Ratgeber Darm · Chronischer Durchfall

Chronischer Durchfall: die Ursachen, die am häufigsten übersehen werden

Ab etwa vier Wochen ändert sich die Frage. Aus welcher Erreger wird welcher Mechanismus. Drei Ursachen sind gut belegt, gut testbar und stehen trotzdem selten auf dem ersten Zettel.

SJ
Shukri Jarmoukli · Arzt · Tätigkeitsschwerpunkt Integrative Medizin · ViveCura Berlin
Gallensäuren Bauchspeicheldrüse Mikroskopische Kolitis 31 Quellen mit DOI
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Warum ich das schreibe

Chronischer Durchfall ist selten ein Rätsel. Er ist meistens eine Reihenfolgefrage. Die drei am häufigsten übersehenen Ursachen sind nicht schwer zu finden. In der ersten Runde hat nur niemand nach ihnen gesucht.

Du kennst inzwischen jede Toilette auf deinem Arbeitsweg. Nicht ungefähr. Genau.

Du hast angefangen, morgens nichts mehr zu essen, weil es danach immer losgeht. Du planst Zugfahrten nach Waggons mit WC. Du hast eine Ersatzhose im Rucksack und sagst niemandem, warum.

Beim Arzt warst du. Blutbild in Ordnung, Stuhlprobe auf Erreger negativ, Darmspiegelung unauffällig. Am Ende stand ein Wort, das nichts erklärt: Reizdarm.

Viele Menschen kennen dieses Muster. Und viele bleiben genau hier stehen, weil sie glauben, es sei schon alles untersucht worden.

Meistens ist es das nicht. Nicht, weil jemand nachlässig war, sondern weil die erste Runde der Abklärung anderen Fragen folgt als die zweite. Dieser Artikel handelt von der zweiten Runde.

Zuerst, bevor alles andere

Diese Zeichen gehören ärztlich abgeklärt, und zwar zeitnah

  • Blut im Stuhl, sichtbar oder als Auflagerung
  • Schwarzer, glänzender Teerstuhl
  • Ungewollter Gewichtsverlust
  • Fieber
  • Nächtlicher Durchfall, der dich aus dem Schlaf holt
  • Wiederholtes Erbrechen
  • Schluckstörung oder das Gefühl, dass Essen stecken bleibt
  • Eine neue, anhaltende Änderung der Stuhlgewohnheit ab etwa 45 bis 50 Jahren
  • Blutarmut, also ein niedriger Hämoglobinwert, oder ein niedriges Ferritin als Zeichen eines Eisenmangels
  • Herzstolpern, Verwirrtheit, kaum noch Wasserlassen oder starker Schwindel bei anhaltendem Durchfall
  • Darmkrebs oder eine chronisch entzündliche Darmerkrankung in der Familie

Wenn eines dieser Zeichen bei dir zutrifft, gehört es ärztlich abgeklärt und nicht selbst behandelt. Bei Herzstolpern oder Zeichen einer Austrocknung gilt das am selben Tag, im Zweifel über den Notruf 112. Nichts in diesem Artikel ist ein Grund, eine empfohlene Darmspiegelung, Magenspiegelung oder Labordiagnostik zu verschieben oder durch etwas anderes zu ersetzen. Alles, was hier steht, kommt danach oder daneben, nie stattdessen.

Dieser Artikel richtet sich an Erwachsene. Bei Kindern und Jugendlichen gelten andere Grenzen und andere Gefahren, vor allem die schnellere Austrocknung. Durchfall im Kindesalter gehört deshalb früher und nicht später in kinderärztliche Hände.

Was dich hier erwartet

  • Warum die Vier-Wochen-Grenze die Diagnostik verändert
  • Gallensäuren, die den Dickdarm erreichen, mit zwei Meta-Analysen
  • Der SeHCAT-Test und die ehrliche Gegenposition dazu
  • Was ein niedriger Pankreas-Elastase-Wert bedeutet und was nicht
  • Warum die mikroskopische Kolitis ohne Gewebeproben unsichtbar bleibt
  • Zöliakie, Laktose, Fruktose, Sorbit und die Reihenfolge-Falle
  • Die Medikamente, die auf keiner Liste stehen
  • Was Calprotectin kann und was es ausdrücklich nicht abdeckt
  • Eine geordnete Abklärung in sechs Stufen
  • Was der Körper bei monatelangem Durchfall verliert
Meta / Review zusammengefasste Humandaten Human Kohorte, Fallserie, Querschnitt Leitlinie Konsens mit systematischer Recherche Übersicht Einordnung ohne eigene Daten

Ab wann ist Durchfall chronisch, und warum ändert das alles

Fast alle, die zu mir kommen, beschreiben zuerst die Heftigkeit. Wie oft am Tag. Wie plötzlich. Wie wässrig.

Für die Diagnostik ist das nicht die entscheidende Zahl. Entscheidend ist die Dauer.

Die gängige Arbeitsdefinition steht im britischen Technologiebericht zum SeHCAT-Test: mehr als dreimal täglich lockerer oder flüssiger Stuhl und oder ein Stuhlgewicht über 200 Gramm pro Tag. Chronisch wird daraus ab einer Dauer von mehr als vier Wochen.

Diese vier Wochen sind keine Bürokratie. Sie sind eine Weiche.

Unter vier Wochen ist die wahrscheinlichste Erklärung ein Infekt. Der Vorgang endet von allein, und die sinnvolle Diagnostik heißt: Erreger suchen, wenn es schwer verläuft, sonst Flüssigkeit ersetzen.

Über vier Wochen kippt die Wahrscheinlichkeit. Die meisten Erreger sind bis dahin weg, und ein weiterer Standard-Erregertest bringt oft nichts Neues. Ein Mechanismus, der so lange läuft, ist häufiger. Und Mechanismen fragt man anders ab als Erreger.

Zwei Ausnahmen gehören aber ausdrücklich dazu. Nach einer Fernreise oder bei einer Immunschwäche können Parasiten wie Giardien, Amöben oder Kryptosporidien monatelang bleiben. Und nach einer Antibiotikatherapie kommt Clostridioides difficile in Frage. Reiseanamnese und gezielte Erregersuche gehören deshalb neben die folgenden Stufen, nicht hinter sie.

Reframe

Die Frage ist ab jetzt nicht mehr: Was habe ich mir eingefangen?

Die Frage ist: Warum bleibt Wasser im Darm, oder warum wird es dort hineingezogen? Jede sinnvolle Untersuchung ab Woche fünf ist eine Antwort auf genau diese Frage. Wer das einmal verstanden hat, versteht auch, warum ein weiterer Standard-Erregertest oft nichts Neues bringt, sobald Reiseanamnese und Immunlage geklärt sind.

Die Mechanismen, und was sie im Alltag unterscheidet

Es gibt im Grunde vier Wege, wie Stuhl flüssig wird, und einen fünften, der streng genommen dazugehört, im Alltag aber eigenständig genug ist. Sie überlappen sich, fühlen sich aber unterschiedlich an, und das ist diagnostisch nutzbar.

Mechanismus

Wie Wasser im Darm landet

  1. Osmotisch. Etwas Gelöstes bleibt im Darm liegen und zieht Wasser nach. Klassisch bei Laktose, Fruktose, Sorbit, Magnesium und einigen Abführmitteln. Das Erkennungszeichen: Wenn du fastest oder den Stoff weglässt, hört es auf.
  2. Sekretorisch. Die Darmwand gibt aktiv Flüssigkeit ab. Gallensäuren, die den Dickdarm erreichen, gehören hierher, ebenso bakterielle Toxine und, selten aber wichtig, hormonproduzierende Tumoren wie ein VIPom, ein Gastrinom oder ein Karzinoid. Das Erkennungszeichen: Es hört beim Fasten nicht auf und kann auch nachts weitergehen. Genau diese Kombination gehört ärztlich weiter abgeklärt.
  3. Entzündlich. Die Schleimhaut ist gereizt oder geschädigt, Flüssigkeit und Eiweiß gehen verloren. Hierher gehören die chronisch entzündlichen Darmerkrankungen und die mikroskopische Kolitis. Das Erkennungszeichen: oft Blut oder Schleim, oft nächtliche Beschwerden, oft ein erhöhtes Calprotectin.
  4. Motilität. Der Inhalt zieht schneller durch, als Wasser zurückgeholt werden kann. Typisch bei Schilddrüsenüberfunktion, nach Operationen und bei einem Teil der funktionellen Beschwerden.
  5. Malabsorption von Fett. Streng genommen eine Untergruppe, aber im Alltag eigenständig genug: Fett, das nicht aufgespalten wird, macht voluminösen, glänzenden, übel riechenden Stuhl, der schlecht abzuspülen ist. Hierher gehört die Bauchspeicheldrüse.

Diese Einteilung ist ein Denkraster, keine Diagnose. Aber sie erklärt, warum ein einziger Satz aus deiner Beschreibung, zum Beispiel ob der Durchfall dich nachts weckt, die Wahrscheinlichkeiten im Kopf der untersuchenden Person stärker verschiebt als jeder weitere Erregertest.

Eine Ursache wird dabei selten mitgedacht. Eine bisher nicht bekannte HIV-Infektion oder eine andere Immunschwäche kann sich zuerst als monatelanger Durchfall zeigen. Ein HIV-Test gehört bei ungeklärtem chronischem Durchfall deshalb ins ärztliche Gespräch.

Deshalb frage ich in der Sprechstunde immer dasselbe zuerst. Hört es auf, wenn du einen Tag nichts isst? Weckt es dich nachts? Ist der Stuhl wässrig oder fettig glänzend? Und seit wann genau. Das sind keine Small-Talk-Fragen. Jede einzelne sortiert eine Gruppe von Ursachen nach vorn und eine andere nach hinten.

Funktionelle Diarrhö ist eine eigene Diagnose, nicht das Ende der Suche

Noch ein Wort zu dem Etikett, das viele mitbekommen. Die Rome-IV-Kriterien von 2016 führen fünf Kategorien funktioneller Darmerkrankungen, und die funktionelle Diarrhö ist eine davon. Sie steht neben dem Reizdarmsyndrom, nicht darin. Der Unterschied ist der Schmerz: Beim Reizdarm gehört er dazu, bei der funktionellen Diarrhö fehlt er. Das ist mehr als Wortklauberei, denn die beiden Kategorien führen zu unterschiedlichen nächsten Schritten.

Leitlinie, Rome IV Zwei Etiketten, die oft verwechselt werden

Das Rome-IV-Komitee um Fermín Mearin überarbeitete 2016 die Kriterien für funktionelle Darmerkrankungen.

Es legte fünf Kategorien fest, darunter das Reizdarmsyndrom und die funktionelle Diarrhö als getrennte Einheiten, jeweils mit eigener Definition, Epidemiologie und klinischer Bewertung.

Für dich heißt das: Reizdarm und funktionelle Diarrhö sind nicht dasselbe. Und beide sind Diagnosen, die eine Abklärung voraussetzen. Sie sind kein Ersatz für sie.

Mearin F, Lacy BE, Chang L et al. Gastroenterology. 2016. PMID: 27144627 · DOI: 10.1053/j.gastro.2016.02.031 [Leitlinie, Consensus Guideline]

Auch die deutsche S3-Leitlinie zum Reizdarmsyndrom von DGVS und DGNM aus dem Jahr 2021 versteht den Reizdarm als Diagnose, die eine geordnete Abklärung voraussetzt, und nicht als Verlegenheitsetikett.

