Ratgeber Darm & Psyche · Cross-Cluster

Depression und die Darm-Hirn-Achse: was das Mikrobiom damit zu tun hat

Bauch und Kopf reden miteinander, in beide Richtungen. Das ist gut belegt. Nur führt der Weg vom Darm nach oben anders, als es im Netz fast überall steht.

SJ
Shukri Jarmoukli · Arzt · Tätigkeitsschwerpunkt integrative und funktionelle Medizin · ViveCura Berlin
Vier Leitungen Serotonin richtiggestellt Tierversuch getrennt von Humandaten 35 Quellen mit DOI · 3 Leitlinien
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Warum ich das schreibe

Zwischen Bauch und Kopf laufen echte Leitungen, und das ist gut belegt. Trotzdem ist Depression keine Darmerkrankung. Die Darm-Hirn-Achse ist eine zusätzliche Perspektive, keine Ersatzerklärung, und sie ersetzt weder Psychotherapie noch eine psychiatrische Behandlung.

Du sitzt auf der Bettkante und der Tag liegt vor dir wie ein Berg. Nicht traurig im Sinne von Weinen. Eher wie ausgeschaltet. Und dein Bauch macht auch nicht mit, seit Wochen schon.

Irgendwann tippst du nachts drei Wörter ins Handy. Darm, Serotonin, Depression. Und die erste Seite sagt dir, dass 95 Prozent deines Glückshormons im Darm sitzen.

Viele Menschen kennen dieses Muster. Der Satz klingt nach einer Erklärung. Er klingt nach einer Tür, die niemand vorher aufgemacht hat. Und er stimmt sogar zur Hälfte.

Nur trägt er nicht. Das Serotonin aus deinem Darm kommt in deinem Kopf gar nicht an. Es gibt eine Verbindung zwischen Bauch und Stimmung, sogar eine ziemlich elegante, aber sie läuft anders. Und das ist wichtig, weil auf dieser einen falschen Abkürzung sehr viel Produktwerbung aufgebaut ist.

Ich schreibe diesen Artikel als Arzt, der beides ernst nimmt: die Psychiatrie mit ihrer Zurückhaltung und die Mikrobiomforschung mit ihrer Neugier. Beides hat gute Gründe. Was ich dir hier gebe, sind die Zahlen, die Herkunft der Zahlen und die Stellen, an denen sie aufhören zu tragen.

Was du in diesem Artikel findest

  • Die vier Leitungen zwischen Darm und Gehirn, in beide Richtungen
  • Warum das Serotonin-Argument in dieser Form nicht trägt
  • Tryptophan und Kynurenin: der Weg, der plausibel ist
  • Welche berühmten Befunde aus Mäusen stammen
  • Bravo 2011 und der durchtrennte Vagusnerv
  • Was große Kohorten beim Menschen gefunden haben
  • Probiotika: Effektgrößen ohne Marketing
  • Die Ernährungsspur mit SMILES und Firth
  • Entzündung, CRP und der Untergruppen-Gedanke
  • Depression bei Reizdarm und bei chronisch entzündlicher Darmerkrankung
  • Warum kein Stuhltest eine Depression erkennen kann
  • Alarmzeichen, bei denen es nicht warten sollte
ev-clinical randomisierte Studien oder Metaanalysen mit klinischem Endpunkt ev-human Beobachtungsdaten am Menschen, Kohorten und Übersichten ev-vivo Tierversuch, nicht auf den Menschen übertragbar ev-vitro Reagenzglas und Zellkultur

Vier Leitungen zwischen Bauch und Kopf

Kennst du das Gefühl, dass dein Bauch schon Bescheid weiß, bevor dein Kopf es formuliert hat? Vor einer Prüfung, vor einem schwierigen Gespräch, vor einer Nachricht, die du nicht öffnen willst.

Das ist keine Einbildung und auch keine Metapher. Zwischen Darm und Gehirn gibt es vier belegte Kommunikationswege, und sie funktionieren alle in beide Richtungen.

Mechanismus

Die vier Wege, über die Darm und Gehirn Kontakt halten

1. Der Vagusnerv

Die direkte Datenleitung. Der weitaus größte Teil seiner Fasern meldet nach oben statt nach unten. Der Darm sendet also deutlich mehr, als er empfängt.

Bauch nach Kopf und zurück
2. Das Immunsystem

Die Darmschleimhaut ist eine der größten Kontaktflächen zwischen deinem Körper und der Außenwelt, und entsprechend viel Immungewebe liegt dort. Was diese Zellen an Botenstoffen ausschütten, etwa Interleukin 6, kann im Gehirn ankommen und dort Signalwege verändern.

chemischer Funk
3. Mikrobielle Stoffwechselprodukte

Wenn Bakterien Ballaststoffe vergären, entstehen kurzkettige Fettsäuren wie Butyrat. Sie versorgen die Darmschleimhaut und greifen in Immun- und Nervensignale ein.

Nebenprodukte mit Nebenwirkung
4. Die Stressachse

Hypothalamus, Hypophyse und Nebenniere, kurz HPA-Achse. Sie steuert Cortisol. Ihre Empfindlichkeit wird früh im Leben mitgeprägt, und Darmbakterien haben daran einen Anteil.

Hormonleitung

Quelle für diese Gliederung: die große Übersichtsarbeit der Arbeitsgruppe um Cryan aus Cork [Übersichtsarbeit], ergänzt um die Leuvener Übersicht zu kurzkettigen Fettsäuren und die Übersicht der Gruppe um Mayer zur Blut-Hirn-Schranke.

ev-human Studie erzählt

Wer hat sie gemacht. Eine Arbeitsgruppe um Cryan in Cork hat 2019 in Physiological Reviews den bis dahin umfangreichsten Überblick über die Mikrobiota-Darm-Hirn-Achse zusammengetragen.

Was sie beobachtet haben. Als Kommunikationswege benennen sie das Immunsystem, den Tryptophan-Stoffwechsel, den Vagusnerv samt enterischem Nervensystem und mikrobielle Stoffwechselprodukte wie kurzkettige Fettsäuren, verzweigtkettige Aminosäuren und Peptidoglykane. Als prägende Faktoren gelten Infektion, Geburtsmodus, Antibiotika, Ernährung, Umweltstress und die Gene des Wirts. Die Autoren halten ausdrücklich fest, dass die mechanistischen Belege überwiegend aus Tiermodellen stammen.

Was das für dich bedeutet. Die Verbindung selbst ist keine Randmeinung. Sie steht in einem der angesehensten physiologischen Übersichtsjournale. Was daraus für einen einzelnen Menschen folgt, steht dort ausdrücklich nicht.

Cryan JF et al. The Microbiota-Gut-Brain Axis. Physiol Rev. 2019;99(4):1877-2013. DOI: 10.1152/physrev.00018.2018 [Übersichtsarbeit]

Bidirektional ist dabei das entscheidende Wort. Stress verändert die Zusammensetzung deiner Darmflora. Und die Zusammensetzung deiner Darmflora verändert, wie deine Stressachse antwortet.

Das ist unbequem, weil es die einfache Erzählung zerstört. Es gibt keine saubere Ursache und keine saubere Folge. Es gibt einen Kreis, und man kann an mehreren Stellen hineingehen.

Wie die Achse im Detail funktioniert und wie sich der Vagusnerv gezielt ansprechen lässt, habe ich getrennt aufgeschrieben. Den Mechanismus samt Atem, Kälte und transkutaner Stimulation findest du in Darm-Hirn-Achse und Vagus-Stimulation.

Reframe

Die meisten Texte fragen: Kommt die Depression aus dem Darm? Diese Frage ist falsch gestellt, weil sie eine Einbahnstraße unterstellt.

Die brauchbare Frage lautet: Gibt es in diesem Kreislauf eine Stelle, an der sich etwas bewegen ließe, ohne dass ich alles andere weglasse? Das ist eine bescheidenere Frage. Sie hat den Vorteil, dass sie beantwortbar ist.

Und jetzt weißt du, warum es beim Thema Darm und Stimmung so selten um eine einzelne Ursache geht. Es geht um vier Leitungen, die gleichzeitig telefonieren.

Die Richtigstellung: Serotonin aus dem Darm erreicht das Gehirn nicht

Jetzt zu dem Satz, der dich vermutlich hierher gebracht hat. Er lautet ungefähr so: 95 Prozent des Serotonins werden im Darm gebildet, also sitzt die Stimmung im Bauch.

Der erste Teil stimmt. Der zweite Teil folgt daraus nicht.

ev-vivo Studie erzählt

Wer hat sie gemacht. Eine Gruppe um Yano hat 2015 in Cell an Mäusen und an Zellkulturen untersucht, wie Darmbakterien die Serotoninbildung beeinflussen.

Was sie beobachtet haben. Sporenbildende Bakterien aus der Maus- und aus der Humanflora förderten die Serotoninbildung in den enterochromaffinen Zellen des Dickdarms. Diese Zellen versorgen Schleimhaut, Darminneres und die zirkulierenden Blutplättchen. Bestimmte mikrobielle Stoffwechselprodukte erhöhten den Serotoninspiegel in Chromaffinzellkulturen und bei keimfreien Mäusen. Verändert haben sich daraufhin Darmbewegung und Thrombozytenfunktion.

Was das für dich bedeutet. Ja, Bakterien haben Einfluss auf Serotonin. Gemessen wurden Folgen für Verdauung und Blutgerinnung, nicht für die Stimmung. Und gemessen wurde an Mäusen und Zellen [Tier- und Zellstudie].

Yano JM et al. Indigenous bacteria from the gut microbiota regulate host serotonin biosynthesis. Cell. 2015;161(2):264-76. DOI: 10.1016/j.cell.2015.02.047 [In vivo und in vitro, Tier- und Zellstudie]

Und hier kommt der Punkt, der in fast allen deutschsprachigen Texten fehlt. Für Serotonin aus enterochromaffinen Zellen gibt es bis heute keinen Beleg, dass es die Blut-Hirn-Schranke überquert. Das ist physiologisches Grundlagenwissen, und die Übersicht der Gruppe um Mayer aus Los Angeles beschreibt die Blut-Hirn-Schranke genau als die Stelle, die reguliert, wie viel Information aus dem Darm oben überhaupt ankommt.

Stell dir die Blut-Hirn-Schranke wie den Türsteher eines Clubs vor. Serotonin steht auf keiner Gästeliste. Es kommt nicht rein, egal wie viel davon draußen wartet.

