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Stuhltransplantation: was sie kann, wo sie steht und warum sie kein Selbstversuch ist

Bei einer bestimmten wiederkehrenden Darminfektion gehört dieses Verfahren zu den eindrucksvollsten Ergebnissen der modernen Mikrobiom-Medizin. Bei allem anderen ist die Forschung noch am Anfang. Beides gehört in denselben Text.

SJ
Shukri Jarmoukli · Arzt · Tätigkeitsschwerpunkt Integrative Medizin · ViveCura Berlin
Zahlen statt Adjektive Spendertestung Rechtslage Deutschland 37 verifizierte Quellen
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Warum ich das schreibe

Kaum ein medizinisches Verfahren wird gleichzeitig so überschätzt und so unterschätzt. Für eine einzige Erkrankung ist die Datenlage außergewöhnlich klar, für alle anderen ist sie früh, dünn und widersprüchlich. Dieser Text stellt beides nebeneinander, mit Zahlen, ohne Anleitung und ohne Bezugsquellen.

Amsterdam, Januar 2013. Ein Datenüberwachungskomitee schaut auf die Zwischenergebnisse einer laufenden Studie und stoppt sie.

Nicht, weil etwas schiefgegangen wäre. Sondern weil der Unterschied zwischen den Gruppen so deutlich war, dass es nicht mehr vertretbar schien, der Kontrollgruppe die überlegene Behandlung weiter vorzuenthalten.

Es ging um Menschen mit einer Darminfektion, die immer wiederkam. Antibiotikum, Besserung, Rückfall. Antibiotikum, Besserung, Rückfall. Manche hatten das fünfmal hinter sich.

Die eine Gruppe bekam nach einem kurzen Antibiotikum aufbereiteten Stuhl eines gesunden Spenders über eine dünne Sonde in den Zwölffingerdarm. Bei 13 von 16 Menschen war die Sache danach vorbei. Nach einer einzigen Gabe.

Solche Sätze kommen in der Medizin selten vor. Und genau deshalb ist dieses Thema so heikel.

Denn aus dieser einen Geschichte ist im Internet etwas anderes geworden: die Vorstellung, man könne sich ein neues Mikrobiom besorgen wie einen neuen Satz Reifen. Es gibt deutschsprachige Seiten, die den Eindruck erwecken, das sei mit ein bisschen Ausrüstung zu Hause machbar.

Ist es nicht. Und die Gründe dafür stehen in diesem Artikel, in Zahlen, nicht in Ausrufezeichen.

Bitte zuerst lesen

Die Stuhltransplantation ist ein ärztliches Verfahren in spezialisierten Zentren

  • Sie wird in Deutschland ausschließlich in spezialisierten Einrichtungen durchgeführt, im Rahmen klinischer Studien oder als individueller Heilversuch. Ein dafür zugelassenes Arzneimittel gibt es hier nicht. So steht es in der DGVS-S2k-Leitlinie Gastrointestinale Infektionen, Version 2.1 von November 2023 (AWMF 021-024). [Leitlinie]
  • Eigenversuche zu Hause sind gefährlich. Es sind Übertragungen antibiotikaresistenter Bakterien dokumentiert. In zwei unabhängigen Studien entwickelten zwei Menschen eine Blutstrominfektion mit ESBL-bildenden Escherichia coli, die genomisch demselben Spender zugeordnet wurde. Eine dieser beiden Personen starb (DeFilipp 2019, PMID 31665575). In einem zweiten, davon getrennten Vorgang waren sieben Menschen von einem Spender betroffen, der mit Shiga-Toxin-bildenden E. coli besiedelt war, hier ohne Todesfall (Zellmer 2021, PMID 33159210).
  • Beide Vorgänge haben zu verschärften Screening-Anforderungen der Behörden geführt. Die europäische Arzneimittelagentur nennt das Verhindern von Eigenversuchen ausdrücklich als regulatorisches Ziel.
  • Dieser Artikel enthält bewusst keine Anleitung, keine Mengen, keine Geräte, keine Bezugsquellen und keine Anbieter. Er beschreibt, was untersucht wurde und was daraus folgt.

Wenn du wegen wiederkehrender Darminfektionen behandelt wirst: Antibiotika und immunsuppressive Therapien werden niemals eigenmächtig verändert oder abgesetzt. Jeder Schritt gehört mit dem behandelnden Team besprochen.

Alarmzeichen

Diese Zeichen gehören ärztlich abgeklärt, bevor irgendetwas anderes passiert

  • Blut im Stuhl
  • schwarzer Teerstuhl
  • ungewollter Gewichtsverlust
  • Fieber
  • nächtliche Beschwerden, die dich aufwecken
  • wiederholtes Erbrechen
  • Schluckstörung
  • neue, anhaltende Änderung der Stuhlgewohnheit ab etwa 45 bis 50 Jahren
  • Blutarmut ohne erklärten Grund
  • Darmkrebs oder chronisch-entzündliche Darmerkrankung in der Familie

Diese Zeichen gehören untersucht und nicht selbst behandelt. Wie ernst dieser Satz gemeint ist, zeigt ein Nebenbefund aus einer norwegischen Reizdarm-Studie: Bei 4 von 90 Personen, die mit der Diagnose Reizdarmsyndrom in die Studie kamen, fand sich in der Studienkoloskopie eine mikroskopische Kolitis, also eine ganz andere Erkrankung mit einer ganz anderen Behandlung (Johnsen 2018, PMID 29100842). Diagnostik kommt vor Therapie. Eine empfohlene Koloskopie oder Labordiagnostik wird durch keine Mikrobiom-Idee ersetzt und nicht verschoben.

Was dich hier erwartet

  • Was bei einer Stuhltransplantation tatsächlich übertragen wird
  • Wie die Spenderauswahl abläuft, und wie viele Freiwillige durchkommen
  • Frisch, gefroren oder gefriergetrocknet, und warum das messbar zählt
  • Die eine Indikation mit starker Evidenz, in Zahlen
  • Was eine Number Needed to Treat von 1,5 in der Medizin bedeutet
  • Die zwei in den USA zugelassenen Präparate und der Stand in Europa
  • Colitis ulcerosa, Morbus Crohn, Reizdarm, Stoffwechsel, Leber, ehrlich sortiert
  • Das Super-Spender-Phänomen und was es über unser Wissen sagt
  • Die dokumentierten Schäden, mit Fall, Jahr und Ausgang
  • Die deutsche Rechtslage im Wortlaut der Leitlinie, und das Datum August 2027
  • Was daraus für einen Alltag folgt, in dem niemand eine FMT bekommt
RCT / Meta randomisiert oder zusammengefasst Human Kohorte, Fallserie, Register Tiermodell hier nicht verwendet Laborversuch hier nicht verwendet

Ein Wort vorab zur Haltung. Bei diesem Thema gibt es keine Front zwischen Fachmedizin und integrativer Medizin. Im Gegenteil: Die Gastroenterologie hat dieses Verfahren entwickelt, geprüft und eingegrenzt. Sie hat die guten Zahlen erarbeitet, und sie hat die Grenzen benannt. Die deutsche Zurückhaltung dabei hat gute Gründe, und die stehen weiter unten ausführlich.

Was ich als Arzt in einer integrativen Praxis dazu beitragen kann, ist nicht mehr Stuhltransplantation. Es ist die Frage, was dieses Verfahren über den Darm lehrt, und was davon für Menschen brauchbar ist, die nie eine bekommen werden. Diese Frage steht ganz am Ende.

Was dabei übertragen wird, und warum das kein Stuhl im Alltagssinn ist

Das Wort ist das erste Problem. Stuhltransplantation klingt nach etwas, das niemand im Zusammenhang mit Medizin hören möchte. Viele Menschen klicken an dieser Stelle weg, bevor sie verstanden haben, worum es geht.

Der Fachbegriff ist präziser und nüchterner: fäkaler Mikrobiotatransfer, kurz FMT. Übertragen wird nicht die Ausscheidung, sondern das, was darin lebt. Eine Gemeinschaft aus Bakterien, Archaeen, Pilzen, Viren und den Stoffwechselprodukten, die sie miteinander austauschen.

Im Labor wird das Material gesiebt, verdünnt, teilweise unter Sauerstoffabschluss verarbeitet, portioniert, eingefroren oder gefriergetrocknet, quarantänisiert und erst freigegeben, wenn die Nachtestung des Spenders sauber ist. Was am Ende in einer Kapsel oder in einer Spritze liegt, hat mit dem Ausgangsmaterial etwa so viel gemeinsam wie ein Blutkonzentrat mit einer Wunde.

Die spannendere Frage ist nicht, was übertragen wird, sondern was danach passiert.

Mechanismus am Menschen, n=9 Was sich im Darm danach verschiebt

Susana Fuentes und ihr Team haben bei neun Menschen aus der Amsterdamer Studie die Stuhlflora vor der Übertragung, danach und über zehn Wochen Nachbeobachtung mit einem phylogenetischen Microarray charakterisiert und mit der ihrer Spender verglichen.

Vor der Behandlung dominierten Proteobacteria und Bacilli bei niedriger Vielfalt. Danach verschob sich das Bild in Richtung Bacteroidetes und Clostridium-Gruppen einschließlich butyratbildender Bakterien und ähnelte dem der Spender. Diese Verschiebung blieb über die gesamte Nachbeobachtung bestehen.

Für dich heißt das: Es wird kein Keim bekämpft. Es wird eine leer gewordene ökologische Nische wieder besetzt. Das ist ein anderer Gedanke als der, den die meisten Menschen mit Darmbehandlung verbinden.

Fuentes S, van Nood E, Tims S et al. ISME J. 2014;8(8):1621-1633. PMID: 24577353 · DOI: 10.1038/ismej.2014.13 [Mechanismus-Review begleitend zu einem RCT, Humanproben]
Mechanistisch plausibel, an Humanproben gemessen

Warum eine Gemeinschaft etwas kann, das ein einzelner Stamm nicht kann

  1. Ein Antibiotikum räumt auf. Es trifft nicht nur den Erreger, sondern auch die Konkurrenz, die ihn sonst in Schach hielte. Zurück bleibt ein Darm mit freien Plätzen.
  2. Der Erreger nutzt die Lücke. Clostridioides difficile bildet Sporen, die Antibiotika überstehen. Sobald der Wettbewerb fehlt, keimen sie aus.
  3. Gallensäuren kippen mit. Bestimmte Darmbakterien wandeln primäre in sekundäre Gallensäuren um. Fehlen diese Bakterien, verschiebt sich das Gallensäurenmuster in eine Richtung, die das Auskeimen von Sporen begünstigt.
  4. Die Übertragung bringt die fehlenden Gruppen zurück. Nicht einen Stamm, sondern das Geflecht, das Nährstoffe verbraucht, Nischen besetzt und Stoffwechselprodukte bildet.
  5. Das Milieu verschiebt sich. Die Sporen finden weniger Bedingungen zum Auskeimen, und der Kreislauf aus Rückfall und Antibiotikum kann durchbrochen werden.

Diese Kette ist mechanistisch gut belegt und passt zu den gemessenen Verschiebungen bei Fuentes. Sie erklärt allerdings nur die Infektionssituation. Für chronische Erkrankungen liegt keine vergleichbar saubere Erklärung vor, und das ist einer der Gründe, warum die Ergebnisse dort so uneinheitlich sind.

Zwei Abgrenzungen sind an dieser Stelle wichtig, weil sie im Netz ständig durcheinandergehen.

Probiotika sind etwas anderes. Ein Probiotikum enthält eine überschaubare Zahl definierter Stämme in bekannter Menge, eine Stuhltransplantation enthält eine komplette, nicht vollständig charakterisierte Gemeinschaft. Welche Rolle Probiotika sinnvoll spielen können und worin sich Sporenform und klassische Kapsel unterscheiden, steht in Probiotika: Sporenform oder Kapsel.

