Ratgeber Sport · Krafttraining und Blutzucker

Krafttraining bei Diabetes und Insulinresistenz: Muskeln als Blutzucker-Puffer

Deine Skelettmuskeln speichern den größten Teil des Zuckers, den dein Körper als Glykogen einlagern kann. Krafttraining kann diesen Speicher vergrößern und senkte in Studien den Langzeitzucker ähnlich deutlich wie Ausdauertraining. In direkten Vergleichen schnitt die Kombination aus beidem oft am besten ab.

Muskel als Zuckerspeicher HbA1c und Insulinsensitivität Kraft und Ausdauer im Vergleich 22 geprüfte Quellen
SJ
Shukri Jarmoukli · Arzt, Integrative Medizin · ViveCura Berlin
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Mein Ausgangspunkt

Bei Diabetes reden wir fast nur darüber, wie viel Zucker in den Körper hineinkommt. Viel seltener darüber, wohin er gehen kann. Dein Muskel ist kein Accessoire für den Sommer. Er ist der größte Zuckerspeicher, den du hast.

Vielleicht stand es so auf deinem Laborzettel: Langzeitzucker leicht erhöht. Vielleicht hat deine Ärztin oder dein Arzt das Wort Insulinresistenz benutzt. Oder es ist schon ein Typ-2-Diabetes.

Und dann kam der Satz, den fast alle hören: weniger Zucker, mehr Bewegung. Du denkst an Verzicht. An Joggen im Nieselregen. An Kalorien, die du ab jetzt zählen sollst.

Das alles ist nicht falsch. Aber mir fehlt dabei eine Frage, die ich für genauso wichtig halte. Nicht nur: Wie viel Zucker kommt hinein? Sondern auch: Wie groß ist der Ort, an dem dein Körper Zucker sicher parken kann?

Dieser Ort ist zum größten Teil dein Muskel. Und genau dort setzt Krafttraining an.

Was dich in diesem Artikel erwartet

  • Warum dein Muskel der größte Zuckerspeicher ist
  • Was passiert, wenn dieser Speicher klemmt
  • Was Krafttraining in der Muskelzelle verändern kann
  • Kraft oder Ausdauer: was die Vergleichsstudien zeigen
  • Warum mehr Muskel mehr zählt als nur weniger Gewicht
  • Warum Regelmäßigkeit wichtiger ist als Heldentum
  • Drei Hebel für deinen Einstieg
  • Worauf du bei Insulin und anderen Medikamenten achten solltest
So markiere ich die Evidenz RCT / Meta-Analyse Mensch Beobachtung / Physiologie Mensch Tiermodell / gemischte Daten Zellebene / Labor

Wohin der Zucker nach dem Essen geht

Stell dir einen Schwamm vor. Trocken saugt er Wasser fast von allein auf. Ist er voll, läuft alles daneben.

Dein Körper hat für Zucker genau so einen Schwamm. Nach einer Mahlzeit strömt Glukose ins Blut, und sie muss irgendwohin. Ein Teil wird sofort verbrannt. Der Rest wird eingelagert, als Glykogen. Das ist eine verzweigte Kette aus Zuckermolekülen, eine Art Perlenkette im Vorratsschrank deiner Zellen.

Die spannende Frage ist: Wo steht dieser Vorratsschrank?

Übersichtsarbeit Physiologie Mensch

Eine Arbeitsgruppe der Norwegischen Sporthochschule in Oslo hat zusammengefasst, wo der Mensch seinen Zuckervorrat lagert. In den Skelettmuskeln liegen etwa 500 Gramm Glykogen, in der Leber nur etwa 100 Gramm. Unter Laborbedingungen mit hohem Insulinspiegel wurden bei Gesunden 70 bis 90 Prozent der aufgenommenen Glukose als Glykogen im Muskel gespeichert.

Für dich heißt das: Beim Blutzucker ist dein Muskel kein Nebendarsteller. Er ist der größte Abnehmer.

Jensen J, Rustad PI, Kolnes AJ, Lai YC. Front Physiol. 2011. DOI: 10.3389/fphys.2011.00112

Wo dein Körper Zucker als Glykogen speichert

Skelettmuskulatur
ca. 500 g
Leber
ca. 100 g

Durchschnittliche Glykogenvorräte beim Menschen laut Jensen et al. 2011. Die Werte hängen unter anderem von Muskelmasse und Training ab.

Deshalb nenne ich den Muskel einen Puffer. Er kann Zucker aus dem Blut aufnehmen und zwischenlagern, damit die Welle nach dem Essen nicht ungebremst bleibt.

Der Schwamm hat allerdings eine Grenze. Laut derselben Übersichtsarbeit sorgt eine eingebaute Bremse dafür, dass sich nicht unbegrenzt Glykogen ansammelt. Sind die Speicher voll, kann der Körper überschüssigen Zucker verstärkt in Fett umbauen. Über die Zeit kann sich dieses Fett an Orten ablagern, wo es nicht hingehört, und die Insulinresistenz verstärken. Muskelarbeit leert die Speicher und schafft so wieder Platz.

Studie Querschnitt, n=13.644

Forschende der University of California in Los Angeles haben Daten von 13.644 Erwachsenen aus einer großen US-Gesundheitserhebung ausgewertet. Die Muskelmasse wurde per Bioimpedanz geschätzt und ins Verhältnis zum Körpergewicht gesetzt. Berücksichtigt wurden Alter, Geschlecht, Herkunft, Übergewicht und Bauchfett. Trotzdem galt: Pro 10 Prozent mehr relativer Muskelmasse lag der Insulinresistenz-Index HOMA-IR um 11 Prozent niedriger. Prädiabetes oder Diabetes war um 12 Prozent seltener.

Für dich heißt das: Mehr Muskel geht mit einem besser regulierten Zucker einher. Ob der Muskel die Ursache ist, kann eine solche Momentaufnahme allerdings nicht beweisen.

