Ratgeber Hormone · Laborwerte verstehen

SHBG: der Laborwert, der erklärt, warum die Hormone normal aussehen

Zwei Frauen, dasselbe Gesamttestosteron auf dem Befund, zwei völlig verschiedene Wirklichkeiten im Gewebe. Dazwischen steht ein Eiweiß aus der Leber, das kaum jemand erklärt.

SJ
Shukri Jarmoukli · Arzt · Tätigkeitsschwerpunkt Integrative Medizin · ViveCura Berlin
Gebunden und frei Insulin und Leber Pille und Schilddrüse 24 Quellen mit PMID

Du sitzt mit einem Blatt Papier am Küchentisch. Oben dein Name, darunter eine Spalte mit Werten und eine Spalte mit Referenzbereichen. Nichts ist fett gedruckt. Nichts hat ein Sternchen. Alles liegt im Rahmen.

Und trotzdem stimmt etwas nicht. Die Haare am Kinn sind neu. Der Zyklus kommt, wann er will. Die Haut reagiert wie mit siebzehn. Die Energie reicht bis vier Uhr nachmittags und dann ist Schluss.

Viele Frauen kennen dieses Muster. Der Befund sagt in Ordnung, der Körper sagt etwas anderes, und niemand kann beides gleichzeitig erklären. Das ist kein Einbildungsproblem. Das ist meistens ein Übersetzungsproblem.

Denn ein Hormonwert im Blut sagt dir, wie viel Hormon unterwegs ist. Er sagt dir nicht, wie viel davon ankommt. Zwischen diesen beiden Sätzen liegt ein Eiweiß mit einem sperrigen Namen: sexualhormonbindendes Globulin, kurz SHBG.

Mein Ausgangspunkt

SHBG ist kein Nebenwert. Er ist der Übersetzer zwischen dem, was im Blut steht, und dem, was an der Zelle ankommt. Und weil ihn die Leber unter dem Einfluss von Insulin herstellt, erzählt er nebenbei etwas über den Stoffwechsel, das Blutzucker und HbA1c oft noch gar nicht zeigen.

Deshalb bestimme ich SHBG mit, bevor ich ein Hormonergebnis als unauffällig abhake. Und deshalb schaue ich bei einem niedrigen Wert zuerst auf Leber, Insulinlage und Schilddrüse, bevor ich über Hormone rede.

Ein Satz vorweg: die gynäkologische Abklärung bleibt die Grundlage. Sie beantwortet Fragen, die kein Laborwert beantworten kann. Die Stoffwechselperspektive kommt obendrauf, nicht an ihre Stelle. Dass sie in der Basisdiagnostik nicht regelhaft vorgesehen ist, hat mit dem Zweck dieser Diagnostik zu tun und nicht mit der Sorgfalt derer, die sie durchführen.

Was in diesem Artikel steht

  • Warum zwei gleiche Werte zwei verschiedene Menschen bedeuten
  • Was SHBG ist und wie viel Hormon wirklich frei unterwegs ist
  • Was den Wert nach unten zieht, allen voran Insulin
  • Was ihn nach oben schiebt, allen voran orale Östrogene
  • Warum ein niedriger Wert ein früher Stoffwechselhinweis sein kann
  • Freier Androgenindex und seine Grenzen
  • Wann und wie SHBG sinnvoll bestimmt wird
  • Was sich in Interventionsstudien tatsächlich bewegt hat
Zuerst das Wichtige: was nicht in einen Laborartikel gehört, sondern zeitnah abgeklärt wird

Kein Wert und kein Text ersetzt eine ärztliche Untersuchung. Diese Zeichen gehören zeitnah in ärztliche Hände und nicht auf eine Warteliste, egal wie dein SHBG aussieht:

  • Blutungen nach der Menopause
  • Sehr starke Blutungen oder ein plötzlich verändertes Blutungsmuster
  • Unterbauchschmerzen mit Fieber
  • Akuter, einseitiger Unterbauchschmerz
  • Ungewollter Gewichtsverlust
  • Kopfschmerzen oder Sehstörungen zusammen mit Milchfluss aus der Brust
  • Rasch fortschreitende Vermännlichung, also tiefer werdende Stimme, starker Haarwuchs im Gesicht, ausbleibende Blutung innerhalb weniger Monate

Bei akuten, sehr starken Bauchschmerzen, bei starker Blutung mit Schwäche, Herzrasen oder Kreislaufproblemen wählst du bitte den Notruf 112 und wartest nicht auf einen Termin.

Zwei der Zustände, die weiter unten als Ursache eines hohen SHBG vorkommen, sind ebenfalls nichts zum Abwarten: eine manifeste Schilddrüsenüberfunktion und eine Lebererkrankung mit gestörter Funktion gehören zeitnah ärztlich abgeklärt, unabhängig davon, was SHBG dazu sagt.

Und noch etwas: Wenn du bereits ein Medikament einnimmst, das in diesem Artikel vorkommt, also die Pille, ein Schilddrüsenpräparat, Metformin, ein Antiandrogen oder eine Hormontherapie, dann ändere daran nichts wegen eines Textes im Internet. Jede Anpassung gehört ärztlich besprochen und begleitet.

Alle in diesem Artikel genannten Mittel sind verschreibungspflichtig, also die Pille mit dem Wirkstoff Ethinylestradiol, Schilddrüsenpräparate, Metformin, Antiandrogene und Hormontherapien. Ein Teil davon wird bei Hormon- und Stoffwechselthemen außerhalb der Zulassung eingesetzt, das nennt man off label. Metformin zum Beispiel ist in Deutschland für Typ-2-Diabetes zugelassen und nicht für PCO-Syndrom oder Insulinresistenz. Off label heißt: gesonderte Aufklärung, besondere ärztliche Begründungspflicht und in aller Regel keine Kostenübernahme durch die Kasse. Nutzen, Risiken, Gegenanzeigen und Wechselwirkungen wägt die verordnende Ärztin oder der verordnende Arzt im Einzelfall ab. Aus diesem Artikel folgt keine Empfehlung für oder gegen eines dieser Mittel.

Klinische Evidenz RCT oder Meta-Analyse randomisierter Studien am Menschen Kleine Interventionsstudie Mechanismus-Versuch am Menschen, ohne Kontrollgruppe Beobachtungs-Meta-Analyse gepoolte Kohorten- oder Querschnittsdaten, kein Kausalbeweis Leitlinie Konsens einer Fachgesellschaft, keine eigene Studie Humandaten Beobachtung oder Kohorte am Menschen Tiermodell Maus oder Ratte, nicht Mensch Zellkultur Zellen oder Bindungsversuch im Reagenzglas

Diese sieben Etiketten stehen an jeder Studie. Zwischen einem Effekt in der Zellkultur und einem Effekt bei tausend Frauen liegen Welten, und im Netz landet beides regelmäßig im selben Topf.

Warum zwei identische Laborwerte zwei verschiedene Frauen bedeuten

Stell dir zwei Frauen vor, gleiches Alter, gleicher Befund. Beide haben dasselbe Gesamttestosteron, sagen wir irgendwo in der oberen Hälfte des Referenzbereichs. Auf dem Papier sind sie Zwillinge.

Die eine hat keinerlei Beschwerden. Die andere kämpft mit Haarwuchs am Kinn, mit fettiger Haut, mit einem Zyklus, der sich verschiebt. Wie kann das sein, wenn die Zahl doch dieselbe ist?

Weil die Zahl das Falsche misst. Genauer: sie misst alles, und interessant ist nur ein kleiner Teil davon.

Das Bild mit den Pfandflaschen

Ich mag dieses Bild lieber als den Dimmschalter, den man oft liest. Stell dir vor, dein Blut ist ein Getränkemarkt. Auf dem Befund steht, wie viele Flaschen im Laden sind. Das ist das Gesamttestosteron.

Aber die meisten Flaschen stehen in Kisten, verzurrt, auf Paletten. Sie sind da, sie zählen mit, sie sind für den Moment nicht greifbar. Nur die paar Flaschen, die lose im Regal stehen, kann jemand mitnehmen und öffnen.

SHBG ist die Palette. Es packt Testosteron und Östradiol ein und transportiert sie durchs Blut. Eingepacktes Hormon fährt mit, ohne anzukommen. Nur der freie Anteil kann an den Rezeptor der Zelle andocken und dort etwas auslösen.

Und jetzt zurück zu den zwei Frauen. Die eine hat viel SHBG. Bei ihr sind fast alle Flaschen in Kisten. Die andere hat wenig SHBG. Bei ihr steht ein viel größerer Teil offen im Regal. Gleiche Gesamtzahl, völlig verschiedene Verfügbarkeit.

Humandaten Was die Grundlagenarbeit sagt

Eine Übersichtsarbeit aus Vancouver hat zusammengetragen, was SHBG über verschiedene Arten hinweg eigentlich tut. Beobachtet wurde: SHBG transportiert Androgene und Östrogene im Blut und reguliert dabei, wie viel davon ins Zielgewebe gelangt, wie schnell es abgebaut wird und wie es sich im Körper verteilt. Die Produktion in der Leber schwankt über das Leben und wird vor allem von Stoffwechsel- und Hormonfaktoren bestimmt, dazu kommen genetische Unterschiede zwischen Menschen.

Was das für dich bedeutet: SHBG ist kein passiver Behälter. Es entscheidet mit, wie viel Hormon überhaupt ankommt. Deshalb kann derselbe Gesamtwert bei zwei Menschen zwei verschiedene Wirklichkeiten beschreiben.

Hammond, Biology of Reproduction 2011. PMID: 21613632 · DOI: 10.1095/biolreprod.111.092593 [Übersichtsarbeit]
Reframe

Der Satz, der dir wahrscheinlich schon gesagt wurde, lautet: deine Werte sind normal. Der genauere Satz lautet: deine Gesamtwerte liegen im Referenzbereich, über die verfügbare Menge sagt das für sich genommen wenig.

Das ist keine Kritik an irgendjemandem. Es ist eine Frage, die aus dem Befund heraus gestellt werden muss, und sie wird nicht immer gestellt, weil sie in der Basisdiagnostik nicht vorgesehen ist. Du darfst sie stellen.

Es geht hier übrigens nicht nur um Testosteron. SHBG bindet auch Östradiol, wenn auch mit geringerer Kraft. Das heißt: die gleiche Rechnung gilt für das Östrogen, das dir jemand als unauffällig vorgelesen hat.

Welcher Test wann sinnvoll ist, steht in Hormone testen bei Frauen. Hier reicht der Merksatz: SHBG ist der Wert, der die anderen erst lesbar macht.

Und jetzt weißt du, warum zwei identische Zahlen zwei verschiedene Geschichten erzählen können.

Was SHBG eigentlich ist und wie viel Hormon wirklich frei unterwegs ist

Kurze Bestandsaufnahme, damit das Wort nicht länger nach Prüfungsstoff klingt.

SHBG ist ein Eiweiß. Es wird in der Leber gebaut und ins Blut abgegeben. Dort bindet es Sexualsteroide, also Testosteron, Dihydrotestosteron und Östradiol. Es tut das nicht wahllos, sondern mit unterschiedlicher Kraft: Testosteron hält es fester als Östradiol.

Neben SHBG gibt es einen zweiten Bindungspartner: Albumin. Das ist das häufigste Eiweiß im Blut, ein Allrounder, der fast alles ein bisschen bindet. Albumin hält Hormone deutlich lockerer fest als SHBG. Deshalb rechnet man das an Albumin gebundene Hormon oft zum sogenannten bioverfügbaren Anteil dazu.

Bleiben wir beim Getränkemarkt. SHBG sind die verzurrten Paletten. Albumin sind die Kisten, die offen im Gang stehen, aus denen man mit etwas Mühe eine Flasche ziehen kann. Und der kleine Rest steht wirklich frei.

