Brauche ich überhaupt Nahrungsergänzung? Blutwerte statt Bauchgefühl
Ein volles Regal, ein gutes Gefühl, keine einzige Messung. Warum die Gießkanne bei gesunden Menschen in großen Studien enttäuscht und welche Handvoll Werte vor dem nächsten Kauf zählt.
Ich rate dir nicht zu mehr Dosen. Ich rate dir zu weniger, dafür zu begründeten. Ein Präparat ohne Messwert ist eine Vermutung. Ein Präparat mit Messwert ist eine Entscheidung.
Ich wette, du kennst diesen Moment. Du stehst in der Drogerie vor einem Regal, das länger ist als deine Küchenzeile. Vitamin D, Magnesium, Zink, ein Immun-Komplex, etwas für Haut, Haare und Nägel.
Jede Packung klingt vernünftig. Jede verspricht ein kleines Stück Sicherheit. Und weil du nichts falsch machen willst, landen drei Dosen im Korb. Sicher ist sicher.
Zu Hause stehen schon fünf andere. Manche nimmst du täglich, manche nur, wenn du daran denkst. Ob du eine davon brauchst, weißt du nicht. Du hoffst es.
Darf ich dir eine unbequeme Frage stellen? Woher weißt du, was dir fehlt?
Dieser Artikel ist mein Plädoyer gegen das Regal und für eine Handvoll gezielter Blutwerte. Nicht, weil Nahrungsergänzung schlecht wäre. Sondern weil sie ein Werkzeug ist. Und ein Werkzeug braucht einen Grund.
Wie dein Körper Nährstoffe regelt und warum Einzelgaben Gleichgewichte kippen können, erklärt der Beitrag Wann Nahrungsergänzungsmittel sinnvoll sind, und wann sie stören. Hier geht es um den Schritt davor. Um die Frage, ob du überhaupt etwas brauchst, und wie du das herausfindest, bevor du Geld ausgibst.
Wenn du gesund bist und dich abwechslungsreich ernährst, brauchst du meist keine Nahrungsergänzung auf Verdacht. Große Studien zeigen bei Menschen ohne Mangel kaum Nutzen, einzelne Präparate gingen sogar mit Risiken einher. Sinnvoll wird Ergänzung dort, wo ein Blutwert einen Mangel zeigt oder eine besondere Lebenssituation vorliegt, etwa Kinderwunsch, vegane Ernährung oder zu wenig Sonne.
Was dich in diesem Artikel erwartet
- Warum wir zur Dose greifen, bevor wir messen
- Was große Studien bei gesunden Menschen zeigen
- Warum derselbe Nährstoff mal wenig bringt und mal viel bewirken kann
- Wo gut gemeinte Selbstdosierung kippen kann
- Acht Blutwerte, die vor dem Kauf zählen
- Drei Hebel für deine nächste Entscheidung
Zwölf Dosen auf dem Tisch
Ich kenne dieses Muster sehr gut. Jemand kommt in die Sprechstunde und stellt eine Stofftasche auf den Tisch. Darin zwölf Präparate, gesammelt über Monate. Dosen, Fläschchen, Blister.
Der Satz, den ich in solchen Momenten oft höre:
Wir haben die Rückseiten nebeneinandergelegt und Blut abgenommen. Nicht, um jemandem etwas wegzunehmen. Sondern um jede Dose zu fragen: Wofür bist du da?
Nach den Blutwerten blieben drei Präparate übrig, für die es einen messbaren Grund gab. Für die anderen neun fand sich kein Befund, der sie getragen hätte.
Die Lehre daraus: Es zählt nicht, wie viele Dosen du nimmst. Es zählt, wie viele davon einen Grund haben.
Warum greifen wir zur Dose, bevor wir messen?
Nahrungsergänzung fühlt sich an wie eine Versicherung. Kleine Prämie, großer Schutz. Wer würde da nein sagen?
Dieses Gefühl ist kein persönlicher Fehler. Es ist weit verbreitet, und es wächst. Zahlen aus Deutschland und den USA zeigen, wie sehr.
Das Robert Koch-Institut in Berlin wertete 2017 die Angaben von 7.091 Erwachsenen aus der bundesweiten Gesundheitsstudie DEGS1 aus.
18,1 Prozent nahmen Vitamine, Mineralstoffe oder Nahrungsergänzungsmittel in Selbstmedikation. Das waren rund sechs Prozentpunkte mehr als Ende der Neunzigerjahre. Häufiger griffen Frauen, Ältere, Menschen mit höherem sozialem Status, Nicht- und Ex-Rauchende sowie Sportliche zu.
Für dich heißt das: Zur Dose greifen vor allem Menschen, die ohnehin auf ihre Gesundheit achten. Ob ihnen etwas fehlt, steht auf einem anderen Blatt.
Knopf H. Bundesgesundheitsblatt Gesundheitsforschung Gesundheitsschutz. 2017;60(3):268-276. DOI: 10.1007/s00103-016-2500-yWarum greifen so viele zu? Ein Team in den USA hat genau das gefragt.
Ein Team um Bailey vom Office of Dietary Supplements der US-Gesundheitsbehörde NIH befragte 11.956 Erwachsene aus der repräsentativen NHANES-Erhebung nach ihren Motiven.