Ein Sonderfall wird dabei oft übersehen: der Wechsel zwischen Verstopfung und Durchfall. Wenn harter Stuhl liegen bleibt und flüssiger daran vorbeiläuft, sieht das nach Durchfall aus und ist das Gegenteil. Mehr dazu steht im Artikel zur Verstopfung und ihren Ursachen. Wichtig hier: Eine neue, anhaltende Änderung der Stuhlgewohnheit ab etwa 45 bis 50 Jahren gehört unabhängig von der Richtung abgeklärt.

Damit ist auch die Rangfolge klar: Für die Diagnostik wiegt die Dauer schwerer als die Heftigkeit. Sie entscheidet, welche Frage überhaupt gestellt wird.

Die erste übersehene Ursache: Gallensäuren, die den Dickdarm erreichen

Stell dir eine Spülmaschine vor, die ihr Reinigungsmittel nach jedem Gang zurückholt und wiederverwendet. Etwa fünfundneunzig Prozent kommen zurück, nur ein kleiner Rest geht verloren und wird nachproduziert.

Genau so arbeitet dein Körper mit Gallensäuren. Die Leber stellt sie her, die Gallenblase gibt sie beim Essen ab, sie lösen Fett im Dünndarm, und am Ende des Dünndarms werden sie fast vollständig zurückgeholt.

Wenn dieser Rückholvorgang klemmt, landet Reinigungsmittel im Dickdarm. Und dort kann es das tun, was Reinigungsmittel tun: Wasser anziehen, die Schleimhaut reizen und die Passage beschleunigen. Das kann sich als wässriger Durchfall zeigen, oft dringend, oft kurz nach dem Essen, oft gelblich und manchmal nachts.

Meta-Analyse, k=6, n=908 Mehr als jeder Vierte

Slattery und Kollegen durchsuchten 2015 MEDLINE und EMBASE nach Studien, in denen Erwachsene mit Reizdarm vom Durchfall-Typ mit dem SeHCAT-Test auf einen Gallensäureverlust untersucht worden waren.

Sechs Studien mit 908 Personen erfüllten die Kriterien. Der gepoolte Anteil mit Gallensäure-Malabsorption, definiert als SeHCAT-Retention unter 10 Prozent, lag bei 28,1 Prozent, Konfidenzintervall 22,6 bis 34 Prozent, bei beträchtlicher Heterogenität.

Für dich heißt das: Wenn dein Durchfall als Reizdarm eingeordnet wurde, ist die Wahrscheinlichkeit real, dass ein Gallensäureproblem dahintersteckt. Das ist keine exotische Ausnahme.

Slattery SA, Niaz O, Aziz Q, Ford AC, Farmer AD. Aliment Pharmacol Ther. 2015;42(1):3-11. PMID: 25913530 · DOI: 10.1111/apt.13227 [Meta-Analyse]
Meta-Analyse, k=10, n=1.034 Acht Jahre später, dieselbe Größenordnung

Eine Arbeitsgruppe um Tianxu Liu wertete 2023 zehn Fall-Kontroll-Studien mit 1.034 Betroffenen und 232 gesunden Vergleichspersonen aus.

Nach SeHCAT lag die gepoolte Rate bei 32 Prozent, Konfidenzintervall 24 bis 40 Prozent. Der Blutwert C4 war erhöht, das Darmhormon FGF19 erniedrigt. Die Autoren merkten ausdrücklich an, dass die Normwertgrenzen dieser Blutmarker zwischen den Studien differieren.

Für dich heißt das: Zwei unabhängige Auswertungen kommen auf denselben Bereich. Es gibt Blutmarker in dieselbe Richtung, standardisiert sind sie aber noch nicht.

Liu T, Ma M, Li K, Tan W, Yu H, Wang L. J Clin Gastroenterol. 2023;57(5):451-458. PMID: 36867517 · DOI: 10.1097/MCG.0000000000001841 [Meta-Analyse]
28,1 % Gallensäure-Malabsorption bei Reizdarm mit Durchfall, gepoolt aus 6 Studien
32 % dieselbe Frage, andere Arbeitsgruppe, 10 Studien
95 % der Gallensäuren werden normalerweise im letzten Dünndarmabschnitt zurückgeholt

Warum das auch ohne Gallen-Operation passiert

Der häufigste Einwand in der Sprechstunde lautet: Meine Gallenblase ist doch noch da. Das ist kein Gegenargument. Gallensäure-Durchfall nach einer Gallenblasenentfernung ist eine bekannte, eigene Situation und im Artikel über Galle, Gallenblase und TUDCA beschrieben. Hier geht es um die andere Form, die ohne jede Operation entsteht.

Der Mechanismus dahinter wurde erst in den letzten zwei Jahrzehnten verstanden.

Mechanismus, Humandaten

Das fehlende Stopp-Signal aus dem Dünndarm

  1. Gallensäuren erreichen das Ende des Dünndarms und werden dort von den Schleimhautzellen aufgenommen.
  2. Diese Zellen antworten darauf, indem sie das Hormon FGF19 ins Blut abgeben. Es ist die Rückmeldung an die Leber: Es ist genug da.
  3. Die Leber drosselt daraufhin ihre Neuproduktion von Gallensäuren. Ein klassischer Regelkreis.
  4. Kommt weniger FGF19 an, bleibt die Drosselung aus. Die Leber produziert weiter, obwohl schon genug im Umlauf ist.
  5. Der Dünndarm kann diese Mehrmenge nicht mehr komplett zurückholen. Der Überschuss erreicht den Dickdarm und zieht dort Wasser an.

Das ist der Grund, warum die reine Vorstellung eines kaputten Rückholmechanismus zu kurz greift. Bei einem Teil der Betroffenen ist nicht die Aufnahme gestört, sondern die Bremse. Beschrieben hat das unter anderem Julian Walters, der die Erkennungslücke bei dieser Diagnose ausdrücklich mit der historischen Erkennungslücke bei der Zöliakie verglichen hat.

Übersichtsarbeit, Mechanismus Die Erkennungslücke hat einen Vorläufer

Julian Walters am Imperial College London fasste 2010 zusammen, was zur primären, also nicht operationsbedingten Gallensäure-Diarrhö bekannt war.

Etwa 30 Prozent derer, die sonst die Diagnose Reizdarm mit Durchfall oder funktionelle Diarrhö bekämen, zeigen eine auffällige SeHCAT-Retention. Als zentralen Mechanismus benannte er die gestörte FGF19-Rückkopplung mit gesteigerter Neubildung in der Leber.

Für dich heißt das: Diese Diagnose sieht aus wie Reizdarm und fühlt sich an wie Reizdarm. Sie hat trotzdem einen eigenen Namen.

Walters JRF. Expert Rev Gastroenterol Hepatol. 2010;4(5):561-567. PMID: 20932141 · DOI: 10.1586/egh.10.54 [Übersicht]

Wie man das findet: SeHCAT, Blutmarker, Therapieversuch

Der Referenztest heißt SeHCAT. Du schluckst eine Kapsel mit einer radioaktiv markierten, gallensäureähnlichen Substanz. Sieben Tage später wird gemessen, wie viel davon noch im Körper ist. Bleibt wenig übrig, verlierst du viel.

Weil es sich um eine nuklearmedizinische Untersuchung mit einer Strahlenanwendung handelt, gehören zwei Punkte zwingend dazu. In der Schwangerschaft gilt die Untersuchung als Gegenanzeige. In der Stillzeit gehört das Stillen nach Vorgabe der untersuchenden Nuklearmedizin unterbrochen. Ob die Strahlenanwendung in deinem Fall gerechtfertigt ist, entscheidet die nuklearmedizinische Praxis nach den Regeln des Strahlenschutzrechts, nicht dieser Artikel.

Wie viel zu wenig ist, hängt von der gewählten Grenze ab. Übliche Schwellen sind 15, 10 und 5 Prozent Restaktivität. An diesen Grenzen entzündet sich die Debatte.

Systematisches Review, k=18, n=1.223 Je schwerer der Verlust, desto klarer das Ansprechen

Wedlake und Kollegen am Royal Marsden Hospital fanden 2009 achtzehn Studien mit zusammen 1.223 Personen, in denen Menschen mit Reizdarm-Durchfall per SeHCAT untersucht worden waren. Die einzelnen Auswertungen stützen sich dabei auf unterschiedliche Teilmengen dieser Studien.

Ein schwerer Verlust, also unter 5 Prozent Restaktivität, fand sich bei 10 Prozent, unter 10 Prozent lagen 32 Prozent, unter 15 Prozent 26 Prozent. Beim Ansprechen auf einen Gallensäurebinder zeigte sich eine Dosis-Wirkungs-Beziehung: 96 Prozent bei Restaktivität unter 5 Prozent, 80 Prozent unter 10 Prozent, 70 Prozent unter 15 Prozent. Diese Ansprechraten stammen aus überwiegend offenen Beobachtungen ohne Placebogruppe und überschätzen die Wirkung deshalb eher.

Für dich heißt das: Der Test sagt nicht nur ob, sondern auch wie stark. Und die Stärke sagt etwas darüber aus, wie zuverlässig eine Behandlung ansetzen könnte.

Wedlake L, A'Hern R, Russell D, Thomas K, Walters JRF, Andreyev HJN. Aliment Pharmacol Ther. 2009;30(7):707-717. PMID: 19570102 · DOI: 10.1111/j.1365-2036.2009.04081.x [Systematischer Review]

Man könnte an dieser Stelle aufhören und den Test für jeden fordern. Genau das tun die Fachgesellschaften nicht, und sie haben Gründe. Die gehören hierher.

Die Gegenposition

Warum die Fachgesellschaften beim SeHCAT zurückhaltend sind

Der britische Technologiebericht von Rob Riemsma und Kollegen aus dem Jahr 2013 war eine Auftragsarbeit für das NICE-Diagnostikprogramm, mit systematischem Review und Gesundheitsökonomie-Modell.

Das Ergebnis ist unbequem für beide Seiten. Nur drei Studien untersuchten überhaupt den Zusammenhang zwischen SeHCAT-Ergebnis und Ansprechen auf einen Gallensäurebinder, mit kleinen Fallzahlen und unterschiedlichen Grenzwerten. Einen echten Referenzstandard für die Diagnose gibt es nicht. Im kurzen Zeithorizont war über verschiedene Szenarien hinweg der kontrollierte Therapieversuch die wirtschaftlich günstigere Strategie. Das Fazit der Autoren: erhebliche Entscheidungsunsicherheit, keine Strategie eindeutig überlegen.

Was das praktisch bedeutet: Wenn deine Ärztin lieber einen kontrollierten Therapieversuch macht als den Test, ist das keine Bequemlichkeit, sondern eine begründete Position mit einem Papier dahinter. Und umgekehrt: Wenn du den Test ansprechen möchtest, hast du mit den Prävalenzzahlen ein ebenso begründetes Argument. Ob er im Einzelfall gerechtfertigt ist, entscheidet die untersuchende Praxis, denn es handelt sich um eine Strahlenanwendung.

Riemsma R, Al M, Corro Ramos I et al. Health Technol Assess. 2013;17(61):1-236. PMID: 24351663 · DOI: 10.3310/hta17610 [Systematischer Review, Health Technology Assessment]

In Deutschland ist der SeHCAT-Test an spezialisierten nuklearmedizinischen Zentren verfügbar, nicht flächendeckend, und die Kostenübernahme ist nicht pauschal geregelt. Beides gehört vorab geklärt.

