Set-Point-Theorie: Warum dein Körper dein altes Gewicht zurückholt
Dein Körper verteidigt ein vertrautes Gewicht. Nach einer Diät steigen Hunger und Appetit, und der Energieverbrauch sinkt stärker, als der Gewichtsverlust allein erklärt. Das kann einen großen Teil des Jojo-Effekts erklären. Ob sich dieser Sollwert verschieben lässt, ist offen. Die Studien sprechen eher für Geduld als für Härte.
Wenn das Gewicht nach einer Diät zurückkommt, fällt oft schnell ein Wort: Disziplin. Ich sehe darin vor allem Biologie. Dein Körper hat nicht versagt. Er hat getan, wofür er gebaut ist: dich vor Mangel zu schützen.
Fünf Diäten. Fünf Mal hast du durchgehalten, gezählt, verzichtet. Fünf Mal ging die Zahl auf der Waage nach unten.
Und fünf Mal kam sie zurück. Am Ende stand sie jedes Mal ein Stück höher als vor dem Start.
Vielleicht erkennst du dich darin wieder. Dieses Muster begegnet mir in der Praxis oft. Meist kommt es zusammen mit einem leisen Satz: Ich kriege es einfach nicht hin.
Ich möchte dir eine andere Lesart anbieten. Keine Ausrede, sondern eine Erklärung. Sie handelt von einem Regelkreis zwischen deinem Fettgewebe und deinem Gehirn, der viel älter ist als jede Diät.
Fachleute sprechen vom Set-Point, einem Sollwert für dein Gewicht. Stell dir ein Thermostat vor. Wird es im Raum kühler, dreht es die Heizung hoch. Dein Körper reagiert auf Gewichtsverlust ähnlich: mit mehr Hunger und einem sparsameren Verbrauch.
Wie stark dieser Regelkreis ist, wie lange er nachwirkt und ob du ihn verstellen kannst, schauen wir uns jetzt Schritt für Schritt an. Ehrlich, mit allem, was belegt ist, und allem, was noch offen ist.
Was dich in diesem Artikel erwartet
- Was der Set-Point ist und wo er sitzt
- Die zwei Hebel: Hunger und Sparflamme
- Leptin und Hypothalamus als Schaltzentrale
- Was sechs Jahre nach The Biggest Loser blieb
- Warum du nach Diäten schwerer werden kannst
- Set-Point, Settling-Point und neuere Modelle
- Lässt sich der Sollwert verschieben?
- Drei Hebel für einen geduldigeren Weg
Was ist der Set-Point?
Hast du dich schon einmal gefragt, warum dein Gewicht über Jahre oft erstaunlich stabil bleibt? Du zählst nicht jede Kalorie. An manchen Tagen isst du mehr, an anderen weniger. Und trotzdem pendelt die Waage meist um dieselbe Zahl.
Eigentlich müsste schon ein kleiner täglicher Überschuss über die Jahre sichtbar werden. Dass das oft nicht passiert, hat Forschende früh auf eine Idee gebracht: Dein Körperfett wird reguliert. Nicht auf das Gramm genau, aber in einem Bereich.
Die Steuerung sitzt nach heutigem Verständnis vor allem im Gehirn, im Hypothalamus. Das ist eine kleine Region an der Schädelbasis, etwa so groß wie eine Mandel. Er ist so etwas wie die Leitstelle deines Energiehaushalts.
Der Hypothalamus empfängt Meldungen aus dem Fettgewebe, aus dem Darm und aus dem Blut. Daraus errechnet er, ob genug Energie im Tank ist. Und er steuert gegen, wenn der Füllstand fällt.
Ein Team der Rockefeller University in New York um Rudolph Leibel und Michael Rosenbaum hat 1995 genau hingeschaut. 41 Erwachsene, 18 davon mit Adipositas, nahmen unter kontrollierten Bedingungen 10 bis 20 Prozent ab oder 10 Prozent zu. Wer 10 Prozent oder mehr unter seinem Ausgangsgewicht blieb, verbrauchte pro Kilogramm fettfreier Masse täglich 6 bis 8 Kilokalorien weniger. Wer 10 Prozent darüber lag, verbrauchte 8 bis 9 Kilokalorien mehr.
Für dich heißt das: Dein Körper bremst in beide Richtungen. Das galt für Menschen mit und ohne Adipositas, unabhängig von Geschlecht und Fettanteil.
Leibel RL, Rosenbaum M, Hirsch J. N Engl J Med. 1995. DOI: 10.1056/NEJM199503093321001Stell dir eine Kugel in einer Schale vor. Schubst du sie zur Seite, rollt sie zurück zur Mitte. Je weiter du sie schiebst, desto steiler wird der Rand. So ähnlich verhält sich dein Körper, wenn sein Gewicht sich vom Gewohnten entfernt.
Wichtig ist mir eine Unterscheidung. Der Set-Point ist ein Modell, kein Organ, das man messen kann. Er beschreibt, was wir beobachten: einen Körper, der Veränderungen ausgleicht. Wie fest dieser Sollwert ist, diskutieren Fachleute bis heute. Darauf komme ich weiter unten zurück.
Dein Gewicht ist kein Zeugnis für deinen Charakter. Es ist das Ergebnis eines Regelkreises, der dich vor Hungerzeiten schützen soll.
Und jetzt weißt du, warum sich ein paar Kilo weniger manchmal anfühlen wie ein Kampf gegen dich selbst.
Hunger und Sparflamme: die zwei Hebel deines Körpers
Kennst du das? In den ersten Diätwochen läuft es gut. Dann wird der Hunger lauter. Gedanken an Essen werden häufiger. Und die Waage bewegt sich trotz gleicher Disziplin kaum noch.