Darmspülungen sind ebenfalls etwas anderes. Bei einem Einlauf oder einer Colon-Hydro-Therapie wird Flüssigkeit eingebracht, um zu spülen, nicht um Mikroorganismen anzusiedeln. Was diese Verfahren können und was nicht, habe ich in Darmreinigung, Einlauf und Colon-Hydro aufgeschrieben.

Reframe

Die meisten Menschen denken bei Darmbehandlung an ein Mittel: eine Kapsel, ein Pulver, ein Präparat mit einer Zahl auf der Packung.

Die Stuhltransplantation legt einen anderen Gedanken nahe. Nicht ein Wirkstoff, sondern eine Gemeinschaft. Nicht eine Zahl, sondern ein Zusammenspiel. Genau deshalb lässt sich das Verfahren bis heute nicht in eine definierte Rezeptur übersetzen. Und genau deshalb kann man es auch nicht nachbauen.

Und jetzt weißt du, warum der Begriff Transplantation hier tatsächlich passt: Es wird ein lebendes System übertragen, nicht eine Substanz.

Wie das Verfahren abläuft, von der Spenderauswahl bis zur Kapsel

Frag zehn Menschen, wie eine Stuhltransplantation abläuft, und neun beschreiben ungefähr dasselbe: Man braucht einen gesunden Spender, und dann geht es irgendwie hinein.

Der aufwendigste Teil ist der erste. Und er ist so aufwendig, dass er allein schon die wichtigste Antwort auf die Frage nach dem Selbstversuch liefert.

Die Spendersuche, in Zahlen

Auf allen deutschsprachigen Ratgeberseiten steht sinngemäß derselbe Satz: Der Spender wird gründlich untersucht. Was das heißt, steht dort nirgends. Hier steht es.

Prospektive Kohorte, n=393 Zehn Prozent kommen durch

Ein Team um Menno Bénard hat am Amsterdam UMC von Januar 2018 bis August 2021 jeden Schritt des eigenen Spender-Screenings ausgewertet und die Kosten berechnet.

393 Interessierte gingen ins Vorscreening. 202 fielen dort schon heraus. Von den 191, die den ausführlichen Fragebogen ausfüllten, wurden 43 ausgeschlossen. Im Parasiten-Screening fielen 91 von 148 heraus, überwiegend wegen Dientamoeba fragilis und größerer Mengen Blastocystis. In den weiteren Stuhluntersuchungen schieden 18 von 57 aus, hauptsächlich wegen Helicobacter pylori und ESBL-Bildnern. Am Ende waren 38 von 393 zugelassen, also 10 Prozent, bei Kosten von 64.112 Euro für diese 38.

Für dich heißt das: In einer Universitätsklinik fällt neun von zehn Freiwilligen durch. Die Vorstellung, der eigene Partner oder ein Geschwisterkind sei schon irgendwie gesund genug, ist statistisch nicht haltbar.

Bénard MV, de Bruijn CMA, Fenneman AC et al. PLoS One. 2022;17(10):e0276323. PMID: 36264933 · DOI: 10.1371/journal.pone.0276323 [Kohorte, Prozessauswertung, n=393]

Ein ehrlicher Zusatz, den die Autoren selbst machen: Ob der Ausschluss wegen Blastocystis in dieser Strenge berechtigt ist, halten sie für diskussionswürdig. Blastocystis findet sich auch bei vielen beschwerdefreien Menschen. Wie man einen solchen Befund einordnet, ohne ihn zu dramatisieren und ohne ihn zu ignorieren, steht in Parasiten im Darm: Blastocystis und Giardia.

Sekundäranalyse einer Screening-Kohorte, n=7.968 1,7 Prozent aus fast achttausend

Nicole Dubois und Kolleginnen haben die Ablehnungsgründe von 7.968 Spenderkandidaten einer Stuhlbank Stufe für Stufe ausgewertet.

Am Ende qualifizierten sich 134 Personen, also 1,7 Prozent. Publizierte Ablehnungsraten von Spenderprogrammen liegen zwischen 90 und 96 Prozent. Die häufigsten Gründe im Vorabcheck waren ein BMI ab 30 (37,0 Prozent), Logistik (20,5 Prozent) und die Reiseanamnese (15,5 Prozent). Trotz bestandenem Vorabcheck wurden beim persönlichen Termin noch 569 von 781 abgelehnt, vorrangig wegen Erkrankungen, die mit dem Mikrobiom in Verbindung gebracht werden. Nur ein kleiner Teil fiel erst im Labor durch.

Für dich heißt das: Die meisten Ablehnungen entstehen nicht durch einen auffälligen Laborwert, sondern durch Gespräch und Untersuchung. Genau diesen Teil kann ein gekaufter Stuhltest zu Hause nicht ersetzen.

Dubois NE, Read CY, O'Brien K, Ling K. Biol Res Nurs. 2020;23(1):21-30. PMID: 32677450 · DOI: 10.1177/1099800420941185 [Kohorte, Screening-Analyse, n=7.968]

Wer es durch das Screening schafft, ist damit nicht dauerhaft freigegeben. In Amsterdam wurde alle 60 Tage erneut auf multiresistente Erreger getestet und alle vier bis sechs Monate komplett neu gescreent. Die mediane aktive Spendezeit lag bei 13 Monaten.

Der Ablauf im Zentrum

Fünf Stationen, von denen vier vor der eigentlichen Anwendung liegen

1
Spenderauswahl

Ausführlicher Fragebogen zu Vorerkrankungen, Medikamenten, Reisen, Lebensstil und Familienanamnese. Danach Blut- und Stuhluntersuchungen auf Erreger, Parasiten und resistente Bakterien.

10 Prozent kommen durch 1,7 Prozent in einer großen Stuhlbank
2
Aufbereitung

Verarbeitung nach festgelegtem Protokoll, teils unter Sauerstoffabschluss. Frisch, gefroren oder gefriergetrocknet. Die Wahl ist nicht gleichgültig, siehe die Zahlen unten.

frisch, gefroren, lyophilisiert
3
Quarantäne und Nachtestung

Das Material bleibt gesperrt, bis eine erneute Testung des Spenders unauffällig ist. Damit sollen frische Infektionen abgefangen werden, die zum Zeitpunkt der Spende noch nicht nachweisbar waren.

Freigabe erst nach Nachtestung
4
Vorbereitung der Person, die es erhält

Bei der Infektionsindikation geht meist ein Antibiotikakurs voraus, teilweise auch eine Darmspülung. Aufklärung, Einwilligung und Dokumentation sind bei einem individuellen Heilversuch besonders umfangreich.

Standardtherapie zuerst
5
Applikation

Untere Endoskopie, obere Endoskopie, nasoduodenale oder nasojejunale Sonde, Einlauf oder Kapseln. Bei Sondenlage kann eine Röntgenkontrolle nötig sein. Eine Koloskopie ist nicht bei allen Menschen sicher oder machbar.

Weg entscheidet mit

Vier von fünf Stationen liegen vor dem eigentlichen Eingriff. Das ist der Grund, warum eine europäische Konsensuskonferenz aus 28 Fachleuten aus 10 Ländern ein eigenes Dokument über Spenderauswahl, Aufbereitung, Anwendung und Zentrumsstruktur geschrieben hat (Cammarota 2017, PMID 28087657). [Leitlinie]

Frisch, gefroren oder gefriergetrocknet

Dass die Aufbereitung mitentscheidet, ist keine Vermutung. Es ist gemessen.

RCT, doppelblind, n=72 Hundert, dreiundachtzig, achtundsiebzig

Zhi-Dong Jiang und Kollegen gaben 72 Menschen mit mindestens drei Episoden einer Clostridioides-difficile-Infektion doppelblind per Koloskopie entweder frisches, gefrorenes oder gefriergetrocknetes Material aus einem kleinen Spenderpool.

Das Ansprechen über zwei Monate lag bei 100 Prozent für frisch (25 von 25), 83 Prozent für gefroren (20 von 24) und 78 Prozent für lyophilisiert (16 von 23). Frisch gegenüber gefriergetrocknet war statistisch unterschiedlich, P gleich 0,022. Die Vielfalt im Stuhl war bei frisch und gefroren an Tag 7 wiederhergestellt, bei gefriergetrocknet erst an Tag 30.

Für dich heißt das: Wenn schon eine standardisierte Gefriertrocknung im Labor messbar Ansprechen kostet, dann ist die Vorstellung, das lasse sich in einer Küche nachbilden, nicht plausibel.

Jiang ZD, Ajami NJ, Petrosino JF et al. Aliment Pharmacol Ther. 2017;45(7):899-908. PMID: 28220514 · DOI: 10.1111/apt.13969 [RCT, doppelblind, n=72]

Der Weg hinein

Die deutsche Leitlinie nennt für die einmalige Gabe bei der Infektionsindikation Zahlen aus einer Metaanalyse, gruppiert nach Applikationsweg. Sie sind hilfreich, weil sie zeigen, dass der Weg nicht gleichgültig ist.

Ansprechraten nach einmaliger Gabe, gruppiert nach Applikationsweg, zitiert nach der DGVS-S2k-Leitlinie Gastrointestinale Infektionen, Version 2.1, November 2023, AWMF 021-024. Diese Zahlen gelten ausschließlich für die rezidivierende Clostridioides-difficile-Infektion. [Leitlinie]
WegAnsprechen nach einmaliger GabeAnmerkung
Untere Endoskopie (Koloskopie)88 Prozenthöchste Rate, aber Eingriff mit eigenen Risiken
Kapsel81 Prozentlaut Leitlinie das günstigste Risikoprofil
Obere Endoskopie76 ProzentRegurgitation und Aspiration möglich
Einlauf50,2 Prozenterreicht nur die unteren Darmabschnitte
Alle Wege gepoolt78,7 Prozent nach einer Gabe, 93 Prozent nach mehrerenWiederholung steigert das Ergebnis deutlich
RCT, Nichtunterlegenheit, n=116 Die Kapsel ist gleichwertig, nicht harmloser

Dina Kao und ihr Team randomisierten 116 Erwachsene mit wiederkehrender Clostridioides-difficile-Infektion auf Kapseln oder Koloskopie.

In der Per-Protocol-Auswertung lagen beide Gruppen bei 96,2 Prozent, die Differenz betrug null Prozent, die Nichtunterlegenheit war erfüllt. Leichte unerwünschte Ereignisse traten in der Kapselgruppe seltener auf (5,4 gegenüber 12,5 Prozent). 66 Prozent der Kapselgruppe bewerteten die Erfahrung als überhaupt nicht unangenehm, gegenüber 44 Prozent nach Koloskopie.

Für dich heißt das: Die Kapsel ist der angenehmere Weg, medizinisch gleichwertig. Sie ist aber nicht die harmlosere Substanz. Es ist dasselbe Material mit denselben Anforderungen an die Spendertestung, nur anders verpackt.

Kao D, Roach B, Silva M et al. JAMA. 2017;318(20):1985-1993. PMID: 29183074 · DOI: 10.1001/jama.2017.17077 [RCT, Nichtunterlegenheit, n=116]
Reframe

Das Wort Kapsel beruhigt. Es klingt nach Nahrungsergänzung, nach Drogerie, nach überschaubarem Risiko.

Die Verpackung sagt nichts über den Inhalt. Die Kapseln in diesen Studien stammen aus einem Prozess mit Spenderfragebogen, Blutuntersuchung, Parasitendiagnostik, Quarantäne und Nachtestung. Ohne diesen Prozess ist eine Kapsel keine Kapsel, sondern ein unbekanntes Material.

Und jetzt weißt du, warum die Kliniken so viel Aufwand betreiben, bevor überhaupt jemand behandelt wird.