Bleibt die Frage, was aus einem Befund folgt.

Systematisches Review, k=30, n=1.241 Was in der Behandlung untersucht wurde

Wilcox, Turner und Green werteten 2014 dreißig Publikationen mit 1.241 Erwachsenen aus, bei denen eine Gallensäure-Malabsorption diagnostiziert und behandelt worden war.

Colestyramin, ein verschreibungspflichtiger Gallensäurebinder, war am besten untersucht. In 801 ausgewerteten Fällen wurde in 70 Prozent eine Besserung berichtet, Spanne 63 bis 100 Prozent. Diese Zahlen stammen aus offenen Beobachtungen ohne Vergleichsgruppe und ohne Placebo, sie überschätzen die Wirkung deshalb eher.

Der Schwachpunkt war die Verträglichkeit. Gallensäurebinder können schlecht vertragen werden, beschrieben sind unter anderem Verstopfung, Blähungen und Übelkeit. Sie können die Aufnahme fettlöslicher Vitamine und die Bioverfügbarkeit gleichzeitig eingenommener Medikamente senken, und bei einem kompletten Verschluss der Gallenwege sind sie nicht anwendbar.

Für dich heißt das: Bei bestätigtem Gallensäureverlust kann ein Binder in Frage kommen. Ob, welcher und mit welchen Einnahmeabständen, legt ausschließlich deine Ärztin fest. Zu Dosierungen äußere ich mich hier bewusst nicht.

Wilcox C, Turner J, Green J. Aliment Pharmacol Ther. 2014;39(9):923-939. PMID: 24602022 · DOI: 10.1111/apt.12684 [Systematischer Review]
Wichtig

Gallensäurebinder sind keine Selbstbehandlung. Sie binden nicht nur Gallensäuren, sondern auch Schilddrüsenhormone, Blutverdünner, fettlösliche Vitamine und viele andere Wirkstoffe. Wer sie ohne ärztliche Begleitung nimmt, kann eine bestehende Behandlung unwirksam machen, ohne es zu merken. Der Einsatz gehört in ärztliche Hände, mit klarer Diagnose davor und Einnahmeabständen daneben.

Ein Punkt geht dabei oft unter: Eine unauffällige Darmspiegelung berührt diese Frage überhaupt nicht. Gallensäuren sieht man im Endoskop nicht.

Die zweite übersehene Ursache: eine Bauchspeicheldrüse, die zu wenig liefert

Es gibt eine Beschreibung, bei der ich hellhörig werde. Der Stuhl ist nicht einfach flüssig, sondern voluminös, hell, glänzend, schwer abzuspülen. Dazu ein Gewichtsverlust, den niemand erklären kann, und ein Völlegefühl nach fettreichem Essen.

Das ist das Bild einer Fettverdauung, die nicht mitkommt. Die Bauchspeicheldrüse liefert die Enzyme, die Fett, Eiweiß und Stärke aufspalten. Wenn zu wenig davon ankommt, bleibt Fett unverdaut im Darm. Das nennt man exokrine Pankreasinsuffizienz.

Die europäische Leitlinie von 2024, getragen von sieben Fachgesellschaften, definiert sie als Rückgang der Pankreassekretion unter das Niveau, das eine normale Nährstoffverdauung erlaubt. Praktisch heißt das: Es kommt weniger Werkzeug an, als die Arbeit braucht.

Kohorte, n=514 Selten, aber vorhanden

John Leeds und Kollegen in Sheffield untersuchten drei Gruppen: 314 Menschen mit Reizdarm vom Durchfall-Typ, 105 mit chronischem Durchfall anderer Art und 95 Vergleichspersonen ohne Durchfall.

Eine Stuhl-Elastase unter 100 Mikrogramm pro Gramm fand sich bei 19 der 314 Reizdarm-Betroffenen, also 6,1 Prozent, aber bei keiner Person der beiden anderen Gruppen. Nach Enzymgabe verbesserten sich in der Gruppe mit niedriger Elastase Stuhlfrequenz, Konsistenz und Bauchschmerz messbar, in der Vergleichsgruppe nicht.

Für dich heißt das: Etwa einer von sechzehn mit der Diagnose Reizdarm-Durchfall hatte hier eine relevante Pankreasschwäche. Nicht viele. Aber genug, dass es sich lohnt, danach zu fragen.

Leeds JS, Hopper AD, Sidhu R et al. Clin Gastroenterol Hepatol. 2010;8(5):433-438. PMID: 19835990 · DOI: 10.1016/j.cgh.2009.09.032 [Kohorte]

Der Test dafür ist unspektakulär: eine einzelne Stuhlprobe, in der die Pankreas-Elastase-1 gemessen wird. Kein Fasten, keine Vorbereitung, kein Gerät.

Genau diese Einfachheit erzeugt aber ein Missverständnis. Ein niedriger Wert ist kein Urteil.

Meta-Analyse, k=13, n=888 Was der Elastase-Wert kann und wo er schwächelt

Daniel de la Iglesia und Kollegen am Puerta de Hierro in Majadahonda werteten 2025 dreizehn Studien mit 888 Personen aus, in denen die Stuhl-Elastase gegen den Referenzstandard der Fettausscheidung geprüft worden war.

Beim Grenzwert 200 Mikrogramm pro Gramm lag die gepoolte Sensitivität bei 0,94, die Spezifität aber nur bei 0,69. Beim strengeren Grenzwert 100 stieg die Spezifität auf 0,82, die Sensitivität sank auf 0,88. Die Autoren wiesen ausdrücklich auf die begrenzten Vorhersagewerte hin.

Wichtig für die Einordnung: Diese Zahlen stammen überwiegend aus Kollektiven, in denen eine Pankreasschwäche häufig ist. In der Subgruppenanalyse lag die Sensitivität bei Mukoviszidose bei 0,98, die Spezifität bei chronischer Pankreatitis bei 0,81. Die Autoren empfehlen den Test entsprechend zum Erst-Screening bei Menschen mit erhöhtem Risiko. Bei unausgelesenem chronischem Durchfall kann er deshalb schwächer abschneiden, als die gepoolten Zahlen vermuten lassen.

Für dich heißt das: Der Test findet fast jede echte Schwäche, schlägt aber auch dann an, wenn keine vorliegt. Ein niedriger Wert ist ein Türöffner, kein Ende der Untersuchung.

de la Iglesia D, Agudo-Castillo B, Galego-Fernández M, Rama-Fernández A, Domínguez-Muñoz JE. United European Gastroenterol J. 2025;13(8):1571-1582. PMID: 40569793 · DOI: 10.1002/ueg2.70061 [Meta-Analyse]

Dazu kommt eine Tücke: Die Elastase wird in einer Stuhlprobe gemessen. Ist der Stuhl wässrig, verdünnt sich alles darin. Ein tiefer Wert kann dann ein Verdünnungseffekt sein und keine Aussage über die Bauchspeicheldrüse.

Deshalb steht in der europäischen Leitlinie ein Satz, der leicht überlesen wird: Die Diagnose soll auf einer Gesamtbeurteilung beruhen, aus Beschwerden, Ernährungszustand und einem Sekretionstest. Nicht auf einem Laborwert allein.

Reframe

Ein Laborwert beantwortet keine Frage. Er verschiebt eine Wahrscheinlichkeit.

Ob der Elastase-Wert etwas bedeutet, hängt davon ab, wie wahrscheinlich das Problem vor dem Test war. Bei fettglänzendem Stuhl, Gewichtsverlust und Völlegefühl nach fettem Essen bedeutet ein tiefer Wert viel. Bei wässrigem Durchfall ohne diese Zeichen bedeutet derselbe Wert erheblich weniger. Das ist kein Widerspruch, das ist Statistik.

Und noch etwas gehört an diese Stelle. Eine Pankreasschwäche ist nie die ganze Antwort, sondern immer eine Frage nach dem Warum. Dahinter können eine chronische Pankreatitis, ein Zustand nach einer Operation an der Bauchspeicheldrüse, eine Mukoviszidose, ein langjähriger Diabetes und, gerade bei neu aufgetretenen Beschwerden mit Gewichtsverlust, auch eine Raumforderung der Bauchspeicheldrüse stehen.

Ein erstmals niedriger Elastase-Wert zusammen mit Gewichtsverlust gehört deshalb nicht mit Enzymen beantwortet, sondern mit einer ärztlichen Ursachensuche einschließlich einer Bildgebung der Bauchspeicheldrüse.

Und warum Enzyme trotzdem nicht der erste Schritt sind

An dieser Stelle kommt oft der Wunsch, es einfach mit Verdauungsenzymen zu probieren. Verständlich, sie sind frei verfügbar und klingen harmlos.

Ich gehe trotzdem einen Schritt zurück. In meiner Praxis stelle ich vor der Enzymfrage die Säurefrage: Ist oben überhaupt genug Magensäure da? Der Gedanke dahinter: Die Magensäure könnte das Startsignal für die nachfolgende Verdauung sein, und wenn oben zu wenig ankommt, könnte weiter unten mehr fehlen als nur Enzyme. Das ist eine klinische Arbeitsregel ohne starke Studienbasis, und ich kennzeichne sie ausdrücklich als solche. Mehr dazu im Artikel zum Magensäuremangel. Wann Enzyme überhaupt zur Debatte stehen, ist Thema im Artikel zu Verdauungsenzymen.

Was bleibt, ist einfach: Enzyme auf Verdacht, ohne Diagnostik davor, verwischen genau das Signal, das man braucht. Geht es danach besser, weißt du nicht, warum. Geht es nicht besser, auch nicht.

Festhalten lässt sich daraus vor allem eines: Ein einzelner Stuhlwert ist in diesem Feld weder ein Freispruch noch ein Urteil.

Die dritte übersehene Ursache: eine Entzündung, die man nicht sieht

Das hier ist der Abschnitt, wegen dem ich diesen Artikel geschrieben habe.

Viele Menschen kommen mit einem Befund, in dem steht: makroskopisch unauffällig. Sie lesen das als Entwarnung. Es heißt aber nur: Es war nichts zu sehen.

Der Kernsatz

Eine unauffällige Darmspiegelung schließt aus, was man sehen kann. Die mikroskopische Kolitis sieht man nicht. Sie wird ausschließlich in Gewebeproben gefunden. Wurden keine entnommen, ist die Frage nicht beantwortet, sondern gar nicht erst gestellt worden.

Die europäische Leitlinie von 2021 definiert die Erkrankung genau so: chronisch entzündliche Darmerkrankung mit normalem oder nahezu normalem endoskopischem Befund, chronisch wässrigem, nicht blutigem Durchfall und charakteristischen Veränderungen im Gewebe.

Es gibt drei Formen. Bei der kollagenen Kolitis liegt unter der Schleimhautoberfläche ein verdicktes Band aus Kollagen. Bei der lymphozytären Kolitis wandern Immunzellen zwischen die Schleimhautzellen ein. Die inkomplette Form zeigt die Veränderungen abgeschwächt. Alle drei sehen im Endoskop normal aus, und alle drei können jahrelang als Reizdarm laufen.

Leitlinie, UEG und EMCG Die Diagnose entsteht unter dem Mikroskop

Stephan Miehlke und ein europäisches Autorenteam aus Gastroenterologie, Pathologie und Grundlagenforschung entwickelten 2021 nach AGREE-II-Methodik die europäische Leitlinie zur mikroskopischen Kolitis.

