Ratgeber Naturkräfte · Erdung und Barfußgehen

Grounding und Erdung: Was ist dran am Barfußstehen auf der Erde?

Weder Hype noch Abtun. Eine faire Einordnung, welche Effekte des Barfußstehens gut belegt sind und wo die Elektronen-Hypothese bisher auf dünnen Daten steht.

Evidenz-Check KPNI-Einordnung 16 Quellen Ohne Hype
SJ
Shukri JarmoukliArzt, Integrative Medizin · ViveCura Berlin
Mein Ausgangspunkt

Ich mag es, wenn Menschen barfuß über eine Wiese gehen. Ich mag es weniger, wenn daraus ein Versprechen wird. Zwischen Abtun und Anbeten liegt ein dritter Weg: genau hinschauen, was gemessen wurde.

Kennst du diesen Moment? Du ziehst im Sommer die Schuhe aus, stellst dich ins kühle Gras und atmest zum ersten Mal an diesem Tag richtig aus.

Irgendetwas passiert da. Das spürst du. Und dann liest du im Netz, dass es die Elektronen der Erde sind, die in deinen Körper fließen und Entzündungen dämpfen. Und plötzlich kostet das gute Gefühl eine Erdungsmatte, ein Laken und ein Verlängerungskabel.

Darf ich dir eine Frage stellen? Was, wenn dein Gefühl stimmt, die Erklärung aber eine andere ist? Genau darum geht es hier. Ich möchte dir nichts ausreden und nichts verkaufen. Ich möchte die Teile sortieren.

Was dich in diesem Artikel erwartet

  • Was Grounding überhaupt behauptet
  • Die Studien zur Erdung, einzeln betrachtet
  • Wo die Evidenz dünn wird und warum
  • Was Naturkontakt gut belegt leisten kann
  • Was Barfußgehen mit deinen Füßen macht
  • Die vier KPNI-Linsen auf das Thema
  • Eine Geschichte über Erdungsmatten
  • Drei Hebel für den Alltag

Was Grounding behauptet

Stell dir die Erde als riesigen Akku vor. Ihre Oberfläche trägt eine leicht negative Ladung, also einen Überschuss an Elektronen. Das ist Physik und unstrittig.

Die Grounding-Hypothese geht einen Schritt weiter. Sie sagt: Wenn deine Haut leitenden Kontakt mit dem Boden hat, gleicht sich das elektrische Potenzial deines Körpers an das der Erde an. Dabei könnten freie Elektronen in den Körper gelangen. Dort sollen sie wie Antioxidantien freie Radikale neutralisieren und so Entzündungsprozesse beeinflussen.

Der erste Teil ist plausibel. Dein Körper ist leitfähig, und ein geerdeter Körper hat ein anderes Oberflächenpotenzial als ein isolierter. Der zweite Teil ist eine Hypothese. Dass Elektronen aus dem Boden in nennenswerter Menge bis an Entzündungsherde im Gewebe wandern und dort Radikale abfangen, wurde beim Menschen bisher nicht direkt gezeigt.

Reframe

Die Frage ist nicht, ob Barfußstehen sich gut anfühlt. Das tut es für viele Menschen.

Die Frage ist, welcher Teil des Erlebnisses den Unterschied macht. Elektrischer Kontakt, frische Luft, Tageslicht, Grün, Langsamkeit, Sinnesreize an der Fußsohle. Erst wenn du die Zutaten trennst, kannst du entscheiden, wofür sich Geld und Zeit lohnen.

Und jetzt weißt du, warum die Diskussion so oft aneinander vorbeiläuft. Befürworter und Skeptiker reden über dasselbe Erlebnis, aber über verschiedene Erklärungen.

Was die Studien zur Erdung zeigen

Ich möchte dir die wichtigsten Arbeiten so vorstellen, wie ich sie selbst lese. Mit dem, was beobachtet wurde. Und mit dem, was das Studiendesign zulässt.

Evidenz-Stufen in diesem Artikel: Klinische Studie oder Meta-Analyse Beobachtung oder Pilot am Menschen Tiermodell Zellkultur
Studie 1 · Cortisol im Schlaf Pilot, ohne Kontrolle

Ghaly und Teplitz erdeten 2004 zwölf Menschen mit Schlafproblemen, Schmerzen und Stress acht Wochen lang nachts über eine leitfähige Matratzenauflage. Das Speichelcortisol wurde vorher und in Woche sechs über 24 Stunden gemessen.

Das nächtliche Cortisol lag danach niedriger, und fast alle berichteten über besseren Schlaf und weniger Schmerz. Eine Kontrollgruppe gab es nicht, die Teilnehmenden wussten, dass sie geerdet wurden.