Das Serotonin in deinem Gehirn wird deshalb im Gehirn selbst hergestellt. Der Rohstoff dafür ist Tryptophan, eine Aminosäure aus dem Essen. Und Tryptophan kommt durch die Tür.

Mechanismus, Schritt für Schritt

Der Weg, der plausibel ist: Tryptophan und Kynurenin

  1. Tryptophan gelangt aus der Nahrung ins Blut. Es ist der Baustein, aus dem im Gehirn Serotonin entsteht.
  2. In der Darmschleimhaut sitzt ein Enzym namens Indolamin-2,3-Dioxygenase. Es lenkt Tryptophan auf einen anderen Weg um, den Kynurenin-Weg. Entzündungssignale kurbeln dieses Enzym an.
  3. Kynurenin kann die Blut-Hirn-Schranke überqueren. Es benutzt dafür denselben Transporter wie Tryptophan, den LAT1. Beide konkurrieren also um dieselbe Tür.
  4. Je mehr Tryptophan in Richtung Kynurenin abgezweigt wird, desto weniger steht oben für die Serotoninbildung zur Verfügung. Zusätzlich entstehen Kynurenin-Abkömmlinge, die an Glutamatrezeptoren angreifen.
  5. Bakterien mischen an mehreren Stellen mit: über Entzündungssignale, über eigene Tryptophan-Stoffwechselwege und über die Frage, wie durchlässig die Schleimhaut gerade ist.

Einordnung: mechanistisch plausibel und beim Menschen in Blutwerten sichtbar. Dass sich daraus eine Behandlung ableiten ließe, ist damit nicht gesagt.

ev-human Studie erzählt

Wer hat sie gemacht. Eine Gruppe um Marx hat 2021 in Molecular Psychiatry 101 Studien mit zusammen 10.912 Teilnehmenden zum Kynurenin-Stoffwechsel bei Depression, bipolarer Störung und Schizophrenie gepoolt.

Was sie beobachtet haben. Tryptophan und Kynurenin waren bei allen drei Diagnosen vermindert. Kynureninsäure und das Verhältnis von Kynureninsäure zu Chinolinsäure waren bei affektiven Störungen vermindert. Das Verhältnis von Kynurenin zu Tryptophan war bei Depression und Schizophrenie erhöht. Die Autoren deuten das als Verschiebung weg vom Serotoninweg und hin zum Kynureninweg.

Was das für dich bedeutet. Diese Verschiebung ist beim Menschen messbar. Sie ist aber weder ein Test noch diagnosespezifisch, denn sie zeigt sich bei drei sehr verschiedenen Erkrankungen.

Marx W et al. The kynurenine pathway in major depressive disorder, bipolar disorder, and schizophrenia: a meta-analysis of 101 studies. Mol Psychiatry. 2021;26(8):4158-4178. DOI: 10.1038/s41380-020-00951-9 [Meta-Analyse, Humanstudie]

Für einen zweiten Kandidaten gilt das Gleiche. Bakterien im Darm bilden GABA, den wichtigsten dämpfenden Botenstoff des Gehirns. Auch dieses GABA erreicht das Gehirn nach heutigem Stand nicht direkt. Es könnte über das enterische Nervensystem und möglicherweise über den Vagus Einfluss nehmen, aber nicht als Bote, der selbst nach oben reist.

Reframe

Die Serotonin-Erzählung ist nicht deshalb ärgerlich, weil sie falsch wäre. Sie ist ärgerlich, weil sie zu klein ist.

Der Zusammenhang, der sich beim Menschen tatsächlich in Zahlen zeigt, ist der über Tryptophan, Entzündung und Kynurenin. Der ist komplizierter, weniger werbetauglich und deutlich interessanter.

Und jetzt weißt du, warum ein Produkt, das mit dem Glückshormon aus dem Darm wirbt, dir zwar nicht schadet, aber auch nicht das erklärt, was es zu erklären vorgibt.

Was Mausversuche zeigen, und was sie nicht zeigen

Wenn du im Netz einen dramatischen Satz über Darm und Psyche liest, stammt er mit hoher Wahrscheinlichkeit aus einem Tierversuch. Das ist kein Vorwurf. Die stärksten Kausalbelege dieser ganzen Forschungsrichtung kommen aus dem Labor, und sie sind wirklich beeindruckend.

Sie sind nur eben aus dem Labor. Deshalb markiere ich jede einzelne dieser Arbeiten hier als das, was sie ist.

ev-vivo Studie erzählt

Wer hat sie gemacht. Eine japanische Gruppe um Sudo hat 2004 im Journal of Physiology keimfreie Mäuse mit normal besiedelten Tieren verglichen [Tierstudie].

Was sie beobachtet haben. Nach Immobilisationsstress stiegen ACTH und Corticosteron bei keimfreien Tieren deutlich stärker an als bei pathogenfrei aufgezogenen. Die keimfreien Tiere hatten außerdem weniger BDNF in Kortex und Hippocampus. Die überschießende Stressantwort ließ sich durch Bifidobacterium infantis abschwächen und durch Besiedelung mit normalem Stuhl teilweise ausgleichen, allerdings nur in einem frühen Zeitfenster der Entwicklung.

Was das für dich bedeutet. Bakterien prägen die Stressachse mit, und es gibt dafür ein Fenster. Über einen erwachsenen Menschen im Jahr 2026 sagt dieser Befund noch nichts.

Sudo N et al. Postnatal microbial colonization programs the hypothalamic-pituitary-adrenal system for stress response in mice. J Physiol. 2004;558(Pt 1):263-75. DOI: 10.1113/jphysiol.2004.063388 [In vivo, Tierstudie]

Und dann kommt die Arbeit, um die sich alles dreht. Sie ist von 2011, sie steht in den Proceedings of the National Academy of Sciences, und sie ist der eleganteste Beleg dieser Literatur.

ev-vivo Die Schlüsselarbeit

Wer hat sie gemacht. Eine Gruppe um Bravo, mit Cryan und Bienenstock im Autorenteam, hat BALB/c-Mäusen dauerhaft Lactobacillus rhamnosus JB-1 gefüttert [Tierstudie].

Was sie beobachtet haben. Die Tiere zeigten weniger stressinduziertes Corticosteron sowie weniger angst- und depressionsnahes Verhalten. In verschiedenen Hirnregionen veränderte sich die Menge an GABA-Rezeptor-Bauplänen, mit Anstiegen im Cingulum und im prälimbischen Kortex und gleichzeitigen Abnahmen in Hippocampus, Amygdala und Locus coeruleus. Der entscheidende Teil kam am Ende: Bei Mäusen, deren Vagusnerv durchtrennt worden war, fand sich weder die neurochemische noch die Verhaltensänderung. Nichts davon war übrig.

Was das für dich bedeutet. Ohne Leitung kein Signal. Der Vagus ist nicht ein Nebenweg, sondern in diesem Modell der Weg. Das ist ein sauberer Mechanismusbeleg und trotzdem ein Mausversuch mit einem einzigen Bakterienstamm.

Bravo JA et al. Ingestion of Lactobacillus strain regulates emotional behavior and central GABA receptor expression in a mouse via the vagus nerve. Proc Natl Acad Sci U S A. 2011;108(38):16050-5. DOI: 10.1073/pnas.1102999108 [In vivo, Tierstudie]

Der dritte Baustein sind die Übertragungsexperimente. Sie klingen nach Science-Fiction und sind trotzdem sauber gemacht.

ev-vivo Zwei Übertragungsstudien

Wer hat sie gemacht. Eine Gruppe um Zheng übertrug 2016 in Molecular Psychiatry Stuhl von Menschen mit Major Depression und von gesunden Kontrollen auf keimfreie Mäuse [Tierstudie mit Humanproben]. Fast zeitgleich übertrug eine Gruppe um Kelly im Journal of Psychiatric Research Stuhl von 34 depressiven Menschen und 33 gematchten Kontrollen auf Ratten, deren eigene Flora vorher stark reduziert worden war [Tierstudie mit Humanproben].

Was sie beobachtet haben. Die Empfängertiere mit der sogenannten Depressions-Mikrobiota zeigten depressionsnahes Verhalten und Verschiebungen im Kohlenhydrat- und Aminosäurestoffwechsel. Bei Kelly kamen Anhedonie und angstnahes Verhalten dazu, außerdem Veränderungen im Tryptophan-Stoffwechsel. Bei den Menschen selbst waren Reichhaltigkeit und Vielfalt der Darmflora vermindert.

Was das für dich bedeutet. Etwas Übertragbares scheint im Stuhl zu stecken. Zwei unabhängige Gruppen haben das gezeigt. Beide haben es an Nagetieren gezeigt, und die Zahl der beteiligten Menschen war klein.

Zheng P et al. Mol Psychiatry. 2016;21(6):786-96. DOI: 10.1038/mp.2016.44 · Kelly JR et al. J Psychiatr Res. 2016;82:109-18. DOI: 10.1016/j.jpsychires.2016.07.019 [In vivo, Tierstudien]

Warum eine Maus keine Depression hat

Hier kommt der Absatz, den fast niemand schreibt. Eine Maus kann nicht depressiv sein. Sie kann sich verhalten, als wäre sie es.

Der bekannteste Test heißt Forced-Swimming-Test. Eine Maus wird in ein Wassergefäß gesetzt, aus dem sie nicht herauskommt, und man misst, wie lange sie sich nicht mehr bewegt. Weniger Bewegung gilt als depressionsnah.

Das misst Verhalten. Es misst kein Erleben. Kein Tiermodell erfasst Hoffnungslosigkeit, Schuldgedanken, den Verlust von Bedeutung oder den Gedanken, dass es ohne einen selbst besser wäre. Genau diese Dinge machen aber die Erkrankung aus, um die es hier geht.

Wie du solche Schlagzeilen liest

Wenn irgendwo steht, ein Bakterium habe Depression verbessert, lohnen sich drei Fragen. Erstens: Mensch oder Tier? Zweitens: Welcher Endpunkt wurde gemessen, ein Fragebogen oder ein Verhalten im Wasserbecken? Drittens: Wurde zusätzlich zur laufenden Behandlung getestet oder anstelle?

Die dritte Frage entscheidet in der Praxis am meisten. In fast allen Studien, die etwas gefunden haben, kam die Maßnahme zusätzlich dazu.

Reframe

Tierdaten sind nicht wertlos, weil sie Tierdaten sind. Sie beantworten eine andere Frage als die, die du hast.

