Ratgeber Abnehmen · Nach der Geburt und in der Stillzeit

Abnehmen nach der Schwangerschaft: Warum der Körper Zeit braucht und was in der Stillzeit sinnvoll ist

Nach der Geburt beeinflussen Hormonumstellung, Schlafmangel, Stillen und oft leere Eisenspeicher gleichzeitig Gewicht und Energie. In einer randomisierten Studie beeinträchtigte ein Gewichtsverlust von rund 0,5 Kilogramm pro Woche ab der vierten Woche nach der Geburt das Wachstum gestillter Babys nicht. Behutsame Schritte mit Eiweiß, Bewegung und Schlafschutz können deshalb sinnvoller sein als eine Diät.

Kaloriendefizit in der Stillzeit Schlaf, Ferritin, Schilddrüse Ohne Vorher-Nachher-Druck 31 geprüfte Quellen
SJ
Shukri Jarmoukli · Arzt, Integrative Medizin · ViveCura Berlin
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Mein Ausgangspunkt

Nach einer Geburt erwarten viele Frauen von sich, möglichst schnell wieder auszusehen wie vorher. Dein Körper ist nicht im Rückstand. Er ist mitten in einer Aufgabe. Abnehmen darf in dieser Zeit sanft sein und trotzdem klug.

Die Jeans von vor der Schwangerschaft liegt schon bereit. Oben im Schrank, ordentlich gefaltet. Manchmal fällt dein Blick darauf, wenn du nachts einen frischen Body holst.

Deine Nächte bestehen gerade aus Zwei-Stunden-Etappen. Stillen, wickeln, kurz wegdämmern, wieder wach. Frühstück ist, was im Stehen in eine Hand passt.

Und dann ist da diese Stimme: Andere schaffen das doch auch. In sozialen Netzwerken sehen Mütter sechs Wochen nach der Geburt aus, als wäre nichts gewesen.

Ich möchte dir etwas anderes erzählen. Dein Körper hat neun Monate lang einen Menschen gebaut. Jetzt bildet er Milch, gleicht den Blutverlust der Geburt aus, bildet die Gebärmutter zurück und stellt sein Hormonsystem um. Und das alles mit weniger Schlaf, als du dir je vorstellen konntest.

Abnehmen nach der Schwangerschaft ist möglich. Es folgt aber anderen Regeln als eine Diät im normalen Leben. Schlaf, Eisen, Schilddrüse und Stillen reden mit. Wenn du diese Regeln kennst, kannst du freundlicher mit dir sein und trotzdem vorankommen.

Was dich in diesem Artikel erwartet

  • Warum dein Körper nach der Geburt Zeit braucht
  • Die drei leisen Bremsen: Schlaf, Eisen, Schilddrüse
  • Was eine Postpartum-Thyreoiditis ist
  • Welches Kaloriendefizit in der Stillzeit laut Studien vertretbar ist
  • Ob Stillen automatisch schlank macht
  • Eiweiß, Bewegung und Schlafschutz als Basis
  • Welche Blutwerte sinnvoll sein können
  • Drei Hebel für die nächsten Wochen
So markiere ich die Evidenz RCT / Meta-Analyse Mensch Beobachtung / Übersicht Mensch Tiermodell Zellebene / Labor

In diesem Artikel stütze ich mich ausschließlich auf Daten vom Menschen.

Warum braucht dein Körper nach der Geburt Zeit?

Vielleicht hast du in den ersten Tagen auf der Waage einen großen Sprung nach unten gesehen. Und dann kam der Stillstand. Woche um Woche fast dieselbe Zahl.

Das ist kein Zeichen von Versagen. Der erste schnelle Gewichtsverlust besteht vor allem aus Baby, Plazenta, Fruchtwasser und Flüssigkeit. Danach geht es langsamer, und das ist physiologisch.

Gleichzeitig baut dein Hormonsystem um. Mit der Plazenta verliert dein Körper schlagartig die wichtigste Quelle für die hohen Östrogen- und Progesteronspiegel der Schwangerschaft. Wenn du stillst, bleibt das Hormon Prolaktin erhöht, das die Milchbildung steuert. Stell dir ein Orchester vor, das neun Monate ein Sonderprogramm gespielt hat und jetzt ein neues Stück einstudiert. Das braucht Proben.

Kohortenstudie Beobachtung Mensch

Im US-amerikanischen Community Child Health Network wurden 774 Frauen direkt nach der Geburt in die Studie aufgenommen und ein Jahr lang begleitet, überwiegend Frauen mit geringem Einkommen. Rund 75 Prozent waren nach einem Jahr schwerer als vor der Schwangerschaft. Bei 47,4 Prozent waren es mehr als zehn Pfund, also etwa 4,5 Kilogramm.

Für dich heißt das: Wenn die Kilos nach Monaten noch da sind, bist du in sehr großer Gesellschaft. Die Forschenden sehen in Stillen und moderater Bewegung veränderbare Faktoren, die das Risiko senken könnten.

Endres LK, Straub H, McKinney C et al. Obstet Gynecol. 2015. DOI: 10.1097/AOG.0000000000000565

Ein Team aus La Crosse in Wisconsin hat 795 Frauen bis sechs Monate nach der Geburt mit häufigen Messungen begleitet. Im Mittel wogen sie dann 1,4 Kilogramm mehr als bei der ersten Vorsorgeuntersuchung, mit großer Spannbreite. Die Forschenden schlossen daraus, dass Gewicht nach der Geburt eine Perspektive von mindestens sechs Monaten braucht.

Eine Übersichtsarbeit aus North Carolina ordnet die Zahlen ein. Im Durchschnitt bleiben nach einer Schwangerschaft nur 0,5 bis 3 Kilogramm. Doch 14 bis 20 Prozent der Frauen wiegen 6 bis 18 Monate nach der Geburt mindestens 5 Kilogramm mehr als vorher.

Das erste Jahr in fünf Etappen

1

Die ersten Wochen

Erholung, Rückbildung und Stillstart. Bei der Geburt gehen normalerweise rund 300 ml Blut verloren, bei 5 bis 6 Prozent der Frauen mehr als 500 ml (Milman 2011).

2

Ab etwa Woche vier

In einer randomisierten Studie war ab hier ein moderates Defizit mit Bewegung möglich, ohne das Wachstum gestillter Babys zu beeinträchtigen (Lovelady 2000).

3

Monat eins bis sechs

Eine Postpartum-Thyreoiditis kann sich zeigen. In einer spanischen Studie wurde eine Überfunktion zwischen Monat eins und drei oder eine Unterfunktion zwischen Monat drei und sechs als solche gewertet (Lucas 2000).

4

Um Monat sechs

Sehr kurzer Schlaf ging in einer US-Kohorte mit einem höheren Risiko einher, nach einem Jahr noch deutlich mehr zu wiegen (Gunderson 2008).

5

Nach zwölf Monaten

Rund drei von vier Frauen waren in einer US-Kohorte schwerer als vor der Schwangerschaft (Endres 2015). Das ist häufig und kein persönliches Scheitern.

