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K-Hole und Dissoziation unter Ketamin: Was wirklich passiert

Neurobiologie der Dissoziation, Unterschied zwischen therapeutischer Tiefe und K-Hole, und warum das Setting den ganzen Unterschied macht.

SJ
Shukri Jarmoukli · Arzt, ViveCura Berlin

1. Eine Erfahrung, die alles mit Setting zu tun hat

Wer im Internet nach K-Hole sucht, findet eindrückliche, oft beunruhigende Berichte. Komplette Immobilität. Realitätsverlust. Das Gefühl, nie wieder zurückzukommen. Diese Berichte stammen fast ausschließlich aus dem rekreativen Konsum mit hohen Dosen, ohne Vorbereitung, ohne Begleitung. Wer eine therapeutische Ketamin-Sitzung erwägt, fragt sich verständlicherweise: passiert mir das auch?

Diese Angst kenne ich aus vielen Vorgesprächen: die Sorge, in ein Loch zu fallen und nicht mehr herauszukommen. Was hier helfen kann, ist eine saubere Unterscheidung zwischen zwei sehr verschiedenen Situationen, dem hochdosierten Konsum ohne Begleitung und der ärztlich begleiteten Anwendung in niedriger Dosis. Viele Menschen beschreiben die begleitete Dissoziation im Nachgespräch als tief, aber tragbar. Andere erleben sie als anstrengend oder als zu viel. Beide Rückmeldungen kommen vor, und ich kann dir vorher nicht sagen, zu welcher Gruppe du gehörst.

Mein Standpunkt

Das K-Hole ist kein Naturgesetz von Ketamin. Beschrieben wird es vor allem nach sehr hohen Dosen ohne ärztliche Steuerung. Im ärztlich begleiteten Setting mit niedriger Dosis und langsamer Infusion ist eine tragbare Dissoziation das Ziel, nicht der Realitätsverlust. Ein Ziel ist keine Garantie. Wie du reagierst, lässt sich vorher nicht sicher vorhersagen.

2. Was Dissoziation ist, und was darüber bekannt ist

Dissoziation beschreibt eine teilweise Entkopplung von Wahrnehmung, Bewusstsein und Körpererleben. Die therapeutische Dissoziation ist etwas anderes als eine Psychose, auch wenn die Grenze in der Forschung diskutiert wird. Ketamin kann vorübergehend psychoseähnliche Wahrnehmungen auslösen, die mit dem Abklingen der Wirkung wieder verschwinden. Bei bekannter Psychose oder entsprechender familiärer Vorbelastung muss das im Vorgespräch offen angesprochen werden, weil es gegen eine Anwendung sprechen kann.

Subjektiv kann das verschiedene Ausprägungen haben. Vom sanften Beobachtergefühl über die deutliche Loslösung vom Körper bis zur tiefen dissoziativen Versenkung in einem inneren Raum.

Was der Mechanismus hergibt, und was nicht

Krystal, Kavalali und Monteggia fassen 2024 in Neuropsychopharmacology zusammen, was über die Wirkung von Ketamin bekannt ist. Ketamin blockiert den offenen Kanal des NMDA-Rezeptors. Daraus ergeben sich Veränderungen an den Synapsen, die als Grundlage der schnellen antidepressiven Wirkung diskutiert werden. Zur Frage, wie genau die dissoziative Erfahrung selbst im Gehirn entsteht, gibt es bislang keine abschließende Antwort. Diskutiert wird, dass die Blockade der NMDA-Rezeptoren die Integration von Sinnes- und Selbstinformationen vorübergehend lockern kann, unter anderem in Netzwerken, die für das Selbstempfinden wichtig sind. Das ist eine Arbeitshypothese, kein gesicherter Befund.