Das ist kein Zufall. Dein Körper hat zwei Hebel, um ein Gewicht zu verteidigen. Er kann dich mehr essen lassen. Und er kann weniger verbrauchen.
Hebel 1: Der Hunger wird lauter
An der University of Melbourne begleitete ein Team um Priya Sumithran 50 Menschen mit Übergewicht oder Adipositas durch eine zehnwöchige, sehr kalorienarme Diät. Im Schnitt verloren sie 13,5 Kilogramm. Danach sanken Sättigungssignale wie Leptin, Peptid YY und Cholecystokinin, das Hungerhormon Ghrelin stieg. Ein Jahr später waren viele dieser Veränderungen noch messbar, und die Teilnehmenden hatten weiterhin mehr Hunger als vor der Diät.
Für dich heißt das: Der Hunger nach einer Diät ist keine Einbildung. Er hat eine hormonelle Handschrift, die lange bleiben kann.
Sumithran P et al. N Engl J Med. 2011. DOI: 10.1056/NEJMoa1105816Ein Team um David Polidori und Kevin Hall von den National Institutes of Health nutzte Daten aus einer Studie mit 153 Menschen mit Typ-2-Diabetes. Ein Medikament ließ sie über den Urin Zucker und damit Energie verlieren, ohne dass sie das Defizit direkt bemerkten. Die Berechnung ergab: Pro verlorenem Kilogramm aßen die Teilnehmenden etwa 100 Kilokalorien pro Tag mehr als vorher. Das war mehr als dreimal so viel wie die Einsparung beim Energieverbrauch.
Für dich heißt das: Der stärkere Gegenspieler scheint der Appetit zu sein, nicht der Stoffwechsel.
Polidori D, Sanghvi A, Seeley RJ, Hall KD. Obesity (Silver Spring). 2016. DOI: 10.1002/oby.21653Hebel 2: Der Körper schaltet auf Sparflamme
Der zweite Hebel ist leiser. Wer abnimmt, verbraucht natürlich weniger Energie, weil weniger Körper zu versorgen ist. Doch nach einer Diät sinkt der Verbrauch oft stärker, als die neue Körpermasse erklärt. Fachleute nennen diesen Rest adaptive Thermogenese.
Bildlich gesprochen: Dein Körper schaltet in den Energiesparmodus, wie ein Handy mit wenig Akku. Die Funktionen laufen weiter, nur sparsamer.
Ein Team der Universität Kiel um Müller und Bosy-Westphal hat die Daten zur adaptiven Thermogenese beim Menschen zusammengefasst. Unter kontrolliertem Unteressen braucht dieser Sparmodus mehr als zwei Wochen, um sich aufzubauen. Im Mittel beträgt er etwa 120 Kilokalorien pro Tag, mit großen Unterschieden zwischen einzelnen Menschen. Ein gedämpftes sympathisches Nervensystem, weniger aktives Schilddrüsenhormon T3 und ein niedriger Leptinspiegel tragen vermutlich dazu bei.
Für dich heißt das: Der Sparmodus ist real, aber meist kleiner als befürchtet. Bei manchen Menschen fällt er deutlich stärker aus.
Müller MJ, Bosy-Westphal A. Obesity (Silver Spring). 2013. DOI: 10.1002/oby.20027Das New Yorker Team um Rosenbaum und Leibel untersuchte 21 Menschen stationär, in Dreiergruppen nach Geschlecht und Gewicht zusammengestellt. Verglichen wurden Menschen in ihrem gewohnten Gewicht, Menschen kurz nach einer Abnahme von mindestens 10 Prozent und Menschen, die so eine Abnahme schon über ein Jahr hielten. Der Energieverbrauch war in beiden Abnehm-Gruppen niedriger, und zwar ähnlich stark.
Für dich heißt das: Der Sparmodus muss nicht nach ein paar Wochen verschwinden. Er kann auch nach über einem Jahr noch da sein.
Rosenbaum M, Hirsch J, Gallagher DA, Leibel RL. Am J Clin Nutr. 2008. DOI: 10.1093/ajcn/88.4.906mehr Appetit pro Tag je verlorenem Kilogramm (Polidori 2016)
adaptive Thermogenese im Mittel, mit großer Streuung (Müller 2013)
danach waren Hungerhormone und Hunger noch verändert (Sumithran 2011)
Durchschnittswerte aus unterschiedlichen Studien mit unterschiedlichen Methoden. Im Einzelfall können die Werte deutlich abweichen.
Hier greifen drei der vier KPNI-Linsen ineinander. Das Hormonsystem meldet Mangel über weniger Leptin und mehr Ghrelin. Das Nervensystem fährt den Sympathikus herunter, also den Teil, der dich auf Leistung stellt. Und der Stoffwechsel arbeitet sparsamer, bis hinein in die Muskelzelle. Wie Hunger und Sättigung im Alltag zusammenspielen, beschreibe ich ausführlich im Artikel über Appetit-Regulation.
Hebel 1: Mehr Hunger
Sättigungshormone sinken, Hungerhormone steigen, Essen erscheint verlockender. Nach den Berechnungen von Polidori und Kollegen ist das der stärkere Hebel.
Hebel 2: Sparflamme
Der Verbrauch sinkt etwas stärker, als die Körpermasse erklärt. Im Mittel eher klein, individuell sehr unterschiedlich und teils über Jahre messbar.
Viele glauben, nach einer Diät sei der Stoffwechsel kaputt. Häufiger scheint der Hunger der lautere Gegenspieler zu sein. Das ist keine schlechte Nachricht. Hunger lässt sich verstehen, ernst nehmen und begleiten.
