Ratgeber Darm · Magenentleerung

Gastroparese: wenn der Magen zu langsam entleert

Nach vier Bissen satt, abends noch das Mittagessen im Magen, und im Befund steht nichts. Gastroparese heißt: Der Magen entleert sich messbar zu langsam, ohne dass etwas den Ausgang blockiert. Der Weg dorthin ist geordneter, als es sich anfühlt.

SJ
Shukri Jarmoukli · Arzt · Tätigkeitsschwerpunkt Integrative Medizin · ViveCura Berlin
Erst spiegeln, dann messen Abgrenzung zum Reizmagen GLP-1 und Magenentleerung 41 Quellenangaben, überwiegend mit DOI
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Warum ich das schreibe

Als sich 40 Fachleute aus 19 europäischen Ländern auf gemeinsame Aussagen zur Gastroparese einigen sollten, erreichten von 89 Aussagen nur 25 einen Konsens. Zur Frage, was im Magen dabei eigentlich passiert, kam überhaupt keine Einigung zustande. Das ist kein Versagen der Fachwelt. Das ist Redlichkeit, und sie erklärt einen großen Teil dessen, was du bei diesem Thema erlebst.

Du sitzt vor einem halben Teller. Nach vier, fünf Bissen ist Schluss, als hätte jemand von innen eine Tür zugezogen.

Abends kommt Übelkeit dazu. Manchmal erbrichst du etwas, das du am Nachmittag gegessen hast, kaum verändert, noch erkennbar. Die Waage zeigt weniger als vor drei Monaten, und du hast nichts dafür getan.

Beim Arzt wurde gespiegelt. Der Magen sah gut aus. Kein Geschwür, kein Tumor, keine Enge. Du hast einen Zettel bekommen, auf dem etwas von Reizmagen steht, und das Gefühl, dass damit die Sache erledigt sein soll.

Viele Menschen kennen genau dieses Muster. Und für einen Teil von ihnen gibt es ein Wort, das auf keinem Zettel stand: Gastroparese.

Ich schreibe diesen Text nicht, damit du dir eine Diagnose gibst. Ich schreibe ihn, damit du die richtigen Fragen stellen kannst, und damit du erkennst, wann es nicht mehr um Fragen geht, sondern um Tempo.

Was dich hier erwartet

  • Die Definition aus drei Teilen, und warum alle drei zählen
  • Warum das Wort Magenlähmung in die Irre führt
  • Acht Wege zu einem langsamen Magen, mit Zahlen zu jedem
  • Abnehmspritzen und Magenentleerung, beide Seiten der Daten
  • Wie die Szintigraphie abläuft, und warum vier Stunden nötig sind
  • Atemtest und Kapsel als Alternativen
  • Gastroparese oder Reizmagen: 86 Prozent Überlappung
  • Warum ein zweiter Messwert anders ausfallen kann
  • Die einzige randomisierte Ernährungsstudie im ganzen Feld
  • Medikamente, Schrittmacher, Pylorusspaltung und ihre Grenzen
  • Blutzucker, Stress und Vagus als Stellschrauben daneben
  • Die Zeichen, bei denen nicht abgewartet wird
RCT / Meta randomisiert oder zusammengefasst Human Kohorte, Register, Querschnitt Tier Tiermodell, auf den Menschen nicht übertragbar Gewebe Biopsie, Immunhistologie

Was Gastroparese ist, und was sie nicht ist

Fang mit dem Wort an. Gastro heißt Magen, Parese heißt Lähmung. Und genau da beginnt das Missverständnis.

Der Magen ist nicht gelähmt. Er arbeitet weiter. Er arbeitet nur zu langsam und zu unkoordiniert, um eine Mahlzeit in der üblichen Zeit weiterzugeben. Das klingt nach Wortklauberei, ist aber wichtig. Eine Lähmung klingt endgültig. Der Verlauf ist es nicht.

Die eigentliche Definition besteht aus drei Teilen, und alle drei müssen zusammenkommen.

Definition

Drei Bedingungen, keine davon verzichtbar

  1. Passende Beschwerden. Übelkeit, Erbrechen, frühes Sättigungsgefühl, Völlegefühl nach dem Essen, Oberbauchschmerz. Alles, was zu Nahrung passt, die zu lange im Magen bleibt.
  2. Objektiv verzögerte Entleerung. Gemessen, nicht vermutet. Ohne Messung gibt es die Diagnose nicht, sondern nur einen Verdacht.
  3. Kein mechanisches Hindernis. Keine Enge, keine Narbe, kein Tumor am Magenausgang. Das muss vorher ausgeschlossen sein, meist mit einer Magenspiegelung.

So steht es in der amerikanischen ACG-Leitlinie von 2022 und im europäischen Konsenspapier von 2021 [Leitlinie]. Eine deutsche Leitlinie eigens zur Gastroparese gibt es nicht.

Der dritte Punkt ist der, der am häufigsten untergeht. Er ist gleichzeitig der wichtigste, denn eine Enge am Magenausgang macht exakt dieselben Beschwerden wie ein träger Magen. Wer die Reihenfolge umdreht, kann ein Hindernis übersehen und es Gastroparese nennen.

Das Beschwerdebild, ausbuchstabiert

Übelkeit und Erbrechen gelten im europäischen Konsens als die Kardinalsymptome. Dazu kommen die Beschwerden, die typischerweise mit der Mahlzeit auftauchen: Du bist nach wenigen Bissen satt, es bleibt ein Druck im Oberbauch, es rührt sich lange nichts.

Das Erbrechen hat bei diesem Bild eine Eigenart. Es kommt oft ohne den üblichen Vorlauf, und was hochkommt, ist manchmal Stunden alt und noch als Mahlzeit erkennbar. Menschen beschreiben das als beschämend und als beängstigend zugleich, weil es sich nicht wie eine normale Magenverstimmung anfühlt.

Der ungewollte Gewichtsverlust gehört ebenfalls dazu. Er ist kein Nebeneffekt, den man abwarten sollte, sondern einer der Gründe, warum dieses Bild ärztlich begleitet gehört.

Abgrenzung

Drei Bilder, die fast dieselben Beschwerden machen

  1. Achalasie. Der Muskelring am Übergang von der Speiseröhre zum Magen öffnet nicht richtig. Auch hier kommt unverdaute Nahrung hoch, auch hier gibt es frühes Sättigungsgefühl und Gewichtsverlust, dazu oft eine Schluckstörung. Eine Magenspiegelung kann in frühen Fällen unauffällig aussehen.
  2. Ruminationssyndrom. Nahrung kommt ohne Übelkeitsvorlauf mühelos hoch, oft innerhalb von Minuten nach dem Essen. Das ist ein eigenes Bild mit einem eigenen Vorgehen.
  3. Essstörungen, einschließlich selbst herbeigeführten Erbrechens. Bei stark eingeschränkter Nahrungsaufnahme ist eine verzögerte Magenentleerung ein häufiger Messbefund und nicht die Ursache der Beschwerden.

Wenn eines davon auf dich zutreffen könnte, gehört es beim Termin auf den Tisch. Es kann die Abklärung von Grund auf verändern. Und für anhaltendes Erbrechen in der Schwangerschaft gilt das besonders: Das hat eigene Ursachen, eine eigene Abklärung und gehört zeitnah ärztlich beurteilt.

Bitte zuerst lesen

Diese Zeichen gehören ärztlich abgeklärt, nicht selbst behandelt

  • Blut im Stuhl oder schwarzer, teerartiger Stuhl
  • Ungewollter Gewichtsverlust
  • Fieber
  • Beschwerden, die dich nachts aufwecken
  • Wiederholtes Erbrechen
  • Schluckstörung
  • Eine neue, anhaltende Änderung der Stuhlgewohnheit ab etwa 45 bis 50 Jahren
  • Blutarmut
  • Darmkrebs oder eine chronisch entzündliche Darmerkrankung in der Familie

Und speziell bei diesem Bild: wenn du Flüssigkeit nicht mehr bei dir behältst, wenn du in kurzer Zeit deutlich Gewicht verlierst, wenn deine Blutzuckerwerte entgleisen.

Eine empfohlene Magenspiegelung, Koloskopie oder Labordiagnostik wird durch keinen Ratgeber ersetzt und sollte nicht aufgeschoben werden. Dieser Text ordnet ein. Er klärt nicht ab.

Wie häufig das wirklich ist

Hier lohnt sich Genauigkeit, weil im Netz sehr unterschiedliche Zahlen kursieren.

Bevölkerungskohorte, 222 Verdachtsfälle, 83 gesichert Die einzige saubere Häufigkeitszahl

Ein Team um Hye-Kyung Jung wertete in Olmsted County, Minnesota, elf Jahrgänge einer vollständig erfassten Bevölkerung aus und zählte, bei wie vielen Menschen eine Gastroparese gesichert war.

Von 222 möglichen Fällen erfüllten 83 die Kriterien der gesicherten Gastroparese. Aus dieser Gruppe stammen die folgenden Zahlen. Die Prävalenz der gesicherten Gastroparese lag bei 37,8 pro 100.000 Frauen und 9,6 pro 100.000 Männern. Das Gesamtüberleben dieser Gruppe lag unter dem der Vergleichsbevölkerung.

Für dich heißt das: Die gesicherte Gastroparese ist selten. Der Verdacht darauf ist häufig. Diese beiden Sätze widersprechen sich nicht, sie beschreiben zwei verschiedene Dinge.

Jung HK, Choung RS, Locke GR et al. Gastroenterology. 2009;136(4):1225-1233. PMID: 19249393 · DOI: 10.1053/j.gastro.2008.12.047 [Kohorte, bevölkerungsbasiert]
37,8pro 100.000 Frauen, gesicherte Gastroparese
9,6pro 100.000 Männer
25 von 89Konsens-Aussagen im europäischen Verfahren

Eine Übersichtsarbeit von Adil Bharucha ordnet diese Zahlen ein und weist ausdrücklich darauf hin, dass die meisten Untersuchungen zur Häufigkeit an ausgewählten Fallserien durchgeführt wurden und nicht an der Allgemeinbevölkerung [Übersichtsarbeit]. Wer Zahlen aus Spezialambulanzen auf sich selbst überträgt, rechnet mit dem falschen Nenner.

Sichtwechsel

Die meisten Menschen, die sich mit dem Wort Gastroparese beschäftigen, haben keine gesicherte Gastroparese. Das ist keine Abwertung ihrer Beschwerden. Die Beschwerden sind real, gut beschrieben und behandlungsbedürftig.

Es heißt nur: Das Etikett ist nicht der Punkt. Der Punkt ist die Reihenfolge. Erst ausschließen, was den Ausgang blockiert. Dann messen. Dann darüber reden, was sich bewegen lässt.

Und jetzt weißt du, warum ein Arzt, der bei diesem Bild zuerst spiegeln will, dich nicht abwimmelt. Er hält sich an die Definition.

Woher es kommt: acht Wege zu einem langsamen Magen

Die häufigste Frage nach der Diagnose lautet: Wieso ich?

Es gibt darauf mehrere Antworten, und keine davon passt auf alle. Manche Wege sind gut untersucht, andere sind kaum mehr als eine plausible Geschichte. Ich gehe sie der Reihe nach durch und sage jedes Mal dazu, wie solide die Zahl ist.

1. Diabetes, der bekannteste Weg

Diabetes ist die am besten dokumentierte Ursache. Über Jahre kann ein hoher Blutzucker die feinen Nerven schädigen, die die Bewegung des Magens steuern. Das ist dieselbe Nervenschädigung, die auch Füße taub werden lässt, nur eben am vegetativen Nervensystem.

