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Migräne verstehen: Ursachen, Auslöser, Hormone und was die Leitlinie empfiehlt

Migräne ist eine neurologische Erkrankung mit starker erblicher Komponente, keine Einbildung und kein Charakterzug. Manche vermeintlichen Auslöser könnten schon Vorboten der Attacke sein. Und für die Vorbeugung gibt es mehr belegte Wege als Tabletten allein.

SJ
Shukri Jarmoukli · Arzt, Integrative Medizin · ViveCura Berlin
Leitlinie DGN und DMKG 2025 Auslöser oder Vorbote Zyklus, Aura und Verhütung 61 Quellen mit DOI
Warum ich das schreibe

Zu Migräne höre ich zwei Sätze, die beide zu kurz greifen. Das sei doch nur Kopfweh. Oder: Mit dem richtigen Pulver sei sie weg. Beide werden einem empfindlichen Gehirn nicht gerecht.

Es beginnt mit einem Flimmern am Rand deines Blickfelds, mitten im Meeting. Ein glitzernder Bogen, der sich langsam ausdehnt, bis du die Zahlen auf dem Bildschirm nicht mehr lesen kannst.

Oder es beginnt am Samstagmorgen, endlich Wochenende. Und genau dann pocht es hinter dem rechten Auge, und der Tag gehört nicht mehr dir. Viele Menschen kennen dieses Muster: das abgedunkelte Zimmer, die Übelkeit, das Geräusch der Spülmaschine, das plötzlich unerträglich ist.

Ich möchte dir hier etwas anderes anbieten als eine weitere Verbotsliste: ein Verständnis dafür, was in deinem Gehirn passiert, eine ehrliche Sortierung der Auslöser, einen genauen Blick auf die Hormone und das, was Leitlinie und Studien zeigen. Mit allem, was belegt ist, und allem, was offen ist.

Bevor du weiterliest

Alarmzeichen: wann Kopfschmerz sofort oder zeitnah ärztlich abgeklärt gehört

Sofort 112 oder Notaufnahme bei:

  • plötzlich einsetzendem, schlagartigem Kopfschmerz, dem stärksten deines Lebens
  • neuen neurologischen Ausfällen wie Lähmung, Sprachstörung, Sehverlust, Verwirrtheit oder Bewusstseinsstörung
  • Kopfschmerz mit Fieber und Nackensteife
  • Kopfschmerz nach einem Sturz oder einer Kopfverletzung

Zeitnah ärztlich abklären bei:

  • erstmals auftretenden oder deutlich veränderten Kopfschmerzen
  • neuem Kopfschmerz ab etwa 50 Jahren, besonders an der Schläfe oder mit Kauschmerz, unter anderem wegen einer Gefäßentzündung, der Riesenzellarteriitis; kommen Sehstörungen dazu, noch am selben Tag
  • einer Aura, die erstmals nach dem 40. Lebensjahr auftritt, nur aus Ausfällen wie einem Gesichtsfeldverlust besteht oder ungewöhnlich lang oder sehr kurz ist
  • Kopfschmerz, der durch Husten, Pressen oder Anstrengung ausgelöst wird oder stark von der Körperlage abhängt
  • neuen oder veränderten Kopfschmerzen in Schwangerschaft oder Wochenbett

Wenn neben den Kopfschmerzen Suizidgedanken auftauchen, hol dir sofort Hilfe. Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr und kostenfrei erreichbar unter 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222. In akuter Gefahr wähle 112 oder geh in die nächste Notaufnahme.

Triptane, Schmerzmittel, eine vorbeugende Therapie oder eine Verhütungsmethode werden nicht eigenmächtig abgesetzt, reduziert oder ersetzt. Jede Änderung gehört in die Hand der verordnenden Ärztin oder des verordnenden Arztes.

Grundlage: SNNOOP10-Warnzeichen (Do 2019), ACR/EULAR-Kriterien der Riesenzellarteriitis (2022), ICHD-3.

Was dich hier erwartet

  • Filter, Welle, CGRP: was im Gehirn passiert
  • Aura und Spannungskopfschmerz abgrenzen
  • Warum Heißhunger ein Vorbote sein könnte
  • Wochenende, Schlaf, Alkohol, Wetter
  • Östrogenabfall, Perimenopause, Schwangerschaft
  • Aura und Pille: das Schlaganfallrisiko
  • Magnesium, Riboflavin, Q10 und die Leitlinie
  • Histamin, Darm, Gewicht, Psyche
  • Vorbeugen ohne Tabletten
  • Akuttherapie, Übergebrauch, Migräne-Spritze
RCT · Meta · Leitlinie randomisiert, zusammengefasst, Konsens Human Kohorte, Tagebuch, Befragung, Bildgebung Tiermodell nur Hintergrund einer Hypothese Labor hier nicht als Beleg genutzt

Was in deinem Gehirn passiert: ein empfindlicher Filter, eine wandernde Welle und ein Botenstoff namens CGRP

„Das ist doch nur Kopfweh.“ Diesen Satz hören Menschen mit Migräne erstaunlich oft, manchmal sogar von sich selbst.

Die Forschung sieht das anders. Migräne gilt als Erkrankung der Reizverarbeitung im Nervensystem. Eine große Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2017 führte sie damals an sechster Stelle der häufigsten Ursachen für Beeinträchtigung weltweit.

Das Mischpult mit zu empfindlichen Reglern

Stell dir dein Gehirn wie ein Mischpult vor. Licht, Geräusche, Gerüche, Hunger, Müdigkeit und Hormonsignale kommen als eigene Spuren herein, und das Pult regelt sie zu einem stimmigen Gesamtbild. Bei Migräne scheinen einige Regler empfindlicher eingestellt zu sein. Ein Team um Goadsby beschreibt Migräne als weitgehend akzeptierte, vererbte Neigung des Gehirns, die Kontrolle über seine eingehenden Reize zu verlieren. Das könnte erklären, warum Licht während einer Attacke so schwer zu ertragen ist.

Wie stark die Veranlagung ist, zeigt eine Genomanalyse um Hautakangas mit 102.084 Menschen mit Migräne und 771.257 Kontrollpersonen. Gefunden wurden 123 Risikoregionen, darunter Gene für CGRP und für einen Serotoninrezeptor, also für Angriffspunkte heutiger Migränemedikamente. Genomanalyse Migräne liegt nicht an einem einzelnen Gen, sondern an vielen kleinen Varianten. Du hast sie dir nicht ausgesucht.

Die Attacke beginnt womöglich vor dem Schmerz

Viele Menschen spüren Stunden vorher, dass etwas kommt. Sie gähnen, sind gereizt, müde, haben Heißhunger oder einen steifen Nacken. Hunger, Schlaf, Stimmung und Wachheit taktet eine kleine Region im Zwischenhirn, der Hypothalamus, der zugleich eng an Tagesrhythmus und Zyklus gekoppelt ist.

Bildgebung, Einzelfall 30 Tage im MRT, drei Attacken

Schulte und May ließen eine Person mit Migräne 30 Tage lang jeden Morgen eine funktionelle MRT machen und erfassten drei spontane, unbehandelte Attacken.

In den 24 Stunden vor Schmerzbeginn war die Antwort des Hypothalamus auf Schmerzreize verändert, ebenso seine Verbindung zum Hirnstamm. Die Autoren vermuten hier einen möglichen Taktgeber der Attacken.

Für dich heißt das: Die Attacke könnte schon einen Tag vor dem Schmerz beginnen. Das ist ausdrücklich eine Hypothese aus einem Einzelfall, aber sie verändert, wie wir über Auslöser denken.

Schulte LH, May A. Brain. 2016;139(Pt 7):1987-1993. PMID: 27190019 · DOI: 10.1093/brain/aww097 [Case, Bildgebung Einzelfall]

Die Aura: eine Welle im Stadion

Bei einem Teil der Menschen mit Migräne kommt zumindest bei manchen Attacken eine Aura dazu, meist ein flimmernder Zickzackbogen oder ein blinder Fleck, manchmal Kribbeln oder Wortfindungsstörungen. Stell dir die Welle im Fußballstadion vor: Ein Block steht auf, setzt sich, der nächste steht auf, und hinter der Welle bleibt es kurz still. So ähnlich scheint die Aura zu entstehen, als langsam wandernde Erregungswelle über die Hirnrinde mit nachfolgender Dämpfung. Fachleute nennen das kortikale Streudepolarisation.

Ein Team um Hadjikhani machte diese Welle bei drei Menschen während einer visuellen Aura im funktionellen MRT sichtbar. Sie zog mit 3,5 plus minus 1,1 Millimetern pro Minute über die Sehrinde, passend zur Wanderung des Flimmerns. 3 Personen Wie die Welle mit dem Schmerz zusammenhängt, ist offen. Charles und Baca betonen, dass Tiermodelle die Aura-Erklärung stützen, aber erhebliche Unsicherheit bleibt. Ein Team um Ferrari formuliert: Die Streudepolarisation verursacht die Aura wahrscheinlich und stößt möglicherweise auch den Schmerz an.

Der Schmerz: Trigeminusnerv und CGRP

Nach heutigem Verständnis entsteht der Kopfschmerz im trigeminovaskulären System. Der Trigeminusnerv versorgt Hirnhäute und ihre Gefäße mit Schmerzfasern, die bei Aktivierung Botenstoffe freisetzen können, darunter CGRP. Lange galt Migräne als Gefäßkrankheit. Die Übersicht um Ferrari fasst den heutigen Stand anders zusammen: Die Gefäßerweiterung sei nur ein Begleitphänomen. Die Gefäße reagieren demnach mit, sind aber wohl nicht der Motor.

Provokation, doppelblind, 12 Personen CGRP als Auslöser im Experiment

Ein Team um Lassen gab zwölf Menschen mit Migräne ohne Aura doppelblind und im Crossover-Verfahren eine Infusion mit CGRP oder Placebo. Drei Personen wurden ausgeschlossen.