Orientierung aus Studien, kein Zeitplan, den du erfüllen musst.

In der anthroposophischen Sicht auf das Wochenbett spielen Wärme, Ruhe und Rhythmus eine große Rolle. Das ist keine Studienaussage, sondern eine Haltung. Ich finde sie für diese Zeit sehr stimmig, weil sie Tempo herausnimmt.

Was heißt das praktisch? Gib dir für das erste Jahr eine Perspektive statt einer Deadline. Miss Fortschritt in Monaten, nicht in Tagen. Und schau zuerst auf die Bremsen, bevor du an der Kalorienschraube drehst.

Perspektivwechsel

Die Frage ist nicht: Wie komme ich möglichst schnell zurück zu meinem alten Körper? Eine bessere Frage lautet: Was braucht mein Körper jetzt, damit er wieder Kraft hat?

In meiner Erfahrung folgt das Gewicht oft der Kraft. Selten ist es umgekehrt.

Und jetzt weißt du, warum der Stillstand auf der Waage nach den ersten Wochen kein Zeichen von Versagen ist.

Wenig gegessen, viel bewegt, und die Waage rührt sich nicht

Ich kenne dieses Muster sehr gut. Es sind Frauen einige Monate nach der Geburt, oft mit einem Baby, das nachts noch mehrmals trinkt.

Ich esse kaum noch richtig und bin den ganzen Tag auf den Beinen. Trotzdem passt nichts. Ich bin einfach nur müde.

Wenn wir genauer hinschauen, finden wir selten eine einzige Ursache. Häufiger sind es mehrere leise Bremsen gleichzeitig: Nächte in kurzen Etappen, ein leerer Eisenspeicher, manchmal eine Schilddrüse, die nach der Geburt aus dem Takt geraten ist.

Der Wendepunkt ist fast nie eine strengere Diät. Er beginnt meist mit der Frage, was der Körper braucht, um wieder Kraft zu haben. Oft kommt danach zuerst die Energie zurück, das Gewicht folgt später und langsamer. Ich kann dabei keine Kausalität behaupten, ich beschreibe einen zeitlichen Zusammenhang, den ich in der Praxis häufig sehe.

Die Lehre: Wer nach der Geburt abnehmen will, sucht zuerst die Bremsen und spricht erst dann über Kalorien.

Allgemein habe ich solche Bremsen im Artikel Warum nehme ich nicht ab, obwohl ich wenig esse? beschrieben. Hier geht es um das, was nach einer Geburt besonders ist.

Bremse 1: Schlaf

Kurze Nächte können Hunger verstärken und bei einer Diät mehr Muskulatur kosten.

Bremse 2: Eisen

Schwangerschaft und Geburt zehren an den Speichern. Ein leeres Lager kann Energie und Stimmung dämpfen.

Bremse 3: Schilddrüse

Bei etwa einer von zwölf Frauen gerät sie im ersten Jahr nach der Geburt aus dem Gleichgewicht.

Schlafmangel nach der Geburt: Bremst er das Abnehmen?

Kennst du diesen Moment um drei Uhr nachts? Das Baby trinkt endlich ruhig, du bist hellwach und hast plötzlich Hunger auf etwas Süßes. Das ist keine Charakterschwäche.

Die kurze Antwort

Kurzer Schlaf kann Hunger und Appetit verstärken und bei einer Diät den Anteil verlorener Muskulatur erhöhen. In einer Kohorte mit 940 Müttern war Schlaf von höchstens fünf Stunden sechs Monate nach der Geburt mit einem etwa dreifach erhöhten Risiko verbunden, nach einem Jahr noch mindestens fünf Kilogramm mehr zu wiegen.

Dein Appetit hat zwei Gegenspieler. Leptin kommt aus dem Fettgewebe und meldet dem Gehirn: Der Tank ist voll. Ghrelin kommt vor allem aus dem Magen und ruft: Ich brauche Nachschub. Schlafmangel kann diese Tankanzeige verstellen. Dann zeigt sie leer an, obwohl genug Reserven da sind.

An der University of Chicago verbrachten zwölf junge, gesunde Männer jeweils zwei Tage mit verkürztem und zwei Tage mit verlängertem Schlaf. Nach dem kurzen Schlaf lag ihr Leptin um 18 Prozent niedriger und ihr Ghrelin um 28 Prozent höher. Der Hunger stieg um 24 Prozent, besonders auf kalorienreiche, kohlenhydratreiche Lebensmittel. In der Wisconsin Sleep Cohort mit 1.024 Erwachsenen zeigte sich ein ähnliches Muster: Bei fünf statt acht Stunden Schlaf lag das Leptin rechnerisch um 15,5 Prozent niedriger.

Kohortenstudie Beobachtung Mensch

In der Project-Viva-Studie in Massachusetts wurden 940 Frauen ab der frühen Schwangerschaft begleitet. Wer sechs Monate nach der Geburt höchstens fünf Stunden pro Tag schlief, hatte ein etwa dreifach erhöhtes Risiko (Odds Ratio 3,13), ein Jahr nach der Geburt noch mindestens fünf Kilogramm über dem Gewicht vor der Schwangerschaft zu liegen. Wurde der Schlaf bis zum Ende des ersten Jahres sogar kürzer, war das Risiko etwa doppelt so hoch wie bei gleichbleibendem Schlaf.

Für dich heißt das: Schlaf gehört in deinen Plan, genauso wie Essen und Bewegung.

Gunderson EP, Rifas-Shiman SL, Oken E et al. Am J Epidemiol. 2008. DOI: 10.1093/aje/kwm298
Zur Einordnung

Eine neuere Studie der University of Utah mit 467 Erstgebärenden fand keinen Zusammenhang zwischen der Nachtschlafdauer sechs Monate nach der Geburt und dem Gewicht nach einem Jahr. Die Forschenden vermuten, dass Messmethoden und die Frage, welcher Schlaf gemessen wird, die unterschiedlichen Ergebnisse erklären könnten. Die Beobachtungsdaten sind also gemischt.

Randomisierte Crossover-Studie RCT Mensch

An der University of Chicago machten zehn übergewichtige Erwachsene zweimal 14 Tage dieselbe moderate Diät, einmal mit 8,5 und einmal mit 5,5 Stunden Schlafgelegenheit. Mit wenig Schlaf sank der Anteil des Gewichtsverlusts, der aus Fett stammte, um 55 Prozent: 0,6 statt 1,4 Kilogramm Fett. Der Verlust an fettfreier Masse stieg dagegen um 60 Prozent, von 1,5 auf 2,4 Kilogramm, und der Hunger nahm zu.

Für dich heißt das: Ein Kaloriendefizit in sehr kurzen Nächten könnte eher an deinen Muskeln zehren als an deinem Fett.

