Ratgeber Hormone · Testosteron bei der Frau

Testosteron bei der Frau: zu viel, zu wenig, richtig gemessen

Testosteron ist auch ein weibliches Hormon. Die schwierigste Frage ist nicht, ob dein Wert hoch oder niedrig ist. Sie lautet, ob er überhaupt richtig gemessen wurde.

SJ
Shukri Jarmoukli · Arzt · Tätigkeitsschwerpunkt Integrative Medizin · ViveCura Berlin
Messmethode zuerst SHBG und Zyklustag Alarmzeichen 25 verifizierte Quellen
Warum ich das schreibe

Bei Frauen ist der Testosteronwert seltener das Problem als die Art, wie er gemessen und gelesen wird. Deshalb frage ich zuerst nach Methode, Zyklustag und SHBG, bevor ich über Behandlung nachdenke.

Du sitzt mit einem Ausdruck in der Hand. Zwei Zeilen sind angekreuzt. Testosteron, ein Pfeil nach oben. Darunter eine Zahl, die dir nichts sagt.

Vielleicht war der Anlass Haarwuchs am Kinn. Vielleicht Akne, die mit 32 zurückkam. Vielleicht ein Zyklus, der macht, was er will. Oder das Gegenteil: alles ist normal, nur die Lust ist weg, und irgendwo im Internet stand, das könnte am Testosteron liegen.

Viele Frauen kennen dieses Muster. Ein einzelner Wert, ein Pfeil, und daraus wird über Nacht eine Erklärung für alles.

Ich fange deshalb nicht bei den Symptomen an. Ich fange bei der Messung an. Denn der Wert, den die meisten Frauen bekommen, stammt aus einem Verfahren, das für Männerwerte gebaut wurde. Im niedrigen weiblichen Bereich kann es unzuverlässig werden. Das ist keine Randnotiz. Das ist der Kern dieses Textes.

Was dich hier erwartet

  • Wo Testosteron bei der Frau gebildet wird und wofür der Körper es braucht
  • Zwei Kurven: der Gipfel im Zyklus und der langsame Abfall über Jahrzehnte
  • Warum zwei Labore verschiedene Zahlen liefern können
  • SHBG, freies Testosteron und die Grenzen des freien Androgenindex
  • Zu viel: von PCOS über das nicht klassische AGS bis zu seltenen Tumoren
  • Die Alarmzeichen, bei denen nicht abgewartet wird
  • Zu wenig: Eierstockentfernung, Pille, Kortison, Hypophyse
  • Was für eine Testosterontherapie bei Frauen belegt ist und was nicht
  • Warum es in Deutschland kein zugelassenes Präparat für Frauen gibt
  • Warum ich zusätzlich nach Umweltfaktoren schaue, und wo diese Daten enden
Leitlinie / RCT-Meta Konsens oder randomisierte Studien, zusammengefasst Human Querschnitt, Kohorte, Methodenvergleich Tiermodell experimentell, nicht am Menschen Zellkultur Mechanismus im Labor
Zuerst das Wichtigste: wann es schnell gehen sollte

Die allermeisten erhöhten Androgenwerte bei Frauen sind kein Notfall. Ein paar Konstellationen sind es aber, und die stehen deshalb ganz vorne und nicht am Ende.

Zuerst die Stufe, bei der nicht gewartet wird. Akuter, starker Unterbauchschmerz, Schmerzen zusammen mit Fieber, eine sehr starke oder plötzlich veränderte Blutung, Kreislaufschwäche oder Ohnmacht: das gehört nicht in einen Termin nächste Woche, sondern sofort in eine Notaufnahme. Im Zweifel wähle die 112. Das gilt unabhängig davon, was in deinem Hormonbefund steht.

Und das hier gehört zeitnah abgeklärt, aber nicht heute Nacht. Wenn du eines davon bei dir bemerkst, gehört es in eine ärztliche Untersuchung und nicht in eine Internetrecherche.

  • Schnell fortschreitende Vermännlichung innerhalb von Wochen bis wenigen Monaten
  • Eine Stimme, die tiefer wird, ohne dass es eine andere Erklärung gibt
  • Eine Vergrößerung der Klitoris
  • Kräftiger neuer Haarwuchs an Kinn, Oberlippe, Brust oder Bauch, der in kurzer Zeit entstanden ist
  • Neuer Haarwuchs nach der Menopause, auch wenn er mild aussieht
  • Jede Blutung nach der Menopause
  • Kopfschmerzen oder Sehstörungen zusammen mit Milchfluss aus der Brust
  • Ungewollter Gewichtsverlust, ohne dass du etwas daran geändert hättest

Zwei Fallberichte zeigen, warum das kein Ritual ist. Bei einer 67-jährigen Frau steckte ein rein testosteronbildendes Nebennierenadenom hinter Haarwuchs und Klitorisvergrößerung (PMID: 30674304). Bei einer 50-jährigen Frau war es ein Granulosazelltumor des Eierstocks (PMID: 28851436). Einzelfälle sagen nichts über Häufigkeiten. Sie zeigen, worauf geachtet wird: auf das Tempo der Veränderung, und nach der Menopause auch auf neuen Haarwuchs, der mild aussieht.

Testosteron ist ein weibliches Hormon, nur in anderer Menge

Fast jede Frau, der ich sage, dass sie Testosteron hat, zieht kurz die Augenbrauen hoch. Testosteron gilt als das Männerhormon. Bart, Muskeln, Aggression, Auto.

Das ist ein Missverständnis, das aus der Marketingsprache kommt und nicht aus der Physiologie. Steroidhormone sind keine Geschlechtsabzeichen. Sie sind Moleküle, die in beiden Körpern aus demselben Baukasten entstehen. Der Unterschied liegt in der Menge und in der Verteilung, nicht im Bauplan.

Bei dir entsteht Testosteron an drei Orten. Im Eierstock, in der Nebennierenrinde und außerhalb der Drüsen, nämlich durch Umbau von Vorstufen. Diese Vorstufen heißen DHEA, DHEA-Sulfat und Androstendion. Sie werden in Fettgewebe, Haut und Leber weiterverarbeitet.

Stell dir eine Küche vor mit drei Arbeitsplätzen. Zwei davon sind Drüsen, der dritte ist der ganze übrige Körper, der aus Halbfertigprodukten das fertige Hormon zusammenbaut. Deshalb sagt ein einzelner Wert im Blut auch wenig darüber, wo er herkommt.

Übersichtsarbeit Das mengenmäßig führende Sexualsteroid

Davis und Wahlin-Jacobsen haben 2015 im Lancet Diabetes Endocrinology zusammengetragen, was über Testosteron bei Frauen bekannt ist.

Ihr Befund: Testosteron ist ein essenzielles Hormon für Frauen, das entweder direkt oder nach Umwandlung in Estradiol im ganzen Körper Effekte entfaltet. Trotz dieser Rolle und trotz der im Vergleich zu Estradiol hohen zirkulierenden Konzentrationen sind Studien zu Wirkung, Mangel und Substitution bei Frauen rar.

Für dich heißt das: Der Stoff ist wichtig und die Forschung dazu ist dünn. Diese beiden Sätze gehören zusammen, und sie erklären, warum es zu diesem Thema so viel Halbwissen gibt.

Davis SR, Wahlin-Jacobsen S. Lancet Diabetes Endocrinol. 2015;3(12):980-992. PMID: 26358173 · DOI: 10.1016/S2213-8587(15)00284-3 [Übersichtsarbeit]

Wofür der Körper es einsetzt

Androgenrezeptoren sitzen nicht nur an einer Stelle. Sie finden sich unter anderem im Gehirn, im Muskel, im Knochen, im Brustgewebe und im Fettgewebe. Das ist der anatomische Grund, warum Androgene bei Frauen in so vielen Systemen auftauchen.

Die Bereiche, die in der Literatur am häufigsten genannt werden, sind sexuelles Verlangen, Stimmung und Antrieb, sowie der Stoffwechsel von Muskel und Knochen. Dazu kommt die Rolle als Vorstufe: Ein Teil des Testosterons wird über das Enzym Aromatase zu Estradiol umgebaut. Ohne Androgene gäbe es also weniger Östrogen.

Und hier beginnt gleich die erste Unsauberkeit, die im Netz überall steht. Aus der Tatsache, dass Rezeptoren in Muskel und Knochen sitzen, folgt nicht, dass eine Testosterongabe dort etwas verbessert. Das eine ist Anatomie, das andere wäre ein Studienergebnis. Wie das ausgegangen ist, steht weiter unten im Behandlungsabschnitt, und es ist nüchterner, als die Anatomie vermuten lässt.

Perspektivwechsel

Die verbreitete Vorstellung: Testosteron ist ein Männerhormon, und bei einer Frau ist jedes Testosteron irgendwie zu viel.

Die physiologische Sicht: Testosteron ist bei dir das mengenmäßig führende Sexualsteroid, und es zirkuliert in höheren Konzentrationen als Estradiol. Es gehört zu dir, nicht gegen dich.

Das ändert die erste Frage. Sie lautet nicht mehr: Warum habe ich das überhaupt. Sie lautet: Passt die Menge zu meiner Lebensphase, meinem Zyklustag und meinem SHBG.

Ein Wort zur Größenordnung, ohne Zahlenbastelei. Männerwerte liegen um ein Vielfaches höher als Frauenwerte. Genau deshalb entsteht das Messproblem, um das es in diesem Artikel geht. Wenn ein Verfahren dafür ausgelegt ist, große Mengen zu erkennen, wird es am unteren Ende ungenau. Ein Küchenmessbecher für Liter ist ein schlechtes Werkzeug für Teelöffel.

Wenn du das große Bild suchst, wie die weiblichen Hormone insgesamt zusammenspielen, steht das im Überblicksartikel dieses Clusters: hormonelle Dysbalance bei der Frau. Dieser Text hier zoomt bewusst auf einen einzigen Laborwert und darauf, was er kann und was nicht.

Und jetzt weißt du, warum die Frage nach dem Testosteron bei dir nicht mit Ja oder Nein beantwortet wird, sondern mit einer Rückfrage.

Zwei Kurven, die nichts miteinander zu tun haben

Wenn im Sprechzimmer das Wort Wechseljahre fällt, denken die meisten an einen Absturz. Eine Kurve, die abbricht. So sieht es beim Östrogen tatsächlich ungefähr aus.

Beim Testosteron sieht es anders aus. Es gibt zwei völlig verschiedene Kurven, und sie werden ständig verwechselt. Die eine ist kurz und läuft über einen Monat. Die andere ist lang und läuft über Jahrzehnte.

Zwei Zeitachsen

Der Monat und das Leben, nebeneinandergelegt

Eisprung Tag 1 Zyklusmitte Tag 28 Ein Monat 20 Jahre 45 bis 55 75 Jahre Ein Leben kein eigener Knick zum Zeitpunkt der Menopause

Schematische Darstellung nach Rothman 2011 (Zyklus, gemessen mit LC-MS/MS) und Davison 2005 (Lebensspanne, Querschnitt an einer Referenzgruppe von 595 Frauen). Keine Achsenwerte, weil Referenzbereiche methodenabhängig sind.

Querschnitt, n=31 plus 19 Der Zyklus, mit der besten Methode neu vermessen

Eine Gruppe um Rothman hat 2011 den Zyklus nicht mit den alten Immunoassays vermessen, sondern mit validierten LC-MS/MS-Verfahren. 31 gesunde Frauen mit Eisprung wurden dreimal gemessen, dazu 19 Frauen nach der Menopause.

