Ratgeber Hormone (Mann) · Spoke 17

Übergewicht, Insulinresistenz und Testosteron: der Teufelskreis

Bauchfett senkt das Testosteron, niedriges Testosteron fördert das Fett. Dazwischen stehen Insulin und SHBG. So entsteht ein Kreislauf, der sich selbst antreibt. Doch genau hier liegt auch die Chance, denn an einem solchen Kreislauf lässt sich an mehreren Stellen ansetzen.

Shukri Jarmoukli · Arzt, Integrative Medizin · ViveCura Berlin
Mein Ausgangspunkt

Wenn ein Mann mit Bauch und niedrigem Testosteronwert vor mir sitzt, höre ich oft den stillen Vorwurf an sich selbst mit: „Ich müsste nur disziplinierter sein." Ich sehe das anders. Übergewicht und niedriges Testosteron sind kein reines Willensthema, sondern ein biologischer Kreislauf, in dem Bauchfett, Insulin und Hormonsteuerung sich gegenseitig nach unten ziehen können. Das ist keine Ausrede. Es ist eine Landkarte. Denn wer versteht, wie sich der Kreis dreht, findet die Stellen, an denen er sich auch wieder öffnen lässt.

Vielleicht kennst du das. Der Bauch wächst, die Energie sinkt, der Antrieb wird flacher, die Lust geringer. Beim Arzt fällt dann das Wort niedriges Testosteron, und es klingt, als wäre das die Ursache. Doch oft ist das Testosteron weniger der Auslöser als ein Mitfahrer in einem Kreislauf, der schon länger läuft. In diesem Artikel schauen wir uns genau diesen Kreislauf an. Wir verstehen, wie Bauchfett, Insulin und SHBG zusammenspielen, und warum Gewicht beim männlichen Hormon so oft der erste Hebel ist.

Das ist die ehrliche Botschaft vorweg: Es geht nicht um Schuld. Es geht um Mechanismen. Und Mechanismen kann man verstehen und an ihnen ansetzen, statt sich für ein angebliches Versagen zu verurteilen.

Der Teufelskreis: wie Fett, Insulin und Testosteron sich gegenseitig ziehen

Stell dir drei Zahnräder vor, die ineinandergreifen: Bauchfett, Insulin und Testosteron. Dreht sich eines in die falsche Richtung, ziehen die anderen mit. Mehr Bauchfett bedeutet mehr Umwandlung von Testosteron in Östrogen und mehr Entzündung. Das kann das Testosteron senken. Ein niedriges Testosteron wiederum erschwert den Erhalt von Muskeln und kann die Fetteinlagerung begünstigen. Und überschüssiges Insulin, das bei Insulinresistenz entsteht, treibt die Fettspeicherung an und senkt das Transportprotein SHBG. So schließt sich der Kreis.

Diese Verflechtung ist gut beschrieben. Niedriges Testosteron und das metabolische Syndrom, also die Kombination aus Bauchfett, erhöhtem Blutzucker, Bluthochdruck und ungünstigen Blutfetten, treten oft gemeinsam auf. Übergewicht gilt dabei als der Zustand, der beim Mann am stärksten mit niedrigem Testosteron verbunden ist.

Studie · Mechanismus und Richtung

Übergewicht senkt das Testosteron stärker als umgekehrt

Übersichtsarbeit Mathis Grossmann beschrieb 2018 in Clinical Endocrinology, wie Übergewicht beim Mann das Testosteron senkt. Bei moderatem Übergewicht spiegelt der niedrige Gesamtwert vor allem ein gesunkenes SHBG wider. Bei deutlichem Übergewicht kommt eine echte Dämpfung der Hypothalamus-Hypophysen-Hoden-Achse hinzu, vermittelt über entzündliche Botenstoffe und gestörte Leptin-Signale, dazu wandelt die Aromatase im Fettgewebe Testosteron in Östrogen um. Wichtig: Der Effekt des Gewichts auf das Testosteron ist größer als der umgekehrte, und deutliche Gewichtsabnahme kann die Achse wieder anstoßen.

