Ratgeber Nahrungsergänzung · Coenzym Q10 und Statine

Coenzym Q10 und Statine: was die Studienlage zu Ubiquinol hergibt

Statine senken den Coenzym-Q10-Spiegel im Blut. Das ist belegt. Ob daraus die Muskelschmerzen entstehen, ist die offene Frage. Hier ist die Studienlage ohne Schönfärberei und ohne Panik.

Mevalonatweg Atmungskette Ubiquinon vs. Ubiquinol Muskelbeschwerden Nocebo-Effekt Evidenz transparent
SJ Shukri Jarmoukli · Arzt · Tätigkeitsschwerpunkt Integrative Medizin · ViveCura Berlin
Mein Ausgangspunkt

Es gibt zu Coenzym Q10 zwei laute Lager. Das eine sagt, jedes Statin brauche Q10 dazu. Das andere sagt, Q10 sei Geldverschwendung. Beide reden lauter, als die Daten es erlauben. Zwischen den Lagern liegt ein schmaler, ehrlicher Korridor. Genau dort will ich mit dir entlanggehen.

Du nimmst seit ein paar Monaten ein Statin. Der Cholesterinwert ist runtergegangen, dein Arzt ist zufrieden. Nur: Deine Oberschenkel fühlen sich an, als hättest du gestern Treppen gesteigert, die es gar nicht gab.

Du tippst das nachts ins Handy. Und findest innerhalb von zwei Minuten die Antwort, die alle geben: Coenzym Q10. Am besten als Ubiquinol, das sei die aktive Form. Klingt logisch. Klingt fast zu logisch.

Ich verstehe die Anziehungskraft dieser Erklärung sehr gut. Sie ist biochemisch sauber gebaut, sie erklärt dein Symptom, und sie bietet eine Lösung, die man online bestellen kann. Genau deshalb schaue ich sie mir so genau an.

Die kurze Antwort vorweg: Ein Teil dieser Geschichte ist gut belegt. Ein anderer Teil ist offen. Und ein dritter Teil ist ein Missverständnis, das im schlimmsten Fall gefährlich wird. Sortieren wir das.

Was du hier findest

  • Warum Statine ausgerechnet Coenzym Q10 mitbetreffen
  • Was Q10 im Mitochondrium tatsächlich tut
  • Wie stark die Spiegelsenkung im Blut belegt ist
  • Warum sich die Meta-Analysen zu Muskelschmerzen widersprechen
  • Was der Nocebo-Effekt hier wirklich beiträgt
  • Ubiquinon oder Ubiquinol, nüchtern verglichen
  • Herz, Blutdruck, Migräne, Fruchtbarkeit, je mit Evidenzstufe
  • Die Sicherheitsfragen, die niemand überspringen darf
So markiere ich die Evidenzstufe in diesem Text: Meta-Analyse, systematische Übersicht Klinische Studie am Menschen Beobachtung, Übersicht am Menschen Tierstudie Zellkultur, Mechanismus

Warum Statine und Coenzym Q10 überhaupt im selben Satz stehen

Fang mit einem Bild an. Stell dir eine Fabrik vor, in der ein einziges Fließband läuft. Ganz vorne wird ein Rohstoff eingespeist. Weiter hinten teilt sich das Band auf mehrere Endprodukte auf.

Eines dieser Endprodukte ist Cholesterin. Ein anderes ist Coenzym Q10. Ein drittes sind kleine Anhängsel, mit denen die Zelle bestimmte Steuerungsproteine an ihre Membran heftet.

Dieses Fließband heißt Mevalonatweg. Und ein Statin hemmt es nicht am Ende, sondern ganz vorne, an einem Enzym namens HMG-CoA-Reduktase. Das ist die Schaltstelle, an der die Fabrik entscheidet, wie viel Rohmaterial überhaupt aufs Band kommt.

Damit ist der Kern der ganzen Debatte schon erklärt. Wer vorne drosselt, drosselt nicht nur ein Produkt. Er drosselt alles, was hinten abzweigt.

Beobachtung, Übersicht am Menschen Wo genau der Zusammenhang sitzt

Eine Forschungsgruppe der präventiven Kardiologie am Hartford Hospital hat die Q10-Hypothese bei Statin-Muskelbeschwerden systematisch aufgearbeitet. Sie beschreibt den Punkt sehr präzise: Statine blockieren die Bildung von Farnesylpyrophosphat, einem Zwischenprodukt des Mevalonatwegs. Aus genau diesem Zwischenprodukt entsteht auch der Schwanz des Coenzym-Q10-Moleküls.

Daraus leitet sich die Hypothese ab, dass ein Absinken von Coenzym Q10 zu den Muskelbeschwerden beitragen könnte. Die Autorinnen und Autoren nennen die Idee ausdrücklich plausibel.

Und sie nennen im selben Atemzug das Problem: Die Studien, die diese Hypothese prüfen sollten, kommen zu widersprüchlichen Ergebnissen. Ihr Titel bringt es auf den Punkt: eine gute Idee, aber.

Zaleski AL et al. Adv Nutr. 2018. DOI: 10.1093/advances/nmy010

Hier steckt gleich zu Beginn eine Lektion, die weit über Coenzym Q10 hinausgeht. Der Körper reguliert seine Bausteine in Netzwerken, nicht in Einzelleitungen. Wer an einer Stellschraube dreht, bewegt automatisch andere mit. Beim Statin ist das kein Zufall und kein Fehler, es ist die unvermeidliche Folge davon, dass mehrere Produkte denselben Ursprung haben.

Reframe

Ein Nährstoff ist kein Schalter. Er ist ein Mitspieler in einem Netzwerk, das sich ständig selbst ausbalanciert.

Deshalb ist die Frage nie nur „bringt Q10 was". Die Frage ist immer: Was bewegt sich mit, wenn ich hier eingreife?

Und jetzt weißt du, warum Statin und Coenzym Q10 biochemisch zusammengehören, lange bevor irgendjemand eine Kapsel verkauft hat.

Was Coenzym Q10 im Mitochondrium tatsächlich tut

Bevor wir über Studien reden, will ich dir zeigen, worum es überhaupt geht. Sonst bleibt Q10 ein Wort auf einer Dose.

In jeder deiner Zellen sitzen Mitochondrien. In ihrer inneren Membran läuft die Atmungskette, eine Reihe von großen Eiweiß-Komplexen, die Elektronen weiterreichen wie eine Eimerkette bei einem Brand. Am Ende dieser Kette entsteht die Energie, aus der dein Körper ATP baut.

Zwischen den großen Komplexen gibt es Lücken. Und genau dort arbeitet Coenzym Q10. Es ist der Fährmann, der die Elektronen von einem Ufer zum anderen bringt. Ohne Fähre steht die Eimerkette still, egal wie gut die Komplexe funktionieren.

Das erklärt, warum Coenzym Q10 dort am dichtesten sitzt, wo am meisten Energie gebraucht wird: im Herzmuskel, in der Skelettmuskulatur, in Leber und Niere.

Beobachtung, Übersicht am Menschen Zwei Jobs in einem Molekül

Eine spanisch-amerikanische Forschergruppe hat den Stand zu Coenzym Q10 zusammengetragen. Sie beschreiben zwei Funktionen, die zusammengehören.

Erstens den Elektronentransport in der Atmungskette, ohne den die Zelle kaum ATP herstellen kann. Zweitens die Rolle als fettlösliches Antioxidans in Zellmembranen und in Lipoproteinen. Coenzym Q10 ist eines der wenigen körpereigenen Antioxidantien, die direkt im Fettmilieu arbeiten können.

Sie halten außerdem fest: Coenzym Q10 wird endogen in allen Zellen über einen streng regulierten Weg hergestellt. Es ist kein klassischer Nährstoff von außen. Mit dem Alter und bei mehreren chronischen Erkrankungen wurden niedrigere Gewebespiegel gemessen. Ob das Ursache oder Folge ist, ist damit noch nicht geklärt.

Hernández-Camacho JD et al. Front Physiol. 2018. DOI: 10.3389/fphys.2018.00044

Und hier kommt die Wendung, die den ganzen Ubiquinol-Marketing-Streit relativiert.

Ubiquinon und Ubiquinol sind nicht zwei verschiedene Substanzen. Sie sind zwei Zustände desselben Moleküls. Ubiquinon ist die oxidierte Form, Ubiquinol die reduzierte, also die mit zwei zusätzlichen Elektronen. Der ständige Wechsel zwischen beiden Zuständen ist nicht ein Nachteil, den man umgehen müsste. Er ist die Funktion.