In den folgenden elf Stunden hatten alle ausgewerteten Personen nach CGRP Kopfschmerzen, nach Placebo eine Person. Bei drei Personen erfüllte der verzögerte Kopfschmerz nach CGRP die Kriterien einer Migräne.

Für dich heißt das: CGRP kann bei Migräne Kopfschmerz auslösen. Genau hier setzen die neueren Medikamente an. Die Studie ist sehr klein.

Lassen LH, Haderslev PA, Jacobsen VB et al. Cephalalgia. 2002;22(1):54-61. PMID: 11993614 · DOI: 10.1046/j.1468-2982.2002.00310.x [Provokationsstudie, doppelblind, n=12]
Eine Attacke in vier Phasen

Vom Gähnen bis zum Katertag

  • Vorboten. Stunden vorher: Müdigkeit, Gähnen, Konzentrationsprobleme, steifer Nacken, Heißhunger. Der Hypothalamus steht im Verdacht, mitzuspielen.
  • Aura, falls vorhanden. Jedes Aurasymptom dauert typischerweise 5 bis 60 Minuten und bildet sich vollständig zurück.
  • Kopfschmerz. Aktivierung des Trigeminusnervs, Freisetzung von CGRP, dazu Übelkeit und Überempfindlichkeit für Licht und Lärm. Unbehandelt 4 bis 72 Stunden.
  • Rückbildung. Erschöpfung und Konzentrationsschwäche, bis zu 48 Stunden.

Nach ICHD-3 und Übersichtsarbeiten zur Pathophysiologie. Nicht jede Attacke durchläuft alle Phasen, und die Rolle des Hypothalamus ist eine begründete, aber unbewiesene Annahme.

Eine weitere Ebene interessiert mich als integrativ arbeitenden Arzt besonders: die Idee, dass bei Migräne Energiereserve und Arbeitslast des Gehirns nicht zusammenpassen. Ich komme im Abschnitt über Nährstoffe darauf zurück, mit allen Grenzen.

Für den Alltag heißt das zuerst etwas Unspektakuläres: ein Kopfschmerzkalender. Die Leitlinie legt großen Wert auf Dokumentation, und die internationale Klassifikation empfiehlt ein Kopfschmerztagebuch. Notiere Kopfschmerztage, Stärke, Medikamente, Vorboten, Schlaf und bei Frauen den Zyklustag.

Reframe

Migräne ist kein Zeichen von Schwäche. Dahinter steht womöglich ein Gehirn, das sehr viel wahrnimmt und dessen Filter in bestimmten Momenten an seine Grenzen kommen kann.

Wer das versteht, kann aufhören, gegen sich selbst zu kämpfen, und anfangen, mit diesem Gehirn zu arbeiten.

Und jetzt weißt du, warum eine Migräneattacke mehr ist als Kopfweh: ein Ablauf, der womöglich schon Stunden vor dem Schmerz im Zwischenhirn beginnt.

Migräne erkennen: Phasen, Aura und der Unterschied zum Spannungskopfschmerz

Ist das, was du hast, überhaupt eine Migräne? Oder ist der drückende Kopf am Abend etwas anderes?

Zuerst die gute Nachricht: Für die Diagnose braucht es meist weder Blutbild noch MRT. Die Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Neurologie und der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft sagt, die Diagnose stütze sich auf die Anamnese und einen unauffälligen neurologischen Untersuchungsbefund. Zusatzdiagnostik und insbesondere Bildgebung seien bei Kopfschmerzen mit ungewöhnlicher Klinik notwendig. [Leitlinie]

Laut Leitlinie liegt die 1-Jahres-Prävalenz der Migräne zwischen 10 und 15 Prozent. Am häufigsten ist sie zwischen dem 20. und dem 50. Lebensjahr, und in dieser Phase sind Frauen bis zu dreimal häufiger betroffen als Männer. Von chronischer Migräne spricht die Klassifikation bei Kopfschmerz an mindestens 15 Tagen im Monat über mehr als drei Monate, davon an mindestens 8 Tagen mit Migränemerkmalen.

Die Kriterien in Alltagssprache

Die internationale Kopfschmerzklassifikation ICHD-3 beschreibt Migräne ohne Aura so: mindestens fünf Attacken von 4 bis 72 Stunden Dauer. Dazu mindestens zwei von vier Merkmalen: einseitig, pulsierend, mittel bis stark, Verstärkung durch normale Aktivität wie Treppensteigen. Und mindestens eines von beidem: Übelkeit oder Erbrechen, oder Licht- und Lärmempfindlichkeit.

Bei Migräne mit Aura bilden sich die Aurasymptome vollständig zurück. Sie betreffen das Sehen, das Fühlen oder die Sprache, seltener andere Funktionen. Typisch ist, dass sich ein Symptom über mindestens fünf Minuten ausbreitet, 5 bis 60 Minuten dauert und Kopfschmerz innerhalb von 60 Minuten folgt. Eine visuelle Aura haben über 90 Prozent der Menschen mit Aura zumindest bei einigen Attacken, und es gibt die Aura ganz ohne Kopfschmerz. Die Leitlinie nennt als Begleitsymptome Appetitlosigkeit fast immer, Übelkeit bei 80 Prozent, Erbrechen bei 30 Prozent, Lichtscheu bei 60 Prozent und Lärmempfindlichkeit bei 50 Prozent.

Elektronisches Tagebuch, 97 Personen Vorboten sind ein Zeitfenster

Ein Team um Giffin ließ Menschen mit bekannten Vorboten drei Monate lang ein elektronisches Tagebuch führen. 97 lieferten verwertbare Daten.

Aus 72 Prozent der Einträge mit Vorbotensymptomen sagten sie die Migräne richtig voraus. Am häufigsten waren Müdigkeit bei 72 Prozent der Attacken mit Warnzeichen, Konzentrationsschwierigkeiten bei 51 Prozent und ein steifer Nacken bei 50 Prozent.

Für dich heißt das: Vorboten können bei vielen Menschen ein brauchbares Frühsignal sein. Die Stichprobe war allerdings ausgewählt, denn teilnehmen konnte nur, wer seine Vorboten schon kannte.

Giffin NJ, Ruggiero L, Lipton RB et al. Neurology. 2003;60(6):935-940. PMID: 12654956 · DOI: 10.1212/01.wnl.0000052998.58526.a9 [Kohorte, prospektive Tagebuchstudie]

Migräne oder Spannungskopfschmerz?

Beide sind häufig, und sie kommen oft gemeinsam vor. Die ICHD-3 beschreibt den häufigen episodischen Spannungskopfschmerz als etwas, das oft zusammen mit Migräne ohne Aura auftritt, und empfiehlt zur Unterscheidung ein Kopfschmerztagebuch.

MerkmalMigräne ohne AuraSpannungskopfschmerz
Dauer4 bis 72 Stunden30 Minuten bis 7 Tage
Seiteoft einseitigmeist beidseitig
Charakterpulsierenddrückend, nicht pulsierend
Stärkemittel bis starkleicht bis mittel
Bewegungverstärkt den Schmerzverstärkt ihn nicht
Übelkeithäufigkeine
Licht und LärmÜberempfindlichkeit für beideshöchstens eines
Vereinfacht nach ICHD-3 (häufiger episodischer Spannungskopfschmerz). Für Migräne reichen zwei von vier Schmerzmerkmalen.

Zwei Abgrenzungen nur kurz, weil sie eigene Artikel haben. Ein Eisenmangel kann Kopfschmerzen und Schwindel begünstigen und gehört bei passenden Beschwerden in die Abklärung, siehe Eisenmangel: Kopfschmerzen und Schwindel. Wer regelmäßig mit Kopfschmerz aufwacht und laut schnarcht, sollte an eine nächtliche Atemstörung denken, beschrieben in Schlafapnoe erkennen. Und wenn der Nacken eine eigene Schmerzquelle ist: Rücken- und Nackenschmerzen ganzheitlich.

Klinisch beobachte ich

Viele Menschen, die sagen, sie hätten ständig Kopfschmerzen, erkennen erst mit einem über Wochen geführten Kalender ein Muster: zwei verschiedene Kopfschmerzarten, eine Häufung rund um die Periode oder still gestiegene Einnahmetage von Schmerzmitteln. Das ist Erfahrung aus meiner Sprechstunde, keine Studienaussage.

Reframe

Eine Migränediagnose braucht keinen Bluttest und meistens kein MRT. Sie braucht ein gutes Gespräch, eine neurologische Untersuchung und deinen Kalender.

Bildgebung ist wichtig, wenn Kopfschmerzen ungewöhnlich sind oder sich verändern.

Und jetzt weißt du, warum die wichtigste Untersuchung bei Migräne oft die ist, die du zu Hause vorbereitest.

Auslöser oder Vorbote? Stress, Entlastung, Schlaf, Mahlzeiten, Alkohol und Wetter

Kein Rotwein, keine Schokolade, kein gereifter Käse, pünktlich schlafen, nie hungrig werden. Und trotzdem kommt die Attacke, an einem Tag, an dem du alles richtig gemacht hast. Das zermürbt. Und es wirft eine Frage auf: Was, wenn manche Verdächtige gar nicht die Täter sind?

In Kelmans Befragung von 1.207 Menschen aus einer Kopfschmerzambulanz wurde Stress am häufigsten als Auslöser genannt, mit 79,7 Prozent. Es folgten Hormone bei Frauen mit 65,1 Prozent, nicht essen mit 57,3 Prozent und Wetter mit 53,2 Prozent. Die Bezugsgröße der Prozentwerte ist im Abstract nicht ganz eindeutig. Befragung Dazu kommt, wie persönlich Auslöser sind. Ein Team um Peris ließ 326 Menschen 90 Tage lang Tagebuch über 33 mögliche Faktoren führen. Im Mittel hingen vier Faktoren pro Person mit Attacken zusammen, und bei 85 Prozent derer mit mindestens einem Zusammenhang war das Profil einzigartig. Allgemeine Verbotslisten passen also selten genau auf dich.

