antrieb stehen im Vordergrund | körperlich, geistig, emotional, orthostatisch, sensorisch |
| Ruhe | bessert deutlich | bessert | bessert oft wenig | bessert nicht wesentlich, Erholung kann Tage bis Wochen dauern |
| Antrieb | erhalten | erhalten | oft deutlich vermindert | nach D-A-CH-Konsens unvermindert |
| Behutsame Steigerung | meist gut verträglich | Grundlage des Aufbaus | oft ein sinnvoller Baustein der Behandlung | nach festem Plan nicht empfohlen, NICE 2021 |
Die Frage lautet nicht, ob Bewegung gut ist, sondern für wen, in welcher Form und nach welchem Plan. Dieselbe Empfehlung kann dem einen nützen und dem anderen schaden. Deshalb steht die sorgfältige Unterscheidung vor jedem Rat.
Klinisch beobachte ich, dass diese Unterscheidung selten in einem einzigen Termin gelingt. Oft wird das Muster erst sichtbar, wenn Belastung und Befinden über einige Wochen nebeneinander notiert sind. Das ist eine Beobachtung, kein Studienergebnis.
Und jetzt weißt du, warum derselbe Satz, beweg dich mehr, in einem Sprechzimmer richtig und im nächsten falsch sein kann.
Kann man PEM sehen? Der Zwei-Tages-Test und was er zeigt, und was nicht
Viele Menschen mit PEM wünschen sich einen Beleg. Eine Kurve, die man auf den Tisch legen kann, wenn wieder jemand zweifelt. Es gibt ein Verfahren, das dafür entwickelt wurde. Seine Geschichte ist nur komplizierter, als sie oft erzählt wird.
Bei einer Spiroergometrie trittst du gegen steigenden Widerstand in die Pedale, während Atemgase und Puls gemessen werden. Man sieht, wie viel Sauerstoff der Körper aufnimmt und ab wann er zunehmend ohne ausreichend Sauerstoff Energie gewinnt, die sogenannte ventilatorische Schwelle. Beim Zwei-Tages-Test wird das nach 24 Stunden wiederholt. Gesunde, auch untrainierte Menschen bringen in den meisten Studien am zweiten Tag ungefähr dieselbe Leistung.
Ein Team um Lim fasste Zwei-Tages-Studien bei ME/CFS in einer Meta-Analyse zusammen.
Bei ME/CFS lagen die Mittelwerte aller Messgrößen am zweiten Tag niedriger, bei den Kontrollen stiegen sie, am deutlichsten unterschied sich die Leistung an der ventilatorischen Schwelle. Das Team fordert weitere Studien zur Abgrenzung von anderen Erkrankungen mit Erschöpfung, auch von Depression.
Für dich heißt das: Die frühen Studien sprechen für einen Abfall am zweiten Tag, die Abgrenzung ist offen.
Lim EJ et al. J Clin Med. 2020;9(12):4040. PMID: 33327624 · DOI: 10.3390/jcm9124040 [Meta-Analyse, Zwei-Tages-Studien]Ein Team um Keller testete 84 Menschen mit ME/CFS und 71 sitzend lebende Kontrollen an zwei Tagen im Abstand von 24 Stunden, zusätzlich 55 nach aerober Kapazität, Alter und Geschlecht gematchte Paare.
Bei ME/CFS sanken am zweiten Tag unter anderem die Spitzenleistung um 5,5 Prozent und die Zeit bis zur maximalen Belastung um 6,6 Prozent, bei den Kontrollen nur die Kohlendioxidabgabe um 3 Prozent. In den gematchten Paaren fiel bei ME/CFS die maximale Sauerstoffaufnahme um 6 Prozent und die Sauerstoffaufnahme an der Schwelle um 6,7 Prozent, bei den Kontrollen blieben beide unverändert.
Für dich heißt das: Selbst bei gleicher Ausgangsfitness erholten sich die Menschen mit ME/CFS schlechter, mit im Mittel einstelligen Abfällen.
Keller B et al. J Transl Med. 2024;22(1):627. PMID: 38965566 · DOI: 10.1186/s12967-024-05410-5 [Fall-Kontroll-Studie, n=155]Eine Replikation ohne Unterschied
Ein Team um Mancini testete 2026 58 Menschen mit ME/CFS und 25 nach Alter und Geschlecht passende, sitzend lebende Kontrollen an zwei aufeinanderfolgenden Tagen.
Die maximale Sauerstoffaufnahme änderte sich nicht signifikant, bei ME/CFS 22,3 und 22,5, bei den Kontrollen 23,4 und 22,8 Milliliter pro Kilogramm pro Minute, bei höherer empfundener Anstrengung in der ME/CFS-Gruppe. Das Team schreibt, die Daten stützten den Test nicht als Verfahren, um PEM oder eine Behinderung festzustellen.
Für dich heißt das: Ein unauffälliges Ergebnis schließt PEM nicht aus, ein auffälliges ist allein nicht beweisend. Ob die Studien wegen Stichprobe, Kriterien oder Protokoll auseinandergehen, ist offen.
Mancini DM et al. Front Physiol. 2026;17:1816082. PMID: 42212259 · DOI: 10.3389/fphys.2026.1816082 [Fall-Kontroll-Studie, Replikation, n=83]Wenn man tiefer misst: invasive Belastungstests
Invasive Belastungstests messen zusätzlich über Katheter Drücke und Sauerstoffgehalt im Blut. Sie zeigen, ob die Leistung am Herzen begrenzt wird oder in der Peripherie, wo das Gewebe den Sauerstoff aufnehmen soll.
Ein Team um Joseph verglich 160 Menschen mit ME/CFS aus einer Auswertung von 1.516 invasiven Tests mit 36 Kontrollen.
Die maximale Sauerstoffaufnahme lag bei 80 gegenüber 101,4 Prozent des Sollwerts, und 31 Prozent der Hautbiopsien passten zu einer Schädigung kleiner Nervenfasern. Das Team beschreibt einen verminderten Rückstrom des Blutes zum Herzen und eine gestörte Sauerstoffausschöpfung im Gewebe als biologisch plausible Beiträge.
Für dich heißt das: Das sind Mechanismen aus einer ausgewählten Klinikpopulation, keine bewiesene Ursache.
Joseph P et al. Chest. 2021;160(2):642-651. PMID: 33577778 · DOI: 10.1016/j.chest.2021.01.082 [Fall-Kontroll-Studie, retrospektiv, invasive Spiroergometrie]Ein Team um Singh untersuchte 10 Menschen mit anhaltender Belastungsintoleranz nach mildem COVID-19 und 10 passende Kontrollen mit einem invasiven Belastungstest.
Die maximale Sauerstoffaufnahme lag bei 70 gegenüber 131 Prozent des Sollwerts und die Sauerstoffausschöpfung bei 0,49 gegenüber 0,78, obwohl die Pumpleistung des Herzens ähnlich war.
Für dich heißt das: Die Begrenzung scheint hier peripher zu liegen, in einer sehr kleinen Studie ohne PEM als ausdrückliches Einschlusskriterium.
Singh I et al. Chest. 2022;161(1):54-63. PMID: 34389297 · DOI: 10.1016/j.chest.2021.08.010 [Fall-Kontroll-Studie, invasive Spiroergometrie, n=20]Warum der Zwei-Tages-Test keine Routine ist
Der D-A-CH-Konsens formuliert es deutlich: Da dieser Test bei Menschen mit ME/CFS zu einer dauerhaften Verschlechterung des Gesundheitszustandes führen kann, soll das Verfahren außerhalb von Studien nicht angewendet werden, und in Studien nur in angepasster Form. Ein Beleg auf Papier wiegt dieses Risiko nach meiner Einschätzung außerhalb von Studien nicht auf.
Schonendere Wege, das Muster zu erfassen
Ein Team um Cotler prüfte fünf Fragen zur Dauer der PEM aus dem DePaul Symptom Questionnaire.
Sie ordneten Menschen mit ME oder CFS in 81,7 Prozent der Fälle richtig zu, Menschen mit Multipler Sklerose oder Post-Polio-Syndrom nur in 16,6 Prozent fälschlich als ME oder CFS.
Für dich heißt das: Strukturierte Fragen können bei der Abgrenzung helfen, ersetzen aber keine ärztliche Untersuchung.
