Ratgeber Darm · Reizmagen und funktionelle Dyspepsie

Reizmagen: wenn der Oberbauch nicht zur Ruhe kommt und die Untersuchung nichts findet

Funktionell heißt nicht eingebildet. Es heißt, dass die Störung in der Steuerung sitzt und nicht in einer Wunde. Und die spannendste Spur der letzten Jahre führt nicht in den Magen, sondern in den Zwölffingerdarm.

SJ
Shukri Jarmoukli · Arzt · Tätigkeitsschwerpunkt funktionelle und integrative Medizin · ViveCura Berlin
Rome IV und die zwei Typen Der Zwölffingerdarm Zahlen statt Versprechen 38 Quellen mit DOI
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Warum ich das schreibe

Der häufigste Satz zu diesem Thema in meiner Sprechstunde lautet: Es wurde nichts gefunden. Dabei wurde etwas gefunden, nämlich der Ausschluss der gefährlichen Ursachen. Und das, was danach übrig bleibt, ist inzwischen besser beschrieben, als die meisten Menschen ahnen.

Du sitzt am Tisch, dritter Bissen, und der Teller ist plötzlich zu voll. Nicht im Kopf. Im Bauch.

Es drückt unter dem Rippenbogen, als hätte jemand von innen einen Ballon aufgeblasen. Du legst die Gabel hin. Zwei Stunden später ist es immer noch da.

Und dann kam die Magenspiegelung. Beim Aufwachen der Satz, auf den du drei Wochen gewartet hast: alles unauffällig.

Viele Menschen kennen genau diesen Moment und die Leere danach. Erleichterung und Enttäuschung im selben Atemzug. Nichts gefunden heißt nämlich für dich: Ich habe die Beschwerden immer noch, und jetzt habe ich auch noch keine Erklärung.

Ich möchte diesen Satz drehen. Ein unauffälliger Befund ist ein Ergebnis: kein Geschwür, kein Tumor, keine offene Entzündung. Er beantwortet nur die zweite Frage nicht. Und die lautet: Was ist dann los? Darauf gibt es heute deutlich mehr Antwort als vor fünfzehn Jahren.

Was dich hier erwartet

  • Warum Reizmagen eine Diagnose mit Kriterien ist und kein Restbefund
  • Die beiden Untergruppen und die Zahlen, wie häufig welche ist
  • Der Fundus, der beim Essen zu wenig Platz macht
  • Der Zwölffingerdarm als eigentlicher Schauplatz, mit Odds Ratios
  • Die Abgrenzung zu Reflux, Ulkus, Galle und Gastroparese
  • Was eine Magenspiegelung leistet und ab wann sie empfohlen wird
  • Die Zahlen hinter Eradikation, Säureblockern und Neuromodulatoren
  • Fett, Portion, Tempo, Kaffee, Schlaf, ohne Verbotsliste
RCT / Meta randomisiert oder zusammengefasst Human Kohorte, Querschnitt, Register Leitlinie Konsens mit systematischer Recherche Labor Gewebe oder Tier, kein Mensch

Was ein Reizmagen ist, und warum sich die Diagnose wie ein Nichtbefund anfühlt

Stell dir zwei Zettel vor. Auf dem einen steht ein Name für das, was du hast. Auf dem anderen steht, was du nicht hast.

Beim Reizmagen bekommst du meistens den zweiten Zettel. Kein Geschwür, keine Entzündung, kein Tumor. Das klingt nach Nichts, und genau das ist der Denkfehler, der viele Menschen jahrelang begleitet.

Denn Reizmagen, medizinisch funktionelle Dyspepsie, ist eine positiv definierte Diagnose. Sie hat Kriterien, vier Kardinalsymptome, zwei Untergruppen. Und seit 2025 eine eigene deutschsprachige Leitlinie.

Leitlinie · Rome IV Vier Symptome, zwei Gesichter

Ein internationales Gremium um Vincenzo Stanghellini und Jan Tack hat 2016 im Rahmen der Rome-Foundation die Kriterien für gastroduodenale funktionelle Störungen neu gefasst.

Sie nennen vier Kardinalsymptome: Völlegefühl nach dem Essen, frühes Sättigungsgefühl, Schmerz in der Magengrube und Brennen in der Magengrube. Dazu zwei Untergruppen, das postprandiale Distress-Syndrom und das epigastrische Schmerzsyndrom, die sich überlappen dürfen. Verlangt werden Beschwerden über mindestens drei Monate, mit Beginn mindestens sechs Monate vor der Diagnose.

Für dich heißt das: Es gibt eine Definition, in die du hineinpasst oder eben nicht. Das ist etwas anderes als ein Sammelbegriff für Unerklärtes.

Stanghellini V, Chan FKL, Hasler WL, Malagelada JR, Suzuki H, Tack J, Talley NJ. Gastroduodenal Disorders. Gastroenterology. 2016;150(6):1380-1392. PMID: 27147122 · DOI: 10.1053/j.gastro.2016.02.011 [Leitlinie]

Das Wort funktionell trägt hier eine Last, die es nicht verdient. Im Alltag klingt es nach eingebildet. Gemeint ist etwas ganz anderes: Die Störung sitzt in der Steuerung, nicht in der Struktur.

Ein Bild dafür: Ein Klavier kann verstimmt sein, ohne dass ein Holz gebrochen ist. Du siehst von außen nichts. Hören kannst du es sofort.

Reframe

Funktionell heißt nicht, dass nichts da ist. Es heißt, dass die Untersuchung, die du hattest, nicht das Werkzeug ist, mit dem man diese Störung sieht.

Eine Magenspiegelung schaut auf die Oberfläche. Ein Reizmagen entsteht an Stellen, an die die Kamera nicht heranreicht: an der Dehnungsantwort des Magens, an der Empfindlichkeit der Nervenbahnen, an der Dichtigkeit der Schleimhaut im Zwölffingerdarm. Alle drei sind messbar, nur eben nicht in der Routine.

Wie häufig das ist

Du bist damit nicht selten, sondern sehr normal.

Querschnitt, n=5.931 61 zu 18 zu 21

Imran Aziz und Kollegen befragten in den USA, Kanada und Großbritannien 6.300 Erwachsene mit dem Rome-IV-Fragebogen, ohne bei der Einladung zu verraten, dass es um den Bauch geht.

Die Kriterien einer funktionellen Dyspepsie erfüllten 12 Prozent in den USA, 8 Prozent in Kanada und 8 Prozent in Großbritannien. Die Verteilung auf die Untergruppen war in allen drei Ländern fast identisch: 61 Prozent mahlzeitenbezogener Typ, 18 Prozent Schmerztyp, 21 Prozent beides. Wer beides hatte, berichtete mehr körperliche Beschwerden insgesamt und eine schlechtere Lebensqualität.

Für dich heißt das: Die häufigste Form ist die, die am Essen hängt. Und wenn du beides hast, ist dein Alltag im Schnitt schwerer, statistisch nachweisbar.

Aziz I, Palsson OS, Törnblom H, Sperber AD, Whitehead WE, Simrén M. Lancet Gastroenterol Hepatol. 2018;3(4):252-262. PMID: 29396034 · DOI: 10.1016/S2468-1253(18)30003-7 [Kohorte, n=5.931]
10 %der Erwachsenen erfüllen die Rome-IV-Kriterien, in dieser Größenordnung auch nach der deutschen Leitlinie von 2025
20,8 %haben weltweit eine nicht abgeklärte Dyspepsie, gepoolt über 312.415 Personen
80 %aller Menschen mit Dyspepsie haben nach der Lancet-Übersicht von 2020 keine strukturelle Erklärung dafür, siehe Quelle 5

Die 20,8 Prozent stammen aus einer Metaanalyse von 100 Studienpopulationen mit 312.415 Menschen. Häufiger betroffen: Frauen, Rauchende, Menschen mit Helicobacter pylori und Menschen, die regelmäßig Schmerzmittel vom NSAR-Typ nehmen, mit einer Odds Ratio von 1,59. Diese letzte Zahl ist die einzige, die sich verändern lässt. Und trotzdem gilt: Eine Dauermedikation wird nie im Alleingang abgesetzt.

Bitte zuerst lesen

Diese Zeichen gehören ärztlich abgeklärt und nicht selbst behandelt

  • Blut im Stuhl oder schwarzer Teerstuhl
  • Bluterbrechen
  • Ungewollter Gewichtsverlust
  • Fieber ohne erkennbaren Grund
  • Nächtliche Beschwerden, die dich aufwecken
  • Wiederholtes Erbrechen
  • Schluckstörung oder das Gefühl, dass Essen stecken bleibt
  • Eine neue anhaltende Änderung der Stuhlgewohnheit ab etwa 45 bis 50 Jahren
  • Blutarmut, also ein niedriger Hämoglobinwert
  • Familiäre Belastung mit Darmkrebs, Magenkrebs oder chronisch entzündlicher Darmerkrankung

Zwei Sätze, die über allem stehen. Wenn eine Magenspiegelung, eine Darmspiegelung oder eine Labordiagnostik empfohlen wurde, wird sie nicht verschoben und durch nichts aus diesem Text ersetzt.

Und: Säureblocker, Abführmittel, Antibiotika oder Antidepressiva werden nie eigenmächtig angesetzt, verändert oder abgesetzt. Jede Änderung gehört in ärztliche Begleitung.

Noch ein Rahmen, der für den ganzen Text gilt: Für Schwangere, Stillende, Kinder und Jugendliche gelten bei fast allen hier besprochenen Mitteln eigene Regeln, und oft fehlen belastbare Daten. Auch Wechselwirkungen sind möglich, Säureblocker können zum Beispiel die Aufnahme anderer Arzneimittel verändern, und Trizyklika vertragen sich nicht mit jedem anderen Wirkstoff. Beides gehört ärztlich geprüft, bevor irgendetwas begonnen wird.

Seit April 2025 gibt es für den Reizmagen erstmals eine deutschsprachige Leitlinie. Die S1-Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Neurogastroenterologie und Motilität ordnet ihn als Störung der Darm-Hirn-Interaktion ein und geht von einer Prävalenz in der Größenordnung von 10 Prozent aus. Sie stellt Psychoedukation, Ernährungsberatung, Mind-Body-Verfahren, Psychotherapie und Medikamente nebeneinander, nicht gegeneinander.

Ich gebe die Leitlinie hier in ihren Grundzügen wieder. Einzelne Details habe ich aus Sekundärdarstellungen und formuliere sie deshalb bewusst zurückhaltend.