Und jetzt weißt du, warum Durchhalten allein selten reicht, wenn dein Körper gleichzeitig auf zwei Kanälen gegensteuert.
Leptin und Hypothalamus: die Schaltzentrale
Vielleicht hast du schon von Leptin gehört, manchmal als Sättigungshormon, manchmal sogar als Schlankhormon. Das klingt, als müsstest du nur genug davon haben. So einfach ist es leider nicht.
Leptin wird vor allem von deinen Fettzellen gebildet. Grob gesagt bedeutet mehr Fett auch mehr Leptin. Der Hypothalamus liest den Spiegel ab wie eine Tankanzeige. Sinkt der Wert, schließt er daraus: Die Vorräte schrumpfen.
Rosenbaum und Leibel haben 2014 zwanzig Jahre Leptin-Forschung am Menschen zusammengefasst. Ihr Fazit: Die wichtigste Aufgabe von Leptin scheint zu sein, Mangel zu melden, also eine negative Energiebilanz und schrumpfende Vorräte. Bekommen Menschen in ihrem gewohnten Gewicht zusätzlich Leptin, verändert das ihr Gewicht kaum.
Für dich heißt das: Leptin ist eher ein Alarmmelder für Knappheit als eine Bremse gegen Übergewicht. Deshalb lässt sich Übergewicht nicht einfach mit Leptin behandeln.
Rosenbaum M, Leibel RL. J Endocrinol. 2014. DOI: 10.1530/JOE-14-0358Wie mächtig dieses Signal ist, zeigt ein seltener Fall aus Cambridge. Ein Team um Farooqi und O'Rahilly berichtete 1999 von einem Mädchen, dessen Körper von Geburt an kein funktionsfähiges Leptin bilden konnte. Das Kind hatte übermäßigen Hunger und starkes Übergewicht. Unter einer Behandlung mit Leptin aß es weniger und nahm ab.
Für dich heißt das: Fehlt die Meldung aus dem Fettgewebe, reagiert das Gehirn wie bei einer Hungersnot, selbst bei großen Vorräten.
Farooqi IS et al. N Engl J Med. 1999. DOI: 10.1056/NEJM199909163411204Und was passiert nach einer Diät? Dann ist der Tank nicht leer, aber die Anzeige ist gefallen. Genau diese Situation hat das New Yorker Team im Labor nachgestellt.
Zehn Menschen wurden stationär auf einem um 10 Prozent reduzierten Gewicht gehalten. Danach arbeiteten ihre Muskeln sparsamer, verbrauchten also für dieselbe Bewegung weniger Energie. Dann bekamen sie so viel Leptin gespritzt, dass ihr Spiegel wieder dem Wert vor der Abnahme entsprach. Energieverbrauch, Muskelarbeit, Sympathikus und Schilddrüsenhormone kehrten auf das Niveau vor der Abnahme zurück.
Für dich heißt das: Ein abgenommener Körper verhält sich in mancher Hinsicht wie ein Körper mit Leptinmangel. Die Autoren sprechen von einer relativen Leptin-Unterversorgung.
Rosenbaum M, Goldsmith R, Bloomfield D et al. J Clin Invest. 2005. DOI: 10.1172/JCI25977In einer weiteren Studie zeigte dasselbe Team sechs Menschen mit Adipositas im Hirnscanner Bilder von Essen, vor und nach einer Abnahme um 10 Prozent. Nach der Abnahme reagierten Regionen stärker, die an Gefühl, Erinnerung und Bewertung von Essen beteiligt sind. In anderen Regionen, darunter dem Hypothalamus, sank die Antwort. Unter Leptin bildeten sich viele dieser Veränderungen zurück.
Für dich heißt das: Nach einer Diät kann dein Gehirn Essen anders bewerten. Das ist eine sehr kleine Studie, aber sie macht verständlich, warum der Kuchen plötzlich lauter ruft.
Rosenbaum M, Sy M, Pavlovich K, Leibel RL, Hirsch J. J Clin Invest. 2008. DOI: 10.1172/JCI35055Fettgewebe
Sinkt das Körperfett, sinkt auch der Leptinspiegel. Die Tankanzeige fällt, oft schneller als der Tank selbst.
Hypothalamus
Die Leitstelle registriert Mangel und schaltet auf Verteidigung.
Hunger und Belohnung
Sättigungssignale werden leiser, Hungersignale lauter. Essen erscheint verlockender als vorher.
Sparflamme
Sympathikus und Schilddrüsenhormone werden gedrosselt, die Muskeln arbeiten sparsamer.
Vereinfachter Regelkreis nach Rosenbaum und Leibel. Zusätzlich spielen viele weitere Signale aus Darm, Bauchspeicheldrüse und Nervensystem mit, und ihre Gewichtung kann individuell verschieden sein.
Wenn die Leitstelle selbst gereizt ist
Bisher klang es, als würde der Hypothalamus nur nüchtern messen. Doch die Leitstelle selbst kann sich verändern. Hier kommt die vierte KPNI-Linse dazu, das Immunsystem.
Ein Team der University of Washington in Seattle fütterte Ratten und Mäuse mit sehr fettreichem Futter. Schon nach ein bis drei Tagen, bevor die Tiere nennenswert zunahmen, zeigten sich Entzündungssignale im Hypothalamus. Später kamen Zeichen einer Gliose hinzu, einer narbenähnlichen Reaktion der Stützzellen im Gehirn. Bei Menschen mit Adipositas fand das Team im MRT Hinweise auf eine ähnliche Gliose in derselben Hirnregion.
