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Fermentierte Lebensmittel: was Sauerkraut, Kefir und Kimchi können

Eine randomisierte Studie über 17 Wochen zeigte gleichzeitig mehr mikrobielle Vielfalt und weniger Entzündungssignale. Es waren 18 Menschen pro Gruppe. Beides gehört in denselben Satz, und genau darum geht es hier.

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Shukri Jarmoukli · Arzt · Tätigkeitsschwerpunkt Integrative Medizin · ViveCura Berlin
Was die Daten hergeben Was im Regal lebt Für wen Vorsicht gilt 31 Quellen mit PMID
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Warum ich das schreibe

Fermentiertes ist kein Medikament und kein Ersatz für eine Abklärung. Es ist aber eines der wenigen Lebensmittel, für das eine randomisierte Studie am Menschen gleichzeitig mehr mikrobielle Vielfalt und weniger Entzündungssignale beschrieben hat. Diese Studie ist klein, und ihr primärer Endpunkt blieb unverändert. Beides gehört in denselben Satz.

Du stehst vor dem Kühlregal und hältst zwei Gläser Sauerkraut in der Hand. Das eine kostet einen Euro und stand vorher im Regal neben den Konserven. Das andere kostet vier Euro, war gekühlt, und auf dem Deckel steht ein Wort, das du nicht erwartet hättest: nicht pasteurisiert.

Irgendjemand hat dir gesagt, das mit den lebenden Bakterien sei entscheidend. Jemand anderes hat gesagt, die überleben den Magen sowieso nicht.

Viele Menschen kennen genau diesen Moment. Er ist typisch für dieses Thema. Sehr viel Begeisterung, sehr viele Regeln, sehr wenige Zahlen.

Ich mache es deshalb umgekehrt. Erst die Zahlen, dann die Regeln. Und dann die ehrliche Stelle, an der die Zahlen aufhören.

Was dich hier erwartet

  • Was im Glas passiert, wenn aus Kohl Sauerkraut wird
  • Die Stanford-Studie mit ihren echten Zahlen und ihren echten Grenzen
  • Kefir, Joghurt, Sauerkraut, Kimchi, Miso, Tempeh, Kombucha einzeln geprüft
  • Ob die Bakterien lebend ankommen müssen, und was Postbiotika damit zu tun haben
  • Welche Produkte im Supermarkt tatsächlich lebende Kulturen enthalten
  • Welche Mengen in den Studien gegeben wurden, und warum das keine Empfehlung ist
  • Für wen Fermentiertes nicht harmlos ist, ausführlich und ohne Beschönigung
  • Warum die Leitlinien dazu schweigen, und warum das keine Ablehnung ist
RCT / Meta randomisiert oder zusammengefasst Human Kohorte, Querschnitt, Beobachtung Leitlinie registrierte Leitlinie einer Fachgesellschaft Konsenspapier Expertenkonsens eines Fachverbandes, keine Leitlinie Labor Lebensmittelchemie, in vitro
Bevor wir anfangen: für wen das hier nicht gilt

Fermentiertes ist nicht für jeden harmlos. Dieser Absatz steht bewusst ganz oben und nicht als Fußnote am Ende.

  • Histaminunverträglichkeit. Fermentierte Lebensmittel sind die eine Gruppe, über die sich sämtliche publizierten histaminarmen Diäten einig sind. Mehr dazu im Artikel zu Histaminintoleranz und DAO.
  • Relevante Immunsuppression oder schwere Grunderkrankung. Große Mengen lebender Kulturen gehören vorher ärztlich besprochen.
  • Akuter Schub bei Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa. Dazu gibt es keine belastbaren Daten, weder dafür noch dagegen. Details im Artikel zu chronisch entzündlichen Darmerkrankungen.
  • Bluthochdruck und salzsensible Situationen. Sauerkraut und Kimchi sind Salzkonserven, und Salz zählt in der Tagesbilanz mit.
  • Reizdarm mit starker Gasbildung. Fermentiertes Gemüse bringt fermentierbare Kohlenhydrate mit. Kleine Mengen und langsames Steigern sind hier kein Zögern, sondern Handwerk.
  • Vitamin-K-Antagonisten wie Phenprocoumon oder Warfarin. Natto ist das Lebensmittel mit dem höchsten Gehalt an Vitamin K2. Schon eine kleine Portion kann die Gerinnungseinstellung verschieben. Das gehört vorher mit der Praxis besprochen, die deine INR führt.
  • MAO-Hemmer und das Antibiotikum Linezolid. Bei der Fermentation entsteht nicht nur Histamin, sondern auch Tyramin. Gereifter Käse, Sauerkraut, Kimchi, Miso und Sojasauce gehören zu den klassischen Tyraminquellen. Die Kombination kann den Blutdruck stark ansteigen lassen.
  • Schwangerschaft und Stillzeit. Rohmilchkäse, Rohmilchkefir und andere unpasteurisierte Milchprodukte können Listerien enthalten, und eine Listeriose kann in der Schwangerschaft das Kind gefährden. Roher Kombucha bringt zusätzlich Alkohol mit. In dieser Zeit ist die pasteurisierte Ware die richtige Wahl und nicht die zweitbeste.
  • Kuhmilcheiweißallergie. Casein und Molkenprotein bleiben im Kefir vollständig erhalten. Fermentation hilft hier nicht, und die Reaktion kann heftig ausfallen.

Und noch etwas: Nichts in diesem Artikel ist ein Grund, eine verordnete Medikation zu verändern oder eine empfohlene Abklärung zu verschieben. Nichts davon ändert man selbst, jede Anpassung gehört in ärztliche Hand. Ein Glas Sauerkraut ersetzt keine Koloskopie und keine Labordiagnostik.

Alarmzeichen: hier gehört kein Ernährungsexperiment hin, sondern ein Termin

  • Blut im Stuhl oder schwarzer, teerartiger Stuhl
  • Ungewollter Gewichtsverlust ohne Erklärung
  • Fieber zusammen mit Bauchbeschwerden
  • Beschwerden, die dich nachts aufwecken
  • Wiederholtes Erbrechen oder eine Schluckstörung
  • Neue, anhaltende Änderung der Stuhlgewohnheit ab etwa 45 bis 50 Jahren
  • Blutarmut im Labor, besonders eine Eisenmangelanämie ohne erkennbaren Grund
  • Darmkrebs oder eine chronisch entzündliche Darmerkrankung in der Familie

Diese Zeichen gehören ärztlich abgeklärt und nicht mit Ernährung behandelt. Wenn eine Koloskopie, eine Magenspiegelung oder eine Labordiagnostik empfohlen wurde, ist der Weg dorthin die erste Aufgabe. Alles, was in diesem Artikel steht, kommt danach.

Was im Glas passiert, wenn aus Kohl Sauerkraut wird

Frag dich kurz etwas Einfaches. Warum hält sich ein Glas Sauerkraut monatelang, obwohl frischer Kohl nach zwei Wochen matschig wird?

Die Antwort ist der ganze Trick. Fermentation ist keine Zugabe. Sie ist eine Umwandlung.

Wenn Kohl gehobelt und gesalzen wird, zieht das Salz Wasser aus den Zellen. Das Gemüse liegt in seiner eigenen Lake, die Luft wird verdrängt, und es entsteht eine sauerstoffarme Umgebung. Genau dort fühlen sich Milchsäurebakterien wohl, die ohnehin schon auf den Blättern sitzen. Sie brauchen niemanden, der sie hinzufügt.

Diese Bakterien machen, was sie am besten können. Sie fressen Zucker und Stärke und geben Milchsäure ab. Der pH-Wert fällt, oft unter 4. In diesem sauren Milieu haben es Fäulniskeime schwer, denn die meisten vertragen es nicht. Das Glas konserviert sich damit weitgehend selbst.

Weitgehend ist hier das entscheidende Wort. Wenn zu wenig Salz im Spiel ist, wenn Luft drankommt oder wenn die Säuerung nicht in Gang kommt, greift dieser Schutz nicht. Deshalb ist ein sich wölbender Deckel bei einem Eigenansatz kein Zeichen von Lebendigkeit, sondern ein Wegwerfgrund, auch wegen des seltenen, aber ernsten Risikos einer Botulismus-Vergiftung bei schlecht geführten Ansätzen.

Denk an eine Baustelle mit strenger Zutrittskontrolle. Salz und Sauerstoffmangel sind der Zaun. Die Milchsäure ist der Türsteher. Und die Bakterien, die zuerst da waren, richten sich häuslich ein.

Mechanismus

Fünf Dinge, die sich beim Fermentieren am Lebensmittel ändern

  1. Zucker verschwindet. Milchsäurebakterien und Hefen verstoffwechseln einen Teil der Kohlenhydrate. Deshalb schmeckt fermentiertes Gemüse nicht süß, und deshalb enthält gereifter Käse fast keine Laktose mehr.
  2. Neue Stoffe entstehen. Milchsäure und Essigsäure, kurzkettige Fettsäuren, bioaktive Peptide aus dem Eiweiß, Exopolysaccharide und in Milchprodukten konjugierte Linolsäure. Das Endprodukt ist chemisch nicht mehr das Ausgangsprodukt.
  3. Einzelne Vitamine nehmen zu. Manche Mikroorganismen bilden B-Vitamine, unter bestimmten Bedingungen auch Folat. Das ist kein Grund, ein fermentiertes Lebensmittel als Vitaminquelle zu verkaufen, aber es erklärt einen Teil der Nährwertunterschiede.
  4. Antinährstoffe werden abgebaut. Phytat bindet Mineralstoffe wie Zink und Eisen. Fermentation kann es teilweise spalten. Bei Sauerteig und bei fermentierten Sojaprodukten wie Tempeh ist das der interessantere Nebeneffekt.
  5. Fermentierbare Kohlenhydrate können sinken. Bei gezielt geführtem Sauerteig ist das gut dokumentiert. Bei Kimchi mit reichlich Knoblauch und Zwiebel gilt eher das Gegenteil, denn dort kommen neue dazu.

Der letzte Punkt ist der wichtigste für alle mit Reizdarm. Fermentiert bedeutet nicht automatisch bekömmlicher. Es kommt auf das Produkt an.

Bleibt die Frage, was ein fermentiertes Lebensmittel eigentlich ist. Dafür gibt es seit 2021 eine saubere Definition, und sie stammt von einem internationalen Expertenpanel.

Konsensuspapier Die Definition, die vieles klärt

Ein Panel der International Scientific Association for Probiotics and Prebiotics, kurz ISAPP, legte 2021 fest, was fermentierte Lebensmittel sind: Lebensmittel, die durch gewünschtes mikrobielles Wachstum und enzymatische Umwandlung von Lebensmittelbestandteilen hergestellt werden.