Die Fähre muss beladen und wieder entladen werden, sonst fährt sie nicht. Ubiquinon und Ubiquinol sind dieselbe Fähre, einmal voll und einmal leer.

Für die Ernährung heißt das etwas Ungewöhnliches. Für Coenzym Q10 gibt es keinen offiziellen Referenzwert für die tägliche Zufuhr, wie ihn Vitamine haben. Der Grund ist einfach: Der Körper stellt den weitaus größten Teil selbst her. Über die Nahrung kommt vergleichsweise wenig dazu, am ehesten aus Innereien, aus fettem Fisch wie Sardine und Hering, aus Nüssen und Ölen.

Damit ist Coenzym Q10 ein Grenzfall zwischen Nährstoff und Stoffwechselprodukt. Und diese Sonderstellung ist der Grund, warum die üblichen Regeln der Nahrungsergänzung hier nicht sauber greifen.

Echtes Essen bleibt die Basis

Auch bei Coenzym Q10 gilt der Satz, den ich in jedem dieser Artikel wiederhole: Ein Nahrungsergänzungsmittel ersetzt keine Ernährung, keinen Schlaf, keine Bewegung, kein Sonnenlicht und keine tragfähigen Beziehungen.

Was Coenzym Q10 aus dem üblichen Rahmen fallen lässt, ist die Eigensynthese. Kein Teller der Welt liefert so viel davon wie deine eigenen Zellen. Wer hier ansetzen will, setzt deshalb sinnvollerweise zuerst an den Bedingungen an, unter denen deine Mitochondrien arbeiten, und erst danach an einer Kapsel.

Und jetzt weißt du, warum die Ubiquinol-Frage kleiner ist, als die Preisdifferenz im Regal vermuten lässt.

Statine senken den Q10-Spiegel im Blut: dieser Teil ist gut belegt

Jetzt zu dem Teil der Geschichte, der solide steht. Er wird in Diskussionen oft übersehen, weil sich alle über den strittigen Teil streiten.

Wenn du unter einem Statin Coenzym Q10 im Blut misst, findest du im Schnitt weniger davon als vorher. Das ist kein Einzelbefund und keine Praxisbeobachtung. Das haben mehrere Forschergruppen unabhängig voneinander in placebokontrollierten Studien zusammengetragen.

Meta-Analyse, systematische Übersicht Die Zahl, um die es geht

Eine internationale Arbeitsgruppe um einen polnischen Lipidologen wertete acht placebokontrollierte Studienarme aus und rechnete zusammen, wie stark der Coenzym-Q10-Spiegel im Plasma unter Statinen abfällt.

Das Ergebnis: im Mittel 0,44 Mikromol pro Liter weniger als unter Placebo, mit einem engen Vertrauensbereich von 0,37 bis 0,52. Der Effekt zeigte sich bei allen vier untersuchten Statinen, bei fettliebenden wie bei wasserliebenden, und sowohl in kürzeren als auch in längeren Behandlungszeiträumen.

Zur Einordnung: Fachübersichten nennen für gesunde Erwachsene einen Plasmabereich von etwa 0,40 bis 1,91 Mikromol pro Liter. Der Wert von 0,44 ist allerdings eine mittlere Differenz zwischen zwei Gruppen und nicht der Abstand eines einzelnen Menschen zur Untergrenze. Wie viele Menschen unter dem Statin tatsächlich in einen niedrigen Bereich rutschen, sagen die Daten nicht. Die Autorinnen und Autoren schreiben selbst, dass die klinische Bedeutung dieses Abfalls noch geklärt werden muss.

Banach M et al. Pharmacol Res. 2015. DOI: 10.1016/j.phrs.2015.07.008 · Bhagavan HN, Chopra RK. Free Radic Res. 2006. DOI: 10.1080/10715760600617843

Eine zweite, spätere Arbeitsgruppe kam mit einer größeren Datenbasis zum selben Bild. Zwölf randomisierte Studien, insgesamt 1.776 Teilnehmende, dieselbe Richtung. Auch dort zeigte sich der Abfall unabhängig davon, ob das Statin fettliebend oder wasserliebend war und ob niedrig oder hoch dosiert wurde.

Hier ist ein wichtiger Hinweis nötig, den seriöse Autorinnen und Autoren selbst geben. Der Spiegel im Blut ist nicht der Spiegel im Muskel. Coenzym Q10 reist im Blut in Lipoproteinen mit, also in denselben Transportpartikeln, deren Menge das Statin gezielt reduziert. Ein Teil des gemessenen Abfalls könnte deshalb schlicht daran liegen, dass weniger Transportfahrzeuge unterwegs sind, nicht daran, dass die Zellen weniger Q10 besitzen.

Weniger Fähren im Hafen heißt nicht automatisch weniger Fähren auf dem Fluss.

Ich halte diesen Einwand für wichtig, weil er zeigt, wie schnell aus einem gemessenen Wert eine Geschichte wird. Und wie selten diese Geschichte geprüft wird.

Zellkultur, Mechanismus Was in der Zellkultur passiert

Eine Arbeitsgruppe in Nevada arbeitete mit Myotuben, also mit im Labor gezüchteten Muskelzellen aus einer Mauszelllinie. Sie setzten die Zellen hoch dosiertem Simvastatin aus.

Die Zellen verloren an Lebensfähigkeit, der Coenzym-Q-Gehalt in den Mitochondrien sank, und der Sauerstoffverbrauch der Zellen ging zurück. Wurde gleichzeitig Mevalonsäure zugegeben, also das Produkt hinter dem gehemmten Enzym, blieben diese Effekte aus. Wurde Coenzym Q in einer speziellen wasserlöslichen Trägerform zugegeben, stiegen die mitochondrialen Q-Werte wieder und die Zellen überlebten besser.

Wichtig zur Einordnung: Das ist Zellkultur mit sehr hohen Statin-Konzentrationen, keine Behandlung an Menschen. Der Versuch zeigt, dass der vermutete Mechanismus prinzipiell funktionieren kann. Er beweist nicht, dass er bei dir im Oberschenkel abläuft.

Moschetti A et al. Nanomedicine. 2021. DOI: 10.1016/j.nano.2021.102439

Und jetzt weißt du, warum ich beim ersten Teil der Geschichte ruhig bleibe: Der Spiegelabfall ist Fakt. Alles, was danach kommt, ist Interpretation.

Ob daraus die Muskelbeschwerden folgen, ist die offene Frage

Jetzt kommt der Abschnitt, in dem ich dich vermutlich enttäuschen werde. Ich schreibe ihn trotzdem, weil ich dir keinen Text anbieten will, der nur bestätigt, was du hören willst.

Wenn Statine den Q10-Spiegel senken, und wenn Q10 für die Muskelenergie zentral ist, dann müsste Q10-Gabe die Muskelbeschwerden bessern. So lautet die Kette. Sie wurde in mehreren randomisierten Studien geprüft. Und die Ergebnisse zeigen in verschiedene Richtungen.

Meta-Analyse, systematische Übersicht Drei Meta-Analysen, drei Ergebnisse

Eine chinesische Arbeitsgruppe fasste zwölf randomisierte Studien mit 575 Teilnehmenden zusammen und fand unter Coenzym Q10 weniger Muskelschmerz, weniger Schwäche, weniger Krämpfe und weniger Muskelmüdigkeit als unter Placebo. Der Muskelenzymwert Kreatinkinase veränderte sich dabei nicht.

Eine irisch-britische Gruppe wertete sieben randomisierte Studien mit 321 Teilnehmenden aus und fand keinen Vorteil, weder bei den Schmerzen noch bei der Frage, ob die Menschen ihr Statin weiter nahmen. Nur zwei der acht gesichteten Studien hatten überhaupt einen positiven Effekt gezeigt.

Eine deutsche Arbeitsgruppe aus Gießen legte 2025 die neueste Auswertung vor: sieben randomisierte Studien, 389 Teilnehmende, Tagesdosen zwischen 100 und 600 mg über 30 bis 90 Tage. Vier Studien zeigten eine Besserung, drei nicht. In der Zusammenfassung ergab sich ein statistisch signifikanter, aber knapper Vorteil beim Schmerz. Ihr eigenes Fazit: Für evidenzbasierte Empfehlungen braucht es mehr Forschung.