Für dich heißt das: Die Leitstelle könnte durch Ernährung und Entzündung verändert werden. Beim Menschen ist das bisher ein Zusammenhang aus Bildgebung, kein Beweis für Ursache und Wirkung.
Thaler JP, Yi CX, Schur EA et al. J Clin Invest. 2012. DOI: 10.1172/JCI59660Wenn Entzündung die Leitstelle stört, könnte das erklären, warum manche Körper ein höheres Gewicht verteidigen als andere. Mehr über diesen Zusammenhang liest du im Artikel über stille Entzündung und Gewicht. Und wie Leptin mit Insulin zusammenspielt, erkläre ich im Beitrag Leptin und Insulin.
Leptin ist kein Schlankhormon, das dir fehlt. Es ist eine Tankanzeige, die nach einer Diät Alarm schlagen kann, auch wenn der Tank noch gut gefüllt ist.
Und jetzt weißt du, warum dein Kopf nach einer Diät so viel über Essen nachdenkt.
The Biggest Loser: Was sechs Jahre später übrig blieb
Vielleicht kennst du Abnehmshows aus dem Fernsehen. Menschen trainieren stundenlang, essen streng, und in wenigen Monaten fallen Dutzende Kilo. Applaus, Konfetti, Vorher-Nachher-Bilder. Was danach kommt, zeigt die Kamera selten.
Ein Team der National Institutes of Health um Erin Fothergill und Kevin Hall hat 14 Teilnehmende der US-Show The Biggest Loser sechs Jahre nach dem Finale erneut untersucht. Während der 30 Wochen langen Show hatten sie im Schnitt 58,3 Kilogramm verloren, ihr Ruheumsatz sank um 610 Kilokalorien pro Tag. Sechs Jahre später waren im Mittel 41,0 Kilogramm zurück. Der Ruheumsatz lag aber immer noch 704 Kilokalorien unter dem Ausgangswert. Bereinigt um Körperzusammensetzung und Alter betrug der Sparmodus rund 500 Kilokalorien pro Tag.
Für dich heißt das: Nach einer extremen Abnahme kann der Körper über Jahre auf Sparflamme bleiben. Auffällig war: Wer mehr Gewicht dauerhaft hielt, hatte auch den stärkeren Sparmodus.
Fothergill E, Guo J, Howard L et al. Obesity (Silver Spring). 2016. DOI: 10.1002/oby.21538durchschnittlicher Gewichtsverlust in 30 Wochen Show
davon waren nach sechs Jahren im Mittel wieder da
weniger Ruheverbrauch pro Tag als erwartet, nach sechs Jahren
Daten aus Fothergill et al. 2016. Sehr kleine Gruppe, extreme Bedingungen mit stundenlangem Training und starker Kalorienreduktion. Nicht auf jede Diät übertragbar.
Dieselbe Gruppe schaute sich an, was die Erfolgreicheren von den anderen unterschied. Wer nach sechs Jahren noch rund ein Viertel seines Gewichts los war, bewegte sich um 160 Prozent mehr als vor der Show. Bei denen, die wieder zugenommen hatten, waren es nur 34 Prozent mehr. Bei der Energiezufuhr unterschieden sich beide Gruppen kaum.
Für dich heißt das: Bewegung scheint beim Halten eine große Rolle zu spielen. Was davon Ursache und was Begleiterscheinung ist, kann so eine kleine Beobachtungsstudie nicht klären.
Kerns JC, Guo J, Fothergill E et al. Obesity (Silver Spring). 2017. DOI: 10.1002/oby.21986Bevor du jetzt denkst, dein Stoffwechsel sei nach jeder Diät für immer gedrosselt: Es gibt auch Daten, die ein anderes Bild zeichnen.
Ein Team aus Trondheim in Norwegen und Birmingham in Alabama um Catia Martins hat 71 Menschen mit Adipositas begleitet. Sie aßen acht Wochen lang 1.000 Kilokalorien am Tag und verloren im Schnitt 14 Kilogramm. Direkt danach lag ihr Ruheumsatz 92 Kilokalorien unter dem erwarteten Wert. Nach vier Wochen Gewichtsstabilisierung hatte sich dieser Abstand ungefähr halbiert, und in einer Teilgruppe war er nach einem Jahr nicht mehr nachweisbar.
Für dich heißt das: Ein großer Teil des Sparmodus könnte an das laufende Defizit gebunden sein. In dieser Studie sagte er die spätere Gewichtszunahme nicht voraus.
Martins C, Roekenes J, Salamati S, Gower BA, Hunter GR. Am J Clin Nutr. 2020. DOI: 10.1093/ajcn/nqaa220| Studie | Situation | Ergebnis |
|---|---|---|
| Leibel et al., NEJM 1995 | Gewicht stationär mindestens 10 Prozent unter dem Ausgangswert gehalten | Energieverbrauch 6 bis 8 kcal pro kg fettfreier Masse und Tag niedriger |
| Sumithran et al., NEJM 2011 | Ein Jahr nach zehnwöchiger, sehr kalorienarmer Diät | Appetithormone und Hungergefühl weiter verändert |
| Rosenbaum et al., AJCN 2008 | Abnahme über ein Jahr gehalten | Energieverbrauch ähnlich niedrig wie kurz nach der Abnahme |
| Fothergill et al., Obesity 2016 | Sechs Jahre nach extremer Abnahme | Ruheumsatz rund 500 kcal pro Tag niedriger als erwartet |
| Martins et al., AJCN 2020 | Ein Jahr nach achtwöchiger Diät | Sparmodus nach Stabilisierung halbiert, in einer Teilgruppe nach einem Jahr nicht mehr nachweisbar |
Die Studien unterscheiden sich in Methode, Dauer und Härte der Diät. Sie lassen sich nicht direkt miteinander verrechnen.