Was das für dich bedeutet: Das ist ein interessanter Ausgangspunkt. Ohne Vergleichsgruppe lässt sich aber nicht trennen, ob die Erdung, die Erwartung oder einfach die Zeit den Unterschied gemacht hat.

Ghaly M, Teplitz D. J Altern Complement Med. 2004. DOI: 10.1089/acm.2004.10.767
Studie 2 · Blutviskosität Pilot, n=10

Chevalier und Kollegen erdeten 2012 zehn gesunde Erwachsene zwei Stunden lang über Elektroden an Händen und Füßen. Sie maßen die elektrische Oberflächenladung roter Blutkörperchen, das sogenannte Zetapotenzial.

Das Zetapotenzial stieg im Mittel um den Faktor 2,7, und die roten Blutkörperchen verklumpten unter dem Mikroskop weniger. Die Autoren sprechen von reduzierter Blutviskosität.

Was das für dich bedeutet: Gemessen wurden Blutstropfen auf dem Objektträger bei zehn Personen ohne Kontrollgruppe. Ob das im Kreislauf eine klinische Rolle spielt, ist offen. Der Titel der Arbeit ordnet den Befund als Herzkreislauf-Faktor ein. Nach meiner Lesart reicht diese Einordnung über das hinaus, was zehn Blutproben zeigen können.

Chevalier G, Sinatra ST, Oschman JL, Delany RM. J Altern Complement Med. 2013. DOI: 10.1089/acm.2011.0820
Studie 3 · Muskelkater RCT mit Scheinerdung, n=32

Brown und Kollegen ließen 2015 32 junge Männer 200 halbe Kniebeugen machen. Danach lag die Hälfte vier Stunden geerdet, die andere Hälfte scheingeerdet, an zwei Tagen hintereinander.

Muskelschmerz hatten beide Gruppen. Die Kreatinkinase, ein Marker für Muskelschaden, stieg in der Scheingruppe am zweiten Tag deutlich an, in der geerdeten Gruppe nicht signifikant. Der Unterschied zwischen den Gruppen lag knapp unter der Signifikanzgrenze von fünf Prozent.

Was das für dich bedeutet: Das ist methodisch eine der stärkeren Arbeiten, weil es eine Scheinbedingung gab. Sie ist aber klein, der Effekt knapp, und der Schmerz als Alltagsgröße unterschied sich nicht entscheidend. Eine Vorläuferstudie derselben Gruppe hatte nur acht Teilnehmende.

Brown R, Chevalier G, Hill M. Open Access J Sports Med. 2015. DOI: 10.2147/OAJSM.S87970
Studie 4 · Massagetherapie RCT, doppelblind, n=16

Chevalier und Kollegen untersuchten 2018 16 Massagetherapeutinnen und Massagetherapeuten in einem doppelblinden Stepped-Wedge-Design über sechs Wochen. Vier Wochen wurden sie bei der Arbeit und im Schlaf geerdet, davor und danach nicht.

In der Erdungsphase berichteten sie über mehr Energie und körperliche Funktion sowie weniger Schmerz, Müdigkeit und gedrückte Stimmung.

Was das für dich bedeutet: Doppelblind ist ein Pluspunkt. Sechzehn Personen und ausschließlich Fragebögen als Endpunkt machen das Ergebnis aber anfällig für Zufall. Es ist eine Einladung zu größeren Studien, keine Bestätigung.

Chevalier G, Patel S, Weiss L, Chopra D, Mills PJ. Explore (NY). 2019. DOI: 10.1016/j.explore.2018.10.001
8 bis 32Teilnehmende pro Erdungsstudie in den hier besprochenen Arbeiten
0große, unabhängig replizierte Erdungs-RCTs, die ich finden konnte
19.806Menschen in einer einzigen Studie zu Naturkontakt

Wer forscht zu Grounding?

Ein Punkt gehört sachlich auf den Tisch. Ein großer Teil der Erdungsforschung stammt aus einem kleinen, wiederkehrenden Kreis von Autorinnen und Autoren. Das ist für junge Forschungsfelder nicht ungewöhnlich.

In einer Übersichtsarbeit von 2017 geben drei dieser Autoren an, Anteile an einem Unternehmen zu halten, das Erdungssysteme für Innenräume herstellt. In einer anderen Publikation ist als Affiliation ein Earthing Institute angegeben. Interessenkonflikte machen Ergebnisse nicht falsch. Sie sind aber ein Grund, auf unabhängige Wiederholungen zu warten.

Fair eingeordnet

Was die Studien zeigen: In mehreren kleinen Arbeiten gingen Erdung und Veränderungen bei Cortisol, Blutzellen, Muskelschadenmarkern, Schmerz und Stimmung zeitlich zusammen.