Srikanthan P, Karlamangla AS. J Clin Endocrinol Metab. 2011. DOI: 10.1210/jc.2011-0435
Perspektivwechsel

Bei Diabetes dreht sich vieles um eine Frage: Wie bekomme ich weniger Zucker ins Blut? Die zweite Frage ist mindestens genauso wichtig: Wie viel Platz hat mein Körper, um Zucker sicher zu parken?

Ernährung verändert, was hineinkommt. Muskel verändert, wie viel aufgenommen werden kann. Und jetzt weißt du, warum dein Muskel beim Thema Blutzucker mitreden sollte.

Wenn der Speicher klemmt: Was Insulinresistenz im Muskel bedeutet

Insulinresistenz klingt nach etwas, das erst mit vielen Kilos und vielen Jahren kommt. Viele sind überrascht, dass sie auch bei jungen, schlanken Menschen beginnen kann. Und dass der Muskel dabei eine Schlüsselrolle spielen könnte.

Insulin ist ein Bote. Nach dem Essen klingelt es an der Muskelzelle und sagt: Tür auf, Zucker rein. Bei Insulinresistenz hört die Zelle schlechter hin. Die Bauchspeicheldrüse muss lauter klingeln, also mehr Insulin ausschütten, um dasselbe zu erreichen.

Was passiert dann mit dem Zucker, den der Muskel nicht annimmt? Genau das hat eine Arbeitsgruppe in Yale gemessen.

Studie Stoffwechselstudie Mensch

Ein Team der Yale University verglich junge, schlanke Menschen mit Insulinresistenz mit Gleichaltrigen ohne Insulinresistenz, abgestimmt nach Gewicht und körperlicher Aktivität. Nach zwei kohlenhydratreichen Mahlzeiten bauten die insulinresistenten Muskeln etwa 60 Prozent weniger Glykogen auf. Gleichzeitig war die Fettneubildung in der Leber mehr als doppelt so hoch. Die Triglyzeride im Blut lagen um 60 Prozent höher, das HDL um etwa 20 Prozent niedriger.

Für dich heißt das: Wenn der Muskel als Speicher ausfällt, landet der Zucker woanders. Zum Beispiel als Fett in der Leber.

Petersen KF et al. Proc Natl Acad Sci U S A. 2007. DOI: 10.1073/pnas.0705408104
1

Die Mahlzeit

Kohlenhydrate werden zu Glukose und gelangen ins Blut. Die Bauchspeicheldrüse schüttet Insulin aus.

2

Der Muskel nimmt weniger auf

Bei Insulinresistenz baut der Muskel deutlich weniger Glykogen auf. Der Schwamm saugt schlechter.

3

Die Leber springt ein

Mehr Zucker landet in der Leber. Sie kann daraus vermehrt neues Fett herstellen.

4

Die Blutfette verschieben sich

Mehr Triglyzeride, weniger HDL. Ein Muster, das zum metabolischen Syndrom gehört.

Die gute Nachricht: Dieser Weg ist keine Einbahnstraße. Dieselbe Forschungsgruppe hat untersucht, was eine einzige Trainingseinheit daran ändern kann.

Studie RCT, Crossover, n=12

Zwölf junge, schlanke, insulinresistente Menschen aßen in Yale eine kohlenhydratreiche Mahlzeit zweimal: einmal in Ruhe, einmal nach 45 Minuten Training auf dem Crosstrainer. Nach dem Training bauten die Muskeln mehr als dreimal so viel Glykogen auf. Die Fettneubildung in der Leber sank um etwa 30 Prozent, die Bildung neuer Triglyzeride in der Leber um etwa 40 Prozent.

Für dich heißt das: Schon eine einzige Einheit konnte den Zucker vom Umweg über die Leber zurück in den Muskel lenken. Trainiert wurde hier Ausdauer. Das Prinzip dahinter, dass geleerte Speicher mehr aufnehmen, beschreibt die Osloer Übersichtsarbeit für Muskelarbeit allgemein.

Rabøl R, Petersen KF, Dufour S, Flannery C, Shulman GI. Proc Natl Acad Sci U S A. 2011. DOI: 10.1073/pnas.1110105108

Durch die Linse der KPNI, der klinischen Psychoneuroimmunologie, berührt dieser klemmende Speicher mehrere Systeme zugleich. Im Stoffwechsel verschiebt sich der Zuckerfluss vom Muskel zur Leber. Im Hormonsystem muss die Bauchspeicheldrüse mehr Insulin liefern, um dasselbe zu erreichen. Beim Immunsystem lohnt sich Ehrlichkeit: In der ersten Yale-Studie fanden sich in diesem frühen Stadium keine Unterschiede bei Entzündungsbotenstoffen wie TNF-alpha oder IL-6, und auch nicht beim Bauchfett. Entzündung scheint also nicht immer der erste Dominostein zu sein, auch wenn sie im weiteren Verlauf eine Rolle spielen kann. Und das Nervensystem kommt ins Spiel, sobald du trainierst. Dazu gleich mehr.

Perspektivwechsel

Insulinresistenz fühlt sich an wie ein Zuckerproblem. Aus Sicht der Muskelphysiologie ist sie auch ein Speicherproblem. Und ein Speicher kann sich verändern: Er kann geleert, vergrößert und besser angesteuert werden.

Und jetzt weißt du, warum schon eine einzige Trainingseinheit messbar etwas verschieben kann.

Was Krafttraining in deinem Muskel verändern kann

Gewichte heben bei Diabetes? Viele denken dabei an Bodybuilder, an Verletzungen, an etwas für Junge und Sportliche. Klinisch beobachte ich, dass gerade Menschen mit Insulinresistenz Krafttraining selten auf dem Zettel haben. Bewegung heißt für sie Laufen oder Radfahren.