Sie beantworten: Ist ein Mechanismus überhaupt möglich? Antwort: ja, eindrucksvoll. Sie beantworten nicht: Passiert das auch bei mir? Diese zweite Frage braucht Menschen, und zwar viele.

Und jetzt weißt du, warum ich im nächsten Abschnitt die Tonlage ändere. Bei Menschen wird es leiser.

Was Studien an Menschen gefunden haben, und wo sie sich widersprechen

Beim Menschen kann man Bakterien nicht wegnehmen und dann schauen, was passiert. Man kann zählen, vergleichen und nach Zusammenhängen suchen. Das ist schwächer, aber es ist das, was wir haben.

1054Menschen in der belgischen Flemish-Gut-Flora-Kohorte, plus 1070 zur Validierung
13Bakterien-Taxa mit Bezug zu depressiven Symptomen in Rotterdam und Amsterdam
59Fall-Kontroll-Studien in der Metaanalyse, die kein diagnosespezifisches Muster fand
ev-human Studie erzählt

Wer hat sie gemacht. Eine belgische Gruppe um Valles-Colomer hat 2019 in Nature Microbiology die Darmflora von 1054 Menschen aus dem Flemish Gut Flora Project untersucht und die Befunde an 1070 weiteren Personen geprüft.

Was sie beobachtet haben. Butyratbildende Faecalibacterium und Coprococcus waren durchgehend mit einer höheren Lebensqualität verbunden. Coprococcus und Dialister waren bei Depression vermindert, und zwar auch dann noch, wenn man für die Einnahme von Antidepressiva korrigierte. Das bakterielle Bildungspotenzial für einen Dopamin-Abkömmling hing positiv mit der mentalen Lebensqualität zusammen.

Was das für dich bedeutet. Das sind Assoziationen und keine Ursachen. Die Korrektur für Antidepressiva ist trotzdem bemerkenswert, weil sie einen der stärksten Störfaktoren herausrechnet.

Valles-Colomer M et al. The neuroactive potential of the human gut microbiota in quality of life and depression. Nat Microbiol. 2019;4(4):623-632. DOI: 10.1038/s41564-018-0337-x [Kohorte, Humanstudie]
ev-human Studie erzählt

Wer hat sie gemacht. Eine Gruppe um Radjabzadeh hat 2022 in Nature Communications 1054 Teilnehmende der Rotterdam-Studie ausgewertet und die Ergebnisse in der Amsterdamer HELIUS-Kohorte mit 1539 Personen geprüft.

Was sie beobachtet haben. 13 Taxa hingen mit depressiven Symptomen zusammen, darunter Eggerthella, Subdoligranulum, Coprococcus, Sellimonas, Lachnoclostridium, Hungatella, mehrere Ruminococcaceae-Gruppen und Eubacterium ventriosum. Diese Bakterien sind an der Bildung von Glutamat, Butyrat, Serotonin und GABA beteiligt.

Was das für dich bedeutet. Coprococcus taucht damit in zwei unabhängigen europäischen Kohorten auf. Das ist die belastbarste Wiederholung, die es derzeit gibt.

Radjabzadeh D et al. Gut microbiome-wide association study of depressive symptoms. Nat Commun. 2022;13(1):7128. DOI: 10.1038/s41467-022-34502-3 [Kohorte, Humanstudie]

Und jetzt der Bremsklotz

An dieser Stelle könnte man einen begeisterten Artikel schreiben. Zwei große Kohorten, ein wiederholter Befund, ein plausibler Mechanismus. Es gibt nur eine Arbeit, die dazwischengeht, und sie ist die größte von allen.

Gegenevidenz

Dasselbe Muster bei vier verschiedenen Diagnosen

Eine Gruppe um Nikolova hat 2021 in JAMA Psychiatry 59 Fall-Kontroll-Studien zu Depression, bipolarer Störung, Psychose, Schizophrenie, Anorexie, Angst, Zwang, PTBS und ADHS zusammengefasst. Die Auswertung zur Alpha-Diversität stützte sich auf 34 Studien mit 1519 Patientinnen und Patienten gegenüber 1429 Kontrollen.

Die mikrobielle Reichhaltigkeit war vermindert, mit standardisierten Mittelwertdifferenzen von minus 0,26 für die beobachteten Arten und minus 0,5 für den Chao1-Index. Konsistent war dieser Befund allerdings nur bei der bipolaren Störung. Bei Shannon und Simpson fand sich gar kein Unterschied.

Der entscheidende Satz betrifft die einzelnen Bakterien. Beim relativen Vorkommen fand sich wenig Hinweis auf Diagnose-Spezifität. Stattdessen zeigte sich ein transdiagnostisches Muster: weniger Faecalibacterium und Coprococcus, mehr Eggerthella, und zwar bei Depression, bipolarer Störung, Psychose und Angst gleichermaßen.

Damit ist eine Kernfrage dieses Artikels beantwortet. Ein Befund, der bei vier verschiedenen Erkrankungen gleich aussieht, kann keine einzelne davon anzeigen.

Quelle: Nikolova VL et al. Perturbations in Gut Microbiota Composition in Psychiatric Disorders. JAMA Psychiatry. 2021;78(12):1343-1354. DOI: 10.1001/jamapsychiatry.2021.2573 [Meta-Analyse, Humanstudie]

Welcher Test kann das dann, und welche Werte sagen etwas aus?

Kurz: für die Frage nach Depression keiner. Ein Stuhltest kann sinnvolle Fragen zu deiner Verdauung beantworten, zu Entzündungszeichen im Darm und in bestimmten Situationen zu Krankheitserregern. Was ein solcher Test kann und was nicht, steht ausführlich in Stuhltest und PCR-Diagnostik.

Für die Stimmung gibt es dagegen keinen Wert, der eine Aussage trägt. Wenn dir ein Mikrobiom-Test angeboten wird, der deine Psyche einordnen soll, dann lass dir zeigen, welche Studie diese Einordnung stützt. Nach dem, was ich finde, gibt es sie nicht. Was du bekommst, ist eine Deutung und kein Befund, und das gilt unabhängig davon, wer den Test anbietet.

Reframe

Ein auffälliger Stuhlbefund bei einem depressiven Menschen ist keine Erklärung. Er ist eine Beobachtung mit mindestens vier möglichen Lesarten: Ursache, Folge, gemeinsame Wurzel oder Nebenwirkung der Behandlung.

Wer sich für eine dieser vier Lesarten entscheidet, ohne sie zu prüfen, hat die Frage nicht beantwortet, sondern übersprungen.

Und jetzt weißt du, warum der nächste Abschnitt so viele Zahlen enthält. Bei Probiotika lohnt es sich, genau hinzusehen.

Probiotika und Präbiotika: die Zahlen ohne Marketing

Du stehst in der Drogerie vor einem Regal. Auf einer Packung steht Psychobiotikum. Auf einer anderen steht etwas von der Darm-Hirn-Achse. Und du denkst: einen Versuch ist es wert.

Das ist eine völlig vernünftige Reaktion. Ich will dir nur die Zahlen dazu geben, damit du weißt, worauf du dich einlässt.

Vier Auswertungen zu Probiotika bei depressiven Symptomen. SMD steht für standardisierte Mittelwertdifferenz. Negative Werte sprechen für die Probiotikagruppe. Die Zahlen stammen aus unterschiedlichen Populationen und sind untereinander nicht direkt vergleichbar.
AuswertungUmfangErgebnisWas dabeisteht
Goh 2019, Metaanalyse19 randomisierte Studien, 1901 TeilnehmendeVorteil nur bei diagnostizierter Major DepressionKein Vorteil in der Allgemeinbevölkerung. Mehrstamm-Präparate günstiger als Einzelstämme
Zhao 2025, Netzwerk-Metaanalyse42 doppelblinde Studien, 2015 bis 2022Probiotika gegen Placebo SMD minus 0,62 (minus 0,86 bis minus 0,42)Evidenzsicherheit von den Autoren selbst als moderat bis sehr niedrig eingestuft. Keine Kopf-an-Kopf-Studien
Nikolova 2023, Pilot-RCT49 Erwachsene, acht Wochen, zusätzlich zum laufenden AntidepressivumEffektstärken 0,64 bis 0,79 zugunsten der ProbiotikagruppeMachbarkeitsstudie, nicht auf Wirksamkeit ausgelegt. Erstautorin mit zweiter Zugehörigkeit zu einem Probiotika-Hersteller
Metaanalyse Frontiers in Psychiatry 20266 Studien, 341 Menschen ohne PsychopharmakaSMD minus 0,38 (minus 0,57 bis minus 0,18)Nach Ausschluss industriefinanzierter Studien SMD minus 0,21 und nicht mehr signifikant

Die letzte Zeile ist der ehrlichste Datenpunkt dieses ganzen Feldes. Sechs Studien, 341 Menschen, alle ohne Psychopharmaka. Ein kleiner, aber messbarer Vorteil. Und wenn man die Studien herausnimmt, die von Herstellern finanziert wurden oder Zusatzsubstanzen enthielten, bleibt ein Wert übrig, der statistisch nichts mehr aussagt.

ev-clinical Studie erzählt

Wer hat sie gemacht. Eine Gruppe um Nikolova hat in London zwischen September 2019 und Mai 2022 eine doppelblinde Pilotstudie mit 49 Erwachsenen durchgeführt, die trotz laufender Behandlung mit einem Antidepressivum noch depressive Symptome hatten.

Was sie beobachtet haben. Acht Wochen lang bekamen 24 Personen zusätzlich ein Mehrstamm-Probiotikum, 25 ein Placebo. Die Studienangabe zur Menge lautete 8 Milliarden koloniebildende Einheiten pro Tag. Die Abbruchquote lag bei 8 Prozent, die Einnahmetreue bei 97,2 Prozent, schwere Nebenwirkungen traten nicht auf. Die Effektstärken lagen zwischen 0,64 und 0,79 zugunsten der Probiotikagruppe, mit Konfidenzintervallen, die teilweise bis an die Null heranreichten.

Was das für dich bedeutet. Drei Dinge stehen fest: Es kam zusätzlich zum Antidepressivum, nicht statt. Es war eine Machbarkeitsstudie. Und die Erstautorin ist in der Publikation mit einer zweiten Zugehörigkeit zu einem Probiotika-Hersteller aufgeführt; die Offenlegung nennt zudem Fördermittel dieses Herstellers für alle vier Autorinnen und Autoren. Das entwertet die Arbeit nicht, es gehört aber dazu.

