Fasten bei Rheuma: Was Studien zu Entzündung, Gelenkschmerz und Darmflora zeigen
In Studien sanken bei rheumatoider Arthritis während einer Fastenphase Schmerz, Steifigkeit und Entzündungswerte oft innerhalb weniger Tage. Diskutiert werden Effekte auf Immunzellen und Darmflora. Hier liest du, was belegt ist, warum die Beschwerden ohne Ernährungsumstellung häufig zurückkehren und warum deine rheumatologische Therapie dabei weiterläuft.
Fasten kann bei Rheuma eine Tür öffnen. Studien beschreiben seit Jahrzehnten, dass entzündete Gelenke in einer Fastenphase ruhiger werden können. Doch was in sieben Tagen leiser wird, braucht einen Plan für die Zeit danach und deine Therapie als festen Boden.
Kurz nach sechs. Vielleicht kennst du diesen Moment.
Du stehst in der Küche und willst die Kaffeedose öffnen. Doch deine Finger fühlen sich an, als steckten sie in zu engen Handschuhen. Du drehst, du drückst, der Deckel bleibt zu.
Gestern hat dir eine Bekannte erzählt, nach ihrer Fastenwoche seien ihre Gelenke so ruhig gewesen wie lange nicht. Sie klang fast erleichtert.
Jetzt stehst du da, mit steifen Händen und einer Frage im Kopf: Wäre das auch etwas für mich? Und was ist dann mit meinen Tabletten?
Wenn du dich in dieser Szene wiederfindest, bist du nicht allein. Viele Menschen mit Rheuma fragen nach Ernährung und Fasten. Ein einzelner Bericht ist kein Beweis. Aber er ist ein guter Anlass für eine ehrliche Frage.
Wenn ich hier von Rheuma spreche, meine ich vor allem die rheumatoide Arthritis, kurz RA. Für sie gibt es die meisten Fastenstudien. Ich schreibe als Arzt, der das Fasten schätzt und die rheumatologische Therapie respektiert. Mich interessieren drei Fragen: Was zeigen die Studien kurzfristig? Warum kehren die Beschwerden so oft zurück? Und wie hängen Darm, Immunsystem und Gelenk zusammen?
Was dich in diesem Artikel erwartet
- Was Studien zu Fasten, Schmerz und Entzündung bei Rheuma zeigen
- Warum die Beschwerden nach dem Fasten oft zurückkehren
- Was beim Fasten mit deinen Immunzellen passiert
- Wie Darm, Immunsystem und Gelenk zusammenhängen
- Fastenwoche, Intervallfasten und Ramadan im Vergleich
- Warum Methotrexat, Kortison und Co. nicht eigenmächtig pausieren
- Was die KPNI über steife Hände am Morgen sagt
- Drei Hebel, wenn du Fasten in Betracht ziehst
Wie ich die Evidenz markiere
Klinische Studie Randomisierte und kontrollierte Studien sowie systematische Übersichten am Menschen.
Beobachtung Mensch Beobachtungsstudien, offene Studien ohne Kontrollgruppe, Mechanismusstudien und Übersichtsarbeiten. Sie zeigen Zusammenhänge und Mechanismen, nicht zwingend Ursache und Wirkung.
Tierstudie Versuche an Mäusen. Sie zeigen, was biologisch plausibel ist, nicht, was beim Menschen sicher passiert.
Kann Fasten bei Rheuma Entzündung und Gelenkschmerz senken?
Kurz gesagt: In mehreren kleinen Studien sanken bei rheumatoider Arthritis während einer Fastenphase von sieben bis zehn Tagen Schmerz, Steifigkeit und Entzündungswerte. In einer randomisierten Studie aus Oslo hielten die Verbesserungen ein Jahr lang an, wenn auf das Fasten eine vegetarische Ernährung folgte. Die Studien sind klein und teils alt. Vielversprechend, aber nicht abschließend belegt.
Vielleicht spürst du gerade zwei Dinge gleichzeitig. Hoffnung, weil es etwas gibt, das du selbst tun kannst. Und Skepsis, weil du schon vieles ausprobiert hast. Beides darf da sein.
Die Idee ist alt. Schon 1979 beschrieb ein Team um Sköldstam, was eine Fastenwoche bei rheumatoider Arthritis verändern kann. Die Ergebnisse waren ermutigend und ernüchternd zugleich.
Kontrollierte Studie, n=26 16 Menschen mit rheumatoider Arthritis fasteten sieben bis zehn Tage und aßen danach neun Wochen laktovegetarisch. Zehn weitere aßen normal weiter. Nach dem Fasten zeigten 5 von 15 Fastenden objektive Verbesserungen, in der Kontrollgruppe nur eine Person. Schmerz, Steifigkeit und der Verbrauch von Schmerzmitteln sanken. Am Ende der laktovegetarischen Phase war aber nur noch eine Person objektiv gebessert.
Für dich heißt das: Fasten kann Beschwerden kurzfristig lindern. Die entscheidende Frage ist, wie es danach weitergeht.
Sköldstam L et al. Scand J Rheumatol. 1979. DOI: 10.3109/03009747909114631Zwölf Jahre später stellte ein Team der Universität Oslo genau diese Frage nach dem Danach. Die Forschenden schreiben selbst, dass die meisten Menschen mit RA nach der Rückkehr zum Essen einen Rückfall erleiden. Deshalb kombinierten sie das Fasten mit einer langen Ernährungsumstellung.
RCT, einfach verblindet, n=53 27 Menschen mit rheumatoider Arthritis verbrachten vier Wochen auf einer Gesundheitsfarm. Nach sieben bis zehn Tagen Fasten mit geringer Restzufuhr folgten 3,5 Monate glutenfreie vegane Kost. Danach aßen sie bis zum Ende des Jahres laktovegetarisch. 26 Menschen der Kontrollgruppe verbrachten vier Wochen in einem Erholungsheim und aßen normal weiter.
Nach vier Wochen besserten sich in der Fastengruppe druckschmerzhafte und geschwollene Gelenke, Schmerz und Morgensteifigkeit. Auch Griffkraft, BSG und CRP verbesserten sich. In der Kontrollgruppe besserte sich nur der Schmerz. Die Vorteile der Fastengruppe waren nach einem Jahr noch nachweisbar.
Für dich heißt das: Der stärkste Befund der Fastenforschung bei Rheuma stammt aus einer Kombination, nicht aus dem Fasten allein.