Krystal JH, Kavalali ET, Monteggia LM. Ketamine and rapid antidepressant action: new treatments and novel synaptic signaling mechanisms. Neuropsychopharmacology. 2024;49(1):41-50. DOI: 10.1038/s41386-023-01629-w [Übersichtsarbeit, synaptische Mechanismen]

3. Therapeutische Dissoziation vs K-Hole, der direkte Vergleich

Ärztlich begleitete DissoziationNiedrige, gewichtsbezogen berechnete Dosis, langsam infundiert

Meist sanftes Beobachtergefühl, leichte Loslösung vom Körper, weichere Wahrnehmung. Ansprechbarkeit in der Regel erhalten. Innere Bilder können zugänglich werden. Klingt üblicherweise in 1 bis 2 Stunden ab. Nebenwirkungen wie Übelkeit, Schwindel und Blutdruckanstieg sind auch hier möglich.

K-HoleHohe Dosis ohne ärztliche Steuerung

Komplette Immobilität, Verlust des Körpererlebens, intensive innere Welten. Keine Kommunikation möglich. Subjektiver Realitätsverlust. Schutzreflexe können beeinträchtigt sein, dazu Aspirationsgefahr bei Erbrechen sowie Sturz- und Unfallgefahr. Dauert meist 30 bis 90 Minuten.

Falls du das bei jemandem beobachtest: Ein K-Hole ist kein harmloser Zustand. Wenn jemand nicht ansprechbar ist, erbricht, flach atmet oder zusätzlich Alkohol, Opioide oder Benzodiazepine im Spiel sind, wähle den Notruf 112. Bring die Person in die stabile Seitenlage und lass sie nicht allein.

4. Warum das ärztlich begleitete Setting einen Unterschied machen kann

Drei Faktoren machen den Unterschied. Erstens die Dosis, ärztlich und gewichtsbezogen berechnet, deutlich unter der Narkosedosis. Zweitens die Geschwindigkeit, langsam über die Infusion statt schnell und hoch dosiert. Drittens die Begleitung, ärztliche Präsenz die ganze Zeit. Diese drei Schichten zusammen können es sehr viel unwahrscheinlicher machen, dass die Dissoziation in den Bereich eines K-Hole rutscht. Eine Garantie gibt es nicht, weil Menschen unterschiedlich auf die gleiche Dosis reagieren. Genau deshalb bleibt jemand die ganze Zeit bei dir.

Wenn die Dissoziation tiefer wird: Wer die Infusion begleitet, achtet auf frühe Zeichen einer zu tiefen Wirkung und kann die Infusion verlangsamen oder stoppen. Ein Gegenmittel gibt es nicht, die Wirkung klingt über die Zeit ab. Genau deshalb wird langsam dosiert und nicht schnell. Beim Konsum ohne Begleitung fehlt dieser Sicherheitsmechanismus komplett.

5. Vier KPNI-Linsen auf das dissoziative Erleben

Nervensystem: NMDA-Blockade und Glutamat-Modulation

Die Dissoziation wird vor allem auf die Hemmung der Glutamat-Übertragung an NMDA-Rezeptoren zurückgeführt. Wie tief sie ausfällt, kann mit der Dosis zusammenhängen. Ganz so einfach ist es aber nicht. Ketamin und seine Abbauprodukte wirken auch an anderen Rezeptorsystemen, unter anderem an GABA-, Dopamin-, Serotonin-, Sigma-, Opioid- und cholinergen Rezeptoren sowie an Natrium- und HCN-Kanälen. Die individuelle Empfindlichkeit ist sehr unterschiedlich. Zwei Menschen können bei gleicher Dosis pro Kilogramm ganz verschieden reagieren.

Immunsystem: Inflammation und Erlebnis-Qualität

Ob eine chronische niedriggradige Neuroinflammation die subjektive Tiefe der Dissoziation mitbestimmt, ist bisher nicht untersucht. Manche Menschen mit hohen Entzündungsmarkern berichten von gedämpften Erlebnissen, andere von intensiveren. Die individuelle Variabilität ist hoch. Das ist eine physiologische Überlegung und eine klinische Beobachtung, keine Studienaussage.

