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Hämorrhoiden und andere Analbeschwerden: einordnen statt aushalten

Hämorrhoiden hat jeder Mensch. Ein Hämorrhoidalleiden hat nicht jeder. Und die wichtigste Regel bei analen Beschwerden ist keine Behandlungsregel, sondern eine Denkregel: erst schauen, dann benennen.

SJ
Shukri Jarmoukli · Arzt · Tätigkeitsschwerpunkt Integrative Medizin · ViveCura Berlin
Blut am After Fissur, Thrombose, Fistel Grade 1 bis 4 31 Quellen mit DOI
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Warum ich das schreibe

Kaum ein Thema wird so lange mit sich selbst ausgemacht wie dieses. Und kaum eines ist so schnell geklärt. Eine anale Untersuchung dauert wenige Minuten. Das Warten dauert oft Jahre.

Du sitzt auf der Toilette und siehst Blut auf dem Papier. Nicht viel. Ein Streifen, hellrot.

Dein Kopf macht in dieser Sekunde zwei Dinge gleichzeitig. Er sagt: Das sind bestimmt Hämorrhoiden. Und er sagt: Was, wenn nicht. Dann kommt der dritte Gedanke, und der ist der teuerste. Er sagt: Da gehe ich sicher nicht mit zum Arzt.

Viele Menschen kennen dieses Muster. Salbe kaufen, warten, es wird besser, es kommt wieder. Irgendwann hat sich ein Zustand eingerichtet, über den niemand spricht, obwohl er Sitzen, Sport und manchmal auch Nähe mitbestimmt.

Dieser Text ist keine Behandlungsanleitung, sondern eine Einordnungshilfe. Denn bei analen Beschwerden liegt die ärztliche Leistung davor: im sauberen Benennen dessen, was da überhaupt ist.

Was dich hier erwartet

  • Warum Hämorrhoiden ein Organ sind, keine Krankheit
  • Der Satz zur Blutung, der nicht verhandelbar ist
  • Wie zuverlässig die Zuschreibung wirklich ist
  • Fissur, Thrombose, Fistel, Mariske, Ekzem, Prolaps und die seltenen Ausnahmen
  • Die Grade 1 bis 4 und was sie steuern
  • Salben, Ligatur, Operation mit Zahlen
  • Ursachenkette und Belegstärke
  • Schwangerschaft und Wochenbett
  • Was der Alltag beitragen kann
  • Warum Scham so viel Zeit kostet
RCT / Meta randomisiert oder zusammengefasst Human Kohorte, Querschnitt, Befragung Leitlinie Konsens mit systematischer Recherche Übersicht Einordnung ohne eigene Daten
Der wichtigste Satz zuerst

Blut am After wird niemals ungeprüft den Hämorrhoiden zugeschrieben.

Dieselbe Blutung kann von einer Analfissur kommen, von einer Fistel, von einer chronisch entzündlichen Darmerkrankung, von einem Polypen oder von einem Tumor. Auf dem Papier sieht sie zu ähnlich aus, um sie dort zu unterscheiden.

Die deutsche S3-Leitlinie formuliert es so: Schmerzen sind ein Hinweis auf andere Ursachen, zum Beispiel Fissur, Abszess oder Thrombose. Die peranale Blutung muss abgeklärt werden, beziehungsweise eine höher gelegene Blutungsquelle sollte ausgeschlossen werden. Dieselbe Leitlinie ergänzt: Die Adenomrate liegt je nach Alter bei bis zu 20 Prozent, die Rate kolorektaler Karzinome bei etwa 1 Prozent, und die meisten Studien empfehlen eine endoskopische Untersuchung bei transanalen Blutungen ab dem 40. Lebensjahr. Diese Altersangabe betrifft die Frage, wie weit nach oben geschaut wird, nicht die Frage, ob geschaut wird. Die anale Untersuchung selbst gilt in jedem Alter, und wie du weiter unten siehst, wird gerade bei Menschen unter 50 eine Blutung besonders oft vorschnell den Hämorrhoiden zugeschrieben. Ob zusätzlich eine Endoskopie nötig ist, entscheidet die untersuchende Praxis anhand von Befund, Beschwerden und Vorgeschichte, nicht das Geburtsjahr allein.

Gleich daneben gehört die Entwarnung. In einer systematischen Übersicht aus der hausärztlichen Versorgung lag der gepoolte positive prädiktive Wert einer rektalen Blutung für Darmkrebs bei 8,1 Prozent ab 50 Jahren, mit einem Konfidenzintervall von 6 bis 11 Prozent und deutlich unterschiedlichen Werten in den Einzelstudien, dort von 2,2 bis 16 Prozent. Acht von hundert, nicht neunzig von hundert. Die große Mehrheit der Blutungen kommt nicht vom Krebs. Und acht von hundert sind trotzdem kein Nichts.

Joos AK, Jongen J. S3-Leitlinie Hämorrhoidalleiden. coloproctology. 2021. AWMF 081/007. DOI: 10.1007/s00053-021-00555-z [Leitlinie, Consensus Guideline] · Astin M et al. Br J Gen Pract. 2011;61(586):e231-e243. PMID: 21619747 · DOI: 10.3399/bjgp11X572427 [Systematischer Review, Meta-Analyse]
Alarmzeichen: das gehört ärztlich angesehen und nicht selbst behandelt
  • Blut im Stuhl oder am After, jede Menge, jede Farbe, jedes Alter
  • Schwarzer, klebriger Teerstuhl
  • Ungewollter Gewichtsverlust
  • Fieber
  • Nächtliche Beschwerden, die dich aus dem Schlaf holen
  • Erbrechen oder eine Schluckstörung
  • Eine neue, anhaltende Änderung der Stuhlgewohnheit ab etwa 45 bis 50 Jahren
  • Blutarmut im Labor, auch ohne sichtbare Blutung
  • Darmkrebs oder eine chronisch entzündliche Darmerkrankung in der Familie
  • Ein plötzlicher, sehr schmerzhafter Knoten am After, weil sich der Verlauf dann noch abkürzen lässt

Diese Zeichen sind kein Grund zur Panik, sondern ein Grund für einen Termin. Drei Ausnahmen gehören aber nicht in den Terminkalender. Bei starker oder anhaltender Blutung, besonders zusammen mit Blässe, Herzrasen, Schwindel oder Schwäche, bei schwarzem Teerstuhl und bei einer schmerzhaften Schwellung am After zusammen mit Fieber oder Schüttelfrost rufst du den Notruf 112 oder fährst in die nächste Notaufnahme, auch nachts und am Wochenende. Außerhalb der Sprechzeiten hilft sonst der ärztliche Bereitschaftsdienst unter 116 117. Nichts in diesem Artikel ersetzt eine empfohlene Koloskopie oder Proktoskopie.

Jeder Mensch hat Hämorrhoiden. Nur nicht jeder ein Leiden.

Fangen wir mit dem Missverständnis an, das allen anderen zugrunde liegt. Hämorrhoiden sind keine Krankheit, die man bekommt. Sie sind ein Organ, das du seit deiner Geburt hast.

Im obersten Teil des Analkanals liegt ein ringförmiges Gefäßpolster, das Corpus cavernosum recti. Kein Venengeflecht im Sinne von Krampfadern, sondern ein arteriovenöser Schwellkörper, also ein Gewebe, das sich mit Blut füllen und wieder entleeren kann.

Stell dir eine weiche Dichtungsmanschette vor. Der Schließmuskel macht den groben Verschluss, das Polster den feinen. Ohne es wüsstest du nicht zuverlässig, ob da unten Luft, Flüssigkeit oder fester Stuhl ansteht. Die S3-Leitlinie schreibt, dass diese Schwellkörper eine wichtige Rolle für die Feinkontinenz spielen. Deshalb zielt kein etabliertes Verfahren darauf, dieses Polster vollständig zu entfernen. Auch die Operation nimmt nur die vorgefallenen Anteile weg und lässt die Feinabdichtung so weit wie möglich stehen.

Anatomische Grundlagenarbeit Der Befund, der die Sicht verschoben hat

W. H. F. Thomson untersuchte 1975 den Analkanal anatomisch und klinisch zugleich.

Er beschrieb spezialisierte submuköse Polster, die den Analkanal auskleiden, und argumentierte, dass Hämorrhoiden im Krankheitssinn nichts anderes sind als deren Verlagerung nach unten.

Für dich heißt das: Die Frage ist nie, ob du Hämorrhoiden hast, sondern ob sie sich verändert haben und ob sie dir Beschwerden machen.

Thomson WH. The nature of haemorrhoids. Br J Surg. 1975;62(7):542-552. PMID: 1174785 · DOI: 10.1002/bjs.1800620710 [Anatomisch-klinische Studie]

Wann wird daraus ein Leiden? Wenn drei Dinge zusammenkommen: Die Gefäßkanäle erweitern sich, das Polster rutscht nach unten, und das stützende Bindegewebe verliert an Halt. Diese Dreiteilung stammt aus einer Übersichtsarbeit von Varut Lohsiriwat. Sie erklärt, warum reine Gefäßmittel an eine Grenze stoßen: Wenn das Halteseil nachgibt, nützt es wenig, den Ballon kleiner zu machen.