Kjeldsen-Kragh J et al. Lancet. 1991. DOI: 10.1016/0140-6736(91)91770-uMeta-Analyse, 4 Studien Ein Forschungsinstitut in Bad Elster fand 31 Berichte über Fastenstudien bei rheumatoider Arthritis. Nur vier davon waren kontrolliert und beobachteten nach dem Fasten mindestens drei Monate lang. Zusammengefasst zeigten diese vier Studien einen statistisch und klinisch bedeutsamen Langzeitnutzen. Die Autoren schließen, dass Fasten mit anschließender vegetarischer Ernährung bei RA nützlich sein könnte.
Für dich heißt das: Die Richtung ist ermutigend, die Datenbasis aber schmal. Die Autoren selbst fordern weitere randomisierte Langzeitstudien.
Müller H et al. Scand J Rheumatol. 2001. DOI: 10.1080/030097401750065256Auch die Leitlinie zur Fastentherapie, verfasst von einem Expertengremium der Fastenmedizin, sieht für rheumatische Erkrankungen den höchsten Evidenzgrad unter den Fasten-Indikationen. Das klingt groß. Gemessen an Medikamentenstudien sind die Teilnehmerzahlen aber klein, und die meisten Studien sind Jahrzehnte alt.
Fasten ist bei Rheuma kein Schalter, der die Krankheit ausknipst. Es ist eher eine Atempause, in der das Feuer leiser brennen kann. Ob es leise bleibt, entscheidet sich danach.
Was heißt das für dich? Wenn dich das Thema reizt, sprich es bei deiner nächsten rheumatologischen Kontrolle an. Frag nicht nur: Darf ich fasten? Frag auch: Wie esse ich danach, und woran erkennen wir gemeinsam, ob es mir guttut?
Und jetzt weißt du, warum der Bericht deiner Bekannten stimmen kann und trotzdem nur der Anfang der Geschichte ist.
Warum kommen die Beschwerden nach dem Fasten oft zurück?
Kurz gesagt: Ein systematischer Review mit 70 Humanstudien beschreibt die Verbesserungen durch Fasten bei rheumatoider Arthritis als deutlich, aber vorübergehend. In älteren Studien gingen sie nach der Rückkehr zur gewohnten Kost oft verloren. Nach dem Ramadan stiegen die Werte über gut drei Monate langsam wieder an. Länger hielten Effekte vor allem dann, wenn auf das Fasten eine Ernährungsumstellung folgte.
Stell dir vor, die Fastenwoche lief gut. Die Finger waren beweglicher, der Morgen leichter. Drei Wochen später ist die Steifigkeit wieder da. Das fühlt sich an wie ein Rückschlag, vielleicht sogar wie eigenes Versagen.
Es ist kein Versagen. Es ist ein Muster, das die Forschung seit Jahrzehnten beschreibt.
Systematischer Review, 70 Studien Ein Team der University of Nicosia und des King's College London wertete 70 Humanstudien zu Ernährung, Nahrungsergänzung und Fasten bei rheumatoider Arthritis aus. Fasten führte zu deutlichen, aber vorübergehenden subjektiven Verbesserungen. Bei vegetarischen und Eliminationsdiäten fiel die Reaktion sehr individuell aus.
Für dich heißt das: Eine Fastenwoche kann sich gut anfühlen. Dass dieses Gefühl ohne weitere Schritte bleibt, ist nach den Studien nicht zu erwarten.
Philippou E et al. Nutr Rev. 2021. DOI: 10.1093/nutrit/nuaa033Ein Beispiel aus jüngerer Zeit liefert der Ramadan. Ein Team aus Tunis begleitete Menschen mit rheumatoider Arthritis über den Fastenmonat hinaus.
Beobachtungsstudie, n=35 35 Menschen mit RA fasteten im Ramadan 2019. Die Forschenden verglichen die Krankheitsaktivität sechs Monate vorher, während des Fastenmonats und im Mittel 3,4 Monate danach. Während des Ramadan sanken alle Aktivitätswerte deutlich. Danach stiegen sie langsam wieder an, das CRP lag zum Schluss signifikant höher als während des Fastens. Im Vergleich zum Ausgangswert waren BSG und DAS28 aber noch niedriger.
Für dich heißt das: Effekte des Fastens können eine Weile nachklingen, verblassen aber offenbar über Wochen bis Monate.
Ben Nessib D et al. Clin Rheumatol. 2022. DOI: 10.1007/s10067-021-05892-4Was eine Fastenphase kurzfristig zeigen kann
- weniger Schmerz und Morgensteifigkeit, oft nach wenigen Tagen
- sinkende Entzündungswerte wie BSG, CRP und IL-6
- ruhigere Abwehrzellen im Blut
- eine veränderte Zusammensetzung der Darmflora
Was ohne Plan danach häufig passiert
- Rückkehr der Beschwerden nach der Rückkehr zur gewohnten Kost
- langsamer Wiederanstieg der Entzündungswerte über Wochen bis Monate
- keine anhaltende Besserung bei einem Teil der Fastenden
- Gewichtsverlust, der bei wenig Muskelreserve ungünstig sein kann
Die Gegenüberstellung fasst die Studien aus diesem Artikel zusammen. Nicht jede Studie hat jeden Punkt gemessen.
Warum ist das so? Sicher weiß es niemand. Eine plausible Erklärung: Fasten nimmt dem Immunsystem für eine Weile Reize weg, die aus Nahrung und Darm kommen. Kehrt die alte Ernährung zurück, kehren vermutlich auch diese Reize zurück. Das ist eine Hypothese, die zu den Daten passt, kein Beweis.
Die Oslo-Gruppe prüfte, was nach dem Studienjahr geschah. Die Teilnehmenden durften Ernährung und Medikamente danach frei wählen.
Nachbeobachtung Etwa ein Jahr nach Ende der Oslo-Studie wurden die Teilnehmenden erneut untersucht. Wer auf die Ernährung angesprochen hatte, schnitt bei Schmerz, Morgensteifigkeit, Funktionsfragebogen, geschwollenen Gelenken und BSG besser ab als die anderen Gruppen. Alle, die angesprochen hatten, folgten noch einer Diät. Von denen, die nicht angesprochen hatten, war es nur die Hälfte.
Für dich heißt das: Bei einem Teil der Menschen mit RA scheint eine dauerhafte Ernährungsänderung die Besserung tragen zu können. Nicht bei allen.
Kjeldsen-Kragh J et al. Clin Rheumatol. 1994. DOI: 10.1007/BF02242946Wenn die Beschwerden zurückkommen, hast du nichts falsch gemacht. Dein Körper zeigt dir, dass Ernährung bei dir ein Hebel sein könnte. Das ist eine Information, keine Niederlage.
Plane das Danach, bevor du anfängst. Überlege mit ärztlicher Begleitung, welche Ernährung du nach dem Fasten realistisch durchhalten kannst. Wie der Übergang vom Fasten zurück ins Essen gelingen kann, liest du im Artikel Richtig Fastenbrechen.