Kohorte, 10 Jahre Wie oft es tatsächlich passiert

Rok Seon Choung und Kolleginnen verfolgten in derselben Bevölkerung über zehn Jahre Menschen mit Typ-1-Diabetes, Typ-2-Diabetes und Kontrollen ohne Diabetes.

Neu aufgetreten war eine Gastroparese bei 5,2 Prozent mit Typ 1, bei 1,0 Prozent mit Typ 2 und bei 0,2 Prozent der Kontrollen. Die adjustierte Hazard Ratio bei Typ 1 lag bei 33, mit einem sehr weiten Vertrauensbereich von 4,0 bis 274. Sodbrennen zu Beginn war bei Typ 1 mit einer späteren Gastroparese verbunden, Hazard Ratio 6,6.

Für dich heißt das zweierlei. Diabetes ist der stärkste bekannte Risikofaktor. Und trotzdem bleibt die Sache selten, was die Autorinnen und Autoren ausdrücklich so schreiben.

Choung RS, Locke GR, Schleck CD et al. Am J Gastroenterol. 2012;107(1):82-88. PMID: 22085818 · DOI: 10.1038/ajg.2011.310 [Kohorte, historisch, bevölkerungsbasiert]

Der Befund zum Sodbrennen ist interessant, weil er selten erwähnt wird. Frühes Sodbrennen bei Typ-1-Diabetes könnte ein Hinweis auf eine beginnende Beteiligung des vegetativen Nervensystems sein. Ein verordneter Säureblocker wird dabei weder eigenmächtig abgesetzt noch in der Dosis verändert, das gehört ärztlich begleitet. Was Säureblocker leisten können und wo ihre Grenzen liegen, steht ausführlich im Artikel zu Sodbrennen und Säureblockern.

2. Idiopathisch, die größte Gruppe

Idiopathisch heißt: Es lässt sich keine Ursache finden. In spezialisierten Zentren ist das die größte Gruppe, und sie hat ein auffälliges Profil.

Register, n=243 Wer in den Spezialambulanzen sitzt

Henry Parkman und das amerikanische Gastroparese-Konsortium beschrieben 243 Menschen mit idiopathischer Gastroparese aus mehreren Zentren.

88 Prozent waren Frauen, das Durchschnittsalter lag bei 41 Jahren, bei der Hälfte begann es plötzlich, bei 19 Prozent nach einem Infekt. Schwere Angst fand sich bei 36 Prozent, schwere Depression bei 18 Prozent. Und 86 Prozent erfüllten gleichzeitig die Kriterien der funktionellen Dyspepsie.

Für dich heißt das: Wenn dir gesagt wurde, es gebe keine Ursache, bist du damit nicht die Ausnahme, sondern die größte Gruppe. Und die Angst- und Depressionswerte sind ein Begleitbefund, keine Ursachenzuschreibung.

Parkman HP, Yates K, Hasler WL et al. Gastroenterology. 2011;140(1):101-115. PMID: 20965184 · DOI: 10.1053/j.gastro.2010.10.015 [Kohorte, Register, NIDDK-Konsortium]

3. Nach einem Infekt

Bei jedem fünften idiopathischen Fall begann die Sache nach einem Magen-Darm-Infekt. Dasselbe Muster kennst du vielleicht vom Reizdarm, wo der postinfektiöse Weg besonders gut beschrieben ist. Wie das dort abläuft, steht im Artikel zu Reizdarm und Ursachensuche.

Nachbeobachtung, n=11 Die kleine Hoffnungszahl

Leonid Bityutskiy, Irfan Soykan und Richard McCallum sahen sich Menschen an, deren Gastroparese nach einem viralen Infekt begonnen hatte, und befragten sie im Verlauf nach.

Alle elf Nachverfolgten berichteten eine allmähliche Besserung, hatten in den letzten sechs Monaten keinen Krankenhausaufenthalt, ein stabiles Gewicht und arbeiteten weiter. Die Vergleichsgruppe mit schleichendem Beginn zeigte dagegen einen langsam fortschreitenden Verlauf mit deutlich schlechterer Lebensqualität.

Für dich heißt das: Wenn es nach einem Infekt losging, ist die Aussicht in der verfügbaren Nachbeobachtung gut. Aber elf Menschen sind elf Menschen. Das ist ein Hinweis, keine Prognose.

Bityutskiy LP, Soykan I, McCallum RW. Am J Gastroenterol. 1997;92(9):1501-1504. PMID: 9317072 (kein DOI vergeben) [Kohorte, retrospektiv, sehr klein]

4. Nach Operationen

Hier braucht es Präzision, weil viel Halbwissen kursiert. Es geht nicht um jede Narkose und nicht um jede Bauchoperation. Es geht um große Eingriffe, bei denen der Vagusnerv oder die Anatomie am Magenausgang berührt wird.

Meta-Analyse, n=3.579 Was das Risiko nach einer großen Operation treibt

Hui Qu und Kolleginnen fassten 18 Studien mit 3.579 Menschen nach einer Bauchspeicheldrüsenkopf-Operation zusammen und suchten nach Risikofaktoren für eine verzögerte Magenentleerung danach.

Deutlich verbunden damit waren ein vorbestehender Diabetes (Odds Ratio 1,49), Pankreasfisteln (2,66) und postoperative Komplikationen (4,71). Eine antekolische Rekonstruktion war mit einem niedrigeren Risiko verbunden (0,17).

Für dich heißt das: Nach solchen Eingriffen ist eine verzögerte Entleerung ein bekanntes und eingeplantes Thema. Sie ist kein Zeichen dafür, dass etwas schiefgelaufen ist.

Qu H, Sun GR, Zhou SQ, He QS. Eur J Surg Oncol. 2013;39(3):213-223. PMID: 23294533 · DOI: 10.1016/j.ejso.2012.12.010 [Meta-Analyse, k=18]

5. Bindegewebserkrankungen

Bei der systemischen Sklerose verändert sich das Bindegewebe im ganzen Körper, und die Muskelschicht des Magen-Darm-Trakts bleibt davon nicht verschont. Eine Übersichtsarbeit gibt an, dass die Speiseröhre bei rund 90 Prozent und der Darm bei 40 bis 70 Prozent der Betroffenen mitbetroffen sein kann [Übersichtsarbeit].

Die Datenlage dazu ist allerdings dünn. Was verfügbar ist, sind Fallberichte, also die niedrigste Evidenzstufe, die es gibt [Fallbericht]. Eine französische Arbeit beschreibt zwei Frauen mit langjähriger systemischer Sklerose, deren Beschwerden sich nach einem endoskopischen Eingriff am Magenausgang besserten. Zwei Menschen erlauben keine Empfehlung. Sie erlauben eine Frage.

6. Parkinson

Bei Parkinson ist die Verdauung oft früher betroffen als die Beweglichkeit. Das passt zu dem, was über die Ausbreitung der Erkrankung entlang des vegetativen Nervensystems diskutiert wird.

Kohorte, n=65 Wenn Beschwerden nichts verraten

Andrew Su und ein Team aus Stanford untersuchten 65 Menschen mit Parkinson und Magen-Darm-Beschwerden mit einer Motilitätskapsel und einem Atemtest.

35 Prozent hatten eine Gastroparese, 20 Prozent eine verzögerte Dünndarmpassage, 34 Prozent eine bakterielle Fehlbesiedlung des Dünndarms. Entscheidend war der Nebenbefund: Bauchschmerz, Blähung, Übelkeit, Erbrechen und Gewichtsverlust konnten Menschen mit und ohne Gastroparese nicht voneinander unterscheiden.

Für dich heißt das: Aus dem Beschwerdebild allein lässt sich nicht ablesen, was gemessen werden würde. Genau deshalb gibt es die Messung.

Su A, Gandhy R, Barlow C, Triadafilopoulos G. BMJ Open Gastroenterol. 2017;4(1):e000132. PMID: 28321329 · DOI: 10.1136/bmjgast-2017-000132 [Kohorte, retrospektiv]

Die bakterielle Fehlbesiedlung des Dünndarms taucht hier als Begleitbefund auf. Was sie ist und wie sie festgestellt wird, steht im Artikel zu SIBO im Dünndarm.

7. Medikamente

Die Medikamentenliste ist der Teil, der sich am ehesten bewegen lässt, und deshalb der interessanteste. Opioide, Anticholinergika und einige Psychopharmaka können den Magen bremsen. Bei den Opioiden ist die Datenlage am dichtesten.

Beobachtung, n=223 Opioide und der träge Magen

Asad Jehangir und Henry Parkman verglichen bei 223 Menschen mit verzögerter Magenentleerung diejenigen, die dauerhaft Opioide einnahmen, mit denen ohne.

Die Opioid-Gruppe hatte in nahezu allen Bereichen stärkere Beschwerden. Die Übelkeit dauerte im Median sieben statt vier Stunden, es kam zu drei statt zwei Erbrechensepisoden pro Tag, und Bauchschmerz weckte häufiger nachts auf.

Für dich heißt das: Die Medikamentenliste gehört bei diesem Bild auf den Tisch. Und eine Einschränkung, die die Autoren selbst nennen: Menschen mit stärkeren Beschwerden bekommen eher Schmerzmittel. Ursache und Folge lassen sich hier nicht sauber trennen.

Jehangir A, Parkman HP. World J Gastroenterol. 2017;23(40):7310-7320. PMID: 29142478 · DOI: 10.3748/wjg.v23.i40.7310 [Kohorte, Beobachtung]

Wichtig dabei: Ein Schmerzmittel, das dir verordnet wurde, setzt du nicht wegen eines Blogartikels ab. Was du tun kannst, ist die Liste mitbringen und danach fragen. Jede Änderung an Schmerzmitteln, Antidepressiva oder anderen Dauermedikamenten gehört ärztlich begleitet.

8. Was im Gewebe passiert

Bleibt die Frage, was auf Zellebene eigentlich anders ist. Dafür gibt es eine der wenigen Untersuchungen, bei denen Gewebe aus der ganzen Magenwand entnommen und angesehen wurde.

Vollwandbiopsien Die Schrittmacher des Magens

Madhusudan Grover, Gianrico Farrugia und das Konsortium untersuchten Gewebeproben aus der Magenwand von Menschen mit diabetischer und mit idiopathischer Gastroparese.

Bei 83 Prozent fanden sich Auffälligkeiten. Am häufigsten: ein Verlust der interstitiellen Cajal-Zellen, also der Taktgeber der Magenbewegung, dazu geschädigte verbliebene Zellen, ein auffälliges Immuninfiltrat mit Makrophagen und weniger Nervenfasern.

Für dich heißt das: Da ist etwas, und es ist sichtbar. Zwischen der diabetischen und der idiopathischen Form gab es dabei kaum Unterschiede.

Grover M, Farrugia G, Lurken MS et al. Gastroenterology. 2011;140(5):1575-1585. PMID: 21300066 · DOI: 10.1053/j.gastro.2011.01.046 [Kohorte, Gewebeuntersuchung]

Dieselben Cajal-Zellen tauchen im Dünndarm wieder auf, wenn es um die Frage geht, warum eine bakterielle Fehlbesiedlung oft wiederkommt. Ich erkläre das hier nicht doppelt, es steht ausführlich im Artikel zu Motilität und Rückfällen bei SIBO.

Sichtwechsel

Acht Wege, ein Bild. Das ist der Grund, warum es die eine Behandlung nicht gibt und warum jemand, der dir eine verspricht, an dieser Stelle mehr weiß als der europäische Konsens.

Praktisch bedeutet das etwas Angenehmes: Es lohnt sich, die Ursachenfrage ernst zu nehmen, statt gleich zur Behandlung zu springen. Zwei der acht Wege, die Medikamentenliste und der Blutzucker, lassen sich am ehesten bewegen. Das ist eine gute Nachricht.

