Probiotika Sporenform vs. Kapsel: was wirklich überlebt, was wirklich Wirkung zeigt
Sporen, Kapseln, Pulver. Dahinter steckt eine nüchterne Frage: welcher Stamm in welcher Form für welches Bild? Ich zeige dir, wie ich das sortiere und wo die Daten aufhören.
Probiotika sind das am häufigsten missverstandene Werkzeug in der Darm-Medizin. Es gibt keinen „guten Allzweck-Probiotika". Es gibt nur passende oder unpassende Stämme für die jeweilige Indikation. Wer ein Produkt kauft, ohne den Stamm und die Studienlage zu kennen, kann im Nachhinein kaum beurteilen, was eigentlich eingenommen wurde. Eine wichtige Einordnung dazu kommt von Lynne McFarland 2018: die Wirksamkeit war in ihrer Auswertung strain-spezifisch und disease-spezifisch. Stamm-Nummer, Studie und passende Dosis sind deshalb die Fragen, die ich zuerst stelle. In diesem Spoke schauen wir, welche Stämme bei welchem Bild Daten haben, was Sporenform wirklich bedeutet, und worauf Histamin-Empfindliche bei der Stamm-Liste achten können.
Dieser Spoke ist der Praxis-Spoke des Darm-Clusters. Hier geht es nicht nur um Theorie, sondern um die Frage, welche Studienlage eigentlich zu welchem Stamm gehört. Wir gehen die wichtigsten Stämme einzeln durch, mit der Studienlage und der jeweils untersuchten Indikation. Wir trennen Sporen-Probiotika von Lactobacillen und Bifidobakterien. Und wir benennen die histamin-relevanten Vorbehalte, die in MCAS- und Histamin-Intoleranz-Sprechstunden oft übersehen werden.
In der Sprechstunde begegnet mir oft die Aussage „Probiotika funktionieren bei mir nicht". Wenn ich dann nachfrage, welche Stämme genau eingenommen wurden, steht auf den Packungen häufig gar keine Stammnummer. Damit lässt sich im Nachhinein nicht mehr sagen, was eigentlich im Bauch angekommen ist.
Ob ein Wechsel auf einen studienbelegten Stamm im Einzelfall etwas ändert, kann ich nicht vorhersagen. Es lohnt sich aber, die Frage überhaupt zu stellen. Ich verzichte hier bewusst auf Einzelfall-Verläufe, weil ein einzelner Verlauf nichts beweist und weil er beim Lesen leicht den Eindruck erweckt, das Ergebnis ließe sich wiederholen.
Was Probiotika sind und was nicht
Die WHO-Definition von Probiotika lautet: lebende Mikroorganismen, die in ausreichender Menge verabreicht einen gesundheitlichen Nutzen für den Wirt haben. Drei Worte sind entscheidend: lebend, ausreichende Menge, dokumentierter Nutzen. Tot ist kein Probiotikum, sondern ein Postbiotikum (eigene Kategorie). Eine Hand voll Milliarden ist keine Wirkung, sondern nur eine Zahl. Und „angeblich gut für den Darm" ist kein dokumentierter Nutzen.
In der Praxis unterscheiden wir vier Formulierungs-Typen, die alle ihre Berechtigung haben:
Sporen-Probiotika
Bacillus-Spezies (B. subtilis, B. coagulans, B. clausii, B. licheniformis) als getrocknete Sporen. Vergleichsweise stabil gegen Magensäure, Galle und Lagerbedingungen. Keimen erst im Dünndarm zu vegetativen Zellen aus. Vorteil: im Vergleich zu vegetativen Zellen eine höhere Überlebensrate im Magen, in der Regel keine Kühlung nötig, und sie bilden nach heutigem Kenntnisstand selbst kein Histamin. Nebenwirkungsfrei ist auch diese Form nicht, dazu unten mehr. Handelsnamen nenne ich hier bewusst nicht.
Magensaftresistente Kapseln
Lactobacillen und Bifidobakterien in DR-Caps oder enteric-coated Kapseln, die erst im Dünndarm zerfallen. Vorteil: höhere Überlebensrate als blanke Kapseln. In dieser Form wurde zum Beispiel der Stamm 35624 untersucht (Whorwell 2006).
Lyophilisierte Pulver
Multi-Strain-Pulver, oft mit Bifidobakterien und Lactobacillen kombiniert. In dieser Form wurde unter anderem die Achtstamm-Mischung eingesetzt, die in den älteren Colitis-Studien untersucht wurde. Pulver kann in kalte Flüssigkeit gerührt werden. Warme Flüssigkeit kann einen Teil der Keime inaktivieren.
Klassische blanke Kapseln
Lactobacillen ohne Schutz. Die meisten Drogerie-Produkte. Magensäure kann einen großen Teil inaktivieren. Bei der Keimzahl lohnt der Blick aufs Kleingedruckte: manche Hersteller geben die Menge bei Herstellung an, andere garantieren sie bis zum Mindesthaltbarkeitsdatum. Beides steht meist auf der Packung, und der Unterschied ist relevant für das, was am Ende bei dir ankommt. Auch in dieser Form kann ein Präparat wirken, Stamm und Dosis müssen aber passen.
Sporen-Probiotika: was sie können und was nicht
Bacillus-Sporen sind das mechanistisch faszinierendste Probiotika-Format. Eine Spore ist ein metabolisch ruhender Zustand mit einer dichten Hülle aus Peptidoglykan-Cortex und einer äußeren Spore-Coat. Sporen sind sehr widerstandsfähig. Sie können saure Bedingungen, kurzzeitige Hitze und lange Trockenphasen überstehen, deutlich besser als vegetative Bakterienzellen. Wie viel davon eine konkrete Handelsformulierung tatsächlich leistet, hängt vom Produkt ab und ist selten unabhängig geprüft. Erst wenn die Trigger stimmen (Aminosäuren wie L-Alanin, Gallensalze, Nährstoffe in der Mahlzeit), kann die Spore zu einer aktiven vegetativen Zelle auskeimen und im Darm Wirkung entfalten.
Ghelardi und Kollegen (2015): Crossover-Studie an gesunden Probanden
Diese Studie in Journal of Applied Microbiology gab gesunden Probanden zwei kommerzielle B. clausii-Sporen-Formulierungen (lyophilisiert vs. Flüssig-Suspension) in Cross-Over. Mit selektiven Medien wurden die 4 antibiotika-resistenten B. clausii-Stämme (OC, NR, SIN, T) im Stuhl quantifiziert und über bis zu 12 Tage verfolgt. Ergebnis: B. clausii-Sporen überlebten den Magen-Darm-Trakt nachweisbar. Bei einigen Probandinnen war die im Stuhl gemessene Menge an OC, NR oder SIN sogar höher als die eingenommene Spore-Anzahl. Das deutet auf Auskeimung, Wachstum und vegetative Vermehrung im Darm hin. Beide Formulierungen waren bioäquivalent. Einordnung: das ist ein direkter Hinweis am Menschen, dass Sporen dieses einen Stammes den oberen Verdauungstrakt überstehen und im Darm aktiv werden können. Auf alle Bacillus-Sporen und alle Handelspräparate lässt sich das nicht ohne Weiteres übertragen. Zwei Einschränkungen gehören dazu: die Fallzahl war klein, und die untersuchten Stämme sind ausdrücklich antibiotikaresistent. Für Bacillus-Präparate wird deshalb diskutiert, ob Resistenzeigenschaften auf andere Darmbakterien übergehen können. Abschließend geklärt ist das nicht, es gehört aber zur ehrlichen Bilanz dazu.
