Divertikel und Divertikulitis: was der Befund bedeutet und was nicht
Divertikel sind einer der häufigsten Zufallsbefunde der Koloskopie. Die erste Frage lautet deshalb nicht, was man dagegen tut, sondern ob überhaupt etwas ansteht.
Alle Beiträge aus dem Cluster Darm
Der häufigste Satz, den ich zu Divertikeln höre, ist keine Frage nach der Behandlung. Es ist die Frage, ob jetzt gleich etwas passiert. Die ehrlichste Antwort darauf ist eine Zahl, und sie ist viel kleiner, als die meisten befürchten.
Der Brief liegt auf dem Küchentisch. Die Koloskopie war unauffällig, steht darin. Und dann kommt ein Nebensatz, den du vorher nie gelesen hast: multiple Divertikel im Sigma.
Du tippst das Wort ins Handy. Die erste Seite spricht von Entzündung. Die zweite von Notoperation. Die dritte davon, dass du ab jetzt keine Körner mehr essen darfst.
Viele Menschen kennen genau diesen Abend. Der Befund ist harmlos formuliert, und trotzdem fühlt er sich an wie eine Diagnose.
Ich fange deshalb nicht mit Beruhigung an. Beruhigung hält bis zur nächsten Suchanfrage. Ich fange mit Zahlen an.
Quelle: Shahedi 2013, retrospektive Koloskopie-Kohorte, PMID: 23856358. Die Einschränkungen dieser Zahlen stehen weiter unten, sie gehören dazu.
Bevor es weitergeht, gehört eine Liste nach vorne. Nicht weil sie wahrscheinlich ist, sondern weil sie im Zweifel den Unterschied macht.
Zeichen, die ärztlich abgeklärt gehören und nicht selbst behandelt werden
- Blut im Stuhl oder schwarzer Teerstuhl
- ungewollter Gewichtsverlust
- Fieber
- nächtliche Beschwerden, die dich aufwecken
- Erbrechen oder Schluckstörung
- neue, anhaltende Änderung der Stuhlgewohnheit ab etwa 45 bis 50 Jahren
- Blutarmut ohne erklärten Grund
- Darmkrebs oder eine chronisch entzündliche Darmerkrankung in der Familie
Und speziell bei Divertikeln: zunehmende Bauchschmerzen mit hartem, brettartigem Bauch, plötzlicher starker Schmerzanstieg, Kreislaufschwäche, Luft oder Stuhl im Urin, hohes Fieber mit Schüttelfrost.
Diese Zeichen gehören ärztlich abgeklärt. Bei den letzten fünf ist der Weg nicht der Termin am nächsten Werktag. Ruf den Notruf 112 oder lass dich sofort in eine Notaufnahme bringen, auch nachts und am Wochenende. Bei den übrigen Zeichen genügt die zeitnahe Vorstellung in einer Praxis oder, außerhalb der Sprechzeiten, beim ärztlichen Bereitschaftsdienst unter 116 117. Kein Text im Internet, auch dieser nicht, kann eine Untersuchung ersetzen.
Zwei Situationen gehören ausdrücklich dazu. Bei Unterbauchschmerzen von Frauen können auch gynäkologische Ursachen dahinterstecken, unter anderem eine Eileiterentzündung, eine Eierstockdrehung oder eine Schwangerschaft außerhalb der Gebärmutter. Diese Möglichkeiten gehören in die Abklärung, bevor Beschwerden den Divertikeln zugeschrieben werden. Und in Schwangerschaft und Stillzeit ist die Lage insgesamt eine andere, weil sich Beschwerdebild, Bildgebung und die Auswahl der Medikamente unterscheiden. Sprich dann früh mit deiner ärztlichen oder gynäkologischen Betreuung.
Was dich hier erwartet
- Divertikulose, Divertikelkrankheit, Divertikulitis: drei Wörter, eine Systematik
- Wie viele Menschen Divertikel haben, nach Altersgruppen und mit Vorbehalt
- Woher die alte Zahl von 10 bis 25 Prozent stammt und warum sie nicht mehr trägt
- Wie Divertikel entstehen: Gefäßlücken, Druck, Bindegewebe, Gene
- Der Nuss-Mythos und was die deutsche Leitlinie seit 2021 dazu sagt
- Warum sich Koloskopie-Daten und Kohortendaten zu Ballaststoffen scheinbar widersprechen
- AVOD und DIABOLO: der Wandel bei den Antibiotika, mit seinen Bedingungen
- Die Zeichen der komplizierten Divertikulitis, und warum das CRP allein nicht reicht
- Nach dem Schub: was belegt ist, was beliebt ist, und was der Unterschied ist
- Warum die alte Regel Operation ab dem zweiten Schub gefallen ist
Divertikulose, Divertikelkrankheit, Divertikulitis: drei Wörter, die ständig verwechselt werden
Stell dir drei Geschwister vor, die sich sehr ähnlich sehen. Zwei davon sind völlig unauffällig. Nur eines macht Ärger, und zwar selten. Trotzdem tragen alle drei denselben Familiennamen, und deshalb erschrickt man bei jedem.
Genau das passiert mit diesen drei Wörtern.
Divertikel sind kleine Ausstülpungen der Darmschleimhaut nach außen. Genauer gesagt sind es Pseudodivertikel. Die deutsche S3-Leitlinie beschreibt sie als Herniation der Mukosa mit Anteilen der Submukosa durch vorgeformte Schwachstellen der Darmwand. Es stülpt sich also nicht die ganze Wand aus, sondern nur die innere Auskleidung durch eine Lücke.
Divertikulose heißt: Diese Ausstülpungen sind da, und sie machen keine Beschwerden. Das ist der Zufallsbefund aus deinem Brief.
Divertikelkrankheit heißt: Es gibt Divertikel, und es gibt Beschwerden, die sich darauf zurückführen lassen.
Divertikulitis heißt: Ein Divertikel oder eine Gruppe von Divertikeln ist entzündet. Das ist ein akutes Ereignis mit Schmerz, meist im linken Unterbauch, oft mit Fieber und erhöhten Entzündungswerten.
Die deutsche Leitlinie hat dafür eine eigene Einteilung, die CDD. Sie ist nüchtern und ziemlich lesbar, wenn man sie einmal gesehen hat. Und sie beantwortet die wichtigste Frage gleich in der ersten Zeile.
| Typ | Was gemeint ist | Einordnung |
|---|---|---|
| 0 | Asymptomatische Divertikulose, Zufallsbefund | In der Leitlinie ausdrücklich: keine Krankheit |
| 1a | Divertikulitis ohne Umgebungsreaktion | unkompliziert |
| 1b | Divertikulitis mit phlegmonöser Umgebungsreaktion | unkompliziert |
| 2a | Mikroabszess, gedeckte Perforation, Abszess bis 3 cm | kompliziert |
| 2b | Makroabszess über 3 cm | kompliziert |
| 2c | Freie Perforation mit Bauchfellentzündung, eitrig oder fäkal | kompliziert, Notfall |
| 3a | Anhaltende oder wiederkehrende Symptome ohne Entzündungsnachweis (SUDD) | chronisch |
| 3b | Wiederkehrende Divertikulitis ohne Komplikationen | chronisch |
| 3c | Wiederkehrende Divertikulitis mit Stenose, Fistel oder Konglomerat | chronisch, kompliziert |
| 4 | Divertikelblutung | eigene Kategorie |
Schau dir die erste Zeile noch einmal an. In einer ärztlichen Leitlinie, die sonst sehr vorsichtig formuliert, steht neben Typ 0 der Vermerk, dass es sich um keine Krankheit handelt. Das ist kein Trost, das ist eine Definition.
Ein Befund ist keine Diagnose. Der Koloskopiebericht beschreibt, was die Kamera gesehen hat. Ob daraus eine Erkrankung wird, entscheidet sich an ganz anderen Dingen: an Beschwerden, an Entzündungszeichen, an der Bildgebung.
Du hast nach der Untersuchung nicht mehr Divertikel als davor. Du weißt jetzt nur, dass sie da sind. Das ist ein Wissenszuwachs, keine Veränderung deines Körpers.
Ein Wort noch zu Typ 3a, der symptomatischen unkomplizierten Divertikelkrankheit. Sie ist die unschärfste Kategorie der ganzen Tabelle. Die deutsche Leitlinie schreibt dazu wörtlich, sie lasse sich letztlich nicht sicher von funktionellen Erkrankungen wie dem Reizdarmsyndrom abgrenzen. Wenn dich also anhaltende Bauchbeschwerden begleiten und die Bildgebung ruhig bleibt, lohnt der Blick in die Richtung, die im Artikel zum Reizdarm beschrieben ist.
Und jetzt weißt du, warum dieselben drei Wörter im Internet so unterschiedliche Gefühle auslösen. Sie beschreiben drei verschiedene Zustände, und der häufigste davon ist der harmloseste.
Wie viele Menschen Divertikel haben, und wie viele nie eine Entzündung bekommen
Die zweite Frage nach dem Befund lautet fast immer: Warum ich?
Die ehrliche Antwort ist ernüchternd und entlastend zugleich. Nicht nur du. Ab einem gewissen Alter ist es die Mehrheit.
Bemerkenswert ist etwas anderes an dieser Statistik. Die Leitlinie hält in Statement 2.7 fest, dass die Häufigkeit derzeit besonders in jüngeren Altersgruppen zunimmt. Im amerikanischen Register stieg die Rate stationärer Behandlungen zwischen 1998 und 2005 um 26 Prozent, das Durchschnittsalter sank von 64,6 auf 61,8 Jahre, und der stärkste Anstieg fand sich bei den 18- bis 44-Jährigen, von 151 auf 251 Fälle pro Million. Bei den über 75-Jährigen ging sie zurück.
Jetzt zur Frage, die du eigentlich hast.
Eine Arbeitsgruppe aus Los Angeles hat alle Koloskopien eines Gesundheitssystems zwischen 1996 und 2011 durchgesehen und 2222 Menschen identifiziert, bei denen Divertikel als Zufallsbefund auftauchten. Dann haben sie nachverfolgt, wie es weiterging.
Über eine Nachbeobachtung von bis zu elf Jahren entwickelten 95 Menschen eine Divertikulitis, also 4,3 Prozent oder 6 Ereignisse pro 1000 Patientenjahre. Legt man eine strenge Definition an, bei der der Befund durch Bildgebung oder Operation bestätigt sein musste, blieben 23 Menschen übrig, also 1 Prozent oder 1,5 Ereignisse pro 1000 Patientenjahre. Die mediane Zeit bis zum Ereignis lag bei 7,1 Jahren. Und mit jeder Lebensdekade zum Zeitpunkt der Diagnose sank das Risiko um 24 Prozent, die Hazard Ratio lag bei 0,76 mit einem Konfidenzintervall von 0,6 bis 0,9.
Was das für dich bedeutet: Von hundert Menschen mit demselben Befund wie deinem bekommen über einen Zeitraum von rund einem Jahrzehnt etwa vier eine Divertikulitis, und nach strenger Zählung etwa einer. Die Autoren schreiben selbst, das widerspreche der verbreiteten Annahme, Divertikulose habe eine hohe Progressionsrate.
Shahedi K, Fuller G, Bolus R et al. Clin Gastroenterol Hepatol. 2013;11(12):1609-13. PMID: 23856358 · DOI: 10.1016/j.cgh.2013.06.020Von 100 Menschen mit Divertikeln als Zufallsbefund
Vier von hundert entwickelten über bis zu elf Jahre eine Divertikulitis. Sechsundneunzig nicht. Nach strenger Definition war es einer von hundert.
Warum liest du dann überall etwas anderes? Weil eine alte Zahl weiterlebt.
Eine Angabe, die die Leitlinie selbst zurechtrückt
Auf vielen deutschsprachigen Seiten steht, 10 bis 25 Prozent aller Menschen mit Divertikeln bekämen im Leben eine Divertikulitis. Diese Angabe stammt aus einer Zeit vor der breiten Koloskopie, als niemand verlässlich wusste, wie viele Menschen überhaupt Divertikel haben.
Die deutsche S3-Leitlinie schreibt darüber wörtlich, sie werde „immer wieder unkritisch tradiert", und rechnet in demselben Satz vor: Etwa 75 Prozent der Menschen mit Divertikeln haben nie Symptome, die zum Arzt führen.
Ein narrativer Review von 2018 kommt zum selben Schluss. Die Autoren führen die alten Angaben auf Literatur ohne verlässliche Prävalenzschätzung zurück und rechnen die drei neueren Koloskopie-Kohorten zusammen: 1,5 bis 6,0 Divertikulitiden pro 1000 Patientenjahre, dazu 0,46 Divertikelblutungen pro 1000 Patientenjahre. Ihre Schlussfolgerung im Original: Der natürliche Verlauf erscheint günstig, mit einer weit niedrigeren Komplikationsrate als bisher angenommen.
Das ist der Punkt, an dem dieser Text nicht gegen die Gastroenterologie schreibt, sondern mit ihr. Die Fachgesellschaft hat diese Zahl selbst eingeordnet. Sie ist nur noch nicht überall angekommen.
Zwei Autoren aus Beirut haben die Epidemiologie der Kolondivertikulose durchgesehen und sich besonders die drei neueren Beobachtungskohorten angeschaut, die auf Koloskopiebefunden aufsetzen.
Kumulativ ergaben diese Kohorten 1,5 bis 6,0 akute Divertikulitiden pro 1000 Patientenjahre und 0,46 Divertikelblutungen pro 1000 Patientenjahre.
Was das für dich bedeutet: Die Zahl aus der Los-Angeles-Kohorte steht nicht allein. Sie passt in ein Bild aus mehreren unabhängigen Datensätzen. Einschränkung: Das ist ein narrativer Review, keine Metaanalyse, und die eingeschlossenen Kohorten sind retrospektiv.
Rustom LBO, Sharara AI. Inflamm Intest Dis. 2018;3(2):69-74. PMID: 30733950 · DOI: 10.1159/000490054Bleibt der Befund, der am meisten gegen die Intuition läuft. Das Risiko sinkt mit dem Alter, obwohl die Divertikel häufiger werden.
