Mariendistel und die Leber: Entgiftungs-Mythos oder echter Schutz?
Detox verkauft sich gut. Silibinin ist ein Notfallmedikament. Beides steckt in derselben Pflanze. Ein ehrlicher Blick auf das, was Studien zeigen und was sie nicht zeigen.
Deine Leber wartet nicht auf eine Kur. Sie entgiftet in dieser Sekunde, während du das hier liest. Die spannende Frage ist nicht, wie du sie in Gang bringst. Sondern womit du sie ständig beschäftigst.
Ich wette, du kennst dieses Regal. Zwischen Vitaminen und Abnehmtee stehen die Schachteln mit dem lila Blütenkopf. Leber-Kur. Detox. Reinigung. Vierzehn Tage, und dann ist alles wieder frisch.
Vielleicht greifst du hin, weil ein paar Wochen hinter dir liegen, die anstrengend waren. Zu viel Wein, zu wenig Schlaf, zu viel von allem. Du fühlst dich schwer und irgendwie belegt. Und du hättest gern das Gefühl, etwas dagegen zu tun.
Ich verstehe diesen Impuls sehr gut. Er ist ehrlich. Nur beantwortet die Schachtel eine Frage, die dein Körper gar nicht gestellt hat.
Denn hier ist das Merkwürdige an dieser Pflanze: Die Werbung verspricht ihr etwas, das sie nicht leisten muss. Und verschweigt das, was sie tatsächlich kann. Silibinin, der Hauptwirkstoff der Mariendistel, steht in europäischen Notaufnahmen bereit, wenn jemand einen Knollenblätterpilz gegessen hat. Das ist keine Wellness-Geschichte. Das ist Intensivmedizin.
Beides gehört zur selben Pflanze. Nur sind es zwei völlig verschiedene Geschichten. Trennen wir sie.
Deine Leber entgiftet längst. Ohne dich zu fragen.
Darf ich dir eine unbequeme Frage stellen? Wenn eine Kur die Entgiftung ankurbelt: Was genau macht deine Leber eigentlich in den anderen fünfzig Wochen des Jahres?
Die Antwort ist unspektakulär und beruhigend zugleich. Sie arbeitet. Durchgehend. Rund 1,5 Liter Blut fließen pro Minute hindurch, und alles, was darin schwimmt, wird sortiert.
Stell dir die Leber nicht als Filtertüte vor, in der sich Dreck sammelt, den man ausklopfen müsste. Stell sie dir als chemische Umbaustation vor. Sie fängt Stoffe nicht ein. Sie verändert sie, bis der Körper sie loswerden kann.
Das passiert in zwei Schritten, und dieser Zweischritt ist das eigentliche Herz jeder ernsthaften Entgiftungs-Diskussion.
Phase I: umbauen
Cytochrom-P450-Enzyme hängen an fettlösliche Stoffe eine reaktive Gruppe an. Aus einem Molekül, das der Körper nicht greifen kann, wird eines mit einem Henkel.
Der heikle Zwischenschritt
Manche dieser Zwischenprodukte sind reaktiver als der Ausgangsstoff. Genau hier braucht die Zelle Antioxidantien, allen voran Glutathion, um sich selbst zu schützen.
Phase II: verpacken
An den Henkel wird ein wasserlöslicher Baustein gekoppelt, etwa Glucuronsäure, Sulfat, Glycin oder Glutathion. Aus fettlöslich wird wasserlöslich.
Phase III: hinausbringen
Transportproteine schleusen das fertige Paket in die Galle oder ins Blut. Ausgang: Darm oder Niere. Erst hier verlässt der Stoff wirklich den Körper.
Iyanagi fasste 2007 zusammen, wie dieses System molekular aufgebaut ist. Die oxidativen Enzyme der Phase I und die konjugierenden Enzyme der Phase II sitzen beide in derselben Membran im Inneren der Leberzelle, dem endoplasmatischen Retikulum.
Beobachtet wurde: Beide Enzymfamilien haben ein bewusst unspezifisches aktives Zentrum. Sie können damit eine riesige Bandbreite fremder Moleküle annehmen, auch solche, die es in der Evolution noch nie gab.
Was das für dich bedeutet: Dein Entgiftungssystem ist kein Notfallprogramm, das angeschaltet werden müsste. Es ist eine Dauereinrichtung mit eingebauter Flexibilität.
Iyanagi T. Int Rev Cytol. 2007;260:35-112. DOI: 10.1016/S0074-7696(06)60002-8Und jetzt kommt der Punkt, an dem die Detox-Erzählung ins Wanken gerät. Wenn dieses System dauerhaft läuft, dann kann eine Kur es nicht starten. Sie könnte es höchstens unterstützen. Das ist ein erheblicher Unterschied im Anspruch.
Klein und Kiat prüften 2015 die verfügbare Evidenz zu kommerziellen Detox-Programmen. Sie suchten nach klinischen Studien, die belegen, dass solche Kuren tatsächlich Schadstoffe aus dem Körper entfernen.
Beobachtet wurde: Eine Handvoll klinischer Untersuchungen fand sich. Sie berichteten durchaus Effekte auf die Entgiftungsleistung und auf die Ausscheidung langlebiger Schadstoffe, waren aber alle sehr klein und methodisch schwach. Zur Wirksamkeit kommerzieller Detox-Diäten am Menschen existierte nach ihrer Recherche keine einzige randomisierte kontrollierte Studie.
Was das für dich bedeutet: Die Detox-Branche ist deutlich größer als ihre Datenbasis. Das heißt nicht, dass nichts davon sinnvoll wäre. Es heißt, dass die Versprechen weiter reichen als die Belege.
Klein AV, Kiat H. J Hum Nutr Diet. 2015;28(6):675-686. DOI: 10.1111/jhn.12286Du hast vielleicht gedacht: Meine Leber ist verstopft und braucht eine Spülung.
Dreh das einmal um. Deine Leber ist eine Werkstatt mit voller Auftragslage. Sie steht nicht still. Die Frage ist nicht, wie du sie in Gang bringst, sondern wie viele Aufträge du ihr jeden Tag hineinreichst und ob sie das Material für die Arbeit hat.
Und jetzt weißt du, warum das Wort Entgiftung in der Werbung so gern benutzt wird. Es klingt nach einer Handlung, die du auslösen kannst. Physiologisch beschreibt es einen Zustand, der ohnehin besteht.