Sie hält fest: Der endoskopische Befund ist normal oder nahezu normal, der Durchfall chronisch wässrig und nicht blutig, und die Diagnose beruht auf charakteristischen histologischen Veränderungen. Als Therapieoptionen werden unter anderem orales Budesonid und Gallensäurebinder genannt.

Für dich heißt das: Wenn dein Durchfall wässrig, nicht blutig und chronisch ist und die Spiegelung nichts gezeigt hat, ist die Frage nach Stufenbiopsien berechtigt. Es ist eine behandelbare Diagnose, aber nur, wenn jemand sie sucht. Die dort genannten Therapieoptionen sind verschreibungspflichtig und gehören in ärztliche Hand. Budesonid ist ein verschreibungspflichtiges Kortisonpräparat, das vor allem im Darm wirkt und weniger in den restlichen Körper gelangt als klassisches Kortison. Nebenwirkungsfrei ist es deshalb nicht. Beschrieben sind unter anderem eine erhöhte Infektanfälligkeit, Effekte auf Knochendichte und Augen bei wiederholten oder langen Zyklen und eine Beeinflussung der Nebennierenfunktion. Nach dem Absetzen kommen die Beschwerden zudem häufig zurück. Dosis, Dauer und Verlaufskontrollen legt deine Ärztin fest. Weder der Beginn noch das Absetzen ist etwas, das man allein entscheidet.

Miehlke S, Guagnozzi D, Zabana Y et al. United European Gastroenterol J. 2021;9(1):13-37. PMID: 33619914 · DOI: 10.1177/2050640620951905 [Leitlinie, Consensus Guideline]

Wer besonders betroffen ist

Die Erkrankung hat ein deutliches Profil. Das macht sie in der Sprechstunde gut vorhersagbar, wenn man es kennt.

Kollagene Kolitis
3,05 : 1

Verhältnis Frauen zu Männern. Inzidenz 4,14 pro 100.000 Personenjahre. Medianes Alter bei Diagnose 64,9 Jahre.

Lymphozytäre Kolitis
1,92 : 1

Verhältnis Frauen zu Männern. Inzidenz 4,85 pro 100.000 Personenjahre. Medianes Alter bei Diagnose 62,2 Jahre.

Meta-Analyse, k=25 Ein Profil, das man kennen kann

Jinlu Tong und Kollegen werteten 2015 fünfundzwanzig epidemiologische Studien zur mikroskopischen Kolitis aus.

Die Inzidenz lag bei 4,14 pro 100.000 Personenjahren für die kollagene und 4,85 für die lymphozytäre Form. Frauen waren bei der kollagenen Form dreimal häufiger betroffen, das mediane Alter bei Diagnose lag bei 64,9 beziehungsweise 62,2 Jahren, und die Inzidenz stieg mit dem Lebensalter. Für Protonenpumpenhemmer errechneten sie eine Odds Ratio von 2,68, für SSRI-Antidepressiva 2,41.

Für dich heißt das: Wenn du eine Frau jenseits der Sechzig bist, seit Wochen wässrigen Durchfall hast und die Koloskopie unauffällig war, gehört die Frage nach Gewebeproben auf den Tisch.

Tong J, Zheng Q, Zhang C, Lo R, Shen J, Ran Z. Am J Gastroenterol. 2015;110(2):265-276. PMID: 25623658 · DOI: 10.1038/ajg.2014.431 [Meta-Analyse]

Damit sind wir bei den Medikamenten. Und hier wird es methodisch spannend, weil die naheliegende Antwort wahrscheinlich zu einfach ist.

Die Nuance

Warum die Odds Ratios für Säureblocker und Co. verschwinden können

Zahid Tarar und Kollegen werteten 2022 dreizehn Studien mit 304.482 Personen aus, darunter 34.194 Menschen mit mikroskopischer Kolitis. Entscheidend war ihre Subgruppenanalyse: einmal gegen zufällig gewählte Kontrollen aus der Bevölkerung, einmal gegen Menschen, die ebenfalls Durchfall hatten.

Gegen Zufallskontrollen sahen die Zahlen dramatisch aus: Protonenpumpenhemmer mit einer Odds Ratio von 4,55, SSRI 3,23, entzündungshemmende Schmerzmittel 3,27, Statine 2,23. Gegen Durchfall-Kontrollen war das erhöhte Risiko weg, für Protonenpumpenhemmer sogar umgekehrt bei 0,68. Die Erklärung liegt nahe: Menschen mit Bauchbeschwerden nehmen häufiger genau solche Medikamente.

Was das praktisch bedeutet: Der Verdacht auf ein Medikament ist berechtigt und gehört überprüft. Aber er ist kein Beweis, und er rechtfertigt kein eigenmächtiges Absetzen.

Tarar ZI, Farooq U, Gandhi M et al. Diseases. 2022;11(1):6. PMID: 36648871 · DOI: 10.3390/diseases11010006 [Meta-Analyse]

Ein Signal übersteht diese Prüfung etwas besser als die anderen.

Meta-Analyse, k=25 Artikel Nicht alle Säureblocker sind gleich

Anna und Olli Nevalainen durchsuchten 2023 systematisch MEDLINE und Scopus nach Beobachtungsstudien zu säurehemmenden Medikamenten und immunvermittelten Erkrankungen. Die mikroskopische Kolitis war das am häufigsten untersuchte Krankheitsbild.

Für Protonenpumpenhemmer insgesamt lag die gepoolte Odds Ratio bei 3,28, das Konfidenzintervall reichte aber von 0,98 bis 11,0, die Evidenzsicherheit nach GRADE war niedrig. Für Lansoprazol und die kollagene Kolitis lag die Odds Ratio bei 14,5, Konfidenzintervall 9,37 bis 22,3, bei niedriger Heterogenität und moderater Evidenzsicherheit nach GRADE. Diese Zahl beruht allerdings auf nur drei Beobachtungsstudien mit zusammen 1.725 exponierten Personen, nicht auf allen 25 Artikeln des Reviews.

Für dich heißt das: Für die Gruppe der Säureblocker insgesamt ist das Signal unsicher, für einen bestimmten Wirkstoff mit einer bestimmten Form deutlicher. Beides zeigt einen Zusammenhang, keine Ursache. Ein guter Grund, die Indikation ärztlich neu zu prüfen. Kein Grund, den Säureblocker eigenständig abzusetzen.

Nevalainen A, Nevalainen OPO. Int J Risk Saf Med. 2023;34(3):207-225. PMID: 36442213 · DOI: 10.3233/JRS-220012 [Meta-Analyse]

Warum trotzdem nicht bei jedem biopsiert wird

Wenn Gewebeproben die einzige Möglichkeit sind, diese Diagnose zu stellen, warum werden sie dann nicht immer entnommen? Auch hier gibt es eine ehrliche Gegenstimme.

Die Gegenposition

Die Ausbeute ungezielter Zufallsbiopsien ist niedrig

Ein Zwei-Zentren-Audit aus Westaustralien untersuchte alle Koloskopien zwischen 2009 und 2018, bei denen aus makroskopisch normaler Schleimhaut Zufallsbiopsien entnommen worden waren: 872 Untersuchungen, 48,7 Prozent davon wegen Durchfall.

Nur 1,5 Prozent aller Biopsien waren positiv für eine mikroskopische Kolitis, in der Durchfall-Gruppe 3,1 Prozent. Die Kosten pro gestellter Diagnose lagen bei 10.862 australischen Dollar. Das Fazit der Autoren: Biopsien bei hohem Verdacht auf eine organische Ursache, nicht reflexartig bei jedem.

Was das praktisch bedeutet: Die gute Anamnese schlägt die Reflexbiopsie. Wenn das Profil passt, also chronisch wässriger Durchfall, höheres Alter, weibliches Geschlecht, passende Medikamente, steigt die Trefferquote deutlich. Deshalb lohnt es sich, diese Punkte im Gespräch aktiv anzusprechen.

Seenarain V, Idrees M, Mogridge J, Sinha A, Thompson A. ANZ J Surg. 2020;90(12):E163-E167. PMID: 32856361 · DOI: 10.1111/ans.16248 [Kohorte, Audit]
Reframe

Unauffällige Koloskopie heißt nicht, dass nichts da ist. Sie heißt, dass nichts zu sehen war.

Der Unterschied entscheidet darüber, ob du weitersuchst oder aufhörst. Und er ist der Grund, warum eine Frage im Nachgespräch mehr wert sein kann als eine weitere Untersuchung: Wurden Gewebeproben aus mehreren Abschnitten entnommen, auch dort, wo die Schleimhaut normal aussah?

Das erklärt einen Teil davon, warum diese Diagnose so oft Jahre braucht. Sie versteckt sich nicht. Sie wird nur an einem Ort gesucht, an dem sie nicht sichtbar ist.

Die anderen Ursachen, die man nicht vergessen darf

Drei Ursachen habe ich ausführlich behandelt, weil sie im deutschen Netz kaum erklärt werden. Die folgenden stehen fast überall. Sie gehören trotzdem hierher, weil ihre Reihenfolge und ihre Fallstricke selten mit erklärt werden.

Zöliakie: erst testen, dann weglassen

Zöliakie ist eine dauerhafte immunvermittelte Reaktion auf Gluten aus Weizen, Gerste und Roggen. Sie ist keine Unverträglichkeit im umgangssprachlichen Sinn, sondern eine Erkrankung mit Auswirkungen weit über den Darm hinaus.

Meta-Analyse, k=96, n=275.818 Etwa eine von 125 Personen in Europa

Prashant Singh und ein internationales Team werteten 96 Studien aus, die zwischen 1991 und 2016 die Häufigkeit der Zöliakie in der Bevölkerung untersucht hatten.

Die gepoolte Seroprävalenz lag bei 1,4 Prozent unter 275.818 Personen, die biopsiegesicherte Prävalenz bei 0,7 Prozent unter 138.792 Personen. Für Europa und Ozeanien errechneten sie 0,8 Prozent, für Frauen 0,6 gegenüber 0,4 Prozent bei Männern.

Für dich heißt das: Häufig genug, dass bei chronischem Durchfall standardmäßig danach gesucht wird. Und selten genug, dass ein einzelner auffälliger Antikörper noch keine Diagnose ist.

Singh P, Arora A, Strand TA et al. Clin Gastroenterol Hepatol. 2018;16(6):823-836.e2. PMID: 29551598 · DOI: 10.1016/j.cgh.2017.06.037 [Meta-Analyse]
Der wichtigste praktische Fehler in diesem ganzen Feld

Nicht glutenfrei essen, bevor die Diagnostik gelaufen ist

Eine glutenfreie Ernährung vor der Zöliakie-Diagnostik kann die Diagnose unmöglich machen. Sowohl die Antikörper im Blut als auch die Veränderungen in der Dünndarmschleimhaut bilden sich unter glutenfreier Kost zurück. Beide Untersuchungen setzen voraus, dass du zum Zeitpunkt der Untersuchung noch regelmäßig glutenhaltig isst.

Die amerikanische Leitlinie von 2023 stellt deshalb die Serologie unter glutenhaltiger Kost an den Anfang und die Dünndarmbiopsie zur Sicherung bei den meisten Erwachsenen daneben. Eine biopsiefreie Strategie wird nur für ausgewählte Kinder diskutiert.