Heißhunger: Ursache oder erster Zeuge?

Die internationale Kopfschmerzklassifikation zählt Heißhunger auf bestimmte Speisen ausdrücklich zu den Vorbotensymptomen, neben wiederholtem Gähnen und Müdigkeit. Wenn du vor einer Attacke zur Schokolade greifst, könnte der Heißhunger schon der Anfang gewesen sein.

Provokationsstudie, 53 Personen Wenn der Auslöser zum Vorboten passt

Ein Team um Karsan erfasste bei 53 Menschen mit Migräne, was sie als Auslöser vermuteten und welche Vorboten sie kannten, und rief dann mit einer Nitroglyzerin-Infusion Attacken hervor.

Wer eine ausgelassene Mahlzeit als Auslöser nannte, hatte auffällig oft spontanen Heißhunger als Vorboten. Ähnlich passten Licht als Auslöser und Lichtempfindlichkeit als Vorbote zusammen.

Für dich heißt das: Einige berichtete Auslöser wie Licht, Geräusche, Essen und ausgelassene Mahlzeiten können frühe Zeichen der Vorbotenphase sein. Ein Perspektivwechsel, kein Freispruch für jede Mahlzeitenpause.

Karsan N, Bose P, Newman J, Goadsby PJ. J Neurol. 2021;268(5):1885-1893. PMID: 33399964 · DOI: 10.1007/s00415-020-10344-1 [Provokationsstudie, n=53]

Und die Schokolade? Ein Team um Marcus gab 63 Frauen mit chronischen Kopfschmerzen doppelblind Schokolade oder Johannisbrot. Nach Schokolade traten nicht häufiger Kopfschmerzen auf, auch nicht bei Frauen, die sie für ihren Auslöser hielten. Die Studie ist alt und klein, passt aber ins Bild.

Warum die Migräne am Wochenende kommt

Tagebuchstudie, 17 Personen Nicht der Stress, sondern sein Abfall

Ein Team um Lipton ließ Menschen aus einem Kopfschmerzzentrum drei Monate lang ein elektronisches Tagebuch führen. 17 Personen lieferten ausreichend Daten, mit 110 Attacken.

Die Höhe des Stresses hing im Allgemeinen nicht mit Migräne zusammen. Ein Rückgang des Stresses von einem Abend zum nächsten ging dagegen mit häufigerem Migränebeginn in den folgenden 6, 12 und 18 Stunden einher, mit Odds Ratios von 1,5 bis 1,9.

Für dich heißt das: Das plötzliche Nachlassen einer Anspannung scheint das Risiko zu erhöhen. Die Studie ist klein, gibt der Wochenend- und Urlaubsmigräne aber eine messbare Spur.

Lipton RB, Buse DC, Hall CB et al. Neurology. 2014;82(16):1395-1401. PMID: 24670889 · DOI: 10.1212/WNL.0000000000000332 [Kohorte, prospektive Tagebuchstudie, n=17]

Am Wochenende verschiebt sich außerdem oft der Rhythmus: später aufstehen, später essen, später Kaffee. Ob der Rhythmuswechsel, der Koffeinabfall oder schon die Vorbotenphase entscheidet, lässt sich aus solchen Daten nicht trennen.

Schlaf: eher die Zerrissenheit als die Stunden

Ein Team um Bertisch begleitete 98 Erwachsene mit episodischer Migräne sechs Wochen lang mit Tagebuch und Bewegungssensor. Kurzer Schlaf von höchstens 6,5 Stunden und schlechte Schlafqualität hingen nicht mit Migräne zusammen. Eine laut Tagebuch niedrige Schlafeffizienz, also viel wache Zeit im Bett, ging mit 39 Prozent höheren Chancen für Kopfschmerz einher, allerdings nicht am Tag direkt nach der Nacht, sondern am Tag darauf. Der Bewegungssensor zeigte für zerrissenen Schlaf sogar niedrigere Chancen am direkt folgenden Tag. Kohorte, 98 Personen Die Daten sind also uneinheitlich. Deshalb würde ich eher auf Regelmäßigkeit setzen als auf den Druck, eine Stundenzahl zu schaffen. Wie das ohne neuen Stress gelingen kann, steht in Schlafhygiene richtig umsetzen, und warum Morgenlicht die innere Uhr stabilisieren kann, in Chronobiologie und innere Uhr.

Alkohol: häufig vermutet, selten zuverlässig

Online-Befragung, 2.197 Personen Rotwein im Faktencheck

Ein Team um Onderwater befragte 2.197 Menschen mit Migräne aus einer Leidener Forschungskohorte zu Alkohol als Auslöser.

35,6 Prozent nannten Alkohol. Rotwein war mit 77,8 Prozent der am häufigsten genannte alkoholische Auslöser. Zuverlässig eine Attacke auslöste er aber nur bei 8,8 Prozent.

Für dich heißt das: Rotwein ist ein oft vermuteter, aber unzuverlässiger Auslöser. Die Autoren sehen darin einen Hinweis gegen Alkohol als alleinigen Auslöser und eher für eine Schwelle, die von Tag zu Tag schwankt.

Onderwater GLJ, van Oosterhout WPJ, Schoonman GG et al. Eur J Neurol. 2019;26(4):588-595. PMID: 30565341 · DOI: 10.1111/ene.13861 [Querschnittstudie, Online-Befragung]

Was Alkohol schon in kleinen Mengen im Verdauungstrakt verändern kann, beschreibt Alkohol und der Darm.

Wetter: für manche ja, vorhersagbar nein

Über die Hälfte in Kelmans Befragung nannte das Wetter. Gemessene Daten sind zurückhaltender. Ein Team um Hoffmann verglich bei 100 Menschen über zwölf Monate die Attacken mit Luftdruck, Luftfeuchtigkeit und Temperatur. In einer Untergruppe zeigte sich eine deutliche Wetterempfindlichkeit, in der gemeinsamen Auswertung aller Teilnehmenden kein signifikanter Zusammenhang, und vorhersagen ließ sich eine Attacke aus Wetterdaten nicht. Eine Auswertung um Mukamal mit 7.054 Menschen aus der Notaufnahme fand Hitze als kleinen Faktor für schwere Kopfschmerzen, mit einer Odds Ratio von 1,075 pro 5 Grad. Ein niedrigerer Luftdruck erhöhte das Risiko in dieser Auswertung bei Menschen ohne Migränediagnose.

Koffein, Trinken und ausgelassene Mahlzeiten

Koffein ist zweischneidig. In kleinen Mengen ist es Teil mancher Schmerzmittelkombinationen, regelmäßig in größeren Mengen kann es Kopfschmerzen eher unterhalten. Die Leitlinie nennt eine Begrenzung auf 200 mg täglich, um chronifizierende Effekte zu vermeiden. Das ist ein Leitlinienzitat, keine persönliche Empfehlung. Mehr zu Kaffee in Kaffee, Cortisol, Adenosin und Hormone.

Beim Trinken ist die Leitlinie ehrlich: Sie empfiehlt mindestens 1,5 Liter am Tag, berichtet aber von einer randomisierten Studie, in der mehr Trinken die Kopfschmerzfrequenz nicht veränderte. Und ausgelassene Mahlzeiten bleiben ein Sonderfall, denn Hunger kann Auslöser und Vorbote zugleich sein. Ein gleichmäßiger Mahlzeitenrhythmus ist ein vernünftiger Ausgangspunkt. Strenge Fastenexperimente würde ich bei häufiger Migräne nur ärztlich begleitet ausprobieren. Warum Heißhunger entsteht, beschreibt Heißhunger: woher er kommt.

Zwei Sichtweisen

Auslöser meiden oder lernen, mit ihnen umzugehen?

Die verbreitete Sicht: Finde deine Auslöser und meide sie konsequent. Für einzelne, klar reproduzierbare Auslöser ist das sinnvoll.

Was die Studienlage ergänzt: Viele vermutete Auslöser könnten Vorboten sein, und die Profile sind individuell. Die Leitlinie beschreibt eine randomisierte Studie mit 127 Teilnehmenden, in der „Learning to cope with triggers“, also schrittweise lernen, mit Auslösern umzugehen, der reinen Vermeidung überlegen war. [Leitlinie] Eine systematische Übersicht um Hindiyeh bewertete die Evidenz zu Ernährung und Migräne insgesamt als niedrig, und eine Übersicht um Seng betont, wie unterschiedlich Stress, Schlaf, Ernährung und Bewegung bei jeder Person mit Attacken zusammenhängen. Wer immer mehr meidet, riskiert womöglich, dass das Leben kleiner wird, ohne dass die Attacken seltener werden.

Was heißt das für dich? Führe dein Tagebuch mit beidem, vermuteten Auslösern und Vorboten. Achte auf Regelmäßigkeit bei Schlaf und Mahlzeiten, auch am Wochenende, und gestalte Übergänge weicher. Der erste Urlaubstag muss nicht mit Ausschlafen bis mittags beginnen.

Reframe

Nicht jeder Verdächtige ist der Täter. Manchmal ist er schon der erste Zeuge.

Heißhunger vor einer Attacke ist womöglich kein Versagen deiner Disziplin, sondern ein Signal, dass die Attacke bereits begonnen hat. Das kann Schuld aus der Gleichung nehmen und dir ein Zeitfenster geben.

Und jetzt weißt du, warum eine immer längere Verbotsliste selten weiterbringt, und warum Rhythmus und ein ehrliches Tagebuch mehr verraten können.

Hormone: warum Zyklus, Perimenopause und Schwangerschaft so viel verändern

Du könntest die Uhr danach stellen. Zwei Tage vor der Periode, spätestens am ersten Blutungstag, ist sie da. Und oft hartnäckiger als die Attacken dazwischen.