Grossmann M. Clin Endocrinol (Oxf). 2018;89(1):11-21. doi:10.1111/cen.13723 · PMID: 29683196

Reframe

Ein Teufelskreis klingt ausweglos, ist es aber nicht. Gerade weil sich die Zahnräder gegenseitig antreiben, reicht es manchmal, an einem Rad zu bremsen, damit die anderen folgen. Wer das Gewicht angeht, greift nicht nur ins Fett ein, sondern indirekt auch in Insulin und Testosteron. Ein Kreislauf, der sich selbst verstärkt, kann sich auch in die andere Richtung drehen.

Bauchfett ist ein Hormonorgan, kein toter Speicher

Lange galt Fettgewebe als bloßer Energiespeicher. Heute wissen wir, dass es ein aktives Organ ist, das Botenstoffe ausschüttet und in den Hormonhaushalt eingreift. Besonders das Bauchfett, also das Fett zwischen den Organen, ist stoffwechselaktiv. Hier sitzt das Enzym Aromatase, das Testosteron in Östrogen umwandelt. Je mehr Bauchfett, desto mehr Umwandlung kann stattfinden, und desto stärker kann der Testosteronspiegel unter Druck geraten.

Dazu kommt die stille Entzündung. Aus dem Bauchfett strömen entzündliche Botenstoffe, die zusammen mit gestörten Leptin-Signalen die übergeordnete Steuerung im Gehirn dämpfen können. Das Ergebnis: weniger Signal an die Hoden, weniger eigene Testosteronbildung.

Studie · Diabesität

Ein Drittel der Männer mit Übergewicht hat zu niedriges freies Testosteron

Übersichtsarbeit Sandeep Dhindsa und Kollegen fassten 2018 in Diabetes Care den Zustand als Diabesität zusammen. Etwa ein Drittel der Männer mit Übergewicht oder Typ-2-Diabetes hat niedrige freie Testosteronwerte bei unpassend normalen Steuerungshormonen, also einen hypogonadotropen Hypogonadismus. Bemerkenswert: Das Östrogen ist bei diesen Männern eher niedrig, nicht hoch. Als Mechanismen werden eine gestörte Insulin- und Leptin-Signalwirkung im Gehirn diskutiert. Diese Männer hatten mehr Fettmasse und waren insulinresistenter als Männer mit normalem Testosteron.

Dhindsa S, Ghanim H, Batra M, Dandona P. Diabetes Care. 2018;41(7):1516-1525. doi:10.2337/dc17-2510 · PMID: 29934480

Und jetzt wird verständlich, warum bei diesen Männern die übliche Erwartung nicht aufgeht. Man könnte denken, viel Fettgewebe bedeute viel Östrogen. Doch in der Diabesität ist das Bild oft komplexer, und gerade die niedrigen Werte über die ganze Linie zeigen, dass hier die Steuerung selbst betroffen ist, nicht nur die Umwandlung.

Insulin und SHBG: die stillen Vermittler im Kreislauf

Insulin ist nicht nur das Hormon, das den Blutzucker senkt. Es ist ein zentraler Vermittler zwischen Stoffwechsel und Hormonen. Bei Insulinresistenz sprechen die Zellen schlechter auf Insulin an, also schüttet der Körper immer mehr davon aus. Diese hohen Insulinspiegel haben Folgen, die weit über den Zucker hinausgehen.

Eine davon betrifft das SHBG, das sexualhormonbindende Globulin. Dieses Transportprotein wird in der Leber gebildet und bindet Testosteron im Blut. Hohe Insulinspiegel und eine Fettleber drosseln die SHBG-Produktion. Sinkt das SHBG, sinkt oft auch der Gesamttestosteronwert, ohne dass zwingend ein echter Mangel vorliegt. Deshalb ist ein niedriges SHBG ein wichtiger Hinweis, der über das Testosteron hinausreicht.

Studie · SHBG und Glukosestoffwechsel

Niedriges SHBG ist ein früher Marker für Insulinresistenz

Übersichtsarbeit Chen und Kollegen fassten 2010 in Minerva Endocrinologica zusammen, dass niedrige SHBG-Spiegel ein früher Hinweis auf Insulinresistenz sind und die Entwicklung eines Typ-2-Diabetes bei Männern und Frauen vorhersagen können. Erhöhtes Insulin drosselt zwar die SHBG-Bildung in der Leber. Doch genetische Studien deuten darauf hin, dass SHBG auch eine eigenständige Rolle im Zuckerstoffwechsel spielen könnte und nicht nur ein passiver Marker ist. Damit ist SHBG mehr als ein Laborwert am Rande, es ist ein Knotenpunkt zwischen Stoffwechsel und Hormonen.