Dabei kann Krafttraining genau dort ansetzen, wo der Speicher klemmt. Eine Studie aus Kopenhagen hat das besonders elegant gezeigt, mit einem Trick: Ein Bein trainiert, das andere nicht.

Studie Kontrollierte Studie, n=17

Ein Team der Universität Kopenhagen ließ zehn Männer mit Typ-2-Diabetes und sieben gesunde Männer sechs Wochen lang nur ein Bein trainieren. Trainiert wurde dreimal pro Woche für höchstens 30 Minuten, das andere Bein diente als Vergleich im selben Körper. Im trainierten Bein stieg die insulinabhängige Zuckeraufnahme, und der Muskel enthielt mehr GLUT4-Transporter, mehr Insulinrezeptoren und mehr vom Speicherenzym Glykogensynthase.

Für dich heißt das: Krafttraining kann nicht nur Muskel aufbauen. Es kann auch die Maschinerie in der Zelle verändern, die Zucker hereinholt und einlagert. Die Autoren sehen darin lokale Anpassungen, die durch die Muskelarbeit selbst vermittelt werden.

Holten MK et al. Diabetes. 2004. DOI: 10.2337/diabetes.53.2.294

Stell dir GLUT4 als Türen vor, durch die Zucker in die Zelle gelangt. Die Insulinrezeptoren sind die Klingeln. Und die Glykogensynthase ist die Helferin, die drinnen die Vorräte ins Regal räumt. Krafttraining kann mehr Türen, mehr Klingeln und mehr Helferinnen bringen. Wie Muskelarbeit die Türen sogar ganz ohne Insulin öffnen kann, beschreibe ich im Artikel über Bewegung und Blutzucker nach dem Essen.

Studie RCT, n=62

Ein Team der Tufts University in Boston teilte 62 ältere Menschen mit Typ-2-Diabetes, im Schnitt 66 Jahre alt, zufällig in zwei Gruppen. Die eine Gruppe machte 16 Wochen lang dreimal pro Woche betreutes, schrittweise gesteigertes Krafttraining. Ihr HbA1c sank von 8,7 auf 7,6 Prozent, und die Glykogenspeicher im Muskel wuchsen von 60,3 auf 79,1 mmol Glukose pro Kilogramm Muskel.

In der Kontrollgruppe blieb der HbA1c unverändert, und die Muskelspeicher schrumpften. Bei 72 Prozent der Trainierenden wurde die verordnete Diabetesmedikation reduziert. Für dich heißt das: Der Schwamm kann wachsen, und das kann sich im Langzeitzucker zeigen. Medikamente anzupassen bleibt dabei immer Aufgabe deiner Ärztin oder deines Arztes.

Castaneda C et al. Diabetes Care. 2002. DOI: 10.2337/diacare.25.12.2335
8,7 → 7,6 %

HbA1c nach 16 Wochen Krafttraining, Kontrollgruppe ohne Veränderung

60 → 79

mmol Glukose pro Kilogramm Muskel als Glykogen gespeichert

+1,2 kg

fettfreie Masse mit Training, minus 0,1 kg in der Kontrollgruppe

Daten aus Castaneda et al. 2002, 62 ältere Menschen mit Typ-2-Diabetes. Kurzfristige Studie, keine Langzeitergebnisse.

Der Muskel spricht mit dem ganzen Körper

Krafttraining beginnt übrigens im Kopf. Eine Übersichtsarbeit aus Loughborough fasst zusammen, dass die ersten Kraftzuwächse vor allem auf Anpassungen des Nervensystems zurückgeführt werden. Dein Nervensystem lernt, die Muskelfasern besser anzusteuern. Wo genau das passiert, ist noch nicht vollständig geklärt. Muskelwachstum braucht länger. Das kann erklären, warum du dich oft schon nach wenigen Wochen kräftiger fühlst, bevor man im Spiegel etwas sieht.

Mechanismus Mechanismus-Review, teils Tierdaten

Ein Kopenhagener Team um Pedersen beschreibt den Skelettmuskel als Drüse: Muskelfasern geben mehrere hundert Botenstoffe ab, sogenannte Myokine. Einer davon, IL-6, scheint Leber, Fettgewebe und Immunsystem zu beeinflussen und an der Abstimmung zwischen hormonbildenden Darmzellen und der Bauchspeicheldrüse beteiligt zu sein. Ein Teil dieser Zusammenhänge stammt aus Tierversuchen und ist beim Menschen noch nicht abschließend geklärt.

Für dich heißt das: Wenn du deinen Muskel benutzt, sendet er Signale an Organe, die deinen Zucker mitsteuern. Bewegungsmangel könnte dieses Gespräch verändern.

Pedersen BK, Febbraio MA. Nat Rev Endocrinol. 2012. DOI: 10.1038/nrendo.2012.49

Hier zeigt sich, wie eng die KPNI-Systeme verwoben sind: Muskel, Hormonsystem und Immunsystem tauschen sich über dieselben Botenstoffe aus. Mehr über den Muskel als Hormondrüse liest du im Artikel Krafttraining ab 40.

Perspektivwechsel

Krafttraining ist bei Diabetes kein Fitness-Extra für Ehrgeizige. Es kann den Speicher vergrößern, die Türen vermehren und deinem Nervensystem beibringen, den Muskel besser zu nutzen.

Und jetzt weißt du, warum ich Krafttraining bei Insulinresistenz nicht als Kür sehe, sondern als Teil der Basis.

Kraft oder Ausdauer: Was bringt mehr für den Blutzucker?

Vielleicht hast du gehört, bei Diabetes solltest du vor allem laufen. Und vielleicht ist Laufen genau das, was du nicht magst. Dann ist diese Frage für dich nicht theoretisch. Sie kann entscheiden, ob du dranbleibst.