Cotler J et al. Diagnostics (Basel). 2018;8(3):66. PMID: 30208578 · DOI: 10.3390/diagnostics8030066 [Validierungsstudie, Querschnitt]Für die deutsche Version des DePaul-Kurzfragebogens berichteten Froehlich und Kollegen eine gute Reliabilität. Der D-A-CH-Konsens nennt außerdem die doppelte Handkraftmessung mit jeweils zehn Zügen im Abstand von mindestens einer Stunde. Auch sie ist eine Belastung und gehört in die Praxis. In einer deutschen Kohorte war die Handkraft bei den meisten schwer Erschöpften nach COVID-19 vermindert.
Ein unauffälliger Test ist kein Beleg dafür, dass nichts ist, und ein auffälliger ist nicht der eine Beweis, auf den alle warten. Die Diagnose bleibt klinisch: sorgfältige Anamnese, Ausschluss anderer Ursachen, anerkannte Kriterien. Das ist weniger eindrucksvoll als eine Kurve, aber es ist das, was die Datenlage heute trägt.
Und jetzt weißt du, warum ich beim Zwei-Tages-Test zuerst nach dem Preis frage und erst danach nach dem Nutzen.
Muskel, Mitochondrien, kleine Gefäße: was die junge Forschung bei Long COVID findet
Vielleicht hast du gehört, es sei eher psychisch. Und trotzdem spürst du nach einem Crash etwas in den Muskeln, das sich anfühlt wie nach einem Marathon, den du nie gelaufen bist. Die Gegenüberstellung von Kopf und Körper ist ohnehin zu grob, weil beides zusammengehört. Aber es lohnt der Blick darauf, was in Muskeln und Gefäßen messbar ist. Das Feld ist jung.
Eine Arbeitsgruppe um Appelman löste bei 25 Menschen mit Long COVID und PEM gezielt PEM durch einen maximalen Belastungstest aus und untersuchte Blut und Muskelgewebe vorher und danach, im Vergleich mit 21 vollständig genesenen Kontrollen.
Die Muskeln hatten eine geringere Kapazität zur Energiegewinnung mit Sauerstoff in den Mitochondrien und mehr schnell ermüdende Fasern. Nach der Belastung nahmen Stoffwechselstörungen und herdförmige Gewebeschäden zu. Amyloidhaltige Ablagerungen lagen schon vorher häufiger vor als bei den Kontrollen und nahmen nach der Belastung in beiden Gruppen zu, lagen aber nicht in den Kapillaren. Verstopfte Kapillaren oder eine veränderte Kapillardichte fanden sich nicht.
Für dich heißt das: Nach einer Überlastung zeigten sich messbare Veränderungen, was es schwer macht, PEM als Einbildung abzutun. Die Studie ist aber klein, und das Team hält einen Einfluss der ersten Biopsie auf die zweite für möglich.
Appelman B et al. Nat Commun. 2024;15(1):17. PMID: 38177128 · DOI: 10.1038/s41467-023-44432-3 [Fall-Kontroll-Studie, longitudinal, n=46]Ein Team um Aschman untersuchte Muskelbiopsien von 11 Menschen mit anhaltender Fatigue und PEM nach COVID-19 im Vergleich mit zwei historischen Kontrollkohorten.
Die Betroffenen hatten weniger Kapillaren, verdickte Basalmembranen der Kapillaren und mehr Fresszellen eines bestimmten Typs, Erbgut von SARS-CoV-2 fand sich im Muskel nicht.
Für dich heißt das: Diese Gruppe fand, anders als die Gruppe um Appelman, weniger Kapillaren. Bei so kleinen Studien mit verschiedenen Kontrollgruppen ist die Frage offen, und keine der beiden taugt als Beweis für verstopfte oder verlorene Gefäße.
Aschman T et al. Acta Neuropathol Commun. 2023;11(1):193. PMID: 38066589 · DOI: 10.1186/s40478-023-01662-2 [Case-Serie mit historischen Kontrollen, n=11]Ein Team um Haffke maß die Reaktionsfähigkeit der Gefäßinnenhaut bei 30 Menschen mit Post-COVID-Syndrom mit Fatigue und Belastungsintoleranz, 14 davon mit ME/CFS, und bei 15 Gesunden.
Bei 5 von 14 mit ME/CFS und bei 5 von 16 ohne ME/CFS-Kriterien war sie vermindert, bei keiner gesunden Person, und der gefäßverengende Botenstoff Endothelin-1 lag in beiden Patientengruppen höher als in den Kontrollgruppen.
Für dich heißt das: Bei einem Teil der Untersuchten reagierten die Gefäße messbar schlechter, nicht bei allen.
Haffke M et al. J Transl Med. 2022;20(1):138. PMID: 35317812 · DOI: 10.1186/s12967-022-03346-2 [Fall-Kontroll-Studie, Endothelfunktion]Eine mögliche Kette, noch kein bewiesener Weg
- Belastung fordert Energie, und die Muskeln brauchen dafür Sauerstoff aus dem Blut.
- Bei einem Teil der Betroffenen scheint die Sauerstoffausschöpfung im Gewebe gestört, bei ME/CFS wie nach COVID-19.
- In kleinen Muskelstudien fanden sich weniger Kapazität für die Energiegewinnung mit Sauerstoff und mehr schnell ermüdende Fasern.
- Nach einer Überlastung nahmen in einer Studie Muskelschäden und Stoffwechselstörungen zu, was eine verzögerte, lange Erholung plausibel machen könnte.
Jeder Schritt stützt sich auf kleine Studien weniger Arbeitsgruppen, teils mit widersprüchlichen Ergebnissen. Die Kette ist eine Arbeitshypothese, kein Nachweis.
Wollen oder können? Der Streit um die Anstrengungspräferenz
Ein großes Team um Walitt untersuchte Menschen mit ME/CFS nach einer Infektion am US-amerikanischen NIH sehr umfassend. Als prägendes Merkmal beschrieb es eine veränderte Anstrengungspräferenz in einer Entscheidungsaufgabe, statt einer körperlichen oder zentralen Ermüdung, und nannte die kleine Stichprobe selbst als Grenze.
Eine Gruppe um Kirvin-Quamme hält dagegen: Die Daten belegten keine veränderte Präferenz, weil den Betroffenen die körperliche Fähigkeit fehlte, die Aufgabe durchgehend auszuführen.
Für dich heißt das: Ob in dieser Aufgabe weniger gewollt oder weniger gekonnt wurde, ist umstritten. Daraus folgt nicht, dass Menschen mit ME/CFS sich nur mehr anstrengen müssten.
Walitt B et al. Nat Commun. 2024;15(1):907. PMID: 38383456 · DOI: 10.1038/s41467-024-45107-3 [Fall-Kontroll-Studie, Deep Phenotyping]Kirvin-Quamme A et al. Front Psychol. 2025;16:1593269. PMID: 40584062 · DOI: 10.3389/fpsyg.2025.1593269 [Übersicht, Kommentar mit Reanalyse]
Durch die Linse der Klinischen Psychoneuroimmunologie laufen hier vier Systeme zusammen: das Immunsystem, die Gefäße, der Energiestoffwechsel im Muskel und das Nervensystem, das Kreislauf und Durchblutung steuert. Keines davon erklärt PEM allein. Mehr zur Zellebene findest du unter Burnout, Darm, Entzündung und Mitochondrien, die umweltmedizinische Seite der Erschöpfung unter Chronische Erschöpfung und Schimmel.
Messbare Veränderungen im Muskel heißen nicht, dass die Ursache verstanden ist. Aber sie verschieben die Frage. Weg von: Bildest du dir das ein? Hin zu: Was geschieht in deinem Körper, wenn du über deine Grenze gehst, und wie lässt sich das seltener machen?
Und jetzt weißt du, warum ich diese Studien ernst nehme und trotzdem vor jeder Schlagzeile warne, die aus ihnen eine fertige Erklärung macht.
Wie die Aktivierungstherapie ihren Platz verlor: PACE, NICE und IQWiG
Vielleicht hast du eine Reha erlebt, in der jede Woche mehr auf dem Plan stand, und danach ging es dir schlechter. Dann fragst du dich zu Recht, wie es zu diesem Plan kam. Die Antwort hat keine Bösewichte. Sie handelt von Fachleuten, die mit guten Absichten zu unterschiedlichen Schlüssen kommen.