Mechanismus, so weit er belegt ist

Vom normalen Polster zum Hämorrhoidalleiden

  1. Ausgangszustand. Ein arteriovenöser Schwellkörper im oberen Analkanal, der die Feinabdichtung übernimmt.
  2. Vermehrte Füllung. Der venöse Abfluss läuft durch den inneren Schließmuskel. Steigt der Druck, staut sich mehr Blut im Polster.
  3. Gefäßerweiterung. Die Gefäßkanäle weiten sich dauerhaft, das Gewebe wird größer und an der Oberfläche verletzlicher.
  4. Verlust der Verankerung. Das stützende Bindegewebe verändert sich, das Polster verlagert sich nach unten.
  5. Sichtbare Folge. Blutung bei Kontakt, Nässen, Fremdkörpergefühl, bei stärkerer Verlagerung ein Vorfall beim Pressen.

Die ersten drei Schritte sind gut beschrieben. Der vierte ist mechanistisch plausibel, Humanstudien mit harten Endpunkten fehlen.

Querschnitt, n=976 Mehr als die Hälfte merkt nichts

Ein Wiener Team um Stefan Riss untersuchte 976 Menschen aus dem österreichischen Vorsorgeprogramm mit Koloskopie und proktologischer Untersuchung.

38,93 Prozent hatten Hämorrhoiden. Davon hatten 55,26 Prozent keinerlei Beschwerden. Verteilung: Grad 1 bei 72,89 Prozent, Grad 2 bei 18,42, Grad 3 bei 8,16, Grad 4 bei 0,53 Prozent. Der Körpermassenindex war ein unabhängiger Risikofaktor, ein Punkt mehr entsprach 3,5 Prozent mehr Risiko.

Für dich heißt das: Der Befund allein ist keine Diagnose. So aussagekräftig wie der Satz, du habest Muttermale.

Riss S, Weiser FA, Schwameis K et al. The prevalence of hemorrhoids in adults. Int J Colorectal Dis. 2012;27(2):215-220. PMID: 21932016 · DOI: 10.1007/s00384-011-1316-3 [Querschnittstudie, prospektiv]

Für Deutschland nennt die S3-Leitlinie eine Größenordnung: Etwa 4 Prozent suchen deswegen ärztliche Hilfe, also rund 3,3 Millionen Behandlungsfälle im Jahr, davon werden etwa 1,5 Prozent operiert. Im selben Kapitel schreibt sie, dass gute valide Studien zur Epidemiologie nicht vorliegen. Eine Schätzung, keine Messung.

Innen und außen sind zwei verschiedene Geschichten

Eine anatomische Grenze macht das Thema erst verständlich: die Linea dentata. Oberhalb liegt Schleimhaut, die Druck und Dehnung meldet, aber keinen scharfen Schmerz. Dort sitzt das hämorrhoidale Polster. Unterhalb beginnt das Anoderm, eine sehr empfindliche Haut. Dort spürst du eine Verletzung sofort und genau.

Reframe

Der häufigste Denkfehler lautet: Schmerz gleich schlimme Hämorrhoiden.

Es ist eher umgekehrt. Innere Hämorrhoiden bluten, nässen, drücken und jucken, wirklich weh tun sie meist nicht. Starker Schmerz spricht deshalb nicht für ein schweres Hämorrhoidalleiden, sondern für etwas anderes. Genau so steht es in der Leitlinie. Und jetzt weißt du, warum der nächste Abschnitt der wichtigste ist.

Blut am After, und warum es nie ungeprüft zugeordnet wird

Wie oft hast du gehört, dass hellrotes Blut harmlos sei und dunkles gefährlich? Ich habe diese Faustregel bewusst herausgelassen. Die Datenbasis ist eine einzelne Beobachtungsstudie, und ein Satz über Blutfarben würde helles Blut als Entwarnung erscheinen lassen.

Die Liste möglicher Blutungsquellen ist kurz genug zum Merken und lang genug, um das Raten zu verbieten: Hämorrhoiden, Analfissur, Analfistel und Abszess, chronisch entzündliche Darmerkrankungen, Polypen, kolorektale Karzinome, Divertikelblutungen, Rektumprolaps und Ulcus simplex recti.

Zwei davon streife ich nur. Bei Morbus Crohn und Colitis ulcerosa gehört die Blutung zum Bild, mehr im Beitrag CED. Divertikel bluten meist plötzlich und schmerzlos, siehe Divertikel und Divertikulitis.

Wie zuverlässig ist die Zuschreibung eigentlich?

Jetzt eine unangenehme Studie. Ich zeige sie, weil sie ein Argument für die Untersuchung liefert und nicht gegen jemanden.

Prospektiver Vergleich, n=198 Sieben Bilder, 53,5 Prozent Treffer

Eine Arbeitsgruppe um Alexis Grucela am Mount Sinai zeigte 198 Ärztinnen und Ärzten sieben Bilder gutartiger analer Befunde und ließ sie die Diagnose aufschreiben.

Die Trefferquote lag bei 53,5 Prozent. Chirurginnen und Chirurgen erreichten 70,4 Prozent, alle anderen Fachgruppen blieben unter 50 Prozent. Nur 4,1 Prozent hatten alle sieben richtig, 20,2 Prozent alle sieben falsch. Am seltensten erkannt wurden ausgerechnet die hämorrhoidalen Befunde. Die Zahl der Berufsjahre änderte daran nichts.

Für dich heißt das nicht, dass Ärztinnen und Ärzte schlecht arbeiten, sondern dass anale Befunde am Bild schwer zu unterscheiden sind.

Und weil die Frage naheliegt: Ich bin kein Koloproktologe. In dieser Studie fällt meine eigene Fachgruppe in die Hälfte, die unter 50 Prozent liegt. Genau deshalb ist meine Rolle bei diesem Thema eine bescheidene: sauber einordnen, die Alarmzeichen nicht übersehen und rechtzeitig an die Kolleginnen und Kollegen weitergeben, die den Befund täglich sehen.

Grucela A, Salinas H, Khaitov S et al. Dis Colon Rectum. 2010;53(1):47-52. PMID: 20010350 · DOI: 10.1007/DCR.0b013e3181bbfc89 [Prospektive Diagnosegenauigkeitsstudie]

Dazu gehören eine faire Einschränkung und eine konstruktive Kehrseite. Die Einschränkung: Es waren Fotos, keine Untersuchungen. Mit Anamnese, Tastbefund und Proktoskop sieht die Trefferquote besser aus.

Die Kehrseite kommt aus Thessaloniki: 36 randomisierte Medizinstudierende. Wer eine koloproktologische Sprechstunde besucht hatte, erkannte 80,6 Prozent der Befunde richtig, die Vergleichsgruppe 43,1 Prozent. Spanos CP et al. BMC Surg. 2014;14:95. PMID: 25410432 · DOI: 10.1186/1471-2482-14-95 [RCT, kleine Ausbildungsstudie]. Die schlechte Erkennungsrate ist kein Naturgesetz, sondern eine Frage der Übung.

Der Satz, der besonders für junge Menschen gilt

Ich bin doch noch jung. Der Satz kostet die meiste Zeit.

Retrospektive Kohorte, n=180 Unter 50, und trotzdem

Zwei New Yorker Zentren werteten über 16 Jahre alle 180 unter 50-Jährigen aus, die wegen Darmkrebs operiert wurden, mittleres Alter 41,4 Jahre.

94 Prozent hatten Beschwerden, häufigstes Symptom war mit 59 Prozent die Blutung. Die Autoren schreiben ausdrücklich, die Abklärung sei häufig verzögert und die Blutung zuvor oft den Hämorrhoiden zugeschrieben worden. 53 Prozent hatten bereits Stadium 3 oder 4, nur 8 Prozent einen Verwandten ersten Grades mit Darmkrebs.

Für dich heißt das: Junges Alter und eine unauffällige Familiengeschichte verändern die Wahrscheinlichkeit, nicht die Notwendigkeit, einmal hinzuschauen.

Myers EA, Feingold DL, Forde KA et al. World J Gastroenterol. 2013;19(34):5651-5657. PMID: 24039357 · DOI: 10.3748/wjg.v19.i34.5651 [Kohorte, retrospektiv]

Diese Arbeit ist retrospektiv und erlaubt keine Risikoschätzung, sie beschreibt ein Muster. Es deckt sich mit dem, was die S3-Leitlinie zur endoskopischen Abklärung ab dem 40. Lebensjahr schreibt.

Was eine ordentliche Basisuntersuchung ist

Damit du weißt, worauf du dich einlässt: Die Basisdiagnostik besteht aus Gespräch, Inspektion, digital-rektaler Untersuchung und Proktoskopie, bei Blutung ergänzt um die Rektoskopie. Das dauert wenige Minuten. Diese Untersuchungen gehören in die hausärztliche, proktologische, chirurgische oder gastroenterologische Praxis. Ich beschreibe sie hier, damit du weißt, was dich erwartet, nicht als Angebot. Und ich schreibe diesen Text nicht, um dir Angst zu machen: Die weit überwiegende Mehrheit dessen, was hier gefunden wird, ist gutartig. In einer weltweiten Befragung von 1005 Chirurginnen und Chirurgen nannten 92,9 Prozent die Anamnese, 91,2 Prozent die Inspektion und 91,1 Prozent die digital-rektale Untersuchung. Standard, nicht Ausnahme.