Und jetzt weißt du, warum die erste Frage nach der Diagnose lauten sollte: Welcher Weg ist es bei mir?

Die Abnehmspritzen: ein neues und häufiges Thema

Diese Frage kommt seit zwei Jahren fast täglich. Sie kommt oft mit Angst im Ton, weil in den Medien das Wort Magenlähmung neben dem Wort Abnehmspritze steht.

Ich fange mit dem Teil an, der am wenigsten verstanden wird: Die Verlangsamung ist kein Fehler des Medikaments. Sie gehört zum Wirkprinzip. GLP-1-Rezeptoragonisten drosseln unter anderem die Magenentleerung, und genau daher stammt ein Teil des Sättigungsgefühls. Wie diese Medikamente insgesamt funktionieren, steht im Artikel zur Wirkweise der Abnehmspritzen.

Die Frage ist also nicht, ob sie den Magen verlangsamen. Sie tun es, und das gehört zum dokumentierten Wirkprinzip. Die Frage ist, wie oft daraus ein Krankheitsbild wird.

Abrechnungsdaten, Kohorte Die Zahl, die überall zitiert wird

Mohit Sodhi und Kolleginnen verglichen in einer großen Abrechnungsdatenbank Menschen, die GLP-1-Agonisten zur Gewichtsabnahme bekamen, mit Menschen unter Bupropion-Naltrexon, einem anderen Abnehmmittel.

Dokumentierte Gastroparesen traten mit 9,1 pro 1.000 Personenjahren unter Semaglutid und 7,3 unter Liraglutid auf, gegenüber 3,1 in der Vergleichsgruppe. Die adjustierte Hazard Ratio lag bei 3,67, mit einem Vertrauensbereich von 1,15 bis 11,90.

Für dich heißt das: Das Signal ist da. Und der Vertrauensbereich reicht von knapp erhöht bis zwölffach, was zeigt, wie unscharf die Schätzung ist. Es handelt sich um Abrechnungsdaten, nicht um eine randomisierte Studie.

Sodhi M, Rezaeianzadeh R, Kezouh A, Etminan M. JAMA. 2023;330(18):1795-1797. PMID: 37796527 · DOI: 10.1001/jama.2023.19574 [Kohorte, retrospektiv, Research Letter]

Eine zweite, unabhängige Erhebung aus der amerikanischen All-of-Us-Kohorte fand bei Neuanwendern eines GLP-1-Agonisten in 5,1 Prozent eine Gastroparese-Diagnose. Das klingt viel, ist aber ein Querschnitt ohne Kontrollgruppe, und Bauchschmerz kam dort bei 57,6 Prozent vor. Solche Zahlen beschreiben, wer in einer Datenbank welche Kodierung trägt, nicht, wie häufig etwas ursächlich entsteht.

Die andere Seite der Daten

Der Effekt lässt nach, und bei langsamem Magen fällt er klein aus

Ryan Jalleh und ein internationales Team fassten zusammen, was über die Magenentleerung unter GLP-1-Agonisten und Tirzepatid bekannt ist [Übersichtsarbeit]. Vier Punkte heben sie ausdrücklich hervor.

Erstens haben die Wirkstoffe eine lange Halbwertszeit. Zweitens verlangsamt eine Aktivierung des GLP-1-Rezeptors die Entleerung schon in körpereigenen Konzentrationen. Drittens tritt unter längerer Behandlung eine Tachyphylaxie ein, der Effekt lässt also nach. Viertens fällt bei Menschen mit vorbestehend langsamer Entleerung der Zusatzeffekt gering aus.

Der dritte Punkt ist mir besonders wichtig, weil er in der Sprechstunde am meisten verändert. Er verschiebt das Bild erheblich: Was in den ersten Wochen gemessen wird, ist nicht das, was nach Monaten noch übrig ist.

Mechanistisch gestützt wird das durch eine Arbeit an Mäusen und Menschen zugleich [Tierstudie]. Im Mausversuch war die akute Verzögerung nach zwei Wochen Behandlung aufgehoben. Beim Menschen schwächte sie sich unter Mehrfachgabe ab, bei Typ-2-Diabetes und Dosissteigerung blieb eine Restverzögerung. Die Studie stammt vom Hersteller, das gehört dazugesagt.

Magenspiegelung und Narkose: die praktische Frage

Das ist die Frage, die mir am häufigsten gestellt wird. Muss ich die Spritze vor einer Untersuchung absetzen?

Die Antwort besteht aus zwei Zahlen, die in verschiedene Richtungen zeigen.

Kohorte, n=598 Mehr Restinhalt, mehr abgebrochene Untersuchungen

Ein Team um Sagar Panchal verglich bei ambulanter Magenspiegelung 360 Menschen unter einem GLP-1-Agonisten mit 298 Kontrollen. Die Gruppen waren nicht ganz vergleichbar, in der GLP-1-Gruppe hatten mehr Menschen Diabetes, 68 gegen 57 Prozent.

Fester Restinhalt im Magen war deutlich häufiger, mit einer Odds Ratio von 3,80 und einem Vertrauensbereich von 1,57 bis 9,21. Bei gleichzeitiger Koloskopie zeigte sich dieser Unterschied nicht. Mehr Untersuchungen wurden abgebrochen, 1,3 gegen 0 Prozent. Eine Aspiration in die Lunge trat in dieser Gruppe nicht auf.

Für dich heißt das: Das praktische Problem ist real und betrifft die Durchführbarkeit der Untersuchung.

Panchal S, Mahmud N, Atkins JH et al. Gastrointest Endosc. 2025;102(2):216-222. PMID: 39824444 · DOI: 10.1016/j.gie.2025.01.004 [Kohorte, retrospektiv]
Datenbank, n=6.806.046 Und die befürchtete Komplikation

Trevor Barlowe und Kolleginnen werteten 6,8 Millionen Magenspiegelungen aus einer landesweiten Datenbank aus und verglichen Menschen mit Typ-2-Diabetes zwischen 18 und 64 Jahren unter GLP-1-Agonisten mit solchen unter DPP4-Hemmern.

Lungenbezogene Komplikationen waren insgesamt selten, 6 bis 25 pro 10.000 Untersuchungen. Für die Aspiration lag das relative Risiko bei 0,67, für die Aspirationspneumonie bei 0,95. Der Streubereich reicht allerdings bis 1,75, und es handelt sich um unbereinigte Schätzer. Ein erhöhtes Risiko ließ sich also nicht nachweisen. Ausgeschlossen ist es damit nicht.

Für dich heißt das: Die Sorge, die am lautesten diskutiert wurde, ließ sich in dieser sehr großen Auswertung nicht bestätigen. Die Auswertung betraf allerdings ausschließlich Menschen mit Typ-2-Diabetes in einer bestimmten Altersspanne. Nicht nachgewiesen ist nicht dasselbe wie ausgeschlossen.

Barlowe TS, Anderson C, Sandler RS et al. Clin Gastroenterol Hepatol. 2025;23(5):739-747. PMID: 38759826 · DOI: 10.1016/j.cgh.2024.04.038 [Kohorte, Datenbankanalyse]
Der Satz, auf den es hier ankommt

Die richtige Handlung vor einer Magenspiegelung oder Narkose lautet nicht absetzen, sondern vorher sagen. Die Entscheidung über Nüchternzeiten, Vorgehen und mögliche Pausen trifft die Praxis, die dich untersucht. Eine verordnete Abnehmspritze wird nicht eigenmächtig abgesetzt oder in der Dosis verändert.

Alles Weitere zu Nebenwirkungen dieser Medikamente rolle ich hier nicht auf. Es steht im Artikel zu den Nebenwirkungen der Abnehmspritzen.

Sichtwechsel

Zwischen einer erwünschten Verlangsamung und einer Erkrankung liegt keine scharfe Grenze, sondern ein Übergang. Fast alle Menschen unter diesen Medikamenten haben einen langsameren Magen. Nur bei wenigen wird daraus ein Bild, das jemand als Gastroparese kodiert.

Das entwertet die Beschwerden nicht. Es ordnet sie ein: Übelkeit und frühe Sättigung unter einer Abnehmspritze sind meist genau der Effekt, für den das Medikament gegeben wird. Wenn sie das Leben bestimmen, gehört das besprochen, und zwar in der Praxis, die verordnet hat.

Und jetzt weißt du, warum die Antwort auf die Abnehmspritzen-Frage weder Entwarnung noch Alarm ist, sondern eine Zahl mit einem breiten Vertrauensbereich.

Wie gemessen wird, und warum vorher gespiegelt wird

Wenn du dich fragst, warum niemand einfach in den Magen schaut und sagt, wie schnell er ist: Genau das geht nicht. Man kann die Bewegung nicht direkt sehen. Man kann nur verfolgen, wie viel von einer Mahlzeit nach einer bestimmten Zeit noch drin ist.

Deshalb sieht der Weg zur Diagnose so aus, wie er aussieht.

Reihenfolge

Warum zuerst gespiegelt und dann gemessen wird

1
Magenspiegelung

Zur Definition gehört das Fehlen eines mechanischen Hindernisses. Eine Enge am Magenausgang, eine Narbe nach einem Geschwür oder ein Tumor machen dieselben Beschwerden wie ein träger Magen. Deshalb steht die Endoskopie vorn, nicht als Vorlauf, sondern als Teil der Diagnose.

Hindernis ausgeschlossen Schleimhaut beurteilt
2
Magenentleerungstest

Erst jetzt wird gemessen. Der europäische Konsens verlangt beides, Endoskopie und Entleerungstest, bevor überhaupt von einer Gastroparese gesprochen wird [Leitlinie].

Szintigraphie Atemtest Motilitätskapsel
3
Das Drumherum

Medikamentenliste durchgehen, Blutzucker anschauen, Schilddrüse und Elektrolyte prüfen, den Ernährungszustand erfassen. Bei ungewolltem Gewichtsverlust gehören auch die Blutwerte für eine Zöliakie dazu. Das kostet wenig und verändert oft mehr als jede Zusatzuntersuchung.

Medikamente Blutzucker Ernährungszustand

Ein Hinweis, der an dieser Stelle den größten Schaden verhindert: Wenn eine Zöliakie-Diagnostik ansteht, darf vorher nicht glutenfrei gegessen werden. Eine glutenfreie Ernährung vor der Untersuchung kann die Diagnose unmöglich machen. Wie diese Abklärung abläuft, steht im Artikel zu Zöliakie erkennen.

Die Reihenfolge der Schritte 1 und 2 stammt aus der ACG-Leitlinie 2022 und dem UEG/ESNM-Konsens 2021. Mir ist wichtig, die Begründung dazuzusagen: Sie ist so, weil sonst ein Hindernis übersehen werden kann.

Die Szintigraphie, Schritt für Schritt

Sie gilt als Referenzverfahren. Das Prinzip ist einfacher, als der Name vermuten lässt.

Du bekommst eine standardisierte Testmahlzeit. Standardisiert heißt: nicht irgendein Frühstück, sondern eine festgelegte, fettarme Mahlzeit auf Eiklar-Basis, der eine sehr geringe Menge eines radioaktiven Markers beigemischt ist. Danach wird eine Kamera über deinen Bauch gehalten, und zwar zu vier festen Zeitpunkten: direkt danach, nach einer Stunde, nach zwei Stunden und nach vier Stunden.

Konsensempfehlung Warum vier Stunden und nicht zwei

Zwei amerikanische Fachgesellschaften, die für Neurogastroenterologie und die für Nuklearmedizin, einigten sich 2008 auf ein einheitliches Vorgehen für die Magenentleerungsszintigraphie [Leitlinie].

