Was ist Ketamin wirklich? Geschichte, Chemie und medizinische Bedeutung
Eine vollständige Erklärung der Substanz, ihrer 60-jährigen Geschichte und ihrer heutigen Rolle in Anästhesie, Schmerztherapie und Psychiatrie, ohne Mystifizierung.
1. Eine Substanz, viele Geschichten
Wenn du in den Internetseiten nach was ist Ketamin suchst, bekommst du widersprüchliche Antworten. Pharmakologen nennen es einen NMDA-Rezeptor-Antagonisten. Anästhesisten schätzen es, weil es unter Überwachung gut steuerbar ist und Kreislauf und Atmung weniger dämpft als viele andere Narkosemittel. Psychiater sehen einen Hoffnungsträger gegen therapieresistente Depression. Boulevard-Medien sprechen von einer Partydroge. Tech-Magazine berichten über CEO-Konsum. Alle haben einen Aspekt der Wahrheit. Keiner zeichnet das vollständige Bild.
Eine Frage kommt im Erstgespräch fast immer: Ist das nicht eine Droge? Sie ist berechtigt, und sie lässt sich beantworten.
Im Aufklärungsgespräch helfen drei sachliche Bausteine: Ketamin wird seit etwa sechs Jahrzehnten in Operationssälen weltweit verwendet. Es ist von der WHO als unverzichtbares Arzneimittel gelistet. Und es ist ein Molekül, das je nach Setting in zwei sehr verschiedenen Welten vorkommt. Danach kommt oft die Frage, warum man darüber so wenig hört. Das hat Gründe: Die Anwendung bei Depression ist jung, sie ist überwiegend off-label, und sie gehört nicht in jede Sprechstunde. Genau deshalb schreibe ich diesen Artikel.
Ketamin ist nicht eine Sache, sondern viele. Es ist ein Anästhetikum, ein Schmerzmittel, ein Antidepressivum, eine missbrauchte Substanz und ein Forschungsobjekt. Welche dieser Identitäten relevant ist, hängt ausschließlich vom Kontext ab. Wer Ketamin verstehen will, muss diese Vielfalt aushalten und nicht in eine simple Schublade pressen.
2. Die chemische Wahrheit
Ketamin ist ein synthetisches Molekül, das 1962 vom Chemiker Calvin Stevens im Labor der Firma Parke-Davis hergestellt wurde. Die chemische Formel lautet C13H16ClNO. Es gehört zur Klasse der Arylcyclohexylamine, die mit Phencyclidin (PCP) eine gemeinsame Grundstruktur teilen. Im Gegensatz zu PCP hat Ketamin eine kürzere Wirkdauer und ein milderes dissoziatives Profil, was es klinisch handhabbarer macht.
Zwei Spiegelbilder, ein Molekül
Ketamin ist chiral, das heißt, es existiert in zwei spiegelbildlichen Formen, S-Ketamin und R-Ketamin. Diese beiden Formen haben unterschiedliche pharmakologische Profile.
- →Racemisches Ketamin: enthält gleiche Anteile S- und R-Ketamin, ab 1970 als Ketalar eingeführt, klassisches Anästhetikum, bei Depression off-label
- →S-Ketamin (Esketamin): nur das S-Enantiomer, als Injektionslösung seit 1997 in Deutschland für Narkose und Schmerztherapie zugelassen (Ketanest S), als Nasenspray seit 2019 in der EU für therapieresistente Depression (Spravato), beides verschreibungspflichtig
- →R-Ketamin: nur das R-Enantiomer, wird beforscht, ein eigenständiger Nutzen beim Menschen ist bisher nicht belegt
3. Die 60-jährige Reise einer Substanz
Synthese
Calvin Stevens synthetisiert Ketamin bei Parke-Davis als besser steuerbare Alternative zu Phencyclidin. Erste Tests im Labor.
Klinische Entwicklung
Erste Anwendung bei Menschen, 1970 Zulassung als Anästhetikum in den USA, damals unter dem Handelsnamen Ketalar. Danach breiter klinischer Einsatz, von Anfang an rezeptpflichtig und in ärztlicher Hand.