Stoffwechsel: Mitochondrien und Bewusstseinsverarbeitung

Die mitochondriale Energieversorgung der Nervenzellen könnte mitbestimmen, wie das Gehirn eine akute pharmakologische Veränderung verarbeitet. Bei mitochondrialer Funktionsschwäche könnte die Verarbeitung anders ablaufen und die subjektive Erfahrung anders färben. Auch das ist eine physiologische Überlegung ohne Studienbeleg für die Dissoziation.

Hormonsystem: Stresshormone, eine offene Frage

Ob Stresshormone beeinflussen, wie du die Dissoziation erlebst, ist offen. Eine kontrollierte Untersuchung an 42 Menschen mit therapieresistenter Depression fand keinen signifikanten Zusammenhang zwischen den Stresshormonen im Blut und der antidepressiven Wirkung von Ketamin. Zur Frage, wie Stress das Erleben selbst färbt, gibt es bisher keine belastbaren Daten. Dass eine ruhige Vorbereitung hilft, ist klinische Erfahrung, keine Studienaussage.

6. Wann Dissoziation therapeutisch nützlich sein kann

Der mögliche therapeutische Wert der Dissoziation liegt darin, dass der ständige analytische Filter des Geistes leiser werden kann. Manche Menschen mit einem sehr aktiven inneren Kommentator beschreiben dieses Leiserwerden als große Entlastung. Belastbare Zahlen dazu gibt es nicht, das ist eine klinische Beobachtung und keine Studienaussage.

Wie belastbar die Studienlage ist

Ob die Tiefe der dissoziativen Erfahrung mit dem antidepressiven Ansprechen zusammenhängt, wird seit Jahren diskutiert. Die Befunde sind uneinheitlich. Manche Arbeiten sehen einen Zusammenhang, andere nicht. Wichtig für die Einordnung: Eine Übersicht von 26 systematischen Reviews mit 44 randomisierten Studien und 3.316 Teilnehmenden kommt zwar zu dem Schluss, dass Ketamin und Esketamin bei Depression wirksam und kurzfristig vertretbar verträglich sein können. Die Autorinnen und Autoren betonen aber ausdrücklich die schlechte methodische Qualität der eingeschlossenen Arbeiten und eine niedrige Vertrauenswürdigkeit der Evidenz. Wer hier mit Sicherheit argumentiert, argumentiert über die Datenlage hinaus.

Rodolico A et al. Efficacy and safety of ketamine and esketamine for unipolar and bipolar depression: an overview of systematic reviews with meta-analysis. Front Psychiatry. 2024;15:1325399. DOI: 10.3389/fpsyt.2024.1325399 [Overview of Reviews, niedrige Vertrauenswürdigkeit der Evidenz]

7. Was tun, wenn die Erfahrung schwierig wird

Auch im ärztlich begleiteten Setting kann eine Sitzung emotional intensiv werden. Material, das lange verdrängt war, kann auftauchen. Angst kann aufkommen. Mit Begleitung lässt sich das in vielen Fällen auffangen. Planbar ist es nicht.

Was beruhigen kann: eine ruhige Stimme, sanfte Berührung am Arm, die Erinnerung an das Setting und an die zeitliche Begrenzung der Erfahrung. In seltenen Fällen kann ergänzend ein beruhigendes Medikament sinnvoll sein. Das bleibt eine ärztliche Einzelfallentscheidung, denn Benzodiazepine wirken zusammen mit Ketamin zusätzlich dämpfend und können die Atmung beeinträchtigen.

Ehrliche Einordnung

Auch eine schwierige Sitzung kann sich mit guter Integration in den Tagen danach als hilfreich erweisen. Sicher ist das nicht. Manche Menschen brauchen danach mehr Begleitung, manche entscheiden sich gegen eine weitere Sitzung. Beides ist in Ordnung und gehört offen besprochen.