Testosteron, freies Testosteron, Estradiol, Estron und SHBG erreichten ihren Gipfel zur Zyklusmitte und blieben in der mittleren Lutealphase erhöht. DHT veränderte sich über den Zyklus nicht. Und die mit Massenspektrometrie gemessenen Werte lagen insgesamt niedriger als das, was früher mit Immunoassays berichtet worden war.

Für dich heißt das zweierlei. Ein Wert vom 14. Zyklustag ist etwas anderes als einer vom 4. Zyklustag. Und ein Teil der Normwerttabellen, die heute noch kursieren, stammt aus einer Zeit mit ungenaueren Geräten.

Rothman MS, Carlson NE, Xu M et al. Steroids. 2011;76(1-2):177-182. PMID: 21070796 · DOI: 10.1016/j.steroids.2010.10.010 [Kohorte, Humanstudie Querschnitt]
Querschnitt, n=1.423 Die Lebensspanne, und was in den Wechseljahren nicht passiert

Eine australische Arbeitsgruppe um Davison hat 1.423 Frauen zwischen 18 und 75 Jahren aus der Bevölkerung rekrutiert, nicht aus einer Klinik. Aus dieser Gruppe wurde eine bereinigte Referenzgruppe von 595 Frauen gebildet.

Gesamttestosteron, berechnetes freies Testosteron, DHEA-Sulfat und Androstendion fielen steil mit dem Alter ab, und zwar in den früheren Jahrzehnten stärker als in den späteren. Schaute man Jahr für Jahr auf die Frauen zwischen 45 und 54, zeigte sich kein eigenständiger Effekt des Menopausenstatus. Bei Frauen ab 55 nach beidseitiger Entfernung der Eierstöcke lagen die Werte dagegen deutlich niedriger.

Für dich heißt das: Wenn du mit 50 einen niedrigen Testosteronwert hast, vergleichst du dich in der Regel mit einer Frau von 25 und nicht mit dir selbst mit 25. Der Abfall passiert leise und früh, nicht laut und in den Wechseljahren.

Davison SL, Bell R, Donath S, Montalto JG, Davis SR. J Clin Endocrinol Metab. 2005;90(7):3847-3853. PMID: 15827095 · DOI: 10.1210/jc.2005-0212 [Kohorte, Humanstudie Querschnitt]
Perspektivwechsel

Die verbreitete Vorstellung: In den Wechseljahren fallen alle Hormone zusammen ab, also auch das Testosteron.

Was die Daten zeigen: Der Eierstock nach der Menopause scheint weiter Testosteron zu bilden. Der Abfall der Androgene beginnt viel früher und verläuft flach. Der abrupte Teil betrifft vor allem das Östrogen.

Praktisch bedeutet das: Ein niedriger Testosteronwert mit 55 ist selten die Erklärung für neu aufgetretene Wechseljahresbeschwerden. Für die gehören die Östrogenkurve und der Zyklusstatus in den Blick, nachzulesen unter Perimenopause und Wechseljahre.

Und jetzt weißt du, warum die Frage nach dem Zyklustag keine Formalie ist, sondern über die Lesbarkeit deines Befunds entscheidet.

Das Kernproblem: wie Testosteron bei Frauen gemessen wird

Jetzt kommt der Abschnitt, wegen dem ich diesen Artikel geschrieben habe.

Stell dir vor, du misst dieselbe Blutprobe in zwei Laboren und bekommst zwei deutlich verschiedene Zahlen zurück. Kein Fehler, kein Versehen. Nur zwei verschiedene Verfahren.

Genau das ist bei Frauen der Normalfall, und es ist seit über zwanzig Jahren in der Fachliteratur beschrieben. Es steht nur selten auf einem Befundbericht.

Methodenvergleich, n=116 Zehn Immunoassays gegen die Referenzmethode

Eine französische Arbeitsgruppe um Taieb hat 2003 Serum von 50 Männern, 55 Frauen und 11 Kindern parallel mit zehn Immunoassays und mit Isotopenverdünnungs-Gaschromatographie-Massenspektrometrie gemessen.

Sieben von zehn Immunoassays überschätzten Testosteron in den Frauenproben. Die mittleren Immunoassay-Ergebnisse lagen 46 Prozent über denen der Referenzmethode. Bei Männern lagen sie im Mittel 12 Prozent darunter. Die Schlussfolgerung der Autorinnen und Autoren war deutlich: Keiner der geprüften Immunoassays war für Seren von Frauen und Kindern ausreichend zuverlässig.

Für dich heißt das: Ein einzelner Immunoassay-Wert im weiblichen Bereich kann systematisch in eine Richtung verschoben sein. Die erste Frage bei einem auffälligen Befund lautet deshalb nicht, was man jetzt macht. Sie lautet, womit gemessen wurde.

Taieb J, Mathian B, Millot F et al. Clin Chem. 2003;49(8):1381-1395. PMID: 12881456 · DOI: 10.1373/49.8.1381 [Kohorte, Humanstudie Methodenvergleich]

Jetzt könntest du denken: 2003 ist lange her, das haben sie sicher behoben. Deshalb steht hier eine zweite Arbeit, aus 2021, an einem heutigen Gerät.

Labormethodik, n=126 Derselbe Bereich, zwei Jahrzehnte später

Das Labor der University of Washington hat eine eigene LC-MS/MS-Methode validiert und an 126 Proben gegen den zuvor eingesetzten Immunoassay verglichen.

Die Immunoassay-Ergebnisse lagen insgesamt 20 Prozent niedriger als die der Massenspektrometrie. Unterhalb von 100 ng/dl bestand nur noch eine minimale Korrelation zur LC-MS/MS, R gleich 0,403. Die neue Methode stimmte dagegen gut mit der Referenzmessprozedur der CDC überein.

Für dich heißt das: Der Bereich unterhalb von 100 ng/dl ist genau der Bereich, in dem sich Frauenwerte bewegen. Dort war der Zusammenhang zwischen dem Alltagsverfahren und der Referenzmethode praktisch verschwunden.

Shi J, Bird R, Schmeling MW, Hoofnagle AN. J Chromatogr B. 2021;1183:122969. PMID: 34628183 · DOI: 10.1016/j.jchromb.2021.122969 [Kohorte, Labormethodik, Methodenvergleich]
Sauber bleiben

Diese zwei Zahlen darf man nicht nebeneinanderlegen

Bei Taieb 2003 lagen die Immunoassays im Mittel 46 Prozent über der Referenzmethode. Bei Shi 2021 lagen sie 20 Prozent darunter. Das sieht nach Widerspruch aus, ist aber keiner.

Die beiden Arbeiten messen nicht dasselbe. Einmal ein Panel aus zehn Assays gegen GC-MS, ausgewertet in einer Frauen-Untergruppe. Einmal ein einzelner Assay gegen LC-MS/MS im Gesamtkollektiv. Wer die Prozentzahlen in einen Satz packt, erzeugt eine Scheinaussage.

Was beide Arbeiten gemeinsam zeigen, ist wichtiger als die Richtung: Im niedrigen Bereich ist die Abweichung groß und sie ist nicht vorhersagbar. Sie kann nach oben gehen und nach unten.

Warum das kein Vorwurf an die Labore ist

Es klingt schnell nach Anklage. Ist es nicht.

Immunoassays sind schnell, günstig und in der Breite verfügbar. Sie wurden für den männlichen Bereich entwickelt und leisten dort, wofür sie gebaut wurden. Das Problem entsteht erst, wenn dasselbe Werkzeug in einen Bereich mitgenommen wird, für den es nie ausgelegt war.

Eine griechische Übersichtsarbeit von Kanakis und Kollegen formuliert das nüchtern: Die meisten verfügbaren Immunoassays haben nicht die nötige Genauigkeit am unteren Ende des Männerbereichs und über den gesamten Bereich bei Frauen. Folge davon ist, dass milde Androgenüberschüsse bei Frauen häufig nicht erkannt werden. Der Fehler geht also auch in diese Richtung: Es wird nicht nur zu viel gefunden, es wird auch etwas übersehen.

Massenspektrometrie gilt als Referenzmethode. Dass sie nicht flächendeckend eingesetzt wird, liegt laut derselben Übersicht an Komplexität und Kosten, nicht an fehlender fachlicher Überzeugung. Das ist eine Versorgungsfrage, keine Streitfrage.

Das Positionspapier der Endocrine Society von 2007 hat dazu einen Satz, den ich oft zitiere. Die Qualität eines Labors soll sich vor allem daran messen, ob es Proben mit bekannter Konzentration richtig misst, und nicht allein daran, ob es dasselbe Ergebnis liefert wie andere Labore mit derselben Methode. Übereinstimmung ist nicht dasselbe wie Richtigkeit.

Erst wenn diese Standardisierung steht, lassen sich Normwerte für beide Geschlechter und für Kinder sinnvoll festlegen.

Sinngemäß nach dem Positionspapier der Endocrine Society, Rosner 2007, PMID: 17090633 [Positionspapier Fachgesellschaft, Labormethodik]

SHBG: der Wert, ohne den die Zahl halbiert ist

Der zweite Grund, warum ein einzelner Testosteronwert wenig sagt, heißt SHBG.

SHBG ist ein Transporteiweiß aus der Leber. Stell dir Taxis vor. Ein Hormon, das in einem Taxi sitzt, kann nicht aussteigen und nichts tun. Nur der freie Anteil hat Zugang zum Gewebe.

Wenn die Zahl der Taxis steigt, sinkt der freie Anteil, obwohl der Eierstock unverändert produziert. Wenn die Zahl der Taxis sinkt, steigt der freie Anteil, ebenfalls ohne dass sich an der Produktion etwas ändert. Deshalb kann ein normales Gesamttestosteron mit sehr niedrigem SHBG klinisch ganz anders aussehen als dieselbe Zahl mit hohem SHBG.

Was SHBG hebt: eine kombinierte Pille, Östrogene, eine Schilddrüsenüberfunktion, Schwangerschaft. Was SHBG senkt: hohes Insulin, Übergewicht, eine Schilddrüsenunterfunktion, Glukokortikoide. Die Verbindung zum Zuckerstoffwechsel ist gut beschrieben. Niedriges SHBG gilt als frühes Zeichen der Insulinresistenz. Die gängige Erklärung dafür lautet, dass erhöhtes Insulin die SHBG-Bildung in der Leber unterdrücken kann. Die Übersichtsarbeit dazu hält allerdings fest, dass der genaue Mechanismus noch nicht geklärt ist (PMID: 21178921). Mehr dazu in Insulinresistenz und weibliche Hormone.

Methodenvergleich, n=147 Freies Testosteron: vier Wege, zwei brauchbare

Eine Gruppe um Miller hat 147 Frauen mit unterschiedlichem Hormonstatus dreimal innerhalb eines Monats untersucht und vier Verfahren verglichen: Gleichgewichtsdialyse, direkten Analog-RIA, Berechnung nach dem Massenwirkungsgesetz und den freien Androgenindex.

Das berechnete freie Testosteron stimmte hervorragend mit der Gleichgewichtsdialyse überein, r gleich 0,99. Der direkte Analog-RIA hatte einen inakzeptabel hohen systematischen Bias und korrelierte schlechter, r gleich 0,81. Der freie Androgenindex korrelierte mit r gleich 0,93, ist aber eine einheitenlose Zahl ohne Bezug zur physikalischen Realität des freien Testosterons.