Ob zusätzlich eine Koloskopie sinnvoll ist, hängt von Alter, Beschwerden und Vorgeschichte ab. Was dich dabei erwartet, steht im Beitrag zur Darmkrebsvorsorge und Koloskopie. Hier gilt nur: Wenn sie empfohlen wurde, ersetzt dieser Artikel sie nicht.

Der Satz zum Mitnehmen

Die Diagnose Hämorrhoiden ist ein Untersuchungsergebnis, keine Vermutung. Wer sie ohne Untersuchung ausspricht, sagt nur, was statistisch am häufigsten ist.

Die Verwechslungspartner, und woran du sie unterscheidest

Hier liegt aus meiner Sicht die häufigste Lücke in Patiententexten zu diesem Thema.

Viele zählen andere Ursachen auf. Woran man sie auseinanderhält, steht seltener dabei. Dabei ist das Merkmal oft simpel: Schmerz spricht gegen Hämorrhoiden. Deshalb versuche ich es hier, mit der ausdrücklichen Einschränkung, dass eine Tabelle keine Untersuchung ersetzt. Sie soll dir helfen, deine Beschwerden zu sortieren.

Visuelle Einordnung

Acht Befunde, die regelmäßig mit Hämorrhoiden verwechselt werden. Die Tabelle darunter sagt, woran du sie unterscheidest

Analfissur
Schmerz führt
Perianalvenenthrombose
plötzlich
Fistel und Abszess
Sekret, Fieber
Marisken
meist harmlos
Analekzem, Pruritus ani
Juckreiz führt
Rektumprolaps
ringförmig
Anale Condylome
Knötchen, Juckreiz
Analkarzinom
geht nicht zurück

Merkhilfen, keine anatomischen Darstellungen. Die Zuordnung erfolgt durch Inspektion, Tastbefund und Proktoskopie.

Nach der deutschen S3-Leitlinie, der ESCP-Leitlinie 2020 und Cohee 2020 (PMID: 31894930), für die beiden letzten Zeilen zusätzlich nach der NCCN-Leitlinie zum Analkarzinom (PMID: 37308125). Die Tabelle ordnet ein, sie diagnostiziert nicht.
BefundLeitsymptomSchmerzcharakterBlutungsmuster
Hämorrhoidalleiden Blutung, Nässen, Fremdkörpergefühl Meist kein echter Schmerz, eher Druck. Schmerz nur bei Thrombosierung oder Einklemmung Hellrot, tropfend oder auflagernd, oft schmerzlos
Analfissur Schmerz beim Stuhlgang Scharf und schneidend während der Passage, danach stundenlanges Brennen Wenig, hellrot, streifig auf dem Papier
Perianalvenenthrombose Plötzlicher praller Knoten am Afterrand Dauerschmerz, druckempfindlich, unabhängig vom Stuhlgang, Beginn innerhalb von Stunden Meist keine, gelegentlich bei spontaner Eröffnung
Analfistel und Abszess Schwellung, Sekretion, Krankheitsgefühl Pochend, zunehmend, auch nachts, oft Fieber Eher Eiter oder blutiges Sekret als reine Blutung
Marisken Weiches Hautläppchen Keiner, bei Reizung allenfalls Wundgefühl Keine
Analekzem, Pruritus ani Juckreiz und Brennen, nachts stärker Brennen und Wundsein, kein Passageschmerz Höchstens punktuell durch Kratzen
Rektumprolaps Ringförmiges Vorfallen Wenig Schmerz, dafür Druck und Stuhlschmieren Schleimig, teils blutig, mit Nässen
Anale Condylome (Feigwarzen, HPV) Weiche, blumenkohlartige Knötchen Meist kein Schmerz, eher Juckreiz und Wundgefühl Punktuell bei Reizung
Analkarzinom Knoten, Geschwür oder Verhärtung, die über Wochen nicht zurückgehen Kann lange fast schmerzlos sein, später Dauerschmerz und Stuhldrang Wiederholt blutig, oft mit Nässen oder Sekret

Analfissur: der Riss, der sich selbst offen hält

Die Fissur ist der wichtigste Verwechslungspartner, weil sie eine eigene Behandlung braucht.

Ein kleiner Einriss im Anoderm löst Schmerz aus. Der Schmerz kann den inneren Schließmuskel verkrampfen lassen, und diese Verkrampfung kann die Durchblutung genau dort verschlechtern, wo sich der Riss schließen soll. Ein Kreis, der sich selbst trägt. So erklärt man sich heute, warum eine Fissur chronisch wird. Es ist ein gut gestütztes Modell, kein bewiesener Ablauf. Auslöser ist oft sehr harter Stuhl, manchmal das Gegenteil, nämlich anhaltender Durchfall.

Cochrane, 75 RCTs, n=5031 Die Salbe bei der Fissur, ehrlich gerechnet

Richard Nelson und Kollegen fassten für Cochrane 75 randomisierte Studien mit 5031 Teilnehmenden und 17 Substanzen zusammen.

Nitroglycerin-Salbe war Placebo geringfügig, aber statistisch belastbar überlegen: Abheilung in 48,9 gegenüber 35,5 Prozent, bei etwa der Hälfte der zunächst Abgeheilten kam es später zu einem Rückfall. Botulinumtoxin, Nifedipin und Diltiazem waren in derselben Auswertung gleichwertig bei weniger Nebenwirkungen. Keine medikamentöse Behandlung erreichte die Erfolgsrate der chirurgischen Sphinkterotomie, dafür trug keine von ihnen ein Inkontinenzrisiko.

Für dich heißt das: Es gibt messbare medikamentöse Optionen. Die Operation ist erfolgreicher, kostet aber Schließmuskel.

Nelson RL, Thomas K, Morgan J, Jones A. Cochrane Database Syst Rev. 2012;2012(2):CD003431. PMID: 22336789 · DOI: 10.1002/14651858.CD003431.pub3 [Systematischer Review, Meta-Analyse]

Dazu gehört der Rahmen, und der ist mir wichtiger als die Prozentzahlen. Alle diese Substanzen sind verschreibungspflichtig. In Deutschland ist die Nitroglycerin-Salbe zur Schmerzlinderung bei chronischer Analfissur zugelassen, die Abheilungszahlen stammen aus Studien und liegen neben dieser Indikation. Botulinumtoxin, Nifedipin und Diltiazem sind für die Fissur nicht zugelassen, ihr Einsatz wäre off-label, mit allem, was dazugehört: eigene ärztliche Aufklärung, keine selbstverständliche Kostenübernahme, höhere ärztliche Verantwortung.

Und die Risikoseite gehört genauso dazu. Nitroglycerin macht häufig Kopfschmerzen und darf nicht zusammen mit Potenzmitteln vom Typ Sildenafil, Tadalafil oder Vardenafil angewendet werden, weil der Blutdruck dabei gefährlich abfallen kann. Nach Botulinumtoxin kann vorübergehend die Feinkontinenz nachlassen, also die Kontrolle über Winde. Nifedipin und Diltiazem als Salbe können Kopfschmerz und Hautreizung auslösen. Dosierungen nenne ich hier bewusst nicht. Das gehört in die Hand der behandelnden Praxis, die deine übrigen Medikamente kennt.

Die Basis bleibt trotzdem die Stuhlkonsistenz, denn ein Riss verschließt sich schlecht, wenn ihn jeden Morgen etwas Hartes aufreißt.

Perianalvenenthrombose: der Knoten, der über Nacht da ist

Der Befund, bei dem Menschen am häufigsten in Panik geraten und am seltensten schnell genug kommen. Typisch: plötzlicher Beginn nach Pressen, schwerem Heben oder langem Sitzen, ein praller bläulicher Knoten am Afterrand, Schmerz auch ohne Stuhlgang.

Retrospektive Kohorte, n=231 24 Tage oder 3,9 Tage

Ein Team um Jose Greenspon in Washington wertete 231 Menschen mit thrombosierter äußerer Hämorrhoide aus, etwa die Hälfte konservativ, etwa die Hälfte durch Entfernung des Gerinnsels.

Die Zeit bis zur Beschwerdefreiheit lag bei 24 Tagen konservativ gegenüber 3,9 Tagen nach dem Eingriff. Die Rückfallrate betrug 25,4 gegenüber 6,3 Prozent. 44,5 Prozent hatten bereits früher eine solche Thrombose.

Für dich heißt das: Wer in den ersten Tagen kommt, hat eine echte Wahl. Wer drei Wochen wartet, hat die Zeit meistens schon abgesessen.

Greenspon J, Williams SB, Young HA, Orkin BA. Dis Colon Rectum. 2004;47(9):1493-1498. PMID: 15486746 · DOI: 10.1007/s10350-004-0607-y [Kohorte, retrospektiv]

Die Arbeit ist retrospektiv, und wer mehr Schmerz hatte, wurde häufiger operiert. Die Zeitangaben sind deshalb keine Kausalaussage.

Eine Abgrenzung, die in Patiententexten selten vorkommt: Die Perianalvenenthrombose außen ist etwas anderes als eine akute Hämorrhoidalthrombose mit eingeklemmtem Prolaps. Für die zweite fordert die S3-Leitlinie in Empfehlung 46 ein primär konservatives Vorgehen, weil eine zu ausgedehnte Entfernung von Anoderm eine kaum rückgängig zu machende Verengung des Analkanals nach sich ziehen kann.