Die gute Nachricht vorweg: Diese Frage ist erstaunlich gut untersucht. Die ehrliche Nachricht: Die Antwort lautet nicht, Kraft schlägt Ausdauer.

Studie RCT, n=251

Ein Team der University of Ottawa teilte 251 Erwachsene mit Typ-2-Diabetes in vier Gruppen: Ausdauer, Kraft, beides oder kein Training. Trainiert wurde dreimal pro Woche über 22 Wochen. Gegenüber der Kontrollgruppe sank der HbA1c mit Ausdauer um 0,51 und mit Kraft um 0,38 Prozentpunkte. Die Kombination senkte ihn zusätzlich um 0,46 Prozentpunkte gegenüber Ausdauer allein und um 0,59 gegenüber Kraft allein.

Für dich heißt das: Beide Trainingsformen können den Langzeitzucker senken, zusammen am deutlichsten. Eine Einschränkung nennen die Autoren selbst: Die Kombinationsgruppe trainierte insgesamt länger.

Sigal RJ et al. Ann Intern Med. 2007. DOI: 10.7326/0003-4819-147-6-200709180-00005
Studie RCT, n=262

Am Pennington Biomedical Research Center in Louisiana trainierten 262 bis dahin inaktive Menschen mit Typ-2-Diabetes neun Monate lang Ausdauer, Kraft, beides oder gar nicht. Nur die Kombination senkte den HbA1c gegenüber der Kontrollgruppe statistisch gesichert, um 0,34 Prozentpunkte. Kraft allein mit minus 0,16 und Ausdauer allein mit minus 0,24 Prozentpunkten blieben hier ohne gesicherten Effekt. Die Kraftgruppe verlor aber 1,4 Kilogramm Fettmasse.

Für dich heißt das: Auch diese große Studie spricht eher für ein Sowohl-als-auch als für ein Entweder-oder.

Church TS et al. JAMA. 2010. DOI: 10.1001/jama.2010.1710
Was Zusammenfassungen vieler Studien zum HbA1c zeigen
AuswertungUmfangErgebnis
Umpierre et al., JAMA 201147 RCTs, 8.538 MenschenGegenüber Kontrolle: Ausdauer minus 0,73, Kraft minus 0,57, Kombination minus 0,51 Prozentpunkte
Jansson et al., BMJ Open Diabetes Res Care 202220 RCTs, 1.172 MenschenKraft minus 0,39 gegenüber Kontrolle. Kein signifikanter Unterschied zu Ausdauer. Je größer der Kraftzuwachs, desto stärker die Senkung
Yang et al., Sports Med 201412 RCTs, 626 MenschenAusdauer senkte um 0,18 Prozentpunkte mehr als Kraft, in der Sensitivitätsanalyse nicht mehr signifikant. Kein Hinweis auf klinische Relevanz
Schwingshackl et al., Diabetologia 201414 RCTs, 915 MenschenKombination am wirksamsten. Ausdauer 0,20 Prozentpunkte vor Kraft. Ohne verzerrungsanfällige Studien nicht mehr signifikant

HbA1c-Unterschiede in Prozentpunkten. Die Studien unterscheiden sich in Dauer, Trainingsumfang und Qualität.

Studie RCT, n=40

An der Universität Verona trainierten 40 Menschen mit Typ-2-Diabetes vier Monate lang entweder Ausdauer oder Kraft. Der HbA1c sank fast gleich stark, um 0,40 und um 0,35 Prozentpunkte. Auch die Insulinsensitivität, gemessen mit der aufwendigen Clamp-Methode, stieg in beiden Gruppen ähnlich, und das Bauchfett im MRT nahm ähnlich ab.

Für dich heißt das: Für die Insulinsensitivität scheint dein Muskel beide Sprachen zu verstehen. Die Ausdauergruppe gewann mehr Fitness, die Kraftgruppe mehr Kraft.

Bacchi E et al. Diabetes Care. 2012. DOI: 10.2337/dc11-1655
Studie RCT, n=186

Ein Team der Stanford University untersuchte eine oft übersehene Gruppe: Menschen mit Typ-2-Diabetes und normalem Körpergewicht, eine Form, die oft mit wenig Muskelmasse einhergeht. Über neun Monate senkte nur das Krafttraining den HbA1c signifikant, um 0,44 Prozentpunkte, und schnitt besser ab als Ausdauertraining. Nur in der Kraftgruppe nahm die Muskelmasse an Armen und Beinen im Verhältnis zur Fettmasse zu. Genau das sagte die Verbesserung des HbA1c voraus.

Für dich heißt das: Wenn du schlank bist und trotzdem Diabetes hast, könnte fehlender Muskel ein wichtiger Teil der Geschichte sein. Die Teilnehmenden waren überwiegend asiatischer Herkunft, das schränkt die Übertragbarkeit ein.

Kobayashi Y et al. Diabetologia. 2023. DOI: 10.1007/s00125-023-05958-9

Was Ausdauer besonders gut kann

Sie kann die Ausdauerleistungsfähigkeit, also die maximale Sauerstoffaufnahme, stärker steigern als Krafttraining. In einzelnen Vergleichsanalysen lag sie beim HbA1c leicht vorn. Bildlich gesprochen: Sie trainiert den Motor.

Was Kraft besonders gut kann

Sie kann Kraft aufbauen und die Muskelmasse im Verhältnis zum Fett erhöhen. Damit wächst der Speicher selbst. Das scheint besonders wertvoll, wenn wenig Muskel da ist. Bildlich gesprochen: Sie baut den Tank.

Meine begründete Position, als eine Sicht von vielen: Für den Langzeitzucker liegen Kraft und Ausdauer in der Studienlage ungefähr auf Augenhöhe. Der Unterschied liegt darin, was sie aufbauen. Ausdauer verbessert vor allem, wie gut dein Muskel arbeitet. Kraft vergrößert zusätzlich, wie viel Muskel da ist. In direkten Vergleichen schnitt die Kombination aus beidem oft am besten ab.