Für dich heißt das: Wenn auf deinem Befund freies Testosteron steht, ist die entscheidende Frage, ob es berechnet oder direkt gemessen wurde. Das steht dort oft nicht, und man darf danach fragen.

Miller KK, Rosner W, Lee H et al. J Clin Endocrinol Metab. 2004;89(2):525-533. PMID: 14764757 · DOI: 10.1210/jc.2003-030680 [Kohorte, Humanstudie Methodenvergleich]

Der freie Androgenindex und seine Grenze

Der freie Androgenindex ist beliebt, weil er billig ist. Man braucht nur zwei Werte und teilt sie durcheinander. Gesamttestosteron geteilt durch SHBG, mal hundert.

Als Näherung ist er brauchbar. Als Zahl ist er eine Konstruktion. Er hat keine Einheit und beschreibt keine Konzentration im Körper.

Und jetzt eine Schlussfolgerung, die ich als solche kennzeichne. Wenn SHBG stark verschoben ist, steht es im Nenner dieser Rechnung und dominiert das Ergebnis. Unter einer kombinierten Pille steigt SHBG im Mittel um rund 99 nmol/l (PMID: 24082040). Ein Index, dessen Nenner so wandert, wird schwer interpretierbar. Eine Studie, die das für Pillenanwenderinnen quantifiziert, habe ich nicht gefunden. Das ist eine Ableitung aus zwei Befunden, kein Beleg.

Für den nächsten Termin

Was auf einem Testosteron-Befund für Frauen stehen sollte

Die Messmethode
Immunoassay oder Massenspektrometrie. Ohne diese Angabe ist die Zahl schwer einzuordnen, weil Referenzbereiche methodenabhängig sind.
Der Zyklustag
Die Übersichtsarbeit von Kanakis empfiehlt bei Frauen die Messung in der Follikelphase. Den Gipfel zur Zyklusmitte beschreibt eine zweite Arbeit, die den Zyklus mit Massenspektrometrie vermessen hat.
SHBG
Ohne SHBG ist ein Gesamttestosteron nur die halbe Information.
Wie das freie Testosteron zustande kam
Berechnet nach dem Massenwirkungsgesetz oder per Gleichgewichtsdialyse gilt als gut. Der direkte Analog-RIA schnitt im Vergleich schlecht ab.
Ob eine Pille oder ein Hormonpräparat eingenommen wird
Das verändert SHBG und damit den freien Anteil erheblich. Diese Information gehört zum Befund, damit er richtig gelesen wird.
Eine Wiederholung bei auffälligem Ergebnis
Ein einzelner auffälliger Wert ist ein Anlass zum genaueren Hinschauen, nicht das Ende der Abklärung.

Das ist eine Liste für ein Gespräch, keine Anweisung an ein Labor. Welche Werte sinnvoll sind, entscheidet sich nach deiner Situation, nicht nach einer Liste im Internet.

Zur allgemeinen Methodik der Testosteronbestimmung gibt es im Cluster bereits einen eigenen Text: Testosteronwerte verstehen. Und wenn du dich fragst, welche Hormonwerte bei einer Frau überhaupt sinnvoll sind und wann, steht das in Hormone testen bei der Frau.

Perspektivwechsel

Die verbreitete Vorstellung: Der Laborwert ist die harte Tatsache, und alles andere ist Interpretation.

Die methodische Sicht: Der Laborwert ist selbst schon eine Interpretation. Er entsteht aus einem Verfahren, das im niedrigen Bereich Grenzen hat, an einem bestimmten Tag im Zyklus, in einem bestimmten hormonellen Kontext.

Das macht ihn nicht wertlos. Es macht ihn zu einem Puzzleteil statt zu einem Urteil. Und es nimmt einer erhöhten Zahl einen Teil ihres Schreckens, bevor sie eingeordnet ist.

Und jetzt weißt du, warum ich bei einem auffälligen Testosteronwert zuerst nach dem Verfahren frage und nicht nach den Symptomen.

Zu viel: die Ursachen, geordnet nach Häufigkeit

Angenommen, der Wert ist nach einer sauberen Wiederholung tatsächlich erhöht. Dann beginnt die eigentliche Arbeit, und sie ist eine Suche nach der Quelle.

Es gibt eine kurze Liste, und sie ist nach Häufigkeit sortiert. Diese Reihenfolge ist wichtig, weil die seltenen Dinge im Internet den meisten Platz bekommen und die häufigen den wenigsten.

1. PCOS, mit Abstand die häufigste Erklärung

Das polyzystische Ovarsyndrom ist der häufigste Grund für erhöhte Androgene bei Frauen im gebärfähigen Alter. Es ist eine ärztliche Diagnose mit definierten Kriterien und gehört abgeklärt, nicht selbst gestellt.

Weil es dazu einen eigenen Artikel gibt, bleibt es hier bei einem Link: PCOS verstehen. Bemerkenswert: Die internationale Leitlinie von 2023, getragen von 39 Organisationen aus 71 Ländern, beschreibt ihre eigene Evidenzbasis als niedrig bis moderat (PMID: 37580861). Eine Einladung, demütig zu formulieren.

2. Das nicht klassische adrenogenitale Syndrom, die häufigste übersehene Alternative

Es gibt eine Variante des adrenogenitalen Syndroms, die sich erst im Jugend- oder Erwachsenenalter zeigt. Sie heißt nicht klassisches AGS und entsteht meist durch einen teilweisen Mangel des Enzyms 21-Hydroxylase.

Klinisch sieht sie aus wie PCOS. Haarwuchs, Akne, Zyklusstörungen. Deshalb wird sie leicht übersehen. Gesucht wird sie über das basale 17-Hydroxyprogesteron im Blut, gemessen morgens und in der Follikelphase.

Prospektiv, n=800 Wie oft steckt es wirklich dahinter

An einem Zentrum für Familienplanung und Reproduktion in Moskau wurden 800 aufeinanderfolgende Frauen mit erhöhten Androgenwerten oder mindestens einem klinischen Androgenzeichen untersucht.

Acht von 800 hatten ein genetisch bestätigtes nicht klassisches AGS. Eine davon war bereits vorher diagnostiziert, sodass die unverzerrte Häufigkeit bei 0,9 Prozent lag. Alle acht trugen dieselbe Mutation, V281L.

Für dich heißt das: Selten, aber nicht null. Und wichtig für die Einordnung: Diese Zahl gilt für diese Kohorte in Moskau. Häufigkeiten des nicht klassischen AGS schwanken stark nach Herkunft. Die Zahl ist ein Beispiel, kein Weltmaßstab.

Grodnitskaya E, Kurtser M. Hum Fertil (Camb). 2017;21(4):281-287. PMID: 28669219 · DOI: 10.1080/14647273.2017.1344360 [Kohorte, Beobachtungsstudie Mensch]

Dass es diese Form gibt und dass sie von PCOS klinisch schwer zu unterscheiden ist, steht auch in der Leitlinie der Endocrine Society zum adrenogenitalen Syndrom (PMID: 30272171). Einen Schwellenwert nenne ich hier bewusst nicht, weil die Interpretation vom Labor, vom Zeitpunkt und vom Verfahren abhängt.

3. Insulinresistenz, der stille Verstärker

Hier passiert etwas Interessantes: Der Eierstock produziert nicht unbedingt mehr, aber es kommt mehr an.

Mechanismus

Wie hohes Insulin den freien Anteil anhebt

  1. Der Blutzucker kann nach Mahlzeiten stärker oder länger ansteigen, die Bauchspeicheldrüse gibt daraufhin mehr Insulin ab.
  2. Erhöhtes Insulin kann in der Leber die Bildung von SHBG unterdrücken. Das ist der Zusammenhang, den Übersichtsarbeiten als frühes Zeichen der Insulinresistenz beschreiben.
  3. Weniger SHBG bedeutet weniger Bindungsplätze im Blut. Der freie Anteil des vorhandenen Testosterons kann rechnerisch und biologisch ansteigen.
  4. Im Labor kann das Gesamttestosteron dabei unauffällig bleiben, während der freie Androgenindex nach oben rutscht.
  5. Klinisch kann sich das als Haut- und Haarproblem zeigen, ohne dass eine Drüse mehr produziert hätte.

Belegt ist der Zusammenhang zwischen niedrigem SHBG und Insulinresistenz in Beobachtungsdaten (PMID: 21178921). Die Schrittfolge oben ist die gängige mechanistische Erklärung dafür und in dieser Detailtiefe nicht durch eine einzelne Interventionsstudie belegt.

4. Medikamente und Substanzen

Manche Medikamente können Androgenwerte oder Androgenzeichen beeinflussen. Dazu gehören bestimmte Gestagene, Glukokortikoide über den Umweg des SHBG, anabole Substanzen aus dem Sport- und Fitnessbereich und Valproat. Testosteronhaltige Gele aus dem Umfeld einer anderen Person können ebenfalls übertragen werden.

Zu Valproat gehört der Kontext dazu. Valproinsäure (Valproat) ist ein verschreibungspflichtiges Medikament gegen Epilepsie und gegen bipolare Störungen. Es kann bei Frauen mit Zyklusstörungen und erhöhten Androgenen in Verbindung gebracht werden. Bei Frauen im gebärfähigen Alter unterliegt es in Deutschland besonderen behördlichen Auflagen, unter anderem einem Schwangerschaftsverhütungsprogramm, weil es ein ungeborenes Kind schwer schädigen kann. Genau deshalb ist es ein Medikament, über das mit der verordnenden Praxis gesprochen wird, und niemals eines, das eigenmächtig reduziert oder abgesetzt wird. Ein abruptes Absetzen kann gefährlich sein.

Der wichtige Satz dazu: Eine bestehende Medikation wird deswegen nicht eigenmächtig verändert, reduziert oder abgesetzt. Wenn ein Präparat als Mitverursacher in Frage kommt, ist das ein Grund für ein Gespräch mit der verordnenden Praxis, nicht für einen Alleingang.

5. Andere endokrine Ursachen

Seltener, aber in der Abklärung mitgedacht: ein Cushing-Syndrom mit vermehrter Cortisolbildung, ein Prolaktinom der Hypophyse, eine Schilddrüsenfunktionsstörung, die über SHBG mitspielt. Zur Schilddrüse gibt es im Cluster einen eigenen Text: Schilddrüse und weibliche Hormone.

6. Androgenbildende Tumoren, selten und deshalb der Grund für den Kasten oben

Tumoren des Eierstocks oder der Nebenniere, die Androgene bilden, sind selten. Sie sind aber der Grund, warum das Tempo der Veränderung so wichtig ist.

Der Fallbericht aus Hangzhou zeigt, warum Laborlogik allein nicht reicht. Testosteron war deutlich erhöht, während DHEA-Sulfat, Androstendion, 17-Hydroxyprogesteron und Cortisol im Normbereich lagen. Die Quelle war trotzdem die Nebenniere. Kernaussage der Autoren: Die Herkunft einer Hyperandrogenämie lässt sich nicht allein an diesen Werten ablesen, und bei Virilisierung gehören Eierstöcke und Nebennieren untersucht (PMID: 30674304).

Erinnerung, weil sie hierhin gehört

Das Unterscheidungsmerkmal ist nicht die Höhe der Zahl. Es ist die Geschwindigkeit. Ein Haarwuchs, der seit der Jugend langsam zugenommen hat, ist eine andere Geschichte als einer, der in vier Monaten neu entstanden ist.