Dasselbe Papier trennt fermentierte Lebensmittel ausdrücklich von Probiotika und hält fest, dass sie in nationalen Ernährungsempfehlungen bisher keine eigene Kategorie bilden.

Für dich heißt das: Bier, Wein, Sauerteigbrot und Kaffee sind nach dieser Definition fermentierte Lebensmittel. Lebende Mikroorganismen enthalten sie am Ende trotzdem nicht, weil erhitzt, gefiltert oder gebacken wird. Fermentiert und probiotisch sind zwei verschiedene Dinge.

Marco ML, Sanders ME, Gänzle M et al. Nat Rev Gastroenterol Hepatol. 2021;18(3):196-208. PMID: 33398112 · DOI: 10.1038/s41575-020-00390-5 [Konsenspapier, Fachverband]
Reframe

Die verbreitete Vorstellung lautet: Ich esse Sauerkraut, damit die Bakterien aus dem Glas in meinen Darm einziehen.

Das ist die schwächste Begründung von allen. Eine tragfähigere lautet: Ich esse ein Lebensmittel, das von Mikroorganismen bereits vorverdaut wurde, und nehme dabei ihre Stoffwechselprodukte mit auf. Ob die Bakterien selbst bleiben, ist eine ganz andere Frage. Wir kommen später darauf zurück.

Und noch eine Abgrenzung, die diesem Artikel den Rahmen gibt. Hier geht es ausschließlich um Lebensmittel. Kapseln, Sporenpräparate und Kolonie-bildende Einheiten stehen im Artikel über Probiotika in Sporenform und Kapsel. Das Futter für deine eigenen Bakterien, also Inulin, resistente Stärke und Ballaststoffe, steht im Artikel über Präbiotika.

Und jetzt weißt du, warum das Wort fermentiert allein noch gar nichts über lebende Kulturen aussagt.

Die Stanford-Studie, ehrlich gelesen

Es gibt in diesem Feld eine Arbeit, auf die sich alle beziehen. Meistens ohne Zahlen, oft ohne Autorennamen, fast immer ohne die Teilnehmerzahl.

Genau die gehört aber dazu. Also der Reihe nach.

RCT, 17 Wochen, n=36 Zwei Ernährungsarme, ein überraschendes Ergebnis

Ein Team um Hannah Wastyk und Gabriela Fragiadakis an der Stanford University teilte 36 gesunde Erwachsene in zwei Gruppen mit je 18 Personen. Die eine Gruppe steigerte fermentierte Lebensmittel, also Joghurt, Kefir, fermentierten Hüttenkäse, fermentiertes Gemüse, Gemüse-Salzlaken-Getränke und Kombucha. Die andere Gruppe steigerte pflanzliche Ballaststoffe. Insgesamt 17 Wochen, mit tiefem Profiling von Mikrobiom und Immunsystem.

Im Arm mit den fermentierten Lebensmitteln stieg die mikrobielle Vielfalt über die Interventionsphase stetig an, und die Autoren berichten einen Rückgang bei 19 der 93 gemessenen Entzündungsproteine. Im Ballaststoff-Arm blieb die Gemeinschaftsvielfalt stabil, dafür nahmen die mikrobiell kodierten glykanabbauenden Enzyme zu. Und hier gehört der wichtigste Satz dazu: Der primäre Endpunkt, ein Zytokin-Response-Score, veränderte sich in keinem der beiden Arme. Die Diversitätssteigerung und der Rückgang der Entzündungsproteine sind sekundäre und explorative Endpunkte. Im Ballaststoff-Arm zeigten sich stattdessen drei unterschiedliche Immunverläufe, abhängig davon, wie vielfältig das Mikrobiom zu Beginn war.

Für dich heißt das: Das ist die bislang beste randomisierte Arbeit dazu, dass ein Essverhalten die mikrobielle Vielfalt heben und Entzündungssignale senken kann. Es sind 18 Menschen pro Gruppe, alle gesund, über vier Monate, ohne Krankheitsendpunkt. Beides gehört in denselben Satz.

Wastyk HC, Fragiadakis GK, Perelman D et al. Cell. 2021;184(16):4137-4153.e14. PMID: 34256014 · DOI: 10.1016/j.cell.2021.06.019 [RCT, Kohorte am Menschen]
17Wochen Studiendauer insgesamt
18Menschen pro Gruppe, das ist wenig
0Krankheitsendpunkte, alle waren gesund

Warum betone ich die 18 so? Weil aus dieser Studie in der deutschsprachigen Berichterstattung ein Beweis geworden ist. Sie ist keiner. Sie ist ein starkes Signal aus einer kleinen Gruppe.

Ein starkes Signal aus einer kleinen Gruppe ist trotzdem etwas wert. Besonders dann, wenn eine zweite, ganz anders gebaute Untersuchung in dieselbe Richtung zeigt.

Querschnitt, n=6.811 Sechstausend Stuhlproben, ein kleiner Unterschied

Eine Gruppe um Bryn Taylor wertete Stuhlproben von 6.811 Menschen aus dem American Gut Project aus, mit Sequenzierung und ungezielter Massenspektrometrie. 115 Personen wurden zusätzlich gezielt nach der Häufigkeit ihres Fermentiertes-Konsums rekrutiert und über vier Wochen begleitet.

Zwischen Konsumenten und Nichtkonsumenten fanden sich subtile, aber statistisch belastbare Unterschiede in der Zusammensetzung des Mikrobioms. Im Stoffwechselprofil der Konsumenten war konjugierte Linolsäure angereichert.

Für dich heißt das: Wer regelmäßig Fermentiertes isst, hat ein messbar anderes Mikrobiom. Der Effekt ist real und klein. Und es ist eine Beobachtung, kein Beweis für Ursache und Wirkung, denn Menschen, die Kefir trinken, unterscheiden sich meistens auch sonst in ihrem Lebensstil. Anzumerken ist außerdem, dass drei Autoren dieser Arbeit aus der Forschungsabteilung eines Molkereikonzerns stammen. Das entwertet sie nicht, gehört aber dazu.

Beobachtungsdaten, wissenschaftliche Einordnung, keine gesundheitsbezogene Angabe im Sinne der Health-Claims-Verordnung.

Taylor BC, Lejzerowicz F, Poirel M et al. mSystems. 2020;5(2):e00901-19. PMID: 32184365 · DOI: 10.1128/mSystems.00901-19 [Querschnitt mit kleiner Längsschnitt-Teilgruppe]
Die andere Seite

Warum die Ballaststoff-Gruppe kein Argument gegen Ballaststoffe ist

Aus der Stanford-Arbeit wird gern gemacht: Fermentiertes schlägt Ballaststoffe. Das steht dort nicht.

Was dort steht: In zehn Wochen ließ sich mit mehr Ballaststoffen die Gemeinschaftsvielfalt nicht heben. Verändert hat sich trotzdem etwas, nämlich die Enzymausstattung der Bakterien. Sie haben ihr Werkzeug an das neue Futter angepasst, bevor sich die Zusammensetzung verschoben hat. Und der Immunverlauf hing davon ab, wie vielfältig das Mikrobiom vorher war.

Die naheliegende Lesart ist deshalb nicht entweder oder. Sie lautet: Ballaststoffe brauchen möglicherweise mehr Zeit und eine passende Ausgangslage. Wie viel an der Zahl 30 wirklich dran ist, steht im Artikel über Ballaststoff-Mythen.

Reframe

Der übliche Satz lautet: Ich brauche mehr gute Bakterien.

Der tragfähigere lautet: Ich brauche eine vielfältigere Gemeinschaft. Vielfalt ist in der Stanford-Arbeit der Parameter, der sich bewegt hat, nicht die Menge eines einzelnen Stammes. Und Vielfalt entsteht über Wochen durch das, was regelmäßig auf dem Teller liegt, nicht durch eine einzelne Zutat.

Und jetzt weißt du, warum ich diese Studie zitiere und trotzdem keinen Beweis daraus mache.

Kefir, Sauerkraut, Kimchi, Miso: was die Daten pro Lebensmittel hergeben

Jetzt wird es unbequem. Denn sobald man die Familie auseinandernimmt, wird die Datenlage sehr unterschiedlich dick.

Für manches gibt es reproduzierbare Effekte am Menschen. Für anderes gibt es zwölf Teilnehmende und viel Marketing. Ich gehe der Reihe nach durch, und du siehst am Format der Kästen sofort, wie belastbar das jeweils ist.

Kefir: der beste harte Befund im ganzen Feld

Kefir ist etwas anderes als Joghurt. Er wird mit Kefirknollen angesetzt, einer Lebensgemeinschaft aus Milchsäurebakterien, Essigsäurebakterien und Hefen. Deshalb prickelt er leicht und enthält Spuren von Kohlensäure.

RCT, Crossover, n=15 Der Atemtest, der es sichtbar macht

Steven Hertzler und Shannon Clancy gaben 15 Erwachsenen mit Laktosemaldigestion nacheinander Testmahlzeiten mit jeweils 20 Gramm Laktose: als Milch, als Naturkefir, als Fruchtkefir, als Naturjoghurt und als Fruchtjoghurt. Danach maßen sie acht Stunden lang den Wasserstoff in der Atemluft und die Beschwerden.

Die Wasserstoffkurve lag bei Milch bei 224 ppm mal Stunde, bei Naturjoghurt bei 76 und bei Naturkefir bei 87. Fruchtkefir lag mit 156 dazwischen. Die empfundene Blähungsstärke sank gegenüber Milch um 54 bis 71 Prozent.

Für dich heißt das: Fermentation kann Milchzucker messbar leichter verdaulich machen, und zwar bei Joghurt und Kefir ähnlich gut. Der Fruchtzusatz verschlechtert das Ergebnis. Wie Laktoseintoleranz überhaupt festgestellt wird, steht im Artikel zu Laktose, Fruktose und Sorbit.

Hertzler SR, Clancy SM. J Am Diet Assoc. 2003;103(5):582-587. PMID: 12728216 · DOI: 10.1053/jada.2003.50111 [RCT, klein]
RCT, 12 Wochen, n=62 Kefir gegen Milch, und was übrig bleibt

Ein türkisches Team um Ezgi Bellikci-Koyu gab 62 Menschen mit metabolischem Syndrom zwölf Wochen lang entweder 180 Milliliter Kefir täglich oder 180 Milliliter unfermentierte Milch.