Chen C, Smothers J, Lange A, et al. Minerva Endocrinol. 2010;35(4):271-280. PMID: 21178921

Auch klinisch ist die Verbindung zwischen Testosteron und Insulin gut belegt. Eine Übersicht von Kapoor und Kollegen aus dem Jahr 2005 in Clinical Endocrinology beschrieb, dass Testosteron ein wichtiger Regulator der Insulinempfindlichkeit beim Mann zu sein scheint und dass niedrige Werte bei Diabetes, viszeralem Fett und metabolischem Syndrom gehäuft auftreten (doi:10.1111/j.1365-2265.2005.02299.x, PMID: 16117808). Und jetzt weißt du, warum eine gute Diagnostik nie nur das Testosteron allein anschaut.

Die vier KPNI-Linsen auf den Teufelskreis

In der klinischen Psychoneuroimmunologie, kurz KPNI, schauen wir nicht nur auf einen Wert. Wir schauen auf vier verwobene Ebenen, die zusammen erklären, warum der Kreislauf aus Fett, Insulin und Testosteron entsteht und sich hält. Jede Linse beschreibt einen Teil auf Zellebene.

Stoffwechsel und Insulin

Bei Insulinresistenz sprechen die Zellen schlechter auf Insulin an, und der Körper schüttet mehr davon aus. Auf Zellebene begünstigt überschüssiges Insulin die Fetteinlagerung und drosselt in der Leber die Bildung von SHBG. Weniger SHBG kann den Gesamttestosteronwert senken. So wird der Stoffwechsel zum Motor, der das Hormonsystem mit nach unten zieht. Ein ruhiger Blutzucker entlastet daher beide Seiten zugleich.

Immunsystem und Entzündung

Bauchfett ist stoffwechselaktiv und gibt entzündliche Botenstoffe ab. Auf Zellebene können diese Zytokine die Signalwege stören und zusammen mit gestörten Leptin-Signalen die Steuerung im Gehirn dämpfen. Diese stille Entzündung ist ein Bindeglied zwischen viel Fettgewebe und niedriger Testosteronbildung. Auch der Darm gehört hierher, denn eine gereizte Darmbarriere kann das Immunsystem dauerhaft beschäftigen.

Hormonsystem und Aromatase

Im Fettgewebe sitzt das Enzym Aromatase, das Testosteron in Östrogen umwandelt. Mehr Fett bedeutet mehr Umwandlungskapazität. Auf der Steuerungsebene senden Hypothalamus und Hypophyse über LH das Signal an die Hoden. Bei deutlichem Übergewicht kann dieses Signal gedämpft sein, sodass die Hoden weniger Testosteron bilden. Beide Ebenen greifen ineinander und erklären, warum der Wert sinkt.

Nervensystem und Verhalten

Niedriges Testosteron und ein belasteter Stoffwechsel können Antrieb, Stimmung und Schlaf beeinträchtigen. Auf Zellebene verschiebt Stress über Cortisol die Energiebalance hin zur Fettspeicherung. Müdigkeit und wenig Antrieb erschweren Bewegung, was wiederum das Gewicht steigen lässt. So schließt das Nervensystem den Kreislauf von der Verhaltensseite. Schlaf und Stressregulation sind deshalb keine Nebensache.

Diese vier Linsen sind kein theoretisches Modell. Sie zeigen, dass der Teufelskreis nicht an einer einzigen Stelle entsteht, sondern aus dem Zusammenspiel. Und genau deshalb gibt es mehrere Stellen, an denen man ihn unterbrechen kann.

Was die Daten zeigen: Gewichtsabnahme kann das Testosteron heben

Die wichtigste praktische Frage lautet: Lässt sich der Kreislauf umkehren? Die Datenlage deutet darauf hin, dass Gewichtsabnahme das Testosteron beim Mann wieder anheben kann. Das ist eine der besser belegten Aussagen in diesem ganzen Feld.