Was Silymarin überhaupt ist
Bevor wir über Studien reden, kurz das Vokabular. Denn drei Begriffe werden ständig durcheinandergeworfen, und dieser Nebel ist ein Teil des Problems.
| Begriff | Was gemeint ist |
|---|---|
| Mariendistel | Die Pflanze, botanisch Silybum marianum. Eine Distel mit lila Blütenköpfen, deren Früchte genutzt werden. |
| Silymarin | Der standardisierte Extrakt aus den Früchten. Ein Gemisch aus sechs Flavonolignan-Isomeren, nicht eine einzelne Substanz. |
| Silibinin | Auch Silybin genannt. Der pharmakologisch aktivste Einzelbestandteil des Gemisches. Das, was in Notfallmedizin und Forschung im Mittelpunkt steht. |
Das ist keine Wortklauberei. Es ist der Grund, warum Studien zur Mariendistel so unterschiedlich ausfallen. Ein Tee, eine Kapsel mit Pulver, ein standardisierter Extrakt und eine Infusionslösung mit Silibinin-Dihemisuccinat sind pharmakologisch vier verschiedene Dinge.
Koltai und Fliegel beschrieben 2022 die Zusammensetzung genauer. Silymarin besteht aus sechs Flavonolignan-Isomeren, von denen Silybin, Silydianin und Silychristin die wichtigsten sind.
Beobachtet wurde: Silybin ist funktionell der aktivste dieser Stoffe. Die beschriebenen Wirkprinzipien sind antioxidativ, sie fördern die ribosomale Synthese und sie stabilisieren Mitochondrienmembranen.
Was das für dich bedeutet: Wenn auf einer Packung nur Mariendistelpulver steht, ohne Angabe des Silymarin-Gehalts, weißt du nicht, wie viel von dem drin ist, worum es in den Studien ging.
Koltai T, Fliegel L. J Evid Based Integr Med. 2022;27:2515690X211068826. DOI: 10.1177/2515690X211068826Dazu kommt ein Problem, das viele Pflanzenstoffe teilen: Silymarin wird schlecht aufgenommen und schnell wieder umgebaut. Interessanterweise scheint das nicht bei allen Menschen gleich zu sein.
Schrieber und ein Team untersuchten 2011, wie Silymarin bei zwei verschiedenen Lebererkrankungen im Blut ankommt. Gruppen von je acht Personen mit Fettleber oder mit Hepatitis C erhielten sieben Tage lang alle acht Stunden 280 mg oder 560 mg Silymarin oder Placebo.
Beobachtet wurde: Bei Fettleber lagen die Konzentrationen der freien Flavonolignane höher, die konjugierten Formen dagegen niedriger als bei Hepatitis C. Bei 280 mg war die Fläche unter der Kurve für Silybin-B-Konjugate bei Fettleber um 46 Prozent geringer. Hinweise auf einen enterohepatischen Kreislauf fanden sich ausschließlich in der Fettleber-Gruppe.
Was das für dich bedeutet: Dieselbe Kapsel ergibt nicht bei jedem denselben Blutspiegel. Die Autoren vermuteten daraus, dass ein Effekt bei Fettleber leichter zu beobachten sein könnte als bei Hepatitis C. Genau dieses Muster taucht später in den klinischen Studien wieder auf.
Schrieber SJ, Hawke RL, Wen Z et al. Drug Metab Dispos. 2011;39(12):2182-2190. DOI: 10.1124/dmd.111.040212Und jetzt weißt du, warum die Frage nach der Mariendistel keine einfache Ja-oder-Nein-Frage ist. Es kommt darauf an, welche Zubereitung, bei welcher Erkrankung und in welcher Menge.
Der stärkste Beleg kommt aus der Notaufnahme
Jetzt wird es ernst, und zwar im wörtlichen Sinn.
Der Grüne Knollenblätterpilz sieht harmlos aus. Über 90 Prozent aller tödlichen Pilzvergiftungen weltweit gehen auf amatoxinhaltige Arten zurück, häufig nach Verwechslung mit essbaren Pilzen wie Champignons oder Wiesenpilzen. Das Tückische daran: Die ersten Beschwerden kommen frühestens nach etwa sechs bis acht Stunden, teilweise erst nach einem halben Tag oder später. Wer erst am nächsten Morgen Beschwerden bekommt, hält den Zusammenhang oft für ausgeschlossen. Da hat das Gift die Leber längst erreicht.
Und hier passiert etwas, das mich als Arzt jedes Mal beeindruckt. Amatoxine kommen nicht von selbst in die Leberzelle. Sie brauchen eine Tür.
Letschert und ein Team am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg suchten 2006 nach genau dieser Tür. Sie testeten drei Transportproteine der Leberzellmembran an eigens dafür hergestellten Zelllinien.
Beobachtet wurde: Nur eines dieser Proteine, OATP1B3, transportierte Amanitin in die Zelle, mit einem Km-Wert von 3,7 plus minus 0,6 Mikromol. Der Transport ließ sich durch Substanzen blockieren, die diesen Transporter besetzen. Silibinin-Dihemisuccinat gehörte zu diesen Blockern.
Was das für dich bedeutet: Silibinin entgiftet hier nichts. Es stellt sich vor die Tür. Das Gift bleibt draußen und wird über die Niere ausgeschieden, statt die Zelle von innen zu zerstören.
Letschert K, Faulstich H, Keller D, Keppler D. Toxicol Sci. 2006;91(1):140-149. DOI: 10.1093/toxsci/kfj141Das ist ein wunderbar konkreter Mechanismus. Und er hat klinische Konsequenzen, die weit über eine Nahrungsergänzung hinausgehen.
Mengs, Pohl und Mitchell trugen 2012 zusammen, was aus unkontrollierten Studien und Fallberichten zur intravenösen Silibinin-Gabe bekannt war. Kontrollierte Studien gibt es hier aus naheliegenden ethischen Gründen nicht, man kann keiner Vergleichsgruppe die Behandlung vorenthalten.
Beobachtet wurde: In annähernd 1.500 dokumentierten Fällen lag die Gesamtsterblichkeit unter intravenösem Silibinin bei unter 10 Prozent. Unter Penicillin oder unter der Kombination aus Silibinin und Penicillin lag sie bei über 20 Prozent.
Was das für dich bedeutet: Das ist kein Wellness-Effekt, sondern ein Unterschied im Überleben. Ein wichtiger Hinweis zu dieser Quelle: Der Erstautor war beim Hersteller des Infusionspräparats in Forschung und Entwicklung tätig. Das entwertet die Zahlen nicht, aber es gehört dazu. Es sind Vergleiche über Zeiträume und Zentren hinweg, keine randomisierten Daten, und sie stammen aus einer Übersicht, die nicht unabhängig erstellt wurde. Ein Kausalbeweis im strengen Sinn ist das nicht.
Mengs U, Pohl RT, Mitchell T. Curr Pharm Biotechnol. 2012;13(10):1964-1970. DOI: 10.2174/138920112802273353Kieslichova und ein Team am Institut für Klinische und Experimentelle Medizin in Prag werteten 23 Patientinnen und Patienten aus, die zwischen 2007 und 2016 nach Knollenblätterpilz-Verzehr aufgenommen wurden.
Beobachtet wurde: Behandelt wurde mit Aktivkohle, Flüssigkeit, hochdosiertem N-Acetylcystein und Silibinin intravenös. Sechs Personen brauchten eine Lebertransplantation. Alle 16, die die King's-College-Kriterien für ein akutes Leberversagen nicht erfüllten und konservativ behandelt wurden, überlebten.