Und jetzt weißt du, warum der Rückfall nach dem Fasten kein Zufall ist, sondern ein Hinweis.
Was passiert mit deinen Immunzellen, wenn du fastest?
Kurz gesagt: Bei rheumatoider Arthritis setzten Abwehrzellen im Blut während einer Fastenwoche weniger Entzündungsstoffe frei. Ihre Fähigkeit, Bakterien abzutöten, nahm in einer Studie sogar zu. Bei gesunden Menschen sank nach 19 Stunden Fasten die Zahl der Monozyten im Blut. Fasten scheint das Immunsystem also nicht abzuschalten, sondern seinen Dauerbetrieb zu drosseln.
Vielleicht hast du Sorge, dass Fasten dein Immunsystem schwächt. Gerade wenn du ohnehin Medikamente nimmst, die das Immunsystem dämpfen. Diese Sorge ist berechtigt und verdient eine ehrliche Antwort.
Stell dir dein Immunsystem bei rheumatoider Arthritis wie eine Feuerwehr vor, die nie Feierabend macht. Auch ohne Brand rücken ständig Fahrzeuge aus. Neutrophile Granulozyten sind die schnellen Ersthelfer. Monozyten sind der Nachschub, der aus dem Knochenmark ins Gewebe strömt und dort zu Fresszellen reift. In der entzündeten Gelenkinnenhaut prägen vor allem Monozyten und die aus ihnen gereiften Fresszellen das Bild.
Crossover-Studie, n=13 Ein Team um Udén und Palmblad ließ 13 Menschen mit RA sieben Tage fasten und verglich das mit einer Kontrollphase. Während des Fastens nahmen die Entzündung der Gelenke und die BSG ab, die Teilnehmenden verloren im Mittel 5,1 Kilogramm. Die Fähigkeit der Neutrophilen, Bakterien abzutöten, verbesserte sich. Diese Verbesserung hing mit der Besserung der Gelenke zusammen.
Für dich heißt das: In dieser kleinen Studie wurde die Abwehr beim Fasten nicht schwächer, sondern in einem Punkt sogar leistungsfähiger.
Udén AM et al. Ann Rheum Dis. 1983. DOI: 10.1136/ard.42.1.45Mechanismusstudie, n=14 Am Karolinska-Institut in Stockholm fasteten 14 Menschen mit RA eine Woche lang vollständig. Die Krankheitsaktivität sank. Die Neutrophilen setzten weniger Lysozym frei und bildeten weniger Leukotrien B4, einen Botenstoff, der weitere Abwehrzellen anlockt. Auch der Komplementfaktor C3 im Blut nahm ab.
Für dich heißt das: Fasten scheint Alarmsignale im Blut zu dämpfen. Eine Kontrollgruppe gab es in dieser Studie allerdings nicht.
Hafström I et al. Arthritis Rheum. 1988. DOI: 10.1002/art.1780310502Tierstudie, MausFastenstudie, 12 Gesunde An der Icahn School of Medicine at Mount Sinai in New York senkte kurzes Fasten die Zahl und die Entzündungsaktivität der Monozyten im Blut. Bei zwölf gesunden Menschen reichten dafür 19 Stunden ohne Essen. In Mäusen lief das über Energiesensoren der Leber. Die Notfallmobilisierung bei akuten Infekten blieb in den Mäusen erhalten.
Für dich heißt das: Fasten könnte den Zustrom entzündlicher Zellen drosseln. Die Mechanismen stammen vor allem aus Mausversuchen.
Jordan S et al. Cell. 2019. DOI: 10.1016/j.cell.2019.07.050Eine Berliner Studie, zu der du im nächsten Abschnitt mehr liest, sah bei Menschen mit RA ein ähnliches Bild. Ihr auffälligster Befund war ein erhöhter Umsatz an Monozyten, der sich innerhalb weniger Tage nach Darmreinigung und Fasten besserte. Gleichzeitig sank der Entzündungsbotenstoff IL-6.
Fasten schaltet dein Immunsystem nicht ab. Es scheint eher den Dauerbetrieb zu drosseln. Im Tiermodell blieb die Notfallbereitschaft dabei erhalten. Für Menschen, die Immunsuppressiva nehmen, gibt es dazu kaum Daten.
Was heißt das für dich? Wenn du Medikamente nimmst, die das Immunsystem dämpfen, gehört ein Fasten in ärztliche Begleitung. Bei Fieber oder einem akuten Infekt würde ich kein Fasten beginnen, sondern zuerst ärztlich abklären lassen, was los ist.
Und jetzt weißt du, warum Fasten dein Immunsystem eher beruhigen als schwächen könnte, und warum die Begleitung trotzdem zählt.
Darm, Immunsystem, Gelenk: Was hat die Darmflora mit Rheuma zu tun?
Kurz gesagt: Bei Menschen mit rheumatoider Arthritis ist die Darmflora häufiger verändert. Im Tiermodell konnte Stuhl von Menschen mit früher RA eine Arthritis begünstigen. In einer Berliner Studie verbesserte sich die Krankheitsaktivität nach Darmreinigung und siebentägigem Fasten bei 19 von 20 Menschen mit RA, IL-6 und der Barrieremarker Zonulin sanken. Ob der Darm beim Menschen Ursache oder Mitspieler ist, ist noch offen.
Was hat dein Bauch mit deinen Fingern zu tun? Die Frage klingt zunächst seltsam. Vielleicht ist dir aber schon aufgefallen, dass schwere Tage im Darm und schwere Tage in den Gelenken manchmal zusammenfallen.
Dein Darm ist die größte Kontaktfläche zwischen deinem Körper und der Außenwelt. Stell ihn dir wie eine Grenze mit vielen Toren vor. Die Darmschleimhaut ist der Zaun, die Darmbakterien sind die Nachbarn auf der anderen Seite. Ein großer Teil deiner Abwehrzellen ist an dieser Grenze stationiert und lernt dort, was harmlos ist und was nicht.
Ernährung
Was du isst, füttert bestimmte Bakterien und lässt andere hungern.
Darmflora
Bei RA fanden Studien häufiger Verschiebungen, etwa mehr Prevotella copri bei neu Erkrankten.
Darmbarriere
Zonulin steuert, wie dicht die Verbindungen zwischen den Darmzellen sind. Ist die Grenze durchlässiger, gelangen mehr Reize ins Gewebe.
Immunzellen
Im Darm aktivierte Abwehrzellen könnten an anderen Orten im Körper Entzündung anfachen. Im Mausmodell waren es T-Helferzellen vom Typ 17.
Gelenk
In der entzündeten Gelenkinnenhaut der RA dominieren Monozyten und Fresszellen.