Apolipoprotein A1 stieg unter Kefir um 3,4 Prozent und sank unter Milch um 2,4 Prozent, der Unterschied war statistisch signifikant. TNF-alpha, Interleukin 6, Interleukin 10, Interferon-gamma und Homocystein sanken unter Kefir gegenüber dem Ausgangswert. In der Untergruppe mit hohem LDL sank LDL um 7,6 Prozent gegenüber dem Startwert, aber nicht signifikant gegenüber der Milchgruppe. Der Blutdruck sank in beiden Gruppen.

Für dich heißt das: Im Vorher-Nachher sieht Kefir gut aus. Im direkten Vergleich gegen normale Milch bleibt vom Vorsprung wenig übrig. Genau so gehört es aufgeschrieben, sonst wird daraus ein Werbespruch.

Bellikci-Koyu E, Sarer-Yürekli BP, Karagözlü C et al. Nutr Res. 2022;102:59-70. PMID: 35405603 · DOI: 10.1016/j.nutres.2022.02.006 [RCT am Menschen]

Dieselbe Arbeitsgruppe hatte zuvor auch das Mikrobiom angeschaut, bei nur 22 Menschen insgesamt. Unter Kefir sanken Nüchterninsulin, HOMA-IR und Blutdruck gegenüber dem Ausgangswert, im Vergleich zur Milchgruppe blieb aber kein Parameter signifikant. Im Mikrobiom stieg genau eine Bakteriengruppe messbar an. Wer Kefir als Umbau der Darmflora verkauft, geht über diese Daten hinaus. Bellikci-Koyu E et al. Nutrients. 2019;11(9):2089. PMID: 31487797 · DOI: 10.3390/nu11092089 [RCT, klein]

Sauerkraut: eine einzige Studie, und sie ist die interessanteste

Zu Sauerkraut bei Reizdarm gibt es genau eine kontrollierte Untersuchung. Sie ist klein, und sie sagt etwas, das dem üblichen Narrativ widerspricht.

RCT, doppelblind, n=34 Pasteurisiert gegen roh, sechs Wochen

Eine dänische Gruppe um Elsa Sandberg Nielsen gab 34 norwegischen Menschen mit Reizdarmsyndrom sechs Wochen lang täglich Sauerkraut. 15 bekamen pasteurisierte Ware, 19 bekamen unpasteurisierte. Weder die Teilnehmenden noch die Untersuchenden wussten, wer was bekam.

Der Symptomscore IBS-SSS sank unter pasteurisiertem Sauerkraut im Mittel um 38,57 Punkte und unter unpasteurisiertem um 56,99 Punkte. Beide Gruppen besserten sich statistisch signifikant, der Unterschied zwischen den Gruppen war es nicht. Die Mikrobiota veränderte sich in beiden Gruppen. Sauerkraut-typische Milchsäurebakterien fanden sich nur in der Gruppe mit roher Ware häufiger im Stuhl.

Für dich heißt das: Auch das erhitzte Sauerkraut half in dieser Studie. Die Autoren führen den Effekt eher auf die präbiotischen Anteile zurück als auf lebende Keime, und sie nennen ihre Studie selbst unterpowert. Trotzdem ist das der Satz, an dem die Erzählung wackelt, nach der nur lebende Bakterien zählen.

Nielsen ES, Garnås E, Jensen KJ et al. Food Funct. 2018;9(10):5323-5335. PMID: 30256365 · DOI: 10.1039/c8fo00968f [RCT, Pilot am Menschen]

Kimchi: viel Ruf, wenig Datenbasis

Kimchi ist ein fermentierter Chinakohl mit Chili, Knoblauch, Ingwer und Fischsauce oder ihrer vegetarischen Variante. Es gibt dazu Studien, aber sie sind klein.

RCT, 8 Wochen, n=24 Frisch gegen fermentiert

Ein koreanisches Team um Kyungsun Han gab 24 Frauen mit Adipositas acht Wochen lang entweder frisches oder fermentiertes Kimchi und untersuchte Stuhl und Genexpression im Blut.

Die beiden Varianten unterschieden sich in ihren Effekten auf adipositasbezogene Parameter. Die Zusammenhänge zwischen klinischen Werten, Genexpression und Mikrobiota waren in der fermentierten Gruppe deutlicher ausgeprägt.

Für dich heißt das: Ein Hinweis, dass die Fermentation selbst und nicht nur das Gemüse den Unterschied macht. Mit 24 Teilnehmerinnen ist das ein Hinweis und keine Grundlage für eine Empfehlung.

Han K, Bose S, Wang JH et al. Mol Nutr Food Res. 2015;59(5):1004-1008. PMID: 25688926 · DOI: 10.1002/mnfr.201400780 [RCT, sehr klein]

Es gibt außerdem eine größere Arbeit mit 114 Menschen, in der ein aus Kimchi isolierter Bakterienstamm als Kapsel gegen Placebo geprüft wurde. Die Körperfettmasse unterschied sich am Ende um 0,8 Kilogramm zugunsten des Präparats, der Taillenumfang um 0,8 Zentimeter. Das ist eine ordentliche Studie, aber sie sagt nichts über Kimchi als Lebensmittel aus. Sie sagt etwas über eine Kapsel. Genau diese Verwechslung ist im Netz Standard. Anzumerken ist, dass zwei Autoren dieser Arbeit beim Hersteller des geprüften Präparats arbeiten. Das entwertet sie nicht, gehört aber dazu. Lim S, Moon JH, Shin CM et al. Endocrinol Metab (Seoul). 2020;35(2):425-434. PMID: 32615727 · DOI: 10.3803/EnM.2020.35.2.425 [RCT, Präparat]

Miso, Natto, Tempeh: die größte Zahl im ganzen Artikel

Kohorte, n=92.915 Nicht die Sojabohne, die Fermentation

Die japanische JPHC-Kohorte um Ryoko Katagiri begleitete 92.915 Menschen zwischen 45 und 74 Jahren über durchschnittlich 14,8 Jahre und erfasste die Ernährung per Fragebogen. In dieser Zeit starben 13.303 Menschen.

Der Gesamtverzehr von Soja hatte mit der Sterblichkeit nichts zu tun. Für fermentierte Sojaprodukte, also Natto und Miso, lag die Hazard Ratio im höchsten gegenüber dem niedrigsten Fünftel bei 0,90 bei Männern und 0,89 bei Frauen. Bei den Männern lag der Wert dabei genau an der Signifikanzgrenze, das gehört dazu. Natto zeigte zusätzlich eine inverse Assoziation mit der kardiovaskulären Sterblichkeit.

Für dich heißt das: In der größten Untersuchung zu diesem Thema hebt sich genau die fermentierte Untergruppe ab. Es bleibt eine Beobachtung. Die Autoren warnen selbst vor nicht adjustierten Störgrößen, denn wer viel Natto isst, isst meistens auch sonst anders.

Beobachtungsdaten, wissenschaftliche Einordnung, keine gesundheitsbezogene Angabe im Sinne der Health-Claims-Verordnung.

Katagiri R, Sawada N, Goto A et al. BMJ. 2020;368:m34. PMID: 31996350 · DOI: 10.1136/bmj.m34 [Kohorte, groß]
Ein Hinweis, der bei Natto dazugehört

Natto ist das Lebensmittel mit dem höchsten Gehalt an Vitamin K2. Wenn du einen Vitamin-K-Antagonisten wie Phenprocoumon oder Warfarin einnimmst, kann schon eine kleine Portion die Gerinnungseinstellung verschieben. Eine systematische Übersicht zur verträglichen Vitamin-K-Zufuhr unter diesen Medikamenten kommt zu dem Schluss, dass fermentierte Sojabohnen das einzige Lebensmittel sind, von dem konsequent abgeraten wird, während grünes Blattgemüse in begrenzter Menge möglich bleibt.

Natto gehört dann nicht auf den Teller, ohne dass es vorher mit der Praxis besprochen ist, die deine INR führt. Für Miso in Speisemengen gilt das nicht in gleichem Maß, für Natto sehr wohl. Das ist kein Grund zur Panik, aber ein Grund zu fragen, bevor du anfängst. Und es ist kein Grund, an der Medikation selbst etwas zu ändern.

Sato Y, Murata M, Chiba T, Umegaki K. Shokuhin Eiseigaku Zasshi. 2015;56(4):157-165. PMID: 26346860 · DOI: 10.3358/shokueishi.56.157 [Systematischer Review]

Zu koreanischem Doenjang, einer fermentierten Sojapaste, gibt es eine kleine randomisierte Studie an 56 Frauen in den Wechseljahren. Bemerkenswert daran ist weniger das Ergebnis als ein Detail: Der Beschwerdeindex besserte sich in allen Gruppen, am deutlichsten aber in der Gruppe mit der niedrigeren Keimzahl. Mehr lebende Bakterien brachten hier nicht mehr Effekt. Anzumerken ist, dass drei Autoren dieser Arbeit an dem staatlichen Fermentationsinstitut arbeiten, das das geprüfte Produkt herstellt. Han AL, Ryu MS, Yang HJ et al. Nutrients. 2024;16(8):1194. PMID: 38674884 · DOI: 10.3390/nu16081194 [RCT, klein]

Joghurt und Käse: die unspektakuläre Mehrheit

Die größten Datensätze zu fermentierten Lebensmitteln stammen nicht aus dem Bioladen, sondern aus dem Kühlregal.

Kohorte, n=340.234 Drei unabhängige Kohorten, dieselbe Richtung

In der europäischen EPIC-InterAct-Studie mit 340.234 Menschen und fast vier Millionen Personenjahren hatte der Gesamtverzehr von Milchprodukten keinen Zusammenhang mit Typ-2-Diabetes. Die kombinierte Aufnahme fermentierter Milchprodukte war dagegen invers assoziiert, mit einer Hazard Ratio von 0,88.

Die niederländische Hoorn-Kohorte mit 2.262 Erwachsenen fand über 6,4 Jahre für fettreiche fermentierte Milchprodukte ein um 17 Prozent niedrigeres Risiko für einen Prädiabetes, für fettreichen Käse 21 Prozent. Die multinationale PURE-Studie mit 136.384 Menschen aus 21 Ländern fand für Joghurt einzeln eine Hazard Ratio von 0,86 für den kombinierten Endpunkt.