Die eine Indikation mit starker Evidenz, und wie stark sie wirklich ist

Viele Menschen kennen dieses Muster aus Berichten oder aus der eigenen Familie: Ein Antibiotikum, zum Beispiel wegen einer Lungenentzündung, bringt die Infektion zum Abklingen, für die es verordnet wurde. Wenige Tage später beginnt Durchfall. Zehn, fünfzehn Mal am Tag, wässrig, mit Krämpfen, mit Fieber.

Es folgt ein zweites Antibiotikum, diesmal gegen Clostridioides difficile. Die Beschwerden gehen zurück. Zwei Wochen später fangen sie wieder an. Und dann noch einmal.

Viele Menschen mit diesem Verlauf beschreiben dasselbe Gefühl: dass sie ihrem eigenen Darm nicht mehr trauen können. Wer dreimal einen Rückfall hatte, hat statistisch ein sehr hohes Risiko für den vierten.

In diese Lage hinein wurde die Studie geplant, mit der dieser Artikel begonnen hat.

RCT, offen, drei Arme, vorzeitig beendet Die Studie, die abgebrochen wurde, weil sie zu deutlich war

Els van Nood und ihr Team in Amsterdam randomisierten Menschen mit rezidivierender Clostridioides-difficile-Infektion auf drei Arme: kurzer Vancomycin-Kurs plus Darmspülung plus Infusion von Spendermaterial über eine nasoduodenale Sonde, oder 14 Tage Vancomycin allein, oder Vancomycin plus Darmspülung.

Nach der Zwischenauswertung wurde die Studie gestoppt. 13 von 16 Personen im Infusionsarm (81 Prozent) hatten nach einer einzigen Gabe keine Durchfälle mehr. Von den drei übrigen bekamen alle eine zweite Gabe mit dem Material eines anderen Spenders, zwei davon mit Erfolg, macht 15 von 16 (94 Prozent). Vancomycin allein: 4 von 13 (31 Prozent). Vancomycin plus Spülung: 3 von 13 (23 Prozent). Jeweils P kleiner 0,001. Unerwünschte Ereignisse unterschieden sich nicht, abgesehen von leichtem Durchfall und Krämpfen am Tag der Infusion.

Für dich heißt das: Ein vorzeitiger Abbruch ist hier kein Makel, sondern das Gegenteil. Ein unabhängiges Komitee hält eine Studie an, wenn es unethisch wird, der Kontrollgruppe die überlegene Behandlung weiter vorzuenthalten. Das passiert nicht oft.

van Nood E, Vrieze A, Nieuwdorp M et al. N Engl J Med. 2013;368(5):407-415. PMID: 23323867 · DOI: 10.1056/NEJMoa1205037 [RCT, offen, multizentrisch, n=43]

Eine einzelne Studie beweist nichts, auch keine dramatische. Die Frage ist immer, ob es standhält, wenn andere Gruppen mit besseren Kontrollen nachmessen. Hier hat es standgehalten.

RCT, doppelblind, Placebo aus Eigenstuhl, n=46 Gegen eine echte Scheinbehandlung

Colleen Kelly und Kollegen gaben 46 Menschen mit drei oder mehr Rezidiven nach vollständigem Vancomycin-Kurs per Koloskopie entweder Spendermaterial oder ihren eigenen Stuhl als Kontrolle.

In der Intention-to-treat-Analyse blieben 20 von 22 mit Spendermaterial beschwerdefrei (90,9 Prozent) gegenüber 15 von 24 mit Eigenmaterial (62,5 Prozent), P gleich 0,042. Alle neun Menschen mit Rückfall nach der autologen Gabe waren nach anschließender Spenderübertragung beschwerdefrei. Auffällig: Die autologe Gabe schnitt an den beiden Zentren sehr unterschiedlich ab, 9 von 10 gegenüber 6 von 14.

Für dich heißt das zweierlei. Der Effekt hält auch gegen eine glaubwürdige Scheinbehandlung. Und der Unterschied zwischen den Zentren ist ein früher Hinweis darauf, wie stark die Details des Vorgehens das Ergebnis prägen.

Kelly CR, Khoruts A, Staley C et al. Ann Intern Med. 2016;165(9):609-616. PMID: 27547925 · DOI: 10.7326/M16-0271 [RCT, doppelblind, n=46]
RCT, drei Arme, n=64 Gegen den besten verfügbaren Gegner

Christian Lodberg Hvas und sein Team in Aarhus verglichen die Übertragung nach kurzem Vancomycin-Kurs mit Fidaxomicin und mit Vancomycin, also mit der besten und der üblichen Antibiotikaoption.

Beim kombinierten Endpunkt aus klinischem Abklingen und negativer Toxin-PCR nach acht Wochen lagen 17 von 24 (71 Prozent) im Transferarm, 8 von 24 (33 Prozent) unter Fidaxomicin und 3 von 16 (19 Prozent) unter Vancomycin. Beim rein klinischen Ansprechen waren es 92 gegenüber 42 gegenüber 19 Prozent. Ein schwerwiegendes Ereignis wurde als möglicherweise mit dem Verfahren zusammenhängend eingestuft.

Für dich heißt das: Der Vergleich ist fair, weil Fidaxomicin nicht der schwächste, sondern der stärkste medikamentöse Gegner ist. Die deutsche Leitlinie hebt genau diese Studie hervor.

Hvas CL, Dahl Jørgensen SM, Jørgensen SP et al. Gastroenterology. 2019;156(5):1324-1332. PMID: 30610862 · DOI: 10.1053/j.gastro.2018.12.019 [RCT, drei Arme, n=64]
Systematischer Review und Metaanalyse, 45 Studien Die Gesamtschau, mit einer sehr seltenen Zahl

Simon Mark Dahl Baunwall und Kollegen haben 45 Studien zur rezidivierenden Clostridioides-difficile-Infektion zusammengefasst, mit GRADE-Bewertung und vorab registriertem Protokoll.

Nach acht Wochen lag der klinische Effekt bei wiederholter Übertragung bei 91 Prozent (95-Prozent-Konfidenzintervall 89 bis 94, 24 Studien, 1.855 Personen), bei einmaliger Übertragung bei 84 Prozent (80 bis 88, 43 Studien, 2.937 Personen). Gegenüber Vancomycin ergab sich eine Number Needed to Treat von 1,5 (1,3 bis 1,9) für die wiederholte Anwendung. Die Evidenz für die wiederholte Anwendung wurde als hochwertig eingestuft.

Für dich heißt das: Eine Number Needed to Treat von 1,5 bedeutet, dass rechnerisch anderthalb Menschen behandelt werden müssen, damit einer zusätzlich davon einen Vorteil hat. Bei vielen vorbeugenden Medikamenten liegt diese Zahl im zwei- bis dreistelligen Bereich. Das ist die Größenordnung, über die wir hier sprechen.

Baunwall SMD, Lee MM, Eriksen MK et al. EClinicalMedicine. 2020;29-30:100642. PMID: 33437951 · DOI: 10.1016/j.eclinm.2020.100642 [Meta-Analyse, k=45]
81 %beschwerdefrei nach einer einzigen Gabe, gegenüber 31 und 23 Prozent (van Nood 2013)
1,5Number Needed to Treat gegenüber Vancomycin bei wiederholter Anwendung (Baunwall 2020)
13,1Prozentpunkte Zugewinn bei nur einem Rezidiv und hoher Placeborate (Khanna 2022)
Die ehrliche Gegenrechnung

Je verzweifelter die Ausgangslage, desto größer der Effekt

Die spektakulären Zahlen stammen aus Studien mit Menschen, die drei, vier oder fünf Rückfälle hinter sich hatten. Dort war die Erfolgsrate der Vergleichsbehandlung niedrig, und der Abstand entsprechend groß.

In der Phase-3-Studie zu einem mikrobiombasierten Präparat mit Menschen nach nur einem Rezidiv lag die modellierte Erfolgsrate im Placeboarm bereits bei 57,5 Prozent. Der geschätzte Zugewinn betrug dort 13,1 Prozentpunkte (Khanna 2022, PMID 36287379).

Das ist kein Widerspruch, sondern Statistik. Es heißt aber: Wer die 81 Prozent aus 2013 auf die eigene, ganz andere Situation überträgt, rechnet mit der falschen Zahl.

Retrospektive Kohorte mit Nachbefragung, n=39 Auch die belegte Indikation ist nicht risikofrei

Yvette van Beurden und Kollegen haben alle 39 Menschen nachverfolgt, die zwischen 2010 und 2016 in Amsterdam nach diesem Protokoll behandelt wurden, mit strukturierten Telefoninterviews über 3 bis 68 Monate.

Die primäre Ansprechrate lag bei 82 Prozent. Bei 5 Personen traten prozedurbezogene Komplikationen auf, sämtlich Regurgitation oder Erbrechen. Eine Person starb eine Woche nach der Übertragung an einer Lungenentzündung, ein ursächlicher Zusammenhang mit dem Eingriff konnte nicht ausgeschlossen werden. Langfristig wurden keine Nebenwirkungen berichtet.

Für dich heißt das: Der Weg über den oberen Verdauungstrakt hat eigene Gefahren, vor allem Aspiration. Dieser eine Satz aus der Publikation fehlt auf jeder deutschsprachigen Ratgeberseite, die ich gefunden habe.

van Beurden YH, de Groot PF, van Nood E et al. United European Gastroenterol J. 2017;5(6):868-879. PMID: 29026601 · DOI: 10.1177/2050640616678099 [Kohorte, retrospektiv, n=39]

Zur Einordnung außerhalb kleiner Studien: In einer prospektiven Kohorte mit 180 Menschen zwischen 7 und 95 Jahren, behandelt mit gefrorenen Kapseln, waren 82 Prozent nach einer und 91 Prozent nach zwei Behandlungen beschwerdefrei. Die Autoren betonen im selben Atemzug, dass randomisierte Studien und Register für die Beurteilung der Langzeitsicherheit weiterhin nötig sind (Youngster 2016, PMID 27609178). Auch dieser zweite Teil wird selten mitzitiert.

Warum diese Infektion überhaupt entsteht und was der Darm nach einer Antibiotikatherapie braucht, steht ausführlich in Der Darm nach Antibiotika. Die Clostridioides-difficile-Infektion ist die schwerste Form dieser Folge, nicht die häufigste.

Der Satz, der bleibt

Diese Zahlen gelten für eine bakterielle Darminfektion nach Antibiotika. Sie sagen nichts über Reizdarm, nichts über Gewicht, nichts über Autoimmunerkrankungen und nichts über Erschöpfung. Wer sie überträgt, überträgt eine Hoffnung, keine Evidenz.

Reframe

Viele Menschen lesen aus dieser Studienlage: Das Mikrobiom ist der Schlüssel, also muss es auch bei meinem Problem der Schlüssel sein.

Ich lese daraus etwas Engeres und aus meiner Sicht Interessanteres: Wenn eine Gemeinschaft fehlt, kann das Zurückbringen dieser Gemeinschaft viel bewegen. Wenn keine fehlt, bringt das Hinzufügen wenig. Der Unterschied zwischen einer leeren Nische und einem unzufriedenen Darm ist entscheidend.

Und jetzt weißt du, warum dieselbe Behandlung in einer Situation beeindruckende Zahlen liefert und in einer anderen gar keine.

Die zugelassenen Präparate, und warum es sie in Europa noch nicht gibt

Wenn eine Behandlung so gut abschneidet, drängt sich eine Frage auf: Warum gibt es davon keine Packung in der Apotheke?

Die Antwort lautet: In den USA gibt es sie inzwischen, in zwei Varianten. In Europa noch nicht. Und der Weg dorthin erklärt vieles über dieses Feld.