Nikolova VL et al. Acceptability, Tolerability, and Estimates of Putative Treatment Effects of Probiotics as Adjunctive Treatment in Patients With Depression. JAMA Psychiatry. 2023;80(8):842-847. DOI: 10.1001/jamapsychiatry.2023.1817 [RCT, Humanstudie]

Welcher Stamm ist der richtige, und was ist mit Psychobiotika?

Der Begriff Psychobiotikum stammt aus der Forschung und beschreibt Bakterienstämme, denen ein Einfluss auf Stimmung, Angst oder Stressantwort zugeschrieben wird. Er ist kein Qualitätssiegel und keine behördliche Einstufung.

Zur Stammfrage gibt es eine unbefriedigende, aber ehrliche Antwort. Goh 2019 fand Mehrstamm-Präparate im Mittel günstiger als Einzelstämme. Belastbare direkte Vergleiche einzelner Stämme bei Depression existieren nicht. Alles, was darüber hinaus behauptet wird, ist Extrapolation.

Besonders hartnäckig kursiert im deutschsprachigen Netz eine Zahl von 41 Prozent Symptomreduktion durch einen bestimmten Bifidobacterium-Stamm. Mir ist keine Primärstudie bekannt, aus der sich genau diese Zahl für diesen Endpunkt ergibt.

Was es gibt, ist eine kleine kanadische Studie an 44 Menschen mit Reizdarm und leichten bis mittleren Angst- oder Stimmungssymptomen. Unter Bifidobacterium longum NCC3001 sank der Depressionswert der HAD-Skala nach sechs Wochen bei 14 von 22 Personen um mindestens zwei Punkte, unter Placebo bei 7 von 22, mit p gleich 0,04. Auf Angst und auf die Darmsymptome hatte das Präparat keinen signifikanten Effekt. Das ist eine Pilotstudie an Reizdarmpatientinnen und Reizdarmpatienten und keine Depressionsstudie, und Mitarbeitende eines Herstellers waren als Koautoren beteiligt (Pinto-Sanchez 2017, DOI 10.1053/j.gastro.2017.05.003). Wenn dir also eine Prozentzahl begegnet, frag nach der Studie dahinter, bevor sie dich überzeugt.

Ob ein Präparat überhaupt lebend dort ankommt, wo es hinsoll, ist eine eigene Frage. Sporenform, Kapsel, Magensäurepassage und Lagerung stehen in Probiotika: Sporenform oder Kapsel.

Präbiotika: der zweite Weg, und was Ballaststoffe damit zu tun haben

ev-clinical Studie erzählt

Wer hat sie gemacht. Eine Gruppe um Schmidt hat 2015 in Psychopharmacology 45 gesunde Freiwillige drei Wochen lang eines von zwei Präbiotika oder ein Placebo einnehmen lassen.

Was sie beobachtet haben. Unter Galactooligosacchariden, kurz GOS, fiel die Cortisol-Aufwachreaktion im Speichel niedriger aus als unter Placebo. In einer Aufmerksamkeitsaufgabe richtete sich der Blick weniger stark auf negative gegenüber positiven Reizen. Unter Fructooligosacchariden zeigte sich beides nicht.

Was das für dich bedeutet. Ein Ballaststoff kann bei Gesunden messbar an der Stressachse ansetzen. Randomisiert war die Studie, gemessen wurde aber an Gesunden und an Laborwerten, nicht an einem Depressions-Endpunkt. Von zwei geprüften Präbiotika zeigte nur eines etwas, und das gilt für die dort verwendete Zubereitung und nicht für beliebige Produkte im Regal.

Schmidt K et al. Prebiotic intake reduces the waking cortisol response and alters emotional bias in healthy volunteers. Psychopharmacology (Berl). 2015;232(10):1793-801. DOI: 10.1007/s00213-014-3810-0 [RCT, Humanstudie]

Ein zweiter Humanbefund kommt aus der Bildgebung. Eine Gruppe um Tillisch ließ 2013 gesunde Frauen vier Wochen lang zweimal täglich ein fermentiertes Milchprodukt mit Probiotikum essen, verglichen mit einem nichtfermentierten Produkt und mit keiner Intervention. In der funktionellen Kernspintomografie zeigte die Probiotikagruppe eine veränderte Antwort in einem Netzwerk aus affektiven, viszerosensorischen und somatosensorischen Rindenarealen. Es waren zwölf Frauen in der Interventionsgruppe, und gemessen wurde Hirnaktivität, keine Stimmungsverbesserung.

Was das Mikrobiom überhaupt zu essen bekommt, steht in Präbiotika und resistente Stärke. Und was für Sauerkraut, Kefir und Kimchi belegt ist, in Fermentierte Lebensmittel.

Wer vorher fragen sollte

In den Auswertungen waren die berichteten Nebenwirkungen überwiegend leicht. Das gilt aber nicht für alle. Wer immunsupprimiert ist, etwa unter Biologika, Azathioprin oder Kortison bei chronisch entzündlicher Darmerkrankung, wer einen zentralen Venenkatheter trägt, schwer krank ist oder einen Kurzdarm hat, sollte Probiotika vorher ärztlich abklären. In seltenen Fällen sind unter Probiotika Blutstrominfektionen beschrieben worden.

In Schwangerschaft und Stillzeit gehört die Entscheidung ebenfalls in ein Gespräch und nicht ins Drogerieregal. Dasselbe gilt für einschneidende Ernährungsumstellungen. Für Kinder und Jugendliche gilt keine der hier zitierten Studien.

Reframe

Wenn du ein Probiotikum ausprobierst, ist das für die meisten Menschen unproblematisch. Ein Freifahrtschein ist es nicht, siehe den Kasten darüber.

Der Fehler wäre, dafür etwas anderes wegzulassen. Kein einziger dieser Effekte wurde jemals anstelle einer Behandlung gemessen. Sie wurden alle zusätzlich gemessen.

Und jetzt weißt du, warum ich im nächsten Abschnitt lauter werde. Bei der Ernährung sieht die Datenlage anders aus.

Die Ernährungsspur trägt am weitesten

Wenn ich aus diesem ganzen Feld eine einzige Sache mitnehmen dürfte, wäre es dieser Abschnitt. Nicht weil Essen magisch wäre, sondern weil es hier randomisierte Studien mit klinischem Endpunkt gibt.

ev-clinical Die SMILES-Studie

Wer hat sie gemacht. Eine australische Gruppe um Jacka hat 2017 in BMC Medicine 67 Erwachsene mit mittelschwerer bis schwerer Depression über zwölf Wochen begleitet. 33 bekamen sieben Beratungen durch eine klinische Diätassistenz, 34 bekamen Sozialkontakt in gleicher Häufigkeit und Dauer.

Was sie beobachtet haben. Die Ernährungsgruppe verbesserte sich auf der MADRS-Skala deutlich stärker, mit t(60,7) gleich 4,38, p kleiner 0,001 und einem Cohens d von minus 1,16. In Remission kamen 32,3 Prozent, also 10 von 31, gegenüber 8,0 Prozent, also 2 von 25. Die Number needed to treat lag bei 4,1 mit einem Konfidenzintervall von 2,3 bis 27,8.

Was das für dich bedeutet. Der wichtigste Satz steht im Kleingedruckten: 55 der Teilnehmenden waren parallel in Behandlung, 21 mit Psychotherapie und Medikament, 9 nur mit Psychotherapie, 25 nur mit Medikament. Die Ernährungsberatung kam zusätzlich dazu. Sie war keine Alternative, und die Studie hat sie auch nie als Alternative geprüft.

Jacka FN et al. A randomised controlled trial of dietary improvement for adults with major depression (the SMILES trial). BMC Med. 2017;15(1):23. DOI: 10.1186/s12916-017-0791-y [RCT, Humanstudie]
ev-clinical Der ehrliche Gegenpol

Wer hat sie gemacht. Eine Gruppe um Firth hat 2019 in Psychosomatic Medicine 16 randomisierte Studien zu Ernährungsinterventionen mit Ergebnisdaten für 45.826 Teilnehmende gepoolt.

Was sie beobachtet haben. Depressive Symptome nahmen signifikant ab, mit einem Hedges g von 0,162 und einem Konfidenzintervall von 0,055 bis 0,269. Der Wert blieb ähnlich, wenn man nur Studien hoher Qualität betrachtete. Für Angstsymptome fand sich über 11 Studien und 2270 Teilnehmende kein Effekt. Frauen profitierten stärker. 15 der 16 Studien untersuchten nichtklinische Depression.

Was das für dich bedeutet. Über viele Menschen gemittelt ist der Effekt klein. Das ist kein Widerspruch zu SMILES, sondern eine andere Frage an eine andere Bevölkerung.

Firth J et al. The Effects of Dietary Improvement on Symptoms of Depression and Anxiety: A Meta-Analysis of Randomized Controlled Trials. Psychosom Med. 2019;81(3):265-280. DOI: 10.1097/PSY.0000000000000673 [Meta-Analyse, Humanstudie]
Bitte nicht vergleichen

Warum minus 1,16 und 0,162 nichts miteinander zu tun haben

Diese beiden Zahlen dürfen nicht direkt verglichen werden. SMILES untersuchte Menschen mit diagnostizierter mittelschwerer bis schwerer Depression und maß mit der MADRS-Skala. Die Metaanalyse von Firth mischt überwiegend Studien an Menschen ohne Diagnose und nutzt ein anderes Effektmaß.

Wer die große Zahl aus SMILES nimmt und sie einer allgemeinen Bevölkerung verspricht, rechnet falsch. Wer die kleine Zahl von Firth nimmt und daraus schließt, Ernährung sei bei Depression bedeutungslos, rechnet ebenfalls falsch.

Was ich daraus für die Praxis ableite, und was nicht

Ich schreibe dir hier bewusst keinen Essplan und keine Lebensmittelliste mit Mengen. Das wäre ein Rezept, und Rezepte gehören in ein Gespräch mit Anamnese, nicht in einen Blogartikel.

Was sich aus der Literatur ableiten lässt, ist eine Richtung. In SMILES ging es um eine Ernährungsweise mit mehr unverarbeiteten Lebensmitteln, mehr pflanzlicher Vielfalt und weniger stark verarbeiteten Produkten. Der Mechanismus, der dazu passt, läuft über Ballaststoffe, über die Bakterien, die daraus kurzkettige Fettsäuren machen, und über Entzündungssignale.