Die gestufte Aktivierungstherapie, kurz GET, ging von einem Modell aus: Wer Belastung meidet, verliert Kondition, und jede Belastung wird anstrengender. Schrittweise Steigerung sollte diesen Kreislauf durchbrechen, die kognitive Verhaltenstherapie, kurz CBT, begleitende Überzeugungen bearbeiten. Die britische Leitlinie von 2007 empfahl beides.
Ein Team um White randomisierte 641 Menschen mit chronischem Fatigue-Syndrom nach den Oxford-Kriterien auf ärztliche Standardversorgung allein oder ergänzt um adaptive Pacing-Therapie, CBT oder GET, mit selbst berichteten Zielgrößen nach 52 Wochen.
Verglichen mit der Standardversorgung allein lag die Fatigue unter CBT um 3,4 und unter GET um 3,2 Punkte niedriger, die körperliche Funktion unter CBT um 7,1 und unter GET um 9,4 Punkte höher, unter adaptiver Pacing-Therapie unterschied sich beides nicht. Schwere unerwünschte Reaktionen wurden in jeder Gruppe bei 1 bis 2 Prozent erfasst, und das Team folgerte, CBT und GET könnten die Ergebnisse moderat verbessern.
Für dich heißt das: Die größte Therapiestudie sah moderate Vorteile. Ihre Aussagekraft wurde später intensiv diskutiert, und die dort geprüfte adaptive Pacing-Therapie ist nicht dasselbe wie heutiges Energiemanagement.
White PD et al. Lancet. 2011;377(9768):823-36. PMID: 21334061 · DOI: 10.1016/S0140-6736(11)60096-2 [RCT, n=641]Dieselbe Studie, zwei weitere Blicke
Ein Team um Sharpe befragte die PACE-Teilnehmenden erneut, 481 antworteten im Median nach 31 Monaten, und 44 Prozent hatten inzwischen weitere Behandlungen erhalten. Zwischen den ursprünglichen Gruppen fanden sich kaum noch Unterschiede, was das Team im Zusammenhang mit diesen Zusatztherapien deutet.
Ein Team um Wilshire wertete die Daten nach dem ursprünglichen Studienprotokoll aus. Nach Korrektur für die dort vorgesehene Zahl von Vergleichen schnitten CBT und GET nicht signifikant besser ab, die Effekte beschränkten sich fast ganz auf Selbstauskünfte, und die Erholungsraten waren niedrig.
Für dich heißt das: Je nach Auswertungsweg sieht dieselbe Studie deutlich schwächer aus. Das ist ein Grund, warum Leitlinien heute vorsichtiger formulieren.
Sharpe M et al. Lancet Psychiatry. 2015;2(12):1067-74. PMID: 26521770 · DOI: 10.1016/S2215-0366(15)00317-X [RCT, Langzeitnachbeobachtung, n=481]Wilshire CE et al. BMC Psychol. 2018;6(1):6. PMID: 29562932 · DOI: 10.1186/s40359-018-0218-3 [RCT-Reanalyse nach Studienprotokoll]
Ein Team um Larun fasste für Cochrane acht randomisierte Studien mit 1.518 Teilnehmenden zusammen.
Bewegungstherapie verringert die Fatigue am Behandlungsende danach wahrscheinlich, bei moderater Vertrauenswürdigkeit der Evidenz, während Langzeiteffekte und das Risiko schwerer unerwünschter Reaktionen sehr unsicher bleiben. Alle Studien nutzten die CDC-Kriterien von 1994 oder die Oxford-Kriterien, und das Review hält fest, dass nach anderen Kriterien diagnostizierte Menschen anders reagieren könnten.
Für dich heißt das: Cochrane sieht einen kurzfristigen Nutzen auf Fragebögen, kann Schäden aber nicht sicher einschätzen. Ein Projekt zur Aktualisierung wurde laut einer Editorial Note von 2024 eingestellt.
Larun L et al. Cochrane Database Syst Rev. 2019;10(10):CD003200. PMID: 31577366 · DOI: 10.1002/14651858.CD003200.pub8 [Systematischer Review, k=8, n=1.518]Ein Team um Geraghty wertete eine Patientenumfrage mit 1.428 Teilnehmenden im Vergleich mit weiteren Umfragen aus.
Einen Nutzen der CBT berichteten 8 bis 35 Prozent, deutlich negative Reaktionen auf GET 54 bis 74 Prozent, und Pacing wurde mit 44 bis 82 Prozent am häufigsten als nützlich bewertet.
Für dich heißt das: Das sind wichtige Erfahrungen, aber Umfragen sind anfällig für Selbstauswahl und ersetzen keine kontrollierten Studien.
Geraghty K et al. J Health Psychol. 2019;24(10):1318-1333. PMID: 28847166 · DOI: 10.1177/1359105317726152 [Querschnitt, Patientenumfrage, n=1.428]2021: die Neubewertung durch NICE
2021 erschien die neue britische Leitlinie NICE NG206, erarbeitet mit Evidenzreviews und einem Komitee, dem auch Menschen mit eigener Krankheitserfahrung angehörten. PEM steht darin als Kernsymptom im Mittelpunkt.
Menschen mit ME/CFS nicht anbieten: allgemeine Aktivitäts- oder Bewegungsprogramme und kein Programm, das feste schrittweise Steigerungen der körperlichen Aktivität nutzt, zum Beispiel die gestufte Aktivierungstherapie.
NICE NG206 (2021), aus Empfehlung 1.11.14, sinngemäß übersetztNach Empfehlung 1.11.9 soll Menschen mit ME/CFS auch nicht einfach geraten werden, ins Fitnessstudio zu gehen oder sich mehr zu bewegen, weil das die Beschwerden verschlechtern kann. Wichtig ist der Rahmen: Die britische Leitlinie bindet Energiemanagement und jedes Bewegungsprogramm an ein ME/CFS-Spezialteam, und ein gewünschtes Programm soll anfangs sogar unterhalb der eigenen Grundlinie beginnen. Eine Zusammenfassung für die Hausarztversorgung von Kingdon und Kollegen betont zusätzlich, das Stigma zu sehen, das Menschen mit ME/CFS ohne spezifischen Test oft erleben.
Die Kritik an NICE und die Antwort darauf
51 Autorinnen und Autoren warfen dem Verfahren 2023 acht Anomalien vor. Unter anderem sei GET fälschlich als Programm mit festen Steigerungsschritten gedeutet und Energiemanagement ohne unterstützende Forschungsevidenz empfohlen worden. Ihre Sorge: Betroffenen könnten hilfreiche Behandlungen vorenthalten werden.
Eine Erwiderung in derselben Fachzeitschrift hält diese Einwände für ein Missverständnis des Leitlinienprozesses und der Leitlinie, die einen ausgewogenen Ansatz biete.
Für dich heißt das: Wer dir Aktivierung empfiehlt, stützt sich womöglich auf eine reale wissenschaftliche Position. Die aktuelle britische Leitlinie rät bei ME/CFS aber von festen Steigerungsplänen ab.
White P et al. J Neurol Neurosurg Psychiatry. 2023;94(12):1056-1063. PMID: 37434321 · DOI: 10.1136/jnnp-2022-330463 [Übersicht, Kommentar mit Gegenposition]Barry PW et al. J Neurol Neurosurg Psychiatry. 2024;95(7):671-674. PMID: 38418217 · DOI: 10.1136/jnnp-2023-332731 [Übersicht, Erwiderung]
2023: die Bewertung des IQWiG
Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen sichtete im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit den Kenntnisstand zu ME/CFS, in dem PEM als Kernsymptom gilt.
Für GET zeigten zwei Studien bei leichter bis moderater ME/CFS statistisch signifikante, aber im Mittel nur kleine Vorteile gegenüber der Standardtherapie, ohne dass sich ein Nachteil durch schwerwiegende Nebenwirkungen ausschließen ließ. In der Gesamtabwägung leitete das IQWiG für GET deshalb keinen Anhaltspunkt für einen Nutzen mehr ab und hielt eine verlässliche Abwägung von Nutzen und Schaden derzeit für nicht möglich. Für CBT sah das Institut bei leichter bis moderater ME/CFS einen Anhaltspunkt, die schwächste Stufe der Aussagesicherheit, für einen kurz- und mittelfristigen Nutzen, für einen längeren Zeitraum nicht. Für schwere ME/CFS fehlten geeignete Studien, und zum Pacing beschrieb es einen eklatanten Mangel an aussagekräftigen Studien.