Der Weg vom Befund zur Zelle

Warum die Zahl auf dem Papier nur der erste Schritt ist

  1. Die Leber baut SHBG. Die Produktionsrate hängt davon ab, in welcher Stoffwechsellage die Leberzelle gerade arbeitet.
  2. SHBG geht ins Blut und bindet Sexualsteroide. Testosteron fester, Östradiol lockerer. Albumin bindet zusätzlich, aber lose.
  3. Das Labor misst die Summe. Der Wert Gesamttestosteron enthält gebundenes und freies Hormon in einer Zahl.
  4. Nur das ungebundene Hormon erreicht den Rezeptor. Das ist die freie Hormon-Hypothese, das tragende Modell der Labormedizin.
  5. Aus Gesamtwert, SHBG und Albumin lässt sich der freie Anteil schätzen. Schätzen, nicht messen. Dieser Unterschied wird gleich noch wichtig.

Die Größenordnung, über die wir hier sprechen: Nur ein sehr kleiner Prozentsatz des Testosterons im Blut ist tatsächlich ungebunden. Der weitaus größte Teil hängt an SHBG oder an Albumin. Genau deshalb kann eine Verschiebung im Transportprotein den freien Anteil stark verändern, ohne dass der Gesamtwert sich auffällig bewegt.

Die ehrliche Einschränkung, die fast nirgends steht

Jetzt kommt der Teil, den die meisten Seiten weglassen, weil er die schöne Erklärung stört. Die freie Hormon-Hypothese ist ein Modell. Kein Naturgesetz.

Humandaten Die Neubewertung, die Vorsicht erzwingt

Ein Team aus Boston und Manchester hat 2017 in Endocrine Reviews die gesamte Bindungsphysiologie des Testosterons neu durchgerechnet und dafür die publizierten Experimentaldaten aus Jahrzehnten zusammengezogen. Beobachtet wurde: Die Annahmen der gängigen Bindungsmodelle zu Stöchiometrie, Bindungsdynamik und Affinität sind durch diese Daten nicht gedeckt und höchstwahrscheinlich ungenau. Gleichzeitig benennt die Arbeit die bekannten Probleme der direkten Messung des freien Testosterons.

Was das für dich bedeutet: Berechnete Werte sind Schätzungen, keine Messungen. Sie taugen für die Richtung, nicht für die zweite Nachkommastelle. Wer aus einer Formel eine Diagnose macht, überdehnt sie.

Goldman, Bhasin, Wu, Krishna, Matsumoto, Jasuja, Endocrine Reviews 2017. PMID: 28673039 · DOI: 10.1210/er.2017-00025 [Übersichtsarbeit]

Warum erzähle ich dir das, wenn ich gleichzeitig für den Wert werbe? Weil beides zusammengehört. Ein Wert, dessen Grenzen du kennst, nützt dir mehr als ein Wert, den du für eine endgültige Auskunft hältst.

Reframe

Die häufigste Enttäuschung mit Laborwerten entsteht, wenn wir sie für Fotos halten. Sie sind aber eher Wetterberichte. Sie beschreiben eine Lage mit einer bestimmten Unschärfe, zu einem bestimmten Zeitpunkt, mit einer bestimmten Methode.

SHBG ist ein guter Wetterbericht. Er ist stabiler als die Steroidhormone selbst und er zeigt eine Richtung an. Was er nicht ist: ein Urteil über dich.

Eine Randnotiz, die zeigt, wie jung dieses Feld noch ist: SHBG reichert sich laut der Arbeit aus Vancouver auch außerhalb der Gefäße an, wo es eigene Effekte entfalten kann (Hammond 2011, PMID: 21613632). Grundlagenforschung, keine Handlungsanweisung.

Und jetzt weißt du, warum ich bei diesem Wert gleichzeitig begeistert und vorsichtig bin.

Was SHBG nach unten zieht, allen voran Insulin

Wenn dein SHBG niedrig ist, lautet die erste sinnvolle Frage nicht, wie man ihn hochbekommt. Sie lautet: warum ist er unten?

Und da gibt es einen Faktor, der alle anderen überragt. Insulin.

Das ist keine Randnotiz aus der funktionellen Medizin. Es ist eine der wenigen Ketten in diesem Feld, die über drei Evidenzebenen sauber durchgezogen ist. Zellkultur, Tiermodell, Mensch. Ich zeige dir alle drei, und ich sage dir bei jeder, wie weit sie trägt.

Ebene eins: die Leberzelle im Reagenzglas

Zellkultur Der erste Hinweis, 1988

Eine Arbeitsgruppe am Madigan Army Medical Center in Tacoma hat menschliche Leberkrebszellen der Linie HepG2 über 72 Stunden mit Insulin, Prolaktin, Östradiol, Thyroxin und Testosteron bebrütet und danach gemessen, wie viel SHBG diese Zellen produzieren. Beobachtet wurde: Insulin senkte die Produktion von 65,0 plus minus 0,6 auf 46,8 plus minus 1,1 Nanomol pro einer Million Zellen, Prolaktin auf einen praktisch identischen Wert, jeweils mit einem p unter 0,01. Insulin bremste außerdem den Anstieg, den Östradiol und Thyroxin sonst auslösten. Testosteron, Östradiol und Thyroxin steigerten die Produktion.

Was das für dich bedeutet: Der Effekt von Insulin auf SHBG lässt sich direkt an der Leberzelle sehen. Das ist ein starkes Mechanismus-Argument. Es ist noch kein Beleg am Menschen. Zellkultur bleibt Zellkultur.

Plymate, Matej, Jones, Friedl, Journal of Clinical Endocrinology and Metabolism 1988. PMID: 2842359 · DOI: 10.1210/jcem-67-3-460 [In vitro]

Ebene zwei: warum es passiert

Fast zwanzig Jahre später hat dieselbe Forschungsrichtung den Schalter gefunden, an dem gedreht wird. Und die Antwort ist überraschend genau.

Tiermodell Zellkultur Der Mechanismus, 2007

Eine Gruppe an der University of British Columbia hat transgene Mäuse gebaut, die das menschliche SHBG-Gen tragen, und dazu HepG2-Zellen mit Glukose und Fruktose behandelt. Beobachtet wurde: Beide Zucker senkten die SHBG-Produktion, und zwar nicht direkt, sondern über einen Umweg. Sie kurbelten die Fettneubildung in der Leberzelle an. Dabei fiel der Transkriptionsfaktor HNF-4alpha ab, der am SHBG-Gen normalerweise das Startsignal gibt. An seine Stelle rückte ein anderer Faktor, und die Ablesung des Gens wurde gedrosselt. Wurde die Fettneubildung blockiert, blieb der SHBG-Abfall aus.

Was das für dich bedeutet: In diesem Modell scheint nicht der Zucker an sich SHBG zu senken, sondern die Fettneubildung in der Leber, die er anstößt. Das erklärt, warum SHBG so empfindlich auf eine Fettleber reagiert. Wichtig und ehrlich: Maus und Zellkultur, nicht Mensch.

Selva, Hogeveen, Innis, Hammond, Journal of Clinical Investigation 2007. PMID: 17992261 · DOI: 10.1172/JCI32249 [In vivo, In vitro]

Wie die Leber in diese Lage kommt, steht in Zucker, Fruktose und die Leber. Hier reicht ein Satz: die Leber ist der Bauplatz von SHBG.

Ebene drei: der Mensch

Jetzt kommt die Studie, die ich für die eleganteste in diesem ganzen Feld halte. Sie ist winzig, sie ist alt, sie hat keine Kontrollgruppe, und sie geht trotzdem genau die Frage an, um die es geht.

Kleine Interventionsstudie Der Mechanismus-Versuch am Menschen, 1991

Eine Gruppe am Medical College of Virginia in Richmond hat sechs Frauen mit PCO-Syndrom und Übergewicht untersucht. Zuerst wurde die Hormonproduktion der Eierstöcke medikamentös stillgelegt, damit die Sexualhormone als Störgröße wegfallen. Dann bekamen die Frauen zehn Tage lang ein Medikament, das die Insulinausschüttung senkt. Beobachtet wurde: Obwohl Testosteron, Androstendion, Östron, Östradiol und Progesteron massiv abgefallen waren, blieb SHBG unverändert bei rund 18 nmol/l. Erst als das Insulin fiel, nämlich von 262 plus minus 55 auf 102 plus minus 33 Nanomol pro Minute und Liter im Zuckerbelastungstest, stieg SHBG innerhalb von zehn Tagen um 32 Prozent, von 17,8 plus minus 2,6 auf 23,5 plus minus 2,0 nmol/l, mit einem p unter 0,003. Das nicht an SHBG gebundene Testosteron fiel dadurch um 43 Prozent. Was zur Ehrlichkeit dazugehört und im selben Abstract steht: unter demselben Medikament verschlechterte sich die Glukosetoleranz.

Zum Medikament, damit hier kein falscher Eindruck entsteht: eingesetzt wurde der Wirkstoff Diazoxid. Er ist verschreibungspflichtig. Zugelassen ist er für eine ganz andere Situation, nämlich für Unterzuckerungen bei krankhaft erhöhter Insulinausschüttung. Für die Frage dieser Studie wurde er außerhalb der Zulassung verwendet, also off label. Er kann den Blutzucker anheben, Wasser im Gewebe zurückhalten und den Kreislauf beeinflussen, außerdem ist vermehrter Körperhaarwuchs beschrieben. Zu Dosierungen äußere ich mich hier bewusst nicht. Das Mittel diente in dieser Arbeit als Werkzeug, um eine Mechanismusfrage zu beantworten, und ausdrücklich nicht als Behandlung.

Was das für dich bedeutet: In dieser Untersuchung wirkte Insulin offenbar direkt auf SHBG und nicht über den Umweg der Sexualhormone, und das kann erklären, warum ein niedriges SHBG so oft mit einer Insulinüberschusslage zusammenfällt. Die Einschränkung gehört daneben: sechs Frauen, zehn Tage, keine Kontrollgruppe, ein Medikament mit einem eigenen Schaden, das heute so nicht eingesetzt wird. Das ist ein Mechanismus-Hinweis und ausdrücklich keine Behandlungsempfehlung.

Nestler, Powers, Matt, Steingold, Plymate, Rittmaster, Clore, Blackard, Journal of Clinical Endocrinology and Metabolism 1991. PMID: 1898744 · DOI: 10.1210/jcem-72-1-83 [Interventionsstudie am Menschen, ohne Kontrollgruppe, n=6]

Und jetzt der Befund, der die Geschichte davor bewahrt, zu glatt zu werden. Dieselbe Gruppe hat dieselbe Intervention bei fünf schlanken, gesunden Frauen mit regelmäßigem Zyklus durchgeführt.

Der Negativbefund, der wichtig ist

Bei gesunden schlanken Frauen passierte nichts

Das Insulin fiel auch hier deutlich, von 108,0 plus minus 28,2 auf 49,3 plus minus 5,2 Nanomol pro Minute und Liter. SHBG bewegte sich nicht, es lag bei 79,7 plus minus 16,6 gegenüber 70,2 plus minus 12,6 nmol/l in der Kontrollphase, ohne statistische Signifikanz. Das Gesamttestosteron blieb ebenfalls, wo es war.

Der Hebel greift also dort, wo zu viel Insulin unterwegs ist. Wer keine Überschusslage hat, hebt SHBG nicht dadurch an, dass er das Insulin noch weiter drückt. Dieser Befund schützt vor der verbreiteten Übertreibung, jeder könne seinen SHBG-Wert beliebig hochfahren.