Ghelardi E, Celandroni F, Salvetti S, Gueye SA, Lupetti A, Senesi S. Survival and persistence of Bacillus clausii in the human gastrointestinal tract following oral administration as spore-based probiotic formulation. J Appl Microbiol. 2015;119(2):552-9. doi:10.1111/jam.12848 · PMID: 25973914 [Real-World]
Keller und Kollegen (2019): dynamisches GI-Modell zeigt Auskeimung
Diese Studie in Beneficial Microbes nutzte das computer-kontrollierte dynamische in-vitro-Modell des oberen GI-Traktes (TIM-1, Magen und Dünndarm) und des Kolons (TIM-2), das die physiologischen Bedingungen des erwachsenen Menschen nachbildet. B. coagulans GBI-30, 6086, ein proprietäres Präparat, wurde mit einer Mahlzeit als Auskeimungs-Trigger verabreicht. Ergebnis: nach Magen-Transit waren 97 Prozent der Sporen überlebensfähig, 76 Prozent noch in Spore-Form. Nach Dünndarm-Transit waren noch 51 Prozent lebensfähig, davon 93 Prozent bereits ausgekeimt zu vegetativen Zellen. 24 Stunden später waren im Kolon-Modell 97 Prozent vegetative Zellen. Die Bakterien zeigten metabolische Aktivität: erhöhte Aminosäuren, Dipeptide und Citrat-Zyklus-Metaboliten. Zwei Anmerkungen zur Einordnung: diese Untersuchung stammt aus dem Umfeld des Herstellers des untersuchten Präparats, und sie ist ein Labormodell, kein Mensch. Beides heißt nicht, dass die Daten falsch sind. Es heißt, dass ich sie zurückhaltender gewichte als eine unabhängige Studie am Menschen.
Keller D, Verbruggen S, Cash H, Farmer S, Venema K. Spores of Bacillus coagulans GBI-30, 6086 show high germination, survival and enzyme activity in a dynamic, computer-controlled in vitro model of the gastrointestinal tract. Benef Microbes. 2019;10(1):77-87. doi:10.3920/BM2018.0037 · PMID: 30694101 [In vitro]
Dolin (2009): Pilot-RCT bei Diarrhoe-prädominantem Reizdarm
Diese doppelblind-randomisierte placebo-kontrollierte Pilot-Studie in Methods Find Exp Clin Pharmacol untersuchte B. coagulans GBI-30, 6086, ein proprietäres Präparat, bei Patientinnen mit IBS-D über 8 Wochen. Von 61 eingeschlossenen Patientinnen schlossen 52 die Studie ab. Ergebnis: durchschnittliche Stuhlfrequenz pro Tag signifikant reduziert in der B. coagulans-Gruppe gegenüber Placebo (p=0,042). Schwere-Scores und Lebensqualität konnten wegen großer Baseline-Variabilität nicht solide ausgewertet werden. Schlussfolgerung der Autoren: das Präparat wurde in dieser Studie gut vertragen und konnte die Stuhlfrequenz senken. Einordnung: ein früher Studienhinweis für ein Sporen-Probiotikum bei Reizdarm, allerdings eine Pilotstudie mit kleiner Fallzahl, mit einem proprietären Produkt und aus dem Umfeld des Herstellers. Aus 52 auswertbaren Teilnehmenden lässt sich weder eine gesicherte Wirksamkeit noch ein umfassender Sicherheitsnachweis ableiten.
Dolin BJ. Effects of a proprietary Bacillus coagulans preparation on symptoms of diarrhea-predominant irritable bowel syndrome. Methods Find Exp Clin Pharmacol. 2009;31(10):655-9. doi:10.1358/mf.2009.31.10.1441078 · PMID: 20140275 [RCT]
Bifidobacterium und Lactobacillus: warum der Stamm zählt
Während Sporen-Probiotika das mechanistisch spannendste Format sind, haben Bifidobakterien und ausgewählte Lactobacillen bei einigen Indikationen die solidere klinische Daten-Basis. Der wichtigste Punkt: nicht Bifidobacterium an sich kann wirken, sondern ein spezifischer Stamm. B. infantis 35624 ist nicht gleich B. infantis allgemein. Das Stamm-Suffix ist die Quelle der Evidenz. Eine Anmerkung zum Namen: der Stamm 35624 wurde früher als Bifidobacterium infantis geführt und nach neuer Einordnung als Bifidobacterium longum subsp. longum 35624 bezeichnet. Es handelt sich um denselben Stamm, deshalb tauchen im Text beide Schreibweisen auf.
Whorwell und Kollegen (2006): die 35624-Studie
Diese multizentrische randomisierte placebo-kontrollierte Studie in Am J Gastroenterol untersuchte enkapsuliertes lyophilisiertes B. infantis 35624 bei 362 Frauen mit Reizdarm (alle Subtypen) über 4 Wochen. Drei Dosen wurden getestet: 1 x 10⁶, 1 x 10⁸ und 1 x 10¹⁰ CFU/mL. Primärer Endpunkt war Bauchschmerz auf einer 6-Punkte-Likert-Skala. Ergebnis: nur die mittlere Dosis 1 x 10⁸ CFU war signifikant besser als Placebo für Bauchschmerz, Komposit-Score und Scores für Blähungen, Stuhl-Dysfunktion, unvollständige Entleerung, Pressen und Gas. Die Verbesserung der globalen Symptom-Bewertung übertraf Placebo um mehr als 20 Prozent (p<0,02). Die anderen Dosen (1 x 10⁶ und 1 x 10¹⁰) waren NICHT signifikant verschieden von Placebo. Die 1 x 10¹⁰-Dosis hatte zudem Formulierungs-Probleme. Klinisch sehr wichtig: zeigt, dass die richtige Dosis spezifisch ist, mehr ist NICHT automatisch besser, und dass für jeden Stamm die kommerzielle Formulierung in der dosis-validierten Form vorliegen muss.