Nedeltcheva AV, Kilkus JM, Imperial J, Schoeller DA, Penev PD. Ann Intern Med. 2010. DOI: 10.7326/0003-4819-153-7-201010050-00006

Durch die KPNI-Linse betrachtet, ist Schlafmangel für den Körper ein Stresszustand. Das Nervensystem schaltet auf Wachsamkeit, und Wachsamkeit verlangt nach schneller Energie. Dass dein Gehirn nachts nach Zucker fragt, wäre aus dieser Sicht eine nachvollziehbare Notfallstrategie. Das ist mechanistisch plausibel, bei Müttern im ersten Jahr aber kaum direkt untersucht.

Du kannst die Nächte nicht wegzaubern. Aber du kannst Schlaf wie einen Termin behandeln. Teilt euch die Nächte als Team, wenn es möglich ist. Leg dich tagsüber hin, wenn das Baby schläft, statt die Wäsche zu machen. Und wenn das Stillen gut eingespielt ist, kann abgepumpte Milch deinem Partner oder deiner Partnerin eine Nachtmahlzeit ermöglichen.

Neu gedacht

Schlaf ist in dieser Lebensphase keine Belohnung für erledigte Arbeit. Er ist ein Teil deines Stoffwechsels. Eine Stunde mehr Schlaf ist deshalb keine verlorene Zeit, sondern Arbeit an deinem Gewicht.

Und jetzt weißt du, warum der Heißhunger um drei Uhr nachts kein Disziplinproblem ist.

Leere Eisenspeicher: Warum Ferritin nach der Geburt zählt

Die Treppe in den zweiten Stock fühlt sich an wie ein Berg. Du bist kurzatmig, schneller gereizt, und morgens bist du schon müde, bevor der Tag begonnen hat. Ist das einfach Mutterschaft?

Die kurze Antwort

Nach einer Geburt sind die Eisenspeicher häufig leer, weil Schwangerschaft und Blutverlust an den Reserven zehren. Eisenmangel kann Energie, Stimmung und Konzentration beeinträchtigen. In einer randomisierten Studie verbesserten sich bei zuvor eisenarmen Müttern Depressions- und Stresswerte unter Eisen um 25 Prozent.

Eisen ist der Lastwagen, der Sauerstoff zu deinen Zellen fährt. Es sitzt im roten Blutfarbstoff Hämoglobin und in Enzymen, mit denen deine Zellen Energie gewinnen. Ferritin zeigt, wie voll das Lager ist. Weil Ferritin bei Entzündungen ansteigen kann, lohnt es sich, den Wert zusammen mit einem Entzündungswert zu lesen.

Eine Übersichtsarbeit aus Dänemark beschreibt die Ausgangslage. Bei einer normalen Geburt gehen rund 300 Milliliter Blut verloren, bei 5 bis 6 Prozent der Frauen mehr als 500 Milliliter. Eine Woche nach der Geburt hatten 14 Prozent der Frauen mit Eisenergänzung und 24 Prozent ohne Ergänzung eine Blutarmut. Blutarmut nach der Geburt ging mit geringerer Lebensqualität, schlechterer Konzentration, emotionaler Instabilität und Depression einher.

Randomisierte Studie RCT Mensch

In Südafrika begleitete ein Team um Beard 81 junge Mütter von der zehnten Woche bis neun Monate nach der Geburt, darunter Mütter mit Eisenmangelanämie. Die anämischen Mütter, die Eisen bekamen, verbesserten sich in Depressions- und Stressskalen sowie in einem Denktest um 25 Prozent, die Mütter mit Placebo nicht. Untersucht wurde eine ärmere Bevölkerung, die Ergebnisse lassen sich daher nicht eins zu eins übertragen.

Für dich heißt das: Erschöpfung und Stimmung nach der Geburt können auch eine körperliche Seite haben, die sich messen lässt.

Beard JL, Hendricks MK, Perez EM et al. J Nutr. 2005. DOI: 10.1093/jn/135.2.267

Auch ohne Blutarmut kann ein niedriges Ferritin müde machen. In einer doppelblinden Studie aus der Westschweiz mit 144 erschöpften Frauen ohne Anämie sank die Müdigkeit unter Eisen um 29 Prozent, unter Placebo um 13 Prozent. Profitiert haben nur Frauen mit einem Ferritin von höchstens 50 µg/l.

Randomisierte Studie RCT Mensch

In 44 Hausarztpraxen in Frankreich bekamen 198 erschöpfte Frauen ohne Blutarmut, aber mit einem Ferritin unter 50 µg/l, zwölf Wochen lang Eisen oder Placebo. Die Müdigkeit sank unter Eisen um 47,7 Prozent, unter Placebo um 28,8 Prozent. Auf Lebensqualität, Stimmung und Angst fand sich kein messbarer Effekt.

Für dich heißt das: Ein niedriges Ferritin kann auch bei normalem Hämoglobin eine Rolle spielen. Untersucht wurden allerdings Frauen allgemein, nicht speziell nach der Geburt.

Vaucher P, Druais PL, Waldvogel S, Favrat B. CMAJ. 2012. DOI: 10.1503/cmaj.110950
Klinisch beobachte ich

Hier endet das, was die Studien sicher zeigen. In meiner Praxis orientiere ich mich bei erschöpften Frauen eher an einem Ferritin über 100 µg/l. Viele Werte zwischen 30 und 80 µg/l gelten im Labor als unauffällig, passen aber aus meiner Erfahrung oft nicht zum Bedarf einer Mutter im ersten Jahr. Das ist eine klinische Orientierung, kein offizieller Grenzwert, und große Studien zu diesem Zielwert nach der Geburt fehlen.

Wie aufgefüllt wird, hängt vom Ausmaß ab. Eine Übersichtsarbeit nennt bei leichtem bis mittlerem Eisenmangel nach der Geburt Eisen zum Einnehmen als erste Wahl und bei schwerem Eisenmangel die Infusion. Eine moderne Eiseninfusion kann sehr sinnvoll sein, wenn Indikation und Gegenanzeigen sorgfältig geprüft sind und die Gabe gut überwacht wird. Eisen solltest du nie auf Verdacht nehmen. Erst messen, dann entscheiden, denn auch ein Zuviel kann schaden.

Durch die KPNI-Linse ist Eisen ein Knotenpunkt. Es versorgt Nervensystem, Immunsystem und Stoffwechsel mit Sauerstoff und Energie, und auch die Schilddrüse braucht für eines ihrer Schlüsselenzyme Eisen. Fehlt es, kann der ganze Körper auf Sparflamme schalten. Im Alltag kannst du eisenreiche Lebensmittel mit Vitamin C kombinieren, etwa Linsen mit Paprika oder Rindfleisch mit Salat. Kaffee und Schwarztee trinkst du besser nicht direkt zum Essen, weil sie die Aufnahme bremsen können.

Anders hingeschaut

Müdigkeit nach der Geburt ist normal. Lähmende Erschöpfung über Monate ist es nicht unbedingt. Sie kann ein Hinweis sein, dass dein Körper etwas braucht, das sich messen lässt.