8. Wahre Freiheit, vom Filter zum Erleben

Wahre Freiheit

Die therapeutische Dissoziation kann einen Raum öffnen, in dem du dich selbst weniger durch den Filter des Alltags wahrnimmst. Diese kurzfristige Lockerung des analytischen Selbst kann ein Wendepunkt sein. Muss sie aber nicht. Manche Menschen beschreiben es so: nicht, dass sie etwas verlieren, sondern dass etwas sichtbar wird, das unter dem ständigen Selbstkommentar lag.

9. Drei konkrete Hebel

Hebel 1: Frag nach Dosis, Tempo und Aufklärung

Die intravenöse Ketamingabe bei Depression ist in Deutschland ein Off-Label-Use, also eine Anwendung außerhalb der arzneimittelrechtlichen Zulassung. Zugelassen ist bislang nur das Esketamin-Nasenspray in einem eng definierten Rahmen. Das heißt nicht, dass die Infusion unseriös ist, es gibt dazu eine breite Studienlage. Es heißt, dass du darüber gesondert aufgeklärt werden musst und selbst zustimmst.

Es gibt verschiedene sinnvolle Wege, Ketamin zu geben, intravenös, intramuskulär, nasal oder sublingual, jeweils mit eigenen Vor- und Nachteilen. Entscheidend ist nicht der Weg, sondern dass Dosis, Tempo und Begleitung zu dir und deiner Vorgeschichte passen und dir jemand erklären kann, warum genau so vorgegangen wird. Frag danach.

Hebel 2: Bereite dich mental auf die Dissoziation vor

Im Vorgespräch klar besprechen: was sind deine Anker, was beruhigt dich, was gibt dir ein Sicherheitsgefühl. Diese Vorbereitung kann helfen, die Erfahrung tragbar zu halten, auch wenn sie tief wird.

Hebel 3: Plane die Integration konkret

Die Dissoziation ist nicht das Ziel, sondern der Zugang. Was du in der Integration mit dem Erlebten machst, kann für den nachhaltigen Wert entscheidend sein. Plane Integrationsgespräche von Anfang an mit ein.

10. Nebenwirkungen, Grenzen und Sicherheit

Ein Text über Dissoziation wäre unvollständig, wenn er nur vom Erleben spricht. Ketamin ist ein verschreibungspflichtiges Medikament mit Nebenwirkungen und mit klaren Grenzen. Das gehört genauso dazu.

Was an Nebenwirkungen beschrieben ist

Häufig genannt werden Schwindel, Übelkeit, Sehstörungen, ein vorübergehender Anstieg von Blutdruck und Puls, Sedierung und vorübergehende psychiatrische Nebenwirkungen. Die dissoziative Erfahrung selbst wird in Studien ausdrücklich als dosisabhängige Nebenwirkung geführt, nicht nur als therapeutischer Effekt. Manche Menschen erleben sie genau so, als unangenehm und nicht als hilfreich.

Sicherheitsdaten, Meta-Analyse 2025

Eine systematische Übersichtsarbeit mit Meta-Analyse wertete 47 Studien zu Ketamin und Esketamin bei Depression aus. Für Ketamin gegen Placebo lag die Number Needed to Harm für unerwünschte Ereignisse bei 2. Rechnerisch heißt das: schon bei etwa jeder zweiten behandelten Person kann ein unerwünschtes Ereignis auftreten, das ohne die Behandlung nicht aufgetreten wäre. Schwerwiegende unerwünschte Ereignisse waren in dieser Auswertung nicht signifikant häufiger. Schwindel, Dissoziation, Übelkeit, Drehschwindel und verschwommenes Sehen zeigten sich dosisabhängig, dazu vorübergehende psychiatrische Nebenwirkungen, Blutdruckanstieg und Sedierung nach der Gabe.