Studie · Meta-Analyse, Diät und Operation

Gewichtsverlust hebt Testosteron und SHBG, je mehr desto stärker

Meta-Analyse, 24 Studien Giovanni Corona und Kollegen werteten 2013 im European Journal of Endocrinology 24 Studien zu Diät und bariatrischer Operation aus. Sowohl eine kalorienreduzierte Diät als auch eine Operation waren mit einem deutlichen Anstieg des gebundenen und freien Testosterons verbunden. Die Operation wirkte stärker als die Diät. Der Anstieg war umso größer, je mehr Gewicht verloren wurde, und bei jüngeren, nicht diabetischen Männern mit höherem Ausgangsgewicht ausgeprägter. Gleichzeitig sank das Östradiol und die Steuerungshormone stiegen. Der Grad des Gewichtsverlusts war der beste Vorhersagewert für den Testosteronanstieg.

Corona G, Rastrelli G, Monami M, et al. Eur J Endocrinol. 2013;168(6):829-843. doi:10.1530/EJE-12-0955 · PMID: 23482592

Wichtig ist auch, dass es nicht auf ein bestimmtes Diät-Etikett ankommt. Eine kontrollierte Studie verglich zwei Wege zum gleichen Ziel.

Studie · RCT, übergewichtige Männer

Eiweißbetont oder kohlenhydratbetont: der Gewichtsverlust zählt

RCT, n=118 Lisa Moran und Kollegen untersuchten 2016 in PLoS One 118 übergewichtige Männer über 52 Wochen. Eine Gruppe aß eiweißbetont, die andere kohlenhydratbetont, beide kalorienreduziert. In beiden Gruppen stiegen Gesamttestosteron, SHBG und freies Testosteron deutlich an, ohne Unterschied zwischen den Diäten. Testosteron und SHBG legten schon in den ersten zwölf Wochen zu, das Gesamttestosteron nahm über das Jahr weiter zu. Das deutet darauf hin, dass nicht die Zusammensetzung der Diät den Ausschlag gibt, sondern der Gewichtsverlust selbst.

Moran LJ, Brinkworth GD, Martin S, et al. PLoS One. 2016;11(9):e0161297. doi:10.1371/journal.pone.0161297 · PMID: 27584019

Ein Wort zur Testosterontherapie an dieser Stelle. Bei der häufigen obesitas-assoziierten Form raten Übersichtsarbeiten, zuerst auf Gewichtsabnahme und die Behandlung der Begleiterkrankungen zu setzen. Eine Testosterongabe senkt das Körpergewicht nicht und kann die Fruchtbarkeit beeinträchtigen, auch wenn sie in Studien die Fettmasse etwas verringerte und die Muskelmasse erhöhte (Grossmann 2018, doi:10.1111/cen.13723). Eine spätere Übersicht von Corona und Kollegen 2024 in Expert Review of Clinical Pharmacology betont ebenfalls, dass Gewichtsabnahme durch Lebensstil bei übergewichtigen Männern an erster Stelle stehen sollte (doi:10.1080/17512433.2024.2366505, PMID: 38853775).

Häufiger Irrtum

„Mein Testosteron ist niedrig, also brauche ich Testosteron." Bei der obesitas-assoziierten Form ist das oft zu kurz gedacht. Hier ist das Gewicht meist die treibende Kraft, und der Hormonwert folgt ihm. Eine Testosterongabe verändert das Gewicht nicht und kann die eigene Fruchtbarkeit dämpfen. Der erste Schritt liegt deshalb selten in der Spritze, sondern im Kreislauf selbst, der über Gewicht, Insulin und Bewegung läuft.

Drei Hebel, die den Kreislauf öffnen können

Bevor an einzelnen Hormonen gedreht wird, lohnt der Blick auf die Grundlagen, die genau an den Zahnrädern des Kreislaufs ansetzen. Diese drei Hebel sind ein Anfang, kein Therapieplan. Den individuellen Weg findest du mit ärztlicher Begleitung.

1

Geh an Bauchfett und Blutzucker, nicht an die Waage allein

Weil Bauchfett über Aromatase und Entzündung auf das Testosteron drückt, kann eine nachhaltige Gewichtsabnahme den ganzen Kreislauf entlasten. Wichtig ist eine Ernährung, die den Blutzucker ruhig hält, mit genug Eiweiß und Ballaststoffen und weniger schnellen Kohlenhydraten. Schon ein moderater, aber dauerhafter Gewichtsverlust könnte die Steuerung der Hoden wieder anstoßen und gleichzeitig die Insulinempfindlichkeit verbessern.