Welche Lebensmittel in Studien mit Entzündungsmarkern zusammenhängen, steht in Entzündliche Lebensmittel. Zur ketogenen Ernährung bei psychischen Erkrankungen gibt es einen eigenen Text mit der aktuellen, noch dünnen Studienlage: Ketogene Ernährung bei psychischen Erkrankungen.

Ein Wort zum Kontrollieren

Es gibt einen Punkt, an dem gesundes Essen aufhört, gesund zu sein. Wenn das Nachdenken über Lebensmittel den Tag bestimmt, wenn Essen außer Haus zur Belastung wird, wenn Listen und Verbote wachsen und der Spielraum kleiner wird, dann arbeitet die Maßnahme gegen dich.

Gerade bei Depression ist das ein reales Risiko, weil Kontrolle sich kurzfristig gut anfühlen kann. Diäthistorie und Restriktion sind eigene Risikofaktoren für gestörtes Essverhalten. Wenn du dich hier wiedererkennst, ist Essstörungen verstehen der bessere nächste Text als jede Lebensmittelliste.

Und noch etwas: Niemand ist depressiv geworden, weil er falsch gegessen hat. Diese Rechnung geht nicht auf, und sie tut Menschen weh, die ohnehin schon zu viel Schuld bei sich suchen.

Reframe

Ernährung ist bei Depression keine Behandlung. Sie ist eine Stellschraube, die in einer randomisierten Studie zusätzlich etwas beigetragen hat.

Das ist weniger, als die Überschriften versprechen, und mehr, als die Zurückhaltung mancher Leitlinien vermuten lässt. Beides gleichzeitig auszuhalten, ist die ehrlichste Position.

Und jetzt weißt du, warum die Ernährungsspur die einzige ist, bei der ich ohne Bauchschmerzen von Evidenz spreche.

Die Entzündungsspur und der Gedanke mit den Untergruppen

Es gibt eine Beobachtung, die viele Menschen aus eigener Erfahrung kennen. Bei einer heftigen Grippe verschwindet nicht nur die Kraft. Es verschwindet auch das Interesse. Man will niemanden sehen, nichts planen, nichts fühlen.

Dieses Verhalten hat einen Namen in der Forschung: Krankheitsverhalten. Es wird von Entzündungsbotenstoffen ausgelöst und es sieht einer depressiven Episode verblüffend ähnlich. Daraus ist die Frage entstanden, ob Entzündung bei manchen Menschen auch ohne Infekt eine Rolle spielt.

ev-human Studie erzählt

Wer hat sie gemacht. Eine Gruppe um Osimo hat 2020 in Brain, Behavior and Immunity 107 Studien mit 5166 Menschen mit Depression und 5083 Kontrollen ausgewertet. Untersucht wurde nicht nur der Mittelwert, sondern auch die Streuung.

Was sie beobachtet haben. Erhöht waren CRP mit einem Hedges g von 0,71, Interleukin 6 mit 0,61, TNF-alpha mit 0,54, Interleukin 12 mit 1,18, Interleukin 18 mit 1,97, Interleukin 3 mit 0,60 und der lösliche Interleukin-2-Rezeptor mit 0,71. Die Streuung war für CRP, Interleukin 12 und den löslichen Interleukin-2-Rezeptor sogar geringer als bei den Kontrollen.

Was das für dich bedeutet. Die geringere Streuung ist die eigentliche Überraschung. Sie spricht dafür, dass sich bei diesen Markern die ganze Verteilung verschiebt, und nicht nur eine kleine entzündete Untergruppe herausragt. Die beliebte Erzählung von den wenigen entzündeten Depressionen ist damit zumindest angekratzt.

Osimo EF et al. Inflammatory markers in depression: A meta-analysis of mean differences and variability in 5,166 patients and 5,083 controls. Brain Behav Immun. 2020;87:901-909. DOI: 10.1016/j.bbi.2020.02.010 [Meta-Analyse, Humanstudie]

Und trotzdem bleibt der Untergruppen-Gedanke im Rennen, weil es dazu eine randomisierte Studie gibt. Sie ist klein, sie ist alt und sie ist bis heute die interessanteste Arbeit auf diesem Gebiet.

ev-clinical Studie erzählt

Wer hat sie gemacht. Eine Gruppe um Raison hat 2013 in JAMA Psychiatry 60 Menschen mit therapieresistenter Depression doppelblind randomisiert. Die eine Hälfte bekam über zwölf Wochen drei Infusionen des TNF-Blockers Infliximab, die andere Placebo.

Zur Einordnung. Infliximab ist ein verschreibungspflichtiges Biologikum. Zugelassen ist es unter anderem bei chronisch entzündlicher Darmerkrankung und bei rheumatischen Erkrankungen. Für Depression gibt es keine Zulassung, ein Einsatz wäre reines Studiengebiet. Zu den bekannten Risiken zählen schwere Infektionen und die Reaktivierung einer Tuberkulose, weshalb vor jeder Anwendung ein Screening vorgeschrieben ist. Dosierungen nenne ich hier bewusst nicht.

Was sie beobachtet haben. Zwischen den Gruppen fand sich kein Unterschied im Gesamtverlauf. Es zeigte sich aber eine signifikante Wechselwirkung mit dem Ausgangs-CRP, p gleich 0,01. Oberhalb von 5 Milligramm pro Liter fiel der Verlauf zugunsten des Medikaments aus, bei 5 oder darunter zugunsten des Placebos. In der explorativen Auswertung der Gruppe mit hohem CRP sprachen 8 von 13 Personen an, also 62 Prozent, gegenüber 3 von 9 unter Placebo, also 33 Prozent, mit p gleich 0,19.

Was das für dich bedeutet. Das ist der sauberste Hinweis darauf, dass Entzündung bei einem Teil der Menschen mitspielen könnte. Es ist zugleich eine sehr kleine, explorative Auswertung. Daraus folgt kein Behandlungsvorschlag, weder mit Medikamenten noch mit Nahrungsergänzung.

Raison CL et al. A randomized controlled trial of the tumor necrosis factor antagonist infliximab for treatment-resistant depression. JAMA Psychiatry. 2013;70(1):31-41. DOI: 10.1001/2013.jamapsychiatry.4 [RCT, Humanstudie]

Sagt mir mein CRP-Wert also etwas?

Für sich genommen nein. Ein CRP-Wert kann eine Depression weder bestätigen noch ausschließen. Er kann eine Frage aufwerfen, besonders wenn er über längere Zeit erhöht bleibt und niemand nach dem Grund gesucht hat.

Klinisch sehe ich, dass bei länger bestehender Erschöpfung mit Bauchbeschwerden ein Blick auf Entzündungswerte manchmal eine Spur öffnet, die vorher niemand verfolgt hatte. Das ist meine Beobachtung und kein Studienergebnis, und sie spricht nicht gegen Fragebögen, die für die Verlaufsmessung einer Depression gut belegt sind. Die Gegenbeispiele kenne ich in meiner eigenen Sprechstunde auch.

Wo Entzündung, Darm und Erschöpfung zusammenlaufen, habe ich getrennt beschrieben: Burnout, Darm, Entzündung und Mitochondrien. Zur Stressachse selbst gibt es Cortisol und die HPA-Achse. Und wer wissen will, wie sein Omega-3-Status tatsächlich gemessen wird statt geschätzt: Den Omega-3-Index messen.

Reframe

Entzündung ist bei Depression kein Schalter, den man umlegt. Sie ist ein Gruppenunterschied, der auf einen möglichen Weg zeigt.

Der Unterschied zwischen diesen beiden Sätzen ist der Unterschied zwischen Medizin und Marketing.

Und jetzt weißt du, warum der nächste Abschnitt für viele Menschen der wichtigste ist. Dort geht es um die Kombination, die am häufigsten übersehen wird.

Wenn der Darm chronisch krank ist: Reizdarm und CED

Stell dir vor, du planst deinen Tag um Toiletten herum. Du sagst Verabredungen ab, weil du nicht weißt, wie der Bauch morgen früh entscheidet. Und irgendwann bist du nicht nur erschöpft, sondern auch traurig.

Viele Menschen kennen dieses Muster. Und es ist keine Charakterschwäche, sondern gut dokumentiert.

25,2 %Depressionssymptome bei chronisch entzündlicher Darmerkrankung, gepoolt über 30.118 Menschen
38,9 %bei aktiver Erkrankung, gegenüber 24,2 Prozent bei inaktiver
28,8 %depressive Symptome bei Reizdarm, rund dreifach erhöhte Odds gegenüber Gesunden
ev-human Studie erzählt

Wer hat sie gemacht. Eine Gruppe um Barberio hat 2021 in Lancet Gastroenterology and Hepatology 77 Studien mit 30.118 Erwachsenen mit Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa ausgewertet, alle mit validierten Screeninginstrumenten.

Was sie beobachtet haben. Angstsymptome fanden sich bei 32,1 Prozent, Depressionssymptome bei 25,2 Prozent. Bei aktiver Erkrankung lagen die Zahlen bei 57,6 und 38,9 Prozent, bei inaktiver Erkrankung bei 38,1 und 24,2 Prozent. Die Odds Ratios für aktive gegenüber inaktiver Erkrankung betrugen 2,5 für Angst und 3,1 für Depression. Morbus Crohn lag jeweils etwas höher als Colitis ulcerosa. Die Autoren empfehlen der Gastroenterologie ausdrücklich, zu screenen und zu behandeln.

Was das für dich bedeutet. Der Unterschied zwischen aktiver und inaktiver Erkrankung ist der stärkste Hinweis darauf, dass hier nicht nur die Belastung durch eine Diagnose zählt, sondern die Entzündung selbst mitspricht.

Barberio B et al. Prevalence of symptoms of anxiety and depression in patients with inflammatory bowel disease. Lancet Gastroenterol Hepatol. 2021;6(5):359-370. DOI: 10.1016/S2468-1253(21)00014-5 [Meta-Analyse, Humanstudie]
ev-human Studie erzählt

Wer hat sie gemacht. Eine Gruppe um Zamani hat 2019 in Alimentary Pharmacology and Therapeutics 73 Studien zum Reizdarmsyndrom zusammengefasst, nach Durchsicht von 14.926 Artikeln.

Was sie beobachtet haben. Angstsymptome bei 39,1 Prozent, Angststörungen bei 23 Prozent, depressive Symptome bei 28,8 Prozent, depressive Störungen bei 23,3 Prozent. Gegenüber Gesunden lagen die Odds Ratios bei 3,11 für Angstsymptome und 3,04 für depressive Symptome.