Wer heute noch hört, zum Reizmagen gebe es nichts Verbindliches, ist schlicht nicht auf dem Stand.

Der Kernsatz dieses Abschnitts

Die Untersuchung war nicht ergebnislos. Sie hat etwas ausgeschlossen. Und jetzt weißt du, warum sich das trotzdem wie eine Absage anfühlt: Der Ausschluss steht auf dem Zettel, die Erklärung nicht.

Die beiden Gesichter: Völlegefühl nach dem Essen oder Brennen unabhängig davon

Frag dich einmal: Ist deine Beschwerde an die Mahlzeit gekoppelt oder nicht?

Diese eine Frage trennt die beiden Untergruppen sauberer als jede Apparatur. Sie ist auch die Frage, die in vielen Sprechstunden zu schnell übersprungen wird, weil beide Bilder unter demselben Wort landen.

Rome IV

Zwei Muster, ein Name

Postprandiales Distress-Syndrom · PDS · 61 Prozent
Alles hängt am Essen
  • Völlegefühl, das nach dem Essen bleibt und stört
  • Frühes Sättigungsgefühl, der Teller wird nicht leer
  • Nach der Rome-IV-Definition an mindestens drei Tagen pro Woche
  • Oft begleitet von Oberbauch-Blähung, Übelkeit, Aufstoßen
  • Enger Zusammenhang mit gestörter Magendehnung
Epigastrisches Schmerzsyndrom · EPS · 18 Prozent
Der Schmerz kommt auch ohne Essen
  • Schmerz in der Magengrube, drückend oder bohrend
  • Brennen in der Magengrube, ohne dass es Sodbrennen sein muss
  • Nach der Rome-IV-Definition an mindestens einem Tag pro Woche
  • Nicht ausschließlich nach dem Essen, manchmal sogar gelindert dadurch
  • Enger Zusammenhang mit erhöhter Schmerzempfindlichkeit

21 Prozent haben beides. Diese Gruppe hat in der Rome-IV-Erhebung die stärkste Belastung. Die genauen Häufigkeitsschwellen stehen in den Rome-IV-Kriterientabellen und dienen der Forschung, nicht der Selbsteinstufung.

Warum lohnt sich diese Unterscheidung, wenn die Diagnose am Ende dieselbe ist? Weil sie zwei sehr verschiedene Erlebniswelten beschreibt. Beim mahlzeitenbezogenen Typ dreht sich alles um Portionen, Tempo und die Frage, ob du überhaupt noch gern isst. Beim Schmerztyp dreht sich alles um Brennen, Druck und die Angst, dass da doch etwas ist.

Und weil die Leitlinien die Therapieoptionen unterschiedlich zuordnen. Ob das den Daten standhält, ist eine eigene Geschichte, die weiter unten steht.

Die Begleitsymptome, die dazugehören dürfen

Der europäische Konsens von 41 Fachleuten aus 22 Ländern hat 2021 ausdrücklich festgehalten, welche Beschwerden dazugehören dürfen, ohne die Diagnose zu sprengen: Blähungsgefühl im Oberbauch, Übelkeit und Aufstoßen.

Das ist wichtiger, als es klingt. Viele denken, ständiges Völlegefühl und Aufstoßen seien ein anderes Problem. Sie gehören häufig zum selben Bild.

Nicht dazu gehört dagegen alles, was unterhalb des Bauchnabels stattfindet. Bauchschmerz, der sich beim Stuhlgang verändert, gehört in eine andere Kategorie. Das ist der Reizdarm, und beides zusammen zu haben ist trotzdem häufig.

Auch die Luft im Bauch hat einen eigenen Artikel, weil sie oft ganz andere Wurzeln hat als der Oberbauchdruck. Wenn dich vor allem der aufgeblähte Bauch quält, kann dir das dort weiterhelfen: woher die Luft kommt.

Reframe

Viele Menschen versuchen, sich in ein einziges Etikett zu pressen. Reizmagen oder Reizdarm. Reflux oder Reizmagen. Entweder oder.

Der Körper arbeitet nicht mit Schubladen. Überlappung ist bei Störungen der Darm-Hirn-Interaktion die Regel, nicht die Ausnahme. Und jetzt weißt du, warum sich deine Beschwerden nicht an die Kapitelgrenzen der Ratgeber halten.

Was im Körper passiert: der Fundus, die Lautstärke und der Zwölffingerdarm

Wenn du wissen willst, warum drei Bissen reichen, musst du einen Reflex kennen, von dem kaum jemand je gehört hat.

Der Magen ist kein starrer Sack. Der obere Teil, der Fundus, entspannt sich beim Essen und macht Platz, bevor etwas ankommt. Das nennt man Akkommodation. Ein guter Gastgeber räumt den Flur, bevor die Gäste kommen.

Wenn dieser Reflex zu schwach ausfällt, kommt das Essen in einen Raum, der noch nicht größer geworden ist. Der Druck steigt sofort, und die Sättigung meldet sich viel zu früh.

Barostat, n=75 40 Prozent machen zu wenig Platz

Jan Tack und Kollegen maßen in Leuven mit einem Magen-Barostat, wie stark sich der Magen bei 35 Gesunden und 40 Menschen mit funktioneller Dyspepsie an eine Mahlzeit anpasst.

Bei 40 Prozent der Patientinnen und Patienten war die Akkommodation gestört. In der Auswertung blieb ein einziges Symptom mit diesem Befund verknüpft: das frühe Sättigungsgefühl. Nicht die Magenentleerung, nicht Helicobacter, nicht die Schmerzempfindlichkeit.

Für dich heißt das: Wenn du nach drei Bissen satt bist, ist das oft kein Kopfproblem. Es ist ein Reflex, der zu leise ausfällt.

Tack J, Piessevaux H, Coulie B, Caenepeel P, Janssens J. Gastroenterology. 1998;115(6):1346-1352. PMID: 9834261 · DOI: 10.1016/s0016-5085(98)70012-5 [Kohorte, n=75]

Der zweite Mechanismus betrifft nicht den Raum, sondern die Lautstärke. Jeder Magen meldet Dehnung an das Gehirn. Bei manchen ist der Regler dieser Meldung hochgedreht. Dieselbe Portion, ein anderes Erleben.

Barostat, n=240 34 Prozent hören die Meldung zu laut

Dieselbe Arbeitsgruppe untersuchte 80 Gesunde und 160 Menschen mit funktioneller Dyspepsie im Barostat auf ihre Empfindlichkeit gegenüber Magendehnung.

34 Prozent reagierten überempfindlich. Sie unterschieden sich in Alter, Geschlecht und den übrigen Messwerten nicht von den anderen. Verknüpft war die Überempfindlichkeit mit Schmerz nach dem Essen, mit Aufstoßen und mit Gewichtsverlust.

Für dich heißt das: Der Magen ist nicht beschädigt. Die Meldung, die er sendet, kommt lauter an als bei anderen. Das ist Physiologie, keine Charakterfrage.

Tack J, Caenepeel P, Fischler B, Piessevaux H, Janssens J. Gastroenterology. 2001;121(3):526-535. PMID: 11522735 · DOI: 10.1053/gast.2001.27180 [Kohorte, n=240]

Und die Magenentleerung? Sie steht in fast jedem Ratgeber ganz vorn und verdient einen Platz, aber keinen ersten. Eine Metaanalyse aus 25 auswertbaren Studien mit über 6.000 Teilnehmenden fand bei sauberer Messtechnik nur lockere Zusammenhänge: Übelkeit mit einer Odds Ratio von 1,6, Erbrechen 2,0, Bauchschmerz 1,5, frühes Sättigungsgefühl und Völlegefühl 1,8.

Übersetzt: Eine langsame Magenentleerung kann zu deinen Beschwerden beitragen. Sie erklärt sie nicht allein.

Und jetzt der Teil, der die Sache umdreht

Die interessanteste Spur der letzten anderthalb Jahrzehnte führt nicht in den Magen. Sie führt einen Schritt weiter, in den Zwölffingerdarm.

Das ist die etwa 25 Zentimeter lange Passage hinter dem Magenausgang. Dort landet der Speisebrei zuerst, dort wird gemessen, wie sauer und wie fettig er ist. Von dort gehen die Signale zurück, die bestimmen, wie schnell der Magen weitergibt und wann Sättigung gemeldet wird.

Der Zwölffingerdarm ist also die Schaltzentrale, der Magen der Warteraum. Und in dieser Schaltzentrale findet sich bei einem Teil der Betroffenen etwas, das man dort nicht erwartet hätte.

Fall-Kontroll, n=1.001 Odds Ratio 11,7

Nicholas Talley und Marjorie Walker untersuchten eine Zufallsstichprobe der schwedischen Erwachsenenbevölkerung. 1.001 Menschen wurden gespiegelt, 51 mit Nicht-Ulkus-Dyspepsie wurden 48 zufällig gewählten Kontrollen gegenübergestellt. Zwei verblindete Beobachter zählten Eosinophile an fünf Stellen.

Bei hoher Eosinophilenzahl im Bulbus duodeni, also im ersten Abschnitt direkt hinter dem Magen, lag die Odds Ratio für Dyspepsie bei 11,7 (95 Prozent Konfidenzintervall 3,9 bis 34,9), bereinigt um Alter, Geschlecht und Helicobacter. Im absteigenden Abschnitt lag sie bei 7,3 (2,9 bis 18,1). Im Magen selbst waren die Eosinophilen nicht erhöht. Und genau das frühe Sättigungsgefühl war mit diesem Befund verknüpft.

Für dich heißt das: Es gab etwas zu finden. Nur nicht dort, wo die Kamera hingeschaut hat, und nicht mit bloßem Auge.

Talley NJ, Walker MM, Aro P, Ronkainen J, Storskrubb T, Hindley LA, Harmsen WS, Zinsmeister AR, Agréus L. Clin Gastroenterol Hepatol. 2007;5(10):1175-1183. PMID: 17686660 · DOI: 10.1016/j.cgh.2007.05.015 [Case-Control, n=1.001]

Eosinophile sind weiße Blutkörperchen aus der Abteilung Parasitenabwehr und Allergie. Sie zeigen keine Wunde an, sondern ein Immunsystem, das an dieser Stelle beschäftigt ist. Leise, aber dauerhaft.

In derselben schwedischen Stichprobe zeigte sich ein sauberer Unterschied: Beim Reizmagen waren die Eosinophilen erhöht, beim Reizdarm dagegen die Mastzellen. Zwei verwandte Bilder, zwei verschiedene Zellsorten. Mehr zu den Mastzellen steht im Artikel zur Mastzellaktivierung.