Was das für dich bedeutet: Silibinin steht hier nie allein. Es ist ein Baustein in einem intensivmedizinischen Gesamtpaket. Wer das auf eine Kapsel überträgt, hat den Zusammenhang verlassen.
Kieslichova E, Frankova S, Protus M et al. Transplant Proc. 2018;50(1):192-197. DOI: 10.1016/j.transproceed.2017.11.032Die Mariendistel muss sich nicht als Detox-Kur beweisen. Sie steht bereits in europäischen Notaufnahmen, für den Moment, in dem eine Leber um ihr Leben kämpft. Das ist die eindrucksvollere Geschichte. Nur verkauft sie sich schlechter.
Und jetzt weißt du, warum der Satz Mariendistel schützt die Leber gleichzeitig zutreffend und irreführend sein kann. Es kommt darauf an, welche Leber, welches Gift und welche Darreichungsform gemeint sind.
Wie Silymarin auf Zellebene wirken könnte
Wenn es also nicht Entgiftung ist, was ist es dann? Aus der Sicht der klinischen Psychoneuroimmunologie lohnt sich hier ein Blick durch vier Linsen gleichzeitig. Die Leber ist nämlich kein isoliertes Organ, sondern der Umschlagplatz zwischen Immunsystem, Stoffwechsel und Hormonachsen.
Die folgenden vier Perspektiven sind Einordnungen und Hypothesen, keine belegten Wirkaussagen.
Immunsystem
In der Fettleber sitzen aktivierte Immunzellen, die entzündliche Botenstoffe ausschütten. Silybin scheint im Tiermodell den Signalweg NF-kappa-B zu dämpfen, also den zentralen Schalter für diese Entzündungsantwort.
Stoffwechsel
Zwischen Phase I und Phase II entstehen reaktive Zwischenprodukte. Der Nrf2-Signalweg schaltet die zelleigene antioxidative Abwehr hoch. Silybin kann diesen Weg im Tiermodell aktivieren und damit die Selbstschutz-Kapazität der Zelle erhöhen.
Hormonsystem
Insulin ist das dominante Hormon der Leberzelle. Es entscheidet, ob Fett eingelagert oder verbrannt wird. Bei Insulinresistenz kippt diese Steuerung, und die Leber baut Fett auf, obwohl reichlich Energie da ist.
Nervensystem
Die Leber verwertet Ammoniak aus dem Darm. Bei fortgeschrittener Lebererkrankung kann dieser Wert steigen und sich als Konzentrationsstörung und schwere Müdigkeit äußern. Das ist ein Spätzeichen und keine Erklärung für alltägliche Müdigkeit. Wer sich müde fühlt, hat dafür fast immer andere Gründe, von Schlaf über Eisen bis Schilddrüse.
Ou und ein Team fütterten männliche C57BL/6-Mäuse acht Wochen lang eine Diät ohne Methionin und Cholin. Dieses Modell erzeugt zuverlässig eine Fettleberentzündung. Ein Teil der Tiere erhielt zusätzlich Silybin über die Sonde.
Beobachtet wurde: Unter Silybin waren Verfettung, Bindegewebsvermehrung und Entzündung im Lebergewebe geringer ausgeprägt. Gene des Nrf2-Signalwegs waren stärker abgelesen, die Aktivität von NF-kappa-B war gedämpft.
Was das für dich bedeutet: Das ist ein plausibler Mechanismus, aber es ist eine Maus mit einer künstlich erzeugten Fettleber. Die Übertragung auf den Menschen ist eine Hypothese, kein Befund.
Ou Q, Weng Y, Wang S et al. Dig Dis Sci. 2018;63(12):3398-3408. DOI: 10.1007/s10620-018-5268-0Der Detox-Gedanke stellt sich Silymarin als Putzkolonne vor, die etwas hinausträgt.
Die Studienlage legt etwas anderes nahe: Es könnte eher ein Schutzhelm sein. Es trägt nichts hinaus. Es könnte die Zelle stabiler machen, während sie ihre eigene Arbeit erledigt. Das ist unspektakulärer, aber es passt zu den Daten.
Und jetzt weißt du, warum ich das Wort hepatoprotektiv dem Wort entgiftend vorziehe. Es beschreibt genauer, worum es geht: um Schutz während der Arbeit, nicht um die Arbeit selbst.
Fettleber: hier ist die Evidenz am dichtesten und trotzdem nicht eindeutig
Jetzt zu der Erkrankung, wegen der die meisten Menschen tatsächlich zur Mariendistel greifen, auch wenn sie es oft nicht wissen. Denn die häufigste Leberbelastung unserer Zeit ist keine Vergiftung.
Younossi und ein Team werteten 2023 Bevölkerungsdaten von 1990 bis 2019 aus, insgesamt 92 Studien mit über 9,3 Millionen Menschen.
Beobachtet wurde: Die weltweite Häufigkeit der nichtalkoholischen Fettleber lag bei 30,05 Prozent, mit einem Intervall von 27,88 bis 32,32. Im Zeitverlauf stieg sie um 50,4 Prozent, von 25,26 Prozent im Zeitraum 1990 bis 2006 auf 38,00 Prozent im Zeitraum 2016 bis 2019. Für Westeuropa lag der Wert bei 25,10 Prozent.
Was das für dich bedeutet: Rechnerisch hat etwa jeder vierte Mensch in Westeuropa eine Fettleber. Die allermeisten wissen nichts davon, weil sie nichts spüren.
Younossi ZM, Golabi P, Paik JM et al. Hepatology. 2023;77(4):1335-1347. DOI: 10.1097/HEP.0000000000000004Hier ist die Studienlage zu Silymarin am dichtesten. Und sie ist, ehrlich gesagt, gemischt.
Li und Kolleginnen und Kollegen fassten 2023 alle randomisierten Studien zu Silymarin bei Fettleber zusammen, die sie in sechs Datenbanken finden konnten.
Beobachtet wurde: Unter Silymarin waren die Leberwerte niedriger, ALT mit einer standardisierten Mittelwertdifferenz von minus 12,39 bei einem Intervall von minus 19,69 bis minus 5,08, AST mit minus 10,97 bei einem Intervall von minus 15,51 bis minus 6,43. In der Gewebeprobe verbesserte sich die Verfettung häufiger, Odds Ratio 3,25 bei einem Intervall von 1,80 bis 5,87. Auch Cholesterin und Nüchterninsulin lagen niedriger.
Was das für dich bedeutet: Das sind respektable Zahlen. Ehrlich dazugehört: Beim Insulinresistenz-Index HOMA-IR reichte das angegebene Intervall von minus 0,77 bis plus 0,04 und schloss damit die Null ein. Die Autoren schrieben selbst, die Effekte müssten in weiterer Forschung bestätigt werden.