Das klingt zunächst falsch. Es ergibt Sinn, wenn man auseinanderhält, was gemessen wurde. Die 24 Prozent beziehen sich auf das Alter zum Zeitpunkt der Diagnose, nicht auf das Alter überhaupt. Wer mit vierzig schon Divertikel hat, gehört zu einer besonderen Gruppe. Diese Person hat einerseits mehr Lebensjahre vor sich, in denen etwas passieren kann. Andererseits spricht der frühe Befund für eine ausgeprägtere Veranlagung. Die deutsche Leitlinie referiert dazu, dass die kumulative Wahrscheinlichkeit über 10,8 Jahre bei den 40-Jährigen mit etwa 11 Prozent am höchsten lag.
Ein letzter Punkt zu diesem Abschnitt, weil er häufig durcheinandergeht. Die Divertikelblutung ist etwas anderes als die Divertikulitis. Divertikel gelten als häufigste Blutungsquelle aus dem Dickdarm. Die Blutung ist meist schmerzlos, sie kann aus arteriellen Gefäßen am Divertikelhals kommen, und der weit überwiegende Teil kommt nach den Angaben der deutschen S3-Leitlinie von selbst zum Stillstand. Die deutsche Leitlinie hält ausdrücklich fest, dass die Blutung in der Regel eine Komplikation der Divertikulose ist und nicht der Divertikulitis. Trotzdem gilt: Jede sichtbare Blutung aus dem Darm gehört ärztlich abgeklärt. Immer.
Und jetzt weißt du, warum dieselbe Erkrankung im Internet einmal als tickende Uhr und einmal als Randnotiz beschrieben wird. Es kommt darauf an, aus welchem Jahrzehnt die Zahl stammt.
Wie Divertikel entstehen: Gefäßlücken, Druck, Bindegewebe, Alter, Gene
Die dritte Frage kommt meist leise. Habe ich das selbst verursacht?
Um darauf zu antworten, lohnt ein Blick auf die Anatomie. Und der ist überraschend anschaulich.
Denk an einen Fahrradschlauch im Mantel. Wenn sich der Schlauch irgendwo herauswölbt, dann nicht dort, wo du am festesten gepumpt hast. Sondern dort, wo der Mantel eine Naht oder eine Schwachstelle hat. Der Druck liefert die Energie, die Struktur entscheidet über den Ort.
Die Darmwand hat solche Schwachstellen, und sie sind kein Baufehler. Sie sind eine Notwendigkeit. Die Schleimhaut braucht Blut, und die Blutgefäße müssen von außen nach innen durch die Muskelschicht. An jeder Stelle, an der ein solches Gefäß, ein Vas rectum, die Muskelschicht durchbohrt, entsteht eine kleine Lücke. Die deutsche Leitlinie nennt sie Loci minoris resistentiae, Orte des geringeren Widerstands. Ein amerikanischer Übersichtsartikel beschreibt genauer, wo sie liegen: in parallelen Reihen entlang der mesenterialen Seite der antimesenterialen Tänien.
Warum das Sigma und warum ausgerechnet dort
- Die Gefäßlücken. Dort, wo die Vasa recta die Muskelschicht durchdringen, ist die Wand dünner. Das ist die Vorbedingung.
- Der Druck. Im Sigma herrschen die höchsten Drücke des Dickdarms. Die Leitlinie beschreibt zusätzlich, dass sich die peristaltischen Wellen dort „prellbockartig vor dem Rektum brechen". Enges Rohr, viel Kraft, wenig Ausweichmöglichkeit.
- Die Motilität. In divertikeltragenden Abschnitten findet sich eine gesteigerte kontraktile Aktivität, eine stärkere Tonuszunahme nach dem Essen und mehr hochamplitudige Kontraktionswellen, von denen auffallend viele rückwärts laufen.
- Das Bindegewebe. Mit dem Alter erschlafft es, die Gefäßdurchtritte werden weiter. Zugleich steigt der Gesamtkollagengehalt und die Quervernetzung, und es verschiebt sich das Verhältnis von stabilem Kollagen Typ I zu weniger stabilem Typ III. Die Matrix-Metalloproteinase 1 ist erniedrigt, ihre Gewebeinhibitoren 1 und 2 sind erhöht. Dazu kommt die Elastosis coli, eine Elastin-Einlagerung in die Längsmuskulatur.
- Die Veranlagung. Menschen mit Marfan-Syndrom oder Ehlers-Danlos-Syndrom, also mit angeborenen Bindegewebsbesonderheiten, haben gehäuft Divertikel. Das ist der deutlichste Fingerzeig darauf, dass die Wandstruktur selbst mitspielt.
Zusammengestellt aus der deutschen S3-Leitlinie (DOI: 10.1055/a-1741-5724, [Leitlinie]) und aus Hawkins 2020 (DOI: 10.1016/j.cpsurg.2020.100862, [Übersichtsarbeit]). Diese Kette ist mechanistisch gut beschrieben. Welcher Faktor bei welchem Menschen den Ausschlag gibt, ist damit nicht beantwortet.
Bleibt die Genetik. Dazu gibt es eine Zahl, die die stillste Sorge dieses Themas beantwortet und die ich deshalb hierher stelle.
Eine schwedische Gruppe hat das nationale Zwillingsregister mit dem Krankenhausregister verknüpft. Eingeschlossen wurden alle Zwillinge, die zwischen 1886 und 1980 geboren und nicht vor 1969 verstorben waren. 104.452 Zwillinge erfüllten die Kriterien, 2296 von ihnen hatten eine Diagnose Divertikelkrankheit.
War ein eineiiger Zwilling betroffen, lag die Odds Ratio für den anderen bei 7,15 mit einem Konfidenzintervall von 4,82 bis 10,61. Bei gleichgeschlechtlichen zweieiigen Zwillingen waren es 3,20 mit einem Intervall von 2,21 bis 4,63. Aus dem Vergleich beider Gruppen schätzen die Autoren die Erblichkeit auf 40 Prozent, die restlichen 60 Prozent entfallen auf nicht geteilte Umwelteinflüsse.
Was das für dich bedeutet: Vier von zehn Anteilen an dieser Anlage hast du nicht gewählt. Die amerikanische Fachgesellschaft schreibt deshalb ausdrücklich in ihre Empfehlungen, dass Betroffene über den genetischen Beitrag aufgeklärt werden sollen. Einschränkung: Registerdiagnosen erfassen nur Menschen, die im Krankenhaus behandelt wurden, die stille Divertikulose bleibt darin unsichtbar.
Granlund J, Svensson T, Olén O et al. Aliment Pharmacol Ther. 2012;35(9):1103-7. PMID: 22432696 · DOI: 10.1111/j.1365-2036.2012.05069.xAuf der molekularen Ebene tauchen dazu passende Kandidatengene auf, unter anderem S100A10, BMPR1B, ELN, also das Elastin-Gen, und EFEMP1. Diese Befunde sind Assoziationen, keine Diagnostik. Es gibt keinen sinnvollen Gentest für Divertikel, und du brauchst auch keinen.
Divertikel sind kein Ergebnis eines persönlichen Fehlers. Sie entstehen an Stellen, die anatomisch angelegt sind, unter Drücken, die zur normalen Darmarbeit gehören, in einem Bindegewebe, das sich mit den Jahren verändert, und auf einer Grundlage, die zu einem erheblichen Teil vererbt ist.
Das nimmt dem Lebensstil nicht seine Bedeutung. Es verschiebt nur die Frage. Sie lautet nicht mehr: Was habe ich falsch gemacht. Sondern: Was kann ich ab jetzt beeinflussen, und was nicht.
Und jetzt weißt du, warum diese Ausstülpungen fast alle im letzten Stück des Dickdarms sitzen und warum sie sich nicht zurückbilden. Sie sind eine Formveränderung, keine Ablagerung.
Der Umbruch, den viele nicht mitbekommen haben: Nüsse, Körner und Kerne
Es gibt in der Medizin Ratschläge, die so plausibel klingen, dass sie sich verselbständigen. Dieser hier ist das beste Beispiel.
Die Vorstellung ging so: Divertikel haben einen engen Hals. Wenn dort etwas Hartes, Unverdautes hineingerät, ein Nussstück, ein Maiskorn, ein Popcorn-Rest, dann bleibt es stecken. Und wo etwas steckt, entzündet es sich.
Das ist anschaulich, es passt zur Anatomie, und es hat Generationen von Menschen dazu gebracht, Brot mit Körnern liegen zu lassen. Die deutsche Leitlinie beschreibt es rückblickend als „früher häufig geäußerte Vorstellung". Belegt war sie nie.
2008 hat jemand nachgemessen.
Eine Gruppe um Lisa Strate hat die Health Professionals Follow-up Study ausgewertet. 47.228 amerikanische Männer zwischen 40 und 75 Jahren, die zu Beginn frei von Divertikeln, Krebs und chronisch entzündlichen Darmerkrankungen waren. Alle vier Jahre ein validierter Ernährungsfragebogen, alle zwei Jahre medizinische Angaben. Nachbeobachtung von 1986 bis 2004, also achtzehn Jahre.
In dieser Zeit traten 801 neue Divertikulitiden und 383 Divertikelblutungen auf. Für Nüsse und Popcorn fand sich kein erhöhtes, sondern ein umgekehrtes Muster. Wer sie mindestens zweimal pro Woche aß, hatte gegenüber Menschen mit weniger als einmal im Monat eine Hazard Ratio von 0,80 für Nüsse, mit einem Konfidenzintervall von 0,63 bis 1,01 und einem Trend-p von 0,04, und 0,72 für Popcorn, mit 0,56 bis 0,92 und einem Trend-p von 0,007. Für Mais fand sich kein Zusammenhang. Für keines der drei Lebensmittel fand sich ein Zusammenhang mit einer Blutung oder mit der unkomplizierten Divertikulose.
Was das für dich bedeutet: Die Autoren schreiben im Abstract selbst, die Empfehlung, diese Lebensmittel zu meiden, solle überdacht werden. Die Zurückhaltung, die ich beim Formulieren einhalte: Das ist eine Beobachtungsstudie an Männern in Gesundheitsberufen, kein randomisierter Versuch, und das Konfidenzintervall für Nüsse reicht knapp über die 1,0 hinaus. Die belastbare Aussage lautet deshalb nicht, dass Nüsse schützen. Sie lautet, dass der alte Rat keine Grundlage hat.
Strate LL, Liu YL, Syngal S, Aldoori WH, Giovannucci EL. JAMA. 2008;300(8):907-14. PMID: 18728264 · DOI: 10.1001/jama.300.8.907Was daraus geworden ist, steht seit 2021 in der deutschen Leitlinie. Und zwar nicht als Fußnote, sondern als eigene Empfehlung mit Evidenzlevel 2, Empfehlungsgrad B und starkem Konsens.
„Eine Empfehlung zum Meiden von Nüssen, Körnern, Mais und Popcorn sollte zur Primärprophylaxe der Divertikelkrankheit nicht ausgesprochen werden."
S3-Leitlinie Divertikelkrankheit / Divertikulitis, DGVS und DGAV, Empfehlung 5.2 (neu 2021) [Leitlinie]Im Kommentar dazu wird die Sache noch deutlicher. Entgegen der früheren Vorstellung, unverdaute Rückstände blieben in Divertikelhälsen stecken, habe die Analyse der Kohorte gezeigt, dass diese Lebensmittel bei regelmäßigem Verzehr das Risiko sogar senkten.
Und trotzdem findest du im Jahr 2026 noch deutschsprachige Patienteninformationen, in denen im Zusammenhang mit der Divertikelkrankheit steht, Rohkost, Nüsse und Samen seien zu meiden. Das ist kein Vorwurf. Es ist einfach das, was passiert, wenn eine Empfehlung fünf Jahre alt ist und der Text auf der Seite älter.
Akute Phase und Dauerernährung sind zwei verschiedene Fragen
Alles bisher Gesagte betrifft die Ernährung im normalen Leben, also die Vorbeugung. Wenn du gerade eine akute Divertikulitis hast oder frisch aus einem Schub kommst, ist das eine andere Situation. Dann gilt, was die behandelnde Praxis oder Klinik anordnet, und daran ändert dieser Text nichts.
Für die Zeit danach existiert kein belastbarer Kostaufbau aus Studien. Deshalb steht hier auch keiner.
Der bekannteste Rat zu diesem Thema ist nicht neu überprüft worden, sondern zurückgenommen. Das ist ein Unterschied. Eine Fachgesellschaft hat ihre eigene frühere Empfehlung gestrichen, weil die Daten sie nicht getragen haben.
Und es hat eine praktische Konsequenz. Nüsse, Vollkorn, Hülsenfrüchte und Kerne sind genau die Lebensmittel, die die Ballaststoffzufuhr tragen. Wer sie jahrelang meidet, verliert ausgerechnet das, wofür die Datenlage am besten ist.
Und jetzt weißt du, warum du beim nächsten Familienessen zum Nussbrot greifen darfst, ohne dich rechtfertigen zu müssen.
Und was ist mit den Ballaststoffen? Zwei Datensätze, die sich zu widersprechen scheinen
Jetzt wird es interessant. Und ein bisschen unbequem, weil hier zwei gute Datensätze in verschiedene Richtungen zeigen.
Die klassische Erklärung stammt von Painter und Burkitt aus den späten sechziger und frühen siebziger Jahren. Sie beobachteten, dass Divertikel im ländlichen Afrika selten und in Industrieländern häufig waren, und schlossen daraus auf die ballaststoffarme westliche Kost. Wenig Ballaststoffe, harter Stuhl, mehr Druck, Ausstülpung. Eine klare Kette, jahrzehntelang in jedem Lehrbuch.
Nur: Als moderne Studien diese Kette geprüft haben, ist sie an mehreren Stellen gerissen.
Eine Gruppe aus North Carolina hat 2104 Menschen zwischen 30 und 80 Jahren untersucht, die zwischen 1998 und 2010 eine ambulante Koloskopie bekamen. Ernährung und Bewegung wurden im Interview mit validierten Instrumenten erhoben.