Empfohlen wurde die fettarme Eiklar-Testmahlzeit mit Bildern bei 0, 1, 2 und 4 Stunden. Begründung: Erst ein einheitlicher Standard macht Ergebnisse zuverlässig und vergleichbar.

Für dich heißt das: Wenn die Untersuchung nach zwei Stunden beendet wurde, kann ein Befund verfehlt worden sein. Und Ergebnisse aus unterschiedlichen Protokollen lassen sich nicht ohne Weiteres nebeneinanderlegen.

Abell TL, Camilleri M, Donohoe K et al. J Nucl Med Technol. 2008;36(1):44-54. PMID: 18287197 · DOI: 10.2967/jnmt.107.048116 [Consensus Guideline, Fachgesellschaften]

Aus deutschen Praxisangaben, also nicht aus Studien, kommen die organisatorischen Eckdaten: Plane etwa fünf Stunden ein, komm mindestens sechs Stunden nüchtern, und rechne mit einer Strahlendosis in der Größenordnung von rund 1,3 Millisievert. Das ist ungefähr das, was du in Deutschland in einem halben Jahr an natürlicher Strahlung ohnehin abbekommst. Diese Angaben kennzeichne ich ausdrücklich als Praxisangaben, nicht als Studienzahlen.

Was ich hier bewusst nicht schreibe, sind Grenzwerte in Prozent. Die gehören in die Befundbesprechung, wo jemand sie mit deiner Situation zusammenbringt, und nicht in einen Ratgeber, wo sie zum Selbstdeuten einladen.

Ohne Strahlung: der Atemtest

Validierung, n=167 Die strahlungsfreie Alternative

Lawrence Szarka und Michael Camilleri maßen bei 38 Gesunden und 129 Betroffenen die Magenentleerung gleichzeitig szintigraphisch und mit einem Atemtest, bei dem 13C-markierte Spirulina in die Testmahlzeit gemischt wird.

Das Verfahren kommt mit vier Atemproben aus. Die Kombination der Proben nach 150 und 180 Minuten erkannte eine verzögerte Entleerung mit 89 Prozent Sensitivität bei 80 Prozent Spezifität. Und, entscheidend: Die Streuung zwischen zwei Messungen derselben Person war bei beiden Verfahren ähnlich groß, am Zwei-Stunden-Punkt 13 Prozent szintigraphisch gegen 16 Prozent im Atemtest.

Für dich heißt das: Es geht auch ohne Strahlung. In Deutschland ist der Test allerdings nur begrenzt verfügbar, weil er nicht flächendeckend angeboten wird.

Szarka LA, Camilleri M, Vella A et al. Clin Gastroenterol Hepatol. 2008;6(6):635-643. PMID: 18406670 · DOI: 10.1016/j.cgh.2008.01.009 [Kohorte, Validierungsstudie]

Die Kapsel

Es gibt außerdem eine schluckbare Motilitätskapsel, die auf ihrem Weg Druck, Säuregrad und Temperatur misst. Ihr Vorteil: Sie erfasst nebenbei auch, wie lange der Dünndarm braucht. In der Parkinson-Untersuchung weiter oben wurde genau dieses Verfahren eingesetzt. In Deutschland ist die Verfügbarkeit begrenzt.

Der Satz, der diesen Abschnitt trägt

Die Ungenauigkeit steckt nicht im Gerät. Sie steckt im Körper. Ein Magen arbeitet an zwei Tagen unterschiedlich schnell, abhängig von Blutzucker, Schlaf, Anspannung und Mahlzeit. Beide Verfahren bilden diese Schwankung ab, statt sie wegzurechnen.

Sichtwechsel

Viele Menschen gehen mit der Erwartung in diese Untersuchung, dass danach endlich Klarheit herrscht. Was danach herrscht, ist eine Momentaufnahme. Eine gute, standardisierte, vergleichbare, aber eben eine Momentaufnahme.

Das ist kein Grund, sie zu überspringen. Ohne diese Messung wäre die Diagnose beliebig, und beliebige Diagnosen führen zu beliebigen Behandlungen. Es ist ein Grund, den Wert nicht für ein Urteil über deinen Zustand zu halten.

Und jetzt weißt du, warum ein zweiter Wert anders aussehen darf, ohne dass etwas Neues passiert ist.

Gastroparese oder Reizmagen: die Abgrenzung, die kaum jemand macht

Jetzt kommt der Teil, den ich für den wichtigsten dieses Artikels halte, weil er die klinisch häufigste Verwechslung betrifft.

Neben der Gastroparese steht ein zweites Bild: die funktionelle Dyspepsie, umgangssprachlich Reizmagen. Nach den Rome-IV-Kriterien geht es dabei um Völlegefühl nach dem Essen, frühe Sättigung, Oberbauchschmerz und Oberbauchbrennen, die nach einer Routineabklärung unerklärt bleiben [Leitlinie]. Was der Reizmagen genau ist, erkläre ich hier nicht noch einmal. Das steht ausführlich im Artikel zur funktionellen Dyspepsie.

Hier geht es nur um eine Frage: Wie unterscheidet man die beiden?

Die ehrliche Antwort: an den Beschwerden praktisch gar nicht.

86 %der Menschen mit idiopathischer Gastroparese erfüllen zugleich die Reizmagen-Kriterien
42 %wechselten in 48 Wochen von Gastroparese zu funktioneller Dyspepsie
37 %wechselten in die Gegenrichtung
Prospektiv, n=944, 48 Wochen Die Studie, die ich für die wichtigste in diesem Feld halte

Pankaj Jay Pasricha und das amerikanische Konsortium begleiteten 944 Menschen an spezialisierten Zentren über 48 Wochen, 720 davon zunächst als Gastroparese eingestuft, 224 als funktionelle Dyspepsie, und maßen am Ende erneut.

42 Prozent der Gastroparese-Gruppe wurden anhand der zweiten Messung als funktionelle Dyspepsie neu eingeordnet, 37 Prozent der Dyspepsie-Gruppe umgekehrt als Gastroparese. Der Wechsel ging in beide Richtungen nicht mit einem Unterschied im Beschwerdeverlauf einher. In den Vollwandbiopsien zeigten beide Gruppen denselben Verlust an Cajal-Zellen und an bestimmten Makrophagen.

Für dich heißt das: Wenn dein Befund beim zweiten Mal anders lautet, ist das kein Fehler und kein Fortschritt der Erkrankung. Es ist die bekannte Eigenschaft dieses Messwerts.

Pasricha PJ, Grover M, Yates KP et al. Gastroenterology. 2021;160(6):2006-2017. PMID: 33548234 · DOI: 10.1053/j.gastro.2021.01.230 [Kohorte, prospektiv, multizentrisch]

Eine Einschränkung gehört unbedingt dazu: Das waren Zentren der Maximalversorgung. Dorthin kommen Menschen, bei denen vorher schon vieles unklar geblieben ist. In einer Hausarztpraxis sieht die Verteilung anders aus. Trotzdem bleibt der Befund bemerkenswert, weil dieselben Menschen zweimal gemessen wurden.

Die Gegenseite, gleichgewichtig

Der Messwert ist nicht wertlos, er ist ein schwaches Signal

Es wäre einseitig, es bei Pasricha zu belassen. Priya Vijayvargiya und ein Team der Mayo Clinic fassten 92 Studien zusammen und untersuchten, ob eine verzögerte Entleerung mit Oberbauchbeschwerden zusammenhängt [Meta-Analyse].

Für die Meta-Analyse lieferten 25 dieser 92 Arbeiten auswertbare Zahlen. Über alle Studien hinweg sah es schwach aus. Wertete man aber nur die methodisch optimal durchgeführten Messungen aus, zeigten sich Zusammenhänge mit Übelkeit (Odds Ratio 1,6), Erbrechen (2,0) sowie früher Sättigung und Völlegefühl (1,8). Beim Bauchschmerz lag die Schätzung bei 1,5, ihr Streubereich beginnt aber genau bei 1,0. Dieser Zusammenhang ist damit der schwächste der vier.

Die Pointe daraus: Ein Teil des Streits in diesem Feld ist ein Streit über Messqualität. Wo sauber gemessen wurde, zeigt sich ein Signal. Es ist nur schwächer, als das Wort Goldstandard vermuten lässt.

Vijayvargiya P, Jameie-Oskooei S, Camilleri M et al. Gut. 2019;68(5):804-813. PMID: 29860241 · DOI: 10.1136/gutjnl-2018-316405 [Meta-Analyse, k=92]

Warum die Leitlinien trotzdem trennen

An dieser Stelle wäre es leicht, sich über die Fachwelt zu erheben. Ich halte das für falsch, und zwar aus zwei Gründen.

Erstens: Ohne ein objektives Kriterium wäre die Diagnose beliebig. Jeder mit Übelkeit und Völlegefühl bekäme das Etikett, und dann würde es nichts mehr bedeuten. Die Messung kann vor Überdiagnose schützen.

Zweitens: Die Kategorien haben unterschiedliche Konsequenzen. Bei einer gesicherten, deutlichen Entleerungsstörung gehört der Ernährungszustand enger überwacht, und einige Verfahren kommen überhaupt nur dann in Betracht.

Deutschland hat seit 2025 eine eigene S1-Leitlinie zur funktionellen Dyspepsie, herausgegeben von der Deutschen Gesellschaft für Neurogastroenterologie und Motilität [Leitlinie]. Zur Gastroparese gibt es hierzulande nichts Eigenes. Diese Lücke ist selbst ein Befund. Sie erklärt, warum die Auskünfte, die Menschen bekommen, so unterschiedlich ausfallen.

Sichtwechsel

Wenn deine Szintigraphie normal ausgefallen ist und du trotzdem nach vier Bissen satt bist: Das ist keine Einbildung und kein Grund, die Suche zu beenden.

In der besten verfügbaren Untersuchung dazu wechselten 37 Prozent der Menschen mit zunächst normalem Befund innerhalb eines knappen Jahres in die andere Kategorie, ohne dass sich ihre Beschwerden entsprechend änderten. Der Messwert beschreibt einen Tag. Er beschreibt nicht dich.

Und jetzt weißt du, warum die Frage Gastroparese oder Reizmagen weniger eine Entweder-oder-Frage ist, als es die beiden Wörter nahelegen.

Was bei der Ernährung wirklich untersucht ist

Zu diesem Thema begegnet dir fast immer dieselbe Reihenfolge: fettarm, ballaststoffarm, kleine Portionen, flüssige Anteile.

Diese Empfehlungen sind nicht falsch. Sie sind nur an einer Stelle anders begründet, als fast überall geschrieben steht. Und es gibt zu diesem ganzen Feld genau eine randomisierte Studie.

RCT, n=56, 20 Wochen Die einzige randomisierte Ernährungsstudie

Eva Olausson und ein schwedisches Team um Magnus Simrén teilten 56 Menschen mit insulinbehandeltem Diabetes und Gastroparese in zwei Gruppen: eine mit üblicher Kost, eine mit einer Kost, deren Bestandteile bewusst sehr klein zerteilt waren.

In der Interventionsgruppe besserten sich Übelkeit und Erbrechen (P = 0,01), das Völlegefühl nach dem Essen (P = 0,02), die Blähung (P = 0,006) sowie Aufstoßen und Sodbrennen (P = 0,02). Der Bauchschmerz besserte sich nicht. Gewicht, HbA1c und Nährstoffaufnahme unterschieden sich am Ende nicht.

Für dich heißt das: Kleine Partikelgröße ist das einzige Element im ganzen Feld, das randomisiert geprüft wurde. Und der Bauchschmerz reagierte darauf nicht.