Rasche Vermännlichung, tiefer werdende Stimme, Klitorisvergrößerung, neuer Hirsutismus nach der Menopause und jede Blutung nach der Menopause gehören zeitnah in eine ärztliche Untersuchung. Diese Abklärung ist nicht verhandelbar und wird durch nichts ersetzt, was in diesem Artikel steht.

Und nicht jede Haarstelle braucht ein Labor

Eine Leitlinie der Endocrine Society zum Hirsutismus formuliert etwas, das viele überrascht. Bei Frauen mit auffälligem Hirsutismus-Score wird eine Androgenbestimmung vorgeschlagen. Bei Frauen mit regelmäßigem Zyklus und nur lokal unerwünschtem Haarwuchs, also ohne auffälligen Score, wird ausdrücklich gegen eine Androgenbestimmung vorgeschlagen (PMID: 29522147).

Mehr messen bedeutet nicht automatisch mehr wissen. Manchmal bedeutet es nur mehr Zahlen, die eingeordnet werden müssen.

Perspektivwechsel

Die verbreitete Vorstellung: Ein hoher Testosteronwert bedeutet, dass zu viel produziert wird.

Die differenzierte Sicht: Es gibt mindestens drei verschiedene Wege zu einer erhöhten Androgenwirkung. Mehr Produktion im Eierstock. Mehr Produktion in der Nebenniere. Oder gleich viel Produktion bei weniger Transportprotein, also mehr freiem Anteil.

Diese drei Wege führen zu unterschiedlichen Abklärungen und zu unterschiedlichen Ansatzpunkten. Deshalb ist die Frage nach der Quelle wichtiger als die Frage nach der Höhe.

Und jetzt weißt du, warum bei einem erhöhten Wert die nächste Frage nicht lautet, wie man ihn senkt, sondern woher er kommt.

Zu wenig: wo Testosteron bei Frauen wirklich absinkt

Die andere Richtung ist im Netz noch unübersichtlicher. Da wird aus einem niedrigen Wert schnell eine Diagnose, und aus der Diagnose ein Produkt.

Deshalb der ehrliche Satz gleich am Anfang dieses Abschnitts: Ein anerkanntes Krankheitsbild Androgenmangel der Frau gibt es nicht.

Leitlinie, GRADE Eine Fachgesellschaft rät ausdrücklich ab

Eine Task Force, besetzt von Endocrine Society, ACOG, ASRM, ESE und IMS, hat zwei systematische Reviews beauftragt und die Androgentherapie bei Frauen nach GRADE bewertet.

Ihre Empfehlung: gegen die Diagnose eines Androgenmangel-Syndroms bei gesunden Frauen. Begründung: Es gibt kein gut definiertes Syndrom, und es fehlen Daten, die Androgenspiegel mit bestimmten Zeichen oder Symptomen verknüpfen. Und noch etwas steht darin, das ich für den wichtigsten Satz des ganzen Themas halte: Die körpereigenen Testosteronwerte sagten das Ansprechen auf eine Therapie nicht voraus.

Für dich heißt das: Ein niedriger Wert allein ist kein Behandlungsgrund. Nicht, weil jemand streng sein will, sondern weil der Wert in den Studien nicht vorhergesagt hat, wem eine Behandlung nützt.

Wierman ME, Arlt W, Basson R et al. J Clin Endocrinol Metab. 2014;99(10):3489-3510. PMID: 25279570 · DOI: 10.1210/jc.2014-2260 [Leitlinie]

Trotzdem gibt es Situationen, in denen Androgenwerte bei Frauen real absinken. Die wichtigsten sind gut beschrieben.

Nach beidseitiger Entfernung der Eierstöcke

Hier fällt eine Quelle weg, und das ist messbar. In der australischen Querschnittsarbeit lagen Gesamttestosteron und freies Testosteron bei Frauen ab 55 nach beidseitiger Eierstockentfernung signifikant niedriger als in der Referenzgruppe derselben Altersgruppe (PMID: 15827095). Das ist einer der wenigen Punkte, an denen der Zusammenhang zwischen Situation und Wert klar ist.

Unter kombinierter hormoneller Verhütung

Das ist der häufigste erklärbare Grund für niedrige Werte bei jungen Frauen, und die Datenlage dazu ist ungewöhnlich solide.

Meta-Analyse, 42 Studien, n=1.495 Was die kombinierte Pille mit Testosteron und SHBG macht

Eine niederländische Arbeitsgruppe um Zimmerman hat systematisch gesucht und 42 Studien mit insgesamt 1.495 gesunden Frauen zwischen 18 und 40 Jahren zusammengefasst.

Das Gesamttestosteron sank um 0,49 nmol/l (95-Prozent-Konfidenzintervall minus 0,55 bis minus 0,42). Das freie Testosteron sank um im Mittel 61 Prozent. SHBG stieg um 99,08 nmol/l (86,43 bis 111,73). Der Gestagentyp machte für die Testosteronsenkung keinen Unterschied, für SHBG dagegen schon. Die Autorengruppe schreibt ausdrücklich, dass die klinischen Folgen dieser Absenkung noch zu klären sind.

Für dich heißt das: Unter einer kombinierten Pille misst du nicht den Eigenzustand deines Körpers. Und der freie Anteil sinkt deutlich stärker als das Gesamttestosteron, weil SHBG steigt.

Zimmerman Y, Eijkemans MJC, Coelingh Bennink HJT, Blankenstein MA, Fauser BCJM. Hum Reprod Update. 2014;20(1):76-105. PMID: 24082040 · DOI: 10.1093/humupd/dmt038 [Meta-Analyse]

Jetzt kommt der Teil, der im Netz regelmäßig überzogen wird: die Zeit nach dem Absetzen.

Hinweis statt Nachweis

Was über SHBG nach dem Absetzen bekannt ist, und was nicht

Die meistzitierte Arbeit dazu ist retrospektiv. 124 Frauen, die sich wegen sexueller Beschwerden vorgestellt hatten, wurden in drei Gruppen ausgewertet. Bei den fortgesetzten Anwenderinnen lag SHBG etwa viermal so hoch wie bei Frauen, die nie eine Pille genommen hatten. Nach dem Absetzen sank SHBG, blieb aber auch mehr als 120 Tage danach gegenüber den Nie-Anwenderinnen erhöht (PMID: 16409223).

Und jetzt die Einschränkungen, die selten mitzitiert werden. Die Auswertung war rückblickend, das Kollektiv bestand ausschließlich aus Frauen mit sexuellen Beschwerden, es gab keine Randomisierung, und die Nachbeobachtungsgruppe war klein. Die Autorengruppe selbst formuliert ihre Erklärung als offene Frage und fordert prospektive Forschung.

Ehrliche Zusammenfassung: Es gibt Hinweise, dass SHBG bei manchen Frauen nach dem Absetzen länger erhöht bleibt. Ein Nachweis ist das nicht. Wer daraus eine Gesetzmäßigkeit macht, geht über die Daten hinaus.

Wichtig und ausdrücklich: Aus diesem Abschnitt folgt keine Empfehlung, ein Verhütungsmittel abzusetzen oder zu wechseln. Das ist eine ärztliche Entscheidung, in der Verhütungssicherheit, Zyklusbeschwerden, Hautbefund, Migräne, Thromboserisiko und deine Lebensplanung gegeneinander abgewogen werden. Was in der Zeit nach dem Absetzen körperlich passiert, steht ausführlich in Pille absetzen: was danach passiert.

Unter Glukokortikoiden und bei Hypophysenerkrankungen

Eine Kortisontherapie kann die Androgenbildung in der Nebenniere dämpfen. Bei Erkrankungen der Hypophyse fehlen die Steuersignale nach oben. In der Studie von Miller bildeten Frauen mit schwerem Androgenmangel bei Hypopituitarismus eine eigene Untersuchungsgruppe, gerade weil dort die Werte besonders niedrig liegen.

Auch hier gilt der Leitliniensatz: Gegen die routinemäßige Verordnung von Testosteron bei niedrigen Androgenwerten infolge von Hypopituitarismus, Nebenniereninsuffizienz, chirurgischer Menopause oder Glukokortikoidgabe wird ausdrücklich empfohlen (PMID: 25279570).

Perspektivwechsel

Die verbreitete Vorstellung: Wenn ein Wert niedrig ist, muss man ihn anheben. Das klingt logisch und ist in vielen Bereichen der Medizin auch so.

Hier greift diese Logik nicht. Der Wert hat in den vorliegenden Studien nicht vorhergesagt, wem eine Behandlung nützt. Damit taugt er nicht als Eintrittskarte für eine Therapie.

Das entwertet deine Beschwerden nicht. Es verschiebt nur die Frage. Statt nach der Zahl fragen wir nach dem Leidensdruck, nach der Lebensphase, nach Schlaf, Stress, Beziehung, Schmerzen und Medikamenten. Zum Thema Lust im Speziellen gibt es einen eigenen Text: Libidoverlust bei der Frau.

Und jetzt weißt du, warum ein niedriger Wert bei dir eine Frage ist und keine Diagnose.

Symptome lesen, ohne sie dem Wert zuzuschreiben

Es gibt einen Moment im Gespräch, den ich fast immer erlebe. Eine Frau zeigt auf eine Zahl und sagt: Deshalb also.

Ich verstehe diesen Moment gut. Ein Wert gibt Halt. Er macht aus einem diffusen Gefühl etwas Sichtbares. Er nimmt den Verdacht weg, man bilde sich das ein.

Und trotzdem stimmt der Satz meistens nicht. Nicht weil die Beschwerden nicht echt wären, sondern weil die Verbindung zwischen Zahl und Beschwerde bei Androgenen lose ist.

Grobe Orientierung. Keines dieser Zeichen beweist für sich genommen einen bestimmten Laborwert, und kein Laborwert beweist eines dieser Zeichen.
RichtungWas in der Literatur damit in Verbindung gebracht wirdWie fest ist die Verbindung
Androgene erhöhtHirsutismus, also kräftiger Haarwuchs nach männlichem Muster, Akne, Zyklusstörungen bis zum Ausbleiben der Blutung, Haarausfall vom männlichen MusterAm ehesten belastbar beim Hirsutismus. Bei Akne und Haarausfall ist die Streuung groß, viele Frauen mit diesen Zeichen haben normale Werte
Androgene niedrigVermindertes sexuelles Verlangen, Antriebsschwäche, Müdigkeit, Stimmungsveränderungen, Klagen über Muskel und KnochenSchwach. Eine Leitlinie hält ausdrücklich fest, dass Daten fehlen, die Androgenspiegel mit bestimmten Zeichen oder Symptomen verknüpfen

Ein Satz, der in keinem Text über Zyklus und Hormone fehlen darf: Wenn deine Blutung ausbleibt, steht am Anfang nicht der Hormonbefund, sondern der Schwangerschaftstest. Auch dann, wenn du sicher bist, dass es das nicht sein kann. Erst danach wird über Androgene, Schilddrüse, Gewicht, Stress und die Hypophyse nachgedacht.

Das Wort Hirsutismus meint dabei etwas Bestimmtes. Nicht jedes Haar, das dich stört, ist Hirsutismus. Gemeint ist ein Muster kräftiger, dunkler Haare an Stellen, an denen sie typischerweise bei Männern wachsen. Dafür gibt es Scores, und die Leitlinie stellt die Bestimmung von Androgenen genau davon abhängig.