Eine hohe Ballaststoffzufuhr senkte die Häufigkeit der Divertikulose nicht. Im Gegenteil: Das oberste Quartil hatte gegenüber dem untersten ein Prävalenzverhältnis von 1,30 mit einem Konfidenzintervall von 1,13 bis 1,50. Das galt für Gesamtballaststoffe ebenso wie für Getreide-, lösliche und unlösliche Ballaststoffe. Verstopfung war kein Risikofaktor. Wer mehr als 15 Stuhlgänge pro Woche hatte, hatte gegenüber Menschen mit weniger als sieben ein um 70 Prozent höheres Risiko, Prävalenzverhältnis 1,70 mit 1,24 bis 2,34.
Was das für dich bedeutet: Der Titel der Arbeit sagt es genau. Eine ballaststoffreiche Kost schützt nicht vor asymptomatischer Divertikulose. Es geht in dieser Studie ausschließlich darum, wie die Ausstülpungen entstehen, nicht darum, wer sich entzündet. Einschränkung: Querschnitt, kein Verlauf, und die Ernährung wurde nach der Koloskopie erhoben.
Peery AF, Barrett PR, Park D et al. Gastroenterology. 2012;142(2):266-72.e1. PMID: 22062360 · DOI: 10.1053/j.gastro.2011.10.035Ein Jahr später hat dieselbe Arbeitsgruppe den offensichtlichsten Einwand ausgeräumt. Wer weiß, dass er Divertikel hat, erinnert seine Verdauung anders. Also wurden nur Menschen ausgewertet, die von ihrem Befund nichts wussten: 539 mit Divertikeln, 1569 ohne.
Das Ergebnis war noch deutlicher. Wer weniger als sieben Stuhlgänge pro Woche hatte, also im engeren Sinne verstopft war, hatte eine geringere Wahrscheinlichkeit für Divertikulose, Odds Ratio 0,56 mit 0,40 bis 0,80. Harter Stuhl ebenfalls eher geringer, 0,75 mit 0,55 bis 1,02. Kein Zusammenhang mit Pressen, kein Zusammenhang mit unvollständiger Entleerung. Und kein Zusammenhang mit der Ballaststoffzufuhr im Vergleich des höchsten mit dem niedrigsten Quartil, Odds Ratio 0,96 bei einer mittleren Zufuhr von 25 gegen 8 Gramm am Tag.
Damit ist die alte Kausalkette an ihrer schwächsten Stelle geprüft und nicht bestätigt worden. Wenn du mehr darüber wissen willst, warum Verstopfung selten an zu wenig Ballaststoffen allein liegt, steht das im Artikel zur Verstopfung. Hier bleibt es bei diesen zwei Sätzen.
Jetzt die andere Seite. Und sie ist zahlenmäßig die stärkere.
Eine Gruppe um Dagfinn Aune hat systematisch nach prospektiven Kohortenstudien zu Ballaststoffen und Divertikelkrankheit gesucht und die Dosis-Wirkungs-Beziehung berechnet.
Fünf Kohorten mit 19.282 Fällen unter 865.829 Teilnehmenden. Das zusammengefasste relative Risiko lag bei 0,74 pro 10 Gramm Ballaststoffe am Tag, mit einem Konfidenzintervall von 0,71 bis 0,78 und einer Heterogenität von null Prozent. Gegenüber 7,5 Gramm täglich lag die Risikoreduktion bei 20 Gramm bei 23 Prozent, bei 30 Gramm bei 41 Prozent und bei 40 Gramm bei 58 Prozent. Nach Quelle aufgeschlüsselt lag das relative Risiko bei 0,74 für Getreideballaststoffe aus vier Kohorten und bei 0,56 für Obstballaststoffe aus zwei Kohorten. Für Gemüseballaststoffe lag es bei 0,80, ebenfalls aus nur zwei Kohorten, mit sehr großer Streuung zwischen ihnen und einem Konfidenzintervall von 0,45 bis 1,44, das die 1,0 einschließt. Dieser eine Wert ist deshalb nicht belastbar.
Was das für dich bedeutet: Fast neunhunderttausend Menschen, fünf unabhängige Kohorten, keinerlei Heterogenität zwischen ihnen. Entscheidend ist der Endpunkt: Hier geht es um klinisch relevante Divertikelkrankheit, also um Ereignisse, die Menschen ins Krankenhaus bringen, nicht um den Zufallsbefund im Bild.
Aune D, Sen A, Norat T, Riboli E. Eur J Nutr. 2020;59(2):421-432. PMID: 31037341 · DOI: 10.1007/s00394-019-01967-wDie britische EPIC-Oxford-Kohorte zeigt dasselbe mit einer Zahl, die mir besser gefällt, weil sie absolut ist statt relativ. 47.033 Menschen, davon ein Drittel mit vegetarischer Ernährung, mittlere Nachbeobachtung 11,6 Jahre, 812 Fälle. Vegetarier hatten ein um 31 Prozent geringeres Risiko, relatives Risiko 0,69 mit 0,55 bis 0,86. Und jetzt der Teil, der die Größenordnung erdet: Die kumulative Wahrscheinlichkeit, zwischen dem 50. und dem 70. Lebensjahr wegen einer Divertikelkrankheit ins Krankenhaus zu kommen oder daran zu sterben, lag bei Fleischessern bei 4,4 Prozent und bei Vegetariern bei 3,0 Prozent.
Das ist ein realer Unterschied. Und es ist kein Schalter.
Die Ausstülpung
Endpunkt ist der sichtbare Befund im Darmbild, unabhängig davon, ob er je Beschwerden macht.
Ergebnis: Ballaststoffe schützen nicht davor, Verstopfung begünstigt sie nicht, häufiger Stuhlgang war sogar mit mehr Divertikeln verbunden.
Design: Querschnitt, Momentaufnahme, Ernährung nachträglich erhoben.
Die Entzündung
Endpunkt ist die klinisch relevante Divertikelkrankheit, also Krankenhausaufnahme, Diagnose, Komplikation.
Ergebnis: Mehr Ballaststoffe waren mit deutlich weniger Ereignissen verbunden, konsistent über fünf Kohorten und in einer klaren Dosis-Wirkungs-Beziehung.
Design: prospektiv, Ernährung vor dem Ereignis erhoben, lange Nachbeobachtung.
Es ist kein Widerspruch, es ist eine Definitionsfrage. Die beiden Studientypen messen nicht dasselbe. Der eine misst, ob Ausstülpungen entstehen. Der andere misst, ob sie Ärger machen.
Die naheliegendste Lesart der Gesamtdatenlage: Ballaststoffe scheinen nicht die Entstehung der Divertikel zu beeinflussen, aber sehr wohl die Wahrscheinlichkeit, dass daraus ein Ereignis wird. Deshalb bleibt die deutsche Leitlinie trotz der Koloskopie-Daten bei Empfehlung 5.1 mit Evidenzlevel 1 und Empfehlungsgrad A: mindestens 30 Gramm am Tag, aus Obst, Gemüse und Getreide, für Männer und Frauen in jedem Lebensalter.
Zwei Einschränkungen gehören dazu. Wenn bei dir eine Verengung des Darms, ein Konglomerattumor oder ein frischer Schub bekannt ist, besprichst du jede Steigerung der Ballaststoffe und jedes Quellmittel wie Flohsamen vorher ärztlich, weil beides in dieser Situation zu einem Darmverschluss beitragen kann. Und in jedem Fall gilt: langsam steigern und die Trinkmenge mitgehen lassen, sonst kann sich die Verdauung vorübergehend verschlechtern statt verbessern.
Was ich hier bewusst nicht mache: eine zweite Erklärung der Ballaststoffarten, eine Lebensmittelliste mit Grammangaben oder eine Diskussion darüber, ob die Zahl 30 überhaupt der richtige Zielwert ist. Das steht ausführlich im Artikel über die Ballaststoff-Mythen, und es dort noch einmal aufzurollen, hätte niemandem genützt.
Eine Grenze gehört aber unbedingt hierher, weil sie oft verwischt wird. Alles bisher Gesagte gilt für die Primärprophylaxe, also für die Zeit, bevor je etwas passiert ist. Für die Zeit nach einem durchgemachten Schub sagt dieselbe Leitlinie etwas anderes. Dort reiche die Evidenz für eine ballaststoffreiche Kost oder für Ballaststoff-Supplemente ausdrücklich nicht, und der amerikanische Technical Review sei bei allen vier geprüften Fragen unsicher geblieben. Zugleich rät die Leitlinie ausdrücklich nicht davon ab. Diese Doppelaussage steht so im Original, und ich gebe sie so weiter, weil sie ehrlich ist.
Wo ich beim Thema Ballaststoffe vorsichtig bin
In meiner Sprechstunde erlebe ich zwei Muster. Das eine: Menschen, die nach dem Befund von einem Tag auf den anderen die Ballaststoffzufuhr verdoppeln und dann tagelang mit einem Blähbauch dasitzen. Das andere: Menschen, die aus Sorge vor Körnern jahrelang genau das Gegenteil gemacht haben.
Beides sind Beobachtungen aus der Praxis, keine Studienergebnisse. Ich beschreibe sie als das, was sie sind. Was daraus folgt, ist keine Zahl, sondern eine Richtung: Änderungen an der Ernährung vertragen sich besser, wenn sie schrittweise passieren und wenn Trinkmenge und Bewegung mitgehen.
Und jetzt weißt du, warum zwei ernstzunehmende Studien zum selben Thema zu gegensätzlichen Überschriften führen können, ohne dass eine von beiden falsch ist.
Der zweite Umbruch: die Antibiotikafrage bei unkomplizierter Divertikulitis
Dieser Abschnitt ist der heikelste des ganzen Textes, und ich sage gleich zu Beginn, warum.
Es geht um eine Behandlungsentscheidung. Die gehört in ärztliche Hände, sie hängt an Bildgebung, Labor und Begleiterkrankungen, und sie ist nichts, was man nach einem Blogartikel selbst trifft. Wenn dir ein Antibiotikum verordnet wurde, nimmst du es. Punkt. Was hier steht, soll dir ermöglichen, im Gespräch die richtigen Fragen zu stellen, nicht die Therapie zu ändern.
Jetzt zur Sache.
Jahrzehntelang war klar: Divertikulitis ist eine Entzündung, also gibt man ein Antibiotikum. Das war so selbstverständlich, dass es nie geprüft wurde. Die Autoren der ersten großen Studie schreiben das in ihrem Abstract ausdrücklich hin: Es gebe keine kontrollierten Studien, die dieses Vorgehen stützten.
Zehn chirurgische Abteilungen in Schweden und eine in Island haben 623 Menschen mit computertomographisch gesicherter, akuter, unkomplizierter, linksseitiger Divertikulitis randomisiert. 314 bekamen ein Antibiotikum, 309 nicht. Beobachtet wurde über zwölf Monate.
Komplikationen wie Perforation oder Abszess traten bei 6 Menschen ohne Antibiotikum auf, also 1,9 Prozent, und bei 3 mit Antibiotikum, also 1,0 Prozent, mit einem p-Wert von 0,302. Die mediane Krankenhausverweildauer betrug in beiden Gruppen 3 Tage. Ein Rückfall mit Wiederaufnahme innerhalb eines Jahres kam in beiden Gruppen bei 16 Prozent vor.
Was das für dich bedeutet: Die erste randomisierte Prüfung einer jahrzehntealten Selbstverständlichkeit fand keinen messbaren Vorteil. Die Einschränkungen, die die deutsche Leitlinie ausdrücklich benennt: keine Verblindung, kein Placebo, keine standardisierte Antibiotikatherapie, Begleiterkrankungen nicht mit einem validierten Index erfasst.
Chabok A, Påhlman L, Hjern F, Haapaniemi S, Smedh K. Br J Surg. 2012;99(4):532-9. PMID: 22290281 · DOI: 10.1002/bjs.8688Sieben Jahre später hat dieselbe Gruppe nachgeschaut, wie es den Teilnehmenden ergangen ist. 556 der 623 Menschen konnten über im Median elf Jahre nachverfolgt werden, das sind 89,2 Prozent. Rückfälle in beiden Gruppen 31,3 Prozent. Komplikationen 4,4 gegen 5,0 Prozent. Operationen wegen Divertikulitis 6,2 gegen 7,1 Prozent. In keiner Dimension der Lebensqualitätsmessung fand sich ein Unterschied. Elf Jahre sind für eine chirurgische Studie eine ungewöhnlich lange Nachbeobachtung.
22 Zentren in den Niederlanden haben 528 Menschen mit erstmaliger, CT-gesicherter, linksseitiger, unkomplizierter Divertikulitis randomisiert. Eine Gruppe bekam eine Beobachtungsstrategie, die andere das verschreibungspflichtige Antibiotikum Amoxicillin mit Clavulansäure, im Studienprotokoll mindestens 48 Stunden intravenös und insgesamt zehn Tage. Wie jedes Antibiotikum kann es unerwünschte Wirkungen haben, unter anderem allergische Reaktionen, Leberreaktionen und Durchfall bis hin zu einer Darminfektion mit Clostridioides difficile. Diese Angabe beschreibt das Studienprotokoll und ist keine Dosierungsanleitung. Primärer Endpunkt war die Zeit bis zur Genesung über sechs Monate.
Die mediane Zeit bis zur Genesung lag bei 14 Tagen in der Beobachtungsgruppe, Interquartilbereich 6 bis 35, und bei 12 Tagen in der Antibiotikagruppe, Interquartilbereich 7 bis 30. Kein einziger sekundärer Endpunkt unterschied sich signifikant: komplizierte Divertikulitis 3,8 gegen 2,6 Prozent, anhaltende Divertikulitis 7,3 gegen 4,1 Prozent, Rückfall 3,4 gegen 3,0 Prozent, Sigmaresektion 3,8 gegen 2,3 Prozent, Wiederaufnahme 17,6 gegen 12,0 Prozent, Sterblichkeit 1,1 gegen 0,4 Prozent. Der Krankenhausaufenthalt war in der Beobachtungsgruppe kürzer, 2 gegen 3 Tage mit p gleich 0,006.