Nestler, Singh, Matt, Clore, Blackard, American Journal of Obstetrics and Gynecology 1990. PMID: 2220936 · DOI: 10.1016/0002-9378(90)90698-7 [Interventionsstudie am Menschen, n=5]

Was noch drückt

Insulin ist der stärkste einzelne Faktor, aber nicht der einzige. Die folgenden Punkte stehen in jedem endokrinologischen Lehrbuch und in jedem deutschen Laborkatalog. Für einen Teil davon habe ich bei dieser Recherche keine Primärstudie mit belastbaren Zahlen gefunden, und deshalb nenne ich sie ohne Zahlen und kennzeichne sie als Lehrbuchwissen.

Zwei Richtungen

Was den Wert senkt und was ihn hebt

Nach unten
  • Hohes Insulin und Insulinresistenz, am besten belegt
  • Übergewicht, besonders am Bauch
  • Fettleber
  • Schilddrüsenunterfunktion
  • Androgene von außen, auch anabole Substanzen
  • Wachstumshormon, Lehrbuchwissen ohne eigene Zahlen hier
  • Kortisonpräparate, Lehrbuchwissen ohne eigene Zahlen hier
  • Bestimmte genetische Varianten
Nach oben
  • Orale Östrogene, allen voran die kombinierte Pille
  • Schwangerschaft
  • Schilddrüsenüberfunktion
  • Lebererkrankungen mit gestörter Funktion
  • Höheres Alter, beim Mann besonders deutlich
  • Sehr niedriges Körpergewicht und längeres Fasten, Lehrbuchwissen ohne eigene Zahlen hier
  • Bestimmte genetische Varianten

Diese Liste ist eine Landkarte, keine Diagnose. Mehrere Punkte können gleichzeitig zutreffen und sich gegenseitig aufheben. Genau deshalb wird ein SHBG-Wert nie isoliert gelesen, sondern zusammen mit Schilddrüse, Leberwerten, Blutzuckerlage und der Frage, welche Medikamente gerade eingenommen werden.

Reframe

Ein niedriges SHBG ist kein Defekt im Transportsystem. Es ist meistens eine sinnvolle Reaktion der Leber auf eine Lage, in der sie sich gerade befindet. Der Körper macht selten Unsinn. Er macht Anpassung.

Das verändert die Frage. Nicht: wie repariere ich diesen Wert? Sondern: worauf reagiert meine Leber gerade, und ist diese Lage etwas, das sich verändern lässt?

Was Insulinresistenz ist und was sie mit dem Zyklus macht, steht in Insulinresistenz und Hormone bei Frauen. Hier bleibe ich bei der einen Frage: was macht das mit dem Transportprotein.

Und jetzt weißt du, warum ich bei einem niedrigen SHBG als Erstes über Leber und Blutzucker rede und nicht über Hormone.

Was SHBG nach oben schiebt, allen voran Östrogene und die Pille

Es gibt eine Situation, in der ein SHBG-Wert regelmäßig missverstanden wird. Und zwar in beide Richtungen.

Der Wert ist hoch, sehr hoch sogar, und jemand liest das als gute Nachricht. Oder der Wert ist hoch und jemand liest das als Krankheit. Beides kann daneben liegen, wenn ein entscheidender Umstand nicht auf dem Zettel steht: die Einnahme eines oralen Östrogens.

Die Pille verändert nicht ein bisschen, sie verändert die Größenordnung

Klinische Evidenz Die Meta-Analyse mit den harten Zahlen

Eine niederländische Arbeitsgruppe hat 42 Studien mit 1495 gesunden Frauen zwischen 18 und 40 Jahren zusammengefasst, alle mit experimentellem Design. Beobachtet wurde: Unter kombinierter oraler Kontrazeption sank das Gesamttestosteron im Mittel um 0,49 nmol/l, das freie Testosteron fiel im Mittel um 61 Prozent, und SHBG stieg im Mittel um 99,08 nmol/l mit einem Vertrauensbereich von 86,43 bis 111,73. Präparate mit 20 bis 25 Mikrogramm Ethinylestradiol beeinflussten das Testosteron ähnlich stark wie solche mit 30 bis 35 Mikrogramm. Auf SHBG hatten dagegen sowohl die niedrigeren Östrogendosen als auch Gestagene der zweiten Generation einen geringeren Effekt. Die Autoren halten fest, dass die klinische Bedeutung der abgesenkten Androgene noch offen sei.

Was das für dich bedeutet: Unter der Pille ist SHBG nicht ein wenig höher. Er liegt in einer anderen Welt, und das freie Testosteron fällt mehr als doppelt so stark wie der Gesamtwert. Ein Befund unter der Pille beschreibt in erster Linie die Pille.

Zimmerman, Eijkemans, Coelingh Bennink, Blankenstein, Fauser, Human Reproduction Update 2014. PMID: 24082040 · DOI: 10.1093/humupd/dmt038 [Meta-Analyse, k=42, n=1495]

Warum tut das Ethinylestradiol das? Weil es über die Leber läuft. Ein Hormon, das geschluckt wird, passiert die Leber, bevor es in den restlichen Kreislauf gelangt. Und dort trifft es genau die Zellen, die SHBG bauen. Die reagieren mit hochgefahrener Produktion.

Humandaten SHBG steigt nicht allein

Eine italienische Übersichtsarbeit aus Catania und Catanzaro hat zusammengetragen, was orale Kontrazeptiva mit den Transportproteinen der Leber und mit der Schilddrüsenachse machen. Beobachtet wurde: Die Östrogenkomponente steigert die Bildung mehrerer Leberproteine gleichzeitig, darunter das Thyroxin-bindende Globulin, SHBG und Gerinnungsfaktoren. Die Gestagenkomponente moduliert diese östrogenabhängigen Effekte, vor allem über ihre antiandrogene Wirkrichtung.

Was das für dich bedeutet: Die Leber fährt unter oralen Östrogenen eine ganze Proteingruppe hoch. Deshalb sind unter der Pille auch Schilddrüsenwerte anders zu lesen, und deshalb sagt ein SHBG-Anstieg unter oralen Östrogenen nichts mehr über deine Insulinlage aus.

Torre, Calogero, Condorelli, Cannarella, Aversa, La Vignera, Journal of Endocrinological Investigation 2020. PMID: 32219692 · DOI: 10.1007/s40618-020-01230-8 [Übersichtsarbeit]
Wichtig, damit hier nichts missverstanden wird

Aus diesen Zahlen folgt keine Empfehlung, die Pille abzusetzen. Weder wegen des SHBG-Werts noch wegen der Aussagekraft eines Labors.

Ob eine Pille passt und ob sie pausiert wird, sind ärztliche Entscheidungen. An ihr hängen Verhütungssicherheit, Blutungsstärke, Hautbild und manchmal die Behandlung einer Endometriose. Was in der Post-Pill-Phase passiert, steht in Die Pille absetzen, mit demselben Hinweis auf ärztliche Begleitung.

Die Schilddrüse, der zweite große Hebel nach oben

SHBG reagiert auf Schilddrüsenhormon. Und zwar so deutlich, dass ein unentdecktes Schilddrüsenproblem jede Androgenrechnung durcheinanderbringen kann.

Humandaten Die Bandbreite in Zahlen

Eine Gruppe der Semmelweis-Universität in Budapest hat SHBG bei Menschen mit verschiedenen Schilddrüsenlagen gemessen und mit Kontrollen verglichen. Beobachtet wurde: Bei manifester Überfunktion lag SHBG bei 141,6 plus minus 37,6 nmol/l gegenüber 48,3 plus minus 16,2 nmol/l bei den Kontrollen. Bei Unterfunktion lag er bei 24,9 plus minus 14,8 nmol/l. Bei subklinischer Überfunktion entsprach der Mittelwert mit 47,4 plus minus 16,8 dem der Kontrollen, bei subklinischer Unterfunktion lag er mit 33,6 plus minus 6,1 nahe an der unteren Grenze.

Was das für dich bedeutet: Zwischen Unter- und Überfunktion liegt hier fast das Sechsfache. Wer SHBG interpretiert, muss die Schilddrüsenlage kennen. Einschränkung: kleine, ältere Arbeit mit den Messverfahren von 1990.

Földes, Banos, Lakatos, Tarjan, Orvosi Hetilap 1990, ungarisch mit englischem Abstract. PMID: 2392320 [Kohorte, Beobachtungsstudie]

Welche Schilddrüsenwerte tatsächlich zählen und welche man sich sparen kann, steht in Schilddrüsenwerte: welche wirklich zählen. Und wie Schilddrüse und Zyklus zusammenhängen, in Schilddrüse und weibliche Hormone.

Alter, Schwangerschaft, Leber

Beim Mann steigt SHBG mit den Jahren. Das hat eine praktische Folge, die selten ausgesprochen wird.

Humandaten Die Längsschnitt-Kohorte aus Baltimore

Am National Institute on Aging wurden eingelagerte Blutproben von 890 Männern der Baltimore Longitudinal Study on Aging ausgewertet, mit einem gemischten statistischen Modell über die Zeit. Beobachtet wurde: Testosteron und der freie Testosteronindex fielen unabhängig voneinander linear mit dem Alter, im Mittel um minus 0,124 nmol/l pro Jahr beziehungsweise minus 0,0049 Nanomol Testosteron pro Nanomol SHBG und Jahr. Der Anteil mit hypogonadalen Werten stieg auf rund 20 Prozent jenseits von 60, 30 Prozent jenseits von 70 und 50 Prozent jenseits von 80 Jahren, nach dem freien Index sogar höher.

Was das für dich bedeutet: Beim Mann fällt der freie Anteil mit dem Alter stärker als der Gesamtwert, weil SHBG gleichzeitig steigt. Deshalb sieht ein Gesamttestosteron im Referenzbereich bei einem 70-Jährigen anders aus als bei einem 30-Jährigen.

Harman, Metter, Tobin, Pearson, Blackman, Journal of Clinical Endocrinology and Metabolism 2001. PMID: 11158037 · DOI: 10.1210/jcem.86.2.7219 [Kohorte, n=890]

In der Schwangerschaft steigt SHBG stark an. Das ist physiologisch und kein Alarmzeichen. Es hat allerdings eine methodische Folge, die gleich noch eine Rolle spielt: die Rechenverfahren für das freie Testosteron gelten in der Schwangerschaft nicht.

Reframe

Ein hoher SHBG-Wert ist selten das eigentliche Thema. Er ist fast immer ein Zeiger auf etwas anderes: ein Medikament, eine Schilddrüsenlage, eine Schwangerschaft, ein Lebergeschehen, ein Lebensalter.

Deshalb ist die richtige Reaktion auf einen hohen Wert nicht Sorge, sondern eine Frage: was von alldem trifft auf mich zu? In den allermeisten Fällen ist die Antwort banal und steht schon auf dem Medikamentenplan.

Und jetzt weißt du, warum die erste Frage bei einem auffälligen SHBG lautet, was gerade eingenommen wird.

Warum ein niedriges SHBG ein früher Hinweis auf die Stoffwechsellage ist

Jetzt kommt der Teil, der SHBG von einem Nebenwert zu etwas Interessantem macht. Und der Teil, bei dem ich am meisten aufpassen muss, damit aus einem Zusammenhang keine Prophezeiung wird.

Der Blutzucker ist ein später Wert. Er wird auffällig, wenn die Bauchspeicheldrüse den Ausgleich nicht mehr schafft. Jahre davor läuft eine stille Phase, in der der Körper mit immer mehr Insulin gegenhält und der Zucker deshalb noch normal aussieht.

Und SHBG? Der reagiert auf genau dieses Insulin. Nicht auf den Zucker. Das macht ihn zu einem indirekten Fenster in eine Phase, die sonst schwer zu sehen ist.