WHO Essential Medicine
Aufnahme in die WHO-Liste der unverzichtbaren Arzneimittel. Diese Liste umfasst Medikamente, die für eine funktionierende Gesundheitsversorgung essentiell sind.
Antidepressive Entdeckung
Berman und Kollegen veröffentlichen an der Yale University die erste Studie, die schnelle antidepressive Effekte von Ketamin bei Patientinnen und Patienten mit Depression zeigt.
Mechanismus aufgeklärt
Li und Kollegen zeigen in Science im Tiermodell, dass Ketamin über den mTOR-Signalweg neue synaptische Verbindungen anstoßen kann. Ein Wendepunkt in der Grundlagenforschung zur Depression.
Esketamin EU-Zulassung
Esketamin als Nasenspray, im Handel als Spravato, wird von der EMA für therapieresistente Depression zugelassen, zunächst als Zusatz zu einem oralen Antidepressivum. Erster offizieller Schritt von off-label zu zugelassener Indikation. Verschreibungspflichtig, Anwendung nur unter direkter ärztlicher Aufsicht.
NEJM Vergleichsstudie
Anand und Kollegen publizieren im New England Journal of Medicine eine offene, also nicht verblindete Non-Inferiority-Studie zu Ketamin gegenüber Elektrokrampftherapie bei therapieresistenter Depression ohne psychotische Symptome.
Forschung in alle Richtungen
Aktuelle Studien zu PTBS, akuter Suizidalität, chronischen Schmerzen, R-Ketamin, Microdosing, Mikrobiom-Interaktionen.
4. Wie Ketamin im Körper wirken kann
Ketamin ist primär ein NMDA-Rezeptor-Antagonist. NMDA-Rezeptoren sind eine Familie von Glutamat-Rezeptoren, die für viele Gehirnfunktionen wichtig sind. Glutamat ist der wichtigste erregende Neurotransmitter im Gehirn. Ketamin blockiert die Bindung von Glutamat an NMDA-Rezeptoren, was paradoxerweise zu einer kurzfristigen Steigerung der Glutamat-Übertragung an anderen Rezeptoren (AMPA) führen kann.
Krystal und Kollegen fassten 2024 in Neuropsychopharmacology den Stand zusammen. Die antidepressive Wirkung könnte auf einer Reorganisation glutamaterger Synapsen im präfrontalen Kortex beruhen. Diese Reorganisation könnte ein Zeitfenster erhöhter neuronaler Plastizität öffnen. Ob das die schnelle klinische Wirkung wirklich erklärt, ist noch nicht abschließend geklärt. Die Arbeit ist ein Übersichtsartikel und endet ausdrücklich als Fahrplan für künftige Studien.
Krystal JH et al. Ketamine and rapid antidepressant action. Neuropsychopharmacology. 2024;49(1):41-50. DOI: 10.1038/s41386-023-01629-w [Mechanismus-Review]Li und Kollegen zeigten in Science, dass Ketamin über den mTOR-Signalweg die Bildung neuer synaptischer Verbindungen anstoßen kann. Bei depressiven Tiermodellen entstand binnen Stunden nach Ketamin-Gabe ein messbarer Zuwachs an Dendriten und Synapsen im präfrontalen Kortex.
Li N et al. mTOR-dependent synapse formation underlies the rapid antidepressant effects of NMDA antagonists. Science. 2010;329(5994):959-964. DOI: 10.1126/science.1190287 [In vivo, Ratte, mechanistisch]Weitere relevante Effekte
Neben dem NMDA-Effekt hat Ketamin auch eine schwache Aktivität an Opioid-Rezeptoren, Sigma-Rezeptoren, Dopamin-D2-Rezeptoren und cholinergen Rezeptoren. Diese sekundären Effekte könnten zur Gesamtwirkung beitragen, ohne dass sie die Hauptwirkung erklären. Die antiinflammatorischen Eigenschaften und die mögliche Modulation des Darmmikrobioms sind weitere aktive Forschungsfelder.