Was das für dich bedeutet: Die methodisch bessere der beiden Studien, mit standardisierter Therapie und definiertem primären Endpunkt. Für dich am wertvollsten ist die Zeitangabe: rund zwei Wochen bis zur Genesung, unabhängig von der Strategie. Das setzt eine realistische Erwartung.
Daniels L, Ünlü Ç, de Korte N et al. Br J Surg. 2017;104(1):52-61. PMID: 27686365 · DOI: 10.1002/bjs.10309Nach 24 Monaten wurde nachgeschaut. Rückfall 15,4 gegen 14,9 Prozent, komplizierte Divertikulitis 4,8 gegen 3,3 Prozent, Sigmaresektion 9,0 gegen 5,0 Prozent mit einem p-Wert von 0,085. Menschen unter fünfzig Jahren und Menschen mit einem Schmerzscore von 8 oder höher bei der Vorstellung hatten häufiger ungünstige Verläufe. Die Art der Behandlung war in der Auswertung kein unabhängiger Vorhersagefaktor. Die Autoren schreiben selbst dazu, dass die Studie für diese sekundären Endpunkte nicht ausreichend groß war und deshalb eine Restunsicherheit bleibt.
An dieser Stelle könnte ein Text jubeln. Ich tue es nicht, und der Grund steht in der nächsten Studie.
Die Autorengruppen von AVOD und DIABOLO haben ihre Individualdaten zusammengelegt. Aus DIABOLO wurden Menschen mit kleinen perikolischen Abszessen ausgeschlossen, weil AVOD solche Fälle gar nicht eingeschlossen hatte. 545 Menschen in der Beobachtungs- und 564 in der Antibiotikagruppe, zusammen 1109. Wegen Mehrfachtestung galt ein p-Wert unter 0,025 als signifikant.
Nach einem Jahr fanden sich keine statistischen Unterschiede: anhaltende Divertikulitis 7,2 gegen 5,0 Prozent mit p gleich 0,062, Rückfall 8,6 gegen 9,6 Prozent, komplizierte Divertikulitis 4,0 gegen 2,1 Prozent mit p gleich 0,079, Sigmaresektion 5,0 gegen 2,5 Prozent. Risikofaktoren für ungünstige Verläufe waren ein Schmerzscore über 7, eine Leukozytenzahl über 13,5 mal 10 hoch 9 pro Liter und eine vorausgegangene Divertikulitis. Antibiotika verhinderten ungünstige Verläufe auch in dieser Hochrisikogruppe nicht.
Was das für dich bedeutet: Der Schlusssatz der Autoren enthält beides. Die Beobachtungsstrategie sei sicher, es bleibe aber je nach Schwelle klinischer Relevanz eine gewisse statistische Unsicherheit, weil die Unterschiede klein seien. Keine Untergruppe ließ sich finden, die von Antibiotika profitiert hätte. Diese doppelte Botschaft ist genau der Grund, warum die Leitlinie eine Kann-Empfehlung daraus macht und keine Soll-Empfehlung.
van Dijk ST, Chabok A, Dijkgraaf MG, Boermeester MA, Smedh K. Br J Surg. 2020;107(8):1062-1069. PMID: 32073652 · DOI: 10.1002/bjs.11465So steht es heute in der deutschen S3-Leitlinie, Empfehlung 5.20, modifiziert 2021, Evidenzlevel 1, Empfehlungsgrad 0, starker Konsens.
„Bei akuter unkomplizierter linksseitiger Divertikulitis (CDD 1b) ohne Risikoindikatoren für einen komplizierten Verlauf kann unter engmaschiger klinischer Kontrolle auf eine Antibiotikatherapie verzichtet werden."
S3-Leitlinie Divertikelkrankheit / Divertikulitis, DGVS und DGAV, Empfehlung 5.20 [Leitlinie]Lies den Satz noch einmal langsam. Er enthält vier Bedingungen: akut und unkompliziert, linksseitig, ohne Risikoindikatoren, unter engmaschiger klinischer Kontrolle. Und er sagt „kann", nicht „soll". Empfehlungsgrad 0 ist die schwächste Stufe, die eine Leitlinie vergibt.
Die Risikoindikatoren aus Tabelle 7 der deutschen Leitlinie
Klinisch
- Immunsuppression
- relevante Begleiterkrankungen
- schlechter Allgemeinzustand
- hohes Fieber oder Sepsis
- Komplikationen wie Abszess oder Bauchfellentzündung
Laborchemisch
- hohes CRP
- Leukozytose
Medikamentös
- immunsuppressive Therapie
- NSAR
- Kortikosteroide
Die Leitlinie hebt Begleiterkrankungen mit einem Charlson-Index ab 3 und die Immunsuppression besonders hervor. Die amerikanische Fachgesellschaft formuliert es noch deutlicher und rät bei immunsupprimierten Menschen nachdrücklich zu Antibiotika. Beide Studien, AVOD und DIABOLO, haben genau diese Menschen ausgeschlossen. Ihr Ergebnis gilt für ein streng ausgewähltes Kollektiv, und das gehört dazugesagt.
Weil in der dritten Spalte Medikamente stehen, ein klarer Satz dazu: Diese Liste ist eine Entscheidungshilfe für die Behandlung des Schubs, keine Aufforderung, an einer laufenden Therapie etwas zu ändern. Immunsuppressive Therapien, Kortikosteroide und verordnete Schmerzmittel werden nicht eigenmächtig reduziert, pausiert oder abgesetzt. Sie stehen hier, damit die behandelnde Praxis sie kennt und in ihre Einschätzung einbeziehen kann. Wenn du eines davon nimmst, gehört das ins Gespräch mit der Praxis, die es verordnet hat, und zwar bevor eine Divertikulitis überhaupt auftritt.
Es gibt eine weitere Arbeit, die ich für die ehrlichste des ganzen Feldes halte. Zwei unabhängige Befundende haben die CT-Aufnahmen aus AVOD noch einmal verblindet durchgesehen. Von 602 auswertbaren Untersuchungen fanden sich bei 44, also bei 7 Prozent, Komplikationszeichen, die beim ersten Mal übersehen worden waren: 27 mit extraluminaler Luft, 17 mit einem Abszess. Vier dieser Menschen verschlechterten sich und mussten operiert werden. Die übrigen erholten sich ohne Komplikationen. Von den 18 Betroffenen mit übersehenen Zeichen in der Gruppe ohne Antibiotikum genasen 15 ohne Antibiotikum. Und kein einziger CT-Befund konnte vorhersagen, wer Komplikationen oder einen Rückfall bekommen würde.
Robust und unscharf zugleich
Die eine Lesart: Selbst wenn bei sieben Prozent eine kleine Komplikation übersehen wurde, ging es der großen Mehrheit auch ohne Antibiotikum gut. Das spricht für die Robustheit der Beobachtungsstrategie.
Die andere Lesart: Die Grenze zwischen kompliziert und unkompliziert ist selbst im CT nicht immer scharf. Wenn schon zwei erfahrene Befundende zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen, dann ist Selbsteinschätzung von zu Hause aus keine Option.
Beide Lesarten stimmen. Sie widersprechen sich nicht, sie beschreiben denselben Sachverhalt aus zwei Richtungen.
Ob im Einzelfall ein Antibiotikum gegeben wird, entscheiden die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt anhand von Bildgebung, Labor und Begleiterkrankungen. Ein verordnetes Antibiotikum wird niemals eigenmächtig abgesetzt, verkürzt oder weggelassen. Eine komplizierte Divertikulitis gehört nach Empfehlung 5.24 der deutschen Leitlinie ins Krankenhaus.
Und jetzt weißt du, warum zwei Menschen mit ähnlichen Beschwerden unterschiedlich behandelt werden können, ohne dass einer von beiden falsch behandelt wird.
Wann es dringend wird: die Zeichen der komplizierten Divertikulitis
Bis hierher ging es um Entlastung. Dieser Abschnitt ist die Gegenprobe, und er gehört genauso dazu.
Denn es gibt Verläufe, bei denen abwarten die falsche Entscheidung ist. Sie sind selten, aber sie existieren, und man erkennt sie an bestimmten Zeichen.
Kompliziert heißt in der CDD-Systematik: Die Entzündung bleibt nicht in der Darmwand. Sie bildet einen Mikroabszess bis 3 Zentimeter, einen Makroabszess über 3 Zentimeter, oder sie bricht durch, mit einer eitrigen oder fäkalen Bauchfellentzündung. Dazu kommen die chronischen Formen: eine Verengung des Darms, eine Fistel zu einem Nachbarorgan, ein entzündlicher Konglomerattumor. Und als eigene Kategorie die Blutung.
Wie oft passiert das? Die deutsche Leitlinie nennt zwei Zahlen, die weit auseinanderliegen, und sie bleiben hier ausdrücklich als Spanne stehen. Aus der DIABOLO-Population entwickelten 16 von 528 initial als unkompliziert eingestuften Menschen später komplizierte Formen, also 3,0 Prozent. Die Leitlinie schreibt selbst dazu, das sei hochwahrscheinlich eine Unterschätzung, weil es sich um eine Studienpopulation handelte. Amerikanische Leitlinien gehen bei stationär aufgenommenen Betroffenen von 15 bis 30 Prozent aus. Eine einzelne verlässliche Zahl dafür, wie oft aus einer zunächst unkomplizierten Divertikulitis ein Abszess wird, gibt es nach dieser Datenlage nicht. Sie bleibt hier bewusst eine Spanne.
Typische Befundkonstellation, aus einem validierten Nomogramm der Leitlinie
- Alter über 50 Jahre, Odds Ratio 2,15
- vorausgegangene Episoden, Odds Ratio 5,67
- Druckschmerz im linken Unterbauch, Odds Ratio 2,96
- Schmerzverstärkung bei Bewegung, Odds Ratio 3,28
- CRP über 50 mg/l, Odds Ratio 5,18
- Fehlen von Erbrechen, Odds Ratio 1 gegenüber 0,38
Und jetzt der Absatz, der beim Thema Laborwerte selten so offen geschrieben wird. Viele Menschen hoffen auf eine Zahl, die entscheidet. Beim CRP gibt es diese Zahl nicht.
Der beste Trennwert für die Vorhersage einer Perforation liegt laut Leitlinie bei 150 mg/l. Bei diesem Wert liegt die Sensitivität bei 44 Prozent und die Spezifität bei 81 Prozent. Sensitivität 44 Prozent heißt: Weniger als die Hälfte der Perforationen wird darüber erkannt. Bei einem CRP unter 50 mg/l liegt der negative Vorhersagewert bei 0,79. Und die Leitlinie hält ausdrücklich fest, dass auch bei normalem CRP Perforationen gefunden wurden. Deshalb gibt es die 48-Stunden-Regel, also die klinische und laborchemische Reevaluation nach zwei Tagen, und deshalb gibt es die Bildgebung.
Ein Laborwert ersetzt hier keine Untersuchung, und schon gar keine Selbsteinschätzung. Wenn du dich fragst, ob deine Beschwerden noch harmlos sind, dann ist genau das die Situation, in der jemand mit einem Schallkopf oder einem CT nachschauen sollte.
Das ist keine Übervorsicht. Es ist die logische Folge daraus, dass die Grenze zwischen unkompliziert und kompliziert im Bild manchmal unscharf ist.
Zur Blutung noch ein Wort, weil sie sich völlig anders anfühlt als eine Entzündung. Sie kommt meist ohne Schmerzen, oft plötzlich und in einer Menge, die erschreckt. Der weit überwiegende Teil kommt nach den Angaben der deutschen S3-Leitlinie von selbst zum Stillstand. Der kleinere Rest kann bedrohlich werden. Bei älteren Menschen mit Divertikeln gilt die Divertikelblutung nach denselben Angaben als eine der häufigsten Ursachen einer Blutung aus dem unteren Verdauungstrakt. Ein Punkt gehört unbedingt dazu: Wenn du gerinnungshemmende Medikamente nimmst, also etwa einen Vitamin-K-Antagonisten wie Phenprocoumon, ein direktes orales Antikoagulans oder einen Thrombozytenhemmer wie Acetylsalicylsäure, kann eine solche Blutung stärker ausfallen und länger anhalten. Diese Mittel sind ganz überwiegend verschreibungspflichtig, sie haben meist einen wichtigen Grund, und sie werden deshalb nicht eigenmächtig abgesetzt. Das gehört in das Gespräch mit der verordnenden Praxis. Trotzdem gilt der Satz von oben: Sichtbares Blut aus dem Darm wird niemals ungeprüft den Divertikeln zugeschrieben. Es gehört abgeklärt, bei starker oder anhaltender Blutung mit Kreislaufschwäche über den Notruf 112.
Die vollständige Liste der Zeichen steht oben in der Box am Anfang dieses Textes. Ich wiederhole sie hier bewusst nicht, sondern bitte dich, noch einmal hochzuscrollen. Bei Verdacht auf eine komplizierte Divertikulitis ist der Weg nicht der Termin am nächsten Werktag. Bei hartem, brettartigem Bauch, plötzlichem starkem Schmerzanstieg, Kreislaufschwäche oder hohem Fieber mit Schüttelfrost gilt der Notruf 112 oder die direkte Fahrt in eine Notaufnahme. Ohne diese Zeichen und außerhalb der Sprechzeiten hilft der ärztliche Bereitschaftsdienst unter 116 117 weiter.
Und jetzt weißt du, warum die Medizin bei diesem Thema so viel Wert auf Bildgebung legt, obwohl die meisten Verläufe harmlos sind.
Nach dem Schub: was belegt ist, was beliebt ist, und was der Unterschied ist
Angenommen, du hast eine Divertikulitis hinter dir. Der Schmerz ist weg, die Werte sind zurück, und jetzt kommt die Frage, die im Entlassungsbrief selten beantwortet wird: Was mache ich, damit das nicht wiederkommt?