Whorwell PJ, Altringer L, Morel J, et al. Efficacy of an encapsulated probiotic Bifidobacterium infantis 35624 in women with irritable bowel syndrome. Am J Gastroenterol. 2006;101(7):1581-90. doi:10.1111/j.1572-0241.2006.00734.x · PMID: 16863564 [RCT]
Sood und Kollegen (2009): Multi-Stamm-Pulver bei UC-Schub
Diese multizentrische randomisierte doppelblind placebo-kontrollierte Studie in Clinical Gastroenterology and Hepatology untersuchte eine Achtstamm-Mischung, in der Publikation als VSL#3 bezeichnet (Studiendosis 3,6 x 10¹² CFU zweimal täglich), bei 147 Patientinnen mit mild-bis-moderater aktiver Colitis ulcerosa über 12 Wochen. Primärer Endpunkt war 50-Prozent-Reduktion im UCDAI nach 6 Wochen. Ergebnis: Verbesserung der UCDAI um mehr als 50 Prozent in 32,5 Prozent unter der Mischung vs. 10 Prozent unter Placebo (p=0,001). Remission nach 12 Wochen: 42,9 Prozent unter der Mischung vs. 15,7 Prozent unter Placebo (p<0,001). UCDAI-Reduktion um mehr als 3 Punkte: 51,9 Prozent vs. 18,6 Prozent (p<0,001). Schlussfolgerung der Autoren: die Mischung wurde in dieser Studie gut vertragen und konnte eine klinische Antwort und eine Remission bei mild bis moderat aktiver Colitis ulcerosa auslösen. Einordnung, und die ist wichtig: das war eine Studie zur Remissions-Induktion über 12 Wochen. Ob eine Dauergabe eine erreichte Remission hält, ist damit nicht beantwortet, dafür braucht es eigene Studien, und die Datenlage dazu ist dünner als oft dargestellt. Dazu kommt: die damals untersuchte Achtstamm-Mischung wird heute unter verschiedenen Handelsnamen vertrieben, und die Präparate sind nicht ohne Weiteres gleichzusetzen. Wer sich auf Studiendaten beruft, sollte prüfen, ob das gekaufte Produkt tatsächlich die untersuchte Rezeptur enthält. Und unabhängig davon: bei einer chronisch entzündlichen Darmerkrankung kann ein Probiotikum allenfalls eine Ergänzung zur leitliniengerechten Therapie sein, niemals ein Ersatz.
Sood A, Midha V, Makharia GK, et al. The probiotic preparation, VSL#3 induces remission in patients with mild-to-moderately active ulcerative colitis. Clin Gastroenterol Hepatol. 2009;7(11):1202-9. doi:10.1016/j.cgh.2009.07.016 · PMID: 19631292 [RCT]
McFarland und Kollegen (2018): 228 Studien zur Stamm-spezifischen Wirkung
Diese systematische Übersicht und Meta-Analyse in Frontiers in Medicine untersuchte 228 randomisierte Studien zu Probiotika, mit der zentralen Frage: ist Probiotika-Wirkung strain-spezifisch und disease-spezifisch oder gibt es einen Klassen-Effekt? Ergebnis: für 7 von 10 Probiotika-Stämmen wurde signifikante Wirkung bei 4 Präventiven-Indikationen gezeigt. Für 11 von 17 Stämmen bei 5 Therapie-Indikationen. Beispiel für Stamm-Spezifität: bei Antibiotika-assoziierter Diarrhoe bei Erwachsenen war die Wirkung klar gezeigt für die Kombination L. acidophilus CL1285 plus L. casei LBC80R plus L. rhamnosus CLR2, für L. casei DN114001 und für L. reuteri DSM 17938. Andere Lactobacillus-Stämme zeigten KEINE Wirkung. Disease-Spezifität: L. rhamnosus GG und S. boulardii CNCM I-745 zeigten für verschiedene Krankheitsbilder unterschiedliche Wirksamkeit. Schlussfolgerung der Autoren: Probiotika-Studien dürfen NICHT pauschal nach Genus oder Spezies gepoolt werden, das führt zu irreführenden Konklusionen. Stamm UND Indikation müssen passen. Einordnung: das ist ein starkes Argument dafür, dass eine belastbare Aussage über ein Probiotikum die Stamm-Nummer, eine Studie zu genau diesem Stamm und eine passende Menge braucht.
McFarland LV, Evans CT, Goldstein EJC. Strain-Specificity and Disease-Specificity of Probiotic Efficacy: A Systematic Review and Meta-Analysis. Front Med (Lausanne). 2018;5:124. doi:10.3389/fmed.2018.00124 · PMID: 29868585 [Systematischer Review]
Wenn du nach einem Probiotikum schaust, dann frag nach dem konkreten Stamm-Code, nicht nach dem Genus. Bifidobacterium infantis allein ist eine Spezies-Angabe und sagt nichts über die Studienlage. Bifidobacterium longum 35624 ist eine Stamm-Angabe, zu der es Studien gibt. Lactobacillus rhamnosus allein sagt ebenfalls nichts. Lactobacillus rhamnosus GG (ATCC 53103) ist der Stamm, zu dem viele Studien vorliegen. Das Stamm-Suffix ist die Adresse der Evidenz. Fehlt die Stammnummer auf der Packung, lässt sich im Nachhinein oft gar nicht mehr sagen, was eingenommen wurde. Das ist kein Vorwurf an irgendjemanden, es macht die Beurteilung nur schwierig. Ich nenne hier bewusst keine Handelsnamen und keine Bestellempfehlung. Welches Präparat für dich in Frage kommt und ob überhaupt eines, gehört in ein persönliches Gespräch, weil das von deiner Diagnose, deiner laufenden Therapie und deinen Vorerkrankungen abhängt.
Saccharomyces boulardii: die nicht-bakterielle Sonderkategorie
S. boulardii ist keine Bakterie, sondern eine Hefe. Sie wird aus den Schalen von Litschi- und Mangostan-Früchten in Indochina isoliert (Henri Boulard 1923). Drei Eigenschaften fallen auf. Erstens: als Hefe wird sie von antibakteriellen Antibiotika nicht angegriffen, sie kann deshalb parallel zu einer Antibiotika-Therapie eingenommen werden. Antimykotika dagegen können ihre Wirkung aufheben. Zweitens: sie etabliert sich in der Regel nicht dauerhaft im Darm, sondern wird über Wochen wieder ausgeschieden. Drittens: sie bildet nach heutigem Kenntnisstand kein Histamin, deshalb ist sie bei Histamin-Sensitivität oft die verträglichere Wahl. Nebenwirkungsfrei ist sie damit nicht. Bei geschwächtem Immunsystem, unter Immunsuppression, bei liegendem zentralem Venenkatheter oder nach Transplantation sind Blutstrominfektionen durch diese Hefe beschrieben. In solchen Situationen gehört jede Einnahme vorher ärztlich abgewogen.