Qu H et al. J Am Heart Assoc. 2018. DOI: 10.1161/JAHA.118.009835 · Kennedy C et al. Atherosclerosis. 2020. DOI: 10.1016/j.atherosclerosis.2020.03.006 · Kovacic S et al. J Nutr Sci. 2025. DOI: 10.1017/jns.2025.10043

Drei Meta-Analysen, weitgehend derselbe Studienpool, unterschiedliche Schlussfolgerungen. Das ist kein Skandal, das ist der Normalzustand bei kleinen Studien mit weichen Endpunkten. Wenn Schmerz auf einer Skala von null bis zehn gemessen wird und die Gruppen jeweils 35 bis 76 Menschen umfassen, entscheidet die Auswahl der Studien mit darüber, was am Ende herauskommt.

Besonders lehrreich ist eine der sorgfältigsten Einzelstudien dazu.

Klinische Studie am Menschen Erst filtern, dann behandeln

Eine Gruppe am Hartford Hospital machte etwas, das die meisten Studien auslassen. Sie prüfte zuerst, ob die Beschwerden überhaupt vom Statin kamen.

120 Menschen mit früheren Statin-Muskelschmerzen durchliefen acht Wochen verblindeten Wechsel zwischen Simvastatin 20 mg und Placebo. Nur 41 von ihnen bekamen Schmerzen unter dem Statin und nicht unter Placebo. Die Autorinnen und Autoren fassen das in ihrem Fazit als rund ein Drittel der Betroffenen zusammen. Diese 41 wurden anschließend randomisiert auf 600 mg Ubiquinol täglich oder Placebo, jeweils acht Wochen zusätzlich zum Statin.

Der Coenzym-Q10-Spiegel im Serum stieg unter Ubiquinol von 1,3 auf 5,2 Mikrogramm pro Milliliter, das Präparat kam also eindeutig an. Die Schmerzwerte besserten sich trotzdem nicht, Muskelkraft und maximale Sauerstoffaufnahme ebenfalls nicht.

Ein Detail gehört dazu, weil es in die andere Richtung zeigt: In der Ubiquinol-Gruppe berichteten sogar tendenziell mehr Menschen über Schmerzen als unter Placebo, 14 von 20 gegenüber 7 von 18, an der Grenze zur statistischen Signifikanz. Ein Beleg für Schaden ist das bei diesen kleinen Zahlen nicht. Es passt aber auch nicht zu der Annahme, eine Zusatzgabe sei grundsätzlich neutral.

Taylor BA et al. Atherosclerosis. 2015. DOI: 10.1016/j.atherosclerosis.2014.12.016

Diese Studie ist aus zwei Gründen wichtig. Erstens: Der Spiegel stieg auf das Vierfache und die Beschwerden blieben. Das spricht dagegen, dass ein niedriger Q10-Spiegel bei diesen Menschen der treibende Faktor war.

Zweitens, und das ist der eigentlich große Befund: Von 120 Menschen, die sicher waren, dass ihr Statin die Schmerzen macht, bestätigte sich das im Blindversuch nur bei gut einem Drittel.

Reframe

Das heißt nicht, dass die Schmerzen eingebildet waren. Sie waren real, messbar, belastend. Es heißt nur: Bei zwei von drei Menschen kamen sie nicht vom Statin.

Schmerz ist echt, auch wenn die vermutete Ursache nicht stimmt. Diese Unterscheidung ist keine Kränkung. Sie ist der Weg zur richtigen Ursache.

Eine Einschränkung, die hierher gehört: die seltene, ernste Verlaufsform

  • Ohne diese Einschränkung wäre der Abschnitt unehrlich. Es gibt eine seltene, aber ernste Form: eine immunvermittelte Muskelentzündung, die unter Statinen auftreten kann und die nach dem Absetzen nicht von selbst verschwindet.
  • Sie zeigt sich eher als zunehmende Schwäche in Oberschenkeln und Oberarmen als über Schmerz, und der Muskelenzymwert Kreatinkinase kann dabei deutlich erhöht sein.
  • Wenn deine Beschwerden über Wochen zunehmen, wenn du beim Aufstehen oder Treppensteigen wirklich schwächer wirst, oder wenn sie nach dem ärztlich begleiteten Absetzen bleiben, dann gehört die Kreatinkinase gemessen und weiter abgeklärt.
  • Alles, was ich in diesem Kapitel über Erwartungseffekte schreibe, gilt für diese Konstellation ausdrücklich nicht.

Was der Nocebo-Effekt hier beiträgt

An dieser Stelle wird es faszinierend. Zwei britische Forschergruppen haben unabhängig voneinander etwas Ungewöhnliches gemacht: Sie haben die Frage nicht in der Gruppe gestellt, sondern bei jedem Menschen einzeln, mehrfach, verblindet.

Klinische Studie am Menschen Wenn jeder sein eigener Versuch ist

Eine Gruppe am Imperial College London gab 60 Menschen, die ihr Statin wegen Nebenwirkungen abgesetzt hatten, zwölf Monatsdosen mit: vier mit Atorvastatin 20 mg, vier mit Placebo, vier leer. Die Teilnehmenden bewerteten ihre Beschwerden täglich per App.

In den Leermonaten lag der Beschwerdewert bei 8,0. In den Statinmonaten bei 16,3. Und in den Placebomonaten bei 15,4, also praktisch gleich hoch wie unter dem Statin. Das Verhältnis, das die Forschenden als Nocebo-Quotient berechneten, betrug 0,90. Sechs Monate nach dem Versuch nahm die Hälfte der Teilnehmenden wieder ein Statin.

Eine zweite Gruppe an der London School of Hygiene and Tropical Medicine führte parallel 200 solcher Einzelversuche in 50 Hausarztpraxen durch, jeweils über sechs Behandlungsblöcke von zwei Monaten. Auch dort fand sich kein Unterschied zwischen Statin und Placebo, die mittlere Differenz lag bei minus 0,11 auf einer Skala von null bis zehn.

Howard JP et al. J Am Coll Cardiol. 2021. DOI: 10.1016/j.jacc.2021.07.022 · Herrett E et al. BMJ. 2021. DOI: 10.1136/bmj.n135

Ich will hier sehr vorsichtig formulieren, weil dieses Thema leicht respektlos klingt. Nocebo bedeutet nicht Einbildung. Es bedeutet, dass Erwartung, Aufmerksamkeit und Bedeutung mitentscheiden, wie stark ein Körpersignal wahrgenommen wird. Das ist Neurobiologie, kein Charakterurteil.

Und es bedeutet noch etwas. Wenn ein großer Teil der Beschwerden nicht pharmakologisch entsteht, dann kann ein Nahrungsergänzungsmittel gegen den pharmakologischen Mechanismus in vielen Fällen wenig ausrichten. Das erklärt einen Teil der widersprüchlichen Studienergebnisse besser als jede Diskussion über Dosis oder Darreichungsform.

Wie ich das klinisch einordne

Hier endet, was Studien sicher zeigen. Was ich klinisch beobachte, geht weiter, und ich sage bewusst dazu, dass es eine Beobachtung ohne Kontrollgruppe ist: Bei Menschen mit Muskelbeschwerden unter Statinen finde ich häufig noch etwas anderes. Einen niedrigen Vitamin-D-Status. Eine nicht erkannte Schilddrüsenunterfunktion. Wenig Bewegung über Jahre und dann plötzlich viel.

Ob diese Befunde etwas mit den Beschwerden zu tun haben, ist damit nicht geklärt. Welche Werte bei dir sinnvoll sind, entscheidet die Ärztin oder der Arzt, der dich behandelt, und das kann auch heißen: keine.

Und jetzt weißt du, warum ich bei „nimm einfach Q10 dazu" zögere, ohne die Idee wegzuwerfen.

Ubiquinon oder Ubiquinol: was der Unterschied hergibt

Du stehst vor zwei Dosen. Auf der einen steht Coenzym Q10. Auf der anderen steht Ubiquinol, beworben als aktive Form, und sie kostet in der Regel deutlich mehr. Was jetzt?

Die Verkaufslogik ist eingängig: Ubiquinol sei die aktive Form, der Körper müsse Ubiquinon erst umwandeln, und mit dem Alter falle ihm das schwerer. Klingt schlüssig. Die Daten sind zurückhaltender. Ob dieser Aufpreis etwas bringt, ist mit den vorliegenden Daten nicht zu beantworten. In der einzigen mir bekannten direkten Vergleichsstudie an älteren Menschen, und die umfasste nur 21 Personen, war der Unterschied statistisch nicht abgesichert. Das ist kein Beleg gegen Ubiquinol, es ist ein fehlender Beleg dafür.