Guo H et al. Comparative safety and tolerability of ketamine and esketamine for major depressive disorder: a systematic review and meta-analysis. Front Pharmacol. 2025;16:1681060. DOI: 10.3389/fphar.2025.1681060 [Systematischer Review mit Meta-Analyse, 47 Studien]

Bei häufigem, unkontrolliertem Gebrauch

Für den wiederholten Konsum außerhalb eines ärztlichen Rahmens ist etwas anderes beschrieben. Eine Übersichtsarbeit fasst als wesentliche Schäden eine ketaminbedingte ulzerative Blasenentzündung zusammen, dazu Beeinträchtigungen von Arbeits- und Episodengedächtnis bei häufigem Gebrauch sowie Abhängigkeitsentwicklung, bei der Betroffene über gescheiterte Aufhörversuche berichten. Das ist einer der Gründe, warum Ketamin in einen begrenzten, begleiteten Rahmen gehört und nicht in die Eigenregie.

Schäden bei chronischem Konsum

Morgan und Curran ordnen 2012 in Addiction die körperlichen, psychischen und sozialen Folgen von akutem und chronischem Ketaminkonsum ein. Sie beschreiben die ulzerative Zystitis als zentralen körperlichen Schaden, vor allem bei häufigem, täglichem Gebrauch, dazu neurokognitive Einschränkungen und Abhängigkeit. Das ist die Kehrseite derselben Substanz, über die dieser Artikel spricht.

Morgan CJA, Curran HV. Ketamine use: a review. Addiction. 2012;107(1):27-38. DOI: 10.1111/j.1360-0443.2011.03576.x [Übersichtsarbeit, Schäden bei akutem und chronischem Konsum]

Wann Ketamin nicht infrage kommt

Gegen eine Anwendung können unter anderem sprechen: ein schlecht eingestellter Bluthochdruck, bestimmte Herz- und Gefäßerkrankungen einschließlich Aneurysmen, ein erhöhter Hirndruck, ein Glaukom, eine schwere Leber- oder Nierenerkrankung, eine Schilddrüsenüberfunktion, eine akute Psychose oder ein erhöhtes Psychoserisiko, eine bestehende Abhängigkeitserkrankung sowie Schwangerschaft und Stillzeit. Diese Aufzählung ist nicht vollständig. Ob Ketamin für dich infrage kommt, klärt ein ärztliches Gespräch mit Anamnese und Untersuchung, nicht ein Artikel im Internet.

Wechselwirkungen und der Tag danach

Wichtig sind Wechselwirkungen mit Benzodiazepinen und Opioiden, weil sich die dämpfende Wirkung addieren kann, außerdem mit Alkohol, mit MAO-Hemmern und mit Blutdruckmedikamenten. Sag deshalb vor der Behandlung alles, was du einnimmst. Am Behandlungstag darfst du kein Fahrzeug führen, keine Maschinen bedienen und keine rechtlich bindenden Entscheidungen treffen. Plane eine Begleitperson für den Heimweg ein.

Wenn es akut wird: Bei starker Bewusstseinstrübung, Erbrechen, flacher Atmung oder wenn jemand nicht ansprechbar ist, gilt der Notruf 112. Stabile Seitenlage, nicht allein lassen. Wenn du an Suizid denkst oder in einer seelischen Krise steckst, ist die Telefonseelsorge rund um die Uhr und kostenfrei erreichbar unter 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222, im Notfall gilt ebenfalls die 112. Das ist dringender als jeder Praxistermin.

Häufige Fragen zur Dissoziation

Die Fragen, die mir zur Dissoziation und zum K-Hole am häufigsten gestellt werden.

Was ist ein K-Hole?

Zustand tiefer Dissoziation nach sehr hohen Dosen. Komplette Immobilität, Verlust der Körperverbindung, intensive innere Erfahrungen, subjektiver Realitätsverlust. Dauer meist 30 bis 90 Minuten. Harmlos ist das nicht: Schutzreflexe können beeinträchtigt sein, Erbrechen mit Aspirationsgefahr und Stürze sind möglich. Im ärztlich begleiteten Setting wird deutlich niedriger dosiert.