Li S, Duan F, Li S, Lu B. Ann Hepatol. 2024;29(2):101174. DOI: 10.1016/j.aohep.2023.101174Kalopitas und ein Team an der Aristoteles-Universität Thessaloniki gingen 2021 dieselbe Frage strenger an. Sie nahmen nur placebokontrollierte randomisierte Studien auf und bewerteten die Verzerrungsrisiken systematisch.
Beobachtet wurde: Silymarin senkte die Transaminasen stärker als Placebo, und zwar unabhängig davon, ob die Teilnehmenden Gewicht verloren. Gleichzeitig wiesen die Autoren ausdrücklich auf mögliche Qualitätsmängel der eingeschlossenen Studien hin.
Was das für dich bedeutet: Der Effekt auf die Leberwerte scheint robust genug, um ernst genommen zu werden. Ob ein niedrigerer ALT-Wert auch bedeutet, dass sich das Gewebe erholt, bleibt nach Einschätzung der Autoren offen.
Kalopitas G, Antza C, Doundoulakis I et al. Nutrition. 2021;83:111092. DOI: 10.1016/j.nut.2020.111092Genau diese offene Frage hat eine Arbeitsgruppe in Kuala Lumpur beantwortet. Mit Gewebeproben vorher und nachher. Und das Ergebnis ist lehrreich, weil es nicht in eine einfache Schlagzeile passt.
Die Arbeitsgruppe um Wah Kheong an der Universität Malaya behandelte Menschen mit bioptisch gesicherter Fettleberentzündung 48 Wochen lang mit 700 mg Silymarin dreimal täglich oder mit Placebo. Danach wurde erneut biopsiert.
Beobachtet wurde: Der primäre Endpunkt, eine Verbesserung des Aktivitätsscores um mindestens 30 Prozent, wurde verfehlt. 32,7 Prozent in der Silymarin-Gruppe gegenüber 26,0 Prozent unter Placebo, p gleich 0,467. Bei der Bindegewebsvermehrung sah es anders aus: Eine Rückbildung um mindestens einen Punkt zeigten 22,4 Prozent unter Silymarin und 6,0 Prozent unter Placebo, p gleich 0,023. In der Elastografie ging die Lebersteifigkeit bei 24,2 Prozent gegenüber 2,3 Prozent deutlich zurück, p gleich 0,002.
Was das für dich bedeutet: Die Hauptfrage wurde nicht bestätigt. Ein sekundärer Befund zur Fibrose fiel dagegen auf. Die Autoren formulierten das vorsichtig: Silymarin könnte die Fibrose günstig beeinflussen, das müsse eine größere Studie erst bestätigen. Ich finde diese Zurückhaltung vorbildlich.
Wah Kheong C, Nik Mustapha NR, Mahadeva S. Clin Gastroenterol Hepatol. 2017;15(12):1940-1949. DOI: 10.1016/j.cgh.2017.04.016Loguercio und ein europäisches Studienteam prüften über zwölf Monate eine Kombination aus Silybin, Phosphatidylcholin und Vitamin E gegen Placebo bei histologisch gesicherter Fettleber. 138 Personen konnten nach Protokoll ausgewertet werden.
Beobachtet wurde: In der Behandlungsgruppe verbesserten sich Leberwerte, Insulinresistenz-Index und Gewebebefund, in der Placebogruppe nicht. Bei 15 Prozent der Behandelten fiel der Body-Mass-Index in den Referenzbereich, unter Placebo bei 2,1 Prozent. Schwere Nebenwirkungen traten nicht auf. Berichtet wurden vorübergehende unerwünschte Wirkungen, unter anderem Durchfall, Geschmacksveränderungen und Juckreiz.
Was das für dich bedeutet: Interessant ist hier die Formulierung. Silybin wurde an Phosphatidylcholin gekoppelt, um die Aufnahme zu verbessern, und mit Vitamin E kombiniert. Der Effekt lässt sich deshalb nicht sauber einer einzelnen Substanz zuordnen.
Loguercio C, Andreone P, Brisc C et al. Free Radic Biol Med. 2012;52(9):1658-1665. DOI: 10.1016/j.freeradbiomed.2012.02.008Wo das Signal am deutlichsten ist
- Niedrigere Transaminasen bei Fettleber, in zwei unabhängigen Meta-Analysen
- In den Studien gut verträglich, mit den bekannten Einschränkungen: Magen-Darm-Beschwerden, Vorsicht bei Korbblütler-Allergie, keine belastbaren Daten in Schwangerschaft und Stillzeit
- Ein klarer Transportmechanismus bei Amatoxin-Vergiftung
- Erste Hinweise auf Stoffwechseleffekte, aus kleinen Studien und nach Einschätzung der Autorinnen und Autoren noch nicht ausreichend für feste Schlüsse
Noch nicht gezeigt
- Ob niedrigere Leberwerte auch weniger Gewebeschaden bedeuten
- Ob die Fibrose sich zuverlässig zurückbildet
- Ob sich harte Endpunkte wie Sterblichkeit verändern
- Welche Zubereitung und welche Menge sinnvoll sind
Und jetzt weißt du, warum ich bei diesem Thema keine Schlagzeile liefern kann. Die ehrliche Antwort lautet: Es gibt ein Signal, es ist nicht groß, und es ist nicht sauber bestätigt.
Wo die Evidenz dünn wird: Hepatitis C und Alkohol
Ein Artikel, der nur die positiven Studien erzählt, ist Werbung. Also erzähle ich dir jetzt die zwei, die nicht funktioniert haben.
Vorab, weil es wichtig ist: Was hier steht, ist eine Einordnung der Studienlage und keine Behandlungsempfehlung. Eine Virushepatitis und eine alkoholbedingte Lebererkrankung gehören in ärztliche Behandlung, und für beide gibt es etablierte Therapien, die eine Heilpflanze nicht ersetzt.
Fried und ein Team an vier US-Zentren untersuchten Menschen mit chronischer Hepatitis C, bei denen eine Interferon-Therapie erfolglos geblieben war und deren ALT-Wert bei mindestens 65 U/l lag. Über 24 Wochen erhielten sie dreimal täglich 420 mg Silymarin, 700 mg Silymarin oder Placebo. Das ist deutlich mehr als die üblichen Handelsmengen.
Beobachtet wurde: Den primären Endpunkt erreichten in jeder der drei Gruppen exakt zwei Personen. Der mittlere ALT-Abfall unterschied sich nicht bedeutsam, p gleich 0,75. Die Viruslast und die Lebensqualität blieben unverändert.
Was das für dich bedeutet: Das ist eine methodisch saubere Studie mit einem klaren negativen Ergebnis. Wer Silymarin bei Hepatitis C empfiehlt, muss an dieser Arbeit vorbei argumentieren. Ich kann das nicht.