Klinische Studie am Menschen Der direkte Vergleich an älteren Menschen

Eine slowenisch-spanische Arbeitsgruppe testete genau diese Frage an 21 gesunden Menschen zwischen 65 und 74 Jahren, im randomisierten Cross-over-Design mit einer Woche Auswaschzeit zwischen den Präparaten. Alle drei Formulierungen enthielten 100 mg Coenzym Q10.

Ergebnis: Eine wasserlösliche Sirup-Formulierung erreichte die 2,4-fache Aufnahme des Standard-Ubiquinons und war damit statistisch überlegen. Ubiquinol-Kapseln erreichten das 1,7-Fache, dieser Unterschied war statistisch nicht abgesichert, der Vertrauensbereich reichte von 0,9 bis 3,1.

Und ein Nebenbefund, der die ganze Debatte relativiert: Der Redox-Zustand des aufgenommenen Coenzym Q10 unterschied sich zwischen den Formen nicht. Es erschien im Blut überwiegend als Ubiquinol, auch wenn es als Ubiquinon geschluckt wurde.

Pravst I et al. Nutrients. 2020. DOI: 10.3390/nu12030784

Dieser Nebenbefund deckt sich mit dem, was Fachübersichten seit Langem beschreiben: Rund 95 Prozent des im Blut zirkulierenden Coenzym Q10 liegen als Ubiquinol vor, und dieses Verhältnis verschiebt sich durch die Einnahme kaum. Der Körper regelt den Redox-Zustand also weitgehend selbst.

Ein Hinweis zur Einordnung, den ich für Pflicht halte: Ein erheblicher Teil der Bioverfügbarkeitsdaten zu Coenzym Q10 stammt aus Untersuchungen von Autorinnen und Autoren mit Herstellerbindung. Die verlässlichste dieser Übersichten nennt genau das im Autorenimpressum. Das macht die Daten nicht falsch. Es heißt nur, dass jede Formulierung, die als überlegen beworben wird, mit einer zusätzlichen Portion Skepsis gelesen gehört.

Und der Vollständigkeit halber, weil ich denselben Maßstab überall anlegen will: In der eben genannten Cross-over-Studie war die wasserlösliche Sirup-Formulierung das Prüfprodukt, und sie stammt aus dem Umfeld der Autorinnen und Autoren. Das macht das Ergebnis nicht falsch. Es heißt nur, dass auch dieser Befund eine unabhängige Wiederholung braucht, bevor daraus eine Kaufregel wird.

Die Standardform

Ubiquinon

Die oxidierte Form, in den meisten Studien eingesetzt, deutlich günstiger. Wird im Körper überwiegend zu Ubiquinol umgewandelt.

Nachteil: großes, stark fettliebendes Molekül, die Aufnahme im Darm ist langsam und begrenzt. Ohne Fett in der Mahlzeit kann wenig ankommen.

Die beworbene Form

Ubiquinol

Die reduzierte Form. Theoretisch spart sie dem Körper einen Umwandlungsschritt.

Offen: Im direkten Vergleich an älteren Menschen war der Vorteil statistisch nicht abgesichert, die Studie umfasste allerdings nur 21 Personen. Ubiquinol liegt preislich in der Regel über Ubiquinon und ist oxidationsempfindlich, es braucht eine stabile Verkapselung.

Die unterschätzte Stellschraube

Solubilisierte Formulierungen

Öl-, Sirup- oder Mizellen-Formen, bei denen das Molekül bereits gelöst vorliegt. In der Cross-over-Studie erreichte die wasserlösliche Variante die höchste Aufnahme.

Nachteil: Die Bandbreite der Produkte ist groß und die Studien sind klein. Das Sirup-Präparat war in der genannten Studie zudem das Prüfprodukt der Untersuchenden. Ein Aufdruck allein sagt wenig.

Kostet nichts, ändert viel

Fett dazu, Dosis aufteilen

Coenzym Q10 ist fettlöslich. Zu einer fetthaltigen Mahlzeit kann deutlich mehr aufgenommen werden als nüchtern.

Fachübersichten beschreiben zusätzlich, dass die Aufnahme-Effizienz mit steigender Einzeldosis sinkt. Eine Aufteilung über den Tag kann deshalb mehr bringen als der Wechsel zu einer teureren Form.

Was ich daraus mitnehme

Bevor du für die teurere Form mehr ausgibst, prüfe zwei kostenlose Stellschrauben: Nimmst du es zu einer Mahlzeit mit Fett? Und nimmst du eine große Einzeldosis oder verteilst du sie?

Die Formfrage steht in dieser Reihenfolge an dritter Stelle, nicht an erster.

Und jetzt weißt du, warum ich die Ubiquinol-Frage für die am meisten überschätzte Frage in diesem ganzen Thema halte.

Bedarfsdeckung oder Therapie: dieselbe Substanz, zwei Welten

Hier kommt eine Unterscheidung, die ich in jedem Artikel dieser Reihe mache, weil sie fast alle Missverständnisse zu Nahrungsergänzung erklärt.

Es gibt zwei völlig verschiedene Anwendungen desselben Stoffes. Sie tragen denselben Namen, sie stehen im selben Regal, und sie haben fast nichts miteinander zu tun.

MerkmalBedarfsdeckung, das Drogerie-ProduktTherapeutischer Einsatz, orthomolekular
ZielEine vermutete Lücke auffüllenEinen definierten Befund gezielt angehen
GrößenordnungMeist niedrige Tagesdosen aus dem OnlinehandelNicht pauschal festlegbar, richtet sich nach Befund und Begleitmedikation. Die in Studien verwendeten Spannen sind im Text genannt und sind keine Vorgabe für den Einzelfall.
BegleitungKeine, SelbstkaufAusgangslabor, Kontrolltermin, Ausstiegsplan
DauerOft unbefristet, faktisch ein AboBefristet, mit definiertem Ziel
Erwartbarer EffektEine therapeutische Wirkung ist davon nicht zu erwartenKann in einzelnen Indikationen klinisch relevant sein

Coenzym Q10 eignet sich ausgezeichnet, um dieses Prinzip zu zeigen. Bei einer seltenen, genetisch bedingten Coenzym-Q10-Mangelerkrankung werden unter enger ärztlicher Kontrolle Mengen eingesetzt, die weit über dem liegen, was in der Drogerie steht. Dort wird Coenzym Q10 nicht als Ergänzung verstanden, sondern als gezielter Eingriff. Wichtig dazu: Coenzym Q10 ist in Deutschland kein zugelassenes Arzneimittel. Ein solcher Einsatz ist ein individueller Heilversuch bei einer gesicherten, seltenen Diagnose und lässt sich auf niemanden sonst übertragen.

Dasselbe Molekül, zwei Welten. Die eine füllt eine vermutete Lücke, die andere ist ein medizinischer Eingriff.

Wichtige Sicherheitseinordnung

Hohe Dosierungen sind kein Gütesiegel und kein Trick, den man sich selbst verordnen sollte. Eine Risikobewertung nennt 1200 mg pro Tag als beobachtete sichere Aufnahmemenge, für höhere Mengen reichten die Daten den Autoren ausdrücklich nicht aus. Die Herkunft gehört zur Einordnung dazu: Verfasst wurde sie vom US-amerikanischen Branchenverband der Nahrungsergänzungsindustrie. Für Nahrungsergänzungsmittel in Deutschland liegt die vom Bundesinstitut für Risikobewertung vorgeschlagene Tageshöchstmenge deutlich darunter. Alles darüber sind Studienangaben, und die gehören in ärztliche Hand und nicht in die Selbstmedikation.

Therapeutische Dosierungen gehören deshalb in ärztliche Begleitung, mit Ausgangswert, Zwischenkontrolle und einem klaren Plan, wann wieder aufgehört wird. Nicht nur, weil jeder gezielte Eingriff einen Rahmen braucht, in dem man merkt, ob er etwas bringt, sondern auch, weil Coenzym Q10 mit Gerinnungshemmern und mit einer laufenden Blutdrucktherapie in Wechselwirkung treten kann.