Fall-Kontroll-VergleichTierstudie, Maus An der New York University untersuchte ein Team 114 Stuhlproben von Menschen mit RA und von Gesunden. Bei neu erkrankten, noch unbehandelten Menschen mit RA war das Bakterium Prevotella copri eng mit der Erkrankung verknüpft. Gleichzeitig fehlten Bakterien, die als günstig gelten. Mäuse, die mit P. copri besiedelt wurden, reagierten empfindlicher auf eine chemisch hervorgerufene Darmentzündung.
Für dich heißt das: Die Darmflora könnte bei RA eine Rolle spielen. Ein Zusammenhang ist aber noch keine Ursache.
Scher JU et al. eLife. 2013. DOI: 10.7554/eLife.01202Tierstudie, Maus An der Universität Osaka dominierte bei einem Teil der Menschen mit früher RA ebenfalls Prevotella copri. Das Team übertrug Stuhl von Menschen mit RA und von Gesunden auf keimfreie Mäuse, die genetisch zu Arthritis neigen. Mäuse mit der Flora von Menschen mit RA bildeten mehr entzündliche T-Helferzellen vom Typ 17 im Darm. Nach einem Entzündungsreiz entwickelten sie eine schwere Arthritis.
Für dich heißt das: Im Tiermodell kann eine veränderte Darmflora bei entsprechender Veranlagung eine Arthritis begünstigen. Beim Menschen ist das noch nicht bewiesen.
Maeda Y et al. Arthritis Rheumatol. 2016. DOI: 10.1002/art.39783Tierstudie, MausDaten am Menschen Am Universitätsklinikum Erlangen zeigte ein Team, dass Zonulin, ein Regler der Darmbarriere, bei Autoimmunität in Mäusen und Menschen erhöht sein kann. Mit dem Zonulinspiegel im Blut ließ sich der Übergang von einer stillen Autoimmunität zur Arthritis vorhersagen. Wurde die Barriere bei Mäusen in dieser Vorphase gestärkt, etwa mit der Fettsäure Butyrat, wurde die Entwicklung der Arthritis gehemmt.
Für dich heißt das: Eine dichte Darmbarriere könnte ein Schutzfaktor sein. Die Eingriffe wurden bisher an Mäusen getestet.
Tajik N et al. Nat Commun. 2020. DOI: 10.1038/s41467-020-15831-7Und was passiert, wenn Menschen mit RA fasten? Genau das untersuchte ein Team der Charité Berlin.
Offene Studie, n=20 20 Menschen mit RA erhielten eine Darmreinigung und fasteten anschließend sieben Tage mit höchstens 250 Kilokalorien täglich. Zehn Menschen mit metabolischem Syndrom dienten als Vergleich ohne entzündliche Erkrankung. Die Krankheitsaktivität sank innerhalb weniger Tage und war nach dem Fastenbrechen bei 19 von 20 Menschen gebessert. IL-6 und Zonulin sanken. Potenziell arthritogene Bakterien, also solche, die mit Arthritis in Verbindung gebracht werden, nahmen ab.
Für dich heißt das: Fasten scheint Immunsystem und Darmflora gleichzeitig zu bewegen. Die Studie hatte keine zufällige Zuteilung und endete wenige Tage nach dem Fastenbrechen. Die Basistherapie lief stabil weiter.
Häupl T et al. J Clin Med. 2023. DOI: 10.3390/jcm12134359Der DAS28 ist ein Punktwert für die Krankheitsaktivität. Er setzt sich aus 28 untersuchten Gelenken, einem Entzündungswert und deiner eigenen Einschätzung zusammen.
Schon in den 1990er-Jahren analysierte ein Team der Universität Turku die Stuhlproben der Oslo-Studie. Mit dem Wechsel zur veganen Kost veränderte sich die Darmflora deutlich. Die Flora der Menschen, die stark auf die Ernährung ansprachen, unterschied sich nach einem und nach 13 Monaten von der Flora derer, die wenig ansprachen.
Ganz so einfach ist es aber nicht. Eine Studie aus Essen fand 2005 mit klassischen Stuhlkulturen nach Fasten oder mediterraner Kost keine messbare Veränderung der Darmbakterien. Die Besserung der Beschwerden hing dort nicht mit der Darmflora zusammen. Die Autoren forderten, die Frage mit neueren molekularen Methoden zu klären.
Und noch etwas ist wichtig: Die Darmflora reagiert nicht nur auf Ernährung. In einer großen Metagenom-Studie aus Peking und Shenzhen war die veränderte Darm- und Mundflora bei Menschen mit RA nach der Behandlung teilweise rückläufig. Auch deine rheumatologische Therapie spricht also mit deinem Darm.
Der Darm ist vermutlich nicht die eine Ursache deiner Arthritis. Aber er könnte ein Ort sein, an dem du mitreden kannst. Fasten und Ernährung sind dafür mögliche Werkzeuge, deine Therapie ist ein anderes.
Wenn du tiefer in das Thema Darmbarriere einsteigen willst, findest du im Artikel Leaky Gut und Zonulin eine Einordnung. Was eine Fastenpause mit dem Mikrobiom macht, liest du in Fasten und Darmgesundheit. Ein einfacher erster Schritt: Notiere eine Zeit lang Verdauung und Gelenke nebeneinander. Muster werden oft erst auf Papier sichtbar.
Und jetzt weißt du, warum dein Bauch beim Thema Gelenke mehr mitzureden haben könnte, als es zunächst scheint.
Fastenwoche, Intervallfasten, Ramadan: Was zeigen neuere Studien?
Kurz gesagt: In der Berliner NutriFast-Studie verbesserte sich die Krankheitsaktivität nach sieben Tagen Fasten mit anschließender pflanzlicher Kost ähnlich stark wie unter einer entzündungsarmen Standardkost. Die Fastengruppe besserte sich schneller und verlor mehr Gewicht. Für Intervallfasten gibt es eine kleine randomisierte Studie mit besserer Krankheitsaktivität, aber ohne Veränderung von CRP und IL-6. Ramadan-Studien sind Beobachtungen ohne sichere Aussage zur Ursache.
Vielleicht fragst du dich: Muss es gleich eine ganze Woche sein? Geht es auch sanfter? Und muss ich danach für immer auf alles verzichten, was ich gern esse?
RCT, explorativ, n=53 An der Charité und am Immanuel Krankenhaus Berlin wurden 53 Menschen mit RA zufällig auf zwei Gruppen verteilt. Die eine Gruppe fastete sieben Tage mit 300 bis 350 Kilokalorien aus Gemüsesäften und Brühe und aß danach elf Wochen pflanzlich. Die andere folgte zwölf Wochen den Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung für eine entzündungsarme Kost. Alle behielten ihre stabile Basistherapie bei.