Fried MW, Navarro VJ, Afdhal N et al. JAMA. 2012;308(3):274-282. DOI: 10.1001/jama.2012.8265Rambaldi, Jacobs und Gluud von der Cochrane Hepato-Biliary Group in Kopenhagen prüften 2007 alle randomisierten Studien zu Mariendistel bei alkoholbedingter oder viraler Lebererkrankung.
Beobachtet wurde: Auf die Gesamtsterblichkeit zeigte sich kein signifikanter Effekt, relatives Risiko 0,78 bei einem Intervall von 0,53 bis 1,15. Die leberbezogene Sterblichkeit war über alle Studien hinweg reduziert, relatives Risiko 0,50 bei 0,29 bis 0,88. Betrachtete man nur die methodisch hochwertigen Studien, verschwand dieser Effekt, relatives Risiko 0,57 bei 0,28 bis 1,19. Nur 28,6 Prozent der Studien erfüllten hohe Qualitätsmerkmale.
Was das für dich bedeutet: Das ist das klassische Muster, wenn ein Effekt vor allem aus schwächeren Studien stammt. Die Autoren stellten den Nutzen ausdrücklich infrage und forderten besser gemachte Studien.
Rambaldi A, Jacobs BP, Gluud C. Cochrane Database Syst Rev. 2007;(4):CD003620. DOI: 10.1002/14651858.CD003620.pub3Belegt durch randomisierte Studien und Meta-Analysen: Silymarin kann bei Fettleber die Transaminasen senken und ist gut verträglich. Bei Hepatitis C zeigte die beste Studie keinen Effekt.
Mechanistisch plausibel, Humanstudien noch dünn: die antioxidativen und entzündungsdämpfenden Effekte über Nrf2 und NF-kappa-B. Diese Daten stammen bislang überwiegend aus Zellkultur und Tiermodell.
Klinisch beobachte ich, dass Menschen, die eine Leberkur beginnen, in denselben Wochen auch weniger trinken, weniger Zucker essen und mehr schlafen. Das ist meine Beobachtung, keine Studienaussage. Aber sie erklärt vermutlich einen großen Teil des gefühlten Effekts.
Und jetzt weißt du, warum ich dieses Kapitel überhaupt geschrieben habe. Eine Heilpflanze ehrlich einzuordnen heißt, auch die Studien zu erzählen, in denen nichts passiert ist.
Die häufigste Leberbelastung ist keine Vergiftung. Sie ist ein Stoffwechselproblem.
Hier kommen wir zu dem Punkt, der mir bei diesem Thema am wichtigsten ist.
Wenn heute eine Leber leidet, dann meistens nicht, weil Gift hineingeraten ist. Sondern weil zu viel Energie hineinfließt und der Stoffwechsel die Steuerung verloren hat. Und der auffälligste Einzelbaustein darin ist ein Zucker, den fast niemand für gefährlich hält.
Fruktose. Fruchtzucker. Klingt nach Obst, steckt aber vor allem in Haushaltszucker, in Softdrinks, in Fruchtsaftkonzentraten und in unzähligen Fertigprodukten.
Der Unterschied zu Traubenzucker ist entscheidend. Traubenzucker wird von allen Körperzellen verwertet. Fruktose wird zu einem großen Teil in der Leber verstoffwechselt, ein Teil offenbar auch schon im Dünndarm. Der Abbauweg in der Leberzelle läuft an einem Enzym vorbei, das sonst als Bremse dient. Er kann deshalb weitgehend ohne Rückkopplung ablaufen. Bei großen Mengen kann daraus in der Leberzelle neues Fett entstehen, ein Vorgang, den man De-novo-Lipogenese nennt.
Wie wichtig dieser Weg ist, hat eine sehr elegante Studie gezeigt, die genau dieses Enzym blockiert hat.
Kazierad und ein Team prüften über sechs Wochen einen Hemmstoff der Ketohexokinase, also des ersten Enzyms im Fruktose-Abbau. Eingeschlossen wurden Erwachsene mit mehr als sechs Prozent Leberfett in der Magnetresonanztomografie.
Beobachtet wurde: Unter der höheren Dosis von 300 mg sank der Leberfettanteil gegenüber Placebo um 18,73 Prozent, p gleich 0,04. Unter 75 mg zeigte sich kein signifikanter Unterschied. Entzündungsmarker verbesserten sich. Schwere Nebenwirkungen traten nicht auf.
Was das für dich bedeutet: Wenn das Blockieren eines einzigen Fruktose-Enzyms den Leberfettanteil um fast ein Fünftel senken kann, dann könnte der Fruktose-Stoffwechsel ein wichtiger Schalter sein. Zur Einordnung: Es war eine sechswöchige Studie mit 53 Teilnehmenden, finanziert vom Hersteller, und der Wirkstoff ist eine Prüfsubstanz ohne Zulassung. Sie zeigt einen Mechanismus, keine fertige Therapie. Und sie hat die Ernährung nicht verändert, sie hat ein Enzym blockiert.
Kazierad DJ, Chidsey K, Somayaji VR et al. Med. 2021;2(7):800-813. DOI: 10.1016/j.medj.2021.04.007Gutierrez und ein Team gingen derselben Frage im Tiermodell nach. Ratten erhielten entweder eine fruktosereiche Kost mit 30 Prozent der Kalorien aus Fruktose oder eine Kost, die der durchschnittlichen amerikanischen Ernährung mit 7,5 Prozent entsprach.
Beobachtet wurde: Auch die Alltagsmenge von 7,5 Prozent führte zu erhöhten Insulin- und Triglyceridwerten und zu Leberverfettung. Unter dem Enzymhemmer bildeten sich diese Veränderungen zurück, zusammen mit einer verringerten Fettneubildung in der Leber.
Was das für dich bedeutet: Es braucht keine extremen Mengen. Das ist ein Tiermodell, und die Übertragung auf den Menschen bleibt eine Annahme. Aber es passt zu dem, was die Humanstudie gefunden hat.
Gutierrez JA, Liu W, Perez S et al. Mol Metab. 2021;48:101196. DOI: 10.1016/j.molmet.2021.101196Und jetzt die Zahl, die alles in Verhältnis setzt. Denn es gibt eine Maßnahme, deren Effekt bisher kein Präparat in vergleichbarer Weise gezeigt hat.
Vilar-Gomez und ein Team begleiteten in Havanna Menschen mit bioptisch gesicherter Fettleberentzündung ein Jahr lang mit Lebensstiländerung. Bei 261 Personen lagen Gewebeproben vor und nach dem Jahr vor.
Beobachtet wurde: Insgesamt verschwand die Steatohepatitis bei 25 Prozent. Entscheidend war das Ausmaß des Gewichtsverlusts. Bei allen, die mindestens zehn Prozent ihres Körpergewichts verloren, sank der Aktivitätsscore. Bei 90 Prozent von ihnen bildete sich die Steatohepatitis zurück, bei 45 Prozent sogar die Fibrose.