Ich gehe diese Frage in zwei Spalten durch. Erst das, was gut belegt ist. Dann das, was populär ist, ohne dass die Daten es tragen. Der Unterschied zwischen beidem ist der Kern dieses Abschnitts.
Wie oft es überhaupt wiederkommt
Vier belegte Zahlen stehen zur Verfügung. 16 Prozent nach einem Jahr in AVOD. 15,4 Prozent nach zwei Jahren in DIABOLO. 31,3 Prozent nach im Median elf Jahren in der AVOD-Nachbeobachtung. Und die Leitlinie ergänzt aus anderen Quellen, dass das Rezidivrisiko mit jedem Schub steigt, von etwa 8 Prozent nach dem ersten bis auf etwa 45 Prozent nach dem fünften. Nach der ersten unkomplizierten Episode nennt sie eine Spanne von 15 bis 30 Prozent, eine populationsbezogene Untersuchung fand 11,2 Prozent, allerdings nur für stationär behandelte Rückfälle.
Dazu ein Satz aus der Leitlinie, der viel Beruhigung enthält: Die erste Episode ist meist die schwerste, nachfolgende Episoden fallen klinisch schwächer aus.
Ernährung nach dem Schub, die ehrliche Version
Hier trennt die Leitlinie sauber, und diese Trennung wird auf vielen Seiten verwischt. Für die Primärprophylaxe steht Empfehlung 5.1 mit dem höchsten Empfehlungsgrad A: mindestens 30 Gramm Ballaststoffe am Tag. Für die Sekundärprophylaxe nach einem Schub steht in Empfehlung 5.23, dass die Evidenz für eine ballaststoffreiche Diät oder für Ballaststoff-Supplemente nicht reicht. Und zugleich, wörtlich: Angesichts des generellen gesundheitlichen Nutzens und der hohen Plausibilität sollte hier nicht abgeraten werden.
Beides gehört zusammen ausgesprochen. Wer dir sagt, Flohsamen beugten einer Divertikulitis vor, geht über die Datenlage hinaus. Die einzige Untersuchung, auf die sich das stützen ließe, ist eine ältere kleine retrospektive Arbeit mit 72 Teilnehmenden.
Muster statt einzelner Lebensmittel
Was besser belegt ist als jedes Einzelnahrungsmittel, ist das Ernährungsmuster als Ganzes.
46.295 Männer der Health Professionals Follow-up Study, die 1986 frei von Divertikulitis waren, wurden bis Ende 2012 begleitet. Aus den Ernährungsdaten wurden über eine Hauptkomponentenanalyse zwei Muster gebildet: ein westliches mit viel rotem Fleisch, raffiniertem Getreide und fettreichen Milchprodukten, und ein umsichtiges mit viel Obst, Gemüse und Vollkorn.
In 894.468 Personenjahren traten 1063 neue Divertikulitiden auf. Männer im obersten Fünftel des westlichen Musters hatten gegenüber dem untersten eine Hazard Ratio von 1,55 mit einem Konfidenzintervall von 1,20 bis 1,99. Für das umsichtige Muster lag sie bei 0,74 mit 0,60 bis 0,91. Der Zusammenhang ging überwiegend auf Ballaststoffe und rotes Fleisch zurück. Gesamtfett und gesättigte Fette hatten keinen Einfluss.
Was das für dich bedeutet: Eine ermutigende Nebenbeobachtung steckt darin. Beim westlichen Muster war es vor allem der Konsum der letzten ein bis vier Jahre, der das Risiko erhöhte. Es ist also offenbar nicht nur das Leben von vor dreißig Jahren, das hier die Rechnung schreibt.
Strate LL, Keeley BR, Cao Y, Wu K, Giovannucci EL, Chan AT. Gastroenterology. 2017;152(5):1023-1030.e2. PMID: 28065788 · DOI: 10.1053/j.gastro.2016.12.038Zum roten Fleisch wird die Leitlinie in Empfehlung 5.3 konkret. Ab etwa 105 bis 135 Gramm pro Woche scheint das Risiko in den ausgewerteten Beobachtungskohorten linear anzusteigen, bis es bei etwa 540 Gramm pro Woche ein Plateau bei rund 50 Prozent Risikoerhöhung erreicht. Das sind Zusammenhänge aus Beobachtungsdaten, kein Beweis einer Ursache, und es sind Studien- und Leitlinienzahlen, kein Ernährungsplan.
Bewegung, Rauchen, Gewicht
Empfehlung 5.9 der Leitlinie stützt sich auf eine Metaanalyse: relatives Risiko 0,76 für hohe gegenüber niedriger körperlicher Aktivität und 0,74 für kräftige Aktivität in Bezug auf die Divertikulitis. Am günstigsten lag der Bereich über 50 MET-Stunden pro Woche. Als grobe Umrechnung entspricht das etwa zwölf Stunden zügigem Gehen, sechs Stunden Radfahren oder viereinhalb Stunden Joggen. Diese Umrechnung stammt von mir und steht so nicht in der Arbeit. Die deutsche Leitlinie nennt als Mindestmaß 30 bis 60 Minuten moderate Aktivität täglich.
Beim Rauchen zeigt die Datenlage in beide relevanten Richtungen. Eine Metaanalyse aus fünf prospektiven Studien mit 6076 neuen Fällen unter 385.291 Teilnehmenden fand ein relatives Risiko von 1,36 für aktuelle Raucher, 1,17 für frühere und 1,29 für jemals Rauchende. Die deutsche Leitlinie ergänzt aus einer schwedischen Bauarbeiterkohorte ein relatives Risiko von 2,73 für komplizierte Verläufe mit Perforation oder Abszess bei Männern, die je geraucht hatten. Das ist die härteste Einzelzahl im ganzen Lebensstil-Abschnitt, und deshalb steht Nikotinabstinenz in Empfehlung 5.5 mit Grad A.
Zum Gewicht liegt die wichtigste Arbeit an Frauen vor, was bei diesem Thema selten ist. 46.079 Frauen der Nurses' Health Study, 1084 neue Fälle über sechs Jahre. Frauen mit einem BMI ab 35,0 hatten gegenüber Frauen unter 22,5 eine Hazard Ratio von 1,42. Und Frauen, die seit dem 18. Lebensjahr 20 Kilogramm oder mehr zugenommen hatten, hatten gegenüber gewichtsstabilen Frauen ein um 73 Prozent erhöhtes Risiko. Ich lasse das hier bewusst ohne Zielwert und ohne Diätanweisung stehen. Es ist eine Beobachtung über Verläufe, kein Auftrag.
Schmerzmittel, und warum du trotzdem nichts absetzt
Der praktisch folgenreichste Medikamentenbefund betrifft die NSAR, also nichtsteroidale Schmerz- und Entzündungshemmer wie Ibuprofen oder Diclofenac. Sie sind je nach Wirkstoff, Stärke und Packungsgröße rezeptfrei oder verschreibungspflichtig. Unabhängig von den Divertikeln können sie die Magen- und Darmschleimhaut reizen, Blutungen begünstigen, die Nierenfunktion belasten und das Herz-Kreislauf-Risiko beeinflussen. Dosierungen nenne ich hier bewusst nicht.
47.210 amerikanische Männer wurden über 22 Jahre begleitet, mit Erfassung der Einnahme von Aspirin und Nicht-Aspirin-NSAR alle zwei Jahre. In dieser Zeit traten 939 Divertikulitiden und 256 Divertikelblutungen auf.
Regelmäßige Anwender von Nicht-Aspirin-NSAR hatten eine Hazard Ratio von 1,72 für Divertikulitis und 1,74 für die Blutung. Für regelmäßiges Aspirin lagen die Werte bei 1,25 und 1,70. Das Blutungsrisiko war bei mittleren Dosen und mittlerer Einnahmehäufigkeit am höchsten.
Was das für dich bedeutet: Die deutsche Leitlinie differenziert hier genauer als die Einzelstudie. Eine Metaanalyse aus acht Fall-Kontroll-Studien fand für NSAR eine Odds Ratio von 2,49 für die Divertikelperforation, für Aspirin dagegen 1,03, also kein erhöhtes Perforationsrisiko. Die amerikanische Fachgesellschaft rät deshalb zur Zurückhaltung bei NSAR und nimmt Aspirin zur kardiovaskulären Sekundärprävention ausdrücklich aus. Ein ärztlich verordnetes Medikament wird nicht eigenmächtig abgesetzt. Wenn du regelmäßig Schmerzmittel brauchst, ist das ein Thema für das nächste Gespräch, nicht für eine Entscheidung am Küchentisch.
Strate LL, Liu YL, Huang ES, Giovannucci EL, Chan AT. Gastroenterology. 2011;140(5):1427-33. PMID: 21320500 · DOI: 10.1053/j.gastro.2011.02.004Alkohol
Die deutsche Leitlinie ist hier bemerkenswert nüchtern. Statement 5.6 hält fest, dass ein erhöhtes Risiko für akute Alkoholintoxikation, für schädlichen Gebrauch und für ein Abhängigkeitssyndrom belegt ist. In einer dänischen Kohorte lag das relative Risiko bei Alkoholkrankheit bei 2,0 für Männer und 2,9 für Frauen, in einer taiwanesischen Kohorte nach Intoxikation bei einer Hazard Ratio von 3,21. Und dann folgt der Satz, der in beide Richtungen ehrlich ist: Es liegen aktuell keine Daten vor, dass risikoarmer oder auch riskanter Alkoholkonsum das Risiko für eine Divertikelkrankheit erhöht. Dieser Satz sagt ausschließlich etwas über Divertikel und nichts über die übrigen Folgen von Alkohol, die gut belegt sind. Er ist also keine Entwarnung für den Konsum, sondern eine Aussage zu genau einer Frage.
Ich moralisiere das nicht und ich verharmlose es nicht. Wenn du selbst das Gefühl hast, dass dein Konsum ein Thema ist, sind Suchtberatungsstellen und die hausärztliche Praxis die richtigen Adressen. Das ist ein eigenes Feld und gehört nicht in einen Divertikel-Text.
Der Lebensstil als Ganzes, mit einer wichtigen Einschränkung
Dieselbe amerikanische Männerkohorte wurde daraufhin ausgewertet, was passiert, wenn mehrere günstige Faktoren zusammenkommen: weniger als 51 Gramm rotes Fleisch am Tag, Ballaststoffzufuhr in den obersten 40 Prozent der Kohorte, kräftige körperliche Aktivität, ein BMI zwischen 18,5 und 24,9 und nie geraucht.
907 neue Divertikulitiden in 757.791 Personenjahren. Gegenüber Männern ohne einen einzigen günstigen Faktor lagen die relativen Risiken bei 0,71 mit einem Faktor, 0,66 mit zwei, 0,50 mit drei, 0,47 mit vier und 0,27 mit allen fünf, mit einem Konfidenzintervall von 0,15 bis 0,48. Die Autoren schätzen, dass ein risikoarmer Lebensstil 50 Prozent der Fälle hätte verhindern können, mit einem Intervall von 20 bis 71 Prozent.
Was das für dich bedeutet: Auf genau diese Arbeit stützt sich Empfehlung 5.10 der deutschen Leitlinie mit Grad A. Die Einschränkung gehört unbedingt dazu: Es ist eine Beobachtungskohorte an Männern in Gesundheitsberufen, und die Zahl gilt für die Primärprophylaxe. Zur Sekundärprophylaxe schreibt die Leitlinie wörtlich, dass keine Studien zur Wirksamkeit von Bewegung, fleischarmer Kost und Gewichtsvermeidung vorliegen, und dass davon zugleich nicht abgeraten werden sollte.
Liu PH, Cao Y, Keeley BR et al. Am J Gastroenterol. 2017;112(12):1868-1876. PMID: 29112202 · DOI: 10.1038/ajg.2017.398Was populär ist, ohne dass die Daten es tragen
Jetzt der Teil, an dem ein Text zeigt, ob er ehrlich bleibt, wenn eine Substanz sympathisch wäre.
Mesalazin. Zwei identische, doppelblinde, placebokontrollierte Phase-3-Studien mit zusammen 1182 Menschen haben geprüft, ob Mesalazin einen zweiten Schub verhindert. In PREVENT 1 blieben 53 bis 63 Prozent der Mesalazin-Gruppen nach 104 Wochen rückfallfrei, unter Placebo waren es 65 Prozent. In PREVENT 2 waren es 59 bis 69 Prozent gegenüber 68 Prozent. Kein Vorteil bei der Zeit bis zum Rückfall, kein Vorteil beim Operationsbedarf. Die Leitlinie ergänzt ein Detail, das im Abstract fehlt: In PREVENT 2 war die Zeit bis zum Rückfall unter den niedrigeren Mesalazin-Dosen statistisch sogar kürzer als unter Placebo. Eine unabhängige Metaanalyse über acht randomisierte Studien bestätigt das mit einem gepoolten Risikoverhältnis von 0,86 und einem Konfidenzintervall von 0,63 bis 1,17. Die deutsche Leitlinie sagt deshalb in Empfehlung 5.31 mit Evidenzlevel 1 und Grad A: Mesalazin soll nicht zur Sekundärprophylaxe eingesetzt werden.
Eine Nuance dazu, die ich nicht unterschlagen will: Für die symptomatische unkomplizierte Divertikelkrankheit vom Typ CDD 1a gibt Empfehlung 5.16 eine Kann-Empfehlung mit Evidenzlevel 2. Dazu gehört der ganze Rahmen. Mesalazin ist verschreibungspflichtig, und dieselbe Leitlinie hält fest, dass es in Deutschland für diese Indikation nicht zugelassen ist. Ein Einsatz wäre also Off-Label, mit allem, was dazugehört: eigene ärztliche Aufklärung, keine selbstverständliche Kostenübernahme, höhere ärztliche Verantwortung. Mesalazin kann außerdem unerwünschte Wirkungen haben, unter anderem an Niere, Leber, Bauchspeicheldrüse und Blutbild, und es darf bei Überempfindlichkeit gegen Salicylate nicht gegeben werden. Dosierungen nenne ich hier bewusst nicht. Das gehört in die Hand der behandelnden Praxis.