2

Baue Muskeln, denn sie sind Stoffwechselgewebe

Krafttraining und regelmäßige Bewegung können die Insulinempfindlichkeit verbessern, Muskeln aufbauen und Bauchfett senken, also genau die Faktoren, die den Kreislauf antreiben. Muskeln verbrauchen Zucker und entlasten so das Insulinsystem. Akute Hormonspitzen nach dem Training sind weniger wichtig als der langfristige Umbau der Körperzusammensetzung. Du musst kein Sportler werden, schon regelmäßige fordernde Bewegung könnte helfen.

3

Nimm Schlaf und Stress als Teil des Stoffwechsels ernst

Schlechter Schlaf und Dauerstress verschieben über Cortisol die Energiebalance hin zur Fettspeicherung und können die Insulinlage verschlechtern. Damit greifen sie direkt in den Kreislauf ein. Ein fester Rhythmus, ein dunkles, kühles Schlafzimmer und das Ernstnehmen von Schnarchen und Atemaussetzern können einen Unterschied machen. Schlafapnoe ist beim übergewichtigen Mann häufig und behandelbar und gehört abgeklärt.

Und wenn die Beschwerden trotz guter Grundlagen bleiben, gehört eine Diagnostik dazu, die auf das ganze Bild schaut. Sinnvoll ist, neben dem Gesamttestosteron auch SHBG und das freie Testosteron zu bestimmen, dazu die Steuerungshormone LH und FSH sowie Blutzucker und gegebenenfalls Insulin. So lässt sich einordnen, ob ein echter Mangel vorliegt und welche Form. Eine gute Abklärung nimmt deine Beschwerden ernst, statt sie vorschnell einem Hormon zuzuschreiben.

Der Kern

Ein Kreislauf, der sich verstärkt, kann sich auch lösen

Bauchfett, Insulin und Testosteron ziehen sich gegenseitig. Das klingt zunächst entmutigend. Doch dieselbe Verflechtung ist deine Chance. Wer am Gewicht und am Blutzucker ansetzt, greift zugleich ins Insulin und ins Hormonsystem ein. Du musst nicht alles auf einmal lösen. Schon ein erster, gehaltener Schritt kann den Kreis in die andere Richtung anstoßen.

Häufige Fragen zu Übergewicht, Insulin und Testosteron

Wie hängen Übergewicht und Testosteron zusammen?

Übergewicht ist der Zustand, der beim Mann am stärksten mit niedrigem Testosteron verbunden ist. Der Zusammenhang läuft in beide Richtungen. Bauchfett enthält das Enzym Aromatase, das Testosteron in Östrogen umwandelt, sodass mehr Fett mehr Umwandlung bedeutet. Bei deutlichem Übergewicht kommt eine echte Dämpfung der übergeordneten Steuerung im Gehirn hinzu, vermittelt über entzündliche Botenstoffe und gestörte Leptin-Signale. Gleichzeitig kann ein niedriges Testosteron den Aufbau von Muskeln erschweren und die Fetteinlagerung begünstigen. So entsteht ein Kreislauf, der sich selbst verstärken kann. Die gute Nachricht: Studien deuten darauf hin, dass deutliche Gewichtsabnahme das Testosteron wieder anheben kann.

Was ist die Rolle von Insulinresistenz beim Testosteron?

Insulin ist selbst ein Hormon, und bei Insulinresistenz sprechen die Zellen schlechter darauf an, sodass der Körper immer mehr Insulin ausschüttet. Dieser Zustand ist eng mit niedrigem Testosteron verknüpft. Hohe Insulinspiegel senken in der Leber die Bildung des Transportproteins SHBG, was den Gesamttestosteronwert drücken kann. Gleichzeitig begünstigt überschüssiges Insulin die Fetteinlagerung, und mehr Fett bedeutet über die Aromatase mehr Umwandlung von Testosteron in Östrogen. Beobachtungsstudien zeigen, dass niedriges Testosteron und Insulinresistenz oft gemeinsam auftreten und sich gegenseitig verstärken können. Ein ruhiger Blutzucker entlastet daher nicht nur den Stoffwechsel, sondern könnte auch die Hormonbildung stützen.

Was ist SHBG und warum ist es wichtig?