Bei Haut und Haaren spielt außerdem mit, was im Blut nicht auftaucht. Wie empfindlich eine Haarwurzel auf DHT reagiert, scheint auch genetisch mitbestimmt zu sein. Wie groß dieser Anteil ist, ist nicht sauber beziffert. Zwei Frauen mit demselben Wert können deshalb unterschiedlich aussehen. Mehr dazu: DHT und Haarausfall. Zur hormonellen Akne ebenso: Hormonelle Akne von innen.

Der Satz, den ich mir für dieses Thema aufgeschrieben habe

Ein Symptom beweist keinen Wert. Und ein Wert beweist kein Symptom. Beides gehört nebeneinandergelegt und gemeinsam gelesen, nicht ineinander übersetzt.

Was der Körper sonst noch in denselben Topf wirft

Müdigkeit, Antriebslosigkeit und wenig Lust sind Symptome mit sehr vielen möglichen Quellen. Schlafmangel, chronischer Stress, Eisenmangel, Schilddrüsenfunktion, Depression, Schmerzen, Medikamente, Beziehungsdynamik, Lebensphase. Die Liste ist lang und sie ist nicht bequem, weil sie keine schnelle Lösung anbietet.

Chronischer Stress verdient dabei eine eigene Erwähnung, weil er über mehrere Wege in dieses Feld hineinreicht. Cortisol und die Steuerachse im Gehirn können die Zyklusregulation beeinflussen, und Glukokortikoide können die Androgenbildung in der Nebenniere dämpfen. Zum Zusammenspiel von Cortisol und weiblichen Hormonen gibt es einen eigenen Artikel: Cortisol, Stress und weibliche Hormone.

Perspektivwechsel

Die verbreitete Vorstellung: Wenn ich die Ursache im Labor finde, ist das Problem halb gelöst.

Meine Erfahrung aus der Sprechstunde, und das ist eine Beobachtung und kein Studienergebnis: Die tragfähigsten Erklärungen entstehen fast nie aus einem einzelnen Wert. Sie entstehen aus einem Muster über Zeit, aus dem Verlauf, aus der Frage, was sich wann verändert hat und was gleichzeitig noch los war.

Der Laborwert ist dabei ein guter Zeuge und ein schlechter Richter.

Und jetzt weißt du, warum ich einen Befund selten allein anschaue, sondern immer daneben lege, was in deinem Leben zeitgleich passiert ist.

Behandlung: was belegt ist, was nicht, und was in Deutschland gilt

Dieser Abschnitt wird unbequem, und ich schreibe ihn trotzdem so, wie die Daten stehen. Testosteron für Frauen ist ein Feld mit viel Marketing und wenig Zulassung. Wenn dir jemand ein Präparat als klar belegte Lösung anbietet, lohnt sich die Rückfrage, worauf sich das stützt.

Im Jahr 2019 haben sich elf internationale Fachgesellschaften zusammengesetzt und eine gemeinsame Position formuliert. Darunter die International Menopause Society, die Endocrine Society, die europäische und die nordamerikanische Menopause-Gesellschaft, das RCOG und die International Society of Endocrinology.

Konsens von elf Fachgesellschaften Eine einzige Indikation gilt als ausreichend belegt

Die Global Consensus Position von 2019 baut auf der großen Meta-Analyse desselben Jahres auf und formuliert eine gemeinsame Linie für die Testosterontherapie bei Frauen.

Als ausreichend belegt anerkannt wird genau eine Indikation: das hypoaktive sexuelle Verlangen nach der Menopause, also ein vermindertes Verlangen, das Leidensdruck erzeugt. Für Frauen vor der Menopause seien die Daten unzureichend, um irgendeine Empfehlung zu Sexualfunktion oder anderen Endpunkten abzugeben. Der Off-Label-Gebrauch wird ausdrücklich mitgeführt.

Für dich heißt das: Wenn dir Testosteron gegen Müdigkeit, für den Muskelaufbau oder für die Knochendichte angeboten wird, bewegt sich das außerhalb dessen, was diese Fachgesellschaften gemeinsam als belegt bezeichnen. Das kann im Einzelfall trotzdem eine bewusste ärztliche Entscheidung sein. Es sollte dir dann nur so gesagt werden.

Davis SR, Baber R, Panay N et al. J Clin Endocrinol Metab. 2019;104(10):4660-4666. PMID: 31498871 · DOI: 10.1210/jc.2019-01603 [Leitlinie]
Meta-Analyse, 36 RCTs, n=8.480 Die Zahlen hinter dieser Position

Eine Gruppe um Islam hat alle verblindeten randomisierten Studien mit mindestens zwölf Wochen Dauer zusammengefasst, die zwischen 1990 und Dezember 2018 abgeschlossen wurden. Sogar Zulassungsanträge bei EMA und FDA wurden nach unveröffentlichten Daten durchsucht. Ergebnis: 46 Berichte aus 36 randomisierten Studien mit 8.480 Teilnehmerinnen.

Bei postmenopausalen Frauen fand sich für befriedigende sexuelle Ereignisse eine mittlere Differenz von 0,85 (95-Prozent-Konfidenzintervall 0,52 bis 1,18) und für sexuelles Verlangen eine standardisierte mittlere Differenz von 0,36 (0,22 bis 0,50). Auch Erregung, Orgasmus und Selbstbild verbesserten sich, der sexuelle Leidensdruck nahm ab. Schwere unerwünschte Ereignisse wurden in diesen Studien nicht berichtet. Häufiger traten Akne und vermehrter Haarwuchs auf. Bei oraler Gabe stieg das LDL-Cholesterin, während Gesamtcholesterin, HDL und Triglyzeride sanken, bei nicht oraler Anwendung traten diese Veränderungen nicht auf. Unabhängig vom Anwendungsweg nahm das Gewicht unter Testosteron insgesamt zu.

Und der Satz, der dazugehört: Die Studien liefen mindestens zwölf Wochen. Zur Langzeitsicherheit gibt es keine Daten. Die Autorengruppe schreibt das selbst, und die Leitlinien der Endocrine Society (PMID: 25279570) und der ISSWSH (PMID: 33814355) wiederholen es.

Für dich heißt das: In diesen Studien lässt sich ein Effekt nachweisen, und er fällt klein bis moderat aus. Und er betrifft einen sehr eng umgrenzten Zweck.

Islam RM, Bell RJ, Green S, Page MJ, Davis SR. Lancet Diabetes Endocrinol. 2019;7(10):754-766. PMID: 31353194 · DOI: 10.1016/S2213-8587(19)30189-5 [Meta-Analyse RCT]

Was in derselben Meta-Analyse nicht gefunden wurde

Keine Effekte auf Körperzusammensetzung. Keine auf muskuloskelettale Variablen. Keine auf kognitive Maße.

Und jetzt der faire Teil, den man dazusagen muss: Die Autorengruppe merkt selbst an, dass für genau diese Endpunkte nur wenige Frauen Daten beisteuerten. Das ist ein Nicht-belegt, kein Widerlegt. Der Unterschied ist wichtig. Wer daraus macht, es sei bewiesen, dass Testosteron für Muskel und Knochen nichts bringt, geht genauso über die Daten hinaus wie jemand, der das Gegenteil behauptet.

Es gibt übrigens eine ältere Übersichtsarbeit von 2015, deren Erstautorin zugleich die Seniorautorin dieser Meta-Analyse ist, und sie klang zu Kognition und muskuloskelettaler Gesundheit optimistischer. Ich folge hier der neueren und methodisch strengeren Arbeit. Dass zwei gute Quellen unterschiedlich klingen, gehört zur Wissenschaft und wird hier nicht weggeräumt.

Wie die Lage in Deutschland ist

Zwei Dinge gehören zu diesem Thema dazu und gehen in der Diskussion oft unter.

Erstens: In Deutschland ist kein Testosteronpräparat für Frauen zugelassen. Jede Anwendung bei einer Frau ist damit ein Off-Label-Gebrauch, mit allem, was das an Aufklärung, Dokumentation und Kostenfragen bedeutet.

Zweitens: Die deutsche S3-Leitlinie zur Peri- und Postmenopause formuliert eine Kann-Option, keine Empfehlung. Wörtlich heißt es dort, dass peri- und postmenopausalen Frauen mit Libidoverlust eine Testosterontherapie angeboten werden kann, nach psychosexueller Exploration und wenn eine Hormonersatztherapie nicht ausgereicht hat, und dass über den Off-Label-Gebrauch aufgeklärt werden soll. Evidenzlevel 1b, Empfehlungsgrad 0.

Im begleitenden Text der Leitlinie steht noch ein Satz, der zum Rest dieses Artikels passt: Niedrige Östrogen- und Testosteronspiegel können mit Libidoverlust einhergehen, aber es gibt keine strikte Verbindung zwischen Sexualhormonspiegeln und Libido, weil die Gründe für Libidoverlust komplex sind (PMID: 32661753).

Klartext

Vier Sätze, die zusammengehören

Der Laborwert ist kein Diagnosekriterium
Die Leitlinie der ISSWSH von 2021 sagt ausdrücklich, dass ein Gesamttestosteronwert nicht zur Diagnose eines hypoaktiven sexuellen Verlangens benutzt werden soll, sondern nur als Ausgangswert für das Monitoring (PMID: 33814355).
Individuelle Rezepturen werden nicht empfohlen
Dieselbe Leitlinie hält fest, dass eigens angemischte Zubereitungen mangels Daten zu Wirksamkeit und Sicherheit nicht empfohlen werden können. Das kann man nicht durch ein Etikett mit dem Wort natürlich ausgleichen.
Der Anwendungsweg macht einen Unterschied
In der Meta-Analyse traten die ungünstigen Lipidveränderungen nur bei oraler Gabe auf, nicht bei nicht oraler Anwendung. Deshalb nennen die Fachgesellschaften nicht orale Wege.
Dosierungen stehen hier nicht
Bewusst nicht. Eine Dosis gehört in ein ärztliches Gespräch mit Untersuchung, Aufklärung und Kontrollen, nicht in einen Blogartikel. Und ein für Männer gedachtes Präparat auf eigene Faust in reduzierter Menge zu verwenden ist keine Lösung, sondern eine unkontrollierte Anwendung. Die ISSWSH-Leitlinie sieht die Verwendung solcher Präparate bei Frauen ausdrücklich nur unter ärztlicher Verordnung vor, mit angepasster Menge und mit Kontrollen.

Bioidentische Hormone sind verschreibungspflichtige Arzneimittel. Sie dürfen besprochen werden, aber sie sind keine harmlose Naturvariante und keine Selbstmedikation.

Und wenn der Wert zu hoch ist

Auch hier gilt: Die Behandlung richtet sich nach der Ursache und nicht nach der Zahl.

Bei Hirsutismus schlägt die Leitlinie der Endocrine Society für die Mehrzahl der Frauen ein kombiniertes Östrogen-Gestagen-Präparat vor, gegebenenfalls nach sechs Monaten ergänzt durch ein Antiandrogen. Gegen eine Antiandrogen-Monotherapie ohne sichere Verhütung wird ausdrücklich empfohlen, weil Antiandrogene für eine Schwangerschaft ein Risiko darstellen (PMID: 29522147). Genau deshalb sind das keine Substanzen für den Eigenversuch.