Was sie nicht zeigen: dass diese Effekte groß, klinisch bedeutsam und unabhängig reproduzierbar sind. Und dass der Mechanismus über Elektronenübertragung läuft.

Die Übersichtsarbeiten derselben Autorengruppe formulieren weitreichende Hypothesen zu Entzündung und Autoimmunität. Das ist legitim als Forschungsrichtung. Als Gesundheitsversprechen trägt es nicht.

Und jetzt weißt du, warum ich bei Grounding weder lache noch jubele. Die Idee ist interessant. Die Datenbasis ist dünn.

Die Erdungsmatte und der Abendspaziergang

Ich kenne dieses Muster sehr gut. Eine Person, beruflich viel am Bildschirm, schlief seit Monaten schlecht. Sie hatte sich nach einem Video eine Erdungsmatte fürs Bett und eine für den Schreibtisch gekauft.

„Ich habe das Gefühl, es tut mir gut. Aber ich weiß nicht, ob es die Matte ist."

Als wir den Alltag gemeinsam angeschaut haben, fiel etwas auf. Mit der Matte hatte sie sich auch ein Ritual gebaut. Jeden Abend ging sie eine halbe Stunde barfuß in den Garten, ohne Handy. Sie ging früher ins Bett, weil sie die Matte nicht nur liegen lassen wollte. Und sie war insgesamt deutlich mehr draußen als vorher.

Nach einigen Wochen schlief sie besser und fühlte sich tagsüber wacher. Als sie für zwei Wochen verreiste, ohne Matte, aber mit täglichen Spaziergängen, blieb der Schlaf stabil.

Ich kann daraus keine Kausalität ableiten, aber ich dokumentiere den zeitlichen Zusammenhang. Es haben sich mehrere Dinge gleichzeitig verändert, und eine einzelne Beobachtung erlaubt keine Aussage darüber, welches davon den Unterschied gemacht hat. Die Lehre daraus: Manchmal ist das Produkt der Anlass, und die Gewohnheit, die daraus entsteht, ist der größere Gewinn.

Was Naturkontakt gut belegt leisten kann

Denk an den letzten Tag, an dem du lange draußen warst. Vermutlich warst du abends müde, aber auf eine angenehme Art. Dieses Gefühl ist deutlich besser untersucht als jede Erdungsmatte.

Studie 5 · Grünflächen und Gesundheit Meta-Analyse, 143 Studien

Twohig-Bennett und Jones werteten 2018 103 Beobachtungs- und 40 Interventionsstudien zu Grünflächen und Gesundheit aus.

Mehr Grün im Umfeld ging mit niedrigerem Speichelcortisol, niedrigerer Herzfrequenz und niedrigerem diastolischem Blutdruck einher. Das Risiko für Typ-2-Diabetes lag niedriger, mit einer Odds Ratio von 0,72, die Gesamtsterblichkeit ebenfalls, mit 0,69.

Was das für dich bedeutet: Das sind Zusammenhänge, keine bewiesenen Ursachen, und die Autoren benennen selbst eine teils geringe Studienqualität. Die Richtung ist über sehr viele Arbeiten hinweg aber erstaunlich einheitlich.

Twohig-Bennett C, Jones A. Environ Res. 2018. DOI: 10.1016/j.envres.2018.06.030
Studie 6 · Waldbaden und Cortisol Meta-Analyse

Antonelli und Kollegen sichteten 2019 971 Artikel, schlossen 22 Studien ein und werteten acht quantitativ aus.

Nach dem Aufenthalt lag das Speichelcortisol in den Waldgruppen im Mittel um 0,05 Mikrogramm pro Deziliter niedriger als in den Stadtgruppen. Die Autoren betonen, dass Erwartungseffekte eine wichtige Rolle spielen könnten.

Was das für dich bedeutet: Ein kleiner, kurzfristiger und wiederholt beobachteter Effekt. Die Autoren gehen offen mit dem Placebo-Anteil um, und genau diese Haltung wünsche ich mir auch in der Erdungsforschung.

Antonelli M, Barbieri G, Donelli D. Int J Biometeorol. 2019. DOI: 10.1007/s00484-019-01717-x
Studie 7 · Waldtherapie, Blutdruck, Cortisol Meta-Analyse

Qiu und Kollegen fassten 2023 21 Studien mit 2.270 Teilnehmenden zum Blutdruck und 13 Studien mit 1.786 Teilnehmenden zum Speichelcortisol zusammen.