Und jetzt weißt du, warum ein Blick aufs Ferritin manchmal mehr verändern kann als die nächste Diät.

Schilddrüse nach der Geburt: Was ist eine Postpartum-Thyreoiditis?

Ein paar Monate nach der Geburt fühlst du dich plötzlich anders. Erst unruhig, mit Herzklopfen, und die Kilos purzeln. Später kommen bleierne Müdigkeit und trockene Haut, und das Gewicht steht still. Viele schieben das auf den Schlafmangel. Manchmal steckt die Schilddrüse dahinter.

Die kurze Antwort

Eine Postpartum-Thyreoiditis ist eine autoimmune Entzündung der Schilddrüse, die im ersten Jahr nach der Geburt neu auftritt. In einer Auswertung von 21 Studien betraf eine Funktionsstörung der Schilddrüse nach der Geburt etwa eine von zwölf Frauen. Typisch ist eine vorübergehende Über- oder Unterfunktion oder beides nacheinander.

Während der Schwangerschaft dimmt dein Immunsystem bestimmte Abwehrreaktionen herunter, damit es das Kind toleriert. Nach der Geburt dreht es wieder auf. Stell dir einen Dimmer vor, der neun Monate heruntergeregelt war und dann zu schnell hochgedreht wird. Eine Übersichtsarbeit beschreibt die Postpartum-Thyreoiditis als vorübergehende Form der Hashimoto-Thyreoiditis. Sie entsteht demnach als Folge dieses Wiederaufflammens, nachdem das Immunsystem in der Schwangerschaft gedämpft war.

Übersichtsarbeit Klinische Daten Mensch

Eine Übersichtsarbeit im Journal of Clinical Endocrinology and Metabolism nennt eine Häufigkeit von 5,4 Prozent. Am häufigsten ist eine reine Unterfunktionsphase (48 Prozent), seltener eine reine Überfunktion (30 Prozent) oder der klassische Wechsel von Über- zu Unterfunktion (22 Prozent). Bis zu 50 Prozent der Frauen mit Schilddrüsen-Antikörpern im ersten Schwangerschaftsdrittel entwickeln eine Postpartum-Thyreoiditis, und bei 20 bis 40 Prozent der Betroffenen bleibt langfristig eine Unterfunktion.

Für dich heißt das: Die Beschwerden der Unterfunktion, etwa Müdigkeit, trockene Haut und Gedächtnisprobleme, sind häufiger als die der Überfunktion und können leicht dem Babyalltag zugeschrieben werden.

Stagnaro-Green A. J Clin Endocrinol Metab. 2012. DOI: 10.1210/jc.2011-2576

Wie häufig ist das? Eine Auswertung der Johns Hopkins University aus 21 Studien mit 8.081 Frauen fand eine Funktionsstörung der Schilddrüse nach der Geburt bei 8,1 Prozent. Frauen mit TPO-Antikörpern waren 5,7-mal häufiger betroffen, Frauen mit Typ-1-Diabetes zu 19,6 Prozent. In einer großen Studie aus Süditalien mit 4.394 Frauen hatten 82 Prozent der Betroffenen eine Unterfunktionsphase. Am Ende des ersten Jahres bestand bei 54 Prozent noch eine Unterfunktion.

Auch zum Zeitpunkt gibt es Hinweise. In einer spanischen Studie aus Badalona mit 605 Frauen wurde eine vorübergehende Überfunktion zwischen dem ersten und dritten Monat oder eine Unterfunktion zwischen dem dritten und sechsten Monat als Postpartum-Thyreoiditis gewertet. Im sechsten Monat hatten 82 Prozent der Betroffenen auffällige Hormonwerte. Die Forschenden empfehlen deshalb eine Kontrolle um den sechsten Monat nach der Geburt.

Für dein Gewicht ist das relevant. Eine Unterfunktion kann den Energieumsatz senken und müde machen. Eine Überfunktion kann Gewicht purzeln lassen, das später zurückkommt. Wer in einer Unterfunktionsphase mit immer weniger Essen gegen eine träge Schilddrüse ankämpft, kämpft gegen den falschen Gegner.

Die Übersichtsarbeit nennt eine Behandlung der Unterfunktion bei Beschwerden und bei Frauen, die stillen oder erneut schwanger werden möchten. Auch die Leitlinie der American Thyroid Association widmet der Zeit nach der Geburt und der Stillzeit eigene Empfehlungen. Mehr zum Zusammenhang findest du im Artikel Schilddrüse und Gewicht.

Wenn du dich einige Monate nach der Geburt ungewöhnlich unruhig oder ungewöhnlich erschöpft fühlst, bitte um einen TSH-Wert. Das gilt besonders, wenn bei dir Schilddrüsen-Antikörper bekannt sind, du Typ-1-Diabetes oder eine andere Autoimmunerkrankung hast.

Perspektivwechsel

Nicht jede Erschöpfung nach der Geburt ist Psyche oder Schlafmangel. Manchmal ist sie ein Laborwert, den noch niemand angeschaut hat. Danach zu fragen ist kein Misstrauen, sondern gute Selbstfürsorge.

Und jetzt weißt du, warum der sechste Monat nach der Geburt ein guter Zeitpunkt für einen Blick auf die Schilddrüse sein kann.

Wie viel Kaloriendefizit ist in der Stillzeit vertretbar?

Du willst etwas tun. Aber jede Kalorie, die du weglässt, fühlt sich an wie eine Kalorie, die deinem Baby fehlen könnte. Diese Sorge ist verständlich. Die gute Nachricht: Genau dazu gibt es Studien.

Die kurze Antwort

In einer randomisierten Studie verloren übergewichtige, voll stillende Frauen ab der vierten Woche nach der Geburt rund 0,5 Kilogramm pro Woche, ohne dass das Wachstum ihrer Babys darunter litt. Sie aßen etwa 500 Kilokalorien weniger und bewegten sich an vier Tagen pro Woche 45 Minuten. Ein moderates Defizit mit Bewegung scheint vertretbar, ein radikales Defizit ist dagegen kaum untersucht.

Zuerst die Physik der Milch. Eine Auswertung von Messdaten aus Houston schätzt, dass volles Stillen rund 625 Kilokalorien pro Tag kostet, bei durchschnittlich etwa 750 Gramm Milch. Bei gut ernährten Frauen kann ein Teil davon aus den Fettreserven stammen, die der Körper in der Schwangerschaft angelegt hat. Netto bleiben dann rund 450 Kilokalorien Mehrbedarf.

Deine Fettreserven aus der Schwangerschaft sind wie ein Vorratskeller, den die Natur für die Stillzeit angelegt hat. Ein moderates Defizit öffnet die Kellertür. Ein zu großes Defizit räumt dagegen auch die Regale leer, die du selbst noch brauchst.