Rifaximin. Hier wird es lehrreich. Eine italienische Metaanalyse aus vier randomisierten Studien mit 1660 Teilnehmenden fand eine Ratendifferenz von 29,0 Prozent zugunsten von Rifaximin plus Ballaststoffen bei der Symptomfreiheit nach einem Jahr, mit einer Number Needed to Treat von 3, und eine Ratendifferenz von minus 1,7 Prozent bei den Komplikationen. Das klingt sehr gut. Die deutsche Leitlinie bewertet exakt dieselben Studien anders und begründet es: Drei der vier Studien waren offen, nur eine war placebokontrolliert, und ausgerechnet in dieser einen zeigte sich in den ersten drei Monaten kein Unterschied. Für die Remissionserhaltung existiert bis heute keine kontrollierte Studie zur Rifaximin-Monotherapie. Empfehlung 5.32 lautet deshalb: sollte nicht eingesetzt werden, bei Evidenzlevel 5.
Ein italienischer Übersichtsartikel bewertet dieselbe Lage anders und sieht Kombinationstherapien mit Rifaximin als das derzeit beste dokumentierte Ergebnis an. Dazu gehört der Rahmen: Rifaximin ist verschreibungspflichtig und in Deutschland für die Divertikelkrankheit nicht zugelassen, ein Einsatz wäre Off-Label. Wie bei jedem Antibiotikum können unerwünschte Wirkungen auftreten, und wiederholte Gaben können Resistenzen und Darminfektionen mit Clostridioides difficile begünstigen. Ich nenne diese Kontroverse, weil sie zur Sache gehört, nicht als Empfehlung. Sie zeigt zugleich, dass die deutsche Zurückhaltung eine begründete Entscheidung ist und keine Unkenntnis. Zwei Fachgesellschaften, dieselben Studien, zwei Bewertungen, und der Unterschied liegt in der Verblindung.
Probiotika. Die Leitlinie kann in den Empfehlungen 5.17 und 5.19 keine Empfehlung geben, weder für die akute unkomplizierte Divertikelkrankheit noch für die Divertikulitis. Die Studien sind heterogen, meist präliminär, eine Metaanalyse war nicht durchführbar. Für das Stadium 3b hält sie fest, dass belastbare Studien nicht vorliegen. Das heißt nicht, dass nichts dran ist. Es heißt, dass die Datenlage noch kein Bild ergibt. Was zu Auswahl und Darreichungsform grundsätzlich bekannt ist, steht im Artikel über Probiotika in Sporenform und Kapsel.
Belegt und beliebt sind zwei verschiedene Kategorien, und die Verwechslung ist teuer. Das Unspektakuläre in diesem Abschnitt, also Ballaststoffe, Bewegung, Rauchverzicht, Gewichtsverlauf und Zurückhaltung bei NSAR, steht auf großen Kohorten. Das Spektakuläre, also die Tablette gegen den Rückfall, ist an Placebo gescheitert.
Ich finde das nicht enttäuschend, sondern entlastend. Es bedeutet, dass die Ansatzpunkte, die tatsächlich etwas verändern könnten, nicht in einer Apotheke liegen, sondern in Entscheidungen, die dir gehören. Und es bedeutet, dass du nichts verpasst, wenn dir niemand ein Präparat verschreibt.
Die Koloskopie danach
Statement 4.12 der deutschen Leitlinie sagt: Nach Abklingen einer konservativ behandelten Divertikulitis, in der Regel nach sechs bis acht Wochen, sollte die Indikation zur Koloskopie in Abhängigkeit von klinisch-anamnestischen Faktoren gestellt werden. Also nach Verlauf, nach anhaltenden Beschwerden, nach Alter und nach dem Bild.
Warum wird das individuell entschieden und nicht pauschal? Eine Metaanalyse aus elf Studien aus sieben Ländern liefert die Zahlen. In einer gepoolten Population von 1970 Menschen fand sich bei 22 ein Karzinom, gepoolt 1,6 Prozent. Aufgeschlüsselt: 0,7 Prozent nach unkomplizierter Divertikulitis, das waren 5 Befunde unter 1497 Menschen, und 10,8 Prozent nach kompliziertem Verlauf, das waren allerdings nur 6 Befunde unter 79 Menschen, weshalb dieser zweite Wert mit einer Spanne von etwa 5 bis 21 Prozent angegeben wird. Der Unterschied ist trotzdem deutlich, und er ist der Grund für die individuelle Indikationsstellung.
Dieser Absatz ist kein Argument gegen eine Untersuchung
Die deutsche Leitlinie schreibt einen Satz, der genau hierher gehört: Es sei einer subjektiven Sicht entgegenzutreten, die im Rahmen der Divertikulitis erfolgte Ultraschall- oder CT-Untersuchung wäre ausreichend, um ein Malignom oder eine Vorstufe auszuschließen. Sie ist es nicht.
Wenn dir eine Koloskopie empfohlen wurde, dann ist dieser Text kein Grund, sie zu verschieben. Er erklärt nur, warum die Empfehlung nicht bei allen gleich ausfällt. Und ein Stuhltest oder eine Mikrobiomanalyse beantwortet diese Frage ebenfalls nicht, dazu steht das Nötige im Artikel zur Stuhldiagnostik.
Wenn die Beschwerden bleiben
Es gibt Menschen, bei denen nach einem Schub etwas zurückbleibt. Die Leitlinie beschreibt das offen: In einer großen Studie hatten 40 Prozent der Betroffenen im Folgejahr milde Schmerzen oder einen veränderten Stuhlgang, und das Risiko für ein Reizdarmsyndrom nach akuter Divertikulitis ist deutlich erhöht. Mechanistisch passt dazu, dass sich bei chronischen Verläufen erhöhte schmerzvermittelnde Neurotransmitter und eine Vermehrung schmerzleitender Nervenfasern finden, also eine viszerale Überempfindlichkeit ähnlich der nach einer Darminfektion.
Wenn das auf dich zutrifft, lohnen zwei Wege. Der eine geht über die Ernährung, und dort kann ein zeitlich begrenzter Versuch nach dem FODMAP-Prinzip die Beschwerden sortieren helfen. Der andere geht über die Ursachensuche, wie sie im Reizdarm-Artikel und im Gesamtkonzept zum Darm beschrieben ist. Steht statt der Bauchschmerzen ein anhaltender Durchfall im Vordergrund, kann auch die Gallensäure in die Überlegung gehören, und bei zusätzlichen Oberbauchbeschwerden kann die Frage nach der Magensäure sinnvoll sein. Belastbare Studien gibt es zu beidem im Zusammenhang mit Divertikeln nicht, ich beschreibe hier eine Überlegung, kein Ergebnis. Keiner dieser Wege ersetzt die Abklärung eines akuten Schubs.
Eine Sache gehört vor jeden Ernährungsversuch, und sie wird in dieser Reihenfolge oft übersehen. Wenn eine Zöliakie überhaupt im Raum steht, gehört sie abgeklärt, bevor du Weizen oder Gluten reduzierst. Der Grund ist unangenehm praktisch: Unter glutenfreier oder stark weizenarmer Kost können sich Antikörper und Schleimhautbefund zurückbilden, und dann kann die Diagnose nicht mehr gestellt werden. Wer zuerst weglässt und danach testet, steht am Ende ohne Antwort da. Ein FODMAP-Versuch reduziert Weizen mit, deshalb steht dieser Satz genau hier. Und falls du dauerhaft Medikamente nimmst, etwa Säureblocker oder Abführmittel: Ob und wie sich daran etwas ändert, ist eine ärztliche Entscheidung und nicht der erste Schritt eines Selbstversuchs.
Eine Randnotiz, die selten irgendwo steht: Es gibt eine eigene Entität namens SCAD, eine segmentale Colitis in Verbindung mit Divertikulose. Ihre Häufigkeit liegt um 1 Prozent, und sie kann endoskopisch wie eine chronisch entzündliche Darmerkrankung aussehen. Wenn dieser Verdacht im Raum steht, führt der Weg in die Diagnostik, die im Artikel zu Morbus Crohn und Colitis beschrieben ist.
Und jetzt weißt du, warum der Abschnitt über die Zeit nach dem Schub so viel mehr Fragezeichen enthält als der über die Zeit davor. Für die Vorbeugung gibt es große Kohorten. Für die Rückfallvorbeugung gibt es sie bislang nicht.
Wann eine Operation besprochen wird, und warum nicht mehr nach Schubzahl
Es gibt in diesem Feld eine Faustregel, die viele Menschen noch im Kopf haben. Ab dem zweiten Schub wird operiert.
Diese Regel gilt nicht mehr, und die Begründung dafür ist eine der elegantesten in der ganzen Leitlinie.
Zwei Risiken, die in verschiedene Richtungen laufen
- Das Rezidivrisiko steigt. Nach dem ersten Schub liegt es bei etwa 8 Prozent, nach dem fünften bei etwa 45 Prozent. Wer einmal betroffen war, wird es also wahrscheinlicher wieder.
- Das Perforationsrisiko sinkt. Beim ersten Schub liegt es bei etwa 5 bis 25 Prozent, beim fünften unter 1 Prozent. Es halbiert sich ungefähr mit jeder weiteren Episode.
- Daraus folgt eine Umkehrung der alten Logik. Der gefährlichste Schub ist der erste, und den kann keine Operation verhindern, weil sie zu diesem Zeitpunkt noch niemand erwogen hat.
- Nur ein kleiner Teil braucht wirklich einen Notfalleingriff. Von den Menschen, die wegen wiederkehrender Divertikulitis stationär behandelt werden, benötigen etwa 5 Prozent eine Notfalloperation.
- Also wird die Indikation anders gestellt. Nicht mehr über die Zahl der Schübe, sondern über den Leidensdruck.
Zahlen und Formulierungen aus der deutschen S3-Leitlinie, Empfehlung 6.12 (neu 2021, Evidenzlevel 2, Grad B, starker Konsens) und Empfehlung 6.13. DOI: 10.1055/a-1741-5724 [Leitlinie]. Die amerikanische Fachgesellschaft formuliert denselben Punkt: Eine elektive Resektion soll nicht auf Grundlage der Episodenzahl empfohlen werden.
„Die früher propagierte Empfehlung zur Resektion nach dem zweiten Entzündungsschub ist daher heute als obsolet anzusehen."
S3-Leitlinie Divertikelkrankheit / Divertikulitis, DGVS und DGAV, Kommentar zu Empfehlung 6.12 [Leitlinie]Wonach wird dann entschieden? Nach der Lebensqualität. Empfehlung 6.13 sagt, die Beeinträchtigung der Lebensqualität solle die wesentliche Entscheidungshilfe sein. Und dazu gibt es tatsächlich eine randomisierte Studie.
An 24 Lehrkrankenhäusern und zwei Universitätskliniken wurden 109 Menschen zwischen 18 und 75 Jahren randomisiert, die entweder mindestens drei Episoden innerhalb von zwei Jahren oder anhaltende Beschwerden über mindestens drei Monate nach einer bestätigten Episode hatten. 53 wurden operiert, 56 konservativ behandelt. Primärer Endpunkt war die Lebensqualität, gemessen mit dem Gastrointestinal Quality of Life Index nach sechs Monaten.
Der Wert lag nach sechs Monaten bei 114,4 in der Operations- und bei 100,4 in der konservativen Gruppe, eine mittlere Differenz von 14,2 mit einem Konfidenzintervall von 7,2 bis 21,1. Zugleich hatten 43 der 109 Menschen, also 38 Prozent, in den ersten sechs Monaten ein schweres unerwünschtes Ereignis, verteilt auf beide Gruppen. Sieben der Operierten, also 15 Prozent, entwickelten eine Anastomoseninsuffizienz. 13 der konservativ Zugeteilten wurden wegen anhaltender Beschwerden doch operiert. Es gab keine Todesfälle. Die Studie wurde wegen Rekrutierungsschwierigkeiten vorzeitig beendet.
Was das für dich bedeutet: Die Operation kann die Lebensqualität deutlich verbessern, und sie hat ein reales Komplikationsrisiko. Beides steht in derselben Studie, und beides gehört in dasselbe Gespräch.
van de Wall BJM, Stam MAW, Draaisma WA et al. Lancet Gastroenterol Hepatol. 2017;2(1):13-22. PMID: 28404008 · DOI: 10.1016/S2468-1253(16)30109-1Nach fünf Jahren wurde noch einmal nachgemessen. Der Lebensqualitätswert lag bei 118,2 nach Operation und bei 108,5 konservativ, mittlere Differenz 9,7. Alle sekundären Maße fielen ebenfalls zugunsten der Operation aus, beim körperlichen und beim psychischen Summenscore, beim allgemeinen Lebensqualitätsmaß und beim Schmerzwert. Von den Operierten hatten 8 Menschen, also 11 Prozent, eine Anastomoseninsuffizienz, bei 11 Menschen, also 15 Prozent, waren Wiedereingriffe nötig.
Und dann steht in dieser Nachbeobachtung eine Zahl, die in beide Richtungen zeigt und die ich für die ehrlichste des Abschnitts halte: 26 der konservativ Behandelten, also 46 Prozent, wurden innerhalb von fünf Jahren wegen anhaltender schwerer Beschwerden doch operiert.
46 Prozent, und was daraus folgt
Die eine Lesart: Fast die Hälfte derjenigen, die konservativ beginnen, landet am Ende doch im Operationssaal. Wer schwer leidet, verschiebt die Entscheidung damit vielleicht nur.
Die andere Lesart: Etwas mehr als die Hälfte eben nicht. Für diese Menschen wäre eine frühe Operation eine Belastung ohne Notwendigkeit gewesen, mit einem Komplikationsrisiko im zweistelligen Prozentbereich.
Genau deshalb kann diese Entscheidung nicht aus einer Tabelle abgelesen werden. Sie wird zwischen der betroffenen Person und der Chirurgie getroffen, nach Abwägung von Beschwerdedruck und Operationsrisiko. Dieser Text ersetzt dieses Gespräch nicht und drängt in keine Richtung.