Beim Hauptziel, der Alltagsfunktion nach zwölf Wochen, unterschieden sich die Gruppen nicht. Die Fastengruppe besserte sich aber schon bis Tag 7, die andere Gruppe erst nach sechs bis zwölf Wochen. Der DAS28 sank in beiden Gruppen um rund einen Punkt. Das Gewicht sank in der Fastengruppe um 3,9 Kilogramm, in der Vergleichsgruppe um 0,7 Kilogramm.
Für dich heißt das: Auch ohne Fasten kann eine bewusst entzündungsarme Ernährung viel bewegen. Fasten scheint vor allem den Start zu beschleunigen.
Hartmann AM et al. Front Nutr. 2022. DOI: 10.3389/fnut.2022.1030380Fastenwoche
7 bis 10 Tage, ärztlich begleitet- in Studien Besserung oft nach wenigen Tagen
- längere Effekte nur mit Ernährungsumstellung danach
- meist stationär oder eng betreut untersucht
- Gewichtsverlust im Blick behalten
Intervallfasten
zum Beispiel 16:8, täglich- eine kleine RCT mit besserem DAS28 und HAQ
- keine signifikante Änderung von CRP und IL-6
- laut Übersicht bisher keine belegten antirheumatischen Effekte
- alltagsnah, aber wenig untersucht
Ramadan-Fasten
tagsüber ohne Essen und Trinken- nur Beobachtungsstudien, keine Zufallszuteilung
- Krankheitsaktivität sank meist im Fastenmonat
- in einer Studie besserten sich auch Nicht-Fastende
- Werte stiegen danach langsam wieder an
Die Übersicht fasst die Studien aus diesem Abschnitt zusammen. Sie ist keine Empfehlung für eine bestimmte Form.
RCT, n=44 An der Tehran University of Medical Sciences aßen 44 Frauen nach den Wechseljahren mit Übergewicht und RA acht Wochen lang entweder nach dem 16:8-Muster oder wie gewohnt. In der 16:8-Gruppe verbesserten sich Body-Mass-Index, DAS28, der Aktivitätswert CDAI und der Funktionsfragebogen HAQ. CRP, BSG, IL-6, Marker für oxidativen Stress und die Morgensteifigkeit veränderten sich dagegen nicht signifikant.
Für dich heißt das: Ein tägliches Essfenster kann Beschwerden und Gewicht beeinflussen. Die Entzündungswerte blieben in dieser kleinen, sehr speziellen Gruppe aber gleich.
Ranjbar M et al. Complement Ther Med. 2025. DOI: 10.1016/j.ctim.2025.103189Eine deutschsprachige Übersichtsarbeit von der Charité ordnet das so ein: Für Intervallfasten sind bisher Effekte auf Herz und Stoffwechsel belegt, antirheumatische Effekte dagegen nicht. Für das längere, ärztlich begleitete Heilfasten bei RA beschreibt sie mehrere klinische Studien mit symptomatischem Nutzen. Folgt darauf eine vegane oder vegetarische Ernährung, sind Effekte bis zu einem Jahr dokumentiert.
Und der Ramadan? In Tunis sank bei 36 Fastenden mit RA der DAS28 von 4,3 auf 3,5. Die Einnahme der Dauermedikamente blieb dabei weitgehend unbeeinträchtigt. Eine Studie aus Lahore in Pakistan mit 240 Menschen mit RA mahnt aber zur Vorsicht. Dort besserte sich die Krankheitsaktivität in derselben Zeit auch bei denen, die nicht fasteten, im Mittel sogar etwas stärker. Allerdings starteten die Nicht-Fastenden mit höheren Werten. Wenn du im Ramadan fastest, findest du im Artikel Fasten im Ramadan weitere Hinweise.
Meta-Analyse, 7 RCTs Ein Team des Inselspitals Bern fasste Studien zu entzündungsarmen Ernährungsformen bei RA zusammen, darunter mediterrane, vegetarische, vegane und ketogene Kost. Im Vergleich zu üblicher Kost lag der Schmerz im Mittel um 9,2 Millimeter niedriger, gemessen auf einer 100 Millimeter langen Skala. Alle Studien hatten ein hohes Verzerrungsrisiko, die Vertrauenswürdigkeit der Daten war sehr niedrig.
Für dich heißt das: Die Richtung stimmt, der Effekt ist eher klein. Ernährung kann ein Baustein sein, kein Ersatz für deine Therapie.
Schönenberger KA et al. Nutrients. 2021. DOI: 10.3390/nu13124221Der Cochrane-Review von 2009 bleibt vorsichtig. Er fand 15 Studien mit 837 Teilnehmenden und hielt die Effekte von Ernährungsumstellungen bei RA wegen kleiner Studien für unsicher. In den Diätgruppen brachen zehn Prozentpunkte mehr Menschen die Studie ab, und sie verloren im Mittel 3,2 Kilogramm mehr Gewicht. Die Autoren mahnen, mögliche Nebenwirkungen nicht zu übersehen. Warum Muskelerhalt beim Fasten zählt, liest du im Artikel Fasten und Muskelerhalt.
Die Fastenwoche ist ein möglicher Anstoß. Der Weg ist die Ernährung danach. Und dieser Weg muss zu deinem Leben passen, nicht zu einem Studienprotokoll.
Wähle die Form, die zu deiner Situation passt, nicht die strengste. Für manche ist ein ärztlich begleitetes Heilfasten der passende Rahmen, wie es im Artikel über Heilfasten nach Buchinger beschrieben ist. Für andere ist ein sanftes Essfenster realistischer, mehr dazu in Intervallfasten 16:8. Entscheidend ist, was danach auf deinem Teller landet.
Und jetzt weißt du, warum nicht die Fastenform allein zählt, sondern das, was danach kommt.
Fasten und Rheuma-Medikamente: Was du nicht allein entscheiden solltest
Kurz gesagt: In den modernen Fastenstudien bei rheumatoider Arthritis lief die Basistherapie unverändert weiter. Methotrexat, Biologika und andere Basistherapeutika pausierst du für eine Fastenzeit nicht eigenmächtig. Kortison setzt du nie plötzlich ab. NSAR und Kortison zählen laut Leitlinie zur Fastentherapie zu den Medikamenten, die beim Fasten angepasst werden müssen, und das ist eine ärztliche Aufgabe.
Vielleicht hoffst du insgeheim, mit dem Fasten Tabletten einsparen zu können. Das ist ein verständlicher Wunsch. Viele Menschen mit Rheuma tragen ihre Medikamente wie einen schweren Rucksack.