Für dich heißt das: Auch die deutsche Bewertung ist differenziert: kleine gemessene Vorteile, aber wegen nicht ausschließbarer Schäden kein belegter Nutzen der GET, und große Lücken.
Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG). Myalgische Enzephalomyelitis / Chronic Fatigue Syndrome (ME/CFS): Aktueller Kenntnisstand. Abschlussbericht N21-01, Version 1.0, Stand 17.04.2023. Köln: IQWiG; 2023. iqwig.de [HTA-Bericht]Und die Psychotherapie?
Dass die Aktivierungstherapie ihren Platz verloren hat, heißt nicht, dass psychotherapeutische Begleitung wertlos wäre. NICE empfiehlt, CBT als unterstützendes Angebot zu besprechen, weil sie beim Umgang mit den Symptomen helfen kann, ausdrücklich nicht als kurative Behandlung. Eine schwere chronische Erkrankung ist eine enorme seelische Last, und eine begleitende Depression oder Angststörung verdient ihre eigene Behandlung. Psychotherapie anzubieten bedeutet nicht, die Erkrankung für psychisch zu halten.
Wie sich die Frage nach Bewegung bei Erschöpfung auch jenseits von PEM stellt, beschreibt der Artikel Sport bei chronischer Erschöpfung. Dort ist diese Debatte kurz angerissen, hier steht sie ausführlich.
Die Geschichte der Aktivierungstherapie zeigt, wie sich Bewertungen ändern, wenn neue Kriterien, neue Auswertungen und die Erfahrungen der Betroffenen dazukommen. Für dich folgt daraus ein ruhiger Satz: Wenn du PEM hast und ein Plan dich Woche für Woche weiter treibt, obwohl du danach abstürzt, darfst du das ansprechen. Nicht als Verweigerung, sondern mit der aktuellen britischen Leitlinie im Rücken.
Und jetzt weißt du, warum zwei Fachleute dir zur selben Frage Gegensätzliches sagen können, und worauf sich jede Seite beruft.
Pacing: Energie verwalten, bevor der Akku leer ist
Stell dir vor, du bekommst jeden Morgen ein Budget. Nicht in Euro, sondern in Energie. Es ist kleiner als früher und schwankt von Tag zu Tag. Wer mehr ausgibt, zahlt Zinsen, und die Zinsen heißen Crash. Pacing ist der Versuch, so mit diesem Budget umzugehen, dass die Zinsen seltener fällig werden.
Das Bild vom Energiehaushalt, im Englischen energy envelope, wurde wesentlich von einer Arbeitsgruppe um Jason geprägt: Aktivitäten so einteilen, dass sie innerhalb der verfügbaren Energie bleiben. Die Studien, auf die sich ihre Übersicht stützt, stammen überwiegend aus dieser einen Gruppe.
Ein Team um O'Connor teilte Menschen mit ME/CFS nach verfügbarer Energie ein und danach, ob sie unterhalb, innerhalb oder oberhalb ihres Energiehaushalts lebten.
Mehr verfügbare Energie ging mit einem besseren Funktionsniveau einher, doch bei Überlastung war dieser Vorteil deutlich kleiner, und Überlastung wog gerade bei höherer verfügbarer Energie besonders schwer.
Für dich heißt das: Gerade an besseren Tagen kann das Überschreiten teuer werden, wobei ein Querschnitt keine Ursachen belegt.
O'connor K et al. Chronic Illn. 2019;15(1):51-60. PMID: 29231037 · DOI: 10.1177/1742395317746470 [Querschnitt]Fünf Grundsätze aus NICE und D-A-CH-Konsens
- Nicht kurativ, aber selbst geführt. NICE beschreibt Energiemanagement als Selbstmanagement, das von der betroffenen Person geführt wird, mit fachlicher Unterstützung.
- Alle Belastungen zählen, kognitive, körperliche, emotionale und soziale.
- Keine automatische Steigerung. Nach dem D-A-CH-Konsens ist es ausdrücklich kein Ziel von Pacing, die Leistungsgrenzen schrittweise zu steigern.
- Ruhe vor der Erschöpfung. NICE nennt vorsorgliche Ruhe als festen Bestandteil, also Ruhe, bevor die Erschöpfung kommt.
- Beobachten, um zu verstehen. Aktivitätstracker, Herzfrequenzmessung oder ein Tagebuch können das eigene Muster sichtbar machen. Pulsuhren ersetzen nach dem D-A-CH-Konsens aber nicht die Einübung von Selbstbeobachtung.
Die Idee der individuellen Schwelle
Unterhalb der ventilatorischen Schwelle gewinnt der Körper seine Energie überwiegend mit Sauerstoff. In der Studie von Keller sank die Sauerstoffaufnahme an dieser Schwelle bei ME/CFS am zweiten Tag, bei den Kontrollen nicht. Daraus leitet sich die Idee ab, Aktivität unterhalb einer persönlichen Schwelle zu halten. Das ist mechanistisch plausibel. Belegt ist es kaum.
Ein Team um Clague-Baker befragte in einer internationalen Online-Umfrage 488 Menschen mit ME/CFS zu Pacing mit Herzfrequenzmessung.
Das Team hält fest, dass es dazu nur eine einzige Studie gibt, obwohl mehrere Leitlinien die Methode empfehlen. Die Teilnehmenden nannten über 30 Vorteile und über 30 Nachteile und berichteten, dass die Pulsmessung Schwere und Dauer ihrer PEM verringert habe.
Für dich heißt das: Viele erleben die Pulsuhr als nützlich, geprüft ist sie kaum, und die Angaben beruhen auf Selbstauskunft.
Clague-Baker N et al. Work. 2023;74(4):1225-1234. PMID: 36938766 · DOI: 10.3233/WOR-220512 [Querschnitt, Online-Umfrage, n=488]Warum hier keine Pulsgrenze steht
Im Netz kursieren Faustformeln für eine Pulsgrenze beim Pacing. Eine validierende Studie dafür habe ich nicht gefunden. Zu hoch angesetzt, kann eine solche Zahl falsche Sicherheit geben, zu niedrig angesetzt, kann sie unnötig einschränken.
Bei orthostatischer Intoleranz, etwa beim posturalen Tachykardiesyndrom POTS, steigt der Puls schon im Stehen deutlich an, und auch Medikamente können den Puls beeinflussen. Die Einordnung gehört deshalb in ärztliche Hände, und ein Pulswert ist kein Grund, eine verordnete Medikation eigenständig zu verändern.
Wie genau Uhren und Ringe überhaupt messen, beschreibt der Artikel Schlaftracker: was sie messen und wie genau sie sind. Und falls dir jemand Zone-2-Training empfiehlt: Das ist ein Konzept für Menschen ohne Belastungsintoleranz, das sich nach heutigem Stand nicht ohne Weiteres auf PEM übertragen lässt. Worum es dabei geht, steht unter Zone 2 Training verstehen.
Ein Team um Ghali analysierte die Akten von 197 Erwachsenen mit ME/CFS am Universitätsklinikum Angers in Frankreich.
Bei 27 von 197, also 13,7 Prozent, gingen neue oder untypische Symptome einer Verschlechterung voraus, am häufigsten Stimmungsstörungen, und bei diesen Menschen war die PEM weniger intensiv.
Für dich heißt das: Wer seine Vorboten kennt, könnte früher bremsen. Das ist eine Hypothese aus Akten, keine geprüfte Methode.
Ghali A et al. J Clin Med. 2021;10(11):2517. PMID: 34200126 · DOI: 10.3390/jcm10112517 [Kohorte, retrospektiv, n=197]Wie gut ist Pacing belegt?
Ein Team um Casson fasste 14 randomisierte Studien zu Pacing-Programmen zusammen, allein oder kombiniert mit anderen Verfahren.
Verglichen mit keiner Behandlung oder üblicher Versorgung gingen die Programme mit weniger Fatigue, weniger psychischer Belastung und besserer körperlicher Funktion einher. Die größten Verbesserungen zeigten allerdings Programme, die eine schrittweise Steigerung körperlicher und geistiger Aktivitäten einschlossen.