Dazu gehört der Kontext. Beides sind verschreibungspflichtige Arzneimittel und beides gehört in ärztliche Hände. Kombinierte Östrogen-Gestagen-Präparate können das Risiko für Thrombosen und Embolien erhöhen, und dieses Risiko kann bei Rauchen, bei Übergewicht, bei Migräne mit Aura und bei entsprechender Vorgeschichte in der Familie höher liegen. Antiandrogene können ein ungeborenes Kind schädigen, deshalb setzt die Leitlinie eine sichere Verhütung voraus. Ob eines von beidem zu dir passt, entscheidet sich in der Untersuchung und im Gespräch, nicht am Laborwert. Dosierungen stehen hier bewusst nicht.

Und ein Punkt, der hier ausdrücklich hingehört: Wenn du dir ein Kind wünschst, ist das ein eigenes Thema mit eigener Dringlichkeit. Erhöhte Androgene und ein unregelmäßiger Zyklus können die Planung erschweren, und die Zeit ist dabei ein realer Faktor. Nichts in diesem Artikel ist ein Grund, eine gynäkologische oder reproduktionsmedizinische Abklärung aufzuschieben. Ich kann dir kein Ergebnis in Aussicht stellen, und niemand kann das. Was ich dir sagen kann: Diese Abklärung gehört früh und parallel, nicht erst, wenn alles andere versucht wurde.

Was du unabhängig davon beeinflussen kannst, liegt eher beim Stoffwechsel als beim Hormon selbst. Schlaf, Bewegung, Muskelmasse, Zuckerlast der Mahlzeiten und Stressbelastung können an der Insulin- und SHBG-Achse ansetzen. Das ist mechanistisch plausibel und bei PCOS in Leitlinien als Basis verankert. Es ersetzt keine Abklärung und keine ärztlich verordnete Therapie.

Perspektivwechsel

Die verbreitete Vorstellung: Wenn es kaum Zulassungen und wenig Studien gibt, dann liegt das daran, dass jemand ein Interesse daran hat, dass Frauen dieses Hormon nicht bekommen.

Die nüchterne Sicht: Es gibt tatsächlich eine Forschungslücke, und sie ist alt. Frauenspezifische Endokrinologie ist historisch schlechter untersucht. Das ist ein berechtigter Kritikpunkt und ein Grund, mehr zu forschen.

Aber eine Lücke in den Daten ist kein Freibrief. Sie ist ein Grund für Vorsicht in beide Richtungen. Nicht behandeln, wo etwas belegt ist, wäre falsch. Behandeln, wo nichts belegt ist, und so tun, als wäre es belegt, auch.

Und jetzt weißt du, warum ich bei diesem Thema langsamer bin, als man es von einer integrativen Praxis vielleicht erwartet.

Warum ich zusätzlich nach Umweltfaktoren schaue

Jetzt der Teil, wegen dem manche Patientinnen zu mir kommen und andere skeptisch werden. Beides ist berechtigt.

Wenn bei einer Frau die Androgene ohne erkennbaren Grund aus dem Rahmen laufen, schaue ich zusätzlich auf Insulin, Stress, Schilddrüse und auf die Umgebung, in der dieser Körper lebt. Nicht statt der gynäkologischen Abklärung. Danach, und obendrauf.

Und ich sage dir vorher, wie stark diese Daten sind, damit du sie selbst einordnen kannst. Denn hier wird im Netz am meisten übertrieben, in beide Richtungen.

Was gut belegt ist: der Mechanismus

Tiermodell Zellkultur Das zweite wissenschaftliche Statement der Endocrine Society

Die Endocrine Society hat 2015 die Literatur zu hormonaktiven Stoffen neu bewertet, auf rund 150 Zeitschriftenseiten und über sieben Themenfelder hinweg, darunter die weibliche Reproduktion.

Ihr Fazit: Kausale Verbindungen zwischen Exposition und Krankheitsbild sind durch experimentelle Tiermodelle gestützt und stimmen mit korrelativen epidemiologischen Daten beim Menschen überein. Im selben Atemzug schreiben die Autoren, dass Vorsicht geboten bleibt, wenn man beim Menschen auf Kausalität schließt. Belegt sind außerdem nichtmonotone Dosis-Wirkungs-Beziehungen und eine besondere Verwundbarkeit in Entwicklungsphasen.

Für dich heißt das: Der Mechanismus ist solide. Diese Stoffe können an Hormonrezeptoren binden und Enzyme hemmen. Der Nachweis stammt aber überwiegend aus Zellkultur und Tierversuch, und beim Menschen sind die Daten überwiegend korrelativ.

Gore AC, Chappell VA, Fenton SE et al. Endocr Rev. 2015;36(6):E1-E150. PMID: 26544531 · DOI: 10.1210/er.2015-1010 [In vivo und In vitro, Positionspapier Fachgesellschaft]

Genau diese Doppelaussage ist der Grund, warum die Regelversorgung zurückhaltend ist. Und sie stammt von derselben Fachgesellschaft, die das Feld ernst nimmt. Das ist also kein Streit zwischen Lagern, sondern eine ehrliche Beschreibung einer schwierigen Datenlage.

Was Beobachtungsdaten am Menschen zeigen

Querschnitt, n=71 plus 100 Bisphenol A bei Frauen mit PCOS

An einem Universitätskrankenhaus wurden 71 Frauen mit PCOS und 100 gesunde Kontrollen untersucht, nach Alter und Body-Mass-Index gepaart.

Die BPA-Spiegel lagen in der PCOS-Gruppe höher: 1,05 plus minus 0,56 gegen 0,72 plus minus 0,37 ng/ml, p kleiner 0,001. Es zeigte sich ein statistisch signifikanter Zusammenhang von BPA mit Testosteron (r gleich 0,192) und mit Androstendion (r gleich 0,257), jeweils p kleiner 0,05. Die Autoren sprechen von einer potenziellen Rolle und erwähnen ausdrücklich eine mögliche Wechselwirkung in beide Richtungen.

Für dich heißt das: Ein Zusammenhang, keine Ursache. Und ein schwacher Zusammenhang dazu. Ein r um 0,2 erklärt nur einen kleinen Teil der Streuung. Es ist auch denkbar, dass höhere Androgene den Abbau von BPA verlangsamen und nicht umgekehrt.

Kandaraki E, Chatzigeorgiou A, Livadas S et al. J Clin Endocrinol Metab. 2011;96(3):E480-E484. PMID: 21193545 · DOI: 10.1210/jc.2010-1658 [Kohorte, Beobachtungsstudie Mensch]
Querschnitt, n=2.728 Schwermetalle im Urin und Sexualhormone

Eine Arbeitsgruppe hat 2.728 Erwachsene aus dem US-amerikanischen NHANES-Survey der Jahre 2013 bis 2016 ausgewertet und vierzehn Metalle im Urin gegen Gesamttestosteron, Estradiol und SHBG im Serum gestellt.

Im Modell für kombinierte Belastung war der Index für industrielle Schadstoffe bei Frauen negativ mit Estradiol assoziiert, mit einer prozentualen Veränderung von minus 20,6 Prozent (95-Prozent-Konfidenzintervall minus 30,1 bis minus 9,96). Cadmium, Zinn und Blei waren dabei die dominierenden Metalle. Die Autoren weisen ausdrücklich auf das Querschnittsdesign hin.

Für dich heißt das, und das ist mir wichtig: Der stärkste Befund bei Frauen betraf Estradiol, nicht Testosteron. Wer diese Arbeit als Beleg dafür zitiert, dass Metalle den Testosteronwert einer bestimmten Frau erklären, verwischt genau diesen Unterschied.

Tao C, Li Z, Fan Y et al. Environ Pollut. 2021;281:117097. PMID: 33878511 · DOI: 10.1016/j.envpol.2021.117097 [Kohorte, Beobachtungsstudie Mensch]
Die Grenze dieser Daten

Was daraus nicht folgt

Aus diesen Daten folgt nicht, dass jede hormonelle Störung eine Umweltursache hat. Dieser Satz steht hier absichtlich so deutlich, weil er in vielen Texten zu diesem Thema fehlt.

Und es gibt eine zweite Lücke, die genauso ehrlich benannt gehört. Nach dieser Recherche existiert keine Interventionsstudie am Menschen, die zeigt, dass eine Verringerung der Belastung Androgenwerte bei Frauen verändert. Es gibt Mechanismen, es gibt Tierdaten, es gibt Korrelationen. Der Beweis am Menschen fehlt.

Warum ich trotzdem hinschaue: weil die Belastung veränderbar ist und weil viele der sinnvollen Schritte auch aus anderen Gründen sinnvoll sind. Das ist eine klinische Abwägung und ich benenne sie als solche, nicht als Beleg.

Wo hormonaktive Stoffe im Alltag vorkommen, steht in Xenoöstrogene im Alltag. Zearalenon, ein Schimmelpilzgift mit östrogenartiger Struktur, hat einen eigenen Text: Zearalenon und Hormone. Zur Abgrenzung: Es ist ein Mykoöstrogen, kein Androgen-Analogon. Ob eine Metallbelastung sinnvoll gemessen wird, steht in Schwermetalle messen.

Bitte nicht in die Kontrollfalle

Ich sehe in der Sprechstunde regelmäßig, was passieren kann, wenn dieses Thema kippt. Frauen, die ihre Küche dreimal umgeräumt haben. Die Angst vor jedem Kassenbon. Die kein Restaurant mehr betreten, weil sie nicht wissen, aus welcher Pfanne das kommt.

Das ist kein Fortschritt. Das ist Angst mit einem wissenschaftlichen Anstrich, und sie kann mehr Lebensqualität kosten, als sie an Belastung einspart. Der Nutzen dürfte vor allem bei den ersten großen Schritten liegen. Danach wird es schnell sehr aufwendig für sehr wenig.

Wenn du merkst, dass das Thema anfängt, dein Essen, deine Wohnung oder dein Sozialleben zu regieren, ist das ein Signal zum Innehalten. Der Text über Essstörungen zwischen Körper und Psyche beschreibt, wie leicht Gesundheitsvorsätze in Zwang kippen können. Das ist kein Randthema, sondern eine echte Nebenwirkung guter Absichten.

Ein Wort zur Gynäkologie

Manchmal sagen mir Patientinnen, ihre Frauenärztin habe von Xenoöstrogenen noch nie gesprochen. Daraus wird schnell ein Vorwurf, und den teile ich nicht.

Eine gynäkologische Sprechstunde hat eine andere Aufgabe und ein anderes Zeitbudget. Krebsvorsorge, Verhütung, Schwangerschaft, Blutungsstörungen, Endometriose, Wechseljahre. Das ist ein volles Fach mit klaren Prioritäten, und die Umweltmedizin ist in der Ausbildung dieses Faches schlicht kein Schwerpunkt. Das ist eine Beobachtung über Strukturen, keine über Menschen.

Die gynäkologische Abklärung bleibt die Grundlage. Ultraschall, Zyklusanamnese, körperliche Untersuchung, die Differenzialdiagnosen, die dort seit Jahrzehnten sauber gelehrt werden. Nichts in diesem Artikel ersetzt das, und nichts darin ist ein Grund, eine empfohlene Untersuchung oder eine indizierte Operation zu verschieben.

Was eine funktionelle und umweltmedizinische Sicht ergänzen kann, ist eine zusätzliche Fragerichtung. Nicht nur: Welche Diagnose passt zu diesem Muster. Sondern auch: Was in der Umgebung dieses Körpers könnte an dem Muster mitschreiben. Diese zweite Frage kommt obendrauf, nicht an die Stelle der ersten.