Ex vivo, n=30 Die Barriere ist durchlässiger, gemessen

Hanne Vanheel und ein belgisch-schwedisch-spanisches Team nahmen Zwölffingerdarm-Biopsien von 15 Menschen mit funktioneller Dyspepsie und 15 gesunden Vergleichspersonen und spannten sie in Ussing-Kammern ein.

Bei den Patientinnen und Patienten war der elektrische Widerstand des Gewebes niedriger und die Passage zwischen den Zellen erhöht. Die Verbindungsproteine zwischen den Zellen waren verändert. Dazu fanden sich vermehrt Mastzellen und Eosinophile als Zeichen einer niedriggradigen Entzündung. Die Autoren schreiben ausdrücklich, dass dies das alte Paradigma infrage stellt, funktionelle Dyspepsie gehe ohne strukturelle Veränderungen einher.

Für dich heißt das: durchlässigere Barriere plus stille Immunaktivität, gemessen statt vermutet. Was das Konzept einer durchlässigen Darmbarriere insgesamt bedeutet, steht ausführlich unter Leaky Gut und Zonulin.

Vanheel H, Vicario M, Vanuytsel T, Van Oudenhove L, Martinez C, Keita ÅV, Pardon N, Santos J, Söderholm JD, Tack J, Farré R. Gut. 2014;63(2):262-271. PMID: 23474421 · DOI: 10.1136/gutjnl-2012-303857 [Kohorte, ex vivo, n=30]
Gegenbefund, der dazugehört

Eine Kohorte der Mayo Clinic fand die Zellen nicht

Ein Team der Mayo Clinic untersuchte 40 Menschen mit funktioneller Dyspepsie gegen 24 Kontrollen. Die Genexpression der Barriereproteine war moderat reduziert, um einen Faktor von 0,8 bis 0,85, und die Laktulose-Mannitol-Ratio war erhöht. Die Barriere-Befunde bestätigten sich also.

Aber: Eosinophile, Mastzellen und intraepitheliale Lymphozyten unterschieden sich nicht signifikant zwischen den Gruppen. Auch der Gewebewiderstand und der Zellabstand nicht.

Die Übersicht von 2025 nennt als konsistenteste Befunde eine gestörte Duodenalbarriere und eine duodenale Immunaktivierung, benennt aber die Widersprüche zwischen den Studien offen. Ehrlich bleibt: robuster Trend, kein fertiges Bild.

Puthanmadhom Narayanan S, O'Brien DR, Sharma M, Smyrk TC, Graham RP, Grover M, Bharucha AE. Clin Gastroenterol Hepatol. 2022;20(5):1019-1028. PMID: 34607017 · DOI: 10.1016/j.cgh.2021.09.029 [Kohorte, n=64]
Wichtig gegen Missverständnisse

Die duodenale Eosinophilie ist kein Test, den du bestellen kannst. Es gibt keine anerkannte Zählschwelle für den klinischen Alltag, die Zählungen stammen aus Studienprotokollen, und wie du oben gesehen hast, replizieren sie sich nicht in jeder Kohorte.

Es ist ein Forschungsbefund, der erklärt, warum die alte Formel vom rein funktionellen Leiden zu eng war. Mehr ist es heute noch nicht.

Mechanismus, wie ich ihn zusammensetze

Vom Reiz im Zwölffingerdarm zum Druck im Oberbauch

  1. Auslöser im Darmlumen. Säure, Gallensalze, Nahrungsbestandteile oder Reste eines Infekts treffen auf die Schleimhaut des Zwölffingerdarms. Belegt sind diese Kandidaten als Kandidaten, nicht als Ursache.
  2. Die Barriere gibt nach. Verbindungsproteine zwischen den Zellen verändern sich, die Passage zwischen den Zellen nimmt zu. Gemessen in Gewebekammern und mit Zuckertests.
  3. Das Immunsystem rückt nach. Eosinophile und Mastzellen sammeln sich, geben Botenstoffe ab. Das ist keine Entzündung, die man sieht, sondern eine, die man zählen muss.
  4. Die Nerven melden lauter. Botenstoffe aus diesen Zellen liegen dicht an den Nervenendigungen. Die Schwelle, ab der Dehnung als unangenehm gilt, sinkt.
  5. Der Magen reagiert. Über Reflexbögen vom Zwölffingerdarm zurück verändern sich Akkommodation und Entleerung. Der Fundus macht weniger Platz, die Sättigung kommt früher.

Einordnung: Schritte 2 und 3 sind an Menschen gemessen, mit den oben genannten Widersprüchen. Schritte 1, 4 und 5 sind mechanistisch plausibel, aber die durchgehende Kausalkette ist beim Menschen nicht bewiesen. Das schreibt die Übersichtsarbeit von 2020 ausdrücklich so.

Der Kernsatz dieses Abschnitts

Drei Dinge sind beim Reizmagen messbar anders: wie viel Platz der Magen macht, wie laut er meldet, und wie dicht der Zwölffingerdarm ist. Und jetzt weißt du, warum eine Kamera, die nur die Oberfläche anschaut, davon nichts sehen kann.

Wenn es nach einem Infekt anfing, und was Stress damit zu tun hat

Es gibt einen Satz, den ich in der Sprechstunde oft höre, meistens halb entschuldigend: Seit diesem Magen-Darm-Infekt vor zwei Jahren ist es nie wieder ganz weggegangen. Menschen sagen das leise, weil sie ahnen, dass es nach Ausrede klingt. Es ist keine Ausrede, sondern ein beschriebenes Muster mit einer Zahl.

Meta-Analyse, k=19 9,55 Prozent nach dem Infekt

Seiji Futagami und Kollegen fassten 19 Studien zusammen, in denen Menschen nach einer akuten Magen-Darm-Infektion weiterbeobachtet wurden.

Bei 9,55 Prozent bestand danach eine funktionelle Dyspepsie, also 909 Fälle unter 9.517 Infektionen. Die zusammengefasste Odds Ratio gegenüber Kontrollen aus derselben Bevölkerung lag bei 2,54 (95 Prozent Konfidenzintervall 1,76 bis 3,65), gemessen mehr als sechs Monate nach dem Infekt. Die Studien unterschieden sich dabei deutlich voneinander, die Heterogenität lag bei knapp 73 Prozent. Die Richtung ist also klar, die genaue Höhe der Zahl weniger. Genannte Erreger: Salmonellen, E. coli O157, Campylobacter jejuni, Giardia lamblia, Noroviren.

Für dich heißt das: Wenn dein Bauch nach einem Infekt nie wieder derselbe war, bist du damit nicht allein und du hast es dir nicht ausgedacht.

Futagami S, Itoh T, Sakamoto C. Aliment Pharmacol Ther. 2015;41(2):177-188. PMID: 25348873 · DOI: 10.1111/apt.13006 [Meta-Analyse, k=19]

Zum Vergleich: Für den postinfektiösen Reizdarm lag dieselbe Odds Ratio bei 3,51. Ausführlich steht das im Artikel zum Reizdarm.

Und dann ist da die Frage, die fast alle irgendwann gestellt bekommen, meist in einem freundlichen Ton, der trotzdem wehtut: Könnte das nicht auch psychisch sein? Ich beantworte sie mit zwei Studien, die in verschiedene Richtungen zeigen. Beide sind gut gemacht, beide stimmen.

Kohorte, 10 Jahre, n=703 Erst die Angst, dann der Magen

Peter Aro und Kollegen luden Teilnehmende der schwedischen Kalixanda-Studie zehn Jahre nach ihrer Endoskopie erneut ein. 703 von 887 antworteten.

Ausgeprägte Angst zu Beginn war mit einer neu aufgetretenen funktionellen Dyspepsie nach zehn Jahren verbunden, mit einer Odds Ratio von 7,61. Das Konfidenzintervall ist sehr breit, 1,21 bis 47,73 im 99-Prozent-Intervall, die Richtung aber deutlich.

In einer getrennten Auswertung derselben Arbeit zeigte sich die Verbindung zur Angst nur beim mahlzeitenbezogenen Typ, mit Odds Ratios von 4,83 zu Beginn und 8,12 in der Nachuntersuchung, nicht beim epigastrischen Schmerzsyndrom. Depression war in keiner der Auswertungen vorhersagend.

Für dich heißt das: Anspannung kann diesem Muster vorausgehen. Bei einer Untergruppe, nicht bei allen.

Aro P, Talley NJ, Johansson SE, Agréus L, Ronkainen J. Gastroenterology. 2015;148(5):928-937. PMID: 25644097 · DOI: 10.1053/j.gastro.2015.01.039 [Kohorte, n=703]
Kohorte, 12 Jahre, n=1.775 Und bei anderen genau andersherum

Natasha Koloski und Nicholas Talley begleiteten eine australische Zufallsstichprobe über zwölf Jahre.

Wer zu Beginn keine funktionelle Magen-Darm-Störung hatte, aber höhere Angstwerte, erkrankte häufiger neu daran. Umgekehrt galt aber genauso: Wer zu Beginn normale Angst- und Depressionswerte hatte, dafür aber bereits eine funktionelle Störung, hatte zwölf Jahre später signifikant höhere Angst- und Depressionswerte.

Für dich heißt das: Der Weg läuft in beide Richtungen. Bei manchen fängt es im Kopf an, bei manchen im Bauch. Beides ist belegt, und keines davon ist deine Schuld.

Koloski NA, Jones M, Kalantar J, Weltman M, Zaguirre J, Talley NJ. Gut. 2012;61(9):1284-1290. PMID: 22234979 · DOI: 10.1136/gutjnl-2011-300474 [Kohorte, n=1.775]
Reframe

Psychosomatisch wird oft als höfliche Umschreibung für erfunden benutzt. Das ist falsch, und zwar in beide Richtungen falsch.

Die Verbindung zwischen Darm und Gehirn ist eine anatomische Leitung, keine Metapher. Sie überträgt in beide Richtungen. Wenn dein Bauch auf Anspannung reagiert, ist das kein Beweis dafür, dass nichts da ist. Es ist ein Beweis dafür, dass die Leitung funktioniert. Wie diese Achse arbeitet, steht ausführlich unter Darm-Hirn-Achse und Vagus.

Und jetzt weißt du, warum die Frage nach der Psyche weder eine Beleidigung noch eine Erklärung ist. Sie ist eine von mehreren Spuren, und sie schließt die anderen nicht aus.