Für dich heißt das: Drei unabhängige große Beobachtungen zeigen in dieselbe Richtung. In EPIC-InterAct hängt das Signal eher an der Fermentation als am Fettgehalt, denn Gesamt-Milchprodukte waren dort ohne Zusammenhang. In der Hoorn-Kohorte lag es anders: Dort zeigte sich der Zusammenhang gerade bei den fettreichen fermentierten Produkten und beim fettreichen Käse, nicht bei den fettarmen Varianten. In PURE war auch der Gesamtverzehr von Milchprodukten günstig assoziiert, mit einer Hazard Ratio von 0,84, sodass sich das Joghurt-Signal dort nicht sauber von den übrigen Milchprodukten trennen lässt. Beobachtung bleibt Beobachtung. Dass drei verschiedene Populationen in dieselbe Richtung zeigen, macht das Muster interessanter, es beweist aber nichts.

Beobachtungsdaten, wissenschaftliche Einordnung, keine gesundheitsbezogene Angabe im Sinne der Health-Claims-Verordnung.

Sluijs I et al. Am J Clin Nutr. 2012;96(2):382-390. PMID: 22760573 · DOI: 10.3945/ajcn.111.021907 · Slurink IAL et al. Eur J Nutr. 2022;61(1):183-196. PMID: 34245355 · Dehghan M et al. Lancet. 2018;392(10161):2288-2297. PMID: 30217460 [Kohorte, mehrere]

Die naheliegende Erklärung dafür liefert eine Übersichtsarbeit von Arne Astrup und Kollegen. Ihre These lautet: Ein Lebensmittel ist mehr als die Summe seiner Nährwerttabelle. Vollfette und fermentierte Milchprodukte zeigen nicht die ungünstigen Effekte, die man aus ihrem Gehalt an gesättigten Fetten und Natrium vorhergesagt hätte. Die Matrix zählt, nicht der einzelne Nährstoff. Astrup A, Geiker NRW, Magkos F. Adv Nutr. 2019;10(5):924S-930S. PMID: 31518411 · DOI: 10.1093/advances/nmz069 [Übersicht] Ob Milch grundsätzlich zu dir passt, ist eine eigene Frage und steht im Artikel über Milchprodukte.

Kombucha: zwölf Menschen, und eine wichtige Nebenzahl

RCT, Crossover, n=12 Eine Pilotstudie, mehr gibt es nicht

Ein amerikanisches Team um Chagai Mendelson gab zwölf Erwachsenen mit Typ-2-Diabetes vier Wochen lang täglich 240 Milliliter Kombucha oder ein Placebo, danach acht Wochen Pause und dann Wechsel.

Der selbst gemessene Nüchternblutzucker fiel unter Kombucha von 164 auf 116 mg/dl, unter Placebo von 162 auf 141 mg/dl ohne statistische Signifikanz. Im Produkt selbst fanden sich Milchsäure- und Essigsäurebakterien sowie Hefen. Milchsäure und Essigsäure lagen jeweils unter einem Prozent, Ethanol bei 1,5 Prozent.

Für dich heißt das: Zwölf Menschen sind zwölf Menschen. Daraus lässt sich keine Empfehlung bauen. Die praktisch wichtigere Zahl ist der Alkoholgehalt, und der ist für Schwangere, für Menschen in Abstinenz und für Kinder relevant.

Mendelson C, Sparkes S, Merenstein DJ et al. Front Nutr. 2023;10:1190248. PMID: 37588049 · DOI: 10.3389/fnut.2023.1190248 [RCT, Pilot]
Reframe

Der Satz, den ich am häufigsten korrigiere, lautet: Fermentiertes ist gut für den Darm.

Fermentiert ist keine Kategorie mit einem Effekt. Es ist eine Familie sehr unterschiedlicher Lebensmittel mit sehr unterschiedlicher Datenlage. Kefir und Laktose sind gut belegt. Joghurt und Stoffwechsel sind gut beobachtet. Sauerkraut und Reizdarm sind ein Pilotversuch. Kombucha sind zwölf Menschen. Wer das nicht trennt, verkauft eine Erzählung statt eines Werkzeugs.

Und jetzt weißt du, warum ich bei Kefir anders formuliere als bei Kombucha.

Müssen die Bakterien lebend ankommen?

Diese Frage entscheidet, ob du vier Euro oder einen Euro für dein Sauerkraut ausgibst. Und sie ist schlechter beantwortet, als der Preisunterschied suggeriert.

Zuerst der Weg. Was du schluckst, landet in einem Magen mit einem pH-Wert, der nüchtern deutlich unter 3 liegen kann. Danach kommt die Galle, die Zellmembranen angreift. Dann ein Transit, der Stunden dauert. Für ein Bakterium ist das eine Wanderung durch die Wüste.

Ein Teil kommt durch. Wie groß dieser Teil ist, hängt vom Stamm ab, von der Lebensmittelmatrix und davon, ob du zu einer Mahlzeit isst. Fett und Eiweiß können die Säure abpuffern. Joghurt zum Frühstück ist deshalb möglicherweise etwas anderes als Kefir auf nüchternen Magen.

Übrigens ist genau das ein Grund, warum ich die Magensäure gern früh anschaue. Wer zu wenig Säure bildet, kann nicht nur beim Eiweißaufschluss ins Stocken kommen, sondern hat möglicherweise auch einen schwächeren Türsteher am Eingang. Wie stark dieser Zusammenhang ist, ist wissenschaftlich nicht abschließend geklärt. Ich beschreibe hier eine Überlegung aus der Praxis und kein Studienergebnis. Ob das bei dir eine Rolle spielt, klärt eine Untersuchung und kein Blogartikel.

Betain HCl, das in diesem Zusammenhang oft genannt wird, ist kein harmloses Hausmittel. Bei einem Magengeschwür, einer aktiven Gastritis, unter Schmerzmitteln vom NSAR-Typ oder unter einer laufenden Säureblocker-Therapie kann es die Schleimhaut zusätzlich reizen. Ein Selbstversuch auf Verdacht gehört deshalb nicht dazu. Wie man das ordentlich abklärt und wann es überhaupt infrage kommt, steht im Artikel über Magensäuremangel und Betain HCl.

Und weil dieser Absatz gern missverstanden wird, hier der Zusatz, der dazugehört. Wer einen Säureblocker einnimmt, setzt ihn deswegen nicht selbst ab und reduziert ihn auch nicht auf eigene Faust. Diese Medikamente werden aus guten Gründen verordnet, und ein abruptes Absetzen kann die Beschwerden vorübergehend verstärken. Ob eine Dauertherapie noch passt, ist eine Frage für die Sprechstunde und nicht für einen Blogartikel. Wie Säureblocker arbeiten und wann eine gemeinsame Überprüfung sinnvoll sein kann, steht im Artikel über Sodbrennen und Säureblocker.

Jetzt die zweite Hälfte der Antwort. Und die ist der eigentlich interessante Teil.

Konsensuspapier Postbiotika: der Begriff, der die Frage entschärft

Ein zweites ISAPP-Panel um Seppo Salminen definierte 2021 den Begriff Postbiotikum: eine Zubereitung aus unbelebten Mikroorganismen oder deren Bestandteilen, die dem Wirt einen gesundheitlichen Nutzen bringt.

Entscheidend an der Definition ist das Wort unbelebt. Wirksame Postbiotika müssen inaktivierte mikrobielle Zellen oder Zellbestandteile enthalten, mit oder ohne Stoffwechselprodukte.

Für dich heißt das: Die Fachwelt hat einen eigenen Begriff dafür geschaffen, dass etwas biologisch etwas auslösen kann, ohne zu leben. Zellwandbestandteile, Peptide und Säuren verschwinden nicht, wenn man ein Glas erhitzt.

Salminen S, Collado MC, Endo A et al. Nat Rev Gastroenterol Hepatol. 2021;18(9):649-667. PMID: 33948025 · DOI: 10.1038/s41575-021-00440-6 [Konsenspapier, Fachverband]

Damit passt zusammen, was in der norwegischen Sauerkraut-Studie passiert ist. Beide Gruppen besserten sich, auch die mit erhitzter Ware. Die Autoren selbst schreiben, der Effekt sei eher den präbiotischen Anteilen zuzuschreiben als den lebenden Milchsäurebakterien.

Und es passt zu der koreanischen Doenjang-Studie, in der die Gruppe mit der niedrigeren Keimzahl den größeren Effekt zeigte.

Reframe

Die gängige Frage lautet: Leben die Bakterien noch?

Die bessere Frage lautet: Was kommt an? Angekommen sind in jedem Fall die Säuren und die veränderten Kohlenhydrate. Zellbestandteile und Peptide können biologische Effekte auslösen, wie weit das im Einzelnen trägt, ist noch nicht geklärt. Angekommen sein können zusätzlich lebende Keime. Das erste ist die verlässlichere Erwartung, das zweite ist ein Bonus.

Praktische Folge: Nicht pasteurisiert ist die bessere Wahl, wenn du sie hast und wenn du zu keiner der Gruppen gehörst, für die das nicht gilt. In der Schwangerschaft ist es umgekehrt. Rohmilchkäse, Rohmilchkefir und andere unpasteurisierte Milchprodukte können Listerien enthalten, und eine Listeriose kann in der Schwangerschaft das Kind gefährden. In dieser Zeit ist die pasteurisierte Ware die richtige Wahl und nicht die zweitbeste. Dasselbe gilt bei relevanter Immunsuppression. Pasteurisiert ist auch sonst kein Fehler. Der teure Fehler wäre, gar nichts zu essen, weil das Gute zu teuer ist.

Und jetzt weißt du, warum ich niemandem sein Konservensauerkraut ausrede.

Was im Supermarkt tatsächlich lebt

Zurück ans Regal. Du willst jetzt wissen, woran du es siehst.

Die erste Regel ist banal und trägt weit: Alles, was ungekühlt monatelang haltbar ist, hat eine Hitzebehandlung hinter sich. Lebende Kulturen brauchen Kühlung. Ein Glas, das bei Zimmertemperatur zwei Jahre steht, enthält keine.

Die zweite Regel steht im Kleingedruckten. Suche nach den Wörtern pasteurisiert, wärmebehandelt oder haltbar gemacht. Und suche umgekehrt nach roh, unpasteurisiert, mit lebenden Kulturen oder dem Hinweis, gekühlt zu lagern und nach dem Öffnen zügig zu verbrauchen.