Szajewska und Kollodziej (2015): aktualisierte systematische Übersicht
Diese systematische Übersicht und Meta-Analyse in Alimentary Pharmacology and Therapeutics aktualisierte die 2005er-Meta-Analyse und schloss 21 RCTs mit 4780 Teilnehmerinnen ein. Ergebnis: Saccharomyces boulardii reduzierte das Risiko für Antibiotika-assoziierte Diarrhoe von 18,7 auf 8,5 Prozent (RR 0,47, NNT 10). Bei Kindern reduzierte sich das Risiko von 20,9 auf 8,8 Prozent (n=1653, RR 0,43), bei Erwachsenen von 17,4 auf 8,2 Prozent (n=3114, RR 0,49). Bei Clostridium-difficile-assoziierter Diarrhoe war die Risiko-Reduktion bei Kindern signifikant (RR 0,25), bei Erwachsenen nicht (RR 0,80, p>0,05). Schlussfolgerung der Autoren: S. boulardii kann antibiotikaassoziierter Diarrhoe bei Kindern und Erwachsenen vorbeugen. Einordnung: das ist die solideste Datenlage im ganzen Probiotika-Feld. Wichtig zur Ehrlichkeit: für die Clostridioides-difficile-assoziierte Diarrhoe war die Risikoreduktion in derselben Analyse bei Kindern signifikant, bei Erwachsenen nicht. Eine Infektion mit Clostridioides difficile gehört in ärztliche Behandlung und ist kein Selbstbehandlungs-Thema. Zu Dosierungen äußere ich mich hier bewusst nicht. Sie gehören ins ärztliche Gespräch, auch weil Auswahl und Anwendung bei Kindern gesondert abzuklären sind.
Szajewska H, Kołodziej M. Systematic review with meta-analysis: Saccharomyces boulardii in the prevention of antibiotic-associated diarrhoea. Aliment Pharmacol Ther. 2015;42(7):793-801. doi:10.1111/apt.13344 · PMID: 26216624 [Meta-Analyse]
Probiotika bei Histamin-Sensitivität und MCAS: worauf ich achte
Das ist ein Bereich, der in Standard-Beratungen zu Probiotika oft übersehen wird. In meiner Sprechstunde sehe ich immer wieder, dass Histamin-Empfindliche unter einem Präparat mehr Beschwerden bekommen statt weniger. Das ist eine klinische Beobachtung und keine Studienaussage. Bestimmte Lactic Acid Bacteria können Histamin oder andere biogene Amine produzieren, weil sie die Decarboxylase-Enzyme tragen, die L-Histidin in Histamin umwandeln.
Pessione und Cirrincione (2016): Histamin- und Tyramin-Produktion durch LAB
Diese Übersicht in Frontiers in Microbiology fasste die bioaktiven Moleküle zusammen, die Lactic Acid Bacteria (LAB) in fermentierten Lebensmitteln produzieren. Wichtige unerwünschte Seite: Histamin und Tyramin können bei empfindlichen Personen Allergie-ähnliche Reaktionen, Blutdruckanstiege und Kopfschmerzen auslösen. Beschrieben werden die Decarboxylase-Wege, über die aus L-Histidin Histamin und aus L-Tyrosin Tyramin entstehen kann. Einordnung, und das ist mir wichtig: ob ein konkretes Produkt tatsächlich Histamin bildet, hängt am einzelnen Stamm und nicht an der Spezies. Für die meisten kommerziellen Stämme ist das nicht sauber untersucht. Eine Schwarzliste ganzer Spezies lässt sich aus dieser Übersicht nicht ableiten, und sie würde der Kernbotschaft der Stamm-Spezifität widersprechen.
Pessione E, Cirrincione S. Bioactive Molecules Released in Food by Lactic Acid Bacteria: Encrypted Peptides and Biogenic Amines. Front Microbiol. 2016;7:876. doi:10.3389/fmicb.2016.00876 · PMID: 27375596 [Übersicht]
Probiotika-Wahl bei Histamin-Sensitivität und MCAS
- Warum das überhaupt eine Frage ist: manche Milchsäurebakterien tragen die Enzyme, mit denen aus Histidin Histamin entstehen kann (Pessione 2016). Ob ein konkretes Produkt das tut, hängt am einzelnen Stamm und nicht an der Spezies, und für die meisten kommerziellen Stämme ist das nicht sauber untersucht. Eine pauschale Schwarzliste ganzer Spezies wäre deshalb nicht redlich.
- Was das praktisch heißt: lies die Stamm-Liste auf der Packung und notiere sie. Wenn du histaminempfindlich bist, kann es sich lohnen, ein Produkt probeweise zu pausieren und die Reaktion zu beobachten, am besten in Absprache mit der Praxis, die dich behandelt.
- Häufig als verträglicher beschrieben sind Bifidobakterien, Lactobacillus rhamnosus GG, L. plantarum 299v, Sporen der Bacillus-Gattung und die Hefe S. boulardii, weil sie nach heutigem Kenntnisstand selbst kein Histamin bilden. Verträglicher heißt nicht risikofrei, die Sicherheitshinweise weiter unten gelten unverändert.
- Reihenfolge bei MCAS: in der Regel erst die Mastzell-Situation stabilisieren, dann über eine probiotische Strategie nachdenken. Welche Bausteine dafür in Frage kommen, gehört ins ärztliche Gespräch. Zur Einordnung, ausdrücklich ohne Empfehlung und ohne Dosierung: Quercetin und Vitamin C sind Nahrungsergänzungsmittel, die in diesem Zusammenhang diskutiert werden, belastbare Humandaten bei MCAS sind dünn. Loratadin ist ein H1-Antihistaminikum und in Deutschland in der Apotheke ohne Rezept erhältlich; es kann müde machen und Kopfschmerzen oder Mundtrockenheit auslösen. Famotidin ist ein H2-Blocker und in Deutschland verschreibungspflichtig; es kann Kopfschmerzen, Schwindel und Stuhlveränderungen auslösen, muss bei eingeschränkter Nierenfunktion angepasst werden und kann über die Anhebung des Magen-pH-Werts die Aufnahme anderer Arzneimittel verändern, etwa von bestimmten Antimykotika oder von Eisenpräparaten. Cromoglicinsäure zum Einnehmen ist ebenfalls verschreibungspflichtig, wird bei MCAS je nach Präparat außerhalb der Zulassung eingesetzt, was eine gesonderte Aufklärung und in der Regel eine Selbstzahlung bedeutet, und kann Übelkeit, Bauchschmerzen, Kopfschmerzen und Hautreaktionen auslösen. Ob und was davon für dich in Frage kommt, entscheidet die Ärztin oder der Arzt, die dich untersuchen. Detail in Spoke 5: MCAS und Darm.
- Bei Histamin-Sensitivität ohne MCAS-Diagnose kann eine DAO-Bestimmung Teil der Abklärung sein. Detail in Spoke 4: Histamin-Intoleranz und DAO.
Meta-Analyse-Lage bei Reizdarm: die nüchterne Einordnung
Ford und Kollegen (2018): Probiotika-Meta in IBS
Diese systematische Übersicht und Meta-Analyse in Aliment Pharmacol Ther schloss 53 RCTs mit 5545 IBS-Patientinnen ein. Ergebnis: bestimmte Kombinationen von Probiotika oder spezifische Spezies und Stämme zeigten Effekte auf globale IBS-Symptome und Bauchschmerz. Aber definitive Schlussfolgerungen über die Wirksamkeit waren nicht möglich, weil die Heterogenität der Studien zu groß war (verschiedene Stämme, Dosen, Dauern, Subtypen). Schlussfolgerung der Autoren: welche Kombinationen, Spezies oder Stämme bei IBS wirksam sind, bleibt für die meisten Fälle unklar. Klinisch wichtig: das unterstreicht die McFarland-2018-Botschaft. Pauschal-Empfehlungen für Probiotika bei Reizdarm haben keine solide Evidenz-Basis, eine individuelle Einordnung nach Subtyp und Begleiterkrankungen ist aus meiner Sicht der sinnvollere Weg.
