Ratgeber Ketamin · Spoke

Ketamin und andere Substanzen: Welche Wechselwirkungen wirklich gefährlich sind

Alkohol, Opioide, Benzodiazepine, SSRI, Cannabis, MDMA und Phytopräparate. Klinische Bewertung, ohne Panik und ohne Verharmlosung.

SJ
Shukri Jarmoukli · Arzt, ViveCura Berlin

Wichtig zur Einordnung, bitte zuerst lesen

  • Dieser Beitrag erklärt allgemeine pharmakologische Zusammenhänge. Er ist keine Werbung für ein bestimmtes Arzneimittel und keine Behandlungsempfehlung für deinen Einzelfall.
  • Ketamin ist verschreibungspflichtig. Die Anwendung als Infusion bei Depression ist in Deutschland nicht zugelassen. Sie kann nur als individueller Heilversuch außerhalb der Zulassung erfolgen, nach ausführlicher Aufklärung und ärztlicher Abwägung im Einzelfall. Zugelassen ist in der EU seit 2019 ausschließlich Esketamin als Nasenspray unter definierten Bedingungen.
  • Dosierungen nennt dieser Text bewusst nicht. Sie gehören in ärztliche Hand.
  • Der Text richtet sich an Menschen, die eine ärztlich begleitete Behandlung erwägen. Er ist keine Anleitung für den Konsum außerhalb ärztlicher Begleitung. Bei einer bestehenden Abhängigkeit ist eine suchtmedizinische Behandlung der richtige Weg.
  • Verschriebene Medikamente setzt du niemals eigenmächtig ab. Das gilt besonders für Benzodiazepine, Antidepressiva und Stimulanzien.

1. Warum dieser Artikel besonders ehrlich sein muss

Wenn du Ketamin als Therapie erwägst oder bereits in Behandlung bist, ist die Wechselwirkungs-Frage nicht akademisch. Sie ist konkret. Was passiert, wenn du am Abend vor der Sitzung ein Glas Wein trinkst? Wenn du seit Jahren ein SSRI nimmst? Wenn du Cannabis im Alltag konsumierst? Wenn du gelegentlich ein Benzodiazepin zum Schlafen nimmst? Diese Fragen brauchen klare Antworten, nicht Pauschalisierungen.

Die Alkohol-Frage kommt in fast jedem Vorgespräch. Sie lautet fast immer gleich: muss ich komplett aufhören? Die medizinisch sinnvolle Antwort ist keine Verbotsliste, sondern eine zeitliche Eingrenzung. Ein klares Fenster ohne Alkohol vor und nach der Sitzung ist etwas anderes als eine dauerhafte Abstinenzforderung.

Deshalb ist auch die Reihenfolge wichtig. Diese Frage wird oft zurückhaltend beantwortet, weil viele ein Verbot erwarten. Erst erklären, warum die Information gebraucht wird, dann fragen.

Mein Standpunkt

Es gibt eine kleine Gruppe von Substanzen, bei denen die Kombination mit Ketamin klinisch riskant ist. Es gibt eine größere Gruppe, die die Wirksamkeit beeinträchtigen kann. Und es gibt eine große Gruppe, bei der bisher keine relevanten Wechselwirkungen beschrieben sind. Wer diese drei Gruppen unterscheidet, kann eine Behandlung sicherer planen, ohne das ganze Leben umstellen zu müssen.