Bitte nicht selbst

Nach Anleitungen, einen Knoten selbst zu eröffnen, wird real gesucht. Ich rate ausdrücklich davon ab. Die Region ist nervenreich, keimreich und schlecht einsehbar, und verlorenes Gewebe wächst dort nicht nach.

Analfistel und Perianalabszess: die chirurgische Domäne

Wenn der Schmerz pocht, über Tage zunimmt und Fieber dazukommt, ist das kein Hämorrhoidalthema mehr. Ein Abszess ist eine Eiteransammlung, die entlastet werden muss, eine Fistel ein Gang, aus dem immer wieder Sekret kommt. Beides gehört zeitnah chirurgisch beurteilt. Analfisteln sind bei Morbus Crohn häufig und manchmal das erste Zeichen, mehr dazu bei CED.

Marisken: die häufigste Fehldeutung überhaupt

Viele Menschen sagen mir, sie könnten ihre Hämorrhoiden ertasten. Meistens ertasten sie eine Mariske: ein weiches Hautläppchen am Afterrand, nicht zurückschiebbar, blutet nicht, tut nicht weh. Ein Behandlungsanlass entsteht nur, wenn sie die Reinigung so erschwert, dass ein Ekzem entsteht. Sonst ist es ein kosmetischer Befund, und Eingriffe an dieser Stelle haben Folgen.

Analekzem und Pruritus ani: der Juckreiz mit vielen Vätern

Juckreiz am After, nachts stärker als tagsüber, ist eines der quälendsten und am spätesten vorgestellten Symptome überhaupt.

Dermatologische Übersicht Warum der Kreis so schwer zu durchbrechen ist

Manoharan Swamiappan fasste 2016 den Stand zum anogenitalen Juckreiz zusammen.

Die Haut dieser Region reagiert besonders empfindlich auf Seifen, Duftstoffe, Reibung und fehlende Belüftung. Das Ursachenspektrum reicht von Infektionen und Parasiten über allergische Hautreaktionen bis zu anorektalen Grunderkrankungen und systemischen Ursachen. Die Arbeit warnt ausdrücklich vor Selbstbehandlung mit steroidhaltigen Kombinationspräparaten, mit den Folgen Hautverdünnung, Dehnungsstreifen und verschleierter Pilzinfektion.

Für dich heißt das: Wenn es juckt, ist die erste Frage nicht, welche Salbe, sondern was den Juckreiz unterhält.

Swamiappan M. Anogenital Pruritus: An Overview. J Clin Diagn Res. 2016;10(4):WE01-WE03. PMID: 27190932 · DOI: 10.7860/JCDR/2016/18440.7703 [Übersichtsarbeit]

Der Kreis sieht meist so aus: Etwas reizt, du kratzt, ein Präparat beruhigt kurz, der Auslöser bleibt. Deshalb steht die Ursachensuche vor dem Präparat.

Rektumprolaps: der Ring, der mit Grad 4 verwechselt wird

Schiebt sich beim Pressen etwas Ringförmiges nach außen und laufen die Falten kreisförmig um die Mitte, ist das eher ein Vorfall von Schleimhaut oder Darmwand. Bei Grad 4 liegen dagegen mehrere getrennte Polster außen, dazwischen normale Haut. Der Unterschied führt zu ganz anderen Eingriffen. Wie Beckenboden und Nervensystem zusammenspielen, streift der Beitrag zur Darm-Hirn-Achse.

Analkarzinom, Condylome und Infektionen: die seltenen, die nicht fehlen dürfen

Zwei Befunde gehören in diese Liste, auch wenn sie selten sind. Am After gibt es einen eigenen Tumor, das Analkarzinom, und am Anfang kann er aussehen wie eine Mariske, eine Fissur oder eine Hämorrhoide. Und es gibt anale Condylome, also Feigwarzen, ausgelöst durch humane Papillomviren, aus denen sich über Jahre eine Krebsvorstufe entwickeln kann. Beides ist ein weiterer Grund, warum eine Veränderung am After, die nach zwei bis drei Wochen nicht besser wird, angesehen gehört, statt weiter behandelt zu werden.

Wer eine bekannte HPV-Infektion hat, immunsupprimiert ist, mit HIV lebt oder eine Zervixdysplasie in der Vorgeschichte hat, sollte das besonders ernst nehmen. Die NCCN-Leitlinie zum Analkarzinom hält fest, dass diese Erkrankung fachübergreifend behandelt wird, in Onkologie, Strahlentherapie und Chirurgie. Ich beschreibe sie hier nicht als Angebot, sondern damit du weißt, dass es sie gibt. Ein Fallbericht aus dem Qatar Medical Journal beschreibt genau diese Verwechslung und schließt mit der Empfehlung, dass Beschwerden, die wie Hämorrhoiden wirken, sowie eine rektale Blutung oder ein tastbarer Knoten eine körperliche Untersuchung und eine zeitnahe Weiterleitung an die Gastroenterologie oder Koloproktologie rechtfertigen. Die Autoren nennen den Zusammenhang zwischen Verwechslung und verspäteter Vorstellung dabei selbst anekdotisch. Ein Fallbericht kann zeigen, dass etwas vorkommt, eine Häufigkeit kann er nicht belegen. Benson AB et al. J Natl Compr Canc Netw. 2023;21(6):653-677. PMID: 37308125 · DOI: 10.6004/jnccn.2023.0030 [Leitlinie] · English K et al. Qatar Med J. 2024;2024(1):7. PMID: 38362253 · DOI: 10.5339/qmj.2024.7 [Fallbericht, Einzelfall]

Ein dritter Punkt gehört daneben: Auch Infektionen, die beim Sex übertragen werden, können am After Schmerz, Blutung, Sekret oder Juckreiz machen, etwa eine Entzündung des Enddarms durch Gonokokken, Chlamydien, Syphilis oder Herpesviren. Das ist keine Frage der Lebensführung, sondern eine Frage danach, wonach überhaupt gesucht wird. Ohne Anamnese und Abstrich wird so etwas nicht gefunden.

Reframe

Die Frage lautet nicht: Habe ich Hämorrhoiden oder etwas Schlimmes?

Sie lautet: Was von diesen Befunden ist es, und was davon braucht welche Antwort? Fast alle davon sind gutartig und gut behandelbar. Genau deshalb lohnt sich der eine Blick, der die seltene Ausnahme findet. Für alle gilt derselbe erste Schritt: einmal richtig hinschauen lassen.

Die Grade 1 bis 4, und was sie wirklich steuern

Im Befund steht eine Ziffer, und viele lesen sie wie eine Schulnote. Das ist sie nicht. Die Einteilung geht auf den Chirurgen John Goligher zurück und beschreibt nur eines: wie weit das Polster nach außen tritt.

Stadien nach Goligher, sinngemäß nach der S3-Leitlinie AWMF 081/007. Verteilung aus Riss 2012 (PMID: 21932016).
GradWas sichtbar istHäufigkeit in der KohorteWas daraus meist folgt
Grad 1Nur im Proktoskop sichtbar, vergrößert, tritt nicht vor72,89 ProzentStuhlregulierung, gegebenenfalls Sklerosierung
Grad 2Tritt beim Pressen vor, zieht sich von allein zurück18,42 ProzentGummibandligatur als Verfahren der Wahl
Grad 3Muss mit dem Finger zurückgeschoben werden8,16 ProzentLigatur möglich, Operation langfristig überlegen
Grad 4Liegt dauerhaft außen0,53 ProzentMeist operativ

Die S3-Leitlinie setzt zwei Sätze daneben, die im Alltag oft untergehen. Erstens: Die Stadienübergänge sind fließend. Zweitens: Die Beschwerden müssen nicht mit Größe oder Prolaps korrelieren. Das erklärt zwei bekannte Erfahrungen. Ein Grad 1 kann bluten, nässen und den Alltag prägen. Ein Grad 3 kann fast beschwerdefrei sein. Der Grad beschreibt Anatomie, nicht Leidensdruck.

Wozu dann die Einteilung? Sie steuert die Verfahrenswahl. In einer Befragung von 1005 Chirurginnen und Chirurgen aus 103 Ländern teilten 91,9 Prozent in vier Grade ein, und für 76,3 Prozent war der Grad der wichtigste einzelne Faktor. Konservativ als erste Wahl: bei Grad 1 in 92,5 Prozent, bei Grad 2 in 72,4, bei Grad 3 in 47,3 Prozent. Bei Grad 4 wählten 77,6 Prozent primär die Operation. Samalavicius NE et al. Colorectal Dis. 2024;26(10):1797-1804. PMID: 39169548 · DOI: 10.1111/codi.17140 [Umfrage unter Chirurginnen und Chirurgen]

Die konservative Basis ist kein Beiwerk. Sie ist bei den meisten Graden der reguläre erste Schritt.

Reframe

Ein hoher Grad ist keine schlechte Nachricht über dich, sondern eine Information über den Weg.

Und ein niedriger Grad ist kein Grund, Beschwerden auszuhalten. Stört dich Grad 1, ist das behandlungswürdig. Stört dich Grad 3 nicht, ist es nicht automatisch behandlungsbedürftig. Und jetzt weißt du, warum die Leitlinie beschwerdefreie Befunde in Ruhe lässt.

Die Behandlungswege, von konservativ bis operativ

Kennst du das Gefühl, dass dir alle etwas empfehlen und niemand sagt, was es kostet? Ich gehe die Stufen deshalb der Reihe nach durch, mit Zahlen zu Nutzen, Rückfall und Preis. Einordnungen aus der Literatur, keine Verordnungen.