Für dich heißt das: Was dort Pacing hieß, ist nicht deckungsgleich mit dem Energiemanagement ohne Steigerungsziel, das NICE und der D-A-CH-Konsens beschreiben.
Casson S et al. Disabil Rehabil. 2023;45(23):3788-3802. PMID: 36345726 · DOI: 10.1080/09638288.2022.2135776 [Meta-Analyse, k=14 RCT]Ein Team um Parker begleitete Menschen mit Post-COVID-Syndrom sechs Wochen lang mit einem strukturierten Pacing-Protokoll und wöchentlichen Telefonaten.
Bei den 31, die das Protokoll abschlossen, sank die durchschnittliche Zahl der Verschlechterungen nach Belastung von 3,4 in der ersten auf 1,1 in der sechsten Woche.
Für dich heißt das: Abstürze wurden in dieser kleinen Gruppe seltener, doch ohne Kontrollgruppe bleibt offen, was am Pacing lag und was am natürlichen Verlauf.
Parker M et al. J Med Virol. 2023;95(1):e28373. PMID: 36461167 · DOI: 10.1002/jmv.28373 [Kohorte, ohne Kontrollgruppe, n=31]Ein Konsensdokument von Goudsmit und Kollegen fasst den Hintergrund zusammen: In Umfragen von Patientenorganisationen wurde Pacing durchgehend als eine der hilfreichsten Strategien bewertet, während die wissenschaftliche Literatur dazu dünn ist. Das Autorenteam schlägt vor, dass Pacing helfen kann, den Zustand zu stabilisieren und PEM zu vermeiden, ausdrücklich als Vorschlag und nicht als bewiesene Therapie.
Pacing, sortiert nach Evidenzstufen
- Belegt durch RCTs und Meta-Analysen
- Pacing-Programme zeigen mäßige Effekte, die größten aber mit Steigerungselementen. Für Energiemanagement ohne Steigerungsziel fehlen gute Vergleichsstudien.
- Mechanistisch plausibel, Humanstudien dünn
- Die individuelle Schwelle stützt sich auf Belastungsstudien und Physiologie. Zur Pulsmessung beim Pacing gibt es nach einer Umfrage nur eine einzige Studie.
- Klinische Tradition ohne starke Studienbasis
- Energiehaushalt, vorsorgliche Ruhe und Tagebuch stammen aus Konsens, Theorie, Umfragen und unkontrollierten Kohorten. NICE und der D-A-CH-Konsens empfehlen sie dennoch als Grundlage.
- Klinisch beobachte ich
- dass viele Menschen den Zusammenhang zwischen Belastung und Absturz erst erkennen, wenn sie ihn schwarz auf weiß sehen, und dass das oft Schuldgefühle kleiner macht. Das ist eine Erfahrung, kein Studienergebnis.
Pacing ist nicht Aufgeben. Pacing ist die Entscheidung, heute weniger auszugeben, damit morgen noch etwas da ist. Und es gehört ehrlich dazugesagt: Nach NICE ist es nicht kurativ, sondern ein Umgang mit der Erkrankung mit dem Ziel, Abstürze seltener zu machen, während die Forschung nach Ursachen sucht.
Und jetzt weißt du, warum der wichtigste Moment beim Pacing nicht der Crash ist, sondern die halbe Stunde davor, in der du noch die Wahl hast.
Long COVID und PEM: was die großen Kohorten zeigen
Viele Menschen kennen dieses Muster: vorher sportlich und voll im Beruf, dann eine milde Infektion, und seitdem reicht manchmal ein Einkauf, um für Tage außer Gefecht zu sein. Die Pandemie hat es einer großen Öffentlichkeit bekannt gemacht und zum ersten Mal große Kohorten geliefert.
Ein Team um Davis befragte über Selbsthilfegruppen und soziale Medien 3.762 Menschen aus 56 Ländern mit bestätigtem oder vermutetem COVID-19.
Nach dem sechsten Monat waren Fatigue, PEM und kognitive Störungen die häufigsten Symptome, und 85,9 Prozent erlebten Rückfälle, vor allem ausgelöst durch Sport, körperliche oder geistige Aktivität und Stress.
Für dich heißt das: Rückfälle nach Aktivität waren in dieser Gruppe die Regel, in einer Stichprobe, die nicht repräsentativ ist.
Davis HE et al. EClinicalMedicine. 2021;38:101019. PMID: 34308300 · DOI: 10.1016/j.eclinm.2021.101019 [Querschnitt, Online-Umfrage, n=3.762]In der US-Kohorte RECOVER gehörte PEM zu den Symptomen, aus denen ein Team um Thaweethai bei 9.764 Erwachsenen eine Definition für Long COVID entwickelte. Von 2.231 Menschen, die sich ab dem 1. Dezember 2021 erstmals infiziert hatten und innerhalb von 30 Tagen eingeschlossen wurden, erfüllten nach sechs Monaten 10 Prozent diese Definition. Die Zahl gilt nur für diese Untergruppe.
Ein Team um Vernon legte in RECOVER die IOM-Kriterien von 2015 an Teilnehmende an, die mindestens sechs Monate nach der Infektion untersucht wurden und vorher keine ME/CFS hatten.
4,5 Prozent der Infizierten, 531 von 11.785, erfüllten die Kriterien, gegenüber 0,6 Prozent, 9 von 1.439, ohne Infektion. Für die Neuerkrankungsrate bei Teilnehmenden, die ab der Infektion begleitet wurden, im Vergleich mit passenden Nichtinfizierten gibt das Team ein Hazard Ratio von 4,93 mit einem Konfidenzintervall von 3,62 bis 6,71 an. PEM war bei den Infizierten das häufigste ME/CFS-Symptom, mit 24,0 Prozent, also 2.830 von 11.785.
Für dich heißt das: Etwa jede vierte infizierte Person in RECOVER berichtete PEM. Die Diagnose beruht dort auf selbst berichteten Symptomen, die schwanken können.
Vernon SD et al. J Gen Intern Med. 2025;40(5):1085-1094. PMID: 39804551 · DOI: 10.1007/s11606-024-09290-9 [Kohorte, prospektiv, RECOVER-Adult]Ein Team um Pouliopoulou fasste Studien zur Häufigkeit von PEM bei Erwachsenen mit Post-COVID-Condition und Studien zur Rehabilitation zusammen.
In zehn Studien mit 4.076 Teilnehmenden lag die Häufigkeit von PEM bei 25 Prozent, mit niedriger Vertrauenswürdigkeit der Evidenz. Fünf Studien fanden nach individuell angepasster Rehabilitation mit Pacing-Elementen seltenere PEM-Episoden, sieben keine Hinweise auf Verschlechterungen durch den Bewegungsanteil, alle mit hohem bis sehr hohem Verzerrungsrisiko, und das Team betont eine Untergruppe ohne PEM.
Für dich heißt das: Nicht alle Menschen mit Long COVID haben PEM. Für Menschen ohne PEM kann begleitete, angepasste Bewegung nach begrenzter Evidenz ohne Rückschlag möglich sein.
Pouliopoulou DV et al. Arch Phys Med Rehabil. 2025;106(8):1267-1278. PMID: 39921187 · DOI: 10.1016/j.apmr.2025.01.471 [Systematischer Review mit Meta-Analyse]Ein Team um Kedor untersuchte 42 Menschen mit schwerer Fatigue und Belastungsintoleranz sechs Monate nach COVID-19 in der ersten Pandemiewelle, ein Team um Legler an der Charité in Berlin 106 Menschen über bis zu 20 Monate.
In der ersten Kohorte erfüllten 19 von 42 die Kanadischen Konsenskriterien für ME/CFS, mit ähnlicher Krankheitslast wie bei ME/CFS ohne COVID-Bezug und verminderter Handkraft bei den meisten. In der zweiten blieben die Beschwerden bei ME/CFS bis zu 20 Monate schwer, während sich die Gruppe ohne ME/CFS-Kriterien insgesamt besserte, und eine niedrigere Handkraft zu Beginn ging mit anhaltenden Beschwerden einher.
Für dich heißt das: Wer nach COVID-19 die ME/CFS-Kriterien erfüllt, hat in diesen ausgewählten Kohorten häufiger einen langen Verlauf. Über 20 Monate hinaus erlauben die Daten keine Aussage.