2. Die Drei-Stufen-Risikoeinschätzung

Substanz
Risikograd
Klinische Bewertung
Opioide (Morphin, Fentanyl, Oxycodon)
Hoch
Atemdämpfende Effekte können sich addieren. Bei Mischkonsum ohne ärztliche Begleitung sind tödliche Verläufe dokumentiert.
Benzodiazepine (Lorazepam, Handelsname z. B. Tavor; Diazepam, Handelsname z. B. Valium)
Hoch
Sedierende und atemdämpfende Effekte können sich addieren. Zusätzlich kann die antidepressive Wirkung abgeschwächt werden. Niemals eigenmächtig absetzen.
Alkohol
Hoch
Kann dämpfend wirken, Schutzreflexe können nachlassen, die Aspirationsgefahr kann steigen. 48 Stunden Pause vor der Sitzung.
MAO-Hemmer (Tranylcypromin, Moclobemid)
Mittel
Kardiovaskuläre Wechselwirkung möglich. Ärztliche Abklärung Pflicht.
Stimulanzien (Kokain, Amphetamin, MDMA)
Mittel bis Hoch
Kardiovaskuläre Belastung kann sich addieren. Pause vor der Sitzung. Verschriebene Stimulanzien nur nach ärztlicher Absprache, nie eigenmächtig weglassen.
Trizyklische Antidepressiva
Mittel
Kardiovaskuläres Risiko in hohen Dosen. Individuelle Abwägung.
Cannabis (chronisch, hochdosiert)
Mittel
Kann die Dissoziation verstärken und die Sitzung schwerer steuerbar machen. Systematisch untersucht ist das nicht.
Johanniskraut
Mittel
CYP3A4-Induktion könnte Ketamin-Spiegel reduzieren.
SSRI (Citalopram, Sertralin, etc.)
Niedrig
In den meisten Studien wurde die Medikation fortgeführt, schwerwiegende Wechselwirkungen sind selten beschrieben. Ein Serotonin-Syndrom gilt als theoretisch möglich, klinisch sehr selten.
SNRI (Venlafaxin, Duloxetin)
Niedrig
In vielen Studien als Begleitmedikation fortgeführt. Dieselbe Einschränkung wie bei SSRI.
Lithium
Niedrig
In Studien zur bipolaren Depression als Begleitmedikation fortgeführt. Spiegelkontrollen bleiben nötig.
Schilddrüsenhormone (L-Thyroxin)
Niedrig
Bislang keine relevanten Wechselwirkungen beschrieben. Die Einstellung sollte vor Therapiebeginn stabil sein.
Blutdruck-Medikamente
Niedrig
Werden in der Regel weitergeführt. Da Ketamin Blutdruck und Herzfrequenz vorübergehend steigern kann, gehören Blutdruckkontrollen zur Sitzung.

Alle in dieser Übersicht genannten Arzneimittel sind verschreibungspflichtig. Die Tabelle ordnet Risiken ein, sie ist keine Anleitung zum Absetzen, keine Dosierungsempfehlung und ersetzt keine ärztliche Beratung. Jede Änderung an einer laufenden Medikation gehört in ärztliche Hand.

3. Hochrisiko-Kombinationen, was dabei passieren kann

Ketamin und Opioide

In Berichten zu Todesfällen, bei denen Ketamin nachgewiesen wurde, sind häufig weitere Substanzen im Spiel, oft Opioide, Benzodiazepine oder Alkohol. Belastbare Häufigkeitsangaben dazu gibt es für Deutschland nicht. Klar ist der Mechanismus: mehrere atemdämpfende Substanzen können sich in ihrer Wirkung addieren.

Ketamin belastet die Atmung in üblicher therapeutischer Dosierung meist weniger stark als andere Narkosemittel. Das ist aber keine Garantie. Bei zu schneller Gabe, hoher Dosis oder Erbrechen kann es auch allein zu Atemproblemen kommen, beschrieben sind außerdem Stimmritzenkrampf und vermehrter Speichelfluss. Deshalb findet eine Sitzung nur unter ärztlicher Überwachung statt. Kommt ein Opioid dazu, kann diese relative Sicherheit kippen.

Opioide wie Morphin, Oxycodon oder Fentanyl sind verschreibungspflichtig und werden ärztlich verordnet, meist gegen starke Schmerzen. Sie können müde machen, die Atmung dämpfen, Verstopfung auslösen und abhängig machen. Wenn du sie nimmst, sag es vor einer Sitzung, statt sie eigenmächtig wegzulassen. Ein abruptes Absetzen kann eigene Probleme machen.