Im Vergleich zur Stadt lag der systolische Blutdruck nach Waldprogrammen im Mittel 3,44 mmHg niedriger, der diastolische 3,07 mmHg. Programme ab 20 Minuten zeigten größere Effekte als kürzere. Die Vorhersageintervalle waren breit und schlossen auch fehlende Effekte ein.

Was das für dich bedeutet: Im Durchschnitt könnte Zeit im Wald Blutdruck und Stressmarker leicht senken. Für dich persönlich ist das kein sicherer Wert, eher eine gute Wahrscheinlichkeit.

Qiu Q, Yang L, He M et al. Int J Environ Res Public Health. 2023. DOI: 10.3390/ijerph20010458
Studie 8 · Grübeln und Gehirn Randomisiert, fMRT

Bratman und Kollegen von der Stanford University schickten 2015 gesunde Erwachsene 90 Minuten spazieren, entweder in naturnaher Umgebung oder entlang einer Stadtstraße.

Nach dem Naturspaziergang berichteten die Teilnehmenden über weniger Grübeln, und die Aktivität im subgenualen präfrontalen Kortex war geringer. Nach dem Stadtspaziergang zeigte sich das nicht.

Was das für dich bedeutet: Der Kopf kann draußen leiser werden. Und das passierte in dieser Studie mit Schuhen an den Füßen.

Bratman GN, Hamilton JP, Hahn KS, Daily GC, Gross JJ. Proc Natl Acad Sci USA. 2015. DOI: 10.1073/pnas.1510459112
Studie 9 · Die 120-Minuten-Marke Querschnitt, n=19.806

White und Kollegen aus Exeter befragten 2019 knapp 20.000 Menschen in England zu ihrem Naturkontakt in der Vorwoche.

Ab etwa 120 Minuten pro Woche gaben die Befragten häufiger gute Gesundheit an, mit einer Odds Ratio von 1,59 im Bereich 120 bis 179 Minuten. Der Zusammenhang stieg bis 200 bis 300 Minuten und flachte dann ab. Ob die Zeit am Stück oder verteilt verbracht wurde, spielte keine Rolle.

Was das für dich bedeutet: Eine Befragung beweist keine Ursache. Aber zwei Stunden pro Woche sind eine Zielmarke, mit der du praktisch arbeiten kannst.

White MP, Alcock I, Grellier J et al. Sci Rep. 2019. DOI: 10.1038/s41598-019-44097-3
Reframe

Wenn du barfuß auf einer Wiese stehst, bekommst du die gut untersuchten Zutaten automatisch mit: Grün, Tageslicht, Langsamkeit, weniger Bildschirm.

Die Erde muss dir dafür keine Elektronen schenken. Sie schenkt dir einen Ort, an dem dein Nervensystem das Signal bekommen kann, dass gerade keine Gefahr besteht.

Und jetzt weißt du, warum sich Grounding für so viele Menschen gut anfühlt, auch wenn die Elektronen-Erklärung offen bleibt.

Was Barfußgehen mit deinen Füßen macht

Stell dir vor, du trägst jahrelang einen Handschuh, der jede Bewegung abfedert. Irgendwann verlernt deine Hand, fein zu greifen. Bei den Füßen ist das ähnlich, nur fällt es weniger auf.

Deine Fußsohle gehört zu den am dichtesten mit Sinnesrezeptoren besetzten Hautflächen. Sie meldet ständig Druck, Unebenheit und Temperatur an Rückenmark und Gehirn. Dazu kommen die kleinen, inneren Fußmuskeln, die das Gewölbe tragen. Stark gedämpfte, stützende Schuhe nehmen beiden Systemen Arbeit ab.

Studie 10 · Minimalschuhe bei Erwachsenen RCT, n=57

Ridge und Kollegen teilten 2019 57 Läuferinnen und Läufer zufällig in drei Gruppen: Gehen in Minimalschuhen mit langsam steigender Schrittzahl, gezielte Fußübungen oder Kontrolle.

Nach acht Wochen waren Größe und Kraft der Fußmuskeln in beiden Interventionsgruppen gestiegen, in der Kontrollgruppe nicht. Das Gehen in Minimalschuhen war dabei ähnlich wirksam wie das Übungsprogramm.

Was das für dich bedeutet: Deine Füße könnten auf weniger Dämpfung mit mehr Kraft reagieren. Entscheidend war in der Studie die langsame Steigerung.

Ridge ST, Olsen MT, Bruening DA et al. Med Sci Sports Exerc. 2019. DOI: 10.1249/MSS.0000000000001751
Studie 11 · Minimalschuhe bei Kindern RCT, n=70

Quinlan und Kollegen ließen 2021 70 Kinder zwischen 9 und 12 Jahren neun Monate lang in der Schule entweder Standardschuhe oder moderate Minimalschuhe tragen.