Perspektivwechsel

Kraft oder Ausdauer klingt nach Wettkampf. Für deinen Stoffwechsel ist es eher ein Team: Ausdauer trainiert den Motor, Kraft baut den Tank.

Die Hongkonger Analyse formuliert es nüchtern: Welche der beiden Formen du wählst, ist vermutlich weniger wichtig, als dass du dich überhaupt bewegst. Und jetzt weißt du, warum du mit der Bewegung beginnen darfst, die du am ehesten durchhältst.

Mehr Muskel statt nur weniger Gewicht

Abnehmen ist oft der erste Rat bei Insulinresistenz. Das ist nicht falsch. Aber hast du dich schon einmal gefragt, was genau du dabei verlierst? Nur Fett? Oder auch Muskel, also genau den Speicher, den dein Zucker braucht?

Studie RCT, n=36

Am International Diabetes Institute in Melbourne nahmen 36 übergewichtige Menschen mit Typ-2-Diabetes zwischen 60 und 80 Jahren moderat ab. Die Hälfte machte zusätzlich intensives, gesteigertes Krafttraining. Beide Gruppen verloren ähnlich viel Gewicht und Fett. Doch nur mit Krafttraining nahm die fettfreie Masse zu, plus 0,5 statt minus 0,4 Kilogramm. Der HbA1c sank nach sechs Monaten um 1,2 statt um 0,4 Prozentpunkte.

Für dich heißt das: Gleiche Waage, anderer Stoffwechsel. Was du beim Abnehmen behältst, kann mitentscheiden, was mit deinem Zucker passiert.

Dunstan DW et al. Diabetes Care. 2002. DOI: 10.2337/diacare.25.10.1729

Wenn du eine Abnehmspritze nutzt, wird diese Frage noch wichtiger. Mehr dazu liest du im Artikel über Muskelabbau unter der Abnehmspritze. Und warum der Muskelabbau mit dem Alter früher beginnt als gedacht, beschreibe ich im Artikel über Sarkopenie.

Und wenn du noch keinen Diabetes hast?

Dann ist die Frage vielleicht sogar noch spannender. Zwei große Beobachtungsstudien aus den USA haben sich angesehen, wie Krafttraining und das spätere Diabetesrisiko zusammenhängen.

Kohortenstudie Kohorte, n=32.002

In der Health Professionals Follow-up Study wurden 32.002 Männer in den USA 18 Jahre lang begleitet, 2.278 von ihnen entwickelten einen Typ-2-Diabetes. Wer mindestens 150 Minuten pro Woche mit Gewichten trainierte, hatte ein um 34 Prozent geringeres Risiko, unabhängig vom Ausdauersport. Bei mindestens 150 Minuten Ausdauer pro Woche lag das Risiko um 52 Prozent niedriger, bei Kraft und Ausdauer zusammen um 59 Prozent.

Für dich heißt das: Krafttraining scheint einen eigenen Beitrag zu leisten, die Kombination den größten. Eine Beobachtungsstudie zeigt allerdings Zusammenhänge, keinen Beweis für Ursache und Wirkung.

Grøntved A et al. Arch Intern Med. 2012. DOI: 10.1001/archinternmed.2012.3138
Kohortenstudie Kohorte, n=35.754

In der Women's Health Study wurden 35.754 gesunde Frauen, im Schnitt 62,6 Jahre alt, rund elf Jahre lang beobachtet. Frauen mit irgendeiner Form von Krafttraining erkrankten um 30 Prozent seltener an Typ-2-Diabetes als Frauen ohne Krafttraining, auch unter Berücksichtigung anderer Aktivitäten. Kraft plus Ausdauer war mit einem noch geringeren Risiko verbunden als Ausdauer allein.

Für dich heißt das: Schon der Schritt von gar keinem zu etwas Krafttraining könnte zählen.

Shiroma EJ et al. Med Sci Sports Exerc. 2017. DOI: 10.1249/MSS.0000000000001063
Blick aus der Praxis

Nicht nur den Zucker messen, sondern auch den Speicher

In unserer Stoffwechselarbeit bei ViveCura schauen wir deshalb nicht nur auf den Zucker. Wir fragen auch: Wie groß ist der Speicher, und wie gut nimmt er an?

Dazu können Werte wie Nüchterninsulin und HOMA-IR gehören, die Hinweise auf eine Insulinresistenz geben können, bevor der Nüchternzucker auffällig wird. Dazu gehört die Körperzusammensetzung, etwa per Bioimpedanzmessung, mit der auch die große US-Erhebung zur Muskelmasse gearbeitet hat. Und ein Glukosesensor kann sichtbar machen, wie dein Zucker auf Mahlzeiten, Training und Schlaf reagiert. Was so ein Sensor zeigen kann, beschreibe ich im Artikel über den CGM-Sensor.

Ursachenorientiert heißt für mich: nicht nur den Zucker im Blut drücken, sondern fragen, warum der Körper ihn schlecht unterbringt. Weniger Zucker und mehr Muskel sind zwei Seiten derselben Medaille. Die diabetologische Standardbehandlung ist dabei wichtig und richtig. Die Arbeit am Speicher kann sie ergänzen.

Eine Perspektive aus der anthroposophischen Medizin finde ich hier passend. Dort werden Stoffwechsel und Gliedmaßen als zusammengehöriges System betrachtet, das mit dem Willen verbunden ist. Das ist ein Bild, keine naturwissenschaftliche Aussage. Aber es fasst zusammen, was die Studien nahelegen: Dein Stoffwechsel ist nicht nur Chemie. Er ist auch Bewegung, die du willentlich in Gang setzt.