Beobachtungs-Meta-Analyse Die Meta-Analyse aus dem JAMA, 2006

Eine Gruppe am Brigham and Women's Hospital und an der Harvard Medical School hat 43 prospektive und Querschnittsstudien mit 6974 Frauen und 6427 Männern zusammengefasst. Beobachtet wurde: In den prospektiven Studien hatten Frauen mit SHBG über 60 nmol/l gegenüber Frauen mit 60 nmol/l oder darunter ein um 80 Prozent niedrigeres Risiko für Typ-2-Diabetes, mit einem relativen Risiko von 0,20 und einem Vertrauensbereich von 0,12 bis 0,30. Bei Männern lag der Vergleich bei einer Schwelle von 28,3 nmol/l und ergab ein um 52 Prozent niedrigeres Risiko. Der Unterschied zwischen den Geschlechtern war statistisch signifikant. Testosteron verhielt sich gegenläufig: bei Männern gingen höhere Werte mit niedrigerem Risiko einher. Bei Frauen deutete sich die umgekehrte Richtung an, ohne dass der Unterschied in den prospektiven Studien statistisch gesichert war.

Was das für dich bedeutet: Ein niedriges SHBG ist bei Frauen ein deutlicheres Signal als bei Männern. Und derselbe Testosteronwert kann in beiden Geschlechtern etwas anderes bedeuten. Beobachtungsdaten sind das, kein Beweis für Ursache und Wirkung.

Ding, Song, Malik, Liu, JAMA 2006. PMID: 16537739 · DOI: 10.1001/jama.295.11.1288 [Meta-Analyse, k=43]

Der naheliegende Einwand: vielleicht ist das niedrige SHBG nur eine Begleiterscheinung. Menschen mit mehr Bauchfett haben oft mehr Insulin, mehr Insulin kann SHBG senken, und dieselben Menschen bekommen häufiger Diabetes. Der Wert wäre dann ein Zuschauer und kein Mitspieler.

Diesen Einwand hat dieselbe Arbeitsgruppe drei Jahre später mit einem klugen Trick angegriffen.

Humandaten Die Genvarianten als Anker, 2009

In der Women's Health Study wurden 359 postmenopausale Frauen mit neu aufgetretenem Typ-2-Diabetes gegen 359 Kontrollen verglichen, alle ohne Hormontherapie. Zusätzlich wurden zwei Genvarianten typisiert, die den SHBG-Spiegel beeinflussen, und für eine sogenannte Mendelsche Randomisierung genutzt. Die Idee dahinter: Gene werden bei der Zeugung zufällig verteilt und lassen sich nicht vom Lebensstil verschieben. Beobachtet wurde: Gegenüber dem untersten SHBG-Quartil lagen die Odds Ratios in den höheren Quartilen bei Frauen zwischen 0,16 und 0,04. In einer eigenen Männerkohorte, der Physicians' Health Study II mit 170 Fällen und 170 Kontrollen, wiederholte sich das Bild: das oberste SHBG-Quartil lag gegenüber dem untersten bei 0,10. Trägerinnen der Variante rs6259 hatten 10 Prozent höhere, Trägerinnen von rs6257 10 Prozent niedrigere SHBG-Spiegel, jeweils mit der dazu passenden Risikorichtung.

Was das für dich bedeutet: Der Zusammenhang hat einen genetischen Anker, das spricht für eine kausale Beteiligung. Die Ehrlichkeit dazu: die Effektschätzer sind extrem groß, die Fallzahlen klein, und solche Zahlen sind erfahrungsgemäß Obergrenzen.

Ding, Song, Manson, Hunter, Lee, Rifai, Buring, Gaziano, Liu, New England Journal of Medicine 2009. PMID: 19657112 · DOI: 10.1056/NEJMoa0804381 [Kohorte, Fall-Kontroll-Studie]
Der Satz, der über allem steht

Ein Laborwert ist kein Schicksal. Und ein Zusammenhang in einer Kohorte ist keine Diagnose für die einzelne Person. Was in einer Gruppe von tausend Menschen als Wahrscheinlichkeit sichtbar wird, sagt über dich allein noch nichts.

Was der Wert in großen Gruppen abbildet

Humandaten 1000 Frauen mit PCO-Syndrom

Eine chinesische Arbeitsgruppe hat die Ausgangsdaten von 1000 Frauen mit PCO-Syndrom aus einer registrierten Studie ausgewertet und SHBG gegen Körpermaße, Zucker-, Fett-, Leber- und Nierenwerte gestellt. Beobachtet wurde: Frauen mit niedrigerem SHBG hatten höheren BMI, größeren Taillenumfang, höheres Insulin und HOMA-IR, höheren Blutdruck, höhere Triglyzeride, ApoB, LDL, AST, ALT und Harnstoff-Stickstoff sowie niedrigeres HDL. In der Regressionsrechnung war SHBG ein schützender Prädiktor für das metabolische Syndrom, die Fläche unter der ROC-Kurve lag bei 0,732. Mit den Glukoseparametern bestand dagegen kein Zusammenhang.

Was das für dich bedeutet: SHBG bildet hier eher die Leber- und Fettstoffwechsellage ab als den aktuellen Blutzucker. Das macht ihn zu einem frühen Signal. Eine ROC-Fläche von 0,73 ist brauchbar, aber kein Screeningtest.

Luo, Yang, Cai, Chang, Ma, Peng, Wu, International Journal of Endocrinology 2020. PMID: 33101409 · DOI: 10.1155/2020/7580218 [Kohorte, n=1000]
Beobachtungs-Meta-Analyse Fettleber, in beiden Geschlechtern

Eine Gruppe aus Honolulu und Cooperstown hat 16 Beobachtungsstudien mit 13.721 Männern und 5.840 Frauen gepoolt. Beobachtet wurde: Männer mit Fettleber hatten ein niedrigeres Gesamttestosteron, mit einer mittleren Differenz von minus 2,78 nmol/l. Bei Frauen ging ein höheres Testosteron mit höherer Fettleber-Wahrscheinlichkeit einher. SHBG lag bei Fettleber in beiden Geschlechtern niedriger, und dieser gegenläufige Zusammenhang war bei Frauen stärker ausgeprägt.

Was das für dich bedeutet: Die Leber ist der Ort, an dem SHBG entsteht. Verfettet sie, kann der Wert sinken. Einschränkung: der gepoolte Testosteronwert der Männer hat ein I-Quadrat von 99 Prozent, er zeigt also eine Richtung und keine Präzision.

Jaruvongvanich, Sanguankeo, Riangwiwat, Upala, Annals of Hepatology 2017. PMID: 28425408 [Meta-Analyse, k=16]
Reframe

Viele Frauen hören bei diesem Abschnitt zum ersten Mal, dass ihr Hormonproblem und ihr Stoffwechsel dieselbe Geschichte sein könnten. Das kann sich erst einmal schwer anfühlen, so nach dem Motto: jetzt habe ich zwei Probleme statt einem.

Ich lese es andersherum. Wenn beides an einem Faden hängt, gibt es einen gemeinsamen Ansatzpunkt statt zwei getrennter Baustellen. Das ist eine gute Nachricht, keine schlechte.

Wo dieser Ansatzpunkt praktisch liegt, steht in Insulinresistenz und Abnehmen und in Stille Entzündung und Gewicht.

Eines noch, ausdrücklich: SHBG ist kein Diagnosekriterium für ein PCO-Syndrom. Die Diagnose folgt eigenen, international festgelegten Kriterien und gehört in ärztliche Hände. Mehr dazu in PCO-Syndrom verstehen.

Und jetzt weißt du, warum ich diesen Wert für einen guten Frühwarnhinweis halte und trotzdem niemanden allein damit nach Hause schicke.

Freies Testosteron, freier Androgenindex und die Grenzen der Rechnung

Wenn du im Netz nach freiem Testosteron suchst, landest du innerhalb von Sekunden bei einem Rechner. Zahl rein, Zahl raus, fertig. Ich möchte dir erklären, warum ich dir hier keine Formel gebe, und warum das keine Bevormundung ist.

Es gibt drei Wege, und sie sind nicht gleich gut

Der erste Weg ist die Messung im Labor über ein aufwendiges Trennverfahren, die Gleichgewichtsdialyse. Das ist die Referenzmethode. Sie ist teuer und wird selten gemacht.

Der zweite Weg ist die Berechnung aus Gesamttestosteron, SHBG und Albumin über ein Bindungsmodell. Dafür gibt es Online-Rechner und Laborsoftware.

Der dritte Weg ist der freie Androgenindex, kurz FAI. Er setzt das Gesamttestosteron einfach ins Verhältnis zum SHBG. Mehr Rechnung ist es nicht, und genau darin liegt sein Problem: Albumin kommt darin nicht vor.

Humandaten Der Methodenvergleich, der bis heute zitiert wird

Eine Gruppe der Universitätsklinik Gent hat mehrere Schätzverfahren für freies Testosteron gegen die Referenzmethode Gleichgewichtsdialyse verglichen, und zwar in einer großen Zahl von Blutproben mit sehr unterschiedlichen SHBG-Bedingungen, von sehr niedrig bis extrem hoch. Beobachtet wurde: Das aus Gesamttestosteron und gemessenem SHBG berechnete freie Testosteron war unter allen untersuchten Bedingungen nahezu identisch mit dem Dialyse-Ergebnis, mit einer einzigen Ausnahme, nämlich der Schwangerschaft. Der direkte Analog-Immunoassay lieferte dagegen nur einen Bruchteil der Referenzwerte, und dieser Bruchteil verschob sich mit dem SHBG-Spiegel. Auch das Verhältnis von FAI zum Referenzwert schwankte mit dem SHBG-Spiegel.

Was das für dich bedeutet: Der freie Androgenindex ist eine grobe Orientierung. Er versagt dort, wo es spannend wird, nämlich bei sehr hohem und sehr niedrigem SHBG. Das berechnete freie Testosteron ist robuster, in der Schwangerschaft aber ebenfalls nicht.

Vermeulen, Verdonck, Kaufman, Journal of Clinical Endocrinology and Metabolism 1999. PMID: 10523012 · DOI: 10.1210/jcem.84.10.6079 [Übersicht, Methodenvergleich]

Was die Leitlinien dazu sagen

Hier ist der Punkt, an dem meine Sicht und der Leitlinienstand ausdrücklich zusammenfallen. Das ist mir wichtig zu betonen, weil bei integrativer Medizin schnell der Verdacht der Außenseitermeinung im Raum steht.

Leitlinie Die internationale PCOS-Leitlinie 2023

Die Aktualisierung der internationalen PCOS-Leitlinie wurde vom australischen NHMRC in Partnerschaft mit ASRM, Endocrine Society, ESHRE und ESE erstellt, mit 58 priorisierten Fragen, 52 systematischen Reviews und 254 Empfehlungen. Sinngemäß festgehalten wurde: Zur Beurteilung eines biochemischen Hyperandrogenismus sollen Gesamt- und freies Testosteron herangezogen werden, wobei das freie Testosteron über den berechneten freien Androgenindex geschätzt werden kann. Für das Gesamttestosteron sollen hochgenaue LC-MS/MS-Verfahren verwendet werden. Unter kombinierter oraler Kontrazeption ist ein biochemischer Hyperandrogenismus kaum verlässlich beurteilbar. Insulinresistenz ist pathophysiologisch bedeutsam, die klinisch verfügbaren Insulin-Assays haben aber begrenzte Relevanz und werden für die Routineversorgung nicht empfohlen.

Was das für dich bedeutet: SHBG ist in dieser Leitlinie ein Rechenbaustein und kein eigener Zielwert. Eine eigenständige SHBG-Empfehlung enthält das Dokument nicht. Das gehört hierher, auch wenn es meiner Begeisterung für den Wert widerspricht.