5. Welche Formen von Ketamin gibt es in der Medizin?
Racemisches Ketamin
Die klassische Form, seit 1970 als Anästhetikum zugelassen. Wird in Anästhesie, Notfallmedizin und Schmerztherapie eingesetzt. Bei Depression ist die Anwendung von racemischem Ketamin off-label, also außerhalb der Zulassung. Es gibt dazu Studien, aber keine Zulassung und keine Leitlinienempfehlung als Standardtherapie. Off-label bedeutet: die Verantwortung liegt vollständig beim behandelnden Arzt, die Aufklärung muss gesondert und besonders ausführlich erfolgen, es gilt eine besondere ärztliche Begründungspflicht, und die Kosten trägt in aller Regel nicht die Kasse.
Damit du die Namen einordnen kannst: Racemisches Ketamin kam 1970 in den USA unter dem Handelsnamen Ketalar auf den Markt, der in einigen Ländern bis heute geführt wird. In Deutschland sind heute überwiegend Generika im Handel, die schlicht den Wirkstoffnamen tragen. Alle diese Injektionslösungen sind verschreibungspflichtig, sie sind in Deutschland aber nicht im Betäubungsmittelgesetz gelistet. Sie können Blutdruck und Herzfrequenz steigern und während der Anwendung dissoziative Zustände, Schwindel, Übelkeit, vermehrten Speichelfluss, Albträume und Verwirrtheit auslösen. Zurückhaltung gilt unter anderem bei schwerer koronarer Herzkrankheit, bei unkontrolliertem Bluthochdruck, bei erhöhtem Hirn- oder Augeninnendruck und bei psychotischen Störungen. Zu Dosierungen äußere ich mich hier bewusst nicht, sie gehören in die ärztliche Untersuchung. Ob eine solche Behandlung im Einzelfall in Frage kommt, gehört ins ärztliche Gespräch und nicht in einen Artikel.
Esketamin
Das S-Enantiomer. Es gibt zwei sehr verschiedene Darreichungsformen, und sie werden ständig verwechselt. Als Injektionslösung ist Esketamin in Deutschland seit 1997 für Narkose und Schmerztherapie zugelassen, im Handel unter dem Namen Ketanest S. Es hat dort das ältere racemische Präparat weitgehend abgelöst. Als Nasenspray ist Esketamin seit Dezember 2019 in der EU für therapieresistente Depression zugelassen, im Handel unter dem Namen Spravato, zunächst als Zusatz zu einem oralen Antidepressivum. Die Zulassung wurde seither erweitert. Am NMDA-Rezeptor bindet das S-Enantiomer deutlich stärker als das R-Enantiomer. Ob daraus auch eine stärkere antidepressive Wirkung folgt, ist damit noch nicht gesagt.
Wichtig ist der Rahmen. Beide Formen sind verschreibungspflichtig. Das Nasenspray darf nur in einer dafür qualifizierten Einrichtung unter direkter ärztlicher Aufsicht angewendet werden, mit Blutdruckmessung vor und nach der Gabe, mit Nachbeobachtung vor Ort und ohne Autofahren am Behandlungstag. Häufig berichtet werden Dissoziation, Schwindel, Drehschwindel, Übelkeit und Erbrechen, Benommenheit, Kopfschmerzen, Geschmacksstörungen, ein vermindertes Berührungsempfinden und ein Anstieg des Blutdrucks. Nicht angewendet werden darf es laut Zulassungsbehörde unter anderem bei krankhaft erweiterten oder geschwächten Gefäßwänden, bei einer Gefäßfehlbildung, nach einer Hirnblutung und nach einem kürzlich erlittenen Herzinfarkt. Die überwachte Anwendung ist kein Formalismus, sie ist die Antwort auf das Missbrauchs- und Abhängigkeitspotenzial der Substanz. Ob das für dich in Frage kommt, entscheidet sich in einer ärztlichen Untersuchung und nicht beim Lesen.
R-Ketamin
Das R-Enantiomer wird erforscht. Im Tiermodell zeigten sich Hinweise auf länger anhaltende Effekte bei geringerer Dissoziation. Beim Menschen ist das bisher nicht bestätigt. Eine Übersichtsarbeit von 2023 hält fest, dass randomisierte kontrollierte Studien für R-Ketamin keine signifikante antidepressive Wirksamkeit gegenüber Placebo zeigten, und rät deshalb zur Zurückhaltung bei der Bewertung. Ob und wann daraus ein zugelassenes Medikament wird, ist offen.