≈ 625 kcal

Energieaufwand für volles Stillen pro Tag (Butte und King 2005)

≈ 0,5 kg

Gewichtsverlust pro Woche ohne Effekt aufs Kindswachstum (Lovelady 2000)

≥ 1.500 kcal

Tageszufuhr, bei der Babys in einer Kurzzeitstudie nicht weniger tranken (Strode 1986)

Randomisierte Studie RCT Mensch

An der University of North Carolina in Greensboro wurden 40 übergewichtige, voll stillende Frauen vier Wochen nach der Geburt in zwei Gruppen gelost. Die eine Gruppe aß rund 500 Kilokalorien weniger und trainierte an vier Tagen pro Woche 45 Minuten, die andere lebte weiter wie bisher. Nach zehn Wochen hatte die Diät-und-Bewegungs-Gruppe 4,8 statt 0,8 Kilogramm verloren, davon 4,0 Kilogramm Fett, und ihre Babys nahmen genauso gut an Gewicht und Länge zu.

Für dich heißt das: Ein moderates Defizit mit Bewegung beeinträchtigte in dieser Studie das Wachstum der Babys nicht. Die Ergebnisse gelten für übergewichtige Frauen mit eingespieltem Stillen.

Lovelady CA, Garner KE, Moreno KL, Williams JP. N Engl J Med. 2000. DOI: 10.1056/NEJM200002173420701

Wie weit nach unten ist vertretbar? In einer kleinen Studie aßen 22 gut ernährte stillende Frauen eine Woche lang im Mittel 32 Prozent weniger. Ihre Babys tranken nicht weniger, solange die Mütter auf mindestens 1.500 Kilokalorien am Tag kamen. Die Forschenden betonen aber, dass es für eine sichere Untergrenze längere Studien braucht.

Eine australische Studie mit 15 stillenden Frauen zeigte über zwei Wochen mit einem Drittel weniger Energie ein interessantes Detail. Milchmenge und Wachstum der Babys blieben gleich. Die Konzentrationen von Insulin, Leptin und Adiponectin in der Milch sanken jedoch um 10 bis 25 Prozent. Was das langfristig für das Kind bedeutet, ist offen.

Cochrane-Review Systematischer Review

Ein Cochrane-Review hat 14 Studien zum Abnehmen nach der Geburt zusammengetragen, 12 davon mit 910 Frauen lieferten auswertbare Daten. Diät plus Bewegung führte im Mittel zu 1,93 Kilogramm mehr Gewichtsverlust als die übliche Betreuung, Bewegung allein zu keinem messbaren Unterschied. Die Programme schienen das Stillen nicht zu beeinträchtigen, und die Kombination mit Bewegung erhielt eher die fettfreie Masse als eine Diät allein.

Für dich heißt das: Essen und Bewegung gehören zusammen. Für stillende Frauen wünscht sich das Review allerdings mehr Daten.

Amorim Adegboye AR, Linne YM. Cochrane Database Syst Rev. 2013. DOI: 10.1002/14651858.CD005627.pub3

Bewegung allein macht übrigens nicht automatisch leichter. In einer randomisierten Studie der University of California in Davis trainierten 33 voll stillende Frauen ab der sechsten bis achten Woche nach der Geburt zwölf Wochen lang fünfmal pro Woche. Ihre Fitness stieg um 25 Prozent. Milchmenge, Milchzusammensetzung und die Gewichtszunahme der Babys blieben unverändert. Mehr abgenommen als die Kontrollgruppe haben die Frauen aber nicht, weil sie mehr aßen.

In einer späteren Übersichtsarbeit fasst Lovelady die Datenlage zusammen. Sobald das Stillen gut eingespielt ist, können übergewichtige Frauen ihre Energiezufuhr um etwa 500 Kilokalorien senken und sich an vier Tagen pro Woche ausdauernd bewegen, um rund 0,5 Kilogramm pro Woche abzunehmen. Für normalgewichtige Frauen gibt es deutlich weniger Daten.

Praktisch heißt das: in den ersten Wochen kein bewusstes Defizit, danach ein moderates statt eines radikalen. Iss nach Hunger, aber mit Struktur. Beobachte dein Baby, nicht nur die Waage: Gewichtszunahme, nasse Windeln, Zufriedenheit nach dem Trinken. Wenn du normalgewichtig bist, ohnehin wenig isst oder dich die Stillzeit sehr fordert, wäre ich noch vorsichtiger.

Neu gedacht

Das Ziel ist nicht das größte Defizit, das du gerade noch aushältst. Es ist das kleinste, mit dem sich langsam etwas bewegt. In der Stillzeit ist langsam nicht die zweitbeste Variante. Es ist die passende.

Und jetzt weißt du, warum 500 Kilokalorien weniger etwas völlig anderes sind als eine Diät.

Nimmt man durch Stillen automatisch ab?

Stillen verbrennt doch so viele Kalorien, hast du vielleicht gehört. Dann stillst du voll, Tag und Nacht, und die Waage bewegt sich kaum. Was stimmt denn nun?

Die kurze Antwort

Nicht automatisch. In einer systematischen Übersicht fand die Mehrzahl der Beobachtungsstudien kaum oder keinen Zusammenhang zwischen Stillen und Gewichtsverlauf. In einer landesweiten US-Kohorte verloren Frauen, die mindestens drei Monate ausschließlich stillten, nach einem Jahr im Mittel rund 1,5 Kilogramm mehr.

Stillen kostet Energie, aber es macht auch hungrig. Dein Körper ist klug. Er kann einen Teil des Mehrbedarfs über Appetit ausgleichen, damit die Milch zuverlässig fließt. Deshalb ist das Rechenbeispiel aus dem Internet selten deine Realität.

Systematische Übersicht Beobachtung Mensch

Ein Team der Queen's University Belfast hat 45 Beobachtungsstudien zu Stillen und Gewicht nach der Geburt ausgewertet. 63 Prozent der Studien fanden kaum oder keinen Zusammenhang mit dem Gewichtsverlauf, doch vier der fünf methodisch besten Studien sahen einen Vorteil für stillende Mütter. Die Daten stellen die verbreitete Annahme infrage, Stillen fördere grundsätzlich das Abnehmen, robustere Studien seien aber nötig.

Für dich heißt das: Stillen kann beim Abnehmen unterstützen, ist aber kein verlässlicher Automatismus.

Neville CE, McKinley MC, Holmes VA, Spence D, Woodside JV. Int J Obes. 2014. DOI: 10.1038/ijo.2013.132

Eine Auswertung aus einer landesweiten US-Kohorte mit 2.102 Frauen zeigt ein ähnliches Bild. Wer mindestens drei Monate ausschließlich stillte, verlor nach zwölf Monaten im Mittel rund 1,5 Kilogramm (3,2 Pfund) mehr als Frauen, die nicht oder nur kurz stillten. Teilweises Stillen zeigte keinen messbaren Effekt. Laut der Übersichtsarbeit von Lovelady unterstützt Stillen das Abnehmen bei normalgewichtigen Frauen meist in moderatem Ausmaß, bei einem BMI ab 35 dagegen kaum.