RCT Phase 3, doppelblind, placebokontrolliert, n=182 Aufgereinigte Sporen zum Einnehmen

Paul Feuerstadt und ein großes Team prüften in der Studie ECOSPOR III ein Präparat aus aufgereinigten Firmicutes-Sporen aus Spendermaterial bei 182 Menschen mit mindestens drei Episoden, nach abgeschlossener Standard-Antibiotikatherapie, drei Tage lang je vier Kapseln gegen Placebo.

Ein Rezidiv innerhalb von acht Wochen trat bei 12 Prozent unter dem Präparat auf gegenüber 40 Prozent unter Placebo. Relatives Risiko 0,32 (0,18 bis 0,58), P kleiner 0,001. Die zugeführten Arten waren schon ab Woche 1 nachweisbar, zusammen mit Gallensäureprofilen, die das Auskeimen von Sporen hemmen. Nebenwirkungen waren überwiegend leicht bis mittelschwer und in beiden Gruppen ähnlich häufig.

Für dich heißt das: Hier ist aus einer biologischen Beobachtung ein definiertes Arzneimittel geworden. Auf dieser Studie beruht die US-Zulassung eines oralen mikrobiombasierten Präparats aus dem Jahr 2023.

Feuerstadt P, Louie TJ, Lashner B et al. N Engl J Med. 2022;386(3):220-229. PMID: 35045228 · DOI: 10.1056/NEJMoa2106516 [RCT Phase 3, n=182]
RCT Phase 3, doppelblind, bayesianische Analyse, n=267 behandelt Ein breites Konsortium als einmaliger Einlauf

Sahil Khanna und Kollegen prüften in PUNCH CD3 ein breit zusammengesetztes Mikrobenkonsortium aus menschlichem Stuhl als einmaligen Einlauf gegen Placebo, bei Erwachsenen mit mindestens einem Rezidiv.

Die modellierte Erfolgsrate lag bei 70,6 gegenüber 57,5 Prozent, der geschätzte Behandlungseffekt bei 13,1 Prozentpunkten, die posteriore Überlegenheitswahrscheinlichkeit bei 0,991. Über 90 Prozent derjenigen mit Erfolg nach acht Wochen hielten dieses Ergebnis bis sechs Monate, und zwar in beiden Gruppen. Behandlungsbedingte unerwünschte Ereignisse waren im Verumarm häufiger, überwiegend leichte Magen-Darm-Beschwerden.

Für dich heißt das: Auch hier gilt der Satz von oben. Bei weniger verzweifelter Ausgangslage schrumpft der Abstand. Auf dieser Studie beruht die US-Zulassung eines mikrobiombasierten Einlaufpräparats aus dem Jahr 2022.

Khanna S, Assi M, Lee C et al. Drugs. 2022;82(15):1527-1538. PMID: 36287379 · DOI: 10.1007/s40265-022-01797-x [RCT Phase 3, n=289 randomisiert]

Die amerikanische Fachgesellschaft für Gastroenterologie nennt beide Präparate in ihrer Leitlinie von 2024 bei ihren regulatorischen Bezeichnungen und ordnet sie in ihre Empfehlungen ein (Peery 2024, PMID 38395525). [Leitlinie]

Der Stand in Europa

Kein einheitlicher Rahmen, und ein konkretes Datum

Keine einheitliche Einordnung
Der Horizon-Scanning-Report der europäischen Arzneimittelagentur hält fest, dass es EU-weit keine abgestimmte Klassifizierung und keine eigene Leitlinie für den fäkalen Mikrobiotatransfer gibt, weshalb die Mitgliedsstaaten unterschiedliche Rahmen anwenden: Arzneimittelrecht, Gewebe- und Zellrecht oder die Einordnung als therapeutische Intervention.
Deutschland in der Arzneimittel-Kategorie
In der Ländertabelle des Berichts steht Deutschland in der Gruppe Arzneimittel oder gleichwertig, zusammen mit unter anderem Frankreich, den Niederlanden, Spanien, Schweden, dem Vereinigten Königreich und den USA. Belgien und Italien regeln über das Gewebe- und Zellrecht, Österreich unterscheidet nach Herstellungsart.
Ab August 2027
Fäkale beziehungsweise intestinale Mikrobiota fällt dann unter die EU-Verordnung über Substanzen menschlichen Ursprungs, Verordnung (EU) 2024/1938, und zwar über die gesamte Kette von der Spenderregistrierung bis zur Erfassung der Ergebnisse.
Was die Behörde selbst als offen bezeichnet
Im Bericht steht wörtlich, dass der wirksame Bestandteil dieser Produkte unbekannt ist, was die Produktcharakterisierung erschwert. Und dass die Empfindlichkeit von Stuhltests sowie die Fähigkeit, Erreger in niedriger Zahl zu erkennen, derzeit begrenzt ist.

Quelle: European Medicines Agency und Heads of Medicines Agencies, EU-IN Horizon Scanning Report Faecal Microbiota Transplantation, EMA/204935/2022/Rev. 1. [Leitlinie] Zulassungsanträge in Europa halten die Autoren in den nächsten 5 bis 10 Jahren für wahrscheinlich.

Reframe

Man kann diese Entwicklung als Bremse lesen: Behörden, Verordnungen, Jahreszahlen, alles dauert.

Ich lese sie anders. Die Richtung geht weg vom Rohmaterial und hin zum definierten, standardisierten Präparat. Damit wird das Verfahren prüfbar, vergleichbar und nachvollziehbar. Das ist gleichzeitig die beste Nachricht des Feldes und der beste Grund, jetzt nichts auf eigene Faust zu tun.

Und jetzt weißt du, warum in einer Apotheke in Berlin nichts davon liegt, obwohl die Studien so gut aussehen.

Alle anderen Anwendungsgebiete, ehrlich sortiert

Hier wird es unangenehm, und zwar in beide Richtungen.

Wer hofft, findet in diesem Abschnitt einzelne Zahlen, die spektakulär aussehen. Wer skeptisch ist, findet Zahlen, die das Gegenteil sagen. Beides steht hier, und zwar nebeneinander, weil genau dieses Nebeneinander den Forschungsstand am besten abbildet.

Eine Vorbemerkung, die mir wichtig ist. Wenn du eine chronisch-entzündliche Darmerkrankung hast, oder ein Kind mit Autismus, oder eine Lebererkrankung, dann liest du diesen Abschnitt vermutlich mit einer bestimmten Frage im Kopf. Ich möchte, dass die Antwort darauf klar ist, bevor die Zahlen kommen: Es gibt hier derzeit keine verfügbare Option, die dir vorenthalten wird. Was es gibt, ist frühe Forschung mit uneinheitlichen Ergebnissen.

Colitis ulcerosa: vier randomisierte Studien, vier Nuancen

Das ist das am besten untersuchte Feld außerhalb der Infektion. Und selbst hier tragen die Daten keinen einfachen Satz.

RCT, doppelblind, wegen Aussichtslosigkeit gestoppt, n=75 Knapp positiv, und der Ursprung einer offenen Frage

Paul Moayyedi und Kollegen gaben 75 Menschen mit aktiver Colitis ulcerosa sechs Wochen lang wöchentlich einen Einlauf mit Spendermaterial oder mit Wasser.

In Remission kamen 9 von 38 (24 Prozent) gegenüber 2 von 37 (5 Prozent), Risikodifferenz 17 Prozent. Unerwünschte Ereignisse unterschieden sich nicht. Zwei Details sind mindestens so wichtig wie das Hauptergebnis: Die Studie war vom Datenüberwachungskomitee wegen Aussichtslosigkeit vorzeitig gestoppt worden, und 7 der 9 Remissionen entfielen auf das Material eines einzigen Spenders.

Für dich heißt das: Wer nur die 24 gegenüber 5 Prozent zitiert, lässt zwei Drittel der Geschichte weg. Diese Studie ist gleichzeitig ein positives Ergebnis, ein vorzeitiger Abbruch und der Ursprung des Super-Spender-Themas.

Moayyedi P, Surette MG, Kim PT et al. Gastroenterology. 2015;149(1):102-109. PMID: 25857665 · DOI: 10.1053/j.gastro.2015.04.001 [RCT, doppelblind, n=75]
RCT Phase 2, doppelblind, autologe Kontrolle, n=48 ausgewertet Dieselbe Erkrankung, dasselbe Jahr, negatives Ergebnis

Noortje Rossen und Kollegen in Amsterdam gaben 50 Menschen mit leicht bis mäßig aktiver Colitis ulcerosa zweimal im Abstand von drei Wochen über eine Nasoduodenalsonde entweder Spendermaterial oder ihr eigenes.

In der Intention-to-treat-Analyse erreichten 7 von 23 (30,4 Prozent) den kombinierten Endpunkt gegenüber 5 von 25 (20,0 Prozent), P gleich 0,51. Auch die Per-Protocol-Analyse blieb ohne statistischen Unterschied. Bei den Menschen, die ansprachen, ähnelte die Darmflora nach zwölf Wochen der ihrer Spender.

Für dich heißt das: Gleiche Erkrankung, gleiches Jahr, anderer Applikationsweg, anderes Ergebnis. Dass hier über den oberen Verdauungstrakt gegeben wurde, während die positiven Studien den Dickdarm direkt erreichten, ist ein Hinweis. Eine Erklärung ist es nicht.

Rossen NG, Fuentes S, van der Spek MJ et al. Gastroenterology. 2015;149(1):110-118. PMID: 25836986 · DOI: 10.1053/j.gastro.2015.03.045 [RCT Phase 2, n=50]
RCT, doppelblind, placebokontrolliert, n=85 Positiv, aber mit einer bemerkenswerten Intensität

Sudarshan Paramsothy und Kollegen in Australien kombinierten eine Koloskopiegabe mit Einläufen an fünf Tagen pro Woche über acht Wochen. Jeder Einlauf stammte aus gepooltem Material von drei bis sieben nicht verwandten Spendern.

Nach acht Wochen erreichten 11 von 41 (27 Prozent) den Endpunkt gegenüber 3 von 40 (8 Prozent), Risikoverhältnis 3,6, P gleich 0,021. Unerwünschte Ereignisse traten in beiden Gruppen bei etwa vier von fünf Personen auf, überwiegend selbstlimitierende Magen-Darm-Beschwerden. Die mikrobielle Vielfalt stieg an und blieb erhöht.

Für dich heißt das: Es waren 40 Einläufe in acht Wochen. Wer sich fragt, ob ein einzelner Eingriff eine chronische Darmentzündung beeinflussen könnte, findet hier die Antwort der Forschung. Und selbst bei dieser Intensität kamen 27 Prozent in Remission.

Paramsothy S, Kamm MA, Kaakoush NO et al. Lancet. 2017;389(10075):1218-1228. PMID: 28214091 · DOI: 10.1016/S0140-6736(17)30182-4 [RCT, doppelblind, n=85]
RCT, doppelblind, autologe Kontrolle, n=73 Positiv nach acht Wochen, ernüchternd nach zwölf Monaten

Sam Costello und Kollegen verwendeten anaerob aufbereitetes, gepooltes Spendermaterial per Koloskopie plus zwei Einläufe innerhalb einer Woche, bei 73 Erwachsenen mit leicht bis mäßig aktiver Colitis ulcerosa.

Nach acht Wochen waren 12 von 38 (32 Prozent) in steroidfreier Remission gegenüber 3 von 35 (9 Prozent), Odds Ratio 5,0, P gleich 0,03. Nach zwölf Monaten hielten von diesen zwölf Personen nur noch fünf die Remission.

Für dich heißt das: Aus 32 Prozent nach acht Wochen werden rechnerisch etwa 14 Prozent nach einem Jahr. Diese zweite Zahl steht auf keiner deutschsprachigen Ratgeberseite, die ich gefunden habe, und sie gehört unbedingt daneben.