Orale und Lozenge-Formen
Ketamin-Lozenges (Pastillen zum langsamen Auflösen im Mund) werden vor allem in den USA eingesetzt. Die Bioverfügbarkeit ist deutlich niedriger als bei einer Infusion und schwankt stark, was die Dosierung unpräzise macht. In Deutschland sind orale Formen weniger verbreitet und für psychiatrische Indikationen nicht die primäre Wahl. Eine Anwendung zu Hause ohne ärztliche Überwachung ist keine geeignete Form der Behandlung.
6. Wofür Ketamin medizinisch eingesetzt wird
Anästhesie
Die ursprüngliche Hauptanwendung. Ketamin wird vor allem dort eingesetzt, wo Kreislaufstabilität wichtig ist, zum Beispiel in der Notfallmedizin, bei Massenanfällen, bei Kindern und in Entwicklungsländern, wo komplexe Anästhesiegeräte fehlen. Ketamin dämpft Atmung und Kreislauf weniger stark als viele andere Anästhetika. Der Blutdruck kann darunter sogar ansteigen. Das ist im Notfall oft ein Vorteil, bei schlecht eingestelltem Bluthochdruck oder Herzerkrankungen kann es aber ein Grund sein, Ketamin nicht oder nur unter Überwachung einzusetzen.
Schmerztherapie
Bei akuten schweren Schmerzen (Trauma, Verbrennungen) und bei chronischen Schmerzen, vor allem bei Opioid-Resistenz oder neuropathischen Schmerzen. Niedrig dosierte Ketamin-Infusionen können den Bedarf an Opioiden reduzieren und neuropathische Schmerzen lindern.
Psychiatrie
Die jüngste, aber dynamischste Anwendung. Therapieresistente Depression, akute Suizidalität, posttraumatische Belastungsstörung. Esketamin als Nasenspray, im Handel als Spravato, ist EU-zugelassen, racemisches Ketamin wird off-label eingesetzt. Beides ist verschreibungspflichtig, die Risiken und Vorsichtsgründe stehen weiter unten in diesem Abschnitt. Ketamin ersetzt weder eine laufende antidepressive Medikation noch eine Psychotherapie. Bestehende Medikamente dürfen nicht eigenmächtig abgesetzt werden.
Notfallmedizin
Bei akut suizidalen Krisen wird Ketamin in einigen Kliniken als schnell wirkende Intervention eingesetzt, immer im stationären oder notfallmedizinischen Rahmen und immer zusätzlich zur üblichen Behandlung. Die Datenlage dazu ist jünger und weniger eindeutig, als Schlagzeilen es nahelegen.
Eine französische Multicenter-Studie von Abbar und Kollegen hat 2022 im BMJ 156 Menschen in akuter suizidaler Krise untersucht. Sie erhielten zwei Infusionen, zu Beginn und nach 24 Stunden, jeweils zusätzlich zur üblichen Behandlung. Der primäre Endpunkt lag an Tag 3. Dort waren in der Ketamin-Gruppe 63 Prozent frei von Suizidgedanken, unter Placebo 31,6 Prozent.
Wichtig ist die Untergruppenanalyse: Der Effekt war vor allem bei bipolarer Störung deutlich. Bei unipolarer Depression zeigte sich in dieser Studie kein signifikanter Unterschied zu Placebo. Nach sechs Wochen war der Unterschied zwischen den Gruppen nicht mehr signifikant. Ausgeschlossen waren unter anderem Menschen mit Schizophrenie oder anderen psychotischen Störungen und mit Substanzabhängigkeit. Die Frage ist also nicht beantwortet, sondern nur präziser gestellt.
Abbar M et al. Ketamine for the acute treatment of severe suicidal ideation: double blind, randomised placebo controlled trial. BMJ. 2022;376:e067194. DOI: 10.1136/bmj-2021-067194. PMID: 35110300 [RCT, doppelblind, n=156, Effekt diagnoseabhängig]Risiken, Vorsichtsgründe und Grenzen
Zu einer ehrlichen Erklärung gehört die Risikoseite. Ketamin ist verschreibungspflichtig, und das aus guten Gründen. Die folgenden Punkte gehören in jedes Aufklärungsgespräch, bevor jemand über eine Behandlung nachdenkt.