Meine Lesart, als eine Sicht von vielen: Der Hunger scheint über Monate bis Jahre erhöht zu bleiben. Der Sparmodus ist bei üblichen Diäten eher klein und könnte mit der Zeit schwinden. Nach extremen Abnahmen kann er groß und zäh sein. Je härter das Defizit, desto heftiger scheint die Gegenwehr.
Abnehmshows erzählen eine Geschichte über Willenskraft. Die Nachuntersuchungen erzählen eine Geschichte über Biologie. Dein Körper rechnet in Jahren, nicht in Wochen.
Und jetzt weißt du, warum ein schneller Erfolg auf der Waage noch nichts darüber sagt, wo du in fünf Jahren stehst.
Warum du nach Diäten schwerer werden kannst
Zurück zu den fünf Diäten. Dass das Gewicht zurückkommt, lässt sich mit Hunger und Sparmodus erklären. Aber warum landet die Zahl am Ende manchmal höher als vorher? Für viele ist das die schmerzhafteste Frage.
Eine Spur führt zurück in die 1940er-Jahre, zu einem der bekanntesten Hungerexperimente der Medizingeschichte.
Im Minnesota-Experiment aßen Männer über Monate stark reduziert und wurden danach wieder aufgepäppelt. Ein Team der Universität Genf um Abdul Dulloo hat die Daten von zwölf dieser Männer neu ausgewertet. Der übermäßige Hunger in der Erholungsphase hielt an, bis nicht nur das Fett, sondern auch die fettfreie Masse wieder aufgefüllt war. Je weniger Fett und Muskel zurückgekehrt waren, desto größer war der Hunger.
Für dich heißt das: Dein Körper scheint nicht nur seine Fettreserven zu überwachen, sondern auch Muskeln und Organe. Weil der Hunger weiterläuft, bis auch die Muskeln wieder aufgebaut sind, kann am Ende mehr Fett da sein als vorher. Fachleute nennen das Fett-Overshooting.
Dulloo AG, Jacquet J, Girardier L. Am J Clin Nutr. 1997. DOI: 10.1093/ajcn/65.3.717Stell dir vor, dein Körper führt zwei Vorratslisten: eine für Fett und eine für Muskeln. Er gibt erst Ruhe, wenn beide Listen wieder voll sind. Das ist einer der Gründe, warum ich beim Abnehmen so viel Wert auf Muskelerhalt lege. Wie das unter GLP-1-Medikamenten aussehen kann, beschreibe ich im Artikel über Muskelabbau unter der Abnehmspritze.
Ein Team der Universität Helsinki hat 4.129 finnische Zwillinge vom Teenageralter bis zum 25. Lebensjahr begleitet. Wer bewusst mehr als 5 Kilogramm abgenommen hatte, nahm danach schneller zu. Bei Frauen mit zwei oder mehr solchen Diäten war das Chancenverhältnis für Übergewicht mit 25 rund fünfmal so hoch wie ohne Diät. Bei eineiigen Zwillingen war der Zwilling mit Diätgeschichte im Schnitt etwas schwerer, um 0,4 BMI-Punkte.
Für dich heißt das: Wer oft Diäten macht, bringt oft schon eine Neigung zur Zunahme mit. Die Zwillingsdaten deuten aber an, dass Diäten selbst einen kleinen Beitrag leisten könnten.
Pietiläinen KH, Saarni SE, Kaprio J, Rissanen A. Int J Obes (Lond). 2012. DOI: 10.1038/ijo.2011.160Ein Psychologe der Drexel University in Philadelphia hat die Gegenposition zusammengefasst. Nach seiner Analyse beschleunigt eine Diät zwar den Wiederanstieg. Eine Diätgeschichte mache aber nicht dicker, als man ohne Diäten geworden wäre. Bei Menschen ohne Adipositas sei sie eher ein Hinweis auf eine persönliche Anfälligkeit und ein Umfeld, das Zunahme begünstigt.
Für dich heißt das: Ob Diäten selbst dick machen, ist wissenschaftlich umstritten. Weniger umstritten ist, dass der Kreislauf aus Abnehmen und Zunehmen für viele Menschen sehr belastend ist.
Lowe MR. Obes Rev. 2015. DOI: 10.1111/obr.12252Das gleiche Muster bei der Abnehmspritze
Wie stark die Gegenregulation ist, zeigt sich auch dort, wo ein Medikament den Hunger eine Zeit lang dämpft.
In der Verlängerung der STEP-1-Studie wurden 327 Menschen nach 68 Wochen Semaglutid oder Placebo plus Lebensstilprogramm ein Jahr ohne Behandlung weiter beobachtet. Mit Semaglutid hatten sie im Schnitt 17,3 Prozent abgenommen. Ein Jahr nach dem Absetzen, als auch das Lebensstilprogramm endete, waren rund zwei Drittel davon wieder zurück.
Für dich heißt das: Solange ein Medikament den Appetit dämpft, kann es die Gegenregulation überstimmen. Ein dauerhaft verstellter Sollwert zeigte sich in dieser Studie nicht.
Wilding JPH, Batterham RL, Davies M et al. Diabetes Obes Metab. 2022. DOI: 10.1111/dom.14725Wie ein Übergang nach der Spritze gestaltet werden kann, beschreibe ich im Artikel Abnehmspritze absetzen und den Jojo-Effekt vermeiden.
Was ich mir bei einer langen Diätgeschichte anschaue
Wenn jemand mit vielen Diäten im Gepäck zu mir kommt, frage ich zuerst nicht nach Kalorien. Ich frage nach der Geschichte: Wie oft, wie hart, wie schnell, und was kam danach?