Wer vorher weglässt und dann testet, steht am Ende ohne Diagnose da. Nicht gesund, sondern ohne Antwort. Und ohne Diagnose gibt es auch keine Nachsorge, keine Familienuntersuchung und keine Einordnung der langfristigen Folgen. Die Reihenfolge lautet: erst testen, dann weglassen. Wie die Diagnostik im Einzelnen abläuft, steht im Artikel zum Erkennen der Zöliakie.

Davon zu unterscheiden ist die Glutensensitivität ohne Zöliakie, bei der die Antikörper negativ und die Gewebeprobe unauffällig bleiben, die Beschwerden aber real sind. Das ist ein eigenes Thema und steht im Artikel über Gluten und Gliadin ohne Zöliakie.

Laktose, Fruktose, Sorbit: und die Reihenfolge-Falle

Zucker, die im Dünndarm nicht aufgenommen werden, ziehen Wasser nach und werden im Dickdarm von Bakterien vergoren. Das macht Gas und flüssigen Stuhl.

Getestet wird das mit Atemtests. Der nordamerikanische Konsens von 2017 legte Dosen und Grenzwerte fest: Laktulose 10 Gramm, Glukose 75 Gramm, Fruktose 25 Gramm, Laktose 25 Gramm, positiv ab einem Wasserstoffanstieg von mindestens 20 ppm über den Ausgangswert.

Und dann steht dort ein Satz, der im Alltag leicht untergeht: Eine bakterielle Fehlbesiedlung des Dünndarms soll vor einem Test auf Kohlenhydrat-Malabsorption ausgeschlossen werden, um falsch positive Ergebnisse zu vermeiden.

Reframe

Ein positiver Fruktose-Atemtest beweist nicht, dass du Fruktose nicht verträgst.

Er zeigt lediglich, dass irgendwo in deinem Darm aus Fruktose Wasserstoff entstanden ist. Sitzen die Bakterien zu weit oben, also im Dünndarm statt im Dickdarm, entsteht derselbe Anstieg, ohne dass die Fruktoseaufnahme gestört wäre. Deshalb kommt die Frage nach einer Fehlbesiedlung des Dünndarms vor dem Zuckertest, nicht danach. Und ein auffälliger Test ohne begleitende Beschwerden während der Messung ist ohnehin keine Diagnose.

Für Sorbit ist die Lage noch dünner. Der nordamerikanische Konsens nennt konsentierte Testdosen für Laktulose, Glukose, Fruktose und Laktose, aber nicht für Sorbit. Das ist selbst die Aussage: Für Sorbit fehlt eine standardisierte Testdosis. Es bleibt eine Beobachtung, keine Diagnose mit Grenzwert. Und Sorbit steckt in mehr Produkten, als die meisten vermuten, von zuckerfreien Kaugummis bis zu Trockenfrüchten.

Wer nach einem auffälligen Test in ein Auslassprotokoll einsteigt, sollte wissen, dass Auslassen eine zeitlich begrenzte diagnostische Maßnahme ist und keine Dauerernährung. Wie das strukturiert abläuft, steht im Artikel zur FODMAP-Diät.

Nach dem Infekt: wenn es einfach nicht aufhört

Ein Satz, den ich oft höre: Seit diesem einen Magen-Darm-Infekt im Urlaub ist es nie wieder ganz weggegangen.

Meta-Analyse, k=45, n=21.421 Jeder Zehnte, ein Jahr später

Fabiane Klem und Kollegen an der Mayo Clinic werteten 45 Kohortenstudien mit 21.421 Menschen nach einer infektiösen Darmentzündung aus.

Zwölf Monate nach der Infektion hatten 10,1 Prozent ein Reizdarmsyndrom, das Risiko war im ersten Jahr um das 4,2-fache erhöht. Nach bakteriellen Infektionen lag der Anteil bei 13,8 Prozent, nach Protozoen-Infektionen bei 41,9 Prozent, letzteres auf wenigen Studien mit erheblicher Heterogenität beruhend. Erhöhtes Risiko zeigte sich zudem bei Frauen und bei begleitender Angst oder Depression.

Für dich heißt das: Der Zusammenhang zum Infekt ist keine Einbildung. Er hat einen Namen und eine Datenbasis, ersetzt aber nicht die Abklärung der anderen Ursachen.

Klem F, Wadhwa A, Prokop LJ et al. Gastroenterology. 2017;152(5):1042-1054.e1. PMID: 28069350 · DOI: 10.1053/j.gastro.2016.12.039 [Meta-Analyse]

Eine dänische Auswertung von 2019 kam zu ähnlichen Größenordnungen: nach Campylobacter 12 Prozent, nach Salmonellen 12 Prozent, nach Shigellen 11 Prozent. Für virale und parasitäre Erreger liegen nur wenige Studien vor, das sagen die Autoren ausdrücklich.

Was das für die Praxis bedeutet: Der Erreger selbst ist weniger wichtig als die Tatsache, dass der Beginn zeitlich mit einem Infekt zusammenfiel. Das gehört in die Krankengeschichte. Mehr zum postinfektiösen Verlauf steht im Artikel zum Reizdarm und seinen Ursachen, und wenn Parasiten im Spiel waren, im Artikel über Blastocystis und Giardia.

Schilddrüse: ein Bluttest, der oft vergessen wird

Eine Überfunktion der Schilddrüse kann die Passage von Mund bis Dickdarm beschleunigen. Was schneller durchzieht, kann schlechter eingedickt werden. Das kann den Durchfall schon erklären, auch wenn am Darm selbst nichts zu finden ist.

Ellen Ebert beschrieb 2010 die gastrointestinalen Auswirkungen von Schilddrüsenerkrankungen. Morbus Basedow macht demnach 60 bis 80 Prozent der Fälle einer Überfunktion aus, die Mund-Zökum-Passage ist beschleunigt, und ein Fettstuhl kann über Hyperphagie und adrenerge Stimulation entstehen. Bei Unterfunktion überwiegt umgekehrt die verlangsamte Motilität mit Verstopfung.

Denk daran, wenn zusätzlich Herzrasen, Gewichtsverlust bei gutem Appetit, Unruhe, Schwitzen oder Zittern dazugekommen sind. Der TSH-Wert im Blut ist ein einfacher, billiger Test und gehört früh in die Abklärung. Mehr dazu steht im Artikel zur Schilddrüsenüberfunktion. Wichtig, falls du bereits ein Schilddrüsenpräparat einnimmst: Eine bestehende Schilddrüsenmedikation wird niemals eigenständig verändert, reduziert oder abgesetzt. Jede Anpassung gehört ärztlich besprochen und begleitet.

Chronisch entzündliche Darmerkrankungen

Morbus Crohn und Colitis ulcerosa sind die bekanntesten organischen Ursachen für chronischen Durchfall. Sie gehen häufiger mit Blut, Schleim, Fieber, nächtlichen Beschwerden und Gewichtsverlust einher, und sie zeigen sich in der Regel in der Spiegelung und im Calprotectin. Ihre Behandlung ist ein eigenes, umfangreiches Thema und steht im Artikel zu Morbus Crohn und Colitis. Hier zählt nur eines: Sie gehören zu den Diagnosen, die im ersten Durchgang aktiv gesucht werden, und Alarmzeichen sind kein Grund zu warten.

Über all diese Ursachen hinweg zeigt sich dasselbe Muster: Die Reihenfolge der Tests wiegt genauso schwer wie ihre Auswahl.

Die Medikamente, die auf keiner Liste stehen

Wenn ich raten müsste, welcher Abschnitt dieses Artikels am häufigsten etwas verändert, wäre es dieser.

Die europäische Konsensusarbeit zur Malabsorption von 2025, getragen von zehn Fachgesellschaften, formuliert es ungewöhnlich deutlich: Die medizinische und die Medikamentenanamnese sind gleichrangig wesentlich für die Risikoerkennung. Viele Ursachenlisten fassen das unter Arzneimittelnebenwirkungen zusammen. Ich finde es hilfreicher, die Namen zu nennen, über die in der Sprechstunde tatsächlich gesprochen wird.

Fallserie, n=22 Ein Blutdruckmittel, das aussieht wie Zöliakie

Alberto Rubio-Tapia und Kollegen an der Mayo Clinic in Rochester sammelten zwischen 2008 und 2011 zweiundzwanzig Menschen mit ungeklärter chronischer Diarrhö und Darmschädigung unter dem Blutdrucksenker Olmesartan. Eine Zöliakie war in allen Fällen ausgeschlossen worden.

Dreizehn waren Frauen, das mediane Alter lag bei 69,5 Jahren, der mediane Gewichtsverlust bei 18 Kilogramm, Spanne 2,5 bis 57 Kilogramm. Vierzehn mussten stationär aufgenommen werden. In den Gewebeproben zeigte sich bei fünfzehn eine Zottenatrophie. Die Transglutaminase-Antikörper waren negativ, und eine glutenfreie Ernährung brachte keine Besserung. Wichtig für die Einordnung: In diese Fallserie wurden ausschließlich Menschen aufgenommen, denen es nach dem ärztlich begleiteten Absetzen besser ging. Die Besserung war also Einschlusskriterium und keine Erfolgsquote. Innerhalb dieser ausgewählten Gruppe lag die mittlere Gewichtszunahme bei 12,2 Kilogramm. Wie häufig Olmesartan dieses Bild überhaupt auslöst, sagt die Arbeit nicht.

Für dich heißt das: Ein Medikament kann ein Krankheitsbild erzeugen, das wie Zöliakie aussieht und auf glutenfreie Ernährung nicht reagiert. Der entscheidende Schritt war hier nicht die nächste Diät, sondern das Durchgehen der Medikamentenliste.

Rubio-Tapia A, Herman ML, Ludvigsson JF et al. Mayo Clin Proc. 2012;87(8):732-738. PMID: 22728033 · DOI: 10.1016/j.mayocp.2012.06.003 [Kohorte, Fallserie]

Zwei Einschränkungen dazu, damit daraus keine Panik wird. Erstens sind das zweiundzwanzig Fälle, und die allermeisten Menschen, die Olmesartan einnehmen, bekommen nichts davon. Zweitens ist die belegte Evidenz auf diesen einen Wirkstoff bezogen. Ob andere Sartane dasselbe können, ist durch diese Fallserie nicht gedeckt und bleibt eine offene Frage.

Beim Metformin ist die Lage anders gelagert, aber praktisch mindestens so wichtig. Fabrice Bonnet und André Scheen fassten 2017 zusammen, was zur gastrointestinalen Unverträglichkeit bekannt ist. Durchfall und Übelkeit sind die häufigsten Nebenwirkungen, ein erheblicher Anteil der Behandelten verträgt das Präparat nicht in ausreichender Dosis, und Genotyp-Varianten, Begleiterkrankungen und Begleitmedikation spielen mit hinein. Als Strategien nennen sie eine langsamere Titration der schnell freisetzenden Form und die Umstellung auf eine Retardform.

Wichtig dabei: Das sind Optionen für ein Gespräch, keine Anleitung. Ein Diabetesmedikament wird nicht eigenständig weggelassen, umgestellt oder reduziert.