In einer US-Befragung um Buse mit 162.756 Personen ab zwölf Jahren erfüllten 17,3 Prozent der Frauen und 5,7 Prozent der Männer die Migränekriterien. Eine Übersicht von Vetvik und MacGregor beschreibt Migräne bei Frauen als zwei- bis dreimal häufiger und nennt die weiblichen Geschlechtshormone als wichtigen Faktor, neben genetischen Unterschieden.

Nicht die Höhe, sondern das Tempo der Rutsche

Ein Team um MacGregor ließ 40 Frauen mit menstrueller Migräne ohne hormonelle Verhütung drei Zyklen lang täglich Urinproben abgeben. Attacken häuften sich in der späten Luteal- und frühen Follikelphase, wenn Östrogen fällt, und waren in Phasen steigenden Östrogens seltener. Kohorte, 38 auswertbar

Kohorte SWAN, 114 und 223 Frauen Die gleichen Hormone, ein steilerer Abfall

Ein Team um Pavlović verglich tägliche Hormonwerte in Zyklen mit Eisprung bei 114 Frauen mit Migräne und 223 Frauen ohne Migräne.

In den zwei Tagen nach dem Höchstwert der Lutealphase fielen die Östrogenwerte im Urin bei Frauen mit Migräne steiler ab: absolut um 33,8 gegenüber 23,1 pg/mgCr, prozentual um 40 gegenüber 30 Prozent. Bei Spitzen- und Tageswerten von Östrogen, LH und FSH gab es keine Unterschiede.

Für dich heißt das: In dieser Studie hatten Frauen mit Migräne im Mittel keine auffälligen Hormonwerte, ihr Östrogen fiel nur schneller ab. Zwei Rutschen, gleich hoch, eine davon steiler. Ein einzelner Hormon-Bluttest kann dieses Tempo nicht abbilden.

Pavlović JM, Allshouse AA, Santoro NF et al. Neurology. 2016;87(1):49-56. PMID: 27251885 · DOI: 10.1212/WNL.0000000000002798 [Kohorte, prospektiv, SWAN]

Für klar menstruelle Migräne beschreibt die Leitlinie ärztliche Möglichkeiten, von einer zeitlich begrenzten Vorbeugung rund um die Periode bis zu hormonellen Strategien in Abstimmung mit der Frauenärztin. Das sind Entscheidungen für die Sprechstunde, keine Schemata zum Nachmachen. Wie Stress in die weiblichen Hormone hineinspielen kann, beschreibt Cortisol, Stress und weibliche Hormone.

Perimenopause und Schwangerschaft

Viele Frauen erleben in den Jahren vor der letzten Periode, dass sich ihre Migräne verändert. Ein Team um Martin wertete Daten von 3.664 Frauen mit Migräne zwischen 35 und 65 Jahren aus. Mindestens zehn Kopfschmerztage im Monat hatten 8,0 Prozent der prämenopausalen, 12,2 Prozent der perimenopausalen und 12,0 Prozent der postmenopausalen Frauen. Im vollständig adjustierten Modell blieb nur die Perimenopause mit erhöhtem Risiko verbunden, mit einer Odds Ratio von 1,42. Querschnitt Ein guter Anlass, die Vorbeugung in dieser Phase neu zu besprechen. Mehr in Perimenopause: Symptome erkennen und Wechseljahre und Schlafstörungen.

In der Schwangerschaft erleben viele Frauen dagegen eine Pause. Ein Team um Sances begleitete 49 Schwangere mit Migräne. Bei Migräne ohne Aura besserte sie sich bei 46,8 Prozent im ersten, 83,0 Prozent im zweiten und 87,2 Prozent im dritten Schwangerschaftsdrittel. Im ersten Monat nach der Geburt kehrte sie bei 55,3 Prozent zurück, und Stillen schien davor zu schützen. Kohorte, 49 Frauen Zur Aura erlaubt diese kleine Studie keine Aussage. Neue oder veränderte Kopfschmerzen in Schwangerschaft und Wochenbett gehören immer ärztlich abgeklärt, und Medikamente sind hier ausschließlich eine ärztliche Entscheidung. Die Leitlinie hält fest, dass leichte Attacken in der Schwangerschaft ohne Medikamente, mit Reizabschirmung und Ruhe, behandelt werden können.

Genau hingeschaut

Migräne mit Aura und östrogenhaltige Verhütung

Relatives Risiko. Eine Meta-Analyse um Schürks fand für ischämischen Schlaganfall bei Migräne mit Aura ein relatives Risiko von 2,16, bei Migräne ohne Aura von 1,23, nicht signifikant. Alter unter 45, Rauchen und orale Verhütungsmittel erhöhten das Risiko weiter.

Die Kombination. Eine Fall-Kontroll-Studie um Champaloux untersuchte in einer US-Abrechnungsdatenbank Frauen zwischen 15 und 49 Jahren mit erstem Schlaganfall. Bezugsgruppe waren Frauen ohne Migräne und ohne kombinierte hormonelle Verhütung. Odds Ratios: Aura mit kombinierter Verhütung 6,1. Aura ohne kombinierte Verhütung 2,7. Ohne Aura mit kombinierter Verhütung 1,8. Ohne Aura ohne kombinierte Verhütung 2,2.

Absolutes Risiko. Die kumulative Häufigkeit ischämischer Schlaganfälle lag in dieser Datenbank bei 11 pro 100.000 Frauen über den Zeitraum 2006 bis 2012. Eine systematische Übersicht um Sheikh nennt die Datenlage schwach, das absolute Risiko niedrig und empfiehlt eine individuelle Abwägung von Nutzen und Schaden.

Zwei Positionen. European Headache Federation und European Society of Contraception schlagen bei Aura vor, keine kombinierten hormonellen Verhütungsmittel zu verschreiben (schwache Empfehlung), und nennen nichthormonelle oder reine Gestagen-Methoden als bevorzugte Option (starke Empfehlung, beides bei niedriger Evidenzqualität). Die deutsche Leitlinie schreibt, östrogenhaltige Kontrazeptiva seien „nicht grundsätzlich kontraindiziert, vorausgesetzt, dass die anderen Risikofaktoren kontrolliert sind“. Bei Aura mit häufigen Attacken „sollten Gestagene zur Antikonzeption verwendet werden“, und eine hochaktive Migräne mit Aura bei erhöhtem Gefäßrisiko gilt als Kontraindikation für kombinierte orale Kontrazeptiva. [Leitlinie]

  • Die Entscheidung gehört in die gynäkologische oder ärztliche Beratung.
  • Setze deine Verhütung nicht eigenmächtig ab. Ohne verlässlichen Schutz ist eine ungeplante Schwangerschaft möglich, und ein Wechsel will geplant sein.
  • Sag deiner Frauenärztin oder deinem Frauenarzt, dass du eine Aura hast. Eine neue Aura nach Beginn einer kombinierten Verhütung gehört zeitnah besprochen.
  • Nicht rauchen und den Blutdruck kennen sind hier besonders wertvoll. Laut Leitlinie müssen Risikofaktoren wie Bluthochdruck, Rauchen und erhöhte Blutfette behandelt werden.

Östrogenfreie Alternativen vergleicht Hormonfreie Verhütung: die Methoden im Vergleich.

Migräne ist auch darüber hinaus ein Grund, die Gefäße ernst zu nehmen. In der Nurses’ Health Study II mit 115.541 Frauen war Migräne über rund 20 Jahre mit einem höheren Risiko für schwere Herz-Kreislauf-Ereignisse verbunden, mit einer Hazard Ratio von 1,50. Das sind Beobachtungsdaten ohne getrennte Auswertung nach Aura. Ich lese das als Einladung zur Vorsorge, nicht als Schicksal.

Und die Männer?

Bei Männern wird Migräne häufiger übersehen

Männer sind seltener betroffen, aber laut Vetvik und MacGregor wird Migräne bei ihnen zu selten diagnostiziert. Wer als Mann wiederkehrende, pulsierende Attacken mit Übelkeit oder Lichtempfindlichkeit kennt, darf die Frage nach Migräne stellen. Das Schlaganfallrisiko lag in der Meta-Analyse um Schürks bei Männern bei 1,37 und war nicht signifikant. Diagnose und Therapie folgen denselben Regeln.

Was heißt das für dich? Notiere den Zyklustag im Kopfschmerzkalender. Nach zwei, drei Monaten lässt sich oft erkennen, ob deine Attacken an die Periode gekoppelt sind, und du hast eine Grundlage für ein Gespräch über gezielte Vorbeugung. Und wenn du eine Aura hast, erwähne sie bei jeder Verordnung von Hormonen.

Reframe

Deine Hormone müssen nicht kaputt sein. Dein Gehirn scheint vor allem empfindlich auf Tempo und Richtung ihrer Veränderung zu reagieren.

Das verschiebt die Frage von „Welcher Wert ist falsch?“ zu „Wie gehe ich mit Übergängen um?“. Und für Übergänge gibt es ärztliche Strategien.

Und jetzt weißt du, warum die Migräne vor der Periode so pünktlich sein kann, und warum ein einzelner Hormonwert das nicht erklärt.

Das energiehungrige Gehirn: Magnesium, Riboflavin, Q10, und was bei Histamin, Darm und Gewicht offen ist

Im Drogeriemarkt steht ein Regal voller Migräne-Kombipräparate, und in Foren schwört jemand auf Histaminverzicht, jemand anderes auf eine Darmkur. Was davon trägt?