Praktische Einordnung für den Einkauf. Sie ersetzt keinen Blick auf das konkrete Etikett, denn Herstellerverfahren unterscheiden sich.
ProduktLebende Kulturen wahrscheinlichWorauf du achtest
Sauerkraut aus dem Kühlregalja, wenn roh deklariertEtikett auf roh oder unpasteurisiert prüfen, trübe Lake ist ein gutes Zeichen
Sauerkraut aus Dose oder ungekühltem GlasneinErhitzt und dadurch haltbar. Die präbiotischen Anteile und die Säuren bleiben
Naturjoghurtmeistens jaDie Angabe wärmebehandelt nach der Fermentation bedeutet: keine lebenden Kulturen mehr
Kefirja bei echtem KefirBezeichnungen wie Erzeugnis nach Kefir-Art meinen oft eine andere Kultur ohne Hefen
Kimchija bei gekühlter WareSalzgehalt beachten, Knoblauch und Zwiebel sind bei Reizdarm relevant
Misoja bei ungepasteurisierter PasteErst nach dem Kochen einrühren, nicht mitkochen. Sehr salzig
Tempehmeist nein nach dem BratenWird erhitzt gegessen. Der Wert liegt im aufgeschlossenen Eiweiß, nicht in lebenden Keimen
Kombuchaja bei roher WareRestzucker und Alkoholgehalt auf der Nährwerttabelle prüfen
Sauerteigbrotnein, es wird gebackenEchte lange Führung gegen bloßes Sauerteig-Aroma im Zutatenverzeichnis
Bier, Wein, KaffeeneinFermentiert im Sinne der Definition, ohne lebende Mikroorganismen im Endprodukt

Der Sonderfall Sauerteig

Sauerteigbrot enthält am Ende keine lebenden Kulturen, denn im Ofen überlebt nichts. Trotzdem berichten viele Menschen, dass echtes Sauerteigbrot bekömmlicher ist. Dafür gibt es eine plausible Erklärung aus der Lebensmittelchemie.

In vitro, Lebensmittelchemie Hefen, die Fruktane abbauen

Eine Wiener Gruppe um Vera Fraberger testete 13 sauerteigtypische Hefestämme in einem Modellsystem mit typischem Weizen-Kohlenhydratprofil und maß über vier Tage, wie viel Fruktan übrig blieb.

Die Stämme unterschieden sich deutlich in ihrer Fähigkeit, Fruktane abzubauen. Ein Stamm aus österreichischem Traditionssauerteig baute am meisten ab.

Für dich heißt das: Fermentation kann fermentierbare Kohlenhydrate senken, aber es hängt am Stamm und an der Führung. Das ist Laborarbeit und keine Studie am Menschen. Eine Übersicht zur Sauerteig-Technologie kommt zum selben Schluss und beschreibt gezielt geführte, FODMAP-arme Roggensauerteigbrote.

Fraberger V, Call LM, Domig KJ, D'Amico S. Nutrients. 2018;10(9):1247. PMID: 30200589 · DOI: 10.3390/nu10091247 [In vitro] · Loponen J, Gänzle MG. Foods. 2018;7(7):96. PMID: 29932101 · DOI: 10.3390/foods7070096 [Übersicht]

Praktisch bedeutet das: Ein Brot mit vierundzwanzigstündiger Führung ist etwas anderes als ein Hefebrot mit Sauerteigextrakt für den Geschmack. Im Zutatenverzeichnis steht der Unterschied. Wenn du nach FODMAP arbeitest, gehört das in deinen Plan. Wie das Protokoll aufgebaut ist, steht im Artikel zur FODMAP-Diät.

Eine Sache gehört an dieser Stelle unbedingt dazu, weil sie sonst untergeht. Bekömmlicher heißt nicht glutenfrei. Auch ein lang geführter Sauerteig baut das Gluten nicht vollständig ab, und für Menschen mit Zöliakie bleibt Weizenbrot ungeeignet, egal wie gut die Führung ist.

Noch wichtiger ist der zeitliche Ablauf. Wenn der Verdacht auf eine Zöliakie im Raum steht, lass Gluten bitte nicht vorher weg. Eine glutenfreie Ernährung vor der Diagnostik kann Antikörper und Gewebebefund so verändern, dass die Diagnose danach unmöglich wird. Erst die Abklärung, dann die Ernährungsumstellung, und nicht umgekehrt. Wie diese Abklärung abläuft, steht im Artikel über das Erkennen einer Zöliakie. Wenn Weizen Beschwerden macht, ohne dass eine Zöliakie vorliegt, ist das eine eigene Frage und steht im Artikel über Gluten und Gliadin ohne Zöliakie.

Reframe

Viele lesen das Etikett wie ein Werturteil. Roh gleich gut, pasteurisiert gleich wertlos.

Sinnvoller ist die Frage nach dem Zweck. Willst du lebende Kulturen, dann brauchst du Kühlregal und rohe Ware. Willst du die Säuren, die Peptide und die veränderten Kohlenhydrate, dann bekommst du die auch aus der Konserve. Beides ist legitim, und Kosten dürfen mitentscheiden.

Und jetzt weißt du, warum das billige Glas nicht der Fehlkauf ist, für den es oft gehalten wird.

Wie viel, wie oft, wie du anfängst, ohne deinen Bauch zu überfordern

Jetzt kommt die Frage, die mir in der Sprechstunde am häufigsten gestellt wird. Wie viel denn nun?

Die ehrliche Antwort ist unbefriedigend und trotzdem die wichtigste im ganzen Artikel.

Der Satz, der alle Mengenangaben einordnet

Es gibt keine offizielle empfohlene Tagesmenge für lebende Mikroorganismen, weder in Deutschland noch anderswo. Das Fachpanel hat 2020 selbst offen gefragt, ob es eine geben sollte. Jede Zahl, die du liest, ist eine Studienmenge und keine Empfehlung.

Marco ML, Hill C, Hutkins R et al. J Nutr. 2020;150(12):3061-3067. PMID: 33269394 · DOI: 10.1093/jn/nxaa323 [Übersicht, Positionspapier]

Damit du trotzdem eine Vorstellung bekommst, hier die Mengen, mit denen tatsächlich geforscht wurde.

Studienmengen, keine Empfehlungen

Was in den zitierten Arbeiten gegeben wurde

Stanford, 17 Wochen
Die Teilnehmenden steigerten schrittweise auf bis zu sechs Portionen fermentierter Lebensmittel pro Tag. Das ist das obere Ende und war eine Studienvorgabe unter Betreuung, kein Alltagsziel.
Kefir bei metabolischem Syndrom
180 Milliliter täglich über zwölf Wochen, also etwa ein großes Glas.
Sauerkraut bei Reizdarm
Eine Portion täglich über sechs Wochen, in beiden Studienarmen.
Kombucha bei Typ-2-Diabetes
240 Milliliter täglich über vier Wochen, in einer Pilotstudie mit zwölf Menschen.

Diese Zahlen beschreiben Studiendesigns. Sie sind kein Protokoll für dich, und sie berücksichtigen weder deinen Salzhaushalt noch deine Verträglichkeit noch deine Vorerkrankungen.

Aus diesen Zahlen wird oft ein Ziel gemacht. Sechs Portionen am Tag, und zwar ab morgen. Das ist genau der Weg, auf dem viele Menschen nach einer Woche entnervt aufhören.

Die Richtung, die ich stattdessen für sinnvoll halte, ist langweiliger und hält länger.

Richtungen für den Anfang, keine Rezepte

  • Klein starten. Ein Esslöffel Sauerkraut oder ein halbes Glas Kefir am Tag ist ein Anfang. Nicht drei Sorten gleichzeitig.
  • Eine Sorte nach der anderen. Wer vier Dinge gleichzeitig einführt und Beschwerden bekommt, weiß hinterher nichts.
  • Zu einer Mahlzeit statt nüchtern. Fett und Eiweiß können die Magensäure abpuffern, und der Bauch reagiert dann oft ruhiger.
  • Gasbildung als Signal lesen, nicht als Beweis. Etwas Rumoren am Anfang ist häufig. Starke Blähungen, die über Wochen bleiben, sind ein Grund, die Menge zu reduzieren und die Ursache anzuschauen. Woher die Luft überhaupt kommt, steht im Artikel über Blähbauch.
  • Salz mitrechnen. Wer täglich Sauerkraut und Kimchi isst, isst täglich Salzkonserven.
  • Erst die Reihenfolge klären. Wenn die Magensäure zu niedrig ist, eine Unverträglichkeit im Raum steht oder eine Abklärung offen ist, kommt das zuerst. Das Glas Sauerkraut kommt danach.
  • In Wochen denken. In der Stanford-Arbeit stieg die Vielfalt über Wochen, nicht über Tage. Wer nach fünf Tagen nichts spürt, hat nichts falsch gemacht.
Reframe

Der häufigste Denkfehler: Ich brauche die richtige Dosis.

Es gibt keine. Es gibt Regelmäßigkeit. Ein Löffel jeden Tag über drei Monate ist mit hoher Wahrscheinlichkeit mehr wert als sechs Portionen an einem Sonntag und danach nichts mehr. Das ist unspektakulär und der einzige Teil, den du wirklich in der Hand hast.

Und jetzt weißt du, warum ich dir keine Grammzahl nenne.

Für wen Fermentiertes nicht harmlos ist

Es gibt einen Satz, der mich in diesem Feld regelmäßig ärgert. Er lautet: Fermentiertes kann man immer essen, es ist ja natürlich.

Kann man nicht. Und das hat nichts mit Panik zu tun, sondern mit Handwerk. Du hast die Kurzfassung schon ganz oben gelesen. Hier stehen die Gründe.

Histaminunverträglichkeit

Fermentation bedeutet mikrobielle Aktivität, und ein Teil dieser Aktivität erzeugt biogene Amine. Histamin gehört dazu. Das ist keine Nebenbemerkung, sondern in der Fachliteratur der Punkt, an dem sich alle einig sind.

Analytische Übersicht Zehn Diäten, eine gemeinsame Ausnahme

Eine spanische Gruppe um Sònia Sánchez-Pérez verglich zehn in der Fachliteratur publizierte histaminarme Diäten und prüfte, ob die ausgeschlossenen Lebensmittel tatsächlich viel Histamin enthalten.

Die Diäten unterschieden sich stark voneinander. Nur fermentierte Lebensmittel wurden in allen zehn ausgeschlossen. Ein Teil der übrigen Ausschlüsse ließ sich durch den gemessenen Amingehalt gar nicht erklären.

Für dich heißt das: Bei bekannter Histaminunverträglichkeit ist Fermentiertes kein guter Einstieg, sondern die eine Gruppe, über die sich sämtliche Konzepte einig sind. Was dahintersteckt und wie man das ordentlich abklärt, steht im Artikel über Histaminintoleranz und DAO-Mangel. Bei Mastzellthemen gilt dasselbe, dazu gibt es den Artikel über Mastzellaktivierung.