Still, wenn es für euch passt, weil es dir und deinem Kind viel geben kann. Aber mach dein Gewicht nicht davon abhängig. Und wenn Stillen nicht klappt oder du dich dagegen entscheidest, ist das kein Urteil über dich und deinen Körper.

Anders hingeschaut

Stillen ist eine Beziehung, kein Fitnessprogramm. Es darf dein Baby nähren, ohne zusätzlich für deine Figur zuständig zu sein.

Und jetzt weißt du, warum die Waage trotz vollem Stillen manchmal stehen bleibt.

Was jetzt sinnvoll sein kann: Eiweiß, Bewegung, Schlafschutz

Vielleicht denkst du jetzt: Gut, keine Diät. Aber was dann? Die Antwort ist unspektakulär, und gerade darin liegt ihre Stärke.

Eiweiß als Schutzschild für deine Muskeln

Bei einem Defizit greift dein Körper nicht nur auf Fett zurück, sondern auch auf Muskulatur. Eiweiß liefert das Baumaterial, das Muskeln schützen kann. Es sättigt außerdem gut und kann den Appetit stabilisieren.

Meta-Analyse Meta-Analyse RCT

Ein Team aus Adelaide hat 24 randomisierte Studien mit 1.063 Teilnehmenden ausgewertet, die eiweißreiche mit normal eiweißhaltigen Diäten bei gleicher Kalorienzahl verglichen. Mit mehr Eiweiß sanken Gewicht und Fettmasse etwas stärker, um 0,79 und 0,87 Kilogramm. Zusätzlich blieben 0,43 Kilogramm fettfreie Masse erhalten, und der Ruheumsatz fiel weniger ab. In drei von fünf Studien, die danach fragten, war die Sättigung größer.

Für dich heißt das: Stillende Frauen wurden nicht untersucht. Das Prinzip, Muskeln im Defizit mit Eiweiß zu schützen, ist für die Zeit nach der Geburt aber plausibel.

Wycherley TP, Moran LJ, Clifton PM, Noakes M, Brinkworth GD. Am J Clin Nutr. 2012. DOI: 10.3945/ajcn.112.044321

Praktisch heißt das: Bau in jede Mahlzeit eine Eiweißquelle ein. Eier, Joghurt oder Quark, Linsen und Bohnen, Tofu, Fleisch oder Käse. Für den Snack beim nächtlichen Stillen eignen sich Nüsse oder ein Stück Käse besser als Kekse. Mehr zu den Empfehlungen findest du im Artikel Wie viel Eiweiß brauchst du?

Nährstoffdichte statt Verzicht

In der Stillzeit zählt jede Mahlzeit doppelt, für dich und für die Milch. Eisenreiche Lebensmittel mit Vitamin C, buntes Gemüse, Vollkorn, Nüsse und hochwertige Öle bringen viel Versorgung pro Bissen. Für Omega-3 bevorzuge ich in der Praxis flüssiges Algenöl statt Kapseln.

In einer randomisierten Studie des Baylor College of Medicine in Houston bekamen stillende Mütter vier Monate lang Algenöl mit rund 200 Milligramm DHA pro Tag. Danach lag der DHA-Gehalt ihrer Milch etwa 75 Prozent höher, im Blut der Babys etwa 35 Prozent. Für die Entwicklung der Kinder fanden die Forschenden nur einen Unterschied, in einem Test der Bewegungsentwicklung mit 30 Monaten. Mehr zu den Quellen liest du im Beitrag Algenöl und Omega-3 im Vergleich.

Bewegung, die auflädt statt erschöpft

Bewegung nach der Geburt ist mehr als Kalorienverbrauch. Sie kann Herz, Kreislauf und Stimmung stärken. Die amerikanische Fachgesellschaft für Frauenheilkunde und Geburtshilfe beschreibt körperliche Aktivität als möglichen wichtigen Baustein, um depressiven Erkrankungen nach der Geburt vorzubeugen.

Sinnvoll ist ein Aufbau in Stufen. Zuerst Spaziergänge und Beckenboden, dann leichtes Krafttraining, später mehr Intensität. Lass dir vor intensivem Bauchtraining zeigen, wie es deinem Beckenboden und deiner geraden Bauchmuskulatur geht. Und stimme den Einstieg mit deiner Hebamme oder Frauenärztin ab, besonders nach einem Kaiserschnitt.

Schlafschutz als Teamaufgabe

Schlaf lässt sich nach der Geburt selten verlängern, aber er lässt sich schützen. Lege eine feste Kernschlafzeit fest, in der dich jemand anderes vertritt, wenn das möglich ist. Sag Besuche ab, wenn du müde bist. Und erlaube dir, Hausarbeit liegen zu lassen. Ein ausgeruhter, gut versorgter Körper ist eine gute Grundlage für jedes Gewichtsziel.

Neu gedacht

Nicht Verzicht bringt dich nach der Geburt voran, sondern Versorgung. Ein Körper, der sich gut versorgt fühlt, kann leichter loslassen als ein Körper im Mangel. Das ist meine klinische Sicht, keine Studienformel.

Und jetzt weißt du, warum dein Plan nach der Geburt mit Versorgung beginnt und nicht mit Weglassen.

Es geht nicht um die Jeans

Zurück zur Jeans im Schrank. Sie ist ein Symbol, und Symbole sind mächtig. Aber sie ist kein Maßstab für deinen Wert und auch kein Zeitplan.

Das Team aus La Crosse hat die 795 Frauen später erneut betrachtet. Bei 540 von ihnen lag das Gewicht im Mittel 8,5 Jahre nach der Geburt vor. Frauen, die ihr Schwangerschaftsgewicht bis sechs Monate nach der Geburt wieder verloren hatten, wogen dann 2,4 Kilogramm mehr als vor der Schwangerschaft. Frauen mit verbliebenem Gewicht wogen 8,3 Kilogramm mehr. Frauen, die gestillt hatten, und Frauen, die sich ausdauernd bewegten, nahmen langfristig weniger zu.

Lies das bitte nicht als tickende Uhr. Es zeigt etwas anderes: Was du im ersten Jahr behutsam anlegst, kann dich lange begleiten. Kleine Gewohnheiten zählen über Jahre mehr als ein großer Kraftakt über Wochen. Und Beobachtungsstudien zeigen Zusammenhänge, keine Schicksale.

Energie ist nach der Geburt kein Luxus. Sie ist Freiheit. Die Freiheit, mit deinem Kind auf dem Boden zu spielen, ohne danach erschöpft zu sein. Die Freiheit, dich in deinem Körper wieder zu Hause zu fühlen, egal welche Größe auf dem Etikett steht.

Und jetzt weißt du, warum die Jeans im Schrank warten darf.

Drei Hebel für die nächsten Wochen

1

Eiweiß bei jeder Mahlzeit

Plane zu jeder Mahlzeit und zum Nachtsnack eine Eiweißquelle ein. Das kann satt machen, deine Muskeln im Defizit schützen und Heißhunger dämpfen.