SHBG steht für sexualhormonbindendes Globulin, ein Transportprotein, das in der Leber gebildet wird und Testosteron im Blut bindet. Nur das nicht gebundene, freie Testosteron ist biologisch aktiv. SHBG ist deshalb wichtig, um Laborwerte richtig einzuordnen. Bei moderatem Übergewicht spiegelt ein niedriger Gesamttestosteronwert oft vor allem ein gesunkenes SHBG wider und nicht zwingend einen echten Mangel. Hohe Insulinspiegel und eine Fettleber senken das SHBG. Ein niedriges SHBG gilt als früher Hinweis auf Insulinresistenz und ein erhöhtes Risiko für Typ-2-Diabetes. Wer Testosteronwerte versteht, schaut deshalb nicht nur auf den Gesamtwert, sondern auch auf SHBG und das freie Testosteron.

Senkt Bauchfett wirklich das Testosteron?

Ja, dafür gibt es gute Belege. Bauchfett ist nicht nur ein Speicher, sondern ein aktives Organ. Es enthält das Enzym Aromatase, das Testosteron in Östrogen umwandelt. Je mehr Fettgewebe, desto mehr Umwandlung kann stattfinden. Zusätzlich strömen aus dem Bauchfett entzündliche Botenstoffe, die zusammen mit gestörten Leptin-Signalen die übergeordnete Steuerung im Gehirn dämpfen können, sodass weniger Signal an die Hoden geht. Übersichtsarbeiten beschreiben, dass bei deutlichem Übergewicht eine echte Hemmung der Hypothalamus-Hypophysen-Hoden-Achse hinzukommt. Bauchfett ist damit ein zentraler Mitspieler beim niedrigen Testosteron des Mannes, nicht nur eine Begleiterscheinung.

Kann Gewichtsabnahme das Testosteron erhöhen?

Die Daten deuten klar in diese Richtung. Eine Meta-Analyse von Studien zu Diät und bariatrischer Operation fand, dass Gewichtsverlust mit einem deutlichen Anstieg des Gesamttestosterons und des freien Testosterons verbunden war. Der Effekt war umso größer, je mehr Gewicht verloren wurde, und bei jüngeren, nicht diabetischen Männern ausgeprägter. Eine kontrollierte Studie an übergewichtigen Männern zeigte, dass eine kalorienreduzierte Ernährung über zwölf Monate Testosteron und SHBG anhob, unabhängig davon, ob die Kost eiweiß- oder kohlenhydratbetont war. Das deutet darauf hin, dass nicht ein bestimmtes Diät-Etikett zählt, sondern der Gewichtsverlust selbst. Gewicht ist damit beim männlichen Testosteron oft der erste Hebel.

Was ist hypogonadotroper Hypogonadismus bei Übergewicht?

Etwa ein Drittel der Männer mit Übergewicht oder Typ-2-Diabetes hat niedrige freie Testosteronwerte, während die Steuerungshormone aus der Hypophyse unpassend normal bleiben, statt wie erwartet anzusteigen. Diese Konstellation wird hypogonadotroper Hypogonadismus genannt. Interessant ist, dass das Östrogen bei diesen Männern eher niedrig ist und nicht hoch, wie man bei viel Fettgewebe vermuten könnte. Als Mechanismen werden eine gestörte Insulin- und Leptin-Signalwirkung im Gehirn diskutiert. Diese Form unterscheidet sich von einem klassischen Hodenversagen und ist bei Gewichtsabnahme oft teilweise umkehrbar. Eine ärztliche Abklärung ordnet ein, welche Form vorliegt.

Welche Blutwerte sind bei Übergewicht und Testosteron sinnvoll?

Sinnvoll ist mehr als ein einzelner Wert. Testosteron sollte morgens und am besten mehrfach gemessen werden, da es im Tagesverlauf schwankt. Wichtig ist, neben dem Gesamttestosteron auch SHBG zu bestimmen, um das freie, biologisch aktive Testosteron einzuschätzen. Dazu gehören die Steuerungshormone LH und FSH, um zwischen einem Hoden- und einem Steuerungsproblem zu unterscheiden, sowie Nüchternblutzucker oder Langzeitzucker und gegebenenfalls Insulin, um die Stoffwechsellage abzubilden. Auch Blutbild, Schilddrüse und Eisen gehören dazu, weil sie ähnliche Beschwerden machen können. So entsteht ein Bild des ganzen Systems statt einer isolierten Zahl. Die Einordnung gehört in ärztliche Hände.