Am häufigsten ging es darum, die Gesundheit allgemein zu verbessern (45 Prozent) oder zu erhalten (33 Prozent). Nur 23 Prozent der Präparate wurden auf Empfehlung einer Ärztin, eines Arztes oder anderer Gesundheitsfachleute eingenommen. Wer Präparate nahm, schätzte die eigene Gesundheit zudem häufiger als sehr gut ein.
Für dich heißt das: Die meisten Dosen landen im Schrank, weil sie sich gut anfühlen. Nicht, weil ein Befund sie verlangt.
Bailey RL, Gahche JJ, Miller PE et al. JAMA Intern Med. 2013;173(5):355-361. DOI: 10.1001/jamainternmed.2013.2299Dazu passt ein Befund, der mich jedes Mal schmunzeln lässt. Die Gießkanne trifft oft die Beete, die schon nass sind. Eine Übersichtsarbeit aus Gießen und Zürich stützte sich 2020 unter anderem auf die Nationale Verzehrsstudie II. Danach nehmen die meisten Menschen in Deutschland über ihre Ernährung genug Vitamine auf. Knapp wird es vor allem bei Vitamin D und Folat. Und Präparate nehmen häufig gerade jene Erwachsenen, die sich ohnehin ausgewogen ernähren.
Das Team um Bailey verglich in zwei Auswertungen derselben NHANES-Daten, wie viele Mineralstoffe und Vitamine Menschen mit und ohne Präparate über ihr Essen aufnahmen.
Wer Präparate nahm, aß bereits nährstoffreicher. Gleichzeitig überschritten genau diese Menschen häufiger die tolerierbare Höchstmenge. Das betraf Kalzium, Zink, Eisen und Magnesium ebenso wie Folsäure und die Vitamine A, B6 und C.
Für dich heißt das: Mehrere Dosen addieren sich zu deinem Teller. Was einzeln harmlos aussieht, kann im Stapel über das Ziel hinausschießen.
Bailey RL, Fulgoni VL, Keast DR, Dwyer JT. Am J Clin Nutr. 2011;94(5):1376-1381. DOI: 10.3945/ajcn.111.020289 · Bailey RL, Fulgoni VL, Keast DR, Dwyer JT. J Acad Nutr Diet. 2012;112(5):657-663. DOI: 10.1016/j.jand.2012.01.026Noch ein Punkt, der vielen nicht bewusst ist. Nahrungsergänzungsmittel gelten in Deutschland rechtlich als Lebensmittel. Sie brauchen keine Zulassung wie ein Arzneimittel, es genügt eine Anzeige beim Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit. Ob ein Präparat zu dir passt, prüft also kein Verfahren. Das prüfst du, am besten mit einem Messwert.
Eine Dose ist keine Versicherung. Sie ist eine Hypothese: Mir fehlt etwas. Eine Hypothese prüfst du, bevor du auf sie baust.
Das klingt nüchtern. Es nimmt dir aber eine Last ab. Du musst nicht mehr raten.
Und jetzt weißt du, warum das volle Regal eher ein Gefühl bedient als einen Befund.
Was zeigen große Studien bei gesunden Menschen?
Vielleicht denkst du jetzt: Schaden kann es doch nicht. Und wenn es nur ein bisschen schützt, ist es das wert.
Genau diese Frage haben einige der größten Studien der Ernährungsmedizin gestellt. Mit zehntausenden Menschen, über Jahre, mit Placebo als Vergleich. Die Ergebnisse sind ernüchternd, und sie sind lehrreich.
Das Evidence-based Practice Center von Kaiser Permanente in Portland sichtete 2022 für die US-Präventionsbehörde USPSTF 84 Studien mit zusammen 739.803 Menschen. Untersucht wurden Erwachsene ohne Herz-Kreislauf-Erkrankung, ohne Krebs und ohne bekannten Nährstoffmangel.
Vitamine und Mineralstoffe zeigten wenig oder keinen Nutzen gegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs und vorzeitigen Tod. Für Multivitamine fand sich ein kleiner Vorteil bei der Krebshäufigkeit, mit wichtigen Einschränkungen. Beta-Carotin ging dagegen mit mehr Lungenkrebs einher, vor allem bei Menschen mit hohem Risiko.
Für dich heißt das: Ohne Mangel bringt die Dose im Durchschnitt wenig. Manche Präparate können sogar schaden.
O'Connor EA, Evans CV, Ivlev I et al. JAMA. 2022;327(23):2334-2347. DOI: 10.1001/jama.2021.15650Ein Team um Manson vom Brigham and Women's Hospital und der Harvard Medical School gab 25.871 Männern ab 50 und Frauen ab 55 Jahren täglich Vitamin D oder ein Placebo.
Nach im Mittel 5,3 Jahren traten Krebs und schwere Herz-Kreislauf-Ereignisse in beiden Gruppen ähnlich häufig auf. Auch die Gesamtsterblichkeit unterschied sich praktisch nicht.
Für dich heißt das: Vitamin D für alle, ohne vorher zu messen, hat in dieser großen Studie keine dieser Erkrankungen seltener gemacht.
Manson JE, Cook NR, Lee IM et al. N Engl J Med. 2019;380(1):33-44. DOI: 10.1056/NEJMoa1809944Ein Team um Sesso, ebenfalls vom Brigham and Women's Hospital, prüfte in der COSMOS-Studie ein tägliches Multivitamin bei 21.442 älteren Frauen und Männern.