Olausson EA, Störsrud S, Grundin H et al. Am J Gastroenterol. 2014;109(3):375-385. PMID: 24419482 · DOI: 10.1038/ajg.2013.453 [RCT, randomisiert kontrolliert]

Und jetzt der Nebenbefund, den die Autoren selbst notiert haben und der selten mitgenannt wird: Die Interventionsgruppe nahm mehr Fett auf als die Vergleichsgruppe.

Das ändert die Reihenfolge. Der Effekt kam in dieser Studie nicht über weniger Fett zustande. Er kann über die Beschaffenheit der Mahlzeit gekommen sein. Es bleibt ein Nebenbefund einer einzigen Studie, und genau so gehört er gelesen.

Warum das plausibel ist

Was der Magen mit einer Mahlzeit macht, bevor er sie weitergibt

  1. Der Magen zerkleinert feste Nahrung, bis die Teile klein genug sind, um durch den Magenausgang zu passen. Das ist Arbeit, und diese Arbeit braucht Kraft und Koordination.
  2. Ist beides eingeschränkt, dauert diese Zerkleinerung länger. Was schon klein ankommt, muss weniger zerkleinert werden.
  3. Flüssiges verlässt den Magen auf einem anderen Weg als Festes und meist schneller. Deshalb sind flüssige oder breiige Anteile mechanistisch naheliegend.
  4. Fett kann die Entleerung über hormonelle Rückkopplung verlangsamen. Das ist der Grund für die klassische Fett-Empfehlung, und es ist physiologisch korrekt.
  5. Nur: In der einzigen randomisierten Studie war der Effekt der Partikelgröße stärker als der Nachteil des höheren Fettanteils.

Die Punkte 1 bis 4 sind mechanistisch gut begründet. Punkt 5 ist ein einzelnes Studienergebnis an 56 Menschen mit Diabetes. Beides gehört nebeneinander, statt eines gegen das andere.

Der europäische Konsens hat die Ernährungstherapie als eine von nur drei akzeptierten Therapieoptionen bestätigt [Leitlinie]. Die Detailregeln dahinter, also kleinere Portionen, weniger unlösliche Ballaststoffe, weichere Konsistenz, stammen aber überwiegend aus klinischer Tradition und nicht aus Studien. Das ist kein Grund, sie zu verwerfen. Es ist ein Grund, sie als das zu benennen, was sie sind.

Was ich hier bewusst nicht schreibe: keinen Speiseplan, keine Portionsangaben, keine Zahl von Mahlzeiten pro Tag. Was für dich passt, hängt von deinem Gewicht, deinem Blutzucker, deinen Beschwerden und deinem Alltag ab. Das gehört in eine Ernährungsberatung, nicht in einen Artikel.

Ballaststoffe: hier gilt eine andere Regel

Im übrigen Darm-Cluster lese ich dir immer wieder zu, mehr Pflanzenvielfalt zu essen. Bei einem sehr langsamen Magen gilt vorübergehend das Gegenteil, jedenfalls für die groben, unlöslichen Fasern. Sie brauchen mehr Zerkleinerungsarbeit und können sich im Extremfall zu einem festen Klumpen zusammenlagern.

Dass diese Ausnahme existiert, entwertet die allgemeine Regel nicht. Warum die berühmte Zahl 30 differenzierter ist, als sie klingt, steht im Artikel zu den Ballaststoff-Mythen.

Das größere Risiko heißt Unterversorgung

Jetzt kommt der Abschnitt, den ich für den praktisch wichtigsten halte und der in Ratgebertexten oft zu kurz kommt.

Register, n=305 Was auf dem Teller tatsächlich landet

Dasselbe amerikanische Konsortium erfasste bei 305 Menschen mit diabetischer oder idiopathischer Gastroparese detailliert, was sie über den Tag zu sich nahmen.

Im Durchschnitt waren es 1.168 Kilokalorien, also 58 Prozent des geschätzten Bedarfs. 194 Menschen, das sind 64 Prozent, lagen unter 60 Prozent ihres Bedarfs. Rechnerische Unterversorgungen bei Vitamin A, B6, C und K sowie bei Eisen, Kalium und Zink fanden sich häufiger bei der idiopathischen als bei der diabetischen Form. Nur ein Drittel nahm ein Multivitaminpräparat. Und nur 32 Prozent hatten überhaupt jemals eine Ernährungsberatung erhalten.

Für dich heißt das: Die Gefahr bei diesem Bild geht selten vom langsamen Magen selbst aus. Sie geht davon aus, dass zu wenig ankommt, und dass niemand danach fragt.

Parkman HP, Yates KP, Hasler WL et al. Gastroenterology. 2011;141(2):486-498. PMID: 21684286 · DOI: 10.1053/j.gastro.2011.04.045 [Kohorte, Register, multizentrisch]

Eisen und Zink sind dabei die beiden, die mir am häufigsten begegnen, weil sie beide auf eine funktionierende Aufnahme im oberen Verdauungstrakt angewiesen sind. Was Eisenmangel mit dem Darm zu tun hat, steht im Artikel zu Eisenmangel und Aufnahmestörung. Warum die anderen Mikronährstoffe als Cofaktoren im Energiestoffwechsel zusammenhängen, steht im Artikel zu Mikronährstoffen und Energie.

Zwei Hinweise gehören unmittelbar daneben, weil beide Stoffe oben namentlich stehen. Vitamin K kann die Wirkung von Cumarin-Gerinnungshemmern beeinflussen. Und Kalium gehört bei eingeschränkter Nierenfunktion nicht in Eigenregie ergänzt. Was bei dir tatsächlich fehlt, zeigt eine Messung, und was daraus folgt, gehört besprochen.

Klinisch beobachte ich

Magensäure zuerst

Bevor ich bei einem trägen Oberbauch über Enzyme oder Zusätze nachdenke, stelle ich eine andere Frage: Ist oben überhaupt genug Säure da? Ohne ausreichende Säure kann die Eiweißverdauung schlechter anlaufen, und der Magen könnte seine üblichen Signale abgeschwächt bekommen. Das ist eine physiologische Überlegung, keine belegte Ursachenkette, und Studien zu diesem Zusammenhang bei verzögerter Magenentleerung gibt es kaum.

Das ist meine feste Reihenfolge in der Praxis. Sie ist keine Leitlinienempfehlung, und ich stelle sie hier ausdrücklich als klinische Arbeitsweise dar, nicht als belegte Therapie. Wie diese Frage überhaupt geprüft wird und wo die Grenzen liegen, steht im Artikel zu Magensäuremangel und Betain HCl.

Verdauungsenzyme kommen bei mir nach dieser Frage, nicht davor. Wann sie sinnvoll sein können und wann sie nur Geld kosten, steht im Artikel zu Verdauungsenzymen.

Sichtwechsel

Die meisten Menschen mit diesem Bild versuchen als Erstes, weniger zu essen, weil danach weniger passiert. Das ist verständlich und kurzfristig entlastend.

Die Zahl aus dem Register dreht die Perspektive um: Bei fast zwei Dritteln ist zu wenig das Problem, nicht zu viel. Die Frage lautet deshalb nicht, was du weglassen kannst, sondern wie genug bei dir ankommt, ohne dass es dir schlecht geht. Das ist eine andere Frage, und sie braucht andere Hilfe.

Und jetzt weißt du, warum eine Ernährungsberatung bei diesem Bild keine Nettigkeit ist, sondern der Teil mit der besten Datenlage.

Medikamente und Verfahren: was sie können und wo sie enden

Bevor ich hier irgendetwas einzeln bespreche, gehört der Rahmen davor. Er stammt aus dem europäischen Konsensverfahren, und er ist ungewöhnlich offen.

Von 89 Aussagen erreichten 25 einen Konsens. Als angemessene Therapien wurden nur drei Bausteine bestätigt: Ernährungstherapie, Dopamin-2-Antagonisten und 5-HT4-Rezeptoragonisten. Zu Protonenpumpenhemmern, weiteren Antiemetika, weiteren Prokinetika, Neuromodulatoren, komplementären, psychologischen und invasiveren Verfahren kam kein Konsens zustande.

UEG und ESNM, europäischer Delphi-Konsens 2021, 40 Fachleute aus 19 Ländern [Leitlinie]

Ich lese das nicht als Schwäche. Ich lese es als Redlichkeit. Wer bei zwei Dritteln seiner eigenen Fragen sagt, dass keine Einigkeit besteht, macht das Feld ehrlicher, nicht schlechter. Und es erklärt, warum Auskünfte so unterschiedlich ausfallen.

Alle in diesem Abschnitt genannten Mittel sind verschreibungspflichtig. Sie gehören in ärztliche Hand, und eine bestehende Medikation wird niemals eigenmächtig verändert oder abgesetzt. Ich nenne hier keine Anwendungsschemata. Wo eine Menge vorkommt, ist es die Dosis aus der jeweiligen Studie und keine Empfehlung an dich.

Schwangerschaft und Stillzeit

Ein eigener Punkt, der bei diesem Thema oft fehlt

Anhaltendes Erbrechen in der Schwangerschaft hat eigene Ursachen und eine eigene Abklärung. Es gehört zeitnah ärztlich beurteilt und nicht als Magenentleerungsstörung abgehakt.

Für die in diesem Abschnitt genannten Medikamente gelten in Schwangerschaft und Stillzeit gesonderte Regeln, teils Einschränkungen, teils Gegenanzeigen. Das gilt genauso für pflanzliche Mittel und für Nahrungsergänzungen. Nichts davon wird in dieser Situation ohne ärztliche Rücksprache genommen.

Prokinetika

Metoclopramid ist der bekannteste Vertreter. Es ist verschreibungspflichtig. Wichtig ist die Grenze, die die europäische Arzneimittelbehörde nach ihrer Überprüfung 2013 gezogen hat und die seit 2014 gilt [Behördenentscheidung]: Die Anwendung ist auf kurze Zeiträume von höchstens fünf Tagen begrenzt, und die Dauerbehandlung chronischer Bilder wie der Gastroparese gehört nicht mehr zu den zugelassenen Anwendungsgebieten. Alles darüber hinaus wäre ein Einsatz außerhalb der Zulassung, also Off-Label, mit erweiterter Aufklärungs- und Begründungspflicht der verordnenden Praxis.

Der Grund für diese Grenze ist eine Bewegungsstörung, die Spätdyskinesie. Sie ist selten, sie kann aber nach dem Absetzen bestehen bleiben. Dazu kommen weitere mögliche unerwünschte Wirkungen, unter anderem Müdigkeit, Durchfall, innere Unruhe und Bewegungsunruhe. Bei einer Blutung, einem Verschluss oder einem Durchbruch im Magen-Darm-Trakt, bei Epilepsie, bei Parkinson und nach einer früheren Spätdyskinesie darf der Wirkstoff nicht gegeben werden [Fachinformation].

Wie hoch das Spätdyskinesie-Risiko ist, wurde zweimal neu bewertet. Eine Übersichtsarbeit von 2010 kam auf deutlich unter 1 Prozent statt der früher angenommenen 1 bis 10 Prozent [Übersichtsarbeit]. Eine Neubewertung von 2019 kam auf eine Größenordnung von etwa 0,1 Prozent pro 1.000 Patientenjahren und benannte die Risikogruppen: ältere Frauen, Menschen mit Diabetes, Menschen mit Leber- oder Nierenversagen und Menschen unter gleichzeitiger antipsychotischer Medikation [Übersichtsarbeit]. Dieselbe Arbeit nennt im selben Atemzug die behördliche Beschränkung für die Langzeitanwendung.

Beide Arbeiten schätzen das Risiko niedriger ein als früher angenommen. Sie heben die Beschränkung damit nicht auf. Was daraus im Einzelfall folgt, wägt die verordnende Praxis ab, nicht ein Blogartikel.