Kedor C et al. Nat Commun. 2022;13(1):5104. PMID: 36042189 · DOI: 10.1038/s41467-022-32507-6 [Kohorte, prospektiv, n=42]Legler F et al. EClinicalMedicine. 2023;63:102146. PMID: 37662515 · DOI: 10.1016/j.eclinm.2023.102146 [Kohorte, prospektiv, n=106]
Warum diese Zahlen nicht gegeneinander gerechnet werden
24,0 Prozent beziehen sich auf alle Infizierten einer US-Kohorte, 25 Prozent auf Erwachsene, die bereits Post-COVID-Beschwerden haben, und 19 von 42 auf eine Gruppe, die wegen schwerer Erschöpfung ausgewählt wurde. Wer diese Werte verrechnet, bekommt ein schiefes Bild. Gemeinsam zeigen sie nur: PEM ist nach COVID-19 kein Randphänomen, und sie betrifft längst nicht alle.
Long COVID ist nicht gleich PEM, und PEM ist nicht gleich ME/CFS. Wer aber nach einer Infektion verzögert abstürzt, verdient dieselbe sorgfältige Frage wie ein Mensch mit ME/CFS: Ist das PEM? Davon hängt ab, welcher Plan passt.
Und jetzt weißt du, warum die erste Frage bei Erschöpfung nach COVID-19 nicht lautet, wie viel du trainieren darfst, sondern ob dein Körper nach Belastung verzögert einbricht.
Was du in Deutschland erwarten kannst und warum Anerkennung zur Behandlung gehört
Vielleicht hast du schon mehrere Praxen gesehen. Blutwerte unauffällig, Herz unauffällig, und am Ende bleibt keine Erklärung für das, was du jeden Tag erlebst. Zur Erschöpfung kommt dann das Gefühl, nicht geglaubt zu werden.
Der Gemeinsame Bundesausschuss beschloss am 21. Dezember 2023 eine Richtlinie für eine koordinierte, berufsgruppenübergreifende Versorgung bei Verdacht auf Long COVID oder auf eine Erkrankung mit ähnlicher Ursache oder Krankheitsausprägung. Sie trat am 9. Mai 2024 in Kraft und kann seit dem 1. Januar 2025 in der Versorgung ihre Wirkung entfalten.
Eine ärztliche Ansprechperson, in der Regel die Hausärztin oder der Hausarzt, koordiniert Untersuchungen sowie Behandlungs- und Unterstützungsmöglichkeiten und steuert die Einbindung von Facharztgruppen und weiteren Gesundheitsberufen bis hin zu Spezialambulanzen für besonders schwer Erkrankte. Die Themenseite des G-BA nennt ME/CFS ausdrücklich im Titel.
Für dich heißt das: Der erste Weg führt in der Regel über die Hausarztpraxis. Über Wartezeiten und Kapazitäten sagt das allein noch nichts.
Gemeinsamer Bundesausschuss (G-BA). Long-COVID-Richtlinie (LongCOV-RL). Beschluss vom 21.12.2023, in Kraft seit 09.05.2024. g-ba.de [Richtlinie]Fünf Bausteine auf dem Weg zur Diagnose
Gezielte Fragen zur PEM
Auslöser, Verzögerung und Dauer der Erholung, auch nach geistiger und emotionaler Belastung, gern mit strukturierten Fragebögen.
Andere Ursachen prüfen
Herz und Lunge, Blutbild und Eisenstatus, Schilddrüse, Entzündungswerte, Schlafapnoe und die Frage nach einer Depression.
Anerkannte Kriterien anlegen
Etwa die IOM-Kriterien von 2015 oder die Kanadischen Konsenskriterien. Nach NICE ist die Diagnose schon nach drei Monaten möglich, wenn nichts anderes die Beschwerden erklärt.
Schweregrad und Begleitsymptome
Orthostatische Intoleranz, Schlaf, Schmerzen und kognitive Einschränkungen gehören mit in das Bild.
Gemeinsam planen
Energiemanagement, Linderung einzelner Symptome, Unterstützung in Alltag und Beruf und, wenn gewünscht, psychosoziale Begleitung.
Wie Eisenmangel Erschöpfung verursachen kann, beschreibt der Artikel Eisenmangel, Müdigkeit und Erschöpfung, und wenn dein Schlaf nicht erholt, lohnt ein Blick auf Schlafapnoe erkennen. Beides ist keine PEM, kann Erschöpfung aber verstärken, neben ihr bestehen oder mit ihr verwechselt werden.
Warum Anerkennung zur Behandlung gehört
Ein Team um Froehlich befragte online 499 Menschen in Deutschland, die die Kanadischen Konsenskriterien erfüllten und PEM von 14 Stunden oder länger angaben.
Die Teilnehmenden nannten häufig räumliche und finanzielle Gründe, warum sie vorhandene Angebote nicht nutzen konnten, und berichteten eine geringe Zufriedenheit mit ihrer ärztlichen Versorgung. Das Team folgert eine medizinische Unterversorgung und nennt 2021, also vor den Long-COVID-Daten, eine Schätzung von über 300.000 Betroffenen in Deutschland. Das IQWiG kam 2023 für die Zeit vor der Pandemie auf etwa 140.000 bis 310.000.
Für dich heißt das: Wenn du dich im System verloren fühlst, ist das ein Versorgungsproblem und kein persönliches Versagen.
Froehlich L et al. Medicina (Kaunas). 2021;57(7):646. PMID: 34201825 · DOI: 10.3390/medicina57070646 [Querschnitt, Online-Umfrage, n=499]Aus den USA stammt eine ältere Schätzung in dieselbe Richtung: Das IOM ging 2015 von 836.000 bis 2,5 Millionen Betroffenen aus, von denen 84 bis 91 Prozent noch keine Diagnose hatten. Übertragen lässt sich das nicht, aber es zeigt, wie leicht die Erkrankung übersehen wird.
Ein Team um Wormgoor wertete zwei Online-Befragungen aus Norwegen zu 788 Reha-Aufenthalten, 86 Konsultationen und 89 Klinikbehandlungen bei ME/CFS aus.
PEM wurde nur in 48 Prozent der Reha-Aufenthalte berücksichtigt. Wurde sie beachtet, berichteten 40,1 Prozent eine Verschlechterung ihres Gesundheitszustandes, wurde sie nicht beachtet, waren es 63,2 Prozent, und ein Fokus auf PEM ging mit höherer Zufriedenheit einher.
Für dich heißt das: Ob PEM ernst genommen wurde, hing messbar mit dem Verlauf zusammen, in rückblickenden Selbstauskünften, die einen Zusammenhang zeigen und keinen Beweis für Ursache und Wirkung.
Wormgoor MEA, Rodenburg SC. Front Neurol. 2023;14:1247698. PMID: 38107643 · DOI: 10.3389/fneur.2023.1247698 [Querschnitt, Umfragen]Wer PEM als Symptom erkennt, wird eher keinen Steigerungsplan verordnen, der den nächsten Absturz provozieren kann. Wer sie übersieht, tut das womöglich mit den besten Absichten. Anerkennung ist deshalb nicht der Trostpreis, wenn es keine ursächliche Therapie gibt. Sie gehört für mich zur Behandlung.
In meiner Sprechstunde verbinde ich die klassische Abklärung mit einem funktionellen Blick. Zuerst geht es um das, was häufig ist und gut behandelbar sein kann: Eisenmangel, Schilddrüse, Schlaf, Blutzuckerregulation, stille Entzündung und, je nach Vorgeschichte, Feuchteschäden in der Wohnung. Dann um die Frage, ob das Muster einer PEM vorliegt, denn beides schließt sich nicht aus. Klinisch beobachte ich, dass Menschen oft erleichtert sind, wenn ihre Erschöpfung ein Muster bekommt, das sich beschreiben lässt. Das ist eine Beobachtung, kein Studienergebnis, und sie ersetzt weder eine Spezialambulanz bei schwerer Erkrankung noch eine psychotherapeutische oder psychiatrische Behandlung, wenn diese angezeigt ist.
Drei Hebel für die nächsten Wochen
- Ein Belastungs- und Symptomtagebuch führen, das die Tage nach einer Belastung mit einbezieht. Es kann das Muster sichtbar machen und eine gute Grundlage für das ärztliche Gespräch sein.