Die Minimalschuh-Gruppe verbesserte sich deutlich in einem dynamischen Gleichgewichtstest. Die Zunahme von Fußmuskelquerschnitt und Zehenkraft war moderat, aber statistisch nicht signifikant.

Was das für dich bedeutet: Gleichgewicht und Körperwahrnehmung könnten von mehr Bodenkontakt profitieren. Das ist ein messbarer, mechanischer Effekt.

Quinlan S, Sinclair P, Hunt A, Fong Yan A. Gait Posture. 2022. DOI: 10.1016/j.gaitpost.2021.12.009
Bitte vorsichtig Wenn du Diabetes mit Gefühlsstörungen an den Füßen hast, Durchblutungsstörungen, offene Wunden oder eine bekannte Fußerkrankung, sprich vor dem Barfußgehen mit deiner Ärztin oder deinem Arzt. Kleine Verletzungen bleiben sonst leicht unbemerkt. Bei Gewitter gehörst du nicht barfuß auf die offene Wiese.

Und jetzt weißt du, warum Barfußgehen auch ohne jede Elektronen-Theorie sinnvoll sein kann. Deine Füße sind Sinnesorgane, und Sinnesorgane wollen gebraucht werden.

Die vier KPNI-Linsen auf das Barfußstehen

In der klinischen Psychoneuroimmunologie schauen wir auf vier Systeme gleichzeitig. Wenn ich Grounding durch diese Brille betrachte, ordnen sich die Effekte ziemlich klar.

Linse 1

Nervensystem

Die Fußsohle sendet beim Barfußgehen viel mehr Information ans Gehirn. Naturumgebung kann den parasympathischen Ast stärken und das Grübeln dämpfen. Gut belegt ist das für Naturkontakt, weniger für den elektrischen Kontakt selbst.

Linse 2

Immunsystem

Hier liegen die meisten Erdungshypothesen: weniger Muskelschadenmarker, veränderte Neutrophile, Elektronen als Antioxidantien. Die Daten stammen aus kleinen Studien. Mechanistisch denkbar, beim Menschen noch nicht abschließend belegt.

Linse 3

Stoffwechsel

Wer barfuß draußen ist, bewegt sich meist. Gehen kann die Insulinsensitivität des Muskels verbessern, und kräftigere Fußmuskeln könnten die Bewegung im Alltag erleichtern. Dieser Effekt hängt an der Bewegung, nicht am Boden.

Linse 4

Hormonsystem

Cortisol kann im Grünen etwas niedriger liegen, das zeigen mehrere Meta-Analysen. Tageslicht am Morgen kann die innere Uhr takten und damit den Cortisolverlauf ordnen. Die Erdungsstudie zum nächtlichen Cortisol hatte dagegen keine Kontrollgruppe.

Gut belegt oder plausibel

  • Naturkontakt und kleiner Cortisolrückgang
  • Wald und leicht niedrigerer Blutdruck
  • Natur und weniger Grübeln
  • Weniger Dämpfung und kräftigere Fußmuskeln
  • Bodenkontakt und besseres Gleichgewicht
  • Bewegung im Freien und Schlafrhythmus

Hypothese mit schwacher Evidenz

  • Elektronen aus der Erde als Antioxidantien
  • Erdung gegen chronische Entzündung
  • Erdung und Blutviskosität im Alltag
  • Erdungsmatten für besseren Schlaf
  • Erdung bei Autoimmunerkrankungen
  • Allgemeine Herzkreislauf-Prävention durch Erdung

Der Boden unter deinen Füßen ist kein Medikament. Er ist eine Einladung, langsamer zu werden, draußen zu sein und deinen Körper wieder zu spüren. Das ist weniger spektakulär als eine Elektronen-Theorie. Und es ist viel besser untersucht.

Das ist für mich der Freiheitsmoment bei diesem Thema. Du brauchst kein Gerät, keine Matte, keinen Stecker. Du brauchst eine Wiese, zwanzig Minuten und die Erlaubnis, nichts zu leisten.

Und jetzt weißt du, warum ich bei Grounding vor allem auf das schaue, was du ohne Kabel bekommst.

Drei Hebel für deinen Alltag

Wenn du nach diesem Artikel Lust hast, die Schuhe auszuziehen: gut so. Hier sind drei Richtungen, die du ohne Ausgaben ausprobieren kannst.

1

Sammle deine Naturminuten

Die Befragung aus Exeter gibt eine Orientierung: etwa 120 Minuten Naturkontakt pro Woche, egal ob am Stück oder verteilt. Ein Park zählt. Ein Hinterhof mit Baum zählt auch ein bisschen.