Stufe 1: die Stuhlkonsistenz, die belegte Basis

Cochrane, 7 RCTs, n=378 Ballaststoffe, ehrlich aufgeschlüsselt

Pablo Alonso-Coello und Kollegen fassten sieben randomisierte Studien mit 378 Teilnehmenden zusammen.

Das Risiko fortbestehender Beschwerden sank um 53 Prozent (RR 0,47; 0,32 bis 0,68), das Risiko einer Blutung um 50 Prozent (RR 0,50; 0,28 bis 0,89); in der Parallelpublikation RR 0,53 (0,38 bis 0,73). Für Prolaps, Schmerz und Juckreiz waren die gepoolten Ergebnisse dagegen mit einem Nulleffekt vereinbar (Prolaps RR 0,79; 0,37 bis 1,67). Die Autoren nennen mögliche Publikationsverzerrung und mäßige Studienqualität ausdrücklich.

Für dich heißt das: Weicher Stuhl kann Beschwerden und Blutung deutlich reduzieren. Ein vorgefallenes Polster schiebt er nicht zurück.

Alonso-Coello P, Guyatt G, Heels-Ansdell D et al. Cochrane Database Syst Rev. 2005;(4):CD004649. PMID: 16235372 · DOI: 10.1002/14651858.CD004649.pub2 · Alonso-Coello P et al. Am J Gastroenterol. 2006;101(1):181-188. PMID: 16405552 · DOI: 10.1111/j.1572-0241.2005.00359.x [Systematischer Review, Meta-Analyse]

Die S3-Leitlinie nennt in Empfehlung 7 mit Grad B Plantago ovata und Flohsamen. Wie viel Ballaststoff sinnvoll ist und warum es zu Beginn blähen kann, steht im Beitrag Ballaststoff-Mythen. Vier Dinge gehören hier dazu. Langsam einschleichen. Immer mit reichlich Flüssigkeit einnehmen, weil Quellstoffe ohne Wasser in Speiseröhre oder Darm verkleben können. Nicht anwenden bei bekannter Verengung im Darm, bei Verdacht auf Darmverschluss oder bei Schluckstörungen, und bei bestehender Darmerkrankung vorher ärztlich abklären. Und einen Abstand von etwa einer halben bis einer Stunde zu anderen Medikamenten halten, weil deren Aufnahme sonst vermindert werden kann. Bei Diabetes gehört die Anpassung der Medikation in die behandelnde Praxis.

Ein Wort zu Abführmitteln, weil sie hier oft im Spiel sind. Die Cochrane-Übersicht ist unter dem Titel der Laxanzien geführt, ausgewertet wurde vor allem der Ballaststoff. Für den kurzfristigen Einsatz eines Abführmittels kann es gute Gründe geben, etwa wenn harter Stuhl eine frische Fissur immer wieder aufreißt. Über Wochen und Monate in Eigenregie eingenommen ist es dagegen keine Lösung, sondern verdeckt die Frage, warum der Stuhl so hart ist. Welches Mittel wie lange sinnvoll ist, gehört deshalb ärztlich besprochen und begleitet, gerade in der Schwangerschaft und bei bestehenden Darmerkrankungen.

Stufe 2: Salben und Zäpfchen, ehrlich eingeordnet

Die S3-Leitlinie formuliert es nüchtern: Externa sind eine symptomatische Therapie, sie können bei akuten Beschwerden angewendet werden, ersetzen aber keine gezielte Therapie. Die europäische Leitlinie ergänzt, dass für nichtsteroidale Antirheumatika und Kortison bei Hämorrhoiden wissenschaftliche Daten fehlen.

Ich nenne bewusst keine Präparate und keine Anwendungsschemata. Zwei Dinge sind trotzdem wichtig. Eine Salbe kann den Reiz dämpfen, das vergrößerte Polster verändert sie nicht. Und steroidhaltige Mittel gehören in kurze, ärztlich begleitete Anwendungen, weil diese Haut auf Dauerbehandlung mit Verdünnung und Dehnungsstreifen reagieren kann.

Für orale Gefäßmittel, die Phlebotonika, liegt eine Cochrane-Übersicht mit 20 Studien und 2344 Teilnehmenden vor. Sie berichtet günstige Effektschätzer für Juckreiz, Blutung und Gesamtbesserung, für Schmerz dagegen keinen signifikanten Unterschied (p = 0,06), und die Autoren benennen erhebliche methodische Grenzen.

Die einzelnen Effektzahlen nenne ich hier bewusst nicht, und zwar aus einem einfachen Grund: Die S3-Leitlinie gibt Diosmin und Hesperidin nur Grad 0 und hält fest, dass sie in Deutschland nicht als Arzneimittel zugelassen sind. Was hier verkauft wird, sind Nahrungsergänzungsmittel, und für die darf und will ich keine Wirkung gegen eine Erkrankung behaupten. In Schwangerschaft und Stillzeit ist die Datenlage zusätzlich dünn, deshalb gehört die Frage dort ohnehin in die ärztliche und hebammliche Begleitung.

Stufe 3: Sklerosierung und Gummibandligatur

Beides sind ambulante Verfahren, meist ohne Narkose.

Die beiden ambulanten Verfahren im Vergleich

Was die Leitlinie und die Studien dazu sagen

Sklerosierung, also Verödung
Empfohlen bei Grad 1 bis 2 (S3-Empfehlung 12, Grad 0), bevorzugt mit dem verschreibungspflichtigen Wirkstoff Polidocanol, dem die Leitlinie unter den Verödungsmitteln das geringste Nebenwirkungspotenzial zuschreibt (Empfehlung 11). Erfolgsraten in den meisten randomisierten Studien 58 bis 100 Prozent, zwei Ausreißer bei 8 und 22 Prozent. Die Komplikationsrate liegt im Schnitt unter der der Ligatur, null ist sie nicht: häufig sind Brennen und Druckgefühl für ein bis zwei Tage, selten kommt es zu Geschwürbildung an der Einstichstelle, zu allergischen Reaktionen und, in Einzelfällen, zu Entzündungen im kleinen Becken. Die berichteten Rezidivraten streuen stark und reichen in den ausgewerteten Arbeiten bis etwa 81 Prozent nach bis zu vier Jahren. Das heißt nicht, dass die Verödung nichts bringt: Sie ist ein wiederholbares ambulantes Verfahren mit geringer Komplikationsrate und wird bei Bedarf erneut angewendet.
Gummibandligatur, also Abbinden
Therapie der Wahl bei Grad 2 (S3-Empfehlung 16, Grad B), einsetzbar auch bei Grad 1 und 3 (Empfehlung 17) und bei Grad 2 bis 3 der Sklerosierung vorzuziehen (Empfehlung 13). Aus 54 Studien mit 15.780 Personen wird die primäre Erfolgsrate fast immer mit über 90 Prozent angegeben, sinkend mit der Größe des Gewebes. Nicht mehr als zwei Ligaturen pro Sitzung, dazwischen einige Wochen. Wichtigste Komplikationen: Schmerz bei zu tief gesetztem Ring und eine verzögerte Blutung, wenn der Ring nach Tagen abfällt.

Bei bestimmten Gerinnungshemmern werden beide Verfahren nicht durchgeführt (S3-Empfehlung 47, Grad A). Daraus folgt niemals, ein solches Medikament selbst abzusetzen, sondern dass sich die Planung des Eingriffs nach der Medikation richtet.

Multizentrisches RCT, n=372 HubBLe, und warum die zweite Ligatur zählt

17 britische Kliniken randomisierten 372 Menschen mit Grad 2 oder 3 auf eine Doppler-gestützte Arterienligatur oder eine Gummibandligatur.

Nach zwölf Monaten hatten 49 Prozent nach Gummibandligatur ein Rezidiv gegenüber 30 Prozent nach Arterienligatur (adjustierte OR 2,23; p = 0,0005). Vergleicht man eine einzelne Arterienligatur mit einer wiederholten Gummibandligatur, sinkt die Rate auf 37,5 Prozent und der Unterschied verschwindet (adjustierte OR 1,35; p = 0,20). Die Ligatur schmerzte an Tag 1 und Tag 7 weniger, schwerwiegende Ereignisse traten in der Arterienligatur-Gruppe häufiger auf, und sie kostete 1027 Pfund mehr.

Für dich heißt das: Wenn nach einer Ligatur wieder Beschwerden auftreten, war die Behandlung nicht falsch gewählt. Die europäische Leitlinie schreibt die Wiederholung ausdrücklich in Empfehlung 3.2.

Brown SR, Tiernan JP, Watson AJM et al. Lancet. 2016;388(10042):356-364. PMID: 27236344 · DOI: 10.1016/S0140-6736(16)30584-0 · HTA-Bericht: Health Technol Assess. 2016;20(88):1-150. PMID: 27921992 · DOI: 10.3310/hta20880 [RCT, multizentrisch]

Stufe 4: die Operation

Operiert werden in Deutschland etwa 1,5 Prozent aller vermuteten Behandlungsfälle. Die Frage stellt sich seltener, als der Ton mancher Ratgeber vermuten lässt.