Hier lohnt sich ein ehrlicher Blick auf die Studien. In der NutriFast-Studie mussten alle Teilnehmenden seit mindestens acht Wochen eine stabile Therapie haben, und sie wurde während der Studie nicht wesentlich verändert. In der Berliner Studie mit Darmreinigung blieb die immunsuppressive Therapie ebenfalls stabil. Gemessen wurde also der Effekt des Fastens zusätzlich zur Therapie, nicht statt ihr.
RCT, Zwischenanalyse, n=101 In der RETRO-Studie aus Erlangen und weiteren Zentren waren alle Teilnehmenden seit mindestens sechs Monaten in stabiler Remission, 82 Prozent nahmen Methotrexat. Sie führten ihre Basistherapie entweder fort, halbierten sie oder setzten sie nach sechs Monaten Ausschleichen ab. Innerhalb eines Jahres erlitten 15,8 Prozent, 38,9 Prozent und 51,9 Prozent einen Rückfall. Die meisten Rückfälle traten in den ersten sechs Monaten nach der Reduktion auf.
Für dich heißt das: Selbst in stabiler Remission und unter ärztlicher Kontrolle steigt das Rückfallrisiko, wenn die Basistherapie sinkt. Eine Fastenwoche ist kein Grund, das auf eigene Faust zu riskieren.
Haschka J et al. Ann Rheum Dis. 2016. DOI: 10.1136/annrheumdis-2014-206439Meta-Analyse, 74 Studien Ein Team der Universität Leiden fasste 74 Studien mit 3753 Menschen zusammen, die Glukokortikoide wie Kortison genommen hatten. Eine Nebenniereninsuffizienz nach dem Absetzen kam häufig vor. Die Nebenniere bildet dann zu wenig eigenes Cortisol. Für keine Dosis, Dauer oder Darreichungsform ließ sich dieses Risiko sicher ausschließen.
Für dich heißt das: Kortison wird nie abrupt abgesetzt, auch nicht für eine Fastenwoche. Jede Änderung gehört in ärztliche Hand.
Broersen LH et al. J Clin Endocrinol Metab. 2015. DOI: 10.1210/jc.2015-1218Dass dein Körper beim Fasten selbst etwas mehr Cortisol bildet, ändert daran nichts. In der Berliner Fastenstudie stieg das körpereigene Cortisol zwar an. Laut den Autoren entsprach der Anstieg aber höchstens etwa 2,5 Milligramm Prednisolon am Tag, zu wenig, um die Besserung zu erklären. Ein Ersatz für eine verordnete Kortisontherapie ist das nicht.
Wann Fasten nicht ohne erfahrene ärztliche Begleitung infrage kommt
- Nicht fasten solltest du laut Leitlinie bei starker Auszehrung, Magersucht oder einer anderen Essstörung und bei unkontrollierter Schilddrüsenüberfunktion. Das gilt auch bei fortgeschrittener Leber- oder Nierenschwäche, fortgeschrittener Durchblutungsstörung des Gehirns, Demenz sowie in Schwangerschaft und Stillzeit.
- Nur mit erfahrener ärztlicher Begleitung: Typ-1-Diabetes, Magen- oder Zwölffingerdarmgeschwür, instabile oder schwere koronare Herzkrankheit, Suchterkrankung, psychotische Erkrankung, Netzhautablösung und Krebserkrankungen.
- Medikamente, die beim Fasten angepasst werden müssen: unter anderem NSAR, systemisches Kortison, Blutdruckmittel, Diabetesmittel und Gerinnungshemmer. Hormonelle Verhütung kann beim Fasten an Sicherheit verlieren.
- Basistherapeutika wie Methotrexat oder Biologika: nicht eigenmächtig pausieren, sondern die Fastenzeit mit deiner Rheumatologin oder deinem Rheumatologen planen.
Die ersten drei Punkte stammen aus der Leitlinie zur Fastentherapie von 2013. Sie ersetzen keine individuelle Abklärung.
Fragen für dein Gespräch in der rheumatologischen Praxis
- Ist meine Krankheitsaktivität gerade stabil genug für eine Fastenzeit?
- Wie nehme ich Methotrexat, Kortison und Schmerzmittel an Fastentagen?
- Welche Blutwerte prüfen wir vorher und danach, etwa Blutbild, Nierenwerte und Elektrolyte?
- Was mache ich, wenn während des Fastens ein Schub kommt?
- Welche Ernährung passt danach zu mir und zu meinen Medikamenten?
Fasten ist bei Rheuma eine mögliche Ergänzung, kein Ersatz. Deine Basistherapie ist der Boden, auf dem du ausprobieren kannst. Wer den Boden wegzieht, riskiert den Sturz.
Und jetzt weißt du, warum deine Tabletten in der Fastenwoche nicht in die Schublade gehören, sondern ins Gespräch.
Rheuma durch die KPNI-Brille: vier Systeme im Gespräch
Zurück zu deinen Händen am Morgen. Warum sind sie gerade dann so steif? Am Abend ging es doch noch. Diese Frage führt mitten in die Klinische Psychoneuroimmunologie, kurz KPNI.
Die KPNI betrachtet Nervensystem, Immunsystem, Stoffwechsel und Hormonsystem nicht getrennt, sondern als ein Gespräch. Bei Rheuma lässt sich dieses Gespräch gut beobachten.
Übersichtsarbeit Der Rheumatologe Cutolo von der Universität Genua beschreibt, wie Hormone und Immunsystem einem Tagesrhythmus folgen. Nachts ist das Immunsystem aktiver, am frühen Morgen bremst ansteigendes Cortisol die Entzündung wieder. Unter der chronischen Belastung der RA reicht die nächtliche Cortisolbildung dafür aber nicht aus. Steifigkeit und Funktionseinschränkung zeigen sich deshalb vor allem in den frühen Morgenstunden.
Für dich heißt das: Deine steifen Hände am Morgen sind auch eine Frage der inneren Uhr, nicht nur der Gelenke.
Cutolo M. Curr Opin Rheumatol. 2012. DOI: 10.1097/BOR.0b013e3283521c78Nervensystem
Über den Vagusnerv kann das Gehirn Entzündung bremsen, Forschende sprechen vom Entzündungsreflex. In einer internationalen Studie unter Amsterdamer Leitung senkte eine Vagusnervstimulation bei Menschen mit RA die Bildung von TNF bis zu 84 Tage lang, die Krankheitsaktivität besserte sich. Ob Fasten diesen Reflex anspricht, ist offen.
Immunsystem
Beim Fasten bildeten Neutrophile weniger Leukotrien B4, und der Umsatz an Monozyten sank. IL-6, ein zentraler Botenstoff der RA, nahm in der Berliner Studie ab. Das passt zur Beobachtung, dass Gelenke in Fastenphasen ruhiger werden können.