2

Gib deinen Füßen langsam Boden zurück

Fang mit wenigen Minuten barfuß auf weichem Untergrund an, Gras, Sand, Waldboden. Steigere über Wochen. Das passt zu dem, was in der Minimalschuh-Studie die Fußmuskeln gestärkt hat.

3

Mach daraus ein Ritual, nicht ein Projekt

Wie in der Geschichte oben könnte die Gewohnheit wertvoller sein als das Hilfsmittel. Ein fester Abendgang ohne Handy, ein Morgenkaffee barfuß auf dem Balkon. Wenn du eine Erdungsmatte magst, darfst du sie nutzen. Erwarte aber nicht, dass sie die Gewohnheit ersetzt.

Reframe

Wenn ein Produkt dich dazu bringt, früher schlafen zu gehen und mehr draußen zu sein, dann hat es dir etwas gegeben. Nur vielleicht nicht das, was auf der Verpackung steht.

Bei anhaltenden Schmerzen, Schlafstörungen oder Erschöpfung lohnt sich eine gründliche Abklärung. Erdung kann ein angenehmer Baustein sein. Sie ersetzt keine Diagnostik.

Wenn du nicht nur lesen, sondern direkt loslegen willst: Unterhalb dieses Artikels findest du die Möglichkeit, einen Termin zu buchen.

Häufige Fragen zu Grounding und Erdung

Was bedeutet Grounding oder Erdung genau?

Mit Grounding oder Earthing ist ein elektrisch leitender Kontakt zwischen deinem Körper und der Erdoberfläche gemeint. Das kann durch Barfußstehen auf Gras, Erde, Sand oder feuchtem Boden geschehen, oder in Innenräumen über leitfähige Matten, Bettlaken oder Pflaster, die mit einem Erdungspunkt verbunden sind.

Die Grundidee der Befürworter lautet, dass dabei Elektronen von der Erde in den Körper fließen und dort Prozesse wie Entzündung beeinflussen könnten. Diese Idee ist eine Hypothese. Sie ist bisher nur in kleinen Studien untersucht worden.

Welche Wirkung hat Grounding laut Studien?

Die vorhandenen Studien deuten auf mögliche Veränderungen bei Schmerzempfinden, Schlafqualität, Cortisolverlauf, Blutzellen und Muskelschädigungsmarkern hin. Die meisten Arbeiten sind allerdings sehr klein, zwischen 8 und 32 Teilnehmenden. Mehrere hatten keine Kontrollgruppe oder keine Verblindung.

Ein Teil der Studien stammt aus einem kleinen Kreis von Autoren, von denen einige in einer Übersichtsarbeit Anteile an einem Hersteller von Erdungssystemen angegeben haben. Die Ergebnisse sind deshalb als interessante Hinweise zu lesen, nicht als gesicherter Nachweis.

Kann Erdung den Cortisolspiegel senken?

Eine Pilotstudie von Ghaly und Teplitz aus dem Jahr 2004 erdete zwölf Personen mit Schlafproblemen, Schmerzen und Stress acht Wochen lang nachts über eine leitfähige Matratzenauflage. Das nächtliche Cortisol lag danach niedriger, und die Teilnehmenden berichteten über besseren Schlaf.

Es gab jedoch keine Kontrollgruppe und keine Verblindung. Erwartungseffekte und die Tatsache, dass sich Menschen mit Beschwerden oft auch ohne Intervention verändern, lassen sich so nicht abgrenzen. Für Naturkontakt allgemein gibt es dagegen Meta-Analysen, die einen kleinen Rückgang des Speichelcortisols zeigen.

Bringen Erdungsmatten fürs Bett etwas?

Ob Erdungsmatten über einen Placebo-Effekt hinaus etwas verändern, ist mit den heutigen Daten nicht sicher zu beantworten. Es gibt eine kleine doppelblinde Studie mit 16 Massagetherapeutinnen und Massagetherapeuten, in der sich Schmerz, Energie und Stimmung während der Erdungsphase verbesserten. Diese Studie ist zu klein, um daraus eine allgemeine Empfehlung abzuleiten.

Wenn du eine Matte nutzt und dich damit wohlfühlst, spricht wenig dagegen, solange die elektrische Installation in Ordnung ist. Erwarte aber keine Behandlung einer Erkrankung davon.

Ist Barfußgehen gesund?

Für die Füße selbst gibt es gute Hinweise. Eine randomisierte Studie mit 57 Läuferinnen und Läufern zeigte, dass Gehen in Minimalschuhen über acht Wochen die Größe und Kraft der kleinen Fußmuskeln ähnlich steigern konnte wie gezielte Fußübungen. Bei 70 Kindern verbesserten Minimalschuhe über neun Monate das Gleichgewicht.