Warum das Thema heute relevanter ist als vor fünfzig Jahren

Ich werde oft gefragt, ob dieser ganze Nahrungsergänzungs-Boom nicht eine Erfindung der Industrie sei. Meine ehrliche Antwort: teilweise ja, teilweise nein.

Ja, weil vieles verkauft wird, das niemand braucht. Nein, weil sich einige Bedingungen tatsächlich verändert haben. Stark verarbeitete Lebensmittel liefern viel Energie bei geringer Mikronährstoffdichte, und ihr Anteil an der Ernährung ist in westlichen Ländern hoch. Ob sich darüber hinaus die Nährstoffgehalte in Obst und Gemüse über die Jahrzehnte verändert haben, ist methodisch umstritten, und ich führe es deshalb nicht als Argument.

Und dann gibt es einen Punkt, der bei Coenzym Q10 besonders klar ist: Manche Dauermedikamente können den Nährstoffhaushalt verschieben. Für Protonenpumpenhemmer und für Metformin, beides verschreibungspflichtige und in ihrer Indikation gut begründete Medikamente, ist ein niedrigerer Vitamin-B12-Status beschrieben. Für Diuretika werden Verschiebungen bei Kalium und Magnesium diskutiert. Und eben für Statine der Coenzym-Q10-Spiegel. Keiner dieser Punkte ist ein Argument gegen diese Medikamente, sie sind ein Argument dafür, bei Langzeiteinnahme gelegentlich hinzuschauen, und zwar mit der Praxis, die verordnet hat.

Nicht weil Nahrungsergänzung modern ist, sondern weil sich Bedingungen verändert haben, kann gezieltes Auffüllen heute öfter berechtigt sein als früher. Gezielt heißt: mit Anlass, mit Messung, mit Ende.

Und jetzt weißt du, warum ich bei diesem Thema weder Verkäufer noch Skeptiker sein will, sondern schlicht genau.

Was Coenzym Q10 sonst noch untersucht wird, je mit Evidenzstufe

Coenzym Q10 taucht in sehr vielen Ratgebern auf. Das liegt nicht daran, dass es ein Allheilmittel wäre. Es liegt daran, dass ein Molekül, das in der Energieproduktion jeder Zelle mitläuft, sich an vielen Stellen bemerkbar machen kann, wenn es knapp wird.

Trotzdem ist die Datenlage je nach Feld sehr unterschiedlich. Hier die vier wichtigsten, ehrlich sortiert.

Klinische Studie am Menschen Herzinsuffizienz: das stärkste Signal

Eine internationale Arbeitsgruppe um einen dänischen Kardiologen randomisierte 420 Menschen mit mittelschwerer bis schwerer Herzschwäche auf dreimal täglich 100 mg Coenzym Q10 oder Placebo, jeweils zusätzlich zur Standardtherapie, und beobachtete sie zwei Jahre lang.

Nach 16 Wochen zeigte sich bei den kurzfristigen Zielgrößen nichts. Nach zwei Jahren erreichten 15 Prozent der Coenzym-Q10-Gruppe den kombinierten Endpunkt aus schweren Herz-Kreislauf-Ereignissen, gegenüber 26 Prozent unter Placebo. Auch die Gesamtsterblichkeit lag niedriger, 10 gegenüber 18 Prozent.

Zur Einordnung gehört die Kritik: Es handelt sich um eine einzelne Studie mittlerer Größe, deren Teilnehmende aus sehr unterschiedlichen Ländern und Versorgungslagen kamen. Ein solches Ergebnis braucht eine unabhängige Bestätigung, bevor daraus ein Standard werden kann.

Und eine Bitte dazu: Herzschwäche ist keine Erkrankung, bei der man mit einem Nahrungsergänzungsmittel selbst experimentiert. In dieser Studie kam Coenzym Q10 zusätzlich zur vollständigen Standardtherapie zum Einsatz, unter engmaschiger Kontrolle. Coenzym Q10 ist in Deutschland kein zugelassenes Arzneimittel, dieses Studienergebnis ist deshalb kein Behandlungsvorschlag. Wer eine Herzinsuffizienz hat, bespricht das mit der behandelnden Kardiologie und verändert nichts an der bestehenden Medikation.

Mortensen SA et al. JACC Heart Fail. 2014. DOI: 10.1016/j.jchf.2014.06.008
AnwendungsfeldWas die Daten zeigenWie belastbar
Chronische HerzinsuffizienzIn einer randomisierten Studie mit 420 Menschen traten über zwei Jahre weniger schwere Herz-Kreislauf-Ereignisse auf als unter Placebo, jeweils zusätzlich zur vollständigen Standardtherapie und unter enger KontrolleMittel: eine randomisierte Studie, unabhängige Bestätigung steht aus
Blutdruck bei kardiometabolischen ErkrankungenMeta-Analyse aus 26 Studien mit 1.831 Menschen: systolisch 4,77 mmHg niedriger, mit einem U-förmigen Verlauf und dem größten Effekt bei 100 bis 200 mg täglichModerat nach GRADE für den systolischen Wert, niedriger für den diastolischen
Statin-assoziierte MuskelbeschwerdenDrei Meta-Analysen mit widersprüchlichen Ergebnissen, die sorgfältigste Einzelstudie mit 600 mg Ubiquinol fand keinen EffektUneinheitlich: kein Urteil möglich
MigräneprophylaxeMeta-Analyse aus zwei Studien mit 97 Erwachsenen: kein signifikanter Unterschied bei Häufigkeit, Dauer oder Stärke der AttackenSchwach: sehr kleine Datenbasis
Männliche FruchtbarkeitNetzwerk-Meta-Analyse: bessere Vorwärtsbeweglichkeit der Spermien, mittlere Differenz 5,28 ProzentpunkteSchwach bis mittel: Surrogatparameter, keine Schwangerschaftsraten
Wie diese Tabelle zu lesen ist

Was hier steht, sind Ergebnisse veröffentlichter Studien. Es sind keine Aussagen darüber, was ein Nahrungsergänzungsmittel leisten kann. Coenzym Q10 ist in Deutschland kein zugelassenes Arzneimittel, und es darf weder zur Behandlung noch zur Vorbeugung einer Krankheit beworben oder eingesetzt werden.

Eine Herzinsuffizienz gehört ausschließlich in kardiologische Behandlung. Auch ein erhöhter Blutdruck gehört ärztlich behandelt und nicht mit einer Kapsel aus dem Onlinehandel.

Beim Blutdruck lohnt ein zweiter Blick, weil dort etwas Interessantes auftaucht. Die Auswertung von 26 randomisierten Studien fand keinen linearen Zusammenhang nach dem Muster „viel bringt viel", sondern einen U-förmigen. Der stärkste Effekt lag im Bereich von 100 bis 200 mg täglich, darüber flachte er wieder ab.

Genau das ist die Homöostase, über die ich am Anfang gesprochen habe. Der Körper arbeitet in Regelkreisen, nicht in Geraden. Mehr ist nicht automatisch besser, und bei einigen Nährstoffen ist mehr sogar schlechter. Das ist bei Selen und bei Vitamin B6 sehr viel dramatischer als bei Coenzym Q10. Aber das Prinzip ist dasselbe.

Reframe

Wenn ein Molekül in fast jeder Zelle mitarbeitet, klingt es plausibel, dass es überall etwas bringen könnte. Genau diese Plausibilität ist die Falle.

Breite Zuständigkeit im Stoffwechsel bedeutet nicht breite Wirksamkeit als Kapsel. Das eine ist Biochemie, das andere muss in Studien gezeigt werden. Bei Coenzym Q10 ist das für einige Felder gelungen und für andere nicht.

Und jetzt weißt du, warum ich bei jedem dieser Felder eine andere Antwort gebe statt einer für alle.

Die vier Linsen: warum Q10 überall gleichzeitig mitspielt

In der klinischen Psychoneuroimmunologie schauen wir mit vier Linsen auf ein Symptom. Bei Coenzym Q10 zeigt sich besonders schön, warum das kein esoterischer Umweg ist, sondern schlicht Zellbiologie.

Stoffwechsel

Coenzym Q10 ist der Elektronen-Fährmann in der Atmungskette. Ohne diesen Transportschritt kann die Zelle kaum ATP bilden. Am dichtesten sitzt es dort, wo der Energiebedarf am höchsten ist: im Herzmuskel, in der Skelettmuskulatur, in Leber und Niere. Ein Engpass könnte sich deshalb eher als Belastungsschwäche bemerkbar machen als in einem auffälligen Laborwert. Belegt ist das nicht: Die Studien, die genau diese Kette prüfen sollten, kommen zu widersprüchlichen Ergebnissen, wie im Kapitel zu den Muskelbeschwerden beschrieben.