Was es sonst sein kann: die ehrliche Abgrenzung

Bevor Reizmagen draufsteht, muss anderes ausgeschlossen sein. Nicht alles davon ist selten, und einiges wird regelmäßig verwechselt. Ich gehe die Liste kurz durch, jedes Thema mit zwei Sätzen und einem Link.

Steht über der ganzen Liste

Wenn es akut ist, ist es kein Reizmagen

Wenn der Schmerz plötzlich und heftig kommt. Wenn er in Arm, Kiefer oder Rücken zieht. Wenn Atemnot, kalter Schweiß, Übelkeit oder Todesangst dazukommen. Oder wenn der Bauch bretthart wird.

Ein Herzinfarkt, eine instabile Angina, ein durchgebrochenes Geschwür, eine akute Bauchspeicheldrüsenentzündung und Gefäßnotfälle wie ein Bauchaortenaneurysma können sich genau so anfühlen wie Druck oder Brennen in der Magengrube. Bei Frauen, bei Menschen mit Diabetes und im höheren Alter ist diese untypische Form nicht selten.

Dann wähl bitte sofort die 112 und warte nicht ab, ob es besser wird. Auch dann nicht, wenn du die Diagnose Reizmagen schon hast. Ein bekannter Reizmagen schützt nicht davor, zusätzlich etwas Akutes zu bekommen.

Differenzialdiagnose

Was im Oberbauch sonst noch drückt und brennt

Refluxkrankheit
Steigt Säure in die Speiseröhre, brennt es hinter dem Brustbein, oft im Liegen. Reizmagen und Reflux überlappen häufig. Mehr unter Sodbrennen und Säureblocker verstehen.
Magengeschwür und Zwölffingerdarmgeschwür
Ein Ulkus ist in der Spiegelung sichtbar und schließt die Diagnose Reizmagen aus. Genau deshalb war die Untersuchung so wichtig.
Helicobacter pylori
Der Keim gehört bei Dyspepsie getestet, weil eine Eradikation bei einem Teil der Betroffenen die Beschwerden verringern kann. Die Zahlen dazu stehen weiter unten, alles Weitere unter Helicobacter pylori.
Gallenwege
Gallensteine machen typischerweise Koliken, also anfallsartige Schmerzen rechts oben, oft nach fettigem Essen. Eine Ultraschalluntersuchung klärt das schnell, mehr zum Thema unter Galle und Gallensäuren.
Bauchspeicheldrüse
Eine chronische Entzündung macht gürtelförmige Schmerzen, Fettstühle und Gewichtsverlust. Ein anderes Bild, das gezielt untersucht gehört.
Schmerzmittel vom NSAR-Typ
In der großen Metaanalyse war die regelmäßige Einnahme mit einer Odds Ratio von 1,59 mit Dyspepsie verbunden. Ob eine Dauermedikation noch passt, wird ärztlich besprochen und niemals selbst geändert.
Zöliakie
Eine Zöliakie kann sich mit Oberbauchbeschwerden zeigen und wird dann leicht übersehen. Näheres unter Zöliakie erkennen.

Diese Liste ersetzt keine Untersuchung. Sie soll dir helfen, beim nächsten Termin präzisere Fragen zu stellen.

Die wichtigste Vorsichtsregel in diesem Feld

Wenn du eine Zöliakie-Diagnostik erwägst, iss vorher nicht glutenfrei. Sowohl die Antikörper im Blut als auch die Gewebeprobe brauchen eine laufende Glutenzufuhr, um verwertbar zu sein.

Wer wochenlang glutenfrei isst und sich dann testen lässt, bekommt womöglich ein unauffälliges Ergebnis und weiß danach weniger als vorher. Das ist der häufigste praktische Fehler bei diesem Thema. Was Gluten sonst noch auslösen kann, ohne dass eine Zöliakie vorliegt, steht unter Gluten ohne Zöliakie.

Reizmagen und Gastroparese: die Grenze ist durchlässiger als gedacht

Die Gastroparese ist die verzögerte Magenentleerung als eigenes Krankheitsbild. Sie hat einen eigenen Artikel: Gastroparese, wenn der Magen zu langsam ist. Hier gehört nur eine Zahl her, die vielen die Sprache verschlägt.

Register, 48 Wochen, n=944 42 Prozent wechseln die Diagnose

Pankaj Pasricha und ein amerikanisches Multizenter-Konsortium begleiteten 944 Menschen mit chronischen Oberbauchbeschwerden über 48 Wochen. Eingeteilt wurde nach Magenentleerungstest.

Nach 48 Wochen wurden 42 Prozent der zunächst als Gastroparese Eingestuften als funktionelle Dyspepsie neu eingeordnet, umgekehrt 37 Prozent in die andere Richtung. Die Beschwerden änderten sich dabei nicht entsprechend. In Vollwandbiopsien zeigten beide Gruppen denselben Verlust an interstitiellen Cajal-Zellen, also den Schrittmacherzellen der Magenmuskulatur.

Für dich heißt das: Ein einzelner Magenentleerungstest ist eine Momentaufnahme, kein Etikett fürs Leben. Und die beiden Diagnosen sind in spezialisierten Zentren näher beieinander, als ihre Namen vermuten lassen.

Pasricha PJ, Grover M, Yates KP et al. Gastroenterology. 2021;160(6):2006-2017. PMID: 33548234 · DOI: 10.1053/j.gastro.2021.01.230 [Kohorte, n=944]
Reframe

Eine Abgrenzungsliste klingt nach Bürokratie. Sie ist aber der Teil, der dich schützt.

Jede Diagnose, die sauber ausgeschlossen wird, ist eine Behandlung, die dir erspart bleibt. Und jetzt weißt du, warum eine sorgfältige Abgrenzung mehr Arbeit ist als eine schnelle Diagnose: Sie ist die Voraussetzung dafür, dass das Wort Reizmagen überhaupt etwas bedeutet.

Was die Diagnostik leisten kann und wo sie aufhört

Braucht wirklich jeder mit Oberbauchschmerzen eine Magenspiegelung? Das ist eine der meistgestellten Fragen, und die Antwort ist unbequem, weil sie zweiteilig ist.

Nein, nicht jeder. Und ja, manche unbedingt und schnell.

Die Leitlinien machen diese Unterscheidung an zwei Dingen fest: an den Alarmzeichen und am Alter. Beides zusammen, nicht eines allein. Und dafür gibt es einen sehr guten Grund.

Meta-Analyse, k=15 Warum Alarmzeichen allein nicht reichen

Nimish Vakil und Kollegen werteten 15 Kohortenstudien mit insgesamt 57.363 Menschen aus, bei denen Alarmzeichen mit dem tatsächlichen Endoskopiebefund verglichen wurden.

458 Personen, also 0,8 Prozent, hatten einen Tumor. Die Sensitivität der Alarmzeichen schwankte je nach Studie zwischen 0 und 83 Prozent, die Spezifität zwischen 40 und 98 Prozent. Die klinische Einschätzung durch die Ärztin oder den Arzt war sehr spezifisch, aber wenig sensitiv.

Für dich heißt das: Alarmzeichen sind ein grobes Sieb, kein Test. Ihr Vorhandensein ist ein klarer Anlass zur Abklärung. Ihr Fehlen ist keine Entwarnung für jeden Einzelfall, und genau deshalb kombinieren die Leitlinien sie mit Altersgrenzen.

Vakil N, Moayyedi P, Fennerty MB, Talley NJ. Gastroenterology. 2006;131(2):390-401. PMID: 16890592 · DOI: 10.1053/j.gastro.2006.04.029 [Meta-Analyse, k=15]

Die amerikanische und kanadische Leitlinie empfiehlt eine Endoskopie ab 60 Jahren, früher bei erhöhtem Magenkrebsrisiko. Das Lancet-Seminar von 2020 nennt 55 Jahre oder besorgniserregende Merkmale. Der europäische Konsens hält die Endoskopie für eine sichere Diagnose für obligat, sieht aber in der Primärversorgung ohne Alarmzeichen einen Behandlungsversuch ohne Spiegelung als vertretbar an. Die deutsche Leitlinie von 2025 macht es abhängig von Schwere, Dauer und Alarmzeichen.

Was eine sinnvolle Abklärung typischerweise enthält

  • Eine sorgfältige Anamnese. An die Mahlzeit gekoppelt? Wann hat es angefangen? Gab es einen Infekt davor? Welche Medikamente laufen?
  • Die Alarmzeichen-Frage. Systematisch abgefragt, nicht nebenbei.
  • Ein Helicobacter-Test. Der europäische Konsens empfiehlt, den Status bei jeder betroffenen Person zu bestimmen.
  • Basislabor. Blutbild, Entzündungswerte, Leber- und Pankreaswerte, Zöliakie-Serologie, je nach Bild. Wichtig bei der Zöliakie-Serologie: Sie braucht eine laufende Glutenzufuhr. Wer vorher glutenfrei isst, kann den Test unbrauchbar machen.
  • Eine Ultraschalluntersuchung des Bauches. Sie klärt Gallenwege, Leber und Bauchspeicheldrüse in wenigen Minuten.
  • Eine Endoskopie nach Alter, Schwere und Alarmzeichen. Die Entscheidung dafür oder dagegen gehört in ärztliche Hand, nicht in einen Blogartikel.
Pflichtsatz

Aus diesem Abschnitt folgt an keiner Stelle, dass eine empfohlene Untersuchung ausgelassen werden sollte. Eine empfohlene Magenspiegelung wird nicht verschoben und nicht ersetzt, weder durch Nahrungsergänzung noch durch Ernährungsumstellung noch durch Abwarten.

Dieser Abschnitt beschreibt, warum nicht jeder Mensch mit Oberbauchdruck sofort eine Kamera braucht. Er beschreibt nicht, wie man einer Empfehlung ausweicht.

Klinisch beobachte ich

Zwei Fragen, bevor ich irgendetwas gebe

Die erste Frage ist immer, ob die Alarmzeichen sauber abgefragt und die notwendige Abklärung gelaufen ist. Ohne diese Grundlage hat alles Weitere keinen Boden.

Die zweite Frage klingt für manche überraschend: Ist oben überhaupt genug Magensäure da? Bevor ich über Enzyme, Pflanzen oder Ernährungsumstellungen nachdenke, interessiert mich diese Reihenfolge, weil sie meiner Erfahrung nach die weiteren Schritte verändern kann. Was dahintersteckt und warum ein Säuremangel andere Beschwerden macht, als viele erwarten, steht unter Magensäuremangel und Betain HCl.