Dann schaue ich auf die Bausteine des Regelkreises. Dazu können die Körperzusammensetzung per Bioimpedanzmessung gehören, die Schilddrüse, die Insulinlage und Entzündungswerte. Dazu gehören Schlaf, Stress und Medikamente, die Appetit oder Gewicht beeinflussen können. Und die behutsame Frage, ob hinter dem Essverhalten mehr steckt, etwa Essanfälle.
Ursachenorientiert heißt für mich: nicht noch eine strengere Diät, sondern verstehen, wogegen sich der Körper wehrt. Hausarztpraxis, Endokrinologie und Ernährungsberatung leisten dabei wichtige Arbeit. Eine integrative Sicht kann den Blick auf den ganzen Regelkreis ergänzen.
Nicht du bist an fünf Diäten gescheitert. Fünf Diäten haben nicht zu deiner Biologie gepasst. Das ist keine Ausrede. Es ist ein Hinweis, die Strategie zu wechseln, statt die Härte zu erhöhen.
Und jetzt weißt du, warum mehr vom Gleichen selten zu einem anderen Ergebnis führt.
Set-Point oder Settling-Point: Wie fest ist der Sollwert?
Wenn dein Körper ein Gewicht verteidigt, warum haben dann so viele Menschen in den letzten Jahrzehnten zugenommen? Diese Frage ist berechtigt. Sie bringt die Set-Point-Theorie ins Wanken, zumindest in ihrer strengen Form.
Eine internationale Gruppe um John Speakman von der University of Aberdeen hat die Modelle 2011 gegenübergestellt. Das Set-Point-Modell passt gut zu Biologie und Genetik, erklärt aber schlecht, warum das Gewicht vieler Menschen seit den 1980er-Jahren gestiegen ist. Das Settling-Point-Modell erklärt Umwelteinflüsse besser, die biologischen Befunde dagegen schlechter. Die Gruppe schlägt deshalb Modelle vor, die Gene und Umwelt zusammen denken.
Für dich heißt das: Dein Gewicht entsteht im Zusammenspiel von Anlage und Alltag. Keine der beiden Seiten erklärt es allein.
Speakman JR, Levitsky DA, Allison DB et al. Dis Model Mech. 2011. DOI: 10.1242/dmm.008698Set-Point: das Thermostat
Ein Sollwert im Gehirn. Weicht das Gewicht ab, steuert der Körper aktiv dagegen. Gut belegt ist vor allem die Gegenwehr beim Abnehmen.
Settling-Point: der Wasserstand
Wie der Pegel eines Sees, der sich aus Zufluss und Abfluss einpendelt. Ändern sich Essen, Bewegung oder Umfeld, pendelt sich das Gewicht neu ein.
Zwei Leitplanken: der Korridor
Zwischen einer unteren und einer oberen Grenze darf das Gewicht relativ frei treiben. Erst an den Grenzen greifen starke Gegenmechanismen.
2023 haben John Speakman und Kevin Hall sieben Modelle der Gewichtsregulation verglichen. Besonders anschaulich ist das Modell mit zwei Interventionspunkten: Dazwischen liegt eine Zone, in der das Gewicht ohne starke Gegenwehr schwanken kann. Jenseits der Grenzen springen physiologische Gegenmechanismen an. Die Autoren betonen selbst, dass Experimente fehlen, die zwischen den Modellen entscheiden.
Für dich heißt das: Die Idee eines starren Sollwerts ist vermutlich zu einfach. Die Gegenwehr beim Abnehmen ist trotzdem gut dokumentiert.
Speakman JR, Hall KD. Philos Trans R Soc Lond B Biol Sci. 2023. DOI: 10.1098/rstb.2022.0231Die Endocrine Society, eine große internationale Fachgesellschaft für Hormonmedizin, hat 2017 den Forschungsstand zur Entstehung von Adipositas zusammengefasst. Die Autorinnen und Autoren beschreiben Adipositas zunehmend als Störung des Systems, das Energiezufuhr und Verbrauch aufeinander abstimmt. Sie halten es für möglich, dass das verteidigte Körperfett nach oben verstellt wird, ererbt oder erworben. Wie genau das geschieht, sei noch zu klären.
Für dich heißt das: Wenn sich ein Sollwert nach oben verstellen kann, ist die Frage berechtigt, ob er auch wieder nach unten finden kann. Darum geht es im nächsten Abschnitt.
Schwartz MW, Seeley RJ, Zeltser LM et al. Endocr Rev. 2017. DOI: 10.1210/er.2017-00111Dein Gewicht ist reguliert, aber nicht in Stein gemeißelt.
Set-Point klingt nach Schicksal. Die Forschung beschreibt eher einen Korridor als einen festen Punkt, und ein Korridor könnte sich verschieben lassen.
Und jetzt weißt du, warum es sich lohnt, auf Umfeld, Schlaf, Bewegung und Essen zu schauen, statt nur auf die nächste Diät.
Lässt sich der Set-Point verschieben?
Vielleicht fragst du dich jetzt: Ist dann alles umsonst? Nein. Aber die Antwort ist leiser als viele Versprechen aus der Diätwelt.
Vorweg das Ehrliche: Ob und wie schnell sich ein Sollwert nach unten verschieben lässt, hat bisher niemand direkt gemessen. Es gibt aber Studien, die Richtungen zeigen. Und eine, die einen verbreiteten Glaubenssatz infrage stellt.