Was ist Dissoziation unter Ketamin?

Teilweise Entkopplung von Wahrnehmung, Bewusstsein und Körpererleben. Im begleiteten Setting oft ein sanftes Beobachtergefühl und eine weichere Selbstwahrnehmung. Bei höheren Dosen kann sie tiefer werden, bis hin zum K-Hole. Die Dosis wird so gewählt, dass die Erfahrung tragbar bleiben kann. Eine Garantie dafür gibt es nicht.

Ist ein K-Hole gefährlich?

Ein K-Hole ist kein harmloser Zustand. Atmung und Kreislauf bleiben unter Ketamin oft länger erhalten als unter anderen Substanzen, bei hohen Dosen können Atmung und Schutzreflexe aber beeinträchtigt werden. Dazu kommen Blutdruckanstieg, Aspirationsgefahr bei Erbrechen, Stürze und Unfälle. Mit Alkohol, Opioiden oder Benzodiazepinen kann es lebensbedrohlich werden. Dann gilt: Notruf 112, stabile Seitenlage, nicht allein lassen.

Tritt ein K-Hole in der Therapie auf?

Die Dosis wird individuell nach Körpergewicht berechnet, liegt deutlich unter der Narkosedosis und wird langsam über die Infusion gegeben. Konkrete Zahlen gehören in das ärztliche Aufklärungsgespräch, nicht in einen öffentlichen Ratgeber. Damit wird ein K-Hole sehr viel unwahrscheinlicher, ausschließen lässt es sich nicht. Wird die Erfahrung zu tief, kann die Infusion verlangsamt oder gestoppt werden.

Warum kann Dissoziation therapeutisch nützlich sein?

Sie kann den ständigen analytischen Filter leiser werden lassen. Emotionen, Erinnerungen und Muster können dadurch zugänglicher werden. Manche Menschen beschreiben das als große Entlastung, andere als anstrengend. Belastbare Zahlen gibt es dazu nicht, das ist klinische Beobachtung. Dass sich dadurch ein Zeitfenster für therapeutische Arbeit öffnen kann, ist eine Arbeitshypothese.

Was tun, wenn es unangenehm wird?

Im ärztlich begleiteten Setting bist du nicht allein. Wer begleitet, bleibt präsent, ruhige Stimme, sanfte Berührung, klares Da-sein. Bei starker Angst kann ergänzend ein beruhigendes Medikament eingesetzt werden. Das ist eine ärztliche Einzelfallentscheidung, weil Benzodiazepine zusammen mit Ketamin zusätzlich dämpfend wirken und die Atmung beeinträchtigen können. Die Anker gehören ins Vorgespräch.

Erinnert man sich an die Sitzung?

In der Regel ja, oft sehr detailliert. Auch dissoziative Erfahrung bleibt mit Bildern, Emotionen und Bedeutung präsent. Bei sehr hohen Dosen Amnesie möglich, im therapeutischen Setting Ausnahme. Erinnern wichtig für Integration.

Welche Nebenwirkungen und Risiken hat Ketamin?

Häufig sind Schwindel, Übelkeit, Sehstörungen, vorübergehender Anstieg von Blutdruck und Puls, Sedierung und vorübergehende psychiatrische Nebenwirkungen. Die Dissoziation selbst gilt in Studien als dosisabhängige Nebenwirkung. Bei häufigem, unkontrolliertem Gebrauch sind Blasenschäden, Gedächtnisstörungen und Abhängigkeit beschrieben. Gegen eine Anwendung können unter anderem schlecht eingestellter Bluthochdruck, bestimmte Herz- und Gefäßerkrankungen, erhöhter Hirndruck, Glaukom, schwere Leber- oder Nierenerkrankung, Schilddrüsenüberfunktion, akute Psychose oder Psychoserisiko, Abhängigkeitserkrankungen sowie Schwangerschaft und Stillzeit sprechen. Mehr dazu steht im Abschnitt Nebenwirkungen, Grenzen und Sicherheit.