Sánchez-Pérez S, Comas-Basté O, Veciana-Nogués MT et al. Nutrients. 2021;13(5):1395. PMID: 33919293 · DOI: 10.3390/nu13051395 [Übersicht, Lebensmittelanalytik]

Tyramin, MAO-Hemmer und Linezolid

Und noch eine Gruppe, die hier ausdrücklich dazugehört. Bei der Fermentation entsteht nicht nur Histamin, sondern auch Tyramin. Wer einen MAO-Hemmer einnimmt, etwa Tranylcypromin, oder das Antibiotikum Linezolid bekommt, muss tyraminreiche Lebensmittel meiden. Gereifter Käse, Sauerkraut, Kimchi, Miso und Sojasauce gehören dazu. Die Kombination kann den Blutdruck stark ansteigen lassen.

Beide Wirkstoffe sind verschreibungspflichtig, und dieser Hinweis steht in ihrer Fachinformation. Wenn eines dieser Medikamente bei dir läuft, ist dieser Artikel nicht deine Bedienungsanleitung, sondern ein Grund, in der behandelnden Praxis nachzufragen. Und er ist kein Grund, an der Medikation selbst etwas zu ändern.

Kuhmilcheiweißallergie, die andere Diagnose hinter Milchbeschwerden

Ein Unterschied, der hier dazugehört. Laktoseintoleranz und Kuhmilcheiweißallergie sind zwei verschiedene Dinge. Bei der Laktoseintoleranz geht es um den Milchzucker, und Fermentation kann dabei helfen. Bei einer Allergie gegen Milcheiweiß geht es um Casein und Molkenprotein, und die bleiben im Kefir vollständig erhalten.

Wenn du nach Milchprodukten mit Hautreaktionen, Schwellungen, Atemnot oder Kreislaufproblemen reagierst, ist das kein Verdauungsthema und kein Fall für einen Selbstversuch mit Kefir. Das gehört allergologisch abgeklärt. Bei Atemnot, Schwellungen im Hals oder Kreislaufproblemen ist der Notruf 112 der richtige Weg und nicht der Termin in der Praxis.

Salz, Blutdruck und eine unbequeme Kohortenzahl

Sauerkraut und Kimchi sind Salzkonserven. Salz ist bei ihnen kein Beiwerk, sondern Teil des Verfahrens, denn ohne Salz gibt es keine kontrollierte Fermentation.

Wenn du wegen Bluthochdruck, Herzschwäche oder einer Nierenerkrankung auf Salz achtest, gehört fermentiertes Gemüse in die Tagesbilanz und nicht daneben. Wichtig ist die Gesamtmenge, nicht das einzelne Lebensmittel.

Die ehrliche Gegenseite

Fermentiert ist nicht automatisch günstig

Eine koreanische Metaanalyse aus 72 Beobachtungsstudien beschreibt für Obst und Gemüse seltenere Krebsdiagnosen an Magen, Darm und Brust. Für fermentierte Sojaprodukte beschreibt sie das Gegenteil, nämlich häufigere Magenkrebsdiagnosen. Für andere salzkonservierte Lebensmittel erreichten die gepoolten Schätzer keine statistische Signifikanz.

Ich gebe diese Zahlen wieder, weil sie zum ehrlichen Bild gehören, und nicht als Aussage darüber, was ein Lebensmittel bei dir bewirken kann. Aus Beobachtungsdaten folgt keine Vorbeugung, und aus keiner dieser Zahlen folgt eine Empfehlung.

Einordnung, bevor jemand sein Sauerkraut wegwirft: Das ist koreanische Ernährungsrealität mit sehr hohen Salzmengen über Jahrzehnte. Es ist eine Beobachtung, kein Nachweis von Ursache und Wirkung, und es beschreibt nicht einen Löffel Sauerkraut zum Abendessen. Trotzdem gehört es genannt, denn Salzkonservierung ist ein eigener Risikofaktor, unabhängig von der Fermentation.

Kim JH, Jun S, Kim J. Epidemiol Health. 2023;45:e2023102. PMID: 38037322 · DOI: 10.4178/epih.e2023102 [Meta-Analyse, Beobachtung]

Immunsuppression und schwere Grunderkrankung

Hier wird es medizinisch relevant. Milchsäurebakterien sind Kommensalen, also normale Mitbewohner. Bei stark geschwächter Abwehr können aus Mitbewohnern Erreger werden.

Fallbericht plus Literaturübersicht Ein dokumentierter Einzelfall, richtig eingeordnet

Leila Haghighat und Nancy Crum-Cianflone beschrieben eine Blutstrominfektion mit Lactobacillus acidophilus bei einer Person mit AIDS, zeitlich verbunden mit sehr hohem Verzehr probiotisch angereicherten Joghurts, und werteten dazu die verfügbare Literatur aus.

Ihre Bilanz: Invasive Infektionen durch Lactobacillus-Arten werden bei immunsupprimierten Menschen zunehmend berichtet. Die Sicherheit lactobacillushaltiger Produkte ist in dieser Gruppe unklar.

Für dich heißt das: Ein Einzelfall ist ein Einzelfall, und für gesunde Menschen folgt daraus nichts. Bei relevanter Immunsuppression, nach Transplantation, unter Chemotherapie oder bei einem zentralvenösen Zugang gehören große Mengen lebender Kulturen aber vorher ärztlich besprochen.

Haghighat L, Crum-Cianflone NF. Int J STD AIDS. 2016;27(13):1223-1230. PMID: 26130690 · DOI: 10.1177/0956462415590725 [Case Report, Übersicht]

Die Gegenprobe liefert der große Cochrane-Review zu Probiotika in der Vorbeugung von Clostridioides-difficile-assoziierten Durchfällen unter Antibiotikatherapie. 39 Studien, 9.955 Teilnehmende. Die Autoren halten die kurzfristige Anwendung für sicher und, bei hohem Ausgangsrisiko, für wirksam. In der nachträglichen Subgruppenanalyse zeigte sich der Effekt nur in Studien mit einem Grundrisiko über 5 Prozent, bei niedrigem Grundrisiko fand sich kein Unterschied. Und sie schreiben eine wichtige Einschränkung dazu: bei Patientinnen und Patienten, die nicht immungeschwächt oder schwer geschwächt sind. Genau der Umkehrschluss ist der Punkt. Goldenberg JZ, Yap C, Lytvyn L et al. Cochrane Database Syst Rev. 2017;12:CD006095. PMID: 29257353 · DOI: 10.1002/14651858.CD006095.pub4 [Meta-Analyse, Systematischer Review] Diese Studien betrafen Präparate, nicht Sauerkraut. Was das für die Zeit nach einer Antibiotikatherapie bedeutet, steht im Artikel über den Darm nach Antibiotika.

Akuter Schub bei Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa

Hier bin ich kurz, weil die Datenlage kurz ist. Zu fermentierten Lebensmitteln im akuten Schub gibt es keine belastbare Studie, weder dafür noch dagegen.

Deshalb gebe ich dazu keine allgemeine Empfehlung. Im Schub gehört die Ernährung in die Hand des behandelnden Teams, und immunsuppressive Therapien sind ein eigener Grund, vorher zu fragen. In der Remission und bei guter Verträglichkeit spricht aus meiner Sicht wenig gegen kleine Mengen. Das ist eine klinische Einschätzung und kein Studienergebnis. Mehr zum Gesamtbild im Artikel über Morbus Crohn und Colitis ulcerosa.

Reizdarm mit starker Gasbildung

Fermentiertes Gemüse ist nicht automatisch FODMAP-arm. Sauerkraut in kleinen Mengen wird von vielen gut vertragen, in größeren Mengen häufig nicht mehr. Kimchi bringt mit Knoblauch und Zwiebel zusätzliche fermentierbare Kohlenhydrate mit, und die sind bei Reizdarm ein klassischer Auslöser.

Das ist die Zweiseitigkeit dieses Themas, die selten jemand ausspricht. Fermentation kann fermentierbare Kohlenhydrate abbauen, wie beim gezielt geführten Sauerteig. Sie kann sie aber auch stehen lassen oder durch die Zutaten sogar erhöhen. Beides ist wahr, je nach Produkt. Die Mechanik dahinter steht im Artikel über Reizdarm und Ursachensuche.

Kombucha in Schwangerschaft und Stillzeit

Roher Kombucha ist ein unpasteurisiertes Getränk mit lebenden Hefen und einem messbaren Alkoholgehalt. In der einzigen randomisierten Untersuchung lag er bei 1,5 Prozent Ethanol im verwendeten Produkt.

In der Schwangerschaft ist damit beides beisammen, was man dort nicht möchte: Alkohol und ein rohes, unpasteurisiertes Lebensmittel. Ich rate in der Schwangerschaft deshalb von rohem Kombucha ab, und wegen des Alkohols gilt dasselbe in der Stillzeit. Bei relevanter Immunsuppression rate ich ebenfalls ab. Bei Menschen in Abstinenz ist die Zahl relevant, auch wenn sie klein aussieht.

Was du außerdem wissen solltest: Es gibt einzelne Fallberichte über Leberschäden und über eine Übersäuerung des Blutes nach hohem oder selbst angesetztem Kombucha-Konsum. Einzelfälle beweisen keinen Zusammenhang, und für die meisten Menschen folgt daraus nichts. Bei einer Lebererkrankung würde ich trotzdem davon abraten. Gedela M, Potu KC, Gali VL et al. S D Med. 2016;69(1):26-28. PMID: 26882579 · SungHee Kole A, Jones HD, Christensen R, Gladstein J. J Intensive Care Med. 2009;24(3):205-207. PMID: 19460826 · DOI: 10.1177/0885066609332963 [Fallberichte]

Und wenn du selbst fermentieren willst

Selbstfermentation ist alte Handwerkskunst und in vielen Küchen völlig normal. Ich schreibe hier trotzdem bewusst keine Schritt-für-Schritt-Anleitung, und ich gebe kein Sicherheitsversprechen. Worauf es ankommt, lässt sich in einem Absatz sagen: saubere Gefäße, ausreichend Salz, das Gemüse vollständig unter der Lake, kühl und dunkel stehen lassen, und den Ansatz regelmäßig anschauen. Alles, was schimmelt, schleimig wird, faulig riecht oder den Deckel wölbt, gehört weggeworfen und nicht abgeschöpft, auch wegen des seltenen, aber ernsten Risikos einer Botulismus-Vergiftung. Wer schwanger, immungeschwächt oder schwer erkrankt ist, verzichtet besser ganz auf rohe Eigenansätze. Wer es ernsthaft lernen möchte, lernt es bei jemandem, der es kann, und nicht aus einem Blogartikel.

Der Satz, der über allem steht

Nichts von alledem ist ein Grund, eine verordnete Medikation eigenständig zu verändern, zu reduzieren oder abzusetzen. Jede Anpassung gehört in ärztliche Hand.