Ist eine Testosterontherapie bei Übergewicht die Lösung?

Eine Testosterontherapie ist bei Übergewicht selten der erste Schritt. Bei der häufigen obesitas-assoziierten Form raten Übersichtsarbeiten, zuerst auf Gewichtsabnahme und die Behandlung der Begleiterkrankungen zu setzen, denn eine Testosterongabe senkt das Körpergewicht nicht und kann die Fruchtbarkeit beeinträchtigen. In Studien verringerte Testosteron zwar die Fettmasse etwas und erhöhte die Muskelmasse, ersetzt aber nicht die Grundlagen. Bei klar bestätigtem Mangel mit Beschwerden kann eine Therapie ärztlich erwogen werden, gehört aber in erfahrene Hände mit Aufklärung über Nutzen und Risiken. Dieser Text ersetzt keine ärztliche Beratung und ist keine Anleitung zur Selbstbehandlung.

Wie schnell ändert sich das Testosteron nach Gewichtsabnahme?

Ein Teil der Veränderung kann recht früh sichtbar werden. In einer kontrollierten Diätstudie stiegen Testosteron und SHBG bereits in den ersten zwölf Wochen der Gewichtsabnahme an, und das Gesamttestosteron nahm über das Jahr weiter zu, während das freie Testosteron vor allem in der zweiten Hälfte zunahm. Bei deutlichem Gewichtsverlust nach bariatrischer Operation fallen die Anstiege größer aus als bei reiner Diät. Das spricht dafür, dass nicht ein schneller Effekt zählt, sondern der nachhaltige Umbau der Körperzusammensetzung. Geduld und Beständigkeit könnten hier wichtiger sein als Tempo. Individuelle Verläufe sind sehr unterschiedlich und gehören ärztlich begleitet.

Wann sollte ich mit niedrigem Testosteron und Übergewicht zum Arzt?

Ärztlich abklären lassen solltest du anhaltende Müdigkeit und Antriebslosigkeit, deutlichen Libidoverlust, neu auftretende Erektionsprobleme, unerfüllten Kinderwunsch sowie Zeichen eines gestörten Zuckerstoffwechsels wie starken Durst, häufiges Wasserlassen oder ungewollte Gewichtsveränderungen. Hinter solchen Beschwerden können behandelbare Ursachen stecken, von der Schilddrüse über Schlafapnoe und Eisenmangel bis zu einem echten Hormonmangel oder einem Vorstadium von Diabetes. Erektionsprobleme können zudem ein früher Hinweis auf Gefäßerkrankungen sein und gehören ernst genommen. Eine gute Diagnostik schaut auf das ganze System statt nur auf eine Zahl. Bei Gedanken, nicht mehr leben zu wollen, hol dir bitte sofort Hilfe.

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SJ
Geschrieben von

Shukri Jarmoukli

Arzt, Integrative Medizin, Klinische Psychoneuroimmunologie · ViveCura Berlin, Skalitzer Straße 137 · Schwerpunkt: männliche Hormone als vernetztes System. Statt einen einzelnen Testosteronwert isoliert zu betrachten, schaue ich auf das Zusammenspiel von Bauchfett, Insulin und SHBG mit dem Testosteron. Dieser Spoke stützt sich auf die Forschung zum Zusammenhang von Übergewicht und Hormonsteuerung (Grossmann 2018, Clinical Endocrinology; Dhindsa 2018, Diabetes Care), zur Rolle von Insulin und SHBG im Stoffwechsel (Chen 2010, Minerva Endocrinologica; Kapoor 2005, Clinical Endocrinology) und zum Effekt der Gewichtsabnahme auf das Testosteron (Corona 2013, European Journal of Endocrinology; Moran 2016, PLoS One). Mein Anspruch ist eine Männersprechstunde, die den Kreislauf aus Gewicht, Stoffwechsel und Hormon als Ganzes ernst nimmt, nicht nur eine Zahl.