Teede, Tay, Laven, Dokras, Moran, Piltonen und weitere, Human Reproduction 2023. PMID: 37580037 · DOI: 10.1093/humrep/dead156 [Leitlinie] [Consensus Guideline]
Leitlinie Die Endocrine Society zum Mann, 2018

Die Endocrine Society hat ihre Leitlinie zur Testosterontherapie bei Hypogonadismus nach GRADE-Methodik aktualisiert. Sinngemäß festgehalten wurde: Die Erstdiagnostik erfolgt über ein nüchternes Gesamttestosteron am Morgen mit einem genauen Verfahren, bestätigt durch eine zweite Messung. Liegt der Gesamtwert nahe der unteren Normgrenze oder besteht ein Zustand, der SHBG verändert, soll das freie Testosteron über Gleichgewichtsdialyse bestimmt oder mit einer genauen Formel geschätzt werden.

Was das für dich bedeutet: Auch eine sehr zurückhaltende Fachgesellschaft sagt ausdrücklich, dass der Gesamtwert allein nicht mehr aussagekräftig ist, sobald SHBG aus dem Rahmen fällt. Genau das ist die Kernbotschaft dieses Artikels, und sie steht nicht im Widerspruch zur Regelversorgung.

Bhasin, Brito, Cunningham, Hayes, Hodis, Matsumoto, Snyder, Swerdloff, Wu, Yialamas, Journal of Clinical Endocrinology and Metabolism 2018. PMID: 29562364 · DOI: 10.1210/jc.2018-00229 [Leitlinie] [Consensus Guideline]
Wo Leitlinie und Methodenliteratur auseinandergehen

Der FAI ist zugelassen und trotzdem der gröbere Wert

Die PCOS-Leitlinie lässt den berechneten freien Androgenindex ausdrücklich zu. Der Methodenvergleich aus Gent kommt zu dem Schluss, dass der FAI kein verlässlicher Index des bioverfügbaren Testosterons ist, weil sein Verhältnis zum Referenzwert mit dem SHBG-Spiegel schwankt.

Beide Aussagen stimmen. Die Leitlinie entscheidet über Praktikabilität in der Breite, die Methodenarbeit über Genauigkeit an den Rändern. Für dich heißt das: der FAI taugt als Orientierung, solange dein SHBG im mittleren Bereich liegt. An den Rändern wird er unzuverlässig. Diese Entscheidung trifft die Ärztin oder der Arzt, nicht ein Rechner im Netz.

Warum hier keine Formel steht

Ich könnte dir jetzt eine Formel hinschreiben. Ich tue es aus drei Gründen nicht.

Erstens ändert eine Zahl ohne Kontext nichts an deiner Situation, kann aber Angst machen. Zweitens sind die Ergebnisse verschiedener Rechner und Laborverfahren nicht ohne Weiteres vergleichbar. Und drittens: aus einem berechneten Wert folgt keine Behandlung. Es folgt ein Gespräch.

Reframe

Die verbreitete Vorstellung lautet: wenn ich nur die richtige Zahl ausrechne, verstehe ich meinen Körper. Die genauere Vorstellung lautet: eine Zahl macht eine Frage schärfer.

Das ist ein Downgrade für die Zahl und ein Upgrade für dich. Denn die Frage kannst du stellen, und die Antwort entsteht im Gespräch mit jemandem, der deinen ganzen Befund vor sich hat.

Wenn du einen Testosteronwert vor dir hast und ihn einordnen willst, findest du die ausführliche Lesehilfe in Testosteronwerte verstehen. Dort geht es um Tageszeit, Assay und Wiederholungsmessung.

Und jetzt weißt du, warum die schnelle Rechnung im Netz nicht die Antwort ist, die du suchst.

Der praktische Teil: wann und wie SHBG sinnvoll bestimmt wird

Bis hierhin war viel Physiologie. Jetzt der Teil, den du mit in die nächste Sprechstunde nehmen kannst.

Wann der Wert mitbestimmt gehört

Situationen, in denen SHBG die anderen Werte erst lesbar macht

  • Beschwerden und Gesamtwerte passen nicht zusammen. Das ist die häufigste Situation. Der Befund sagt unauffällig, der Körper sagt etwas anderes.
  • Zeichen einer Androgenwirkung. Vermehrter Haarwuchs an Kinn, Oberlippe oder Bauch, hartnäckige Akne im Kinn- und Kieferbereich, Haarausfall am Scheitel.
  • Bevor ein Testosteronwert interpretiert wird. Bei Frauen wie bei Männern. Ohne SHBG ist der Gesamtwert nur die halbe Information.
  • Bei Verdacht auf eine Insulinlage. Bauchbetontes Gewicht, Heißhunger am Nachmittag, dunkle Hautverfärbungen in Hautfalten, familiäre Diabetesgeschichte.
  • Bei unklarer Zyklusstörung. Als Zusatzinformation neben der gynäkologischen Abklärung, nicht statt ihr.
  • Wenn die Schilddrüsenlage unklar ist. SHBG kann zeigen, ob Schilddrüsenhormon an der Leberzelle ankommt.

Und was SHBG nicht leistet: Androgenzeichen können auch andere Ursachen haben. Dazu gehören eine angeborene Störung der Nebennierenrinde, das nichtklassische adrenogenitale Syndrom, und seltener ein Cushing-Syndrom. Beide werden über eigene Werte gesucht, beim adrenogenitalen Syndrom zum Beispiel über das 17-OH-Progesteron, und nicht über SHBG. Das gehört in die ärztliche Abklärung, bevor alles der Insulinlage zugeschrieben wird.

Zyklustag, Tageszeit, Nüchternheit

Hier möchte ich vorsichtiger sein, als das Internet in diesem Punkt üblicherweise ist.

SHBG ist über den Zyklus deutlich stabiler als Östradiol und Progesteron, die sich innerhalb weniger Tage vervielfachen können. Eine gute, klar zitierbare Arbeit, die eine relevante SHBG-Schwankung über den Zyklus zeigt, habe ich bei dieser Recherche nicht gefunden. Deshalb nenne ich dir keine Zahl und keinen SHBG-eigenen Idealtag.

Praktisch heißt das: Der Zyklustag der Blutabnahme richtet sich nach den Hormonen, die mitbestimmt werden. Bei Progesteron ist das die zweite Zyklushälfte, bei Östradiol hängt es von der Fragestellung ab. SHBG fährt einfach mit.

Zur Nüchternheit dasselbe Prinzip. Für SHBG selbst habe ich keine belastbare Primärquelle gefunden. Nüchtern abgenommen wird wegen der anderen Werte: Testosteron gehört nach Leitlinie in die morgendliche Nüchternabnahme, Glukose und Insulin brauchen sie ohnehin.

Unter der Pille: ein Wert, zwei verschiedene Fragen

Lesehilfe

Was ein SHBG-Wert unter der Pille noch aussagt und was nicht

Was er nicht mehr aussagt
Er beschreibt nicht mehr deine eigene Insulin- und Leberlage. Die Meta-Analyse zeigte einen mittleren Anstieg um 99,08 nmol/l, das überlagert alles andere (Zimmerman 2014, PMID: 24082040).
Was daraus für Androgenwerte folgt
Ein biochemischer Hyperandrogenismus ist unter kombinierter oraler Kontrazeption kaum verlässlich beurteilbar. Das steht so in der internationalen PCOS-Leitlinie (Teede 2023, PMID: 37580037).
Was er trotzdem zeigt
Dass deine Leber auf das Östrogen anspricht. Ein SHBG, das unter der Pille nicht ansteigt, ist eine eigene Beobachtung, die ärztlich eingeordnet gehört.
Wenn eine Androgenbeurteilung zwingend nötig ist
Die Leitlinie nennt für diesen Fall eine Pillenpause von mindestens drei Monaten bei anderweitig gesicherter Verhütung. Das ist eine ärztliche Entscheidung in einer konkreten Situation.

Aus keinem dieser Punkte folgt eine Empfehlung, ein Präparat eigenständig abzusetzen, zu pausieren oder zu reduzieren. Das entscheidet sich im Gespräch mit der Ärztin oder dem Arzt, die die Verordnung ausgestellt haben. Ob SHBG nach dem Absetzen dauerhaft anders liegt, ist nicht sauber geklärt.

Was ein niedriger Wert bei der Frau und was er beim Mann bedeutet

Zwei Lesarten

Derselbe niedrige Wert, zwei verschiedene Fragen dahinter

Bei der Frau
  • Ein größerer Anteil des vorhandenen Testosterons ist ungebunden unterwegs
  • Ein Testosteronwert mitten im Referenzbereich kann trotzdem mit Androgenzeichen einhergehen
  • Der Stoffwechselbezug ist statistisch stärker als beim Mann
  • Die nächsten sinnvollen Fragen betreffen Insulinlage, Leber und Schilddrüse
Beim Mann
  • Das Gesamttestosteron unterschätzt den freien Anteil
  • Der Wert sieht niedriger aus, als die Wirkung am Gewebe nahelegt
  • Der Stoffwechselbezug besteht ebenfalls, ist aber schwächer
  • Die Leitlinie verlangt hier ausdrücklich die Bestimmung oder Berechnung des freien Testosterons

Was in beiden Spalten gleich bleibt: SHBG ist kein Wert, den man behandelt. Er ist ein Wert, der zeigt, welche Frage als Nächstes dran ist.

Warum in diesem Artikel keine Referenztabelle steht

Das ist eine bewusste Entscheidung, und du sollst den Grund kennen.

SHBG wird mit verschiedenen Immunoassays gemessen, die nicht gegeneinander standardisiert sind. Jedes Labor legt seinen Referenzbereich anhand der eigenen Methode und der eigenen Vergleichsgruppe fest. Dazu kommt, dass der Wert nach Geschlecht, Alter, Zyklusphase, Schwangerschaft und Hormoneinnahme weit auseinanderläuft.

Eine Tabelle im Netz würde also eine allgemeingültige Grenze vortäuschen. Die gibt es nicht. Es gilt der Bereich neben dem Wert auf deinem Befund, und am aussagekräftigsten ist der Verlauf im selben Labor.

Reframe

Die Enttäuschung an dieser Stelle kenne ich. Du wolltest eine Zahl, ab der es kritisch wird, und bekommst stattdessen eine Erklärung, warum es diese Zahl nicht gibt.

Aber genau das ist die nützlichere Information. Wer weiß, dass Referenzbereiche methodenabhängig sind, hört auf, sich an einer fremden Tabelle zu messen. Und fängt an, den eigenen Verlauf zu betrachten.

Und jetzt weißt du, welche Frage du beim nächsten Termin stellen kannst: passt mein Gesamtwert zu meinem SHBG, und was heißt das für den freien Anteil?

Was SHBG in Studien tatsächlich verschoben hat

Zum Schluss der ehrlichste Teil. Nicht was theoretisch etwas bewegen könnte, sondern was in kontrollierten Untersuchungen tatsächlich Zahlen verschoben hat. Mit Effektgrößen, und mit dem, was nichts bewegt hat.