Ketamin und Benzodiazepine

Zwei Punkte sind hier wichtig. Erstens können sich sedierende und atemdämpfende Effekte addieren. Zweitens, und klinisch interessant: Benzodiazepine wirken über das hemmende GABA-System. Diskutiert wird, dass sie darauf die glutamaterge Aktivierung abschwächen könnten, die für die antidepressive Wirkung von Ketamin als wesentlich gilt. Diese Erklärung ist mechanistisch plausibel, am Menschen aber nicht sauber belegt.

Benzodiazepine wie Lorazepam (Handelsname z. B. Tavor) oder Diazepam (Handelsname z. B. Valium) sind verschreibungspflichtig. Sie können müde und unsicher auf den Beinen machen, das Sturzrisiko erhöhen und schon nach wenigen Wochen abhängig machen. Bei Schlafapnoe und schwerer Atemschwäche sind sie nicht geeignet. Setze sie auf keinen Fall selbst ab. Ein plötzliches Weglassen kann bei Dauereinnahme Rebound-Angst, Schlaflosigkeit und im ungünstigen Fall einen Krampfanfall auslösen. Sprich vor der ersten Sitzung mit deinem behandelnden Arzt darüber, ob und in welchem Tempo eine Anpassung sinnvoll sein könnte.

Benzodiazepine und Ketamin-Wirksamkeit

Mehrere Beobachtungen deuten darauf hin, dass eine Benzodiazepin-Dauermedikation das Ansprechen auf Ketamin abschwächen könnte. Frye und Kollegen beschrieben diesen Zusammenhang 2015 im Journal of Clinical Psychopharmacology. Andrashko und Kollegen fanden 2020 bei 47 Patientinnen und Patienten unter höheren Benzodiazepin-Dosen einen ungünstigeren Verlauf. Eine Sekundäranalyse einer randomisierten Studie von Feeney und Kollegen 2022 fand einen dosisabhängigen Effekt am Tag nach der Infusion, am dritten Tag nicht mehr.

Was das nicht heißt: dass du deine Benzodiazepine absetzen sollst. Belastbare randomisierte Daten zu einer geplanten Pause fehlen bislang. Ob und wie eine Medikation angepasst wird, gehört in die individuelle ärztliche Entscheidung, nicht in eine pauschale Regel.

Frye MA, Blier P, Tye SJ. Concomitant benzodiazepine use attenuates ketamine response. J Clin Psychopharmacol. 2015;35(3):334-336. DOI: 10.1097/JCP.0000000000000316 [Leserbrief] · Andrashko V et al. Front Psychiatry. 2020;11:844. DOI: 10.3389/fpsyt.2020.00844 [Beobachtungsstudie, n=47] · Feeney A et al. J Clin Psychiatry. 2022;84(1):22m14491. DOI: 10.4088/JCP.22m14491 [Sekundäranalyse eines RCT]

Ketamin und Alkohol

Auch Alkohol kann dämpfend auf die Atmung wirken und die Schutzreflexe abschwächen. Unter Alkoholeinfluss kann das Aspirationsrisiko bei Erbrechen steigen. 48 Stunden Karenz vor und 24 Stunden nach der Sitzung sind klinisch sinnvoll. Bei chronischem Alkoholproblem ist eine suchtmedizinische Vorabklärung Pflicht.

4. SSRI, SNRI und Antidepressiva-Frage

Viele Patientinnen und Patienten kommen unter einer bestehenden Antidepressiva-Medikation in die Ketamin-Therapie. Die gute Nachricht: in den meisten Fällen kann das Antidepressivum weitergeführt werden.

SSRI und Ketamin in der Praxis

In den meisten publizierten Studien wurde die bestehende antidepressive Medikation weitergeführt. Eine Übersichtsarbeit von Rodolico und Kollegen fasste 2024 in Frontiers in Psychiatry 26 systematische Reviews mit 44 randomisierten Studien und 3.316 Teilnehmenden zusammen. Sie beschreibt Ketamin und Esketamin als wirksam und meist gut verträglich, weist aber ausdrücklich auf die schwache Qualität der zugrunde liegenden Studien und die geringe Aussagesicherheit hin. Zur Begleitmedikation mit SSRI oder SNRI macht die Arbeit keine eigene Auswertung. Für die Kombination heißt das: nach heutigem Stand meist unproblematisch, aber nicht abschließend untersucht. Ein Serotonin-Syndrom gilt als theoretisch möglich und klinisch sehr selten.