- Bei Verdacht auf PEM Ruhe einplanen, bevor die Grenze erreicht ist, und gute Tage nicht zum Nachholen nutzen. Das gehört zum Kern von Energiemanagement nach NICE und D-A-CH-Konsens.
- Die Erschöpfung ärztlich abklären lassen, andere Ursachen prüfen und die Frage nach PEM ausdrücklich stellen, meist zuerst in der Hausarztpraxis. Bei akuten Warnzeichen oder Suizidgedanken sofort Hilfe holen, die Nummern stehen oben im Kasten.
Wenn du nicht nur lesen, sondern deine Erschöpfung mit ärztlicher Begleitung einordnen möchtest: Unterhalb dieses Artikels findest du die Möglichkeit, einen Termin zu vereinbaren.
Und jetzt weißt du, warum der wichtigste Satz in einer Praxis manchmal nicht lautet, was du tun sollst, sondern: Ich nehme das ernst, und wir schauen genau hin.
Häufige Fragen zu Post-Exertional Malaise und Pacing
Was bedeutet Post-Exertional Malaise auf Deutsch?
Wörtlich heißt es Unwohlsein nach Anstrengung, gebräuchlich sind auch Belastungsintoleranz oder Crash. Gemeint ist eine Verschlechterung nach körperlicher, geistiger oder emotionaler Belastung, die oft verzögert einsetzt, in keinem Verhältnis zur Belastung steht und eine lange Erholung braucht. Die britische Leitlinie NICE beschreibt sie als häufig um Stunden oder Tage verzögert, mit einer Erholung über Stunden, Tage, Wochen oder länger. Das Institute of Medicine machte PEM 2015 zu einem von drei Pflichtsymptomen für die Diagnose ME/CFS.
Wie lange nach einer Belastung setzt PEM ein, und wie lange hält ein Crash an?
Das ist individuell verschieden. Der D-A-CH-Konsens nennt eine Verzögerung von oft 12 bis 72 Stunden, die Verschlechterung kann aber auch unmittelbar kommen. In einer Umfrage unter 150 Menschen mit CFS berichteten nur 11 Prozent eine feste Verzögerung von mindestens 24 Stunden, 84 Prozent erlebten PEM für 24 Stunden oder länger. In Fokusgruppen berichteten 17 von 18 Befragten nach einem Belastungstest, dass die Beschwerden innerhalb von 24 Stunden begannen und innerhalb von 72 Stunden ihren Höhepunkt erreichten. Die Erholung kann Tage, Wochen oder länger dauern.
Ist PEM dasselbe wie Muskelkater oder schlechte Kondition?
Nein. Muskelkater betrifft die beanspruchten Muskeln, und fehlende Kondition lässt sich meist mit behutsamem Training verbessern. PEM betrifft oft den ganzen Körper und das Denken und kann auch nach geistiger oder emotionaler Anstrengung auftreten. In einer Studie mit zwei Belastungstests im Abstand von 24 Stunden unterschieden sich Frauen mit CFS am ersten Tag nicht von sitzend lebenden Kontrollen, am zweiten Tag lagen Sauerstoffaufnahme und Leistung deutlich niedriger. Eine Muskelstudie von 2026 fand zudem, dass sich die Befunde bei Long COVID und ME/CFS von denen nach 60 Tagen Bettruhe unterscheiden.
Kann auch Denken, Reden oder Stress eine PEM auslösen?
Ja. NICE bezieht Energiemanagement ausdrücklich auf kognitive, körperliche, emotionale und soziale Aktivität. In einer Umfrage unter 150 Menschen mit CFS erlebten 90 Prozent PEM sowohl nach körperlicher als auch nach geistiger Anstrengung und nach emotionaler Belastung. Der D-A-CH-Konsens nennt zusätzlich orthostatische und sensorische Belastung, also etwa langes Stehen oder eine laute, helle Umgebung. Ein langes Telefonat oder ein Arzttermin mit Anfahrt kann deshalb genauso zählen wie ein Spaziergang.
Wie wird ME/CFS diagnostiziert, und gibt es einen Bluttest?
Einen etablierten Bluttest, der ME/CFS nachweist, gibt es bisher nicht. Die Diagnose stützt sich auf klinische Kriterien und den Ausschluss anderer Ursachen. Nach den IOM-Kriterien von 2015 braucht es eine deutliche Einschränkung früherer Aktivitäten über mehr als sechs Monate mit Erschöpfung, dazu PEM und nicht erholsamen Schlaf sowie kognitive Einschränkungen oder orthostatische Intoleranz. NICE erlaubt die Diagnose schon nach drei Monaten, wenn nichts anderes die Beschwerden erklärt. Zur Abklärung gehören je nach Beschwerdebild Herz und Lunge, Blutarmut und Eisenstatus, Schilddrüse, Schlafapnoe und die Frage nach einer Depression.
Was ist die Ursache von ME/CFS?
Die Ursache ist nicht abschließend geklärt. Eine deutsche Übersichtsarbeit beschreibt ME/CFS als neuroimmunologische Erkrankung, die meist nach einer Infektion beginnt. In der US-Kohorte RECOVER erfüllten nach einer SARS-CoV-2-Infektion 4,5 Prozent die ME/CFS-Kriterien, ohne Infektion 0,6 Prozent, wobei die Diagnose dort auf Selbstauskunft beruht. Diskutiert werden Veränderungen im Immunsystem, an den kleinen Gefäßen und im Muskelstoffwechsel, überwiegend aus kleinen, teils widersprüchlichen Studien. Eine ursächliche Therapie ist bisher nicht etabliert.
Sollte ich einen Zwei-Tages-Belastungstest machen lassen?
Außerhalb von Studien rät der D-A-CH-Konsens davon ab, weil der Test bei ME/CFS zu einer dauerhaften Verschlechterung des Gesundheitszustandes führen kann. Auch die Aussagekraft ist umstritten. Die bisher größte Studie mit 84 Betroffenen und 71 Kontrollen fand am zweiten Tag Abfälle im Bereich einstelliger Prozentwerte, eine Studie von 2026 mit 58 Betroffenen und 25 Kontrollen fand bei der maximalen Sauerstoffaufnahme keine Veränderung. Ein unauffälliger Test schließt PEM nicht aus, und ein auffälliger ist allein kein Beweis. Schonendere Bausteine sind strukturierte Fragebögen und eine wiederholte Handkraftmessung in der Praxis.
Warum wird gestufte Aktivierungstherapie bei ME/CFS nicht mehr empfohlen?
Die britische Leitlinie NICE rät seit 2021 davon ab, Menschen mit ME/CFS Programme mit festen Steigerungsschritten anzubieten, ausdrücklich auch keine gestufte Aktivierungstherapie. Hintergrund sind methodische Einwände gegen frühere Studien, etwa überwiegend selbstberichtete Endpunkte und ältere Diagnosekriterien, sowie Berichte von Betroffenen über Verschlechterungen. Die Neubewertung ist umstritten: 51 Fachleute kritisierten das Verfahren, eine Erwiderung wies die Kritik zurück. Das deutsche IQWiG fand 2023 in zwei Studien bei leichter bis moderater ME/CFS statistisch signifikante, aber im Mittel nur kleine Vorteile, konnte einen Schaden durch schwerwiegende Nebenwirkungen aber nicht ausschließen und leitete deshalb in der Gesamtabwägung keinen Anhaltspunkt für einen Nutzen der GET ab.
Was ist Pacing, und wie fange ich an?
Pacing bedeutet, Aktivität so einzuteilen, dass sie innerhalb der gerade verfügbaren Energie bleibt, mit dem Ziel, Abstürze seltener zu machen. NICE beschreibt Energiemanagement als selbst geführtes Management aller Arten von Aktivität, mit vorsorglicher Ruhe und ohne automatische Steigerung, und betont, dass es nicht kurativ ist. Ein erster Schritt kann ein Tagebuch sein, das Belastung und Befinden über mehrere Tage nebeneinanderstellt, weil der Absturz oft verzögert kommt. Die Studienlage ist dünn, deshalb gehört Pacing in ärztliche oder therapeutische Begleitung, die auch andere Ursachen im Blick behält.