Anders steht die Frage bei den komplizierten Formen. Bei einer Verengung des Darms, bei einer Fistel oder nach einem größeren Abszess kann eine Operation im entzündungsfreien Intervall angeboten werden. Das ist eine andere Situation als die wiederkehrende unkomplizierte Divertikulitis, und sie folgt anderen Überlegungen.
Und jetzt weißt du, warum die Frage nach der Operation heute nicht mehr mit einer Zahl beantwortet wird, sondern mit einer Frage zurück: Wie sehr schränkt dich das ein?
Häufige Fragen zu Divertikeln und Divertikulitis
Bei mir wurden Divertikel gefunden. Bin ich jetzt krank?
Nicht automatisch. Die deutsche S3-Leitlinie führt die beschwerdefreie Divertikulose als Typ 0 ihrer Klassifikation und schreibt in dieselbe Zeile: keine Krankheit. Erst wenn Beschwerden dazukommen, spricht man von Divertikelkrankheit, und erst bei einer nachgewiesenen Entzündung von Divertikulitis. Ein Befund im Koloskopiebericht ist also eine Beschreibung, noch keine Diagnose.
Wie wahrscheinlich ist es, dass sich meine Divertikel entzünden?
In der bislang aussagekräftigsten Auswertung von Menschen mit Divertikeln als Zufallsbefund entwickelten 2222 Untersuchte über bis zu elf Jahre in 4,3 Prozent der Fälle eine Divertikulitis. Nach strenger, bildgebend oder operativ bestätigter Definition war es 1 Prozent, also 1,5 Ereignisse pro 1000 Patientenjahre. Die mediane Zeit bis zum Ereignis lag bei 7,1 Jahren. Ein Review dreier Kohorten kommt auf 1,5 bis 6,0 Ereignisse pro 1000 Patientenjahre. Die verbreitete Angabe von 10 bis 25 Prozent bezeichnet die deutsche Leitlinie selbst als unkritisch tradiert.
Warum ist mein Risiko höher, wenn ich jung bin? Das klingt verkehrt.
Es klingt verkehrt und ist trotzdem der Befund. In derselben Kohorte sank das Risiko mit jeder Lebensdekade zum Zeitpunkt der Diagnose um 24 Prozent, die Hazard Ratio lag bei 0,76. Die deutsche Leitlinie referiert dazu, dass die kumulative Wahrscheinlichkeit bei 40 Jahre alten Menschen mit etwa 11 Prozent am höchsten lag. Eine naheliegende Erklärung: Wer mit 40 schon Divertikel hat, hat mehr Lebensjahre vor sich und wahrscheinlich eine ausgeprägtere Veranlagung.
Bilden sich Divertikel wieder zurück?
Nach heutigem Kenntnisstand nicht. Die Ausstülpungen bleiben. Das ist aber nicht der Punkt, an dem sich etwas entscheidet. Die Frage ist nicht, ob sie verschwinden, sondern ob sie ruhig bleiben, und dafür gibt es Ansatzpunkte. In einer großen Beobachtungskohorte an amerikanischen Männern in Gesundheitsberufen lag die Divertikulitis-Rate bei Männern mit fünf günstigen Lebensstilfaktoren bei einem relativen Risiko von 0,27 gegenüber Männern ohne einen einzigen. Das ist ein Zusammenhang, kein Beweis, es gilt für die Zeit, bevor je etwas passiert ist, und es lässt sich nicht auf die Zeit nach einem Schub übertragen.
Darf ich Nüsse, Körner und Kerne essen?
Die deutsche S3-Leitlinie sagt seit 2021 in Empfehlung 5.2, eine Empfehlung zum Meiden von Nüssen, Körnern, Mais und Popcorn solle zur Primärprophylaxe nicht ausgesprochen werden. Grundlage ist eine Kohorte mit 47.228 Männern über 18 Jahre: Für Nüsse lag die Hazard Ratio bei 0,80 und für Popcorn bei 0,72, für Mais fand sich kein Zusammenhang. Das ist eine Beobachtungsstudie, und das Konfidenzintervall für Nüsse reicht knapp über 1,0. Die belastbare Aussage lautet deshalb nicht, dass Nüsse schützen, sondern dass der alte Rat keine Grundlage hat. In der akuten Phase gilt die ärztliche Anweisung.
Woher kam der Rat mit den Nüssen überhaupt?
Aus einer Vorstellung, die plausibel klang. Unverdaute Reste von Nüssen, Mais und Popcorn sollten in den Divertikelhälsen stecken bleiben und dort Komplikationen auslösen. Die deutsche Leitlinie nennt das wörtlich eine früher häufig geäußerte Vorstellung. Belegt war sie nie, und als in einer großen Kohorte nachgemessen wurde, zeigte das Muster eher in die andere Richtung.
Was bringen Flohsamen oder Ballaststoffpräparate, wenn ich schon Divertikel habe?
Hier trennt die Leitlinie sauber. Für die Vorbeugung, bevor je etwas passiert ist, steht die Empfehlung zu mindestens 30 Gramm Ballaststoffen am Tag mit dem höchsten Empfehlungsgrad A. Für die Zeit nach einem durchgemachten Schub sagt dieselbe Leitlinie ausdrücklich, die Evidenz reiche nicht, und verweist auf eine einzige ältere kleine retrospektive Untersuchung mit 72 Teilnehmenden. Zugleich rät sie ausdrücklich nicht davon ab. Wirkversprechen zu Flohsamen, wie sie auf Produktseiten stehen, sind davon nicht gedeckt.
Muss eine Divertikulitis immer mit Antibiotika behandelt werden?
Nein, nicht immer, und das ist der größte Wandel in diesem Feld. Zwei randomisierte Studien mit 623 und 528 Teilnehmenden fanden bei unkomplizierter linksseitiger Divertikulitis keinen Vorteil einer Antibiotikatherapie, und die Zusammenführung beider Datensätze mit 1109 Menschen fand keine Untergruppe, die davon profitiert hätte. Die deutsche Leitlinie macht daraus eine Kann-Empfehlung, gebunden an fehlende Risikoindikatoren und an engmaschige klinische Kontrolle. Diese Entscheidung trifft die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt anhand von Bildgebung, Labor und Begleiterkrankungen. Ein verordnetes Antibiotikum wird niemals eigenmächtig abgesetzt oder weggelassen.
Wie lange dauert eine unkomplizierte Divertikulitis?
In der niederländischen DIABOLO-Studie lag die mediane Zeit bis zur Genesung bei 14 Tagen in der Beobachtungsgruppe und bei 12 Tagen in der Antibiotikagruppe. Die Streubreite war groß, der Interquartilbereich reichte von 6 bis 35 beziehungsweise von 7 bis 30 Tagen. Zwei Wochen sind eine realistische Erwartung. Ob ein paar Tage mehr harmlos sind, entscheidet aber nicht die Zahl der Tage, sondern der Verlauf. Solange die Schmerzen abnehmen und kein Fieber, kein zunehmender oder brettharter Bauch und keine Kreislaufschwäche dazukommen, ist Geduld in Ordnung. Wenn eines dieser Zeichen auftritt oder es dir schlechter geht, stellst du dich sofort ärztlich vor, unabhängig davon, welcher Tag es ist. Bei brettartigem Bauch, plötzlichem starkem Schmerzanstieg oder Kreislaufschwäche gilt der Notruf 112.
Was darf ich nach einem Schub essen?
Für die akute Phase gilt, was die behandelnde Praxis oder Klinik sagt. Dafür gibt es keine belastbare Studienlage, aus der sich ein allgemeiner Plan ableiten ließe, und dieser Text gibt deshalb bewusst keinen Kostaufbau vor. Für die Zeit danach gilt die allgemeine Ernährungsempfehlung mit reichlich Ballaststoffen und wenig rotem Fleisch. Dass genau das einen zweiten Schub verhindert, ist nicht belegt, und die deutsche Leitlinie sagt das offen.
Wie oft kommt eine Divertikulitis wieder?
Es gibt vier belegte Zahlen. 16 Prozent nach einem Jahr in der schwedischen AVOD-Studie, 15,4 Prozent nach zwei Jahren in DIABOLO und 31,3 Prozent nach median elf Jahren in der Nachbeobachtung von AVOD. Die deutsche Leitlinie gibt zusätzlich an, dass das Rezidivrisiko mit jedem Schub steigt, von etwa 8 Prozent nach dem ersten auf etwa 45 Prozent nach dem fünften. Und sie hält fest, dass die erste Episode meist die schwerste ist.
Bin ich schuld, weil ich mich falsch ernährt habe?
Eine schwedische Zwillingsstudie mit 104.452 Zwillingen schätzt die Erblichkeit der Divertikelkrankheit auf 40 Prozent. Wenn ein eineiiger Zwilling betroffen war, lag die Odds Ratio für den anderen bei 7,15, bei zweieiigen Zwillingen bei 3,20. Die amerikanische Fachgesellschaft schreibt ausdrücklich, dass Betroffene über den genetischen Anteil aufgeklärt werden sollen. Lebensstil zählt, aber er ist nicht die ganze Rechnung.
Ab wann wird operiert?
Nicht mehr nach der Zahl der Schübe. Die deutsche Leitlinie nennt die früher verbreitete Empfehlung zur Resektion nach dem zweiten Entzündungsschub wörtlich obsolet. Der Grund ist eine Umkehrung: Das Rezidivrisiko steigt mit jedem Schub, das Perforationsrisiko dagegen ist beim ersten Schub am höchsten, mit etwa 5 bis 25 Prozent, und liegt beim fünften unter 1 Prozent. Entschieden wird heute nach dem Leidensdruck. Die DIRECT-Studie, eine kleine offene Untersuchung mit 109 Menschen, die wegen Rekrutierungsproblemen vorzeitig beendet wurde, fand nach sechs Monaten eine bessere Lebensqualität in der operierten Gruppe. Im selben Zeitraum hatten 38 Prozent aller Teilnehmenden ein schweres unerwünschtes Ereignis, und 15 Prozent der Operierten eine Anastomoseninsuffizienz. Nach fünf Jahren waren 46 Prozent der konservativ Behandelten doch operiert worden, gut die Hälfte also nicht. Diese Entscheidung gehört in ein Gespräch mit der Chirurgie und nicht in eine Zahl.
Muss ich nach einer Divertikulitis eine Darmspiegelung machen?
Die deutsche Leitlinie sagt, nach Abklingen einer konservativ behandelten Divertikulitis, in der Regel nach 6 bis 8 Wochen, solle die Indikation zur Koloskopie nach klinisch-anamnestischen Faktoren gestellt werden. Eine Metaanalyse aus elf Studien fand in 0,7 Prozent nach unkompliziertem und in 10,8 Prozent nach kompliziertem Verlauf ein Karzinom, wobei der zweite Wert nur auf 79 Menschen beruht und deshalb mit einer Spanne von etwa 5 bis 21 Prozent angegeben wird. Wichtig ist ein Satz, den die Leitlinie ausdrücklich schreibt: Ein CT oder Ultraschall im Rahmen der Divertikulitis ist kein Tumorausschluss. Wenn dir eine Koloskopie empfohlen wurde, ist dieser Text kein Grund, sie zu verschieben.
Kommen meine Blähungen von den Divertikeln?
Eher selten direkt. Die deutsche Leitlinie schreibt, die symptomatische unkomplizierte Divertikelkrankheit lasse sich letztlich nicht sicher vom Reizdarmsyndrom abgrenzen. Wenn Blähungen im Vordergrund stehen, lohnt der Blick auf andere Ursachen, etwa eine bakterielle Fehlbesiedlung des Dünndarms.
Wo dieses Thema an den Rest des Körpers andockt
Divertikel stehen nicht für sich. Sie hängen am Bindegewebe, an der Ernährung über Jahrzehnte, an Bewegung und Schlaf, an der Frage, wie ein Darm auf Entzündung reagiert, und daran, wie ein Mensch mit einem unklaren Befund umgeht.