Was das für dich bedeutet. Rund dreifach erhöhte Odds. Wer beides hat, ist damit nicht die Ausnahme, sondern ein sehr häufiger Fall.

Zamani M et al. Systematic review with meta-analysis: the prevalence of anxiety and depression in patients with irritable bowel syndrome. Aliment Pharmacol Ther. 2019;50(2):132-143. DOI: 10.1111/apt.15325 [Meta-Analyse, Humanstudie]
Wichtig, und zwar sehr

Aus diesen Zahlen folgt keine Schuld. Wer eine chronische Darmerkrankung hat, hat dafür keine psychische Verantwortung. Und wer zusätzlich depressiv wird, hat nichts falsch gemacht, nichts unterdrückt und nichts zu wenig verarbeitet.

Der Satz von der Krankheit, die man sich selbst gemacht hat, ist in dieser Literatur nirgends belegt. Er richtet nur Schaden an.

Darmgerichtete Hypnotherapie: was sie belegt hat, und was nicht

An dieser Stelle gibt es eine deutsche Leitlinienempfehlung, allerdings nicht dort, wo man sie vermuten würde. Die S3-Leitlinie Reizdarmsyndrom von DGVS und DGNM hat in ihrer Fassung von 2021 bauchgerichtete Hypnose als evidenzbasiert wirksames Verfahren beim Reizdarmsyndrom geführt [Leitlinie]. Diese Fassung nähert sich dem Ende ihres regulären Gültigkeitszeitraums, eine Überarbeitung steht an. Die Aussage stammt also aus der zuletzt veröffentlichten Fassung und kann sich mit einem Update ändern. Für Depression sagt sie nichts, denn dafür ist sie auch nicht da.

ev-clinical Studie erzählt

Wer hat sie gemacht. Eine Gruppe um Black hat 2020 in Gut 41 randomisierte Studien mit 4072 Teilnehmenden zu psychologischen Verfahren beim Reizdarm ausgewertet. Eine niederländische Gruppe um Flik veröffentlichte 2019 die IMAGINE-Studie mit 354 Personen aus elf Krankenhäusern.

Was sie beobachtet haben. Bei Black lagen darmgerichtete Hypnotherapie mit einem relativen Risiko von 0,67, kontaktarme kognitive Verhaltenstherapie mit 0,61 und persönliche kognitive Verhaltenstherapie mit 0,62 vorn, ohne dass eine Methode einer anderen überlegen war. Die Autoren halten das Verzerrungsrisiko für hoch und rechnen selbst mit einer Überschätzung. Bei Flik berichteten nach zwölf Monaten 40,8 Prozent nach Einzelhypnotherapie und 49,5 Prozent nach Gruppenhypnotherapie ausreichende Beschwerdelinderung, gegenüber 22,6 Prozent in der Kontrollgruppe.

Was das für dich bedeutet. Der Endpunkt war in beiden Arbeiten die Darmsymptomatik. Nicht die Depression.

Black CJ et al. Gut. 2020;69(8):1441-1451. DOI: 10.1136/gutjnl-2020-321191 · Flik CE et al. Lancet Gastroenterol Hepatol. 2019;4(1):20-31. DOI: 10.1016/S2468-1253(18)30310-8 [Meta-Analyse und RCT, Humanstudien]
Die Richtigstellung, die selten mitgeliefert wird

Depressive Symptome sagten ein schlechteres Ansprechen voraus

In einer Nachauswertung von 448 Menschen mit therapierefraktärem Reizdarm, die an einer randomisierten Studie zu 6 gegen 12 Sitzungen darmgerichteter Hypnotherapie teilgenommen hatten, erreichten 76,3 Prozent eine Abnahme des IBS-Schweregrad-Scores um mindestens 50 Punkte.

Wer beim Bauchschmerz eine Besserung um mindestens 30 Prozent erreichte, hatte einen höheren Ausgangswert der Beschwerden und einen niedrigeren Ausgangswert auf der Depressionsskala. Wer abbrach, hatte höhere Angstwerte.

Hypnotherapie ist damit kein belegter Weg, eine Depression zu behandeln. Wenn beides vorliegt, spricht die Datenlage dafür, die Depression eigenständig zu behandeln, zusätzlich und nicht anstelle.

Quelle: Devenney J et al. Clinical trial: predictive factors for response to gut-directed hypnotherapy for refractory irritable bowel syndrome, a post hoc analysis. Aliment Pharmacol Ther. 2024;59(2):269-277. DOI: 10.1111/apt.17790 [Post-hoc-Analyse, Humanstudie]

Wie darmgerichtete Hypnotherapie im Ablauf aussieht, steht in Darmgerichtete Hypnotherapie bei Reizdarm. Zur Ursachensuche beim Reizdarm gibt es Reizdarm: Ursachen finden, und zu chronisch entzündlichen Darmerkrankungen CED integrativ betrachtet.

Reframe

Wenn Bauch und Stimmung gleichzeitig belastet sind, ist die Frage nach der Reihenfolge oft die falsche Frage.

Beides gleichzeitig zu behandeln, ist in dieser Konstellation keine alternative Sichtweise. Es ist schlicht gute Versorgung, und die Lancet-Metaanalyse fordert sie ausdrücklich ein.

Und jetzt weißt du, warum ich am Ende dieses Artikels nicht mit einer Lösung komme, sondern mit Grenzen.

Die ehrlichen Grenzen, und warum die Zurückhaltung gute Gründe hat

Drei Sätze halte ich für so wichtig, dass ich sie einzeln aufschreibe. Sie sind der Kern dessen, was dieser Artikel verspricht.

Die drei Sätze

Erstens: Kein Mikrobiom-Test sagt eine Depression voraus. Zweitens: Kein Probiotikum ersetzt eine Behandlung. Drittens: Die Richtung der Ursache ist beim Menschen meistens offen.

Warum kein Test das kann

Zwei Gründe, beide belegt. Der erste ist das transdiagnostische Muster aus der Metaanalyse von Nikolova 2021: dieselben Verschiebungen bei Depression, bipolarer Störung, Psychose und Angst. Ein Marker, der bei allem auffällt, taugt für nichts Einzelnes.

Der zweite Grund ist ein Störfaktor, der oft übersehen wird.

ev-vitro Studie erzählt

Wer hat sie gemacht. Eine Gruppe um Maier hat 2018 in Nature mehr als tausend zugelassene Medikamente gegen 40 repräsentative Darmbakterienstämme im Labor getestet [In-vitro-Studie].

Was sie beobachtet haben. 24 Prozent der Medikamente mit menschlichem Zielmolekül hemmten im Reagenzglas das Wachstum von mindestens einem Stamm. Überrepräsentiert waren unter anderem die chemisch sehr unterschiedlichen Antipsychotika.

Was das für dich bedeutet. Ein auffälliger Stuhlbefund bei jemandem, der Psychopharmaka einnimmt, kann die Folge der Behandlung sein und nicht ihre Ursache. Das ist ausdrücklich kein Argument gegen die Einnahme. Es ist ein Argument gegen vorschnelle Schlüsse aus einem Test.

Maier L et al. Extensive impact of non-antibiotic drugs on human gut bacteria. Nature. 2018;555(7698):623-628. DOI: 10.1038/nature25979 [In vitro, Zellstudie]

Dass Antidepressiva und andere Medikamente Magen-Darm-Nebenwirkungen machen können, gehört in dasselbe Bild. Es ist ein Grund, darüber zu sprechen, nicht ein Grund, etwas abzusetzen. Welche Wirkstoffgruppen was mit dem Darm machen können, steht in Medikamente und Darm.

Was die Leitlinien sagen, und warum sie so vorsichtig sind

Leitlinien-Position

Drei Dokumente, drei unterschiedliche Aussagen

WFSBP und CANMAT 2022 [Leitlinie]
Eine internationale Taskforce mit 31 Fachleuten aus 15 Ländern bewertete Nahrungsergänzungen bei psychischen Erkrankungen. Adjuvante Probiotika bei unipolarer Depression erhielten die Stufe vorläufig empfohlen. Die Taskforce hält ausdrücklich fest, dass solche Mittel ergänzend innerhalb eines ärztlichen Standard-Behandlungsmodells empfohlen werden, besonders bei schwerer psychischer Erkrankung.
Nationale VersorgungsLeitlinie Unipolare Depression, Version 3.2 [Leitlinie]
Die deutsche Leitlinie beschreibt eine gestufte Behandlung nach Schweregrad, mit Psychotherapie und Pharmakotherapie als tragenden Säulen, dazu körperliche Aktivität, niedrigschwellige Angebote und Lichttherapie. Mikrobiom, Stuhltests und Probiotika kommen als Empfehlung nicht vor.
S3-Leitlinie Reizdarmsyndrom, DGVS und DGNM, Fassung 2021 [Leitlinie]
Hier stand die einzige deutsche Leitlinienempfehlung, die Darm und Psyche verbindet: psychotherapeutische Verfahren, darunter bauchgerichtete Hypnose, galten beim Reizdarmsyndrom als evidenzbasiert wirksam. Die Fassung ist von 2021 und wird überarbeitet. Den aktuellen Stand findest du im AWMF-Register.

Dass die deutsche Depressionsleitlinie zum Mikrobiom schweigt, ist keine Ignoranz. Es ist die saubere Konsequenz aus dünner Humanevidenz. Eine Leitlinie, die jede plausible Idee aufnähme, wäre für niemanden mehr nützlich.

Ich zähle die Gründe für diese Zurückhaltung gern auf, weil sie mich selbst überzeugen. Kein diagnosespezifisches Muster. Confounding durch Medikamente. Industrienähe, sichtbar daran, dass eine Metaanalyse ihre Signifikanz verlor, sobald industriefinanzierte Studien ausgeschlossen wurden. Kleine, kurze Studien mit selbst eingeräumter niedriger Evidenzsicherheit. Und eine offene Kausalitätsrichtung.

Was war zuerst da?

Diese Frage ist beim Menschen fast nie beantwortbar. Es gibt Daten mit zeitlicher Ordnung, und die sind interessant, aber sie beweisen keine Ursache.

Eine Gruppe um Lurie hat 2015 im Journal of Clinical Psychiatry in einer großen britischen Hausarztdatenbank 202.974 Menschen mit Depression untersucht, jeweils mit vier gematchten Kontrollen. Eine einzelne Antibiotikagabe war mit einer adjustierten Odds Ratio von 1,23 für Penicilline verbunden, bei mehr als fünf Kursen stieg der Wert auf 1,56. Für Psychose fand sich kein Zusammenhang. Die Autoren haben für die Zahl der Infektionsereignisse adjustiert, und trotzdem bleibt die naheliegende Erklärung, dass wer häufiger krank ist, aus vielen Gründen auch häufiger depressiv wird.