+22,4 % SHBG unter einer Reduktionsdiät über zwölf Monate, gegenüber Kontrolle Randomisierte Studie, 439 Frauen
+25,8 % SHBG unter Diät plus Bewegung im selben Zeitraum Randomisierte Studie, 439 Frauen
+32 % SHBG nach zehn Tagen medikamentöser Insulinsenkung, Mechanismus-Studie an sechs Frauen ohne Kontrollgruppe, keine Behandlung Schwächere Evidenzstufe
Klinische Evidenz Die belastbarste Zahl im ganzen Artikel

Eine amerikanisch-kanadische Arbeitsgruppe hat zwischen 2005 und 2009 eine einfachblinde randomisierte Studie über zwölf Monate durchgeführt, mit postmenopausalen Frauen zwischen 50 und 75 Jahren, einem BMI über 25 und weniger als 100 Minuten Bewegung pro Woche. Vier Gruppen: Reduktionsdiät mit 118 Frauen, Ausdauertraining mit 117, beides kombiniert mit 117, Kontrolle mit 87. Mittleres Alter 58 Jahre, mittlerer BMI 30,9. Beobachtet wurde: SHBG stieg gegenüber der Kontrolle um 22,4 Prozent unter Diät und um 25,8 Prozent unter Diät plus Bewegung, beides mit einem p unter 0,001. Für Bewegung allein wird im Abstract kein signifikanter SHBG-Anstieg berichtet. Freies Östradiol fiel um 21,4 beziehungsweise 26,0 Prozent, freies Testosteron um 10,0 beziehungsweise 15,6 Prozent. Je größer der Gewichtsverlust, desto stärker die Effekte.

Was das für dich bedeutet: Gewichtsabnahme verschob SHBG in einem Jahr um gut ein Fünftel. Für Bewegung allein wird in dieser Auswertung kein eigener SHBG-Anstieg berichtet. Das spricht nicht gegen Bewegung, es zeigt nur, dass sich SHBG hier vor allem mit dem Gewichtsverlust bewegt hat. Und die Einschränkung gehört dazu: das waren postmenopausale Frauen mit Übergewicht, nicht alle Menschen.

Campbell, Foster-Schubert, Alfano, Wang und weitere, Journal of Clinical Oncology 2012. PMID: 22614972 · DOI: 10.1200/JCO.2011.37.9792 [RCT, n=439]
Humandaten Der Hinweis auf eine Schwelle

Am University of Kansas Medical Center haben 24 auswertbare postmenopausale Frauen mit Übergewicht und erhöhtem Brustkrebsrisiko ein sechsmonatiges verhaltensbasiertes Gewichtsreduktionsprogramm durchlaufen, mit einem mittleren Ausgangs-BMI von 34,2. Beobachtet wurde: Im Median verloren die Teilnehmerinnen 11 Prozent ihres Gewichts. SHBG stieg an, bioverfügbares Östradiol und bioverfügbares Testosteron fielen, ebenso Insulin und CRP. In der Untergruppenanalyse waren die Marker im Wesentlichen nur bei den Frauen deutlich verändert, die mehr als 10 Prozent verloren hatten.

Was das für dich bedeutet: Es gibt offenbar eine Schwelle. Kleine Gewichtsveränderungen bewegten die Marker in dieser Untersuchung kaum. Einschränkung: 24 Frauen, keine Kontrollgruppe, Machbarkeitsstudie. Das ist ein Hinweis, kein Beweis.

Fabian, Kimler, Donnelly, Sullivan und weitere, Breast Cancer Research and Treatment 2013. PMID: 24141897 · DOI: 10.1007/s10549-013-2730-8 [Kohorte, Interventionsstudie, n=24]
Klinische Evidenz Krafttraining, als Nebenbefund

An der Universität Linköping in Schweden lief eine randomisierte Studie zu Krafttraining bei postmenopausalen Frauen mit Hitzewallungen. In der Substudie waren 26 Frauen in einem 15-wöchigen Krafttrainingsprogramm und 29 in einer sitzenden Kontrollgruppe, mit Blutentnahmen zu Woche 0 und 15. Beobachtet wurde: Im Vergleich der Veränderungswerte stiegen das mediane Testosteron und SHBG in der Trainingsgruppe signifikant gegenüber der Kontrolle. Primär ging es in der Arbeit allerdings um Adipokine.

Was das für dich bedeutet: Krafttraining könnte SHBG bewegen, auch ohne Gewichtsverlust. Die Einschränkungen gehören daneben: sekundärer Endpunkt, kleine Gruppe, keine Ernährungskontrolle. Die Autoren nennen selbst größere Studien als erforderlich.

Ward, Nilsson, Hammar, Lindh-Astrand und weitere, Scientific Reports 2020. PMID: 33199796 · DOI: 10.1038/s41598-020-76901-w [RCT, n=55]

Was sich nicht verschieben lässt

Und jetzt der Teil, der vor Selbstvorwürfen schützt. Ein Teil deines SHBG-Werts ist Veranlagung.

Humandaten Die genomweite Analyse

Ein internationales Konsortium um Coviello hat den SHBG-Spiegel von 21.791 Personen aus zehn epidemiologischen Studien genomweit untersucht und die Ergebnisse an weiteren 7.046 Personen aus sechs Studien überprüft. Beobachtet wurde: Zwölf Genomregionen waren mit dem SHBG-Spiegel verknüpft, am stärksten der SHBG-Genort selbst auf Chromosom 17. Weitere Regionen lagen ausgerechnet bei Genen des Leberstoffwechsels sowie des Fett- und Kohlenhydratstoffwechsels. In einer unabhängigen Stichprobe erklärten alle gefundenen Varianten zusammen rund 15,6 Prozent der genetischen Variation bei Männern und rund 8,4 Prozent bei Frauen.

Was das für dich bedeutet: Ein Teil deines Werts ist mitgebracht. Und die gefundenen Gene liegen in Leber- und Stoffwechselpfaden, was erklärt, warum SHBG so gut zur Stoffwechsellage passt und warum zwei Menschen mit demselben Lebensstil verschiedene Werte haben können.

Coviello, Haring, Wellons, Vaidya und weitere, PLoS Genetics 2012. PMID: 22829776 · DOI: 10.1371/journal.pgen.1002805 [Kohorte, GWAS, n=21.791]

Derselbe Genort fand sich auch bei 3.495 chinesischen Männern (Chen 2013, PMID: 24049095 · DOI: 10.1136/jmedgenet-2013-101705) [Kohorte, GWAS].

Und wo bleibt die Umwelt?

Jetzt kommt der Abschnitt, den ich in meiner Praxis am häufigsten erklären muss. Denn im Netz kursiert eine Vorstellung, die logisch klingt und die die Daten nicht hergeben.

Die Vorstellung geht so: Xenoöstrogene, also hormonähnliche Umweltstoffe, verdrängen deine eigenen Hormone vom Transportprotein und setzen sie dadurch frei. Klingt einleuchtend. Wurde untersucht. Die vorhandenen Daten stützen es so nicht.

Zellkultur Der Bindungsversuch, der einen Kurzschluss geraderückt

Eine Gruppe am King's College London hat geprüft, ob Umweltöstrogene markiertes Östradiol und Dihydrotestosteron von Bindungsproteinen für Sexualsteroide verdrängen können. Untersucht wurden menschliches Plasma, Fischplasma und zum Vergleich das Rattenprotein Alpha-Fetoprotein. Getestet wurden unter anderem Bisphenol A, Nonylphenol, Octylphenol, mehrere Phthalate, DDT-Abbauprodukte, Diethylstilbestrol sowie die Pflanzenstoffe Coumestrol, Daidzein und Genistein. Beobachtet wurde: Am Rattenprotein konkurrierten nur zwei Substanzen nennenswert, und zwar erst in etwa hundertfach höherer Konzentration als Östradiol, also mit einer relativen Bindungsstärke von rund einem Prozent, alle übrigen lagen weit unter 0,1 Prozent. In menschlichem Plasma und in Fischplasma war das Bild ähnlich, dort verdrängten überhaupt nur einige wenige Substanzen den natürlichen Liganden, und zwar erst in weit mehr als tausendfacher Konzentration. Die Autoren schlossen daraus, dass Umweltöstrogene ihre Effekte wahrscheinlich nicht über eine Verdrängung körpereigener Steroide von den Plasma-Bindungsproteinen entfalten, außer in sehr hohen Konzentrationen.

Was das für dich bedeutet: Nach dieser Laborarbeit spricht wenig dafür, dass Xenoöstrogene deine Hormone in nennenswertem Umfang vom Transportprotein verdrängen. Wenn Umweltstoffe auf SHBG wirken, dann nach heutiger Datenlage eher indirekt über Leber und Insulinlage. Belegt ist auch dieser indirekte Weg nicht, er ist eine Arbeitshypothese. Und das hier ist ein reiner Laborversuch.

Milligan, Khan, Nash, General and Comparative Endocrinology 1998. PMID: 9748407 · DOI: 10.1006/gcen.1998.7146 [In vitro]
Tiermodell Der Mausversuch, der in die andere Richtung zeigt

Eine Gruppe der Hospices Civils de Lyon hat männlichen Mäusen aufgereinigtes menschliches SHBG in die Vene gegeben, sodass die Spiegel im für Menschen möglichen Bereich lagen, und ihnen danach radioaktiv markiertes Bisphenol A oder Östradiol per Schlundsonde verabreicht. Beobachtet wurde: Die Bindungsstärke von markiertem Bisphenol A an menschliches SHBG lag weit unter der von markiertem Östradiol. Zirkulierendes SHBG verlangsamte die Ausscheidung aus dem Blut dosisabhängig, und Mäuse mit SHBG hatten 24 und 48 Stunden nach der Gabe eine geringere Anreicherung im Hoden.

Was das für dich bedeutet: SHBG bindet Bisphenol A, aber schwach. Die Arbeit legt eher nahe, dass ein höherer Spiegel die Verteilung ins Gewebe bremsen könnte. Ein Mausversuch mit injiziertem menschlichem Protein. Hypothese, nicht Tatsache.

Bendridi, Mappus, Grenot, Lejeune, Cuilleron, Pugeat, Steroids 2002. PMID: 11996937 · DOI: 10.1016/s0039-128x(02)00014-4 [In vivo]

Warum ich das so ausführlich mache, obwohl es meiner eigenen Suchrichtung widerspricht: weil ich in der Sprechstunde nach Schimmel, Hormonstörern und Schwermetallen frage, und weil diese Frage nur dann etwas wert ist, wenn sie an der richtigen Stelle steht. Nicht am Transportprotein, sondern eher dort, wohin die vorhandenen Daten weisen: Leber und Insulinlage. Die stille Entzündung nehme ich als Arbeitshypothese dazu, für SHBG ist dieser Weg nicht belegt.

Der Satz, den ich nicht weglassen darf

Daraus folgt nicht, dass jede hormonelle Störung eine Umweltursache hat. Die allermeisten Verschiebungen im SHBG erklären sich durch Gewicht, Insulinlage, Leber, Schilddrüse, Medikamente, Lebensalter und Veranlagung. Die Umweltfrage kommt dazu, wenn diese Erklärungen nicht ausreichen.

Wo Hormonstörer im Alltag tatsächlich vorkommen und was daran belegt ist, steht in Xenoöstrogene und Hormonstörer im Alltag. Und wie die Leber Östrogen abbaut, in Östrogen natürlich senken: wie die Leber Östrogen abbaut.

Ein Wort gegen die Vermeidungsspirale

Ich habe gesehen, was passiert, wenn Umweltthemen ohne Bremse gelesen werden. Aus einer sinnvollen Frage wird eine Dauerbeobachtung. Aus Vorsicht wird Kontrolle. Aus Kontrolle wird ein enger werdender Alltag, in dem immer mehr Lebensmittel, Produkte und Situationen wegfallen.

Das ist kein guter Weg. Chronischer Stress und ein stark eingeschränktes Essverhalten sind selbst starke Einflussgrößen auf genau diese Achse. Wenn das Beschäftigen mit Werten und Vermeidung eng wird, ist das ein Thema für sich. In Essstörungen verstehen: Körper und Psyche steht, wo diese Grenze verläuft.

Meine Faustregel für Umweltthemen lautet: die drei Dinge ändern, die im eigenen Alltag am größten und am leichtesten sind, und dann aufhören zu suchen. Der Rest ist Sache einer Untersuchung, nicht einer Recherche.

Reframe

Der verbreitete Gedanke lautet: wenn ich meinen Wert nicht verändern kann, war die Messung sinnlos. Ich sehe es anders.