Immunsystem

In seiner reduzierten Form kann Coenzym Q10 im Fettmilieu von Membranen und Lipoproteinen Elektronen abgeben und damit Kettenreaktionen der Fettoxidation abbremsen. Da oxidierte Fette selbst Entzündungssignale auslösen können, berührt dieser Vorgang das Immunsystem. Das ist Biochemie: Ursache und Folge sind in diesem Feld nicht sauber getrennt, und eine zugelassene gesundheitsbezogene Angabe gibt es dafür in der EU nicht.

Nervensystem

Nervenzellen gehören zu den energiehungrigsten Zellen überhaupt und können ihren Bedarf kaum drosseln. Deshalb wird Coenzym Q10 bei neurologischen Fragestellungen untersucht. Die Humanevidenz dafür ist bisher dünn. Beim Nocebo-Phänomen zeigt sich zudem die andere Richtung: Das Nervensystem entscheidet mit, wie stark ein Muskelsignal überhaupt ankommt.

Hormonsystem

Der Mevalonatweg, in dem Coenzym Q10 entsteht, liefert auch das Grundgerüst für Cholesterin. Und Cholesterin ist die Ausgangssubstanz für Cortisol, Östrogen, Testosteron und Vitamin D. Das erklärt, warum ein Eingriff an dieser einen Schaltstelle so viele Fragen aufwirft. Es erklärt nicht, dass Statine diese Hormone gefährden würden, dafür gibt es keine belastbaren Belege.

Diese vier Linsen erklären, warum Coenzym Q10 in so unterschiedlichen Zusammenhängen auftaucht. Sie erklären aber auch, warum ich vorsichtig bleibe. Ein Molekül, das überall mitspielt, ist genau deshalb schwer zu isolieren.

Der Freiheits-Gedanke

Es geht hier nicht um einen Laborwert. Es geht darum, ob du Treppen steigen kannst, ohne danach zu rechnen. Ob du deine Medikamente nehmen kannst, ohne dich jeden Morgen zu fragen, was sie mit dir machen. Ob du deinem Körper wieder traust.

Das ist kein Nebenthema. Das ist Handlungsspielraum.

Sicherheit, Wechselwirkungen und die eine Warnung, die zählt

Jetzt der Abschnitt, den ich am wichtigsten finde. Bitte überspring ihn nicht, auch wenn er weniger spannend klingt als der Rest.

Warnung 1: Setze dein Statin niemals eigenmächtig ab

  • Das größte Risiko in diesem ganzen Thema liegt nicht in der Kapsel, sondern in dem Gedanken „dann lasse ich das Statin eben weg". Das heißt aber ausdrücklich nicht, dass Coenzym Q10 folgenlos ist. Die nächsten drei Abschnitte beschreiben, wo es sehr wohl relevant werden kann: bei Gerinnungshemmern, bei laufender Blutdrucktherapie, in Schwangerschaft und Stillzeit.
  • Eine britische Beobachtungsstudie begleitete 1.005 Menschen nach einem akuten Koronarsyndrom. Rund 15,5 Prozent wichen im ersten Monat von der verordneten hochwirksamen Statintherapie ab. Muskelbeschwerden waren dabei einer der stärksten Vorhersagefaktoren. In der Nachbeobachtung über median 16 Monate war dieses Abweichen mit einem etwa doppelt so hohen Risiko für schwere Herz-Kreislauf-Ereignisse und für Tod jeder Ursache verbunden, wobei vor allem Absetzen und Nichteinnahme den Ausschlag gaben.
  • Beobachtungsdaten beweisen keine Kausalität, das gehört zur Ehrlichkeit dazu. Aber die Richtung ist eindeutig genug, um daraus eine klare Bitte zu machen: Wenn du Beschwerden hast, sprich mit der Ärztin oder dem Arzt, der das Statin verordnet hat. Es gibt Wege, Dosis, Präparat oder Einnahmerhythmus zu verändern.
  • Und eine Frage, die in dieses Gespräch unbedingt hineingehört: Ist in den Wochen vor dem Beginn der Beschwerden ein Medikament dazugekommen? Manche verschreibungspflichtigen Wirkstoffe, darunter bestimmte Antibiotika, Antimykotika und Lipidsenker aus anderen Gruppen, können den Statinspiegel im Blut deutlich anheben und damit Muskelbeschwerden auslösen, die vorher jahrelang nicht da waren. Nimm deshalb deine vollständige Medikamentenliste mit, auch das, was du ohne Rezept einnimmst.

Warnung 2: Vitamin-K-Antagonisten wie Phenprocoumon und Warfarin

  • Coenzym Q10 ähnelt strukturell dem Vitamin K. Genau darauf gründet die Sorge, dass es die Gerinnungshemmung beeinflussen könnte.
  • Die Daten sind widersprüchlich. Eine prospektive Beobachtungsstudie an 171 Menschen unter Warfarin fand für Coenzym Q10 eine erhöhte Rate selbstberichteter Blutungen, mit einem Verhältnis von 3,69. Eine kleine randomisierte Cross-over-Studie mit 24 stabil eingestellten Menschen fand dagegen über vier Wochen keine Veränderung der INR und keine Veränderung der nötigen Warfarindosis.
  • Meine Einordnung: Ein Widerspruch dieser Art ist kein Freibrief. Wer einen Vitamin-K-Antagonisten nimmt, bespricht eine Coenzym-Q10-Einnahme vorher ärztlich und lässt die INR engmaschiger kontrollieren. Das ist kein Verbot, das ist Sorgfalt.

Warnung 3: Schwangerschaft, Stillzeit und Vorerkrankungen

  • Für Schwangerschaft und Stillzeit fehlen belastbare Sicherheitsdaten zu Coenzym Q10. Fehlende Daten sind kein Beweis für Schaden, aber sie sind auch kein Beweis für Sicherheit. In dieser Lebensphase gehört jede Ergänzung ärztlich besprochen.
  • Dasselbe gilt bei relevanten Vorerkrankungen von Leber und Niere und bei mehreren Dauermedikamenten gleichzeitig, weil dort Wechselwirkungen schwerer abzuschätzen sind.
  • Besonders gilt das während einer Chemo- oder Strahlentherapie. Ob eine zusätzliche Zufuhr von Antioxidantien die Wirkung dieser Behandlungen beeinflussen kann, wird fachlich diskutiert und ist nicht abschließend geklärt. Eine Einnahme gehört dort ausschließlich in die Hände der behandelnden Onkologie und nicht in Eigenregie.
  • Und für Kinder und Jugendliche gilt: Alle hier genannten Zahlen stammen aus Untersuchungen an Erwachsenen. Für das Kindes- und Jugendalter gibt es dazu keine übertragbare Datenbasis, eine Einnahme gehört dort ausschließlich in kinderärztliche Hand.
  • Zur Verträglichkeit selbst: Eine Risikobewertung fand für berichtete Beschwerden wie Übelkeit keine Dosisabhängigkeit, sie traten bei 1200 mg täglich nicht häufiger auf als bei 60 mg. Als beobachtete sichere Menge nannten die Autoren 1200 mg pro Tag. Dazu gehört die Herkunft: Der Erstautor arbeitete beim Council for Responsible Nutrition, dem US-Branchenverband der Nahrungsergänzungsindustrie. Für Nahrungsergänzungsmittel in Deutschland liegt die vom Bundesinstitut für Risikobewertung vorgeschlagene Tageshöchstmenge deutlich niedriger.

Warnung 4: Blutdruckmedikamente

  • Die Meta-Analyse aus 26 Studien legt nahe, dass Coenzym Q10 den systolischen Blutdruck senken kann. Wenn das so ist, dann kann sich dieser Effekt mit einer laufenden Blutdrucktherapie addieren.
  • Wer Blutdrucksenker nimmt, bespricht eine Einnahme deshalb vorher ärztlich und misst in den ersten Wochen engmaschiger. Auffällig niedrige Werte, Schwindel beim Aufstehen oder Benommenheit gehören zeitnah in die Sprechstunde.
  • Das ist kein Argument gegen Coenzym Q10. Es ist ein Argument dafür, eine mögliche Blutdruckwirkung dort ernst zu nehmen, wo sie unpassend kommt, und nicht nur dort, wo sie nützlich klingt.
Wichtiger Sicherheitshinweis

Dieser Text ersetzt keine ärztliche Untersuchung, keine Diagnose und keine individuelle Beratung. Alle genannten Dosierungen sind Angaben aus veröffentlichten Studien und offiziellen Bewertungen, keine Empfehlung für dich.