Rodolico A et al. Efficacy and safety of ketamine and esketamine for unipolar and bipolar depression. Front Psychiatry. 2024;15:1325399. DOI: 10.3389/fpsyt.2024.1325399 [Übersicht von Meta-Analysen]

Wenn besondere Vorsicht angezeigt ist

Alle folgenden Wirkstoffe sind verschreibungspflichtig. Sie werden hier genannt, damit du sie im Gespräch einordnen kannst. Ob und wie an einer laufenden Medikation etwas geändert wird, entscheidet ausschließlich die verordnende Ärztin oder der verordnende Arzt.

  • Bei MAO-Hemmern (Tranylcypromin, Moclobemid) wegen kardiovaskulärer Wechselwirkungen
  • Bei trizyklischen Antidepressiva in hohen Dosen wegen Herzrhythmus-Risiken
  • Bei Bupropion, weil es die Krampfschwelle senken kann und die Kombination mit Ketamin bisher kaum untersucht ist
  • Bei Mirtazapin in der Spitzenphase wegen kumulativer Sedierung

5. Cannabis und Ketamin

Cannabis ist eine eigene Kategorie, weil viele Patientinnen und Patienten es im Alltag konsumieren und ehrlich erfahren wollen, wie das mit der Therapie zusammenpasst.

Akute Wechselwirkung

Cannabis und Ketamin wirken beide psychoaktiv. Eine Ketamin-Sitzung unter Cannabis-Einfluss kann unkontrollierbarer werden, die Dissoziation intensiver, die Integration danach erschwert. Lebensbedrohliche Wechselwirkungen wie mit Opioiden sind bisher nicht beschrieben, die therapeutische Sitzung könnte aber qualitativ leiden.

Chronischer Konsum

Bei chronischem, vor allem hochdosiertem Cannabis-Konsum kann sich das Endocannabinoid-System anpassen. Eine Bildgebungsstudie von Hirvonen und Kollegen zeigte bei täglich rauchenden Konsumenten eine verringerte Dichte der CB1-Rezeptoren in der Hirnrinde, die sich nach etwa vier Wochen überwachter Abstinenz weitgehend zurückbildete. Ob und wie stark das die Reaktion auf Ketamin verändert, ist nicht systematisch untersucht.

Praktische Empfehlung: Vor einer therapeutischen Sitzung mindestens 48 Stunden ohne Cannabis. Bei chronischem Konsum kann eine längere Pause vor der ersten Sitzung sinnvoll sein, die konkrete Dauer wird im ärztlichen Gespräch festgelegt. Cannabis ist kein automatischer Ausschlussgrund, es kann die Wirkung aber verändern. Wenn Cannabis ärztlich verordnet ist, sprich vor jeder Änderung mit der verordnenden Praxis.

6. MDMA, Psilocybin und andere Psychedelika

Mit der wachsenden Diskussion über psychedelische Therapien fragen viele, wie Ketamin mit MDMA-assistierter Therapie oder Psilocybin kombiniert werden kann. Hier ist die wissenschaftliche Lage dünn. Aus den bekannten Mechanismen lassen sich vorsichtige Einschätzungen ableiten, mehr nicht.

MDMA

MDMA kann serotonerg wirken, im Gegensatz zu Ketamins glutamatergem Ansatz. Eine Kombination innerhalb derselben Sitzung wird nicht empfohlen wegen kumulativer kardiovaskulärer Belastung und theoretischem Serotonin-Syndrom-Risiko. Eine Abfolge mit zeitlichem Abstand ist Gegenstand von Forschung und außerhalb von Studien nicht etabliert. MDMA ist in Deutschland kein zugelassenes Arzneimittel.

Psilocybin

Auch Psilocybin kann serotonerg wirken. Die Kombination innerhalb einer Sitzung ist klinisch nicht etabliert. Eine sequenzielle Therapie ist Forschungsgegenstand, aber ohne robuste klinische Empfehlung.