Und nichts von alledem ersetzt eine Abklärung. Wenn eine Koloskopie, eine Magenspiegelung oder eine Labordiagnostik empfohlen wurde, ist der Weg dorthin die erste Aufgabe, unabhängig davon, wie gut das Sauerkraut vertragen wird. Die Alarmzeichen weiter oben im Artikel gelten unverändert weiter.

Reframe

Vorsicht wird oft als Zögern gelesen. Als ob man sich nicht traut.

Ich sehe das anders. Zu wissen, für wen ein Werkzeug nicht taugt, ist Teil der Bedienungsanleitung. Ein Lebensmittel, das bei Histaminproblemen Beschwerden auslöst, ist deshalb kein schlechtes Lebensmittel. Es ist nur nicht deins.

Und jetzt weißt du, warum dieser Abschnitt nicht am Ende steht.

Warum die Leitlinien dazu schweigen, und warum das keine Ablehnung ist

Vielleicht hast du beim Lesen gedacht: Wenn das so gut aussieht, warum steht es dann in keiner Leitlinie?

Eine berechtigte Frage. Die Antwort ist unspektakulär und lehrreich zugleich.

Die deutsche S3-Leitlinie zum Reizdarmsyndrom von DGVS und DGNM behandelt Probiotika als Therapieoption und bleibt dabei zurückhaltend. Eine eigene Aussage zu fermentierten Lebensmitteln enthält sie nicht. Layer P, Andresen V, Allescher H et al. Z Gastroenterol. 2021;59(12):1323-1415. PMID: 34891206 · DOI: 10.1055/a-1591-4794 · AWMF 021/016 [Leitlinie]

Die amerikanische ACG-Leitlinie zum Reizdarmsyndrom kommt zum selben Ergebnis. Sie empfiehlt einen zeitlich begrenzten Versuch mit einer FODMAP-armen Kost und darmgerichtete Psychotherapie, bei Probiotika bleibt sie ausdrücklich zurückhaltend. Lacy BE, Pimentel M, Brenner DM et al. Am J Gastroenterol. 2021;116(1):17-44. PMID: 33315591 · DOI: 10.14309/ajg.0000000000001036 [Leitlinie, Consensus Guideline]

Und die technische Übersichtsarbeit der AGA ist am differenziertesten. Für einzelne Indikationen wie die Pouchitis, die Vorbeugung von Clostridioides-difficile-assoziierten Durchfällen und die nekrotisierende Enterokolitis bei Frühgeborenen spricht sie sich dafür aus. Für Reizdarm und für chronisch entzündliche Darmerkrankungen empfiehlt sie den Einsatz nur im Rahmen von Studien, weil die Datenlage keine Aussage erlaubt. Das ist etwas anderes als der Nachweis, dass nichts passiert. Preidis GA, Weizman AV, Kashyap PC, Morgan RL. Gastroenterology. 2020;159(2):708-738.e4. PMID: 32531292 · DOI: 10.1053/j.gastro.2020.05.060 [Leitlinie, Systematischer Review]

Eine Leitlinie kann nur empfehlen, was sich standardisieren und prüfen lässt. Ein Präparat ist ein definierter Stamm in definierter Dosis. Ein Glas Sauerkraut ist das nicht.

Der Grund für die Zurückhaltung, in einem Satz

Das ist keine Ablehnung, sondern eine methodische Grenze. Und es ist der Punkt, an dem ich meine Kolleginnen und Kollegen in der Gastroenterologie ausdrücklich verstehe. Wer eine Empfehlung ausspricht, übernimmt Verantwortung für ihre Reproduzierbarkeit. Bei einem Lebensmittel, dessen Keimzahl und Zusammensetzung von Charge zu Charge schwankt, ist die nicht gegeben.

Gleichzeitig gibt es die andere Seite derselben Frage, und sie steht nicht im Widerspruch dazu. Dieselbe Fachwelt, die als Leitliniengremium schweigt, hat als Wissenschaftsverband gehandelt. ISAPP hat 2021 fermentierte Lebensmittel als eigene Kategorie definiert, im selben Jahr den Postbiotika-Begriff geklärt und bereits 2020 offen gefragt, ob es eine empfohlene Tagesmenge lebender Mikroorganismen geben sollte.

2026 kam ein weiteres Konsensuspapier dazu, das den Begriff Darmgesundheit definiert: ein Zustand normaler Magen-Darm-Funktion ohne aktive Erkrankung und ohne darmbezogene Beschwerden, die die Lebensqualität beeinträchtigen. Es hat bis 2026 gedauert, bis dieser Begriff sauber festgelegt war. Marco ML, Cunningham M, Bischoff SC et al. Nat Rev Gastroenterol Hepatol. 2026;23(5):432-448. PMID: 41709019 · DOI: 10.1038/s41575-026-01176-x [Konsenspapier, Fachverband]

Meine Einordnung

Wie ich damit in der Sprechstunde umgehe

Belegt durch randomisierte Untersuchungen am Menschen ist im Kern zweierlei: dass fermentierte Milchprodukte die Laktoseverdauung messbar erleichtern können, und dass eine Ernährung mit fermentierten Lebensmitteln über Wochen die mikrobielle Vielfalt heben und einzelne Entzündungsproteine senken kann. Das zweite stammt aus einer Studie mit 18 Menschen pro Gruppe und aus sekundären Endpunkten, nicht aus dem primären.

Mechanistisch plausibel, mit dünner Humanevidenz, ist der Rest: dass die entstehenden Metaboliten, die Peptide und die Säuren eigene Effekte an der Schleimhaut haben. Zum Zusammenspiel von Butyrat und Darmschleimhaut steht mehr im Artikel über L-Glutamin und Butyrat.

Klinische Beobachtung, kein Studienergebnis: Ich sehe in meiner Sprechstunde, dass Menschen mit kleinen, täglichen Mengen deutlich weiter kommen als mit großen Vorsätzen. Und ich sehe, dass die Verträglichkeit sehr viel mehr über den Erfolg entscheidet als die Wahl der Sorte. Das ist Erfahrung und keine Evidenz, und ich kenne den Unterschied.

Und die Reihenfolge bleibt bei mir dieselbe wie sonst auch. Zuerst die Frage, ob oben genug Magensäure da ist und ob eine Abklärung ansteht. Danach das Glas Sauerkraut. Wo das im Gesamtkonzept steht, siehst du im Artikel über den Darm-Reset.

Reframe

Ein Schweigen in der Leitlinie wird oft als Urteil gelesen. Entweder als Warnung oder als Beweis, dass etwas unterdrückt wird.

Beides trifft es nicht. Die Leitlinie schweigt, weil ein Lebensmittel kein Präparat ist und weil die Studienbasis für eine formale Empfehlung nicht reicht. Daraus folgt kein Verbot und kein Freibrief. Es folgt daraus, dass die Entscheidung bei dir liegt, mit realistischen Erwartungen und mit Blick auf die Liste derer, für die es nicht taugt.

Und jetzt weißt du, warum kein Widerspruch darin liegt, dass ich Fermentiertes empfehle und die Zurückhaltung der Fachgesellschaften trotzdem richtig finde.

Häufige Fragen zu fermentierten Lebensmitteln

Was sind fermentierte Lebensmittel genau, und ist Bier auch eines?

Das ISAPP-Konsensuspapier von 2021 definiert sie als Lebensmittel, die durch gewünschtes mikrobielles Wachstum und enzymatische Umwandlung von Lebensmittelbestandteilen hergestellt werden. Nach dieser Definition sind Bier, Wein, Sauerteigbrot und Kaffee fermentierte Lebensmittel. Lebende Mikroorganismen enthalten sie am Ende trotzdem nicht, weil erhitzt, gefiltert oder gebacken wird. Fermentiert und probiotisch sind deshalb zwei verschiedene Dinge.

Welche fermentierten Lebensmittel gibt es, gibt es eine Liste zum Merken?

Als Merkhilfe taugt die Einteilung nach Rohstoff. Aus Milch entstehen Joghurt, Kefir, Buttermilch, Quark und viele Käsesorten. Aus Gemüse entstehen Sauerkraut, Kimchi, saure Gurken in Salzlake und fermentierte Rote Bete. Aus Soja entstehen Miso, Natto, Tempeh und Sojasauce. Aus Getreide entsteht Sauerteigbrot, aus Tee Kombucha. Lebende Kulturen enthalten davon nur die ungekochten und ungefilterten Varianten.

Wie viel Sauerkraut oder Kefir am Tag ist sinnvoll?

Eine offizielle Tagesmenge für lebende Mikroorganismen gibt es nicht, weder in Deutschland noch anderswo. Das Fachpanel hat 2020 selbst offen gefragt, ob es eine geben sollte. Alle Zahlen, die kursieren, sind Studienmengen. In der Stanford-Arbeit wurde bis zu sechs Portionen fermentierter Lebensmittel pro Tag gesteigert, in den Kefir-Studien waren es 180 Milliliter täglich über zwölf Wochen, in der Sauerkraut-Studie eine Portion täglich über sechs Wochen.

Sauerkraut aus der Dose oder aus dem Kühlregal, macht das einen Unterschied?

Für die lebenden Bakterien ja, für den Effekt auf Reizdarmbeschwerden möglicherweise weniger, als viele denken. Konserven und Gläser aus dem ungekühlten Regal sind erhitzt, danach sind keine lebenden Milchsäurebakterien mehr da. In der norwegischen Reizdarm-Studie besserte sich der Symptomscore aber in beiden Gruppen deutlich, auch unter pasteurisiertem Sauerkraut. Die Autoren führen das eher auf die präbiotischen Anteile zurück als auf lebende Keime.

Kefir oder Joghurt, was ist besser für den Darm?

Für die Laktoseverdauung sind beide gut und ungefähr gleich gut. In einer Atemtest-Studie sank die Wasserstoffkurve gegenüber Milch bei Naturjoghurt und Naturkefir jeweils um etwa zwei Drittel. Kefir enthält zusätzlich Hefen und ein breiteres Keimspektrum. Für harte Endpunkte wie Blutdruck oder Entzündungswerte blieb Kefir in den direkten Vergleichen gegen unfermentierte Milch aber ohne klaren Vorsprung. Wer beides verträgt, entscheidet nach Geschmack.

Überleben die Bakterien überhaupt den Magen?