Nach im Mittel 3,6 Jahren traten Krebs insgesamt und Herz-Kreislauf-Erkrankungen in beiden Gruppen ähnlich häufig auf. Ein einzelnes günstiges Signal zeigte sich bei Lungenkrebs. Solche Einzelbefunde brauchen Bestätigung, bevor sie tragen.
Für dich heißt das: Auch die bunte Rundum-Pille ist für gesunde Menschen kein Schutzschild.
Sesso HD, Rist PM, Aragaki AK et al. Am J Clin Nutr. 2022;115(6):1501-1510. DOI: 10.1093/ajcn/nqac056Bleibt die Frage, ob Nährstoffe überhaupt einen Unterschied machen. Sie können es, nur scheint es darauf anzukommen, woher sie stammen.
Ein Team um Chen von der Tufts University in Boston verfolgte 30.899 Erwachsene aus der NHANES-Erhebung über im Mittel 6,1 Jahre.
Die Einnahme von Präparaten an sich hing nicht mit einer geringeren Sterblichkeit zusammen. Eine ausreichende Zufuhr von Vitamin A, Vitamin K, Magnesium, Zink und Kupfer ging mit weniger Todesfällen einher, allerdings nur, wenn sie aus Lebensmitteln stammte. Viel Kalzium aus Präparaten war dagegen mit mehr Krebstodesfällen verbunden.
Für dich heißt das: Der Teller scheint mehr zu leisten als die Dose. Als Beobachtungsstudie kann diese Arbeit Ursache und Folge allerdings nicht sicher trennen.
Chen F, Du M, Blumberg JB et al. Ann Intern Med. 2019;170(9):604-613. DOI: 10.7326/M18-2478Kein Effekt im Durchschnitt heißt nicht: kein Effekt bei dir. Es heißt: Wer nichts misst, landet im Durchschnitt.
Die großen Studien haben vor allem Menschen ohne bekannten Mangel untersucht. Für sie ist die Gießkanne kaum ein Gewinn. Spannend wird es dort, wo tatsächlich etwas fehlt. Und das erkennst du nur, wenn du nachsiehst.
Und jetzt weißt du, warum ich gesunden Menschen ohne Befund eher zu Zurückhaltung rate als zu einer weiteren Dose.
Gießkanne oder Zielschuss: wann Ergänzung etwas bringen kann
Stell dir zwei Gärten vor. Im einen ist die Erde feucht, im anderen rissig vor Trockenheit. Du gießt beide mit derselben Kanne. Im ersten Garten passiert nichts. Im zweiten richtet sich die Pflanze auf.
Dieses Bild taucht in der Forschung immer wieder auf. Ob ein Nährstoff etwas bewirken kann, hängt offenbar stark davon ab, wie voll der Speicher vorher war.
Die Gießkanne
- Für alle, nach Gefühl und Werbung
- Bei Menschen ohne Mangel in Studien im Schnitt kaum Nutzen
- Mehrere Dosen addieren sich, manchmal über Höchstmengen
- Kein Maßstab, ob sich etwas verändert hat
Der Zielschuss
- Für einen konkreten, gemessenen Grund
- Größere Chance auf Nutzen, wenn tatsächlich etwas fehlt
- Menge und Dauer orientieren sich am Wert
- Ein Kontrollwert zeigt, ob sich etwas bewegt
Wie stark der Ausgangswert zählt, zeigt ein zweiter Blick in die VITAL-Studie.
In einer Zusatzauswertung von VITAL prüfte ein Team um LeBoff vom Brigham and Women's Hospital, ob Vitamin D Knochenbrüche verhindern kann.
Über im Mittel 5,3 Jahre brachen sich in beiden Gruppen ähnlich viele Menschen einen Knochen. Die Teilnehmenden waren nicht wegen eines Vitamin-D-Mangels, niedriger Knochendichte oder Osteoporose ausgewählt worden. Auch nach dem Ausgangswert aufgeschlüsselt zeigte sich kein Unterschied.
Für dich heißt das: Für gesunde, nicht ausgewählte Menschen war die Extra-Dosis kein Knochenschutz. Die Autorinnen und Autoren begrenzen ihre Aussage ausdrücklich auf diese Gruppe.
LeBoff MS, Chou SH, Ratliff KA et al. N Engl J Med. 2022;387(4):299-309. DOI: 10.1056/NEJMoa2202106Ein Team um Martineau von der Queen Mary University of London bündelte 2017 die Einzeldaten von 10.933 Menschen aus 25 randomisierten Studien zu Vitamin D und akuten Atemwegsinfekten.
Insgesamt traten Infekte unter Vitamin D etwas seltener auf. Bei täglicher oder wöchentlicher Gabe war der Schutz bei Menschen mit sehr niedrigem Ausgangswert unter 25 nmol/l deutlich stärker als bei besser Versorgten. Eine größere Folgeauswertung aus demselben Londoner Team mit 46 Studien fand 2021 nur noch einen kleinen Gesamteffekt und keinen klaren Unterschied nach Ausgangswert.
Für dich heißt das: Wer sehr wenig hatte, schien am meisten zu profitieren. Ganz geklärt ist das nicht, und genau so gehört es erzählt.