Zur Ehrlichkeit gehört: Das ist meine klinische Reihenfolge, keine Leitlinienempfehlung. Belegt ist sie nicht. Belastbare randomisierte Evidenz zu Verdauungsenzymen bei funktioneller Dyspepsie habe ich in dieser Recherche nicht gefunden. Zur Einordnung von Enzymen: wann sie sinnvoll sind.

Und eine Warnung, die unbedingt dazugehört: Säurehaltige Präparate wie Betain HCl gehören nicht in einen Selbstversuch, solange ein Geschwür oder eine gereizte Schleimhaut nicht ausgeschlossen ist. Sie können die Beschwerden dann verstärken. Dasselbe gilt, solange Schmerzmittel vom NSAR-Typ laufen. Das gehört vorher ärztlich besprochen, nicht danach.

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Viele Menschen messen den Wert einer Abklärung daran, wie viel sie findet. Ich messe ihn daran, wie viel sie ordnet.

Und jetzt weißt du, warum die Diagnostik beim Reizmagen zwei Aufgaben hat: Sie schließt Gefährliches aus, und sie hört danach bewusst auf. Die nächste Untersuchung ist nicht automatisch die bessere Antwort.

Was in Studien geprüft wurde, mit den Zahlen dahinter

Jetzt kommt der Teil, bei dem viele Ratgeber unscharf werden. Sie schreiben, etwas sei wirksam, und lassen offen, wie wirksam. Ich finde diese Zahlen wichtig, weil sie dich vor zwei Enttäuschungen schützen: davor, dass ein Medikament nicht alles bringt, und davor, etwas Brauchbares zu früh wegzuwerfen.

Die Zahl, die dabei am meisten trägt, heißt Number Needed to Treat, kurz NNT. Sie sagt: So viele Menschen muss man behandeln, damit einer zusätzlich profitiert. Je kleiner die Zahl, desto größer der Effekt.

Zahlen aus randomisierten Studien und Metaanalysen bei funktioneller Dyspepsie. Keine dieser Angaben ist eine Empfehlung für dich persönlich.
AnsatzDatenbasisEffektEinordnung
Helicobacter-Eradikation29 RCTs, 6.781 PersonenNNT 9 für Besserung, 14 für Beschwerdefreiheit, 4,5 bei erfolgreicher Keimfreiheithohe Evidenzqualität, bescheidener Nutzen, keine Wiederholung nötig
Protonenpumpenhemmer25 RCTs mit 8.453 Personen, davon 18 RCTs mit 6.172 Personen im Placebo-VergleichNNT 11 im Placebo-Vergleichmoderate Qualität, niedrige und Standarddosen wurden zusammengefasst ausgewertet
Prokinetika29 RCTs gegen PlaceboNNT 7GRADE sehr niedrig, Heterogenität 91 Prozent, Lebensqualität unverändert
Neuromodulatoren13 RCTs, 1.241 PersonenNNT 6Nutzen nur bei Trizyklika und Antipsychotika, Nebenwirkungen häufiger
Pflanzliche Kombinationmehrere RCTs, 120 bis 315 Personensignifikant, aber kleine Unterschiede zu Placeboüberwiegend herstellernahe Studien, uneinheitliche Zusammensetzung
Psychologische Verfahren9 kleine RCTsstandardisierte Mittelwertdifferenz minus 1,33hohes Bias-Risiko, nur 3 Studien mit Schein-Arm

Helicobacter pylori: kleiner Effekt, der anhalten kann

Meta-Analyse, k=29 Einer von neun

Alexander Ford und Kollegen fassten 29 randomisierte Studien mit 6.781 Helicobacter-positiven Menschen mit funktioneller Dyspepsie zusammen.

Die Eradikation war dem Kontrollarm überlegen: NNT 9 für eine Besserung, NNT 14 für Beschwerdefreiheit. Wenn die Eradikation tatsächlich gelungen war, lag die NNT bei 4,5. Nebenwirkungen waren mehr als doppelt so häufig, ebenso Abbrüche deswegen. Die Autoren bewerten die Evidenzqualität als hoch und den Nutzen als bescheiden.

Für dich heißt das: Von neun Menschen mit Reizmagen und Keimnachweis profitiert rechnerisch einer zusätzlich. Das ist klein, es ist echt, und anders als eine Dauermedikation muss eine gelungene Eradikation nicht wiederholt werden. Wie lange der Nutzen anhält, ist über die Nachbeobachtungszeiträume dieser Studien hinaus nicht belegt.

Ob eine Eradikation in deinem Fall sinnvoll ist, entscheidet eine ärztliche Abwägung, nicht dieser Text. Eine empfohlene Eradikation abzulehnen oder eine begonnene Antibiotikatherapie vorzeitig abzubrechen, wäre keine gute Idee: Beim Helicobacter geht es um mehr als Oberbauchdruck, unter anderem um Magengeschwüre und um das Magenkrebsrisiko. Was dazu bekannt ist, steht ausführlich unter Helicobacter pylori.

Ford AC, Tsipotis E, Yuan Y, Leontiadis GI, Moayyedi P. Gut. 2022;71(10):1967-1975. PMID: 35022266 · DOI: 10.1136/gutjnl-2021-326583 [Meta-Analyse, k=29]

Säureblocker: kleiner Effekt, überraschende Details

Cochrane, k=25 NNT 11, und die Dosis war nicht der Hebel

Maria Ines Pinto-Sanchez und Kollegen werteten für Cochrane 25 randomisierte Studien mit 8.453 Teilnehmenden aus. Für den direkten Vergleich mit Placebo standen davon 18 Studien mit 6.172 Menschen zur Verfügung.

Dort waren Protonenpumpenhemmer Placebo überlegen, mit einer NNT von 11 bei moderater Evidenzqualität. Niedrige und Standarddosen wirkten so ähnlich, dass die Autoren sie für die Auswertung zusammengefasst haben. Eine gezielte Dosis-Wirkungs-Frage hat der Review damit nicht beantwortet. Gegenüber H2-Blockern zeigte sich kaum ein Unterschied. Und es fand sich kein Unterschied nach Rome-III-Untergruppe, nach Helicobacter-Status, nach Herkunftsland oder nach begleitenden Refluxbeschwerden.

Für dich heißt das: Säureblocker können einem Teil der Betroffenen etwas bringen, und mehr Dosis bringt hier nicht automatisch mehr Effekt. Was das für deine laufende Therapie bedeutet, gehört in die nächste Sprechstunde und nicht in einen Selbstversuch.

Pinto-Sanchez MI, Yuan Y, Hassan A, Bercik P, Moayyedi P. Cochrane Database Syst Rev. 2017;11(11):CD011194. PMID: 29161458 · DOI: 10.1002/14651858.CD011194.pub3 [Meta-Analyse, Cochrane, k=25]
Der Widerspruch, den ich nicht auflöse

Leitlinien-Logik gegen Cochrane-Daten

In fast jedem Text steht: Säureblocker beim Schmerztyp, Prokinetika beim Völlegefühl-Typ. Das ist klinisch plausibel, es steht so oder ähnlich in Leitlinien, und viele erfahrene Kolleginnen und Kollegen arbeiten damit.

Nur fand der Cochrane-Review keinen Unterschied nach Untergruppe. Beide Aussagen stehen nebeneinander im Raum, und ich halte nichts davon, eine davon wegzuwischen.

Ich lese es so: Die Zuordnung ist eine sinnvolle Ordnungshilfe, aber keine gesicherte Vorhersage darüber, wer worauf anspricht. Wer das weiß, ist weniger enttäuscht, wenn das theoretisch passende Medikament nichts bringt.

Und dann gibt es einen Befund zu Säureblockern, der die Sache komplizierter macht.

Intervention, n=75 Bei Kranken runter, bei Gesunden hoch

Lucas Wauters und ein Leuvener Team gaben 30 Gesunden und 27 unbehandelten Menschen mit funktioneller Dyspepsie vier Wochen lang einen Protonenpumpenhemmer und untersuchten vorher und nachher den Zwölffingerdarm.

Bei den Patientinnen und Patienten gingen Symptome, duodenale Eosinophile, Mastzellen und die Durchlässigkeit zurück. Bei den Gesunden stiegen Immunzellen und Durchlässigkeit unter demselben Medikament an, verbunden mit Veränderungen der Gallensalze. Die Beschwerden korrelierten mit der Eosinophilenzahl.

Für dich heißt das: Säureblocker könnten beim Reizmagen mehr tun, als nur Säure zu dämpfen. Und zugleich ist das ein Argument dafür, den Dauergebrauch bei Menschen ohne Befund nicht für harmlos zu halten.

Wichtig, damit dieser Absatz nicht falsch ankommt: Er ist kein Grund, einen laufenden Säureblocker abzusetzen oder zu reduzieren. Für viele Menschen gibt es gute Gründe für dieses Medikament, etwa eine Refluxkrankheit, ein abgeheiltes Geschwür oder ein Magenschutz bei Schmerzmitteln. Ob eine Dauertherapie noch passt, ist eine Frage für die nächste Sprechstunde, und ein abruptes Absetzen kann für einige Tage eine verstärkte Säureproduktion nach sich ziehen. Diese Frage gehört ärztlich begleitet.

Wauters L, Ceulemans M, Frings D et al. Gastroenterology. 2021;160(5):1521-1531. PMID: 33346007 · DOI: 10.1053/j.gastro.2020.12.016 [Kohorte, Interventionsstudie, n=75]

Prokinetika: die beste Zahl auf der schwächsten Grundlage

Prokinetika sollen die Magenbewegung anregen. Die Metaanalyse aus 29 placebokontrollierten Studien nennt eine NNT von 7, unabhängig von Untergruppe und Herkunft. Klingt gut. Dann kommen die Einschränkungen: Heterogenität von 91 Prozent, GRADE-Bewertung sehr niedrig, und die Lebensqualität besserte sich nicht mit. Eine Zahl, die sich im Alltag nicht spüren lässt, ist eine schwierige Zahl.

Dazu kommt ein zweiter Punkt, der in der reinen NNT nicht auftaucht. Diese Substanzen sind verschreibungspflichtig, und einige von ihnen haben Anwendungsbeschränkungen bekommen, die mit Herzrhythmus und Nervensystem zu tun haben. Deshalb gilt hier dasselbe wie bei allem anderen in diesem Abschnitt: Beginn, Dauer und Ende gehören in ärztliche Hand, nicht in einen Selbstversuch.

Neuromodulatoren: das größte Missverständnis

Wenn nach mehreren Anläufen ein niedrig dosiertes Antidepressivum vorgeschlagen wird, hören viele Menschen etwas anderes, als gemeint ist. Sie hören: Du bist depressiv, und dein Bauch ist eingebildet.