- Herz und Kreislauf: Blutdruck und Herzfrequenz können ansteigen. Bei unkontrolliertem Bluthochdruck, koronarer Herzkrankheit, einem Aneurysma oder erhöhtem Hirndruck ist besondere Vorsicht nötig.
- Psyche: Während der Anwendung sind dissoziative Zustände, Angst und Verwirrtheit möglich. Menschen mit Schizophrenie oder anderen psychotischen Störungen waren in den hier zitierten Studien ausgeschlossen. Die Anwendung gilt in dieser Konstellation als besonders kritisch.
- Blase: Bei häufigem oder hochdosiertem Gebrauch kann eine ketamininduzierte ulzerative Zystitis auftreten, bis hin zu bleibendem Blasenschaden. Am besten belegt ist das für regelmäßigen Konsum außerhalb der Medizin. Es ist ein Grund, jede Wiederholung ärztlich zu begleiten.
- Missbrauch und Abhängigkeit: Ketamin hat ein Missbrauchs- und Abhängigkeitspotenzial. Häufiger Gebrauch kann außerdem mit Gedächtnisstörungen einhergehen.
- Leber und Niere: Bei wiederholter Anwendung gehören die Leberwerte kontrolliert. Bestehende Leber- oder Nierenerkrankungen verändern die Abwägung.
- Schwangerschaft und Stillzeit: Für die psychiatrische Anwendung fehlen ausreichende Daten. Sie wird dort nicht empfohlen.
- Kinder und Jugendliche: Für die psychiatrische Anwendung in dieser Altersgruppe fehlt eine belastbare Datenbasis.
- Fahrtüchtigkeit: Am Behandlungstag darfst du kein Fahrzeug führen und keine Maschine bedienen. Beim zugelassenen Nasenspray ist eine Nachbeobachtung in der Einrichtung vorgeschrieben.
- Wechselwirkungen: Benzodiazepine können die antidepressive Wirkung abschwächen. Alkohol, Opioide und blutdrucksteigernde Substanzen sind ebenfalls relevant. Alle Medikamente und Substanzen gehören vorher offengelegt.
- Kein Ersatz: Ketamin ersetzt weder eine Psychotherapie noch eine bestehende Medikation. Nichts davon darf eigenmächtig abgesetzt werden.
Short und Kollegen haben die erste systematische Übersicht zu Nebenwirkungen von Ketamin bei Depression vorgelegt, aus 60 eingeschlossenen Arbeiten. Nach akuter Gabe wurden psychiatrische, psychotomimetische, kardiovaskuläre und neurologische Nebenwirkungen häufiger berichtet als unter Placebo. Die Autorinnen und Autoren halten fest, dass Daten zur Langzeitanwendung und zu wiederholten Gaben bisher nur begrenzt erhoben wurden. Das heißt: Die Sicherheit über längere Zeiträume ist nicht abschließend geklärt.
Short B et al. Side-effects associated with ketamine use in depression: a systematic review. Lancet Psychiatry. 2018;5(1):65-78. DOI: 10.1016/S2215-0366(17)30272-9. PMID: 28757132 [Systematische Übersicht, Sicherheit]7. Vier KPNI-Linsen auf die Substanz Ketamin
Die folgenden vier Linsen ordnen ein, wo Ketamin ansetzen könnte. Wo ich keine Studie nenne, handelt es sich um eine physiologische Überlegung und nicht um einen beim Menschen belegten Wirkweg.
Nervensystem: das Glutamat-System
Ketamin greift primär am Glutamat-System an, dem zentralen Erregungs-System des Gehirns. Diese Position als NMDA-Antagonist unterscheidet es grundlegend von klassischen Antidepressiva, die am Serotonin- oder Noradrenalin-System angreifen. Es ist die erste Substanz, deren Wirkung über diesen Weg beim Menschen breit klinisch untersucht wurde.