Martineau AR, Jolliffe DA, Hooper RL et al. BMJ. 2017;356:i6583. DOI: 10.1136/bmj.i6583 · Jolliffe DA, Camargo CA, Sluyter JD et al. Lancet Diabetes Endocrinol. 2021;9(5):276-292. DOI: 10.1016/S2213-8587(21)00051-6Beim Eisen ist das Bild klarer. Hier gibt es eine randomisierte Studie, die genau die Menschen untersucht hat, die mit unauffälligem Blutbild und großer Müdigkeit in die Praxis kommen.
Ein Team um Vaucher von der Universität Genf untersuchte 198 Frauen zwischen 18 und 53 Jahren aus 44 Hausarztpraxen in Frankreich. Alle waren erschöpft, hatten keine Blutarmut, aber ein Ferritin unter 50 µg/l.
Unter Eisen sank die Erschöpfung in zwölf Wochen um 47,7 Prozent, unter Placebo um 28,8 Prozent. Der Effekt zeigte sich unabhängig davon, ob das Ferritin unter oder über 15 µg/l lag.
Für dich heißt das: Auch ein Wert, den manche Labore noch als normal ausweisen, kann bei Beschwerden eine Rolle spielen. Grundlage war eine Messung, kein Bauchgefühl.
Vaucher P, Druais PL, Waldvogel S, Favrat B. CMAJ. 2012;184(11):1247-1254. DOI: 10.1503/cmaj.110950Die Frage ist nicht, ob ein Nährstoff etwas bewirken kann. Die Frage ist, ob er dir fehlt.
Ein Präparat ist wie ein Schlüssel. Er passt nur in ein bestimmtes Schloss. Der Blutwert zeigt dir, ob du vor diesem Schloss stehst.
Und jetzt weißt du, warum ich lieber einmal messe, als jahrelang auf Verdacht zu schlucken.
Wo gut gemeinte Selbstdosierung kippen kann
Vitamine klingen nach Obst, nach Sonne, nach Leben. Wie soll davon etwas schaden?
Paracelsus hat es vor fünfhundert Jahren sinngemäß so gesagt: Erst die Dosis entscheidet, ob etwas Gift ist. Bei Nährstoffen ist das keine Floskel. Viele haben ein Fenster. Darunter fehlt etwas, darüber wird es zur Last. Und bei einigen ist dieses Fenster enger, als die Verpackung vermuten lässt.
Beta-Carotin
In der finnischen ATBC-Studie mit 29.133 rauchenden Männern traten unter Beta-Carotin 18 Prozent mehr Lungenkrebsfälle auf.
Quelle 14 · RCTVitamin E
In der SELECT-Studie mit 35.533 Männern lag das Risiko für Prostatakrebs unter Vitamin E um 17 Prozent höher.
Quelle 15 · RCTSelen
Eine langjährige Selengabe ging bei 1.202 Menschen mit 55 Prozent mehr Typ-2-Diabetes einher, am deutlichsten bei hohem Ausgangswert.
Quelle 16 · RCTVitamin D in hoher Dosis
Bei 311 Gesunden sank die Knochendichte am Unterarm über drei Jahre unter hohen Tagesdosen stärker als unter einer niedrigen Dosis.
Quelle 17 · RCTVitamin A als Retinol
In der Nurses' Health Study mit 72.337 Frauen hing eine hohe Retinolzufuhr mit häufigeren Hüftbrüchen zusammen.
Quelle 18 · KohorteVitamin B6
Schon 1983 wurden sieben Erwachsene mit schweren Nervenstörungen nach hohen B6-Dosen beschrieben. Nach dem Absetzen besserte sich der Zustand bei allen.
Quelle 19 · FallserieEisen ohne Messung
In einer nordamerikanischen Screeningstudie trugen 0,44 Prozent der weißen Teilnehmenden die häufigste Anlage für eine Eisenspeicherkrankheit doppelt.
Quelle 20 · KohorteKalzium aus Präparaten
Viel Kalzium aus Präparaten war mit mehr Krebstodesfällen verbunden, Kalzium aus Lebensmitteln nicht.
Quelle 9 · KohorteKeiner dieser Befunde bedeutet, dass ein bestimmtes Präparat dir schadet. Er bedeutet: Mehr ist nicht automatisch sicherer. Die meisten dieser Risiken betreffen hohe Dosen, eine lange Einnahme oder Menschen, denen gar nichts fehlte. Zwei Beispiele zeigen besonders deutlich, warum ein Wert vor dem Start zählt.
Ein Team um Stranges von der University at Buffalo wertete eine Studie aus, in der 1.202 Menschen über Jahre Selen oder ein Placebo erhielten.
Typ-2-Diabetes trat unter Selen häufiger auf, das Risiko lag um 55 Prozent höher. Am deutlichsten war der Effekt bei denen, die schon zu Beginn die höchsten Selenwerte im Blut hatten. Dort lag das Risiko unter Selen etwa beim 2,7-Fachen der Placebogruppe.
Für dich heißt das: Ausgerechnet die gut Versorgten trugen das größte Risiko. Ein Messwert vor dem Start kann genau diese Gruppe sichtbar machen.