7. Vier KPNI-Linsen auf die Wechselwirkungs-Frage

Nervensystem: Glutamat-Modulation in beide Richtungen

Substanzen, die das Glutamat-System dämpfen (Benzodiazepine, Alkohol), könnten die antidepressive Wirkung von Ketamin reduzieren. Substanzen, die andere Erregungs-Achsen aktivieren, etwa Stimulanzien, können die kardiovaskuläre Belastung erhöhen. Diese Doppelheit ist klinisch wichtig.

Immunsystem: Phytopräparate und CYP-Enzyme

Phytopräparate wie Johanniskraut können das CYP3A4-Enzymsystem anregen und den Ketamin-Abbau beschleunigen. Andere Stoffe wie Grapefruitsaft können es hemmen und den Spiegel erhöhen. Wie stark solche Wechselwirkungen ins Gewicht fallen, hängt vom Applikationsweg ab. Bei geschluckter oder sublingualer Anwendung kann der Effekt deutlich sein, weil das Enzym schon in Darm und Leber am Abbau beteiligt ist. Bei einer Infusion fällt er kleiner aus. Besprochen werden sollten diese Mittel trotzdem.

Stoffwechsel: Leberfunktion als zentraler Faktor

Ketamin wird primär in der Leber metabolisiert. Substanzen oder Erkrankungen, die die Leberfunktion belasten, können den Abbau von Begleitmedikamenten beeinflussen. Eine Leberbelastung durch chronischen Alkoholkonsum oder eine bestehende Lebererkrankung ist deshalb klinisch relevant und kann gegen eine Behandlung sprechen.

Hormonsystem: Schilddrüse und Stoffwechselrate

Schilddrüsenhormone können den Stoffwechsel und damit den Abbau von Begleitmedikation beeinflussen. Eine stabil eingestellte Schilddrüse vor Therapiebeginn ist deshalb nicht nur für die Wirksamkeit relevant, sondern auch für die Einschätzung möglicher Wechselwirkungen.

CYP3A4-Wechselwirkungen

Peltoniemi und Kollegen fassten 2016 in Clinical Pharmacokinetics die Wechselwirkungen von Ketamin mit CYP3A4-Induktoren und -Inhibitoren zusammen. CYP3A4-Induktoren wie Johanniskraut, Rifampicin oder bestimmte Antiepileptika können den Ketamin-Spiegel senken. CYP3A4-Inhibitoren wie Erythromycin, Ketoconazol oder Grapefruitsaft können ihn erhöhen. Die hier genannten Arzneimittel sind verschreibungspflichtig, sie stehen als pharmakologisches Beispiel, nicht als Empfehlung.

Peltoniemi MA et al. Ketamine: a review of clinical pharmacokinetics and pharmacodynamics. Clin Pharmacokinet. 2016;55(9):1059-1077. DOI: 10.1007/s40262-016-0383-6 [Übersichtsarbeit, Pharmakokinetik]

8. Was vor jeder Therapie geklärt werden muss

Vollständige Medikamenten- und Substanzliste vor Therapiebeginn

  • Alle verschreibungspflichtigen Medikamente, einschließlich Dauermedikation
  • Alle rezeptfreien Präparate, auch Vitamine, Mineralstoffe, Aminosäuren
  • Alle Phytopräparate und Naturheilmittel, besonders Johanniskraut, Baldrian, Kava
  • Alkoholkonsum, ehrliche Mengenangabe
  • Cannabis-Konsum, Frequenz und Dosis
  • Stimulanzien-Konsum, auch gelegentlich
  • Andere psychoaktive Substanzen
  • Substanzen, die in den letzten vier Wochen genommen wurden

Diese Liste ist nicht für Wertung gedacht. Sie ist die Grundlage für deine Sicherheit und für eine realistische Planung. Je vollständiger sie ist, desto besser lassen sich Risiken einschätzen. Manchmal führt sie auch dazu, dass eine Behandlung zunächst nicht sinnvoll ist. Auch das ist eine gute ärztliche Entscheidung.