2

Bewegung in Stufen

Starte mit täglichen Spaziergängen und Beckenbodenübungen. Ergänze nach Rücksprache leichtes Krafttraining, damit ein späteres Defizit eher an Fett als an Muskeln zehrt.

3

Schlaf und Labor im Blick

Schütze Schlaf wie einen Termin. Lass bei anhaltender Erschöpfung Blutbild, Ferritin und TSH prüfen, um Bremsen zu finden, gegen die keine Diät ankommt.

Was du ärztlich abklären lassen kannst

  • Kleines Blutbild und Ferritin, am besten zusammen mit einem Entzündungswert, um leere Eisenspeicher zu erkennen.
  • TSH, bei Auffälligkeiten ergänzt um die freien Schilddrüsenhormone und die TPO-Antikörper, besonders um den sechsten Monat nach der Geburt.
  • Ein ehrliches Gespräch über Schlaf und Stimmung, denn beides gehört zu deiner Gesundheit genauso wie die Laborwerte.
Wann du nicht abwarten solltest
  • Herzrasen, Zittern, starke Unruhe oder ungewollter schneller Gewichtsverlust.
  • Lähmende Erschöpfung, Atemnot bei leichter Belastung, Schwindel oder Herzklopfen.
  • Dein Baby nimmt schlecht zu oder hat deutlich weniger nasse Windeln.
  • Gedrückte Stimmung, Freudlosigkeit oder Angst, die über Wochen anhalten. Bei Gedanken, dir oder deinem Kind etwas anzutun, wende dich sofort an eine Ärztin, eine Klinik oder den Notruf 112.

Was gut belegt ist und was offen bleibt

Belegt durch randomisierte Studien

Ein moderates Defizit mit Bewegung ab etwa vier Wochen nach der Geburt beeinträchtigte das Wachstum gestillter Babys nicht. Ausdauertraining veränderte die Milchmenge nicht. Eiweißreiche Diäten schützten im Defizit fettfreie Masse, untersucht allerdings außerhalb der Stillzeit. Eisen senkte die Müdigkeit bei niedrigem Ferritin.

Beobachtungsdaten, teils gemischt

Kurzer Schlaf und mehr Gewicht nach einem Jahr hängen in einer Kohorte zusammen, in einer anderen nicht. Stillen und Gewicht zeigen im Mittel einen kleinen Zusammenhang. Häufigkeit und Verlauf der Postpartum-Thyreoiditis stammen aus Kohorten und Übersichtsarbeiten.

Noch offen

Eine sichere Untergrenze der Kalorienzufuhr in der Stillzeit ist nicht festgelegt. Was veränderte Hormonspiegel in der Milch bei einem Defizit bedeuten, ist unklar. Für normalgewichtige Mütter gibt es wenige Daten.

Klinische Erfahrung

Die Orientierung an einem Ferritin über 100 µg/l und die Beobachtung, dass oft zuerst die Energie und dann das Gewicht zurückkommt, stammen aus meiner Praxis. Sie sind Erfahrung, kein Studienergebnis.