Costello SP, Hughes PA, Waters O et al. JAMA. 2019;321(2):156-164. PMID: 30644982 · DOI: 10.1001/jama.2018.20046 [RCT, doppelblind, n=73]
Cochrane-Review mit GRADE, 12 Studien, 550 Personen Die nüchterne Gesamtschau

Aamer Imdad und Kollegen haben für die Cochrane Collaboration alle randomisierten Studien zu diesem Thema bei Colitis ulcerosa und Morbus Crohn zusammengefasst, mit Suche bis Dezember 2022.

Für die Remissionsinduktion bei Colitis ulcerosa ergab sich ein Risikoverhältnis von 1,79 (1,13 bis 2,84) bei niedriger Vertrauenswürdigkeit der Evidenz. Die endoskopische Remission lag bei 1,45 (0,64 bis 3,29), das Konfidenzintervall schließt also den Nulleffekt ein. Schwerwiegende unerwünschte Ereignisse: 1,77 (0,88 bis 3,55) bei sehr niedriger Vertrauenswürdigkeit. Zum Remissionserhalt: 2,97 (0,26 bis 34,42), ebenfalls sehr niedrige Vertrauenswürdigkeit.

Für dich heißt das: Möglicherweise ein Effekt bei aktiver Colitis ulcerosa. Der Langzeitnutzen ist ungeklärt. Und die Sicherheitsfrage ist mit sehr niedriger Vertrauenswürdigkeit bewertet, was so viel bedeutet wie: Wir können daraus nichts Belastbares ableiten.

Imdad A, Pandit NG, Zaman M et al. Cochrane Database Syst Rev. 2023;4(4):CD012774. PMID: 37094824 · DOI: 10.1002/14651858.CD012774.pub3 [Systematischer Review, Cochrane, k=12]

Morbus Crohn: fast nichts

Derselbe Cochrane-Review fand für Morbus Crohn keine einzige Studie zur Remissionsinduktion. Zum Remissionserhalt existierte eine Arbeit mit 21 Personen, Risikoverhältnis 1,21 (0,36 bis 4,14), sehr niedrige Vertrauenswürdigkeit.

RCT, einfach verblindet, sham-kontrolliert, Pilot, n=17 Primärer Endpunkt von niemandem erreicht

Harry Sokol und Kollegen in Paris randomisierten Erwachsene mit Morbus Crohn nach steroidinduzierter Remission auf eine Übertragung per Koloskopie oder eine Scheinbehandlung. Primärer Endpunkt war die Ansiedlung der Spendermikrobiota in Woche 6.

Kein einziger Teilnehmer erreichte diesen Endpunkt. Bei den sekundären Zahlen zeigten sich Unterschiede: steroidfreie klinische Remission in Woche 10 bei 7 von 8 im Transferarm gegenüber 4 von 9 im Sham-Arm, in Woche 24 bei 4 von 8 gegenüber 3 von 9. Der endoskopische Aktivitätsindex sank sechs Wochen nach der Übertragung, nach der Scheinbehandlung nicht. Ausbleibende Ansiedlung war mit einem Schub verbunden. Kein Sicherheitssignal.

Für dich heißt das: So sieht frühe Forschung aus. Der eigentliche Endpunkt wurde verfehlt, einzelne sekundäre Zahlen deuten in eine Richtung, und die Fallzahl ist viel zu klein für eine Aussage.

Sokol H, Landman C, Seksik P et al. Microbiome. 2020;8(1):12. PMID: 32014035 · DOI: 10.1186/s40168-020-0792-5 [RCT Pilot, n=17]

Was bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen heute an Therapie zur Verfügung steht und was integrativ sinnvoll danebenstehen kann, steht in Morbus Crohn und Colitis ulcerosa integrativ begleiten. Eine laufende Therapie wird wegen dieses Abschnitts nicht verändert. Jede Anpassung gehört in die Hände des behandelnden Teams.

Reizdarmsyndrom: der größte Widerspruch im ganzen Feld

Hier ist das Interesse am größten und die Antwortlage am unklarsten. Ich stelle die drei Befunde direkt nebeneinander, weil sie einzeln jeweils in die Irre führen.

RCT, doppelblind, Dosis-Wirkung, n=165 Die spektakulärste Zahl, mit einem einzigen Spender

Magdy El-Salhy und Kollegen in Norwegen randomisierten 165 Menschen mit Reizdarmsyndrom auf Placebo (eigener Stuhl), 30 Gramm oder 60 Gramm Spendermaterial. Das gesamte Material stammte von einem einzigen, sehr sorgfältig charakterisierten Spender.

Nach drei Monaten sprachen 23,6 Prozent in der Placebogruppe an, 76,9 Prozent in der 30-Gramm-Gruppe und 89,1 Prozent in der 60-Gramm-Gruppe, jeweils P kleiner 0,0001. Erschöpfung und Lebensqualität besserten sich ebenfalls. Die Autoren schließen ausdrücklich, dass ein gut definierter Spender mit günstiger mikrobieller Signatur die Voraussetzung für dieses Ergebnis gewesen sei.

Für dich heißt das: 89 Prozent aus einer Studie mit einem einzigen Spender sind kein Beleg für ein Verfahren. Sie sind der stärkste denkbare Hinweis darauf, dass es an diesem einen Spender gelegen haben könnte.

El-Salhy M, Hatlebakk JG, Gilja OH et al. Gut. 2020;69(5):859-867. PMID: 31852769 · DOI: 10.1136/gutjnl-2019-319630 [RCT, doppelblind, n=165]
RCT, doppelblind, placebokontrolliert, n=52 Placebo im Vorteil

Sofie Ingdam Halkjær und Kollegen in Kopenhagen gaben 52 Erwachsenen mit mittelschwerem bis schwerem Reizdarmsyndrom zwölf Tage lang Kapseln mit Spendermaterial oder Placebokapseln, mit Nachbeobachtung über sechs Monate.

Nach drei Monaten war die Besserung des Symptomscores in der Placebogruppe signifikant größer (P gleich 0,012), ebenso die Lebensqualität (P gleich 0,003). Die Transfergruppe zeigte dabei sehr wohl eine Zunahme der bakteriellen Vielfalt im Stuhl, die Placebogruppe nicht.

Für dich heißt das: Der Schluss der Autoren gehört zu den wichtigsten Sätzen dieses ganzen Themenfelds. Die Zusammensetzung der Darmflora zu verändern reichte hier für eine klinische Besserung nicht aus. Das berührt die Grundannahme eines ganzen Marktes.

Halkjær SI, Christensen AH, Lo BZS et al. Gut. 2018;67(12):2107-2115. PMID: 29980607 · DOI: 10.1136/gutjnl-2018-316434 [RCT, doppelblind, n=52]
Systematischer Review und Metaanalyse, 5 RCT, 267 Personen Gepoolt null, mit einem verräterischen Muster

Gianluca Ianiro und Kollegen fassten fünf randomisierte Studien mit 267 Menschen zusammen und poolten das relative Risiko, nach der Behandlung weiterhin symptomatisch zu sein.

Über alle Studien hinweg lag es bei 0,98 (0,58 bis 1,66), also bei keinem Effekt. Das Muster darunter ist aufschlussreich: Placebokapseln schnitten in zwei gepoolten Studien besser ab als Kapseln mit Spendermaterial (RR 1,96, 1,19 bis 3,20). Spendermaterial per Koloskopie schnitt dagegen besser ab als autologes Material (RR 0,63, 0,43 bis 0,93). Über die Nasojejunalsonde zeigte sich ein Trend (RR 0,69, 0,46 bis 1,02).

Für dich heißt das: Es gibt nicht ein Verfahren mit einem Ergebnis. Applikationsweg und Aufbereitung verändern das Vorzeichen. Und ausgerechnet die Form, die man sich am ehesten selbst besorgen würde, nämlich Kapseln, schnitt schlechter ab als Placebo.

Ianiro G, Eusebi LH, Black CJ et al. Aliment Pharmacol Ther. 2019;50(3):240-248. PMID: 31136009 · DOI: 10.1111/apt.15330 [Meta-Analyse, k=5]

Eine vierte Arbeit steht dazwischen: Johnsen 2018 fand 65 gegenüber 43 Prozent Besserung nach Gabe per Koloskopie, P gleich 0,049, also knapp an der Signifikanzgrenze (PMID 29100842). Aus derselben Studie stammt der Befund mit der mikroskopischen Kolitis, der oben im Alarmzeichen-Kasten steht.

Was hinter der Diagnose Reizdarm alles stecken kann und welche Ursachensuche sich lohnt, bevor über solche Verfahren nachgedacht wird, steht in Reizdarm: Ursachen finden statt Symptome verwalten.

Stoffwechsel: ein Laboreffekt, der wieder verschwand

Aus diesem Bereich stammt die Schlagzeile, die am häufigsten falsch zitiert wird.

RCT, klein, Mechanismus-Studie Sechs Wochen bessere Insulinsensitivität

Anne Vrieze und Kollegen gaben Männern mit metabolischem Syndrom randomisiert eine Dünndarminfusion mit Mikrobiota schlanker Spender oder mit ihrer eigenen und maßen die Insulinsensitivität mit der Clamp-Technik.

Sechs Wochen nach der allogenen Infusion stieg die mediane Glukose-Verschwinderate von 26,2 auf 45,3 Mikromol pro Kilogramm und Minute, zusammen mit einer Zunahme butyratbildender Bakterien.

Für dich heißt das: Gemessen wurde ein Laborparameter über sechs Wochen bei einer kleinen Männergruppe. Gewichtsabnahme war nicht Endpunkt und wurde nicht gezeigt.

Vrieze A, Van Nood E, Holleman F et al. Gastroenterology. 2012;143(4):913-916. PMID: 22728514 · DOI: 10.1053/j.gastro.2012.06.031 [RCT, klein]
RCT, Folgestudie mit längerer Nachbeobachtung Nach 18 Wochen war nichts mehr messbar

Ruud Kootte und Kollegen wiederholten dieses Design mit Messungen nach 6 und nach 18 Wochen und untersuchten zusätzlich, wer überhaupt ansprach.

Nach 6 Wochen war die Insulinsensitivität nach allogener Übertragung erneut besser, begleitet von veränderter Zusammensetzung der Darmflora und veränderten Plasmametaboliten. Nach 18 Wochen waren keine metabolischen Veränderungen mehr nachweisbar. Wer ansprach, hatte vorher eine geringere Ausgangsvielfalt der eigenen Darmflora.

Für dich heißt das zweierlei. Der Stoffwechseleffekt war vorübergehend. Und wer davon profitierte, war vorher besonders artenarm. Das ist die Empfängerseite dieser Geschichte, und sie ist für den Alltag der wichtigere Teil.

Kootte RS, Levin E, Salojärvi J et al. Cell Metab. 2017;26(4):611-619. PMID: 28978426 · DOI: 10.1016/j.cmet.2017.09.008 [RCT, Folgestudie]

Autismus-Spektrum-Störung: eine offene Studie mit 18 Kindern

Diesen Abschnitt schreibe ich besonders vorsichtig, weil hier Eltern mitlesen, die viel ausprobiert haben.

Die Arbeit, auf die sich fast alle Berichte beziehen, ist eine Nachbeobachtung derselben 18 Kinder, zwei Jahre nach einer mehrstufigen Behandlung aus Antibiotikum, Darmreinigung, Säureblocker und Übertragung. Die Magen-Darm-Beschwerden blieben überwiegend gebessert, autismusbezogene Werte besserten sich in den Erhebungen weiter, und die bakterielle Vielfalt blieb erhöht (Kang 2019, PMID 30967657).