Ein Team der University of Melbourne teilte 200 Menschen mit Adipositas zufällig auf: zwölf Wochen schnelles Abnehmen mit sehr kalorienarmer Kost oder 36 Wochen langsames Abnehmen. Wer mindestens 12,5 Prozent verloren hatte, kam danach in ein Erhaltungsprogramm über 144 Wochen. Am Ende hatten beide Gruppen rund 71 Prozent des verlorenen Gewichts wieder zugenommen. Das Tempo machte keinen Unterschied.
Für dich heißt das: Langsam ist nicht automatisch nachhaltiger. Mit dem schnellen Programm erreichten sogar mehr Menschen ihr Ziel, in dieser Gruppe trat allerdings eine Gallenblasenentzündung auf, die operiert werden musste. Die größere Herausforderung lag in beiden Gruppen im Halten.
Purcell K, Sumithran P, Prendergast LA et al. Lancet Diabetes Endocrinol. 2014. DOI: 10.1016/S2213-8587(14)70200-1Was heißt das für die Crash-Diät? Sie scheint den Sollwert nicht schneller zu verschieben. Je härter das Defizit, desto deutlicher meldet dein Körper Mangel, wie die Hormondaten aus Melbourne und die Biggest-Loser-Nachuntersuchung nahelegen. Entscheidend scheint weniger das Tempo der Abnahme zu sein als die Zeit danach.
In der australischen MATADOR-Studie machten 51 Männer mit Adipositas insgesamt 16 Wochen Diät mit etwa zwei Dritteln ihres Energiebedarfs. Die eine Gruppe aß durchgehend reduziert. Die andere wechselte alle zwei Wochen zwischen Diät und Erhaltungsphase und brauchte dafür 30 Wochen. Die Gruppe mit Pausen verlor mehr Gewicht, im Schnitt 14,1 statt 9,1 Kilogramm, und auch mehr Fett. Bereinigt um die Körperzusammensetzung sank ihr Ruheumsatz nur um etwa 86 statt 179 Kilokalorien pro Tag.
Für dich heißt das: Erhaltungsphasen könnten die Gegenwehr dämpfen. Die Studie war klein, umfasste nur Männer, und die Zahlen beziehen sich auf die Teilnehmenden, die das Programm vollständig durchliefen.
Byrne NM, Sainsbury A, King NA, Hills AP, Wood RE. Int J Obes (Lond). 2018. DOI: 10.1038/ijo.2017.206Ein Team aus Pittsburgh hat 931 Menschen aus dem US-amerikanischen National Weight Control Registry befragt. Alle hatten mindestens 13,6 Kilogramm abgenommen und das zwei Jahre oder länger gehalten. Je länger sie ihr Gewicht schon hielten, desto weniger Anstrengung und Aufmerksamkeit brauchte es nach eigener Angabe.
Für dich heißt das: Halten könnte mit der Zeit leichter werden. Das ist eine Momentaufnahme mit Selbstangaben, kein Beweis. Aber sie passt zu der Hoffnung, dass sich ein neues Gewicht einspielen kann.
Klem ML, Wing RR, Lang W, McGuire MT, Hill JO. Obes Res. 2000. DOI: 10.1038/oby.2000.54Meine begründete Position, als eine Sicht von vielen: Ein Sollwert lässt sich vermutlich nicht überrumpeln. Wenn er sich verschieben lässt, dann eher langsam, über Phasen, in denen dein Körper ein neues Gewicht als sicher erleben kann. Wissenschaftlich ist das eine Hypothese. Klinisch beobachte ich, dass Menschen mit Geduld beim Halten oft stabiler bleiben als Menschen mit Härte beim Abnehmen. Das ist Erfahrung, keine Studie.
In der anthroposophischen Medizin gilt Rhythmus als ein Grundprinzip des Lebendigen. Das ist ein Bild, keine naturwissenschaftliche Aussage. Aber es passt zu den Daten: Auf Bruch und Mangel reagiert dein Körper mit Abwehr. Auf Verlässlichkeit reagiert er womöglich mit der Bereitschaft, loszulassen.
Es geht um mehr als eine Zahl. Es geht um ein Leben, in dem nicht jede Mahlzeit eine Verhandlung ist. In dem du deinem Körper nicht misstraust, sondern ihn verstehst. Frieden mit deinem Gewicht ist keine Kapitulation. Er ist Freiheit.
Die Diätwelt fragt meist: Wie schnell kommt das Gewicht runter? Die bessere Frage könnte lauten: Wie lange darf das neue Gewicht bleiben, bis dein Körper ihm vertraut?
Und jetzt weißt du, warum die Phase nach dem Abnehmen mindestens so viel Aufmerksamkeit verdient wie die Diät selbst.
Drei Hebel für einen geduldigeren Weg
Du hast jetzt den Regelkreis und die Studienlage. Hier ist meine praktische Übersetzung. Keine starre Vorschrift, sondern Richtungen, die du an dein Leben anpassen kannst.
Plane das Halten mit
Betrachte die Zeit nach dem Abnehmen als eigene Phase, nicht als Ende. Phasen, in denen dein Gewicht stabil bleiben darf, können deinem Körper Zeit geben, ein neues Gewicht als sicher zu erleben. Für Pausen vom Defizit gibt es erste Hinweise aus der MATADOR-Studie. Wenn du gerade mit einer Spritze abnimmst, gehört der Plan für danach von Anfang an dazu, wie im Artikel über den Plan nach der Abnehmspritze beschrieben.
Gib dem Hunger Antworten statt Verbote
Der Appetit ist der stärkere Gegenspieler, also nimm ihn ernst. Eiweiß zu den Mahlzeiten, ballaststoffreiche und wenig verarbeitete Lebensmittel sowie ausreichend Schlaf können die Sättigung unterstützen. Mehr dazu liest du in den Artikeln über unverarbeitetes Essen und über Schlaf und Abnehmen.