Der 5-HT4-Agonist

RCT, Crossover, n=34 Die beste positive Studie im Feld

Florencia Carbone und ein Team um Jan Tack in Leuven gaben 34 Menschen mit Gastroparese jeweils vier Wochen Prucaloprid und vier Wochen Placebo, in zufälliger Reihenfolge und doppelt verblindet.

Der Gesamtwert des Beschwerdeindex lag unter Prucaloprid bei 1,65 gegen 2,28 unter Placebo (P kleiner 0,0001), die Halbentleerungszeit bei 98 gegen 143 Minuten (P = 0,005). Es gab drei Abbrüche wegen Übelkeit und Kopfschmerz sowie ein schwerwiegendes Ereignis, einen Dünndarmvolvulus.

Für dich heißt das: Hier gibt es ein sauberes positives Signal. Und es stammt aus einem einzigen Zentrum, von 34 Menschen, über vier Wochen.

Carbone F, Van den Houte K, Clevers E et al. Am J Gastroenterol. 2019;114(8):1265-1274. PMID: 31295161 · DOI: 10.14309/ajg.0000000000000304 [RCT, doppelblind, Crossover]
Was zu diesem Wirkstoff dazugehört

Prucaloprid ist verschreibungspflichtig, und bei Gastroparese wäre es Off-Label

Prucaloprid ist in Deutschland ausschließlich zur Behandlung der chronischen Verstopfung zugelassen. Das benennt die zitierte Arbeit in ihrem ersten Satz selbst. Bei Gastroparese wäre der Einsatz ein Einsatz außerhalb der Zulassung, also Off-Label. Das hat Folgen: Die verordnende Praxis trägt eine erweiterte Aufklärungs- und Begründungspflicht, und die Kosten werden nicht selbstverständlich übernommen.

Die Risikoseite gehört danebengestellt. In der Studie kam es unter Prucaloprid zu drei Abbrüchen wegen Übelkeit und Kopfschmerz sowie zu einem schwerwiegenden Ereignis, einem Dünndarmvolvulus. Die 2 Milligramm sind die Studiendosis und keine Empfehlung. Ob das für dich infrage kommt, entscheidet nicht dieser Artikel, sondern die Praxis, die dich kennt.

Was nicht ansprach

RCT, n=130, 15 Wochen Die wichtigste negative Studie

Henry Parkman und das Konsortium prüften in der NORIG-Studie Nortriptylin, ein trizyklisches Antidepressivum, gegen Placebo bei idiopathischer Gastroparese.

Den primären Endpunkt erreichten 23 Prozent unter Nortriptylin und 21 Prozent unter Placebo (P = 0,86). Abbrüche waren unter Nortriptylin häufiger, 29 gegen 9 Prozent. Die Autoren schreiben, dass ihre Befunde den Einsatz nicht stützen.

Für dich heißt das: Diese Substanzklasse wird bei diesem Bild weiterhin als Option genannt. Diese Studie gehört dann in die Abwägung.

Parkman HP, Van Natta ML, Abell TL et al. JAMA. 2013;310(24):2640-2649. PMID: 24368464 · DOI: 10.1001/jama.2013.282833 [RCT, multizentrisch, doppelblind]

Der Magenschrittmacher

RCT, Crossover, n=172 Beschwerde und Messwert gehen getrennte Wege

Philippe Ducrotté und ein französisches Netzwerk implantierten 172 Menschen ein Stimulationsgerät und schalteten es in zufälliger Reihenfolge für je vier Monate ein oder aus, ohne dass die Betroffenen wussten, welcher Zustand gerade galt.

Mit eingeschaltetem Gerät war das Erbrechen deutlich seltener (P kleiner 0,001). Die Magenentleerung wurde dabei nicht beschleunigt, und die Lebensqualität besserte sich nicht. Der Effekt zeigte sich auch bei Menschen mit normaler Magenentleerung.

Für dich heißt das: Das ist der eleganteste Beleg dafür, dass Beschwerde und Messwert zwei verschiedene Dinge sind. Etwas kann das Erbrechen verringern, ohne den Magen schneller zu machen.

Ducrotte P, Coffin B, Bonaz B et al. Gastroenterology. 2020;158(3):506-514. PMID: 31647902 · DOI: 10.1053/j.gastro.2019.10.018 [RCT, multizentrisch, Crossover]

Die endoskopische Pylorusspaltung

RCT, scheinkontrolliert, n=41 Und die Zahl, die dabei am meisten lehrt

Jan Martinek und ein europäisches Team führten die erste scheinkontrollierte Studie zur endoskopischen Spaltung des Magenpförtners durch. Ein Teil der Menschen bekam den Eingriff, der andere eine täuschend echte Scheinbehandlung.

Nach sechs Monaten galten 71 Prozent der Eingriffsgruppe als Erfolg gegenüber 22 Prozent der Scheingruppe (P = 0,005). Die Rekrutierung wurde nach einer Zwischenanalyse vorzeitig beendet. Die Autoren schreiben ausdrücklich, dass die Ergebnisse für die idiopathische und die postoperative Form nicht abschließend sind.

Für dich heißt das: Das Verfahren zeigte in dieser Studie einen Effekt über die Scheinbehandlung hinaus. Und 22 Prozent wurden auch ohne Eingriff deutlich besser.

Martinek J, Hustak R, Mares J et al. Gut. 2022;71(11):2170-2178. PMID: 35470243 · DOI: 10.1136/gutjnl-2022-326904 [RCT, scheinkontrolliert, Pilotstudie]
Die andere Seite

Was zu dieser Zahl danebengehört

Es ist ein endoskopischer Eingriff mit den dazugehörigen Risiken, unter anderem Blutung und Verletzung der Magenwand. Wie lange der Effekt trägt, ist über die sechs Monate hinaus nicht geklärt.

Dazu kommt: Die Studie wurde nach einer Zwischenanalyse vorzeitig beendet und erreichte die geplante Teilnehmerzahl von 86 nicht. Für die idiopathische und die postoperative Form nennen die Autoren ihre Ergebnisse ausdrücklich nicht abschließend. Eine Erfolgsangabe aus 41 Menschen ist eine Zahl aus einer Pilotstudie und keine Erwartung für dich.

Die Placebo-Klammer

21 Prozent besserten sich in der NORIG-Studie unter einer Tablette ohne Wirkstoff. 22 Prozent besserten sich nach einer Scheinbehandlung im Endoskopieraum. Zwei völlig unabhängige Studien, praktisch dieselbe Zahl. Das ist der Maßstab, an dem sich jeder Erfahrungsbericht messen lassen muss, deiner und meiner.

Pflanzliches, ehrlich eingeordnet

Ingwer ist das Mittel, nach dem am häufigsten gefragt wird. Es gibt dazu eine ordentliche kleine Studie, und ihr Ergebnis ist zweischneidig.

RCT, Crossover, n=24 Gesunde Schneller Magen, gleiche Beschwerden

Ein taiwanesisches Team um Keng-Liang Wu gab 24 gesunden Freiwilligen doppelblind entweder 1.200 Milligramm Ingwerkapseln oder ein Scheinpräparat, gefolgt von einer nährstoffarmen Suppe.

Die Halbentleerungszeit lag unter Ingwer bei 13,1 Minuten gegenüber 26,7 Minuten unter Placebo (P kleiner 0,01), mit häufigeren Kontraktionen im unteren Magenabschnitt. Bei keinem einzigen Magen-Darm-Symptom gab es einen Unterschied.

Für dich heißt das: Ingwer kann die Magenentleerung bei Gesunden beschleunigen. Ob das bei Menschen mit Gastroparese etwas an den Beschwerden ändert, wurde nie untersucht.

Wu KL, Rayner CK, Chuah SK et al. Eur J Gastroenterol Hepatol. 2008;20(5):436-440. PMID: 18403946 · DOI: 10.1097/MEG.0b013e3282f4b224 [RCT, doppelblind, Crossover]

Eine zweite kleine randomisierte Studie an 32 beatmeten Menschen auf einer Intensivstation fand unter Ingwerextrakt eine bessere Verträglichkeit der Sondennahrung und mehr beatmungsfreie Tage [RCT]. Das ist eine völlig andere Situation als deine, und ich führe es nur an, damit du weißt, worauf sich Aussagen zu Ingwer stützen.

Vorsicht bei Ingwer

Ein Lebensmittel, kein Arzneimittel, und trotzdem nicht beliebig

In höheren Mengen kann Ingwer die Blutgerinnung beeinflussen. Wer Gerinnungshemmer oder Thrombozytenaggregationshemmer nimmt, wer eine Operation vor sich hat, wer schwanger ist oder stillt, wer Gallensteine hat, bespricht das vorher ärztlich.

Die 1.200 Milligramm sind die Menge aus der Studie und keine Empfehlung an dich.

Zur Akupunktur wird verbreitet gesagt, sie sei die komplementäre Maßnahme mit den besten Ergebnissen. Eine belastbare Primärquelle dafür habe ich für diesen Artikel nicht gefunden, und im europäischen Konsensverfahren kam zu komplementären Verfahren ausdrücklich keine Einigung zustande. Das heißt nicht, dass nichts dran ist. Es heißt, dass die Datenlage einen solchen Satz nicht trägt.

Bezoare, kurz und ohne Hausmittel

Wenn Nahrungsreste sehr lange im Magen bleiben, können sie sich zu einem festen Klumpen zusammenlagern, einem Bezoar. Das ist selten und es ist einer der Gründe, warum eine Gastroparese ärztlich begleitet gehört. Zu Bezoaren kursieren Hausmittel-Ideen. Ich schreibe hier keine. Ein Bezoar gehört endoskopisch beurteilt und ärztlich behandelt.

Sichtwechsel

Die übliche Erzählung lautet: Es gibt zu wenige Behandlungen für dieses Bild. Ich lese die Datenlage anders. Es gibt einige Behandlungen, und wir wissen bei den meisten ziemlich genau, wie viel sie beitragen. Bei manchen ist das mehr als nichts, bei manchen ist es nicht mehr als eine Scheinbehandlung.

Das ist unbequem und gleichzeitig entlastend. Wenn dir etwas nicht geholfen hat, liegt das nicht an dir. Und wenn dir etwas geholfen hat, darfst du das ernst nehmen, auch wenn die Studienlage dünn ist. Du musst nur wissen, dass rund ein Fünftel auch ohne Wirkstoff besser wird.

Und jetzt weißt du, warum ich bei diesem Thema immer nach der Vergleichsgruppe frage.

Blutzucker, Vagus und Stress: die drei Stellschrauben daneben

Es gibt drei Dinge, die den Magen bremsen können, ohne dass sie in der Diagnose auftauchen. Sie sind der Grund, warum derselbe Mensch an manchen Tagen normal essen kann und an anderen nach drei Bissen aufgibt.

Der Blutzucker

Crossover mit Clamp Was ein einziger hoher Wert macht

Ein schwedisch-australisches Team um Eva Schvarcz hielt bei Gesunden und bei Menschen mit Diabetes den Blutzucker künstlich einmal bei 4 und einmal bei 8 mmol/l und maß dabei die Magenentleerung.

Bei 8 mmol/l waren nach 100 Minuten noch 55,2 Prozent der festen Mahlzeit im Magen, bei 4 mmol/l nur 36,7 Prozent (P = 0,004). Und zwar auch bei den Gesunden. Die Halbentleerungszeit für den flüssigen Anteil stieg von 32,2 auf 57,0 Minuten.

Für dich heißt das: Ein erhöhter Blutzucker kann den Magen bremsen. Das ist keine Diabetes-Sonderregel, das ist normale Physiologie, und sie zeigte sich in dieser Untersuchung auch bei den Gesunden.