Ford AC, Harris LA, Lacy BE, Quigley EMM, Moayyedi P. Systematic review with meta-analysis: the efficacy of prebiotics, probiotics, synbiotics and antibiotics in irritable bowel syndrome. Aliment Pharmacol Ther. 2018;48(10):1044-1060. doi:10.1111/apt.15001 · PMID: 30294792 [Meta-Analyse]
„Je höher die CFU-Zahl, desto besser das Probiotikum." Falsch und in einigen Fällen sogar gegenteilig. Whorwell 2006 zeigte bei B. infantis 35624 klar: die mittlere Dosis 1 x 10⁸ CFU war signifikant wirksam, die niedrige (1 x 10⁶) und die hohe (1 x 10¹⁰) waren NICHT signifikant besser als Placebo. Die hohe Dosis hatte sogar Formulierungs-Probleme. Lehrsatz: die wirksame Dosis ist die in den klinischen Studien validierte. Eine hohe CFU-Zahl ohne Studie zum Stamm sagt für sich genommen wenig aus. 10 Milliarden eines untersuchten Stamms können mehr bringen als 500 Milliarden eines Stamms, zu dem es keine Daten gibt.
Die vier KPNI-Linsen auf Probiotika
1. Nervensystem
Im Tiermodell lässt sich zeigen, dass bakterielle Stoffwechselprodukte den Vagus beeinflussen können (Bravo 2011). Beim Menschen ist dieser Weg deutlich schlechter untersucht. Ich halte den Mechanismus für plausibel, würde daraus aber keine Wirkversprechen ableiten. Für B. longum und L. rhamnosus gibt es präklinische Daten zur Angstdämpfung.
2. Immunsystem
Mukosale Immunmodulation über Treg-Aktivierung, IL-10-Erhöhung, sIgA-Stimulation. Probiotika können die Th17/Treg-Balance beeinflussen, was bei CED, atopischen Erkrankungen und Autoimmun-Konstellationen interessant ist. Sood 2009 ist dafür ein gut untersuchtes Beispiel bei Colitis ulcerosa.
3. Stoffwechsel
Butyrat-Produktion über sekundäre Cross-Feeding-Effekte: Bifidobakterien fermentieren komplexe Kohlenhydrate zu Acetat und Laktat, andere Bakterien wandeln das zu Butyrat um. Butyrat gilt als wichtige Energiequelle der Darmschleimhautzellen. Im Labor kann es über die Hemmung bestimmter Enzyme entzündungsdämpfend wirken. Ob und wie stark sich das beim Menschen in spürbare Effekte übersetzt, ist noch nicht abschließend geklärt.
4. Hormonsystem
Cortisol-Dämpfung über Vagus-HPA-Modulation. Östrogen-Metabolismus über das Östrobolom (Mikrobiom-Bakterien, die zirkulierendes Östrogen reaktivieren). Probiotika können hormonelle Achsen indirekt beeinflussen, klinische Evidenz ist aber begrenzt und stamm-spezifisch.
Was NICHT funktioniert: typische Fehler
Häufige Probiotika-Fehler in der Praxis
- Zufalls-Multi-Strain ohne Stamm-Codes kaufen. Wenn auf der Packung „Lactobacillus acidophilus" steht ohne Stamm-Suffix (z.B. NCFM, La-5, LA-14), lässt sich nicht nachvollziehen, welche Studienlage hinter dem Produkt steht. Untersucht wird immer der einzelne Stamm, nicht die Spezies.
- Probiotika in warme Flüssigkeit rühren. Hitze kann die meisten Lactobacillen und Bifidobakterien inaktivieren. Sporen sind deutlich hitzestabiler, empfindliche Stämme nicht. Mit kalter oder lauwarmer Flüssigkeit einnehmen.
- Antibiotika und Probiotika gleichzeitig schlucken. Antibakterielle Antibiotika können lebende Bakterien inaktivieren, deshalb ist ein zeitlicher Abstand sinnvoll. Anders bei S. boulardii: die Hefe wird von antibakteriellen Wirkstoffen nicht angegriffen, von Antimykotika dagegen schon.
- Probiotika unbegrenzt lange einnehmen. Die meisten klinischen Studien laufen 4 bis 12 Wochen. Danach Mikrobiom-Bau über Pflanzen-Vielfalt und resistente Stärke. Probiotika sind Korrekturwerkzeug, nicht Dauerernährung.
- Bei MCAS oder Histamin-Sensitivität die Stamm-Liste nicht lesen. Einzelne Stämme in Multi-Stamm-Produkten können biogene Amine bilden und Beschwerden verstärken. Welche das sind, lässt sich aus der Spezies allein nicht ableiten. Deshalb: Stamm-Liste notieren und die Reaktion beobachten.
- Probiotika bei geschwächter Abwehr unkritisch geben. Bei zentralvenösen Kathetern, hochdosierter Immunsuppression, nach Transplantation, bei Frühgeborenen und bei schwerer Mukositis sind durch Probiotika ausgelöste Blutstrominfektionen beschrieben, für Bakterien ebenso wie für die Hefe S. boulardii. Hier gehört die Entscheidung in ärztliche Hand, vor jeder Einnahme.
Mein Vorgehen bei der Probiotika-Auswahl
Schritt für Schritt zur richtigen Probiotika-Strategie
- Erst Diagnose, dann Probiotika. Reizdarm, SIBO, CED, Histamin-Intoleranz, MCAS, post-Antibiotika? Die Indikation bestimmt den Stamm, nicht umgekehrt.
- Mikrobiom-Status erheben wo verfügbar: PCR-Stuhltest mit Quantifizierung von Faecalibacterium prausnitzii, Akkermansia muciniphila, Bifidobakterien-Gruppe, Roseburia, Lactobacillen. Detail siehe Spoke 20.
- Histamin-Status klären. Bei Symptomatik (Flush, Kopfschmerz, Reizdarm, Hautreaktionen auf gereifte Lebensmittel) DAO-Bestimmung. Bei MCAS-Verdacht Mastzell-Marker und Spezialist-Anbindung.
- Studienlage einordnen, nicht Produkte empfehlen. Für einige Stämme gibt es Studien bei bestimmten Krankheitsbildern, zum Beispiel den Stamm 35624 beim Reizdarm oder S. boulardii zur Vorbeugung antibiotikaassoziierter Durchfälle. Das heißt nicht, dass du damit eine chronisch entzündliche Darmerkrankung selbst behandeln kannst. Bei Colitis ulcerosa und Morbus Crohn kann ein Probiotikum allenfalls eine Ergänzung zur leitliniengerechten Therapie sein, niemals ein Ersatz. Setze verordnete Medikamente nicht ab und reduziere sie nicht eigenmächtig, auch dann nicht, wenn es dir besser geht. Sprich jede Ergänzung vorher mit der Praxis ab, die dich behandelt.