Stranges S, Marshall JR, Natarajan R et al. Ann Intern Med. 2007;147(4):217-223. DOI: 10.7326/0003-4819-147-4-200708210-00175Ein Team um Adams vom London Health Sciences Centre in Kanada untersuchte in der HEIRS-Studie 99.711 Menschen aus Hausarztpraxen und Blutabnahmestellen auf Eisenüberladung.
Bei weißen Teilnehmenden trugen 0,44 Prozent die häufigste genetische Anlage für eine Eisenspeicherkrankheit doppelt, also etwa eine von 230 Personen. Die meisten von ihnen hatten erhöhte Ferritinwerte und eine erhöhte Transferrinsättigung, viele ohne bisherige Diagnose.
Für dich heißt das: Eisen auf Verdacht kann für manche Menschen genau das Falsche sein. Ferritin und Transferrinsättigung vorher zu messen, ist keine Pedanterie. Es ist Sorgfalt.
Adams PC, Reboussin DM, Barton JC et al. N Engl J Med. 2005;352(17):1769-1778. DOI: 10.1056/NEJMoa041534Wie du eine Eisenüberladung einordnest und warum sie gut kontrollierbar ist, beschreibt der Beitrag Eisenüberladung und zu viel Eisen.
Durch die KPNI-Linse ist das alles wenig überraschend. Nährstoffe greifen gleichzeitig in Stoffwechsel, Immunsystem, Hormone und Nerven ein. Selen ist Baustein von Enzymen der Schilddrüse und der Abwehr, im Übermaß scheint es den Zuckerstoffwechsel zu belasten. Vitamin B6 arbeitet im Nervenstoffwechsel mit, in sehr hohen Dosen kann es genau diese Nerven reizen. Mehr dazu liest du im Beitrag Zu viel Vitamin B6. Und Eisen ist das Taxi für den Sauerstoff in deinem Blut. Im Überschuss kann es sich in Leber, Herz und Gelenken ablagern.
Weniger Dosen sind kein Verzicht. Sie sind Freiheit: von der Sorge, etwas zu verpassen, und von einem Regal, das dir erzählt, was dir angeblich fehlt. Klarheit fühlt sich leichter an als jede Kapsel.
Shukri Jarmoukli, ViveCura BerlinMehr ist nicht sicherer. Bei Nährstoffen entscheidet die Dosis, ob etwas Nahrung ist oder eine Last.
Hohe Dosen können in ärztlicher Begleitung sinnvoll sein, mit Messung vorher und Kontrolle danach. Den Unterschied zwischen Bedarfsdeckung und Therapie beschreibt der Beitrag Orthomolekulare Medizin oder Nahrungsergänzung?
Und jetzt weißt du, warum für mich vor jeder höheren Dosis eine Messung steht.
Welche Blutwerte zählen, bevor du etwas kaufst?
Vielleicht fragst du dich jetzt: Muss ich dann gleich ein riesiges Laborpaket machen? Nein. Es geht nicht um möglichst viele Werte. Es geht um die richtigen für deine Frage.
Aus meiner Erfahrung decken acht Werte die häufigsten Fragen ab, bevor jemand Geld für Präparate ausgibt. Diese Auswahl ist eine klinische Gewichtung, keine Liste aus einer Leitlinie. Nicht jede Person braucht alle acht. Welche sinnvoll sind, hängt von deinen Beschwerden, deiner Ernährung, deinen Medikamenten und deiner Lebensphase ab.
Ferritin mit CRP und Transferrinsättigung
Zeigt den Füllstand deines Eisenspeichers. Er ist die Grundlage für jede Entscheidung über Eisen, in beide Richtungen.
Ferritin ist auch ein Akute-Phase-Eiweiß des Immunsystems und steigt bei Entzündungen. Ohne CRP kann ein normaler Wert einen Mangel verdecken. Hohes Ferritin mit hoher Transferrinsättigung kann dagegen auf eine Überladung hindeuten.
25-OH-Vitamin D
Die Speicherform von Vitamin D. Sie spiegelt deine Versorgung über Wochen.
In der bundesweiten Studie DEGS1 lagen 61,6 Prozent der Erwachsenen unter 50 nmol/l, im Winter waren die Werte niedriger. Achte auf die Einheit: ng/ml mal etwa 2,5 ergibt nmol/l.
Holo-TC, das aktive B12
Zeigt den Anteil an B12, den deine Zellen über ihren Rezeptor aufnehmen können.
Der Gesamt-B12-Wert schlägt oft spät Alarm. Bei unklarem Befund kann Methylmalonsäure ergänzen. Mehr im Beitrag Vitamin-B12-Mangel trotz Normalwert.
Folat, bei Bedarf mit Homocystein
Zeigt, ob genug Folat für Zellteilung und Methylierung bereitsteht.
Folat zählt laut Nationaler Verzehrsstudie II neben Vitamin D zu den Vitaminen, bei denen es in Deutschland häufiger knapp wird. Homocystein verrät, ob der Stoffwechsel dahinter rund läuft. Mehr im Beitrag Homocystein erhöht.
Omega-3-Index
Misst den Anteil von EPA und DHA in den Membranen deiner roten Blutkörperchen, also deine Versorgung über Monate.
In der Ursprungsarbeit von 2004 ging ein Index ab 8 Prozent mit dem stärksten Schutz vor Herztod einher, ein Index bis 4 Prozent mit dem geringsten. Mehr im Beitrag Omega-3-Index messen.