Zum Mitnehmen in die Sprechstunde

Die Medikamentenliste, die zum Termin gehört

Olmesartan und andere Blutdruckmittel
Für Olmesartan ist eine schwere, zöliakieähnliche Darmschädigung dokumentiert. Wenn du ein Sartan nimmst und seit Wochen Durchfall hast, gehört das aktiv angesprochen. Absetzen ausschließlich ärztlich.
Metformin
Durchfall und Übelkeit sind die häufigsten Nebenwirkungen, oft zeitlich an Beginn oder Dosissteigerung gekoppelt. Retardform und Titration sind besprechbare Wege. Niemals eigenständig ändern.
Protonenpumpenhemmer, also Säureblocker
Die Datenlage ist gespalten, für Lansoprazol und die kollagene Kolitis aber deutlich. Sinnvoll ist die ärztliche Überprüfung, ob die Indikation noch besteht. Mehr dazu im Artikel über Sodbrennen und Säureblocker.
SSRI-Antidepressiva
In Fall-Kontroll-Studien mit mikroskopischer Kolitis assoziiert, mit derselben methodischen Einschränkung wie bei den Säureblockern. Psychopharmaka werden grundsätzlich nicht eigenmächtig abgesetzt.
Entzündungshemmende Schmerzmittel und Statine
Beide tauchen in denselben Auswertungen auf. Für Schmerzmittel und die kollagene Form blieb ein moderates Signal auch bei niedriger Heterogenität bestehen.
Antibiotika
Sowohl während der Einnahme als auch Wochen danach. Wenn Durchfall nach einer Antibiotikatherapie neu auftritt oder besonders heftig ist, gehört das ärztlich abgeklärt. Was danach beim Aufbau hilfreich sein kann, steht im Artikel über den Darm nach Antibiotika.
Magnesium und magnesiumhaltige Präparate
Der osmotische Effekt ist unstrittig und dosisabhängig, eine verlässliche Häufigkeitszahl für Erwachsene habe ich in dieser Recherche nicht gefunden. Ich führe das deshalb als klinische Beobachtung, nicht als belegte Zahl. Es lohnt sich trotzdem, die Dosis und die Salzform anzusprechen.
Abführmittel, auch pflanzliche
Regelmäßige Einnahme, auch als Tee, gehört auf die Liste. Ebenso Zuckeraustauschstoffe in zuckerfreien Produkten.

Nichts davon wird eigenmächtig abgesetzt, reduziert oder umgestellt. Der Zweck dieser Liste ist ein besseres Gespräch, nicht ein Selbstversuch. Schreib alles auf, auch Nahrungsergänzungsmittel, auch Präparate aus dem Supermarkt, auch das, was du nur gelegentlich nimmst. Und nimm die Packungen mit, wenn du unsicher bist.

Deshalb kann ein Blatt Papier mit deiner Medikamentenliste manchmal mehr bringen als der nächste Test.

Was der Stuhltest kann, was er nicht kann, und in welcher Reihenfolge man vorgeht

Wenn ein Wert in diesem Feld überinterpretiert wird, dann das Calprotectin.

Calprotectin ist ein Eiweiß aus weißen Blutkörperchen. Wandern diese Zellen in die Darmschleimhaut ein, weil dort etwas entzündet ist, landet ein Teil davon im Stuhl. Der Test misst also nicht den Darm, sondern die Anwesenheit von Entzündungszellen darin. Seine Stärke liegt in der Entwarnung.

Meta-Analyse, k=18 Ein niedriger Wert trägt, ein leicht erhöhter kaum

Yoon An und Kollegen werteten 2019 achtzehn Studien aus Primärversorgung und Ambulanz aus, in denen Calprotectin im Stuhl zur Unterscheidung organischer von funktionellen Beschwerden eingesetzt wurde.

Für organisch gegen funktionell lagen Sensitivität und Spezifität jeweils bei 81 Prozent. Entscheidend ist die Rechnung dahinter: Bei einer angenommenen Prävalenz von einem Prozent lag der positive Vorhersagewert bei nur 4,2 Prozent, der negative dagegen bei 100 Prozent.

Für dich heißt das: Ein niedriges Calprotectin ist eine verlässliche Entwarnung. Ein leicht erhöhtes ist dort, wo die Erkrankung selten ist, meistens kein Krankheitszeichen. Es kann auch von Schmerzmitteln, einem abgelaufenen Infekt oder einer kleinen Blutbeimengung stammen.

An YK, Prince D, Gardiner F et al. Med J Aust. 2019;211(10):461-467. PMID: 31680263 · DOI: 10.5694/mja2.50384 [Meta-Analyse]

Eine amerikanische Auswertung von 2015 kommt zur selben Kernaussage von der anderen Seite: Bei einem Calprotectin bis 40 Mikrogramm pro Gramm oder einem CRP bis 0,5 liegt die Wahrscheinlichkeit einer chronisch entzündlichen Darmerkrankung bei höchstens einem Prozent. Blutsenkung und Lactoferrin brachten allein wenig zusätzlichen Nutzen.

Was Calprotectin ausdrücklich nicht abdeckt

  • Mikroskopische Kolitis. Sie kann bei normalem Calprotectin vorliegen. Der Test ersetzt keine Gewebeprobe.
  • Zöliakie. Wird über Antikörper im Blut und die Dünndarmbiopsie gesucht, nicht über den Stuhl.
  • Gallensäureverlust. Läuft ohne Entzündung ab. Calprotectin ist dabei typischerweise normal.
  • Exokrine Pankreasinsuffizienz. Ein anderer Stuhltest, andere Frage, andere Aussage.
  • Kohlenhydrat-Malabsorption. Wird über Atemtests untersucht.

Und die Mikrobiom-Analyse?

Die Frage kommt fast immer, deshalb hier kurz und klar. Keine der neun Leitlinien und Konsensusdokumente, die ich für diesen Artikel ausgewertet habe, führt eine Mikrobiom-Sequenzierung als diagnostisches Werkzeug bei chronischer Diarrhö. Calprotectin dagegen ist mit sauberen Testgütedaten hinterlegt.

Das heißt nicht, dass Mikrobiom-Daten uninteressant wären. Es heißt, dass sie in dieser konkreten diagnostischen Frage bisher nichts entscheiden, was ohne sie nicht auch entschieden würde. Wo ihr Nutzen liegt und wo ihre Grenzen sind, steht ausführlich im Artikel über Stuhltest, PCR und Dysbiose-Diagnostik.

Die Reihenfolge, die keine Runde verschwendet

Die britische Leitlinie zur Abklärung chronischer Diarrhö von 2018 wurde von einer dreizehnköpfigen Gruppe entwickelt, zu der auch zwei Patientenvertreter gehörten. Ihr Grundprinzip ist einfach: Die Abklärung folgt der Vortest-Wahrscheinlichkeit und den Alarmzeichen, statt jeden Test bei jedem zu machen. Die amerikanische Leitlinie von 2019 zur Labordiagnostik bei funktioneller Diarrhö und Reizdarm mit Durchfall verfolgt denselben Gedanken.

So sieht das in geordneter Form aus.

Abklärung

Sechs Stufen, in dieser Reihenfolge

1
Alarmzeichen prüfen

Blut, Teerstuhl, Gewichtsverlust, Fieber, nächtliche Beschwerden, Erbrechen, Schluckstörung, neue anhaltende Änderung der Stuhlgewohnheit ab etwa 45 bis 50 Jahren, Blutarmut, familiäre Belastung.

Trifft eines zu: sofort ärztlich, alle weiteren Stufen laufen daneben, nicht statt
2
Medikamentenliste durchgehen

Vollständig, inklusive Nahrungsergänzung, Abführmitteln, Zuckeraustauschstoffen und allem, was nur gelegentlich genommen wird. Kostet nichts und beantwortet gelegentlich die ganze Frage.

KostenlosOft übersprungen
3
Basislabor

Blutbild, Entzündungswerte, Ferritin, Elektrolyte und TSH. Die Schilddrüse gehört hier hinein, weil eine Überfunktion Durchfall ohne jeden Darmbefund auslösen kann.

BlutbildCRPFerritinTSH
4
Zöliakie-Serologie unter glutenhaltiger Kost

Diese Stufe steht bewusst vor jedem Ernährungsversuch. Wer vorher glutenfrei isst, macht die Untersuchung unbrauchbar. Der europäische Malabsorptions-Konsens von 2025 formuliert es so, dass bei Malabsorption ohne andere naheliegende Erklärung immer nach Zöliakie gesucht werden soll.

Reihenfolge entscheidet
5
Calprotectin im Stuhl

Zur Einordnung, ob eine entzündliche Darmerkrankung wahrscheinlich ist. Niedrig heißt Entwarnung für diese eine Frage. Leicht erhöht heißt zunächst wenig und gehört im Zusammenhang gelesen.

Starker NegativbefundSchwacher Positivbefund
6
Gezielt weiter, je nach Bild

Jetzt erst wird spezifisch: Koloskopie mit Stufenbiopsien bei chronisch wässrigem Durchfall, Pankreas-Elastase bei fettglänzendem Stuhl und Gewichtsverlust, Gallensäurediagnostik oder kontrollierter Therapieversuch bei passendem Muster, Atemtests nach Ausschluss einer Fehlbesiedlung.

StufenbiopsienElastaseGallensäuren

Quer zu allen Stufen läuft die Reise- und Infektanamnese. Nach einer Fernreise, bei einer Immunschwäche oder nach einer Antibiotikatherapie gehört eine gezielte Erregersuche daneben, auf Parasiten wie Giardien, Amöben oder Kryptosporidien und auf Clostridioides difficile. Diese Reihenfolge ist eine Orientierung für dein Gespräch, kein Protokoll zum Abarbeiten. Sie kann sich jederzeit ändern, wenn ein Befund dazwischenkommt. Und sie ersetzt keine ärztliche Entscheidung darüber, was in deinem Fall sinnvoll ist. Wenn eine Koloskopie empfohlen wurde, bleibt sie empfohlen, auch wenn Stufe 2 etwas Verdächtiges ergibt.

Auffällig an dieser Aufstellung ist, dass die billigste Stufe oft die ertragreichste sein kann.

Was der Körper dabei verliert, und warum das nicht warten sollte

Es gibt eine Haltung, die ich verstehe und trotzdem für riskant halte: Ich arrangiere mich damit. Verständlich, weil viele lange keine Antwort bekommen haben. Riskant, weil monatelanger Durchfall nicht nur unangenehm ist, sondern eine Bilanz verschiebt.

Was verloren geht, in dieser Reihenfolge.

Flüssigkeit und Elektrolyte. Natrium, Kalium und Magnesium gehen mit dem Wasser. Das kannst du als Schwäche, Muskelkrämpfe, Herzstolpern oder Schwindel beim Aufstehen merken. Das ist der Teil, der bei starkem Verlauf zuerst gefährlich wird.

Wichtig: Herzstolpern, Verwirrtheit, kaum noch Wasserlassen, starker Schwindel oder eine trockene Zunge bei anhaltendem Durchfall sind kein Punkt zum Abwarten, sondern ein Grund, am selben Tag ärztliche Hilfe zu suchen, im Zweifel über den Notruf 112. Elektrolyte auf eigene Faust hochzudosieren ist dabei keine Lösung. Gerade bei eingeschränkter Nieren- oder Leberfunktion kann das schaden, und dasselbe gilt für Magnesium- und Zinkpräparate in höherer Dosis.