Immunsystem: antiinflammatorische Effekte
Ketamin könnte antiinflammatorische Eigenschaften haben, die für die Depressionsbehandlung relevant sein könnten. Chronische niedriggradige Neuroinflammation gilt als ein Faktor in der Pathophysiologie der Depression. Ketamins Modulation dieser Entzündung könnte einen Teil der antidepressiven Wirkung erklären.
Stoffwechsel: BDNF und Mitochondrien
Ketamin könnte die Freisetzung von BDNF (Brain-Derived Neurotrophic Factor) anregen, einem zentralen Wachstumsfaktor für Synapsen. Dies könnte mit einer Modulation der mitochondrialen Aktivität in Neuronen zusammenhängen, was die langfristige Wirkung auf die zelluläre Energiebasis erklären könnte.
Hormonsystem: die Stressachse, eine offene Frage
Ob Ketamin die Stressachse beeinflusst, ist offen. Eine Crossover-Studie mit 42 Patientinnen und Patienten mit therapieresistenter Depression hat 2024 geprüft, ob die Ausgangswerte der HPA-Hormone vorhersagen, wer auf Ketamin anspricht. Das war nicht der Fall. Die Autorinnen und Autoren fanden lediglich einen Zusammenhang zwischen ACTH und CRF und der Dauer der depressiven Episoden. Ein Biomarker für das Ansprechen auf Ketamin ist damit nicht gefunden.
Georgiou und Kollegen untersuchten 2024 im Journal of Affective Disorders bei 42 Patientinnen und Patienten mit therapieresistenter Depression, ob die Hormone der Stressachse mit dem Ansprechen auf Ketamin zusammenhängen. Die Ausgangswerte von CRF, ACTH und Cortisol moderierten die antidepressive Wirkung nicht signifikant. Gefunden wurde ein negativer Zusammenhang zwischen ACTH beziehungsweise CRF und der Gesamtdauer depressiver Episoden. Ob Ketamin die HPA-Achse selbst verändert, hat die Studie nicht untersucht.
Georgiou P et al. Associations between hypothalamic-pituitary-adrenal (HPA) axis hormone levels, major depression features and antidepressant effects of ketamine. J Affect Disord. 2024;373:126-132. DOI: 10.1016/j.jad.2024.12.036. PMID: 39674325 [RCT, Crossover, n=42, TRD, Nullbefund für Moderation]8. Die rechtliche Einordnung in Deutschland
In Deutschland ist Ketamin ein verschreibungspflichtiges Arzneimittel, aber nicht im Betäubungsmittelgesetz (BtMG) gelistet. Das hat wichtige praktische Konsequenzen.
Was das bedeutet
- →Ein Arzt darf Ketamin auf einem normalen Rezept verschreiben, ein BtM-Rezept ist nicht nötig
- →Die Lagerung muss den allgemeinen Arzneimittel-Sicherheitsstandards entsprechen, nicht den strengen BtM-Auflagen
- →Besitz ohne Verschreibung ist trotzdem nicht erlaubt und fällt unter das Arzneimittelgesetz
- →Die Off-Label-Anwendung bei Depression ist legal, wenn die ärztliche Indikation begründet und dokumentiert ist
9. Wahre Freiheit, vom Verstehen zum Entscheiden
Wenn du verstehst, was Ketamin wirklich ist, kannst du dich frei dazu positionieren. Du bist nicht mehr abhängig von Schlagzeilen, die polarisieren, oder von Marketing, das verharmlost. Du kannst die Substanz als das sehen, was sie ist: ein altes Anästhetikum, das eine neue therapeutische Rolle gefunden hat. Eine Substanz mit klaren Risiken und klaren Möglichkeiten. Eine Option, die individuell geprüft werden muss, ohne pauschale Zustimmung oder Ablehnung.
10. Drei konkrete Hebel für die eigene Klarheit
Hebel 1: Trenne die Welten
Wenn du über Ketamin liest, frag dich immer: Spricht der Text über medizinische Anwendung oder über rekreativen Konsum? Diese beiden Welten haben dieselbe Substanz, aber völlig verschiedene Kontexte, Dosen, Risiken und Erfahrungen. Wer das nicht trennt, baut sich ein verzerrtes Bild.