Quellen und weiterführende Literatur

  1. Grossmann M. Hypogonadism and male obesity: Focus on unresolved questions. Clin Endocrinol (Oxf). 2018;89(1):11-21. doi:10.1111/cen.13723 · PMID: 29683196 [Übersichtsarbeit]
  2. Dhindsa S, Ghanim H, Batra M, Dandona P. Hypogonadotropic Hypogonadism in Men With Diabesity. Diabetes Care. 2018;41(7):1516-1525. doi:10.2337/dc17-2510 · PMID: 29934480 [Übersichtsarbeit]
  3. Corona G, Rastrelli G, Monami M, et al. Body weight loss reverts obesity-associated hypogonadotropic hypogonadism: a systematic review and meta-analysis. Eur J Endocrinol. 2013;168(6):829-843. doi:10.1530/EJE-12-0955 · PMID: 23482592 [Meta-Analyse]
  4. Moran LJ, Brinkworth GD, Martin S, et al. Long-Term Effects of a Randomised Controlled Trial Comparing High Protein or High Carbohydrate Weight Loss Diets on Testosterone, SHBG, Erectile and Urinary Function in Overweight and Obese Men. PLoS One. 2016;11(9):e0161297. doi:10.1371/journal.pone.0161297 · PMID: 27584019 [RCT]
  5. Chen C, Smothers J, Lange A, Nestler JE, Strauss JF 3rd, Wickham EP 3rd. Sex hormone-binding globulin genetic variation: associations with type 2 diabetes mellitus and polycystic ovary syndrome. Minerva Endocrinol. 2010;35(4):271-280. PMID: 21178921 [Übersichtsarbeit]
  6. Kapoor D, Malkin CJ, Channer KS, Jones TH. Androgens, insulin resistance and vascular disease in men. Clin Endocrinol (Oxf). 2005;63(3):239-250. doi:10.1111/j.1365-2265.2005.02299.x · PMID: 16117808 [Übersichtsarbeit]
  7. Cheung KK, Lau ES, So WY, et al. Low testosterone and clinical outcomes in Chinese men with type 2 diabetes mellitus. Diabetes Res Clin Pract. 2016;123:97-105. doi:10.1016/j.diabres.2016.11.012 · PMID: 27997863 [Kohorte, prospektiv]
  8. Travison TG, Araujo AB, O'Donnell AB, Kupelian V, McKinlay JB. A population-level decline in serum testosterone levels in American men. J Clin Endocrinol Metab. 2007;92(1):196-202. doi:10.1210/jc.2006-1375 · PMID: 17062768 [Kohorte, prospektiv]
  9. Corona G, Rastrelli G, Sparano C, et al. Pharmacological management of testosterone deficiency in men: current advances and future directions. Expert Rev Clin Pharmacol. 2024;17(8):665-681. doi:10.1080/17512433.2024.2366505 · PMID: 38853775 [Review]
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  11. Stokes VJ, Anderson RA, George JT. How does obesity affect fertility in men, and what are the treatment options? Clin Endocrinol (Oxf). 2015;82(5):633-638. doi:10.1111/cen.12591 · PMID: 25138694 [Übersichtsarbeit]
Hinweis zur Evidenzlage: Dieser Spoke-Artikel verbindet gut belegte Zusammenhänge mit Bereichen, in denen die Forschung noch im Fluss ist. Solide belegt ist der enge Zusammenhang von Übergewicht, Insulinresistenz und niedrigem Testosteron (Grossmann 2018, Dhindsa 2018, Cheung 2016) sowie der Anstieg von Testosteron und SHBG nach Gewichtsabnahme (Corona 2013, Moran 2016). Mechanismen über Aromatase, Leptin und Entzündung sind plausibel und durch Beobachtungs- und Mechanismus-Daten gestützt, aber nicht in jedem Detail durch große Humanstudien bewiesen. Die eigenständige Rolle von SHBG im Zuckerstoffwechsel (Chen 2010) ist Gegenstand laufender Forschung. Dieser Text dient der Information und ersetzt keine ärztliche Untersuchung, Diagnose oder Behandlung. Eine Testosteron-Ersatztherapie ist verschreibungspflichtig und gehört in ärztliche Hände. Bei anhaltenden, neuen oder ungewöhnlichen Beschwerden, bei neu auftretenden Erektionsproblemen, bei unerfülltem Kinderwunsch oder bei Zeichen eines gestörten Zuckerstoffwechsels sollte eine ärztliche Abklärung erfolgen. Bei Stimmungstiefs, die nicht weggehen, oder bei Gedanken, nicht mehr leben zu wollen, hol dir bitte umgehend ärztliche oder psychotherapeutische Hilfe (in Deutschland Telefonseelsorge kostenlos unter 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222).

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