Was das für dich bedeutet: Zehn Prozent Gewichtsverlust sind viel und nicht für jeden leicht. Wichtig zur Einordnung: Diese 90 Prozent gelten nur für die kleine Gruppe, die diese zehn Prozent wirklich erreicht hat. Das war in der Studie eine Minderheit. Über die ganze Gruppe gerechnet bildete sich die Steatohepatitis bei einem Viertel zurück. Trotzdem zeigen diese Zahlen, an welcher Stelle der größte Hebel sitzen könnte. Es ist eine Kohortenstudie ohne Kontrollgruppe, ein Kausalbeweis ist sie nicht.
Vilar-Gomez E, Martinez-Perez Y, Calzadilla-Bertot L et al. Gastroenterology. 2015;149(2):367-378. DOI: 10.1053/j.gastro.2015.04.005Hadi und ein Team fassten 2018 die randomisierten Studien zu Silymarin bei Typ-2-Diabetes zusammen. Acht Publikationen aus sieben Studien gingen ein.
Beobachtet wurde: Unter Silymarin lagen Nüchternblutzucker, HbA1c, Insulin, LDL-Cholesterin und der Oxidationsmarker Malondialdehyd niedriger, HDL-Cholesterin höher. Auf Gesamtcholesterin und Triglyceride zeigte sich kein bedeutsamer Effekt.
Was das für dich bedeutet: Das ist der interessanteste Anknüpfungspunkt. Wenn Silymarin bei Fettleber etwas bewirken kann, dann möglicherweise weniger über Entgiftung und mehr über den Zuckerstoffwechsel. Die Autoren nannten die Evidenz selbst noch unzureichend für feste Schlussfolgerungen.
Hadi A, Pourmasoumi M, Mohammadi H et al. Complement Ther Med. 2018;41:311-319. DOI: 10.1016/j.ctim.2018.08.010Deine Leber hat kein Reinigungsproblem. In den meisten Fällen hat sie ein Mengenproblem.
Die Detox-Logik sagt: Da ist etwas drin, das muss raus.
Die Stoffwechsel-Logik sagt: Da kommt zu viel rein, und die Steuerung ist aus dem Takt. Das ändert die Handlung komplett. Nicht mehr hinzufügen, sondern weniger hineingeben. Nicht spülen, sondern entlasten.
Und hier geht es längst nicht mehr um ein Laborergebnis. Eine Leber, die nicht ständig gegen eine Überversorgung arbeiten muss, gibt dir etwas zurück, das du im Alltag spürst: Energie, die den ganzen Tag trägt. Das ist kein Laborwert. Das ist Lebensqualität.
Und jetzt weißt du, warum ich bei Menschen mit erhöhten Leberwerten selten über Pflanzen rede, bevor wir nicht über Fruktose, Alkohol, Schlaf und Bewegung gesprochen haben.
Sicherheit, Wechselwirkungen und was ich vorher klären würde
Bleibt die praktische Seite. Denn dass etwas pflanzlich ist, sagt nichts über die Sicherheit aus. Der Knollenblätterpilz ist auch pflanzlich, im weitesten Sinn.
Bei Silymarin sieht die Bilanz in den Studien allerdings gutmütig aus. Im Cochrane-Review lag das Risiko für unerwünschte Ereignisse bei einem relativen Risiko von 0,83 mit einem Intervall von 0,46 bis 1,50, also nicht erhöht gegenüber Placebo. In der Studie aus Kuala Lumpur unterschieden sich die Nebenwirkungen zwischen beiden Gruppen ebenfalls nicht, und keines der Ereignisse wurde auf Silymarin zurückgeführt. Nebenwirkungsfrei heißt das nicht. Berichtet wurden Magen-Darm-Beschwerden, weiche Stühle, Durchfall, Geschmacksveränderungen und Juckreiz, und bei Korbblütler-Allergie sind allergische Reaktionen bis hin zur Anaphylaxie beschrieben.
Die längere Zeit größte Sorge betraf Wechselwirkungen. In Zellversuchen hemmte Silymarin verschiedene Arzneimittel-Enzyme deutlich. Das wäre relevant, weil viele Menschen mit Lebererkrankung mehrere Medikamente nehmen.
Kawaguchi-Suzuki und ein Team gaben neun gesunden Freiwilligen 14 Tage lang dreimal täglich einen standardisierten Mariendistel-Extrakt. Vorher und nachher maßen sie die Aktivität der wichtigsten Arzneimittel-Enzyme mit vier Testsubstanzen gleichzeitig, darunter Koffein und Midazolam.
Beobachtet wurde: Die Aktivität von CYP1A2, CYP2C9, CYP2D6 und CYP3A4/5 blieb unbeeinflusst. Die aus Zellversuchen befürchtete Hemmung bestätigte sich am Menschen nicht.
Was das für dich bedeutet: Das ist eine kleine Studie an gesunden Menschen, keine Entwarnung für jede Situation. Aber sie ist ein gutes Beispiel dafür, warum Zellkultur-Ergebnisse nicht ungeprüft auf den Alltag übertragen werden dürfen.
Kawaguchi-Suzuki M, Frye RF, Zhu HJ et al. Drug Metab Dispos. 2014;42(10):1611-1616. DOI: 10.1124/dmd.114.057232Geprüft wurden dabei allerdings nur vier dieser Enzyme, bei neun gesunden Freiwilligen. Nicht geprüft wurden die Transportproteine der Leberzelle und die Glucuronidierung. Und genau die sind hier interessant. Weiter oben in diesem Artikel steht der Befund, dass Silibinin OATP1B3 blockieren kann. Über diesen Weg gelangen unter anderem Statine in die Leberzelle. Ob das im Alltag eine Rolle spielt, ist offen. Solange das offen ist, gilt: Wenn du dauerhaft Medikamente nimmst, besonders Cholesterinsenker, Mittel gegen Diabetes oder Immunsuppressiva, besprich jede Ergänzung mit deiner Ärztin oder deinem Arzt.
Warum ich selten mit der Pflanze anfange
Wenn jemand mit erhöhten Leberwerten zu mir kommt, ist die Mariendistel nicht mein erster Gedanke. Nicht weil ich sie geringschätze, sondern weil die Reihenfolge zählt.
Zuerst will ich wissen, warum die Werte erhöht sind. Danach schauen wir gemeinsam auf die Dinge, die täglich auf die Leber wirken: Alkohol, Fruktose, Schlafmangel, Medikamente, Bewegung, Bauchumfang. Erst wenn diese Ebene bearbeitet ist, wird die Frage nach einer pflanzlichen Ergänzung überhaupt sinnvoll.
Das ist meine begründete Position, kein Endstand der Wissenschaft. Andere Kolleginnen und Kollegen setzen andere Schwerpunkte, und die schulmedizinische Abklärung erhöhter Leberwerte ist und bleibt die Grundlage von allem, was danach kommt.