Hebel 2: Verstehe die Form
Intravenöses racemisches Ketamin, Esketamin als Injektionslösung (Ketanest S) und Esketamin als Nasenspray (Spravato) sind nicht das Gleiche. Sie unterscheiden sich in der Zulassung, im Anwendungsrahmen und in der Kostenfrage. Alle sind verschreibungspflichtig. Wenn du dich für eine Therapie interessierst, kläre im ärztlichen Gespräch, welche Form für deine Indikation überhaupt in Frage kommt, ob sie zugelassen oder off-label wäre und welche Risiken bei dir persönlich dagegen sprechen könnten.
Hebel 3: Sieh die Geschichte
Ketamin ist keine neue Modedroge. Es ist ein etwa 60 Jahre altes Medikament, das in der Anästhesie lange klinische Erfahrung hat. Diese Erfahrung ersetzt keine Risikoabwägung. Ketamin kann Blutdruck und Herzfrequenz steigern, dissoziative Zustände auslösen und bei wiederholter Anwendung die Blase schädigen. Es hat ein Missbrauchs- und Abhängigkeitspotenzial. Wer eine Therapie erwägt, braucht eine ärztliche Aufklärung über genau diese Punkte, nicht eine Zahl aus der Geschichte.
Häufige Fragen zur Substanz Ketamin
Die Fragen, die mir am häufigsten zur Substanz selbst gestellt werden, knapp und ehrlich beantwortet.
Was ist Ketamin?
Ein NMDA-Rezeptor-Antagonist, der seit den 1960er Jahren als Narkose- und Schmerzmittel medizinisch eingesetzt wird. Seit 2000 wird auch eine schnelle antidepressive Wirkung beschrieben. Seit 2019 ist Esketamin als Nasenspray in der EU für therapieresistente Depression zugelassen, im Handel unter dem Namen Spravato. Die WHO listet Ketamin seit 1985 als Essential Medicine. Ketamin ist verschreibungspflichtig und hat relevante Risiken, unter anderem Blutdruckanstieg, dissoziative Zustände, Blasenschädigung bei wiederholtem Gebrauch und ein Missbrauchspotenzial.
Wann wurde Ketamin entdeckt?
1962 von Calvin Stevens bei Parke-Davis synthetisiert, 1970 in den USA als Anästhetikum zugelassen. Die antidepressive Wirkung wurde erst 2000 von Berman und Kollegen an der Yale University beschrieben.
Ist Ketamin eine Droge?
Zugelassenes Arzneimittel und auch rekreativ konsumierte Substanz. Die zwei Welten sind klar zu trennen. Seit Jahrzehnten verwendeter Wirkstoff in Anästhesie, Notfallmedizin und Schmerztherapie, in der Psychiatrie neuer und überwiegend off-label. Im rekreativen Konsum eine dissoziative Substanz mit realen Risiken. Die Substanz ist dieselbe, aber Dosis, Setting und Überwachung entscheiden darüber, wie hoch das Risiko ist. Risiken hat Ketamin in beiden Welten, im medizinischen Rahmen werden sie kontrolliert und begrenzt, im unkontrollierten Konsum nicht.
Welche Formen gibt es?
Drei Hauptformen. Racemisches Ketamin, ab 1970 als Ketalar eingeführt, für Anästhesie und off-label bei Depression. Esketamin, als Injektionslösung seit 1997 in Deutschland für Narkose und Schmerztherapie zugelassen (Ketanest S) und als Nasenspray seit 2019 in der EU für therapieresistente Depression (Spravato). R-Ketamin wird erforscht, ein eigenständiger antidepressiver Nutzen beim Menschen ist bisher nicht belegt. Alle Präparate sind verschreibungspflichtig, können dissoziative Zustände, Schwindel, Übelkeit und einen Blutdruckanstieg auslösen und gehören in ärztliche Hand.
Wie wirkt Ketamin?