- Sporen-Probiotika kommen bei Histamin-Sensitivität als verträglichere Option in Frage, etwa Bacillus coagulans oder Bacillus subtilis, eingenommen mit einer Mahlzeit als Auskeimungs-Trigger. Zu Mengen äußere ich mich hier bewusst nicht.
- Dosis: die in klinischen Studien untersuchten Mengen unterscheiden sich stark zwischen den Stämmen, und mehr ist nicht automatisch besser. Welche Menge für dich passt, gehört ins ärztliche Gespräch. Die Stamm-Nummer auf der Packung zu prüfen lohnt sich in jedem Fall.
- Einnahme-Modalität: mit Mahlzeit (Auskeimungs-Trigger für Sporen, Pufferung für sensitive Stämme), nicht mit heißer Flüssigkeit, mindestens 2 Stunden Abstand zu Antibiotika (außer S. boulardii).
- Dauer und Verlaufskontrolle: die klinischen Studien laufen meist über 4 bis 12 Wochen. Eine Selbstbeobachtung über Wochen ersetzt aber keine Abklärung. Wenn Beschwerden bestehen bleiben, sich verändern oder Warnzeichen dazukommen, gehört das ärztlich untersucht, und zwar früher statt später.
- Fermentierte Lebensmittel als parallele Strategie: Sauerkraut, Kimchi, Wasser-Kefir, Joghurt-Stämme, Miso, in moderaten Mengen. Bei Histamin-Sensitivität vorsichtig.
- 30 Pflanzen pro Woche als nachhaltige Mikrobiom-Pflege. Diese Vielfalt kann dein eigenes Mikrobiom langfristig breiter füttern als eine einzelne Probiotika-Kapsel.
„Du brauchst nicht das teuerste Probiotikum. Du brauchst das richtige für DEIN Bild."
Probiotika sind ein Werkzeug, kein Statussymbol. Wer den passenden Stamm in einer untersuchten Menge für das passende Bild wählt, kann mit einem günstigen Präparat unter Umständen weiter kommen als mit einem teuren, das zur Situation nicht passt. Stamm-Nummer auf der Packung, Studie hinter dem Stamm, passende Menge. Drei Fragen, die dir Orientierung geben. Du brauchst kein Versprechen, du brauchst Daten, eine Abklärung und einen klaren Plan.
Drei konkrete Hebel für diese Woche
Prüfe das Etikett deines aktuellen Probiotikums
Hol das Probiotikum aus deinem Schrank und such die Stamm-Codes auf der Verpackung. Stehen sie da (Beispiel B. longum 35624, L. rhamnosus GG ATCC 53103, B. coagulans GBI-30, 6086)? Wenn nein, lässt sich nicht nachvollziehen, welche Studienlage zu dem Produkt gehört. Ein Präparat, das den Stamm exakt benennt, ist zumindest überprüfbar. Ob und welches Präparat für dich in Frage kommt, gehört ins ärztliche Gespräch.
Wenn du Histamin-empfindlich bist: notiere die Stämme
Wenn du Bauchbeschwerden plus Histamin-Symptome hast (Flush, Kopfschmerz, Reaktionen auf gereifte Lebensmittel), liste alle Probiotika auf, die du nimmst, und schreib die genauen Stammbezeichnungen dazu. Ob ein einzelnes Produkt bei dir Beschwerden verstärkt, hängt am jeweiligen Stamm und lässt sich aus der Spezies allein nicht ablesen. Es kann sich lohnen, ein Produkt probeweise zu pausieren und die Reaktion in einem Tagebuch festzuhalten, am besten in Absprache mit der Praxis, die dich behandelt.
Beginn mit Pflanzen-Vielfalt statt mehr Kapseln
Bevor du das nächste teure Probiotikum kaufst: Zähle in einer Woche, wie viele verschiedene pflanzliche Lebensmittel du isst. Gemüse, Obst, Hülsenfrüchte, Nüsse, Samen, Kräuter, Gewürze, Vollkorn-Sorten. Wer unter 20 verschiedenen Pflanzen pro Woche bleibt, lässt aus meiner Sicht einen der wichtigsten Mikrobiom-Hebel ungenutzt. Erhöhe schrittweise auf 30 verschiedene Sorten pro Woche. Das ist die langfristige Strategie, die ich für die tragfähigste halte.
Warnzeichen gehören ärztlich abgeklärt, und zwar zuerst. Blut im Stuhl, schwarzer Stuhl, ungewollter Gewichtsverlust, Fieber, Blutarmut, Beschwerden die dich nachts wecken, eine Erstmanifestation nach dem 50. Lebensjahr, oder Darmkrebs, chronisch entzündliche Darmerkrankungen und Zöliakie in der Familie. In diesen Situationen ist eine Abklärung wichtiger als jedes Präparat, und eine wochenlange Selbstbeobachtung wäre der falsche Weg. Bei starken, plötzlich einsetzenden Bauchschmerzen, anhaltendem Erbrechen, hohem Fieber oder Kreislaufschwäche wähle den Notruf 112.
Laufende Therapie nicht anfassen. Bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen kann ein Probiotikum allenfalls eine Ergänzung zur leitliniengerechten Behandlung sein. Setze verordnete Medikamente nicht ab und reduziere sie nicht eigenmächtig, auch dann nicht, wenn es dir besser geht.
Vorsicht bei geschwächter Abwehr. Bei zentralvenösen Kathetern, hochdosierter Immunsuppression, nach Transplantation, bei Frühgeborenen und bei schwerer Mukositis sind durch Probiotika ausgelöste Blutstrominfektionen beschrieben, für Bakterien ebenso wie für die Hefe S. boulardii. Diese Entscheidung gehört in ärztliche Hand.
Wechselwirkungen und besondere Lebenslagen. Antimykotika können die Wirkung von S. boulardii aufheben. Unter Immunsuppressiva und bei laufender Therapie einer chronisch entzündlichen Darmerkrankung gehört jede Ergänzung vorher abgesprochen. In Schwangerschaft und Stillzeit sowie bei Kindern sind Auswahl, Menge und Anwendung ärztlich abzuklären, die Datenlage ist dort dünner als bei Erwachsenen.
Rechtlicher Rahmen. Probiotika sind in der Regel Nahrungsergänzungsmittel. In der EU ist für Probiotika bislang keine gesundheitsbezogene Angabe zugelassen. Nahrungsergänzungsmittel ersetzen keine abwechslungsreiche und ausgewogene Ernährung und keine gesunde Lebensweise. Dieser Text ist wissenschaftliche Einordnung und keine Empfehlung für ein bestimmtes Produkt.
Häufige Fragen zu Probiotika
Was sind Sporen-Probiotika und warum sind sie besonders?