Ballaststoffe: die Mythen
Woher die Zahl 30 kommt und was sie taugt
Entzündliche Lebensmittel
Was Entzündung im Körper füttert und was sie beruhigen kann
Schlaf und Mikrobiom
Warum der Darm nachts eine eigene Schicht arbeitet
Darm-Hirn-Achse
Wie Schmerzwahrnehmung im Bauch entsteht und moduliert wird
Paleo und AIP
Was Ernährungsmuster bei entzündlichen Prozessen leisten können
Eisenmangel und Darm
Warum wiederholte Blutverluste an anderer Stelle sichtbar werden
Wissenschaftliche Quellen
- Leifeld L, Germer CT, Böhm S, Dumoulin FL, Frieling T, Kreis M, Meining A, Labenz J, Lock JF, Ritz JP, Schreyer A, Kruis W. S3-Leitlinie Divertikelkrankheit/Divertikulitis. Gemeinsame Leitlinie der DGVS und der DGAV. Z Gastroenterol. 2022;60(4):613-688. AWMF-Register-Nr. 021-020, Version 2.1, November 2021. PMID: 35388437 · DOI: 10.1055/a-1741-5724 [Leitlinie]
- Peery AF, Shaukat A, Strate LL. AGA Clinical Practice Update on Medical Management of Colonic Diverticulitis: Expert Review. Gastroenterology. 2021;160(3):906-911.e1. PMID: 33279517 · DOI: 10.1053/j.gastro.2020.09.059 [Leitlinie, Consensus Guideline]
- Schultz JK, Azhar N, Binda GA et al. European Society of Coloproctology: guidelines for the management of diverticular disease of the colon. Colorectal Dis. 2020;22(Suppl 2):5-28. PMID: 32638537 · DOI: 10.1111/codi.15140 [Leitlinie, Consensus Guideline]
- Stollman N, Smalley W, Hirano I; AGA Institute Clinical Guidelines Committee. American Gastroenterological Association Institute Guideline on the Management of Acute Diverticulitis. Gastroenterology. 2015;149(7):1944-9. PMID: 26453777 · DOI: 10.1053/j.gastro.2015.10.003 [Leitlinie, Consensus Guideline]
- Strate LL, Liu YL, Syngal S, Aldoori WH, Giovannucci EL. Nut, corn, and popcorn consumption and the incidence of diverticular disease. JAMA. 2008;300(8):907-14. PMID: 18728264 · DOI: 10.1001/jama.300.8.907 [Prospektive Kohorte, n=47.228]
- Peery AF, Barrett PR, Park D, Rogers AJ, Galanko JA, Martin CF, Sandler RS. A high-fiber diet does not protect against asymptomatic diverticulosis. Gastroenterology. 2012;142(2):266-72.e1. PMID: 22062360 · DOI: 10.1053/j.gastro.2011.10.035 [Querschnitt, Kohorte, n=2.104]
- Peery AF, Sandler RS, Ahnen DJ et al. Constipation and a low-fiber diet are not associated with diverticulosis. Clin Gastroenterol Hepatol. 2013;11(12):1622-7. PMID: 23891924 · DOI: 10.1016/j.cgh.2013.06.033 [Querschnitt, Kohorte, n=2.108]
- Aune D, Sen A, Norat T, Riboli E. Dietary fibre intake and the risk of diverticular disease: a systematic review and meta-analysis of prospective studies. Eur J Nutr. 2020;59(2):421-432. PMID: 31037341 · DOI: 10.1007/s00394-019-01967-w [Meta-Analyse, k=5]
- Crowe FL, Appleby PN, Allen NE, Key TJ. Diet and risk of diverticular disease in Oxford cohort of EPIC: prospective study of British vegetarians and non-vegetarians. BMJ. 2011;343:d4131. PMID: 21771850 · DOI: 10.1136/bmj.d4131 [Prospektive Kohorte, n=47.033]
- Shahedi K, Fuller G, Bolus R et al. Long-term risk of acute diverticulitis among patients with incidental diverticulosis found during colonoscopy. Clin Gastroenterol Hepatol. 2013;11(12):1609-13. PMID: 23856358 · DOI: 10.1016/j.cgh.2013.06.020 [Retrospektive Kohorte, n=2.222]
- Rustom LBO, Sharara AI. The Natural History of Colonic Diverticulosis: Much Ado about Nothing? Inflamm Intest Dis. 2018;3(2):69-74. PMID: 30733950 · DOI: 10.1159/000490054 [Review]
- Hawkins AT, Wise PE, Chan T et al. Diverticulitis: An Update From the Age Old Paradigm. Curr Probl Surg. 2020;57(10):100862. PMID: 33077029 · DOI: 10.1016/j.cpsurg.2020.100862 [Übersichtsarbeit]
- Granlund J, Svensson T, Olén O, Hjern F, Pedersen NL, Magnusson PKE, Schmidt PT. The genetic influence on diverticular disease: a twin study. Aliment Pharmacol Ther. 2012;35(9):1103-7. PMID: 22432696 · DOI: 10.1111/j.1365-2036.2012.05069.x [Zwillingsstudie, Kohorte, n=104.452]
- Chabok A, Påhlman L, Hjern F, Haapaniemi S, Smedh K; AVOD Study Group. Randomized clinical trial of antibiotics in acute uncomplicated diverticulitis. Br J Surg. 2012;99(4):532-9. PMID: 22290281 · DOI: 10.1002/bjs.8688 [RCT, n=623]
- Isacson D, Smedh K, Nikberg M, Chabok A. Long-term follow-up of the AVOD randomized trial of antibiotic avoidance in uncomplicated diverticulitis. Br J Surg. 2019;106(11):1542-1548. PMID: 31386199 · DOI: 10.1002/bjs.11239 [RCT-Nachbeobachtung, n=556]
- Daniels L, Ünlü Ç, de Korte N et al. Randomized clinical trial of observational versus antibiotic treatment for a first episode of CT-proven uncomplicated acute diverticulitis. Br J Surg. 2017;104(1):52-61. PMID: 27686365 · DOI: 10.1002/bjs.10309 [RCT, n=528]
- van Dijk ST, Daniels L, Ünlü Ç et al. Long-Term Effects of Omitting Antibiotics in Uncomplicated Acute Diverticulitis. Am J Gastroenterol. 2018;113(7):1045-1052. PMID: 29700480 · DOI: 10.1038/s41395-018-0030-y [RCT-Nachbeobachtung, n=528]
- van Dijk ST, Chabok A, Dijkgraaf MG, Boermeester MA, Smedh K. Observational versus antibiotic treatment for uncomplicated diverticulitis: an individual-patient data meta-analysis. Br J Surg. 2020;107(8):1062-1069. PMID: 32073652 · DOI: 10.1002/bjs.11465 [Meta-Analyse, Individualdaten, n=1.109]
- Thorisson A, Smedh K, Torkzad MR, Påhlman L, Chabok A. CT imaging for prediction of complications and recurrence in acute uncomplicated diverticulitis. Int J Colorectal Dis. 2016;31(2):451-7. PMID: 26490053 · DOI: 10.1007/s00384-015-2423-3 [RCT-Substudie, n=602]
- Liu PH, Cao Y, Keeley BR et al. Adherence to a Healthy Lifestyle is Associated With a Lower Risk of Diverticulitis among Men. Am J Gastroenterol. 2017;112(12):1868-1876. PMID: 29112202 · DOI: 10.1038/ajg.2017.398 [Prospektive Kohorte, 907 Fälle]
- Strate LL, Keeley BR, Cao Y, Wu K, Giovannucci EL, Chan AT. Western Dietary Pattern Increases, and Prudent Dietary Pattern Decreases, Risk of Incident Diverticulitis in a Prospective Cohort Study. Gastroenterology. 2017;152(5):1023-1030.e2. PMID: 28065788 · DOI: 10.1053/j.gastro.2016.12.038 [Prospektive Kohorte, n=46.295]
- Aune D, Sen A, Leitzmann MF, Tonstad S, Norat T, Vatten LJ. Tobacco smoking and the risk of diverticular disease: a systematic review and meta-analysis of prospective studies. Colorectal Dis. 2017;19(7):621-633. PMID: 28556447 · DOI: 10.1111/codi.13748 [Meta-Analyse, k=5]
- Ma W, Jovani M, Liu PH et al. Association Between Obesity and Weight Change and Risk of Diverticulitis in Women. Gastroenterology. 2018;155(1):58-66.e4. PMID: 29614301 · DOI: 10.1053/j.gastro.2018.03.057 [Prospektive Kohorte, n=46.079]
- Strate LL, Liu YL, Huang ES, Giovannucci EL, Chan AT. Use of aspirin or nonsteroidal anti-inflammatory drugs increases risk for diverticulitis and diverticular bleeding. Gastroenterology. 2011;140(5):1427-33. PMID: 21320500 · DOI: 10.1053/j.gastro.2011.02.004 [Prospektive Kohorte, n=47.210]
- Raskin JB, Kamm MA, Jamal MM et al. Mesalamine did not prevent recurrent diverticulitis in phase 3 controlled trials. Gastroenterology. 2014;147(4):793-802. PMID: 25038431 · DOI: 10.1053/j.gastro.2014.07.004 [RCT, Phase 3, n=1.182]
- Urushidani S, Kuriyama A, Matsumura M. 5-aminosalicylic acid agents for prevention of recurrent diverticulitis: A systematic review and meta-analysis. J Gastroenterol Hepatol. 2018;33(1):12-19. PMID: 28623877 · DOI: 10.1111/jgh.13846 [Meta-Analyse, k=8]
- Bianchi M, Festa V, Moretti A et al. Meta-analysis: long-term therapy with rifaximin in the management of uncomplicated diverticular disease. Aliment Pharmacol Ther. 2011;33(8):902-10. PMID: 21366632 · DOI: 10.1111/j.1365-2036.2011.04606.x [Meta-Analyse, k=4]
- Cuomo R, Cargiolli M, Andreozzi P, Zito FP, Sarnelli G. Rationale and evidences for treatment of symptomatic uncomplicated diverticular disease. Minerva Gastroenterol Dietol. 2017;63(2):130-142. PMID: 27973463 · DOI: 10.23736/S1121-421X.16.02357-6 [Review]
- van de Wall BJM, Stam MAW, Draaisma WA et al. Surgery versus conservative management for recurrent and ongoing left-sided diverticulitis (DIRECT trial): an open-label, multicentre, randomised controlled trial. Lancet Gastroenterol Hepatol. 2017;2(1):13-22. PMID: 28404008 · DOI: 10.1016/S2468-1253(16)30109-1 [RCT, n=109]
- Bolkenstein HE, Consten ECJ, van der Palen J et al. Long-term Outcome of Surgery Versus Conservative Management for Recurrent and Ongoing Complaints After an Episode of Diverticulitis: 5-year Follow-up Results of the DIRECT Trial. Ann Surg. 2019;269(4):612-620. PMID: 30247329 · DOI: 10.1097/SLA.0000000000003033 [RCT-Nachbeobachtung, n=109]
- Sharma PV, Eglinton T, Hider P, Frizelle F. Systematic review and meta-analysis of the role of routine colonic evaluation after radiologically confirmed acute diverticulitis. Ann Surg. 2014;259(2):263-72. PMID: 24169174 · DOI: 10.1097/SLA.0000000000000294 [Meta-Analyse, k=11]
- Asaad P, Hajibandeh S, Rahm M, Johnston T, Chowdhury S, Bronder C. Should a colonoscopy be offered routinely to patients with CT proven acute diverticulitis? A retrospective cohort study and meta-analysis of best available evidence. World J Gastrointest Endosc. 2019;11(7):427-437. PMID: 31367268 · DOI: 10.4253/wjge.v11.i7.427 [Retrospektive Kohorte, Meta-Analyse, k=4]
- Die zentrale Progressionszahl ist retrospektiv. Die Kohorte mit 2222 Menschen stammt aus einem einzelnen amerikanischen Gesundheitssystem und ist überwiegend männlich. Ereignisse, die außerhalb dieses Systems behandelt wurden, könnten fehlen. Die Größenordnung wird durch zwei weitere Kohorten gestützt, eine prospektive Bestätigung fehlt.
- Die Prävalenzzahlen nach Altersgruppen überschätzen wahrscheinlich. Die deutsche Leitlinie schreibt das selbst, weil die Werte aus Kontrastuntersuchungen und Obduktionen stammen. Bei reinen Vorsorge-Koloskopien liegt der Wert bei etwa 28 Prozent.
- Die Nuss-Daten kommen aus einer Beobachtungsstudie an Männern. Das Konfidenzintervall für Nüsse reicht knapp über 1,0. Die tragfähige Aussage ist deshalb, dass für die alte Meidungsempfehlung keine Grundlage besteht, nicht dass Nüsse schützen.
- Ballaststoffe nach einem durchgemachten Schub sind nicht belegt. Die Leitlinie sagt ausdrücklich, die Evidenz reiche nicht, und stützt sich dabei auf eine einzige kleine retrospektive Untersuchung mit 72 Teilnehmenden. Zugleich rät sie nicht davon ab. Beides steht im Text.
- Die 50-Prozent-Zahl aus der Lebensstil-Kohorte gilt für die Primärprophylaxe. Zur Sekundärprophylaxe schreibt die Leitlinie, dass für Bewegung, fleischarme Kost und Gewichtsvermeidung keine Studien vorliegen. Diese Zahl darf nicht auf die Zeit nach einem Schub übertragen werden.
- Bei der Antibiotikafrage bleibt statistische Unsicherheit. In der gepoolten Individualdatenanalyse lag die komplizierte Divertikulitis bei 4,0 gegen 2,1 Prozent mit einem p-Wert von 0,079, in der DIABOLO-Nachbeobachtung die Sigmaresektion bei 9,0 gegen 5,0 Prozent mit einem p-Wert von 0,085. Beide Studien schlossen immunsupprimierte und schwer kranke Menschen aus. Das Ergebnis gilt für ein streng ausgewähltes Kollektiv.
- Das CRP trennt schlecht. Der beste Trennwert von 150 mg/l hat eine Sensitivität von nur 44 Prozent, und die Leitlinie hält fest, dass auch bei normalem CRP Perforationen gefunden wurden.
- Die Spanne für die Progression von unkompliziert zu kompliziert ist groß. Sie reicht von 3,0 Prozent aus einer Studienpopulation, die die Leitlinie selbst als wahrscheinliche Unterschätzung bezeichnet, bis zu 15 bis 30 Prozent aus amerikanischen Leitlinien. Sie bleibt hier bewusst eine Spanne.
- Die Rifaximin-Frage wird international unterschiedlich beantwortet. Die positive Metaanalyse stützt sich zu drei Vierteln auf offene Studien, und die einzige placebokontrollierte zeigte in den ersten drei Monaten keinen Unterschied. Der italienische Übersichtsartikel bewertet dieselbe Lage anders. Diese Kontroverse steht im Text, weil sie zur Sache gehört.
- Die Frage der Nachsorge-Koloskopie ist international nicht einheitlich geregelt. Eine kleine retrospektive Arbeit mit Metaanalyse fand keinen Unterschied zur Screening-Population, sie ist methodisch schwach und trennt nicht nach kompliziert und unkompliziert. Die deutsche Leitlinie widerspricht ihr ausdrücklich. Aus dieser Debatte folgt an keiner Stelle, eine empfohlene Untersuchung ausfallen zu lassen.
- Die DIRECT-Studie war klein und wurde vorzeitig beendet. 109 Menschen, offenes Design, Rekrutierungsschwierigkeiten. Sie ist die einzige randomisierte Arbeit zu dieser Frage, und ihre Aussagekraft hat Grenzen.
- Was hier bewusst nicht steht. Kein Kostaufbau nach dem Schub, kein Wochenplan, keine Dosierung für Flohsamen, Mesalazin, Rifaximin oder Probiotika und kein Rat, eine bestehende Medikation zu verändern, zu reduzieren oder abzusetzen. Jede Anpassung gehört ärztlich begleitet. Was ich aus meiner Sprechstunde beschreibe, ist als Beobachtung gekennzeichnet und kein Studienergebnis.