Gallensäuren und damit die Fettverdauung. Gehen Gallensäuren dauerhaft über den Stuhl verloren, fehlen sie für die Fettaufspaltung. Was am Fett hängt, hängt dann mit dran: die fettlöslichen Vitamine A, D, E und K. Diese Kette ist physiologisch zwingend, und der europäische Malabsorptions-Konsens benennt Nährstoffdefizite als Folge von Malabsorption allgemein. Belastbare Häufigkeitszahlen speziell für die Gallensäure-Diarrhö habe ich in dieser Recherche nicht gefunden. Ich schreibe das deshalb als mechanistisch zwingend, nicht als quantifiziert.

Zink. Hier gibt es die konkreteste Zahl des ganzen Kapitels.

Übersichtsarbeit, Bilanzstudien Viermal so viel, nur um auf null zu kommen

Khursheed Jeejeebhoy fasste 2009 zusammen, was Bilanzstudien über den Zinkbedarf bei künstlicher Ernährung zeigen.

Ohne Verluste über den Magen-Darm-Trakt lag der geschätzte Bedarf bei 3 Milligramm pro Tag, bei Menschen mit Durchfall- und Fistelverlusten im Mittel bei 12 Milligramm pro Tag. Zink ist Bestandteil zahlreicher Enzymsysteme.

Für dich heißt das: Diese Zahlen gelten für die Zufuhr über die Vene und lassen sich nicht auf Kapseln oder Tabletten übertragen, weil über den Mund nur ein Teil aufgenommen wird. Was sie zeigen, ist die Richtung. Wer viel über den Darm verliert, kann deutlich mehr brauchen, nur um die Bilanz auszugleichen. Das könnte mit erklären, warum nach Monaten mit Durchfall Haut, Haare, Geschmackssinn, Wundheilung und Infektabwehr leiden können. Wie viel im Einzelfall nötig ist, gehört ärztlich geprüft.

Jeejeebhoy K. Gastroenterology. 2009;137(5 Suppl):S7-S12. PMID: 19874952 · DOI: 10.1053/j.gastro.2009.08.014 [Übersicht]

Die unbequeme Ergänzung dazu liefert Nancy Krebs. Der Magen-Darm-Trakt ist der Hauptort der Zinkverluste, und die ausgeschiedene Menge hängt unter anderem von Durchfall und Fettstuhl ab. Gleichzeitig fehlen empfindliche Biomarker, um besonders milde Zinkmängel zu erkennen.

Reframe

Ein normaler Zinkspiegel im Blut ist kein Beweis dafür, dass alles in Ordnung ist.

Bei langem Durchfall zählt die Situation mehr als der Laborwert. Das ist kein Freibrief für Selbstversorgung mit Präparaten, im Gegenteil. Es ist ein Argument dafür, die Verluste ärztlich einordnen zu lassen, statt sich auf einen einzelnen Messwert zu verlassen. Ich nenne hier bewusst keine Dosierungen. Sie hängen von zu vielen Faktoren ab, die nur im Einzelfall bekannt sind.

Eisen. Bei chronischem Durchfall kann es auf zwei Wegen knapp werden: durch verminderte Aufnahme und durch kleine, oft unbemerkte Blutverluste. Ein niedriges Ferritin gehört deshalb ins Basislabor und ist gleichzeitig ein Alarmzeichen, das weiter abgeklärt werden muss. Warum die Aufnahme im Darm der eigentliche Engpass sein kann, steht im Artikel über Eisenmangel und Aufnahmestörungen.

Woran du Mangelzustände im Alltag bemerken kannst, ohne Labor: Erschöpfung, die sich nicht mehr wegschläft. Haut, die trocken wird. Kleine Wunden, die länger brauchen. Haare, die dünner werden. Ein Geschmackssinn, der flacher wird. Infekte, die häufiger kommen und länger bleiben. Nägel, die brechen. Nichts davon beweist etwas für sich genommen. Zusammen mit monatelangem Durchfall sind sie ein Grund, das Thema anzusprechen.

Und deshalb ist Aushalten die falsche Strategie. Nicht, weil Durchfall an sich gefährlich wäre, sondern weil ein monatelanges Minus in mehreren Bilanzen gleichzeitig irgendwann Wirkung zeigt. Welche Mikronährstoffe im Energiestoffwechsel welche Rolle spielen, ist Thema im Artikel über Mikronährstoffe als Cofaktoren.

Der Satz, den ich mitgeben will

Chronischer Durchfall wird selten dadurch geklärt, dass man mehr Tests macht. Er wird meistens dadurch geklärt, dass jemand die richtigen Fragen in der richtigen Reihenfolge stellt. Und die erste davon kostet nichts: Welche Medikamente nimmst du, und seit wann genau geht das so?

Wenn du gerade am Anfang stehst und dir das alles zu viel ist, fang mit dem Gesamtbild an. Wie sich Diagnostik, Ernährung und Aufbau im Darm sinnvoll aneinanderreihen, steht im Übersichtsartikel zum Darm-Reset.

Zeit ist in diesem Feld deshalb eine eigene Größe und nicht bloß eine Begleiterscheinung.

Häufige Fragen zu chronischem Durchfall

Ab wann gilt Durchfall als chronisch?

Der britische HTA-Bericht zum SeHCAT-Test nennt die gängige Arbeitsdefinition: mehr als dreimal täglich lockerer oder flüssiger Stuhl und oder ein Stuhlgewicht über 200 Gramm pro Tag, chronisch ab einer Dauer von mehr als vier Wochen. Entscheidend ist die Dauer, nicht die Heftigkeit. Ab dieser Grenze verschiebt sich die diagnostische Frage von der Suche nach einem Erreger zur Suche nach einem Mechanismus.

Ich habe seit Wochen Durchfall, aber die Darmspiegelung war unauffällig. Was heißt das?

Eine unauffällige Koloskopie schließt aus, was man sehen kann. Die mikroskopische Kolitis sieht man nicht. Die europäische Leitlinie definiert sie ausdrücklich über einen normalen oder nahezu normalen endoskopischen Befund bei charakteristischen Veränderungen im Gewebe. Ohne Stufenbiopsien aus mehreren Abschnitten des Dickdarms ist diese Frage nicht beantwortet. Nicht beantwortet sind außerdem Zöliakie, Gallensäureverlust und eine Pankreasschwäche, weil keine davon im Dickdarm sichtbar wird.

Was ist ein Gallensäureverlust, und kann ich den haben, obwohl meine Gallenblase noch da ist?

Ja. Gallensäuren werden am Ende des Dünndarms zu etwa 95 Prozent zurückgeholt. Was durchrutscht, zieht im Dickdarm Wasser an und beschleunigt die Passage. Das kann auch ohne jede Operation passieren. Ein zentraler Mechanismus ist eine gestörte Rückkopplung über das Darmhormon FGF19, wodurch die Leber mehr Gallensäuren herstellt, als der Dünndarm zurückholen kann. Zwei Meta-Analysen fanden bei Menschen mit Reizdarm vom Durchfall-Typ in 28,1 Prozent beziehungsweise 32 Prozent der Fälle eine Gallensäure-Malabsorption im SeHCAT-Test.

Was ist der SeHCAT-Test, und bekomme ich ihn in Deutschland?

Beim SeHCAT-Test schluckst du eine Kapsel mit einer radioaktiv markierten, gallensäureähnlichen Substanz. Sieben Tage später wird gemessen, wie viel davon noch im Körper ist. Ein niedriger Rückhaltewert spricht für einen Gallensäureverlust. Weil es eine nuklearmedizinische Untersuchung mit Strahlenanwendung ist, gilt sie in der Schwangerschaft als Gegenanzeige, und in der Stillzeit gehört das Stillen nach Vorgabe der Nuklearmedizin unterbrochen. Ob sie gerechtfertigt ist, entscheidet die nuklearmedizinische Praxis. In Deutschland ist der Test an spezialisierten nuklearmedizinischen Zentren verfügbar, nicht flächendeckend. Die Kostenfrage gehört vorab geklärt. Der britische HTA-Bericht hält außerdem fest, dass es keinen echten Referenzstandard gibt und die Grenzwerte zwischen Zentren uneinheitlich sind. Deshalb ist auch ein ärztlich kontrollierter Therapieversuch eine begründete Alternative.

Mein Pankreas-Elastase-Wert im Stuhl ist niedrig. Habe ich jetzt eine Pankreasinsuffizienz?

Noch nicht. Eine Meta-Analyse aus 13 Studien mit 888 Personen fand beim Grenzwert 200 Mikrogramm pro Gramm eine Sensitivität von 0,94, aber nur eine Spezifität von 0,69. Der Test findet also fast jede echte Schwäche, schlägt aber auch dann an, wenn keine vorliegt. Diese Zahlen stammen überwiegend aus Kollektiven mit erhöhtem Risiko, etwa bei chronischer Pankreatitis oder Mukoviszidose, und lassen sich nicht ohne Weiteres auf unausgelesenen chronischen Durchfall übertragen. Bei wässrigem Stuhl kann der Wert allein durch Verdünnung zu tief ausfallen. Die europäische Leitlinie verlangt deshalb eine Gesamtbeurteilung aus Beschwerden, Ernährungszustand und Sekretionstest, nicht ein Urteil aus einem Laborwert.

Was ist eine mikroskopische Kolitis, und warum sieht man sie bei der Darmspiegelung nicht?

Die mikroskopische Kolitis ist eine chronische Entzündung der Dickdarmschleimhaut, die sich nur unter dem Mikroskop zeigt. Die Schleimhaut sieht im Endoskop normal oder nahezu normal aus. Typisch ist chronisch wässriger, nicht blutiger Durchfall. Es gibt drei Formen: kollagene Kolitis, lymphozytäre Kolitis und die inkomplette Form. Ohne Gewebeproben aus mehreren Abschnitten des Dickdarms kann die Diagnose nicht gestellt werden. Frauen sind bei der kollagenen Form etwa dreimal häufiger betroffen, das mediane Alter bei Diagnose liegt bei rund 65 Jahren.

Mein Calprotectin ist leicht erhöht, die Koloskopie war aber unauffällig. Was bedeutet das?

Calprotectin ist ein Entzündungsmarker aus weißen Blutkörperchen im Stuhl. Seine Stärke liegt im niedrigen Wert: Unter etwa 40 Mikrogramm pro Gramm liegt die Wahrscheinlichkeit einer chronisch entzündlichen Darmerkrankung bei höchstens einem Prozent. Sein positiver Vorhersagewert ist dagegen schwach. In einer Meta-Analyse aus 18 Studien lag er bei angenommener Ein-Prozent-Prävalenz bei nur 4,2 Prozent. Ein leicht erhöhter Wert bei unauffälliger Spiegelung ist deshalb häufig kein Krankheitszeichen. Er kann auch von Schmerzmitteln, einem abgelaufenen Infekt oder einer Blutbeimengung stammen.

Kann mein Blutdruckmedikament oder mein Diabetesmedikament der Grund für den Durchfall sein?

Beides ist beschrieben. Für den Blutdrucksenker Olmesartan dokumentierte eine Fallserie der Mayo Clinic 22 Menschen mit schwerer, zöliakieähnlicher Darmerkrankung, medianem Gewichtsverlust von 18 Kilogramm und Zottenatrophie. Eine glutenfreie Ernährung brachte keine Besserung. In die Serie wurden allerdings nur Menschen aufgenommen, denen es nach dem ärztlich begleiteten Absetzen besser ging. Das war Einschlusskriterium und ist deshalb keine Erfolgsquote. Für Metformin sind Durchfall und Übelkeit die häufigsten Nebenwirkungen, dosisabhängig und über Retardformen oder eine langsamere Titration oft beeinflussbar. Wichtig: Blutdruck- und Diabetesmedikamente werden niemals eigenständig abgesetzt oder reduziert. Das gehört in die Sprechstunde.