Kann das traumatisierend sein?

Ohne Vorbereitung und Begleitung kann eine zu tiefe Dissoziation sehr belastend sein. Wie häufig eine begleitete Sitzung als traumatisierend erlebt wird, ist bislang nicht systematisch untersucht. Aus meiner Erfahrung ist es die Ausnahme, das ist Beobachtung und keine Zahl. Belastend erlebte Inhalte können sich mit guter Begleitung als bearbeitbar erweisen. Sicher ist das nicht.

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Shukri Jarmoukli

Arzt · Tätigkeitsschwerpunkt Integrative Medizin · ViveCura Berlin

Shukri Jarmoukli ist Arzt in Berlin mit Schwerpunkt auf integrativer und funktioneller Medizin. Vor einer Ketamin-Sitzung gehört für ihn ein ausführliches Vorgespräch dazu, in dem Nutzen, Risiken, Grenzen und der Off-Label-Status offen besprochen werden. Praxis ViveCura, Skalitzer Straße 137, 10999 Berlin.

Quellen

  1. Krystal JH, Kavalali ET, Monteggia LM. Ketamine and rapid antidepressant action: new treatments and novel synaptic signaling mechanisms. Neuropsychopharmacology. 2024;49(1):41-50. DOI: 10.1038/s41386-023-01629-w [Übersichtsarbeit, synaptische Mechanismen]
  2. Rodolico A et al. Efficacy and safety of ketamine and esketamine for unipolar and bipolar depression: an overview of systematic reviews with meta-analysis. Front Psychiatry. 2024;15:1325399. DOI: 10.3389/fpsyt.2024.1325399 [Overview of Reviews, 26 systematische Reviews, 44 RCTs, n=3.316, niedrige Vertrauenswürdigkeit der Evidenz]
  3. Li N et al. mTOR-dependent synapse formation underlies the rapid antidepressant effects of NMDA antagonists. Science. 2010;329(5994):959-964. DOI: 10.1126/science.1190287 [In vivo, Ratte, mechanistisch]
  4. Morgan CJA, Curran HV. Ketamine use: a review. Addiction. 2012;107(1):27-38. DOI: 10.1111/j.1360-0443.2011.03576.x [Übersichtsarbeit, Schäden bei akutem und chronischem Konsum, ulzerative Zystitis, Kognition, Abhängigkeit]
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Transparenz-Hinweis: Die Beschreibung der dissoziativen Erfahrung basiert auf klinischer Erfahrung und auf der wissenschaftlichen Literatur zur Phänomenologie dissoziativer Substanzen. Wo dieser Artikel von klinischer Beobachtung spricht, ist ausdrücklich keine Studienaussage gemeint. Individuelle Erfahrungen können deutlich abweichen. Eine pauschale Vorhersage der eigenen Sitzungsqualität ist nicht möglich. Die Studienlage zu Ketamin bei Depression ist umfangreich, in ihrer methodischen Qualität aber begrenzt.

Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel ersetzt kein ärztliches Gespräch. Er dient der Information und nicht der Selbstbehandlung. Ketamin ist verschreibungspflichtig und gehört in ärztliche Hand. Die intravenöse Anwendung bei Depression ist in Deutschland ein Off-Label-Use. In einer akuten Krise oder bei Suizidgedanken: Notruf 112, Telefonseelsorge 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222, rund um die Uhr und kostenfrei.

Verantwortlich für den Inhalt: Shukri Jarmoukli, Arzt, Praxis ViveCura, Skalitzer Straße 137, 10999 Berlin. Impressum und Datenschutz unter vivecura.com. Veröffentlicht am 21. Mai 2026, zuletzt aktualisiert am 30. August 2026.

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