Cochrane und RCT, n=202 und n=777 Was die Operation bringt und was sie kostet

Eine Cochrane-Übersicht von Vinod Shanmugam verglich Gummibandligatur und exzidierende Operation. Sie stützt sich auf nur drei Studien mit zusammen 202 Menschen, deren methodische Qualität die Autoren selbst als schlecht bezeichnen. Mit diesem Vorbehalt: Bei Grad 3 war die Operation überlegen (RR 1,23; 1,04 bis 1,45, aus zwei Studien mit 116 Menschen), bei Grad 2 zeigte sich kein Unterschied (RR 1,07, aus einer einzigen Studie mit 32 Menschen, also eine sehr dünne Grundlage). Erneute Behandlungen waren nach Operation seltener (RR 0,20), dafür gab es mehr Schmerz (RR 1,94) und mehr späte Komplikationen (RR 6,32, mit einer Spanne von 1,15 bis 34,89, die Größenordnung ist also unsicher, die Richtung nicht). Die Zufriedenheit war ähnlich.

Die eTHoS-Studie randomisierte 777 Menschen mit Grad 2 bis 4 auf ein Stapler-Verfahren oder die klassische Operation. Kurzfristig schmerzte der Stapler weniger. Über 24 Monate lag die Lebensqualität nach klassischer Exzision höher (mittlere Differenz -0,073; p = 0,0342). Die Autoren empfehlen sie als chirurgisches Verfahren der Wahl.

Für dich heißt das: Das kurzfristig angenehmere Verfahren ist nicht automatisch das bessere. Diese Frage wird über zwei Jahre beantwortet, nicht über zwei Wochen.

Shanmugam V, Thaha MA, Rabindranath KS et al. Cochrane Database Syst Rev. 2005;(3):CD005034. PMID: 16034963 · DOI: 10.1002/14651858.CD005034.pub2 · Watson AJM, Hudson J, Wood J et al. Lancet. 2016;388(10058):2375-2385. PMID: 27726951 · DOI: 10.1016/S0140-6736(16)31803-7 [RCT, Meta-Analyse]

Die S3-Leitlinie beziffert die Komplikationen der klassischen Operation so: frühe Blutung 1,7 Prozent, Harnverhalt 0,7 Prozent, spät Fissuren 1 bis 2 Prozent, Verengungen des Analkanals 2 bis 9 Prozent, Störungen der Kontinenz 5 bis 20 Prozent, Rezidive 3 Prozent. Wichtig ist, was sich hinter der zweiten Zahl verbirgt: Sie umfasst ganz überwiegend die Feinkontinenz, also unkontrollierten Windabgang oder Nässen, und nur ein kleiner Teil davon betrifft festen Stuhl. Das ist unangenehm und gehört ins Aufklärungsgespräch, es ist aber nicht dasselbe wie das Bild, das das Wort Inkontinenz im Kopf erzeugt. Zur Nachbehandlung: schonendes Abduschen statt moderner Wundauflagen (Empfehlung 44), keine routinemäßige Antibiotikaprophylaxe (Empfehlung 45, Grad A). Beides sind Festlegungen für das behandelnde Team, keine Anweisung an dich. Ein Antibiotikum wird in diesem Zusammenhang weder eigenständig begonnen noch eigenständig abgesetzt, sondern ärztlich entschieden und begleitet.

Warum bei beschwerdefreien Befunden nichts gemacht wird

Zurückhaltung ist hier keine Untätigkeit

Die S3-Leitlinie sagt in Empfehlung 6 mit starkem Konsens: Primär asymptomatische Hämorrhoiden sollten nicht invasiv behandelt werden. Ich finde das gut begründet, und ich sage gern warum.

55,3 Prozent der Menschen mit Hämorrhoiden haben keine Beschwerden. In derselben Wiener Kohorte unterschied sich die Lebensqualität zwischen beiden Gruppen nicht messbar (52,6 gegen 53,2; p = 0,7993). Ein nicht unerheblicher Teil der niedriggradigen Befunde wird laut Leitlinie auch ohne Therapie wieder beschwerdefrei. Und jede invasive Behandlung hat seltene, aber reale schwere Komplikationen (Empfehlung 49, Grad A).

Fair dazugesagt: Der SF-12 ist ein grobes Instrument und bildet eine so lokale Beschwerde schlecht ab. Die Zahl entwertet dein Erleben nicht. Sie begründet nur, warum ein Befund ohne Beschwerden kein Behandlungsanlass ist.

Was in der Ursachenkette steckt, und was davon belegt ist

Hier wird es unbequem. Die S3-Leitlinie schreibt zur Entstehung wörtlich, dass die dazu führenden Veränderungen unzureichend wissenschaftlich belegt sind, die gesicherten Daten dürftig und das Material oft widersprüchlich. Ein Satz, der in Patiententexten selten steht. Ich sortiere die üblichen Verdächtigen deshalb nach Belegstärke.

Die Faktoren, sortiert nach dem, was dahintersteht

  • Stuhlkonsistenz und Pressen. Plausibel und leitliniengestützt, aber nicht so eindeutig wie behauptet. Johanson und Sonnenberg werteten 1990 vier nationale Datenquellen aus: Hämorrhoiden häufen sich zwischen 45 und 65 Jahren und bei höherem sozioökonomischem Status, Verstopfung steigt exponentiell erst nach dem 65. Lebensjahr und bei niedrigem Einkommen. Die Autoren stellten die Kausalannahme daraufhin infrage. Verstopfung bleibt ein Faktor, erklärt das Muster aber nicht allein. Mehr dazu im Beitrag Verstopfung ganzheitlich.
  • Zeit auf der Toilette. Eine Querschnittstudie aus Boston mit 125 Menschen vor der Vorsorgekoloskopie: 43 Prozent hatten endoskopisch sichtbare Hämorrhoiden, 66 Prozent nutzten dort das Smartphone. 37,3 Prozent von ihnen saßen länger als fünf Minuten pro Gang, gegenüber 7,1 Prozent der übrigen (p = 0,006). Nach Anpassung für Alter, Geschlecht, Körpermassenindex, Bewegung, Pressen und Ballaststoffe war die Smartphone-Nutzung auf der Toilette mit einem um 46 Prozent erhöhten Risiko verbunden (p = 0,044). Die Sitzdauer selbst war in dieser Rechnung nicht getrennt berücksichtigt. Ramprasad C et al. PLoS One. 2025;20(9):e0329983. PMID: 40901789 · DOI: 10.1371/journal.pone.0329983 [Querschnittstudie]. Zusammenhang, nicht Ursache. Die konkreteste Stellschraube dieses Artikels ist es trotzdem.
  • Körpergewicht. In der Wiener Kohorte war der Körpermassenindex ein unabhängiger Risikofaktor, ein Punkt mehr entsprach 3,5 Prozent mehr Risiko.
  • Bindegewebe. Mechanistisch plausibel über Thomson und Lohsiriwat, Humanstudien mit harten Endpunkten fehlen.
  • Bewegung und Trinkmenge. Die europäische Leitlinie empfiehlt beides und schreibt zugleich, dass dazu keine systematischen Übersichten oder randomisierten Studien gefunden wurden. Expertenmeinung, risikoarm und billig, aber keine belegte Therapie.

Schwangerschaft und Wochenbett: ein eigener Fall

Kaum eine Lebensphase bringt so viele anale Beschwerden, und kaum eine wird so still ertragen.

Eine prospektive Kohorte in Gent begleitete 94 Schwangere von der 19. Woche bis drei Monate nach der Geburt. 68 Prozent entwickelten anale Beschwerden, häufigstes Einzelsymptom war der Analschmerz. Zwei unabhängige Risikofaktoren blieben übrig: Verstopfung mit OR 6,3 (2,08 bis 19,37) und frühere anale Beschwerden mit OR 3,9. Typisch waren Prolaps im dritten Trimenon und Thrombose direkt nach der Geburt. Ferdinande K et al. Colorectal Dis. 2018;20(12):1109-1116. PMID: 29972721 · DOI: 10.1111/codi.14324 [Kohorte, prospektiv]

Daraus folgt eine Priorität: Wer in dieser Zeit die Stuhlkonsistenz im Blick behält, geht den stärksten bekannten Risikofaktor an. Die S3-Leitlinie empfiehlt in Empfehlung 48, eine Operation in der Schwangerschaft zu vermeiden. Was in Schwangerschaft und Stillzeit angewendet wird, gehört ärztlich und hebammlich begleitet.

Die gute Nachricht: Vieles bessert sich in den Wochen nach der Geburt. Was nach drei Monaten noch da ist, gehört einmal angesehen.

Was der Alltag beitragen kann, als Richtungen

Kein Protokoll, keine Mengenangaben. Vier Richtungen, jede mit der Belegstärke daneben.

Vier Richtungen, ehrlich beschriftet

Was du selbst in der Hand hast

Stuhl weich halten. Belegt für Beschwerden und Blutung, nicht für den Prolaps. Die einzige Alltagsmaßnahme mit Cochrane-Daten dahinter.

Den Toilettengang kurz halten und das Handy draußen lassen. Eine Querschnittstudie plus Expertenmeinung. Risikoarm, kostenlos, plausibel: Wer lange auf einer offenen Ringfläche sitzt, füllt die Polster.

Nicht pressen und den Reiz nicht erzwingen. Die S3-Leitlinie gibt dem veränderten Toilettenverhalten Empfehlungsgrad 0 und nennt die Grundlage selbst dürftig. Sinnvoll, aber nicht bewiesen.