Gemeint ist etwas anderes. In niedriger Dosierung greifen trizyklische Substanzen in die Schmerzverarbeitung ein, an den Nervenbahnen zwischen Darm und Gehirn. Deshalb heißen sie hier Neuromodulatoren.

RCT, n=292 53 gegen 40 gegen 38 Prozent

Nicholas Talley und acht nordamerikanische Zentren randomisierten 292 Menschen mit funktioneller Dyspepsie über zehn Wochen auf Placebo, Amitriptylin 50 Milligramm oder Escitalopram 10 Milligramm. Menschen mit Depression und Menschen unter Antidepressiva waren ausgeschlossen.

Ausreichende Linderung berichteten 40 Prozent unter Placebo, 53 Prozent unter Amitriptylin und 38 Prozent unter Escitalopram. Beim schmerzbetonten Typ war Amitriptylin dem Placebo mehr als dreifach überlegen (Odds Ratio 3,1). Wer eine verzögerte Magenentleerung hatte, sprach schlechter an (Odds Ratio 0,4). Die Magenentleerung selbst änderte sich unter keiner der Substanzen.

Zwei Einschränkungen gehören dazu. Der primäre Endpunkt lag mit P gleich 0,05 genau an der Signifikanzgrenze. Und die Studie lief nach den älteren Rome-II-Kriterien, ihr schmerzbetonter Typ ist mit dem epigastrischen Schmerzsyndrom nach Rome IV nicht deckungsgleich.

Für dich heißt das: Die Substanz war hier nicht gegen die Stimmung gerichtet, denn Menschen mit Depression waren gar nicht dabei. Und die 40 Prozent unter Placebo erklären, warum Erfahrungsberichte in diesem Feld so wenig aussagen.

Talley NJ, Locke GR, Saito YA et al. Gastroenterology. 2015;149(2):340-349. PMID: 25921377 · DOI: 10.1053/j.gastro.2015.04.020 [RCT, n=292]
Der Rahmen, der zu diesen Substanzen gehört

Verschreibungspflichtig, außerhalb der Zulassung, und mit echten Risiken

Amitriptylin und Escitalopram sind verschreibungspflichtig. Die genannten Milligrammzahlen sind Angaben aus der Studie und keine Empfehlung.

Bei funktioneller Dyspepsie werden diese Substanzen in Deutschland außerhalb ihrer Zulassung eingesetzt, also Off-Label. Das verlangt eine besondere ärztliche Aufklärung und macht die Kostenübernahme unsicher.

Trizyklika wie Amitriptylin können Mundtrockenheit, Verstopfung, Müdigkeit, Blutdruckabfall beim Aufstehen sowie Herzrhythmusstörungen bis hin zur QT-Verlängerung auslösen. Sie passen nicht bei einem Engwinkelglaukom, bei einer Prostatavergrößerung mit Restharn oder Harnverhalt und bei bestimmten Herzerkrankungen. Im höheren Alter kann das Risiko für Stürze und Verwirrtheit steigen. Zusammen mit anderen serotonerg wirkenden Mitteln sind Wechselwirkungen möglich. Für Schwangerschaft und Stillzeit gilt eine eigene Abwägung.

Ob so ein Versuch für dich passt, entscheidet eine ärztliche Untersuchung, nicht dieser Text.

Die Metaanalyse aus 13 Studien mit 1.241 Menschen nennt eine NNT von 6, wobei sich der Nutzen auf Trizyklika und Antipsychotika beschränkte. Und sie ist ehrlich: Betrachtet man nur die Studien, die Menschen mit begleitender affektiver Störung ausgeschlossen hatten, blieb kein Nutzen übrig. Nebenwirkungen waren häufiger, mit einer Number Needed to Harm von 21.

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Ein Neuromodulator ist bei diesem Krankheitsbild kein Urteil über deine Psyche. Er ist ein Versuch, die Lautstärke der Meldung zu senken, von der weiter oben die Rede war.

Ich sage das so deutlich, weil dieses Missverständnis viele Menschen von einer Option abhält, die in Studien zu den besser belegten gehört. Ob sie im Einzelfall passt, entscheidet eine ärztliche Abwägung mit Blick auf Nebenwirkungen, andere Medikamente und Begleiterkrankungen. Von allein wird sie weder begonnen noch beendet.

Pflanzen: mehrere Studien, kleine Effekte, ehrliche Einschränkungen

Zwei Pflanzenwege sind randomisiert untersucht. Der eine ist die fixe Kombination aus Pfefferminzöl und Kümmelöl in magensaftresistenten Kapseln. In einer Studie mit 96 Menschen sank die Schmerzintensität nach 28 Tagen um 40 Prozent gegenüber 22 Prozent unter Placebo. In einer neueren Studie mit 114 Menschen war die Kombination bei beiden Untergruppen besser als Placebo.

Ein Hinweis, der zu dieser Kombination gehört

Sie ist nicht für jeden geeignet

Bei Gallensteinen, bei einem Verschluss der Gallenwege, bei einer Gallenblasenentzündung und bei einer schweren Lebererkrankung soll sie nicht angewendet werden. Für Kinder ist sie nicht gedacht, und für Schwangerschaft und Stillzeit fehlen belastbare Daten. Pfefferminzöl kann bei manchen Menschen Sodbrennen verstärken.

Das ist an dieser Stelle besonders wichtig. Gallensteine können denselben Oberbauch drücken wie ein Reizmagen, und sie stehen weiter oben in der Abgrenzungsliste. Die Abklärung gehört deshalb vor den Versuch und nicht danach.

Der andere Weg sind pflanzliche Kombinationspräparate aus mehreren Extrakten. In einer Multizenterstudie mit 315 Menschen war der Unterschied zu Placebo signifikant, aber klein: 6,9 gegenüber 5,9 Punkten im Symptomscore. In einer kleineren Studie mit 120 Menschen und einer Sechs-Pflanzen-Variante berichteten nach acht Wochen 43,3 Prozent unter Verum und 3,3 Prozent unter Placebo Beschwerdefreiheit.

Was die Wirksamkeitszahlen nicht ersetzen

Pflanzlich heißt nicht nebenwirkungsfrei

Die in dieser Studie geprüfte Neun-Pflanzen-Mischung enthält Schöllkraut. Ob dein Präparat Schöllkraut enthält, steht auf der Packungsbeilage. Für schöllkrauthaltige Zubereitungen sind Leberschädigungen beschrieben. Das BfArM hat dazu ein Stufenplanverfahren geführt und 2018 Warnhinweise angeordnet.

Wenn du ein solches Präparat nimmst und Müdigkeit, dunklen Urin, hellen Stuhl oder eine Gelbfärbung von Haut oder Augen bemerkst, brich die Einnahme ab und lass die Leberwerte kontrollieren. Ob so ein Mittel für dich passt, gehört vorher ärztlich besprochen, besonders wenn du andere Medikamente nimmst oder eine Lebererkrankung bekannt ist.

Warum eine Mischung an zwei Stellen des Magens gegensätzlich eingreifen kann, hat eine Gewebeuntersuchung gezeigt: Am Meerschweinchenpräparat entspannte die Mischung den oberen Magenanteil und steigerte gleichzeitig die Bewegung im Ausgangsbereich. Das ist Gewebe im Labor, kein Mensch. Solche Befunde erklären, sie belegen nichts für deinen Alltag.

Warum die Zurückhaltung anderswo gute Gründe hat

Deutsche Leitlinie und europäischer Konsens sind sich hier uneins

Die deutsche S1-Leitlinie führt Phytotherapeutika weiter vorn als die amerikanische Leitlinie und der europäische Konsens. In der europäischen Delphi-Runde mit 41 Fachleuten kam für keine Therapie außer Säureblockern und Eradikation eine Zustimmung von über 80 Prozent zustande.

Das ist kein ideologischer Streit. Die Gründe für die Zurückhaltung sind nachvollziehbar: Die Studien sind überwiegend herstellernah, die Effektgrößen klein, und die Präparate unterscheiden sich in ihrer Zusammensetzung. Wer diese Gründe kennt, kann eine eigene Entscheidung treffen, statt sich zwischen zwei Lagern entscheiden zu müssen.

Psychologische Verfahren und der Mikrobiom-Hinweis

Neun kleine randomisierte Studien zu psychologischen Verfahren ergeben eine standardisierte Mittelwertdifferenz von minus 1,33. Das sieht groß aus. Nur drei hatten einen Schein-Behandlungsarm, entsprechend hoch ist das Verzerrungsrisiko, und das Lancet-Seminar nennt die Rolle dieser Verfahren ausdrücklich unsicher.

Am besten untersucht ist die darmgerichtete Hypnose. In einer Studie mit 126 Menschen sank der Symptomscore unter Hypnose langfristig im Median um 73 Prozent, unter medikamentöser Standardbehandlung um 43 Prozent. Das ist die Größe der Veränderung, nicht der Anteil der Menschen, denen es besser ging. Und von den 126 Randomisierten haben nur 79 alle Phasen abgeschlossen, was die Zahlen zusätzlich relativiert. Auffällig: In der Hypnose-Gruppe begann im Verlauf niemand eine Medikation, in den Vergleichsgruppen 82 und 90 Prozent. Verblinden lässt sich so etwas kaum. Mehr unter darmgerichtete Hypnotherapie.

Und ein Einzelbefund zum Mikrobiom: In einer Studie aus Hongkong mit 86 Menschen nach Rome-III-Kriterien berichteten nach acht Wochen 78 Prozent unter Rifaximin gegenüber 52 Prozent unter Placebo eine ausreichende Linderung, bei Frauen deutlicher als bei Männern. Ein Zentrum, keine Replikation.

Dazu gehört der Rahmen: Rifaximin ist verschreibungspflichtig und in Deutschland für die hepatische Enzephalopathie und die Reisediarrhö zugelassen, nicht für den Reizmagen. Ein Einsatz hier wäre Off-Label. Und jede Antibiotikagabe bringt eigene Risiken mit, unter anderem Durchfall durch Clostridioides difficile und die Bildung von Resistenzen. Ein Hinweis also, keine Empfehlung, und nichts für den Selbstversuch. Zur Dünndarmfehlbesiedlung insgesamt: SIBO.

Der Kernsatz dieses Abschnitts

Alle geprüften Ansätze ergeben zusammen ein ehrliches Bild: kleine, echte Effekte und eine hohe Placeborate. Und jetzt weißt du, warum Behandlung hier begleitetes Ausprobieren ist, kein Rezept von der Stange.