Mechanistisch plausibel, Humanstudien dünn: Eine Übersicht um Gross beschreibt Migräne als mögliche, im Lauf der Evolution erhaltene Anpassungsreaktion bei Menschen mit entsprechender Veranlagung, deren Gehirn ein Missverhältnis zwischen Energiereserve und Arbeitslast hat. Stell dir einen Hochleistungsmotor mit kleinem Tank vor. Die Attacke könnte eine Art Notbremse sein, die dazu beiträgt, das Energiegleichgewicht wiederherzustellen. Die Autoren sprechen von zunehmender Evidenz, vieles davon aus klinischen Daten. Sie ist allerdings größtenteils indirekt, stammt aus kleinen Studien und teils aus Tiermodellen, und zwei Autoren der Übersicht, Schoenen und Sándor, sind Erstautoren der Riboflavin- beziehungsweise der Q10-Studie in der Tabelle. Hypothese mit Tierdaten

StoffStudieStudiendosis (Studienangabe)Ergebnis
MagnesiumPeikert 1996, RCT, 81 Personen600 mg als TrimagnesiumdicitratAttackenhäufigkeit in Woche 9 bis 12 minus 41,6 Prozent unter Magnesium, minus 15,8 Prozent unter Placebo. Durchfall bei 18,6 Prozent.
MagnesiumPfaffenrath 1996, RCT, 69 Personen10 mmol zweimal täglichResponder 28,6 Prozent unter Magnesium, 29,4 Prozent unter Placebo. Studie abgebrochen. Weicher Stuhl oder Durchfall bei 45,7 gegenüber 23,5 Prozent.
MagnesiumChiu 2016, Meta-Analyse, 10 orale RCTsunterschiedlichHäufigkeit und Intensität geringer (Odds Ratios 0,20 und 0,27). Einige Studien ohne angemessene Randomisierung.
Riboflavin (Vitamin B2)Schoenen 1998, RCT, 55 Personen400 mgMindestens 50 Prozent weniger Kopfschmerztage: 15 Prozent unter Placebo, 59 Prozent unter Riboflavin.
Coenzym Q10Sándor 2005, RCT, 42 Personen3 × 100 mgMindestens halbierte Attackenhäufigkeit: 14,4 Prozent unter Placebo, 47,6 Prozent unter Q10.
Coenzym Q10Sazali 2021, Meta-Analyse, 6 RCTs, 371 PersonenunterschiedlichAttacken etwas seltener und kürzer, Schwere nicht signifikant verringert.
Kombination aus Magnesium, B2 und Q10Gaul 2015, RCT, 130 PersonenKombipräparatMigränetage von 6,2 auf 4,4 unter dem Präparat und von 6,2 auf 5,2 unter Placebo, Unterschied nicht signifikant. Belastung durch Migräne signifikant geringer.
Alle Dosen sind Studienangaben und keine Empfehlung. Die beiden Riboflavin-Studien, auf die sich die Leitlinie stützt, stammen von derselben Autorengruppe. Bei Kindern und Jugendlichen zeigte Q10 laut Leitlinie in einer doppelblinden Studie keine Überlegenheit gegenüber Placebo.

Was die Leitlinie sagt, und warum sie widersprüchlich klingt. In Kapitel 4.2.5 heißt es: „Nahrungsergänzungsmittel mit einer Wirksamkeit in der Migräneprophylaxe umfassen Magnesium, Pestwurz, Riboflavin und Coenzym Q10. Die wissenschaftliche Evidenz ist aber gering.“ Zu Magnesium: „In Summe eignet sich Magnesium für Pat., die eine medikamentöse Therapie mit einem dafür zugelassenen Medikament nicht wünschen.“ In Kapitel 11 steht dagegen: „Nahrungsergänzungsstoffe und Probiotika sind in der Prophylaxe der Migräne nicht wirksam.“ Das Unterkapitel 11.1 nennt Riboflavin, Magnesium und Q10 allerdings gesondert und schreibt, bei anderen natürlichen Substanzen sei die Wirksamkeit „weniger deutlich gesichert“. Ich stelle beide Stellen bewusst nebeneinander, denn selbst die Leitlinie klingt hier nicht einheitlich. Eine Empfehlung im engeren Sinn ist das nicht. [Leitlinie]

Die Patienteninformation des IQWiG war 2022, noch vor der aktuellen Leitlinie, zurückhaltender: Mangels aussagekräftiger Forschung lasse sich nicht beurteilen, ob diese Mittel vor Migräne schützen.

Sicherheit bei Nahrungsergänzung
  • Magnesium kann häufig Durchfall verursachen. Bei eingeschränkter Nierenfunktion bitte keine Magnesiumpräparate ohne ärztliche Rücksprache.
  • Riboflavin färbt den Urin intensiv gelb. Die Leitlinie nennt das als typische Nebenwirkung.
  • Pflanzlich heißt nicht harmlos: Pestwurz ist laut Leitlinie in Deutschland und Österreich nicht mehr als Arzneimittel erhältlich, die Leitlinie nennt dazu extrem seltene Fälle schwerwiegender Leberfunktionsstörungen in der Vergangenheit.
  • Kombipräparate enthalten oft weitere Stoffe. Vitamin B6 zum Beispiel kann bei hoher Dosis über längere Zeit Nervenschäden (Neuropathie) begünstigen.
  • Kein Präparat ersetzt die Abklärung bei Warnzeichen oder eine ärztlich empfohlene Vorbeugung.

Wenn überhaupt, dann sehe ich Nährstoffe als begleiteten Versuch über mehrere Monate, mit Kalender und ärztlicher Rücksprache. Welche Magnesiumformen es gibt und wie sie sich vertragen, steht in Welches Magnesium ist das beste?, zu Coenzym Q10 in Coenzym Q10 und Statine.

Histamin und DAO: eine Frage, keine Diagnose

Dünne Evidenz: Eine Arbeitsgruppe um Izquierdo-Casas maß die Aktivität des histaminabbauenden Enzyms DAO bei 137 Menschen mit Migräne und 61 ohne. Mit Migräne lag sie im Mittel bei 64,5, ohne bei 91,9 HDU/ml. Unter dem Grenzwert lagen 87 Prozent der Migränegruppe, aber auch 44 Prozent der Menschen ohne Migräne. In einer Folgestudie bekamen 100 Menschen mit niedriger DAO einen Monat lang das Enzym oder Placebo. Die Attackendauer sank unter DAO von 6,14 auf 4,76 Stunden, unter Placebo von 7,53 auf 6,68 Stunden. Ein signifikanter Unterschied zwischen den Gruppen zeigte sich nicht, obwohl der Titel der Studie positiver klingt. Die Leitlinie spricht keine Empfehlung aus. Wie eine Histaminintoleranz sauber abgeklärt wird, steht in Histaminintoleranz und DAO-Mangel. kleine Studien

Darm und Ernährung: plausibel, aber schwach belegt

Hypothese: Eine Übersicht um Arzani beschreibt Zusammenhänge zwischen Migräne und Magen-Darm-Erkrankungen wie Helicobacter-Infektion, Reizdarm und Zöliakie. Wie Darm und Gehirn dabei zusammenspielen, sei aber nicht ganz klar. Konkret prüfbar ist eine Zöliakie, bei der laut dieser Übersicht eine glutenfreie Ernährung die Migränehäufigkeit verringern kann. Probiotika zeigten in einer Meta-Analyse aus drei Studien mit 179 Personen keinen signifikanten Effekt auf Häufigkeit oder Schwere, bei sehr großer Heterogenität. Die Leitlinie hält zuckerarme, fettarme und ketogene Diäten für möglicherweise wirksam und nennt die Evidenz für spezielle Ernährung insgesamt schwach. Mehr zur Achse zwischen Bauch und Kopf in Darm-Hirn-Achse und Vagus-Stimulation.

Gewicht: ein Zusammenhang, keine Schuldfrage

In einer Meta-Analyse um Gelaye mit 288.981 Teilnehmenden war das Migränerisiko bei Adipositas um 27 Prozent erhöht, bei Untergewicht um 13 Prozent. Beides blieb nach weiterer Adjustierung bestehen. In einer großen Telefonbefragung um Bigal hing Adipositas vor allem mit chronischer Migräne zusammen, nicht mit chronischem Spannungskopfschmerz. Eine Meta-Analyse um Di Vincenzo aus zehn überwiegend kleinen Studien fand, dass eine Gewichtsabnahme bei Adipositas mit weniger Kopfschmerztagen einherging, und zwar unabhängig davon, wie viel abgenommen wurde. Für mich spricht das gegen Zahlenziele und für einen Blick auf Bewegung, Schlaf und stille Entzündung, beschrieben in Gewicht ganzheitlich verstehen.

Psyche: ernst nehmen, ohne Migräne psychisch zu nennen

In einer Kohorte um Breslau sagte eine Depression zu Beginn eine neu auftretende Migräne voraus, mit einer Odds Ratio von 3,4. Umgekehrt sagte Migräne eine neu auftretende Depression voraus, mit einer Odds Ratio von 5,8. Das heißt nicht, dass Migräne psychisch ist. Es heißt, dass beide Seiten Beachtung verdienen. Eine Depression ist eine ernste Erkrankung, die eine eigene ärztliche und psychotherapeutische Behandlung verdient. Das Antidepressivum Amitriptylin wird auch zur Migränevorbeugung eingesetzt. Ein Antidepressivum wird nie eigenmächtig abgesetzt, denn abruptes Absetzen hat eigene Risiken, und jede Änderung gehört in die Hand der verordnenden Ärztin oder des verordnenden Arztes. Wie Schlaf und Stimmung zusammenhängen, beschreibt Schlaf und Depression.

Wenn du Suizidgedanken hast, hol dir sofort Hilfe. Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr und kostenfrei erreichbar unter 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222. In akuter Gefahr wähle 112 oder geh in die nächste Notaufnahme.

Reframe

Ein Nährstoff ist kein Schalter, und eine Hypothese ist keine Diagnose. Magnesium, Riboflavin oder Q10 können ein kleiner Baustein sein, wenn der Rest des Hauses steht.

Wer Histamin oder den Darm prüfen möchte, sollte das begleitet tun und nicht auf Kosten einer Vorbeugung, deren Nutzen besser belegt ist.