Magnesium, gern im Vollblut
Gibt einen Hinweis auf deinen Magnesiumstatus. Der größte Teil des Magnesiums sitzt in Knochen und Zellen, nicht im Serum.
Der übliche Serum-Referenzbereich von 0,75 bis 0,95 mmol/l beruht auf einer Bevölkerungsverteilung von 1974, nicht auf klinischen Ergebnissen. Ein unterschwelliger Mangel kann sich dahinter verbergen. Mehr im Beitrag Mikronährstoffanalyse.
Zink und Selen
Zwei Spurenelemente für Abwehr, Haut, Schilddrüse und viele Enzyme.
Beide haben ein schmales Fenster zwischen zu wenig und zu viel. Gerade hier kann eine Gabe ohne Messung kippen, wie die Selen-Daten oben zeigen. Mehr im Beitrag Mineralstoffe im Gleichgewicht.
TSH als Schilddrüsen-Kontext
Zeigt, ob Müdigkeit, Frieren oder Haarausfall vielleicht von der Schilddrüse kommen statt von einem Nährstoff.
TSH ist oft nur der Anfang. Bei Auffälligkeiten gehören die freien Schilddrüsenhormone dazu. Mehr im Beitrag Der TSH-Wert allein reicht nicht.
Ferritin über 100: meine Perspektive, klar getrennt von der Studienlage
Beim Ferritin habe ich eine klare Position. Bei Menschen mit Beschwerden strebe ich in meiner Praxis einen Wert über 100 µg/l an. Das ist eine funktionelle Perspektive aus Erfahrung, kein Zielwert, den große Studien für alle Gesunden belegt haben.
Aus der Luft gegriffen ist dieser Wert trotzdem nicht. In der Kardiologie gilt bei Herzschwäche ein Ferritin unter 100 µg/l bereits als Eisenmangel.
Ein Team um Anker von der Charité in Berlin untersuchte in der FAIR-HF-Studie 459 Menschen mit Herzschwäche und Eisenmangel. Als Eisenmangel galt ein Ferritin unter 100 µg/l, oder bis 299 µg/l bei einer Transferrinsättigung unter 20 Prozent.
Nach Eiseninfusionen fühlten sich 50 Prozent deutlich oder mäßig besser, unter Placebo 28 Prozent. Das galt für Menschen mit und ohne Blutarmut.
Für dich heißt das: Ein Ferritin, das im Labor unauffällig aussieht, kann in bestimmten Situationen bereits als Mangel gelten. Auf Gesunde übertragen ist das eine Perspektive, kein Beweis.
Anker SD, Comin Colet J, Filippatos G et al. N Engl J Med. 2009;361(25):2436-2448. DOI: 10.1056/NEJMoa0908355Auch die Schlafmedizin zieht die Grenze höher als viele Labore. Eine Leitlinie der internationalen Restless-Legs-Studiengruppe hält Eisen zum Einnehmen bei unruhigen Beinen schon bis zu einem Ferritin von 75 µg/l für möglicherweise wirksam. Mehr dazu liest du im Beitrag Restless-Legs-Syndrom und Eisen. Wie die Debatte um das Ziel über 100 geführt wird, zeigt der Beitrag Ferritin über 100 als Ziel.
Bevor du Blut abnehmen lässt: Präparate können Werte verfälschen
Hier wird es fast kurios. Manche Präparate verändern nicht nur deinen Körper, sondern auch die Messung. Biotin zum Beispiel steckt häufig in Präparaten für Haut, Haare und Nägel.
Ein Team um Li von der University of Minnesota ließ sechs gesunde Erwachsene eine Woche lang Biotin einnehmen, in einer Menge, die in frei verkäuflichen Präparaten üblich ist. Danach prüfte es 37 Labortests für elf Messwerte.
Bei 9 von 23 Tests, die mit Biotin-Technik arbeiten, kam es zu Störungen. Je nach Gerät fiel zum Beispiel TSH fälschlich zu niedrig aus und Vitamin D fälschlich zu hoch.
Für dich heißt das: Sag vor jeder Blutabnahme, was du einnimmst. Ob und wie lange du etwas vorher pausierst, besprichst du mit deiner Ärztin oder deinem Arzt.
Li D, Radulescu A, Shrestha RT et al. JAMA. 2017;318(12):1150-1160. DOI: 10.1001/jama.2017.13705Aus Sicht der Klinischen Psychoneuroimmunologie, kurz KPNI, reden diese Werte miteinander. Eine stille Entzündung kann über das Immunsystem das Ferritin anheben und so einen Mangel verdecken. Die Schilddrüse braucht für ihre Hormonbildung Eisen, Jod und Selen, und ein Präparat kann ihr Laborbild verzerren. B12 und B6 betreffen das Nervensystem, im Mangel wie im Überschuss. Und der Stoffwechsel reagiert bei Selen und Kalzium nicht nur auf zu wenig, sondern auch auf zu viel. Ein einzelner Wert ist deshalb nie das ganze Bild. Erst zusammen erzählen sie eine Geschichte.
Wie Eisen, Selen, Zink und Vitamin D mit der Schilddrüse zusammenspielen, zeigt der Beitrag Die wichtigsten Nährstoffe für die Schilddrüse.
Ein Laborwert ist kein Urteil. Er ist eine Begründung.