Perspektivwechsel

Die verbreitete Vorstellung in beide Richtungen: Entweder ist alles Umwelt, oder Umwelt ist esoterischer Unsinn.

Die belastbare Mitte: Es gibt einen sauberen Mechanismus, gute Tierdaten und schwache bis mittlere Korrelationen beim Menschen. Das reicht für eine Frage in der Anamnese. Es reicht nicht für eine Diagnose und nicht für ein Versprechen.

Genau deshalb steht dieser Abschnitt am Ende und nicht am Anfang. Zuerst die Messung, dann die Ursachen, dann die Leitlinien, und erst dann die Umgebung.

Und jetzt weißt du, warum ich diese Fragen stelle und warum ich gleichzeitig keine Versprechen daran knüpfe.

Wo dieses Thema an den Rest deines Körpers andockt

Ein Androgenwert steht nie für sich. Er hängt am Zuckerstoffwechsel, an der Schilddrüse, an der Lebensphase, an der Verhütung und an der Frage, welches Symptom dich eigentlich hergeführt hat. Hier sind die Texte, die von dieser Seite aus weiterführen.

Wenn du das große Bild willst
Hormonelle Dysbalance bei der Frau

Der Überblicksartikel dieses Clusters. Er ordnet Östrogen, Progesteron, Androgene und Schilddrüse in ein gemeinsames Bild ein.

Wenn dich die Methodik interessiert
Testosteronwerte verstehen

Die allgemeine Methodik der Testosteronbestimmung im Detail. Dieser Artikel hier setzt darauf auf und zoomt auf den weiblichen Bereich.

Vor dem nächsten Labortermin
Hormone testen bei der Frau

Welche Werte wann sinnvoll sind, in welchem Material gemessen wird und welche Tests wenig Aussagekraft haben.

Wert hoch, Zyklus unregelmäßig
PCOS verstehen

Die häufigste Ursache erhöhter Androgene bei Frauen im gebärfähigen Alter, mit Kriterien, Abklärung und Einordnung.

Wenn die Pille im Spiel ist
Pille absetzen: was danach passiert

Was in der Zeit nach dem Absetzen körperlich abläuft und was darüber belegt ist. Die Entscheidung selbst gehört ins ärztliche Gespräch.

Wenn die Lust das Thema ist
Libidoverlust bei der Frau

Die Ursachen jenseits des Hormonwerts, von Schlaf und Schmerz bis Beziehung und Medikamenten. Dort gehört dieses Symptom eigentlich hin.

Mitten in den Wechseljahren
Wechseljahre und Symptome

Warum sich in dieser Lebensphase viele Befunde gleichzeitig melden und welche Rolle das Östrogen dabei spielt.

SHBG niedrig, Bauchfett Thema
Insulinresistenz und weibliche Hormone

Der Weg von hohem Insulin über niedriges SHBG zu einem höheren freien Androgenanteil, ohne dass eine Drüse mehr produziert.

Was von außen mitspielt
Xenoöstrogene im Alltag

Wo hormonaktive Stoffe im Haushalt vorkommen und welche Schritte den größten Anteil ausmachen, ohne in Vermeidungsspiralen zu kippen.

Wenn die Haut das Leitsymptom ist
Hormonelle Akne von innen

Warum Akne mit über dreißig zurückkommen kann und welche Rolle Androgene, Insulin und Talgdrüsen dabei spielen.

Wenn die Haare dünner werden
DHT und Haarausfall

Warum die Empfindlichkeit der Haarwurzel oft mehr erklärt als der Blutwert, und was DHT damit zu tun hat.

Wenn die Schilddrüse mitspielt
Schilddrüse und weibliche Hormone

Über- und Unterfunktion verschieben SHBG in beide Richtungen. Deshalb gehört die Schilddrüse in die Abklärung eines auffälligen Androgenbefunds.

Wenn die Werte normal aussehen
SHBG: der übersehene Wert

Das Transportprotein, das erklärt, warum zwei Frauen mit demselben Testosteron ganz Unterschiedliches erleben.

Wenn Haut und Haare das Belastendste sind
PCOS an Haut und Haaren

Hirsutismus, Akne an Kinn und Kieferlinie und Haarausfall, mit realistischen Zeitachsen.

Wenn du schlank bist und trotzdem betroffen
Lean PCOS: schlank und betroffen

Warum ein normaler Körperbau die Diagnose verzögert, und die wichtigste Verwechslung mit der hypothalamischen Amenorrhoe.

Wenn Erschöpfung das Leitsymptom ist
Cortisol und die Nebennierenschwäche

Was ein einzelner Cortisolwert nicht kann, was Cushing und Addison auszeichnet, und was von der Nebennierenschwäche bleibt.

Häufige Fragen zu Testosteron bei der Frau

Die Fragen, die mir zu diesem Thema am häufigsten gestellt werden, mit kurzen Antworten und den Quellen dahinter.

Warum haben Frauen überhaupt Testosteron?

Weil Testosteron kein Männerhormon ist, sondern ein Sexualsteroid, das beide Körper bauen. Bei der Frau entsteht es im Eierstock, in der Nebennierenrinde und durch Umwandlung aus Vorstufen wie DHEA und Androstendion in Fettgewebe, Haut und Leber. Rezeptoren dafür sitzen unter anderem im Gehirn, im Muskel, im Knochen und im Brustgewebe. Ein Teil wird außerdem zu Estradiol umgebaut. Testosteron ist damit auch eine Vorstufe des klassischen Frauenhormons.

Welcher Testosteronwert ist bei einer Frau normal?

Diese Frage lässt sich ohne Angabe der Messmethode nicht seriös beantworten. Referenzbereiche gelten immer nur für das Verfahren und das Labor, in dem gemessen wurde. Eine Immunoassay-Zahl an einem Referenzbereich aus der Massenspektrometrie zu messen kann in die Irre führen. Deshalb steht in diesem Artikel bewusst keine Normwerttabelle. Sinnvoller ist die Frage, mit welcher Methode, an welchem Zyklustag und zusammen mit welchem SHBG gemessen wurde.

An welchem Zyklustag sollte ich Testosteron messen lassen?

Eine Übersichtsarbeit zur Testosteronbestimmung empfiehlt bei Frauen die Messung in der Follikelphase, also in der ersten Zyklushälfte. Der Grund dafür stammt aus einer zweiten Arbeit, die den Zyklus mit Massenspektrometrie neu vermessen hat: Testosteron, freies Testosteron, Estradiol, Estron und SHBG erreichen dort um die Zyklusmitte einen Gipfel und bleiben in der mittleren Lutealphase erhöht. Ein Wert vom Tag des Eisprungs und ein Wert vom vierten Zyklustag sind deshalb nicht dasselbe. Die Blutentnahme am Morgen ist üblich.

Warum kommen bei zwei Laboren verschiedene Testosteronwerte heraus?

Weil verschiedene Verfahren gemessen haben. In einem Vergleich von zehn Immunoassays gegen die Referenzmethode überschätzten sieben von zehn bei Frauenproben, im Mittel um 46 Prozent. Eine neuere Arbeit an einem heutigen Analysegerät fand unterhalb von 100 ng/dl nur noch eine Korrelation von R gleich 0,403 zur Massenspektrometrie, bei insgesamt 20 Prozent niedrigeren Immunoassay-Ergebnissen. Die Richtung der Abweichung hängt vom Assay ab. Deshalb gehört zu jedem Testosteronwert einer Frau die Methode dazu.

Was ist SHBG und warum steht es auf meinem Befund?

SHBG ist ein Transporteiweiß aus der Leber, das Sexualhormone im Blut bindet. Gebundenes Testosteron steht dem Gewebe kaum zur Verfügung. Steigt SHBG, sinkt der freie Anteil, auch wenn der Eierstock unverändert produziert. Sinkt SHBG, etwa bei Insulinresistenz, steigt der freie Anteil rechnerisch an. Ein Gesamttestosteron ohne SHBG ist deshalb nur die halbe Information.

Was ist der freie Androgenindex und wie zuverlässig ist er bei Frauen?

Der freie Androgenindex ist eine Rechengröße: Gesamttestosteron geteilt durch SHBG, mal hundert. In einem Methodenvergleich an 147 Frauen korrelierte er mit r gleich 0,93 recht gut mit dem Referenzverfahren. Er bleibt aber eine einheitenlose Zahl ohne Bezug zur physikalischen Realität des freien Testosterons. Wenn SHBG stark verschoben ist, etwa unter einer kombinierten Pille, wird er entsprechend schwer zu deuten. Das berechnete freie Testosteron nach dem Massenwirkungsgesetz schnitt in derselben Arbeit mit r gleich 0,99 besser ab.

Was bedeutet ein zu hoher Testosteronwert bei einer Frau?

Zuerst bedeutet er, dass nachgemessen und eingeordnet werden sollte. Die häufigste Erklärung ist das PCOS. Danach kommen das nicht klassische adrenogenitale Syndrom, eine ausgeprägte Insulinresistenz mit niedrigem SHBG, bestimmte Medikamente und anabole Substanzen. Seltener stecken Erkrankungen der Hypophyse oder der Nebenniere dahinter, sehr selten ein androgenbildender Tumor. Welche Erklärung zutrifft, entscheidet nicht der Wert allein, sondern der Verlauf, die körperliche Untersuchung und die weitere Abklärung.

Was kann ich tun, wenn mein Testosteron zu hoch ist?

Der erste Schritt ist keine Behandlung, sondern eine saubere Einordnung: Methode, Zyklustag, SHBG, eine Wiederholungsmessung und die Abklärung der Ursache in der gynäkologischen oder endokrinologischen Praxis. Erst danach lässt sich eine Behandlung sinnvoll planen. Kombinierte Hormonpräparate und Antiandrogene sind verschreibungspflichtig und gehören in ärztliche Hände. Kombinierte Östrogen-Gestagen-Präparate können das Risiko für Thrombosen und Embolien erhöhen, und bei Antiandrogenen wird eine sichere Verhütung vorausgesetzt, weil sie ein ungeborenes Kind schädigen können. Unabhängig davon kannst du am Zuckerstoffwechsel, am Schlaf und an der Stressbelastung ansetzen, weil niedriges SHBG und hohes Insulin eng zusammenhängen.

Wann ist ein hoher Testosteronwert ein Alarmzeichen?

Wenn die Veränderung schnell geht. Eine rasch fortschreitende Vermännlichung innerhalb von Wochen bis wenigen Monaten, eine tiefer werdende Stimme, eine Vergrößerung der Klitoris, kräftiger neuer Haarwuchs in kurzer Zeit, neuer Haarwuchs nach der Menopause oder eine Blutung nach der Menopause gehören zeitnah abgeklärt und nicht abgewartet. Dasselbe gilt für Kopfschmerzen oder Sehstörungen zusammen mit Milchfluss aus der Brust.

Kann Testosteron bei einer Frau zu niedrig sein, und woran merke ich das?

Niedrige Werte kommen vor, zum Beispiel nach beidseitiger Entfernung der Eierstöcke, unter einer kombinierten Pille, unter Glukokortikoidtherapie und bei Erkrankungen der Hypophyse. Ein anerkanntes Krankheitsbild eines Androgenmangels der Frau gibt es aber nicht. Eine Leitlinie der Endocrine Society empfiehlt ausdrücklich gegen diese Diagnose bei gesunden Frauen, weil ein gut definiertes Syndrom fehlt und Daten fehlen, die Spiegel mit Zeichen oder Symptomen verknüpfen. Ein niedriger Wert allein ist also kein Befund, aus dem sich eine Behandlung ableiten lässt.