Kann eine Pulsuhr beim Pacing helfen, und gibt es eine richtige Pulsgrenze?
Eine Pulsuhr kann ein Werkzeug sein, eine validierte Grenze liefert sie nicht. NICE nennt Herzfrequenzmessung als mögliches Hilfsmittel, und der D-A-CH-Konsens schreibt, Pulsuhren könnten hilfreich sein, ersetzten aber nicht die Einübung von Selbstbeobachtung. Laut einer internationalen Umfrage mit 488 Teilnehmenden gibt es zum Pacing mit Pulsuhr nur eine einzige Studie. Faustformeln aus dem Netz sind nicht validiert, deshalb nenne ich keine. Bei orthostatischer Intoleranz wie POTS steigt der Puls schon im Stehen deutlich an, und die individuelle Einordnung gehört in ärztliche Hände.
Ist Bewegung bei PEM grundsätzlich verboten?
Nein. Die Botschaft lautet nicht, Bewegung zu meiden, sondern keinem starren Steigerungsplan zu folgen. Wünscht sich jemand mit ME/CFS ein Bewegungsprogramm, soll es nach NICE auf einem Niveau beginnen, das die Beschwerden nicht verschlechtert, anfangs sogar unterhalb dieser Grundlinie, begleitet von Physiotherapie in einem Spezialteam. Welche Bewegung im Alltag möglich bleibt, ist individuell. Für Menschen ohne PEM gilt diese Vorsicht so nicht: Bei fehlender Kondition, bei Burnout ohne Belastungsintoleranz oder bei einer Depression kann angepasste Bewegung ein sinnvoller Baustein sein.
Ich habe Long COVID und bin nach Belastung erschöpft: was kann ich tun?
Zuerst ärztlich abklären lassen, ob andere Ursachen dahinterstecken, etwa Herz, Lunge, Blutarmut, Schilddrüse, Schlafapnoe oder eine Depression. Danach lohnt die Frage, ob die Erschöpfung das Muster einer PEM hat: verzögert, unverhältnismäßig, mit langer Erholung. In RECOVER berichteten 24,0 Prozent aller Infizierten PEM, eine Meta-Analyse kommt bei Erwachsenen mit Post-COVID-Beschwerden auf 25 Prozent, wobei beide Zahlen Verschiedenes messen. Nicht alle haben also PEM, und das beeinflusst, welche Bewegung und Rehabilitation passt. Liegt PEM vor, sprechen Leitlinie und Konsens für Energiemanagement statt Durchhalten, wobei ein Nutzennachweis aus kontrollierten Studien noch aussteht.
Wo finde ich in Deutschland Hilfe bei ME/CFS oder Long COVID?
Der erste Weg führt in der Regel über die Hausarztpraxis. Nach der Long-COVID-Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses koordiniert eine ärztliche Ansprechperson, meist die Hausärztin oder der Hausarzt, Untersuchungen und Behandlungsmöglichkeiten, auch bei Erkrankungen mit ähnlicher Ursache oder Krankheitsausprägung wie ME/CFS. Von dort können Fachärztinnen und Fachärzte, weitere Gesundheitsberufe und für besonders schwer Erkrankte Spezialambulanzen eingebunden werden. Die Richtlinie ist seit Mai 2024 in Kraft und kann seit Januar 2025 ihre Wirkung entfalten. Eine Befragung von 499 Betroffenen beschrieb 2021 eine deutliche Unterversorgung in Deutschland.
Wo dieser Artikel an den Rest des Blogs andockt
PEM steht selten allein. Sie berührt Burnout und Depression, Schlaf und Eisenstatus, Messgeräte und die Frage nach Bewegung. Hier zehn Wege, die von diesem Artikel aus weiterführen.
Chronische Fatigue: wenn dein Körper den Stecker zieht
Das Spektrum von chronischer Fatigue über ME/CFS bis zu verwandten Krankheitsbildern. Dort der Rahmen, hier das Leitsymptom.
Wenn du wissen willst, wann Bewegung passen kannSport bei chronischer Erschöpfung
Übertraining, Erholung und die Frage, wann Bewegung bei Erschöpfung sinnvoll sein kann und wann sie schaden kann.
Wenn die Erschöpfung eher seelisch klingtBurnout, Depression und Erschöpfungsdepression
Die Unterscheidung, die therapeutisch zählt, mit Respekt vor beiden Erkrankungen.
Wenn Dauerstress im Vordergrund stehtBurnout: Neurobiologie und Weg zurück
Was im Nervensystem bei chronischer Überlastung geschieht und wie ein integrativer Weg aussehen kann.
Wenn dich die Zellebene interessiertBurnout, Darm, Entzündung und Mitochondrien
Was an diesen Zusammenhängen belegt ist und was Hypothese bleibt.
Wenn die Wohnung eine Rolle spielen könnteChronische Erschöpfung und Schimmel
Feuchteschäden, Mykotoxine und die umweltmedizinische Seite der Erschöpfung.
Wenn du mit Uhr oder Ring misstSchlaftracker: was sie messen und wie genau
Wie verlässlich Puls, HRV und Schlafphasen am Handgelenk oder am Finger erfasst werden.
Wenn die Blutwerte noch offen sindEisenmangel, Müdigkeit und Erschöpfung
Warum Eisenmangel zu den häufigen und gut prüfbaren Ursachen von Erschöpfung gehört.
Wenn der Schlaf nicht erholtSchlafapnoe erkennen
Atemaussetzer in der Nacht als mögliche, oft übersehene Ursache für Erschöpfung am Tag.
Wenn es um Arbeit und Rückkehr gehtKrankschreibung und Wiedereinstieg
Dauer, Reha und Wiedereinstieg in den Beruf. Bei PEM gehört die eigene Belastungsgrenze von Anfang an in die Planung.
Wissenschaftliche Quellen
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- Pacing ist schwach belegt. Das IQWiG beschreibt einen eklatanten Studienmangel, die Meta-Analyse von Casson und Kollegen misst oft Programme mit Steigerungselementen, und zur Pulsuhr existiert laut Clague-Baker und Kollegen nur eine Studie. Eine validierte Pulsformel ließ sich nicht finden.
- Der Zwei-Tages-Test ist als Diagnostik umstritten, mit widersprüchlichen Studien und dem Risiko dauerhafter Verschlechterung. Der D-A-CH-Konsens ist ein Expertenkonsens, kein AWMF-Leitlinienverfahren.
- Muskel- und Gefäßbefunde stammen aus wenigen Arbeitsgruppen mit kleinen Fallzahlen und widersprechen sich zur Kapillardichte. Die Bettruhe-Studie von 2026 kommt aus derselben Gruppe wie die Appelman-Studie.
- Anstrengungspräferenz beruht auf einer kleinen Einzelstudie und ist als offene Debatte dargestellt. Die Abgrenzung zur Depression stützt sich auf eine Studie mit 45 Personen und auf Expertenkonsens, und Vorboten eines Crashs sind nur in einer Aktenanalyse beschrieben.
- Long-COVID-Zahlen messen Verschiedenes und werden nicht verrechnet. In RECOVER beruht die Diagnose auf Selbstauskunft, das Konfidenzintervall der Rate bei Nichtinfizierten ist im Abstract offenbar fehlerhaft und wird nicht zitiert, und zur Studie von Kedor und Kollegen existiert eine Korrektur.
- Umfragen sind anfällig für Selbstauswahl, und der Zusammenhang zwischen beachteter PEM und weniger Verschlechterung ist kein Beleg für Ursache und Wirkung.
- Die adaptive Pacing-Therapie der PACE-Studie ist nicht dasselbe wie Energiemanagement nach NICE 2021. NICE ist eine britische Leitlinie mit Bindung an Spezialteams, und die Angaben zur G-BA-Richtlinie stammen aus Pressemitteilung und Themenseite.
- Was hier bewusst nicht steht. Keine Medikamente, keine Off-Label-Optionen, keine Nahrungsergänzungsmittel, keine Dosierungen, keine Pulsformel, kein Aktivitätsplan. Aus keinem Absatz folgt, dass ein verordnetes Medikament abgesetzt, reduziert oder ersetzt oder eine ärztliche, psychotherapeutische oder psychiatrische Behandlung aufgeschoben werden sollte. Beobachtungen aus meiner Sprechstunde sind als solche gekennzeichnet.