Perspektivwechsel

Die Waage zeigt dir, wie schwer du bist. Sie zeigt dir nicht, wie viel Platz dein Körper für Zucker hat. Ein sinnvolles Ziel kann deshalb nicht nur weniger Gewicht sein, sondern eine andere Zusammensetzung: weniger Fett, mehr Muskel.

Und jetzt weißt du, warum ich beim Abnehmen immer auch frage, was mit den Muskeln passiert.

Warum Regelmäßigkeit mehr zählt als Heldentum

Kennst du dieses Muster? Drei Wochen voller Elan, jeden zweiten Tag Training. Dann kommt eine Erkältung, ein Projekt, ein Urlaub. Und plötzlich sind es drei Wochen Pause.

Für deinen Blutzucker hat das einen biologischen Hintergrund. Ein großer Teil des Trainingseffekts auf die Insulinsensitivität ist kein Dauerzustand. Er ist eher ein langer Nachhall jeder einzelnen Einheit.

Übersichtsarbeit Review, Mensch

Zwei Forschende der Icahn School of Medicine at Mount Sinai in New York haben die Daten zu akuten und langfristigen Effekten von Training zusammengefasst. Ihr Fazit: Die verbesserte Insulinsensitivität beruht vor allem auf einem verlängerten Akuteffekt, der bis zu 72 Stunden anhalten kann. Untrainierte Menschen und Menschen mit geringerer Insulinsensitivität scheinen davon besonders zu profitieren.

Für dich heißt das: Jede Einheit öffnet ein Fenster von bis zu etwa drei Tagen. Wer am meisten Luft nach oben hat, kann am meisten gewinnen.

DiMenna FJ, Arad AD. Cardiovasc Endocrinol Metab. 2021, online 2020. DOI: 10.1097/XCE.0000000000000239
Meta-Analyse Meta-Analyse, k=14

Ein Team der University of Sydney hat 14 Studien zu regelmäßigem Training bei Typ-2-Diabetes zusammengefasst. Die Insulinsensitivität war gegenüber Kontrollgruppen signifikant verbessert, auch noch 48 bis 72 Stunden nach der letzten Einheit. Selbst bei Messungen nach mehr als 72 Stunden war der Vorteil noch nachweisbar.

Für dich heißt das: Regelmäßiges Training kann einen Effekt aufbauen, der über das einzelne Fenster hinausreicht.

Way KL, Hackett DA, Baker MK, Johnson NA. Diabetes Metab J. 2016. DOI: 10.4093/dmj.2016.40.4.253

Auch die Menge zählt. In der großen JAMA-Analyse aus Porto Alegre war strukturiertes Training von mehr als 150 Minuten pro Woche mit einer HbA1c-Senkung um 0,89 Prozentpunkte verbunden. Bei 150 Minuten oder weniger waren es 0,36. Interessant ist auch: Reine Bewegungsratschläge waren dort nur in Verbindung mit Ernährungsberatung mit einem niedrigeren HbA1c verbunden.

Jede Trainingseinheit ist ein Fenster. Muskelmasse ist das, was zwischen den Fenstern bleibt.

Und hier geht es um mehr als einen Laborwert. Es geht darum, mit 75 noch die Getränkekiste in den dritten Stock zu tragen. Ohne Hände aus dem Sessel aufzustehen. Dein Enkelkind hochzuheben, ohne an deinen Rücken zu denken. Kraft ist keine Eitelkeit. Kraft ist Freiheit.

Perspektivwechsel

Viele denken: Ich muss erst richtig fit werden, dann lohnt es sich. Für deinen Blutzucker zählt eher, wie selten die Pausen sind, als wie hart die einzelne Einheit ist.

Und jetzt weißt du, warum regelmäßige, machbare Einheiten mehr bringen können als ein ehrgeiziges Programm, das nach drei Wochen endet.

So kannst du starten: drei Hebel

Du hast jetzt den Mechanismus und die Studienlage. Hier ist meine praktische Übersetzung. Keine starre Vorschrift, sondern Richtungen, die du an dein Leben anpassen kannst.

1

Trainiere die großen Muskelgruppen

Beine, Gesäß, Rücken und Brust bringen viel Muskelmasse und damit viel Speicher mit. Aufstehen vom Stuhl, Kniebeugen, Rudern mit Band oder Gewicht, Liegestütze an der Wand: Das sind gute Einstiege. In den Studien dieses Artikels wurde meist zwei bis drei Mal pro Woche trainiert. Steigere die Last langsam, denn in der australischen Meta-Analyse gingen größere Kraftzuwächse mit stärkeren HbA1c-Senkungen einher.

2

Kombiniere Kraft mit Ausdauer und Alltag

Die Vergleichsstudien sprechen für die Kombination. Das kann zügiges Gehen, Radfahren oder ruhiges Ausdauertraining sein, Anregungen findest du im Artikel über Zone-2-Training. Und ein paar Minuten Bewegung nach dem Essen können die Zuckerkurve zusätzlich abflachen, wie im Artikel über den Spaziergang nach dem Essen beschrieben.

3

Halte den Rhythmus und miss mit

Plane so, dass selten mehr als zwei Tage ohne Muskelreiz vergehen. Begleitung kann den Einstieg erleichtern: Die Stellungnahme des American College of Sports Medicine beschreibt, dass betreutes Training die Trainingstreue und den Blutzucker verbessern kann. Beobachte, was sich verändert: deine Kraft im Alltag, deinen HbA1c und, wenn du magst, deine Kurven mit einem Glukosesensor.