Was dabei unbedingt danebengehört

Offene Studie, 18 Kinder, keine Kontrollgruppe

Es gab keine Placebogruppe, keine Verblindung und keine Randomisierung. Bewertungsskalen für Verhalten sind ohne Verblindung besonders anfällig für Erwartungseffekte, bei den Eltern wie bei den Untersuchenden.

Die Autorinnen und Autoren fordern in ihrer eigenen Publikation eine doppelblinde, placebokontrollierte Studie ein. Diese Einschätzung ist nicht meine Kritik von außen, sondern die des Forschungsteams selbst.

Solange dieser Nachweis fehlt, ist das eine Beobachtung mit 18 Kindern. Aus ihr folgt keine Behandlungsempfehlung, und aus ihr folgt schon gar kein Grund, irgendetwas auf eigene Faust zu versuchen.

Das gilt ausdrücklich auch für die einzelnen Bestandteile dieses Studienprotokolls. Antibiotika, Säureblocker und Abführmittel sind verschreibungspflichtige oder zumindest ärztlich zu begleitende Maßnahmen. Sie werden weder eigenmächtig begonnen noch eigenmächtig abgesetzt oder umgestellt, und schon gar nicht bei einem Kind. Wer über solche Schritte nachdenkt, bespricht sie mit der behandelnden Kinderärztin oder dem behandelnden Kinderarzt.

Lebererkrankungen: klein, offen, und mit einem klugen Detail

RCT, offen, n=20 Ein Spender, gezielt nach Profil ausgewählt

Jasmohan Bajaj und Kollegen randomisierten Männer mit Leberzirrhose und wiederkehrender hepatischer Enzephalopathie auf Standardtherapie allein oder Standardtherapie plus einen einmaligen Einlauf mit dem Material eines gezielt ausgewählten Spenders, dessen Mikrobiota genau die bei dieser Erkrankung fehlenden Gruppen enthielt.

In der Standardgruppe hatten 8 von 10 Personen insgesamt 11 schwerwiegende Ereignisse, in der Transfergruppe 2 von 10, P gleich 0,02. Fünf Personen der Standardgruppe und keine der Transfergruppe entwickelten eine weitere Episode, P gleich 0,03. Die Kognition besserte sich in der Transfergruppe, in der Standardgruppe nicht.

Für dich heißt das: Interessant ist hier weniger das Ergebnis als die Methode. Der Spender wurde nicht irgendwie gesund ausgewählt, sondern nach seinem mikrobiellen Profil, passend zur Lücke der Empfänger. Und trotzdem: 10 gegen 10 Personen, offenes Design.

Bajaj JS, Kassam Z, Fagan A et al. Hepatology. 2017;66(6):1727-1738. PMID: 28586116 · DOI: 10.1002/hep.29306 [RCT, offen, n=20]
Was die Leitlinien dazu sagen

Die sieben Empfehlungen der amerikanischen Fachgesellschaft, 2024

Ja, bei rezidivierender Infektion
Für immunkompetente Erwachsene mit wiederkehrender Clostridioides-difficile-Infektion wird der ausgewählte Einsatz stuhlbasierter Therapien nach Abschluss der Standard-Antibiotika empfohlen. Für leicht bis mäßig immungeschwächte Erwachsene gilt das für die konventionelle Übertragung.
Ja, bei schwerer, nicht ansprechender Infektion
Für hospitalisierte Erwachsene mit schwerer oder fulminanter Infektion ohne Ansprechen auf Standard-Antibiotika wird der ausgewählte Einsatz der konventionellen Übertragung empfohlen.
Nein, bei schwerer Immunsuppression
Für schwer immungeschwächte Erwachsene spricht sich die Leitlinie gegen jede stuhlbasierte Therapie zur Rezidivprophylaxe aus.
Nein, bei CED und Reizdarm außerhalb von Studien
Für die Behandlung chronisch-entzündlicher Darmerkrankungen und des Reizdarmsyndroms rät die Leitlinie von der konventionellen Übertragung ab, außer im Rahmen klinischer Studien.

Peery AF, Kelly CR, Kao D et al. AGA Clinical Practice Guideline on Fecal Microbiota-Based Therapies. Gastroenterology. 2024;166(3):409-434. PMID: 38395525 [Leitlinie]. Der Aufbau der Empfehlungen zeigt etwas Wichtiges: Die Abwägung hängt nicht nur vom Verfahren ab, sondern vom Immunstatus der Person, die es erhält.

Reframe

Der übliche Umgang mit dieser Datenlage im Netz besteht darin, sich eine Seite auszusuchen. Die Anbieterseiten nennen die guten Zahlen, die kritischen Seiten sagen pauschal, es gebe keine Evidenz.

Beides greift zu kurz. Es könnte sein, dass alle diese Studien recht haben, weil sie nicht dasselbe untersucht haben. Anderer Spender, anderer Weg hinein, andere Aufbereitung, andere Menschen. Was in einem Zentrum ein Verfahren ist, ist im nächsten ein anderes.

Und jetzt weißt du, warum der nächste Abschnitt der interessanteste dieses Artikels ist.

Das Super-Spender-Phänomen, und was es über die Grenzen unseres Wissens sagt

Stell dir vor, ein Medikament würde in einer Studie hervorragend abschneiden. Dann stellt sich heraus: Fast alle Erfolge stammen aus einer einzigen Charge.

Genau das ist hier mehrfach passiert.

Systematisierender Review Ein Muster über mehrere Studien hinweg

Brooke Wilson und Kollegen in Auckland haben die Belege dafür zusammengetragen, dass der Erfolg einer Übertragung von Vielfalt und Zusammensetzung des Spendermaterials abhängen könnte, und dabei das Konzept der Schlüsselarten geprüft.

Ihr Befund: Bei der rezidivierenden Clostridioides-difficile-Infektion ist die Wirksamkeit in den vorliegenden Studien hoch und weitgehend unabhängig davon, wer gespendet hat. Bei chronischen, mit einer Dysbiose verbundenen Erkrankungen ist sie bescheiden und die Antwort sehr viel variabler, und mehrere Studien deuten auf eine Abhängigkeit vom Spender hin. Als Zukunftsmodell schlagen sie eine Übertragung vor, die gezielt zur jeweiligen Lücke passt.

Wilson BC, Vatanen T, Cutfield WS, O'Sullivan JM. Front Cell Infect Microbiol. 2019;9:2. PMID: 30719428 · DOI: 10.3389/fcimb.2019.00002 [Review, systematisierend]

Die Primärdaten dazu stehen weiter oben in diesem Artikel. Bei Moayyedi 2015 stammten 7 der 9 Remissionen von einem einzigen Spender. Bei El-Salhy 2020 kam das gesamte Material eines Versuchs mit 165 Personen von einem einzigen, gezielt charakterisierten Spender, und die Autoren nennen genau das als Voraussetzung des Ergebnisses. Bei Bajaj 2017 wurde der Spender nicht nach Gesundheit ausgewählt, sondern nach seinem mikrobiellen Profil.

Es gibt eine zweite Seite dieser Medaille, und sie wird fast nie erzählt. Bei Kootte 2017 sprach an, wer vorher besonders artenarm war. Es ist also kein reines Spenderthema. Es ist eine Passung zwischen dem, was kommt, und dem, was vorgefunden wird.

Der wirksame Bestandteil dieser Produkte ist unbekannt, was zu einer schlechten Produktcharakterisierung führt.

Europäische Arzneimittelagentur, EU-IN Horizon Scanning Report, EMA/204935/2022/Rev. 1 [Leitlinie]

Diesen Satz sollte man zweimal lesen. Eine Behörde, die ein Verfahren regulieren soll, hält fest, dass niemand genau weiß, welcher Bestandteil den Ausschlag gibt.

Reframe

Das klingt nach einem Eingeständnis von Schwäche. Ich finde, es ist das Gegenteil: eine seltene, saubere wissenschaftliche Auskunft über die eigenen Grenzen.

Und es ist zugleich das stärkste Argument gegen jeden Eigenversuch. Wer nicht weiß, was wirksam sein könnte, kann auch nicht wissen, was er sonst noch überträgt. Kein Stuhltest der Welt sucht nach etwas, von dem niemand weiß, dass man danach suchen müsste.

Und jetzt weißt du, warum dieselbe Behandlung in zwei Studien zu zwei gegensätzlichen Ergebnissen führen konnte.

Die Risiken, die dokumentiert sind, und die, die sich nicht ausschließen lassen

Auf den deutschsprachigen Ratgeberseiten steht dazu entweder gar nichts oder ein Halbsatz. Ein Supplement-Hersteller erwähnt Todesfälle mit keinem Wort und leitet stattdessen auf das eigene Produkt über. Eine Ratgeberseite schreibt, es könne tödlich enden, ohne Fall, ohne Jahr, ohne Zahl.

Genauigkeit ist hier wichtig, weil sie den Unterschied zwischen Warnung und Panikmache ausmacht.

Fallberichte mit genomischer Aufklärung Zwei Bakteriämien, ein Todesfall, ein Spender

Zachariah DeFilipp und Kollegen beschreiben zwei Menschen, die im Rahmen zweier unabhängiger klinischer Studien eine Übertragung erhalten hatten und danach eine Blutstrominfektion mit ESBL-bildenden Escherichia coli entwickelten. Beide Fälle wurden per Genomsequenzierung demselben Spender zugeordnet. Eine der beiden Personen starb.

Beide waren nicht immunkompetent: Eine hatte ein myelodysplastisches Syndrom, die andere eine Lebererkrankung mit hepatischer Enzephalopathie. Für gesunde Menschen ist dieser Keim meist harmlos.

Für dich heißt das: Genau darin liegt der Punkt. Man sieht einem Spendermaterial nicht an, was es mitbringt, und wer es erhält, entscheidet mit darüber, ob es harmlos bleibt.

DeFilipp Z, Bloom PP, Torres Soto M et al. N Engl J Med. 2019;381(21):2043-2050. PMID: 31665575 · DOI: 10.1056/NEJMoa1910437 [Case Reports, genomisch aufgeklärt]
Fallserie, Aufarbeitung durch die Stuhlbank Der zweite Vorgang, sauber getrennt

Caroline Zellmer und Kollegen arbeiteten unerwünschte Ereignisse bei sieben Menschen auf, die Material eines Spenders erhalten hatten, der mit Shiga-Toxin-bildenden Escherichia coli besiedelt war. Hier gab es keinen Todesfall durch die übertragenen STEC.

Die Autoren schließen, dass ein verbessertes Screening solche Übertragungen künftig wahrscheinlich vermeiden könnte. Genau darauf zielen die seither verschärften Anforderungen, unter anderem die Testung auf enteropathogene und Shiga-Toxin-bildende E. coli.

Für dich heißt das: Zwei getrennte Vorgänge, zwei verschiedene Ausgänge. Der gemeinsame Nenner ist, dass jeweils ein einzelner Spender mehrere Menschen gefährdet hat, obwohl er ein etabliertes Screening durchlaufen hatte.

Zellmer C, Sater MRA, Huntley MH et al. Clin Infect Dis. 2021;72(11):e876-e880. PMID: 33159210 · DOI: 10.1093/cid/ciaa1486 [Case Series, n=7]

Was sich prinzipiell nicht ausschließen lässt

  • Erreger in niedriger Zahl. Die europäische Arzneimittelagentur hält wörtlich fest, dass die Empfindlichkeit von Stuhltests und die Fähigkeit, Erreger in geringer Menge zu erkennen, derzeit begrenzt ist.
  • Langzeitfolgen. Im selben Dokument steht, dass die kurzfristige Sicherheit bei strengem Spender- und Produktscreening akzeptabel erscheint, dass aber Langzeitergebnisse und eine systematische Nebenwirkungserfassung unzureichend charakterisiert sind.
  • Merkmale, an die niemand denkt. Es existiert ein Einzelfallbericht über eine neu aufgetretene Adipositas nach Übertragung von einer gesunden, aber übergewichtigen Spenderin (Alang und Kelly 2015, PMID 26034755). Das ist ein Einzelfall und kein Beleg. Er hat aber mit dazu beigetragen, dass ein BMI ab 30 heute ein Ausschlusskriterium ist.
  • Verfahrensrisiken. Regurgitation und Aspiration bei Sondenapplikation, Endoskopierisiken, und laut Behördenbericht ist eine Koloskopie nicht bei allen Menschen sicher oder machbar.
Reframe

Die übliche Frage lautet: Wie hoch ist das Risiko? Sie ist so nicht beantwortbar, und das ist keine Ausflucht.