Wann eine Behandlung mit Ketamin nicht oder nur mit besonderer Vorsicht infrage kommt

  • Schwangerschaft und Stillzeit
  • Unkontrollierter Bluthochdruck, koronare Herzkrankheit, Herzschwäche, Aneurysma oder ein zurückliegender Schlaganfall, weil Ketamin Blutdruck und Herzfrequenz vorübergehend steigern kann
  • Psychose in der Vorgeschichte, Schizophrenie oder eine manische Episode
  • Erhöhter Hirndruck und Engwinkelglaukom
  • Fortgeschrittene Leber- oder Nierenerkrankung, weil Ketamin über die Leber abgebaut und über die Niere ausgeschieden wird
  • Bestehende Abhängigkeitserkrankung oder unbehandelter schädlicher Substanzgebrauch
  • Minderjährige, hier gelten eigene Regeln und eine besonders strenge Abwägung
Zwei Risiken, die zu Ketamin selbst gehören: Bei häufiger und wiederholter Anwendung sind eine Schädigung der Blase bis hin zur ulzerativen Zystitis sowie Störungen von Gedächtnis und Konzentration beschrieben. Ketamin hat außerdem ein eigenes Missbrauchs- und Abhängigkeitspotenzial. Beides ist ein Grund dafür, dass eine Anwendung ärztlich begleitet, zeitlich begrenzt und dokumentiert gehört. Bei unzureichend überwachter Anwendung sind Komplikationen beschrieben. Morgan CJA, Curran HV. Addiction. 2012;107(1):27-38. · Schak KM et al. Am J Psychiatry. 2016;173(3):215-218.
Nach der Sitzung: Du darfst an diesem Tag kein Fahrzeug führen und keine Maschinen bedienen. Plane eine Begleitperson für den Heimweg ein und für die Stunden danach keine Termine, bei denen du voll leistungsfähig sein musst. Diese Regel gilt unabhängig davon, wie klar du dich subjektiv fühlst.
Wenn es akut wird: Bei Atemnot, starker Benommenheit, Bewusstlosigkeit oder Erbrechen mit getrübtem Bewusstsein nach Mischkonsum wähle sofort den Notruf 112. Warte nicht auf einen Praxistermin. Wenn du an Suizid denkst, ruf die Telefonseelsorge unter 0800 111 0 111 an, rund um die Uhr und kostenfrei, im Notfall die 112.

9. Wahre Freiheit, Differenzierung statt Verbot

Wahre Freiheit

Eine Behandlung mit Ketamin braucht keine Totalverzicht-Forderung in deinem Leben. Sie braucht Differenzierung. Welche Substanzen klinisch riskant sind, welche die Wirksamkeit reduzieren können, bei welchen bisher nichts Relevantes beschrieben ist. Wer diese Drei-Stufen-Logik versteht, kann eine Behandlung sicherer machen, ohne das Leben unnötig zu reduzieren. Das ist klinische Mündigkeit.

10. Drei konkrete Hebel für eine sichere Therapie

Hebel 1: Schreibe alles auf, bevor du in die Praxis kommst

Eine vollständige Liste deiner Medikamente, Phytopräparate und sonstigen Substanzen ist die Grundlage. Notiere Dosis, Frequenz, seit wann du sie nimmst. Diese Liste schützt dich, sie ist nicht peinlich.

Hebel 2: Halte die Pre-Session-Regeln strikt ein

48 Stunden vor jeder Sitzung kein Alkohol, kein Cannabis, keine Stimulanzien. Diese kurzen Karenzen sind einfach umzusetzen und können für Wirksamkeit und Sicherheit einen Unterschied machen.

Anders ist es bei verschriebenen Medikamenten. Wenn du Benzodiazepine nimmst, setze sie auf keinen Fall selbst ab. Ein plötzliches Weglassen kann bei Dauereinnahme gefährlich werden. Sprich vor der ersten Sitzung mit deinem behandelnden Arzt darüber, ob und in welchem Tempo eine Anpassung sinnvoll sein könnte. Dasselbe gilt für Antidepressiva, Stimulanzien und jede andere Dauermedikation.

Und plane die Zeit danach mit. An dem Tag darfst du nicht Auto fahren und keine Maschinen bedienen, unabhängig davon, wie wach du dich fühlst. Eine Begleitperson für den Heimweg gehört dazu.