Und jetzt weißt du, warum ich bei Nahrungsergänzung weder abwinke noch verspreche, sondern beide Leitlinienstellen nebeneinanderlege.

Vorbeugen ohne Tabletten: Ausdauer, Entspannung, Biofeedback, Verhaltenstherapie und Akupunktur

Viele Menschen wünschen sich, nicht dauerhaft Medikamente nehmen zu müssen. Dieser Wunsch ist legitim und gehört offen ins ärztliche Gespräch, nicht in einen Alleingang. Und die Studienlage ist hier besser, als viele denken.

Belegt und in der Leitlinie verankert: „Kognitive Verhaltenstherapie wird zur Prophylaxe der Migräne unbedingt empfohlen. Sie kann statt oder in Kombination mit einer medikamentösen Prophylaxe eingesetzt werden.“ Entspannungsverfahren und Biofeedback werden ebenfalls empfohlen, mit einer mittleren Reduktion der Migränehäufigkeit um 35 bis 45 Prozent. „Regelmäßiger aerober Ausdauersport wird zur Prophylaxe der Migräne empfohlen.“ Achtsamkeit kann zur Verbesserung der Lebensqualität empfohlen werden. Und: „Eine medikamentöse Therapie soll mit Verfahren der Verhaltenstherapie … kombiniert werden.“ [Leitlinie]

RCT, 91 Personen Training, Entspannung und ein Medikament im Vergleich

Ein Team um Varkey teilte 91 Erwachsene mit Migräne für drei Monate auf drei Gruppen auf: Ausdauertraining (in der Studie 40 Minuten dreimal pro Woche), ein Entspannungsprogramm oder Topiramat.

Im letzten Behandlungsmonat sanken die Attacken um 0,93 mit Training, um 0,83 mit Entspannung und um 0,97 mit Topiramat. Ein Unterschied zwischen den Gruppen zeigte sich nicht. Nebenwirkungen traten laut Leitlinie nur im Topiramat-Arm auf.

Für dich heißt das: Training und Entspannung unterschieden sich in dieser Studie nicht signifikant von einem etablierten Vorbeugemedikament, alle mit knapp einer Attacke weniger pro Monat. Das ist bescheiden, aber ehrlich. Einen Placeboarm gab es nicht.

Varkey E, Cider A, Carlsson J, Linde M. Cephalalgia. 2011;31(14):1428-1438. PMID: 21890526 · DOI: 10.1177/0333102411419681 [RCT, n=91]

Eine Meta-Analyse um Lemmens aus sechs Studien fand nach Ausdauertraining im Mittel 0,6 Migränetage weniger pro Monat, bei moderater Evidenzqualität. Eine Meta-Analyse von Nestoriuc und Martin über 55 Studien zu Biofeedback ermittelte eine mittlere Effektstärke von 0,58, die über im Mittel 17 Monate stabil blieb. Und in einer randomisierten Studie um Wells sanken die Migränetage mit Achtsamkeitstraining um 1,6 und mit Kopfschmerzschulung um 2,0 pro Monat, ohne Unterschied. Das Achtsamkeitstraining verbesserte aber Beeinträchtigung, Lebensqualität und Depressionswerte.

Warum Bewegung auf Zellebene so viel anstoßen kann, beschreibt Bewegung als Medizin. Atemübungen als niedrigschwelliger Einstieg in Entspannung findest du in Atemtechniken für das Nervensystem, und wenn Schlafprobleme mitspielen, in Schlafstörungen ganzheitlich behandeln.

Beide Seiten

Akupunktur: klein über Schein, ähnlich wie Medikamente

Cochrane-Review: Ein Team um Linde fasste 22 Studien mit 4.985 Teilnehmenden zusammen. Gegenüber keiner Akupunktur war die Kopfschmerzhäufigkeit nach der Behandlung bei 41 Prozent mit und 17 Prozent ohne Akupunktur mindestens halbiert. Gegenüber Scheinakupunktur waren es 50 gegenüber 41 Prozent, ein Effekt, den die Autoren klein nennen. Gegenüber vorbeugenden Medikamenten lagen die Werte nach drei Monaten bei 57 gegenüber 46 Prozent und nach sechs Monaten bei 59 gegenüber 54 Prozent, wobei der Unterschied nach sechs Monaten nicht signifikant war. Unter Akupunktur brachen weniger Menschen wegen Nebenwirkungen ab als unter den Medikamenten.

Eine sorgfältig verblindete Studie um Xu mit 150 Menschen mit Migräne ohne Aura zeigte für echte Akupunktur einen messbaren Vorsprung vor Scheinnadeln.

Die Leitlinie hält die Überlegenheit gegenüber Scheinakupunktur für widersprüchlich und spricht von moderaten, unspezifischen Effekten. [Leitlinie] Beides gehört zusammen gelesen.

Klare Worte findet die Leitlinie an anderer Stelle: Von einem Daith-Piercing sei „abzuraten“, und für Homöopathie zeigten sich „keine Effekte über den Placeboeffekt hinaus“. [Leitlinie]

Reframe

Nicht medikamentös heißt nicht automatisch schwächer. In der Studie um Varkey unterschieden sich Training und Entspannung nicht signifikant von einem Vorbeugemedikament, und Nebenwirkungen gab es laut Leitlinie nur im Medikamentenarm.

Und die Leitlinie sieht Verhaltenstherapie nicht als Plan B, sondern als festen Partner einer medikamentösen Vorbeugung.

Und jetzt weißt du, warum die Frage nicht lautet, ob Tabletten oder Lebensstil, sondern welche Kombination zu dir passt.

Was schnell helfen kann, was Medikamente leisten und wann Schmerzmittel selbst Kopfschmerzen machen

Die Attacke ist da. Du willst nur, dass es aufhört. Deshalb zuerst die ehrliche Antwort: Für kein Hausmittel ist belegt, dass es eine starke Attacke verlässlich stoppt. Am besten untersucht sind Akutmedikamente, und laut Leitlinie ist ihre Wirksamkeit höher, wenn sie früh in der Kopfschmerzphase eingenommen werden. Das gilt auch für Triptane. [Leitlinie]

Akuttherapie im Überblick, ohne Dosierungen

  • Leichte bis mittelstarke Attacken sollten laut Leitlinie zunächst mit Schmerzmitteln wie Acetylsalicylsäure, nichtsteroidalen Antirheumatika oder der Kombination aus Acetylsalicylsäure, Paracetamol und Koffein behandelt werden. Ein Cochrane-Review um Kirthi fand, dass sich Acetylsalicylsäure bei Schmerzfreiheit und Linderung nach zwei Stunden nicht von Sumatriptan in der niedrigeren Studiendosis unterschied. Ein zusätzliches Mittel gegen Übelkeit verringerte Übelkeit und Erbrechen.
  • Triptane sollten laut Leitlinie bei starken Kopfschmerzen und bei Attacken eingesetzt werden, die auf Schmerzmittel nicht ansprechen. Eine Netzwerk-Meta-Analyse um Karlsson mit 137 Studien und 89.445 Teilnehmenden fand für Eletriptan, Rizatriptan, Sumatriptan und Zolmitriptan die besten Profile, wirksamer als die neueren Mittel Lasmiditan, Rimegepant und Ubrogepant. Bei hohem Herz-Kreislauf-Risiko ist Vorsicht geboten.
  • Neuere Akutmittel aus den Gruppen der Gepante und Ditane kommen laut Leitlinie vor allem infrage, wenn Schmerzmittel oder Triptane nicht ausreichen, nicht vertragen werden oder nicht eingenommen werden dürfen. Nach Lasmiditan weist die Leitlinie darauf hin, 8 Stunden lang nicht Auto zu fahren.
  • Opioide sollen laut Leitlinie in der Therapie akuter Migräneattacken nicht verwendet werden.
  • Ohne Medikamente nennt die Leitlinie Reizabschirmung und Ruhe. Lokale Kühlung wird als angenehm empfunden, und in einer randomisierten Studie waren höher konzentrierte Mentholöle auf Stirn und Schläfen einer niedrig konzentrierten Vergleichslösung überlegen. Auch externe Neurostimulationsgeräte werden in der Leitlinie besprochen.

Klinische Tradition ohne Studienbasis: Kaffee mit Zitrone oder warme Fußbäder. Solche Hausmittel empfinden manche Menschen als angenehm, belastbare Studien zur Migräne liegen mir dazu nicht vor. Ich würde eine starke Attacke nicht mit ihnen aussitzen, wenn wirksame Mittel zur Verfügung stehen.

Wenn die Tablette selbst zum Problem wird

Die Tablette, die früher so zuverlässig schien, brauchst du inzwischen fast jeden zweiten Tag. Und die Kopfschmerzen werden eher mehr. Dieses Muster hat einen Namen: Kopfschmerz durch Übergebrauch von Schmerz- oder Migränemitteln.

Laut Leitlinie liegt die Schwelle für Triptane und Kombinationsschmerzmittel bei mindestens 10 Einnahmetagen im Monat, für einfache Schmerzmittel bei mindestens 15 Einnahmetagen. Die internationale Klassifikation spricht von diesem Kopfschmerz, wenn bei einer vorbestehenden Kopfschmerzerkrankung an mindestens 15 Tagen im Monat Kopfschmerz besteht und der Übergebrauch länger als drei Monate anhält. Eine Übersicht um Diener nennt eine 1-Jahres-Prävalenz von 1 bis 2 Prozent, häufiger bei Frauen, bei Depression, Angst und anderen chronischen Schmerzen. Stell dir einen Rauchmelder vor, der durch ständiges Testen so empfindlich wird, dass er schon beim Toasten anschlägt.

RCT, 120 Personen Drei Wege aus dem Übergebrauch

Ein Team um Carlsen teilte 120 Menschen mit Übergebrauchskopfschmerz am Dänischen Kopfschmerzzentrum auf drei ärztlich begleitete Strategien auf: Entzug plus Vorbeugung, Vorbeugung ohne Entzug oder Entzug mit optionaler Vorbeugung nach zwei Monaten.