Kann ein Säureblocker Durchfall verursachen?

Das wird untersucht, und die Datenlage ist gespalten. Gegenüber zufällig gewählten Kontrollen zeigte eine Meta-Analyse für Protonenpumpenhemmer und mikroskopische Kolitis eine Odds Ratio von 4,55. Vergleicht man aber mit anderen Menschen, die ebenfalls Durchfall haben, verschwindet dieser Zusammenhang. Stabiler bleibt nur ein Signal: Lansoprazol und kollagene Kolitis, mit einer Odds Ratio von 14,5 bei niedriger Heterogenität. Diese Zahl beruht allerdings auf nur drei Beobachtungsstudien und zeigt einen Zusammenhang, keine Ursache. Sinnvoll ist deshalb, die Indikation für den Säureblocker ärztlich neu zu prüfen. Eigenständig abgesetzt wird er nicht.

Ich will mich glutenfrei ernähren, um zu sehen, ob es besser wird. Ist das eine gute Idee?

Nicht, bevor die Zöliakie-Diagnostik gelaufen ist. Die Antikörper im Blut und die Gewebeprobe aus dem Dünndarm setzen beide voraus, dass du zum Zeitpunkt der Untersuchung noch regelmäßig Gluten isst. Die amerikanische Leitlinie von 2023 stellt die Serologie unter glutenhaltiger Kost an den Anfang und die Dünndarmbiopsie zur Sicherung bei den meisten Erwachsenen daneben. Wer vorher glutenfrei isst, kann beide Untersuchungen unbrauchbar machen und steht danach ohne Diagnose da. Erst testen, dann weglassen.

Mein Durchfall hat mit einem Magen-Darm-Infekt angefangen und ist nie ganz weggegangen. Ist das normal?

Es ist häufig genug, um einen Namen zu haben. Eine Meta-Analyse aus 45 Studien mit 21.421 Menschen fand zwölf Monate nach einer infektiösen Darmentzündung bei 10,1 Prozent ein Reizdarmsyndrom, das Risiko war im ersten Jahr um das 4,2-fache erhöht. Nach Protozoen-Infektionen lag der Anteil deutlich höher, allerdings auf wenigen Studien beruhend. Der Zusammenhang zum Infekt gehört unbedingt in die Krankengeschichte. Er ersetzt aber nicht die Abklärung der anderen Ursachen.

Nächtlicher Durchfall, der mich aufweckt: Ist das ein Alarmsignal?

Ja, Beschwerden, die dich nachts aus dem Schlaf holen, gehören zu den Zeichen, die zeitnah ärztlich abgeklärt werden. Funktionelle Beschwerden pausieren typischerweise im Schlaf. Durchfall, der das nicht tut, verschiebt die Wahrscheinlichkeiten in Richtung einer organischen Ursache, zum Beispiel einer mikroskopischen Kolitis, einer chronisch entzündlichen Darmerkrankung oder eines Gallensäureverlusts. Zusammen mit Blut im Stuhl, ungewolltem Gewichtsverlust, Fieber oder Blutarmut ist das kein Grund zu warten.

Was verliert mein Körper, wenn der Durchfall monatelang anhält?

Zuerst Wasser und Elektrolyte, vor allem Natrium, Kalium und Magnesium. Dann, wenn Gallensäuren verloren gehen, die Fettverdauung und damit die fettlöslichen Vitamine A, D, E und K. Für Zink gibt es die konkreteste Zahl, sie stammt aber aus einem sehr speziellen Setting: In Bilanzstudien bei künstlicher, also intravenöser Ernährung lag der geschätzte Bedarf ohne Verluste über den Darm bei 3 Milligramm pro Tag, bei Durchfall- und Fistelverlusten im Mittel bei 12 Milligramm pro Tag. Auf die Zufuhr über den Mund lassen sich diese Zahlen nicht übertragen, weil nur ein Teil des geschluckten Zinks aufgenommen wird. Sie zeigen die Richtung, nicht die Menge. Ein empfindlicher Laborwert für milde Zinkmängel fehlt, deshalb zählt die Situation mehr als der Messwert. Auch Eisen kann betroffen sein. Das gehört ärztlich geprüft, nicht auf Verdacht supplementiert.

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SJ

Shukri Jarmoukli

Arzt · Tätigkeitsschwerpunkt Integrative Medizin · ViveCura Berlin

Ich arbeite in meiner Privatpraxis an der Schnittstelle von klassischer Medizin, funktioneller Medizin und Klinischer Psychoneuroimmunologie. Bei Darmthemen interessiert mich weniger, welches Präparat als Nächstes probiert wird, sondern welche Frage in der ersten Runde offengeblieben ist.

Bei chronischem Durchfall bin ich bewusst zurückhaltender, als man es von einer integrativen Praxis erwarten würde. Solange Alarmzeichen und Medikamente nicht geklärt sind und die Zöliakie-Serologie nicht unter glutenhaltiger Kost bestimmt wurde, kommt bei mir kein Aufbauplan. Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Beratung. Er soll dir helfen, beim nächsten Termin genauere Fragen zu stellen.

ViveCura, Privatpraxis Shukri Jarmoukli, Skalitzer Straße 137, 10999 Berlin

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Transparenz zur Evidenz: wo die Datenlage dünn ist
  1. Die Prävalenzzahlen zum Gallensäureverlust stammen aus Reizdarm-Kohorten, nicht aus der Allgemeinbevölkerung. Die im Netz kursierende Angabe, das Gallensäureverlustsyndrom betreffe etwa ein Prozent der Bevölkerung, konnte ich nicht auf eine belastbare Primärquelle zurückführen. Sie steht deshalb nicht in diesem Text.
  2. Die Blutmarker C4 und FGF19 sind nicht standardisiert. Die Richtung der Effekte ist über die Studien hinweg einheitlich, die Normwertgrenzen unterscheiden sich aber zwischen den Studien, und die Autoren der Meta-Analyse fordern selbst eine bessere Bestimmung der Testgüte. Mechanistisch plausibel, formal noch nicht ausreichend geprüft.
  3. Der Therapieversuch mit einem Gallensäurebinder ist als diagnostisches Verfahren nicht validiert. Er ist ökonomisch attraktiv, aber es fehlt eine Studie, die zeigt, dass er dieselben Menschen identifiziert wie der SeHCAT-Test. Ein unspezifischer Stuhleindickungseffekt könnte fälschlich als Diagnose gewertet werden.
  4. Zur Verfügbarkeit des SeHCAT-Tests in Deutschland gibt es keine belastbare öffentliche Übersicht. Angaben zu Zentrenzahlen und Kostenübernahme, die im Netz kursieren, stammen überwiegend von Klinikseiten. Deshalb steht hier nur, dass der Test an spezialisierten Zentren verfügbar ist und die Kostenfrage vorab geklärt gehört.
  5. Die Medikamenten-Assoziationen bei der mikroskopischen Kolitis sind methodisch angreifbar. Gegen Zufallskontrollen hoch, gegen Durchfall-Kontrollen verschwunden, mit sehr hoher Heterogenität. Nur das Signal für Lansoprazol und die kollagene Form bleibt mit moderater Evidenzsicherheit und niedriger Heterogenität bestehen, es beruht allerdings auf nur drei Beobachtungsstudien und zeigt einen Zusammenhang, keine Ursache.
  6. Olmesartan ist belegt, die Wirkstoffklasse nicht. Die Fallserie betrifft ausschließlich Olmesartan. Eine Ausweitung der Aussage auf alle Sartane ist durch diese Daten nicht gedeckt und bleibt eine offene Frage. Außerdem wurden in die Fallserie ausschließlich Menschen aufgenommen, denen es nach dem Absetzen besser ging. Die Besserung ist damit Einschlusskriterium und keine Erfolgsquote, und über die Häufigkeit dieses Bildes sagt die Arbeit nichts.
  7. Zu Magnesium als Durchfallursache liegt mir keine verifizierbare Häufigkeitszahl für Erwachsene vor. Der osmotische Effekt ist unstrittig und dosisabhängig. Ich führe ihn deshalb als klinische Beobachtung ohne Zahl und ohne Quellenangabe.
  8. Für Sorbit fehlt eine konsentierte Testdosis. Der nordamerikanische Atemtest-Konsens nennt Dosen für Laktulose, Glukose, Fruktose und Laktose, aber nicht für Sorbit. Eine Sorbit-Malabsorption ist damit eine Beobachtung und keine Diagnose mit Grenzwert.
  9. Die Zahlen zum postinfektiösen Verlauf nach Protozoen und nach Virusinfekten sind unsicher. Sie beruhen auf wenigen Studien mit erheblicher Heterogenität. Die Größenordnung nach bakteriellen Erregern ist deutlich besser abgesichert.
  10. Fettlösliche Vitamine bei Gallensäure-Durchfall sind mechanistisch zwingend, aber nicht quantifiziert. Häufigkeitszahlen speziell für diese Konstellation habe ich in dieser Recherche nicht gefunden.
  11. Zink lässt sich bei mildem Mangel nicht zuverlässig messen. Die Verlustwege sind gut belegt, ein empfindlicher Biomarker fehlt. Deshalb steht hier keine Zielgröße und keine Dosierung. Die Bilanzzahlen von 3 und 12 Milligramm stammen zudem aus der künstlichen, intravenösen Ernährung und lassen sich nicht auf die Zufuhr über den Mund übertragen.
  12. Die Testgüte der Stuhl-Elastase stammt überwiegend aus Hochrisiko-Kollektiven. Die Meta-Analyse von 2025 empfiehlt den Test zum Erst-Screening bei Menschen mit erhöhtem Risiko, etwa bei chronischer Pankreatitis oder Mukoviszidose. Bei unausgelesenem chronischem Durchfall kann er schwächer abschneiden, als die gepoolten Zahlen vermuten lassen.
  13. Die Ansprechraten auf Gallensäurebinder sind nicht kontrolliert erhoben. Die Zahlen von 96, 80 und 70 Prozent stammen aus überwiegend offenen Beobachtungen ohne Placebogruppe. Sie überschätzen die Wirkung eher, und die einzelnen Anteile beruhen auf unterschiedlichen Teilmengen der eingeschlossenen Studien.
  14. Zwei der zitierten Leitlinien sind nur als Rahmenreferenz verwendbar. Für die AGA-Leitlinie von 2019 und die deutsche S3-Leitlinie zum Reizdarmsyndrom von 2021 liegt in PubMed kein Abstract vor. Zitiert wurden deshalb nur Existenz und Gegenstand, keine einzelnen Empfehlungsstärken oder Zahlen.
  15. Was hier bewusst nicht steht. Keine Dosierungsangabe, kein kopierbares Protokoll und kein Rat, eine bestehende Medikation zu verändern, zu reduzieren oder abzusetzen. Das gilt ausdrücklich auch für Blutdruck-, Diabetes- und Schilddrüsenpräparate, für Säureblocker und für Psychopharmaka. Aus keinem Abschnitt dieses Artikels folgt, dass eine empfohlene Koloskopie, Endoskopie oder Labordiagnostik verschoben oder ersetzt werden sollte. Was ich aus meiner Sprechstunde beschreibe, ist als Beobachtung gekennzeichnet und kein Studienergebnis.

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