Barfuß- und barfußnahes Gehen fordert die Fußmuskulatur und die Wahrnehmung über die Fußsohle. Das ist ein plausibler und gut messbarer Effekt, der ganz ohne Elektronen-Hypothese auskommt.

Wie lange sollte ich barfuß draußen sein?

Für Erdung im elektrischen Sinn gibt es keine belastbare Dosis. Für Naturkontakt gibt es eine Orientierung: In einer britischen Befragung mit 19.806 Personen gaben Menschen ab etwa 120 Minuten Naturkontakt pro Woche häufiger gute Gesundheit und hohes Wohlbefinden an. Der Zusammenhang erreichte zwischen 200 und 300 Minuten ein Plateau.

Für die Füße gilt: langsam anfangen, wenige Minuten auf weichem Untergrund, dann steigern. Das ist eine Beobachtungsstudie und keine Dosisvorschrift, aber eine brauchbare Zielmarke.

Warum fühle ich mich nach Barfußlaufen im Gras besser, wenn die Evidenz für Erdung schwach ist?

Weil beim Barfußlaufen im Gras viele Faktoren gleichzeitig zusammenkommen. Du bist draußen, oft im Grünen, im Tageslicht, du bewegst dich langsam, du bist abgelenkt vom Bildschirm und deine Fußsohlen senden ungewohnt viele Sinnesreize.

Für Naturkontakt, Bewegung und Tageslicht gibt es deutlich mehr Studien als für die Elektronenübertragung. Eine Stanford-Studie zeigte etwa, dass ein 90-minütiger Spaziergang in der Natur das Grübeln und die Aktivität einer damit verbundenen Hirnregion senken konnte. Dein gutes Gefühl ist also echt. Die Frage ist nur, welcher Teil davon es auslöst.

Ist Grounding gefährlich?

Barfußstehen auf Gras ist für die meisten Menschen unbedenklich. Vorsicht ist sinnvoll bei Diabetes mit Gefühlsstörungen an den Füßen, bei Durchblutungsstörungen, offenen Wunden, bei Gewitter und auf Untergründen mit Glas, Zecken oder Hundekot.

Bei Indoor-Produkten, die über den Schutzleiter der Steckdose geerdet werden, hängt die Sicherheit an der elektrischen Installation. Wenn du unsicher bist, lass das von einer Elektrofachkraft prüfen. Und Erdung ersetzt keine ärztliche Abklärung von Schmerzen, Schlafstörungen oder Entzündungen.

Kann Grounding Entzündungen beeinflussen?

Diese These steht im Zentrum einer Übersichtsarbeit von Oschman, Chevalier und Brown aus dem Jahr 2015. Die Autoren beschreiben veränderte Zahlen weißer Blutkörperchen und Entzündungsbotenstoffe unter Erdung und stellen Hypothesen zum Mechanismus auf.

In einer randomisierten Studie mit 32 jungen Männern stieg die Kreatinkinase als Marker für Muskelschaden nach Kniebeugen in der geerdeten Gruppe weniger an als in der Scheinerdungsgruppe. Der Muskelschmerz trat in beiden Gruppen auf. Das sind interessante Einzelbefunde, aber keine Grundlage für Aussagen zu chronischen Entzündungserkrankungen.

Was ist der Unterschied zwischen Grounding und Waldbaden?

Grounding meint den elektrischen Kontakt mit der Erde. Waldbaden meint einen langsamen, achtsamen Aufenthalt im Wald, unabhängig von Schuhen. Für Waldbaden gibt es mehrere Meta-Analysen.

Eine Meta-Analyse mit 13 Studien und 1.786 Teilnehmenden fand ein niedrigeres Speichelcortisol und mit 21 Studien und 2.270 Teilnehmenden einen niedrigeren Blutdruck im Vergleich zu städtischer Umgebung. Wenn du also barfuß im Wald stehst, bekommst du die besser untersuchten Effekte ohnehin mit.

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Wenn dich Stress und Entzündung weiter beschäftigen

SJ

Shukri Jarmoukli

Arzt, Integrative Medizin · ViveCura Berlin

Ich arbeite in Berlin mit Menschen, die ihre Gesundheit selbst in die Hand nehmen wollen und dabei zwischen Studien, Social Media und Produktversprechen den Überblick suchen. Mein Zugang kommt aus der klinischen Psychoneuroimmunologie: Nervensystem, Immunsystem, Stoffwechsel und Hormonsystem werden zusammen betrachtet. Die klassische Medizin ist dabei die Grundlage, die ich um zusätzliche Perspektiven erweitere.