Ein Teil ja, ein großer Teil nicht. Magensäure, Gallensalze und die Transitzeit sind eine harte Passage, und wie viel ankommt, hängt vom Stamm, von der Lebensmittelmatrix und davon ab, ob zu einer Mahlzeit gegessen wird. Wichtiger ist die zweite Erkenntnis: Auch abgetötete Zellen und ihre Bestandteile können biologische Effekte haben. Genau dafür gibt es seit 2021 den Begriff Postbiotikum.

Wie lange dauert es, bis sich etwas an der Darmflora ändert?

In der Stanford-Studie stieg die mikrobielle Vielfalt über die zehnwöchige Aufbau- und Erhaltungsphase stetig an, nicht innerhalb weniger Tage. Rechne also in Wochen, nicht in Tagen. Was passiert, wenn man wieder aufhört, ist unbeantwortet, denn die Studie lief insgesamt 17 Wochen und hat keine lange Nachbeobachtung.

Ich bekomme von Sauerkraut Blähungen, muss ich aufhören?

Nicht unbedingt, aber es ist ein Signal, die Menge zu verkleinern und langsamer zu steigern. Fermentiertes Gemüse enthält fermentierbare Kohlenhydrate, und Kimchi bringt mit Knoblauch und Zwiebel weitere dazu. Wenn Blähungen stark bleiben, sich nach Wochen nicht bessern oder mit Schmerzen einhergehen, gehört die Ursache angeschaut statt weitergegessen. Gasbildung ist ein Signal, kein Beweis für einen Nutzen.

Fermentierte Lebensmittel bei Histaminintoleranz, geht das überhaupt?

Hier ist die Datenlage ungewöhnlich eindeutig. In einer Analyse von zehn publizierten histaminarmen Diäten waren fermentierte Lebensmittel die einzige Gruppe, die in allen zehn ausgeschlossen wurde. Bei bekannter Histaminunverträglichkeit ist Fermentiertes deshalb kein guter Einstieg. Ob und was individuell möglich ist, gehört in eine ärztliche oder ernährungstherapeutische Begleitung.

Darf ich Fermentiertes bei Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa essen?

Für den akuten Schub gibt es keine belastbare Studie zu fermentierten Lebensmitteln, weder dafür noch dagegen. Deshalb gebe ich dazu keine allgemeine Empfehlung. In der Remission und bei guter Verträglichkeit spricht aus meiner Sicht wenig gegen kleine Mengen, im Schub gehört die Ernährung in die Hand des behandelnden Teams. Immunsuppressive Therapien sind ein eigener Grund, vorher zu fragen.

Ist Kombucha wegen des Zuckers und des Alkohols ein Problem?

Beides gehört auf den Tisch. In der einzigen randomisierten Pilotstudie mit zwölf Menschen wurde im verwendeten Kombucha ein Ethanolgehalt von 1,5 Prozent gemessen. Für Schwangere, für Stillende, für Menschen in Abstinenz und für Kinder ist das relevant. Der Restzucker schwankt je nach Gärdauer und Produkt stark, ein Blick auf die Nährwerttabelle lohnt. Unter relevanter Immunsuppression gehört roher Kombucha vorher ärztlich besprochen.

Ersetzen fermentierte Lebensmittel ein Probiotikum aus der Kapsel?

Nein, sie sind etwas anderes. Ein Präparat ist ein definierter Stamm in definierter Menge mit einer eigenen Studienlage. Ein Glas Sauerkraut ist eine wechselnde Gemeinschaft ohne Deklaration der Keimzahl. Beides kann nebeneinander stehen, aber die Studien zum einen gelten nicht automatisch für das andere. Was für Kapseln und Sporenpräparate gilt, steht im eigenen Artikel dazu.

Ist Sauerkraut wegen des Salzes bei Bluthochdruck ein Problem?

Fermentiertes Gemüse ist eine Salzkonserve, das gehört mitgerechnet. Bei Bluthochdruck, Herzschwäche oder Nierenerkrankung ist die tägliche Gesamtsalzmenge die relevante Größe, nicht das einzelne Lebensmittel. Eine koreanische Metaanalyse fand außerdem für fermentierte Sojaprodukte eine Assoziation mit erhöhtem Magenkrebsrisiko. Das ist koreanische Ernährungsrealität mit sehr hohen Salzmengen und nicht ein Löffel Sauerkraut, trotzdem gehört es genannt.

Kann ich selbst fermentieren, ohne dass es gefährlich wird?

Selbstfermentation ist alte Handwerkskunst und in vielen Küchen Alltag. Sicherheitsversprechen gebe ich dazu trotzdem keine. Worauf es ankommt: saubere Gefäße, ausreichend Salz, das Gemüse vollständig unter der Lake, kühl und dunkel stehen lassen und den Ansatz beobachten. Alles, was schimmelt, schleimig wird, faulig riecht oder auf dem Deckel drückt, gehört weggeworfen und nicht abgeschöpft. Wer immungeschwächt oder schwanger ist, sollte auf rohe Selbstansätze verzichten.

Wo das Glas Sauerkraut an den Rest andockt

Fermentiertes steht nicht für sich. Es hängt an dem, was sonst auf dem Teller liegt, an der Schlafqualität, am Nervensystem und daran, ob eine Unverträglichkeit im Hintergrund mitläuft.

SJ

Shukri Jarmoukli

Arzt · Tätigkeitsschwerpunkt Integrative Medizin · ViveCura Berlin

Ich arbeite in meiner Privatpraxis an der Schnittstelle von klassischer Medizin, funktioneller Medizin und Klinischer Psychoneuroimmunologie. Bei Darmthemen interessiert mich weniger, welches Präparat gerade Konjunktur hat, sondern welche Frage vor dem nächsten Schritt eigentlich offen ist.

Fermentierte Lebensmittel gehören zu den wenigen Küchenwerkzeugen, für die ich mich klar ausspreche. Gleichzeitig halte ich die Datenlage für kleiner, als sie meistens verkauft wird, und die Liste derer, für die sie nicht taugen, für länger. Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Beratung. Er soll dir helfen, im Supermarkt und beim nächsten Termin bessere Fragen zu stellen.

ViveCura, Privatpraxis Shukri Jarmoukli, Skalitzer Straße 137, 10999 Berlin

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Transparenz zur Evidenz: wo die Datenlage dünn ist
  1. Die Stanford-Studie ist klein und hat ihren primären Endpunkt verfehlt. 18 Menschen pro Gruppe, alle gesund, 17 Wochen, kein Krankheitsendpunkt. Der Zytokin-Response-Score als primärer Endpunkt blieb in beiden Armen unverändert, die Vielfalt und die 19 Entzündungsproteine sind sekundäre und explorative Auswertungen. Sie ist die beste Arbeit in diesem Feld und trotzdem ein Signal und kein Beweis. Ob die Diversitätssteigerung anhält, wenn man aufhört, ist unbeantwortet.
  2. Sauerkraut bei Reizdarm ist ein Pilotversuch mit 34 Menschen. Die Autoren nennen ihre Studie selbst unterpowert. Es gibt keine zweite unabhängige Untersuchung, die das Ergebnis bestätigt.
  3. Zu Kimchi als Lebensmittel gibt es keine belastbare Humanstudie bei Darmbeschwerden. Was existiert, sind 24 Teilnehmerinnen in einer Ernährungsstudie und eine Kapsel mit einem einzelnen isolierten Stamm. Beides ist etwas anderes als ein Glas Kimchi.
  4. Kombucha steht auf zwölf Menschen. Der Blutzuckerbefund ist eine Beobachtung mit Fragezeichen. Verlässlich ist an dieser Arbeit vor allem die gemessene Ethanolzahl von 1,5 Prozent.
  5. Miso, Natto und Tempeh stützen sich auf Beobachtungskohorten. Die japanischen Daten sind groß, aber es bleiben Ernährungsfragebogen und Assoziationen. Die Autoren warnen selbst vor nicht adjustiertem Restconfounding. Es gibt keine randomisierte Studie zu Darmsymptomen.
  6. Der Kefir-Vorsprung verschwindet im Direktvergleich. Gegen unfermentierte Milch blieb in beiden türkischen Studien für die meisten Parameter kein signifikanter Unterschied. Wer nur die Vorher-Nachher-Zahlen zitiert, überzeichnet.
  7. Es gibt keine offizielle Tagesmenge für lebende Mikroorganismen. Alle Mengenangaben in diesem Artikel sind Studiendesigns. Sie sind ausdrücklich keine Empfehlung und schon gar keine persönliche Dosierung.
  8. Der FODMAP-Abbau durch Fermentation ist am besten für Sauerteig belegt, und dort überwiegend aus Lebensmittelchemie und kleinen klinischen Untersuchungen. Für Sauerkraut oder Kimchi gibt es keine vergleichbare Datenlage. Die zitierte Hefestudie ist eine Laborarbeit und keine Humanstudie.
  9. Zu chronisch entzündlichen Darmerkrankungen im akuten Schub gibt es keine belastbare Studie zu fermentierten Lebensmitteln. Der Artikel sagt genau das und spricht weder eine Empfehlung dafür noch dagegen aus.
  10. Der Bakteriämie-Fall unter Immunsuppression ist ein Einzelfall. Er begründet eine Rückfrage, keine allgemeine Warnung. Für gesunde Menschen folgt daraus nichts.
  11. Der Magenkrebs-Befund stammt aus koreanischen Beobachtungsdaten mit sehr hohen Salzmengen über Jahrzehnte. Er ist nicht auf einen Löffel Sauerkraut übertragbar und wird hier ausschließlich mit dieser Einordnung genannt.
  12. Alle Risikozahlen aus Kohorten und Metaanalysen sind Beobachtungsdaten. Sie stehen hier als wissenschaftliche Einordnung und nicht als gesundheitsbezogene Angabe zu einem Lebensmittel. Aus ihnen folgt weder eine Vorbeugung noch eine Empfehlung.
  13. An drei zitierten Arbeiten waren Autoren des Herstellers oder des herstellenden Instituts beteiligt. Das ist im Text an der jeweiligen Stelle vermerkt. Es entwertet diese Arbeiten nicht, gehört bei der Einordnung aber dazu.
  14. Was hier bewusst nicht steht. Keine persönliche Dosierungsempfehlung, kein Ernährungsprotokoll, keine Anleitung zum Selbstfermentieren und kein Rat, eine bestehende Medikation zu verändern, zu reduzieren oder abzusetzen. Jede Anpassung gehört ärztlich begleitet. Aus keinem Abschnitt folgt, dass eine empfohlene Koloskopie, Endoskopie oder Labordiagnostik verschoben oder ersetzt werden sollte. Was ich aus meiner Sprechstunde beschreibe, ist als Beobachtung gekennzeichnet und kein Studienergebnis.

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