Schvarcz E, Palmér M, Aman J et al. Gastroenterology. 1997;113(1):60-66. PMID: 9207262 · DOI: 10.1016/s0016-5085(97)70080-5 [Kohorte, experimentell, Crossover]

Jetzt kommt die Gegenevidenz, und sie gehört unmittelbar daneben. Eine österreichische Arbeitsgruppe stellte bei zehn Menschen mit Typ-2-Diabetes die Therapie um. Der Nüchternwert sank von 11,7 auf 7,9 mmol/l. Die Magenentleerung blieb unverändert. Kurzfristige Spitzen können also bremsen, aber die Bremse gibt nicht sofort wieder nach, wenn die Werte über eine Woche besser werden. Zehn Menschen sind wenig, das gehört dazugesagt.

Daraus wird bei Diabetes ein Kreislauf, den ich oft erkläre: Ein langsamer Magen kann unberechenbar machen, wann der Zucker aus einer Mahlzeit ankommt. Unberechenbare Kurven erschweren die Einstellung. Hohe Werte können den Magen zusätzlich bremsen. Wo dieser Kreislauf am ehesten aufzubrechen ist, hängt vom Einzelfall ab. Was Blutzuckerspitzen überhaupt sind und was sie beeinflusst, steht im Artikel zu Blutzuckerspitzen und Ernährung.

Stress

Crossover, n=8 Gesunde Lärm im Ohr, Bremse im Magen

Ein koreanisches Team um Hyun Seok Lee ließ acht gesunde Freiwillige eine Testmahlzeit einmal in Ruhe und einmal unter anhaltendem Lärm zu sich nehmen.

Die Halbentleerungszeit lag unter Lärm bei 130,8 Minuten gegenüber 105,0 Minuten in Ruhe (P = 0,005). Völlegefühl und Unbehagen nach dem Essen waren deutlich stärker. Die Fähigkeit des oberen Magens, sich auf die Mahlzeit einzustellen, unterschied sich dagegen nicht.

Für dich heißt das: Akuter Stress kann die Entleerung messbar verlangsamen. Bei acht Menschen. Das ist ein Hinweis auf einen Mechanismus, keine belastbare Größenordnung.

Lee HS, An YS, Kang J et al. J Gastroenterol Hepatol. 2013;28(11):1699-1704. PMID: 23800263 · DOI: 10.1111/jgh.12309 [Kohorte, randomisiertes Crossover]

Wichtig ist mir dabei die Haltung. Stress ist hier ein Verstärker, keine Diagnose und schon gar kein Vorwurf. Im amerikanischen Register hatten 36 Prozent schwere Angst und 18 Prozent schwere Depression. Das ist ein Begleitbefund. Wer monatelang nicht weiß, ob eine Mahlzeit oben bleibt, wird davon angespannt, und nicht umgekehrt.

Wenn dich diese Zahlen bei dir selbst treffen

Hol dir bitte Unterstützung

In einer akuten Krise oder bei Gedanken, dir das Leben zu nehmen: Telefonseelsorge 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222, rund um die Uhr und kostenfrei. Bei akuter Gefahr die 112.

Das ist kein Nebensatz. Anhaltende Übelkeit, Gewichtsverlust und monatelange Unsicherheit zehren, und dafür gibt es Hilfe, die nichts mit dem Magen zu tun haben muss.

Der Vagus

Der Vagusnerv steuert einen großen Teil der Magenbewegung. Naheliegend wäre also, ihn zu stimulieren. Es gibt dazu eine kontrollierte Studie, und sie hat einen wichtigen Haken.

Yi Zhu und ein chinesisches Team stimulierten am Ohr den Vagusast und verglichen das mit einer Scheinstimulation. Die Magenanpassung an die Mahlzeit besserte sich (P = 0,008), ebenso der Anteil regelmäßiger Magenwellen und nach zwei Wochen die Beschwerden, Angst- und Depressionswerte. Der Haken: Untersucht wurden Menschen mit funktioneller Dyspepsie, nicht mit Gastroparese. Diese Einschränkung ist keine Formalie, sie entscheidet über die Übertragbarkeit.

Wie die Darm-Hirn-Achse insgesamt zusammenhängt und was sich am Vagus tatsächlich beeinflussen lässt, steht im Artikel zur Darm-Hirn-Achse und Vagusstimulation. Hier bleibt es bei diesen zwei Sätzen.

Sichtwechsel

Die drei Stellschrauben stehen nicht in der Diagnose, weil sie keine Ursache im engeren Sinn sind. Sie entscheiden aber mit darüber, wie ein Tag verläuft.

Das ist der Teil, an dem sich etwas bewegen lässt, ohne auf eine neue Behandlung zu warten. Nicht als Ersatz für die Abklärung. Als das, was daneben läuft.

Und jetzt weißt du, warum die Frage nach guten und schlechten Tagen in der Sprechstunde keine Höflichkeit ist, sondern Diagnostik.

Wann es dringend wird, und wie ein sinnvoller nächster Schritt aussieht

Bis hierher ging es um Einordnung. Jetzt geht es um Tempo.

Es gibt Situationen, in denen kein Ratgeber und keine Ursachensuche mehr gefragt sind, sondern eine ärztliche Beurteilung, und zwar zeitnah.

Bei diesen Zeichen wird nicht abgewartet

  • Du behältst keine Flüssigkeit mehr bei dir. Austrocknung entwickelt sich schneller, als es sich anfühlt.
  • Anhaltendes oder wiederholtes Erbrechen. Besonders, wenn es über Tage geht.
  • Rascher ungewollter Gewichtsverlust. Ohne dass du etwas dafür getan hast.
  • Blut im Stuhl oder schwarzer Teerstuhl. Immer, ohne Ausnahme.
  • Schluckstörung. Wenn Essen im Hals oder hinter dem Brustbein hängen bleibt.
  • Fieber oder Beschwerden, die dich nachts aufwecken.
  • Entgleisende Blutzuckerwerte bei Diabetes. Nach oben oder nach unten.
  • Blutarmut, neue anhaltende Änderung der Stuhlgewohnheit ab etwa 45 bis 50 Jahren, Darmkrebs oder eine chronisch entzündliche Darmerkrankung in der Familie.

Und für den akuten Fall: Bei anhaltendem Erbrechen mit Kreislaufschwäche, bei starken Bauchschmerzen, bei Bluterbrechen oder bei Bewusstseinsstörung ist die Notaufnahme oder der Notruf 112 der richtige Weg. Nicht ein Praxistermin in der nächsten Woche.

Ein Wort noch zu einer Differenzialdiagnose, die bei wiederkehrendem Erbrechen dazugehört und sachlich benannt gehört: das Cannabinoid-Hyperemesis-Syndrom. Es ist in den Rome-IV-Kriterien eine eigene Kategorie und betrifft Menschen mit regelmäßigem Cannabiskonsum. Ohne Moralisieren gesagt: Wenn das auf dich zutrifft, gehört es beim Arzttermin auf den Tisch, weil es die Einordnung verändert.

Der Ablauf, den ich für sinnvoll halte

Meine Reihenfolge

Sechs Schritte, in dieser Folge

1. Hindernis ausschließen
Magenspiegelung, bevor irgendetwas anderes passiert. Sie ist Teil der Diagnose, nicht ihr Vorspiel.
2. Messen
Szintigraphie über vier Stunden, oder Atemtest, je nach Verfügbarkeit. Mit dem Wissen, dass der Wert schwanken darf.
3. Die Medikamentenliste durchgehen
Opioide, Anticholinergika, GLP-1-Agonisten und einiges mehr können den Magen bremsen. Das ist der Punkt mit dem besten Verhältnis von Aufwand zu Ertrag. Änderungen ausschließlich ärztlich, nie eigenmächtig.
4. Blutzucker anschauen
Bei Diabetes ohnehin, bei allen anderen zumindest einmal. Ein hoher Wert kann auch bei Gesunden bremsen.
5. Ernährungsberatung
Der Baustein mit der besten Datenlage und gleichzeitig der, den nur ein Drittel der Betroffenen je bekommen hat. Mit Blick auf die Beschaffenheit der Mahlzeit und auf die Frage, ob genug ankommt.
6. Alles Weitere
Medikamente und Verfahren, mit realistischen Erwartungen und im Wissen darum, dass rund ein Fünftel auch unter Scheinbehandlung besser wird.

Die Schritte 1 und 2 stammen aus den Leitlinien. Die Reihenfolge der Schritte 3 bis 6 ist meine klinische Arbeitsweise und keine Leitlinienempfehlung. Ich kennzeichne das ausdrücklich als solche.

Was über den Verlauf gesagt werden kann

Das Wort, nach dem hier alle suchen, meide ich bewusst, weil die Daten es nicht tragen. Was sich sagen lässt, ist Folgendes.

Wenn die Beschwerden nach einem Infekt begannen, sah die Nachbeobachtung gut aus: Alle elf Nachverfolgten berichteten eine allmähliche Besserung, blieben gewichtsstabil und arbeitsfähig. Elf Menschen sind eine kleine Zahl, und die Untersuchung war rückblickend. Bei anderen Ursachen hängt der Verlauf nach dem europäischen Konsens von der Ursache ab, und genau so vorsichtig ist der Konsens dort formuliert.

Sichtwechsel

Der häufigste Fehler bei diesem Bild ist nicht die falsche Behandlung. Es ist das bequeme Etikett. Wer sich selbst eine Gastroparese zuschreibt und deshalb auf eine empfohlene Untersuchung verzichtet, tauscht Unsicherheit gegen ein Wort.

Ein Wort ist keine Abklärung. Und eine Abklärung, die schon empfohlen wurde, wird nicht aufgeschoben, weil ein Artikel im Internet eine Erklärung angeboten hat.

Und jetzt weißt du, warum ich diesen Text mit der Reihenfolge angefangen habe und nicht mit der Behandlung.

Häufige Fragen zur Gastroparese

Was ist eine Gastroparese eigentlich genau?

Drei Dinge müssen zusammenkommen: Beschwerden, die zu zurückgehaltener Nahrung im Magen passen, ein objektiver Nachweis der verzögerten Magenentleerung und das Fehlen eines mechanischen Hindernisses am Magenausgang. So steht es wörtlich in der ACG-Leitlinie von 2022. Fehlt einer der drei Punkte, ist die Diagnose nicht vollständig gestellt.

Ist der Magen bei einer Gastroparese wirklich gelähmt?

Nein. Das Wort Magenlähmung ist geläufig, es beschreibt die Sache aber falsch. Der Magen arbeitet weiter, nur zu langsam und zu unkoordiniert. Das ist mehr als Wortklauberei, denn eine Lähmung klingt endgültig, und der Verlauf ist es nicht.

Wie merke ich den Unterschied zwischen Gastroparese und einem Reizmagen?

An den Beschwerden gar nicht. Im amerikanischen Register erfüllten 86 Prozent der Menschen mit idiopathischer Gastroparese gleichzeitig die Kriterien der funktionellen Dyspepsie. Der Unterschied steckt allein im Messwert, und der schwankt über die Zeit. Mehr zum Reizmagen steht im eigenen Artikel dazu.

Warum muss vor der Messung eine Magenspiegelung sein?

Weil zur Definition das Fehlen eines mechanischen Hindernisses gehört. Eine Enge am Magenausgang, eine Narbe oder ein Tumor können exakt dieselben Beschwerden machen. Der europäische Konsens verlangt deshalb beides, eine Endoskopie und einen Magenentleerungstest.

Wie läuft eine Magenentleerungsszintigraphie ab?