Bitte beachten
  • Bei Insulin, Sulfonylharnstoffen oder Gliniden: Diese Medikamente können das Risiko für Unterzuckerungen rund um das Training erhöhen. So beschreibt es auch die Stellungnahme des American College of Sports Medicine. Besprich vor dem Start ärztlich, ob Dosis oder Zeitpunkt angepasst werden sollten, miss anfangs häufiger und habe schnell verfügbaren Zucker dabei.
  • Warnzeichen einer Unterzuckerung: Zittern, Schwitzen, Herzrasen, Heißhunger, Verwirrtheit. Unterbrich dann das Training und nimm schnell verfügbaren Zucker.
  • Bei Folgeerkrankungen: Wenn Augen, Nieren, Nerven, Füße oder Herz betroffen sind, kann es nötig sein, Übungen anzupassen oder einzelne Belastungen zu meiden. Kläre das vor dem Start ärztlich.
  • Nach langer Inaktivität: Wenn du lange kaum aktiv warst und mit mittlerer oder hoher Intensität einsteigen möchtest, empfiehlt die ACSM-Stellungnahme vorher eine ärztliche Freigabe.
  • Medikamente: Ändere sie nie in Eigenregie, auch wenn deine Werte besser werden.
  • Erwartungsmanagement: Die zitierten Trainingsstudien dauerten sechs Wochen bis neun Monate. Große Studien zu harten Endpunkten wie Herzinfarkt gibt es für Krafttraining bei Diabetes bisher nicht.
Was belegt ist und was offen bleibt

Belegt durch randomisierte Studien und Meta-Analysen: Krafttraining kann den HbA1c bei Typ-2-Diabetes gegenüber keinem Training senken, in einer ähnlichen Größenordnung wie Ausdauertraining. In direkten Vergleichen schnitt die Kombination oft am besten ab. Mechanistisch gut beschrieben: Der Muskel ist der größte Glykogenspeicher, und Training kann Speicher leeren sowie Transporter und Speicherenzyme vermehren. Beobachtungsdaten: Krafttraining und mehr Muskelmasse gehen mit weniger Diabetes und weniger Insulinresistenz einher, ohne dass das Ursache und Wirkung beweist. Noch offen: Ob Krafttraining bei Diabetes langfristig Herzinfarkte, Folgeschäden oder Sterblichkeit verringert, ist in großen Endpunktstudien bisher nicht untersucht. Klinisch beobachte ich: Viele Menschen erleben Krafttraining als zugänglicher als gedacht, sobald der Einstieg klein genug ist. Das ist Erfahrung, keine Studie.

Und jetzt weißt du warum

Typ-2-Diabetes und Insulinresistenz sind nicht nur eine Frage dessen, was auf deinem Teller liegt. Sie sind auch eine Frage dessen, wie viel Muskel bereitsteht, um den Zucker aufzunehmen.

Dein Muskel ist ein Puffer, den du selbst vergrößern kannst. Nicht über Nacht, aber Woche für Woche. Und jede Kniebeuge ist ein kleines Signal an deinen Stoffwechsel: Hier ist Platz.

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Wo dieses Thema anschließt

Muskel, Blutzucker und Gewicht hängen eng zusammen. Diese Artikel vertiefen die angrenzenden Ebenen.