SHBG hat seinen Nutzen nicht darin, dass er sich bewegen lässt. Sondern darin, dass er andere Werte lesbar macht und eine Frage stellt, die sonst nicht gestellt wird. Ein Wert, der eine bessere Frage erzeugt, hat seine Aufgabe erfüllt.

Und jetzt weißt du, was sich in Studien tatsächlich bewegt hat, und was Veranlagung ist.

Häufige Fragen zu SHBG

Was ist SHBG einfach erklärt?

SHBG steht für sexualhormonbindendes Globulin. Es ist ein Eiweiß, das deine Leber ins Blut abgibt und das dort Testosteron und Östradiol an sich bindet. Gebundenes Hormon fährt mit, ohne anzukommen. Nur der ungebundene Anteil kann am Rezeptor der Zelle andocken. SHBG bestimmt also mit, wie viel von dem Hormon, das im Befund steht, überhaupt wirksam werden kann. Eine Übersichtsarbeit beschreibt SHBG deshalb nicht als passiven Behälter, sondern als Regler der Bioverfügbarkeit (Hammond 2011, DOI: 10.1095/biolreprod.111.092593).

Was bedeutet ein zu niedriges SHBG bei einer Frau?

Zwei Dinge gleichzeitig. Erstens: von einem gegebenen Gesamttestosteron ist ein größerer Anteil ungebunden unterwegs. Ein Testosteronwert mitten im Referenzbereich kann dann trotzdem mit Androgenzeichen einhergehen. Zweitens: ein niedriges SHBG kann ein Hinweis auf die Stoffwechsellage sein, denn die Leber scheint die Produktion vor allem unter hohem Insulin zu drosseln. Die Humandaten dazu sind klein, der Mechanismus ist an Zellen und im Tiermodell gezeigt. In einer Meta-Analyse aus 43 Studien hatten Frauen mit SHBG über 60 nmol/l ein um 80 Prozent niedrigeres Diabetesrisiko als Frauen mit 60 nmol/l oder darunter (Ding 2006, DOI: 10.1001/jama.295.11.1288). Das ist ein Gruppenbefund und keine persönliche Prognose. Was daraus folgt, gehört in ein ärztliches Gespräch.

Was bedeutet ein zu niedriges SHBG bei einem Mann?

Beim Mann heißt niedriges SHBG oft, dass das Gesamttestosteron den freien Anteil unterschätzt. Der Wert sieht dann niedriger aus, als die Wirkung am Gewebe nahelegt. Auch hier gilt der Stoffwechselbezug, allerdings schwächer als bei Frauen: in derselben Meta-Analyse lag der Vorteil eines höheren SHBG bei Männern bei 52 Prozent gegenüber 80 Prozent bei Frauen (Ding 2006). Die Endocrine Society verlangt genau deshalb, bei verändertem SHBG das freie Testosteron zu bestimmen oder zu berechnen, statt sich auf den Gesamtwert zu verlassen (Bhasin 2018, DOI: 10.1210/jc.2018-00229).

Welche Symptome kann ein niedriges SHBG begleiten?

SHBG macht keine eigenen Symptome. Was Beschwerden macht, ist die Kombination aus freiem Hormon und der Stoffwechsellage dahinter. Bei Frauen mit PCO-Syndrom gingen niedrigere SHBG-Werte in einer großen Auswertung mit ungünstigeren Blutdruck-, Fett- und Leberwerten einher, mit den Blutzuckerwerten dagegen nicht (Luo 2020, DOI: 10.1155/2020/7580218). Das beschreibt Häufigkeiten in einer Gruppe. Es sagt nichts darüber, woran es bei dir liegt. Diese Zuordnung gehört in die Sprechstunde und nicht in eine Symptomliste im Netz.

Was kann man tun, wenn SHBG zu niedrig ist?

Die erste Frage ist nicht, wie der Wert steigt, sondern warum er unten steht. In Studien haben sich vor allem drei Dinge als beweglich gezeigt: die Gewichts- und Insulinlage, der Zustand der Leber und die Schilddrüsenfunktion. In einer einjährigen randomisierten Studie an postmenopausalen Frauen stieg SHBG unter einer Reduktionsdiät um 22,4 Prozent und unter Diät plus Bewegung um 25,8 Prozent gegenüber der Kontrollgruppe, während für Bewegung allein in dieser Auswertung kein eigener SHBG-Anstieg berichtet wird (Campbell 2012, DOI: 10.1200/JCO.2011.37.9792). Das heißt nicht, dass Bewegung nichts bringt, sondern nur, dass sich SHBG in dieser Studie vor allem mit dem Gewichtsverlust bewegt hat. Ob und was davon in deinem Fall passt, ist eine ärztliche Entscheidung. SHBG ist kein Zielwert, den man behandelt.

Was bedeutet ein erhöhtes SHBG?

Ein hohes SHBG bindet mehr Hormon und lässt weniger frei. Häufige Gründe sind orale Östrogene, allen voran die kombinierte Pille, eine Schilddrüsenüberfunktion, eine Schwangerschaft, Lebererkrankungen, sehr niedriges Körpergewicht und beim Mann das Alter. Bei manifester Schilddrüsenüberfunktion lag SHBG in einer älteren Untersuchung bei 141,6 plus minus 37,6 nmol/l gegenüber 48,3 plus minus 16,2 nmol/l bei Kontrollen (Földes 1990, PMID: 2392320). Ein hohes SHBG ist deshalb selten das eigentliche Thema. Es ist meist ein Zeiger auf etwas anderes.

Muss ich für die SHBG-Bestimmung nüchtern sein?

Für SHBG selbst gibt es dazu keine belastbare Primärstudie, die ich zitieren könnte. In der Praxis wird morgens nüchtern abgenommen, aber nicht wegen SHBG, sondern wegen der Werte, die meist mitbestimmt werden: Testosteron gehört nach Leitlinie in eine morgendliche Nüchternabnahme (Bhasin 2018), und Glukose und Insulin brauchen den nüchternen Zustand ohnehin. Halte dich an die Vorgabe des Labors oder der Praxis, die die Abnahme veranlasst. Diese Vorgabe richtet sich nach dem gesamten Blutbild, nicht nach einem einzelnen Wert.

An welchem Zyklustag wird SHBG gemessen?

SHBG ist über den Zyklus deutlich stabiler als Östradiol und Progesteron, die sich innerhalb von Tagen vervielfachen können. Eine gut zitierbare Arbeit, die eine relevante SHBG-Schwankung über den Zyklus zeigt, habe ich nicht gefunden, deshalb nenne ich hier keine Zahl. Praktisch heißt das: der Zyklustag der Blutabnahme richtet sich nach den Hormonen, die mitbestimmt werden, nicht nach SHBG. Welcher Tag das ist, hängt von der Fragestellung ab. Der Überblick dazu steht in einem eigenen Artikel zum Thema Hormone testen bei Frauen.

Ist SHBG unter der Pille überhaupt aussagekräftig?

Als Spiegel deiner eigenen Stoffwechsellage nicht. In einer Meta-Analyse aus 42 Studien mit 1495 gesunden Frauen stieg SHBG unter kombinierten oralen Kontrazeptiva im Mittel um 99,08 nmol/l, und das freie Testosteron fiel im Mittel um 61 Prozent (Zimmerman 2014, DOI: 10.1093/humupd/dmt038). Das ist keine kleine Verschiebung, das ist eine andere Größenordnung. Der Befund beschreibt dann die Pille. Die internationale PCOS-Leitlinie hält Androgenwerte unter kombinierter oraler Kontrazeption ausdrücklich für kaum verlässlich beurteilbar (Teede 2023, DOI: 10.1093/humrep/dead156). Aussagekräftig bleibt der Wert trotzdem für eine andere Frage: er zeigt, dass die Leber auf das Östrogen anspricht.

Wie lange dauert es nach dem Absetzen der Pille, bis SHBG wieder beurteilbar ist?

Die internationale PCOS-Leitlinie nennt eine Pause von mindestens drei Monaten bei anderweitig gesicherter Verhütung, wenn eine Androgenbeurteilung zwingend erforderlich ist (Teede 2023). Wichtig ist der Zusammenhang, in dem dieser Satz steht: das ist eine ärztliche Entscheidung in einer konkreten Situation, keine Empfehlung, die Pille zum Zweck einer Laboruntersuchung abzusetzen. Verhütung, Zyklusbeschwerden und Hautbild hängen mit daran. Ob eine Pause für dich sinnvoll ist, besprichst du mit der Ärztin oder dem Arzt, die sie verordnet haben. Ob SHBG danach dauerhaft anders liegt als vorher, ist nicht sauber geklärt.

Wie berechnet man freies Testosteron aus SHBG?

Nicht im Kopf und nicht mit einer einfachen Division. Das etablierte Verfahren rechnet aus Gesamttestosteron, SHBG und Albumin über ein Bindungsmodell den ungebundenen Anteil aus. Dafür gibt es Online-Rechner und Laborsoftware. In einem Methodenvergleich lag dieses berechnete freie Testosteron unter sehr verschiedenen SHBG-Bedingungen nahezu deckungsgleich mit der Referenzmethode Gleichgewichtsdialyse, mit Ausnahme der Schwangerschaft (Vermeulen 1999, DOI: 10.1210/jcem.84.10.6079). Wichtig bleibt: das ist eine Schätzung aus einem Modell, keine Messung. Eine große Neubewertung kommt zu dem Schluss, dass die klassischen Annahmen der Bindungsmodelle durch die publizierten Experimentaldaten nicht gedeckt sind (Goldman 2017, DOI: 10.1210/er.2017-00025). Für die Richtung taugt die Zahl. Für eine Selbstdiagnose taugt sie nicht.

Was ist der freie Androgenindex und wo liegen seine Grenzen?

Der freie Androgenindex, kurz FAI, setzt das Gesamttestosteron ins Verhältnis zum SHBG. Mehr Rechnung ist es nicht, und genau das ist sein Problem: Albumin kommt darin nicht vor, obwohl es der zweite Bindungspartner im Blut ist. Im Methodenvergleich schwankte das Verhältnis von FAI zum Referenzwert mit der Höhe des SHBG, und die Autoren schlossen daraus, dass der FAI kein verlässlicher Index des bioverfügbaren Testosterons ist (Vermeulen 1999). Die internationale PCOS-Leitlinie lässt den berechneten FAI als Schätzung des freien Testosterons trotzdem ausdrücklich zu (Teede 2023). Beide Aussagen stimmen: praktisch brauchbar, methodisch die gröbere der beiden Rechnungen, unzuverlässig an den Rändern.

Ist ein niedriges SHBG dasselbe wie Diabetes?

Nein. SHBG ist kein Diagnosekriterium für Diabetes, nicht für ein metabolisches Syndrom und auch nicht für ein PCO-Syndrom. Was die Daten zeigen, ist ein statistischer Zusammenhang in Gruppen. In der Women's Health Study lagen die Odds Ratios für neu auftretenden Typ-2-Diabetes über die SHBG-Quartile hinweg deutlich unter eins, und eine Mendelsche Randomisierung sprach für eine kausale Beteiligung (Ding 2009, DOI: 10.1056/NEJMoa0804381). Zur Ehrlichkeit gehört: die Effektschätzer sind sehr groß, die Fallzahlen klein, und die Autoren selbst schreiben, dass der klinische Nutzen erst noch geprüft werden muss. Ein Laborwert ist kein Schicksal.

Kann man SHBG mit Nahrungsergänzung verändern?