Sanft reinigen. Wasser statt Seife, kein Reiben, keine parfümierten Feuchttücher. Dermatologisch begründbar, ohne eigene randomisierte Studien.

Und die warmen Sitzbäder? Eine alte klinische Tradition. Ein belegter Vorteil gegenüber schlichtem Abduschen ist mir nicht bekannt, und die S3-Leitlinie empfiehlt für die Nachbehandlung ausdrücklich das Abduschen (Empfehlung 44). Wenn sie dir guttun, spricht wenig dagegen. Als belegte Behandlung würde ich sie nicht verkaufen.

Klinisch beobachte ich

Das hier ist keine Studienaussage, sondern eine Beobachtung aus meiner Sprechstunde.

Am häufigsten unterschätzt werden Sitzdauer und Anspannung. Viele sitzen zehn Minuten und pressen dabei in Wellen, ohne es zu merken. Wenn nach zwei Minuten nichts passiert, ist der Reiz meistens noch nicht da. Aufstehen, später wiederkommen. Unbequem, und aus meiner Sicht wichtiger, als es aussieht. Ob das mehr bringt als eine Salbe, weiß ich nicht, dazu gibt es keine Studien. Ich beschreibe hier eine Beobachtung, kein Ergebnis.

Studien mit Endpunkten habe ich dafür nicht. Du weißt jetzt, welchen Rang diese Beobachtung hat.

Warum die Scham so teuer ist

Jetzt der Teil, der medizinisch am einfachsten und menschlich am schwersten ist.

Querschnittsbefragung, n=185 Nicht die Diagnose macht Angst, sondern die Untersuchung

Eine rumänische Arbeitsgruppe um Adrian Coțe befragte 185 Menschen zu Wissen, Stigma und der Bereitschaft, ärztlichen Rat zu suchen.

Nur 30,8 Prozent hatten je ärztlichen Rat gesucht. Hauptbarrieren waren Scham und die Angst vor invasiver Diagnostik. Die Koloskopie schreckte 39,5 Prozent ab, die digital-rektale Untersuchung 38,9 Prozent. Jüngeres Alter (p < 0,001) und männliches Geschlecht (p = 0,013) gingen mit mehr Zurückhaltung einher.

Für dich heißt das: Die Angst richtet sich nicht gegen die Diagnose, sondern gegen die Untersuchung. Genau dort lässt sich am meisten entschärfen.

Coțe A, Negruț RL, Feder B et al. J Clin Med. 2025;14(15):5361. PMID: 40806983 · DOI: 10.3390/jcm14155361 [Querschnittsbefragung]

Die Zahl stammt aus einer Befragung in einem Land und ist nicht repräsentativ. Die Richtung deckt sich mit dem, was ich in der Sprechstunde höre.

Was das Warten kostet, lässt sich in drei Punkten sagen. Bei der Thrombose sind es Wochen statt Tage. Bei Menschen unter 50 mit nicht abgeklärter Blutung ist es eine verzögerte Diagnose. Und bei allen anderen sind es Monate oder Jahre mit einer Beschwerde, die sich häufig einordnen und dann gezielt angehen lässt, manchmal schon nach dem ersten Termin.

Was ich zur Evidenz noch ehrlich sagen muss

Auch die Fachwelt ist bei diesem Thema uneins, und das kommt nicht von mir, sondern aus ihr selbst.

Neun Leitlinien, eine methodisch tragfähig

Warum es hier keinen einzigen richtigen Weg gibt

Steven Brown und Kollegen suchten systematisch nach Hämorrhoiden-Leitlinien von 2011 bis 2021 und bewerteten sie mit dem AGREE-II-Instrument. Sie fanden neun weltweit. Die methodische Qualität war insgesamt schlecht, nur eine einzige wurde als ausreichend hochwertig eingestuft. Dieselbe publizierte Evidenz wurde in verschiedenen Leitlinien widersprüchlich ausgelegt.

Dazu der Stand bei uns: Auf dem Titelblatt der deutschen S3-Kurzfassung steht, dass sie seit mehr als fünf Jahren nicht aktualisiert wurde und derzeit überarbeitet wird.

Das ist keine Munition gegen die Gastroenterologie oder die Koloproktologie. Beide arbeiten mit einer dünnen Datenlage, und ihre Zurückhaltung hat gute Gründe. Es ist eine Einladung, Empfehlungen nicht wie Naturgesetze zu behandeln.

Der Schlussgedanke

Eine anale Untersuchung dauert wenige Minuten und ist für die meisten Menschen unangenehm, aber nicht schmerzhaft. Eine Ausnahme gehört dazugesagt: Wenn eine frische Fissur, eine Thrombose oder ein Abszess dahintersteckt, kann die Untersuchung wehtun. Dann wird sie schonend gemacht, mit einem betäubenden Gel oder in zwei Schritten, und manchmal wird zuerst behandelt und erst danach genauer geschaut. Sag es einfach, wenn es wehtut. Das gehört zur Untersuchung dazu und verändert das Vorgehen.

Das Warten dauert oft Jahre. Du tauschst eine kurze Unannehmlichkeit gegen eine lange. So herum lohnt sich diese Rechnung nicht.

Häufige Fragen zu Hämorrhoiden und Analbeschwerden

Hat wirklich jeder Mensch Hämorrhoiden, und warum spricht man dann von einer Erkrankung?

Ja. Hämorrhoiden sind arteriovenöse Schwellkörper im Analkanal, die jeder Mensch hat und für die Feinkontinenz braucht. Erst wenn sich dieses Polster vergrößert, nach unten verlagert und Beschwerden macht, spricht man vom Hämorrhoidalleiden. In einer österreichischen Untersuchung an 976 Menschen hatten 38,93 Prozent einen Befund, davon 55,26 Prozent ohne jede Beschwerde.

Ich habe hellrotes Blut auf dem Toilettenpapier gesehen. Muss ich mir Sorgen machen?

Panik ist nicht nötig, eine Abklärung schon. In einer systematischen Übersicht aus der Primärversorgung lag der gepoolte positive prädiktive Wert einer rektalen Blutung für Darmkrebs bei 8,1 Prozent ab 50 Jahren, mit einer Spanne von 6 bis 11 Prozent. Acht von hundert sind kein Nichts. Die S3-Leitlinie schreibt: Die peranale Blutung muss abgeklärt werden. Siehe den Alarmzeichen-Kasten oben.

Kann Blut am After auch von Darmkrebs kommen, obwohl ich noch keine 50 bin?

Das kommt vor. In einer Auswertung von 180 Menschen unter 50 Jahren mit Darmkrebs war die Blutung mit 59 Prozent das häufigste Symptom und zuvor oft den Hämorrhoiden zugeschrieben worden. 53 Prozent hatten bereits Stadium 3 oder 4, nur 8 Prozent einen Verwandten ersten Grades mit Darmkrebs. Junges Alter schließt nichts aus, siehe den Alarmzeichen-Kasten oben.

Woran erkenne ich, ob ich eine Analfissur oder Hämorrhoiden habe?

Der wichtigste Unterschied ist der Schmerz. Die S3-Leitlinie hält fest, dass Schmerzen ein Hinweis auf andere Ursachen sind, etwa Fissur, Abszess oder Thrombose. Eine Fissur schneidet während des Stuhlgangs und brennt danach nach. Innere Hämorrhoiden liegen oberhalb der schmerzempfindlichen Linea dentata und bluten eher, als dass sie wehtun.

Ich habe plötzlich einen harten, sehr schmerzhaften Knoten am After bekommen. Was ist das?

Das Muster passt am häufigsten zu einer Perianalvenenthrombose, einem Blutgerinnsel in einer Vene am Afterrand. Typisch sind plötzlicher Beginn, ein praller, blau-livider Knoten und Schmerz auch ohne Stuhlgang. Sicher sagen lässt sich das aber nur bei der Untersuchung, denn ein Abszess kann genauso aussehen. Wenn Fieber, Schüttelfrost, eine über Tage zunehmende Schwellung oder ein pochender Schmerz dazukommen, gehört das noch am selben Tag angesehen, bei Fieber über die Notaufnahme oder den ärztlichen Bereitschaftsdienst unter 116 117. In einer Kohorte mit 231 Betroffenen mit gesicherter Thrombose dauerte es konservativ im Mittel 24 Tage bis zur Beschwerdefreiheit, nach Entfernung des Gerinnsels 3,9 Tage. An einem solchen Knoten wird nicht selbst gedrückt oder geschnitten.

Was sind Marisken, und müssen die weg?

Marisken sind weiche Hautläppchen am Afterrand. Sie lassen sich nicht zurückschieben, bluten nicht und tun meist nicht weh. Sie sind die häufigste Verwechslung überhaupt: Was sich als die eigenen Hämorrhoiden ertasten lässt, ist oft eine Mariske. Ein Behandlungsanlass entsteht nur, wenn sie die Reinigung erschweren und ein Ekzem begünstigen.

Es juckt am After, vor allem nachts. Sind das Hämorrhoiden?

Manchmal, oft aber nicht. Juckreiz am After hat ein breites Ursachenspektrum, von Infektionen über Kontaktreaktionen auf Seifen und Feuchttücher bis zu anorektalen Grunderkrankungen. Das Analekzem ist häufig Folge und nicht Anfang. Eine dermatologische Übersicht warnt vor monatelanger Selbstbehandlung mit steroidhaltigen Kombinationspräparaten.