Häufige Fragen

Kann Krafttraining den Blutzucker bei Typ-2-Diabetes senken?
Ja, das ist gut untersucht. Eine Meta-Analyse aus 20 randomisierten Studien mit 1.172 Menschen fand, dass Krafttraining den Langzeitzucker HbA1c gegenüber Kontrollgruppen um durchschnittlich 0,39 Prozentpunkte senkte. Eine große Auswertung in JAMA mit 47 Studien kam für strukturiertes Krafttraining auf minus 0,57 Prozentpunkte. In einer Studie mit älteren Menschen sank der HbA1c nach 16 Wochen Krafttraining von 8,7 auf 7,6 Prozent, und die Glykogenspeicher im Muskel wuchsen. Krafttraining ersetzt keine Therapie, kann sie aber sinnvoll ergänzen.
Ist Krafttraining bei Insulinresistenz besser als Ausdauertraining?
Nicht grundsätzlich, beide scheinen ähnlich viel zu bringen. In Meta-Analysen lagen Kraft und Ausdauer beim HbA1c nah beieinander, teils mit einem kleinen, klinisch kaum relevanten Vorsprung für Ausdauer. In einer Studie mit Clamp-Messung stieg die Insulinsensitivität mit beiden Trainingsformen ähnlich. Bei normalgewichtigen Menschen mit Typ-2-Diabetes schnitt Krafttraining in einer Stanford-Studie besser ab als Ausdauer. In direkten Vergleichen schnitt die Kombination aus beidem oft am besten ab.
Warum sind Muskeln für den Blutzucker so wichtig?
Die Skelettmuskulatur ist der größte Zuckerspeicher des Körpers. Beim Menschen lagern dort etwa 500 Gramm Glykogen, in der Leber nur etwa 100 Gramm. Unter Laborbedingungen mit viel Insulin wurden bei Gesunden 70 bis 90 Prozent der aufgenommenen Glukose als Glykogen im Muskel gespeichert. Nimmt der Muskel bei Insulinresistenz weniger auf, kann mehr Zucker in der Leber zu Fett umgebaut werden. In einer großen US-Erhebung gingen 10 Prozent mehr relative Muskelmasse mit einem um 11 Prozent niedrigeren Insulinresistenz-Index einher.
Wie oft sollte ich bei Diabetes Krafttraining machen?
In den meisten Studien dieses Artikels wurde zwei bis drei Mal pro Woche trainiert, in einer dänischen Studie mit Einheiten von höchstens 30 Minuten. Weil der Effekt einer Einheit auf die Insulinsensitivität bis zu etwa 72 Stunden anhalten kann, lohnt es sich, keine langen Pausen entstehen zu lassen. In einer großen Auswertung waren mehr als 150 Minuten strukturiertes Training pro Woche mit einer stärkeren HbA1c-Senkung verbunden als weniger. Wie viel für dich passt, hängt von Ausgangslage, Medikamenten und Folgeerkrankungen ab.
Wie lange hält der Effekt einer Trainingseinheit auf die Insulinsensitivität an?
Nach einer Übersichtsarbeit aus New York beruht ein großer Teil der verbesserten Insulinsensitivität auf einem verlängerten Akuteffekt, der bis zu 72 Stunden anhalten kann. Eine Meta-Analyse bei Typ-2-Diabetes fand die Verbesserung auch 48 bis 72 Stunden nach der letzten Einheit und teils noch darüber hinaus. Untrainierte und stärker insulinresistente Menschen scheinen besonders zu profitieren. Praktisch heißt das: Regelmäßigkeit ist wichtiger als einzelne harte Einheiten.
Kann Krafttraining Typ-2-Diabetes vorbeugen?
Beobachtungsstudien sprechen dafür, beweisen es aber nicht. In der Health Professionals Follow-up Study mit 32.002 Männern war mindestens 150 Minuten Krafttraining pro Woche mit einem um 34 Prozent geringeren Diabetesrisiko verbunden, Kraft plus Ausdauer mit minus 59 Prozent. In der Women's Health Study mit 35.754 Frauen erkrankten Frauen mit Krafttraining um 30 Prozent seltener. Solche Studien zeigen Zusammenhänge, keine gesicherte Ursache.
Muss ich schwer heben, damit Krafttraining etwas bringt?
Es muss nicht maximal schwer sein, aber fordernd und mit der Zeit steigend. In einer Meta-Analyse gingen größere Kraftzuwächse mit stärkeren HbA1c-Senkungen einher. Viele Studien nutzten progressives Training, bei dem die Last schrittweise erhöht wurde. Du kannst mit dem eigenen Körpergewicht, Bändern oder leichten Gewichten beginnen, wichtig sind saubere Technik und langsame Steigerung. Bei Folgeerkrankungen an Augen, Herz oder Nerven kläre vorher ärztlich, welche Belastung für dich passt.
Ich nehme Insulin oder Sulfonylharnstoffe. Worauf muss ich achten?
Insulin und insulinfreisetzende Medikamente wie Sulfonylharnstoffe und Glinide können das Risiko für Unterzuckerungen rund um das Training erhöhen. Das beschreibt auch die Stellungnahme des American College of Sports Medicine. Besprich vor dem Start mit deiner Ärztin oder deinem Arzt, ob Dosis oder Zeitpunkt angepasst werden sollten, miss anfangs häufiger und habe schnell verfügbaren Zucker dabei. Ändere Medikamente nie in Eigenregie, auch wenn deine Werte besser werden.
Reicht es nicht, einfach abzunehmen?
Abnehmen kann den Zucker verbessern, aber es kommt darauf an, was du verlierst. In einer Studie aus Melbourne verloren zwei Gruppen älterer Menschen mit Typ-2-Diabetes ähnlich viel Gewicht. Nur die Gruppe mit zusätzlichem Krafttraining baute fettfreie Masse auf, und ihr HbA1c sank um 1,2 statt um 0,4 Prozentpunkte. Ohne Krafttraining ging dagegen fettfreie Masse verloren. Ziel kann deshalb eine andere Körperzusammensetzung sein, nicht nur eine kleinere Zahl auf der Waage.
Gilt das auch für Typ-1-Diabetes?
Die Studien in diesem Artikel stammen aus Typ-2-Diabetes und Insulinresistenz. Bei Typ-1-Diabetes bildet der Körper kaum oder kein eigenes Insulin, und Bewegung beeinflusst den Zucker abhängig von der Insulintherapie anders. Krafttraining kann auch dann sinnvoll sein, braucht aber eine enge Abstimmung mit dem diabetologischen Team. Übertrage die Zahlen aus diesem Artikel deshalb nicht direkt auf Typ-1-Diabetes.
SJ

Shukri Jarmoukli

Arzt, Integrative Medizin · ViveCura Berlin

Ich schaue mit der Linse der klinischen Psychoneuroimmunologie auf den ganzen Menschen: Nervensystem, Immunsystem, Stoffwechsel und Hormonsystem hängen zusammen. Der Stoffwechsel ist einer meiner Schwerpunkte, und dazu gehört für mich nicht nur der Zucker im Blut, sondern auch der Muskel, der ihn aufnimmt.

Die diabetologische Standardbehandlung ist wichtig und richtig. Was eine integrative Sicht ergänzen kann, ist der Blick auf die Ursachen und auf die Hebel, die du selbst in der Hand hast.

ViveCura · Skalitzer Straße 137, Berlin · vivecura.com

Quellen

Alle Studien wurden über PubMed gegen Titel, Autorinnen und Autoren, Jahr, Journal und DOI geprüft, zentrale DOIs zusätzlich über das DOI-Register. Zahlenangaben zu Studienergebnissen stammen aus den jeweiligen Abstracts. Der Studientyp steht in eckigen Klammern. Zur Einordnung: Die Trainingsstudien zu Krafttraining bei Typ-2-Diabetes sind kontrollierte und randomisierte Studien von sechs Wochen bis neun Monaten mit meist überschaubaren Teilnehmerzahlen, die vor allem den HbA1c messen. Die Aussagen zur Vorbeugung stammen aus Beobachtungsstudien und zeigen Zusammenhänge. Die Mechanismen zu Glykogen, GLUT4 und Myokinen stützen sich auf Physiologiestudien am Menschen und auf Übersichtsarbeiten, die teilweise Tierdaten einbeziehen.

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Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Er beschreibt Zusammenhänge aus Forschung und klinischer Erfahrung, keine individuellen Therapieanweisungen. Wenn du Diabetes-Medikamente einnimmst, insbesondere Insulin, Sulfonylharnstoffe oder Glinide, Folgeerkrankungen an Augen, Nieren, Nerven oder Herz hast oder schwanger bist, besprich den Einstieg ins Krafttraining bitte persönlich ärztlich.

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