Der radikalste Ansatz, die Richtung zu klären, wäre die Stuhltransplantation. Eine australische Gruppe um Green hat 2023 im Canadian Journal of Psychiatry 15 Erwachsene mit mittelschwerer bis schwerer Depression randomisiert, zehn erhielten eine Übertragung per Einlauf, fünf einen Placebo-Einlauf. Es gab keine schweren Nebenwirkungen und keinen einzigen Abbruch. Die Studie war ausdrücklich nicht darauf ausgelegt, Wirksamkeit zu messen. Wer irgendwo liest, Stuhltransplantation sei bei Depression belegt, liest über diesen Satz hinweg.

Zu Medikamenten, ganz klar

Nichts in diesem Artikel ist ein Grund, ein Antidepressivum, einen Stimmungsstabilisator oder ein Neuroleptikum abzusetzen, zu reduzieren oder Dosen auszulassen. Abruptes Absetzen hat eigene Risiken, von Absetzsymptomen bis zum Rückfall.

Jede Änderung einer Verordnung gehört in die Hand der verordnenden Ärztin oder des verordnenden Arztes und wird begleitet. Wenn du unzufrieden bist mit deiner Behandlung, ist das ein guter Grund für ein Gespräch und kein Grund für einen Alleingang.

Dasselbe gilt für Psychotherapie. Nichts hier spricht dafür, einen Therapieplatz aufzugeben oder die Suche danach zu verschieben, während man erst einmal den Darm sortiert.

Alarmzeichen: hier wartet nichts

  • Gedanken an Suizid oder der Gedanke, dass es ohne dich besser wäre. Sofort Hilfe holen, siehe ganz oben.
  • Selbstverletzung oder der Drang dazu.
  • Wahnsymptome, etwa Stimmen, unkorrigierbare Überzeugungen von Schuld, Armut oder Krankheit.
  • Ausgeprägte Antriebslosigkeit über Wochen, mit der der Alltag nicht mehr zu bewältigen ist.
  • Unbeabsichtigter Gewichtsverlust oder deutlich verminderte Nahrungsaufnahme.
  • Vernachlässigung der Selbstversorgung, etwa Körperpflege, Wohnung, Rechnungen, Termine.
  • Blut im Stuhl, nächtlicher Durchfall, Fieber, unerklärter Gewichtsverlust gehören unabhängig davon zeitnah gastroenterologisch abgeklärt.
Was ich daraus mache

Wie ich mit dem Thema in der Sprechstunde umgehe

Wenn jemand mit Depression und Darmbeschwerden zu mir kommt, ist meine erste Frage nicht, welches Probiotikum es sein soll. Meine erste Frage ist, ob die Depression ausreichend behandelt ist und ob es einen Therapieplatz gibt.

Danach schaue ich auf die Dinge, die sich lohnen, unabhängig davon, wer bei wem angefangen hat. Zuerst auf die Schilddrüse, denn eine Unterfunktion kann Antriebslosigkeit, Verstopfung und Erschöpfung gleichzeitig erklären und ist mit einem Laborwert abgrenzbar. Dazu Vitamin B12 und Folat, Schlaf, Eisen und Ferritin, Vitamin D, Entzündungswerte, die Frage nach einer unerkannten Darmerkrankung und die Ernährungsrichtung. Zum Schlaf gibt es Schlaf und Depression, zur Abgrenzung von Erschöpfung Burnout oder Depression, und zum unterschätzten Eisenthema Eisenmangel und Psyche.

Was ich nicht mache: einen Mikrobiom-Test verkaufen, der eine psychische Diagnose einordnen soll. Diesen Test gibt es nicht, auch nicht in meiner Praxis.

Und jetzt weißt du, warum ich diesen Artikel nicht mit einem Versprechen beende, sondern mit Fragen, die du stellen kannst.

Häufige Fragen

Kann eine Depression vom Darm kommen?

So einfach ist es nicht. Depression ist eine ernste Erkrankung mit vielen Ursachen. Belegt ist, dass Darm und Gehirn über vier Wege miteinander kommunizieren: den Vagusnerv, das Immunsystem, mikrobielle Stoffwechselprodukte und die Stressachse. Beim Menschen ist meistens offen, ob ein verändertes Mikrobiom Ursache, Folge oder Begleiterscheinung ist. Die Darm-Hirn-Achse ist eine zusätzliche Perspektive, keine Ersatzerklärung, und sie ersetzt weder Psychotherapie noch eine psychiatrische Behandlung.

Stimmt es, dass 95 Prozent des Serotonins im Darm gebildet werden?

Der weitaus größte Teil des körpereigenen Serotonins entsteht tatsächlich im Darm, in den enterochromaffinen Zellen der Schleimhaut. Eine Arbeit an Mäusen und Zellkulturen zeigte, dass sporenbildende Darmbakterien diese Bildung fördern können (Yano 2015, DOI 10.1016/j.cell.2015.02.047). Gemessen wurden dort Folgen für Darmbewegung und Blutplättchen, nicht für die Stimmung.

Wenn das Serotonin im Darm sitzt, warum hebt es dann nicht die Stimmung?

Weil es dort bleibt. Für Serotonin aus enterochromaffinen Zellen gibt es bis heute keinen Beleg, dass es die Blut-Hirn-Schranke überquert. Wie stark die Blut-Hirn-Schranke reguliert, was aus dem Darm oben ankommt, beschreibt die Übersicht von Osadchiy 2020. Das Serotonin im Gehirn wird im Gehirn selbst gebildet, aus Tryptophan. Der plausible Weg vom Darm nach oben läuft deshalb nicht über Serotonin, sondern über die Verfügbarkeit von Tryptophan und über den Kynurenin-Stoffwechsel.

Was ist die Darm-Hirn-Achse eigentlich, in einfachen Worten?

Vier Leitungen zwischen Bauch und Kopf. Erstens der Vagusnerv als direkte Datenleitung. Zweitens das Immunsystem, das über Botenstoffe wie Interleukin 6 spricht. Drittens mikrobielle Stoffwechselprodukte wie kurzkettige Fettsäuren aus der Faserverdauung. Viertens die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Achse, also die Stressachse. Alle vier funktionieren in beide Richtungen: Stress verändert das Mikrobiom, und das Mikrobiom verändert die Stressantwort (Cryan 2019).

Was sind Psychobiotika, und ist das ein anerkannter Begriff?

Psychobiotika ist ein Forschungsbegriff für Bakterienstämme, denen in Studien ein Einfluss auf Stimmung, Angst oder Stressantwort zugeschrieben wird. Er stammt aus der Fachliteratur und ist weder ein Qualitätssiegel noch eine behördliche Einstufung. Wenn ein Produkt so beworben wird, sagt der Name nichts darüber aus, ob genau dieser Stamm bei depressiven Symptomen untersucht wurde.

Können Probiotika bei einer Depression etwas bringen, und wie stark wäre der Effekt?

Die Zahlen sind klein und die Studienqualität ist gemischt. Eine Metaanalyse aus 19 randomisierten Studien mit 1901 Teilnehmenden fand einen Vorteil nur bei diagnostizierter Major Depression, nicht in der Allgemeinbevölkerung (Goh 2019). Eine Netzwerk-Metaanalyse aus 42 Studien gibt für Probiotika gegen Placebo eine standardisierte Mittelwertdifferenz von minus 0,62 an, stuft die Vertrauenswürdigkeit der Evidenz aber selbst als moderat bis sehr niedrig ein (Zhao 2025). Eine Metaanalyse in Frontiers in Psychiatry 2026 aus sechs Studien mit 341 Menschen ohne Psychopharmaka fand minus 0,38; nach Ausschluss industriefinanzierter Studien blieb minus 0,21 und damit kein signifikanter Effekt.

Welcher Probiotika-Stamm ist bei depressiven Symptomen am besten untersucht?

Ehrliche Antwort: keiner so gut, dass sich daraus eine Empfehlung ableiten ließe. Die Metaanalyse von Goh 2019 fand Mehrstamm-Präparate im Mittel günstiger als Einzelstämme. Belastbare Kopf-an-Kopf-Vergleiche einzelner Stämme bei Depression existieren nicht. Zur im Netz kursierenden Zahl einer 41-prozentigen Symptomreduktion durch einen bestimmten Bifidobacterium-Stamm ist mir keine Primärstudie bekannt. Zu Bifidobacterium longum NCC3001 gibt es eine Pilotstudie an 44 Menschen mit Reizdarm, in der der Depressionswert bei 14 von 22 Personen zurückging, unter Placebo bei 7 von 22 (Pinto-Sanchez 2017). Das ist eine Reizdarmstudie mit Herstellerbeteiligung und keine Depressionsstudie.

Kann ein Stuhltest oder Mikrobiom-Test zeigen, ob meine Stimmung vom Darm kommt?

Nein. Die größte Metaanalyse dazu umfasst 59 Fall-Kontroll-Studien und fand kein diagnosespezifisches Muster, sondern ein transdiagnostisches: dieselben Verschiebungen bei Depression, bipolarer Störung, Psychose und Angst (Nikolova 2021). Dazu kommt ein starker Störfaktor: Im Reagenzglas hemmten 24 Prozent der Medikamente mit menschlichem Zielmolekül das Wachstum mindestens eines Darmbakterienstamms (Maier 2018). Ein auffälliger Befund kann also die Folge einer Behandlung sein.

Warum haben so viele Menschen mit Reizdarm auch depressive Symptome?

Eine Metaanalyse aus 73 Studien fand bei Reizdarm 28,8 Prozent depressive Symptome und 39,1 Prozent Angstsymptome, mit rund dreifach erhöhten Odds gegenüber Gesunden (Zamani 2019). Erklärungsversuche gibt es mehrere: Dauerschmerz und Unberechenbarkeit belasten, die Stressachse und die Schmerzverarbeitung teilen sich Schaltkreise, und beides verstärkt sich gegenseitig. Aus dieser Zahl folgt keine Schuld und keine Einbildung.

Ist Depression bei Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa häufiger, und warum?