Senkt die Pille mein Testosteron, und kommt es nach dem Absetzen zurück?

Eine Meta-Analyse über 42 Studien mit 1.495 gesunden jungen Frauen fand unter kombinierten Präparaten ein um 0,49 nmol/l niedrigeres Gesamttestosteron, ein im Mittel um 61 Prozent niedrigeres freies Testosteron und ein um 99,08 nmol/l höheres SHBG. Zur Zeit danach ist die Datenlage dünn. Eine retrospektive Arbeit an Frauen mit sexuellen Beschwerden fand SHBG auch mehr als 120 Tage nach dem Absetzen noch erhöht, war aber methodisch schwach und formuliert ihre Erklärung selbst als offene Frage. Ob ein Präparat zu dir passt, ist eine ärztliche Entscheidung und gehört ins Gespräch.

Fällt Testosteron in den Wechseljahren ab wie Östrogen?

Nein, die Kurve sieht anders aus. In einer Querschnittsstudie an einer Referenzgruppe von 595 Frauen fielen Gesamttestosteron, berechnetes freies Testosteron, DHEA-Sulfat und Androstendion steil mit dem Alter, in den früheren Jahrzehnten stärker als in den späteren. Ein eigenständiger Effekt des Menopausenstatus zeigte sich dabei nicht. Bei Frauen ab 55 nach beidseitiger Entfernung der Eierstöcke lagen die Werte dagegen signifikant niedriger. Der Eierstock nach der Menopause scheint also weiter Testosteron zu bilden.

Gibt es in Deutschland eine Testosterontherapie für Frauen?

Ein für Frauen zugelassenes Testosteronpräparat gibt es in Deutschland nicht. Die deutsche S3-Leitlinie zur Peri- und Postmenopause formuliert eine Kann-Option: Frauen mit Libidoverlust kann nach psychosexueller Exploration und wenn eine Hormonersatztherapie nicht ausgereicht hat eine Testosterontherapie angeboten werden, mit Aufklärung über den Off-Label-Gebrauch. Individuell hergestellte Rezepturen können laut der Leitlinie der ISSWSH mangels Wirksamkeits- und Sicherheitsdaten nicht empfohlen werden. Zur Langzeitsicherheit einer Testosterontherapie bei Frauen gibt es bislang keine Daten. Das ist ein ärztliches Gespräch mit Aufklärung, kein Selbstversuch.

Bringt Testosteron bei Müdigkeit, Muskelabbau oder Knochenschwund etwas?

Nach heutiger Datenlage ist das nicht belegt. Die Meta-Analyse aus 36 randomisierten Studien mit 8.480 Teilnehmerinnen fand keine Effekte auf Körperzusammensetzung, muskuloskelettale Variablen oder kognitive Maße, merkt aber an, dass für diese Endpunkte nur wenige Frauen Daten beisteuerten. Das ist ein Nicht-belegt, kein Widerlegt. Die internationale Konsens-Position von elf Fachgesellschaften erkennt genau eine ausreichend belegte Indikation an, nämlich das hypoaktive sexuelle Verlangen nach der Menopause.

Drei Dinge, die du konkret tun kannst

Ohne Produkt, ohne Selbstversuch

Erstens: Frag nach der Methode. Wenn dein Testosteronwert auffällig ist, frag in der Praxis oder im Labor nach, ob mit Immunoassay oder mit Massenspektrometrie gemessen wurde. Diese eine Frage ordnet den Befund oft schon deutlich anders ein.

Zweitens: Schreib deinen Zyklustag dazu. Notiere für die nächste Blutentnahme, an welchem Zyklustag und zu welcher Uhrzeit sie stattfand. Und bitte darum, dass SHBG mitbestimmt wird, wenn Testosteron gemessen wird.

Drittens: Achte auf das Tempo, nicht auf die Höhe. Wenn sich Behaarung, Stimme oder Körperform in wenigen Monaten verändert haben, ist das der Punkt, an dem ein zeitnaher Termin wichtiger ist als jede weitere Recherche.

Was du aus diesem Artikel mitnehmen kannst

  • Testosteron gehört zu dir. Es ist bei der Frau das mengenmäßig führende Sexualsteroid und entsteht an drei Orten.
  • Der Messwert ist im weiblichen Bereich unsicher. Immunoassays wurden für Männerwerte gebaut, und die Abweichung kann in beide Richtungen gehen.
  • Ohne SHBG und ohne Zyklustag ist eine Testosteronzahl bei einer Frau kaum zu interpretieren.
  • Der freie Androgenindex ist eine Näherung ohne physikalische Entsprechung und wird bei stark verschobenem SHBG schwer zu deuten.
  • Tempo schlägt Höhe. Schnelle Vermännlichung, tiefer werdende Stimme, Klitorisvergrößerung und Blutungen nach der Menopause gehören zeitnah abgeklärt.
  • Ein niedriger Wert ist keine Diagnose. Ein Androgenmangel-Syndrom der Frau ist als Krankheitsbild nicht anerkannt.
  • Belegt ist genau eine Indikation für eine Testosterontherapie bei Frauen, und in Deutschland gibt es dafür kein zugelassenes Präparat.
  • Umweltfaktoren sind eine Frage, keine Antwort. Der Mechanismus ist solide, die Humandaten sind korrelativ, eine Interventionsstudie fehlt.
SJ

Shukri Jarmoukli

Arzt · Tätigkeitsschwerpunkt Integrative Medizin · ViveCura Berlin

Ich arbeite in meiner Privatpraxis an der Schnittstelle von klassischer Medizin, funktioneller Medizin und Klinischer Psychoneuroimmunologie. Bei hormonellen Themen interessiert mich weniger, welcher Wert im Referenzbereich liegt, sondern welche Frage vor der nächsten Untersuchung eigentlich offen ist.

Bei Testosteron für Frauen bin ich zurückhaltender, als man es von einer integrativen Praxis erwartet. Die Datenlage trägt genau eine Indikation, und es gibt in Deutschland kein zugelassenes Präparat. Ausführlich ist bei mir stattdessen die Frage nach Methode, Zyklustag und SHBG. Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Beratung und keine gynäkologische Abklärung.

ViveCura, Privatpraxis Shukri Jarmoukli, Skalitzer Straße 137, 10999 Berlin

Wissenschaftliche Quellen

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Transparenz zur Evidenz: wo die Datenlage dünn ist
  1. Keine Referenzbereiche in Zahlen. Bei der Recherche fanden sich mehrere deutsche Angaben für Testosteron und den freien Androgenindex bei Frauen, die sich untereinander widersprechen und keine Primärquelle nennen. Sie stehen deshalb bewusst nicht in diesem Text. Referenzbereiche gelten für ein Verfahren und ein Labor, nicht allgemein.
  2. Die 46 Prozent und die 20 Prozent sind nicht vergleichbar. Taieb 2003 hat ein Panel aus zehn Assays gegen GC-MS geprüft und die Frauen-Untergruppe ausgewertet. Shi 2021 hat einen einzelnen Assay gegen LC-MS/MS im Gesamtkollektiv geprüft. Beide Zahlen stehen hier getrennt und werden nie in einem Satz verglichen.
  3. Der freie Androgenindex unter der Pille. Dass er bei stark erhöhtem SHBG schwer zu deuten wird, folgt logisch aus seiner Konstruktion und aus dem SHBG-Anstieg unter kombinierter Verhütung. Eine Studie, die diesen Punkt für Pillenanwenderinnen direkt quantifiziert, wurde nicht gefunden. Der Artikel kennzeichnet das als Ableitung, nicht als Beleg.
  4. Die Zeit nach dem Absetzen der Pille. Die meistzitierte Arbeit dazu ist retrospektiv, das Kollektiv bestand ausschließlich aus Frauen mit sexuellen Beschwerden, es gab keine Randomisierung und die Nachbeobachtungsgruppe war klein. Die Autorengruppe formuliert ihre Erklärung selbst als offene Frage.
  5. Die Häufigkeit des nicht klassischen AGS. Die 0,9 Prozent stammen aus einer Moskauer Kohorte hyperandrogener Frauen. Häufigkeiten schwanken stark nach Herkunft. Die Zahl ist ein Beispiel, kein allgemeingültiger Wert.
  6. Androgenbildende Tumoren. Die beiden zitierten Quellen sind Fallberichte. Sie zeigen, dass es vorkommt und wie es aussehen kann. Sie erlauben keine Aussage über Häufigkeiten, und der Alarmzeichen-Kasten ist deshalb ohne Zahlen formuliert.
  7. Kognition, Muskel und Knochen unter Testosterontherapie. Hier klingen zwei gute Quellen unterschiedlich. Die Übersichtsarbeit von 2015 klingt optimistischer, die Meta-Analyse von 2019 fand keine Effekte, bei kleiner Datenbasis für genau diese Endpunkte. Der Artikel folgt der neueren und methodisch strengeren Arbeit und nennt den Widerspruch.
  8. Der Zusammenhang zwischen niedrigem Testosteron und Beschwerden. Außer für das sexuelle Verlangen nach der Menopause existiert keine belastbare Verknüpfung zwischen Androgenspiegel und Symptom. Eine Leitlinie sagt das ausdrücklich. Kein Satz in diesem Text darf so gelesen werden, als begründe ein niedriger Wert eine Behandlung.
  9. Umwelt und Androgene bei der Frau. Die BPA-Korrelationen sind schwach, r um 0,2, und stammen aus einem Querschnitt. Die NHANES-Auswertung findet den stärksten Frauen-Befund bei Estradiol, nicht bei Testosteron. Die Mechanismen stützen sich auf Tiermodell und Zellkultur. Eine Interventionsstudie am Menschen, die zeigt, dass eine Verringerung der Belastung Androgenwerte bei Frauen verändert, wurde bei dieser Recherche nicht gefunden.
  10. Ernährungsratschläge zur Androgensenkung. Auf mehreren gut rankenden Seiten stehen Empfehlungen zu bestimmten Lebensmitteln und Kräutern. Es wurde gezielt nach Interventionsstudien gesucht, die eine Wirkung auf Androgenwerte bei Frauen belegen würden. Nichts gefunden, was den Anforderungen dieses Projekts genügt. Deshalb steht dazu hier nichts.
  11. Was hier bewusst nicht steht. Keine Dosierungsangabe, keine Bezugsquelle, kein Behandlungsprotokoll und kein Rat, eine bestehende Medikation zu verändern, zu reduzieren oder abzusetzen. Das gilt ausdrücklich für die Pille, für eine Hormonersatztherapie, für Antiandrogene, für Metformin und für Schilddrüsenhormone. Jede Anpassung gehört ärztlich begleitet. Nichts in diesem Text ist ein Grund, eine empfohlene gynäkologische Abklärung, eine indizierte Operation oder eine reproduktionsmedizinische Abklärung bei Kinderwunsch zu verschieben, und kein Satz darin stellt ein bestimmtes Ergebnis in Aussicht.
  12. Was Beobachtung ist und was Studie. Sätze, die mit einer Formulierung aus meiner Sprechstunde beginnen, sind klinische Beobachtung und kein Studienergebnis. Sie stehen hier, weil sie meine Haltung erklären, nicht, weil sie etwas beweisen.

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