Sporen-Probiotika sind getrocknete Dauerformen bestimmter Bakterien-Spezies, in der Regel aus der Bacillus-Gattung (B. subtilis, B. coagulans, B. clausii, B. licheniformis). Eine Spore ist ein metabolisch ruhender, sehr widerstandsfähiger Zustand mit einer dichten Hülle aus Peptidoglykan und Kortex, die saure Bedingungen, Gallensalze, kurzzeitige Hitze und Trockenheit überstehen kann. Erst im Dünndarm, in Anwesenheit der richtigen Trigger (Nahrungs-Komponenten, Aminosäuren wie L-Alanin, Gallensalze), können die Sporen auskeimen und zu aktiven, vegetativen Zellen werden. Ghelardi 2015 in Journal of Applied Microbiology zeigte an einer kleinen Zahl gesunder Probanden, dass Sporen eines B.-clausii-Präparats den Magen-Darm-Trakt überleben und bis zu 12 Tage im Stuhl nachweisbar waren. Keller 2019 in Beneficial Microbes konnte in einem dynamischen Labormodell des Magen-Darm-Trakts zeigen, dass über 50 Prozent der eingesetzten B.-coagulans-GBI-30-Sporen den oberen Abschnitt überstanden und im Dünndarm zu über 90 Prozent auskeimten. Wichtig zur Einordnung: Keller 2019 ist ein Labormodell und kein Mensch, und die Untersuchung stammt aus dem Umfeld des Herstellers des untersuchten Präparats. Auf alle Bacillus-Präparate lassen sich diese Zahlen nicht übertragen.
Wenn Sporen so widerstandsfähig sind, sollte ich immer Sporen-Probiotika nehmen?
Nicht zwingend. Sporen haben einen Vorteil beim Überleben der Magen-Darm-Passage, aber die untersuchte Wirkung von Probiotika war strain-spezifisch und disease-spezifisch. McFarland 2018 in Frontiers in Medicine analysierte 228 Studien und kam zu dem Schluss: für jede Indikation muss der Stamm passen, einen Klassen-Effekt konnte die Auswertung nicht stützen. In den Studien, die es zu diesem Thema gibt, wurden jeweils ganz bestimmte Stämme untersucht, zum Beispiel der Stamm 35624 in einer Kapsel-Formulierung beim Reizdarm (Whorwell 2006), eine Achtstamm-Mischung als lyophilisiertes Pulver bei aktiver Colitis ulcerosa (Sood 2009) und die Hefe Saccharomyces boulardii zur Vorbeugung antibiotikaassoziierter Durchfälle (Szajewska 2015). Für Sporen-Probiotika gibt es eine kleine Pilotstudie bei Reizdarm vom Durchfall-Typ (Dolin 2009). Ich nenne hier bewusst keine Handelsnamen und keine Bestellempfehlung. Welches Präparat für dich in Frage kommt und ob überhaupt eines, gehört in ein persönliches Gespräch, weil das von deiner Diagnose, deiner laufenden Therapie und deinen Vorerkrankungen abhängt.
Welche Probiotika sind bei Histaminintoleranz oder MCAS verträglicher?
Manche Milchsäurebakterien tragen die Enzyme, mit denen aus Histidin Histamin entstehen kann (Pessione 2016). Ob ein konkretes Produkt das tut, hängt am einzelnen Stamm und nicht an der Spezies, und für die meisten kommerziellen Stämme ist das nicht sauber untersucht. Eine Schwarzliste ganzer Spezies lässt sich daraus nicht ableiten. Häufig als verträglicher beschrieben werden Bifidobakterien, Lactobacillus rhamnosus GG, L. plantarum 299v, Sporen der Bacillus-Gattung und die Hefe Saccharomyces boulardii, weil sie nach heutigem Kenntnisstand selbst kein Histamin bilden. Verträglicher heißt nicht risikofrei: bei geschwächtem Immunsystem, unter Immunsuppression, bei liegendem zentralem Venenkatheter oder nach Transplantation können lebende Mikroorganismen zu schweren Infektionen führen, das gilt auch für S. boulardii. Bei MCAS gehe ich in der Regel in dieser Reihenfolge vor: erst die Mastzell-Situation stabilisieren, dann die probiotische Strategie. Welche Bausteine dafür in Frage kommen, gehört ins ärztliche Gespräch. Ein Teil davon ist verschreibungspflichtig und kann Nebenwirkungen und Wechselwirkungen haben, deshalb nenne ich hier keine Dosierungen.
Wie viele CFU brauche ich und macht mehr besser?
Nicht automatisch. CFU steht für Colony Forming Units, die Anzahl lebensfähiger Zellen oder Sporen pro Dosis. Die in Studien untersuchten Mengen unterscheiden sich stark zwischen Stämmen und Indikationen. Als Studienangabe: der Stamm 35624 zeigte beim Reizdarm den Effekt in der mittleren Dosis von 1 x 10⁸ CFU, nicht in der höheren Dosis von 1 x 10¹⁰ (Whorwell 2006). Die Achtstamm-Mischung bei aktiver Colitis ulcerosa wurde mit 3,6 x 10¹² CFU zweimal täglich untersucht (Sood 2009). Höhere Mengen bedeuten nicht automatisch bessere Wirkung. In der Whorwell-Studie war die höchste Dosis sogar mit Formulierungs-Problemen verbunden. Diese Zahlen sind Studienangaben und keine Einnahme-Empfehlung. Welche Menge für dich passt, gehört ins ärztliche Gespräch.
Was hat es mit der Achtstamm-Mischung aus den Colitis-Studien auf sich?
In Sood 2009 wurde eine Multi-Stamm-Mischung aus 8 Stämmen untersucht, in der Publikation als VSL#3 bezeichnet: 4 Lactobacillus-Stämme (L. acidophilus, L. plantarum, L. paracasei, L. delbrueckii subsp. bulgaricus), 3 Bifidobacterium-Stämme (B. longum, B. breve, B. infantis) und Streptococcus thermophilus, als lyophilisiertes Pulver in hoher Dosis. Die Studie war ein multizentrischer RCT mit 147 Patientinnen mit aktiver Colitis ulcerosa über 12 Wochen: Remission nach 12 Wochen bei 42,9 Prozent unter der Mischung gegenüber 15,7 Prozent unter Placebo (p<0,001). Zwei Einschränkungen sind wichtig. Erstens war das eine Studie zur Remissions-Induktion und nicht zur Erhaltung, ob eine Dauergabe eine erreichte Remission hält, ist damit nicht beantwortet. Zweitens wird die damals untersuchte Rezeptur heute unter verschiedenen Handelsnamen vertrieben, und die Präparate sind nicht ohne Weiteres gleichzusetzen. Wer sich auf Studiendaten beruft, sollte prüfen, ob das gekaufte Produkt tatsächlich die untersuchte Rezeptur enthält. In jedem Fall gilt: bei einer chronisch entzündlichen Darmerkrankung kann ein Probiotikum allenfalls eine Ergänzung zur leitliniengerechten Therapie sein, niemals ein Ersatz, und verordnete Medikamente werden nicht eigenmächtig abgesetzt oder reduziert.