Du isst eine standardisierte, fettarme Testmahlzeit auf Eiklar-Basis, die schwach radioaktiv markiert ist. Danach werden Bilder bei 0, 1, 2 und 4 Stunden aufgenommen. Der Vier-Stunden-Punkt ist der wichtigste, ein Abbruch nach zwei Stunden verfehlt Befunde. Aus deutschen Praxisangaben, nicht aus Studien: Es geht ein halber Tag dafür drauf, und du kommst nüchtern.

Geht die Messung auch ohne Strahlung?

Ja. Der Atemtest mit 13C-markierter Spirulina war in der Validierungsstudie ähnlich gut reproduzierbar wie die Szintigraphie. Das Verfahren kommt mit vier Atemproben aus. Die Kombination der Proben nach 150 und 180 Minuten erkannte eine verzögerte Entleerung mit 89 Prozent Sensitivität bei 80 Prozent Spezifität. In Deutschland ist er allerdings nur begrenzt verfügbar.

Kann die Abnehmspritze eine Gastroparese auslösen?

Eine langsamere Magenentleerung gehört zum Wirkprinzip dieser Medikamente. In einer Auswertung von Abrechnungsdaten lag die Rate dokumentierter Gastroparesen bei 9,1 pro 1.000 Personenjahren unter Semaglutid gegenüber 3,1 unter einem anderen Abnehmmittel, mit einer adjustierten Hazard Ratio von 3,67 bei sehr breitem Vertrauensbereich von 1,15 bis 11,90. Gleichzeitig lässt der Effekt unter Dauertherapie nach.

Muss ich die Abnehmspritze vor einer Magenspiegelung oder Narkose absetzen?

Diese Entscheidung gehört in die Hand der behandelnden Praxis, nicht in deine. Fester Restinhalt im Magen war in einer Kohorte häufiger, mit einer Odds Ratio von 3,80. Ein erhöhtes Aspirationsrisiko ließ sich in einer sehr großen Datenbankauswertung nicht nachweisen, das relative Risiko lag bei 0,67. Diese Auswertung betraf allerdings ausschließlich Menschen mit Typ-2-Diabetes zwischen 18 und 64 Jahren, die Schätzer waren unbereinigt, und der Streubereich reicht bis 1,75. Nicht nachgewiesen heißt hier also nicht ausgeschlossen. Sag vor dem Termin Bescheid, dass du das Medikament nimmst, und ändere nichts eigenmächtig.

Was soll ich essen?

Ein Prinzip statt eines Plans: kleine Partikelgröße. Das ist das einzige Element, das in einer randomisierten Studie geprüft wurde. Sie umfasste 56 Menschen mit insulinbehandeltem Diabetes, und dort besserten sich Übelkeit, Erbrechen und Völlegefühl. Der Bauchschmerz besserte sich nicht. Bemerkenswert daran: Die Interventionsgruppe nahm sogar mehr Fett auf. Der Effekt kann also über die Beschaffenheit der Mahlzeit gekommen sein und nicht über die Fettmenge. Was für dich konkret passt, gehört in eine Ernährungsberatung.

Können Ingwer oder pflanzliche Mittel etwas beitragen?

Bei 24 gesunden Freiwilligen halbierte Ingwer die Halbentleerungszeit von 26,7 auf 13,1 Minuten. An den Magen-Darm-Beschwerden änderte sich dabei nichts, und bei Menschen mit Gastroparese wurde es nie geprüft. Zur Akupunktur kam im europäischen Konsensverfahren ausdrücklich keine Einigung zustande.

Ist eine Gastroparese heilbar?

Das Wort passt nicht zu dem, was die Daten hergeben. In einer kleinen rückblickenden Nachbeobachtung von elf Menschen, deren Beschwerden nach einem Infekt begonnen hatten, besserte sich der Zustand bei allen elf. Elf Menschen sind elf Menschen. Das ist ein Hinweis, keine Prognose, und aus dieser Zahl folgt nichts für deinen Verlauf. Bei anderen Ursachen hängt der Verlauf nach dem europäischen Konsens von der Ursache ab.

Warum ist mein zweiter Messwert anders als der erste?

Weil die Schwankung im Körper steckt und nicht im Gerät. Die Streuung zwischen zwei Messungen derselben Person war bei Szintigraphie und Atemtest ähnlich groß. Und in einer prospektiven Untersuchung über 48 Wochen wechselte ein erheblicher Teil der Menschen die diagnostische Kategorie, ohne dass sich die Beschwerden entsprechend änderten.

Was hat mein Blutzucker damit zu tun?

Mehr, als die meisten vermuten. Bei einem Blutzucker von 8 statt 4 mmol/l blieb nach 100 Minuten mehr als die Hälfte der festen Mahlzeit im Magen statt gut einem Drittel, und zwar auch bei Gesunden. Umgekehrt beschleunigte eine Woche bessere Einstellung die Entleerung in einer kleinen Studie nicht. Kurzfristige Spitzen können bremsen, die Bremse gibt aber nicht sofort wieder nach.

Warum gibt es in Deutschland keine eigene Leitlinie zur Gastroparese?

Seit 2025 gibt es eine deutsche S1-Leitlinie zur funktionellen Dyspepsie, zur Gastroparese aber nichts Eigenes. Maßgeblich sind die amerikanische ACG-Leitlinie von 2022 und der europäische UEG/ESNM-Konsens von 2021. Diese Lücke erklärt einen Teil der Verunsicherung im deutschsprachigen Raum.

Wann muss ich kurzfristig zum Arzt?

Wenn du Flüssigkeit nicht mehr bei dir behältst, wenn du wiederholt erbrichst, wenn du in kurzer Zeit ungewollt Gewicht verlierst, bei Blut im Stuhl oder schwarzem Teerstuhl, bei Fieber, bei Schluckstörung, bei Beschwerden, die dich nachts aufwecken, bei Blutarmut und bei entgleisenden Blutzuckerwerten. Diese Zeichen gehören ärztlich abgeklärt und nicht selbst behandelt.

Wo der Magen an den Rest des Körpers andockt

Ein langsamer Magen steht nicht für sich. Er hängt an der Nährstoffversorgung, am Nervensystem, am Blutzucker und an dem, was weiter unten im Verdauungstrakt passiert.

SJ

Shukri Jarmoukli

Arzt · Tätigkeitsschwerpunkt Integrative Medizin · ViveCura Berlin

Ich arbeite in meiner Privatpraxis an der Schnittstelle von klassischer Medizin, funktioneller Medizin und Klinischer Psychoneuroimmunologie. Bei einem trägen Oberbauch interessiert mich zuerst die Reihenfolge: Was muss ausgeschlossen sein, bevor über Erklärungen geredet wird.

Bei diesem Thema bin ich zurückhaltender, als es eine integrative Praxis vermuten lässt. Die Gastroenterologie hat gute Gründe für ihre Vorsicht, und die 25 von 89 Konsens-Aussagen sind der beste davon. Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Beratung. Er soll dir helfen, beim nächsten Termin bessere Fragen zu stellen.

ViveCura, Privatpraxis Shukri Jarmoukli, Skalitzer Straße 137, 10999 Berlin

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Transparenz zur Evidenz: wo die Datenlage dünn ist
  1. Es gibt keine deutsche Leitlinie zur Gastroparese. Alles, was hier als Leitlinienaussage steht, stammt aus der amerikanischen ACG-Leitlinie 2022, dem europäischen UEG/ESNM-Konsens 2021 oder der Konsensempfehlung zur Szintigraphie von 2008. Aus der deutschen S1-Leitlinie zur funktionellen Dyspepsie ist hier nur zitiert, was im Abstract steht, weil der Volltext nicht frei zugänglich war.
  2. Die Fachwelt ist sich bei zwei Dritteln ihrer eigenen Fragen nicht einig. Von 89 Aussagen des europäischen Konsenses erreichten 25 eine Zustimmung von mindestens 80 Prozent. Zur Frage, was im Gewebe die Beschwerden erzeugt, kam kein Konsens zustande. Das steht am Anfang dieses Artikels und gilt für alles, was danach folgt.
  3. Die Zahlen zur Abgrenzung stammen aus Zentren der Maximalversorgung. Die 42 und 37 Prozent Kategorienwechsel und die 86 Prozent Überlappung wurden an Menschen erhoben, bei denen vorher schon vieles unklar geblieben war. In einer Hausarztpraxis sieht die Verteilung anders aus.
  4. Die Ernährungsempfehlung steht auf einer einzigen randomisierten Studie mit 56 Menschen, alle mit Diabetes. Der Befund zum höheren Fettanteil ist ein Nebenbefund dieser Studie und wurde nie eigens geprüft. Die übrigen Detailregeln stammen aus klinischer Tradition.
  5. Die GLP-1-Zahlen kommen aus Abrechnungs- und Registerdaten, nicht aus randomisierten Studien. Der Vertrauensbereich der meistzitierten Schätzung reicht von 1,15 bis 11,90. Die Tachyphylaxie-Beobachtung stützt sich unter anderem auf eine Herstellerstudie mit Mausanteil.
  6. Mehrere Belege beruhen auf sehr kleinen Fallzahlen. Elf Menschen bei der Prognose nach einem Infekt, acht bei der Stressmessung, zehn bei der Blutzucker-Gegenevidenz, zwei bei der systemischen Sklerose. Diese Zahlen begründen Fragen, keine Empfehlungen.
  7. Die Vagusstimulations-Studie wurde bei funktioneller Dyspepsie durchgeführt, nicht bei Gastroparese. Eine Übertragung ist naheliegend und trotzdem nicht belegt.
  8. Zur Akupunktur habe ich keine belastbare Primärquelle gefunden, obwohl sie verbreitet als komplementäre Maßnahme mit Erfolgen genannt wird. Im europäischen Konsensverfahren kam dazu ausdrücklich keine Einigung zustande.
  9. Die verbreitet genannte Häufigkeitsangabe von 10 bis 30 pro 100.000 ließ sich in der Primärliteratur nicht bestätigen und widerspricht der einzigen bevölkerungsbasierten Erhebung. Deshalb stehen hier deren Zahlen und nicht die geläufigen.
  10. Ingwer wurde bei Menschen mit Gastroparese nie geprüft. Die zitierten Studien betreffen Gesunde und beatmete Menschen auf einer Intensivstation. Beides sind andere Situationen.
  11. Zu den genannten Wirkstoffen gehört ihr Zulassungsstatus. Metoclopramid ist behördlich auf höchstens fünf Tage begrenzt und für die Dauerbehandlung der Gastroparese nicht mehr zugelassen. Prucaloprid ist zur Behandlung der chronischen Verstopfung zugelassen, bei Gastroparese wäre der Einsatz Off-Label. Beides steht an der jeweiligen Stelle im Text und gehört in jede Abwägung.
  12. Zur Abgrenzung gehören drei Bilder, die dieselben Beschwerden machen können. Achalasie, Ruminationssyndrom und Essstörungen einschließlich selbst herbeigeführten Erbrechens. Eine Magenspiegelung schließt eine frühe Achalasie und eine Essstörung nicht aus. Deshalb stehen sie im Text und nicht nur hier.
  13. Was hier bewusst nicht steht. Kein Speiseplan, keine Portionsangaben, keine Mahlzeitenzahl, keine Dosierungsanweisung. Die genannten Studiendosen sind Literaturangaben und keine Empfehlung. Und an keiner Stelle folgt aus diesem Text, eine verordnete Medikation eigenmächtig zu verändern, zu reduzieren oder abzusetzen, auch nicht vor einer Untersuchung. Jede Anpassung gehört ärztlich begleitet. Eine empfohlene Magenspiegelung, Koloskopie oder Labordiagnostik wird durch diesen Artikel nicht ersetzt und sollte nicht aufgeschoben werden. Was ich aus meiner Sprechstunde beschreibe, ist als Beobachtung gekennzeichnet und kein Studienergebnis.

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