Hebel 3: Sprich offen über Substanzgebrauch im Alltag

Wenn du regelmäßig Cannabis konsumierst, Alkohol trinkst oder gelegentlich andere Substanzen nimmst, sag es. Diese Information verändert die Planung, nicht die Haltung dir gegenüber. Sie ist die Grundlage dafür, dass Risiken realistisch eingeschätzt werden können. Wer sie zurückhält, nimmt sich diese Möglichkeit.

Häufige Fragen zu Wechselwirkungen

Die Fragen, die mir am häufigsten zu Mischkonsum und Wechselwirkungen gestellt werden.

Welche Substanzen kombinieren gefährlich mit Ketamin?

Drei Kombinationen gelten als klinisch riskant: Opioide, Benzodiazepine, Alkohol. Bei allen dreien können sich atemdämpfende Effekte addieren. In Berichten zu Todesfällen mit Ketamin sind häufig weitere dämpfende Substanzen im Spiel, belastbare Häufigkeitsangaben dazu gibt es nicht.

Kann ich Ketamin mit SSRI nehmen?

In den meisten Studien wurde eine bestehende antidepressive Medikation weitergeführt, schwerwiegende Wechselwirkungen sind selten beschrieben. Ein Serotonin-Syndrom gilt als theoretisch möglich und klinisch sehr selten. Abschließend untersucht ist die Kombination nicht, sie gehört in die ärztliche Abwägung im Einzelfall.

Was passiert mit Ketamin und Alkohol?

Sedierende und atemdämpfende Effekte können sich addieren, die Aspirationsgefahr kann steigen. 48 Stunden vor der Sitzung kein relevanter Alkohol. Bei Mischkonsum ohne ärztliche Begleitung sind tödliche Verläufe dokumentiert.

Welche Antidepressiva sind kompatibel?

Alle genannten Mittel sind verschreibungspflichtig, jede Änderung gehört in ärztliche Hand. SSRI und SNRI wurden in den meisten Studien fortgeführt. MAO-Hemmer brauchen Vorsicht wegen möglicher kardiovaskulärer Wechselwirkungen. Lithium wurde in Studien zur bipolaren Depression fortgeführt, Spiegelkontrollen bleiben nötig. Trizyklika brauchen eine individuelle Abwägung wegen des Herzrisikos.

Was ist mit Benzodiazepinen?

Sie können die antidepressive Wirkung abschwächen. Diskutiert wird, dass sie über das hemmende GABA-System die Erregung dämpfen, die Ketamin auslösen soll. Zusätzlich können sich sedierende und atemdämpfende Effekte addieren. Setze Benzodiazepine niemals selbst ab. Ob etwas angepasst wird, entscheidet der behandelnde Arzt.

Kann ich Cannabis kombinieren?

Lebensbedrohliche Wechselwirkungen wie mit Opioiden sind nicht beschrieben, die Sitzung kann aber schwerer steuerbar werden und die Integration erschwert sein. Vor der Sitzung mindestens 48 Stunden ohne Cannabis. Bei chronischem Konsum kann eine längere Pause sinnvoll sein, die Dauer wird im ärztlichen Gespräch festgelegt.

Welche Naturheilmittel stören?

Johanniskraut kann CYP3A4 anregen und dadurch den Abbau von Ketamin beschleunigen. Für andere pflanzliche Mittel wie Ginkgo ist die Datenlage widersprüchlich und beruht überwiegend auf Laborversuchen. Nimm alle Phytopräparate in die Liste auf, die du im Erstgespräch besprichst, auch die rezeptfreien.

Was muss ich vor einer Sitzung absetzen?

48 Stunden vor der Sitzung kein Alkohol, kein Cannabis, keine Stimulanzien. Verschriebene Dauermedikation setzt du niemals eigenmächtig ab, auch Benzodiazepine nicht. Jede Anpassung wird vorher ärztlich besprochen. Nach der Sitzung gilt an diesem Tag Fahrverbot und ein Verzicht auf Maschinen.