Sollte ich Probiotika dauerhaft nehmen oder nur kurzfristig?
Hängt vom Ziel ab. Zur Vorbeugung antibiotikaassoziierter Durchfälle wurde die Einnahme während und bis etwa eine Woche nach der Antibiotika-Therapie untersucht (Szajewska 2015). Beim Reizdarm liegen Studien-Zeiträume von 4 bis 12 Wochen vor, die Daten zur Langzeit-Einnahme sind sparsam. Für die Erhaltung einer Remission bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen gibt es aus den hier zitierten Arbeiten keine belastbare Antwort, Sood 2009 hat die Induktion untersucht und nicht die Erhaltung. Für den Aufbau des eigenen Mikrobioms sind Pflanzen-Vielfalt und fermentierte Lebensmittel eine Strategie, die sich langfristig durchhalten lässt. Eine wichtige Faustregel: Probiotika sind Nahrungsergänzung, kein Lebensmittel-Ersatz und kein Ersatz für eine ärztliche Abklärung, wenn Beschwerden bleiben oder sich verändern.
Wie erkenne ich Marketing-Versprechen von echten Studien?
Drei einfache Checks: 1) Steht der konkrete Stamm auf der Packung (Beispiel B. longum 35624, nicht nur Bifidobacterium longum ohne Stammnummer)? 2) Gibt es eine randomisierte placebo-kontrollierte Studie für genau diesen Stamm in der genannten Indikation? 3) Passt die Menge auf der Packung zu der Menge, die in dieser Studie untersucht wurde? Wenn 2 oder 3 Punkte mit Nein beantwortet werden, fehlt die Grundlage, um die Wirksamkeit überhaupt zu beurteilen. Stammnummer, Studie und passende Menge sind die drei wichtigsten Kriterien. McFarland 2018 gibt einen Überblick darüber, für welche Stämme bei welchen Indikationen Daten vorliegen.
Was ist mit fermentierten Lebensmitteln statt Kapseln?
Fermentierte Lebensmittel (Sauerkraut, Kimchi, Kefir, Joghurt, Miso) enthalten lebende Mikroorganismen, aber in viel niedrigerer Menge und mit unbekannten Stämmen. Sie haben einen anderen Nutzen: sie bringen lebende Bakterien plus deren Stoffwechsel-Produkte (Postbiotika), Polyphenole, Ballaststoffe und Vielfalt. In einer Stanford-Studie mit insgesamt 36 Teilnehmenden über 17 Wochen nahm die Mikrobiom-Vielfalt in der Gruppe mit fermentierten Lebensmitteln zu und Entzündungsmarker gingen zurück (Wastyk 2021). Die Fallzahl ist klein, entsprechend vorsichtig würde ich das gewichten. Sinnvoll ist aus meiner Sicht beides: gezielte Probiotika dort, wo es für einen Stamm eine Studie in der passenden Situation gibt, und fermentierte Lebensmittel als regelmäßige Mikrobiom-Pflege. Fermentierte Lebensmittel ersetzen kein klinisch untersuchtes Probiotikum bei Antibiotika-Therapie, und sie ersetzen erst recht keine ärztliche Behandlung bei einer chronisch entzündlichen Darmerkrankung. Wer histaminempfindlich ist, sollte vorsichtig sein, weil viele Fermentate histaminreich sind.
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Quellen und weiterführende Literatur
- McFarland LV, Evans CT, Goldstein EJC. Strain-Specificity and Disease-Specificity of Probiotic Efficacy: A Systematic Review and Meta-Analysis. Front Med (Lausanne). 2018;5:124. doi:10.3389/fmed.2018.00124 · PMID: 29868585 [Systematischer Review]
- Whorwell PJ, Altringer L, Morel J, et al. Efficacy of an encapsulated probiotic Bifidobacterium infantis 35624 in women with irritable bowel syndrome. Am J Gastroenterol. 2006;101(7):1581-90. doi:10.1111/j.1572-0241.2006.00734.x · PMID: 16863564 [RCT]
- Sood A, Midha V, Makharia GK, et al. The probiotic preparation, VSL#3 induces remission in patients with mild-to-moderately active ulcerative colitis. Clin Gastroenterol Hepatol. 2009;7(11):1202-9. doi:10.1016/j.cgh.2009.07.016 · PMID: 19631292 [RCT]
- Szajewska H, Kołodziej M. Systematic review with meta-analysis: Saccharomyces boulardii in the prevention of antibiotic-associated diarrhoea. Aliment Pharmacol Ther. 2015;42(7):793-801. doi:10.1111/apt.13344 · PMID: 26216624 [Meta-Analyse]
- Ghelardi E, Celandroni F, Salvetti S, Gueye SA, Lupetti A, Senesi S. Survival and persistence of Bacillus clausii in the human gastrointestinal tract following oral administration as spore-based probiotic formulation. J Appl Microbiol. 2015;119(2):552-9. doi:10.1111/jam.12848 · PMID: 25973914 [Real-World]
- Keller D, Verbruggen S, Cash H, Farmer S, Venema K. Spores of Bacillus coagulans GBI-30, 6086 show high germination, survival and enzyme activity in a dynamic, computer-controlled in vitro model of the gastrointestinal tract. Benef Microbes. 2019;10(1):77-87. doi:10.3920/BM2018.0037 · PMID: 30694101 [In vitro]
- Dolin BJ. Effects of a proprietary Bacillus coagulans preparation on symptoms of diarrhea-predominant irritable bowel syndrome. Methods Find Exp Clin Pharmacol. 2009;31(10):655-9. doi:10.1358/mf.2009.31.10.1441078 · PMID: 20140275 [RCT]
- Ford AC, Harris LA, Lacy BE, Quigley EMM, Moayyedi P. Systematic review with meta-analysis: the efficacy of prebiotics, probiotics, synbiotics and antibiotics in irritable bowel syndrome. Aliment Pharmacol Ther. 2018;48(10):1044-1060. doi:10.1111/apt.15001 · PMID: 30294792 [Meta-Analyse]
- Pessione E, Cirrincione S. Bioactive Molecules Released in Food by Lactic Acid Bacteria: Encrypted Peptides and Biogenic Amines. Front Microbiol. 2016;7:876. doi:10.3389/fmicb.2016.00876 · PMID: 27375596 [Übersicht]
- Wastyk HC, Fragiadakis GK, Perelman D, et al. Gut-microbiota-targeted diets modulate human immune status. Cell. 2021;184(16):4137-4153.e14. doi:10.1016/j.cell.2021.06.019 · PMID: 34256014 [RCT]
- Bravo JA, Forsythe P, Chew MV, et al. Ingestion of Lactobacillus strain regulates emotional behavior and central GABA receptor expression in a mouse via the vagus nerve. Proc Natl Acad Sci U S A. 2011;108(38):16050-5. doi:10.1073/pnas.1102999108 · PMID: 21876150 [Tiermodell]