ViveCura · Privatpraxis · Skalitzer Straße 137, Berlin
Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Beratung und keine individuelle Diagnostik.

Quellen

Alle Angaben wurden gegen die Originalabstracts in PubMed geprüft, Zahlen sind den Abstracts entnommen. Die Studien zur Erdung selbst sind klein, teils unkontrolliert und überwiegend aus einem engen Autorenkreis. Für dieses Teilthema existieren bisher keine großen, unabhängig replizierten randomisierten Studien. Die Aussagen zu Naturkontakt und Barfußgehen stützen sich auf breitere Evidenz, darunter Meta-Analysen und randomisierte Studien.

  1. Ghaly M, Teplitz D. The biologic effects of grounding the human body during sleep as measured by cortisol levels and subjective reporting of sleep, pain, and stress. J Altern Complement Med. 2004;10(5):767-776. DOI: 10.1089/acm.2004.10.767 [Real-World, Pilotstudie ohne Kontrollgruppe, n=12]
  2. Chevalier G, Sinatra ST, Oschman JL, Delany RM. Earthing (grounding) the human body reduces blood viscosity: a major factor in cardiovascular disease. J Altern Complement Med. 2013;19(2):102-110. DOI: 10.1089/acm.2011.0820 [Real-World, Pilotstudie ohne Kontrollgruppe, n=10]
  3. Brown D, Chevalier G, Hill M. Pilot study on the effect of grounding on delayed-onset muscle soreness. J Altern Complement Med. 2010;16(3):265-273. DOI: 10.1089/acm.2009.0399 [Real-World, Pilotstudie mit Scheinerdung, n=8]
  4. Brown R, Chevalier G, Hill M. Grounding after moderate eccentric contractions reduces muscle damage. Open Access J Sports Med. 2015;6:305-317. DOI: 10.2147/OAJSM.S87970 [RCT, Scheinerdung, n=32]
  5. Chevalier G, Patel S, Weiss L, Chopra D, Mills PJ. The effects of grounding (earthing) on bodyworkers' pain and overall quality of life: a randomized controlled trial. Explore (NY). 2019;15(3):181-190. DOI: 10.1016/j.explore.2018.10.001 [RCT, doppelblind, Stepped-Wedge, n=16]
  6. Oschman JL, Chevalier G, Brown R. The effects of grounding (earthing) on inflammation, the immune response, wound healing, and prevention and treatment of chronic inflammatory and autoimmune diseases. J Inflamm Res. 2015;8:83-96. DOI: 10.2147/JIR.S69656 [Übersichtsarbeit, Hypothesen-Review]
  7. Chevalier G, Sinatra ST, Oschman JL, Sokal K, Sokal P. Earthing: health implications of reconnecting the human body to the Earth's surface electrons. J Environ Public Health. 2012;2012:291541. DOI: 10.1155/2012/291541 [Übersichtsarbeit]
  8. Sinatra ST, Oschman JL, Chevalier G, Sinatra D. Electric nutrition: the surprising health and healing benefits of biological grounding (earthing). Altern Ther Health Med. 2017;23(5):8-16. PubMed-ID: 28987038 [Übersichtsarbeit, Autoren mit angegebener Beteiligung an einem Hersteller von Erdungssystemen]
  9. Kafatos MC, Chevalier G, Chopra D, Hubacher J, Kak S, Theise ND. Biofield science: current physics perspectives. Glob Adv Health Med. 2015;4(Suppl):25-34. DOI: 10.7453/gahmj.2015.011.suppl [Übersicht, zitiert wegen der Affiliation „The Earthing Institute"]
  10. Twohig-Bennett C, Jones A. The health benefits of the great outdoors: a systematic review and meta-analysis of greenspace exposure and health outcomes. Environ Res. 2018;166:628-637. DOI: 10.1016/j.envres.2018.06.030 [Meta-Analyse, 103 Beobachtungs- und 40 Interventionsstudien]
  11. Antonelli M, Barbieri G, Donelli D. Effects of forest bathing (shinrin-yoku) on levels of cortisol as a stress biomarker: a systematic review and meta-analysis. Int J Biometeorol. 2019;63(8):1117-1134. DOI: 10.1007/s00484-019-01717-x [Meta-Analyse, k=8 von 22 Studien]
  12. Qiu Q, Yang L, He M, Gao W, Mar H, Li J, Wang G. The effects of forest therapy on the blood pressure and salivary cortisol levels of urban residents: a meta-analysis. Int J Environ Res Public Health. 2023;20(1):458. DOI: 10.3390/ijerph20010458 [Meta-Analyse, 21 Studien Blutdruck n=2.270, 13 Studien Cortisol n=1.786]
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