Was der Alltag beitragen kann, ohne dass du dir eine Verbotsliste baust

Irgendwann kommt bei fast allen der Moment, in dem die Liste der gestrichenen Lebensmittel länger ist als die der erlaubten. Und der Bauch ist trotzdem nicht ruhig.

Ich halte diesen Weg für einen der schädlichsten bei funktionellen Beschwerden. Er kostet Freude, Sozialleben und Nährstoffe und bringt oft weniger als eine einzige gezielte Änderung. Was sagen die Daten? Weniger, als die Ratgeber suggerieren.

Systematischer Review, k=16 Fett ist der am besten begründete Auslöser

Kerith Duncanson und Kollegen durchsuchten sechs Datenbanken und fanden 16 von 6.451 gesichteten Studien, die den Zusammenhang zwischen Essen und funktioneller Dyspepsie untersucht hatten.

Nahrungsfett war in allen drei Studien, die es gezielt untersucht haben, mit den Beschwerden verbunden. Weizenhaltige Lebensmittel waren in sechs Studien beteiligt. Koffein war in vier Studien assoziiert. Der Zusammenhang mit Alkohol blieb ausdrücklich unklar. Die Autoren fordern randomisierte Studien zu Gluten, FODMAP und Fett.

Für dich heißt das: Wenn du nur eine Sache ändern kannst, ist der Fettgehalt der Mahlzeit die am besten begründete Stellschraube. Nicht Verzicht auf alles.

Und eine Reihenfolge-Regel zum Weizen, bevor du etwas ausprobierst: Wenn eine Zöliakie noch nicht abgeklärt ist, gehört die Diagnostik vor den Verzicht. Eine glutenfreie Ernährung vor dem Test kann die Zöliakie-Diagnose unmöglich machen, weil Antikörper und Gewebeprobe dann unauffällig ausfallen können, obwohl die Erkrankung vorliegt.

Duncanson KR, Talley NJ, Walker MM, Burrows TL. J Hum Nutr Diet. 2018;31(3):390-407. PMID: 28913843 · DOI: 10.1111/jhn.12506 [Systematischer Review, k=16]

Bemerkenswert ist der Alkohol-Befund. Fast jeder Ratgeber nennt ihn als Auslöser, die systematische Übersicht stuft die Datenlage als unklar ein. Das heißt nicht, dass Alkohol harmlos wäre. Es heißt nur, dass die Studien diese Aussage nicht tragen. Was er im Darm sonst anrichten kann, steht unter Alkohol und der Darm.

Und warum sind Ernährungsaussagen bei funktionellen Beschwerden so wackelig? Eine zweite Arbeit derselben Gruppe hat 40 Studien darauf geprüft, ob der Erfassungszeitraum für das Essen und der für die Beschwerden überhaupt zusammenpassen. In 10 Prozent passten sie gar nicht zusammen. Und nur 12 von 40 Studien nutzten ein validiertes Instrument für die Symptomerfassung.

Das Problem liegt also oft in der Methodik, nicht auf dem Teller. Deshalb halte ich ein eigenes, sauber geführtes Tagebuch für aussagekräftiger als eine allgemeine Liste. Verglichen wurde das nicht, es ist meine Schlussfolgerung aus der Kritik an den Erhebungsmethoden.

Sechs Richtungen, keine Vorschriften

  • Portionsgröße vor Lebensmittelauswahl. Dehnung ist der direkteste Reiz. Kleinere Portionen setzen dort an, wo Akkommodation und Empfindlichkeit sitzen.
  • Fettgehalt beobachten. Der am besten begründete Zusammenhang in der systematischen Übersicht. Es geht um die Menge pro Mahlzeit, nicht um Fett als Feindbild.
  • Esstempo. Wer schnell isst, füllt den Raum möglicherweise schneller, als der Fundus ihn öffnen kann. Studien zum Esstempo bei funktioneller Dyspepsie sind mir in dieser Recherche nicht begegnet, der Gedanke folgt aus dem, was wir über die Akkommodation wissen. Ausprobieren kostet nichts.
  • Kaffee prüfen, nicht streichen. In vier Studien assoziiert. Ob es bei dir stimmt, zeigen zwei Wochen Beobachtung besser als jede Regel.
  • Schlaf. Beim Reizmagen fehlen dazu belastbare Interventionsstudien. Schlaf und Darm insgesamt: Schlaf und Mikrobiom.
  • Belastung. Nicht als Schuldzuweisung, sondern als Einflussfaktor auf die Empfindlichkeit. Mind-Body-Verfahren stehen in der deutschen Leitlinie neben den Medikamenten.
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Eine Ernährungsumstellung bei funktionellen Beschwerden hat zwei mögliche Ausgänge. Entweder du findest deine Auslöser. Oder du findest heraus, dass es nicht am Essen liegt.

Beides ist ein Ergebnis. Das zweite ist sogar oft das entlastendere, weil es dich aus einer endlosen Suche entlässt. Und jetzt weißt du, warum ich ungern mit einer Streichliste anfange und lieber mit zwei Wochen ehrlicher Beobachtung.

Häufige Fragen zum Reizmagen

Diese Fragen höre ich am häufigsten, in der Sprechstunde und in Zuschriften. Die Antworten stützen sich auf die Quellen am Ende dieses Artikels.

Ich hatte eine Magenspiegelung und alles war in Ordnung. Warum habe ich trotzdem Beschwerden?

Weil die Spiegelung nach Sichtbarem sucht: Geschwüre, Entzündungen, Tumoren. Ein Reizmagen sitzt in der Steuerung von Dehnung, Empfindlichkeit und Schleimhautbarriere. Rund 80 Prozent der Menschen mit Dyspepsie haben nach der Lancet-Übersicht von 2020 keine strukturelle Erklärung. Ein unauffälliger Befund heißt also nicht, dass nichts da ist. Er heißt, dass die gefährlichen Ursachen ausgeschlossen wurden.

Was ist der Unterschied zwischen Reizmagen und Gastritis?

Gastritis bedeutet eine Entzündung der Magenschleimhaut, die feingeweblich nachweisbar ist. Beim Reizmagen ist die Magenschleimhaut in der Routinebeurteilung unauffällig. Umgangssprachlich verschwimmen beide Begriffe, weil viele Befunde das Wort Gastritis enthalten, ohne dass eine Gewebeprobe das belegt hätte. Wenn im Befund keine Biopsie steht, lohnt die Nachfrage.

Was ist der Unterschied zwischen Reizmagen und Reizdarm, und kann man beides haben?

Der Reizmagen sitzt im Oberbauch, der Reizdarm dreht sich um Bauchschmerz in Verbindung mit dem Stuhlgang. Beides zusammen ist häufig. In der Rome-IV-Erhebung waren Reizdarm und funktionelles Sodbrennen besonders eng mit der Überlappungsvariante verbunden. Und im selben schwedischen Kollektiv fanden sich beim Reizmagen vermehrt Eosinophile, beim Reizdarm vermehrt Mastzellen.

Woran erkenne ich, ob ich den mahlzeitenbezogenen Typ oder den Schmerztyp habe?

Die Faustregel ist die Mahlzeit. Völlegefühl und frühes Sättigungsgefühl nach dem Essen sprechen für das postprandiale Distress-Syndrom. Schmerz oder Brennen unabhängig vom Essen sprechen für das epigastrische Schmerzsyndrom. In der Rome-IV-Erhebung hatten 61 Prozent den ersten Typ, 18 Prozent den zweiten, 21 Prozent beides.

Warum bin ich schon nach wenigen Bissen satt?

Der obere Magenabschnitt, der Fundus, entspannt sich beim Essen normalerweise und schafft Platz. Bei rund 40 Prozent der mit einem Barostat untersuchten Menschen mit funktioneller Dyspepsie geschah das messbar zu wenig, und genau das frühe Sättigungsgefühl war damit verknüpft. Das ist kein Willensproblem, sondern ein Reflex, der zu leise ausfällt.

Was hat mein Zwölffingerdarm damit zu tun, wenn doch der Magen wehtut?

In einer schwedischen Bevölkerungsstichprobe war eine hohe Eosinophilenzahl im Zwölffingerdarmanfang mit einer Odds Ratio von 11,7 mit Nicht-Ulkus-Dyspepsie verbunden. Belgische Forscher maßen an Biopsien eine durchlässigere Duodenalschleimhaut. Der Zwölffingerdarm steuert Magenentleerung, Sättigung und Schmerzmeldung mit. Gerät er aus dem Takt, meldet sich der Oberbauch.

Kann man die duodenale Eosinophilie testen lassen?

Nein, jedenfalls nicht als Routineuntersuchung. Es gibt keine anerkannte Zählschwelle für den klinischen Alltag, die Befunde stammen aus Studienbiopsien mit standardisierter Auszählung, und eine Kohorte der Mayo Clinic fand die Zellunterschiede gar nicht. Das ist ein Forschungsbefund, kein Laborzettel, den man bestellen kann.

Bringt eine Helicobacter-Behandlung bei Reizmagen etwas?

Ja, und der Effekt ist ehrlich klein. 29 randomisierte Studien mit 6.781 Menschen ergaben eine Number Needed to Treat von 9 für eine Besserung und 14 für Beschwerdefreiheit, bei tatsächlich erfolgreicher Keimfreiheit 4,5. Nebenwirkungen waren häufiger. Die Entscheidung gehört in ärztliche Hände, und eine begonnene Antibiotikatherapie wird nicht selbst abgebrochen.

Warum bringen mir Säureblocker so wenig, obwohl es brennt?

Der Cochrane-Review wertete 25 Studien mit 8.453 Teilnehmenden aus. Für den direkten Placebo-Vergleich standen davon 18 Studien mit 6.172 Menschen zur Verfügung, dort zeigte sich ein echter, aber kleiner Vorteil mit einer Number Needed to Treat von 11. Niedrige und Standarddosen wirkten so ähnlich, dass die Autoren sie zusammengefasst haben, und es zeigte sich kein Unterschied nach Untergruppe. Eine laufende Therapie wird nicht eigenmächtig verändert, sondern ärztlich besprochen.

Warum bekomme ich ein Antidepressivum, wenn ich doch Magenbeschwerden habe?

Weil niedrig dosierte Trizyklika hier als Neuromodulatoren eingesetzt werden, also als Dämpfer der Schmerzverarbeitung, nicht als Stimmungsmedikament. In der Metaanalyse aus 13 Studien lag die Number Needed to Treat bei 6. In der großen Amitriptylin-Studie waren Menschen mit Depression ausgeschlossen, und der Effekt zeigte sich trotzdem. Ob das passt, entscheidet eine ärztliche Abwägung.