Die Kopfschmerztage pro Monat sanken um 12,3 mit Entzug plus Vorbeugung, um 9,9 mit Vorbeugung allein und um 8,5 mit Entzug allein. Dieser Unterschied zwischen den drei Gruppen war nicht signifikant. Signifikant unterschieden sich die Gruppen bei der Rückkehr zu episodischem Kopfschmerz (74,2, 60,0 und 41,7 Prozent) und beim Übergebrauchskopfschmerz, der nach sechs Monaten bei 96,8 Prozent, 74,3 Prozent und 88,9 Prozent nicht mehr nachweisbar war.

Für dich heißt das: Alle drei begleiteten Wege konnten helfen, und bei diesen beiden Zielen schnitt die Kombination am besten ab. Das ist ärztliche Arbeit mit Plan, kein kalter Entzug auf eigene Faust.

Carlsen LN, Munksgaard SB, Nielsen M et al. JAMA Neurol. 2020;77(9):1069-1078. PMID: 32453406 · DOI: 10.1001/jamaneurol.2020.1179 [RCT, offen, n=120]
Wichtig beim Übergebrauch

Kein Entzug auf eigene Faust und kein Entzugsschema aus dem Internet. Eine Medikamentenpause oder ein Wechsel gehört in ärztliche Begleitung, bei hohem Verbrauch oft zusammen mit Kopfschmerzspezialisten. Setze Triptane, Schmerzmittel oder eine Vorbeugung nicht eigenmächtig ab. Zähle im Kalender die Einnahmetage, nicht die Tabletten, und sprich früh ärztlich darüber, wenn sie sich häufen. Die Leitlinie hält fest, dass eine Vorbeugung mit Topiramat, OnabotulinumtoxinA, einem Gepant oder einem CGRP-Antikörper auch bei bestehendem Übergebrauch begonnen werden kann.

Vorbeugung mit Medikamenten und die Migräne-Spritze

Bei häufigen Attacken, Attacken mit ausgeprägten Beschwerden oder anhaltender Aura sollte laut Leitlinie neben Information und Verhaltensänderung eine medikamentöse Vorbeugung angeboten werden. Als wirksam nennt sie die Betablocker Propranolol und Metoprolol, den Kalziumantagonisten Flunarizin, die Antikonvulsiva Valproinsäure und Topiramat sowie das Antidepressivum Amitriptylin. Topiramat ist in der Schwangerschaft und bei Frauen im gebärfähigen Alter ohne hochwirksame Verhütung kontraindiziert, und Valproinsäure darf bei gebärfähigen Frauen nicht eingesetzt werden. In der Migräneprophylaxe ist Valproinsäure laut Leitlinie „off-label“, also außerhalb ihrer Zulassung. [Leitlinie]

CGRP-Antikörper, umgangssprachlich die Migräne-Spritze, richten sich gegen CGRP oder seinen Rezeptor. Laut Leitlinie (Stand 2025, Kapitel 4.10) sind die monoklonalen Antikörper Eptinezumab, Erenumab, Fremanezumab und Galcanezumab in Deutschland zur Migräneprophylaxe bei Erwachsenen mit mindestens 4 Migränetagen pro Monat zugelassen. Die Raten für eine mindestens halbierte Migränehäufigkeit lagen nach drei bis sechs Monaten zwischen 30 und 62 Prozent, unter Placebo zwischen 17 und 38 Prozent. In Schwangerschaft und Stillzeit sollen sie nicht eingesetzt werden, bei Frauen ohne ausreichende Verhütung sollten sie laut Leitlinie nicht eingesetzt werden, und bei Gefäßerkrankungen wie koronarer Herzkrankheit, Schlaganfall oder Raynaud-Syndrom ist Zurückhaltung geboten. Zur Kostenübernahme schreibt die Leitlinie mit Stand 2025, alle CGRP-Antikörper seien in Deutschland „im Rahmen ihrer Zulassung vollumfänglich erstattungsfähig“, Verordnungen könnten aber einer Wirtschaftlichkeitsprüfung unterzogen werden, und beim Wechsel seien „die Unterschiede in der Erstattungsfähigkeit hinsichtlich der Vortherapien zu berücksichtigen“. Zugleich beschreibt die Leitlinie, dass der Gemeinsame Bundesausschuss für Erenumab, Fremanezumab und Galcanezumab einen Zusatznutzen nur in bestimmten Untergruppen festgestellt hat, und nennt eine sorgfältige Dokumentation von Migränetagen und Vortherapien. Das ist eine Leitlinienaussage und keine Kostenzusage. Ob die Voraussetzungen im Einzelfall erfüllt sind, klärt die verordnende Praxis. Die European Headache Federation empfiehlt die Antikörper bei episodischer und chronischer Migräne.

Gepante sind kleine Moleküle, die den CGRP-Rezeptor blockieren. Rimegepant ist laut Leitlinie „in der Prophylaxe der episodischen Migräne wirksam und zugelassen“, die europäische Marktzulassung erteilte die EMA laut Leitlinie im April 2022, für die Prophylaxe bei Erwachsenen mit mindestens 4 Migräneanfällen pro Monat. Atogepant beschreibt die Leitlinie als wirksam bei episodischer und chronischer Migräne. In der herstellerfinanzierten Zulassungsstudie um Ailani sanken die Migränetage unter Atogepant um 3,7 bis 4,2 Tage und unter Placebo um 2,5 Tage, der Unterschied zu Placebo lag also bei 1,2 bis 1,7 Tagen. Eine Netzwerk-Meta-Analyse um Haghdoost fand, dass alle untersuchten CGRP-Mittel außer einer niedrigen Eptinezumab-Dosis die Migränetage gegenüber Placebo signifikant senkten, wobei die höheren Ansprechraten bei den gespritzten oder infundierten Mitteln signifikant waren, bei oraler Gabe nicht. OnabotulinumtoxinA kommt laut Leitlinie nur bei chronischer Migräne infrage.

Was über allen Medikamenten steht

Setze Triptane, Schmerzmittel oder eine Vorbeugung nicht eigenmächtig ab, reduziere sie nicht und ersetze sie nicht durch Nahrungsergänzung. Jede Änderung gehört in die Hand der verordnenden Ärztin oder des verordnenden Arztes. Medikamente in Schwangerschaft und Stillzeit sind immer eine ärztliche Entscheidung.

Drei Einladungen für die nächsten Wochen

Erstens: Führe einen Kopfschmerzkalender mit Kopfschmerztagen, Einnahmetagen, Vorboten, Schlaf und bei Frauen dem Zyklustag. Nach einigen Wochen hast du eine gute Grundlage für jedes ärztliche Gespräch.

Zweitens: Wähle eine Form regelmäßiger Ausdauerbewegung oder ein erlernbares Entspannungsverfahren, das zu deinem Leben passt und bleibt. Nicht das perfekte Programm zählt, sondern das, das du in einem Jahr noch machst.

Drittens: Wenn Attacken mehr als gelegentlich kommen oder deine Einnahmetage steigen, sprich ärztlich über Vorbeugung. Früh, nicht erst, wenn der Kalender voll ist.

Reframe

Medikamente und Lebensstil sind keine Gegner. Die Leitlinie will sie ausdrücklich kombiniert sehen.

Eine gut gewählte Vorbeugung ist kein Scheitern deiner Selbstfürsorge, und Bewegung, Entspannung und Verhaltenstherapie sind kein Ersatz zweiter Klasse.

Und jetzt weißt du, warum die Frage nach schneller Linderung eine ehrliche Antwort verdient, die mit einem frühen Medikament beginnt und mit einem Plan für die Tage zwischen den Attacken weitergeht. Wenn du das nicht allein sortieren möchtest: Unterhalb dieses Artikels findest du die Möglichkeit, einen Termin zu buchen.

Häufige Fragen zu Migräne

Was kann bei Migräne schnell helfen?

Am besten untersucht sind Akutmedikamente, und laut Leitlinie ist ihre Wirksamkeit höher, wenn sie früh in der Kopfschmerzphase eingenommen werden. Leichte bis mittelstarke Attacken sollten laut Leitlinie zunächst mit Schmerzmitteln wie Acetylsalicylsäure oder nichtsteroidalen Antirheumatika behandelt werden, starke Attacken oder solche ohne Ansprechen mit Triptanen. Ruhe, Reizabschirmung und lokale Kühlung können ergänzen. Welches Mittel zu dir passt, klärst du ärztlich.

Welche Hausmittel können bei Migräne helfen?

Lokale Kühlung wird laut Leitlinie als angenehm empfunden, und höher konzentriertes Mentholöl auf Stirn und Schläfen war in einer randomisierten Studie einer niedrig konzentrierten Vergleichslösung überlegen. Mehr zu trinken veränderte in einer randomisierten Studie die Kopfschmerzfrequenz nicht. Für viele beliebte Hausmittel wie Kaffee mit Zitrone oder Fußbäder liegen keine belastbaren Migränestudien vor. Eine starke Attacke würde ich nicht mit Hausmitteln aussitzen, wenn wirksame Medikamente zur Verfügung stehen.

Warum bekomme ich Migräne am Wochenende?

In einer kleinen Tagebuchstudie mit 17 Personen ging ein Rückgang des Stresses von einem Abend zum nächsten mit 1,5- bis 1,9-fach höheren Chancen für einen Migränebeginn in den folgenden Stunden einher, während die Höhe des Stresses im Allgemeinen nicht mit Migräne zusammenhing. Dazu verschieben sich am Wochenende oft Schlaf-, Essens- und Kaffeezeiten. Regelmäßigkeit und weichere Übergänge sind deshalb ein sinnvoller Ansatz.

Kann das Wetter Migräne auslösen?