Stoffwechsel
Entzündung kostet Energie. In einer Studie aus Boston lag bei 23 Menschen mit RA die Körperzellmasse um 13 Prozent niedriger und der Ruheumsatz um 12 Prozent höher als bei Gesunden, die TNF-Bildung war erhöht. Muskelreserve ist bei Rheuma deshalb kostbar, gerade wenn du fastest.
Hormonsystem
Der Tagesrhythmus von Cortisol prägt die Morgensteifigkeit. Beim Fasten steigt Cortisol etwas an, laut der Berliner Studie aber zu wenig, um die Besserung zu erklären. Hormone sind hier Mitspieler, nicht die ganze Erklärung.
Morgensteifigkeit ist nicht nur ein Gelenkproblem. Sie ist auch eine Frage der Uhrzeit, ein Gespräch zwischen innerer Uhr, Hormonen und Abwehr. Wer das versteht, schaut anders auf den eigenen Morgen.
Ich sehe noch eine fünfte Ebene, die Haltung. Marshall Rosenberg hat für die Gewaltfreie Kommunikation einen Grundsatz geprägt, der hier passt: Beobachten ist etwas anderes als Bewerten. „Meine Finger brauchen heute eine halbe Stunde, bis sie beweglich sind“ ist eine Beobachtung. „Ich habe beim Fasten versagt“ ist eine Bewertung. Wenn du beides trennst, wird aus Frust eine Information, mit der du und deine Ärztin oder dein Arzt arbeiten können.
Am Ende geht es nicht um eine perfekte Fastenwoche. Es geht um Hände, die morgens die Kaffeedose öffnen, den Schlüssel drehen, jemanden festhalten. Freiheit fängt manchmal in den Fingern an.
Durch randomisierte Studien und Meta-Analysen gestützt: Fasten mit anschließender vegetarischer Kost kann bei RA Schmerz, Steifigkeit und Entzündungswerte über Monate senken. Entzündungsarme Ernährungsformen können den Schmerz im Mittel leicht senken. Die Studien sind klein, die Vertrauenswürdigkeit der Daten ist begrenzt.
Durch kleinere und Beobachtungsstudien gestützt: Beschwerden sinken oft innerhalb weniger Tage, kehren ohne Ernährungsumstellung aber häufig zurück. Neutrophile und Monozyten verhalten sich beim Fasten ruhiger. IL-6 und Zonulin sanken in einer offenen Studie.
Mechanistisch plausibel, beim Menschen offen: dass die Darmflora die Arthritis mit anstößt und dass Fasten über sie wirken könnte. Diese Daten stammen vor allem aus Mausmodellen.
Meine Einschätzung: Für manche Menschen mit RA kann ein ärztlich begleitetes Fasten ein sinnvoller Anstoß sein, eingebettet in eine dauerhafte Ernährungsumstellung und bei weiterlaufender Therapie. Ein Ersatz für die rheumatologische Behandlung ist es aus meiner Sicht nicht.
Und jetzt weißt du, warum deine steifen Hände am Morgen ein Gespräch zwischen vier Systemen sind und nicht nur ein Problem der Gelenke.
Drei Hebel, wenn du Fasten bei Rheuma in Betracht ziehst
Du musst nicht fasten. Wenn du es in Betracht ziehst, können dir diese drei Richtungen Orientierung geben. Sie sind kein Therapieplan.
Plane mit deiner Rheumatologie, nicht an ihr vorbei
Kläre vorher Krankheitsaktivität, Medikamente und Gegenanzeigen. Basistherapie und Kortison setzt du nicht eigenmächtig ab. Ob und wie etwas angepasst wird, entscheidet die ärztliche Begleitung. Ein längeres Fasten gehört in erfahrene Hände, ambulant oder in einer Klinik für Naturheilkunde. Wenn du neu einsteigst, findest du im Artikel Fasten für Einsteiger einen sanften Weg.
Plane das Danach vor dem Davor
Die längsten Effekte zeigten Studien, wenn auf das Fasten eine dauerhafte Ernährungsumstellung folgte, meist pflanzenbetont. Überlege vorher, welche Kost du realistisch durchhalten kannst. Genug Eiweiß kann dazu beitragen, deine Muskelreserve zu schützen.
Beobachte, statt zu bewerten
Führe vor und nach dem Fasten ein kurzes Tagebuch: Minuten, bis deine Hände beweglich sind, schmerzende Gelenke, Verdauung, Schlaf. Bring es zur nächsten Kontrolle mit. So wird aus einem Gefühl eine Beobachtung, mit der ihr gemeinsam entscheiden könnt.
Wenn du deine Situation nicht allein einordnen möchtest: Unterhalb dieses Artikels findest du die Möglichkeit, einen Termin zu buchen.
Und jetzt weißt du, warum der wichtigste Schritt nicht der erste Fastentag ist, sondern das Gespräch davor.
Häufige Fragen zu Fasten bei Rheuma
Kann Fasten bei Rheuma helfen?
Studien deuten darauf hin, dass ein ärztlich begleitetes Fasten bei rheumatoider Arthritis Schmerz, Steifigkeit und Entzündungswerte kurzfristig senken kann. In einer randomisierten Studie aus Oslo mit 53 Teilnehmenden folgte auf das Fasten eine vegetarische Kost. Geschwollene Gelenke, Morgensteifigkeit, BSG und CRP besserten sich, und die Vorteile hielten ein Jahr an. Die Studien sind allerdings klein, und ein Cochrane-Review bewertet die Effekte von Ernährungsumstellungen bei RA insgesamt als unsicher. Fasten ist eine mögliche Ergänzung zur rheumatologischen Therapie, kein Ersatz.
Wie schnell zeigen sich Effekte beim Fasten mit rheumatoider Arthritis?
In Studien zeigten sich Veränderungen oft schon nach wenigen Tagen. In einer Berliner Studie sank die Krankheitsaktivität bei Menschen mit RA innerhalb weniger Tage nach Darmreinigung und Fasten mit höchstens 250 Kilokalorien täglich. In der NutriFast-Studie verbesserte sich die Alltagsfunktion in der Fastengruppe bis Tag 7. Ob und wie stark du ansprichst, lässt sich vorher nicht sagen.
Wie lange hält die Besserung nach einer Fastenwoche an?
Das hängt in Studien vor allem davon ab, was nach dem Fasten passiert. In älteren Studien ging die Besserung nach der Rückkehr zur gewohnten Kost oft wieder verloren. Folgte eine vegetarische Ernährung, waren die Vorteile in der Oslo-Studie nach einem Jahr noch nachweisbar, bei einem Teil der Teilnehmenden auch nach zwei Jahren. Nach dem Ramadan-Fasten stiegen die Werte in einer Studie aus Tunis über gut drei Monate langsam wieder an.