Was bedeuten die Grade 1 bis 4, und sagt der Grad etwas über meine Beschwerden?

Die Einteilung nach Goligher beschreibt, wie weit das Polster nach außen tritt. Grad 1 ist nur im Proktoskop sichtbar, Grad 2 tritt beim Pressen vor und zieht sich von allein zurück, Grad 3 muss zurückgeschoben werden, Grad 4 liegt dauerhaft außen. Die S3-Leitlinie ergänzt: Die Übergänge sind fließend, und die Beschwerden müssen nicht mit Größe oder Prolaps korrelieren.

Gehen Hämorrhoiden von alleine wieder weg?

Bei niedrigem Grad häufig ja. Die S3-Leitlinie hält fest, dass ein nicht unerheblicher Anteil der niedriggradigen Fälle auch ohne Therapie wieder beschwerdefrei wird. Deshalb sollen primär beschwerdefreie Hämorrhoiden nicht invasiv behandelt werden. Und trotzdem: Abwarten ersetzt nicht die Abklärung einer Blutung.

Nach der Gummibandligatur ist es wiedergekommen. War die Behandlung umsonst?

Wahrscheinlich nicht. In der HubBLe-Studie mit 372 Teilnehmenden lag die Rezidivrate nach einem Jahr bei 49 Prozent nach Gummibandligatur gegenüber 30 Prozent nach Arterienligatur. Vergleicht man eine einzelne Arterienligatur mit einer wiederholten Ligatur, sinkt die Rate auf 37,5 Prozent und der Unterschied verschwindet. Die Ligatur wird wiederholt.

Was können Hämorrhoiden-Salben leisten, und was nicht?

Die S3-Leitlinie ordnet Externa als symptomatische Therapie ein, die bei akuten Beschwerden angewendet werden kann, eine gezielte Therapie aber nicht ersetzt. Für nichtsteroidale Antirheumatika und Kortison fehlen laut europäischer Leitlinie wissenschaftliche Daten. Eine Salbe kann den Reiz dämpfen, das vergrößerte Polster verändert sie nicht. Wochenlange Steroid-Selbstbehandlung ohne Diagnose riskiert Hautschäden.

Ab wann ist eine Operation nötig, und was kostet sie mich an Zeit und Beschwerden?

Eine Cochrane-Übersicht verglich Gummibandligatur und Operation, allerdings nur auf Basis von drei Studien mit zusammen 202 Menschen, deren methodische Qualität die Autoren selbst als schlecht bezeichnen. Mit diesem Vorbehalt: Bei Grad 3 war die Operation überlegen (RR 1,23), bei Grad 2 gab es keinen Unterschied (RR 1,07, aus einer einzigen Studie mit 32 Menschen). Erneute Behandlungen waren nach Operation seltener (RR 0,20), dafür gab es mehr Schmerz (RR 1,94) und mehr späte Komplikationen (RR 6,32, Spanne 1,15 bis 34,89). Die S3-Leitlinie nennt Verengungen des Analkanals in 2 bis 9 Prozent und Störungen der Kontinenz in 5 bis 20 Prozent, ganz überwiegend der Feinkontinenz, also Winde oder Nässen. Nur ein kleiner Teil davon betrifft festen Stuhl.

Ich habe in der Schwangerschaft Hämorrhoiden bekommen. Geht das nach der Geburt weg?

Häufig bessert es sich nach der Geburt deutlich. In einer Kohorte aus Gent mit 94 Schwangeren entwickelten 68 Prozent anale Beschwerden, unabhängige Risikofaktoren waren Verstopfung (OR 6,3) und frühere anale Beschwerden (OR 3,9). Die S3-Leitlinie rät, eine Operation in der Schwangerschaft zu vermeiden. Was in dieser Zeit angewendet wird, gehört ärztlich und hebammlich begleitet.

Muss ich mit analen Beschwerden wirklich zum Arzt, oder kann ich das erst mal beobachten?

Beobachten kannst du eine Beschwerde, die du kennst und die sich bessert. Blut, ein neuer Knoten oder eine neue Veränderung der Stuhlgewohnheit gehören nicht dazu. In einer rumänischen Befragung mit 185 Teilnehmenden hatten nur 30,8 Prozent je ärztlichen Rat gesucht. Die Untersuchung dauert wenige Minuten. Der Alarmzeichen-Kasten oben sagt dir, was nicht wartet.

Wo dieses Thema an den Rest des Körpers andockt

Anale Beschwerden hängen an der Stuhlkonsistenz, am Nervensystem, an der Ernährung und manchmal an einem Blutverlust, den niemand bemerkt hat.

SJ

Shukri Jarmoukli

Arzt · Tätigkeitsschwerpunkt Integrative Medizin · ViveCura Berlin

Ich arbeite in meiner Privatpraxis an der Schnittstelle von klassischer Medizin, funktioneller Medizin und Klinischer Psychoneuroimmunologie. Bei analen Beschwerden bin ich betont unspektakulär: Die wichtigste Leistung ist hier die saubere Einordnung und der rechtzeitige Weg zur richtigen Fachdisziplin.

Integrative Medizin ist keine Facharztbezeichnung, sondern beschreibt meinen Arbeitsschwerpunkt. Meine Approbation ist die eines Arztes. Die in diesem Text beschriebene proktologische Basisuntersuchung ist kein Angebot meiner Praxis, sondern eine Beschreibung dessen, was dich in der hausärztlichen, proktologischen, chirurgischen oder gastroenterologischen Praxis erwartet.

Dieser Artikel ersetzt keine Untersuchung und keine ärztliche Beratung. Wenn eine Koloskopie, eine Proktoskopie oder ein Eingriff empfohlen wurde, ist nichts in diesem Text ein Grund, das zu verschieben.

ViveCura, Privatpraxis Shukri Jarmoukli, Skalitzer Straße 137, 10999 Berlin

Wissenschaftliche Quellen

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Transparenz zur Evidenz: wo die Datenlage dünn ist
  1. Die Ursachenkette ist schlecht belegt. Die S3-Leitlinie schreibt selbst, die dazu führenden Veränderungen seien unzureichend belegt, gesicherte Daten dürftig, das Material oft widersprüchlich.
  2. Verstopfung als Ursache ist nicht gesichert. Johanson und Sonnenberg fanden völlig unterschiedliche Altersgipfel und soziale Verteilungen. Bindegewebsschwäche und Toilettenzeit sind nur plausibel beziehungsweise über eine Querschnittstudie mit 125 Personen belegt.
  3. Lebensstil und Toilettentraining sind Expertenmeinung. Die europäische Leitlinie schreibt, dass dazu keine systematischen Übersichten oder randomisierten Studien gefunden wurden, die S3-Leitlinie nennt die Grundlage dürftig und vergibt Grad 0.
  4. Salben und Zäpfchen sind kaum untersucht. Die S3-Leitlinie nennt Externa symptomatische Therapie ohne Ersatz für eine gezielte Behandlung, die europäische Leitlinie hält für nichtsteroidale Antirheumatika und Kortison fest, dass Daten fehlen. Für Sitzbäder liegt mir kein belegter Vorteil gegenüber dem Abduschen vor, die S3-Leitlinie empfiehlt in der Nachbehandlung das Abduschen.
  5. Orale Gefäßmittel zeigen günstige Effektschätzer bei heterogener Studienqualität, ohne signifikanten Effekt auf Schmerz, mit Grad 0, und sind in Deutschland nicht zugelassen.
  6. Die Erkennungsstudien nutzten Fotos, keine Untersuchungen, und die Ausbildungsstudie umfasste nur 36 Personen. Die Scham-Zahl stammt aus einer rumänischen Befragung mit 185 Teilnehmenden, Selbstauskunft, nicht repräsentativ.
  7. Der Abschnitt zum Analkarzinom steht auf schmaler Basis. Er stützt sich auf eine onkologische Leitlinie und einen einzelnen Fallbericht. Ein Fallbericht kann zeigen, dass eine Verwechslung vorkommt, wie häufig sie ist, kann er nicht sagen. Die Cochrane-Arbeit zur Operation beruht auf nur drei Studien mit 202 Menschen und schlechter methodischer Qualität.
  8. Die Leitlinienlage ist uneinheitlich. Von neun weltweit gefundenen Hämorrhoiden-Leitlinien wurde nur eine als methodisch ausreichend eingestuft, und die deutsche S3-Leitlinie wird derzeit überarbeitet.
  9. Bewusst weggelassen. Keine Faustregel zur Blutfarbe, weil sie dazu einladen würde, helles Blut als Entwarnung zu lesen. Keine Präparatenamen, keine Dosierungen, keine Anleitung zur Selbstbehandlung. Keine Effektzahlen für Diosmin und Hesperidin, weil diese Mittel in Deutschland nicht als Arzneimittel zugelassen sind und ich für ein Nahrungsergänzungsmittel keine Wirkung gegen eine Erkrankung behaupten darf und will. Kein Satz, der nahelegt, eine empfohlene Koloskopie, Proktoskopie oder einen Eingriff zu verschieben, und kein Rat, Medikamente eigenständig zu verändern. Was ich aus meiner Sprechstunde beschreibe, ist als Beobachtung gekennzeichnet.

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