Mach Bewegung und Muskeln zu Langzeitpartnern
In der Biggest-Loser-Nachbeobachtung hing das Halten eng mit mehr Bewegung zusammen, kaum mit weniger Essen. Krafttraining kann zudem Muskelmasse schützen, die dein Körper sonst über den Hunger zurückfordern könnte. Wie Muskeln den Stoffwechsel stützen können, beschreibe ich im Artikel über Krafttraining und Insulinresistenz.
- Sehr kalorienarme Diäten: Sie können Risiken haben, etwa für die Gallenblase. Lass sie ärztlich begleiten.
- Essanfälle, Erbrechen oder große Angst vor dem Essen: Das können Zeichen einer Essstörung sein. Hol dir dann Unterstützung, statt die nächste Diät zu beginnen.
- Abnehmspritze: Setze GLP-1-Medikamente nicht eigenständig ab und ändere die Dosis nicht selbst. Plane den Übergang gemeinsam mit deiner Ärztin oder deinem Arzt.
- Zunahme trotz wenig Essen: Lass Schilddrüse, Medikamente und mögliche Wassereinlagerungen ärztlich abklären.
- Schwangerschaft und Stillzeit: Hier gelten eigene Regeln. Mehr dazu im Artikel über das Abnehmen nach der Schwangerschaft.
Gut belegt durch kontrollierte Stoffwechselstudien: Nach dem Abnehmen steuert der Körper über Energieverbrauch und Appetithormone gegen, oft über ein Jahr hinaus. Gemischte Datenlage: Wie groß und wie dauerhaft der Sparmodus ist, unterscheidet sich zwischen extremen Abnahmen und üblichen Diäten deutlich. Umstritten: Ob Diäten selbst langfristig dicker machen oder nur eine bestehende Neigung anzeigen. Im Tiermodell beschrieben, beim Menschen bisher nur als Zusammenhang: entzündliche Veränderungen im Hypothalamus. Noch offen: Ob es einen festen Sollwert gibt und ob er sich gezielt nach unten verschieben lässt. Direkte Studien dazu fehlen. Klinisch beobachte ich: Geduld beim Halten zahlt sich oft mehr aus als Härte beim Abnehmen. Das ist Erfahrung, kein Studienergebnis.
Der Jojo-Effekt ist kein Beweis für fehlende Willenskraft. Er ist die Antwort eines Regelkreises, der dich vor Mangel schützen will.
Wenn du mit diesem Regelkreis arbeitest statt gegen ihn, kann ein neues Gewicht eine Chance bekommen. Nicht in zehn Wochen. Aber vielleicht in zwei Jahren, und dann mit weniger Kampf.
Häufige Fragen zum Set-Point
Was ist die Set-Point-Theorie?
Gibt es den Set-Point wirklich?
Warum nehme ich nach einer Diät wieder zu?
Wie lange verteidigt der Körper sein altes Gewicht?
Machen Diäten auf Dauer dicker?
Was ist adaptive Thermogenese und wie groß ist sie?
Welche Rolle spielt Leptin beim Set-Point?
Kann man den Set-Point senken?
Ist langsames Abnehmen besser als schnelles?
Verschiebt die Abnehmspritze den Set-Point?
Kann Bewegung den Jojo-Effekt bremsen?
Weitere Beiträge im Ratgeber Abnehmen
- Gewicht ganzheitlich verstehen
- Leptin und Insulin: die Gewichtshormone
- Appetit-Regulation: Hunger und Sättigung
- Der Kalorien-Mythos
- Warum nehme ich nicht ab, obwohl ich wenig esse?
- Stoffwechsel anregen: was zählt
- Abnehmspritze absetzen: den Jojo-Effekt vermeiden
- Der Plan nach der Abnehmspritze
- Muskeln schützen unter der Abnehmspritze
- Insulinresistenz erkennen
- Heißhunger: woher er kommt
- Schlaf und Abnehmen
- Stille Entzündung und Gewicht
- Unverarbeitetes Essen und Sättigung
- Abnehmen in den Wechseljahren
- Abnehmen nach der Schwangerschaft
Verbindungen zu anderen Themen
Gewichtsregulation hängt eng mit Muskeln, Bewegung und Essrhythmus zusammen. Diese Artikel vertiefen die angrenzenden Ebenen.
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FastenQuellen
Alle Studien wurden über PubMed gegen Titel, Autorinnen und Autoren, Jahr, Journal und DOI geprüft, zentrale DOIs zusätzlich über das DOI-Register Crossref. Zahlenangaben zu Studienergebnissen stammen aus den jeweiligen Abstracts. Der Studientyp steht in eckigen Klammern. Zur Einordnung: Stoffwechselstudien zur Gewichtsregulation sind aufwendig und deshalb oft klein, meist mit 6 bis 71 Teilnehmenden. Die Aussagen zu Diätgeschichte und späterer Zunahme stammen aus Beobachtungsstudien und zeigen Zusammenhänge. Die Daten zur Entzündung im Hypothalamus stammen überwiegend aus Tierversuchen, ergänzt um Bildgebung am Menschen.
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Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Er beschreibt Zusammenhänge aus Forschung und klinischer Erfahrung, keine individuellen Therapieanweisungen. Wenn du eine sehr kalorienarme Diät planst, Medikamente zum Abnehmen nutzt, schwanger bist oder stillst oder Anzeichen einer Essstörung bei dir bemerkst, besprich dein Vorgehen bitte persönlich ärztlich.