Warum kommen die Beschwerden nach dem Fasten oft zurück?
Fasten verändert vorübergehend mehrere Systeme zugleich: Immunzellen, Darmflora und Stoffwechsel. Kehrt die gewohnte Ernährung zurück, kehren vermutlich auch manche Reize zurück, die das Immunsystem vorher angefacht haben. Ein systematischer Review mit 70 Humanstudien beschreibt die Verbesserungen durch Fasten bei RA als deutlich, aber vorübergehend. Länger hielten Effekte in Studien vor allem dann, wenn auf das Fasten eine Ernährungsumstellung folgte.
Darf ich beim Fasten Methotrexat oder andere Basistherapeutika weiter nehmen?
Setze Methotrexat, Biologika oder andere Basistherapeutika für eine Fastenzeit nicht eigenmächtig ab oder herunter. In den modernen Fastenstudien bei RA lief die Basistherapie stabil weiter. In der RETRO-Studie mit Menschen in stabiler Remission erlitten innerhalb eines Jahres 15,8 Prozent einen Rückfall, wenn sie die Therapie fortführten, 38,9 Prozent nach Halbierung und 51,9 Prozent nach dem Absetzen. Wie du deine Medikamente an Fastentagen einnimmst, klärst du vorher mit deiner Rheumatologin oder deinem Rheumatologen.
Darf ich Kortison während des Fastens weglassen?
Nein, Kortison solltest du nie eigenmächtig weglassen oder plötzlich absetzen. Eine Meta-Analyse mit 74 Studien fand, dass die Nebenniere nach dem Absetzen von Glukokortikoiden häufig zu wenig eigenes Cortisol bildet. Für keine Dosis, Dauer oder Darreichungsform ließ sich dieses Risiko sicher ausschließen. Die Leitlinie zur Fastentherapie zählt systemisches Kortison zu den Medikamenten, die beim Fasten angepasst werden müssen, und das ist eine ärztliche Aufgabe.
Was gilt für Schmerzmittel wie Ibuprofen oder Diclofenac beim Fasten?
Ibuprofen und Diclofenac gehören zu den NSAR. Die Leitlinie zur Fastentherapie zählt NSAR zu den Medikamenten, die beim Fasten angepasst werden müssen. Sie können die Magenschleimhaut belasten, und an Fastentagen fehlt die Mahlzeit, zu der viele sie einnehmen. Ein Magen- oder Zwölffingerdarmgeschwür in der Vorgeschichte gehört laut Leitlinie zu den Situationen, in denen Fasten nur mit erfahrener ärztlicher Begleitung infrage kommt.
Ist Intervallfasten 16:8 bei Rheuma sinnvoll?
Die Datenlage ist dünn. In einer randomisierten Studie aus Teheran mit 44 Frauen nach den Wechseljahren mit Übergewicht und RA verbesserten sich unter 16:8 über acht Wochen DAS28, CDAI, der Funktionsfragebogen HAQ und der Body-Mass-Index. CRP, IL-6 und die Morgensteifigkeit veränderten sich nicht signifikant. Eine Übersichtsarbeit von der Charité hält für Intervallfasten bisher Effekte auf Herz und Stoffwechsel für belegt, antirheumatische Effekte dagegen nicht.
Was zeigen Studien zum Ramadan-Fasten bei rheumatoider Arthritis?
Mehrere Beobachtungsstudien berichten eher von Verbesserungen als von Verschlechterungen. In Tunis sank bei 36 Fastenden mit RA der DAS28 von 4,3 auf 3,5, und die Einnahme der Dauermedikamente blieb weitgehend unbeeinträchtigt. Danach stiegen die Werte über gut drei Monate langsam wieder an. In einer Studie aus Lahore in Pakistan besserte sich die Krankheitsaktivität in derselben Zeit aber auch bei denen, die nicht fasteten. Welchen Anteil das Fasten hat, bleibt deshalb unklar.
Was hat die Darmflora mit Rheuma zu tun?
Bei Menschen mit RA ist die Darmflora häufiger verändert. In einer Studie aus New York war das Bakterium Prevotella copri bei neu erkrankten, unbehandelten Menschen mit RA auffällig häufig. Im Mausmodell konnte Stuhl von Menschen mit früher RA eine Arthritis begünstigen. In einer Berliner Studie sanken nach Darmreinigung und Fasten IL-6 und der Barrieremarker Zonulin. Ob die Darmflora beim Menschen Ursache oder Mitspieler ist, ist noch nicht abschließend geklärt.
Muss ich nach dem Fasten vegan oder vegetarisch essen?
Nicht unbedingt. Die längsten Effekte nach dem Fasten wurden mit vegetarischer oder veganer Kost beschrieben. In der NutriFast-Studie sank der DAS28 aber auch unter einer entzündungsarmen Kost nach den Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung um rund einen Punkt, ganz ohne Fasten. Eine Meta-Analyse fand für entzündungsarme Ernährungsformen im Mittel etwas weniger Schmerz als unter üblicher Kost, bei sehr niedriger Vertrauenswürdigkeit der Daten. Wichtig scheint vor allem eine Ernährung zu sein, die du dauerhaft umsetzen kannst.
Für wen ist Fasten bei Rheuma nicht geeignet?
Die Leitlinie zur Fastentherapie nennt klare Gegenanzeigen. Dazu gehören starke Auszehrung, Magersucht oder andere Essstörungen und eine unkontrollierte Schilddrüsenüberfunktion. Auch fortgeschrittene Leber- oder Nierenschwäche, eine fortgeschrittene Durchblutungsstörung des Gehirns, Demenz, Schwangerschaft und Stillzeit zählen dazu. Nur mit erfahrener ärztlicher Begleitung kommen unter anderem Typ-1-Diabetes, ein Magen- oder Zwölffingerdarmgeschwür und eine schwere koronare Herzkrankheit infrage. Wer Basistherapeutika, Kortison oder Schmerzmittel nimmt, sollte ebenfalls nur ärztlich begleitet fasten.
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Wo dieses Thema andere Bereiche berührt
Fasten bei Rheuma berührt Autoimmunität, Darmbarriere, Entzündungswerte und Ernährung. Wenn du tiefer einsteigen willst, lohnt sich ein Blick in diese Nachbarthemen.
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Quellen
Alle Studien wurden über PubMed geprüft, zentrale Arbeiten zusätzlich mit Consensus gegengeprüft und über ihre DOI aufgelöst. Der Studientyp steht in eckigen Klammern, damit du die Aussagekraft selbst einordnen kannst.
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