Wenn du unter einem Statin neue Muskelschmerzen, dunklen Urin oder ausgeprägte Schwäche bemerkst, ist das ein Grund, zeitnah ärztlichen Rat zu suchen, und kein Grund, es allein mit einem Nahrungsergänzungsmittel zu versuchen.

Und jetzt weißt du, warum der Satz „Q10 kann ja nicht schaden" als Ausgangspunkt nicht taugt. Es gibt Situationen, in denen genau hingeschaut gehört.

Drei Hebel, die du heute umsetzen kannst

Keine Marken, keine Wochenpläne, kein Protokoll. Drei Dinge, die in deiner Hand liegen.

Hebel 1: Klär zuerst, ob es überhaupt das Statin ist

  • Notiere zwei Wochen lang, wann die Beschwerden auftreten, wo genau sie sitzen und was sie besser oder schlechter macht. Zwei Sätze pro Tag reichen.
  • Nimm diese Notizen mit in die Sprechstunde. Sie sind mehr wert als jede Suchmaschine, weil sie deinen Verlauf zeigen und nicht den Durchschnitt.
  • Frag ausdrücklich, ob ein kontrollierter Auslass- oder Wiederansetzversuch für dich sinnvoll ist. Genau das war in den Einzelfallversuchen der Weg, der Klarheit brachte. In der Praxisstudie aus 50 Hausarztpraxen gaben zwei Drittel derjenigen, die den Versuch beendeten, an, ihr Statin wieder aufzunehmen. In der Londoner Crossover-Studie nahm sechs Monate danach die Hälfte der Teilnehmenden wieder ein Statin.

Hebel 2: Nachsehen statt raten, bevor du kaufst

  • Coenzym Q10 lässt sich im Plasma bestimmen. Fachübersichten nennen für gesunde Erwachsene einen Bereich von etwa 0,40 bis 1,91 Mikromol pro Liter.
  • Ob diese Messung im Einzelfall etwas beiträgt, ist offen: Der Plasmawert bildet nicht ab, wie viel im Muskel ankommt, und es gibt für ihn keinen anerkannten Grenzwert, ab dem eine Einnahme angezeigt wäre. Er zeigt vor allem, ob überhaupt etwas angekommen ist. Ich nenne die Messung hier deshalb als Option und nicht als Empfehlung. Sie ist eine Selbstzahlerleistung, und ob sie sich für dich lohnt, entscheidest du nach dem Gespräch und nicht vorher.
  • Sprich im selben Zug über die naheliegenden anderen Erklärungen für Muskelbeschwerden, etwa Vitamin-D-Status, Schilddrüsenwerte, Nierenwerte und die vollständige Medikamentenliste. Welche Werte bei dir sinnvoll sind, entscheidet die Ärztin oder der Arzt, der dich behandelt, und das kann auch heißen: keine. Beim Magnesium gehört dazu, dass der Serumwert einen Mangel schlecht abbildet, weil der Körper diesen Wert lange konstant hält.

Hebel 3: Wenn du es versuchst, dann mit Ziel und mit Ende

  • Formuliere vorher in einem Satz, was sich ändern soll und woran du es merken würdest. „Weniger Muskelziehen beim Treppensteigen" ist ein Ziel. „Sich besser fühlen" ist keines.
  • Setze einen Kontrolltermin, bevor du anfängst. Acht bis zwölf Wochen sind ein üblicher Zeitraum in den Studien. Danach wird entschieden, ob es weitergeht.
  • Wenn du dich gemeinsam mit deiner Praxis für einen befristeten Versuch entscheidest, gilt aus den Aufnahmestudien: Coenzym Q10 ist fettlöslich, zu einer fetthaltigen Mahlzeit kann mehr ankommen als nüchtern, und die Aufnahme-Effizienz sinkt mit steigender Einzeldosis. Wie das in deinem Fall aussieht, gehört in die Sprechstunde und nicht in einen Blogartikel.
  • Und die Bitte, die ich nicht oft genug wiederholen kann: Das Statin bleibt, solange dein Arzt oder deine Ärztin nichts anderes sagt.

Und jetzt weißt du, warum die ehrlichste Antwort auf „soll ich bei meinem Statin Coenzym Q10 nehmen" nicht ja und nicht nein lautet, sondern: Lass uns erst nachsehen, worum es bei dir eigentlich geht.

Häufige Fragen zu Coenzym Q10 und Statinen

Was ist Coenzym Q10 und was macht es im Körper?

Coenzym Q10 ist ein fettlösliches Molekül, das in fast jeder Körperzelle sitzt.

Seine Hauptaufgabe liegt in der Atmungskette der Mitochondrien, wo es Elektronen von einem Komplex zum nächsten transportiert. Ohne diesen Transport kann die Zelle kaum ATP herstellen, also die Energiewährung des Körpers. Daneben beschreiben Übersichtsarbeiten eine zweite Rolle: Coenzym Q10 kann in seiner reduzierten Form im Fettmilieu von Zellmembranen und Lipoproteinen Elektronen abgeben. Das ist Biochemie und beschreibt, was das Molekül im Labor tut. Eine gesundheitsbezogene Wirkaussage lässt sich daraus nicht ableiten, für Coenzym Q10 ist in der EU keine solche Angabe zugelassen.

Es gibt dafür keinen offiziellen Referenzwert für die tägliche Zufuhr, weil der Körper den Großteil selbst produziert und nur ein kleiner Teil aus der Nahrung kommt, am ehesten aus Innereien, kleinen fetten Fischen, Nüssen und Ölen.

Sollte ich bei Statinen Coenzym Q10 nehmen?

Das lässt sich aus der Datenlage nicht eindeutig beantworten, und jeder, der etwas anderes behauptet, überzieht.

Dass Statine den gemessenen Coenzym-Q10-Spiegel im Blut senken, ist durch Meta-Analysen gut belegt. Ob daraus die Muskelbeschwerden entstehen, ist offen: Zwei Meta-Analysen fanden eine Besserung der Beschwerden unter Coenzym Q10, eine dritte fand keinen Unterschied zu Placebo.

Ein zeitlich befristeter Versuch unter ärztlicher Begleitung ist vertretbar, wenn Beschwerden bestehen und die Statintherapie sonst gefährdet wäre. Ein Automatismus für alle Statin-Nutzenden ist es nicht. Wichtig ist der Rahmen: Ein Statin niemals eigenmächtig absetzen.

Wie viel Coenzym Q10 bei Statinen wurde in Studien gegeben?

In der Meta-Analyse von 2025 lagen die eingesetzten Tagesdosen der sieben eingeschlossenen randomisierten Studien zwischen 100 und 600 mg, über Zeiträume von 30 bis 90 Tagen.

Eine der sorgfältigsten Einzelstudien bei bestätigter Statin-Myalgie verwendete 600 mg Ubiquinol täglich über acht Wochen und fand keinen Unterschied zu Placebo, obwohl der Serumspiegel dabei auf das Vierfache stieg.

Diese Zahlen sind Studienangaben, keine Empfehlung. Welche Dosis in einem Einzelfall sinnvoll und sicher ist, gehört ärztlich besprochen, weil Vorerkrankungen, andere Medikamente und das Ziel der Behandlung mit hineinspielen.

Was ist der Unterschied zwischen Ubiquinon und Ubiquinol?

Es sind zwei Zustände desselben Moleküls, nicht zwei verschiedene Substanzen.

Ubiquinon ist die oxidierte Form, Ubiquinol die reduzierte, also die mit zwei zusätzlichen Elektronen beladene. Der Körper wandelt beide ständig ineinander um, genau darin besteht ihre Funktion in der Atmungskette.

Übersichtsarbeiten beschreiben, dass rund 95 Prozent des im Blut zirkulierenden Coenzym Q10 als Ubiquinol vorliegen, unabhängig davon, welche Form geschluckt wurde. In einer randomisierten Cross-over-Studie mit 21 gesunden älteren Menschen war Ubiquinol dem Ubiquinon in der Aufnahme nicht statistisch überlegen.