Helfen Pfefferminzöl und Kümmelöl bei Reizmagen, und was sagen die Studien?

Zwei randomisierte Studien mit 96 und 114 Teilnehmenden zeigten Vorteile gegenüber Placebo. In der älteren sank die Schmerzintensität um 40 Prozent gegenüber 22 Prozent unter Placebo, in der neueren war die Kombination bei beiden Untergruppen besser. Magensaftresistente Kapseln sind dabei kein Detail: Das Öl soll erst hinter dem Magen frei werden. Wichtig ist die Gegenseite: Bei Gallensteinen, Gallenwegsverschluss, Gallenblasenentzündung oder schwerer Lebererkrankung soll die Kombination nicht angewendet werden, für Kinder ist sie nicht gedacht, und Pfefferminzöl kann Sodbrennen verstärken.

Was ist mit den pflanzlichen Kombinationspräparaten aus mehreren Pflanzen?

Für das bekannte Neun-Pflanzen-Präparat gibt es mehrere randomisierte Studien. In einer Multizenterstudie mit 315 Personen war der Unterschied zu Placebo signifikant, aber klein. Eine kleinere Studie mit einer Sechs-Pflanzen-Variante zeigte deutlichere Zahlen. Zur Einordnung gehört: überwiegend herstellernahe Studien, unterschiedliche Zusammensetzungen, kein europäischer Konsens. Und pflanzlich heißt nicht nebenwirkungsfrei. Für schöllkrauthaltige Zubereitungen sind Leberschädigungen beschrieben, das BfArM hat dazu Warnhinweise angeordnet. Die Anwendung gehört deshalb ärztlich besprochen.

Meine Beschwerden begannen nach einem Magen-Darm-Infekt. Ist das Zufall?

Wahrscheinlich nicht. Eine Metaanalyse aus 19 Studien fand bei 9,55 Prozent der Menschen nach akuter Magen-Darm-Infektion eine funktionelle Dyspepsie, mit einer Odds Ratio von 2,54 gegenüber Kontrollen derselben Bevölkerung. Genannte Erreger waren Salmonellen, Campylobacter, Giardien und Noroviren. Dein Muster hat also eine Zahl hinter sich.

Ist ein Reizmagen psychisch?

Er ist weder nur psychisch noch nur körperlich. In einer schwedischen Zehnjahres-Kohorte sagte ausgeprägte Angst zu Beginn eine neu aufgetretene funktionelle Dyspepsie voraus, mit einer Odds Ratio von 7,61 bei sehr breitem Konfidenzintervall. In einer getrennten Auswertung derselben Arbeit zeigte sich die Verbindung zur Angst nur beim mahlzeitenbezogenen Typ. In einer australischen Zwölfjahres-Kohorte lief der Weg bei einem Teil andersherum. Beide Richtungen sind beschrieben, keine ist eine Schuldzuweisung.

Reizmagen oder Gastroparese: wie unterscheidet man das?

Über die Magenentleerung, und die Grenze ist durchlässiger als viele denken. In einem Register mit 944 Menschen wurden nach 48 Wochen 42 Prozent der zunächst als Gastroparese Eingestuften als funktionelle Dyspepsie neu eingeordnet, umgekehrt 37 Prozent, ohne passende Symptomänderung. Beide Gruppen zeigten denselben Verlust an Schrittmacherzellen. Mehr im eigenen Artikel zur Gastroparese.

Was sollte ich beim Essen zuerst ändern, wenn ich nur eine Sache ändern kann?

Nach der systematischen Übersicht ist Nahrungsfett der am besten begründete Auslöser: In allen drei Studien, die es gezielt untersucht haben, war es mit den Beschwerden verbunden. Die Portionsgröße kommt gleich danach. Und eine harte Vorsichtsregel: Wer glutenfrei isst, bevor eine Zöliakie-Diagnostik gelaufen ist, kann die Diagnose unmöglich machen.

Wie lange dauert ein Reizmagen?

Der Verlauf ist meist chronisch, mit besseren und schlechteren Phasen. Die europäische Konsensrunde hält ausdrücklich fest, dass Langzeitprognose und Lebenserwartung günstig sind. Das ist keine Verharmlosung, sondern eine Entlastung: Der Zustand kann sehr lästig sein, ohne gefährlich zu sein.

Wann muss ich unbedingt zur Ärztin oder zum Arzt?

Bei Blut im Stuhl, schwarzem Teerstuhl, Bluterbrechen, ungewolltem Gewichtsverlust, Fieber, nächtlichen Beschwerden, die dich aufwecken, wiederholtem Erbrechen, Schluckstörung, einer neuen anhaltenden Änderung der Stuhlgewohnheit ab etwa 45 bis 50 Jahren, Blutarmut oder familiärer Belastung mit Darmkrebs, Magenkrebs oder chronisch entzündlicher Darmerkrankung. Diese Zeichen gehören ärztlich abgeklärt. Und eine empfohlene Untersuchung wird nicht verschoben und durch nichts aus diesem Text ersetzt.

Wo der Oberbauch an den Rest des Körpers andockt

Ein Reizmagen steht selten allein. Er hängt an der Ernährung, am Schlaf, an der Belastung, an anderen Unverträglichkeiten und daran, wie das Immunsystem im Darm gerade arbeitet. Wenn du weiterlesen willst, sind das die nächsten sinnvollen Schritte.

SJ

Shukri Jarmoukli

Arzt · Tätigkeitsschwerpunkt funktionelle und integrative Medizin · ViveCura Berlin

Ich arbeite in meiner Privatpraxis an der Schnittstelle von klassischer Medizin, funktioneller Medizin und Klinischer Psychoneuroimmunologie. Beim Reizmagen interessiert mich weniger, welches Präparat als Nächstes probiert wird, sondern welche Frage vor dem nächsten Versuch offen geblieben ist.

Meine Position in zwei Sätzen: Reizmagen heißt nicht, dass nichts gefunden wurde, sondern dass die Routineuntersuchung nicht das Werkzeug ist, mit dem man diese Störung sieht. Und bevor ich etwas gebe, klärt sich zweierlei: ob die Alarmzeichen sauber ausgeschlossen sind, und ob oben genug Magensäure da ist.

Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Beratung und keine empfohlene Untersuchung. Er soll dir helfen, bessere Fragen zu stellen. Und noch etwas, weil dieser Text Stimmung und Antrieb berührt: Wenn dich Niedergeschlagenheit nicht mehr loslässt oder du Gedanken hast, nicht mehr leben zu wollen, hol dir bitte zeitnah ärztliche oder psychotherapeutische Hilfe. Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr, kostenlos und anonym erreichbar unter 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222. Im Notfall wähl die 112.

ViveCura, Privatpraxis Shukri Jarmoukli, Skalitzer Straße 137, 10999 Berlin

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Transparenz zur Evidenz: wo die Datenlage dünn ist
  1. Die duodenale Eosinophilie ist kein klinischer Test. Die Assoziationen aus der schwedischen Stichprobe sind stark, aber es gibt keine standardisierte Zählschwelle für die Routine, und eine Kohorte der Mayo Clinic fand die Zellunterschiede gar nicht.
  2. Die Kausalkette ist nicht bewiesen. Säure, Galle, Mikrobiom und Nahrungsantigene gelten als Kandidaten für den Barrieredefekt. Eine ursächliche Verbindung zu den Symptomen ist beim Menschen nicht gezeigt.
  3. Prokinetika stehen auf sehr niedriger Evidenzqualität. NNT 7 klingt gut, die Heterogenität von 91 Prozent und die unveränderte Lebensqualität relativieren die Zahl deutlich.
  4. Bei den Neuromodulatoren gibt es eine harte Einschränkung. Betrachtet man nur Studien, die Menschen mit begleitender affektiver Störung ausgeschlossen hatten, blieb in der Metaanalyse kein Nutzen übrig. Der große Einzelversuch mit Amitriptylin zeigte trotzdem einen Effekt beim schmerzbetonten Typ.
  5. Die Phytotherapie-Studien sind überwiegend herstellernah, die Effektgrößen klein und die Präparate nicht identisch. Die Neun-Pflanzen-Mischung und die Sechs-Pflanzen-Variante sind zwei verschiedene Dinge.
  6. Psychologische Verfahren: neun kleine Studien, nur drei mit Schein-Arm. Die Hypnose-Studie stammt von 2002 und wurde in dieser Größe nicht wiederholt.
  7. Rifaximin ist ein Einzelbefund aus einem Zentrum mit 86 Teilnehmenden, ohne Replikation und ohne Leitlinien-Rückhalt.
  8. Alkohol als Auslöser ist schwächer belegt, als fast jeder Ratgeber suggeriert. Die systematische Übersicht stuft den Zusammenhang ausdrücklich als unklar ein.
  9. Zur Rolle von Verdauungsenzymen bei funktioneller Dyspepsie habe ich in dieser Recherche keine verwertbare randomisierte Evidenz gefunden. Was ich zur Reihenfolge Magensäure zuerst schreibe, ist als klinische Beobachtung gekennzeichnet und kein Studienergebnis.
  10. Einzelne Details der deutschen S1-Leitlinie, etwa zu Altersgrenzen und Phytotherapie, stammen aus Sekundärdarstellungen und sind hier bewusst vorsichtig formuliert.
  11. Der Zusammenhang von Angst und Untergruppe stammt aus zwei getrennten Auswertungen derselben schwedischen Arbeit. Die Odds Ratio von 7,61 gilt für neu aufgetretene funktionelle Dyspepsie insgesamt, die Beschränkung auf den mahlzeitenbezogenen Typ stammt aus den Querschnitts-Assoziationen.
  12. Zum Esstempo habe ich keine Studie bei funktioneller Dyspepsie gefunden. Was ich dazu schreibe, ist eine physiologische Überlegung aus der Akkommodation heraus, kein Studienergebnis. Dasselbe gilt für meine Einschätzung, dass ein eigenes Tagebuch mehr aussagt als eine allgemeine Liste.
  13. Was hier bewusst nicht steht. Keine Dosierungsempfehlung, kein Behandlungsprotokoll, kein Speiseplan und kein Rat, eine bestehende Medikation zu verändern oder abzusetzen. Studiendosen sind Literaturangaben, keine Empfehlung. Aus keinem Abschnitt folgt, dass eine empfohlene Endoskopie, Koloskopie oder Labordiagnostik verschoben oder ersetzt werden sollte.

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