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Shukri Jarmoukli

Arzt · Tätigkeitsschwerpunkt Integrative Medizin · ViveCura Berlin

Shukri Jarmoukli ist Arzt für Integrative Medizin in Berlin. Sein Anliegen in diesem Text ist Differenzierung statt Verbot: welche Substanzen klinisch riskant sind, welche die Wirksamkeit beeinflussen können und wo bisher nichts Relevantes beschrieben ist. Diese Klarheit kann eine Behandlung sicherer machen und nimmt gleichzeitig den Druck, das ganze Leben umstellen zu müssen.

Quellen

  1. Peltoniemi MA et al. Ketamine: a review of clinical pharmacokinetics and pharmacodynamics in anesthesia and pain therapy. Clin Pharmacokinet. 2016;55(9):1059-1077. DOI: 10.1007/s40262-016-0383-6 [Übersichtsarbeit, Pharmakokinetik]
  2. Mion G, Villevieille T. Ketamine pharmacology: an update. CNS Neurosci Ther. 2013;19(6):370-380. DOI: 10.1111/cns.12099 [Mechanismus-Review, Pharmakologie]
  3. Frye MA, Blier P, Tye SJ. Concomitant benzodiazepine use attenuates ketamine response: implications for large scale study design and clinical development. J Clin Psychopharmacol. 2015;35(3):334-336. DOI: 10.1097/JCP.0000000000000316 [Leserbrief, Benzodiazepine plus Wirksamkeit]
  4. Andrashko V et al. The Antidepressant Effect of Ketamine Is Dampened by Concomitant Benzodiazepine Medication. Front Psychiatry. 2020;11:844. DOI: 10.3389/fpsyt.2020.00844 [Beobachtungsstudie, n=47]
  5. Feeney A et al. Effect of Concomitant Benzodiazepines on the Antidepressant Effects of Ketamine: Findings From the RAPID Intravenous Ketamine Study. J Clin Psychiatry. 2022;84(1):22m14491. DOI: 10.4088/JCP.22m14491 [Sekundäranalyse eines RCT]
  6. Hirvonen J et al. Reversible and regionally selective downregulation of brain cannabinoid CB1 receptors in chronic daily cannabis smokers. Mol Psychiatry. 2012;17(6):642-649. DOI: 10.1038/mp.2011.82 [Bildgebungsstudie, Human]
  7. Rodolico A et al. Efficacy and safety of ketamine and esketamine for unipolar and bipolar depression. Front Psychiatry. 2024;15:1325399. DOI: 10.3389/fpsyt.2024.1325399 [Übersicht von Meta-Analysen]
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  10. Singh JB et al. Approval of esketamine for treatment-resistant depression. Lancet Psychiatry. 2020;7(3):232-235. DOI: 10.1016/S2215-0366(19)30533-4 [Editorial, Zulassungseinordnung]
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  13. Bahji A, Zarate CA, Vazquez GH. Ketamine for bipolar depression: a systematic review. Int J Neuropsychopharmacol. 2021;24(7):535-541. DOI: 10.1093/ijnp/pyab023 [Systematischer Review, bipolar plus Lithium]
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  15. Kamp J, Olofsen E, Henthorn TK, van Velzen M, Niesters M, Dahan A. Ketamine Pharmacokinetics: A Systematic Review of the Literature, Meta-analysis, and Population Analysis. Anesthesiology. 2020;133(6):1192-1213. DOI: 10.1097/ALN.0000000000003577 [Systematischer Review und Meta-Analyse, Pharmakokinetik]

Transparenz-Hinweis: Die hier dargestellten Wechselwirkungen basieren auf der publizierten Literatur und auf klinischer Erfahrung. Wo die Datenlage dünn ist, ist das im Text benannt. Individuelle Konstellationen können abweichen. Vor jeder Therapieentscheidung ist eine vollständige Anamnese aller Begleitmedikamente und Substanzen mit dem behandelnden Arzt unverzichtbar. Dieser Artikel ist allgemeine Information, keine Werbung für ein bestimmtes Arzneimittel und ersetzt keine ärztliche Untersuchung und Beratung.

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