Das Risiko hängt an drei Dingen: an der Qualität des Screenings, an der Aufbereitung und am Immunstatus der Person, die es erhält. In einem Zentrum sind alle drei kontrolliert. Zu Hause ist keines davon kontrolliert.

Und jetzt weißt du, warum die Fachgesellschaften bei schwerer Immunsuppression ausdrücklich abraten, obwohl das Verfahren bei anderen Menschen gut abschneidet.

Deutschland, die Rechtslage, und warum der Selbstversuch keine Abkürzung ist

Wer in Deutschland nach diesem Verfahren sucht, landet auf Kliniklisten, in Foren und bei Anbietern. Was fast nirgends steht, ist der Satz, auf den es ankommt. Er steht in der Leitlinie, und zwar wörtlich.

Trotz der hohen Ansprechraten wird der FMT in Deutschland bisher nur im Rahmen von individuellen Heilversuchen und klinischen Studien angeboten.

DGVS S2k-Leitlinie Gastrointestinale Infektionen, Version 2.1, November 2023, AWMF 021-024 [Leitlinie]

Die eigentliche Empfehlung dazu lautet: Bei multiplen Rezidiven kann ein fäkaler Mikrobiotatransfer im Anschluss an eine Standardtherapie erfolgen. Dahinter steht in eckigen Klammern die Kennzeichnung der Leitlinie selbst: Empfehlung offen, starker Konsens.

Offen bedeutet: kann, nicht soll. Starker Konsens bedeutet: Die Fachleute waren sich darüber einig, dass es so und nicht stärker formuliert wird.

Warum so zurückhaltend

Die Gründe liegen nicht in Zweifeln an den Daten

Keine Zulassung
Es gibt in Deutschland kein zugelassenes Arzneimittel für diesen Zweck. Eine starke Empfehlung für etwas, das formal als Arzneimittel nicht existiert, wäre in der Versorgungsrealität nicht einlösbar.
Keine Standardisierung
Aufbereitung, Dosis und Applikationsweg unterscheiden sich zwischen Zentren, und die Studien oben zeigen, dass genau diese Unterschiede das Ergebnis verändern.
Abhängigkeit vom Screening
Die Leitlinie knüpft die Durchführung ausdrücklich an ein angemessenes Spenderscreening, um die Übertragung möglicher Krankheitserreger zu vermeiden. Bei immungeschwächten Menschen verlangt sie zusätzliche Vorsichtsmaßnahmen und eine erweiterte Aufklärung.
Notwendigkeit spezialisierter Zentren
Für Aufbau und Auswahl eines Behandlungszentrums müssen laut Leitlinie zahlreiche Aspekte der Qualitätssicherung berücksichtigt werden.

Zur Einordnung innerhalb Europas: Die europäische Fachgesellschaft für klinische Mikrobiologie und Infektiologie formuliert in ihrem Update von 2021 etwas klarer und bevorzugt den Transfer oder Bezlotoxumab zusätzlich zur Standardtherapie ab dem zweiten Rezidiv (van Prehn 2021, PMID 34678515). [Leitlinie] Der Unterschied liegt in der Versorgungsrealität, nicht in den Daten.

Und die Kosten? Dazu steht hier bewusst keine Zahl. Es handelt sich nicht um eine Regelleistung, die Übernahme ist nicht allgemein geregelt und wird im Einzelfall entschieden. Die im Netz kursierenden Beträge unterscheiden sich um ein Vielfaches, und keine dieser Angaben ist belastbar. Eine erfundene Zahl wäre schlechter als keine.

Warum der Selbstversuch keine Abkürzung ist

Dass es Anleitungen im Netz gibt, ist kein Geheimnis. Die europäische Arzneimittelagentur nennt das Verhindern von Eigenversuchen ausdrücklich als eines ihrer regulatorischen Ziele. Ich beschreibe hier weder Vorgehen noch Mengen noch Geräte noch Bezugsquellen. Was ich beschreibe, ist die Begründung, und die steht komplett in den Abschnitten davor.

Vier Sätze, die alles zusammenfassen

  • Zwischen 1,7 und 10 Prozent der Freiwilligen kommen durch ein professionelles Screening. Die meisten scheitern an Anamnese und Untersuchung, nicht am Labor (Bénard 2022, PMID 36264933; Dubois 2020, PMID 32677450).
  • Die Aufbereitung entscheidet messbar mit. Schon der Unterschied zwischen frisch und gefriergetrocknet kostete in einer randomisierten Studie 22 Prozentpunkte Ansprechen (Jiang 2017, PMID 28220514).
  • Stuhltests erfassen Erreger in niedriger Zahl nur begrenzt. Das ist keine Vermutung, sondern die Formulierung der Zulassungsbehörde.
  • Der Empfänger entscheidet über den Ausgang mit. Derselbe Keim, der bei gesunden Menschen meist harmlos bleibt, hat bei zwei immungeschwächten Menschen eine Blutstrominfektion verursacht, eine davon tödlich.

Dazu kommt der unbequemste Befund aus dem Reizdarm-Abschnitt: Ausgerechnet die orale Kapselform, also das, was einem Eigenversuch am nächsten käme, schnitt in der gepoolten Auswertung schlechter ab als Placebo.

Der Satz, der bleibt

In einem Zentrum sind Spender, Material und Empfänger jeweils geprüft. Zu Hause ist keines dieser drei Dinge geprüft, und das Risiko ist nicht kleiner, nur weil es unsichtbar ist.

Was daraus für deinen Alltag folgt

Die allermeisten Menschen, die diesen Artikel lesen, werden nie eine Stuhltransplantation bekommen. Und trotzdem lohnt sich das Thema, weil es drei Dinge zeigt, die im Alltag brauchbar sind.

Erstens: Ökologie schlägt Einzelkeim

Das Verfahren überträgt keine Substanz, sondern eine Gemeinschaft. Genau deshalb lässt es sich bis heute nicht in eine Rezeptur übersetzen. Für den Alltag heißt das: Die Frage ist selten, welcher Stamm auf der Packung steht, sondern ob im Darm überhaupt genug verschiedene Mitspieler vorhanden sind. Was Probiotika in diesem Bild leisten können und was nicht, steht in Probiotika: Sporenform oder Kapsel.

Zweitens: Vielfalt entsteht über Substrate

Was gefüttert wird, wächst. Das ist der langsamere, aber ungefährliche Weg in dieselbe Richtung. Welche Substrate welche Gruppen ansprechen und warum resistente Stärke dabei eine eigene Rolle spielt, steht in Präbiotika und resistente Stärke. Warum die berühmte Zahl 30 dabei weniger aussagt, als viele glauben, steht in Ballaststoffe: welche Mythen stimmen.

Drittens: der Empfänger entscheidet mit

Bei Kootte 2017 sprach an, wer vorher besonders artenarm war. Übersetzt heißt das: Die eigenen Bedingungen entscheiden mit darüber, was sich ansiedeln kann. Dazu gehört der Schlaf (Schlaf und Mikrobiom), das Nervensystem (Darm-Hirn-Achse und Vagus) und der Gallefluss (Galle, TUDCA und Darm).

Klinisch beobachte ich

Ich fange fast immer weiter oben an

Bevor ich über Mikrobiom-Maßnahmen nachdenke, stelle ich eine banalere Frage: Kommt oben überhaupt genug Magensäure an? Sie ist die erste Barriere gegen das, was mit der Nahrung eintrifft, und sie stößt die Verdauung an. Warum ich diese Reihenfolge für sinnvoll halte, steht in Magensäuremangel richtig einordnen.

Das ist meine klinische Arbeitsweise und kein Studienergebnis. Ich beschreibe sie als Beobachtung, nicht als Beleg. Verdauungsenzyme kommen bei mir nach dieser Frage, nicht davor.

Der praktisch wichtigste Fall im Alltag ist ohnehin ein anderer als die Stuhltransplantation: der Wiederaufbau nach einer Antibiotikatherapie. Dazu gibt es einen eigenen Artikel, Der Darm nach Antibiotika.

Und wenn Beschwerden bleiben, gilt die Reihenfolge aus dem Alarmzeichen-Kasten ganz oben: erst die Abklärung, dann alles Weitere. Was ein Stuhltest kann und wo seine Aussagekraft endet, steht in Stuhltest, PCR und Dysbiose-Diagnostik. Was hinter anhaltendem Durchfall stecken kann, in Chronischer Durchfall. Und das Gesamtbild, in das sich all das einfügt, in Darm-Reset: die ganzheitliche Darmbehandlung.

Reframe zum Schluss

Die Stuhltransplantation wird oft als Abkürzung gelesen: einmal auswechseln, und alles ist neu.

Ich lese sie als Beweis für das Gegenteil. Selbst mit einem kompletten Ökosystem aus einem gesunden Menschen, unter kontrollierten Bedingungen, hält der Effekt bei chronischen Erkrankungen oft nicht. Was bleibt, sind die Bedingungen, unter denen etwas wachsen kann. Und die entstehen jeden Tag neu, über Essen, Schlaf, Bewegung und das Nervensystem.

Und jetzt weißt du, warum der langsamere Weg nicht der schlechtere ist.

Häufige Fragen zur Stuhltransplantation

Was genau wird bei einer Stuhltransplantation übertragen?

Keine Ausscheidung im Alltagssinn, sondern eine im Labor aufbereitete mikrobielle Gemeinschaft aus dem Stuhl eines getesteten Spenders. Fuentes 2014 (PMID 24577353) hat gemessen, wie sich das Bild im Empfängerdarm danach verschiebt: weg von Proteobacteria und Bacilli, hin zu Bacteroidetes und Clostridium-Gruppen, und das über die gesamte Nachbeobachtung stabil. Der korrekte Fachbegriff lautet fäkaler Mikrobiotatransfer.

Bei welcher Krankheit ist die Wirksamkeit wirklich belegt?

Bei der mehrfach wiederkehrenden Clostridioides-difficile-Infektion. van Nood 2013 (PMID 23323867), Kelly 2016 (PMID 27547925) und Hvas 2019 (PMID 30610862) sind randomisierte Studien, die Metaanalyse von Baunwall 2020 (PMID 33437951) fasst 45 Arbeiten zusammen und kommt gegenüber Vancomycin auf eine Number Needed to Treat von 1,5. Für jede andere Erkrankung ist die Datenlage deutlich schwächer.

Warum wurde die berühmte Studie von 2013 vorzeitig abgebrochen?

Weil die Zwischenauswertung einen so deutlichen Unterschied zeigte, dass es nicht mehr vertretbar erschien, der Kontrollgruppe die überlegene Behandlung weiter vorzuenthalten. 13 von 16 Personen (81 Prozent) waren nach einer einzigen Infusion beschwerdefrei, gegenüber 4 von 13 (31 Prozent) unter Vancomycin allein und 3 von 13 (23 Prozent) unter Vancomycin plus Darmspülung, jeweils P kleiner 0,001.

Kann eine Stuhltransplantation bei Reizdarm helfen?