Er sagt dir nicht, wer du bist. Er sagt dir, wofür ein Präparat da wäre, und woran du später erkennst, ob es etwas verändert hat.
Blutwerte statt Bauchgefühl heißt nicht: nie ohne Labor. Eine Übersichtsarbeit im Deutschen Ärzteblatt nennt gut begründete Situationen, in denen eine Ergänzung auch ohne vorherige Messung sinnvoll sein kann. Dazu gehören Folsäure bei Kinderwunsch und in der Schwangerschaft, Vitamin B12 bei veganer Ernährung oder gestörter Aufnahme und Vitamin D, wenn dein Körper zu wenig selbst bilden kann.
Und ärztlich verordnete Präparate setzt du bitte nie eigenmächtig ab, auch wenn dieser Artikel dich zum Aufräumen einlädt.
Und jetzt weißt du, warum eine Handvoll gezielter Werte mehr Klarheit bringen kann als ein ganzes Regal.
Drei Hebel für deine nächste Entscheidung
Ich gebe dir bewusst keine Dosierungen. Sie hängen von deinen Werten ab, und die kenne ich nicht. Was ich dir gebe, sind drei Richtungen, die du heute umsetzen kannst.
Mach Inventur, bevor du kaufst
Stell alle Dosen auf den Tisch und lies die Rückseiten nebeneinander. Viele Präparate enthalten dieselben Nährstoffe in unterschiedlichen Mengen. Zähl sie zusammen. Oft zeigt schon dieser Blick, wo sich etwas doppelt.
Lass messen, was zu deiner Frage passt
Nimm die Liste mit in die Praxis. Frag nach den Werten, die zu deinen Beschwerden und deiner Lebensphase passen, statt nach einem Rundum-Paket. Erwähne dabei alles aus der Drogerie, vor allem Biotin.
Gib jedem Präparat einen Grund und einen Kontrolltermin
Schreib zu jeder Dose, welcher Wert sie begründet und wann er wieder gemessen wird. Ein Präparat ohne Grund darf gehen. Ein Präparat mit Grund verdient eine Kontrolle.
Deine Inventur in fünf Fragen
- Welche Nährstoffe stecken in mehreren meiner Präparate gleichzeitig?
- Für welches Präparat gibt es einen gemessenen Grund?
- Nehme ich etwas, das Laborwerte stören kann, etwa Biotin?
- Welche Medikamente nehme ich, die mit Präparaten zusammenspielen könnten?
- Wann wurde zuletzt kontrolliert, ob sich etwas verändert hat?
Gut belegt: Bei gesunden Erwachsenen ohne bekannten Mangel zeigen Vitamine und Mineralstoffe in großen Studien wenig oder keinen Nutzen gegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs und vorzeitigen Tod. Beta-Carotin, Vitamin E und Selen gingen in randomisierten Studien mit Risiken einher.
Plausibel, mit gemischter Datenlage: Menschen mit echtem Mangel profitieren eher. Beim Eisen stützt das eine randomisierte Studie, beim Vitamin D sind die Auswertungen uneinheitlich.
Meine klinische Perspektive: Das Ferritin-Ziel über 100 µg/l bei Beschwerden und die Auswahl der acht Kernwerte beruhen auf Erfahrung und auf Grenzwerten aus Fachgebieten wie Kardiologie und Schlafmedizin, nicht auf Studien an Gesunden.
Nahrungsergänzung ist weder Lifestyle-Accessoire noch Feind. Sie ist ein Werkzeug, das einen Grund braucht. Den Grund findest du nicht im Regal, sondern in deinem Blut.
Erst messen, dann entscheiden. So kann aus zwölf Dosen eine Handvoll werden, die zu dir passt.
Wenn du deine Werte nicht nur lesen, sondern einordnen lassen willst: Unterhalb dieses Artikels findest du die Möglichkeit, einen Termin zu buchen.
Häufige Fragen
Ist Nahrungsergänzung sinnvoll, wenn ich mich gesund ernähre?
Für gesunde Menschen ohne Mangel bringt sie in großen Studien meist wenig. Eine Auswertung von 84 Studien mit 739.803 Menschen fand für Vitamine und Mineralstoffe wenig oder keinen Nutzen gegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs und vorzeitigen Tod. Laut Nationaler Verzehrsstudie II nehmen die meisten Menschen in Deutschland genug Vitamine über die Nahrung auf, knapp wird es vor allem bei Vitamin D und Folat. Sinnvoll wird eine Ergänzung, wenn ein Mangel gemessen wurde oder eine besondere Lebenssituation vorliegt.
Welche Blutwerte sollte ich vor der Einnahme von Nahrungsergänzung bestimmen lassen?
Das hängt von deiner Frage ab, nicht von einem Standardpaket. Häufig aussagekräftig sind Ferritin mit CRP und Transferrinsättigung, 25-OH-Vitamin D, Holo-TC als aktives B12, Folat, der Omega-3-Index, Magnesium, Zink und Selen sowie TSH als Blick auf die Schilddrüse. Ein kleines Blutbild und ein Nierenwert runden das Bild ab. Nicht jede Person braucht alle Werte. Beschwerden, Ernährung, Medikamente und Lebensphase entscheiden, welche passen.
Warum zeigen große Studien wie VITAL kaum Nutzen?