Ja. Eine Metaanalyse aus 77 Studien mit 30.118 Menschen mit chronisch entzündlicher Darmerkrankung fand 25,2 Prozent Depressionssymptome und 32,1 Prozent Angstsymptome. Bei aktiver Erkrankung stiegen die Werte auf 38,9 und 57,6 Prozent, gegenüber 24,2 und 38,1 Prozent bei inaktiver Erkrankung (Barberio 2021). Genau dieser Unterschied nach Krankheitsaktivität ist der stärkste Hinweis darauf, dass Entzündung selbst mitspielt und nicht nur die Belastung durch die Diagnose.

Was hat Entzündung mit Depression zu tun, und sagt mir mein CRP-Wert etwas darüber?

Eine Metaanalyse aus 107 Studien mit 5166 Betroffenen und 5083 Kontrollen fand bei Depression erhöhte Entzündungsmarker: CRP mit Hedges g 0,71, Interleukin 6 mit 0,61, TNF-alpha mit 0,54 (Osimo 2020). Das ist ein Gruppenunterschied und kein Test. Ein einzelner CRP-Wert kann eine Depression weder bestätigen noch ausschließen. In einer randomisierten Studie mit 60 Menschen mit therapieresistenter Depression zeigte sich ein Vorteil eines Entzündungshemmers nur oberhalb eines Ausgangs-CRP von 5 Milligramm pro Liter, und diese Auswertung war explorativ und sehr klein (Raison 2013).

Kann ich mit Ernährung etwas gegen depressive Symptome tun, und was zeigen die Studien?

Die Ernährungsspur trägt am weitesten. In der SMILES-Studie erhielten 67 Erwachsene mit mittelschwerer bis schwerer Depression über zwölf Wochen entweder sieben Ernährungsberatungen oder gleich lange Sozialkontakte, jeweils zusätzlich zur laufenden Behandlung. Die Ernährungsgruppe verbesserte sich deutlicher, Cohens d minus 1,16, Remission 32,3 gegen 8,0 Prozent (Jacka 2017). Eine Metaanalyse aus 16 randomisierten Studien mit 45.826 Teilnehmenden fand dagegen nur ein kleines Hedges g von 0,162, und 15 der 16 Studien betrafen nichtklinische Depression (Firth 2019). Die beiden Zahlen dürfen nicht direkt verglichen werden.

Kann ich mein Antidepressivum absetzen, wenn ich meinen Darm in Ordnung bringe?

Nein. Es gibt keine Studie, die das stützt, und abruptes Absetzen hat eigene Risiken, von Absetzsymptomen bis zum Rückfall. Jede Änderung einer Verordnung gehört in die Hand der verordnenden Ärztin oder des verordnenden Arztes. In den Studien, die einen Zusatznutzen andeuten, kamen Probiotika oder eine Ernährungsberatung immer zusätzlich zur laufenden Behandlung, niemals an ihrer Stelle.

Wie lange dauert es, bis sich bei Probiotika oder veränderter Ernährung überhaupt etwas zeigen könnte?

Eine Empfehlung lässt sich daraus nicht ableiten, aber die Studiendauern geben eine Orientierung. Die Pilotstudie mit Probiotika als Ergänzung lief acht Wochen, erste Unterschiede zeigten sich rechnerisch ab Woche vier (Nikolova 2023). Die Präbiotikastudie mit Galactooligosacchariden dauerte drei Wochen (Schmidt 2015). Die SMILES-Ernährungsstudie lief zwölf Wochen (Jacka 2017). Wer nach einer Woche keinen Unterschied bemerkt, hat also nichts falsch gemacht.

Was ist von Erfahrungsberichten zu Probiotika bei Depression zu halten?

Sie sind ernst zu nehmen und taugen trotzdem nicht als Beleg. In den Placebogruppen der Probiotikastudien bessern sich depressive Symptome ebenfalls, weil Zeit vergeht, weil Zuwendung stattfindet und weil Depression in Episoden verläuft. Genau deshalb rechnet man Placebo heraus. Wenn dir etwas guttut und nicht schadet, ist das ein guter Grund, es beizubehalten. Es ist kein Grund, eine laufende Behandlung zu verändern.

Ich nehme ein Antidepressivum und habe trotzdem Magen-Darm-Beschwerden. Woran kann das liegen?

Magen-Darm-Beschwerden gehören zu den häufigsten Nebenwirkungen vieler Antidepressiva, besonders in den ersten Wochen. Zusätzlich zeigte ein Laborscreening, dass viele nichtantibiotische Medikamente das Wachstum von Darmbakterien hemmen können (Maier 2018). Das ist kein Argument gegen die Einnahme, sondern ein Grund, die Beschwerden anzusprechen. Zeitpunkt der Einnahme, Begleitmaßnahmen und die Frage, ob ein anderes Präparat besser passt, gehören in das Gespräch mit der verordnenden Praxis.

Wo dieses Thema an den Rest des Körpers andockt

Darm und Stimmung stehen nicht allein. Sie hängen an Schlaf, Eisen, Entzündung, Nervensystem und an der Frage, wie durchlässig eine Schleimhaut gerade ist. Diese Texte gehören für mich dazu.

SJ

Shukri Jarmoukli

Arzt · Tätigkeitsschwerpunkt integrative und funktionelle Medizin · ViveCura Berlin

Ich arbeite in meiner Privatpraxis an der Schnittstelle von klassischer Medizin, funktioneller Medizin und Klinischer Psychoneuroimmunologie. Bei Darm und Psyche interessiert mich weniger, welches Bakterium gerade Konjunktur hat, sondern welche Frage bei einem konkreten Menschen als Nächstes offen ist.

Bei diesem Thema bin ich bewusst zurückhaltender, als man es von einer integrativen Praxis erwarten würde. Depression ist eine ernste Erkrankung. Psychotherapie und, wo indiziert, medikamentöse Behandlung sind die tragenden Säulen, und die Zurückhaltung der Psychiatrie gegenüber Mikrobiom-Versprechen halte ich für begründet. Was die funktionelle Sicht beitragen kann, sind zusätzliche Ansatzpunkte, vor allem Ernährung, Entzündung und die konsequente Mitbehandlung bei chronischer Darmerkrankung.

Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Beratung. Er soll dir helfen, beim nächsten Termin bessere Fragen zu stellen. Recherche und fachliche Prüfung dieses Textes liegen bei mir selbst.

ViveCura, Privatpraxis Shukri Jarmoukli, Skalitzer Straße 137, 10999 Berlin

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Transparenz zur Evidenz: wo die Datenlage dünn ist
  1. Die stärksten Kausalbelege stammen aus Tierversuchen. Bravo 2011 mit der Vagotomie, Sudo 2004 mit den keimfreien Mäusen und die beiden Übertragungsstudien sind alle im Tiermodell entstanden. Sie zeigen, dass ein Mechanismus möglich ist. Sie zeigen nicht, dass er bei einem bestimmten Menschen greift.
  2. Beim Menschen sind die Befunde kleiner und uneinheitlicher. Zwei große europäische Kohorten finden Coprococcus, die größte Metaanalyse findet dasselbe Muster jedoch bei vier verschiedenen Diagnosen. Diagnosespezifität ist damit nicht belegt.
  3. Bei Probiotika verschwindet der Effekt, sobald industriefinanzierte Studien ausgeschlossen werden. In der Metaanalyse in Frontiers in Psychiatry 2026 sank die standardisierte Mittelwertdifferenz von minus 0,38 auf minus 0,21, und das Ergebnis war nicht mehr signifikant.
  4. Interessenkonflikt in einer zitierten Pilotstudie. Die Erstautorin der Londoner Add-on-Studie von 2023 ist in der Publikation mit einer zweiten Zugehörigkeit zu einem Probiotika-Hersteller aufgeführt, und die Interessenerklärung der Arbeit nennt Fördermittel desselben Herstellers für alle vier Autorinnen und Autoren. Beides steht in der Publikation und gehört auch hier hin.
  5. Die Netzwerk-Metaanalyse vergleicht indirekt. Zhao 2025 stellt Probiotika und Antidepressiva nebeneinander, ohne dass es eine einzige Kopf-an-Kopf-Studie gäbe. Die Autoren stufen die Evidenzsicherheit selbst bis sehr niedrig herunter. Wer daraus liest, Probiotika seien so gut wie Antidepressiva, liest etwas hinein.
  6. Kurzkettige Fettsäuren sind mechanistisch plausibel und beim Menschen kaum geprüft. Die Leuvener Übersicht hält ausdrücklich fest, dass Studien, die kurzkettige Fettsäuren direkt als Vermittler psychischer Effekte prüfen, spärlich sind.
  7. Mendelsche Randomisierung trägt hier noch nicht. Die Arbeit zur postpartalen Depression von 2024 nennt sechs bakterielle Merkmale, begrenzt sich selbst auf eine europäische Population und arbeitet wie alle Mikrobiom-MR-Studien mit schwachen Instrumenten. Sie steht hier als Beispiel für eine offene Methodenfrage, nicht als Beleg.
  8. Antibiotika-Daten zeigen zeitliche Ordnung, keine Ursache. Wer häufiger Antibiotika braucht, ist häufiger krank, und Kranksein selbst hängt mit Depression zusammen. Die Autoren haben adjustiert, das Problem bleibt.
  9. Stuhltransplantation bei Depression ist Forschungsstadium. 15 Menschen, Machbarkeit belegt, Wirksamkeit ausdrücklich nicht untersucht.
  10. Zu Leaky Gut und Lipopolysaccharid-Signalen bei Depression treffe ich hier bewusst keine Aussage. In der Übertragungsstudie von Kelly wurde ein entsprechender Marker mitgemessen, ein reproduzierter Zusammenhang mit der Schwere einer Depression lässt sich daraus nicht ableiten. Zur Sache selbst siehe Leaky Gut und Zonulin.
  11. Wirtschaftliche Offenlegung. ViveCura bietet Diagnostik und Begleitung im Bereich Darmgesundheit an. Genau deshalb steht in diesem Artikel ausdrücklich, dass kein Test dieser Art eine Depression erkennen oder vorhersagen kann, auch keiner aus meiner Praxis.
  12. Was hier bewusst nicht steht. Keine Dosierungsempfehlung, kein Essplan, kein Behandlungsprotokoll und kein Rat, eine bestehende Medikation zu verändern, zu reduzieren oder abzusetzen. Kein Satz dieses Artikels spricht dafür, eine Psychotherapie oder eine psychiatrische Behandlung aufzuschieben oder zu ersetzen. Was ich aus meiner Sprechstunde beschreibe, ist als Beobachtung gekennzeichnet und kein Studienergebnis.

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