Die Studien widersprechen sich stark. El-Salhy 2020 (PMID 31852769) fand 89,1 Prozent Ansprechen in der höheren Dosisgruppe mit dem Material eines einzigen Spenders, Halkjær 2018 (PMID 29980607) sah die Placebogruppe im Vorteil, und die Metaanalyse von Ianiro 2019 (PMID 31136009) kommt gepoolt auf ein relatives Risiko von 0,98, also auf keinen Effekt. Die AGA-Leitlinie 2024 rät außerhalb klinischer Studien davon ab.

Was ist ein Super-Spender?

So nennt die Forschung einen Spender, dessen Material in Studien auffällig viel häufiger zu einem Erfolg führte als das anderer. Bei Moayyedi 2015 (PMID 25857665) stammten 7 der 9 Remissionen aus dem Material eines einzigen Spenders. Was diesen Unterschied ausmacht, ist bis heute nicht bekannt (Wilson 2019, PMID 30719428).

Wie streng ist die Spendertestung wirklich?

Streng genug, dass die allermeisten Freiwilligen ausscheiden. Am Amsterdam UMC kamen 38 von 393 Kandidaten durch, also 10 Prozent, bei Kosten von 64.112 Euro für diese 38 (Bénard 2022, PMID 36264933). In der Auswertung einer US-Stuhlbank waren es 134 von 7.968, also 1,7 Prozent (Dubois 2020, PMID 32677450). Die meisten Ablehnungen erfolgten nicht wegen eines auffälligen Labors, sondern wegen Anamnese und Untersuchung.

Ist die Kapselform harmloser als die Koloskopie?

Sie ist angenehmer und in der Wirksamkeit gleichwertig. Bei Kao 2017 (PMID 29183074) lagen beide Wege bei 96,2 Prozent, und 66 gegenüber 44 Prozent bewerteten die Erfahrung als überhaupt nicht unangenehm. Harmloser im Sinne der Übertragungsrisiken ist die Kapsel nicht. Es ist dieselbe Substanz mit denselben Anforderungen an die Spendertestung.

Welche Risiken sind dokumentiert?

Übertragungen resistenter Keime. DeFilipp 2019 (PMID 31665575) beschreibt zwei Blutstrominfektionen mit ESBL-bildenden E. coli, die genomisch demselben Spender zugeordnet wurden, eine davon endete tödlich, beide Betroffenen waren immungeschwächt. Zellmer 2021 (PMID 33159210) beschreibt sieben Betroffene durch einen Spender, der mit Shiga-Toxin-bildenden E. coli besiedelt war, hier ohne Todesfall. Dazu kommen Verfahrensrisiken wie Erbrechen oder Aspiration bei Sondenapplikation.

Kann man eine Stuhltransplantation zu Hause selbst machen?

Davon ist dringend abzuraten, und dieser Artikel enthält bewusst keine Anleitung. Die Spendertestung lässt sich zu Hause nicht ersetzen, die Aufbereitung beeinflusst das Ergebnis messbar (Jiang 2017, PMID 28220514), und Stuhltests erfassen Erreger in niedriger Zahl nur begrenzt. Die europäische Arzneimittelbehörde nennt das Verhindern von Eigenversuchen ausdrücklich als regulatorisches Ziel.

Wird eine Stuhltransplantation in Deutschland angeboten?

In spezialisierten Zentren, im Rahmen klinischer Studien oder als individueller Heilversuch. Ein dafür zugelassenes Arzneimittel gibt es in Deutschland nicht. Die DGVS-S2k-Leitlinie Gastrointestinale Infektionen von November 2023 (AWMF 021-024) formuliert das wörtlich so und knüpft die Durchführung an ein angemessenes Spenderscreening.

Zahlt die Krankenkasse eine Stuhltransplantation?

Weil es sich nicht um eine zugelassene Regelleistung handelt, ist die Kostenfrage nicht allgemein geregelt und wird im Einzelfall entschieden. In diesem Artikel stehen bewusst keine Eurobeträge, weil die im Netz kursierenden Angaben sich um ein Vielfaches unterscheiden und keine davon belastbar ist.

Gibt es zugelassene Medikamente auf Stuhlbasis?

In den USA zwei: aufgereinigte Sporen zum Einnehmen und ein mikrobielles Konsortium als Einlauf, beide in Phase-3-Studien geprüft (Feuerstadt 2022, PMID 35045228; Khanna 2022, PMID 36287379). In der Europäischen Union ist bisher keines zugelassen. Ab August 2027 fällt fäkale Mikrobiota unter die EU-Verordnung 2024/1938 über Substanzen menschlichen Ursprungs.

Kann man mit einer Stuhltransplantation abnehmen?

Dafür gibt es keine Belege. Vrieze 2012 (PMID 22728514) fand nach 6 Wochen eine bessere Insulinsensitivität bei einer kleinen Männergruppe, die Folgestudie Kootte 2017 (PMID 28978426) fand nach 18 Wochen keinen Effekt mehr. Gewichtsabnahme war in keiner der beiden Arbeiten Endpunkt. Umgekehrt existiert ein Einzelfallbericht über eine Gewichtszunahme nach Übertragung von einer gesunden, aber übergewichtigen Spenderin.

Was kann ich stattdessen tun, um mein Mikrobiom zu beeinflussen?

Über Substratvielfalt, Ernährung, Schlaf und Nervensystem. Das geht langsamer, birgt aber deutlich weniger Risiko und liegt in deiner Hand. Wenn Beschwerden bestehen, kommt die Abklärung vor jedem Selbstversuch: Bei Johnsen 2018 (PMID 29100842) fand sich bei 4 von 90 Personen mit der Diagnose Reizdarm in der Studienkoloskopie eine mikroskopische Kolitis.

Wo dieses Thema an den Rest des Darms andockt

Die Stuhltransplantation steht nicht für sich. Sie hängt an der Frage, was ein Mikrobiom überhaupt ausmacht, an dem, was nach Antibiotika passiert, an der Diagnostik davor und an den Bedingungen, unter denen sich etwas ansiedeln kann.

SJ

Shukri Jarmoukli

Arzt · Tätigkeitsschwerpunkt Integrative Medizin · ViveCura Berlin

Ich arbeite in meiner Privatpraxis an der Schnittstelle von klassischer Medizin, funktioneller Medizin und Klinischer Psychoneuroimmunologie. Bei Darmthemen interessiert mich weniger, welches Präparat gerade beworben wird, sondern welche Frage vor dem nächsten Schritt eigentlich offen ist.

Bei diesem Thema bin ich bewusst zurückhaltender, als man es von einer integrativen Praxis vielleicht erwartet. Die Stuhltransplantation gehört für die eine belegte Indikation in spezialisierte Hände, und für alles andere in Studien. Was mich daran interessiert, ist die Denkfigur dahinter: dass im Darm eine Ökologie arbeitet und kein einzelnes Bakterium. Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Beratung. Er soll dir helfen, beim nächsten Termin bessere Fragen zu stellen.

ViveCura, Privatpraxis Shukri Jarmoukli, Skalitzer Straße 137, 10999 Berlin

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  34. Zellmer C, Sater MRA, Huntley MH, Osman M, Olesen SW, Ramakrishna B. Shiga Toxin-Producing Escherichia coli Transmission via Fecal Microbiota Transplant. Clin Infect Dis. 2021;72(11):e876-e880. PMID: 33159210 · DOI: 10.1093/cid/ciaa1486 [Case Series, n=7]
  35. Alang N, Kelly CR. Weight gain after fecal microbiota transplantation. Open Forum Infect Dis. 2015;2(1):ofv004. PMID: 26034755 · DOI: 10.1093/ofid/ofv004 [Case Report, Einzelfall]
  36. Bénard MV, de Bruijn CMA, Fenneman AC, Wortelboer K, Zeevenhoven J, Rethans B, Herrema HJ, van Gool T, Nieuwdorp M, Benninga MA, Ponsioen CY. Challenges and costs of donor screening for fecal microbiota transplantations. PLoS One. 2022;17(10):e0276323. PMID: 36264933 · DOI: 10.1371/journal.pone.0276323 [Kohorte, Prozessauswertung, n=393]
  37. Dubois NE, Read CY, O'Brien K, Ling K. Challenges of Screening Prospective Stool Donors for Fecal Microbiota Transplantation. Biol Res Nurs. 2020;23(1):21-30. PMID: 32677450 · DOI: 10.1177/1099800420941185 [Kohorte, Screening-Analyse, n=7.968]
Transparenz zur Evidenz: wo die Datenlage dünn ist
  1. Nur eine Indikation ist solide belegt. Alles, was in diesem Artikel über Colitis ulcerosa, Morbus Crohn, Reizdarm, Stoffwechsel, Autismus und Lebererkrankungen steht, ist frühe Forschung. Aus keiner dieser Studien folgt eine verfügbare Behandlungsoption.
  2. Reizdarm: der Widerspruch ist nicht aufgelöst. 89 Prozent Ansprechen in einer Studie mit einem einzigen Spender, Placebo im Vorteil in einer anderen, gepoolt kein Effekt. Die Super-Spender-Erklärung ist eine plausible Hypothese, kein geprüfter Befund.
  3. Colitis ulcerosa: Cochrane stuft die Vertrauenswürdigkeit als niedrig ein, die Sicherheitsfrage sogar als sehr niedrig. Der Remissionserhalt ist ungeklärt, in einer Studie hielten nach zwölf Monaten weniger als die Hälfte der Erfolge.
  4. Morbus Crohn: es existiert keine Studie zur Remissionsinduktion. Die vorhandene Pilotstudie verfehlte ihren primären Endpunkt vollständig.
  5. Autismus: eine offene Studie mit 18 Kindern ohne Kontrollgruppe. Die Forschungsgruppe selbst fordert eine placebokontrollierte Untersuchung ein. Bis dahin lässt sich daraus nichts ableiten.
  6. Stoffwechsel: der Effekt war nach 18 Wochen nicht mehr nachweisbar, und Gewichtsabnahme war in keiner der beiden Studien ein Endpunkt.
  7. Super-Spender ist eine Beobachtung, kein geprüftes Konzept. Es gibt keinen prospektiven Test, der zeigt, dass sich ein solcher Spender vorher identifizieren lässt.
  8. Langzeitsicherheit über einige Jahre hinaus existiert praktisch nicht. Die europäische Arzneimittelagentur formuliert wörtlich, dass Langzeitergebnisse und eine systematische Nebenwirkungserfassung unzureichend charakterisiert sind. Das bleibt hier als offene Frage stehen.
  9. Die Zahlen zur Spendertestung stammen aus zwei Zentren. Sie zeigen die Größenordnung des Aufwands, sie sind keine allgemeingültige Quote.
  10. Keine Kostenzahlen. Die im Netz kursierenden Beträge unterscheiden sich um ein Vielfaches. Eine erfundene Zahl wäre schlechter als keine.
  11. Was hier bewusst nicht steht. Keine Anleitung, keine Mengen, keine Geräte, keine Bezugsquellen, keine Anbieter, keine Klinikliste und kein Rat, eine laufende Antibiotikatherapie oder eine immunsuppressive Therapie zu verändern oder abzusetzen. Jede Anpassung gehört ärztlich begleitet. Aus keinem Abschnitt folgt, dass eine empfohlene Koloskopie, Endoskopie oder Labordiagnostik verschoben oder ersetzt werden sollte. Was ich aus meiner Sprechstunde beschreibe, ist als Beobachtung gekennzeichnet und kein Studienergebnis.
  12. Stand der Angaben: 21. August 2026. Die Rechtslage in Europa ändert sich mit dem Wirksamwerden der Verordnung (EU) 2024/1938 im August 2027. Interessenkonflikte: keine. Ich vertreibe keine Präparate und erhalte keine Zuwendungen von Herstellern oder Anbietern.

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