Bei einer Untergruppe von Menschen scheint das so zu sein. In einer Studie mit 100 Menschen über zwölf Monate zeigte sich in der gemeinsamen Auswertung aller Teilnehmenden aber kein signifikanter Zusammenhang, und Attacken ließen sich aus Wetterdaten nicht vorhersagen. Hitze war in einer großen Auswertung aus der Notaufnahme ein kleiner Faktor für schwere Kopfschmerzen.

Ist Migräne mit Aura gefährlich?

Die Aurasymptome bilden sich definitionsgemäß vollständig zurück. In einer Meta-Analyse war Migräne mit Aura aber mit einem etwa doppelten relativen Risiko für einen ischämischen Schlaganfall verbunden, das absolut betrachtet niedrig bleibt. Eine erste Aura nach dem 40. Lebensjahr, eine Aura nur aus Ausfällen oder mit ungewöhnlicher Dauer gehört zeitnah ärztlich abgeklärt. Nicht rauchen und den Blutdruck kennen sind besonders wertvoll.

Darf ich mit Migräne mit Aura die Pille nehmen?

Das entscheidest du gemeinsam mit deiner Frauenärztin oder deinem Frauenarzt. Die European Headache Federation und die European Society of Contraception bevorzugen bei Aura östrogenfreie Methoden. Die deutsche Leitlinie hält östrogenhaltige Präparate bei kontrollierten Risikofaktoren nicht grundsätzlich für kontraindiziert, bei Aura mit häufigen Attacken sollten laut Leitlinie aber Gestagene verwendet werden. Setze deine Verhütung nicht eigenmächtig ab, denn ein Wechsel will geplant sein.

Warum habe ich Migräne vor der Periode?

Attacken häufen sich in der Phase, in der Östrogen fällt, also kurz vor und zu Beginn der Periode. In einer Studie fiel das Östrogen bei Frauen mit Migräne steiler ab, bei sonst vergleichbaren Hormonwerten. Für klar menstruelle Migräne beschreibt die Leitlinie ärztliche Vorbeugestrategien, die in die Sprechstunde gehören.

Können auch Männer Migräne haben?

Ja. In einer großen US-Befragung erfüllten 5,7 Prozent der Männer und 17,3 Prozent der Frauen die Migränekriterien. Laut einer Übersicht wird Migräne bei Männern zu selten diagnostiziert. Diagnose und Behandlung folgen denselben Regeln.

Kann Magnesium gegen Migräne helfen?

Die Studien sind widersprüchlich. Eine randomisierte Studie mit 81 Personen fand eine stärkere Abnahme der Attacken als unter Placebo, eine andere mit 69 Personen keinen Unterschied. Die Leitlinie nennt die Evidenz gering und hält Magnesium für geeignet bei Menschen, die keine medikamentöse Therapie mit einem dafür zugelassenen Medikament wünschen. Durchfall ist häufig, und bei eingeschränkter Nierenfunktion gehört die Einnahme ärztlich abgesprochen.

Hat Histamin etwas mit Migräne zu tun?

Eine niedrige Aktivität des histaminabbauenden Enzyms DAO fand sich in einer Studie bei 87 Prozent der Menschen mit Migräne, aber auch bei 44 Prozent der Menschen ohne Migräne. Eine Studie mit DAO-Ergänzung zeigte keinen signifikanten Unterschied zu Placebo. Das ist eine Hypothese, keine Diagnose, und die Leitlinie spricht keine Empfehlung aus.

Ist Heißhunger ein Auslöser der Migräne?

Die internationale Kopfschmerzklassifikation zählt Heißhunger auf bestimmte Speisen zu den Vorboten einer Attacke. In einer Studie hatten Menschen, die ausgelassene Mahlzeiten als Auslöser nannten, auffällig oft Heißhunger als Vorboten. Und in einer doppelblinden Studie traten nach Schokolade nicht häufiger Kopfschmerzen auf als nach Johannisbrot.

Was ist die Migräne-Spritze, und für wen kommt sie infrage?

Gemeint sind Antikörper gegen CGRP oder seinen Rezeptor. Laut deutscher Leitlinie (Stand 2025) sind Eptinezumab, Erenumab, Fremanezumab und Galcanezumab in Deutschland zur Migräneprophylaxe bei Erwachsenen mit mindestens 4 Migränetagen pro Monat zugelassen, und die European Headache Federation empfiehlt sie bei episodischer und chronischer Migräne. In Schwangerschaft und Stillzeit sollen sie nicht eingesetzt werden. Ob sie für dich passen, hängt von Vorbehandlungen, Begleiterkrankungen und ärztlicher Prüfung ab.

Können Migränetabletten selbst Kopfschmerzen machen?

Ja. Laut Leitlinie liegt die Schwelle für Triptane und Kombinationsschmerzmittel bei mindestens 10 Einnahmetagen im Monat, für einfache Schmerzmittel bei mindestens 15. Der Weg heraus gehört in ärztliche Begleitung, oft mit Medikamentenpause und Vorbeugung. Setze nichts eigenmächtig ab und beginne keinen Entzug auf eigene Faust.

Wie unterscheide ich Migräne von Spannungskopfschmerz?

Migräne ist meist pulsierend, mittel bis stark, wird bei Bewegung schlimmer und bringt Übelkeit oder Licht- und Lärmempfindlichkeit mit. Spannungskopfschmerz ist eher drückend, beidseitig, leicht bis mittel und ohne Übelkeit. Beide können bei derselben Person vorkommen, und ein Kopfschmerzkalender kann beim Unterscheiden helfen.

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SJ

Shukri Jarmoukli

Arzt, Integrative Medizin · ViveCura Berlin

Ich arbeite in meiner Privatpraxis an der Schnittstelle von klassischer Medizin, funktioneller Medizin und Klinischer Psychoneuroimmunologie. Bei Migräne interessiert mich, wie Rhythmus, Hormone, Energiehaushalt und Nervensystem zusammenspielen, und wie sich eine gute neurologische Behandlung mit Lebensstil sinnvoll verbinden lässt.

Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Beratung und ist ausdrücklich keine Anleitung, eine bestehende Behandlung zu verändern. Er soll dir helfen, beim nächsten Termin bessere Fragen zu stellen.

ViveCura, Privatpraxis Shukri Jarmoukli, Skalitzer Straße 137, 10999 Berlin

Wissenschaftliche Quellen

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Transparenz zur Evidenz: wo die Datenlage dünn ist
  1. Die Leitlinie ist eine S1-Leitlinie, also Expertenkonsens ohne Empfehlungsgrade. Zitiert ist die Fassung von 2025 (Version 7.1). Ihre Aussagen zu Nahrungsergänzung sind an zwei Stellen unterschiedlich formuliert. Beide Stellen stehen im Text nebeneinander.
  2. Die Rolle des Hypothalamus stützt sich auf eine Bildgebung an einer einzigen Person, die Aura-Welle auf eine Bildgebung an drei Personen, die CGRP-Provokation auf zwölf Personen. Das sind Mechanismusbefunde, keine Therapiebelege.
  3. Die Energiestoffwechsel-Hypothese stützt sich laut Autoren auf zunehmende Evidenz, vieles davon aus klinischen Daten, die allerdings größtenteils indirekt ist und durch Tiermodelle und kleine Therapiestudien ergänzt wird. Zwei Autoren der Übersicht sind Erstautoren der zitierten Riboflavin- und Q10-Studien.
  4. Magnesium, Riboflavin und Q10 sind in kleinen, teils alten Studien untersucht. Eine Magnesiumstudie war positiv, eine negativ. Die Meta-Analyse zu Magnesium hat keinen DOI und enthält Studien ohne angemessene Randomisierung. Die Kombinationsstudie verfehlte beim Frequenzendpunkt die Signifikanz. Alle genannten Dosen sind Studienangaben.
  5. Histamin und DAO stammen aus zwei Studien einer Arbeitsgruppe mit einem nicht validierten Grenzwert. Die Ergänzungsstudie dauerte einen Monat und zeigte keinen signifikanten Unterschied zu Placebo.
  6. Auslöserdaten beruhen überwiegend auf Selbstauskunft, kleinen Tagebuchstudien und Spezialambulanzen. Die Bezugsgröße der Prozentwerte in der Befragung von Kelman ist im Abstract nicht eindeutig.
  7. Die Schlaganfalldaten sind Beobachtungsdaten mit niedriger Evidenzqualität, die Diagnosen der Fall-Kontroll-Studie stammen aus Abrechnungscodes. Die Zahl von 11 pro 100.000 ist eine kumulative Häufigkeit über 2006 bis 2012 in dieser Datenbank, keine jährliche Rate.
  8. Die Studie zur Gewichtsabnahme fasst zehn Studien zusammen, deren Designs im Abstract nicht genannt sind. Sie erlaubt keine Aussage über Ursache und Wirkung.
  9. Die Zulassungsstudie zu Atogepant war herstellerfinanziert. Zulassungs- und Erstattungsaussagen im Text stammen ausschließlich aus der deutschen Leitlinie mit Stand 2025 und können sich seitdem geändert haben. Zu Atogepant zitiere ich aus den ausgewerteten Leitlinienpassagen nur die Wirksamkeitsaussage. Über den Zulassungsstatus von Atogepant trifft dieser Artikel keine Aussage, weder positiv noch negativ.
  10. Hausmittel wie Kaffee mit Zitrone oder Fußbäder sind als klinische Tradition gekennzeichnet, weil dazu keine belastbaren Migränestudien ausgewertet wurden.
  11. Was hier bewusst nicht steht. Keine Dosierungsempfehlung, kein Entzugsschema, kein Behandlungsprotokoll, keine Präparate- oder Gerätemarken und kein Rat, Triptane, Schmerzmittel, eine Vorbeugung, Antidepressiva oder eine Verhütung abzusetzen, zu reduzieren oder zu ersetzen. Aus keinem Absatz folgt, dass eine neurologische, gynäkologische oder psychotherapeutische Abklärung verschoben werden sollte.

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