Drei Hebel, die heute schon zählen
Was du selbst in die Hand nehmen kannst
- Die flüssige Fruktose zuerst. Softdrinks, Fruchtsäfte und Smoothies liefern Fruktose ohne Ballaststoffe und ohne Sättigung. Ganzes Obst ist etwas anderes, es kommt mit Faserstoffen und in begrenzter Menge. Wenn du an einer einzigen Stelle ansetzt, dann hier.
- Alkoholfreie Tage als feste Größe. Nicht als Verzicht gedacht, sondern als Erholungsfenster. Die Leber braucht Zeitfenster ohne Aufgabe, um an ihren eigenen Reparaturen zu arbeiten.
- Bewegung, die den Muskel fordert. Muskeln nehmen Zucker auch ohne viel Insulin auf. Damit sinkt der Druck auf die Leber, ganz unabhängig davon, ob sich auf der Waage etwas tut.
Wenn du dich trotzdem für ein Präparat interessierst
Vorweg: Mariendistel-Präparate sind in der Regel Nahrungsergänzungsmittel. Sie sind keine Behandlung einer Lebererkrankung und ersetzen keine Diagnostik.
- Achte darauf, dass der Silymarin-Gehalt angegeben ist. Reines Mariendistelpulver ohne Standardisierung sagt wenig aus.
- Kläre vorher die Ursache deiner Leberwerte ab. Ein Präparat kann eine Diagnostik nicht ersetzen.
- Besprich die Einnahme mit deiner Ärztin oder deinem Arzt, besonders wenn du dauerhaft Medikamente nimmst, und ganz besonders bei Diabetes-Medikamenten oder Cholesterinsenkern.
- Die in diesem Artikel genannten Mengen, etwa dreimal 700 mg oder dreimal 420 mg, sind Studienangaben. Sie sind ausdrücklich keine Einnahmeempfehlung von mir.
- Erwarte keine spürbare Veränderung innerhalb weniger Tage. Die Studien liefen über Wochen bis Monate.
Und jetzt weißt du, warum die ehrlichste Antwort auf die Frage nach der Mariendistel weder ein begeistertes Ja noch ein abfälliges Nein ist. Sie lautet: Es kommt darauf an, und die Reihenfolge entscheidet.
Häufige Fragen zu Mariendistel und Leber
Kann Mariendistel die Leber entgiften?
Die Leber entgiftet ohnehin, rund um die Uhr, über zwei Enzymstufen.
In Phase I bauen Cytochrom-P450-Enzyme fettlösliche Stoffe um, in Phase II werden diese Zwischenprodukte konjugiert und damit wasserlöslich gemacht, sodass sie über Galle und Niere den Körper verlassen können. Eine Pflanze startet diesen Vorgang nicht, er läuft permanent.
Eine kritische Übersichtsarbeit von Klein und Kiat fand zu kommerziellen Detox-Programmen keine einzige randomisierte kontrollierte Studie am Menschen. Sinnvoller ist deshalb die Frage, ob deine Leber genug Bausteine und genug Ruhe für ihre eigene Arbeit hat.
Was ist der Unterschied zwischen Mariendistel, Silymarin und Silibinin?
Mariendistel ist die Pflanze, botanisch Silybum marianum. Silymarin ist der standardisierte Extrakt aus ihren Früchten, ein Gemisch aus sechs Flavonolignan-Isomeren. Silibinin, auch Silybin genannt, ist davon der pharmakologisch aktivste Bestandteil.
Wenn in Studien von starken Effekten die Rede ist, geht es fast immer um Silibinin oder um standardisierte Silymarin-Extrakte, nicht um Mariendisteltee.
Diese drei Begriffe werden in der Werbung ständig vermischt. In der Forschung sind sie klar getrennt, und genau deshalb lassen sich Studienergebnisse nicht ungeprüft auf jedes Produkt im Regal übertragen.
Kann Mariendistel bei Fettleber helfen?
Hier ist die Datenlage am dichtesten, aber nicht eindeutig.
Eine Meta-Analyse von Li und Kolleginnen und Kollegen fasste 26 randomisierte Studien mit 2.375 Teilnehmenden zusammen und fand unter Silymarin niedrigere Werte für ALT und AST sowie eine häufigere Verbesserung der Verfettung in der Gewebeprobe, Odds Ratio 3,25 bei einem Intervall von 1,80 bis 5,87.
Eine randomisierte Studie aus Kuala Lumpur an 99 Menschen mit gesicherter Fettleberentzündung verfehlte dagegen ihren primären Endpunkt, 32,7 Prozent gegenüber 26,0 Prozent unter Placebo. Auffällig war dort nur ein sekundärer Befund zur Bindegewebsvermehrung.
Beim Insulinresistenz-Index HOMA-IR zeigte dieselbe Meta-Analyse keinen gesicherten Effekt, und die Autorinnen und Autoren schreiben selbst, die Ergebnisse müssten in weiterer Forschung bestätigt werden.
Silymarin kann also Leberwerte günstig beeinflussen. Ein Ersatz für die Behandlung der Ursache ist es nicht. Mariendistel-Präparate sind in Deutschland überwiegend Nahrungsergänzungsmittel und keine Behandlung einer Lebererkrankung.
Wie schnell kann Mariendistel wirken?
Darauf gibt es keine seriöse Zahl.
In den Fettleber-Studien liefen die Behandlungszeiträume typischerweise über Wochen bis zu zwölf Monaten, und selbst dann waren die Ergebnisse uneinheitlich. Ein Präparat, das nach drei Tagen einen spürbaren Unterschied macht, wäre bei diesem Wirkprinzip biologisch schwer zu erklären.
Ein schnelles Gefühl von Leichtigkeit während einer Leberkur kommt eher von den Begleitumständen: weniger Alkohol, weniger Zucker, mehr Wasser, mehr Schlaf. Das ist keine Kritik an diesem Gefühl. Es ist nur eine ehrliche Zuordnung, wem der Verdienst gehört.
Ist Mariendistel bei Hepatitis C sinnvoll?
Nach der besten verfügbaren Studie eher nicht.
Fried und ein Team an vier US-Zentren untersuchten 154 Menschen mit chronischer Hepatitis C, bei denen eine Interferon-Therapie erfolglos geblieben war. Über 24 Wochen erhielten sie 420 mg oder 700 mg Silymarin dreimal täglich oder Placebo, also deutlich mehr als handelsübliche Mengen.
Den primären Endpunkt erreichten in jeder Gruppe exakt zwei Personen. Auch die Viruslast und die Lebensqualität unterschieden sich nicht. Das ist ein sauber durchgeführtes negatives Ergebnis, und ich halte es für wichtig, das offen zu sagen, statt es zu übergehen.
Schützt Mariendistel die Leber vor Alkohol?
Ein Freibrief ist es sicher nicht.