Häufige Fragen

Ab wann kann ich nach der Geburt mit dem Abnehmen beginnen?
Die ersten Wochen gehören der Erholung, der Rückbildung und dem Stillstart. In der bekanntesten randomisierten Studie zum Abnehmen in der Stillzeit begannen die Frauen frühestens vier Wochen nach der Geburt mit einem moderaten Kaloriendefizit. Eine Übersichtsarbeit beschreibt ein moderates Defizit als vertretbar, sobald das Stillen gut eingespielt ist. Nach einem Kaiserschnitt, einer schweren Geburt oder großem Blutverlust kann dein Körper mehr Zeit brauchen. Sprich den Start am besten mit deiner Hebamme oder Frauenärztin ab.
Wie viel darf ich in der Stillzeit pro Woche abnehmen?
Eine randomisierte Studie im New England Journal of Medicine fand: Rund 0,5 Kilogramm pro Woche zwischen der vierten und vierzehnten Woche nach der Geburt beeinträchtigten das Wachstum gestillter Babys nicht. Untersucht wurden 40 übergewichtige, voll stillende Frauen, die etwa 500 Kilokalorien weniger aßen und an vier Tagen pro Woche 45 Minuten trainierten. Für normalgewichtige Frauen und für ein schnelleres Tempo liefert diese Studie keine Daten. Ein langsameres Tempo ist deshalb oft die vorsichtigere Wahl.
Wie viele Kalorien brauche ich in der Stillzeit?
Milchbildung kostet Energie. Eine Auswertung von Messdaten schätzt den Aufwand bei vollem Stillen auf rund 625 Kilokalorien pro Tag, bei durchschnittlich etwa 750 Gramm Milch. Bei gut ernährten Frauen kann ein Teil aus den Fettreserven der Schwangerschaft stammen, sodass netto rund 450 Kilokalorien Mehrbedarf bleiben. In einer kleinen einwöchigen Studie tranken Babys nicht weniger, solange ihre Mütter mindestens 1.500 Kilokalorien am Tag aßen. Eine verlässliche Untergrenze für längere Zeiträume ist laut den Forschenden nicht festgelegt.
Geht die Milch zurück, wenn ich in der Stillzeit abnehme?
Bei einem moderaten Vorgehen spricht die Studienlage eher dagegen. In einer randomisierten Studie veränderte regelmäßiges Ausdauertraining weder Milchmenge noch Milchzusammensetzung, und in einer weiteren wuchsen die Babys trotz eines Defizits von rund 500 Kilokalorien normal. Laut einem Cochrane-Review schienen Ernährungs- und Bewegungsprogramme nach der Geburt das Stillen nicht zu beeinträchtigen, für stillende Frauen wünscht sich das Review aber mehr Daten. Achte auf dein Baby: Gute Gewichtszunahme und genug nasse Windeln sind gute Zeichen. Bei Zweifeln frag deine Hebamme oder die Kinderarztpraxis.
Nimmt man durch Stillen automatisch ab?
Nicht automatisch. Eine systematische Übersicht aus Belfast mit 45 Beobachtungsstudien fand in der Mehrzahl kaum oder keinen Zusammenhang zwischen Stillen und Gewichtsverlauf, die methodisch besten Studien sahen allerdings eher einen Vorteil. In einer landesweiten US-Kohorte mit 2.102 Frauen verloren Mütter, die mindestens drei Monate ausschließlich stillten, nach zwölf Monaten im Mittel rund 1,5 Kilogramm mehr. Stillen hat viele Vorteile, auf der Waage ist der Effekt im Durchschnitt aber eher klein.
Warum nehme ich nach der Geburt trotz wenig Essen nicht ab?
Nach der Geburt kommen oft mehrere Faktoren zusammen. Kurze Nächte können Hunger und Appetit verstärken und dazu führen, dass bei einem Defizit mehr Muskulatur und weniger Fett verloren geht. Ein leerer Eisenspeicher kann Energie und Antrieb dämpfen. Bei etwa einer von zwölf Frauen gerät außerdem die Schilddrüse im ersten Jahr nach der Geburt aus dem Gleichgewicht. Deshalb lohnt sich ein Blick auf diese Bremsen, bevor du noch weniger isst.
Welche Blutwerte sind nach der Geburt sinnvoll?
Bei anhaltender Erschöpfung können ein kleines Blutbild und das Ferritin zeigen, ob die Eisenspeicher nach Schwangerschaft und Geburt leer sind. Für die Schilddrüse ist der TSH-Wert der übliche Startpunkt, bei Auffälligkeiten ergänzt um die freien Schilddrüsenhormone und die TPO-Antikörper. Eine spanische Studie empfiehlt eine Kontrolle um den sechsten Monat nach der Geburt, weil dann die meisten Fälle einer Postpartum-Thyreoiditis erkennbar sind. Beim Ferritin orientiere ich mich in der Praxis eher an Werten über 100 µg/l. Das ist eine klinische Orientierung, kein offizieller Grenzwert.
Was ist eine Postpartum-Thyreoiditis und woran erkenne ich sie?
Eine Postpartum-Thyreoiditis ist eine autoimmune Entzündung der Schilddrüse, die im ersten Jahr nach der Geburt neu auftritt. Eine Übersichtsarbeit nennt eine Häufigkeit von 5,4 Prozent. Möglich sind eine vorübergehende Überfunktion, eine Unterfunktion mit Müdigkeit, trockener Haut und Gedächtnisproblemen oder beides nacheinander. Frauen mit Schilddrüsen-Antikörpern haben ein deutlich höheres Risiko. Bei 20 bis 40 Prozent der Betroffenen bleibt langfristig eine Unterfunktion, deshalb lohnen sich Kontrollen.
Darf ich in der Stillzeit Sport machen?
In der Regel ja, mit langsamem Einstieg und nach Rücksprache. In einer randomisierten Studie trainierten voll stillende Frauen ab der sechsten bis achten Woche nach der Geburt fünfmal pro Woche 45 Minuten ausdauernd. Milchmenge, Milchzusammensetzung und die Gewichtszunahme der Babys unterschieden sich nicht von der Kontrollgruppe, die Fitness der Mütter stieg um 25 Prozent. Die amerikanische Fachgesellschaft für Frauenheilkunde und Geburtshilfe beschreibt Bewegung zudem als möglichen wichtigen Baustein gegen depressive Erkrankungen nach der Geburt. Beginne mit Spaziergängen und Beckenbodentraining.
Wie wichtig ist Schlaf fürs Abnehmen nach der Geburt?
Schlaf scheint eine größere Rolle zu spielen, als viele denken. In der Project-Viva-Kohorte mit 940 Frauen hatten Mütter, die sechs Monate nach der Geburt höchstens fünf Stunden pro Tag schliefen, ein etwa dreifach erhöhtes Risiko, ein Jahr nach der Geburt noch mindestens fünf Kilogramm mehr zu wiegen. Eine neuere Studie mit 467 Erstgebärenden fand für die Nachtschlafdauer allein keinen solchen Zusammenhang. In einer kontrollierten Studie verloren Erwachsene bei kurzem Schlaf während einer Diät weniger Fett und mehr fettfreie Masse.
Soll ich in der Stillzeit Omega-3 nehmen?
Der DHA-Gehalt der Muttermilch lässt sich über deine Zufuhr beeinflussen. In einer randomisierten Studie aus Houston bekamen stillende Mütter vier Monate lang Algenöl mit rund 200 Milligramm DHA pro Tag, danach lag der DHA-Gehalt ihrer Milch etwa 75 Prozent höher als in der Kontrollgruppe. Für die Entwicklung der Babys waren die Ergebnisse gemischt. In meiner Praxis bevorzuge ich Omega-3 als flüssiges Algenöl statt als Kapsel. Ob und wie viel für dich passt, klärst du am besten ärztlich.

Verbindungen zu anderen Themen

SJ

Shukri Jarmoukli

Arzt, Integrative Medizin · ViveCura Berlin

Als approbierter Arzt verbinde ich Schulmedizin mit Klinischer Psychoneuroimmunologie, Lebensstilmedizin und anthroposophischen Perspektiven. Nach einer Geburt ist mir wichtig, Gewicht nicht als Frage der Disziplin zu behandeln. Ich schaue auf Schlaf, Eisen, Schilddrüse und Alltag, um gemeinsam Wege zu finden, die zu kurzen Nächten passen.

Die Betreuung durch Hebamme, Frauenärztin und Kinderarztpraxis ist wichtig und richtig. Was eine integrative Sicht ergänzen kann, ist der Blick auf die leisen Bremsen und auf die Hebel, die du selbst in der Hand hast.

ViveCura · Skalitzer Straße 137 · 10999 Berlin · vivecura.com

Quellen

Alle Studien wurden über PubMed gegen Titel, Autorinnen und Autoren, Jahr, Journal und DOI geprüft, zentrale DOIs zusätzlich über das DOI-Register. Zahlenangaben zu Studienergebnissen stammen aus den jeweiligen Abstracts. Der Studientyp steht in eckigen Klammern.

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Hinweis zur Evidenzlage: Belegt durch randomisierte Studien ist, dass ein moderates Defizit mit Bewegung ab etwa vier Wochen nach der Geburt bei übergewichtigen, voll stillenden Frauen das Wachstum der Babys nicht beeinträchtigte (Lovelady 2000), dass Ausdauertraining die Milchmenge nicht veränderte (Dewey 1994) und dass Eisen bei niedrigem Ferritin die Müdigkeit senken kann (Verdon 2003, Vaucher 2012). Die Zusammenhänge zwischen Schlaf, Stillen und Gewicht stammen aus Beobachtungsstudien und sind teils widersprüchlich (Gunderson 2008, Ryan 2023, Neville 2014, Jarlenski 2014). Die Studien zu Leptin, Ghrelin und Fettverlust bei kurzem Schlaf wurden nicht an Müttern durchgeführt (Spiegel 2004, Taheri 2004, Nedeltcheva 2010), ebenso die Meta-Analyse zu Eiweiß (Wycherley 2012). Die Grenze von 1.500 Kilokalorien stammt aus einer einwöchigen Studie mit 22 Frauen (Strode 1986). Die Orientierung an einem Ferritin über 100 µg/l ist klinische Erfahrung und kein Studienergebnis. Die Beschreibung aus der Praxis ist aus vielen Verläufen zusammengesetzt und anonymisiert, sie belegt keine Wirksamkeit. Dieser Text dient der Information und ersetzt keine ärztliche Untersuchung, Diagnose oder Behandlung. Wenn du stillst, Medikamente nimmst oder Vorerkrankungen hast, besprich Veränderungen bei Ernährung, Training oder Nahrungsergänzung bitte persönlich mit deiner Ärztin, deinem Arzt oder deiner Hebamme.

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