NMDA-Rezeptor-Antagonist. Blockiert die Glutamat-Bindung am NMDA-Rezeptor und kann paradox die Übertragung an AMPA-Rezeptoren steigern. Das könnte eine Kaskade anstoßen, die zur Bildung neuer synaptischer Verbindungen führt. Darüber wird diskutiert, warum bei manchen Menschen antidepressive Effekte schon nach Stunden bis Tagen beschrieben werden. Ob und wie stark das im Einzelfall eintritt, ist sehr unterschiedlich.
Wofür wird Ketamin medizinisch eingesetzt?
Anästhesie (besonders Notfall und Kinder), Schmerztherapie (akut und chronisch), therapieresistente Depression (Esketamin-Nasenspray Spravato zugelassen, intravenöses Ketamin off-label), akute Suizidalität, PTBS, in Erforschung bei Angststörungen, OCD und chronischen Schmerzsyndromen. Jede dieser Anwendungen ist verschreibungspflichtig und setzt eine ärztliche Indikationsstellung samt Risikoabwägung voraus.
Ist Ketamin ein Betäubungsmittel?
In Deutschland verschreibungspflichtiges Arzneimittel, aber nicht im BtMG. Ein normales Rezept reicht. Diese Einordnung ist eine rechtliche Kategorie und keine Aussage über das Risiko. Ketamin hat ein Missbrauchs- und Abhängigkeitspotenzial. International unterschiedlich: Class B in UK, Schedule III in USA.
Wie wird Ketamin verabreicht?
Medizinisch wird Ketamin auf verschiedenen Wegen gegeben, intravenös, intramuskulär, intranasal und in manchen Ländern oral. Welcher Weg, welche Dosis und welcher Abstand sinnvoll sind, hängt von Indikation, Vorerkrankungen und Begleitmedikation ab und wird ärztlich festgelegt. Konkrete Dosierungen nenne ich hier bewusst nicht, weil sie ohne Untersuchung, Überwachung und Notfallbereitschaft gefährlich sein können.
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Quellen
- Krystal JH et al. Ketamine and rapid antidepressant action: new treatments and novel synaptic signaling mechanisms. Neuropsychopharmacology. 2024;49(1):41-50. DOI: 10.1038/s41386-023-01629-w. PMID: 37488280 [Mechanismus-Review, kein Wirksamkeitsnachweis]
- Li N et al. mTOR-dependent synapse formation underlies the rapid antidepressant effects of NMDA antagonists. Science. 2010;329(5994):959-964. DOI: 10.1126/science.1190287 [In vivo, Ratte, mechanistisch]
- Berman RM et al. Antidepressant effects of ketamine in depressed patients. Biol Psychiatry. 2000;47(4):351-354. [Erste klinische Studie zu Ketamin bei Depression]
- Singh JB et al. Approval of esketamine for treatment-resistant depression. Lancet Psychiatry. 2020;7(3):232-235. DOI: 10.1016/S2215-0366(19)30533-4 [Editorial, Zulassungseinordnung]
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- Georgiou P et al. Associations between hypothalamic-pituitary-adrenal (HPA) axis hormone levels, major depression features and antidepressant effects of ketamine. J Affect Disord. 2024;373:126-132. DOI: 10.1016/j.jad.2024.12.036. PMID: 39674325 [RCT, Crossover, n=42, TRD, Nullbefund für die Moderation der Ketamin-Wirkung]
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- Johnston JN, Henter ID, Zarate CA. The antidepressant actions of ketamine and its enantiomers. Pharmacol Ther. 2023;246:108431. DOI: 10.1016/j.pharmthera.2023.108431. PMID: 37146727 [Review, S- und R-Ketamin, negative RCTs für R-Ketamin]
Transparenz-Hinweis: Die historischen Daten beruhen auf publizierter Pharmaziegeschichte. Zu jeder wesentlichen Aussage findest du oben die Quelle. Wo eine Studie an Tieren durchgeführt wurde, wo sie klein war oder wo ihr Ergebnis uneindeutig ist, steht das im Text. Dieser Artikel erklärt eine Substanz. Er ist keine Behandlungsempfehlung und ersetzt keine ärztliche Untersuchung. Individuelle therapeutische Entscheidungen erfordern ein ärztliches Gespräch und können aus diesem Artikel nicht abgeleitet werden. In einer akuten Krise gilt: Notruf 112, Telefonseelsorge 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222.