Ein Cochrane-Review von Rambaldi und Kolleginnen und Kollegen wertete 18 randomisierte Studien mit 1.088 Teilnehmenden aus, überwiegend mit alkoholbedingter oder viraler Lebererkrankung. Auf die Gesamtsterblichkeit zeigte sich kein signifikanter Effekt, relatives Risiko 0,78 bei einem Intervall von 0,53 bis 1,15.
Die leberbezogene Sterblichkeit war über alle Studien hinweg reduziert. In den methodisch hochwertigen Studien war sie es nicht mehr. Nur 28,6 Prozent der eingeschlossenen Studien erfüllten hohe Qualitätsmerkmale.
Der zuverlässigste Leberschutz bei Alkohol bleibt weniger Alkohol. Das ist unbequem, aber es ist die Aussage mit der besten Datenbasis. Eine alkoholbedingte Lebererkrankung gehört dabei in ärztliche Behandlung, das ist eine Einordnung der Studienlage und keine Behandlungsempfehlung.
Wenn dir dein Alkoholkonsum Sorgen macht: Sucht und Drogen Hotline 01806 313031, Infotelefon der BZgA zur Suchtvorbeugung 0221 892031.
Hat Mariendistel Nebenwirkungen?
In den Studien war Silymarin überwiegend gut verträglich, mit den bekannten Einschränkungen. Nebenwirkungsfrei heißt das nicht.
Im Cochrane-Review war das Risiko für unerwünschte Ereignisse gegenüber Placebo nicht erhöht, relatives Risiko 0,83 bei einem Intervall von 0,46 bis 1,50. In der Studie aus Kuala Lumpur unterschied sich die Zahl der Nebenwirkungen zwischen Silymarin und Placebo ebenfalls nicht, und keines der Ereignisse wurde auf das Präparat zurückgeführt.
Berichtet werden vor allem weiche Stühle und leichte Magen-Darm-Beschwerden, in einer der Studien auch Durchfall, Geschmacksveränderungen und Juckreiz. Wer auf Korbblütler wie Beifuß, Kamille oder Ambrosia allergisch reagiert, sollte es meiden: Beschrieben sind allergische Reaktionen bis hin zur Anaphylaxie.
In Schwangerschaft und Stillzeit sowie bei Kindern und Jugendlichen fehlen belastbare Daten, deshalb gilt dort Zurückhaltung. Und wenn du Medikamente gegen Diabetes nimmst, besonders Insulin, Sulfonylharnstoffe oder Glinide, kläre eine zusätzliche Einnahme vorher ärztlich ab. Eine zusätzliche Blutzuckersenkung kann theoretisch eine Unterzuckerung begünstigen.
Gibt es Wechselwirkungen mit Medikamenten?
Nach der bisherigen klinischen Datenlage sind Wechselwirkungen über die klassischen Leberenzyme geringer, als lange befürchtet wurde.
Kawaguchi-Suzuki und ein Team gaben neun gesunden Freiwilligen 14 Tage lang dreimal täglich einen standardisierten Mariendistel-Extrakt und maßen die Aktivität der wichtigsten Arzneimittel-Enzyme mit vier Testsubstanzen. CYP1A2, CYP2C9, CYP2D6 und CYP3A4/5 blieben unbeeinflusst.
Zellversuche hatten zuvor deutliche Hemmungen nahegelegt. Im Menschen bestätigte sich das nicht. Das ist ein schönes Beispiel dafür, dass In-vitro-Daten nicht automatisch für den Alltag gelten.
Geprüft wurden damit allerdings nur vier dieser Enzyme, bei neun gesunden Freiwilligen. Nicht geprüft wurden die Transportproteine der Leberzelle und die Glucuronidierung. Silibinin kann OATP1B3 blockieren, und über diesen Weg gelangen unter anderem Statine in die Leberzelle. Ob das im Alltag eine Rolle spielt, ist offen.
Solange das offen ist, gilt: Wenn du dauerhaft Medikamente nimmst, besonders Cholesterinsenker oder Mittel gegen Diabetes, besprich jede Ergänzung mit deiner Ärztin oder deinem Arzt.
Warum wird Silibinin bei Knollenblätterpilz-Vergiftung als Infusion gegeben?
Weil dort ein sehr konkreter Mechanismus greift und weil eine Kapsel dafür nicht ausreicht.
Amatoxine gelangen nicht von selbst in die Leberzelle, sie brauchen ein Transportprotein. Letschert und ein Team am Deutschen Krebsforschungszentrum identifizierten OATP1B3 als diesen Transporter, mit einem Km-Wert von 3,7 Mikromol. Silibinin-Dihemisuccinat gehörte zu den Substanzen, die diesen Transport blockierten.
Praktisch heißt das: Das Gift wird an der Tür abgefangen und stattdessen über die Niere ausgeschieden. Dafür braucht es hohe Blutspiegel über viele Stunden, die nur eine intravenöse Gabe erreicht. In der Übersicht von Mengs und Kollegen lag die Sterblichkeit unter intravenösem Silibinin in annähernd 1.500 dokumentierten Fällen bei unter 10 Prozent. Der Erstautor dieser Übersicht war beim Hersteller des Infusionspräparats tätig, das gehört zur Einordnung dazu.
Diese Infusionslösung ist verschreibungspflichtig, wird ausschließlich in der Klinik unter intensivmedizinischer Überwachung gegeben und kann selbst unerwünschte Wirkungen haben, unter anderem Überempfindlichkeitsreaktionen. Für den Alltag ist sie keine Option.
Was bringt der Leber mehr als eine Leberkur?
Bei der häufigsten Leberbelastung überhaupt, der Fettleber, sind es Gewicht und Zuckerlast.
Vilar-Gomez und ein Team begleiteten 293 Menschen mit bioptisch gesicherter Fettleberentzündung über 52 Wochen mit Lebensstiländerung. Bei allen, die mindestens zehn Prozent Körpergewicht verloren, sank der Aktivitätsscore. Bei 90 Prozent von ihnen bildete sich die Steatohepatitis zurück, bei 45 Prozent sogar die Fibrose. Wichtig zur Einordnung: Diese 90 Prozent gelten nur für die kleine Gruppe, die die zehn Prozent wirklich erreicht hat. Über die ganze Gruppe gerechnet war es ein Viertel. Solche Zahlen hat bisher kein Präparat in vergleichbarer Weise gezeigt.
Dazu passt die Fruktose-Forschung. In einer sechswöchigen Phase-2-Studie mit 53 Teilnehmenden sank der Leberfettanteil unter einem Hemmstoff des Fruktose-Abbaus um 18,73 Prozent gegenüber Placebo. Der Wirkstoff ist eine Prüfsubstanz ohne Zulassung, die Studie war herstellerfinanziert, und sie zeigt einen Mechanismus, keine fertige Therapie. Weniger flüssige Fruktose, weniger Alkohol, mehr Bewegung und ausreichend Schlaf sind unspektakulär. Aber sie greifen an der Ursache an.
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Quellen
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