Weil sie überwiegend Menschen untersucht haben, denen nichts fehlte. In VITAL bekamen 25.871 Erwachsene Vitamin D oder Placebo, ausgewählt wurden sie nicht nach einem Mangel. Krebs und Herz-Kreislauf-Ereignisse traten in beiden Gruppen ähnlich häufig auf, auch Knochenbrüche wurden nicht seltener. Wer gut versorgt ist, gewinnt durch mehr vom Gleichen wenig. Studien bei echtem Mangel können anders ausfallen, beim Eisen zeigt das etwa eine randomisierte Studie zu Erschöpfung.
Kann ich Vitamine und Mineralstoffe überdosieren?
Ja, besonders wenn sich mehrere Präparate addieren. In US-Daten überschritten Menschen mit Präparaten häufiger die tolerierbaren Höchstmengen, etwa bei Zink, Eisen, Folsäure und den Vitaminen A und B6. Studien verbinden sehr hohe Dosen Vitamin B6 mit Nervenstörungen, viel Retinol mit mehr Hüftbrüchen und eine langjährige Selengabe mit mehr Typ-2-Diabetes. Eisen auf Verdacht kann bei einer unerkannten Eisenspeicherkrankheit belasten. Deshalb lohnt der Blick auf die Summe aller Dosen.
Sollte ich meine Präparate vor der Blutabnahme absetzen?
Besprich das vorher mit deiner Ärztin oder deinem Arzt, statt es allein zu entscheiden. Biotin kann manche Labortests stören: In einer Studie verfälschte eine Woche Biotin 9 von 23 dafür anfälligen Testverfahren, darunter je nach Gerät TSH und Vitamin D. Auch ein frisch begonnenes Präparat kann einen Wert anheben, bevor die Ursache eines Mangels geklärt ist. Ärztlich verordnete Medikamente setzt du bitte nie eigenmächtig ab. Entscheidend ist, dass das Labor weiß, was du nimmst.
Welcher Ferritinwert ist gut?
Eine einheitliche Antwort gibt es nicht, die Grenzen hängen von Situation und Labor ab. In einer randomisierten Studie konnte Eisen die Erschöpfung bei Frauen mit Ferritin unter 50 µg/l verringern, auch wenn der Wert über 15 lag. In der Kardiologie gilt bei Herzschwäche ein Ferritin unter 100 µg/l bereits als Eisenmangel. In meiner Praxis strebe ich bei Beschwerden Werte über 100 µg/l an. Das ist eine funktionelle Perspektive, kein für alle Gesunden belegter Zielwert, und Ferritin gehört immer zusammen mit CRP und Transferrinsättigung gelesen.
Brauche ich ein Multivitamin als Absicherung?
Als Rundum-Versicherung ist es für gesunde Menschen schwach belegt. In der COSMOS-Studie mit 21.442 älteren Erwachsenen senkte ein tägliches Multivitamin weder die Krebshäufigkeit insgesamt noch Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Eine große Übersicht fand einen kleinen Vorteil bei der Krebshäufigkeit, allerdings mit wichtigen Einschränkungen. Bei einem konkreten Mangel ist eine gezielte Ergänzung meist passender als eine bunte Mischung.
Wann ist eine Ergänzung auch ohne Blutwert sinnvoll?
In einigen gut begründeten Lebenssituationen. Eine Übersichtsarbeit im Deutschen Ärzteblatt nennt Folsäure bei Kinderwunsch und in der Schwangerschaft, Vitamin B12 bei veganer Ernährung oder gestörter Aufnahme und Vitamin D, wenn der Körper zu wenig selbst bilden kann. Auch ärztlich verordnete Präparate gehören dazu. Außerhalb solcher Situationen ist die Messung der bessere erste Schritt.
Wie oft sollte ich meine Werte kontrollieren lassen?
Das hängt vom Nährstoff und vom Ausgangswert ab. Speicherwerte wie Ferritin oder 25-OH-Vitamin D verändern sich über Wochen bis Monate, eine Kontrolle ergibt deshalb meist erst nach einer gewissen Einnahmezeit Sinn. Wer ohne Mangel nichts einnimmt, braucht in der Regel keine engmaschigen Kontrollen. Hilfreich ist, den Kontrollzeitpunkt schon beim Start festzulegen. Dann weißt du, woran du einen Erfolg erkennst.
Was unterscheidet diesen Beitrag von den anderen Artikeln zur Nahrungsergänzung?
Der Beitrag Wann Nahrungsergänzungsmittel sinnvoll sind erklärt, wie dein Körper Nährstoffe regelt und warum Einzelgaben Gleichgewichte kippen können. Der Beitrag zur Mikronährstoffanalyse vertieft, was Vollblut und Serum jeweils messen. Dieser Artikel setzt davor an: bei der Frage, ob du überhaupt etwas brauchst, warum wir oft nach Gefühl kaufen und welche Handvoll Werte vor dem ersten Kauf zählt. Die Texte ergänzen sich.
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Alle Studien wurden über PubMed recherchiert und gegen die PubMed-Metadaten geprüft (Titel, Autorinnen und Autoren, Jahr, Journal, DOI). Zentrale Arbeiten wurden zusätzlich über Consensus gegengeprüft, einzelne Inhalte über die Volltexte in PubMed Central. Der Studientyp steht in eckigen Klammern.
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