Viele Bioverfügbarkeitsdaten stammen zudem aus herstellernahen Untersuchungen. Das macht sie nicht falsch, aber es gehört zur Einordnung dazu.

Coenzym Q10 Wirkung: was ist wissenschaftlich belegt?

Die Evidenz ist je nach Anwendungsgebiet sehr unterschiedlich stark.

Am ehesten untersucht ist die chronische Herzinsuffizienz. Dort zeigte eine randomisierte Studie mit 420 Menschen über zwei Jahre weniger schwere Herz-Kreislauf-Ereignisse in der Coenzym-Q10-Gruppe. Diese eine Studie ersetzt keine Bestätigung durch weitere, und Coenzym Q10 ist kein Mittel, das man bei einer Herzschwäche eigenständig einnimmt. In der Studie kam es zusätzlich zur vollständigen Standardtherapie und unter enger Kontrolle zum Einsatz. Eine Dosis-Wirkungs-Meta-Analyse aus 26 Studien fand bei kardiometabolisch Erkrankten einen um 4,77 mmHg niedrigeren systolischen Blutdruck, bewertete die Sicherheit dieser Evidenz aber nur als moderat.

Bei Migräne fand eine Meta-Analyse aus zwei Studien keinen belegten Vorteil. Bei männlicher Fruchtbarkeit deutet eine Netzwerk-Meta-Analyse auf eine bessere Vorwärtsbeweglichkeit der Spermien hin, allerdings ohne Aussage zu Schwangerschaftsraten. Für Muskelbeschwerden unter Statinen widersprechen sich die Meta-Analysen.

Hat Coenzym Q10 Nebenwirkungen?

Coenzym Q10 gilt als gut verträglich.

Eine Risikobewertung wertete die verfügbaren klinischen Studien aus und fand, dass berichtete Beschwerden wie Übelkeit oder Magendruck keine Dosisabhängigkeit zeigten, sie traten bei 1200 mg täglich nicht häufiger auf als bei 60 mg. Als beobachtete sichere Aufnahmemenge nannten die Autoren 1200 mg pro Tag, für höhere Mengen reichte die Datenbasis nicht aus. Diese Bewertung stammt allerdings von Autoren des US-Branchenverbands der Nahrungsergänzungsindustrie, und für Nahrungsergänzungsmittel in Deutschland liegt die vom Bundesinstitut für Risikobewertung vorgeschlagene Tageshöchstmenge deutlich darunter.

Gut verträglich heißt aber nicht folgenlos. Relevant sind mögliche Wechselwirkungen mit Vitamin-K-Antagonisten, und in Schwangerschaft und Stillzeit fehlen belastbare Daten. Deshalb gehört die Einnahme in diesen Situationen ärztlich besprochen.

Senkt Coenzym Q10 den Cholesterinwert?

Nein, Coenzym Q10 ist kein Cholesterinsenker.

Es entsteht zwar im selben Stoffwechselweg wie Cholesterin, dem Mevalonatweg, aber es greift nicht an der Stelle ein, an der Statine ansetzen. Nach heutiger Datenlage ist nicht belegt, dass eine Coenzym-Q10-Einnahme den LDL-Wert relevant senkt.

Wer ein Statin gegen ein Nahrungsergänzungsmittel eintauscht, tauscht damit eine gut belegte Risikosenkung gegen eine unbelegte Hoffnung. Genau an diesem Punkt kann aus einer harmlosen Ergänzung ein Risiko werden.

Wann sollte ich Coenzym Q10 einnehmen, morgens oder abends?

Wichtiger als die Uhrzeit ist der Fettgehalt der Mahlzeit.

Coenzym Q10 ist ein großes, stark fettliebendes Molekül, seine Aufnahme im Darm ist deshalb langsam und begrenzt. Fachübersichten beschreiben den Blutspiegelgipfel etwa sechs Stunden nach der Einnahme und eine Halbwertszeit von rund 33 Stunden. Zu einer fetthaltigen Mahlzeit eingenommen kann deutlich mehr ankommen als nüchtern.

Dieselben Übersichten zeigen außerdem, dass die Aufnahme-Effizienz mit steigender Einzeldosis sinkt. Eine Aufteilung über den Tag kann deshalb sinnvoller sein als eine große Einzelgabe. Bespreche die Verteilung mit der Ärztin oder dem Arzt, der dich behandelt.

Kann ich meinen Coenzym-Q10-Spiegel messen lassen?

Ja, Coenzym Q10 lässt sich im Plasma bestimmen.

Fachübersichten nennen für gesunde Erwachsene einen Bereich von etwa 0,40 bis 1,91 Mikromol pro Liter. Zur Einordnung: Eine Meta-Analyse aus acht placebokontrollierten Studienarmen fand unter Statinen einen um rund 0,44 Mikromol pro Liter niedrigeren Wert. Das ist allerdings eine mittlere Differenz zwischen zwei Gruppen und nicht der Abstand eines einzelnen Menschen zur Untergrenze.

Der Plasmawert bildet außerdem nicht sicher ab, wie viel Coenzym Q10 im Muskel oder im Herzen ankommt, weil das Molekül in Lipoproteinen transportiert wird. Einen anerkannten Grenzwert, ab dem eine Einnahme angezeigt wäre, gibt es für ihn nicht. Ich nenne die Messung deshalb als Option und nicht als Empfehlung. Sie ist eine Selbstzahlerleistung, und ob sie sich für dich lohnt, entscheidest du nach dem ärztlichen Gespräch und nicht vorher.

Wer sollte Coenzym Q10 nicht ohne Rücksprache einnehmen?

Vier Gruppen sollten vorher ärztliche Rücksprache halten.

Erstens Menschen unter Vitamin-K-Antagonisten wie Phenprocoumon oder Warfarin. Eine prospektive Beobachtungsstudie an 171 Behandelten brachte Coenzym Q10 mit häufigeren selbstberichteten Blutungen in Verbindung, während eine kleine randomisierte Studie keine Veränderung der INR fand. Die Datenlage ist widersprüchlich, und das ist Grund genug für Vorsicht und engmaschigere INR-Kontrolle.

Zweitens Schwangere und Stillende, weil belastbare Sicherheitsdaten fehlen. Drittens Menschen mit relevanten Vorerkrankungen von Leber oder Niere und mehreren Dauermedikamenten. Und viertens alle, die überlegen, deshalb ihr Statin abzusetzen. Genau das ist der Schritt mit dem größten Risiko.

Wie dieses Thema mit den anderen zusammenhängt

Coenzym Q10 steht selten allein. Wenn du merkst, dass ein einzelner Baustein die Frage nicht beantwortet, führen diese Wege weiter.

SJ

Shukri Jarmoukli

Arzt · Tätigkeitsschwerpunkt Integrative Medizin · ViveCura Berlin

Ich arbeite an der Schnittstelle von Schulmedizin, klinischer Psychoneuroimmunologie und Lebensstilmedizin. Mich interessiert weniger die Frage, welches Präparat gerade Konjunktur hat, als die Frage, was ein Symptom über das ganze System erzählt.

Meine Texte trennen bewusst zwischen dem, was Studien belegen, und dem, was ich klinisch beobachte. Beides hat seinen Platz, aber nicht denselben.

Privatpraxis ViveCura · Skalitzer Straße 137, Berlin

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Transparenz zur Evidenz Zur Frage, ob Coenzym Q10 die Muskelbeschwerden unter Statinen bessern kann, gibt es bis heute keine große, unabhängige, ausreichend lange randomisierte Studie. Die vorhandenen Untersuchungen umfassen meist 35 bis 76 Menschen, messen Schmerz auf subjektiven Skalen und laufen über wenige Wochen. Genau das erklärt, warum drei Meta-Analysen aus weitgehend demselben Studienpool zu unterschiedlichen Schlüssen kommen. Ein Teil der Bioverfügbarkeitsliteratur zu Coenzym Q10 stammt zudem von Autorinnen und Autoren mit Herstellerbindung, was in der Quellenliste kenntlich gemacht ist. Die Angaben zum Mevalonatweg und zur Rolle in der Atmungskette beruhen auf Übersichtsarbeiten und mechanistischen Untersuchungen, teilweise an Zellkulturen. Dieser Text ersetzt keine ärztliche Beratung, keine Diagnose und keine individuelle Diagnostik. Alle Dosierungsangaben sind Studien- und Bewertungsangaben, keine Empfehlung.

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