Dafür habe ich bei der Recherche keine belastbare Evidenz gefunden, und deshalb nenne ich hier weder Präparate noch Dosierungen noch Bezugsquellen. Was in kontrollierten Studien tatsächlich etwas verschoben hat, war anderes: Gewichtsabnahme (Campbell 2012), eine medikamentöse Absenkung eines erhöhten Insulinspiegels (Nestler 1991, DOI: 10.1210/jcem-72-1-83) und die Schilddrüsenlage (Földes 1990). In einer kleinen randomisierten Studie stieg SHBG auch unter 15 Wochen Krafttraining gegenüber einer sitzenden Kontrollgruppe an, allerdings als sekundärer Endpunkt in einer kleinen Gruppe (Ward 2020, DOI: 10.1038/s41598-020-76901-w).

Warum sind die Referenzbereiche in jedem Labor anders?

Weil SHBG mit unterschiedlichen Immunoassays gemessen wird, die nicht gegeneinander standardisiert sind. Jedes Labor legt seinen Bereich anhand der eigenen Methode und der eigenen Vergleichsgruppe fest. Dazu kommt, dass SHBG nach Geschlecht, Alter, Zyklusphase, Schwangerschaft und Hormoneinnahme stark auseinanderläuft. Deshalb steht in diesem Artikel keine Referenztabelle. Es gilt der Bereich, der auf deinem Befund neben dem Wert gedruckt ist, und der Vergleich mit einem Wert aus einem anderen Labor ist mit Vorsicht zu genießen. Am aussagekräftigsten ist der Verlauf im selben Labor mit derselben Methode.

Wo SHBG an den Rest des Systems andockt

SHBG steht nicht für sich. Er hängt an der Leber, am Insulin, an der Schilddrüse, an der Verhütung und an der Frage, wie ein Mensch mit einem unklaren Befund umgeht. Diese Artikel führen die Fäden weiter.

Wenn du vor der Blutabnahme stehst
Hormone testen bei Frauen

Welcher Test wann sinnvoll ist und welcher Zyklustag für welchen Wert zählt. Die Grundlage, auf der SHBG erst nützlich wird.

Wenn ein Testosteronwert auf dem Befund steht
Testosteronwerte verstehen

Tageszeit, Messverfahren, Wiederholung. Warum ein einzelner Wert selten reicht und wie du ihn einordnest.

Wenn dein SHBG niedrig ist
Insulinresistenz und Hormone

Was zu viel Insulin mit Zyklus, Eierstock und Haut macht. Der Mechanismus hinter dem stärksten SHBG-Regler.

Wenn du wissen willst, wo SHBG entsteht
Zucker, Fruktose und die Leber

Die Leber ist der Bauplatz. Was dort mit Zucker passiert, entscheidet mit über die Produktionsrate.

Wenn SHBG auffällig ist und die Schilddrüse offen
Schilddrüsenwerte richtig lesen

Welche Werte zählen und welche man sich sparen kann. Ohne Schilddrüsenlage ist ein SHBG-Wert schwer zu deuten.

Wenn du den Östrogenabbau verstehen willst
Östrogen und die Leber

Wie die Leber Östrogen verarbeitet und abbaut, und warum dieselbe Leber auch das Transportprotein herstellt.

Wenn dein Wert unter der Pille gemessen wurde
Die Pille absetzen

Was in der Post-Pill-Phase körperlich passiert, und warum jede Entscheidung dazu ärztlich begleitet gehört.

Wenn Zyklusstörung und Androgenzeichen zusammenkommen
PCO-Syndrom verstehen

Die Diagnose folgt eigenen Kriterien und gehört in ärztliche Hände. SHBG ist dabei ein Baustein, kein Kriterium.

Wenn Gewicht und Stoffwechsel der Hebel sind
Insulinresistenz und Abnehmen

Der Weg, über den sich SHBG in Studien am deutlichsten bewegt hat, und was daran realistisch ist.

Wenn du wissen willst, wo Umweltstoffe ansetzen
Xenoöstrogene im Alltag

Was belegt ist und was nicht. Am Transportprotein setzen sie nach der vorliegenden Laborarbeit kaum an.

Wenn du das ganze System sehen willst
Hormonelle Dysbalance bei Frauen

Der große Überblick über Zyklus, Haut, Stimmung und Stoffwechsel, aus dem dieser Artikel ein Detail vertieft.

Wenn das Beschäftigen mit Werten eng wird
Essstörungen verstehen

Wo Vorsicht in Kontrolle kippt, woran du es merkst und warum diese Grenze für die Hormonlage selbst zählt.

Wenn Zittern und Heißhunger dazukommen
Blutzucker und Cortisol

Die Kette aus Blutzucker, Cortisol und freien Hormonen, und was reaktive Unterzuckerung wirklich heißt.

Wenn der Testosteronwert im Raum steht
Testosteron bei der Frau

Zu viel, zu wenig, und warum die Messung im niedrigen weiblichen Bereich so schwierig ist.

Wenn du den Motor dahinter verstehen willst
PCOS und Insulinresistenz

Wie Insulin die Androgene oben und das SHBG unten hält, und welche Messung was zeigt.

Wenn Erschöpfung das Leitsymptom ist
Cortisol und die Nebennierenschwäche

Was ein einzelner Cortisolwert nicht kann, was Cushing und Addison auszeichnet, und was von der Nebennierenschwäche bleibt.

SJ

Shukri Jarmoukli

Arzt · Tätigkeitsschwerpunkt Integrative Medizin · ViveCura Berlin

Ich arbeite in meiner Privatpraxis an der Schnittstelle von klassischer Medizin, funktioneller Medizin und Klinischer Psychoneuroimmunologie. Bei Hormonthemen interessiert mich weniger, ob ein Wert im Referenzbereich liegt, sondern ob die Werte untereinander zusammenpassen und welche Frage danach offen bleibt.

Bei SHBG bin ich begeistert und vorsichtig zugleich. Begeistert, weil kaum ein anderer Wert so früh etwas über die Leber- und Insulinlage erzählt. Vorsichtig, weil er in keiner Leitlinie ein eigener Zielwert ist und weil die Rechenverfahren dahinter Schätzungen sind. Die gynäkologische Abklärung bleibt die Grundlage, die Stoffwechselperspektive kommt obendrauf. Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Beratung. Er soll dir helfen, beim nächsten Termin eine bessere Frage zu stellen.

ViveCura, Privatpraxis Shukri Jarmoukli, Skalitzer Straße 137, 10999 Berlin

Wissenschaftliche Quellen

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Transparenz zur Evidenz: wo die Datenlage dünn ist
  1. Die freie Hormon-Hypothese ist ein Modell. Die Neubewertung in Endocrine Reviews kommt zu dem Schluss, dass die klassischen Annahmen zu Stöchiometrie und Bindungsdynamik durch die publizierten Experimentaldaten nicht gedeckt sind. Alles, was in diesem Artikel über freie Anteile steht, steht unter diesem Vorbehalt.
  2. Die Insulin-Kette ist über drei Ebenen belegt, aber die Humanebene ist winzig. Sechs Frauen in der positiven, fünf in der negativen Studie, beide ohne Kontrollgruppe, mit dem verschreibungspflichtigen Wirkstoff Diazoxid, der hier außerhalb seiner Zulassung und unter Verschlechterung der Glukosetoleranz eingesetzt wurde und heute so nicht mehr verwendet wird. Das ist ein Mechanismus-Hinweis und keine Therapieaussage.
  3. Der Mechanismus über HNF-4alpha stammt aus Zellkultur und transgenen Mäusen. Er erklärt die Beobachtungen am Menschen gut, ist aber selbst nicht am Menschen gezeigt.
  4. Die Männerdaten der Arbeit von 2009 stammen aus einer eigenen Kohorte. Die Frauen kommen aus der Women's Health Study, die Männer aus der unabhängigen Physicians' Health Study II. Es wurde also nicht eine Frauenkohorte auch für Männer ausgewertet.
  5. Die Odds Ratios aus der Mendelschen Randomisierung sind extrem groß. Bei kleinen Fallzahlen sind solche Effektschätzer in aller Regel Obergrenzen. Die Autoren nennen den klinischen Nutzen ausdrücklich als noch zu prüfen.
  6. Der gepoolte Testosteronwert der Fettleber-Meta-Analyse hat ein I-Quadrat von 99 Prozent. Die Einzelstudien unterscheiden sich extrem. Der gepoolte Wert zeigt eine Richtung, keine belastbare Zahl.
  7. Zur Zyklusabhängigkeit von SHBG gibt es keine gute zitierbare Arbeit. Deshalb steht hier keine Zahl, sondern nur die vorsichtige Aussage, dass SHBG stabiler ist als die Steroidhormone.
  8. Zur Nüchternheitsfrage habe ich keine Primärquelle gefunden. Die übliche Nüchternabnahme wird hier über die mitbestimmten Werte begründet, nicht über SHBG selbst.
  9. Was nach dem Absetzen der Pille mit SHBG passiert, ist nicht sauber untersucht. Die Leitlinie nennt drei Monate als Bedingung für eine verlässliche Androgenbeurteilung. Ob eine Restlage bleibt, lasse ich offen, weil ich dazu keine belastbare Studie gefunden habe.
  10. Wachstumshormon, Kortisonpräparate, Untergewicht und längeres Fasten stehen hier als Lehrbuchwissen. Sie stehen in jedem Laborkatalog, ich habe dafür in diesem Durchgang aber keine Primärarbeit mit belastbaren Zahlen cross-verifiziert. Deshalb ohne Zahlen und ohne Studienzitat.
  11. Zur Veränderung von SHBG durch Nahrungsergänzung gibt es keine belastbare Evidenz. Deshalb stehen in diesem Artikel keine Präparate, keine Dosierungen und keine Bezugsquellen.
  12. Die Evidenz-Etiketten trennen bewusst mehrere Stufen. Eine Meta-Analyse aus Beobachtungsstudien und eine Leitlinie tragen hier nicht dasselbe Etikett wie eine randomisierte Studie. Beobachtungsdaten zeigen Zusammenhänge, keine Ursachen, und eine Leitlinie ist ein Konsens und keine eigene Untersuchung.
  13. Die Krafttrainings-Studie hatte SHBG als sekundären Endpunkt, eine kleine Gruppe, keine Ernährungskontrolle und nur bei einem Teil der Gruppe gute Trainingsbeteiligung. Sie begründet eine Hypothese, keine Empfehlung.
  14. Die Gewichtsstudien stammen von postmenopausalen Frauen mit Übergewicht. Ob dieselben Prozentzahlen für jüngere Frauen, für Frauen mit normalem Gewicht oder für Männer gelten, ist damit nicht gezeigt.
  15. Der Umweltbezug ist an dieser Stelle bewusst schwach formuliert. In vitro verdrängten Xenoöstrogene körpereigene Steroide erst in weit überhöhten Konzentrationen vom Transportprotein, und der Mausversuch zu Bisphenol A ist ein Mausversuch. Ein indirekter Weg über Leber und Insulinlage ist plausibel, aber für SHBG nicht belegt. Alles, was darüber hinausgeht, wäre Spekulation.
  16. Was hier bewusst nicht steht. Keine Referenztabelle, weil Referenzbereiche methodenabhängig sind. Keine Formel zum Nachrechnen, weil aus einer selbst berechneten Zahl keine Behandlung folgt. Keine Dosierung, kein Präparat, kein Testanbieter. Und kein Rat, die Pille, ein Schilddrüsenpräparat, Metformin, ein Antiandrogen oder eine Hormontherapie eigenständig zu verändern, zu reduzieren oder abzusetzen. Jede Anpassung gehört ärztlich begleitet. Aus keinem Abschnitt dieses Artikels folgt, dass eine gynäkologische Abklärung oder ein empfohlener Eingriff verschoben oder ersetzt werden sollte. Was ich aus meiner Sprechstunde beschreibe, ist als Beobachtung gekennzeichnet und kein Studienergebnis.

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